Wassili Grossman

 4,4 Sterne bei 28 Bewertungen
Autor von Leben und Schicksal, Alles fließt und weiteren Büchern.

Lebenslauf von Wassili Grossman

Wassili Semionowitsch Grossman (1905-1964) war zunächst einer der anerkanntesten linientreuen Schriftsteller der Sowjetunion. Die Erfahrungen während des Krieges, die Katastrophe der europäischen Juden, die auch ihn unmittelbar traf, sowie die vielen Schicksale, denen er als Korrespondent der Armeezeitung Roter Stern begegnete, veränderten sein Leben jedoch von Grund auf und er wurde zu einem der unbeugsamsten Chronisten seiner Zeit. Sein großes Stalingrad-Epos, dessen zweiter Band Leben und Schicksal 1961 beschlagnahmt wurde, erschien erst 16 Jahre nach seinem Tod in einem russischen Exilverlag in der Schweiz und wurde von dort aus in 20 Sprachen übersetzt. Dieser als Meisterwerk der russischen Literatur des 20. Jahrhunderts geltende Roman erschien 2007 in einer vollständig überarbeiteten und ergänzten Neuausgabe und wurde von der Presse wie von den Lesern als Wiederentdeckung gefeiert. Inzwischen liegen unter dem Titel Tiergarten außerdem einige Erzählungen auf Deutsch vor.

Quelle: Verlag / vlb

Neue Bücher

Cover des Buches Stalingrad (ISBN: 9783546100137)

Stalingrad

Erscheint am 01.11.2021 als Hardcover bei Claassen.

Alle Bücher von Wassili Grossman

Cover des Buches Leben und Schicksal (ISBN: 9783548064116)

Leben und Schicksal

 (20)
Erschienen am 03.08.2020
Cover des Buches Alles fließt (ISBN: 9783550087950)

Alles fließt

 (5)
Erschienen am 10.03.2010
Cover des Buches Tiergarten (ISBN: 9783546004374)

Tiergarten

 (3)
Erschienen am 11.03.2009
Cover des Buches Stalingrad (ISBN: 9783546100137)

Stalingrad

 (0)
Erscheint am 01.11.2021
Cover des Buches Leben und Schicksal (ISBN: 9783867174275)

Leben und Schicksal

 (0)
Erschienen am 07.10.2009

Neue Rezensionen zu Wassili Grossman

Cover des Buches Alles fließt (ISBN: 9783550087950)Josseles avatar

Rezension zu "Alles fließt" von Wassili Grossman

Erzählung oder Essay, das ist hier die Frage
Josselevor einem Monat

„Alles fließt“ ist eine Erzählung/ein Essay des russischen Schriftstellers Wassili Grossman, die in den Jahren 1955 bis 1963 entstand und erst 1989 erstmals in der Sowjetunion abgedruckt wurde. Mein Exemplar ist die 1. Auflage aus dem Ullstein Verlag vom September 2019 in der Übersetzung von Annelore Nitschke und mit einem Nachwort von Franziska Thun-Hohenstein. Außerdem sind ein Namensverzeichnis und Anmerkungen angehängt. Dieses Exemplar ist bei Lovely Books – warum auch immer – so nicht gelistet. Das hier gelistete und abgebildete Exemplar ist eine ältere Ausgabe.

Grossman erzählt die Geschichte des ehemaligen Studenten Iwan Grigorjewitsch, genannt Wanja, der denunziert und nachfolgend inhaftiert wird. Nach fast dreißig Jahren im Gefängnis und in ostsibirischen Lagern kommt er nach dem Tod Stalins frei und kehrt zurück nach Moskau. Dort trifft er seinen Cousin wieder, der ein erfolgreicher Wissenschaftler ist, er fährt nach Leningrad, wo seine ehemalige Geliebte lebt und er fährt nach Sotschi, wo er seine Kindheit verbrachte. Doch wohin er auch fährt, es erwarten ihn meist Enttäuschungen. Eine Ausnahme bildet die Begegnung mit seiner Zimmerwirtin Anna die seine späte Liebe wird und mit der er sich austauscht. Doch Anna stirbt bald an Krebs.

Die an sich schon recht düstere Rahmenhandlung ist das Gerüst für Grossmans Überlegungen zur russischen Seele und Mentalität, zu Lenin und Stalin und zur Geschichte Russlands und der Sowjetunion. Diese niedergeschriebenen Gedanken durchbrechen die Handlung immer wieder, was das Lesen des Buches nicht ganz einfach macht. Ein zentraler Begriff in Grossmans Betrachtungen ist der Begriff der Freiheit, die als erstrebenswertes hohes Gut ansieht und die er in der Sowjetunion ständig vermisst. Er sagt dem russischen Volk gar eine „Leibeigenschaftsmentalität“ nach. Ein zweiter zentraler Begriff ist die Schuld. Fast alle, denen Iwan Grigorjewitsch in dieser Erzählung begegnet, haben sich in irgendeiner Art und Weise schuldig gemacht und alle plagt ein schlechtes Gewissen. Und doch will Grossman sie nicht vorschnell verurteilen. Der Philanthrop behält doch immer die Oberhand.

Hier ein paar Zitate, die mir aufgefallen sind:

„Stalin starb ungeplant, ohne Anordnung der richtungweisenden Organe. Stalin starb ohne persönliche Anordnung des Genossen Stalin. (S. 33)

„Dieser Tod enthielt ein Element freien, unvermittelten Geschehens, das dem Wesen des stalinistischen Staates unendlich fremd war.“ (S. 34) 

„Doch draußen in der Freiheit traf er manchmal aus dem Lager entlassene Menschen, deren unterwürfige Heuchelei, Angst vor eigenem Denken und Grauen vor einer neuen Verhaftung so ungeheuer groß waren, dass sie weitaus mehr eingekerkert schienen als während ihrer Zeit im Arbeitslager.“ (S. 110)

„Im Zimmer des Untersuchungsrichters erschien der Gedanke an die stickige, stinkende Zelle wonnevoll, wehmütig dachte man an die vertrauten, zermürbten Gesichter der Pritschennachbarn.“ (S. 173)

„In einem Streit legte es Lenin nicht darauf an, den Gegner zu überzeugen. Er wandte sich im Streit gar nicht an ihn, sondern an die Zeugen des Streits……..Im Streit suchte Lenin nicht die Wahrheit, er suchte den Sieg.“ (S. 196)

„Alle seine Fähigkeiten, sein Wille, seine Leidenschaft waren einem Ziel unterworfen – der Machtergreifung. Er opferte diesem Ziel alles, er opferte und tötete um der Machtergreifung willen das Heiligste, was Russland hatte – seine Freiheit.“ (S. 197)

„Und je härter seine Gangart wurde und je schwerer seine Hand und je gehorsamer sich Russland seiner gelehrten und revolutionären Gewalt beugte, umso weniger Kraft hatte er, die wahrhaft satanische Macht der alten Leibeigenschaftsmentalität zu bekämpfen.“ (S. 205)

Alles in allem ist es ein Buch auf mehreren Ebenen, das das außergewöhnliche Talent Grossmans erahnen oder durchscheinen, aber wegen seiner stilistischen und thematischen Brüche nicht wirklich zur Geltung kommen lässt. Vier Sterne.

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Cover des Buches Leben und Schicksal (ISBN: 9783546004152)

Rezension zu "Leben und Schicksal" von Wassili Grossman

Rezension zu "Leben und Schicksal" von Wassili Grossman
Ein LovelyBooks-Nutzervor 11 Jahren

Der Roman des zweiten Weltkriegs. Grossmann, selber Jude, beschreibt anhand von der Schlacht um Stalingrad die Sinnlosigkeit und Grausamkeit der Krieges. Einer der berührendsten Momente ist die Schilderung eines kleinen Jungens, wie er in der Gaskammer umgebracht wird. Grossmann schreibt realistisch, fast im reportagestil. Heute schon ein Klassiker der Weltliteratur.

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Cover des Buches Alles fließt (ISBN: 9783550087950)Gospelsingers avatar

Rezension zu "Alles fließt" von Wassili Grossman

Rezension zu "Alles fließt" von Wassili Grossman
Gospelsingervor 11 Jahren

Wie die anderen Bücher von Wassili Grossman ist auch dieses tief beeindruckend. Grossman ist von einer tiefen Menschlichkeit geprägt und bringt daher großes Verständnis für die Schwachheit der Menschen auf.
Nach 30 Jahren wird Iwan Grigorjewitsch aus der Lagerhaft entlassen und bekommt eine Zuzugsgenehmigung nach Moskau. Bereits bei der Ankunft des Zuges in Moskau erkennt er, dass das Leben in den letzten 30 Jahren auch ohne ihn weitergegangen ist. Sein Vetter ist nicht gerade begeistert über Iwans Entlassung, bringt seine Anwesenheit doch all die Schuldgefühle hoch und gefährdet die Berufung des Vetters an die Akademie der Wissenschaften.
Schuld –das ist eines der großen Themen dieses Buches. Die Schuld jedes Einzelnen an der Unterdrückung und Inhaftierung Andersdenkender. Die Schuld an Denunziationen, am Wegsehen, am Abbrechen des Kontakts zu inhaftierten Familienmitgliedern. Die Schuld an der Diskriminierung der Juden, die in falschen Anklagen, falschen Gutachten und einem Mordprozess gegen Ärzte mündete. Nur der Tod Stalins am 05.03.53 verhinderte den Prozess und führte ein Jahr später zur Rehabilitierung der Angeklagten, deren Geständnisse unter Folter erzwungen wurden.
„Stalin starb ungeplant, ohne Anordnung der richtungsweisenden Organe. Stalin starb ohne persönliche Anordnung des Genossen Stalin. Diese Freiheit, dieser Eigensinn seines Todes enthielt Sprengstoff, enthielt etwas, das dem tief verborgenen Wesen des Staates widersprach.“
Grossman beschreibt die unterschiedliche Entwicklung des Westens und Russlands. Während die westlichen Gesellschaften sich hin zu größerer Freiheit entwickelt haben, entwickelte sich Russland in Richtung Sklaventum, besonders, was die Bauern betrifft. Die Bauern wurden durch Hunger hingerichtet. Ab 1937 bestimmte nicht mehr die Revolution die Gesellschaftsstruktur, sondern der Staat.
„Nur eines hatte Russland in den tausend Jahren nicht erlebt – Freiheit.“
Tausend Jahre unerbittliche Unterdrückung des Individuums führten zur „untertänigen Unterwerfung“ des Individuums unter den Herrscher und Staat. Der Staat ohne Freiheit betraf sämtliche Bereiche des Lebens.
„Überall und in allem war die Freiheit getötet worden“.
Unter Stalin kam man nicht ins Lager wegen begangener Taten, sondern aufgrund der Möglichkeit, Taten zu begehen. Jede harmlose Kritik konnte einen ins Lager bringen.
„Das Gesetz ist lebenswidrig und das Leben ist gesetzeswidrig.“
Am herzzerreißenden Beispiel von Mascha, die wegen „Nichtanzeige“ verhaftet wurde, Mann und Tochter verlor und nur von ihrer Hoffnung, die Tochter irgendwann wiederzusehen, aufrecht erhalten wurde, beschreibt Grossman das Lagerleben.
„Iwan Grigorjewitsch überlegte, dass Mann und Frau in den Lagern von Kolyma nicht gleichberechtigt waren – das Schicksal des Mannes war immer noch leichter.“
Grossman konstatiert, dass die Natur des Menschen gute und schlechte Seiten beinhalte.
„Manches wird dem Menschen verziehen, wenn er im Schmutz und Gestank des gewalttätigen Lagerlebens doch noch Mensch bleibt.“
Grossmans Schreibstil ist fragmentarisch, mosaikähnlich und philosophisch, aber sehr gut zu lesen.
Dieses dünne Buch bringt einem die russische Politik unter Lenin und Stalin und die Situation und Seele des russischen Volkes wesentlich näher als ein dickes Geschichtsbuch.

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