Wilkie Collins (1824 – 1889) schrieb während des viktorianischen Zeitalters mehr als 30 Bücher, studierte zuvor Jura und war ein enger Freund von Charles Dickens. Seine juristischen Kenntnisse lässt Collins mit Vorliebe in sein Werk einfließen, so auch in „Gesetz und Frau“ (erschienen 1875).
Was kann man über diesen fesselnden, effekt- und wendungsreichen Roman sagen, ohne etwas Wesentliches vorwegzunehmen? (Ich empfehle, nicht einmal den rückwärtigen Klappentext zu lesen.)
Valeria Brinton hat mit Anfang zwanzig ihre Eltern bereits verloren, als sie Eustace Woodville in kleiner, feiner Zeremonie heiratet. Sie verhält sich der Zeit entsprechend zunächst wie eine angepasste Ehefrau, die sich auf die Gründung einer eigenen Familie freut. Schnell jedoch spürt sie, dass ihren Mann dunkle Gedanken umtreiben, die seine Vergangenheit und ein diesbezügliches Geheimnis betreffen. Sie findet heraus, dass er sie unter falschen Namen geheiratet hat und dass seine Mutter entgegen seiner eigenen Aussage noch am Leben ist. Was hat Eustace zu verbergen?
Mit Raffinesse beginnt Valeria ihre Recherche. Sie steigt aus dem erwartbaren Rollenbild ihrer Zeit aus, befragt selbstbewusst Freunde und Weggefährten ihres Mannes, macht auf dem Weg zur Wahrheit auch vor der gebildeten Jurisprudenz nicht Halt. Große Relevanz im Romangeschehen besitzt ein fragwürdiges „schottisches Urteil“, das im Gegensatz zum deutschen Recht nicht auf „nicht schuldig“ lautet, sondern auf „nicht erwiesen“. In beiden Fällen kommt der Delinquent zwar auf freien Fuß, ist jedoch im zweiten Fall mit einem bleibenden, schwelenden Verdacht belastet, der die gesellschaftliche Ausgrenzung zur Folge hat.
Eine der Stärken des Autors liegt in der vielfältigen, kreativen Figurengestaltung. Valeria (der Name ist Programm) macht ihrem Geschlecht ganz bewusst alle Ehre. Sie ist eine ungewöhnliche, ja revolutionäre Heldin. Sie widersetzt sich der vorgegebenen Rolle, hinterfragt klug, zweifelt an, kann sich selbst widerlegen und zu ihren Fehlern stehen. Sie hat keine Angst vor Autoritäten, handelt aktiv und verzichtet auf Anstandspersonen. Valeria widersetzt sich geltenden gesellschaftlichen Normen und wird so zur ersten weiblichen Ermittlerin der Literaturgeschichte.
Es gibt weitere schillernde und überraschende Charaktere, die dafür sorgen, dass man den Roman so schnell nicht vergisst. Collins liebt das Spiel mit genderspezifischen Rollenzuweisungen, zeigt psychologische Tiefe in der Figurengestaltung und ist seiner Zeit damit eindeutig voraus. Darüber hinaus zeichnet er ein umfassendes Gesellschaftsportrait des viktorianischen Englands unter besonderer Berücksichtigung des damaligen Rechtswesens: Die Wahrheit ist nicht absolut, sondern hängt von Perspektiven, Interpretationen, Wissen, Vorurteilen und sozialem Status ab.
Der Roman liest sich dank der Neuübersetzung von Sebastian Vogel flüssig, auch humorvolle, höchst originelle Szenen finden Eingang in den Plot. Collins besitzt seiner Zeit gemäß Liebe zum Detail. Manchmal wiederholt er sich. Die Ursache sehe ich darin, dass die Geschichte zunächst als Fortsetzungsroman erschien. Das kenntnisreiche Nachwort von Stefani Brusberg-Kiermeier über Autor und Werk rundet den Text sehr gut ab.
Für mich ist der Autor eine Entdeckung und ich freue mich, dass ich noch zwei weitere seiner Bücher aus dem Nachlass meiner Eltern behalten habe.
Leseempfehlung!