Viet Thanh Nguyen

 3.7 Sterne bei 43 Bewertungen
Autor von Der Sympathisant, The Sympathizer und weiteren Büchern.
Autorenbild von Viet Thanh Nguyen (©BeBe Jacobs)

Lebenslauf von Viet Thanh Nguyen

Renommierter Bestsellerautor aus den USA: Viet Thanh Nguyen wurde 1971 in Buôn Ma Thuột in Südvietnam geboren. Beim Fall von Saigon 1975 floh seine Familie mit ihm in die USA und kam dort in einem von vier Flüchtlingscamps für vietnamesische Flüchtlinge unter. Von dort zogen sie nach Harrisburg in Pennsylvania und nach drei Jahren weiter nach San José in Kalifornien, wo Nguyen die Schule besuchte und seine Eltern einen vietnamesischen Lebensmittelladen eröffneten. Er studierte anschließend Englisch und Ethnic Studies an der University of California, Berkeley, wo er auch in Anglistik promovierte. Seit 2007 schreibt er nebenbei Kurzgeschichten. 2016 erhielt sein erster Roman "Der Sympathizer" den Pulitzer-Preis und weitere Auszeichnungen. "Die Geflüchteten" verspricht dem Erfolg seines ersten Romanes in nichts nachzustehen. Heute unterrichtet er an der University of Southern California in Los Angeles.

Alle Bücher von Viet Thanh Nguyen

Cover des Buches Der Sympathisant (ISBN: 9783896675965)

Der Sympathisant

 (38)
Erschienen am 14.08.2017
Cover des Buches Die Geflüchteten (ISBN: 9783896676412)

Die Geflüchteten

 (1)
Erschienen am 08.10.2018
Cover des Buches Die Idealisten (ISBN: 9783896675958)

Die Idealisten

 (0)
Erscheint am 24.05.2021
Cover des Buches The Sympathizer (ISBN: 9781472151360)

The Sympathizer

 (4)
Erschienen am 21.04.2016

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Neu

Rezension zu "Der Sympathisant" von Viet Thanh Nguyen

Das doppelte Gesicht
leseleavor 4 Monaten

Den Inhalt von Viet Thnah Nguyens Roman Der Sympathisant zusammenzufassen, fällt alles andere als leicht: Der namenlose Protagonist ist ein Spion, ein Doppelagent, der für die Republik Südvietnam arbeitet, seit seiner Jugend aber der kommunistischen Bewegung aus dem Norden angehört. Als Saigon 1975 fällt, flieht er zusammen mit anderen Mitgliedern der vietnamesischen Elite in die USA. Das Leben im Exil fällt ihm anders als vielen seiner Landsleute leichter, wohl auch da er aufgrund seines Status – er gilt als Bastard einer vietnamesischen Mutter und eines französischen Pfarrers –, selbst im eigenen Land nie wirklich dazugehörte. Obwohl er dem westlichen Lebensstil nicht gänzlich abgeneigt ist, fühlt er sich weiterhin den Gedanken des Kommunismus verpflichtet und beschließt – natürlich erneut unter Tarnung – nach Vietnam zurückzukehren. Doch seinen Genossen kommt er nach der langen Zeit im Westen verdächtig vor, sodass er nach seiner Einreise in einem Umerziehungslager des Vietcongs landet. Sein Aufenthalt hier stellt den Ausgangspunkt des Romans dar, von dem er aus rückblickend sein Leben zusammenfasst, bis er schließlich voller Zweifel selber nicht mehr weiß, an was er glauben soll.

Diese Zusammenfassung macht vielleicht schon deutlich, wie dicht und komplex Nguyens knapp 530 Seiten langer Roman ist, für den er 2016 den Pulitzer-Preis erhielt. Die Geschichte vereint Elemente des Spionagethrillers, des Politromans, aber auch der Sozialkritik und des Entwicklungsromans. Zur inhaltlichen Fülle gesellt sich zudem ein ausufernder Erzählstil: Der doppelsichtige Protagonist erweist sich schon auf den ersten Seiten als sehr wortgewandt, benutzt viele Metaphern und bildhafte Vergleiche und neigt dazu, seinen Wortschwall in einen sehr hypotaktischen Satzbau zu verpacken. Hinzu kommt, dass seine Erzählung für viele westliche Leser nicht immer leicht zugänglich ist: Gerade zu Beginn und zum Ende des Romans, wenn der Protagonist sich in Vietnam aufhält und die politische Situation der 1960er bis 1970er Jahre nachzeichnet, erscheint die Geschichte wie ein wortreiches Dickicht, durch das man sich durchkämpfen muss – und dabei definitiv Wikipedia an seiner Seite braucht.

Gerade dieser letzte Punkt macht es mir unheimlich schwer, das Buch angemessen zu bewerten. Ich habe während der Lektüre durchaus viel gelernt, Der Sympathisant erhält viele interessante und erhellende Schilderungen, nicht nur über den Vietnamkrieg, sondern auch über die vietnamesische Gesellschaft und was es mit ihr macht, wenn die komplette Elite flieht. Vor allem die Passagen, die von den Integrationsbemühungen in den Vereinigten Status und den Traumata des Flüchtlingsstatus handeln, sind von beeindruckender Zeitlosigkeit und machen meiner Meinung nach die große Stärke des Romans aus. Zudem besticht der Roman trotz aller (oder gerade wegen?) erzählerischer Komplexität mit eindrucksvollen, beinahe filmreifen Szenen; die Geschichte ist dank des spöttischen und distanzierten Erzähltons der Hauptfigur gleichzeitig nicht ohne Witz und Leichtigkeit.

Dennoch war mir Nguyens Mammutwerk insgesamt zu überbordend und, ja, auch zu langatmig. Die ständige Distanz zur Geschichte, die sich einerseits durch die Erzählhaltung ergibt, aber beispielsweise auch durch die fast komplette Namenlosigkeit aller handelnden Figuren, hat mich nie richtig in der Geschichte ankommen lassen. Die Suche nach dem roten Faden, der mir hier und da einfach zu fehlen schien, ermüdete auf Dauer; vor allem die letzten Kapitel im Umerziehungslager haben mich schließlich als Leser verloren und mir stellte sich immer wieder die Frage, was mir der Protagonist hier eigentlich erzählt und warum.

Der Sympathisant ist zweifellos ein sehr lehrreiches und literarisch durchaus gekonntes Werk, das eine konzentrierte Lektüre verlangt und auch verdient. Deswegen rate ich trotz meiner 3 Sterne auch nicht von dem Roman ab und bin weit davon entfernt, ihn als schlecht zu bezeichnen. Ich habe mich im Endeffekt aber über zu viele Seiten gequält, dass ich mit einem guten oder befriedigten Gefühl aus der Geschichte hinaustrete. Vielleicht geht es anderen Lesern jedoch anders, das hoffe ich sehr!

Kommentare: 3
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Rezension zu "Der Sympathisant" von Viet Thanh Nguyen

Rückblende zum historischen Vietnamtrauma
Babschavor einem Jahr

Das Buch führt zurück ins Endstadium des Vietnamkriegs, als nach langen Jahren erbitterter Kämpfe zwischen dem kommunistischen Norden und dem durch die USA militärisch unterstützten Süden des Landes Saigon fällt und amerikanische Streitkräfte zuletzt US-Bürger wie zahlende vietnamesische Militärs nur noch pausenlos mit Helikoptern ausfliegen, bevor Stadt und Land dann von den Kommunisten eingenommen werden.

Hauptperson des Buches ist ein namenloser ich-erzählender Mann, Sohn eines französischen Priesters und einer südvietnamesischen Mutter, der nach außen hin zwar als Hauptmann in der Armee des Südens dient, in Wahrheit aber von klein auf, traumatisiert durch verschiedenste negative Erlebnisse seiner Kindheit und Jugend, als Spion und Undercoveragent für den kommunistischen Norden arbeitet. Von den Vietnamesen als „Bastard“ verachtet, hat er lediglich zwei Freunde, mit denen er als Kind Blutsbrüderschaft geschlossen hat, einer ein von seiner Doppelexistenz nichts ahnender verblendeter Revolutionär, der auf der dramatischen Flucht aus Saigon Frau und Sohn verloren hat, der andere sein eingeweihter Kontaktmann zum Norden.

In vielen Rückblenden wird im Buch die Lebensgeschichte des Erzählers aufgerollt und mit den politischen Gegebenheiten der damaligen Zeit verknüpft, sein Leben in Los Angeles als einer von tausenden südvietnamesischen Flüchtlingen dort, sein Leben mit der Familie seines ehemaligen Generals, seine fortgesetzte Spionagetätigkeit und Berichterstattung mittels einer französischen Kontaktperson in Paris, seine sukzessive Einbindung in wiedererstarkende Untergrundaktivitäten radikaler Südvietnamesen in den USA, bis hin zu einer schicksalhaften Entscheidung, die er dann irgendwann zu treffen hat.

Das Buch hat Licht- und Schattenseiten. Der Autor, selbst 1975 mit seinen Eltern aus Südvietnam geflohen, weiß, wovon er hier erzählt und gewährt dem Leser tiefe, durchweg interessante Einblicke in die Lebens- und Denkweisen der Menschen und die Funktionsstrukturen seines Landes, die einem zentraleuropäischen Leser jedoch streckenweise irgendwie fremd  bleiben. Während sich die (insgesamt leider einfach zu breit aufgestellte) Geschichte in der ersten Hälfte auch noch spannend und logisch entwickelt, gerät sie im zweiten Teil irgendwie in Schieflage und erscheint gerade zum Schluss zu aufgesetzt. Dies insbesondere, da die ganze im Zuge der Geschehnisse nach oben spülende innere Zerrissenheit des Hauptprotagonisten und sein kontinuierliches Abgleiten in psychotische Zustände kaum mehr nachzuvollziehen sind und diese Person dem Leser damit immer weiter entfremden. Kurz gesagt: Zuviel des Guten (bzw. Schlechten), zumindest aus meiner Sicht. Ebenso fragt man sich, warum auch hier wieder einmal ein Autor meint, dass unablässig explizit dargestellte Gräueltaten und abstoßende Folterszenarien die Intention seines Werkes und dessen Wirkung auf den Leser verstärken könnten. Als halbwegs mit der jüngeren Historie vertrauter Leser weiß man auch so, was da vor Ort alles abgelaufen ist. Und je umfangreicher ein Buch und der Vorlauf der dort dargelegten Geschichte, desto höher dann natürlich auch die Erwartungshaltung des Lesers an die Gesamtauflösung am Ende, die hier leider ebenfalls ziemlich konstruiert wirkt und deutlich hinter den Erwartungen zurück bleibt. Aber immerhin hat er ja den Pulitzer dafür bekommen.

Ein wahrhaftig anstrengendes Buch, für mich leider mit deutlich überdrehten Stellschrauben und deshalb, zumindest soweit es die mitwirkenden Hauptpersonen betrifft, ohne großen Nachhall. 

Kommentare: 1
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M

Rezension zu "Der Sympathisant" von Viet Thanh Nguyen

Ziemlich Zäh
Mattdervor einem Jahr

Das allerorten als "Sensation" gelobte Buch von Viet Thanh Nguyen begeistert als schnell und spannend geschriebener Agententhriller. Die Handlung ist recht geradlinig: Ein von den Kommunisten in den USA ausgebildeter Agent, wird mit dem Fall Saigons 1975 in die USA eingeschleust, um sogenannte konterrevolutionäre Kräfte zu beobachten und die Heimat rechtzeitig zu warnen. Was eigentlich thematisiert werden soll, ist vielschichtig: Da geht es um die Identität im Fremden, um Liebe, um das Dasein als Intellektueller und Künstler. Und es wird versucht, die Unmöglichkeit der Befreiung eines Menschen durch eine Ideologie aufzuzeigen.
Dennoch bleibt das Buch an der Oberfläche. Wenn es stimmt, dass Literatur Ausdruck eines Denkens ist, dieses Denken aber niemals plump benennt, dann ist das hier eben geschehen. Alles bleibt sehr durchschaubar. Und bisweilen wird bloßes name dropping betrieben ("Diese Frage verlangte nach Camus oder Cognac", "Nach der Flasche Stolichnaya wollte ich mir Die Brüder Karamasow kaufen"). Man klatscht Beifall, und denkt: Schön, dass das heute noch jemand kennt. Bisweilen sind die Bilder auch etwas arg bemüht. Da "stolpern Marineinfanteristen aus der vaginalen Dunkelheit". Oder man wendet seine "Aufmerksamkeit dem dunklen Himmel zu, der ab und an von einer Leuchtfackel erhellt wurde, die wie Sperma in den Himmel spritzte". Das Geschlechtsteil des Ich-Erzählers und seine beachtliche Größe spielen übrigens auch immer wieder eine ganz besondere Rolle. Aber wo doch heute ein Buch an sich schon ein seltenes, fast heiliges Gut ist, mag dann so etwas beeindrucken. Mir ging es irgendwann gehörig auf die Nerven. Gute Urlaubslektüre, aber Jerry Cotton ist ehrlicher.

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Viet Thanh Nguyen wurde am 01. Januar 1971 in Buôn Ma Thuột (Vietnam) geboren.

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