Wassili Grossman

 4,4 Sterne bei 41 Bewertungen
Autor*in von Leben und Schicksal, Stalingrad und weiteren Büchern.

Lebenslauf

Wassili Semionowitsch Grossman (1905-1964) war zunächst einer der anerkanntesten linientreuen Schriftsteller der Sowjetunion. Die Erfahrungen während des Krieges, die Katastrophe der europäischen Juden, die auch ihn unmittelbar traf, sowie die vielen Schicksale, denen er als Korrespondent der Armeezeitung Roter Stern begegnete, veränderten sein Leben jedoch von Grund auf und er wurde zu einem der unbeugsamsten Chronisten seiner Zeit. Sein großes Stalingrad-Epos, dessen zweiter Band Leben und Schicksal 1961 beschlagnahmt wurde, erschien erst 16 Jahre nach seinem Tod in einem russischen Exilverlag in der Schweiz und wurde von dort aus in 20 Sprachen übersetzt. Dieser als Meisterwerk der russischen Literatur des 20. Jahrhunderts geltende Roman erschien 2007 in einer vollständig überarbeiteten und ergänzten Neuausgabe und wurde von der Presse wie von den Lesern als Wiederentdeckung gefeiert. Inzwischen liegen unter dem Titel Tiergarten außerdem einige Erzählungen auf Deutsch vor.

Quelle: Verlag / vlb

Alle Bücher von Wassili Grossman

Cover des Buches Leben und Schicksal (ISBN: 9783548064116)

Leben und Schicksal

(27)
Erschienen am 03.08.2020
Cover des Buches Alles fließt (ISBN: 9783550087950)

Alles fließt

(5)
Erschienen am 10.03.2010
Cover des Buches Stalingrad (ISBN: 9783548066950)

Stalingrad

(5)
Erschienen am 28.12.2023
Cover des Buches Tiergarten (ISBN: 9783546004374)

Tiergarten

(3)
Erschienen am 11.03.2009
Cover des Buches Armenische Reise (ISBN: 9783546100939)

Armenische Reise

(1)
Erschienen am 29.08.2024
Cover des Buches Leben und Schicksal (ISBN: 9783867174275)

Leben und Schicksal

(0)
Erschienen am 07.10.2009

Neue Rezensionen zu Wassili Grossman

Cover des Buches Leben und Schicksal (ISBN: 9783548064116)
Nicolai_Levins avatar

Rezension zu "Leben und Schicksal" von Wassili Grossman

Nicolai_Levin
Was für ein grandioses Epos!

Schon nach ungefähr zwei Seiten, wenn das erste Kapitel beendet ist, zeigt sich beim Lesen dieses Buches, dass Wassili Grossman ein bemerkenswertes Talent zum Beschreiben hat. Dabei passiert wirklich nichts Außergewöhnliches in diesem ersten Kapitel: Wir erleben - aus Sicht des Lokführers - wie ein Zug in ein Lager einfährt. Die Wachtürme im Nebel, der Stacheldraht, die Weichen, das Torhaus, uns schwant schon, was für ein Lager das sein könnte, aber in der Unschuld des Lokführers, der nur seiner Arbeit nachgeht, schwingt die Ahnung nur sehr unterschwellig mit. Später werden wir erkennen, dass Grossman sich nicht nur darauf versteht, Orte und Landschaften in Worte zu fassen, sondern vor allem auch: Menschen in all ihren Facetten.

Er entbreitet in "Leben und Schicksal" ein episches Panorama jenes historischen Winters 1942/43, in dem Hitlers Vormarsch nach dem Überfall auf die Sowjetunion bei Stalingrad zum Halten kam, als seine 6. Armee durch einen wohlvorbereiteten Zangengriff von der Roten Armee eingekesselt wurde und ihr Untergang den Wendepunkt des Zweiten Weltkriegs markierte. Wir besichtigen als Lesepublikum die Verteidiger, die in den zerbombten Häusern von Stalingrad ausharren, wir sind bei den Befehlshabern der Panzerkorps der Roten Armee und zugleich in Kasan, wo die Physiker, die man im Winter zuvor aus Moskau evakuiert hat, an den Grundlagen der Kernspaltung forschen, um deren gewaltige Kräfte nutzbar zu machen.

Neben den Hauptsträngen von fünf oder sechs verwandtschaftlich verbundenen Hauptfiguren und ihren persönlichen Schicksalen (denn auch in historischen Momenten verlieben sich Menschen, kommen Kinder zur Welt und werden Karrieren forciert und vernichtet) machen wir Abstecher in ein deutsches Kriegsgefangenenlager, wo die sowjetischen Kader nicht nur den grausamen Härten des Lageralltags ausgesetzt sind, sondern auch ideologische Kämpfe durchstehen müssen (untereinander und gegenüber den Nazis). Stalin und Hitler haben zwei kurze Cameo-Auftritte. Ein herzzerreißender Abschiedsbrief erreicht den jüdischen Physiker Strum, den seine Mutter aus dem Ghetto geschrieben hat, am Abend vor ihrer Deportation. Und wir begleiten eine ebenfalls jüdische Ärztin in einem Zug, der ins Vernichtungslager fährt und erleben die Fahrt, die Selektion, alles, bis zum Tod in der Gaskammer, in einer beklemmend realistischen Sequenz, die Spielbergs berühmte Visualisierung in "Schindlers Liste" in eindrucksvoller Weise vorwegnimmt.

"Leben und Schicksal", dieses detailreiche Schlachtengemälde, wurde 1960 beendet und durfte in der Sowjetunion nie erscheinen. Zu klar und eindeutig benannte Grossman nicht nur das menschenverachtende NS-System, sondern auch den Schrecken, den der stalinistische Terror verbreitet hat: die allgegenwärtige Angst, der systematische Antisemitismus, die Denunziationen, die willkürliche Verurteilung von (warum auch immer) Unliebsamen und ihre Deportation in die Arbeitslager Sibiriens, die nur die wenigsten überlebten. Die Veröffentlichungsgeschichte dieses Buches (im Nachwort angerissen), das zuerst 1980 in einem Schweizer Exilverlag erschien, bietet Stoff für einen eigenen Roman.

Vor Hitler hat es schon Napoleon versucht, Russland zu bezwingen, 1812. Auch er scheiterte, auch diese Verteidigung des Vaterlandes hat sich tief in die russische Erinnerung gebrannt. Leo Tolstoi hat ihr mit "Krieg und Frieden" ein literarisches Denkmal gesetzt. Grossmans Buch ist in mancherlei Hinsicht eine Wiederauflage des Tolstoi'schen Epos und gleicht dem Vorbild in seinem Konstruktionsplan und in der Idee. Das ist natürlich kein Zufall, und es spricht für Grossmans Selbstbewusstsein, denn der verehrte die Helden der russischen Literatur (und referenziert sie häufig in den Dialogen und im Text): Tschechow, Turgenjew, Dostojewski, Tolstoi. Oh, er weiß genau, dass man sein Werk an Tolstoi messen wird.

Aber er muss den Vergleich nicht fürchten. Im Gegenteil: Was mich betrifft (und ich bewundere und verehre Tolstoi sehr), ist Grossman das bedeutendere und relevantere Buch gelungen. Ja, "Leben und Schicksal" ist ein Meisterwerk, ein Monolith, der "Krieg und Frieden" in den Schatten stellt. 

Stilistisch weiß Grossman zu erfreuen, auch wenn es schwierig ist, das in der Übersetzung zu beurteilen, die sich jedenfalls rund und gut und flüssig und schön liest. Aber es sind andere Dinge, die Grossman von Tolstoi abheben: Einmal die zeitliche Nähe des Themas. Natürlich ist uns der Zweite Weltkrieg präsenter, vertrauter und wichtiger als Napoleons Russlandfeldzug, der sich schon im historischen Nebel verflüchtigt. 

Aber da ist auch die Umsetzung: Tolstoi war noch nicht geboren, als die Ereignisse stattfanden, die er schildert (bei den Kriegsbeschreibungen hat er seine Erlebnisse im Krimkrieg einfließen lassen). Grossman hingegen war 1942 live vor Ort: Als Kriegsberichterstatter der sowjetischen Militärzeitung "Roter Stern" war er bei der Evakuierung Moskaus dabei, bei der Schlacht von Stalingrad und später bei der Befreiung von Treblinka und Auschwitz und beim Kampf um Berlin. Er weiß, worüber er schreibt, er hat es hautnah erlebt, und das merkt man auf jeder Seite.

Auch was die innere Haltung angeht, die das Werk durchzieht, die Ideologie quasi, setze ich Grossman vor Tolstoi. In "Krieg und Frieden" geht es (wie in "Leben und Schicksal" auch) einmal darum, das Geschehen für die Nachwelt zu erhalten und aufzubereiten. Soweit, so gut. Dazu aber vertritt Tolstoi die Haltung, dass sich niemand gegen den gottgewollten Lauf der Dinge stellen darf und Napoleon in seiner Hybris deshalb scheitern musste. Grossman dagegen propagiert eine Idee der universellen menschlichen Güte, die er sowohl vom Nazismus (offensichtlich), als auch von Stalins totalitärem System angegriffen sieht. Aber jeder totale Anspruch auf den Menschen muss scheitern, solange noch ein Funken von Nächstenliebe und Empathie in den Menschen steckt. Jeder Akt der Güte ist ein Schlag ins totalitäre Kontor und verhindert dessen Sieg. Wenn Menschenliebe nicht final totzukriegen ist, muss der Faschismus scheitern.

Ich weiß nicht, ob man dieser Idee vertrauen kann, aber gerade in unseren Zeiten, wo Menschenverachtung, Zynismus und Faschismus überall auf der Welt auf dem Vormarsch scheinen und die Menschlichkeit allerorten so bedrängt wird wie seit den Zeiten Hitlers und Stalins nicht mehr, finde ich diesen Gedanken sehr, sehr tröstlich.

Was mir als deutschsprachigem Leser das Lesen schwer macht, ist die Zuordnung von Leuten in der Geschichte, aber das geht mit bei jeder russischen Erzählung so, die mehr als vier Figuren enthält: Der Kommissar Krymow, ein überzeugter Revolutionär und Bolschewik und Stalinist, der in die Fänge seines eigenen System gerät, wird von den Kommunisten als Genosse Krymow angeredet, ist aber sonst im förmlichen Umgang mit anderen Nikolaj Grigorjewitsch. Im Familienkreis spricht man von ihm wiederum konsequent als Kolja! Dieses Nebeneinander von Funktion, Nachnamen, Vatersnamen, Kosenamen kann einen in den Wahnsinn treiben, und ich habe bis Seite 800 immer wieder das Personenverzeichnis zu Rate ziehen müssen, um zu wissen, wer wer ist.

Für den Kindle gibt's den Roman erst gar nicht. Aber wenn ich schon die Papierfassung kaufen muss, ein kleiner Tadel auch an den Verlag, der das Buch in zwei physische Bände hätte teilen sollen: Dieser Tausend-Seiten-Ziegelstein liegt schwer und schmerzhaft in der Hand und lässt sich praktisch nicht im Sessel lesen, weil er so drückt. 

Cover des Buches Armenische Reise (ISBN: 9783546100939)
Bellis-Perenniss avatar

Rezension zu "Armenische Reise" von Wassili Grossman

Bellis-Perennis
Wassili Grossmanns letztes Werk

Wassili Grossmann (1905-1964) war lange Jahre Reporter der Armeezeitung Roter Stern und linientreuer Schriftsteller der Sowjetunion, der das umfassende Werk „Stalingrad“ hervorgebracht hat. Allerdings hat der Stalin-Terror, der Zweite Weltkrieg und die Vernichtung der Juden, die ihn als Juden mit der Ermordung seiner Mutter, auch persönlich betroffen hat sowie die vielen Schicksalen, denen er als Journalist begegnet ist, sein Leben verändert. Er wird zum Chronisten der Stalin-Zeit und der Jahre danach und beugt sich nicht den Vorschriften der Zensur. Das hat dann zur Folge, dass 1961 die Fortsetzung von „Stalingrad“, der Roman „Leben und Schicksal“ beschlagnahmt, verboten und sowohl Druckplatten als auch Manuskript vernichtet wird. Dass das Werk dennoch, allerdings erst 16 Jahre nach Grossmanns Tod, im 1980 in der Schweiz veröffentlicht werden kann, ist dem Umstand zu verdanken, dass es Fotos von den Manuskriptseiten gibt, die von Grossmanns Freunden unter Lebensgefahr außer Landes geschmuggelt worden sind.  

Unter diesen Aspekten muss man das vorliegende Buch „Armenische Reise“ betrachten.  

Wassili Grossmann wird nach Armenien geschickt, um die Werke eines bekannten armenischen Schriftsteller zu übersetzen. Er, Grossmann, kann aber nicht armenisch. Wie soll das funktionieren? Zumal niemand von seiner Ankunft in Jerewan informiert worden ist. So schlägt sich der Fremde Tag um Tag durch. Man spricht buchstäblich mit Händen und Füßen. Für ihn sieht alles grau in grau aus, nur manchmal unterbrochen von Frauen, die ihre Festtagstrachten, die mit bunten, vornehmlich roten Bändern verziert sind, anlegen. Die am häufigsten gebrauchten Wörter dieses Roman sind Steine, grau und arm. 

Dieses letzte Werk des sowjetischen Schriftstellers, das er über seine Reise nach Armenien verfasst hat. ist nicht nur durch den Schreibstil interessant, sondern auch wegen der Vorbehalte, die Grossmann der Bevölkerung Armeniens gegenüber hat. Erst der Toast, den ein Armenier ihm, Grossmann ausspricht, in dem er die Shoah der Juden mit dem Völkermord an den Armeniern gleichsetzt, öffnet ihm die Augen.  

Im Nachwort erfahren wir noch einiges über Grossmann und die Entstehung dieses Romans. 

Fazit:

Ein interessantes Buch, dem ich gerne 5 Sterne gebe. 

 

Cover des Buches Leben und Schicksal (ISBN: 9783548064116)
Josseles avatar

Rezension zu "Leben und Schicksal" von Wassili Grossman

Jossele
Ein Meisterwerk

Allein schon dieser Band ist ein Riesenwälzer und dabei handelt es sich „nur“ um den zweiten Band eines doppelbändigen Romans über den Krieg zwischen Deutschland und der Sowjetunion und insbesondere über die Schlacht von Stalingrad. Der chronologisch erste Band trägt den Titel Stalingrad. Entstanden ist die Dilogie in der Zeit von 1942 – ca. 1960. Die Veröffentlichungsgeschichte ist wegen der sowjetischen Zensur ein eigener Roman. Unzensiert auf Deutsch ist seltsamerweise der zweite Teil im Jahr 2021 nach dem hier vorliegenden, der 2007 erschien, herausgekommen.

Gegenüber dem ersten Band unterscheidet sich Leben und Schicksal vor allem auch durch die harte und klare Kritik an den Zuständen in der Sowjetunion, weshalb dieser Roman dort zu keiner Zeit, auch nicht entschärft oder teilweise zensiert, erscheinen konnte. Erstmals erschien er daher 1980 in der Schweiz. Zu verdanken ist das mehreren Schmugglern, die das Manuskript aus der Sowjetunion heraus brachten. Wladimir Woinowitsch berichtet in seinem Nachwort davon.

Der Entstehungsgeschichte der Dilogie ist es wohl geschuldet, dass manche Namen sich im ersten und zweiten Band unterscheiden. So wird Jewgenia Nikolajewna, die in Stalingrad Schenja hieß, in diesem Band Genia gerufen und der im ersten Band lediglich als Übergeber eines Päckchens auftretende Iwannikow heißt als Gesprächspartner von Mostowskoi in einem deutschen Lager und Autor einer philosophischen Betrachtung nun Ikonnikow-Morsch.

Sehr offen formuliert Grossman Kritik an der kommunistischen Einheitspartei: „Das Parteibewusstsein bestimmte auch die Haltung des Parteifunktionärs gegenüber einem Buch oder einem Bild; deshalb musste er, ohne zu zögern, auf einen vertrauten Gegenstand, auf ein Buch etwa, das er liebte, verzichten, sofern seine eigenen Neigungen mit dem Interesse der Partei in Konflikt zu geraten drohten.“ (List Tb, 4. Aufl. 2016, S. 120) oder „Grausam und hart waren manchmal die Opfer, die Getmanow um seines Parteibewusstseins willen bringen musste.“ (ebd., S. 120)

Der Autor macht kein Geheimnis daraus, was er von dieser Art von Unehrlichkeit hält: „Es laufen so viele Nullen herum. Die Menschen haben Angst, ihr Recht auf Ehrlichkeit zu verteidigen, sie geben zu leicht nach. Kompromisslertum und erbärmliches Verhalten allenthalben.“ (ebd., S. 991)

Und in Bekräftigung seiner Theorie, dass die Menschen sich ihre Freiheit nicht dauerhaft nehmen lassen, erwähnt Grossman auch die Aufstände in den sozialistischen Ländern: „Da ist der poststalinistische Berliner Aufstand im Jahr 1953 und der ungarische Aufstand im Jahr 1956, da sind die Aufstände, die nach Stalins Tod in den Lagern Sibiriens und des Fernen Ostens aufflammen.“ (ebd., S. 257/258)

Bei aller Kritik am Kommunismus sowjetischer Prägung bezieht Grossman doch klar Stellung gegen den Faschismus: „Die Welt wird an jenem Tag in Blut ertrinken, an dem der Faschismus sich seines endgültigen Triumphes völlig sicher sein wird. Hat der Faschismus einmal keine bewaffneten Feinde mehr auf der Welt, dann werden seine Henker, die Kinder, Frauen und Greise töten, völlig das Maß verlieren. Der Hauptfeind des Faschismus bleibt der Mensch.“ (ebd., S. 233)

Eine gehörige Spitze gegen die nationalsozialistische Ideologie platziert Großmann auch nochmal gegen Ende: „Man konnte nur staunen! So viele von ihnen waren klein, hatten große Nasen und niedrige Stirnen, komische Hasenmäulchen und Spatzenköpfe, so viele Arier waren schwarzhaarig, pickelig und sommersprossig.“ (ebd., S. 966)

Ich las dieses Buch zum zweiten Mal, das erste Mal war vor ca. einem Jahrzehnt und im Gedächtnis geblieben ist mir vor allem dieser Brief, den Strums Mutter ihrem Sohn aus einem jüdischen Ghetto schreibt in der Erwartung, es sei ihr letzter Brief an ihn (ebd., S. 94-109). Und wieder passiert es. Ich weine! Es gibt einige Bücher, die mich berührt haben, aber keines hat mich so tief berührt, dass mir Tränen die Wange hinunterliefen. Doch diese Zeilen schaffen es zum zweiten Mal. Unglaublich.

Zwischendurch nimmt sich der Autor immer mal wieder Zeit, philosophische oder historische Betrachtungen anzustellen. So lässt er den als Christen, der den Glauben an einen Gott verloren hat, auftretenden Ikonnikow-Morsch sagen: „Ich habe das große Leiden der Bauern gesehen, die Kollektivierung aber wurde im Namen des Guten durchgeführt. Ich glaube nicht an das Gute, ich glaube an die Güte.“ (ebd., S. 27/28) und lässt ihn dann umfangreiche Überlegungen anstellen über das Gute und die Güte. 

Selbst über die künstliche Intelligenz lässt sich der Autor aus, wohlgemerkt in den 50-er Jahren des letzten Jahrhunderts: „Man kann sich die Maschinen der zukünftigen Jahrhunderte und Jahrtausende vorstellen. Sie wird Musik hören, Malerei beurteilen, selbst Bilder malen, Melodien erschaffen, Verse schreiben. Gibt es eine Grenze für ihre Vollkommenheit? Wird sie dem Menschen gleich werden, ihn übertreffen?“ (ebd., S. 258)

Interessanterweise lässt Grossman den Physiker Pjotr Lawrentjewitsch Sokolow eine Klage anstimmen, die man auch später und bis heute in Deutschland vernimmt: „Wir Russen dürfen aus irgendeinem Grund nicht auf unser Volk stolz sein, im Nu stempelt man es als Chauvinismus und Dunkelmännertum ab.“ (ebd., S. 349)

Es gibt auch kleine Fehler und Seltsamkeiten in dem Buch, wobei natürlich für den Leser nicht zu klären ist, wie die zustande kamen. So ist der deutsche Offizier Liss mal Sturmbannführer und mal Obersturmbannführer, manche Namen oder Schreibweisen ändern sich zwischen ‚Stalingrad‘ und ‚Leben und Schicksal‘ und Vera ist im zweiten Teil mit Viktorow verheiratet, was sie im ersten noch nicht war. Allerdings fand erzählerisch nie eine Hochzeit statt.

Einem Satz des Nachworts von Jochen Hellbeck möchte ich an der Stelle ausdrücklich zustimmen: „Doch eröffnet sich eine gänzlich neue Lektüre, wenn man ‚Leben und Schicksal‘ als den zweiten Teil der von Grossman so intendierten Dilogie betrachtet.“ (ebd., S. 1074) Denn plötzlich erscheint Grossman nicht mehr, wie man den Eindruck gewinnen kann, wenn man den zweiten Band isoliert liest, als ausschließlich regimekritischer Autor, sondern als Autor, der voller Begeisterung für die Revolution den Glauben an das „Gute“ im Laufe seines Lebens und der Ereignisse verlor und dem die „menschliche Güte“ als Lösung gegenüberstellt.

In Summe ein Buch, was alles hat, was ein brillantes Werk braucht. Spannung, Liebe, Verrat, Politik, Philosophie und vieles mehr. Fünf Sterne. Dieses Buch gehört mit Sicherheit zu den Top Ten der besten Bücher, die ich je gelesen habe.

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