In seinem Buch blickt Wolfgang Herles (geb. 1950) auf sein Leben als Journalist zurück und schildert die Veränderungen in Medien, Politik und Gesellschaft. Er erzählt von Begegnungen mit Persönlichkeiten wie Helmut Kohl, Bill Gates und Steve Jobs und reflektiert kritisch über Globalisierung und gesellschaftliche Entwicklungen. Dabei beschreibt er unter anderem seine Erfahrungen als Leiter des ZDF-Hauptstadtstudios und seine Rolle als unbequemer Skeptiker, der Themen auch gegen den Mainstream kritisch hinterfragt. Dadurch eckte er häufig bei seinen Vorgesetzten und den von ihm interviewten Personen an, was ihn nicht selten an den Rand eines Rausschmisses brachte. Er war ein Querdenker im alten, positiv besetzten Sinn.
Herles fokussiert weniger auf dem, was ihm in seinem beruflichen Werdegang gelungen ist, als auf dem, was ihm misslang. Seine Kommentare und Schilderungen der gesellschaftlichen und politischen Veränderungen zeigen, dass es auch früher unruhige Zeiten gab, die Veränderungen heute jedoch eine viel höhere Geschwindigkeit erreicht haben. Besonders gut hat mir seine pointierte Sprache gefallen, wo er deutliche Kritik übt, beispielsweise gegenüber dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen, seinen Kollegen und Vorgesetzten (bis hin zum Intendanten), Politikern oder gesellschaftlichen und politischen Veränderungen. Kritisch sieht er z. B. die Berichterstattung über die Folgen des Mauerfalls, Merkels Migrationspolitik, faktisches Zwangsgendern, die postkoloniale Identitätspolitik, Wokeness, die unübersehbare Cancel Culture sowie die überdetaillierte Geschlechteridentifikation, um nur einige zu nennen.
Der Autor verachtet Haltungsjournalismus jeder Art, womit er Hanns Joachim Friedrichs folgt, der sinngemäß sagte: „Es ist die Pflicht aller Journalisten, sich mit keiner Sache gemein zu machen, auch nicht mit einer guten.“ Über das ZDF urteilt Herles hart, da sich der Sender in Bezug auf die Berichterstattung häufig als „Staatssender“ versteht, kritischer Journalismus dort nicht erwünscht ist. Damit ist die Unabhängigkeit der öffentlich-rechtlichen Medien hinfällig. Herles zufolge ist es die Aufgabe von Journalisten, die Legitimation des Staates und seiner Amtsträger infrage zu stellen, statt nach deren Mund zu reden. Sein Fazit ist somit auch ernüchternd: „Ich bin ebenso ein Auslaufmodell wie der Bildungsauftrag des Senders.“
Herles ist ein Meister darin, Sachverhalte pointiert auszudrücken. Mir werden viele seiner Aussagen in Erinnerung bleiben: „Ein Staat soll funktionieren, nicht seine Bürger erziehen. Heute regieren Gesinnungstäter. Moral sollte in der Politik niemals Rationalität ersetzen.“ oder „Der Gleichschritt der Medien hat Gleichschaltung nicht nötig. Sie geschieht wie von selbst.“, „Heute käme eine Sendung, die auf grünen Haltungsjournalismus verzichtet, gar nicht mehr ins Programm.“, „Emotionalisieren geht vor Reflektieren, die ‚richtige‘ Haltung zählt mehr als Distanz.“, „Gesellschaftliche Konflikte werden in Deutschland mit Geld erstickt.“ Das ist Deutschlands traurige Wahrheit auf den Punkt gebracht.
Herles Erinnerungen sind ein scharf gezeichnetes Porträt seiner und unserer Zeit, voller persönlicher Einblicke und politischer Brisanz. Das Buch verbindet persönliche Erinnerungen mit politischen Analysen und bietet einen kritischen Blick auf die deutsche Medienlandschaft. Wer eine Mischung aus Autobiografie und scharfem gesellschaftlichen Kommentar sucht, wird hier fündig.












