Warlam Schalamow Künstler der Schaufel

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Inhaltsangabe zu „Künstler der Schaufel“ von Warlam Schalamow

Nach »Durch den Schnee« und »Linkes Ufer« erscheint nun der dritte Band der »Erzählungen aus Kolyma«. Er enthält zwei Zyklen des monumentalen Werks Warlam Schalamows. Wieder entführt er den Leser in die erbarmungslose Welt der sibirischen Lager und erzählt die Geschichte der Besiegten. Im Mittelpunkt steht in diesem dritten Band die meisterhaft geschilderte Ganovenwelt im Lager, ihr Alltag, ihre Sprache, ihre Sitten und ihr Verhältnis zu den politischen Gefangenen.

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  • Rezension zu "Künstler der Schaufel" von Warlam Schalamow

    Künstler der Schaufel
    Wolkenatlas

    Wolkenatlas

    25. August 2010 um 08:21

    Von der Grausamkeit der Menschen Der 1907 in Wologda als Sohn eines Geistlichen geborene Warlam Schalamow hatte in Moskau "sowjetisches Recht" studiert, bevor er 1929 wegen konterrevolutionärer Agitation zu Lagerhaft im Ural verurteilt wurde, weil er 1927 auf einer Demonstration ein Schild mit der Aufschrift "Nieder mit Stalin" getragen hatte. Zwei Jahre später kehrte er nach Moskau zurück. 1937 wurde er erneut verhaftet und in die Kolyma Region im Nordosten Sibierens deportiert. Nach neunzehn Jahren in mehreren Lagern in Sibirien und nach seiner Freilassung auch als Arzthelfer in Kjubuma und als Straßenbauarbeiter durfte er drei Jahre nach Stalins Tod nach Moskau zurückkehren, wo er 1982 vereinsamt in einer Nervenheilanstalt starb. "Es ist unmöglich, mit einem Mal fünf- oder sechshundert Gramm Brot herunterzuschlucken. Leider unterscheidet sich der menschliche Verdauungsapparat in seiner Bauweise von dem Verdauungsapparat einer Boa oder einer Möwe. Die Speiseröhre eines Menschen ist zu eng, ein Stück Brot von einem halben Kilo Gewicht lässt sich nicht auf einmal hineinschieben, erst recht nicht mit Rinde. Man muss das Brot zerbrechen und kauen - dafür vergeht wertvolle Zeit. So einem Arbeiter reißen die Ganoven die Brotreste aus der Hand, sie biegen ihm die Finger auf, schlagen ihn ..." Noch in Sibirien, aber schon freigelassen, begann er damit, seine "Erzählungen aus Kolyma" zu schreiben. Zum Großteil kurze Erzählungen, die sich mit dem Alltag im Arbeitslager und mit der Zeit beschäftigen. Diese Erzählungen wurden von Warlam Schalamow in sechs Bände unterteilt, für die russische Gesamtausgabe 1998 in vier Bände zusammengefasst und so für die großartige Matthes & Seitz-Ausgabe übernommen. In "Künstler der Schaufel" sind also die Bände 3 ("Künstler der Schaufel") und 4 ("Skizzen der Verbrecherwelt") der ursprünglichen Ordnung von Warlam Schalamow zusammengefasst. Schalamows Prosa ist schnörkellos, klar, prägnant und immer im Dienst der Aussage. Auf den ersten Blick unspektakulär, entfaltet sich die Wirkung erst langsam. Eiskalt und schmucklos wie die Temperaturen in Kolyma treffen die meisten Erzählungen, fassungslos liest man die letzten Sätze der jeweiligen Erzählung und merkt, was hier alles zwischen den Zeilen steht. "Die Ziegen, ihre Pflege, das Füttern, das Saubermachen und Melde, all das machte der Blinde selbst, und diese verzweifelte und überflüssige Arbeit war ein Akt der Selbstbestätigung im Leben - der Blinde war es gewohnt, Ernährer einer großen Familie zu sein, war es gewohnt, beschäftigt zu sein und seinen Platz im Leben zu haben und von niemandem abhängig zu sein, weder von der Gesellschaft noch von den eigenen Kindern. Er ließ seine Frau alle Ausgaben aufschreiben, die der sommerliche Verkauf der Ziegenmilch brachte ... Schon im ersten Sommer stellte sich heraus, dass das Futter erheblich teurer war als die herausgeholte Milch, und auch die Steuern auf das Kleinvieh waren gar nicht so klein, aber die Frau des Geistlichen verbarg die Wahrheit vor ihrem Mann und sagte ihm, die Ziegen brächten Gewinn. Und der blinde Geistliche dankte Gott, dass er die Kraft fand, seine Frau wenigstens mit irgendetwas zu unterstützen." Eine der großartigsten Erzählungen aus "Künstler der Schaufel" ist "Das Kreuz", in der ein erblindeter Geistlicher täglich seine Ziegen melkt, während seine Frau ohne sein Wissen Geld verdient, da die Ziegen eigentlich ein Verlustgeschäft sind, weil ihr Futter mehr kostet, als die Milch einbringt, die sie geben. Wunderbar zärtlich führt Warlam Schalamow diese Geschichte bis zum unausweichlichen Höhepunkt. Warlam Schalamow moralisiert nie und verurteilt seine "Protagonisten" nicht. Er erzählt, er schreibt sich die Erinnerungen in Form von Prosa aus dem Gedächtnis. Das Resultat ist ein Riesenzyklus von Erzählungen, die sich alle in irgendeiner Form mit den Fragen beschäftigen, was ein Mensch einem anderen Menschen antun kann und wie man als geächteter Überlebender solcher Grausamkeit weiterleben kann. Ein großes, ein wichtiges und menschliches Buch, ganz große Literatur. Ausgezeichnet übersetzt und herausgegeben, mit Anmerkungen und Glossar versehen und sehr interessantem Nachwort von Michail Ryklin, ist dieser Band (wie schon die Bände 1 und 2) eine Glanztat des Verlages Mathes & Seitz im Dienste Warlam Schalamows. (Erstveröffentlicht auf www.sandammeer.at, Roland Freisitzer; 08/2010)

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