Vincent van Gogh Briefe an seinen Bruder

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Inhaltsangabe zu „Briefe an seinen Bruder“ von Vincent van Gogh

Keinem anderen Menschen hat sich der passionierte Maler so vorbehaltlos geöffnet wie dem ihm in selbstloser Hilfsbereitschaft zugetanen Bruder. Seine Briefe an Theo ergeben sowohl eine lückenlose Biographie als auch einen fortlaufenden Kommentar zur Entstehungsgeschichte seiner Bilder.

Ein bewegendes Buch, in dem man viel über den Menschen Vincent van Gogh erfährt.

— Ioana-Orleanu
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  • Einblicke in eine feine Seele: Vincent van Gogh in den Briefen an seinen Bruder Theo

    Briefe an seinen Bruder

    Ioana-Orleanu

    05. January 2016 um 18:36

    Probieren wir mal ein kleines Gedankenspiel: Sothebys. Gediegenste Atmosphäre. Schwarze Maßanzüge, Pelze, Louboutins. Geld ohne Ende, aber irgendwie gedämpft: Man gibt sich diskret. Auf der Staffelei: ein Sonnenblumenbild. Wert: 40 Millionen. Zum ersten, zum zweiten, zum - Eine Seitentür wird aufgerissen und ein Mann tritt ein, kräftig, breitschultrig, in braunem Rock. Blickt er nicht wütend um sich? Alles erstarrt, denn – es ist Vincent leibhaftig! Was wird er jetzt tun? Ärger als Jesus im Tempel wüten? Das wäre ihm wohl nicht zu verdenken. Meine Bilder haben keinen Wert, sie kosten mich freilich außerordentlich viel, mitunter sogar an Blut und Hirn. Ich will nicht weiter davon reden... So stellt sich für ihn die Lage Anfang Januar 1889, nach seinem Zusammenbruch, dar. Und so ist sie immer gewesen. Schon seit vielen Jahren habe , was mir zukommt. Vincent Van Gogh ist der Inbegriff des von seinen Zeitgenossen sträflich verkannten Künstlers. Sein Misserfolg hat einen einfachen Grund: Seine Bilder zersprengen den Zeitgeist und – laufen seiner Zeit regelrecht davon. Übertrieben seien seine Farben, anomal, urteilt ein guter Freund. Die Töne zu lebhaft, zu grell, nicht genug Zurückhaltung. In der Tat, zurückhaltend ist Vincent nicht. Vehement weigert er sich akademisch korrekte Figuren zu malen. Überhaupt, all die Kardinäle … Historienbilder … meterlang und meterbreit. Zu muffig und altbacken und langweilig, hoffnungslos langweilig für ihn, der leidenschaftlich bis zur Besessenheit, wie eine Mallokomotive, das Allereinfachste, die nackte Wahrheit – das Leben selbst einfangen will. Ich male lieber Menschenaugen als Kathedralen, so sein trotziges Credo. Dabei geht es ihm selbstverständlich nicht um genaue Wiedergabe, um hundertprozentige Ähnlichkeit. Das Bild ist ja keine Kopie der Wirklichkeit wie die Fotografie, sondern Ausdruck der eigenen Empfindung: Ich suche jetzt das Wesentliche zu übertreiben, die Farbe eigenmächtiger, suggestiv einzusetzen, um mich kraftvoller auszudrücken. Nur so, betont er, werde das Bild wahrer als die buchstäbliche Wirklichkeit. Auf den Kunsthandel seiner Zeit kann so viel Modernität freilich nur abschreckend wirken. Vincent weiß, dass dieser oder jener Kunsthändler sehr freundlich , aber in seinem Herzen schämt er sich meiner, und meine Arbeiten lässt er glatt liegen. Da hilft es nicht viel, dass sein Bruder bei einer großen Kunsthandlung angestellt ist. Beziehungsweise: Es hilft nur insofern, als jener dort gerade so viel verdient, um Vincent ein Existenzminimum zu sichern. Deshalb ist dieser meistens auch schrecklich in der Klemme: … seit ich … in mein eigenes Atelier gezogen bin … habe ich mir vielleicht sechs- oder siebenmal ein warmes Mittagessen gegönnt … Es ist eine vollständige Entkräftung … Nun habe ich es durch starkes Rauchen verschlimmert, und das habe ich getan, weil man dann seinen leeren Magen nicht so spürt. Hier sollte man innehalten, den Absatz noch einmal lesen und diesen Sachverhalt in seiner ganzen Ungeheuerlichkeit begreifen: Van Gogh, VAN GOGH leidet hungers! Die Zeitspanne, auf die er sich bezieht, beträgt übrigens ein halbes Jahr: von Mai 1885 bis Februar 1886. Er ist sich sicher: Es wird sich nie ändern. Dass er auf ces messieurs, die (höchst aktuell!) Schacher mit den Bildpreisen treiben, nicht gut zu sprechen ist, liegt auf der Hand: … sehr viele reiche Leute, die aus irgendeinem Grund teuere Bilder kaufen, es nicht wegen des Kunstwertes, den sie darin sehen. Einst investierten sie in Tulpen, jetzt – in Bildern. Unersättliche Geldwölfe seien das: Gegen Geld bin ich nicht gleichgültig, aber ich verstehe die Wölfe nicht, gesteht er mit einer gewissen Resignation. Auf das Publikum, das nur das Glatte und Süßliche liebt und die neuen Maler wie die Verrückten behandelt, setzt er schon gar nicht. Nicht einmal in seinem geliebten Arles, seinem Japan, findet er wirklich Anschluss (den Postmeister Roulin mal ausgenommen...). Die folgende Bemerkung von Juli 1888 bezeugt das Ausmaß seiner enttäuschten Hoffnungen sowie seiner Vereinsamung: Als ich herkam, hatte ich gehofft, man könnte hier Kunstliebhaber heranbilden, aber bisher bin ich keinen einzigen Zentimeter ins Herz der Menschen eingedrungen … So vergeht eine lange Reihe von Tagen, ohne dass ich auch nur mit einem einzigen Menschen spreche, außer, dass ich mein Essen bestelle oder einen Kaffee. Und so ist es von Anfang an. Dennoch steht er unerschütterlich zu seinen einmal getroffenen Entscheidungen: … ich wähle bewusst den Hundeweg, ich bleibe Hund, ich werde arm, ich werde Maler. Und das wird er, Tag um Tag, immer mehr: Maler, Künstler, Schöpfer, in jener fortgesetzten Reihe, in der einer dem anderen die Fackel reicht. Der Preis, den er zahlt, ist hart. Der Hundeweg kostet Kraft und Gesundheit, und er ist übersät mit Schmerz und verlorenen Illusionen, doch gleichzeitig, gleichzeitig, gewährt er ihm die Wachheit, der seine Kunst so bedarf. Und, so als ob sich der Kreis irgendwie schließen müsste, wird diese alles fordernde Kunst mit der Zeit zum einzigen Mittel, mit dem Leben fertig zu werden. Nun: geistig überwach, feinfühlig, besonnen – so tritt uns Vincent aus den Briefen an seinen Bruder Theo entgegen. Wo ist denn der verrückte Trunkenbold, der die braven Bürger mit seiner Offenheit und Heftigkeit in Angst und Schrecken versetzt, fragt man sich als Leser unwillkürlich. Dieser Vincent ist alles andere als aggressiv oder asozial. Ganz im Gegenteil: ein intellektueller, ja weiser Mann, so erscheint er hier. Immer wieder stellt er seine Liebe zur Literatur unter Beweis (seine Lieblingsautoren: Zola, Maupassant, die Brüder Goncourt); er ist nachdenklich, die Schlüsse, die er zieht, so einsichtig: Wenn man die Dinge genauer untersucht, sieht man, dass die größten und tatkräftigsten Menschen des Jahrhunderts immer gegen den Strom geschwommen sind, und dass sie stets aus eigenem Schöpfungsdrang gearbeitet haben, sowohl in der Malerei als auch in der Literatur... Die Parallelität dieser Ausnahmeschicksale sticht ihm ins Auge: … immer dieselbe Geschichte, Geldmangel, schlechte Gesundheit, Widerstand, Alleinsein, kurz Mühsal von Anfang bis Ende. Meint er damit auch sich selbst? Zweifelsohne. Denn wenn er Theo gegenüber seine Erfolglosigkeit auf fast herzzereißende Weise zu entschuldigen versucht – seines Wertes ist sich Vincent durchaus bewusst: … sie werden meine Arbeit später doch kennen, und über mich schreiben werden sie auch noch mal, wenn ich tot bin... Doch nicht so selbstsüchtig wie andere Künstler sieht er die Notwendigkeit des Sich-gegenseitig-Unterstützens ein und richtet sein Haus in Arles als Künstlerhaus ein. Umso erschütternder ist es zu sehen, wie kläglich das Zusammenleben mit Gauguin, das so sorgfältig vorbereitete, scheitert. Ebenso: die Klarsicht, mit welcher er seine Krankheit einschätzt und sich freiwillig in die Nervenheilanstalt in Saint-Rémy begibt. Der Abschied von Arles wird ihm angesichts jener Petition besorgter Bürger, die beim Bürgermeister seine Zwangsinternierung gefordert (und zeitweise auch durchgesetzt) hatten, leichter gefallen sein: … es war für mich ein schwerer Stoß vor die Brust, als ich sah, dass es hier so viele Leute gibt, die feige genug sind, sich gegen einen einzigen, noch dazu gegen einen Kranken, zu verbünden. Schande über euch, Bürger von Arles! – möchte man ihnen als Leser ins Gesicht schreien. Die Übersiedlung nach Saint-Rémy und dann nach Auvers tat Vincents Schaffenskraft keinen Abbruch. Er malte bis zu jenem 27. Juli 1890, als er sich in die Brust schoss. Am 29. Juli verstarb er. Sein Bruder Theo überlebte ihm um – ein halbes Jahr.

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