Wytske Versteeg

 3.9 Sterne bei 12 Bewertungen
Autor von Boy.

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Boy
Boy
 (12)
Erschienen am 22.04.2016

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Rezension zu "Boy" von Wytske Versteeg

Wytske Versteeg | BOY
Ein LovelyBooks-Nutzervor einem Jahr

INHALT: Boy ist der Name des Adoptivkindes der Ich-Erzählerin und ihres Mannes Mark. Sie haben den Jungen aus einem afrikanischen Kinderheim nach Holland geholt, weil sie selbst keine Kinder bekommen können. Boy erlebt eine angenehme und gut behütete Kindheit, bleibt aber dennoch ein schüchterner und verschlossener Junge. Mit der Pubertät mutiert diese Verschlossenheit zu einer Unnahbarkeit, auch seinen Adoptiveltern gegenüber. Hinzu kommen Mobbing und Pöbeleien in der Schule, ausgelöst durch seine Hautfarbe und sein zartes Wesen, das ihn bei den halbstarken Jungs zum Opfer macht. Eines Tages kommt er nach der Schule nicht mehr nach Hause und lange Zeit später die Gewissheit: Boy ist tot.

Der Mutter entzieht diese Nachricht den Boden unter den Füßen. Jahrelang kann sie sich nicht aus ihrer Trauer befreien und droht daran zu zerbrechen, wenn sie nicht Klarheit über die Ursachen und den Hergang von Boys Tod hat. Sie erfährt, dass der einzige Mensch, zu dem Boy so etwas wie Vertrauen aufbauen konnte, seine Theaterlehrerin Hannah war, die aber seit dem Vorfall nicht mehr an der Schule arbeitet. Nach langer Recherche macht sie Hannah in Bulgarien ausfindig, wo sie auf dem Lande ein Aussteigerleben führt und ein neues Leben begonnen hat. Unter falschem Namen zieht Boys Mutter als freiwillige Helferin bei Hannah ein und erschleicht sich nach und nach ihr Vertrauen, mit dem Ziel, sich irgendwann bei Hannah zu rächen und so der lähmenden Trauer zu entkommen. Doch Hannah hat an der Vergangenheit und ihrer Rolle in Boys Leben selbst schwer zu schleppen. In wochenlangen Gesprächen legt sie Stück für Stück die Tragödie um Boys Tod frei.

FORM: Wytske Versteeg (*1983) ist mit BOY ein tiefschwarzes Psychodrama gelungen, das in der ersten Hälfte eine reine Rachegeschichte zu werden droht, sich dann aber in ein psychologisches Kammerspiel verwandelt – alles andere wäre auch das Aus für den Roman gewesen. Versteeg schreibt ihre traurigen Sätze schnörkellos und ohne Witz, brutal realistisch, was nicht als Minuspunkt gewertet werden soll. Im Gegenteil: Es ist ihr wichtig, die Trauer, das abgrundtiefe Elend der Mutter, in entsprechende Prosa zu kleiden. Das gelingt ihr auch grandios, allerdings sollte sich der Leser auf eine emotionale Tauchfahrt einstellen, denn der Text zieht einen wirklich runter.

Die einzige stilistische Spielerei, die sich Versteeg erlaubt, ist im letzten Drittel der Perspektivwechsel von der Ich-Erzählerin (der Mutter) zum eher seltenen Du. (So richtig bewusst habe ich das zuletzt in einem Kapitel in Frédéric Beigbeders NEUNUNDREISSIGNEUNZIG gelesen, und das ist schon Jahre her.) Damit schafft Versteeg es, ihre Leser mit ins Boot zu holen. Sie sollen an der Geschichte teilnehmen, sie sollen die Mutter sein.

All diese Geschichten teilst du mit ihr, alles, was schön und präsentabel ist, allerdings ohne seinen Namen zu nennen. Sie hört dir zu und schweigt, als würde sie dir nicht ganz glauben und noch auf etwas warten – auf den Teil der Geschichte der noch aussteht. (Seite 153)

Ziel erreicht: Eine größere Nähe ist kaum möglich.

FAZIT: Ich halte mich nicht für einen übermäßig empfindlichen Leser, aber BOY hat mir ordentlich zugesetzt. Den Roman mit dem Tod des Jungen zu beginnen, diese ganze elendige und ausweglose Trauer, dieses üble Schicksal des armen Jungen – das ist schon ganz schön harter Tobak. Sehr erfreut hat mich, dass Versteeg den Bogen schafft und die Geschichte nicht in einer Racheorgie enden lässt. (Es gibt nichts Schlimmeres als diese Kill-Bill-Auge-für-Auge-Stories; das befriedigt nur niedere Instinkte und hat in einer aufgeklärten, modernen Welt nichts verloren, auch nicht als literarisches Motiv.) Dies und der Trick mit der Perspektive haben mich schließlich davon überzeugt, dass BOY ein gelungener Roman über Trauer und Verlust ist, und Wytske Versteeg eine Autorin, die man im Auge behalten sollte. Fünf Sterne.

*** Diese und viele weitere Rezensionen könnt Ihr in meinem Blog Bookster HRO nachlesen. Ich freue mich über Euren Besuch ***

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ulrikerabes avatar

Rezension zu "Boy" von Wytske Versteeg

Ernüchternde Geschichte
ulrikerabevor einem Jahr

„…dissociare, trennen oder wortwörtlich sich von der Gesellschaft abspalten…Nach Boys Verschwinden musste ich manchmal darüber lachen. Wie oft ich das anderen erklärt hatte. Was habe ich mir eingebildet, alles zu wissen!“

Boy ist vierzehn, als er stirbt. Verschwunden nach einem Schulausflug ans Meer wird er einiges später tot, vermutlich Selbstmord, aufgefunden. Seine Mutter verliert sich in der Trauer und ihrem Bedürfnis irgendjemanden für das Geschehene die Schuld zuzuweisen, sich an dieser Person zu rächen.
Als Kleinkind wurde Boy von dem niederländischen Paar, sie Psychiaterin, er Entwicklungshelfer, aus einem afrikanischen Waisenhaus adoptiert. Seine Adoptiveltern wollten ihm ein Leben ohne Entbehrungen bieten. Dass ihr Sohn zum Außenseiter wird, ohne Freunde, gemobbt in der Schule, wollen sie nicht wahrhaben. Dabei ist es gar nicht unbedingt seine Hautfarbe, die ihn zum Außenseiter macht. Seine ungewöhnliche Höflichkeit erscheint ihnen nur als gute Erziehung, nicht als Rückzug von der Gesellschaft in schreckliche Einsamkeit.
Nach Boys Tod zerbröckelt die Fassade, die Ehe der Eltern besteht nur noch aus Gewohnheit. Während Mark versucht, wieder in ein normales Leben mit dem Wunsch nach Geborgenheit zurückzufinden, bleibt die Mutter distanziert, emotionslos nach außen, lässt niemanden an ihr Innerstes, verdrängt alle seltsamen Vorkommnisse vor Boys Tod.
Mit aller Macht will sie der jungen Lehrerin Hannah die Schuld am Tod ihres Sohnes geben. Sie reist dieser bis nach Bulgarien nach, wo Hannah versucht sich ein neues Leben aufzubauen, um Rache an Boys Tod zu nehmen.
In Bulgarien entwickelt sich das Buch zu einem beklemmenden Kammerspiel zwischen den beiden Frauen. Im dritten Teil des Buches wechselt die Erzählperspektive von der icherzählenden Mutter zu einer Du-Rolle, als ob sie sich nun mehr selbst von außen betrachtet. Die Positionen der beiden Frauen verschwimmen, ohne sich der jeweils anderen erkennen zugeben, umkreisen sie einander bis an den Rand der psychischen und physischen Grenzen. Trotzdem erfahren sie ein unerwartetes Gefühl der Zusammengehörigkeit in der Abgeschiedenheit und Trostlosigkeit in der bulgarischen Einöde.

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miss_mesmerizeds avatar

Rezension zu "Boy" von Wytske Versteeg

Wytske Versteeg - Boy
miss_mesmerizedvor einem Jahr

Boy ist tot, ihr Sohn, für den sie so lange gekämpft haben. Nachdem es mit der Schwangerschaft nicht geklappt hat, haben sie eine Adoption gewagt. In einer Villa wird er groß, bekommt alles, was er sich wünscht, aber er kommt nie wirklich in Deutschland an. Und dann ist er verschwunden – tot. Für die Eltern bricht eine Welt zusammen, doch die Mutter kann die einfache Erklärung Suizid nicht glauben. Sie begibt sich auf Spurensuche und lernt einen ganz anderen Jungen kennen als den, den sie für ihren Sohn hielt.

Das Buch ist kein Krimi, auch wenn sie spannende Frage im Raum steht, was vor dem Unglückstag passiert ist, wenn erst nach und nach das andere Leben Boys offenbart wird. Es ist vor allen Dingen das Dokument einer Frau, die große Schwierigkeiten hat, mit Gefühlen umzugehen, diese erst einmal zuzulassen, Nähe zu leben und Vertrauen zu anderen Menschen zu haben – und das, wo sie als Psychiaterin arbeitet. Interessant fand ich insbesondere die Diskrepanz zwischen den geschilderten fehlenden Emotionen, sowohl gegenüber dem Ehemann wie auch dem Kind, die Schwierigkeit eine klassisch-liebende Mutter zu sein, die sich für alles interessiert, was im Leben des Kindes passiert, und dann dem Schmerz, den sie empfindet, als Boy nicht mehr da ist. Auch die zweite Frau, vermeintlich verantwortlich für den Tod, wird mit vielen schwierigen Emotionslagen präsentiert, die ihr das Leben in Gemeinschaft und den Umgang mit anderen Menschen schwermachen. Erst in der Ferne und Einsamkeit können sie das zulassen, was sie in der Heimat nicht erleben konnten.

2013 wurde Wytske Versteeg in ihrer niederländischen Heimat mit dem BNG Nieuwe Literatuurprijs für diesen Roman ausgezeichnet, eine Anerkennung vielversprechender Jungautoren. Im Zuge der Frankfurter Buchmesse 2016, bei der die Niederlande und Flandern Ehrengast sind, wurde auch dieser Roman in Deutschland bekannt. Kein leichtes Werk, das einem bisweilen an die Substanz geht, aber dadurch enorm ausdrucksstark.

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