Ich habe den Titel in Englisch geschrieben, denn leider ist das Buch noch nicht übersetzt, aber es lohnt sich, diese 645 Seiten zu lesen, auch wenn man nicht jede Vokabel versteht. Es ist eine dramatische Familiengeschichte mit einem kleinen Thriller-Element, denn es geht auch um die Entführung eines Kindes. Mehr darf ich aber nicht verraten, denn das Buch lebt u.a. von einer permanenten Spannung, etwas Unheilvollem, das über dem Ganzen liegt und den Leser permanent in Atem hält. Zudem erfahren wir nach und nach durch kurze Rückblenden, die aber flüssig eingearbeitet sind, was mit dieser Familie los war und ist. Also alles in allem eine faszinierende Mischung, die auf keiner Seite Langeweile aufkommen lässt.
Wir gewinnen tiefe Einsichten in die komplexen Charaktere der Personen, wobei vieles ungesagt bleibt und sich für den Leser durch ihr Verhalten erschließt.
Es geht um die Familie Fini, italienischstämmige Amerikaner in New Jersey, die schwere Schicksalsschläge hinnehmen mussten und weiter müssen. Wer ‘Honey’ gelesen hat - Honey Fasinga tritt hier übrigens als Nebenfigur auf - kennt Florence, die Großmutter. Pio, ihr Mann, ist schon gestorben und - schlimmer noch - auch ihr einziger Sohn Francesco, auch Frankie genannt, lebt nicht mehr. Er litt an einer psychischen Erkrankung (Schizophrenie? Paranoia?) und hat sich selbst das Leben genommen. Zurück blieben seine Frau Lucy, die allzu jung Mutter geworden war und der Sohn Edgar Allan (nach Poe benannt), jetzt 8 Jahre alt, ein Albino, der sich seines Andersseins bewusst ist und der im Gegensatz zu seiner Mutter sehr erwachsen wirkt. An seinen Vater kann er sich nicht erinnern - er war ein Baby, als es passierte - aber Lucy kämpft noch immer mit dem Trauma des Verlusts und versucht mit One-Night-Stands ihre große Liebe zu Frankie zu vergessen. Sie wirkt verwirrt und verzweifelt, was auch mit ihrer Vergangenheit zu tun hat.
Der feinfühlige, liebenswerte Edgar beobachtete das alles und fühlt sich von seiner Mutter ungeliebt und vernachlässigt. Zum Glück gibt es die Großmutter, die in fast abgöttischer Liebe an dem kleinen Jungen hängt und ihm Sicherheit und Liebe gibt. Doch als sie stirbt, gerät das Leben von Edgar & Lucy aus den Fugen…
Aber es kommt noch schlimmer: ein dramatisches Ereignis lässt den Leser Schlimmstes befürchten. Und das bleibt so bis kurz vor Schluss, eine atemlose Spannung auf hohem literarischen Niveau, atmosphärisch dicht geschildert, ganz nah an den Personen. Dazu trägt auch der ständige Perspektivenwechsel bei, der uns Leser tief in die Personen blicken lässt.
Wie es weiter geht, wie es endet, muss jeder selbst lesen. Ich kann für mich nur sagen: ein unerwartetes Lese-Highlight zum Jahresende, das trotz der Schwere der Themen und trotz der englischen Sprache leicht und flüssig zu lesen ist udn zudem noch mit lyrisch anmutenden Naturbeschreibungen punktet.
Victor Lodato hat nach eigenen Angaben zehn Jahre an diesem Buch geschrieben. Ich hoffe, dass es bald übersetzt wird und wünsche ihm viele Leser. Wer nicht so lange warten will und einigermaßen Englisch kann, dem kann ich das Buch nur dringend ans Herz legen.













