Wer kennt eigentlich noch Wiglaf Droste? Seien wir ehrlich: viel zu wenige von euch! Oder: kennen vielleicht, aber lesen? Dann entgehen euch aber Sätze wie: "Die Würde des Menschen ist ein Konjunktiv" und anderes geschliffenes Sprachgut von höchster Güte – allerdings selten gütig präsentiert (selten = nie).
Den Droste war bekannt dafür, der Sprache nicht nur auf den Zahn zu fühlen, sondern faule Zähne auch schnell zu ziehen. Vor allem die in sprachfaulen Mündern, in denen die neusten Modeworte wiedergekäut werden und wo die so produzierte heiße Luft (statt als Furz dem Arsch) als scheinbar reines, aufgeblähtes Sprachgewäsch entsteigt.
Mit jedem substanzlosen Gesinnungssprech stand Droste auf Kriegsfuß (hätte er mir ein Wort, ein unbedachtes Bild wie Kriegsfuß durchgehen lassen? Vermutlich nicht). Sprache durfte in seinen Augen kein Schein, kein Aktienhandel, musste bare Münze sein. Aber auch dann Obacht mit den Herrschaftssymbolen, Gravuren, der Materialzusammensetzung und dem Materialwert, dem Feilschen und Pfennigfuchsen, etc.
Droste sollte in jeder Hausbibliothek stehen, denn seine Glossen, Essays und Artikel sind Kuren für das Sprachempfinden und ein Antidote gegen Allgemeinplätz(ch)e(n) und böse Formulierungsgeister, sie schmieden Stumpf- zu Scharfsinn um und lösen jeden Leim, auf den man sprachlich gehen kann. Als Grundausstattung bietet sich dieser jüngst erschienene Band mit gesammelten Glossen aus 1994 - 2018 an. Mit Volldampf ins Vollbad!
Wiglaf Droste
Lebenslauf
Alle Bücher von Wiglaf Droste
Will denn in China gar kein Sack Reis mehr umfallen?
Wir sägen uns die Beine ab und sehen aus wie Gregor Gysi
Bombardiert Belgien! & Brot und Gürtelrosen
Der infrarote Korsar
Im Sparadies der Friseure
Begrabt mein Hirn an der Biegung des Flusses
Zen-Buddhismus und Zellulitis
Der Mullah von Bullerbüh
Neue Rezensionen zu Wiglaf Droste
Er zauberte gerne. Mit Worten und Sprache ganz allgemein. Doch damit nicht genug. Wiglaf Droste präzisierte sein Handwerk so lange, bis er in der Lage war, mit einzelnen Buchstaben regelrecht zu jonglieren. Dies tat er so lange, bis das Wort mit wenigen Handgriffen seine ursprüngliche Bedeutung verlor, um sich in einem anderen Sinne wiederzufinden.
Es konnte auch einmal vorkommen, dass er, um den ständigen Urknall der Worte bändigen zu können, einfach neue erfand. Schließlich muss man, um nicht im grauen Alltag der ständigen Wiederholungen zu versinken, hin und wieder ausrasten. Selbstverständlich nicht bei uns, nein. Eher in Frankreich. Dort wo man sich "küsst-zu-Küste-küsst", oder gelegentlich "austert, muschelt, krabbt, baguettet, rohmilchkäst" oder gar "salzbuttert".
Für alle Ottos der Normalverbraucher geht das natürlich nicht, und böse Seitenhiebe nach rechts außen schon gar nicht. Um so erfreulicher für den (immer noch) mehrheitlichen Rest, der sich
"gegen völkisches Bläh-Bläh
und Identitäterä"
immun zeigt. Die Hauptsache ist doch, dass man nun darüber aufgeklärt wurde, was die drei Buchstaben jener Partei womöglich tatsächlich bedeuten könnten, und dass man nicht versehentlich an einer "Vaterlands-Phobie", im schlimmsten Fall mit einer "Deu-und-Gautschland-Allergie" kombiniert, erkrankt.
Eine ungewohnt, aber um so erfrischendere, spitze Feder traf den Herrn Pfarrer samt Kollegen. Der Blick auf die aus dem Osten drohende Gefahr wird schnell relativiert, indem der Dichter es wagte, einen Blick in die westliche Vergangenheit und die "Schar der Christenhorden" zu werfen.
Das mag nicht jedem schmecken, schon gar nicht seine Aufrufe, das Leben nicht so ernst zu nehmen und sich, so lange es eben geht, intensiv den angenehmen Seiten zu widmen:
"Doch zwischen den Laken sich liebend zu paaren
ist immer ein Trost, nicht nur zwischen den Jahren."
Das vornehmste Ziel von allen mag sein, seinen "Platz in der Welt" zu finden, und sich "stets wundernd" weiterzuleben. Ein "Neuwelterfinder" war er nicht, aber immerhin ein "Weltpassagier" und einer, der vor dem Leben und dem Tod keine Angst hatte:
Warum denn vor ihm zittern, bibbern, weichen, wanken?
Seine Allgegenwärtigkeit ist Grund, ihm tief zu danken.
"Let's fetz" und mach's gut, Wiglaf Droste!
Herrlicher Humor, gespielt mit Sprache und Absurditäten, die genau meinen Humor treffen. Ich hatte wirklich Spaß beim Hören. Klare Empfehlung, die einzelnen Kapitel sind auch kurz gehalten, stehen in keiner Verbindung zueinander und können somit mal schnell nebenbei gehört werden. Dass ich laut lachen muss, kommt nicht so oft vor - Klasse!
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Wiglaf Droste wurde am 27. Juni 1961 in Herford (Deutschland) geboren.
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