Der Sympathisant

von Viet Thanh Nguyen 
3,9 Sterne bei24 Bewertungen
Der Sympathisant
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alascas avatar

Ein Doppelagent schreibt sein Geständnis in der Hoffnung auf Freiheit. Teils etwas verquast, emotional distanziert; originelle Perspektive.

thursdaynexts avatar

Sehr gut geschrieben, konnte aber mein Interesse nicht erhalten.

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Inhaltsangabe zu "Der Sympathisant"

»Meisterhaft. DER SYMPATHISANT ist zum Klassiker bestimmt.« T.C. Boyle

Im April 1975 wird eine Gruppe südvietnamesischer Offiziere unter dramatischen Bedingungen aus Saigon in die USA geflogen. Darunter ein als Adjutant getarnter kommunistischer Spion. In Los Angeles soll er weiterhin ein Auge auf die politischen Gegner haben, ringt jedoch immer mehr mit seinem Doppelleben, den Absurditäten des Spionagewesens, der Konsumgesellschaft und seiner eigenen Identität: “Ich bin ein Spion, ein Schläfer, ein Maulwurf, ein Mann mit zwei Gesichtern. Da ist es vielleicht kein Wunder, dass ich auch ein Mann mit zwei Seelen bin.“
Ein literarischer Polit-Thriller über den Vietnamkrieg und seine Folgen, eine meisterhafte Aufarbeitung über die Missverständnisse zwischen Kapitalismus und Kommunismus, ein schillerndes Werk über das Scheitern von Idealen, ein bravouröser Roman über die universelle Erfahrung von Verlust, Flucht und Vertreibung.

Buchdetails

Aktuelle Ausgabe
ISBN:9783896675965
Sprache:Deutsch
Ausgabe:Fester Einband
Umfang:528 Seiten
Verlag:Blessing
Erscheinungsdatum:14.08.2017

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    Gwhynwhyfars avatar
    Gwhynwhyfarvor 8 Monaten
    Vietnamkrieg aus asiatischer Sichtweise

    Der erste Satz: »Ich bin ein Spion, ein Schläfer, ein Maulwurf, ein Mann mit zwei Gesichtern.«

    Vietnamkrieg (1955-1975), ein Bild aus meiner Kindheit und Jugend, Literatur und Filme in meiner Jugendzeit, immer aus der Sicht des weißen Amerikas. Und hier haben wir das erste Buch aus der Sicht eines Vietnamesen. Der Icherzähler bleibt namenlos. Seine Mutter ist Vietnamesin, sein Vater war irgendein Franzose, eine Sache, die ihn hier wie dort nie dazugehören lässt. Die letzten Tage vor dem Fall von Saigon lassen den Roman beginnen. Der General und eine Auswahl von Menschen dürfen fliehen, der CIA und die US-Soldaten machen sich vom Acker, auf der Flucht vor dem Vietcong. Die NLF, die »Nationale Front für die Befreiung Südvietnams«, schwenkt längst die blauroten Fahnen. Der Icherzähler gehört zum engen Stab des Generals, aber er ist gleichzeitig ein Spion des Vietcongs, erfährt der Leser. An jeder Ecke betteln Menschen, mit auf die Flucht genommen zu werden, Straßen und Flughafen sind überfüllt mit Flüchtlingen, ein Luftangriff auf die Air-Base lässt viele Menschen sterben und in letzter Minute kann der General starten, sich mit seiner kleinen Truppe retten. Der Krieg ist vorbei. Circa fünf Millionen Vietnamesen sind tot.

    »Viele von ihnen hatten einst Artillerieeinheiten und Infanteriebataillone befehligt, doch heute war das Furchteinflößenste an ihnen ihr Stolz, ihr Mundgeruch und ihre Wagenschlüssel, sofern sie im Besitz eines Autos waren. … Am erfolgreichsten war ein General, der für den Einsatz seiner Elitesoldaten bei der Ernte von Zimt berüchtigt gewesen war, auf dessen Vertrieb er das Monopol besessen hatte. Dieser Gewürzhändler führte nun das Kommando über eine Pizzeria.«

    Angekommen in den USA, Los Angeles, sind diese ehemals Mächtigen plötzlich ein Niemand, Flüchtlinge. Der Erzähler, ehemals ein Student in den USA, stellt fest, damals war er Gast, ein Student unter Gleichen auf Augenhöhe, heute ist er der Unerwünschte, der Flüchtling. Nicht weiß, nicht gelb, ohne Kontur. Seine Aufgabe ist es, die Gruppe um den General herum zu überwachen, die sich nun auf die Konterrevolution vorbereitet, die Aktivitäten an die neue Führung von Vietnam zu melden. Gefährlich sind sie in ihrer Starre nicht, müssen sich auf den Lebensunterhalt konzentrieren. Der General selbst macht einen Schnapsladen auf, in dem sich die alten Kameraden treffen, «in quietschenden Pennyloafern aus der Schnäppchenabteilung und in Billigkhakis mit Bügelfalte», nun ohne Uniform und Abzeichen, ohne Zukunft, sie sich schön zu saufen.

    »Dass ich Halbasiate war, spielte gar keine Rolle, denn wenn es um die Herkunft ging, galt in Amerika nur ganz oder gar nicht. Du warst entweder weiß oder nicht weiß.«

    Der Sympathisant muss sogar töten, damit seine Tarnung nicht auffliegt. Und dieser Mann hat tatsächlich ein historisches Vorbild, der reale Spion Pham Xuan An, der heute unerkannt an einem versteckten Ort in den USA lebt.
    Der Icherzähler schlägt sich durch, resümiert über den Krieg, amüsiert sich über die amerikanischen Sitten, weiße Überheblichkeit und gleichzeitig über seine primitiven Mitflüchtlinge. Er liebt die Frauen, hat aber Angst sich zu binden und er ist dem Alkohol gut zugetan. In Hollywood sucht man einen vietnamesischen Berater, wegen der Authentizität von Drehbüchern. Der Erzähler erhält den Job.

    »Ich war so naiv zu glauben, den Organismus Hollywood von seinem Ziel abbringen zu können, nämlich der Lobotomisierung und Ausbeutung des Kinopublikums auf der ganzen Welt. Der zusätzliche Nutzen Hollywoods war Geschichtsschreibung nach dem Prinzip des Tagebaus. Die Realität blieb zusammen mit den Toten unter der Oberfläche, das staunende Publikum bekam nur die winzigen, funkelnden Diamanten. Hollywood erschuf nicht nur Monster, es war selbst ein Monster.«

    »Apocalypse Now«, »Platoon«, »Full Metal Jacket« unser westliches Wissen über den Vietnamkrieg, voller ideologischer Klischees. Damit räumt der Autor Nguyen auf. Sein Erzähler fährt mit nach Indonesien, dem Drehort, um am Set zu beraten, sei es im Script oder an der Kulisse.
    Wer ist dieser Erzähler? Ein Niemand, ein Schatten, einer, der unsichtbar sein muss, ein Doppelleben zu führen, nichts und niemand kann ihm etwas anhaben, er steckt alles weg, jede Beleidigung, jeden Toten. «Abgesehen von meinem Gewissen war meine Leber mein am übelsten missbrauchtes Körperorgan.» Doch seine Haut wird brüchig, immer wieder tritt seine Verletzlichkeit hervor, Kapitalismus contra Kommunismus. Viet Thanh Nguyen ist zynisch, kritisch, historisch, er stellt zwei Welten gegeneinander, rechnet mit beiden ab, zeigt beide Sichten, betreibt Medienschelte, besonders am Beispiel Hollywood. Migration, die Entwurzelung, weil man nie ankommt, nicht ankommen darf.

    Das Buch überwältigt, es ist wichtig, historisch, sehr lesenswert, steckt voller Information und ist gespickt mit ironischen Anspielungen. Immer noch aktuell das Thema Flucht und Entwurzelung. Aber ganz ehrlich, ich hatte nach dem Hype etwas anderes erwartet. Der Anfang war spannend, doch die Mitte kroch zäh dahin, manchmal erschien es mir, der Sachbuchcharakter hat Vorrang vor der Geschichte. Man muss beim Lesen Geduld mitbringen. Ich habe das Buch oft beiseitegelegt: nachdenken, resümieren, verarbeiten. Am Ende erfahren wir wo und warum der Sympathisant seine Geschichte schreibt, wieder ein hochspannender Teil. »Der Sympathisant« von Viet Thanh Nguyen wurde 2016 mit dem Pulitzer Preis ausgezeichnet. Nguyen selbst, damals vier Jahre alt, ist mit Vater, Mutter und seinem zehnjährigen Bruder durch das chaotische Saigon geirrt, zuerst zum Flughafen, dann zur Botschaft, zum Schluss zum Hafen, wo sie das Glück hatten, fliehen zu können. Er sagt über sich selbst:

    «I was born in Vietnam but made in America.» 

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    Buecherschmauss avatar
    Buecherschmausvor 9 Monaten
    Doppelagent

    Nahezu jeder kennt die Eröffnungsszene des amerikanischen Films „Apocalypse now“. Wenn nicht den Film, so doch zumindest das eindrückliche musikalische Intro „The end“ von den Doors. Rotorblätter schrappen, Helikopter vor Dschungellandschaft, Düsternis.
    Nahezu jeder weiß etwas über den Vietnamkrieg, der doch in Vietnam selbst „Amerikanischer Krieg“ genannt wird. Es gibt unendlich viel Material über diese mörderische Auseinandersetzung, das Netz quillt über von Fotos, Videos, Berichten, Analysen. Aber gleich auf welcher Seite des Konfliktes deren Urheber stehen, auf der amerikanisch-westlichen oder der kommunistischen des Vietcongs, immer ist es vor allem die US-amerikanische Perspektive, die bestimmt. Es sind die Traumata der GIs, die politischen Auseinandersetzungen im Westen, die dramatischen Evakuierungen, die abenteuerlichen Kriegsreporter, die im Mittelpunkt stehen. Die Vietnamesen selbst kommen meist lediglich lediglich als Opfer vor, als Leichen auf der Erde, als hilflos und verzweifelt Fliehende. Charakteristisch dafür ist das weltberühmte Foto des „Napalm-Mädchens“ Phan Thị Kim Phúc.
    Trotzdem die Amerikaner diesen Krieg militärisch verloren haben und geschätzt bis zu sechs Millionen tote Vietnamesen 50.000 gefallenen US Soldaten gegenüberstehen, besitzen die Verlierer weitgehend die Deutungshoheit über das Geschehen
    „Das war der erste Krieg, dessen Geschichte die Verlierer und nicht die Sieger schreiben würden.“
    So auch die Bilanz des Erzählers in Viet Thanh Nguyens Roman „Der Sympathisant“. Das Hauptmittel zur Wahrung dieser Deutungshoheit sieht er in eben jenem Hollywood, das Filme wie „Apocalypse now“ zu von Millionen Menschen konsumierten Geschichten macht. Aber auch Romane wie „Der stille Amerikaner“ von Graham Greene, Dokumentarfilme und Zeitungsartikel stammen überwiegend aus westlicher Feder.
    „Dieses amerikanische Narrativ“ zu verändern, erklärt Viet Thanh Nguyen im Interview als erklärtes Ziel seines Romans. Schon im Vorfeld erschien sein Essayband „Nothing ever dies: Vietnam and the memory of war“ zu diesem Thema.
    In „Der Sympathisant“ haben wir es mit einem Erzähler zu tun, der in seiner Zelle irgendwo in Vietnam sitzt und für den Kommandanten des kommunistischen Umerziehungslagers einen Rechenschaftsbericht schreibt. Das macht ihn von Beginn an zum unzuverlässigen Erzähler, denn natürlich hängt von dem, was und wie er es erzählt sein zukünftiges Schicksal oder sogar sein Leben ab. Also, inwieweit kann man den Aufzeichnungen trauen?
    Der namenlose Mann ist aber noch in anderer Hinsicht wenig vertrauenswürdig. Erfahren wir doch schon im ersten Satz, dass er ein Doppelagent ist und war, ein berufsmäßiger Lügner sozusagen.
    „Ich bin ein Spion, ein Schläfer, ein Maulwurf, ein Mann mit zwei Gesichtern.“
    Diese zwei Gesichter bestimmen sein ganzes Leben. Als unehelicher Sohn eines französischen Priesters und dessen jungen vietnamesischen Hausmädchens, wird er von klein auf als Bastard beschimpft und gemieden. Eine zerrissene Persönlichkeit, aufgewachsen in streng katholischem Haus, nach dem Untergang der französischen Kolonialherren 1954 in den Süden Vietnams geflüchtet, sympathisiert er selbst stark mit dem Kommunismus und Atheismus. Gleichzeitig lebt er aber den westlichen Lebensstil, der sich zunehmend in Vietnam engagierenden Amerikaner - es gilt, ein weiteres kommunistisches Bollwerk in Südostasien zu verhindern.
    Der Erzähler wird zum Adjutanten eines hohen südvietnamesischen Generals, erhält eine geheimdienstliche Ausbildung und wird damit tief in die amerikanischen Operationen hineingezogen. Gleichzeitig arbeitet er für die Kommunisten und versorgt sie mit geheimen Informationen. Diese Zerrissenheit wird auch noch einmal deutlich in dem Freundestrio, Erzähler, Man und Bon. Man arbeitet im kommunistischen Untergrund und ist des Erzählers Verbindungsmann, während Bon pro-amerikanisch denkt. Blutsbrüder seit der Schulzeit, sind die Freunde doch so gespalten wie ihr ganzes Land.
    1975 zeichnete sich die endgültige Niederlage der US-amerikanischen Streitkräfte ab. Der Widerstand im Heimatland gegen diesen barbarischen Krieg wurde zu groß, Präsident Nixon war bereits 1974 zurückgetreten, Niederlage reihte sich an Niederlage. Dennoch warteten die Amerikaner um Panik in der Zivilbevölkerung zu vermeiden sehr lange ab und begannen erst Ende April, als die nordvietnamesischen Truppen vor Saigon standen, mit großflächigen Evakuierungen. Im Roman wird das sehr eindrücklich geschildert. „White Christmas“ ertönte im US-Sender als Starsignal dafür. Hunderttausende Menschen stürmten nun in Todesangst die US-Botschaft und hofften darauf, ausgeflogen zu werden. Amerikaner, Westeuropäer, aber auch deren Verbündete unter der einheimischen Bevölkerung. Bei weitem nicht alle konnten gerettet werden. Als am 28. April der Flughafen Saigons durch Bombardierungen weitgehend zerstört wurde, blieben nur noch Hubschrauber zur Rettung. Die Szenen rund um diese Evakuierungen gehören zum spannendsten und eindrücklichsten des Romans.
    Durch seine guten Beziehungen gelang dem Erzähler die Flucht und er konnte auch seinen Freund Bon retten. Zunächst gelangten sie nach Guam, danach nach Kalifornien, wo sich eine große vietnamesische Community ansiedelte. Sehr anschaulich erzählt der Autor von den Anpassungsschwierigkeiten, der Verbitterung darüber, das Heimatland verloren zu haben, den geheimen Operationen der Veteranen. Der namenlose Erzähler bleibt auch hier Doppelagent und berichtet über einen Mittelsmann in Frankreich an die Kommunisten. Zwar steckt er zuweilen in einem Gewissenskonflikt, besonders weil er auch Gegner liquidieren muss, aber insgesamt kommt er mit seiner Existenz ganz gut zurecht und wer weiß, wieviel seiner Reue auch der Tatsache geschuldet ist, dass das, was wir lesen, ja ein Bekenntnisbericht im Umerziehungslager ist. Irgendwann schließt er sich einer militärischen Operation an, die ihn wieder in sein Heimatland führt – und die scheitert. Als Ergebnis sitzt er nun hier im Umerziehungslager ein.
    Es ist viel, was Viet Thanh Nguyen in seinen Debütroman packt: Krieg, Politik, Geschichte, Abhandlungen über Ideologie, Identität und Moral. Dazu noch Kritik an der amerikazentrierten Sichtweise auf den Vietnamkrieg und eine sehr gelungene Parodie und Filmkritik auf „Apocalypse now“ (der Erzähler arbeitet zeitweise als Berater für den Film „Das Dorf“, der stark an diesen angelehnt ist). Das macht „Der Sympathisant“ zu einem Spionagethriller, einem historischen Roman, einem Kriegsroman, einem politischen Roman und einer Einwanderergeschichte gleichzeitg.
    Zu viel auf einmal?
    Ich finde, nicht. Man lernt viel beim „Sympathisanten“. Er ist zudem noch spannend, unterhaltsam und mit einer gehörigen Portion Spott und satirischem Witz ausgestattet. Lediglich der Erzähler selbst kommt dem Leser nicht wirklich nah, was aber an seiner Rolle als unzuverlässiger Erzähler liegt. Sympathisch ist er nicht, ein Trinker, ein Zyniker und reichlich zwielichtig. Das ermöglicht aber nicht nur verschiedenste Blickwinkel auf das Geschehen, sondern fordert den Leser ständig zum Hinterfragen des Berichteten auf. Eine anregende Art des Erzählens. Mir hat sie gut gefallen.
    Und da stehe ich nicht alleine. Der Debütroman war ein großer Erfolg in den USA, erhielt 2016 den Pulitzerpreis. Auch eine vietnamesische Übersetzung ist in Arbeit, ob sie es zur Veröffentlichung schafft, ist noch offen.

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    walli007s avatar
    walli007vor einem Jahr
    Ich, ein Schläfer

    So ungefähr beginnt der Berichterstatter seine Geschichte. Im Jahr 1975 ist er der Adjutant des Generals. Süd-Vietnam ist im Krieg. Der Schutz, den die Amerikaner bieten sollten, ist brüchig. Der General entschließt sich mit seiner Familie zur Flucht und sein getreuer Helfer darf mit. Nicht bekannt ist allerdings, dass es sich bei eben diesem Helfer um einen kommunistischen Spion handelt. Doch ausgestattet mit den notwendigen Mitteln zur Kontaktaufnahme, ergreift dieser die einmalige Gelegenheit, die den General auch in den USA auszuforschen. In einer dramatischen Aktion, die nicht für alle glücklich endet, werden der General und einige seiner Vertrauten aus dem umkämpften Land ausgeflogen.




    Dieser Bericht des Spions hat es wirklich in sich. Wie ist das Innenleben eines Menschen, der seine kommunistisch geprägten Werte verbergen muss. Wie schafft er es, in dieser exponierten Stellung nicht aufzufallen. Musste er keine Sicherheitsüberprüfungen durchlaufen, wie kann er sein wahres ich verbergen. Oder ist er etwa dabei, sein wahres ich zu vergessen. Wird seine westliche Umgebung bestimmend für sein Wesen. Kann er seinen Aufgaben als Spion überhaupt noch gerecht werden. Und wie schnell kann eine hingeworfene Bemerkung ungeahnte Gefahren hervorrufen. Doch ebenso wie in Asien ist er auch in Amerika der Bastard, der mit einem westlichen Vater und einer asiatischen Mutter.




    Nicht in einem Rutsch zu lesen ist dieser Roman. Manchmal ausgesprochen mitreißend, manchmal etwas befremdlich. Doch häufig das Gedankenkarussell in Bewegung setzend, wie kann ein Mensch durchs Leben kommen, der zwei Seelen in seiner Brust tragen muss, der nach außen so tun muss, als sei er dem kapitalistischen Westen zugeneigt, während er diesem doch nur Verachtung entgegen bringen kann. Je weiter man liest und erkennt, wieso gewisse Formulierungen und Formatierungen gewählt werden, desto häufiger bedarf es einer Pause, um das Gelesene einordnen und gedanklich und gefühlsmäßig auf ein Level zu bringen, das das Gelesene erträglich werden lässt. Es ist schon harter Tobak, den der Autor bietet. Und die Befürchtung, dass der Autor sich relativ nah an wahre Begebenheiten gehalten haben könnte, macht es nicht einfacher. Wenn man selbst eher unbelastet aufgewachsen ist, fällt es schwer die Erlebnisse des Spions einzuordnen, sie verarbeiten zu können, sie zu verstehen. Da möchten einzelne Passagen wirklich genauestens gelesen werden, da blättert man noch einmal zurück, um jede Nuance mitzubekommen. 




    Es bleibt zurück, eine nachdenkliche Leserin, die nie eine solche Erziehung und Formung genießen möchte, wie der Autor sie seinem Sympathisanten angedeihen ließ. Ein Hoch auf die freiheitlich demokratische Grundordnung und die Möglichkeit, das Spionieren grundsätzlich anderen zu überlassen.


    4,5 Sterne

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    MaternaKuhns avatar
    MaternaKuhnvor einem Jahr
    Kurzmeinung: Absolut lesenswert!
    Viet Thanh Nguyen - DER SYMPATHISANT

    „Einige wenige Tage hatte mein Gewissen vor sich hin geschurrt, der Tod des maßlosen Majors lag scheinbar hinter mir, nur noch ein Fleck auf dem Asphalt meiner Erinnerungen im Rückspiegel meines Gedächtnisses.“ 

    Man könnte unendliche viele Formulierungen dieser Art aus dem Buch zitieren. Diese Formulierungen sind es, die einen zuerst überraschen, wenn man sich für dieses Erstlingswerk eines weitgehend unbekannten Autor entschieden hat.

    Ein Sprachakrobat, ein linguistischer Ästhet. Ein Autor, der damit genau die Klaviatur perfekt beherrscht, um alles was dann kommt, fesselnd in bunten Bildern zu malen. Bilder, die manchmal Wissen vermitteln, manchmal unterhalten, manchmal zum Lachen bringen, ganz oft aber auch schockieren. Und ganz viel Denkanstösse geben.


    Zum Inhalt. Der Protagonist ist der Mann mit zwei Gesichtern und zwei Seelen. Ein Mischling aus einer Nordvietnamesin und einem französischen Pfarrer. Immer und überall ein „Bastard“. Geboren in Nordvietnam, lebend in Südvietnam. In Vietnam kein Vietnamese, in den USA kein Ami. Als Nordvietnamese eigentlich Kommunist, nach dem Studium in den USA aber dem Westen zugeneigt. Spion für Nordvietnam, aber gleichzeitig auch engagierter Adjutant eines südvietnamesischen Generals. Mal gelten seine Sympathien dem Vietcong, mal den Südvietnamesen und Amerikanern. Diese Konflikte, diese Dialektik ziehen sich durch die ganze spannende Geschichte, die einem geheimnisvollen Gefangenenlager einsetzt, dann aber so richtig erst kurz vor dem Fall Saigons einsteigt. Überall ist er beliebt, gehört aber nicht dazu und fühlt sich selbst niemals dazu gehörig.

    Nur im vordergründigen Handlungsstrang geht es um die Ereignisse rund um diese Kriegsstage in Vietnam und danach. Die Story und die Erzählweise ist um einiges vielschichtiger. 

    Berührender sind andere Ebenen z.B. die tiefen Einblicke in die Emotionen eines Menschen, der immer alles von zwei Seiten sieht und sehen muss. Das Aufräumen mit kommunistischen und kapitalistischen Ideologien bei Blick auf den gelebten, realen Alltag und der Menschen im System, die immer die gleichen Wesenszüge zeigen. Die Schilderungen des vietnamesischen Alltages und des vietnamesischen Naturells („die Italiener Asiens“). Die farbenprächtige Schilderung vietnamesischer Landschaften und Städte. Schon dafür ist das Buch lesenswert. Und vieles mehr.

    Der letzte Teil mit seinen nicht weniger intensiv geschilderten Torturen im Umerziehungslager ist nicht unbedingt etwas für Zartbesaitete, aber leider ist auch das aktuelle Realität an vielen Orten auf dieser Welt im 21. Jahrhundert.


    Fazit: Ein Buch aus der Kategorie absolut lesenswert. Und dieses Urteil fällt man schon, bevor man erfährt, dass Viet Thanh Nguyen für diesen ersten Roman 2016 den Pulitzer-Preis erhalten hat.

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    Ein LovelyBooks-Nutzervor einem Jahr
    Viet Thanh Nguyen | DER SYMPHATISANT

    INHALT: Vietnam 1975. Saigon ist gefallen, der kommunistische Norden hat gesiegt, woraufhin ein Gruppe südvietnamesischer Regierungsmitglieder das Land Richtung Kalifornien verlassen muss. Unter ihnen der namenlose Ich-Erzähler, der im Auftrag seines Vorgesetzten und mit Hilfe des CIA auch nach dem Krieg für die Befreiung seines Landes kämpft. Der Plan ist, eine Gruppe Südvietnamesen zusammenzustellen, die als Untergrundkämpfer in die verlorene Heimat geschleust werden sollen. Doch der Ich-Erzähler hat ein Geheimnis: Er ist Doppelagent und schreibt in chiffrierten Briefen über die Fortschritte des südvietnamesischen Sonderkommandos an einen kommunistischen Kontaktmann in Paris. Als sich die Hinweise häufen, dass sich ein Maulwurf in dem Kommando befindet, muss der Doppelagent handeln, um die Spuren von sich zu lenken. Er streut Beschuldigungen und wird zum mehrfachen Attentäter innerhalb der eigenen Gruppe.

    Ein anderer Auftrag führt ihn auf die Philippinen, wo er ein aufwändiges Filmprojekt namens Das Dorf begleiten soll. Die Aufgabe des Agenten ist es, den Regisseur bei Fragen um die vietnamesischen Bräuche und Eigenarten zu unterstützen, um die Authentizität des Films zu gewährleisten. Als beim Set eine Ladung Sprengstoff viel zu früh in die Luft geht, kommt der Agent nur knapp mit dem Leben davon. Ein Unfall? Oder ein gezieltes Attentat? Dem Agent schwant, dass er aufgedeckt wurde. Eine Chance, zu seinen eigentlichen Vorgesetzten zurückzukehren, bietet sich, als er die kampfbereite Rebellengruppe nach Thailand begleiten soll. Von dort aus setzen sie sich durch die Grenzwälder nach Vietnam ab, geraten jedoch früh in Gefangenschaft und der Agent lernt die volle Härte seines kommunistischen Regimes kennen.

    FORM: Was wir hier zu lesen bekommen, ist das fünfhundert Seiten starke Geständnis unseres Haupthelden, des Doppelagenten, dessen Namen wir nicht erfahren. Er schreibt diese Beichte als Teil seiner Umerziehung in dem Lager, in dem er einsitzt. Der Autor Viet Thanh Nguyen (*1971) gibt ihm hierfür eine äußerst eloquente Stimme, die an die Zuckerman-Romane Philip Roths erinnert. Der Titelheld – der, so erfahren wir später, sein Geständnis immer wieder korrigieren muss – schreibt in einer Mischung aus regimegetreuem Antiamerikanismus und hochnäsiger Geschwätzigkeit, eine gwöhnungsbedürftige Mixtour, die aber Tiefe gibt und viele Zwischenebenen zulässt.

    Das Hauptthema des Romans kreist um die Frage, was mit einem Menschen passiert, der über Jahre hinweg ein Doppelleben führt, dessen Geheimhaltung über Leben und Tod entscheidet. Die beiden Seilenden, zwischen denen der Erzähler seinen gefährlichen Tanz vollführt, könnten mit dem amerikanischen Kapitalismus und dem vietnamesischen Kommunismus der 1970er Jahre unterschiedlicher kaum sein, und auch der Titelheld kommt mehr und mehr ins Schlingern, geblendet und verführt von den profanen Reizen der westlichen Welt. Diese Entwicklung einzufangen, ist Nguyen hervorragend gelungen. DER SYMPATHISANT ist also nicht nur ein Spionagethriller, sondern auch eine Gesellschaftssatire, die mit den gängigen Klischees über Amerika, Vietnam und deren gemeinsamer Geschichte spielt.

    Doch auch Freunde des klassischen Polit-Thrillers können hier fündig werden, denn der Roman wartet mit jeder Menge Spannung auf. Der Fall Saigons und die knappe Flucht aus dem Land, die nervenaufreibenden Attentate, die Gefangenschaft und das finale Verhör (die letzten hundert Seiten habe ich atemlos verschlungen) – alles Episoden, die genregültig realitätsnah und pathosfrei geschrieben sind.

    FAZIT: Viet Thanh Nguyen, der selbst nach dem Vietnamkrieg als Flüchtlingskind in die USA kam, hat mit seinem ersten und bislang einzigen Roman auf Anhieb einen Riesenerfolg gelandet, hochgelobt und preisgekrönt, nicht zuletzt mit dem rennomierten Pulitzer Prize for Fiction. Ich schließe mich dem Jubelgeschrei gerne an und bestätige: DER SYMPATHISANT ist ein vielschichtiger Roman über Politik, Geschichte und Gesellschaft – lehrreich, spannend, lesenswert. Fünf Sterne!

    *** Diese und viele weitere Rezensionen könnt Ihr in meinem Blog Bookster HRO nachlesen. Ich freue mich auf Euren Besuch ***

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    Gulans avatar
    Gulanvor einem Jahr
    Kurzmeinung: Ein kommunistischer Spion unter Exil-Vietnamesen in den USA: Teilweise fesselnd und überraschend amüsant und satirisch-ironisch.
    Der Mann mit zwei Gesichtern.

    Nein, nein, schluchzte die Agentin. Sie brauchte eine gute Geschichte, aber ihr fiel keine ein, allerdings hätte nichts die Polizisten umstimmen können. Also dann, sagte der mittlere Polizist, öffnete den Gürtel und den Reißverschluss seiner Hose. […]
    Wir fangen ganz leicht an, sagte der mittlere Polizist und kletterte ungelenk auf den Tisch und zwischen ihre Beine. Wie heißt du? Sie sagte nichts, aber als er die Frage wiederholte, erwachte etwas Animalisches in ihr. Sie öffnete die Augen, schaute den Polizisten an und sagte: Mein Nachname ist Viet, und mein Vorname ist Nam.“ (S.480-481)


    April 1975: Die revolutionären Truppen Nordvietnams erobern den Süden. Die Amerikaner ziehen sich überhastet zurück und gewähren einer kleinen Zahl privilegierter Einheimischer ebenfalls die Flucht. Mit dabei ist auch der Ich-Erzähler, Adjutant eines südvietnamesisichen Generals, aber in Wahrheit ein kommunistischer Spion. Er war ein wichtiger Informationsträger im Stab des Generals und nun soll er auch in den Vereinigten Staaten Augen und Ohren offen halten.

    In Kalifornien siedeln sich viele der Vietnamesen an, aber heimisch werden sie nicht. Die Amerikaner haben weitgehend das Interesse an Vietnam verloren, es sei denn, es geht darum, die amerikanische Deutungshoheit über den Krieg in Form des Hollywood-Kinos aufrechtzuerhalten. In der Heimat waren die Geflüchteten die Oberschicht, nun müssen sie sich wieder hinten anstellen, was weiterer Verbitterung führt.


    Wir seiften uns ein mit Tristesse und wuschen uns duschten uns ab mit Hoffnung, und obwohl wir fast jedem Gerücht glaubten, das uns zu Ohren kam, weigerte sich fast jeder von uns zu glauben, dass unsere Nation untergegangen war. (S.108)


    Der Ich-Erzähler ist ein Mischling, er ist Sohn einer Vietnamesin und eines amerikanischen Pastors. Schon als Jugendlicher wird er gefördert, erhält ein Stipendium für eine amerikanische Hochschule, macht anschließend Karriere in der südvietnamesischen Armee. Was niemand ahnt: Ein Jugendfreund hat ihn frühzeitig für die kommunistische Seite rekrutiert. Er ist nach der Flucht weiterhin für den General tätig, der nach einiger Zeit beginnt, eine Art militärische Einheit aus Exilanten zu bilden. Der Ich-Erzähler beginnt zusehends mit seinem Doppelleben zu hadern. Dabei wird er beeinflusst von der amerikanischen Kultur, dem schmutzigen Geschäft der Geheimdienste und er gerät in einen Interessenskonflikt zwischen seinem Freund und Führungsagenten Man und einem weiteren Jugendfreund Bon, dem er ebenfalls die Flucht in die USA ermöglichen konnte, der aber nichts von seinen kommunistischen Aktivitäten ahnt. So ist der Ich-Erzähler denn auch hin- und hergerissen, er sagt selbst ganz zu Beginn des Romans: „Ich bin ein Spion, ein Schläfer, ein Maulwurf, ein Mann mit zwei Gesichtern. Da ist es vielleicht kein Wunder, dass ich auch ein Mann mit zwei Seelen bin.“ (S.9)


    Autor Viet Thanh Nguyen floh als Vierjähriger 1975 mit seinen Eltern aus Südvietnam, die Familie ließ sich schließlich in Kalifornien nieder. Heute arbeitet er als Hochschullehrer an der University of California. „Der Sympathisant“ ist sein Debütroman und räumte nach seinem Erscheinen 2015 jede Menge Preise ab, besonders hervorzuheben sind der Pulitzer-Preis und der Edgar Award. Kurz nach seinem Roman veröffentlichte er auch ein Sachbuch, „Nothing Ever Dies: Vietnam and the Memory of War“, in dem er die Thematik seines Romans wie die Wahrnehmungen und Sichtweisen auf den Vietnamkrieg aufgreift. In zahlreichen Interviews macht der Autor nämlich deutlich, dass im Westen ausschließlich die amerikanische Wahrnehmung des Krieges abgebildet wurde und wird. Mit seinem Roman wollte er explizit eine andere, eine vietnamesische Sichtweise darstellen. Im Roman bringt er dies in einem cleveren Abschnitt zur Geltung, als der Ich-Erzähler als Berater für ein Filmprojekt auf die Philippinen reist. Er nimmt sich vor, bei diesem Film, der unschwer als eine Anspielung auf „Apocalypse Now“ zu verstehen ist, ein wahres Bild von Vietnam zu erreichen, scheitert dabei aber völlig.


    …, denn das war der erste Krieg, dessen Geschichte die Verlierer und nicht die Sieger schreiben würden – dank des effizientesten Propagandaapparates, der je geschaffen worden war. […] Hollywoods Hohepriester hatten instinktiv die Erkenntnis von Miltons Satan erfasst, wonach es besser sei, in der Hölle zu herrschen, als im Himmel zu dienen, und man besser der Schurke, Verlierer oder Antiheld im grellen Rampenlicht sei als der tugendhafte Komparse. (S.193)


    „Der Sympathisant“ hat viele Facetten, er ist ein Politthriller, ein Exilantenroman, ein Roman über Freundschaft, über Hollywood, über Gegensätze zwischen Orient und Okzident. Das Überraschende: Es ist an vielen Stellen überraschend amüsant, ironisch und böse satirisch. Besonders Anfang, Ende und die Philippinen-Episode sind sehr überzeugend und fesselnd, dazwischen gab es für mich schon ein paar Durchhänger.

    Ich habe lange über mein endgültiges Urteil nachgedacht, denn irgendwie war ich nicht völlig zufrieden, musste aber überlegen warum. Zwei Dinge haben mir nicht so gefallen: Die Konstruktion, dass der Ich-Erzähler die Story von Anfang als sein Geständnis formuliert und schon früh klar ist, dass er sich in einer Art politischer Haft befindet, nimmt für mich einiges an Entwicklung vorweg. Außerdem finde ich die „zwei Gesichter“ des Ich-Erzählers zwar in Bezug auf seine kulturelle Identität gut herausgearbeitet, aber warum er kommunistischer Spion ist, bleibt für mich etwas zu dünn erzählt. Aber ich will auch nicht zu viel meckern. Im Grunde ist „Der Sympathisant“ ein scharfsinniges und gleichzeitig auf jeden Fall unterhaltendes Buch.

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    M
    michael_lehmann-papevor einem Jahr
    Zwischen den Welten

    Zwischen den Welten

    „In diesem düstersten aller Aprilmonate hatte der General, der auf die Frage, was zu tun sein, sonst immer etwas zu tun fand, keine Antwort mehr“.

    Außer, dass alle, die in die Transportmaschine (eine der letzten, die Saigon verließ) hineinpassten (und die natürlich genehm und wichtig waren), ausgeflogen werden sollten. Ins „gelobte Land“, nach Amerika.

    Und auch wenn der Ich-Erzähler kein besonders ranghoher Offizier war und zudem ein „Mischling“, ob seiner beratenden Nähe zum General und ob seiner besten Verbindungen in alle notwendigen Kanäle hinein (Offiziere werden bestochen, Amerikaner mögen den Mann, der General will ihn dabeihaben), reist auch eher nach Amerika.

    Wobei, das weiß nun keiner der Offiziellen, sondern nur der beste Freund und „die andere Seite“, der Adjutant ist ein Spion. Für den kommunistischen Teil Vietnams. Schon lange. Und das passt ganz gut, dass er nun „an der Quelle“, zumindest inmitten „des Feindes“ lebt.

    Wobei auch „die andere Seite“ sich der Dienste des Mannes versichert und nun, als Doppelagent, mit einem Fuß dienstlich und praktisch in beiden Welten verankert, ergibt sich eine ganz besondere, „interne“ Sicht der Gemengelage, die Nguyen trefflich ausformuliert.

    Was nicht ohne Gefahren für die strikte Linie der inneren Haltung sein wird. Denn mit wachen und offenen Augen, einer gehörigen Portion Ironie und einem geschulten Blick für das Wesentliche wird dieser Adjutant zwar die bizarren Auswüchse „dekadenten“ westlichen Lebens genau vermessen, aber auch die andere Seite, die „freie“ und konstruktive Seite eines Lebens ohne Diktatur wird ihren Einfluss auf den Mann nehmen.

    Mit Rückblicken in die Vergangenheit des Spions, mit einem tiefen Verstehen auf Seiten des Lesers führt Ngyuen den Leser in munterer, hintersinnig-humorvoller und sein „Personal“ lebendig und bestens beschreibend durch die Zeit der späten 70er und der achtziger Jahre des letzten Jahrhunderts. In vielen Beobachtungen, spielerisch eingebauten gesellschaftskritischen Analysen und immer wieder absurden Begegnungen und Beobachtungen hält Nguyen damit der Welt (nicht nur der Westlichen, im Übrigen) einen breiten Spiegel vor.

    Ein Spiel mit Vielfalt, mal plakativ, mal hintergründig angelegt, bei denen der Leser von Beginn an weiß, dass dieses für den Agenten weitgehend beendet ist. In einer Zelle wartet er und nutzt die Zeit, sein Buch zu schreiben und zurückzublicken. Man würde es diesem modernen, wendigen „Alleskönner“ nun gerne wünschen, dass sich auch diese Gefahr in der Zelle noch einmal abwenden lässt, aber bis zum Ende hin ist und bleibt der Tonfall hier eindeutig. Hoffnung treibt den ehemaligen Adjutanten nicht mehr an. Nur Mitteilen, das ist ihm noch wichtig.

    Und damit dem Leser eine Sicht auf Vietnam, den Krieg und die Folgen zu bieten, die eben nicht „a la Hollywood“ oder von großen amerikanischen Autoren diese eher einseitige Sicht transportiert, sondern aus der anderen Richtung, der des „Siegers“, Gräuel und Absurditäten des Vietnamkrieges und seiner eher eigenwilligen Aufarbeitung in Amerika minutiös „auseinanderbaut“. Und dabei keinen Finger moralisch erhebt oder trocken Fakten begradigt, sondern die Handlungen, Ereignisse, Beobachtungen, Szenen aus sich heraus sprechen lässt.

    Thema, Ton, Personen und die differenzierten Blickrichtungen samt vielfach bestens geschilderter Szenen bilden eine perfekte Mischung aus Roman, Thriller und Erkenntnis-Buch, was den Menschen und sein Leben in Gesellschaften angeht.

    Wärmstens zu empfehlen.

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    PagesofPaddys avatar
    PagesofPaddyvor einem Jahr
    Anspruchsvoll aber großes Kino

    Ein Buch, bei dem es gar nicht mal so einfach ist Worte zu finden? Das ist mir mit dem Pulitzerpreisträger 2016 passiert. Eins vorweg, das Buch hat mir gut gefallen. Aber ich glaube nicht, dass das eines dieser Bücher ist die jeder mag. Ich selbst hatte immer wieder Momente in denen ich nicht so voran kam, wie das eigentlich der Fall sein sollte. Das lag an mehreren Dingen. Zum einen musste ich mich erst mal daran gewöhnen, dass dieses Buch fast komplett in indirekter Rede geschrieben wurde. Ich bin da nicht so der Fan von. Das ist kein gigantischer Kritikpunkt aber es hat wirklich länger gedauert, bis ich so konzentriert gelesen habe, um zu verstehen wer was sagt. Es gibt nämlich schon manchmal Szenen in denen ich das etwas verwirrend fand. Ansonsten ist die Sprache von Viet Thanh Nguyen bzw. die Übersetzung von Wolfgang Müller aber gelungen. Ich mochte seinen Stil. Inhaltlich möchte ich ja nicht so viel erzählen aber es ist eine Geschichte die mir im großen und ganzen gut gefallen hat. Es gab zwar hier und da mal einige Längen aber alles in allem gibt die Geschichte ein guter Einblick in eine Welt, eine historische Perspektive, die ich so noch nicht kannte. Der Plot wird, so mein Eindruck, in sehr unterschiedlichen Geschwindigkeiten erzählt. Der Anfang in Vietnam ist wirklich toll, spannend, fesselnd und bemerkenswert treibend. Wenn die Geschichte dann in Amerika spielt nimmt Nguyen Geschwindigkeiten raus um dann zum Ende hin wieder mehr Gas zu geben und seine Story bemerkenswert zu entwickeln. Man darf sich das ganze aber nicht als einen typischen Spionage Thriller vorstellen. Dafür finde ich das Buch zu komplex und vielschichtig. Nicht das ein typischer Spionage Thriller was schlechtes wäre, aber allgemein fühlt es sich halt anders an. Das letzte Drittel des Buches fand ich sehr gelungen, sehr spannend und einfach sehr fesselnd. Für wen ist dieses Buch also eine Empfehlung? Ich denke mal auf jeden Fall für Leute die ein anspruchsvolles, spannendes Buch lesen wollen. Die Perspektive, die Zeit und die Thematik lassen das ganzen zu einem ungewöhnlichen Werk werden. Wer sich also drauf einlassen möchte, darf sich auf ein interessantes Buch freuen!

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    Haverss avatar
    Haversvor einem Jahr
    Geschichte wird gemacht oder Die andere Sichtweise

    Üblicherweise werden historische Ereignisse aus der Sicht des Siegers geschildert. Anders verhält es sich mit dem Vietnamkrieg, an dem sich die Vereinigten Staaten aktiv seit Beginn der sechziger Jahre (und der Präsidentschaft JFKs) im großen Stil bis zum bitteren Ende beteiligten. Und entgegen der festen Überzeugung der Amerikaner gingen sie aus diesem Krieg nicht als Sieger sondern als Verlierer hervor. Ein Trauma, das bis heute nicht wirklich verarbeitet wurde. Was die Amerikaner aber nicht davon abhielt, die westliche Welt mit ihre Sichtweise dieses Krieges zu fluten. Man denke nur an die unzähligen Blockbuster, TV-Serien und B-Movies zur Vietnam-Thematik, mit denen Hollywood phasenweise den Markt überschwemmt hat, aber auch die unterschiedlichsten Romane und Sachbücher.

    Viet Thanh Nguyen, geboren in Vietnam und als Vierjähriger 1975 mit seinen Eltern in die Vereinigten Staaten geflohen, hat nun mit „Der Sympathisant“ einen Polit-Thriller geschrieben, in welchem er die Sichtweise umkehrt. Und offenbar hat er damit einen Nerv getroffen, denn für diesen Roman wurde er 2016 sowohl mit dem Pulitzer Preis als auch mit dem Edgar Award ausgezeichnet.

    Der titelgebende „Sympathisant ist ein namenloser halbvietnamesischer Ich-Erzähler, der nach dem Fall Saigons in die USA eingeschleust wird. Angeheuert wird er nicht nur von den Amerikanern sondern auch von den Vietnamesen. Und so lebt er sein Leben als Undercover-Doppelagent mit zwei Dienstherren und zwei Seelen.

    Es ist diese Dualität, die die Schilderung seiner Vergangenheit und Gegenwart so interessant macht. Die Reflexionen über den Vietnamkrieg und dessen Folgen für die amerikanische Gesellschaft. Aber auch seine Rolle als Maulwurf in dem Land der Verlierer, das noch immer die Strippen ziehen will. Von daher geht es dem Autor nicht nur um Vietnam, sondern ebenso um all die anderen Kriege, in die sich die Vereinigten Staaten einmischen und eingemischt haben. Um die USA als moralische Instanz, die entscheidet, wer oder was gut oder böse ist.

     Vernetzt ist der Namenlose nach allen Seiten und in alle Richtungen, kann aber doch nicht immer unter dem Radar durchschlüpfen. Und so gerät er in ein Umerziehungslager, wo er diese seine Geschichte, sein Geständnis, niederschreibt.

    Mich hat diese anspruchsvolle Story voller Querverweise sehr gut unterhalten. Viet Thanh Nguyen gibt dem Leser jede Menge Denkanstöße. Sei es die Thematik der medialen Verwertung des Krieges wie in Coppolas „Apocalypse Now“, die Integration, die in der neuen Heimat nicht gelingen will, weil trotz Anpassung die Akzeptanz des Fremden fehlt, die Suche nach der eigenen Identität, die unter einer Vielzahl von Maskierungen verborgen ist.

    Spannend und ironisch, politisch und dennoch höchst unterhaltsam – eine klare Leseempfehlung!

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    alascas avatar
    alascavor 3 Monaten
    Kurzmeinung: Ein Doppelagent schreibt sein Geständnis in der Hoffnung auf Freiheit. Teils etwas verquast, emotional distanziert; originelle Perspektive.
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