Vladimir Vertlibs Roman ist ein an Absurditäten reiches Panorama der poststalinistischen Sowjetunion und gleichzeitig eine berührende Darstellung der Resilienz seiner Bewohner und vor allem Bewohnerinnen. Es wimmelt nur so von Menschen, die umgesiedelt, vertrieben oder verurteilt wurden, und von den vielen Sprachen, die in dem Riesenland gesprochen wurden, auch von den Sprachen, die lieber nicht gesprochen werden sollten.
Im Mittelpunkt steht die Studentin Lina aus Leningrad, die ihren „freiwilligen“ Arbeitsdienst in Kasachstan leistet. Dort erreicht sie die Nachricht, dass ihr Vater schwer krank sei und sie rasch nach Hause kommen soll. In der Sowjetunion jener Zeit sind jedoch die Verbindungen schlecht und oft dem Zufall bzw. der Willkür des Staates überlassen. Züge werden umgeleitet, Fahrgäste wissen dann nicht, wohin es eigentlich geht, nehmen dies jedoch mit Resignation zur Kenntnis. So auch Lina, deren Heimfahrt sich über viele Tage zieht.
Auf dieser Reise lernt sie u.a. Rauschan kennen, die eigentlich Greta heißt und in Schwierigkeiten steckt. Wie groß diese sind, stellt sich erst im Lauf des Romans heraus. Doch wer wie Greta aus einer unwirtlichen Gegend kommt, in der die diversen Jahrespläne die örtlichen Menschen hungern lassen, denn „das Saatgut, das sie hatten, konnte in der trockenen Steppe nicht richtig gedeihen, weil zu wenig bewässert wurde, weil Düngemittel und Pestizide fehlten, Mäuse und Insekten Felder und Lager plünderten und die Obrigkeit für sich […] und für den Schwarzmarkt den größten Teil abzweigte“, wer aus einer solchen Gegen kommt, der hat nichts zu verlieren.
Auch sonst haben die meisten von Linas Reisebekanntschaften nichts zu verlieren, was sie zuweilen zu gefährlichen Solidaritätsaktionen animiert. Und die anderen Passagiere spielen mit: „Sie wissen alles. Wir wissen das, und sie wissen, dass wir das wissen. […] Doch die Milizionäre sind in Wjasniki ausgestiegen, und jetzt verhalten sich alle so, als wäre nichts geschehen …“
Der Irrwitz wird zuweilen vergnüglich auf die Spitze getrieben, etwa als auf dem Bahnhof von Pawlodar die „Stellvertretende Ministerin für Entwicklung und Fortschritt der Kasachischen Sozialistischen Sowjetrepublik, Genossin Maria Sergejewna Iwanowa“ die dortige Sanitäranlage eröffnet und deren Nutzen für die Volksgesundheit rühmt: „So lassen wir das Ungeziefer des Kapitalismus und die Schlangen des Faschismus weit hinter uns …“ Und das Wichtigste: „In jeder Kabine, sowohl bei den Männern als auch bei den Frauen, hängt eine Rolle Toilettenpapier!“ In Pawlodar hatte noch niemand „dieses legendäre Klopapier jemals zu Gesicht bekommen.“
Unterbrochen werden die Reiseerlebnisse und Erzählungen der Kurzzeitbekanntschaften von Linas Erinnerungen an ihre Kindheit im belagerten Leningrad, an das Leben danach und die ständige Gefahr der Deportation, doch starb Stalin gerade rechtzeitig, um ihr und ihrer jüdischen Familie dieses Schicksal zu ersparen.
Vertlibs Erzählfreudigkeit, seine Ironie und sein dann doch wieder liebevoller Umgang mit dem Personal des Romans machen das Lesen zu einem reinen Vergnügen.












