Werner Hamacher Für – Die Philologie

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Inhaltsangabe zu „Für – Die Philologie“ von Werner Hamacher

Es gibt einen anti-philologischen Affekt. Unter den Geisteswissenschaften gilt die Philologie zunehmend als das kleinliche, immer etwas verkniffen betriebene, weltfremde und im Zweifelsfall weltfeindliche Geschäft von Spezialisten, die sich anmaßen, als Disziplin auszuüben, worin jeder, der lesen kann, selbstverständlich ein Meister sein sollte. Der Affekt, der sich gegen die Anmaßung der konzentrierten Aufmerksamkeit auf die Sprache, das Wort, das Komma richtet, wird nicht nur von der diffusen Öffentlichkeit zu einer massiven Abwehr und oft genug zur Verachtung ausgebildet, er wird von zahlreichen Philologen geteilt und speist sich aus Energien, die mit denjenigen der Philologie auf das Engste verbunden sind. Denn Philologie, so akademisch wohlinstalliert sie noch sein mag, ist keine Disziplin. Sie ist erst recht keine Tätigkeit in den verstaubten Archiven von Fliegenbeinzählern und keine in den neonbeleuchteten Laboratorien von Fliegenbeinzupfern. Bevor sie zum angeblich tautologischen Auftreiben von Evidenzen werden kann, muss sie schon von jedem geübt werden, der spricht, sprechend denkt oder handelt und seine und anderer Handlungen, Gesten und Pausen deutlich zu machen oder zu deuten versucht. Wer spricht und wer handelt, betreibt, um sprechen und handeln zu können, auch dann wenn er’s so nicht nennt, Philologie. Denn im Bereich der Sprache gibt es nichts, das selbstverständlich ist, und immer zu viel von dem, was der Erläuterung, des Kommentars, der Ergänzung bedarf. Zum Besonderen wie zum Allgemeinsten findet die Philologie etwas Weiteres hinzuzufügen. Sie ist vor allem, was sie außerdem noch ist, die Erweiterin, Zusetzerin, Hinzufügerin, der nichts Gesagtes oder Geschehenes genügt; sie geht über alles, was als Aussage oder Text vorliegt, hinaus und geht dahinter zurück, um es in seiner Bewegung aus Herkunft und Zukunft zu zeigen; sie ist die Geste eines Darüber-hinaus, die nie überflüssig sein kann, weil sie die Bewegung des Sprechens selbst ist, das sich über alles schon Gesprochene hinwegsetzt. Die Philologie, der noch das Allgemeinste zum Problem werden muss, ist das schlechthin Über-Allgemeine: ein Verlangen nach Sprache und allem, was je von ihr berührt worden ist und von ihr noch ergriffen werden könnte, ein Verlangen, das sich von jeder Totalität abstößt und für Anderes und wiederum Anderes sprechend die Kritik des jeweils Erreichten und alles Erreichbaren betreibt. Da auch die Verständigung über Begriffe – des «Allgemeinen» und des «Besonderen», des «Speziellen», des «Eigentümlichen» – noch auf Erläuterungen angewiesen ist, muss Philologie dasjenige sein, was selbst in keinem Begriff unterkommt, ohne das aber kein Begriff auskommt. Die Philologie ist eine prekäre Bewegung der Sprache, über die Sprache hinaus. Sie verbürgt kein Wissen, sondern betreibt seine immer erneute Verschiebung, gewährt kein Bewusstsein, sondern bloß mannigfaltige Möglichkeiten seiner Ausbildung. Noch bevor sie sich zu einer epistemischen Technik ausbilden kann, ist sie ein Verhältnis – und zwar ein affektives Verhältnis, eine philía eine Freundschaft oder Befreundung – mit der Sprache: und zwar einer Sprache, die noch keine feste Kontur gewonnen, keine beständige Form angenommen und nicht zum Instrument zuvor schon festgestellter Bedeutungen geworden ist. Eine tastende, suchende, sondierende Bewegung, ist sie nicht zunächst der Agent von Aussagen über stabile Tatbestände, sondern ein Movens von Fragen. So wenig es für sie feststehen kann, dass es sprachliche «Tatbestände» gibt, so wenig kann es ihr als ausgemacht gelten, dass Aussagen und Mitteilungen ihre Absicht oder ihre Adressaten erreichen. Sie geht von der Minimalannahme aus, Bedeutsamkeit und Mitteilbarkeit seien auf eine Instanz angewiesen, die sie vor jeder festen Bedeutung und vor jeder vollzogenen Mitteilung für sie zurückhält. Philologie ist diese Zurückhaltung, für die und durch die es Sprache überhaupt erst geben kann. Sie muss sich deshalb gegen ihre geläufigen Definitionen zur Wehr setzen und sich gegen jede künftige Definition ihrer Praxis verwahren. Die Philologie fragt, und wenn sie Behauptungen aufstellt, dann nur, um auf weitere Fragen zu stoßen. Sie ist ein strukturell ironisches Verfahren, das nicht nur einzelne sprachliche Äußerungen – auch ihre eigenen –, sondern die ganze, jeweils vorgeblich ganze Welt der Sprache außer Kraft setzt, weil sie eine weitere, vielleicht noch nie dagewesene wünscht. Nur deshalb unterhält sie ein mobiles Verhältnis zu anderen Sprachverhältnissen, insbesondere denen der sogenannten exakten Wissenschaften, ein prinzipiell prinzipienloses, an-archisches Verhältnis; nur deshalb wirkt sie in allen «historisch-philologischen Disziplinen» als Trickster oder Joker; nur deshalb zeigt sich die sonderbare Kraft wie die eigentümliche Ohnmacht dieses Verhältnisses in ihrer Neigung zur Dichtung am deutlichsten. Dichtung ist die erste Philologie. An ihrer Welten-Offenheit, ihrer Offenheit für diese und für jede mögliche und unmögliche andere Welt, an ihrer Distanz und ihrer Aufmerksamkeit, ihrer Findigkeit und ihrer Kreativität nimmt jede Philologie, ob sie es weiß oder nicht, ihr Maß. Sie versucht ein «Für» zu realisieren, das Raum gibt für ein pro wie ein contra, für den Spruch wie den Widerspruch.

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