"Katzetapser und wie es auf Mülltonnen schneit.
Fern werden Nachttresore geleert und Kummerkästen."
Es gibt Dichter, die warten nicht auf den Leser, sind ihm in jeder Zeile mehr als eine Zeile voraus, und der Leser läuft, stolpert oder hetzt hinterher, erkennt immer wieder einmal die Umrisse des Gedichts, um ihm ganz am Ende vielleicht noch zu begegenen.
Aber es gibt auch Dichter, die dich bei der Hand nehmen, bei denen das Begegnen in jeder Zeile vorhanden ist und stattfindet, in etwa wie an einem stillen Frühlingsmorgen für einige Augenblicke alles erfahrbar ist und jedes Ding nach dem anderen geschieht und erst im Nachhinein zu dem Frühlingsmorgen als Ganzes verschmilzt. Solche Dichter warten in ihren Gedichten auf die Aufnahme des Lesers in ihre Geste, jede Zeile ist Ankunft und nicht Abfahrt; in diesen Gedichten ist oft etwas enthalten, das über verschiedene Gedanken und Ansichten hinweg uns allen ein luzider Begriff ist, eine Idee dessen, woraus Momente im Lebebn gebaut sein könnten.
"Der am äußersten Ast aufgehängte Meisenknödel
pendelt eine Winterfrage aus."
Walle Sayer schreibt seine Gedichte, wie man Kerzen, eine nach der anderen, ausbläßt - draußen wird es dunkler, starrer, innen wird es heller - das Außen wird zum Bild, das Innere übernimmt die Bewegung des Außen in Gefühl und Erinnerung.
Im Angesicht eines Gedichts sehen wir oft erst, wie stark unsere Resonanz, unser Widerschein der Welt und vor allem auch der Zeit, der Zeit als des Lebens Taktstock, jedoch nicht als des Lebens Musik, ist.
Beispiele für Poesie in Leben, Erinnerungsfrequenzen und Momentsentenzen - Sayers Gedichte bestehen ganz daraus. Ihre Kürze machen sie in der Länge des Miteinanders, dass der Leser empfindet, wett; zum Beispiel wenn er sehr behutsam eine gleichsam quicklebendige und starre Erinnerung auferstehen lässt, zu der viele bestimmt ein eigenes Äquivalent kennen:
"Die Stelle, wo die Umkleidekabine stand.
Ein Bretterverschlag in seiner Verschwundenheit.
Allein das Astloch, das verblieb.
[..]
In der Rückwand der Luft."
Die Fähigkeit des Menschen Verbindungen jenseits physischer Tatsachen, durch Zeit und Wahrnehmungsebenen hindurch, zu knüpfen, ist eine wesentliche Magie des Lebens. Sie bringt Gefühle wie Nostalgie, Sehnsucht, Glückseligkeit, und tausend andere Gefühle, "vielfältig wie die Farbtöne eines Herbstwaldes", wie Chesterton sagen würde, hervor. Bei Gedichten kommt noch der Faktor der Sprache hinzu, der ebenfalls eine neue Form von Verbindungen schafft. Walle Sayer hat in seinen besten Gedichten gleich sehr viele diese Verbindungen gesammelt und in knappen Worten aufleuchten lassen, aber auch wo er nur eine sprachliche Verbindung schafft, ist das Ergebnis beeindruckend.
"Ein Eiszapfen
träufelt Augentropfen
in das Starren der Tonne."
Hätten Momente Initialen, würden sie, ins Gefühl übersetzt, oft wohl so aussehen, wie Sayers Gedichte. Man kann seinen neuen Band sehr gut nur für ein-zwei Gedichte zur Hand nehmen, nur um sich in aller Einsamkeit und Ruhe am sonnenfleckigen Wind einer kurzen Chiffre für unser Dasein und unseres ganzen inneren Lebenswertes zu erfreuen. Poesie ist in keiner Form wirklich kompliziert, eigentlich muss man nur immer Tranströmers Worte beherzigen: "Es ist wie ein Gebet zur Leere./ Und die Leere kehrt uns ihr Gesicht zu/ und flüstert:/ Ich bin nicht leer, ich bin offen". Walle Sayer sind auf besonders schöne und klare Weise offen. Und deswegen sind sie sehr lesenwert.
"Und jede Weltreise beginnt auf einem Dreirad,
eine staubige Hauptstraße hinunter,
an drei Misthaufen vorbei."
Walle Sayer

Lebenslauf
Sozial engagiert und naturbezogen: Der 1960 in Horb am Neckar geborene Sayer hat sich als Schriftsteller von feinfühligen Gedichten und Prosa mit naturbezogenen Motiven einen Namen gemacht. Nach seiner Ausbildung zum Bankkaufmann absolvierte er ein Kindergartenpraktikum, gab Deutschkurse für Asylbewerber und arbeitete im Nachtdienst eines Altersheims. Seine Werke wurden zahlreich ausgezeichnet, unter anderem mit dem Thaddäus-Troll-Preis, dem Ludwig-Uhland-Förderpreis und dem renommierten Basler Lyrikpreis für sein bisheriges Gesamtwerk. Er ist Mitglied im Verband deutscher Schriftsteller und dem Deutschen PEN-Zentrum. Sayer lebt als Autor, Hausmann und Aushilfskellner mit seiner Familie in Horb-Dettingen.
Neue Bücher
Etwas wie ein Koffer, aus dem ein Hemdzipfel schaut
Alle Bücher von Walle Sayer
Den Tag zu den Tagen
Von der Beschaffenheit des Staunens.
Kohlrabenweißes
Strohhalm, Stützbalken
Zusammenkunft
Kerngehäuse
Mitbringsel
Neue Rezensionen zu Walle Sayer
Mitbringsel von Walle Sayer. Andere haben es mit Farben und Pinsel gemacht, Walle Sayer arbeitet mit Worten, die er zu viel einer großen Portion Empathie und noch mehr Herzblut zu sehr klaren Gedichten formt. Klar sind sie für mich, da mir nüchtern falsch erscheint, denn er ist nie distanziert beobachtend, sondern taucht viel eher in die Situationen ein, die er in seinen kleinen Werken „einfangen“ will. Wie ein guter Maler, versucht er jedoch nicht nur den Blick auf eine Stelle zu ziehen. Es ist auch die Stimmung, die aufgenommen werden soll, ein Gefühl, das in einem aufsteigt, weil man sich erinnert oder berührt fühlt. Er hält mit Worten fest, was täglich vergeht.
So will man sein Leben erleben, mit wachem Blick für die kleinen Dinge, die Schönheiten, wie die Unebenheiten, die fröhlichen Momenten, wie die melancholischen Stimmungen oder gar traurigen Abschiede. Teilhaben bis ins kleinste Detail, die Sonne im Apfelmus schmecken.
“Strohhalm, Stützbalken” von Walle Sayer ist ein weiteres Kleinod in dieser unsteten Zeit. Sayer hat sich diesen wundervoll kindlichen Blick für winzige Details und unverpackte Momente bewahrt. Was ihn jedoch ausmacht, ist seine Umsetzung in die Lyrik, dieser Transfer von eingefangenen Blicken und Gefühlsregungen, der dem Augenblick seinen Zauber lässt. Ist der Moment ein Schmetterling, so darf er bei Walle Sayer durch die Lüfte tanzen und seine Schönheit im Sommerlicht entfalten.
„Jammerschönes, Wenigvieles“ Balsam für das Hirn und das Herz. Chapeau!
Gespräche aus der Community
Zusätzliche Informationen
Walle Sayer wurde am 13. September 1960 in Bierlingen (Deutschland) geboren.
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