Wilkie Collins Der rote Schal

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Inhaltsangabe zu „Der rote Schal“ von Wilkie Collins

Zwei Freunde, die beide den verhängnisvollen Namen Allan Armadale tragen, stehen unter dem Fluch ihrer Väter, Rivalen bis zum Mord. Die Szene ist Wildbad, das Jahr 1832, und die Stadthonoratioren warten in festlichem Aufzug auf die ersten Kurgäste der Saison. Unter ihnen befindet sich der reiche, sterbenskranke Plantagenbesitzer Allan Armadale, dessen einziger Wunsch es ist, noch vor seinem Tod einen Brief für seinen Sohn zu beenden, in dem er die verhängnisvolle Geschichte seiner Familie erzählt und vor dem Namensvetter warnt: "Lege Gebirge und Meere zwischen Dich und jenen anderen Armadale. Nie dürfen sich die beiden auf dieser Welt begegnen - nie, nie, nie!" Doch ehe der Inhalt des Briefes dem Sohn enthüllt wird, kreuzen sich die Wege der beiden Armadales, und die schöne Unbekannte mit dem roten Schal löst eine Kette mysteriöser Verwicklungen aus, in die die Namensvettern bald verstrickt sind. Wilkie Collins hat nicht nur eine spannende, glänzend konstruierte Handlung erfunden, der Roman fasziniert auch durch seine gekonnte Milieuschilderung und die meisterhafte Personendarstellung: der grüblerische, sensible Midwinter, der fröhliche, optimistische Allan, die Intrigantin Lydia, die hübsche, verliebte Majorstochter, die es auf unschuldig-raffinierte Art versteht, Allan den Kopf zu verdrehen. Aber auch die Nebenfiguren - der schrullige Major, die alte Gaunerin Mutter Oldershaw, die Jammerfigur des alten Bashwood, die gewitzten Anwälte Pedgift und Sohn, die Witwe Pentecost und ihr geistlicher Sohn Sammy - sind mit sicherer Hand ausgeführt. Viele Spannungs- und Gruseleffekte, Liebe und Verstrickungen durchziehen die Handlung bis zur Lösung des Rätsels. Der rote Schal erschien 1866, lange erwartet, sechs Jahre nach Die Frau in Weiß und wurde, ebenso wie jener, ein Erfolgsroman.

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  • Rezension zu "Der rote Schal" von Wilkie Collins

    Der rote Schal

    rumble-bee

    14. January 2012 um 11:54

    Ich habe einen Tag gewartet, bevor ich mich an diese Rezension wagte. Das Buch ist ein wirkliches Kleinod viktorianischer Schreibkunst, ein wunderbarer Schmöker, der derart voller Details steckt, dass man erstmal "verdauen" muss. Das ist wahrhaftig andere Lesekost als heutige "Unterhaltungsliteratur"! Obwohl Wilkie Collins zu seiner Zeit auch so etwas war wie ein "Konsalik der Mittelschicht". Aber: man hatte damals noch eine andere Vorstellung davon, was Unterhaltung ist. Der Leser wurde als Mensch mit vielen Facetten und Interessen ernst genommen, die alle bedient wurden. Und er wurde, durch die komplexe Schreibweise, mitten in die Sinnkonstruktion und die Geschichte einbezogen. Der oben abgedruckten Inhaltsangabe habe ich nichts mehr hinzuzufügen. Daher möchte ich mich auf die Eigenheiten des Buches konzentrieren, die es für mich zu einem sehr runden Leseerlebnis gemacht haben. Mich hat, wie gerade eben angedeutet, vor allem begeistert, dass das Buch so viele Aspekte hat, und so viele mögliche Leser-Interessen anspricht. Es beginnt beispielsweise wie ein Krimi: ein mysteriöser, aber todkranker Engländer lässt sich in einem deutschen Kurort nieder, und diktiert seine Lebensbeichte einem Landsmann, der diese darauhin notariell hinterlegt. Schon allein dieser Prolog hat alles, was das Leserherz begehrt: Dramatik, Geheimnisse, ein Verbrechen in der Vergangenheit, Rache, Schuld, Liebe. Das Ganze wird grandios gespiegelt durch die sehr eigenen Figuren! Jeder ist ein wenig eckig und kantig, passt aber perfekt zur Story. Der gediegene Erzählstil vertieft diesen Eindruck nur. Im weiteren Verlauf könnte man das Buch noch in viele weitere "Schubladen" stecken, doch man hat als Leser nicht das Gefühl, dass auch nur einer dieser Aspekte zu kurz käme. Da wären zum Beispiel die teils vertrackten Liebesgeschichten, die immer wieder haarscharf gut - und dann wieder schief gehen. Und noch dazu das Setting in der englischen Mittelschicht, in der sich Gerüchte und Meinungen geradezu inflationär verbreiten - es war einfach köstlich! Ein wenig wie bei Jane Austen - wobei man aber sagen muss, dass Wilkie Collins doch eine deutlich entspanntere Haltung zu dieser Gesellschaft vertritt. Er kann es sich auch nicht verkneifen, immer wieder höchst bissige Abschnitte über die Torheit diverser Personen oder Zu- und Umstände einzuflechten. Das hätte sich eine Jane Austen nie erlaubt. Dann haben wir den Grusel- und Mystery- Aspekt, der ebenfalls gebührend behandelt wird. Es wimmelt in diesem Buch vor lauter Vorahnungen, Visionen, dräuendem Unheil, und Seelenqual. Sicher ist uns dies als heutigen Lesern ein wenig fremd - aber innerhalb der jeweiligen Charakterisierungen der beteiligten Personen wirkte alles organisch und logisch. Es gibt wunderbare Passagen über Nebel, Wolken, Parks und einsame Landstraßen, die man glatt noch einmal, um ihrer selbst willen, lesen könnte. Ganz große Schriftstellerkunst! Doch am eindrücklichsten blieben mir wohl die starken Hauptfiguren im Gedächtnis. Im wesentlichen haben wir es hier mit einer Dreier- Konstellation zu tun: der Freundschaft zwischen zwei Männern, die durch das Auftauchen der Dame mit dem roten Schal heftig auf die Probe gestellt wird. Obwohl sich einer der Männer im späteren Verlauf für eine andere Frau entscheidet, ist es doch die Dame mit dem roten Schal, auf die alles hinausläuft. Sie spielt im Showdown, wie man das heute nennt, die entscheidende Rolle. Und sie reißt gleich mehrere Personen ins Verderben. Ich denke jetzt noch, lange nach dem Zuklappen des Buches, an diese Figuren: Allan Armadale, sein Freund Ozias Midwinter, und - eben "Miss Gwilt", wie ich sie hier einmal nennen will. Denn wer sie wirklich war, bleibt am Ende offen. Ich muss noch erwähnen, dass es sich um keine "geradlinige" Erzählweise handelt. Das Buch ist sehr kunstvoll und komplex geschrieben. Da haben wir teils die bewährte auktoriale Erzählperspektive in der dritten Person. Dann wieder haben wir viele Dialoge, die aber sehr lebensnah und authentisch klingen. Dann wiederum Briefe und Tagebucheinträge. Testamente und Zeitungsartikel. Im mittleren Teil des Buches sind es hauptsächlich die Briefe, welche die Handlung vorantreiben- gegen Ende dann wieder Miss Gwilts Tagebuch. Das zwingt den Leser zur aktiven Teilnahme, zum "Mitbasteln" am Geschehen. Das Buch lässt sich insofern gewiss nicht gefällig "konsumieren"! Ein wenig erinnerte es mich in seiner Technik an die "Gefährlichen Liebschaften" - denn dort ging es ja auch um die Winkelzüge verschiedener Parteien, die man erst durch die Briefe entwirren musste. Insgesamt kann ich nur sagen, dass mich diese Lektüre gefordert hat - aber im sehr positiven Sinne! Ich konnte mich nicht zurücklehnen, sondern musste bewerten, miterleben, nachvollziehen. Zu keiner Zeit kam Langeweile auf, ich fühlte mich versetzt in einen gänzlich anderen Kosmos, in dem das Schreiben und Lesen von Büchern noch als das galt, was es bestenfalls auch ist: eine Reise ins Herz der Menschen.

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