Walter Rösler

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Rezension zu "Die Menschenfabrik und andere Erzählungen" von Walter Rösler

Rezension zu "Die Menschenfabrik und andere Erzählungen" von Walter Rösler
Heike110566vor 8 Jahren

In der "Literarischen Welt" war 1924, gerade also mal drei Jahre nach dem Tod von Oskar Panizza (1853-1921) zu lesen: "Sein Werk ist heute so gut wie unbekannt. Verschollen und vergessen" - Gezielt wurde dieser Autor, der seine bedeutendsten Werke in den 1890er Jahren veröffentlichte, aus der kollektiven Erinnerung getilgt. Mitverantwortlich dafür, dass dieses Unbekanntsein in der Öffentlichkeit auch heute noch weitestgehend vorhanden ist, sind die Erben Panizzas, die kein Interesse daran zeigten, das Werk dieses Dichters den Menschen zugänglich zu machen. Auch heute noch sind Neuauflagen kaum im Handel erhältlich.
Diese Zusammenstellung von 11 Erzählungen, fast alle stammten aus der Zeit zwischen 1890 und 1893, zeigt, dass dieser Dichter mehr Aufmerksamkeit verdient. Literarisch einzuordnen ist er wohl am ehesten in die Epoche des Naturalismus. Bestimmend ist eine detailiierte Darstellungsweise im Sekundenstil. Beobachtetes wird genauestens beschrieben. Wissenschaftliche Erkenntnisse genau widergespiegelt. Dies alles aber (weitestgehend) nicht wertend durch den Erzähler kommentiert, sondern der Leser selber zum Nachdenken über das Geschilderte angeregt. Und dies alles erfolgt bei Panizza in einer satirischen Art und Weise.
Im Mittelpunkt der Erzählungen steht der Mensch, die Natur des Menschen. Insbesondere bei Panizzas Texten ist es das Aufspüren von Abgründen, Erschreckenden und Unheimlichen hinter der Realität. Schauderhaft und grotesk wirken die Geschichten, stehen diesbezüglich in der Tradition von Edgar Allan Poe und weisen auch schon Elemente des Expressionismus, wie in den Erzählungen von Franz Kafka dann eine Generation später, auf.
Der Entwicklungsweg Panizzas ist ein sehr interessanter, aber auch sehr tragischer. Er wuchs in einem streng religiösen Elternhaus auf. Besonders die Mutter übte sehr starken Druck aus und schränkte seine kindliche Freiheit ein, damit er geradewegs der Theologie zusteuern sollte. Das Gymnasium besuchte er in München unter Aufsicht seines Onkels. Während dieser Zeit kam er aber auch mit der Musik Richard Wagners in Berührung, von dem er begeisteter Anhänger wurde.
Paradoxerweise ist eine der Erzählungen des hier vorliegenden Bandes eine Satire auf den "Richard-Wagner-Virus". Geschrieben ist sie in Form eines Briefes, in dem ein Wagner-Gegner sich zu dem Komponisten äußert. Dies tut er aber derart fundiert und musikanalytisch, dass es eben dadurch im Grunde wieder zu einer Referenz für Wagner und dessen Musik wird.
Nach dem Gymnasium absolviert er den Militärdienst und betreibt Musikstudien. Ernsthaft allerdings studiert er Medizin und promoviert 1880 als Arzt. Ein darauf folgender Aufenthalt in Paris führt ihn in starke Grübeleien und in eine zunehmende Vereinsamung. Durch seine Erziehung findet er kaum Kontakte zu anderen Menschen.
Nach der Rückkehr nach München wird er Arzt in einer Psychiatrie. 1885 wendet er sich dann ausschließlich dem Schreiben zu, was ihm möglich wurde, da er sich von seiner Familie eine Leibrente erstritt, die ihn finanziell unabhängig machte.
In Anlehnung an die Jungdeutschen-Bewegung des revolutionären Vormärz, schließt er sich der Münchener Jüngstdeutschen-Bewegung an. Im gleichen Jahr erscheint sein Buchdrama "Das Liebeskonzil", wofür er 1896 zu einem Jahr Haft wegen "Vergehens wider der Religion" verurteilt wird. Nach der Entlassung geht er 1897 in die Schweiz, aus der er ein Jahr später ausgewiesen wurde. Offizieller Grund: eine Beziehung zu einer 15-jährigen. Tatsächlich ging es aber um seine Gesinnung, die als anarchistisch eingestuft wurde.
Mit seinen 10.000 Büchern zieht er wieder nach Paris. Seine Werke errregen aber die Behörden des wilhelminischen deutschen Staates, da sie, neben der Religion, Hauptangriffsziele der Literatur Panizzas sind. Sein Vermögen, das auf deutschen Konten liegt, wird beschlagnahmt und Panizza so in finanzielle Not in seinem französischen Exil gebracht. Er kehrt nach Deutschland zurück und stellt sich den Behörden. 1901 wird er wiederum zu einer Gefängnisstrafe verurteilt.
Die Lebensumstände unter denen er nach seiner Entlassung lebte, brachten ihn mehr und mehr auch unter psychische Bedrängnis. Seit 1903 ist für Panizza Verfolgungswahn aktenkundig belegt. Er hörte überall Trillerpfeifen und deutete sie als eine Verschwörung der Staatsorgane gegen seine Person. Diese Halluzinationen brachten ihn zum De-facto-Zusammenbruch. 1904 wurde er in die Irrenanstalt eingewiesen. Einst war er Arzt in einer solchen, nun Patient. Ein Jahr später wurde er entmündigt und starb 1921 isoliert und bereits fast völlig aus dem kollektiven literarischen und öffentlichen Gedächtnis gestrichen.
Diese Zusammenstellung ist einfach lesenswert und macht Laune auf mehr von Oskar Panizza. Gefunden habe ich das Buch in einem Aus-Zweiter-Hand-Lädchen, wo ich es für 20 Cent erwarb. Ein Glückstreffer.
Jeder, der gern Satirisches, Schauriges, Kafkaeskes mag, sollte seinen Blick schweifen lassen, um vielleicht dieses oder ein ähnliches Buch mit Arbeiten dieses Autors zu erwerben. Ich kann diesen Dichter einfach nur weiterempfehlen.

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