Das Leben des Vernon Subutex 1

von Virginie Despentes 
4,0 Sterne bei43 Bewertungen
Das Leben des Vernon Subutex 1
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Positiv (32):
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Sehr viele Personen, das ist verwirrend. Bin gespannt, wo die Reise in Band 2 hingeht.

Kritisch (4):
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Die oberflächlichen Charaktere und ihre Geschichten konnten mich nicht fesseln.

Alle 43 Bewertungen lesen

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Inhaltsangabe zu "Das Leben des Vernon Subutex 1"

Der erste Band der erfolgreichen Subutex-Trilogie im Taschenbuch.
Wer ist Vernon Subutex? Eine urbane Legende, der letzte Zeuge einer Welt von Sex, Drugs und Rock ‘n‘ Roll, einer, mit dem es unsere Zeit nicht gut meint. Gerade noch Besitzer eines Kult-Plattenladens mit Erfolg und besten Kontakten, steht er nun plötzlich auf der Straße und quartiert sich mithilfe von Facebook und einer Notlüge reihum bei alten Freunden und Weggefährten ein – so beginnt eine Reise zu den Abgründen einer zutiefst verunsicherten Gesellschaft. Es entsteht ein grandioses Sittengemälde unserer Zeit, das kein gesellschaftliches Thema unberührt lässt, die Islamismusdebatte ebenso wenig wie den Aufstieg der Rechten. Als der Roman 2015 in Frankreich erschien, führte er monatelang die Bestsellerlisten an und machte seine Autorin zu einer der wichtigsten und gefragtesten Schriftstellerinnen des Landes. Mit ihrer Subutex-Trilogie ist Virginie Despentes eine 'menschliche Komödie' unserer Zeit gelungen – der Vergleich mit Balzac ist nicht zu hoch gegriffen.

Buchdetails

Aktuelle Ausgabe
ISBN:9783462052077
Sprache:Deutsch
Ausgabe:Flexibler Einband
Umfang:400 Seiten
Verlag:Kiepenheuer & Witsch
Erscheinungsdatum:07.09.2018
Das aktuelle Hörbuch ist am 15.11.2017 bei Der Audio Verlag erschienen.

Rezensionen und Bewertungen

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    StefanieFreigerichts avatar
    StefanieFreigerichtvor einem Monat
    Kurzmeinung: früher aus Vergnügen in fremden Betten, heute, wohnungslos, aus Not. Episodenartiger Querschnitt von Paris
    Verunsichert und durch alle Betten

    „Vernon war von zwanzig bis fünfundvierzig Plattenverkäufer gewesen. Auf seinem Gebiet waren Stellenangebote noch seltener, als wenn er im Kohlebergbau gearbeitet hätte.“ S. 8. Das Internet hat seine Einkommensbasis ausgelöscht. Ein wenig hält er sich noch über Wasser mit dem ebay-Verkauf von Platten und dadurch, dass sein alter Kumpel Alex Bleach ihm die Miete bezahlt. Nach Alex‘ Tod verliert Vernon die Wohnung.

    Vernon schlief sich früher durch die Betten aller Frauen, jetzt schläft er sich durch Klappcouches, Gästebetten, die Betten einsamer Frauen, kommt bei Freunden unter, Freunden von Freunden, couchsurfing in Paris. „Wenn du über vierzig bist, duldet dich Paris in seinen Mauern nur noch als Eigentümerkind, der Rest der Bevölkerung setzt seinen Weg anderswo fort.“ S. 17 

    Kein Buch für Personen, die empfindlich hinsichtlich der Sprachwahl sind: es taucht wohl jede Bezeichnung für Geschlechtsorgane und Geschlechtsverkehr auf, für Drogen und Drogenkonsum. Nur einiges ist eher harmlos: „Männer ihres Alters stoßen sie ab, ihre Eier hängen herunter wie sklerotische Schildkrötenköpfe.“ S. 54 (Emilie). Wollte ich darüber nachdenken?

    Das Buch ist der erste Band einer Trilogie über Vernon Subutex, hätte aber genausogut „Alex Bleach“ im Titel haben können, den unter Drogeneinfluss ertrunkenen Freund, den natürlich auch die Freunde kannten, bei denen Vernon unterkommt, ehemalige Bandmitglieder, ehemalige Geliebte, Branchenkontakte, Kokser, Rechte, Transsexuelle, Enttäuschte. Die Geschichten reihen sich aneinander wie in einem Episodenroman mit Vernon und Alex als Bindeglieder – und mit den Bandaufnahmen von Alex, deren Existenz Begehrlichkeiten weckt. Somit ist das dann eine Geschichte (die Suche nach den Bändern) in Geschichten (von Vernon und Alex) in vielen Einzelgeschichten (von Xavier, Emilie, Céleste, Laurent Dopalet, Sylvie, Lydia Bazooka,…..), die alle auch wieder Berührungspunkte haben.

    Sprachlich gibt es einiges – teils mit viel Vulgarismen, dann wieder poetisch „Jede Erinnerung ist vermint. Eine Decke, die er sorgfältig über der Angst ausgebreitet hatte, rutscht weg – sie berührt die Haut.“ S. 91 Das Thema, dass nur die Kinder (und Schwiegerkinder) reicher Eltern sich das Leben in Paris leisten können, zieht sich durch’s ganze Buch und langweilte mich dadurch etwas (da bekommt wirklich kaum jemand sein Leben aus eigener Kraft hin, vielleicht noch Alex, der sich aber für seinen Reichtum schämte, oder die Hyäne, von Beruf Internet-Troll). 

    Häufig fand ich überraschend treffsichere Bemerkungen, wie zu Sélim: „Die Französische Republik hatte ihm vorgegaukelt, wenn er sich ihre universelle Kultur zu eigen machte, würde sie ihn wie all ihre Kinder mit offenen Armen aufnehmen. … Aber auch mit Hochschuldiplom sind die Araber die Kanaken der Republik geblieben… .“ S. 257 Das wirkt nicht spezifisch französisch, höchstens in den speziellen Institutionen, Filmen, Moden; es gibt seeeeehr viel name dropping, ich schwöre, in fünf Jahren kann das selbst ein Franzose nur mit Mühe alles zuordnen.

    Die Perspektive wechselt fortwährend zwischen Vernon und seinen Gastgebern, dabei wiederholt sich das Motiv, dass zwei Personen (gerne ein Paar) ein und dieselbe Situation durchaus unterschiedlich erleben können. Über Paarbeziehungen kommt da nichts Positives heraus. Am meisten beeindruckt hat mich der Abschnitt mit Patrice: eine Frau schreibt so über einen Mann, der seine Frau verprügelt, dass er mir überraschend und gegen meinen Willen sympathisch wurde. 

    Insgesamt bin ich mir nicht so sicher, um was es im Buch geht, in Paris kann man nur als reicher Erbe leben und selbst das gibt keine Sicherheit? Das Ende (nicht der Schluss) ist eine Frechheit. Schreibstil und Inhalt wechseln gut mit sinnentleert. Ich habe hier Band 2 stehen.

    3 Sterne.




    Edit: eine sehr gute Rezi (Sternenanzahl + inhaltlich) liefert rallus: https://www.lovelybooks.de/autor/Virginie-Despentes/Das-Leben-des-Vernon-Subutex-2-1500760829-w/rezension/1635718916/
    Ich kann, so merkwürdig das klingt, seine Meinung teilen und habe trotzdem meine 3 Sterne oben vergeben (rallus' Text habe ich nachher gelesen). Wenn man es mit der "Ferrante-Saga" vergleicht (mehr wegen der vielen Teile und weil auch ein eigener Kosmos aufgebaut wird, eine Region, hauptsächlich eine Schicht, viele Leute, größerer Zeitraum): Ferrante verschreckte mich von der Wortwahl weniger, dafür glitten mir die Seiten bei Despentes nur so dahin (da fand ich Ferrante schon oft ganz schön zäh). Bei Despentes kam ich (meistens) mit der Personenfülle mit, vom "name dropping" abgesehen. 
    Also: der Vernon, das hat was, ich weiß nur nicht, was.

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    MilaWvor 4 Monaten
    Kurzmeinung: Manchmal erhellendes, aber oft anstrengendes Kaleidoskop der Gelüste, Ängste und des Hasses der Pariser Gesellschaft.
    am Boden

    Vernon Subutex hat ein bequemes Leben, bis er alles verliert. Seinen Plattenladen, seine besten Freunde und schließlich seine Wohnung. Auf der Suche nach einer Bleibe schläft er mal hier mal dort, überall in Paris und lernt dabei die Untiefen der französischen Gesellschaft kennen.

    Virginie Despentes portraitiert die dunkle Seite von Paris, fern von Sehenswürdigkeiten und Romantik. Sie zeigt Pornodarstellerinnen, frustrierte Geliebte, fremdenfeindliche Familienväter, gescheiterte Rockstars, Transsexuelle, Nationalisten, verlorene Töchter, Profiteurinnen, Obdachlose... Und alle sind sie süchtig nach Sex, Drogen, Aufmerksamkeit, Geld.

    Das ist oft vulgär und stark überzeichnet, chargiert zwischen amüsant und deprimierend. Niemand ist sympathisch, alle haben geheime Lüste, offene Feindschaften und ein schiefes Selbstbild. Dass das eine treffende Analyse der französischen Gesellschaft ist, bleibt lieber nicht zu hoffen, denn es offenbaren sich Abgründe. Ein Verdienst der Autorin ist auf jeden Fall, dass sie den Leuten „auf’s Maul“ und in die tiefsten Gedanken schaut und unzensiert und ohne zu moralisieren das wiedergibt, was zu Tage kommt. Das kam mir manchmal etwas zu dick aufgetragen vor, manchmal ist die Flut an vulgären Beschimpfungen eher anstrengend, vielleicht klingt das auf Französisch feinsinniger. Weil ich mich teilweise durchquälen musste, gebe ich eine reduzierte Punktzahl, werde aber dem Nachfolgeband noch eine Chance geben.

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    Literatur-Universumvor 5 Monaten
    Kurzmeinung: Die Geschichte über den Fall eines Menschen durch den Fortschritt der Technik
    Von einem Heimatlosen

    Vernon ist ein Bettler. Der ehemalige Sonnyboy und Plattenhändler fristet ein Leben vor dem sich jeder ekelt. Wenn man an solchen Menschen vorbeigeht, denkt man sich zumeist "geh doch arbeiten". Aber wie wird man überhaupt zu einem Bettler? Was bewegt einen Menschen dazu auf die Straße zu gehen? Mit diesen Fragen beschäftigt sich die Bestsellerautorin Virginie Despentes (Bestsellerbuch: "Baise moi"). Zudem zeichnet sie eine französische Gesellschaft, die so nah am Puls der Zeit ist, dass ein unglaublich glaubwürdiges Werk entstanden ist.

    Terror, Religion und Fremdenhass sind zentrale Themen dieses Buches. Die zahlreichen Figuren spiegeln die Individuen der französischen Unzufriedenheit des 21. Jahrhunderts. Teilweise spielen die Figuren nur eine periphere Rolle für die Erzählung. Wie Zaungäste posaunen sie ihre Wut in den Äther und verschwinden wieder. Andere Figuren Spielgen ebenfalls eine Infertilität, aber sie erzählen zugleich auch die Geschichte von Vernon bzw. schildern ihre Erinnerungen an ihn, sodass man näher an den wichtigsten Protagonisten des Romanes rückt.

    Das zentrale Motto von Vernon ist sich nicht über Krisen Gedanken zu machen, dann tangieren sie einen auch nicht. Diese Leichtigkeit führt dazu, dass er nach der Schließung seines Ladens nie in das Leben zurückfindet. Viele seiner besten Jugendfreunde sind früh gestorben. Seine Eltern sind ebenfalls früh umgekommen. Allein, aber immer in Gesellschaft von Frauen, glaubt er sich durchschlagen zu können und verwirft Zukunftsgedanken. Als Alex, der ein "Zweck-Freund" ist und ein reicher Megastar, stirbt, fehlen ihm die nötigen finanziellen Mittel, die er ihm zur Verfügung gestellt hatte, um seine Wohnung zu bezahlen. Nach 4 Monaten muss er sie verlassen und landet auf der Straße. Es beginnt die Suche nach alten Freundschaften und die Geschichte eines Aufbruchs ins Ungewisse. Als Journalisten und Produzenten sich vornehmen ein Buch über Alex zu schreiben, rückt Vernon noch einmal in den Fokus, da er ihn sehr gut gekannt hatte. Doch seine fehlende Wohnadresse führt dazu, dass sie, genauso wie der Protagonist selbst, ins Leere tappen.

    Sprachlich ist es ein absolutes Meisterwerk. Die Figuren bedienen sich einer gehässigen, aber zugleich extremen Bildlichkeit in der Sprache. Es wird auf zentrale Themen der heutigen Gesellschaft eingegangen und die Frage nach der Wertigkeit eines Menschen gesucht. Zusammengesetzt ergibt das ein sehr spannendes Buch und eine noch viel spannendere Entdeckung einer Lücke im System. Umwerfend und polarisierend. Man darf sich freuen, dass es 2018 eine Fortsetzung gibt.

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    Sumsi1990s avatar
    Sumsi1990vor 10 Monaten
    Sex, Drugs, Rock'n'Roll und ein Haufen Gesellschaftskritik

    Vernon Subutex ist nach der Schließung seines Plattenladens arbeits- und auch ziemlich antriebslos, sodass er nach einiger Zeit sogar seine Wohnung verliert. Glücklicherweise gibt es jedoch die sozialen Netzwerke und Vernons viele alte Bekanntschaften aus der Musikszene. So zieht er durch Paris und kommt immer wieder bei anderen Freunden unter. Bei dieser Reise durch die Stadt lernt der Leser viele ganz unterschiedliche Charaktere kennen, die einen Querschnitt der Gesellschaft bilden...


    Dieses Buch stellt für mich eines der besten in 2017 dar und ich war wehmütig als es geendet hat. Die Autorin schafft es so viel Kritik und aktuell wichtige Themen in einen so leichten und angenehmen Text einzubauen. Sie drückt trotz der eher einfachen Sprache so viel aus, was ich in der Form noch nie gelesen hatte! Natürlich darf man aber bei dieser Lektüre nicht allzu zart besaitet sein. Der Stil der Autorin ist direkt, dreckig und derb, was ich aber sehr schätze! Hier wird definitiv nicht um den heißen Brei geredet...


    Nur vom Ende war ich anfangs nur ein wenig befremdet, da ich nicht wusste, dass eine Triologie geplant ist. Vor dem Hintergrund ergibt das offene Ende und die vielen ungeklärten Punkte aber natürlich Sinn und ich kann den zweiten Teil kaum erwarten! 

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    Gwhynwhyfars avatar
    Gwhynwhyfarvor einem Jahr
    Bild der heutigen Gesellschaft

    »Das Leben ist oft ein Spiel in zwei Sätzen: Im ersten schläfert es dich ein und lässt dich glauben, dass du führst, und im zweiten, wenn du entspannt und wehrlos bist, serviert es dir seine Schmetterbälle und macht dich alle.«

    Vom angesagtesten Plattenverkäufer in Paris zum Clochard … So könnte man dieses Buch in einem Satz zusammenfassen. Vernon Subutex besaß früher einen Plattenladen, aber nicht irgendeinen, denn der Punk-Rock-Fan hatte besondere Scheiben, bei ihm trieb sich die Musikszene herum, die Intellektuellenszene. Daher kennt er einen Haufen interessanter Leute aus den Branchen Musik, Film und Literatur. Mit allen ist er auf Facebook befreundet. Irgendwann lief der Laden nicht mehr so gut, man stieg auf CD’s um und dann kam die Zeit, in der man elektronisch seine Musik herunterlud. Vernon gab auf, verkaufte auf e-bay den Ramsch aus dem Keller: T-Shirts, Poster usw. Das wiederum war historischer Kult, das Geschäft lief gut. Irgendwann war der Keller leer.

    Vernon Subutex steht für eine ganze Generation. Subuetx ist ein starkes Schmerzmittel, wird auch als Heroinersatz gegeben. Vernon schließt den Laden, meldet sich arbeitslos. Er verhält sich nicht kooperativ genug, bewirbt sich nicht genügend, verliert das Arbeitslosengeld. Zunächst wird Vernon von dem Sänger Alex unterstützt, sie kennen sich aus Jugendtagen, Alexandre Bleach, sein alter Rock-Band-Kollege, der als Schlagersänger Karriere machte. Alex schickt ihm monatlich einen Scheck, damit Subutex seine Miete zahlen kann, nicht verhungert. Doch Alex bringt sich um, macht Schluss in der Badewanne eines Hotels. Und nun steht der Gerichtsvollzieher vor Vernons Tür, setzt ihn auf die Straße. Ihm verbleibt sein geliebtes Handy, sein sozialer Kontakt zu Facebook. Irgendwann verweilte Vernon kurz in Kanada. Die meisten Leute haben nicht mitbekommen, dass er lange wieder zurück in Paris ist.

    »Das Entscheidende, und er hat lange gebraucht, um es zu begreifen, ist eine Braut, die mit einer Wohnung wie dieser, verlängerten Wochenenden in der Sonne und einem großen, gut gefüllten Kühlschrank geliefert wird.«

    Seit Alex Tod schreibt Vernon begeistert Kommentare bei Facebook, bringt sich in der Damenwelt in Erinnerung. Er braucht eine Unterkunft. Und so schläft er sich von Wohnung zu Wohnung, von einer Katastrophe zu nächsten, bis er irgendwann auf der Parkbank landet.

    »Ich habe keinen sozialen Status. Ich habe keine berufliche Zukunft. Wenn ich auf die Gewalt verichte, wann fühle ich mich dann als Herr? Ehrlich mal, wer respektiert einen unterwürfigen Proleten?«

    Digitalisierung, Wirtschaftskrise, steigende Mieten in den Metropolen, der Abstieg ganzer Gesellschaftsgruppen, der einfache Ladenbesitzer, der sich das alles nicht mehr leisten kann. Auf der anderen Seite stehen Superreiche, die in riesigen Wohnungen Partys geben, Vernon verdient sich gern ein paar Euro als privater DJ, reiche Männer, junge Mädchen, Drogen.

    »Sie hat eine Aufnahmeprüfung bestanden, ist Staatsbeamte, hat ihren Iro gegen einen dezenten Bob eingetauscht. Sie kleidet sich bei Zara ein, wenn sie dort etwas in ihrer Größe findet. Sie ist Spezialistin für Olivenöl und grünen Tee, hat Télérama abonniert und spricht auf der Arbeit mit ihren Kolleginnen über Rezepte. Sie hat alles getan, was sie nach dem Wunsch ihrer Eltern tun sollte. Aber sie hat keine Kinder, und deshalb zählt alles andere nicht. Bei den Familienmahlzeiten ist sie das schwarze Schaf.«

    Vernon gibt vor, aus Kanada zu Besuch zu kommen, er sucht eine Unterkunft. Er ist ein Charmeur und nicht unansehnlich. Schnell nimmt ihn die Damenwelt auf, doch er bereut schnell, sich mit der jeweiligen eingelassen zu haben. Auch die Männer, die ihm kurz Unterschlupf gewähren, meinen es nicht unbedingt gut mit ihm. Allesamt stammen aus dem Kulturbereich und alle haben Probleme, befinden sich auf dem Abstieg. Einige möchten vom Tod von Alex profitieren, dem berühmten Sänger, mit dem Vernon bekannt war. Jeder glaubt, noch einmal die Leiter nach oben zu klettern mit einem Film, einem Buch über Alex. Vernon besitzt ein paar Casetten mit Interviews von Alex. Diese ganze Gesellschaft ist ein Bienenvolk, emsig, immer den Stachel ausgefahren, jemanden zu stechen, der ihnen über den Weg läuft.

    »Unfassbar, was so ein kleines Geschöpf für einen Schaden anrichten kann, sowohl in puncto Lärm, als auch in puncto materieller Zerstörung: Zum ersten Mal seit er da war, fand Vernon an der widerlichen Sammlung von Stofftieren etwas Gutes: Man kann sie an die Wand werfen, sie zerbrechen nicht und machen kein Geräusch. Aber es sah so aus, als würde das Sylvies Zerstörungswut noch steigern.«

    Egoistisch, narzisstisch, eifersüchtig, melancholisch bis depressiv, immer laut und garstig, eine pöbelnde Gesellschaft, deren Zweck es scheint, über andere herziehen zu müssen, um sich selbst ins Licht zu setzen. Frauen, die Vernon vereinnahmen, er hält es nicht aus, beklaut sie haut ab. Fotos von Facebook und Instagram verraten, wer die Nächste ist, er rechnet nicht mit der Reaktion der Furien. Die Figuren hassen sich selbst und projizieren ihren Hass auf den Rest der Welt, eine neue Welt, in der sie selbst nicht mehr gefragt sind. Es wird viel gesoffen, geneidet, die Worte sind derb, die Männer rassistisch, man ahnt warum der »Front Nacional« soviel Zuspruch erfährt, die ehemals Linken zu den Rechten hinüberlaufen.

    »Ich habe mir die Fotos der Kleinen angeguckt und begriffen, was mich am meisten runterzieht … Sie sieht so aus, als würde sie bis spät in die Nacht Hausaufgaben machen, sie trägt ein Kopftuch und macht ein Gesicht, als wäre sie permanent eingeschnappt …«

    Die Figuren sind sehr unterschiedlich, aber doch bezeichnend für unsere Gesellschaft. Jede wird einzeln vorgestellt. Die junge Aisha, 19, ihr Vater Sélim ist Universitätsprofessor, bekommt heraus, dass ihre Mutter, die sie nie kennenlernte, sehr bekannt war: der Pornostar Vodka Satana. Entsetzt konvertiert sie zum Islam. Sylvie war einmal heroinabhängig, sie betrachtet die körperlichen Folgen fasziniert im Spiegel. Xavier, Drehbuchautor, und Script-Doctor, heute erfolglos, kahlrasierter Schädel, übergewichtig, schlägt seine Frau. Er beschwert sich übelst über die vielen Muslime im Land.

    »Die dicke Kuh hat Humor. Oder sie ist verrückt. Wenn sie nicht so dreckig wäre, würde er denken, sie gehöre zu der Kategorie von Menschen, bei denen man nicht weiß, ob sie genial oder völlig durchgeknallt sind. Er hockt sich neben sie. Scheiß auf die Distanz.«

    Mein Herz hing nicht an Vernon, Mitleid blieb mir fern, er ist nicht besser als die anderen. Doch ganz zum Ende konnte er mich packen. Dicht vor einem Tränchen mit Vernon allein auf der Straße, der immer mehr die Distanz verliert, dem irgendwann alles scheißegal ist. Hier lernt er andere Typen kennen, das andere Paris, schließt Freundschaft mit denen, gegen die sich Wut seiner alten Bekannten richtet. Die Sprache ist echt, gnadenlos, gezielt gesetzt, mal schockierend, mal beißend satirisch, gelegentlich bitter. Mir hat das Buch sehr gefallen, das Gesellschaftsporträt einer Großstadt.

    Virginie Despentes wurde im letzten Jahr als Nachfolgerin von Régis Debray in die Académie Goncourt gewählt. »Das Leben des Vernon Subutex« ist in Frankreich ein Bestseller und ist als Trilogie angelegt. Der dritte Teil erscheint in Frankreich in diesem Jahr. Die Bücher sind als TV-Serie verfilmt.

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    ralluss avatar
    rallusvor einem Jahr
    Kurzmeinung: Ein BUch wie ein Faustschlag ins Gesicht. Dirket, Schmerzvoll und nachhaltig
    Jeder gegen jeden

    Wut! Neulich habe ich in einem Online Magazin  gelesen, dass unsere Gesellschaft von Wut zerfressen ist. Jeder kämpft gegen jeden, um noch das letzte bisschen Quadratmeter Platz zu bekommen, um schneller in der Schlange zu sein, früher beim Doktor dranzukommen, das letzte Schnäppchen noch zu ergattern, den letzten Parkplatz zu belegen, Platz auf der Autobahn, um dann mit 180 den Vordermann wegzuschieben, den letzten pünktlichen Zug zu erwischen (wobei DAS existiert längst nicht mehr) einfach das letzte bisschen Aufmerksamkeit und Menschlichkeit, das es noch gibt, zu erhaschen. Als würde es das alles morgen nicht mehr geben.

    Und dabei wird gnadenlos alles um einen herum niedergemacht, mit den Möglichkeiten die man so hat. Verbal, hinterlistig, anwaltlich oder einfach mal draufschlagen. Was, du hast meine Freundin schief angeschaut? Druff! Weil in fast jedem die Wut und der Hass regiert. Und durch die Politik fühlt sich niemand mehr vertreten. Ist das nur in Deutschland so? Im vorliegenden Buch, wird die französische Gesellschaft bitterböse und gnadenlos seziert. Doch man hat das Gefühl es kann überall sein.

    „Jetzt im Monoprix hätte er gern eine Bazooka dabei. Die dicke Blonde da mit ihren fetten Schenkeln in Minishorts, die sich rausputzt, als wäre sie ein Klasseweib, dabei ist sie einfach eine Kuh: eine Kugel in den Kopf. Das Pärchen dort im Kooples-Stil, katholisch und ultrarechts, sie mit Retrobrille und straff nach hinten gekämmten Haaren, er mit Schönlingsfresse und Ohrhörer, der zwischen den Regalen telefoniert, während sie nur superteures Zeug einpacken, beide in cremefarbenem Regenmantel, damit man ja auch sieht, dass sie Rechte sind: eine Kugel in die Fresse. Der dicke Geldsack, der auf den Arsch der Mädchen starrt, während er sein Halalfleisch kauft: eine Kugel in die Schläfe. Die Judenmammi mit ihrer Perücke und den widerlichen Titten, die ihr gleich überm Nabel gewachsen sind, er hasst Weiber, die ihre Titten mitten auf dem Bauch haben: eine Kugel ins Knie. Einfach draufhalten, zusehen, wenn die Überlebenden wie Ratten davonrasen und sich unter den Regalen verkriechen, die ganze Scheißbande, die hier versammelt ist, um sich den Wanst vollzuschlagen, mit ihrem erbärmlichen Hang zum Lügen, Schummeln, Tricksen, Vordrängeln, Angeben. Alles in die Luft jagen!“

    Vernon Subutex hat sich jahrelang über Wasser gehalten. Nachdem die Musik-Downloads aufkamen, musste er seinen Plattenladen aufgeben. Von den Resten, die auf Ebay verkaufte, hat er aber noch gut gelebt. Und das hat auch irgendwie, mit Hilfe von Freunden, Aushilfsjobs und der Stütze, gereicht. Nun ist Alex tot. Alex, den er immer anschreiben konnte, der wegen der alten Zeiten seine Miete einfach so mit einem Schnipp überwiesen hat. Und jetzt fliegt er aus der Bude raus, der schmale Grat ist überschritten. Was nun? Nun beginnt eine Reise durch viele Betten in Paris. Vernon klappert Freunde, alte Liebschaften und alte Kumpels ab.

    Virginie Despentes nutzt diese Gelegenheit und springt in andere Menschen hinein, in ihr Leben, ihre Ängste, ihre Wut. Manchmal muss sich der Leser den Zusammenhang mit Vernon erarbeiten, manches Mal erschließt sich er erst später im Buch. Es ist faszinierend, wie unterschiedlich diese Menschen sind, aber wie zielgenau Despentes zum Kern kommt. Jede Figur entwickelt dadurch ihr Eigenleben und nach und nach wird dem Leser diese bunte, ärgerliche, ängstliche Pariser Gesellschaft vertraut. „Die Kultur der Armen, Kiko könnte kotzen! Wenn er so leben müsste – versalzener Fraß, Metro, für unter fünftausend schuften und Klamotten im Kaufhaus kaufen. Am Airport auf harten Stühlen warten, nichts zu trinken, keine Zeitung kriegen, wie der letzte Dreck behandelt werden und Economy fliegen, ein Economy-Arsch sein, die Knie unter dem Kinn und die Ellbogen der Nachbarin in den Rippen. Altes, cellulitisches Fleisch ficken. Freitags um eins nach Hause rennen, da warten Haushalt und Einkauf.“ Ihre Sprache ist drastisch, direkt, kommt zum Punkt aber nie wertend. Despentes schwebt wie ein Voyeur über die Szenen, ist aber gleichzeitig mitten drin im Geschehen. Sie lässt den Leser sich ein Bild machen und beleuchtet die imaginären Gedanken der Personen mit 5000 Watt Birnen. Das gelingt bei solchen Personen wie Kiko dem Bankhändler, aber auch bei den Verzweifelten, den Sanften, den Suchenden oder den Pennern. Vernon ist so eine Person, die gerade durch ihr vorheriges Leben indifferent wirkt, kein Ziel hat.

     

    „Sein Handyabo ist abgelaufen, er macht sich keinen Kopf mehr um Flatrates. Im Angesicht der Katastrophe hält sich Vernon an einen Grundsatz: so tun, als ob nichts wäre. Er hat zugesehen, wie alles den Bach runterging, erst war es in Zeitlupe, dann legte der Absturz an Tempo zu. Aber Vernon hat weder die Gleichgültigkeit noch die Eleganz aufgegeben.“ Das Leben wird ignoriert oder mit Hass beworfen. Ist das auf Dauer nicht langweilig in der Wut? Ermüdet sich Wut nicht in ihrer andauernden angeschwollen Art? Nein! Despentes hat durch die Distanziertheit genug Potential, um Erholung zu schaffen und auch Sätze wie: „Wenn man über vierzig ist, gleicht die ganze Welt einer bombardierten Stadt.“ über das Buch zu verteilen. Nebenbei wird auch noch ein roter Faden in der Geschichte sichtbar. Vernon wird gesucht. Er hat etwas, wofür manche Leute viel Geld bezahlen würden.

     

    „Den Charme zu wahren, wenn man seine Frische verliert, ist ein Kunststück, das nur selten gelingt. So gern sich die Leute nützlich und großzügig fühlen, so sehr fürchten sie alte Körper, gezeichnete Gesichter und die Erbärmlichkeit einigen Glanzes. Sie werden zu Ruinen – etwas, was einmal erhaben war und nun nur noch ein Haufen Steine ist.“

    Die Charaktere werden dabei nie demontiert oder von Despentes verlassen. Jeder erhält hier seine Chance, auch die gewalttätigen Jungs:

    „‚Du bist zu sensibel. Ihr gewalttätigen Jungs seid immer die Sensibelsten.“Das ist ein Weibersatz.“Wir wussten nicht, dass wir so verpeilen würde, was?‘ ‚Und wenn wir’s gewusst hätten, was hätte das geändert?“

    Despentes Buch hält uns den Spiegel der Gesellschaft vor. In vielen Charakteren wird sich der Leser das ein oder andere Mal finden. Dennoch wird das Buch nie negativ oder erschöpfend. Im Gegenteil man liest so manches Mal seine eigenen Gedanken, so wie man selbst sie nicht niederschreiben würde. So wie ich, der Leser, auch nie denken würde. Das Leben des Vernon Subutex ist der erste Band einer Trilogie, wobei der nächste Band erst im Frühjahr 2018 erscheinen wird.

    Eine klare Leseempfehlung!

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    Nespavanjes avatar
    Nespavanjevor einem Jahr
    Kurzmeinung: Ein gesellschaftskritischer Roman über einen obdachlosen Ex-Plattenverkäufer. Sehr gut - sehr empfehlenswert!
    Patriarchalische Gesellschaftskritik

    In - Das Leben des Vernon Subutex - begleiten wir den mittellosen und ehemaligen Plattenverkäufer Vernon durch die Obdachlosigkeit. Dabei scheint es gerade am Anfang noch alles regelbar. Der Laden ist zwar geschlossen, mit der Miete ist man ein wenig in Rückstand, allerdings gibt es da einen Freund und Gönner: der Rockmusiker Alex Bleach. Als jener aber plötzlich und unerwartet aus dem Leben scheidet kann Vernon gar nicht mehr für die Miete aufkommen und wird an die Luft gesetzt. Anfangs greift er auf fadenscheinige Lügen zurück und hangelt sich mehr Recht als Schlecht von einem Freund zum nächsten. Doch sein soziales Netz ist zu löchrig, als es ihn ewig halten könnte.
    Despentes entwirft nicht nur eine Geschichte über eine Moderne Herbergssuche unserer Zeit sondern präsentiert mit ihren Roman einen Querschnitt der Gegenwart in all ihren Facetten und Protagonisten Hier präsentiert sie dem geneigten Leser ein regelrechtes Panoptikum aus toten Pop- und Pornostars, verliebten Transsexuellen, depressiven Müttern und verzweifelten Frauen, Obdach- und Arbeitslosen, Rechtsradikalen, prügelnden Vätern, koksenden und großmäuligen Schaumschlägern. Niemand kommt in diesem patriarchalischen Erzählung gut weg. Hier erzählt Despentes deren jeweilige eigene Geschichte - immer lose mit dem Leben von Vernon Subutex verbunden hier ist der Protagonist der rote Faden in dieser Erzählung - und trotz der schwerwiegenden Themen - wie Hass auf Einwanderer, Drogenkonsum und Gewalt gegen Frauen, immer leicht erzählt. Somit ist - Das Leben des Vernon Subutex - auch eine Moderne Gesellschaftskritik, dass ein sehr hässliches und realistisches Bild, nicht nur der französischen, sondern auch einer europäischen Gegenwart zeichnet. Dieser Roman ist der erste, den ich von Virginie Despentes gelesen habe, aber bestimmt nicht der letzte, dass hat aber auch nicht unbedingt damit zu tun, dass Subutex als Trilogie angelegt ist, sondern weil mir der hemmungslose Erzählstil sehr gut gefallen hat. Zurzeit ist es der einzige Roman, der unteranderem mit dem Prix Anaïs-Nin (=der Preis wurde im Jahr 2015 das erste Mal überhaupt verliehen), den Prix Landerneau und dem Prix La Coupole 2015 ausgezeichnet wurde, der von ihr auf Deutsch erhältlich ist.

    Kommentare: 6
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    LeenChavettes avatar
    LeenChavettevor 2 Monaten
    Kurzmeinung: Die oberflächlichen Charaktere und ihre Geschichten konnten mich nicht fesseln.
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    TanyBees avatar
    TanyBeevor 3 Monaten
    Kurzmeinung: Sehr viele Personen, das ist verwirrend. Bin gespannt, wo die Reise in Band 2 hingeht.
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    Gulans avatar
    Gulanvor 6 Monaten
    Kurzmeinung: Zunächst interessant, später zunehmend ermüdend und redundant.
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