Lucia Binar und die russische Seele

von Vladimir Vertlib 
3,6 Sterne bei18 Bewertungen
Lucia Binar und die russische Seele
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alascas avatar

Witzig-ironisches Bild der österreichischen Gesellschaft mit phantastischen Anklängen.

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Humorvoll, sarkastisch, aber mit Tiefgang und Gesellschaftskritik.

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Inhaltsangabe zu "Lucia Binar und die russische Seele"

Lucia Binar gegen den Rest der Welt.

Lucia Binar ist 83, und sie ist verärgert. Die Große Mohrengasse, in der sie seit Langem lebt, soll aus Gründen der politischen Korrektheit in "Große Möhrengasse" umgetauft werden. Und die soziale Einrichtung, die sie versorgt, hat versagt: Ihr Essen wurde nicht geliefert. Der Telefondienst ist in ein Callcenter ausgelagert, dort rät ihr eine überforderte Mitarbeiterin, sich von Manner-Schnitten zu ernähren. Lucia ist empört. Sie will die Frau aufsuchen und zur Rede stellen.

Buchdetails

Aktuelle Ausgabe
ISBN:9783423145817
Sprache:Deutsch
Ausgabe:Flexibler Einband
Umfang:320 Seiten
Verlag:dtv Verlagsgesellschaft
Erscheinungsdatum:07.07.2017

Rezensionen und Bewertungen

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    Sikals avatar
    Sikalvor 2 Jahren
    Kurzmeinung: Humorvoll, sarkastisch, aber mit Tiefgang und Gesellschaftskritik.
    Mohren- oder doch besser Möhrengasse

    Lucia Binar ist 83 und hat schon einiges erlebt in ihrem bisherigen Leben. Jetzt will sie eigentlich nur noch in Ruhe ihren russischen Dichtern frönen und irgendwann mal in ihrer Wohnung einschlafen. Als es an der Tür klingelt, ahnt sie noch nicht, welche Veränderungen ihrem Leben plötzlich bevorstehen. Und damit hat nicht nur Student Moritz zu tun, der sie um eine Unterschrift für die politisch nicht mehr korrekte Mohrengasse bitten – diese soll nämlich (zumindest wenn es nach Moritz und seiner Truppe ginge) ab sofort Möhrengasse heißen. Lucia denkt erst Moritz macht Witze, doch dem ist nicht so. Dabei hat Lucia ihre eigenen Probleme – und Hunger. Denn ihr „Essen auf Rädern“ kommt nicht und als sie sich telefonisch beschwert, rät ihr die Dame vom Callcenter, sich doch übers Wochenende von Knäckebrot und Mannerschnitten zu ernähren. Als dann auch noch Hausbesitzer Willi die leerstehenden Wohnungen Obdachlosen, Asylanten und Junkies zur Verfügung stellt, diesen Mietern eine laute Musikanlage zur Verfügung stellt und die Toiletten unbenutzbar macht, sowie den Strom zeitweise abdreht, reicht es Lucia. Sie macht sich auf den Weg, um erst der Dame vom Callcenter einen Besuch abzustatten, den diese nicht so schnell vergessen wird und bei der Gelegenheit gleich mal Willi die Leviten zu lesen …

    Der Autor Vladimir Vertlib wurde in Leningrad geboren, emigrierte erst nach Israel und übersiedelte in den 80er Jahren nach Österreich. Heute lebt er in Salzburg und Wien als erfolgreicher Schriftsteller. Dieser Roman schaffte es auf die Longlist des Deutschen Buchpreises 2015.

    Die Charaktere des Romans sind durchwegs authentisch, die rüstige alte Dame musste in ihrem Leben bereits viele Prüfungen bestehen und sich durchkämpfen. Sie hat nun keinen Nerv mehr, sich von etwaigen Wichtigtuern schikanieren zu lassen. Lucia Binar ist selbstbewusst, kritisch und lässt sich nicht einschüchtern. Viele gesellschaftskritische Themen hat der Roman zu bieten, wie z.B. die Vereinsamung älterer Menschen in der Großstadt, Rassismus, Korruption, …

    Der Schreibstil ist leicht und flüssig zu lesen (ohne den nötigen Tiefgang vermissen zu lassen), gewürzt mit einer gehörigen Portion Sarkasmus und Humor. Mystische, surreale Sequenzen ergänzen diese Geschichte und warten am Ende noch mit einer gehörigen Portion „russischer Seele“ auf, die mir letztendlich beinahe zu verworren und absurd erschien.

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    leseleas avatar
    leseleavor 3 Jahren
    Kurzmeinung: Unterhaltsames, leicht zu lesendes Buch, mir jedoch häufig zu surreal und überdreht.
    Kaleidoskop an Surrealitäten

    Lucia Binar ist 83 Jahre alt und hat für ihr Leben nur noch ein Ziel: Sie möchte in der Großen Mohrengasse, in der sie seit Langem lebt, sterben. Davon wird sie weder der Verein Straßennamen gegen Rassismus noch die miesen Pläne ihres Vermieters Willi, die alten Bewohner aus ihren Wohnungen zu verjagen, abhalten! Doch ihre ruhigen Tage werden durch die von Willi zur Abschreckung einquartierten Obdachlosen und Flüchtlinge sowie dem Versagen des Essen auf Räder-Services gestört. Als ihr dann noch die unfreundliche Frau des Telefondienstes rät, sich einfach von Manner-Schnitten zu ernähren, reicht es Lucia Binar: Sie wird sich von keinem mehr auf der Nase herumtanzen lassen und sowohl Willi auch als die Mitarbeiterin zur Rede stellen…

    Das ist die Ausgangslage des von Vladimir Vertlibs geschriebenen Romans Lucia Binar und die russische Seele, der es 2015 auf der Longlist des Deutschen Buchpreises geschafft hat und der mit seinem bunten Cover und seiner rüstigen Protagonistin den Eindruck erweckt, eine humorvolle, leicht skurrile Geschichte zu erzählen. Diese Erwartungen kann das Buch dabei durchaus erfüllen: Lucia ist eine sympathische, kluge alte Dame, der man als Leser gerne zuhört – sei es, dass sie ihre Umwelt scharfsinnig analysiert, ihren „Widersachern“ Konter gibt oder sich an ihre Kindheit im 20. Jahrhundert erinnert.

    Gleichzeitig ist Lucia Binar und die russische Seele mehr als ein heiterer Roman über eine ältere Frau. Das Buch ist auf subtile Weise gesellschaftskritisch und greift aktuelle Themen des politischen und sozialen Lebens auf (Gentrifizierung, prekäre Arbeitsbedingungen, Vereinsamung alter Menschen, Verzahnung von Wirtschaft und Politik etc.). Darüber hinaus verwebt Vertlib den Erzählstrang um Lucia mit der Geschichte von Alexander, einem baschkirischen Russen, und seiner Freundin Elisabeth, besagte Mitarbeiterin des Telefondienstes, die im Dienste des Magier Viktor Viktorowitsch Vint stehen, der Blockaden löst und russische Seelenreisen ermöglicht. Damit würzt Vertlib seinen Roman mit einer gehörigen Portion Surrealismus, Metaphysik und Zauberei.

    Lucia Binar und die russische Seele ist für mich ein bunter, skurriler Roman, der verschiedene Themen anschneidet. Das Lesen bereitet dabei durchaus Freude: Vertlib hat eine angenehme Schreibe, das Buch lässt sich zügig lesen und lädt hier und da zum Schmunzeln ein. Dennoch war mir der Roman zu überfrachtet: zu viele Schwerpunkte wurden gesetzt, ohne dass sie wirklich ausdiskutiert wurden; eine skurrile Szene jagte die nächste, sodass mit die Erzählung an vielen Stellen zu überdreht vorkam. Letztendlich habe ich mich auch gefragt, was mir die Geschichte sagen soll: Nicht, dass ich von Romanen immer große Weisheiten erwarten, doch erschien mir vieles so bedeutungsschwer, was ich nicht interpretieren konnte, dass ich am Ende den Eindruck hatte, den „Sinn des Ganzen“ nicht ganz verstanden zu haben… Dennoch gebe ich insgesamt für unterhaltsame Lesestunden und eine mir ans Herz gewachsene Protagonistin 3,5 von 5 Sternen!

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    Pongokaters avatar
    Pongokatervor 3 Jahren
    Zwischen Österreich und Absurdistan

    Zwischen einem sehr realistisch nachgezeichneten heutigen Österreich und einem wild phantasierten Absurdistan changiert dieser Roman des Austrorussen  Vladimir Vertlib. Dabei knüpft er über fast 200 Seiten den Faden zwischen scheinbar zusammenhanglosen Ereignissen und führt sie bei einer magischen Show zusammen. Ein wirkliches Lesevergnügen, das aber durchaus auch Verwirrung hinterlässt.

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    Tsubames avatar
    Tsubamevor 3 Jahren
    Wiener Zustände im 21. Jahrhundert

    Nachdem ich zuvor "Baba Dunjas letzte Liebe" von Alina Bronsky  gelesen hatte, war dies mein zweites Buch von der Longlist zum deutschen Buchpreis und auch in dem Werk von Vladimir Vertlib steht eine ältere Dame im Mittelpunkt: Lucia Binar, 83, lebt seit ihrer Geburt in der Großen Mohrengasse und wartet auf den sozialen Dienst, der die alte Dame für gewöhnlich mit Essen versorgt, als ein androgynes Wesen an ihrer Tür klingelt und sich als Mitglied des Vereins "Straßennamen gegen Rassismus" vorstellt. Die Große Mohrengasse soll auf Betreiben des Vereins in Große Möhrengasse umbenannt werden. Was Lucia Binar zunächst für einen Witz hält, ist für ihren Besucher, der sich als Moritz entpuppt, bitterer Ernst. Und es wird nicht besser ... das Essen auf Rädern bleibt aus und eine genervte Call Center-Angestellte rät der fassungslosen Lucia, sich über das Wochenende mit Knäckebrot und Manner-Schnitten über Wasser zu halten.

    Nun ist diese nicht mehr zu halten und will der jungen Frau einmal gehörig die Leviten lesen. Auch mit ihrem Hausverwalter, der mit ziemlich unfeinen Tricks versucht, die Bewohner aus seiner Immobilie zu verjagen, hat sie ein Hühnchen zu rupfen, und so begleitet der Leser die kampfeslustige Rentnerin und ihren Begleiter Moritz durch das heutige Wien und gerät in manch verzwickte Lage. Zum Schluss kommt es zum großen Showdown, der mich dann allerdings doch ein wenig überfordert hat.

    Schon im Titel ist die Rede von der "russischen Seele", aber für jemanden wie mich, der sich mit Russland bisher eher wenig beschäftigt hat, geht mancher Witz wohl einfach verloren. Auch fand ich eine ältere Dame, die ständig Gedichte rezitiert und urplötzlich zum Stift greift, um ihre Gefühle zu einer vergangenen Liebschaft zu Papier zu bringen, arg konstruiert und wenig glaubhaft. Das Ende fand ich leider auch nicht wirklich zufriedenstellend...

    So ist das Buch zwar streckenweise eine ganz amüsante Lektüre, hat mich alles in allem aber nicht überzeugen können. 

     

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    Ginevras avatar
    Ginevravor 3 Jahren
    Entdecke Deine russische Seele!

    Die russisch-jüdische Wienerin Lucia Binar ist über 80 Jahre – sie hat den 2. Weltkrieg und die vielen Jahrzehnte danach erlebt. Und das alles in dem renommierten Miethaus in der Mohrengasse, deren Namen auf einmal nicht mehr politisch korrekt sein soll. Es klingelt an der Tür, und ein junger Nachbar will Unterschriften für ihre Umbenennung sammeln. Lucia wartet doch eigentlich auf ihr „Essen auf Rädern“! Nichts funktioniert so, wie sie es gewohnt ist – weder in der Stadt, noch in der Welt, noch in ihrem Körper. 
    Lucia ist einsam, denn ihre Tochter hat ihre eigenen Probleme, und ihr Sohn sucht sein Glück in Adelaide. Die einzigen Menschen, die zu ihr sprechen, sind russische Dichter, deren Bonmots ihr in jeder Lebenslage weiterhelfen.
    Doch bald treten gravierende Veränderungen in ihr Leben. 

    Willi, den Lucia bereits als kleinen, schüchternen Jungen kannte, ist der Besitzer des Mietshauses in der Mohrengasse – und er bekommt den Hals nicht voll. Er will das Haus sanieren, und die alten Mieter sind ihm dabei im Weg. Einige konnte er in eine Seniorenanlage am Stadtrand „umsiedeln“, doch andere – wie auch Lucia – weigern sich hartnäckig. Da entdeckt der hinterhältige Willi seine „soziale Ader“ und vermietet die freien Wohnungen an ein Obdachlosenprojekt, stellt die Toilettenspülung ab, und versorgt die neuen Mieter großzügig mit einer lauten Musikanlage…
    Lucia ist auf 180! Sie packt ihren Gehstock und macht sich auf die Socken – und stattet Willi einen denkwürdigen Besuch in seinem absolut kafkaesken Büro ab. 
    Parallel dazu lernen sich Alexander und Elisabeth kennen, die sich beide in Russland wie in Österreich versuchen, finanziell über Wasser zu halten, er als idealistischer Lehrer, sie in einem Callcenter. Erst durch die Begegnung mit dem geheimnisvollen Magier Viktor Viktorowitsch und seiner „russischen Seele“ ändert sich ihr Leben – und das angestaubte Wien steuert einer Verjüngungskur zu….

    Vladimir Vertlib, geb. 1966 in Leningrad, emigrierte mit seiner Familie in den 1970ern nach Österreich - und erlebte dabei selbst eine mehrjährige Odyssee. In seinen Erzählungen und Romanen verarbeitet er immer wieder das Leben als Emigrant - und erhielt mehrere Literaturpreise dafür.

    Vertlib hat mit Lucia Binar eine äußerst lebendige und freche Heldin erschaffen. Sie lässt sich nichts sagen, schon gar nicht von Autoritätspersonen und Rassisten, ganz nach der Devise: der Hahn, der am lautesten kräht, wird geköpft! Sie beobachtet scharf, ist politisch auf dem Laufenden und lässt sich kein X für ein U vormachen. Kein Wunder, denn in ihren Adern fliesst tartarisches Blut.
    Lucia, aber auch die anderen Figuren, sind mir beim Lesen sehr ans Herz gewachsen. Die Geschichte rund um einen gierigen Miethai deckt noch andere aktuelle Reizthemen in unserer Gesellschaft auf: die lieblose Behandlung älterer Menschen, Vereinsamung in der Großstadt, Verwahrlosung von Obdachlosen, Fremdenfeindlichkeit etc. – Trotz allem würzt Vertlieb seine Gesellschaftsanalyse mit einer ordentlichen Portion makaberen Humors, außerdem mit Lyrik und Surrealismus, eben mit der „russischen Seele“.
    Ich finde es sehr beeindruckend, wie Vertlieb die Schicksale verschiedener Personen zusammenfügt, bis sie sich alle gemeinsam bei einem surrealistischen Showact wiederfinden.



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    B
    bookscoutvor 3 Jahren
    Entgrenzung der russischen Seele

    Lucia Binar, 83, pensionierte Lehrerin und Verehrerin russischer und österreichischer Dichtkunst, hat ihre Prinzipien: Sie ist in der Wiener Großen Mohrengasse aufgewachsen und wird auch hier die letzte Ruhe finden. Ganz bestimmt lässt sie sich nicht – wie die meisten anderen Mieter – hinauskomplimentieren, damit Eigentümer Willi Neff das Haus sanieren und anschließend teurer weitervermieten kann. Wo kämen wir denn da hin?

    Daran ändern auch die seit neuestem das Haus bevölkernden Obdachlosen, Punks und Asylwerber nichts, denen Willi kostenlos Wohnungen zur Verfügung stellt. Vielmehr kämpft Lucia mit Unterstützung ihres androgynen Nachbarn, dem Studenten Moritz, auf liebenswürdig-skurrile Weise um ihr Recht und ihre Lebensqualität.

    Verwoben in Lucias Abenteuer ist die Geschichte von Alexander und Elisabeth, einem jungen Paar, das sich zu Beginn des Buches in einem abstürzenden Aufzug kennen- und lieben lernt. Alexanders bewegtes Leben hat ihn – mit Umwegen über russische Krankenhäuser und Gefängnisse – nach Wien geführt, wo er nun als Assistent für den mysteriösen Metaphysiker Viktor Viktorowitsch tätig ist. Elisabeth, eine spröde alleinerziehende Mutter, hat während ihrer Arbeit im Call Center des Sozialen Notrufs einmal mit Lucia telefoniert, als dieser an einem Freitag ihr Essen auf Rädern nicht geliefert wurde. "Dann essen sie eben Manner-Schnitten bis Montag", war die flapsige Antwort, an der Lucia einiges zu knabbern hat.

    Bizarre Begegbenheiten wie diese sind keine Seltenheit in Vertlibs Roman, unterstrichen in ihrer Skurrilität noch durch die Gegenüberstellung mit nahezu banalen Alltäglichkeiten.

    Der Spannungsbogen ist virtuos gespannt, von den ersten Krawallmachern in der Großen Mohrengasse – die mich, ob beabsichtigt oder nicht, an die medienwirksame Räumung der Pizzeria Anarchia im Sommer 2014 erinnerten – bis hin zum dramatischen Finale, der Séance Viktor Viktorowitschs.

    Bereichert wird die Geschichte durch lyrische Zitate, von Paul Celan bis hin zu Wislawa Szymborska, ebenso wie durch zahlreiche Ausflüge in die Vergangenheit Lucias und Alexanders.

    Fazit: Ein charmantes Lesevergnügen mit einer Prise Wiener Schmäh, abseits der üblichen Pfade.

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    sofies avatar
    sofievor 3 Jahren
    Kurzmeinung: Mit einem Wort: Bizarr.
    Bizarr

    Bizarr

    Man stelle sich vor, jemand ärgert sich mal wieder über die political correctness – überall Menschen mit Migrationshintergrund, - innen und jetzt sollen auch noch die alten Straßennamen geändert werden. Und dann schreibt dieser jemand einen Roman und heraus kommt „Lucia Binar und die russische Seele“. So war zumindest mein Eindruck auf den ersten Seiten dieses Romans von Vladimir Vertlib. Und so ganz konnte ich diesen Eindruck bis zum Schluss nicht abschütteln, aber es steckt doch mehr dahinter.

    Worum geht es also? Zunächst um Lucia Binar, eine alte Wienerin, deren Ziel es ist in der Wohnung in der Alten Mohrengasse zu sterben, in der sie ihr ganzes Leben gelebt hat. Dafür werden ihr aber einige Steine in den Weg gelegt. Unter anderem von Moritz, der im selben Haus wohnt, und die Straße umbenennen lassen will.

    Dann geht es auch noch um Alexander, halb Russe, halb Baschkire und Muslim, der auch in Wien lebt und für einen großen Maestro arbeitet. Alexander ist schon fast klischeehaft russisch (Er sagt z.B. den schönen Satz „ Urals war nicht weit, höchstens dreißig Bahnstunden entfernt.“), aber eben auch nur fast. Er erzählt ein ziemliche bizarre Geschichte, die ich manchmal etwas langatmig fand. Aber auch das ist natürlich typisch russisch.

    Am bizarrsten ist aber der Maestro, Vladimir Vladimirowitsch. Aus ihm wurde ich so gar nicht schlau.

    Und so ist dann auch der ganze Roman – ein bizarres Roadmovie, das sich aber eigentlich gar nicht vom Fleck bewegt. Mal sehr lustig, mal aber auch sehr traurig und tiefgründig. Und oft ganz einfach absurd. Trotzdem dachte ich oft: Ist mir der Roman jetzt zu hoch? Oder interpretier ich zu viel rein?

    Insgesamt also sehr schwer zu bewerten. Von mir gibt es 3,5 Sterne, auch wenn ich immer noch etwas verwirrt bin.

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    vielleser18s avatar
    vielleser18vor 3 Jahren
    Kurzmeinung: zynisch und ganz anders als gedacht.
    Anders als gedacht

    "Geschichte hat immer eine Moral, auch dann, wenn es sich um blanken Zynismus handelt" S. 296

    Lucia Binar, 83 Jahre alt, ist eine der letzten die ausharren im Haus in der Großen Mohrengasse. Ihr Vermieter will alle alten Mieter, die teils schon Jahrzehnte in diesem Haus wohnen, herausekeln, damit er das Haus, wie auch schon Nachbarhäuser renovieren und teurer vermieten kann. Dabei ist ihm jedes Mttel recht: sogar Obdachlose und Asylanten setzt er mit ins Haus und eine hochexplosive Stimmung wird dort erzeugt, ganz abgesehen vom allgemeinen Verfall, den der Vermieter nicht beheben lässt. Als dann eines Tages auch das Essen auf Rädern nicht geliefert wird, versucht die durch einen Unfall beeinträchtige Lucia telefonisch HIlfe zu bekommen. Bei zwei Diensten erreicht sie nur Endlos-Warteschleifen und beim dritten Notruf, einem Sozialdienst, landet sie in einem Callcenter bei der überforderten Elisabeth, die ihr rät, sich am Wochenende von Mannerschnitten zu ernähren. Lucia macht sich mit Hilfe eines MItbewohners auf die Suche nach Elisabeth um ihr die Meinung zu sagen.

    So weit so gut. Der Roman erzählt meist aus Sicht von Lucia, der pensionierten Lehrerin, die Gedichte liebt. Ihre Art hat mir gut gefallen, sie ist eine rüstige und symphatische Frau.
    Doch auch von Alexander erfahren wir (meiner Meinung nach zu viel und ausschweifend, was aber auch sein Wesen charakterisiert). Er ist mit Elisabeth aus dem Call-Center befreundet und ist die "russische Seele". Er zieht mit einem russischen Scharlatan und Magier durch Europa.

    Ich weiß immer noch nicht, wie ich das Buch beschreiben soll. Zynisch finden fast alle niederen menschlichen Taten/Worte/Gefühle hier seinen Platz.
    Gewalt, Beleidigungen, Gier, Rache, unmenschliche Arbeitsbedingungen, Hass. Ein Spiegelbild der Gesellschaft ? Reduziert auf alles negative ? In der geballten Ansammlung hier, gepaart mit unglaublichen Begebenheiten, keine leicht verdauliche Kost.

    Der Klappentext führt in die Irre, denn es geht nur ganz am Anfang um die Umbenennung der Mohrengasse. Da ist das Telefon auf dem Cover schon wegweisender, ist es doch ein Anruf, der die entscheidenden Impulse auslöst.

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    czytelniczka73s avatar
    czytelniczka73vor 3 Jahren
    Kunst oder Mogelpackung ?

    "In den Abgründen des anderen erkennen wir uns selbst und die Welt" (Seite 163)

     

    Inhalt:

    "Lucia Binar ist 83, und sie ist verärgert. Die Große Mohrengasse, in der sie seit langem lebt, soll aus Gründen der politischen Korrektheit in "Große Möhrengasse" umgetauft werden. Und die soziale Einrichtung, die sie versorgt, hat versagt: Ihr Essen wurde nicht geliefert. Der Telefondienst ist in ein Callcenter ausgelagert, dort rät ihr eine Mitarbeiterin, sich von Manner-Schnitten zu ernähren. Lucia ist empört. Sie will die Frau aufsuchen und zur Rede stellen. Dabei hilft ihr ausgerechnet Moritz, ein Student, der die "Anti-Rassismus-Initiative Große Möhrengasse" unterstützt. Mit viel Humor erzählt Vladimir Vertlibdie Geschichte einer alten Dame, die entschlossen ist, ihre Würde zu bewahren."

     

    Meinung:

    Ich glaub nicht,dass ich es schaffen würde eine richtige Rezension zu diesem Buch zu schreiben,deswegen versuche ich erst gar nicht und diesmal kommen nur paar Leseeindrücke von mir.

    Es war noch nie so schwer für mich ein Buch zu Ende zu lesen,wie das im Fall von Lucia Binar war.Dabei fängt die Geschichte recht interessant an-eine ältere Dame,nach einem Unfall in der eigenen Wohnung eingesperrt ,kommentiert Vergangenheit und Gegenwart mit Zynismus und Ironie und zitiert dabei die Gedichte von Szymborska...Das hat meine Erwartungen augenblicklich hochgeschraubt (ich sag noch mal-Szymborska !!!) die leider in keiner Weise erfühlt wurden.Schon nach paar Kapiteln hatte ich das Bedürfnis das Buch weg zu legen und ich musste regelrecht mit mir kämpfen um weiter zu lesen.Ich hab ja geschafft,aber leider hat sich der Kampf für mich nicht gelohnt.Schade,weil das Buch wirklich sehr interessante Themen anspricht und Abgründe unseren Gesellschaft beschreibt,leider auf so übertriebene,bizarre und (teilweise) absurde Art und Weise,dass man es auch nicht ernst nehmen kann.Dazu kommt der schwieriger Schreibstil und unsympathischen Protagonisten (nur Moritz und teilweise Lucia fand ich authentisch und überzeugend).Und das Ende hat mir echt den Rest gegeben-selten so etwas absurdes gelesen.Das Ganze fand ich einfach  " überkünstlert " und überhaupt nicht meins,aber man kann auch nicht von jedem Buch begeistert sein.

     

    Fazit:

    Zu viel Kunst tut manchmal auch nicht gut.

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    sursulapitschis avatar
    sursulapitschivor 4 Jahren
    Originell, witzig und anstrengend

    Ich weiß nicht so recht, was ich von diesem Buch halten soll, das ich da gerade gelesen habe.
    Hier hat ein sicherlich genialer Autor mit viel Humor etwas verfasst, das man nicht greifen kann. Eine parabelhafte Sozialstudie? Eine philosophische Satire?

    In der Mohrengasse in Wien lebt die 83jährige Lucia Binar, eine ehemalige Lehrerin, die feststellen muss, dass ihr Haus plötzlich von allerhand finsteren Gestalten bewohnt wird. Ihr Vermieter gewährt großzügig Obdachlosen, Asylanten, Flüchtlingen und Junkies Unterschlupf.
    Gleichzeitig lernt man Alexander kennen, der aus Russland eingewandert ist und als Assistent eines undurchsichtigen Magiers arbeitet.
    Während Lucia tapfer versucht, mit ihrer neuen Lebenssituation klarzukommen, bandelt Alexander mit einer Callcenterangestellten an und erzählt uns viel und ausführlich über seine traurige russische Vergangenheit.

    Lucia ist eine bewundernswerte alte Dame, die mit einigem Sarkasmus ihre Umgebung analysiert und in jeder Lebenslage ein passendes Gedicht rezitieren kann. Sie kommentiert alles weitschweifig, was anfangs sehr lustig ist, auf Dauer dann aber doch anstrengt.
    Dieses Buch spielt mit ausufernden Beschreibungen, absurden Monologen und philosophischen Betrachtungen zu lächerlichen Themen. Hier philosophieren sogar Obdachlose in volltrunkenem Zustand. Das ist genial gemacht, aber für mich war es in Summe zu viel des Guten. Bisweilen muss man aufpassen, dass man die Handlung im Blick behält, was gelegentliche Schlenker in die ein oder andere Vergangenheit noch zusätzlich erschweren.
    Am Ende bekommt die Geschichte sogar noch einen irrwitzig fantastischen Aspekt, der natürlich die Absurdität auf die Spitze treibt, mit dem ich aber auch nicht so furchtbar viel anfangen konnte.

    Dieses Buch ist ganz sicher ein großer Genuss für ein sehr erlesenes Publikum. Ich fand es originell, witzig und anstrengend.

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    Gespräche aus der Community zum Buch

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    Fussel1986s avatar

    Fragerunde mit Vladimir Vertlib, dem Autor von "Lucia Binar und die russische Seele"

    Im Rahmen unserer Aktion rund um die Longlist des Deutschen Buchpreises 2015 habt ihr die Chance, den Autoren, die mit ihren Werken nominiert sind, Fragen zu stellen und ihre Bücher zu gewinnen. Hier könnt ihr für euren Longlist-Favoriten abstimmen!

    Wir freuen uns sehr, am Dienstag, dem 15.09. Vladimir Vertlib in unserer Fragerunde begrüßen zu dürfen! In seinem Roman "Lucia Binar und die russische Seele" erzählt er mit viel Humor die Geschichte einer alten Dame, die entschlossen ist, ihre Würde zu bewahren.

    Habt ihr Lust, mehr über den Autoren, seine Arbeit oder seinen wunderbar witzigen, augenzwinkernden Roman zu erfahren? Dann verpasst nicht die Chance, eure Fragen in hier in unserer Fragerunde loszuwerden!

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    Lucia Binar ist 83, und sie ist verärgert. Die Große Mohrengasse, in der sie seit langem lebt, soll aus Gründen der politischen Korrektheit in "Große Möhrengasse" umgetauft werden. Und die soziale Einrichtung, die sie versorgt, hat versagt: Ihr Essen wurde nicht geliefert. Der Telefondienst ist in ein Callcenter ausgelagert, dort rät ihr eine Mitarbeiterin, sich von Manner-Schnitten zu ernähren. Lucia ist empört. Sie will die Frau aufsuchen und zur Rede stellen. Dabei hilft ihr ausgerechnet Moritz, ein Student, der die "Anti-Rassismus-Initiative Große Möhrengasse" unterstützt.

    Neugierig geworden? Hier geht es zur Leseprobe!

    Mehr zum Autor
    Vladimir Vertlib wurde am 2. Juli 1966 in Leningrad (heute St. Petersburg) geboren. 1971 emigrierte er über Zwischenstationen in Israel, Österreich, Italien, den Niederlanden und den USA schließlich 1981 zusammen mit seinen Eltern endgültig nach Österreich. Er studierte Volkswirtschaftslehre in Wien und arbeitet seit 1993 als freiberuflicher Autor. Vertlib lebt in Salzburg und Wien und veröffentlicht Romane, Erzählungen, Essays und Artikel für Zeitungen und Zeitschriften. Für sein Werk wurde ihm unter anderem der Chamisso-Förderpreis und der Österreichische Förderungspreis für Literatur verliehen. Sein aktueller Roman „Lucia Binar und die russischen Seele“ erschien 2015 und stand auf der Longlist beim Deutschen Buchpreis.

    Zusammen mit dem Carl Hanser Verlag verlosen wir unter allen, die sich über den blauen "Jetzt bewerben"-Button mit mindestens einer Frage an Vladimir Vertlib beteiligen, 3 Exemplare von "Lucia Binar und die russische Seele"! Wer bei allen Fragerunden mit den Longlist-Autoren mitmacht, hat zusätzlich die Chance auf ein großes Buchpaket, vollgepackt mit allen nominierten Werken!

    Vladimir Vertlib wird am Dienstag, dem 15. September 2015 voraussichtlich zwischen 13 und 22 Uhr eure Fragen beantworten - die Fragerunde wird also gegebenenfalls nicht bis Mitternacht geöffnet sein! Bitte habt Verständnis dafür, dass wir die Fragerunde dann dementsprechend auch schließen.

    Wir wünschen allen Teilnehmern viel Spaß und sind schon sehr gespannt auf eure Fragen!
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