Willem Frederik Hermans Die Dunkelkammer des Damokles

(9)

Lovelybooks Bewertung

  • 15 Bibliotheken
  • 0 Follower
  • 0 Leser
  • 3 Rezensionen
(5)
(4)
(0)
(0)
(0)

Inhaltsangabe zu „Die Dunkelkammer des Damokles“ von Willem Frederik Hermans

Henri Osewoudt, dessen Mutter in einem Anflug von Wahnsinn den eigenen Mann erstach, ist von seinem Onkel Bart erzogen worden. Mit der sieben Jahre älteren Cousine Ria hat er schon früh die Wonnen der Liebe erlebt. Gerade achtzehn geworden, beschließt Osewoudt, die junge Frau zu heiraten und den Tabakwarenladen seines Vaters weiterzuführen. Schicksalhaft wird für ihn die Begegnung mit dem Offizier Dorbeck, der eines Tages das Geschäft betritt. Er hält ihn zur Mitarbeit im Widerstand an. Osewoudt führt Dorbecks Aufträge aus und verstrickt sich immer tiefer in Gewalt und Mord. Als sich Osewoudt nach der Befreiung vor Gericht verantworten soll, könnte der geheimnisumwitterte Auftraggeber die Unschuld bezeugen. Allein Dorbeck bleibt verschwunden, und Osewoudt Unschuldsbeteuerungen werden für die niederländische Polizei immer fadenscheiniger. Unglaublich spannend erzählt Willem Frederik Hermans die Geschichte eines Mannes, der sich als Held wähnt und in Schuld verstrickt. (Quelle:'Flexibler Einband/01.03.2003')

Verräter oder Held? Wahrheit oder Paranoia? Faszinierender, thrillerhafter existenzialistisch-philosophischer Romanklassiker aus den NL.

— Gulan
Gulan

Stöbern in Romane

Betreff: Einladung zu einer Kreuzfahrt

Literaturbetrieb in der Karibik

Aliknecht

Vintage

Etwas Gitarrengeschichte mit einem Krimi gemischt

leniks

Und es schmilzt

Wirklich bewegend und erschütternd

Lilith79

Drei Tage und ein Leben

Ein beklemmendes Buch, stellenweise schwer zu verdauen. Negativ: unerträglicher Protagonist.

Lovely_Lila

Zeit der Schwalben

Eine spannende und berührende Familiengeschichte

SarahV

Die Schlange von Essex

Von der Handlung her hätte ich mir gern mehr Tiefe gewünscht, aber von der Versinnbildlichung bin ich mehr als begeistert.

herrzett

  • Rezensionen
  • Leserunden
  • Buchverlosungen
  • Themen
  • Held oder Verräter?

    Die Dunkelkammer des Damokles
    Gulan

    Gulan

    21. October 2016 um 16:57

    Als ich ihn zum ersten Mal sah, dachte ich: So wie dieser Mann ist, so müßte ich sein. Verstehst du, es ist gar nicht so leicht, das auszudrücken, aber ich meine so ungefähr wie in einer Fabrik, wo ein bestimmter Gegenstand hergestellt wird: Hin und wieder mißlingt einer, ein zweiter wird gemacht, der in Ordnung ist, und das mißlungene Exemplar wird weggeworfen... Nur, mich haben sie nicht weggeworfen, ich habe weitergelebt, wenn auch mißlungen. Ich habe nie gewußt, daß ich das mißlungene Exemplar bin, bis ich Dorbeck begegnet bin. Von da an wußte ich es. Von da an wußte ich, daß er das gelungene Exemplar ist, daß ich im Vergleich mit diesem Mann keine Existenzberechtigung hatte, daß ich mich nur zu einem annehmbaren Menschen entwickeln konnte, indem ich genau das tat, was er wollte. Ich habe alles getan, was er von mir verlangt hat, und das ist nicht wenig...nein, nicht wenig... (S. 196-197) Henri Osewoudt betreibt einen kleinen Tabakladen in Voorschoten, als wenige Tage nach dem deutschen Überfall auf die Niederlande im Mai 1940 der niederländische Offizier Dorbeck sein Geschäft betritt und ihn bittet, einen Film zu entwickeln und seine Uniform zu verstecken. Von da an erhält Osewoudt weitere Anweisungen von Dorbeck, die er zuverlässig ausführt, sogar als Dorbeck ihn zum Mord anstiftet. Osewoudt wird sogar von den Deutschen verhaftet, kann aber fliehen und sich im April 1945 in den bereits befreiten Teil der Niederlande durchschlagen. Dort angekommen wähnt er sich als Held des Widerstands und muss fassungslos feststellen, dass er als Verräter verhaftet wird. „Die Dunkelkammer des Damokles“ gilt als einer der bekanntesten und bedeutendsten niederländischen Romane. Der Autor Willem Frederik Hermans zählt zu den „Groten Drie“ der niederländischen Nachkriegsliteratur (zusammen mit Harry Mulisch und Gerard Reve). Er wurde 1921 in Amsterdam geboren. Seine Kindheit war geprägt durch eine schwieriges Verhältnis zu seinem Vater und seiner älteren Schwester. Ihr Selbstmord und der deutsche Einmarsch in die Niederlande im Mai 1940 bildeten eine Zäsur in seinem Leben. Hermans veröffentlichte während der Besatzungszeit Erzählungen und Gedichte in Untergrundzeitschriften. Mit seinem zweiten Roman „Die Tränen der Akazien“ (1949) stellte er zum ersten Mal den heroischen niederländischen Widerstand gegen die deutsche Besatzungsmacht in Frage, was er später in „Die Dunkelkammer des Damokles“ wieder aufgreifen wird. Beide Romane zeugen außerdem von einer zutiefst pessimistischen, misanthropischen Weltsicht des Autors. Hermans war zeitlebens eine streitbare Figur, der vor Provokation und Polemiken nicht zurückschreckte. So war 1952 sein Roman über die Rolle der Niederlande im indonesischen Unabhängigkeitskrieg „Ik heb altijd gelijk“ Gegenstand eines Gerichtsverfahrens. Er ignorierte unter anderem den kulturellen Boykott des südafrikanischen Apartheidregimes und schied 1973 im Streit mit der Universität Groningen, wo er Geografie lehrte, und verfasste als Abrechnung den Schlüsselroman „Unter Professoren“. Im gleichen Jahr kehrte er unter großem Getöse der Niederlande den Rücken und ging nach Paris ins Exil, später nach Brüssel. Kurz vor seinem Tod kehrte er in sein Heimatland zurück und starb am 27.April 1995 in Utrecht. Zu den Hobbys des Autors zählten neben dem Sammeln von Schreibmaschinen auch das Fotografieren und die Entwicklung von Filmen, ein Thema, das er in „Die Dunkelkammer des Damokles“ einbaut. Sein Protagonist Henri Osewoudt ist zu Beginn des Buches gerade mal zwölf Jahre alt, als er nach Hause kommt und eine Menschenmenge vor dem Tabakladen seines Vaters vorfindet. Sein Vater wurde von seiner Mutter erstochen, diese wurde in die Psychiatrie eingewiesen. Er wächst bei seinem Onkel Bart auf und wird von seiner deutlich älteren, hässlichen Cousine Ria verführt bzw. missbraucht. Als er 18 wird, heiratet er Ria, übernimmt den Tabakladen und holt seine Mutter aus der Psychiatrie. Dies geschieht auf wenigen Seiten und zeigt bereits den Charakter Osewoudts als vom Schicksal gebeutelt und antriebslos. Als der Offizier Dorbeck sein Geschäft betritt, ist es für Osewoudt, als begegne er einem besseren Ebenbild. Dorbeck sieht ihm frappierend ähnlich, aber im Gegensatz zu ihm hat er dunkles Haar, einen Bart (während bei ihm kein Barthaar wächst) und einen Plan, eine Lebensvorstellung. Völlig arglos lässt sich Osewoudt von seinem Doppelgänger ohne eigenen ideologischen Antrieb instrumentalisieren und setzt damit ohne es wollen eine Maschinerie in Gang, die ihm später zum Verhängnis wird. Er drehte sich um, noch ehe Moorlag das Zimmer verlassen hatte. Vaterland, was ist das? Dachte er. Die blaue Straßenbahn? Die gelbe Straßenbahn? Sie fahren heute ebensogut wie früher, nur abends mit weniger Licht. (S. 78) Denn als er später als Verräter verhaftet wird, versucht Osewoudt verzweifelt, Dorbeck als Auftraggeber anzugeben. Niemand kennt Dorbeck oder will niemand ihn kennen? Ist Dorbeck gar nur eine Ausgeburt Osewoudts Fantasie? Die Ankläger sind durchaus gewissenhaft, gehen Osewoudts Angaben nach, aber letztendlich bleibt Dorbeck unauffindbar. Ein faszinierender, alptraumhafter Plot, bei dem sich auch der Leser fragt: Was ist denn jetzt die Wahrheit, was ist Paranoia? In seinem Nachwort beschreibt Cees Noteboom dies als Quintessenz: „Unbeweisbare Unschuld, Personenverwechslungen, Rätsel, die nicht gelöst werden, unentrinnbares Schicksal, surreale Plots und immer wieder Menschen in ihrer hilflosen Kleinheit als Opfer von 'Mutwillen und Mißverständnis', ohne dass eine Katharsis in Sicht wäre.“ Was ist der Sinn meines Lebens, erwiderte Osewoudt, wenn ich mit einem Fluch geboren werde und diesen Fluch nicht anders als durch Gnade loswerden kann? Soll ich dafür leben: um zwei Geschenke zu bekommen, die sich gegenseitig aufheben, obwohl ich überhaupt nicht um Geschenke gebeten habe? Ich habe um nichts gebeten. Ich habe auch nicht darum gebeten, zu leben. Ich habe nicht darum gebeten, geboren zu werden, ich habe nicht darum gebeten, bei meiner Geburt verflucht zu werden, und bitte bei meinem Tod auch nicht darum, begnadigt zu werden. Wenn mir ohnehin keine andere Möglichkeit bleibt, als zu sterben, bin ich auf Gnade nicht mehr angewiesen: Mit dem Ende meines Lebens endet auch der Fluch. (S. 367) Ist „Die Dunkelkammer des Damokles“ auf den ersten zwei Dritteln überwiegend ein thrillerhafter Weltkriegsroman, dominieren vor allem im letzten Teil die existentialistischen und philosophischen Aspekte. Die Frage nach der eigenen Identität, nach Schuld und Moral, beziehungsweise deren Nichtexistenz. Ich habe den Roman für dieses „Niederlande/Flandern“-Wochenende nun schon zum zweiten Mal gelesen und bin immer noch fasziniert.

    Mehr
    • 8
  • LovelyBooks Romane-Challenge 2016: Die Challenge mit Niveau

    aba

    aba

    LovelyBooks lädt im neuen Jahr wieder zu spannenden Challenges ein.Und auf euch warten tolle Gewinne.Die anspruchsvolle Gegenwartsliteratur ist 2016 wieder dabei!Liest du gerne Bücher mit Niveau?Dann ist diese Challenge genau das Richtige für dich.15 anspruchsvolle Romane möchten wir vom 01.01.2016 bis 31.12.2016 lesen.Es gelten Bücher - Gegenwartsliteratur -, die in diesem Zeitraum erscheinen (Ersterscheinungen) und an diesem Beitrag angehängt sind.Auch Neuauflagen – 2016 erschienen - von Klassikern.Die Regeln: Melde dich mit einem kurzen Beitrag hier im Thread an. Einstig ist jederzeit möglich. Und du kannst dich jederzeit wieder abmelden. Du verpflichtest dich zu nichts. Schreibe bitte zu jedem Buch, das du für die Challenge gelesen hast, eine Rezension bei LovelyBooks, und verlinke diese in einem einzigen Beitrag in diesem Thread. Dieser Beitrag, wird von mir unter dem entsprechenden User-Namen in der Teilnehmerliste verlinkt. Das wird dein Sammelbeitrag für deine Rezensionen sein. Es gelten nur Bücher, die an diesem Beitrag angehängt sind! Bitte beachten: Die Liste der Bücher erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit.Nimmst du die Herausforderung an?Unter allen Teilnehmern, die es schaffen, 15 Romane mit Niveau bis zum 31.12.2016 zu lesen und zu rezensieren, wird ein tolles Buchpaket verlost.Natürlich mit den passenden Büchern zum Thema.Ich freue mich auf viele Anmeldungen!Teilnehmer:19angelika63AgnesMAmayaRoseanushkaArizonaaspecialkateban-aislingeachBarbara62BlaetterwindblauerklausbonniereadsbooksBookfantasyXYbookgirlBuchgespenstBuchinaBuchraettinCara_EleaCaroasCorsicanacrimarestricyranaczytelniczka73Deengladia78DieBertadigraEeyoreleerinrosewellFarbwirbel FederfeeFornikaFrauGonzoFrauJottfreiegedankenfrlfrohsinngefluegeltermondGela_HKGetReadyGinevraGirl56GruenenteGwendolinahannelore259hannipalanniHeldentenorIgelaInsider2199JoBerlinK2kkatrin297krimielselenikslesebiene27LesefantasieleselealesenbirgitleseratteneuLibriHollylisibooksLiteraturmaria1Marika_RomaniaMaritzelmarpijeMartina28MauelaMercadoMiamoumiss_mesmerizednaddoochNadja_KloosnaninkaNepomurksNightflowerNilNisnispardenPetrisPocciPrinzessinAuroraschokoloko29serendipity3012SikalsofiesolveigsommerleseStefanieFreigerichtsternchennagelSumsi1990suppenfeesursulapitschiTanyBeeTintenfantasieTochterAliceumbrellavielleser18wandabluewiloberwortjongleurzeki35

    Mehr
    • 2951
  • Die Dunkelkammer des Henri Osewoudt

    Die Dunkelkammer des Damokles
    JoBerlin

    JoBerlin

    21. August 2016 um 15:39

    Die Niederlande & Flandern sind Ehrengäste der Frankfurter Buchmesse 2016. Dazu gibt es in diesem Herbst eine Fülle Neuausgaben, Neuübersetzungen und Wiederauflagen niederländischer/flandrischer Romane. Hierzu gehört auch „Die Dunkelkammer des Damokles“ von Willem Frederick Hermans (1921 – 1995), der – in Deutschland kaum bekannt – zu den großen niederländischen Nachkriegsautoren gezählt werden kann. Südholland 1940, deutsche Besatzungszeit. Mehr oder weniger zufällig schließt sich der junge Henri Osewoudt dem charismatischen Widerstandskämpfer Dorbeck an. Osewoudt hat nichts zu verlieren - der öde Beruf, die ungeliebte Ehefrau geben ihm kaum Perspektive und Halt. Willem F. Hermans erzählt sehr, sehr spannend von den nun folgenden geheimen Partisanenaufträgen an Osewoudt, dieser hinterfragt dabei nichts, führt alles wunschgemäß aus und vertraut dem bewunderten Dorbeck blind. Leider hat dieser gut konstruierte Roman ab etwa der Hälfte doch einige Längen, Hermans verstrickt sich hier in zu detailreiche Schilderungen des physischen und psychischen Kampfes gegen die deutschen Besatzer. Und nach und nach kommen Zweifel auf: Kämpft der Protagonist Osewoudt wirklich auf der „richtigen Seite“ oder ist er längst durch die deutsche SS instrumentalisiert worden? „Die Dunkelkammer des Damokles“ – bietet ein spannendes Spiel mit Doppelgänger- und Agentenmotiven, dem Roman sind viele neue Leser/innen zu wünschen, von mir gibt es dazu eine klare Leseempfehlung.

    Mehr
    • 2
  • Themen-Challenge 2014 - übersetzte Bücher, aber nicht aus dem Englischen oder Französischen

    Daniliesing

    Daniliesing

    Dieses Thema gehört zur Themen-Challenge 2014:

    Hier könnt ihr euch über eure gelesenen Bücher zu Thema 15 austauschen!

    • 67
    Gulan

    Gulan

    12. January 2014 um 00:08
    rumble-bee schreibt Ich hänge mal ein paar Beispiele für eher exotische Originale an, die hierzulande noch sehr unterrepräsentiert sind... Niederländisch und Hebräisch...

    Hervorragender Tipp: Für die niederländische Literatur hätte ich auch noch ein paar Vorschläge.

  • Rezension zu "Die Dunkelkammer des Damokles" von Willem Fr. Hermans

    Die Dunkelkammer des Damokles
    ude

    ude

    19. June 2009 um 22:12

    Ein zu unrecht wenig bekanntes Buch. Es ist aber in Wahrheit ganz großartig: von sehr seltsamer Suggestion, ein wenig unwirklich, obwohl es im besetzten Holland spielt.