Wolfgang Schmidbauer Die Angst vor Nähe

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Inhaltsangabe zu „Die Angst vor Nähe“ von Wolfgang Schmidbauer

'Die Angst vor Nähe ist ein anregendes, manchmal aufregendes Buch. So wie Schmidbauer die Muster unserer Beziehungen aufdeckt, können viele Leser sich selbst und ihr zwanghaftes Verhalten, den Partner nach dem eigenen Bild umformen zu wollen, wiedererkennen. Schmidbauer ist afu der Suche nach den einfachen Gefühlen: nach der Fähigkeit, sich einem anderen zu öffnen und seine Andersartigkeit anzunehmen…' (SDR 2)

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  • Rezension zu "Die Angst vor Nähe" von Wolfgang Schmidbauer

    Die Angst vor Nähe

    Ein LovelyBooks-Nutzer

    16. May 2010 um 21:12

    Äußerst interessant ist erst einmal, dass dieses Buch bereits 1985 erstmalig erschienen ist und eine Tendenz, die ich gegenwärtig noch viel mehr sehe als im vorgenannten Jahr, beschreibt, die ich für wahr und bedenkenswert halte. Vielleicht mag dieser wirklich sehr persönliche Eindruck des Erstaunens ob seiner Thesen und Anführungen, die übrigens weit hinaus gehen über eine paaranalytische Betrachtung, daran liegen, dass ich als Kind der Mittachtziger, das 'noch' unter bzw. im sozialstischen Endgedankengut sozialisiert worden ist, mit vielleicht doch anderen Beziehungsverhalten konfrontiert worden bin, die mit einer, wie Schmidbauer das selbst behauptet, kapitalisierten Abgeltungstendenz in der Partnerschaft noch nicht hantierte. Aber angekommen ist es dort auch, keine Sorge. Anders allerdings sollte ich anfangen, als mit der Wertung dieses Buches zu beginnen, wenn ich sagen möchte, dass man im Lesen dieser wertvollen Zeilen von Wolfgang Schmidbauer vielleicht ein bisschen näher zu sich selbst finden könnte. Dies ist ein mit psychoanalytischem Vokabular arbeitendes Buch, das auf dem Umschlag mit den Worten daher kommt, "die Muster unserer Beziehungen" aufzudecken, um unser "zwanghaftes Verhalten, den Partner nach dem eigenen Bild umformen zu wollen", wiederzuerkennen. Damit auch fängt Schmidbauer im Buch an, zu argumentieren, er will erläutern, warum der Einzelne in der Liebesbeziehung zu einem Anderen so häufig Enttäuschungen erleiden muss und das, was das Cover verspricht, trifft den Nagel der Weisheit recht scharf und präzise auf den Kopf. Aber hier geht es keineswegs nur um partnerschaftliche Beziehungen, auch wenn die immer wieder eingefügten Fallbeispiele fast ausschließlich af dieser Ebene argumentieren. Hier, in diesem Buch über die Angst vor der Nähe geht es vor allem um soziale Tendenzen und die Haltung einer Gesellschaft, einer Epoche vielleicht. Interessanterweise spielt er immer wieder mit der Metapher der Maschine, um die Vorstellung der menschlichen In-Beziehung-Nahme zu verbildlichen. Dabei greift er, ohne es explizit zu formulieren, eine Tendenz der philosophisch-materialistischen Denkweise auf, die ihre Ursprünge unter anderem in der Aufklärungsbewegung eines Julien O. de la Mettrie hatte, dessen berühmtestes Buch "Der Maschinen-Mensch" mir hier sofort in die Gedanken springt. Noch lange vor der französischen Revolution, 1748 nämlich schrieb er dieses Buch, in dem er den Menschen mit einer Maschine gleich setzte und alle seine Vorgänge auf die Mechanik zurückzuführen wusste. Das ist ein Denkprinzip, dass die - heute sagen wir - kapitalistische, industrielle Verwertung des Lebensorganismus vorantreibt und dies auch getan haben muss. Schmidbauer argumentiert hier wieder mit dem Vokabular, dass wir gegenwärtigen Menschen verwenden, wenn wir auf eine vielleicht schwierige Beziehung blicken: "Man habe ja viel in die Beziehung investiert." - "Der Zeit- und/oder Interessenmangel des Anderen oder am Anderen" ... Dass man hier natürlich auf die allerunterschiedlichsten Ursachen stoßen wird und dies auch muss, wenn man die eigenen Problematiken in den Beziehungen zu den Menschen, die man pflegt, betrachtet, dürfte offensichtlich sein. Und dass es natürlich niemals eine grundsätzliche Lösung für das Aneinander-Reiben der Menschen gibt, hoffentlich auch. Dass man aber häufig nach dem Perfektionismus strebt oder ihn, weil der postmoderne Mensch sowieso die Glaubhaftigkeit der Liebe nur noch ironisch wahrnehmen kann, gänzlich verwirft, dagegen spricht das Buch und verweist vor allen Dingen immer wieder darauf, dass jeder einzelne Mensch immer wieder, jeden Tag und unaufhörlich bis ans Ende derselbigen durch die Menschen gespiegelt und mitgemacht wird, denen er begegnet. Dass die Vorstellungen und Wünsche, die wir hegen, auch immer in die anderen gesetzt werden, jeder aber natürlich mit eigenen Vorstellungen und Wünschen agiert, das legt Schmidbauer in den verschiedensten Methoden offen. Ja, es ist ein psychoanalytisch orientiertes Buch, das mit dem Freud'schen Vokabular umgeht, dabei aber nicht Freudianisch 'eng' sein will. Man muss kein Interesse an der psychoanalytischen Metadenke haben, um das Buch verstehen zu können. Schmidbauer will vor allem psychologisch-sozial, ja zwischenmenschlich argumentieren, weil wir alle, ohne Ausnahme, aus dieser Mühle des Zusammenlebens ja gar nicht heraus können. Ein sehr interessanter Aspekt bildet die Symbiose-Theorie, die Schmidbauer hier aufstellt: "Die Anpassungsbeziehung, die Symbiose ist ein Versuch, aus zwei Menschen eine Maschine zu bauen." (72) Auch hier wieder der Maschinen-Menschen-Vergleich. Er 'warnt' also vor der Vorstellung von einer absoluten Verschmelzung, weil diese den Anderen nicht mehr als Eigenes begreift, sondern diesen in dieser Ich-Du-Beziehung, die letztlich immer nur eine am Außen orientierte bleiben kann, absolut in das eigene Sein einschließt und dem Anderen den Raum für sein eigenes Sein nicht mehr gibt. Jacques Derrida hat einmal von dem "Wer" und dem "Was" einer Liebe gesprochen, die bestimmen, ob man miteinander kann oder nicht. Das "Was" bestehe dabei aus den Attributen, die ein Mensch mit sich trage, das, was er habe - ob er so oder so sei - was ein Liebender toll fände. Das "Wer" beträfe dann die - ich nenne es einmal so - 'wahre' Identität des Anderen, das, was er ist, das 'einfache' Selbst vielleicht. Ich habe mich selbst sehr lange in diesen Kategorien wieder gefunden und halte sie auch jetzt noch ganz praktikabel im Denken an die zwischenmenschliche Beziehung, aber Wolfgang Schmidbauer als 'Nicht-Philosoph' und Schriftsteller trifft das Herz der Sache hier ein wenig genauer als der Philosoph und Schriftsteller Derrida es tut. Schmidbauer geht auf die Relation zwischen "Wer" und "Was" und expliziert ganz offensichtlich die Relation auch zwischen dem Ich und dem Anderen, die an "Wer" und "Was" gebunden sind. Und er macht klar, dass es darum gehen muss, sich über diese Relation, in ganz kierkegaard'scher Manier, Gedanken zu machen, um zu seinem eigenen Selbst zu finden und das zu erkennen, was eine Beziehung zueinander sein könnte, wenn man nicht mehr erwartet, dass der Andere das sein könnte, was man selbst ist.

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