Wytske Versteeg

 4,1 Sterne bei 18 Bewertungen
Autor*in von Boy und Die goldene Stunde.

Alle Bücher von Wytske Versteeg

Cover des Buches Boy (ISBN: 9783803127556)

Boy

 (15)
Erschienen am 22.04.2016
Cover des Buches Die goldene Stunde (ISBN: 9783803133649)

Die goldene Stunde

 (3)
Erschienen am 31.01.2024

Neue Rezensionen zu Wytske Versteeg

Cover des Buches Die goldene Stunde (ISBN: 9783803133649)
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Rezension zu "Die goldene Stunde" von Wytske Versteeg

Sprachlich dicht und einfühlsam erzählt
ins_lebenlesenvor einem Monat

„Ich bin nicht die Geschichte, die du aus mir machst und anderen gegenüber im immer selben Wortlaut wiederholst, ich bin keine Puppe, die du verbiegen, verrenken, hinsetzen kannst, wie es dir gefällt, das Rot, das Du siehst, ist eine blutende Wunde.“ S.147


Wytske Versteegs Geschichte kreist um drei Personen. Zum einen ist da die gescheiterte Sozialarbeiterin Mari. Mit viel Idealismus und guten Absichten engagiert sie sich in einer niederländischen Großstadt für Geflüchtete. MOMO ist eine Begegnungsstätte in einem Gemeinschaftsgarten einer spießbürgerlichen Kleingartenanlage, in der kulturelle Grenzen so hochwachsen wie Lorbeerhecken. Als die ganze Anlage eines Nachts abbrennt, geht nicht nur ihr Projekt in Rauch auf, sondern auch die fragile und schwierige Liebesgeschichte mit Ahmad, dem Geflüchteten aus einem namenlosen Kriegsgebiet, der seit jener Nacht verschwunden ist. Nun ist es Mari, die sich auf die Flucht begibt. Sie flieht in ein neues Projekt in die Grenzregion eben dieses Kriegsgebietes, wo sie auf den Spuren von Ahmad auf Tarik trifft. Auch Tarik ist ein Gestrandeter, der sich in dieser abgelegenen Bergregion in einem kleinen Dorf verschanzt hat. Hier betätigt er sich als Totengräber für die zahllosen Menschen, deren Leben auf der Flucht vor Krieg, Armut und Perspektivlosigkeit an diesem Ort endete. Auch er trägt eine gescheiterte Liebe und eine dunkle Vergangenheit in sich, für die er hier Buße tut.


Ich glaube, man kann diese Geschichte auf 100 Arten lesen. Was Wytske Versteeg MIR erzählt: dass irgendwo auf der Welt jeder Mensch ein Geflüchteter ist oder ein Retter oder beides. Ein Mensch, der glaubt, das Richtige zu tun und damit verletzt, ein Suchender, der seine Einsamkeit durchbrechen will und gleichzeitig Mauern baut.


Was es bedeutet ein Fremder zu sein, versucht die Autorin mit konsequenten Perspektivwechseln aufzudecken. Die drei ProtagonistInnen sind mir fremd und gleichzeitig nah. Ihr Verhalten verstört mich und gleichzeitig verstehe ich es. Ich schaue zu, wie sie aus ihren drei Perspektiven einander umkreisen, es gut miteinander meinen und doch die Mauern aus fremden Kulturen, Sprachen, Gebräuchen, Ritualen und Gesten nicht überwinden können.


Wytske Versteeg hat mir auf einer Lesung aus ihrem Buch vorgelesen, bevor ich es selbst tun konnte. Mit dunkler und zurückgenommener Stimme wogte sie sich durch ihren Text. Es ist dieser Rhythmus in ihrer Sprache, der mich bannt. Dabei sind es nicht nur die Worte selbst, sondern die Kraft der Gesten und Bilder, die sie beschreibt.


Doch „… immer ist da dieser Moment, diese Goldene Stunde …“ S.234, kurz nach Sonnenaufgang, in der die ganze Hoffnung der Welt liegt, die uns glauben lässt, dass wir alles schaffen können. Dass es ein guter Tag wird. Trotz allem.


Es ist eine sehr melancholische Geschichte, die eigentlich ohne Hoffnung ist. Und doch ist sie nicht ohne sie. Alles an ihr ist vage und offen, lässt sich diskutieren.


„Niemand kann einen anderen retten, aber anfangs bildet man sich noch ein, dass man das kann, dass man das muss. Man macht Erfahrungen, verliert Illusionen und verbessert sich auf diese Weise fachlich. Und dennoch …“ S.69

Cover des Buches Die goldene Stunde (ISBN: 9783803133649)
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Rezension zu "Die goldene Stunde" von Wytske Versteeg

Vom Scheitern guter Absichten
Lesewesenvor einem Monat

Seid ihr schon mal aus ganzen Herzen überzeugt gewesen, das Richtige zu tun, und musstest hinterher feststellen, das es falsch war? Oder wolltet einem Menschen helfen, doch die Hilfe war nicht das, was dieser Mensch in dem Moment brauchte? Diesen und ähnlichen Fragen geht Wytske Versteeg in ihrem Debütroman nach.

Mari, die eigentlich Archäologin ist, wollte es anders machen und engagierte sich für ein Projekt, das Geflüchteten helfen soll, in den Niederlanden anzukommen. In einer spießigen Kleingartenanlage namens Paradies. Einer von ihnen ist Ahmad, ein arabischer Flüchtling, mit dem sie eine kurze Beziehung hat und der just an dem Tag verschwindet, als das Gartenhaus abbrennt. Mari, zutiefst enttäuscht, verlässt ihr Zuhause und begibt sich auf die Suche nach Felsmalereien in Ahmads Heimatland. Wieder mit guten Absichten, denn sie denkt, mit ihrer Arbeit den Tourismus ankurbeln zu können. Doch das Land hat ganz andere Problem, wie schnell deutlich wird. Dort begegnet sie Tarik, der vor seiner Vergangenheit in ein kleines Dorf geflüchtet ist. Niemand in dem Dorf weiß, dass er als Aufseher in einem Lager gearbeitet hat, aus dem Menschen verschwanden, die gegen die Regierung rebelliert haben. Immer wieder werden Leichen vom Fluss angeschwemmt, die er wortlos beerdigt. Doch dann holt ihn seine Vergangenheit ein, denn Mari bittet ihn, Ahmads Aufzeichnungen vorzulesen, die er ihr hinterlassen und in seiner Muttersprache verfasst hat. Er schrieb sich alles von der Seele, worüber er geschwiegen oder gelogen hat. Nicht nur über die Gründe seiner Flucht, die lange Odyssee durch Flüchtlingslager mit katastrophalen Verhältnissen. Er findet auch harsche Worte für ihre erdrückend guten Absichten, seine Verachtung für sie und ihre sensationslüsternen Landsleute.

»Ich bin nicht die Geschichte, die du aus mir machst und anderen gegenüber im immer selben Wortlaut wiederholst, ich bin keine Puppe, die du verbiegen, verrenken, hinsetzen kannst, wie es dir gefällt, das Rot, das du siehst, ist eine blutende Wunde.« S.147

Versteegs Buch lässt sich nicht leicht in Worte fassen, auch hatte ich so meine Startschwierigkeiten, und sicherlich lässt es sich auf verschiedene Weise lesen, denn sie wirft viele Fragen auf. Eine davon ist, wie wir mit Flüchtlingen umgehen. Sachbearbeiter, die ausgelaugt, müde sind, immer wieder die gleichen Fragen stellen, sich aber nicht wirklich für die Schicksale der Menschen interessieren. Flüchtlinge, die schnell lernen, dass die Wahrheit einen nicht weiterbringt, es besser ist, zu lügen und sich zu verbiegen.

»So freundlich sie hier auch alle waren: Alles schien darauf ausgelegt zu sein, mich nicht zu hören.« S.150

Versteeg schreibt von einer katastrophalen europäischen Flüchtlingspolitik, von gescheiterten guten Absichten und dennoch heißt der letzte Satz im Buch:

»Und da ist so viel Hoffnung.«

Sie widmet allen drei Figuren eine eigene Perspektive, verwebt sie miteinander. Jeder der drei ist auf der Suche nach sich selbst und gleichzeitig auf der Flucht, fühlt, was Fremdsein bedeutet. Immer wieder kreist sie um richtig und falsch, kurbelt mein Gedankenkarussell an, hält mir den Spiegel vor, stellt Fragen, gibt mir aber keine Antworten, die muss ich schon selbst finden. Am Ende liegt sehr viel darin, was nicht gesagt wird.

Sie schreibt zärtlich, fast schon leise, an anderer Stelle wird sie laut. Ihr Text ist oft schmerzhaft, wenn sich beim Lesen eine Erkenntnis einstellt, dass unser Leben oft aus vielen Missverständnissen besteht, aus Ängsten, Schweigen und falschen Erwartungen. Herausragend war für mich, wie sie sich in die einzelnen Charaktere hineinversetzen konnte. Ein großartiges Stück Literatur von brisanter Aktualität, das sehr lange nachhallt.

Cover des Buches Boy (ISBN: 9783803127556)
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Rezension zu "Boy" von Wytske Versteeg

Selbstmord eines Teenagers
Buchstabenliebhaberinvor 5 Jahren

Boy beendet sein Leben. Mit 14. Boy hat mit seiner Geburt seine Mutter getötet, und diese Last ist zu schwer für den zarten Jungen aus Afrika. Dieses Leid endet nicht, als er von einem niederländischen Paar adoptiert wird. 


Das Kind zu ernst, zu höflich, zu sensibel, zu anders.

Die neue Mutter zu unsicher, zu zurückhaltend, zu zaghaft, zu sehr mit den eigenen Ängsten beschäftigt.

Die Mitschüler zu brutal, zu gemein zu ihm. Er ist und bleibt Außenseiter.

Eine neue Lehrerin, ebenfalls viel zu unsicher, zu unstet in ihren Bemühungen, zu neugierig, zu unerfahren. Sie fügt dem sanften Boy weiteren Schaden zu, beschützt ihn nicht, will für ihn da sein, kann es nicht.

Die Tragödie nimmt ihren Lauf. Hätte sie verhindert werden können? Die Mutter selbst viel zu linkisch im Umgang mit dem abweisenden Kind, konzentriert sich lieber wieder auf ihre Karriere, geht Schulveranstaltungen aus dem Weg. Eine Psychiaterin, die sich selbst nicht helfen kann. Warum hat der Vater nicht reagiert? Aus der Reihe, das regeln die Kids schon untereinander, das geht vorbei?

Dass die neue Vertretungslehrerin, eine gescheiterte Schauspielerin, keine gute Pädagogin ist, wird den Kollegen schnell klar. Warum hat auch hier niemand eingegriffen? Hannah gibt Theaterunterricht und versucht stümperhaft, Boy in die Klasse zu integrieren. Sie ist aber selber fast genau so Opfer der launisch-aggressiven Teenager wie der passive Boy.

Boy stirbt. Und Mutter und Lehrerin ersticken fast an ihren Schuldgefühlen. Die Mutter isoliert sich immer mehr von ihrer Umwelt, von ihrem Mann. Das Leiden und ihre Verzweiflung nehmen eher zu, als ab. Sie will wissen, was passiert ist. Alle wissen zu wenig über diesen Tod. Aber angeblich spielte die Lehrerin eine wichtige Rolle in Boys Leben.

Lehrerin Hannah hat das Land verlassen, ist nach Bulgarien gezogen, versucht sich hier zu verwirklichen. Harte Feldarbeit, ein einfaches Leben soll sie erden. Aber die Dämonen lassen sie nicht los.

Die Mutter, Ich-Erzählerin der Geschichte, reist nach Bulgarien. Mit dem Plan, alles zu erfahren. Mit der Überzeugung, hier die Schuldige gefunden zu haben. Um sie zu richten. Die Psychiaterin lauert, wartet ab, lädt Hannah ein, von sich zu erzählen. Diese ist verschlossen. Es dauert, bis die Mutter endlich mehr erfährt ...

Mein Fazit:
Ein unglaublich ehrliches Buch, dass sich intensiv und schonungslos mit dem Thema Schuld beschäftigt. Und mit Unsicherheit, Selbstzweifeln und Selbstmitleid. Sprachlosigkeit. Selbstgewählte Einsamkeit. Flucht. Auf allen Seiten.

Beide Frauen haben sich mit ihrem Verhalten bei mir unbeliebt gemacht.  Erst kümmern sie sich nicht um den armen Jungen, um dann aber in Selbstmitleid zu zerfließen. Das mag ich überhaupt nicht! Ja, alle haben hier Schuld auf sich geladen. Die Mutter hatte sogar die Fachkompetenz, und hat nichts gemacht. Die Lehrerin, eine pädagogische Vollkatastrophe. Immerhin konsequent mit ihrem Aussteigerleben, da richtet sie deutlich weniger Schaden an. 

Unglaublich spannend, die Auseinandersetzung der beiden Frauen mit einander! 

Meine Kritikpunkte:
Die Freiwillligenarbeit der Mutter bei Hannah wirkt etwas konstruiert, die kam für mich nicht glaubhaft rüber. Und der schleppende Dialog der beiden Frauen zerrte zwischendrin etwas am Geduldsfaden, hier hatte die Geschichte Längen. Aber vielleicht gehörte das auch zu diesem beiden eigenwilligen Protagonistinnen.




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