Waguih Ghali

 3.8 Sterne bei 9 Bewertungen

Lebenslauf von Waguih Ghali

Politische Geschichten, die das Leben schrieb: Waguih Ghali, ein Autor ägyptischer Herkunft, erblickte zwischen 1927 und 1929 das Licht der Welt. Trotz der Veröffentlichung seiner Tagebücher, aus denen sein Geburtstag hervorgeht, ist sein genaues Geburtsjahr bis heute unbekannt geblieben. In Alexandria, Kairo und Paris studierte Ghali Medizin, aber er schloss sein Studium nicht ab. Während seiner Studienzeit war Ghali politisch engagiert. Anschließend zog es ihn nach Europa. In London, in Stockholm und im Hamburger Hafen hielt er sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser. Gleichzeitig brachte Ghali seinen politischen Aktivismus in literarischer Form zum Ausdruck. In den 50er-Jahren veröffentlichte er sechs persönliche Essays im „The Guardian“. „My Friend Kamal” und „Lessons for Mr. Luigi” zählen zu den Werken, die seine politischen Aktivitäten und sein Leben in Europa im Exil beschreiben. Als Waguih Ghali in Schweden und in Deutschland lebte, arbeitete er an einem Buch, das er 1964 in London unter dem Titel „Beer in the Snooker Club“ veröffentlichte. Hierbei handelte es sich um einen anspruchsvollen politischen Roman mit autobiografischen Elementen, der in sechs Sprachen übersetzt wurde. Fünf Jahre später nahm Ghali sich mit Schlaftabletten das Leben. Seine Tagebücher erschienen erst nach seinem Tod.

Alle Bücher von Waguih Ghali

Snooker in Kairo

Snooker in Kairo

 (8)
Erschienen am 08.08.2018

Neue Rezensionen zu Waguih Ghali

Neu
sar89s avatar

Rezension zu "Snooker in Kairo" von Waguih Ghali

Snooker in Kairo
sar89vor 7 Tagen

In Snooker in Kairo beschreibt der Autor Waguih Ghali mit der Figur Ram ein Stück weit sein Leben. Ram kommt aus der Oberschicht aber sein Vater hat das ganze Vermögen an der Börse verspielt und lebt nicht mehr. Die Familie kommt also aus der Oberschicht, hat aber kein Geld mehr. Sie werden von Tanten, Onkeln und Freunden durchfinanziert. Viele aus der Oberschicht sprechen nicht mal Arabisch, sondern Französisch oder Englisch. Ram fällt quasi zwischen Stuhl und Bank. Einerseits hat er kein Geld, lebt aber im Luxus und Umfeld der Oberschicht, andererseits verachtet er geanu diese Oberschicht. Ram kann in Ägypten nicht wirklich arbeiten. Teilweise passen ihm die Jobs nicht oder er es passt ihm nicht, dass er einfach von seiner Familie die Jobs vermittelt bekommt. Erschwerend kommt hinzu, dass er mit Edna eine Jüdin liebt, die aber eigentlich schon verheiratet ist. Ram ist Kopte (Christ), was zu dieser Zeit wie es scheint noch einfacher war als heute. Mit Font hat er ebenfalls einen Freund aus der Oberschicht, der aber einer normalen, geregelten Arbeit nachgeht, die ihm Ram vermittelt. Ram, Edna und Font gehen eine Zeit lang nach London. Dort lernt Ram auch Didi lieben, die jedoch auch wieder nach Ägypten geht. Ram will nicht zurück, wird dann aber doch ausgewiesen und lebt dann in Deutschland, weil er dort ohne Visum einreisen konnte. Geht dann aber auch wieder nach Ägypten zurück, wo er weiterhin nichts mit sich anzufangen weiss. Ram kommt mir schon vor wie ein ägyptischer Gatsby (er bekommt Edna nicht und hat wenigstens indirekt Geld) und auch wie ein ägyptischer Fänger im Roggen, wobei Ram schon etwas älter ist, als der Protagonist dort und eigentlich schon lange erwachsen. Mich hat das Buch nach einigen Seiten reingezogen, nachdem ich es aus Zeitgründen lange liegen gelassen habe. Ich habe nicht viel über die 50er-Jahre in Ägypten gewusst und vor allem nicht über die damalige Oberschicht. Die Orientierunglosigkeit und das Leben in den immer gleichen Mustern ist schon krass, also ich hätte auch nicht so leben können. Leider hat sich der Autor sehr früh das Leben genommen. Ich überlege mir seine posthum veröffentlichten Tagebücher mal anzuschauen. Am Schluss des Buches ergibt er sich mehr oder weniger seinem Schicksal.

Kommentieren0
4
Teilen
sabatayn76s avatar

Rezension zu "Snooker in Kairo" von Waguih Ghali

'Wohin er auch schaut, er findet nur Tragödien.‘
sabatayn76vor 19 Tagen

‚Es ist seltsam, dass die Menschen - Abermillionen von Menschen - fernsehen, singen und summen können, obwohl sie im Krieg Brüder, Väter oder Geliebte verloren haben; und noch seltsamer ist, dass sie es voller Gleichmut hinnehmen, wenn andere Brüder oder Geliebte in den nächsten Krieg ziehen. Sie sehen nicht die Tragödie des Ganzen. Ab und zu liest einer von diesen Millionen ein Buch oder macht sich seine Gedanken, etwas erschüttert ihn, und dann durchschaut er die ganze Tragödie. Wohin er auch schaut, er findet nur Tragödien.‘ (Seite 171)

Kairo in den 1950er Jahren: Ram und sein Freund Font verbringen ihre Tage trinkend und Snooker spielend, wirken orientierungslos und leben in den Tag hinein. Sie gehören zur ägyptischen Oberschicht und sind mehr geprägt vom Westen und von der britischen Kolonialherrschaft als von ihrer Identität als Araber und als Muslime.

Ram, der Ich-Erzähler des Romans, ist verliebt in die Jüdin Edna, mit der er eine Affäre hat, die mit ihm einige Zeit in England verbringt, die er heiraten will, die ihn jedoch nicht ganz an sich heranlässt.

Waguih Ghali, in den 1920ern in Kairo geboren und 1969 durch einen Suizid aus dem Leben getreten, beschwört in seinem einzigen Roman das Kairo der beginnenden Nasser-Ära herauf, zeigt dem Leser ein postkoloniales Ägypten, das erst noch seine Identität als eigenständiges Land finden muss, stellt politische Strömungen wie die Wafd-Partei und die Muslimbruderschaft vor, bietet so Einblicke in ein Ägypten, das bisweilen an das Ägypten der Gegenwart erinnert.

Ich war sehr gespannt auf den Roman, nicht nur wegen meines allgemeinen Interesses an Literatur aus Nordafrika und wegen der tragischen Biografie des Autors, sondern auch, weil ich vor vielen Jahren mit großer Begeisterung und exzessiv Nagib Mahfuz gelesen habe, dessen Beschreibungen von Kairo und Ägypten so stimmungsvoll und lebendig sind.

Leider hat mich ‚Snooker in Kairo‘ nicht annähernd so stark an einen anderen Ort und in eine andere Zeit versetzt, und vor allem der Einstieg ins Buch ist mir schwer gefallen, was wahrscheinlich vor allem der Tatsache geschuldet ist, dass ich den schnorrenden, trinkenden, Snooker spielenden Protagonisten Ram so abstoßend fand. Im weiteren Verlauf - als die Liebesgeschichte zwischen Ram und Edna erzählt wird - habe ich wärmere Gefühle für Ram entwickelt, und dann empfand ich auch die Schilderungen Kairos und der politischen Lage fesselnder und gelungener.

Letztendlich hat mir ‚Snooker in Kairo‘ stellenweise gut gefallen, war mir bisweilen aber auch zu langatmig und zu distanziert, so dass ich den Roman nur bedingt empfehlen kann.

Kommentieren0
0
Teilen
Nils avatar

Rezension zu "Snooker in Kairo" von Waguih Ghali

Ägypten - 50er Jahre - Oberschicht - eine historische Betrachtung
Nilvor 4 Monaten

"Du bist was du bist. Ein Mensch, der in Ägypten geboren wurde, auf eine englische Schule gegangen ist, viele Bücher gelesen hat und Phantasie besitzt." (S 121)

Der Roman beginnt in dieser deutschen Ausgabe mit einem Vorwort von Diana Athill, einer Autorin und enger Freundin des Autors Waguih Ghali. In diesem erfährt man, dass Waguih Ghali  sich 1969 umbrachte und ihre Sicht auf den Autor. Mit diesem Wissen und auch dem Fakt, dass der Roman recht autobiografische Elemente enthält, bin ich viel interessierter an die Lektüre gegangen. Dieser einzige im Original auf Englisch erschiene Roman Snooker in Kairo ("Beer in the snooker room") von Waguih Ghali erschien 1964 und wurde nun endlich ins Deutsche übersetzt.

Es geht um einen jungen koptischen Ägypter aus der Oberschicht, der selbst arm wie eine Kirchenmaus ist, sich selbst als Intellektuellen und Kosmopolit versteht. Dadurch belächelt er sein reiches, aber dummes Umfeld - und das alles im Ägypten der 50er Jahre, wo die Revolution Ägypten genauso prägte wie der Krieg am Suez. Er verbringt mit seinem besten Freund einige Zeit in England und ist dann vollends ein Weltbürger ohne echte Heimat.

"[...] ich hatte den Punkt an Trunkenheit erreicht, da sich Selbstbewusstsein zu Selbstgefälligkeit aufbläht." (S. 105)

Mir hat der Roman einen unkonventionellen Blick in die 50er Jahre in Ägypten auf die Oberschicht erlaubt, die mich aber auch etwas langweilte. Weil die Handlung  hauptsächlich aus dem Leiden des Protagonisten besteht - der Schlaue, der Heimatlose, der Unverstandene und Liebende.

Positiv fand ich, dass es ein Glossar gab wo viele Personen der damaligen Zeit kurz erklärt werden, da die politischen Diskussionen im Roman sonst ohne tiefes geschichtliches britisches Wissen teilweise nicht nachvollziehbar wäre aus heutiger Sicht.

"Wie sehr man liebt, merkt man erst, wenn man den, den man liebt, verloren glaubt; und oft liebt man erst dann richtig, wenn es sich so anfühlt, als würde die eigne Liebe nicht erwidert." (s. 131)

Dieser Roman lässt mich in einem Zwiespalt zurück. Ich habe es gerne gelesen, aber ohne das Wissen um den Autor hätte der Text an sich mich nicht so gefesselt.

Kommentieren0
10
Teilen

Gespräche aus der Community

Neu

Starte mit "Neu" die erste Leserunde, Buchverlosung oder das erste Thema.

Community-Statistik

in 18 Bibliotheken

auf 3 Wunschlisten

Worüber schreibt Waguih Ghali?

Was ist LovelyBooks?

Über Bücher redet man gerne, empfiehlt sie seinen Freunden und Bekannten oder kritisiert sie, wenn sie einem nicht gefallen haben. LovelyBooks ist der Ort im Internet, an dem all das möglich ist - die Heimat für Buchliebhaber und Lesebegeisterte. Schön, dass du hier bist!

Mehr Infos

Buchliebe für dein Mailpostfach

Hol dir mehr von LovelyBooks