Was ich von Virginia Evans‘ „Die Briefeschreiberin“ erwartet habe, kann ich nicht benennen – das ist vielleicht auch gut so, denn so kann die Geschichte schon keine Erwartungen enttäuschen.
Worum es geht, ist schnell bzw. nicht zu umreißen: Sybil van Antwerp hat die Schallmauer der 70 durchbrochen und beginnt eine Art Rückschau bzw. Auseinandersetzung mit sich selbst, und zwar in Auszügen aus ihren Briefen, die ihr Vehikel, sich mit ihren Mitmenschen auseinanderzusetzen, sind.
Mehr sollte man zur – ohnehin überschaubaren – Handlung nicht erwähnen, was keine Kritik ist, da es bei Briefromanen ohnehin eher um Innenschau geht. Die Briefe umfassen einen Zeitraum von den frühen 1950er bis 2020er-Jahren, also in der Tat mehr oder minder Sybils gesamten Lebensweg. Der letzte Briefroman, den ich (bewusst) gelesen habe, dürfte „Die Geschichte des Fräuleins von Sternheim“ gewesen sein … Briefromane sind nicht gerade DAS Genre für mich, aber eine kratzbürstige Protagonistin klang zu verlockend. Und um das Leben einer Figur abzubilden, ist der Briefroman eigentlich ein sehr gutes Mittel, so auch hier: Wie sich beim Zusammenfügen von Puzzlestücken ein Bild ergibt, erkennt man durch den sich verändernden Ton von Briefen bzw. Mails Sybils Entwicklung, ihre Stimmungen, ihre (Selbst-)Erkenntnisse. Welche das sind, sei nicht verraten, da sie teils doch „ans Eingemachte“ gehen und die im Klappentext erwähnten Fehler nicht unbedingt Lappalien sind. Nur so viel sei erwähnt: Sybil ist eine eigenwillige Figur: unnahbar wirkend, burschikos, wohl um sich zu schützen, nicht um Aufmerksamkeit buhlend, mit einem eher spröden Humor gesegnet – sicher nicht „everybody’s darling“. Der Tonfall ist meist distanziert, wobei das nicht offensichtlich ist, etwa indem sie Briefe an ihren Bruder mit einer ungewöhnlichen Grußformel einleitete oder beendete, nein, es ist der Tonfall, der klarmacht, dass Menschen Sybil „fremd sind“ (in mir regte sich die Frage, ob das eine gute Voraussetzung für eine Juristin sei). Durch die unterschiedlichen Adressaten ist der Tonfall zwar stets leicht anders, aber in der Regel einfach. Das wiederum warf bei mir die Frage auf, ob er einer (hochrangigen) Juristin gemäß ist oder ob das ein „Trick“ ist. Dass Evans auch Sybils nicht abgeschickte Seiten oder solche mit korrigierten Daten einflicht, verleiht Ungesagtem eine große Bedeutung. Wollte man interpretieren, könnte man das auf nicht gesprochene Urteile beziehen, aber käme das hin? Denn es gibt auch einige Stellen, die quasi inhaltlos wirken, was der Geschichte Längen einbringt. War die Protagonistin sympathisch? Ja und nein. War die Lektüre erhellend bzw. unterhaltsam? Ja und nein. Gibt es eine Leseempfehlung? Ja und nein, denn da die Geschichte keine Handlung im eigentlichen Sinne hat, sollte man ein Faible für die Innenschau einer widerborstigen älteren Frau auf ihr Leben mitbringen. Sicher kein Buch für eine breite Leserschaft, aber lesenswert, insofern 3,5 aufgerundete Sterne.









