Viktor Jerofejew Russische Apokalypse

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Inhaltsangabe zu „Russische Apokalypse“ von Viktor Jerofejew

„Sie wissen, dass in unserem Land ein Staatsstreich stattgefunden hat? Was heißt hier: wann? Das genaue Datum zu nennen, ist unmöglich, denn es gab ja keins. Es war einfach so, dass irgendwie Wind aufkam, der Himmel sich zuzog und Regen einsetzte. Da haben Sie den ganzen Staatsstreich.“ So zugespitzt kommentiert Jerofejew den staatlich gelenkten Wetterumschwung in Russland, verursacht von den Unsichtbaren, die die Nation auf ein unbekanntes Ziel hinsteuern. Und wer seine Heimat dennoch liebt, muss sich die Gegenfrage gefallen lassen: Liebt sie dich auch? Während Jerofejew noch über die russischen Befindlichkeiten spottet, bleibt dem Leser das Lachen im Hals stecken, weil hinter der Provokation die Sorge um das Land spürbar wird. Ein Land, in dem nach Jerofejews Überzeugung die Apokalypse eingetreten ist. Mit seiner Sicht auf die Lebensweisen von Neureichen und Politikern wie auf ideale Gatten, Schriftsteller, Freunde oder Hausfrauen erweist er sich als Kenner der russischen Seele. Die aber schwebt unentschlossen zwischen den Erfahrungen der Vergangenheit und den Herausforderungen der Gegenwart. Viktor Jerofejew stellt erneut seine stilistische Brillanz unter Beweis, und seine Texte erzeugen gerade deshalb eine so große Wucht, weil sie trotz aller Wut und Em - pörung auch voller Liebe für die Literatur und Sprache seines Landes sind.
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  • Rezension zu "Russische Apokalypse" von Viktor Jerofejew

    Russische Apokalypse

    Wolkenatlas

    18. March 2009 um 08:23

    Viktor Jerofejew: "Russische Apokalypse" Essays "Russische Apokalypse" heißt Viktor Jerofejews neuestes Buch; es könnte jedoch auch "Was Sie schon immer über Russland wissen wollten, sich aber nie zu fragen getraut haben" heißen. Dieses in vier Abschnitte unterteilte Buch ist eine herrlich unterhaltende und pointierte Sammlung von Essays zum Thema Russland. "Auf dem Schlachtfeld der russischen Flüche" Im ersten Teil widmet sich Viktor Jerofejew unter anderem dem Liebesleben Anton Pawlowitsch Tschechows, Solschenizyns Lebenssinn, dem letzten Helden Sergei Awerinzew, der Frage um die die Wichtig- bzw. Nichtigkeit des Geldes im postkommunistischen Russland, dem Komponisten Alfred Schnittke und der sehr menschlichen Zusammenarbeit an der Oper "Das Leben mit einem Idioten" und einem äußerst humoristischen Traktat über den Gebrauch der sich wie Metastasen in die Umgangssprache eingefressenen russischen "Mat"-Wörter. Er mokiert sich augenzwinkernd über einen mehr als hoffnungslosen Versuch einiger Mitglieder der russischen Duma, den Gebrauch der "Mat"-Wörter gesetzlich zu unterbinden. "Warum russische Schönheiten immer billiger werden" Im zweiten Teil erfährt man, wieso Schürzenjäger vom Schlage Onegins und Petschorins nicht dem Typus des idealen Gatten entsprachen, dass es die ideale Ehefrau wohl gibt (nicht aber den idealen Gatten), über Neid in der Frauenumkleide, über Puschkins Fehler (Viktor Jerofejew hält hier fest: "Wenn du ein großer Dichter bist, heißt das nicht, dass deine Frau kein Flittchen sein kann"), über die Liebe jedes Russen zu seiner Heimat, über die Kunst und Geschichte des Fellatio, über den Venushügel à la Versailles, Mutterschaft und Vaterschaft. Im dritten Teil spielt er mit den Themen Freundschaft, dem Unterschied zwischen Erbe und Vererbung, den Hedonisten in den verschneiten Weiten der Heimat, Eric Blair (oder George Orwell), dem Wendekreis im Krebsgang, Che Guevara, dem französischen Verlierer und der Sprache der Offenbarung. Im vierten und letzten Teil mischt sich symbolträchtig eine Gegenstimme kontrapunktisch in das Geschehen ein, das sagenumwobene sprechende Pferd Ilja Muromezs. Die nun mehrstimmigen Essays widmen sich Fluten, Pechvögeln, dem Wunsch, wenigstens einmal unsichtbar zu sein, den Ähnlichkeiten zwischen König Herodes und dem tschetschenischen Rebellenführer Bassajew, Michail Chodorkowski und einem imaginären Roman, den manche der Feder des russischen Präsidenten zuordnen und dem Smoking. Nebenbei gibt es noch einen offenen Brief an W. W. Putin vom 04.09.2002 und eine sehr schöne Aussage zur Wichtigkeit Michail Gorbatschows, der in Russland (im Gegensatz zu Europa) als Kremltreidler, Verlierer und richtige Schandfigur gilt. "Russische Apokalypse" ist eine wunderbare Sammlung, die nie auch nur ansatzweise im quasi intellektuellen Sumpf vieler Kollegen und Essayisten verkommt. Jeder Essay ein kleiner Schatz, ist man erstaunt ob der Fähigkeit dieses Autors zu fesseln und zu bewegen. Man spürt eine immense Liebe zu seiner Heimat Russland; eine sehr kritische Liebe, die nicht von rosa Scheuklappen verunstaltet ist. Viktor Jerofejew nimmt sich kein Blatt vor den Mund, seziert präzise, schwelgt jubilierend auf Wolke Sieben, reißt gefährliche Themen an, kritisiert vorurteilsfrei, verliert aber auch nie die Übersicht über die Fragen zur Wichtigkeit der jeweiligen Kritik. Genau da liegt auch der Unterschied zu den billigen lemmingartigen Unkenrufen mancher Kollegen, der Unterschied zwischen politischem Geplänkel und großer Literatur. "Russische Apokalypse" ist eindeutig Letzteres. Großartige Prosa in Essayform, leuchtende Momentaufnahmen, überraschende Denkanstöße, interessante Themen und viele Szenen zum Schmunzeln ergeben eine faszinierende und im besten Sinne des Wortes unterhaltende Lektüre, auf die man gerne immer wieder zurückgreift. Für jene Leser, die in der russischen Politik- und Medienlandschaft der Postperestroikazeit und der russischen Geschichte nicht so bewandert sind, gibt es im Anhang noch ein sehr hilfreiches und informatives Personenregister. Eine absolute Empfehlung, speziell wenn man sich für Russland interessiert. (Erstveröffentlicht auf www.sandammeer.at, Roland Freisitzer; 03/2009)

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