Oder: „Keine Gewalt“ schlägt um in „GEWALT“. Was hier auf wenigen Seiten aufgeblättert wird ist eine einzige Anklage. Eine Anklage gegen die Umstände, wie es nach der sogenannten Wende gelaufen ist, wie sich West-Unternehmen den Osten gekrallt haben, ohne auf die Menschen groß Rücksicht zu nehmen, auf ihre Befindlichkeiten, auf ihre Ängste. Wer geduckt aufwächst, kann sich nur schlecht wehren. Es gab zig Möglichkeiten es auch anders hinzukriegen, einen guten Chef gab es zumindest bei der Treuhand, die die Abwicklung der „volkseigenen Betriebe“ in eine positive Richtung lenken, im tatsächlichen Wortsinn das Volkseigentum betreuen wollte: „Der dritte, Rohwetter, der auch die Sache begriff, wurde erschossen.“
Diese wie auch andere historische Begebenheiten bestimmen den ersten Teil des Buches, doch im Verlauf übernimmt die Fiktion die Regie, um Möglichkeiten aufzuzeigen, wenn Volkes Zorn nicht mehr zu bändigen ist, obwohl das Grundelement „Keine Gewalt“ dabei erhalten bleiben soll. Wie kann man sich sonst Gehör verschaffen, wenn nicht durch die schiere Masse der Unzufriedenen, der Enttäuschten, der Verlorenen (den ohne Arbeit bis du nichts …). Dabei war das „Salz des Ostens“ qualitativ hochwertiger als die von dem Westunternehmen Kali + Salz geförderten Salze. Das galt nicht unbedingt für den subventionierten Mansfelder Kupferschiefer. Wie auch immer, die hier tätigen Menschen hatten ihr Auskommen, ihre Sicherheiten – und dafür schufteten sie und hätten es gerne weiter getan.
Wie sich das, trotz guter Voraussetzungen, anders entwickelte und drehte wird in diesem in spröden Worten gesetzte Werke eindrücklich dokumentiert. Man spürt die Verzweiflung der Menschen, die sich schließlich in einem Marsch der Haufen, der sich zum „Heerhaufen“ anwächst, entlädt. Das der Autor den Zusammenprall von Staatsvolk und Staatsmachen auf einer ausgedienten Abraumhalde stattfinden lässt, sprich für sich. Die Gefühle der betroffenen Menschen kann man kaum nachvollziehen, doch hier erhalten sie zumindest eine Sprache: „Bänsch [ein Teilnehmer des Protestzuges] rechnete: 149 Meter hoch, achteinhalb Millionen Kubik […]. Dunkelgrau entsprechend der Tönung des Unteren Zechsteins. Es war der Rückstand, den sie hinterlassen hatten. Der Beleg, den sie vorweisen konnten, ein Monument ihrer Mühe und Maloche, der Verbohrtheit in den Berg und die Beute. […] Sie hockten auf dem finsteren Exkrement, dem giftigen Schutt, dem Rest ihres Daseins, das nicht zu verteidigen war. Einem Besitz, den sie nicht besessen hatten, einem Leben, für das man das eigene nicht in die Schanze schlägt. Sie selbst der Abraum, ausgeworfen, abgetan, ein Menschenm*ll, schieferfarben, indem sie nun selbst auf der Halde lagen.“


















