William T. Vollmann

 4.1 Sterne bei 18 Bewertungen
Autor von Europe Central, Huren für Gloria und weiteren Büchern.

Alle Bücher von William T. Vollmann

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Europe Central

Europe Central

 (8)
Erschienen am 19.05.2014
Huren für Gloria

Huren für Gloria

 (3)
Erschienen am 19.03.2008
Hobo Blues

Hobo Blues

 (2)
Erschienen am 23.03.2009
Arme Leute

Arme Leute

 (1)
Erschienen am 11.06.2018
Sperrzone Fukushima es digital

Sperrzone Fukushima es digital

 (1)
Erschienen am 14.11.2011
Huren für Gloria: Roman

Huren für Gloria: Roman

 (1)
Erschienen am 17.06.2013
Butterfly Stories

Butterfly Stories

 (1)
Erschienen am 01.09.1994

Neue Rezensionen zu William T. Vollmann

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Rezension zu "Arme Leute" von William T. Vollmann

Reportage, Bericht, Essay, Erzählung und soziologische Studie
HansDurrervor 3 Monaten

In der Einführung zu seinem Essay über Arme Leute (Suhrkamp, Berlin 2018) nimmt William T. Vollmann auch Bezug auf ein Werk, mit dem ich mich eingehend beschäftigt, doch noch nie so wahrgenommen habe wie er es tut. Er bezeichnet Preisen will ich die grossen Männer von James Agee und Walker Evans als „elitärer Ausdruck elitärer Neigungen.“ Zur Erinnerung: Zur Zeit der Weltwirtschaftskrise in den 1930er Jahren verbrachten der Autor James Agee und der Fotograf Walker Evans einige Monate im Süden der Vereinigten Staaten, um die Lebensumsstände der dortigen Baumwollpflücker zu dokumentieren.

Vollmann attestiert James Agee, dass er sich einlässt. „Er will, dass wir alles fühlen und riechen, was die von ihm Beschriebenen fühlen und riechen müssen, und kommt dieser Wirkung so nahe, wie es möglich ist, wenn einem als Mittel nichts als das Alphabet zur Verfügung steht; also scheitert er und verachtet sich und uns dafür, dass es nicht anders sein kann, entschuldigt sich bei den Familien mit so absurd prachtvollen Unterwerfungsgesten, dass nur die Reichen die Musse haben werden, sie zu verstehen – und wie viele von ihnen werden das wollen?“ Ich verstehe das in wesentlichen Zügen auch als Selbstporträt von Vollmann.

Auch was er vom Fotografen Walker Evans schreibt, könnte er fast genau so gut von seinen eigenen (am Schluss dieses Bandes versammelten Fotografien) und von Fotos generell schreiben. „… Evans flüchtet sich in die enthüllende Einsilbigkeit der Fotografie. Ein Bild sagt mehr als tausend Worte, gewiss, aber als welche tausend? Ist deine Bildunterschrift die gleiche wie meine? Ein armer Mann starrt dich von der Buchseite an. Du wirst ihm nie begegnen. Ist er hart, bedrohlich, traurig, abstossend, entschlossen, zermürbt, unbeugsam, stolz, oder alles zusammen? Was kann man aus einem Gesicht wirklich ablesen? Was den Fotografen angeht, der muss sich nie wirklich einlassen.“ Das ist die Art von Auseinandersetzung mit der Fotografie, die ich mir gerne gefallen lasse. Weil es eine Auseinandersetzung ist mit dem, was man sehen kann und nicht mit dem, was man zum Bild bringt. Am Rande: Die Bildunterschriften in diesem Band sind so wenig aussagekräftig („Zwei Kinder“, „Grosser Berg “ und so weiter), dass man bestens ohne hätte auskommen können.

Die erste Geschichte spricht mich nicht zuletzt deswegen an, weil ich Klong Toey (auf der gleichen Seite einmal Khlong Toei und Klong Toey geschrieben!), den wohl bekanntesten Bangkoker Slum, aus eigener Anschauung kenne und mir das Gehabe betrunkener Thais geläufig ist. Gefragt habe ich mich jedoch, weshalb der Autor dem recht inkohärenten Geschwafel einer betrunkenen 40Jährigen eine Plattform gibt. Andererseits: Warum auch nicht? In einer besoffenen Welt klingen Besoffene oft ziemlich normal. Dazu kommt, dass er Sunee, wie die Frau heisst, nicht nur besoffen, sondern auch nüchtern zu Wort kommen lässt.

Schicksal, ist die Erklärung vieler Thais für ihr Schicksal und dieses verstehen sie als das Resultat ihres früheren Lebens. „Dann hast du in einem früheren Leben als etwas Böses getan? Nein, sagte das Mädchen langsam, die Beine höflich untergeschlagen, und stützte sich auf den Händen ab. Und warum bist du dann arm? Es lächelte und legte den Kopf schief, kratzte sich am Mückenstich. –  Vielleicht war ich im letzten Leben sehr reich, und diesmal muss ich arm sein.“

Was ich an der Klong Toey-Geschichte (und an diesem Buch insgesamt) so faszinierend finde, ist, dass da einer genuin neugierig unterwegs ist, interessiert an Menschen und ihren Leben. Und er will helfen, doch das ist schwierig, er berichtet davon detailliert und nachvollziehbar. Gelegentlich hört er auch auf seine Dolmetscherin. Und seinen Dolmetscherinnen verdankt er einiges, der Leser weiss davon, weil der Autor davon erzählt. Kurz und gut: Er schildert einen Prozess und macht damit klar, dass einfache Lösungen nicht zu haben sind, denn das Leben ist schwierig und komplex, für alle. Und überall

William T. Vollmann berichtet auch deswegen so berührend von seinen Begegnungen, weil er nicht einfach eine lineare Geschichte erzählt, sondern mal gedanklich hier, mal dorthin springt. Das geht von Montaignes Auffassung, „dass Menschen aus Angst vor Verarmung oft grössere Qualen leiden als die Armen selbst“ zu Thoreau und Dostojewski und den Auswirkungen von Tschernobyl, bis man allmählich zu realisieren beginnt, dass das nicht wirklich ein Buch über arme Leute ist, sondern ein anteilnehmender Bericht darüber, wie arme Leute und er selber miteinander und mit dem Leben zurechtzukommen versuchen.

Ob in Thailand oder Sibirien, Hanoi oder im Jemen, Kabul oder Tokio, Armut (nicht einfach nur ein Mangel, sondern ein Elend, wie Vollmann schreibt) wird meist als Schicksal verstanden. Doch Vollmann fragt sich auch, „ob es nicht zu den Kennzeichen der Armut gehörte, dass man sich der Niederlage ergab.“ Zudem: ein Massstab für Armut ist auch die Unfallanfälligkeit. Wie auch der Schmerz ein Kennzeichen ist, aber nicht unbedingt der Hunger.

Armut fällt natürlich nicht von Himmel, sie wird auch gemacht. Und durch die allüberall regierende Gehorsamskultur ermöglicht. So wurden etwa in China wegen eines Strassenumbaus siebenhundert Menschen enteignet, in Japan landen Büroangestellte, die ihre Arbeitsstelle verlieren, immer mal wieder obdachlos auf der Strasse. Und ich wundere mich dass in Kolumbien ein Slum  Nueva Esperanza heisst

Vor allem spannend an diesen Geschichten ist, dass der Autor nicht nur die Situationen, in denen er sich befindet und seine Gespräche wiedergibt, sondern auch aufnotiert, was ihm im Nachhinein so alles durch den Kopf geht (und auch dabei von hier nach da springt, ihm also plötzlich eine Szene in Mexicali und dann wieder eine andere in Madagaskar durchs Hirn rast – genau wie im richtigen Leben).

Arme Leute ist ganz vieles in Einem: Reportage, Bericht, Essay, Erzählung und soziologische Studie. Vor allem ist es jedoch eine sehr realistische und sehr praktische Auseinandersetzung mit der Frage, wie man am unteren Ende der sozialen Skala mit dem Leben klar kommt.

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Beusts avatar

Rezension zu "Afghanistan Picture Show oder Wie ich die Welt rettete" von William T. Vollmann

Afghanistan (Horror) Picture Show
Beustvor einem Jahr

Vollmann beschreibt „eine Geschichte von einem, der auszog, die Welt zu retten, und den Notleidenden zur Last fiel“: wie er als 23-Jähriger in das von den Russen besetzte Afghanistan reiste um in Erfahrung zu bringen, was die Muschaheddin benötigen, um sich in ihrem Elend selbst zu helfen. Die Antwort: Waffen. Die kann der „Junge Mann“ ihnen nicht geben, wie er überhaupt nicht helfen kann. Um die Flüchtlingslager macht er lange einen großen Bogen, in den Interviews kratzt er an der Oberfläche, fast die ganze Zeit bleibt er in Pakistan, weil ihm die beschwerliche Einreise nach Afghanistan nicht gelingt. Als sie ihm gelingt, ist sein Ausflug ein peinliches Fiasko.

Vollmann ist ein Profi im Erzählen. Er nutzt die schonungslose Naivität des „Jungen Mannes“, also seiner selbst, um dem Leser stets einen noch dümmeren Spiegel vorzuhalten. Seine Fehltritte, Unhöflichkeiten, Unwissenheiten, hoffnungslos verkopften Vorstellungen von der Welt sind auch Mittel zum Zweck des Erzählens: Der Leser lernt dabei viel über die Mentalität der Afghanen und Pakistani, über die überkommenen Stammesstrukturen, den mittelalterlichen Islam und die archaischen Traditionen, die es dem Westen so schwer machen, in Afghanistan verlässliche Verbündete zu finden. Vollmanns Chronik des Scheiterns als jugendlicher Weltverbesserer ist ein Buch zum Weiterdenken, zum Nachgrübeln und zum Fragenstellen. Bedenkend, dass Vollmann zu einer Zeit in Afghanistan war, zu der die CIA gerade erst anfing Mudschaheddin zu Kämpfern gegen den Kommunismus auszubilden, etwa Osama bin Laden, hätte man sich gewünscht, dass viele Außenpolitiker dieses Buch aufmerksam gelesen hätten, ehe sie sich am Hindukusch militärisch einmischten. Oft war in bei der Lektüre auch an den Film „Charlie Wilson’s War“ erinnert, der einen erfolgreicheren naiven Helfer der Mudschaheddin ebenfalls am End escheitern lässt.

Schwierig zu lesen ist Vollmanns literarische Reportage, weil er seine Erfahrungen vor, in und nach seiner Reise verschränkt mit anderen persönlichen Erfahrungen („Alaska“), und hier ist der Fokus auf ihn als Person bisweilen bemüht.

Wer wissen will, warum Europas Freiheitskampf am Hindukusch nur mit den Mitteln der Zivilisation erfolgreich sein kann, er lese unbedingt Vollmanns „Afghanistan Picture Show“.

 

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T

Rezension zu "Europe Central" von William T. Vollmann

Ein Muss für jeden Deutschen
thrillchillfritzvor 4 Jahren

Das ist kein leichtes Buch, aber ein extrem unterhaltsames, wenn man sich auf die unterschiedlichen Perspektiven einlässt, aus denen die unterschiedlichen Geschichten erzählt werden. Es geht um russische und deutsche Geschichte aus der Sicht vor allem russischer Agenten - hört sich kompliziert an, fasziniert aber unheimlich, weil man ständig seine eigene Meinung überprüfen muss. Das Thema ist der Druck, der von ideologischen Diktaturen auf ihre Untertanen - die ja eigentlich Menschen mit Gefühlen und Meinungen sind - ausgeübt wird und wie dieser Druck ihr Leben "zerformt." Dass der Autor ein Amerikaner ist, gibt dem Ganzen eine zusätzliche Würze, denn seine distanzierte Darstellung totalitärer Interpretation einer vielschichtige Wirklichkeit hat mich als Deutscher, der viele der Geschichten (z.B. Stalingrad) andeutungsweise schon kannte, in aufklärender Weise irritiert. Am eindrucksvollsten ist die Episode über den deutschen SS-Offizier, der das Programm des Dritten Reiches zur Vernichtung der Deutschen akribisch dokumentiert, weil er sie von vorneherein ablehnt, der aber von den Alliierten nach dem Krieg nicht ernst genommen wird. Ein historischer Roman, der nicht von einem Sieger geschrieben ist, sondern von einem, der verstehen will.

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