Wolfgang Streeck

 3.7 Sterne bei 3 Bewertungen
Autor von Gekaufte Zeit, Politics in the Age of Austerity und weiteren Büchern.

Alle Bücher von Wolfgang Streeck

Gekaufte Zeit

Gekaufte Zeit

 (3)
Erschienen am 08.02.2015
Parteiensystem und Status quo

Parteiensystem und Status quo

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Erschienen am 06.09.1972
Politics in the Age of Austerity

Politics in the Age of Austerity

 (0)
Erschienen am 01.03.2013

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Rezension zu "Gekaufte Zeit" von Wolfgang Streeck

Kapitalismuskritik - gerne, aber nicht so!
Johann_Baiervor 4 Monaten

Wolfgang Streeck – Schüler Adornos – versucht die wirtschaftliche Entwicklung des Kapitalismus seit 1980 in das Gedankengebäude der Kritischen Theorie einzubauen. Nach dieser Theorie ist der Wohlfahrtsstaat der 1950-1970er Jahre ja ein Versuch des Kapitals, die Lohnabhängigen ‚zu befrieden’ – ein Versuch, der nur vorübergehend gelingen kann, weil die Lohnabhängigen sich doch irgendwann ihrer Unfreiheit und Entfremdung bewusst werden, was den Kapitalismus dann in eine „Legitimationskrise“ stürzen muss. Da die von Marx vorausgesagte Verelendung des Proletariats mit anschließendem Zusammenbruch des Kapitalismus offenbar nicht eintrat, konnte man als Seminarmarxist in der 1960er Jahren mit dieser Theorie die Hoffnung auf den Untergang des Kapitalismus aufrechterhalten, auch wenn außerhalb der soziologischen Seminare wohl niemand etwas mit dem Begriff der „Legitimationskrise“ anfangen konnte.

Streeck behauptet nun, dass das Kapital sich nach dem Ende des Wohlfahrtsstaat in den 1970er Jahren weitere Tricks zur Befriedung der Arbeiterschaft ausgedacht hat: die Inflation der 1970er Jahre, die Staatsverschuldung der 1980er Jahre, die Privatverschuldung der 1990er Jahre, die in die Finanzkrise 2008 führte. Alles dies schiebt die unvermeidliche „Legitimationskrise“ nur ein bisschen hinaus – daher der Titel „Die gekaufte Zeit“.

Die ganze Argumentation basiert auf den nicht hinterfragten und nicht belegten Grundannahmen,

dass das Kapital (gemeint ist die Klasse der Kapitaleigentümer, nicht das Geldkapital) als heimlicher Akteur hinter der politischen und wirtschaftlichen Entwicklung steht
dass das Proletariat eine objektiv antikapitalistisch ausgerichtete Bevölkerungsgruppe ist, die mit verschiedenen Herrschaftstechniken ruhig zu stellen ist dass der Kapitalismus an seinen inneren Widersprüchen zugrunde gehen muss – die Aufgabe des Neomarxisten besteht nur darin zu erkennen, wie und wann das passieren wird.

Diese drei Grundannahmen sind falsch:

Nicht ‚das Kapital’ als subversiv hinter den Kulissen der Politik agierender Zusammenschluss von Kapitalisten, sondern das auf den Finanzmärkten zirkulierende anlagesuchende Kapital bestimmt die Wirtschaftsgeschichte – also Kapital, das von anonymen, ihre individuelle Rendite verfolgenden Investoren bewegt wird. Deren Investitionsentscheidungen ist die Politik ausgeliefert. Gerade die Nichtbeherrschbarkeit des daraus resultierenden Wirtschaftsprozesses ist das Problem des Kapitalismus. Spätestens seit des Bedeutungsverlustes der Gewerkschaften und des Zusammenbruchs des Sozialismus in Osteuropa braucht sich das Kapital keine Sorgen um rebellische Arbeitnehmer mehr zu machen. Komplizierte Verschwörungen zur Befriedung des Proletariats sind völlig überflüssig. Wenn das Proletariat sich radikalisiert, dann nach rechts, wie wir gerade erleben. Damit kann das Kapital aber gut leben – siehe Drittes Reich. Die Beschwörung des nahenden Endes des Kapitalismus hat fast religiösen Charakter. Wie soll das Ende denn aussehen? Warum kann das Auf und Ab des kapitalistischen Wirtschaftsprozesses, das seit 200 Jahren im Gang ist, nicht endlos weitergehen? Wenn der Kapitalismus die Weltwirtschaftskrise 1929 überlebt hat, wird er die derzeitigen gelegentlichen Turbulenzen doch erst recht überleben. Wenn ‚das Kapital’ die Macht hat, Politik und Wirtschaft so zu steuern, dass das Proletariat ‚befriedet’ wird, wieso hat es nicht die Macht, den Zusammenbruch des Kapitalismus zu verhindern, woran es doch noch mehr Interesse haben muss? Wie das Kapital die Inflation, die Staats- und Privatverschuldung in ihrem Sinne steuert, bleibt im Dunkeln.
Konkrete Reformvorschläge kann man von W. Streeck natürlich nicht erwarten, da diese ja nur die Verlängerung der ‚gekauften Zeit’ bedeuten würden. Trotzdem kommt überraschenderweise am Schluss ein konkreter Handlungsvorschlag: die Abschaffung des Euro. Warum, wenn der Kapitalismus doch sowieso untergeht? Warum gerade das?

Letztlich ist es Adornos kulturpessimistisches Geschwafel ohne Handlungsperspektive. Es ist trotzdem insofern eine anregende Lektüre, als sie dazu anregt, darüber nachzudenken, wie man die Zukunft des Kapitalismus stattdessen wahrnehmen könnte.

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