Die letzten Tage der Mutter geben Anlass für dieses sehr persönliche Buch, das die Mutter in diesen Tagen begleitet. Dabei wird der Moment genutzt, das Leben der über 90-jährigen Revue passieren zu lassen. Mit Kindheit, Ausbildung im beginnenden zweiten Weltkrieg und danach. Heirat, Kinder, Arbeit, Suche nach dem ewigen Wohnungs-Eigentum, Vereinsamung in der eigenen Wohnung und später im Altersheim, als nur noch das Handy den regelmäßigen Kontakt mit den Kindern ermöglichte.
Mit dem gewohnten Witz, diesmal ein Mutter-Sohn-Witz, wird das tragische des Moments aufgelockert. Die Mutter erzählt immer wieder im ihr eigenen Dialekt mit dem Zusatz "nit" bei den einzelnen Sätzen. Das lässt ein sehr vertrautes Verhältnis entstehen - der Leser sitzt als Kind praktisch dabei. Manche Passagen werden absichtlich wiederholt, wie das ja auch im Leben oft ist, wenn die Mütter den Kindern besonders eindrücklich etwas mit auf den Weg geben wollen.
"Manche Dinge muss man immer wieder erzählen. Mit jeder Wiederholung wird die Erzählung etwas weniger wahr. Bis die Wiederholungen irgendwann so eine unerschütterliche Form angenommen haben, dass sie jeden Bezug zur ursprünglich abgebildeten Realität verloren haben. Wollte man aber alle ästhetischen Prinzipien und vielleicht alle Wege der Erkenntnis auf ein einziges Manöver reduzieren, so ist es ebenfalls die Wiederholung." (S 138)
Die Mutter hat als Servicekraft in der Schweiz einige Jahre gearbeitet, hat nach dem zweiten Weltkrieg bei der amerikanischen (Stadt u Land Salzburg) Besatzung in der Zensur gearbeitet und dadurch sowohl Sprachen (französisch und englisch) als auch Maschineschreiben sich selbst beigebracht. Sie war dann zeitlebens im Ort (Maria Alm?) immer die Person, zu der man ging, wenn man Übersetzungshilfen benötigte.
Ein dreister Brief an die lokale Gemeinde/Raiffeisenkasse mit der Bitte um eine freiwerdende Wohnung erlöst die Mutter von der unerfreulichen Situation im eigenen Elternhaus, zu dessen Aufbau (nach dem Krieg) sie zwar finanziell beigetragen hatte aus der Schweiz, in dem sie aber nach dem Tod von Vater und Bruder bei einem weiteren Bruder mehr geduldet wurde, als dass sie wirklich eine schöne Unterkunft hatte. Von nun an wohnen sie in einem Haus, wo auch die Polizei und eine Gemeindebibliothek sich befindet - mit Blick auf den Friedhof.
Es ist immer wieder auch ein innerer oder äusserer Monolog mit der Mutter, der von Ironie durchzogen ist:
"In meinem Hirn sind die Erinnerungen meiner Mutter abgespeichert, die bei ihr nicht mehr besonders deutlich vorhanden sind. Mit einem unsichtbaren Durchschlagpapier haben ihre Erinnerungen sich auf mein Hirn durchgedrückt. irgendwas ärgert mich daran. Bin ich auf die Welt gekommen, um die externe Festplatte meiner Mutter zu sein?
So ist das Buch auch ein Abschiednehmen nicht nur von der Mutter, sondern auch durch Aufschreiben ein Abschied von all diesen Geschichten, die das Leben der Mutter ausmachten. Wir sind als Kinder unserer Eltern alle in dieser Situation irgendwann einmal - es hat etwas sehr tröstliches, dieses Buch zu lesen.



























