Rezension zu "The Oxford Handbook of the Ancien Regime (Oxford Handbooks)" von William Doyle
Andreas_OberenderDer Titel des Oxford Handbook of the Ancien Régime weckt Erwartungen, die das Buch leider nicht erfüllt. Wer eine didaktisch gut aufbereitete Einführungs- oder Überblicksdarstellung zur Geschichte Frankreichs im 17. und 18. Jahrhundert erwartet, sieht sich rasch getäuscht. William Doyle, einer der führenden Frankreich-Experten der britischen Geschichtswissenschaft, fungiert als Herausgeber des Bandes. Historikerinnen und Historiker aus Großbritannien, Irland, den USA, Frankreich, Italien und Australien erörtern in 30 Kapiteln verschiedene Aspekte der Geschichte Frankreichs und Europas in der Zeit vor der Französischen Revolution und während der Revolutionsära. Am Ende jedes Beitrages finden sich Literaturhinweise zum behandelten Thema. Der Band ist in sieben Abschnitte gegliedert, die jeweils drei bis fünf Beiträge umfassen:
+ Politik
+ Gesellschaft
+ Wirtschaft
+ Religion
+ Kultur
Die Beiträge des sechsten Abschnittes gehen länderübergreifend der Frage nach, welche Faktoren in den Jahrzehnten vor und nach 1800 den allmählichen Übergang Europas von der Vormoderne in die Moderne bewirkten (Aufklärung; technologischer Fortschritt; Revolution). Es folgen im siebten und letzten Abschnitt Fallstudien über das napoleonische Frankreich, Großbritannien, die USA nach dem Unabhängigkeitskrieg und das Heilige Römische Reich.
William Doyle macht in seiner Einleitung keine Angaben, an welchen Leserkreis der Band gerichtet und für welche Zwecke er gedacht ist. Wie sich bei der Lektüre sehr schnell zeigt, sind die Beiträge für die Verwendung im universitären Seminarbetrieb unbrauchbar. Sie setzen ein immenses Vorwissen zur Geschichte Frankreichs und Europas im 17. und 18. Jahrhundert voraus, dazu solide Kenntnisse über Trends und innovative Ansätze der internationalen historischen Forschung seit den 1970er Jahren. Wer all diese Kenntnisse nicht besitzt, wird unweigerlich Verständnisprobleme haben und an dem Band rasch verzweifeln. Für Studierende – selbst solche im Masterstudium – und erst recht für historisch interessierte Laien ist das Buch vollkommen ungeeignet. Die Texte sind anspruchsvoll, bewegen sich auf einem hohen Abstraktions- und Reflexionsniveau. Fast alle sind streng analytisch und problemorientiert angelegt. Sie vermitteln kein Grundlagen- bzw. Handbuchwissen, sondern synthetisieren die Forschungsliteraturen mehrerer geschichtswissenschaftlicher Teilfächer und Spezialdisziplinen. Ärgerlich ist die fehlende Einheitlichkeit in geographischer und chronologischer Hinsicht in den Abschnitten 1 bis 5. Manche Beiträge sind ausschließlich auf Frankreich fokussiert. Einige Autorinnen und Autoren nehmen hingegen ganz Europa in den Blick und behandeln Frankreich nur am Rande, so Nigel Aston (die christlichen Amtskirchen, Kap. 17) und Dorinda Outram (Bildungswesen, Kap. 21). Manche Texte untersuchen langfristige Entwicklungen und umspannen anderthalb Jahrhunderte. Andere wiederum nehmen nur die letzten 20 Jahre vor der Revolution in den Blick. Für den Leser ist es mühevoll, aus den vielen Beiträgen ein kohärentes Bild der alteuropäischen Herrschafts- und Gesellschaftsordnung zu gewinnen, für die die französischen Revolutionäre den Begriff des Ancien Régime prägten. Was Frankreich angeht, so bleibt offen, wie sich die Entstehung oder Herausprägung des Ancien Régime überhaupt vollzog. Es erfolgt keine Bezugnahme auf das 16. Jahrhundert, und die wichtige Phase zwischen dem Ende der Religionskriege 1598 und dem Beginn der Selbstherrschaft Ludwigs XIV. 1661 wird kaum beleuchtet.
Der Kreis möglicher Nutzerinnen und Nutzer des Handbuches ist auf Fachgelehrte beschränkt. Für die vertiefte Beschäftigung mit der Geschichte Frankreichs unter den Bourbonenkönigen ist das Buch entbehrlich. Dafür ist der ebenfalls von William Doyle herausgegebene Band Old Regime France, 1648-1789 (2001) deutlich besser geeignet. Er ist der Teil der sechsbändigen Short Oxford History of France.








