Wolf B John

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Autor*in von Louis XIV.

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Cover des Buches Louis XIV (ISBN: 9780393007534)

Louis XIV

(1)
Erschienen am 17.07.1974

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Cover des Buches Louis XIV (ISBN: 9780393007534)
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Rezension zu "Louis XIV" von Wolf B John

Andreas_Oberender
Sechs "große" Biographien Ludwigs XIV. Teil 1: John Wolf

Ludwig XIV. von Frankreich (1638-1715) gehört zu den bedeutendsten Monarchen der europäischen Geschichte. Die ältere und neuere Literatur über den sogenannten Sonnenkönig und die Geschichte Frankreichs im 17. Jahrhundert ist kaum zu überschauen. Selbst bei einer Beschränkung auf biographische Werke kann ein interessierter Leser und erst recht ein Leser mit Fremdsprachenkenntnissen zwischen Dutzenden Büchern unterschiedlichen Umfanges und Anspruches wählen. Alle aus wissenschaftlicher Sicht großen und bedeutenden Biographien Ludwigs XIV. stammen aus Frankreich, Großbritannien und den USA. Die deutsche Geschichtswissenschaft hat noch nie eine herausragende Biographie des Bourbonen-Königs hervorgebracht. Jahrzehntelang waren auf dem deutschen Buchmarkt mehrere aus dem Englischen und Französischen übersetzte Biographien verfügbar, die allesamt populärwissenschaftlich und daher von begrenztem Wert sind. Genannt seien die Bücher der Briten W.H. Lewis (1959), Vincent Cronin (1964) und Nancy Mitford (1966), des Franzosen Philippe Erlanger (1965) und des Amerikaners Olivier Bernier (1987). Was deutsche Historiker und Sachbuchautoren zur biographischen Literatur über Ludwig XIV. beigesteuert haben, ist allenfalls zweite Wahl, wenn nicht gar vollkommen unbrauchbar. Die Biographie von Uwe Schultz (2006) ist ein Ärgernis wie alle Bücher dieses Autors, und die schmalen Bücher von Martin Wrede (2015), Mark Hengerer (2015) und Anuschka Tischer (2017) ermöglichen lediglich eine erste Annäherung an Ludwig XIV. Nur wenige Biographien des Königs genügen vom Umfang und Niveau her wissenschaftlichen Ansprüchen. Das gilt für die Werke von John Wolf (1968), François Bluche (1986), Jean-Christian Petitfils (1995), Geoffrey Treasure (2001), Thierry Sarmant (2012) und Philip Mansel (2019). Diese sechs Biographien haben eines gemeinsam: Sie wurden allesamt nicht ins Deutsche übersetzt und dürften deshalb in Deutschland nur von Fachhistorikern rezipiert worden sein. Die sechs Biographien werden hier vorgestellt und vergleichend rezensiert. Dabei ist stets zu bedenken, dass diese Bücher über einen Zeitraum von 50 Jahren hinweg veröffentlicht wurden. Die älteren (Wolf, Bluche, Petitfils) spiegeln zwangsläufig den aktuellen Forschungsstand nicht wider. Und mehr noch: Sie sind in einer Epoche der Geschichtswissenschaft entstanden, die inzwischen selbst der Vergangenheit angehört. Ein Abstand von mehreren Generationen trennt Historiker wie John Wolf und François Bluche von den Historikern, die heute das Zeitalter Ludwigs XIV. erforschen. 

Die älteste der hier vorgestellten Biographien stammt aus der Feder des amerikanischen Historikers John Wolf (1907-1996). In der angelsächsischen Welt genießt das Buch trotz seines Alters noch heute hohe Wertschätzung, wie anerkennende Kommentare späterer Biographen Ludwigs XIV. zeigen (David Sturdy, Geoffrey Treasure, Richard Wilkinson). In Frankreich und Deutschland ist Wolfs Biographie hingegen weitgehend unbeachtet geblieben. John Wolf war ein Experte für die Geschichte des europäischen Mächtesystems im 17. und 18. Jahrhundert. Das ist seiner Biographie Ludwigs XIV. deutlich anzumerken. Zwar behandelt Wolf auch das Familien- und Liebesleben, die Bautätigkeit und das Mäzenatentum Ludwigs XIV., doch nehmen die internationalen Beziehungen und die Kriege, die der Sonnenkönig führte, eindeutig den meisten Raum im Buch ein. Die Biographie beeindruckt durch mehrere Vorzüge. Als einer der wenigen Biographen Ludwigs XIV. zieht Wolf auch unveröffentlichtes Quellenmaterial aus mehreren französischen Archiven heran. Er legt zudem eine erfrischende Skepsis gegenüber der Memoirenliteratur des 17. und frühen 18. Jahrhunderts an den Tag. Gerade in populärwissenschaftlichen Büchern über Ludwig XIV. fällt der unkritische Gebrauch von Memoiren auf. Memoiren mögen zwar unterhaltsames Anekdotenmaterial bereitstellen, sind aber alles in allem eine problematische, mit Umsicht zu benutzende Quellengattung, wie Wolf in der Einleitung klarstellt. Die Biographie ist wunderbar geschrieben, in einer klaren, verständlichen Sprache. Ein Leser mit solider historischer Bildung wird bei der Lektüre keine Verständnisprobleme haben. Wichtige Personen aus dem engeren und weiteren Umfeld des Königs werden angemessen eingeführt und vorgestellt. Wolf tritt seinem Protagonisten nüchtern und sachlich gegenüber, ohne die Vorurteile und Ressentiments, die bis Mitte des 20. Jahrhunderts unter Historikern weit verbreitet waren. Wiederholt betont Wolf, dass Ludwig XIV. nicht aus "Größenwahn" mehrere Kriege führte und nicht die Absicht hatte, ganz Europa unter seine Herrschaft zu zwingen. Die Biographie ist von dem Bemühen getragen, den König als Menschen und politischen Akteur seiner Zeit zu verstehen. Ein Monarch des 17. Jahrhunderts musste bestimmten Rollenbildern und Erwartungen gerecht werden.

Es kann hier nicht darum gehen, Wolfs umfangreiche und reichhaltige Biographie im Detail zu analysieren. Nur einzelne thematische Schwerpunkte und Leitmotive seien herausgegriffen und vorgestellt. In den Kapiteln über Kindheit und Jugend Ludwigs XIV. zeichnet Wolf ein ungemein plastisches und psychologisch eindringliches Bild vom Verhältnis des jungen Königs zu seiner Mutter Anna und seinem politischen Mentor, Kardinal Mazarin. Von seiner Mutter übernahm Ludwig einen unreflektierten, theologisch simplen Katholizismus. Kardinal Mazarin wiederum bereitete Ludwig sorgfältig darauf vor, das Königreich selbst zu regieren. Schon früh verinnerlichte der König, dass er drei Funktionen zu erfüllen, drei Rollen zu spielen hatte: Als Staatsmann und Politiker (d.h. Regierungschef), als Soldat (d.h. Heerführer), als Richter und Gesetzgeber. In den mehr als fünf Jahrzehnten seiner Selbstherrschaft (1661-1715) ging Ludwig XIV. mit einem bemerkenswert hohen Maß an Disziplin und Professionalität allen Aufgaben nach, die mit seinem Herrscheramt verbunden waren. Seine von den Zeitgenossen bestaunte Energie schwand erst in den letzten Lebenswochen. Die aus den Quellen gearbeiteten Passagen über Ludwigs enge Zusammenarbeit mit Ministern und Generälen gehören zu den besten Abschnitten des Buches. Anhand einer Fülle von edierten und archivalischen Quellen zeigt Wolf den Monarchen bei der Ausübung des "Königsberufes" (métier de roi). Vorstellungen der Frühen Neuzeit über fürstliche Ehre und Reputation einerseits, andererseits das Bestreben, den Grenzverlauf im Nordosten und Osten Frankreichs zu optimieren, lagen Wolf zufolge den Kriegen zugrunde, die Ludwig XIV. in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts auslöste. Der König brannte darauf, als Heerführer und Eroberer Ruhm zu erwerben. Er und seine Minister waren entschlossen, die bereits angeschlagenen Habsburger weiter zu schwächen und Frankreichs Sicherheit weiter zu steigern. Die Kriegsziele Ludwigs XIV. waren begrenzt. Zu keinem Zeitpunkt ging es dem König um die Errichtung einer Universalmonarchie, wie seine Gegner – und spätere Historiker – ihm unterstellten. Die Tragik bestand darin, dass der Holländische Krieg (1672-1678) und der Neunjährige Krieg (1688-1697) viel länger dauerten als von Ludwig und seinen Generälen geplant. Obwohl der König über die größte und schlagkräftigste Armee Europas verfügte, gelang es den französischen Truppen in diesen beiden Kriegen nicht, früh kriegsentscheidende Siege zu erringen. Die Kämpfe zogen sich jahrelang hin, bis Erschöpfung die Kriegsparteien zum Friedensschluss nötigte. Dank Wolfs Darstellungskunst kann der Leser die politischen Entscheidungen in Europas Hauptstädten und das militärische Geschehen an den Fronten sehr gut nachvollziehen. Das gilt auch für die Kapitel über den Spanischen Erbfolgekrieg (1701-1713/14), der von anderen Faktoren ausgelöst wurde als die vorhergehenden Kriege. 

Was Frankreichs innere Verhältnisse betrifft, so wendet sich Wolf gegen die Lehrmeinung französischer Historiker der Dritten Republik, Ludwig XIV. sei ein Reformer und Modernisierer gewesen. Steuersystem, Verwaltung und Justizwesen waren für einschneidende Reformen viel zu schwerfällig und komplex. Zu Recht bezweifelt Wolf, dass so etwas wie Modernisierung im Sinnhorizont des Königs und seiner Minister überhaupt vorstellbar war. Ludwig hatte zwei Prioritäten: Zum einen die Steigerung der Steuereinnahmen, zum anderen den dauerhaften Ausschluss des Hochadels von den Regierungsgeschäften und der Parlamente (Gerichtshöfe) von der Gesetzgebung. In absoluter königlicher Machtfülle sah er – und mit ihm ein Großteil seiner Untertanen – die beste Garantie für Stabilität, Ordnung und Sicherheit. Die Turbulenzen, die Frankreich in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts erlebt hatte, sollten sich nicht wiederholen. Die Aufhebung des Edikts von Nantes 1685 erklärt Wolf in einer Weise, die keinen Leser überraschen wird: Auch wenn von den Hugenotten keine wie auch immer geartete Bedrohung ausging, wollte der König die konfessionelle Einheit in Frankreich endlich wiederherstellen, und sei es mit Zwang. Vom Leid, das die Hugenotten in seinem Namen und auf seinen Befehl hin erlitten, bekam der Herrscher nichts mit. Seit 1682 lebte Ludwig XIV. fast ausschließlich in Versailles. Der Verwaltungsapparat arbeitete längst so effizient, dass der König – anders als in seiner Jugend – das Land nicht mehr bereisen musste. Die Entkoppelung von Monarchie und Gesellschaft begann. Sie sollte sich im Laufe des 18. Jahrhunderts, unter Ludwig XV. und Ludwig XVI., stetig verschlimmern. Nur eines kann man John Wolf ankreiden: Dass er auf ein Schlusskapitel, eine abschließende Bilanz verzichtet hat. Ludwig XIV. prägte Frankreich weit über seinen Tod hinaus, im Guten wie im Schlechten. War in dem politischen System, das der Sonnenkönig seinen Nachfolgern hinterließ, der Keim für die Revolution von 1789 schon angelegt? Wolf geht dieser Frage nicht nach, doch das schmälert den großen Wert der Biographie nicht. Das Buch ist kenntnisreich und intelligent geschrieben. Es kann als Klassiker gelten und verdient auch heute noch die Aufmerksamkeit eines jeden, der sich ernsthaft mit Ludwig XIV. beschäftigt. Wolf urteilt ausgewogen und abwägend über Ludwig XIV. Er verortet den König im Geflecht der Werte, Normen und Mentalitäten des 17. Jahrhunderts. Es ist sehr schade, dass Wolfs Biographie in den 1970er Jahren nicht ins Deutsche übersetzt wurde. Allen Biographien, die seit den 1960er Jahren übersetzt wurden (Lewis, Cronin, Mitford, Erlanger, Bernier), ist sie haushoch überlegen. Vielleicht wirkte der Umfang des Buches abschreckend auf deutsche Verlage. In der englischen Originalausgabe umfasst der Text 619 Seiten. Eine deutsche Ausgabe hätte es auf über 800 Textseiten gebracht.

Das Buch ist mit Landkarten, Abbildungen, Quellennachweisen (Endnoten) und einem Register ausgestattet. Stammtafeln und eine Bibliographie fehlen jedoch. 

FAZIT

Es ist nicht leicht, ein abschließendes Urteil zu fällen. Verschiedene Leser befassen sich aus unterschiedlichen Gründen mit Ludwig XIV., und sie stellen unterschiedliche Ansprüche. Für eine ernsthafte, vertiefte Beschäftigung mit Ludwig XIV., etwa im Master-Studium oder im Rahmen wissenschaftlicher Arbeit, sind die Biographien von John Wolf und Jean-Christian Petitfils zweifellos am besten geeignet. Gegen das Buch von François Bluche spricht allein schon der einschüchternde Umfang. Thierry Sarmant und Philip Mansel gehen in ihren Büchern nicht über das hinaus, was man in älteren Werken lesen kann. Pflichtlektüre sind ihre Bücher daher nicht. Mit 458 Seiten Text passt die Biographie von Mansel allerdings besser in unsere Zeit als die deutlich umfangreicheren Bücher von Bluche und Petitfils. Aber Mansel ist ein Autor aus dem 20. Jahrhundert, der eher für Leser seiner Generation schreibt als für die Generation Internet. Die Lesegewohnheiten des Publikums sind heute anders als vor 30 oder 50 Jahren. Leben und Herrschaft Ludwigs XIV. sind ein anspruchsvoller, herausfordernder Gegenstand, für Autoren ebenso wie für Leser. Historisch interessierte Laien besitzen heute nicht mehr das Vorwissen und die historische Allgemeinbildung, über die frühere Generationen verfügten. Das müssen Historiker, die heute ein Buch über Ludwig XIV. für einen breiten Leserkreis schreiben, in Rechnung stellen. Deshalb sei hier am Ende die Frage aufgeworfen: Wie sollte eine seriöse, wissenschaftlich fundierte, gut lesbare Biographie Ludwigs XIV. aussehen, die ins 21. Jahrhundert passt und geeignet ist, jüngere Leser für die Beschäftigung mit dem Sonnenkönig zu gewinnen?

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