Wytske Versteeg

 3.9 Sterne bei 15 Bewertungen
Autor von Boy.

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Cover des Buches Boy (ISBN:9783803127556)

Boy

 (15)
Erschienen am 22.04.2016

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Rezension zu "Boy" von Wytske Versteeg

Selbstmord eines Teenagers
Buchstabenliebhaberinvor 10 Monaten

Boy beendet sein Leben. Mit 14. Boy hat mit seiner Geburt seine Mutter getötet, und diese Last ist zu schwer für den zarten Jungen aus Afrika. Dieses Leid endet nicht, als er von einem niederländischen Paar adoptiert wird. 


Das Kind zu ernst, zu höflich, zu sensibel, zu anders.

Die neue Mutter zu unsicher, zu zurückhaltend, zu zaghaft, zu sehr mit den eigenen Ängsten beschäftigt.

Die Mitschüler zu brutal, zu gemein zu ihm. Er ist und bleibt Außenseiter.

Eine neue Lehrerin, ebenfalls viel zu unsicher, zu unstet in ihren Bemühungen, zu neugierig, zu unerfahren. Sie fügt dem sanften Boy weiteren Schaden zu, beschützt ihn nicht, will für ihn da sein, kann es nicht.

Die Tragödie nimmt ihren Lauf. Hätte sie verhindert werden können? Die Mutter selbst viel zu linkisch im Umgang mit dem abweisenden Kind, konzentriert sich lieber wieder auf ihre Karriere, geht Schulveranstaltungen aus dem Weg. Eine Psychiaterin, die sich selbst nicht helfen kann. Warum hat der Vater nicht reagiert? Aus der Reihe, das regeln die Kids schon untereinander, das geht vorbei?

Dass die neue Vertretungslehrerin, eine gescheiterte Schauspielerin, keine gute Pädagogin ist, wird den Kollegen schnell klar. Warum hat auch hier niemand eingegriffen? Hannah gibt Theaterunterricht und versucht stümperhaft, Boy in die Klasse zu integrieren. Sie ist aber selber fast genau so Opfer der launisch-aggressiven Teenager wie der passive Boy.

Boy stirbt. Und Mutter und Lehrerin ersticken fast an ihren Schuldgefühlen. Die Mutter isoliert sich immer mehr von ihrer Umwelt, von ihrem Mann. Das Leiden und ihre Verzweiflung nehmen eher zu, als ab. Sie will wissen, was passiert ist. Alle wissen zu wenig über diesen Tod. Aber angeblich spielte die Lehrerin eine wichtige Rolle in Boys Leben.

Lehrerin Hannah hat das Land verlassen, ist nach Bulgarien gezogen, versucht sich hier zu verwirklichen. Harte Feldarbeit, ein einfaches Leben soll sie erden. Aber die Dämonen lassen sie nicht los.

Die Mutter, Ich-Erzählerin der Geschichte, reist nach Bulgarien. Mit dem Plan, alles zu erfahren. Mit der Überzeugung, hier die Schuldige gefunden zu haben. Um sie zu richten. Die Psychiaterin lauert, wartet ab, lädt Hannah ein, von sich zu erzählen. Diese ist verschlossen. Es dauert, bis die Mutter endlich mehr erfährt ...

Mein Fazit:
Ein unglaublich ehrliches Buch, dass sich intensiv und schonungslos mit dem Thema Schuld beschäftigt. Und mit Unsicherheit, Selbstzweifeln und Selbstmitleid. Sprachlosigkeit. Selbstgewählte Einsamkeit. Flucht. Auf allen Seiten.

Beide Frauen haben sich mit ihrem Verhalten bei mir unbeliebt gemacht.  Erst kümmern sie sich nicht um den armen Jungen, um dann aber in Selbstmitleid zu zerfließen. Das mag ich überhaupt nicht! Ja, alle haben hier Schuld auf sich geladen. Die Mutter hatte sogar die Fachkompetenz, und hat nichts gemacht. Die Lehrerin, eine pädagogische Vollkatastrophe. Immerhin konsequent mit ihrem Aussteigerleben, da richtet sie deutlich weniger Schaden an. 

Unglaublich spannend, die Auseinandersetzung der beiden Frauen mit einander! 

Meine Kritikpunkte:
Die Freiwillligenarbeit der Mutter bei Hannah wirkt etwas konstruiert, die kam für mich nicht glaubhaft rüber. Und der schleppende Dialog der beiden Frauen zerrte zwischendrin etwas am Geduldsfaden, hier hatte die Geschichte Längen. Aber vielleicht gehörte das auch zu diesem beiden eigenwilligen Protagonistinnen.




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Rezension zu "Boy" von Wytske Versteeg

Bewegende, harte Geschichte über Verlust und Schuld
katzenminzevor einem Jahr

Boy ist tot. Ihr hübscher Junge, über dessen Adoption sie sich so gefreut hatten. Ihr stiller, höflicher, schüchterner Junge, dessen Stille, Höflichkeit und Schüchternheit irgendwann zum Problem wurde. Wytske Versteeg beschreibt eindringlich, wie Schuld und Wut das eigene Leben aus der Bahn werfen können und wohin die Suche nach Antworten eine Mutter treiben kann.

Boy ist eine ruhig erzählte tieftraurige Geschichte über die Suche nach Wahrheit, über Verantwortung und das eigene Versagen. Bewegend aber hart zu lesen, weil hier nichts verklärt und nichts beschönigt wird. Versteegs Einblicke in die Gefühle und Gedanken der Mutter Boys waren präzise und authentisch. Ihre Geschichte zu lesen war oft schmerzhaft, vor allem wie nah der Tod ihres Kindes gerade der Frau geht, die selbst eher praktisch und wenig emotional veranlagt ist.

Schön beschrieben war auch das einfache und harte Leben in Bulgarien in Gegensatz zur „heilen Welt“ in den Niederlanden. Es passte wunderbar zu den beiden Frauen – Boys Mutter und Boys Lehrerin – , die in ihrer Wut und ihrer Schuld ähnlich elementar wirken, wie die Landschaft dort. Anstrengende Feldarbeit mit nur spärlichen Resultaten, unglaublich heiße Sommer und schrecklich kalte Winter; man kann sich die beiden irgendwann kaum in einer normalen Umgebung vorstellen.

Dieser Roman hat einen bitteren Beigeschmack, liest sich aber trotz seiner Härte klasse. Es passiert nicht viel, aber allein die Entwicklung der Figuren ist äußerst gelungen. Sei es ihre Beziehung zueinander, als auch die Einblicke in ihr Seelenleben. Eine gewisse Spannung hält die Geschichte dadurch, dass die Klärung der Todesumstände Boys immer im Raum steht. Es ist aber definitiv keine Krimi, sondern eine wunderbare Erzählung über Verlust, die schmerzt und im Gedächtnis bleibt.

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Rezension zu "Boy" von Wytske Versteeg

Wytske Versteeg | BOY
Ein LovelyBooks-Nutzervor 2 Jahren

INHALT: Boy ist der Name des Adoptivkindes der Ich-Erzählerin und ihres Mannes Mark. Sie haben den Jungen aus einem afrikanischen Kinderheim nach Holland geholt, weil sie selbst keine Kinder bekommen können. Boy erlebt eine angenehme und gut behütete Kindheit, bleibt aber dennoch ein schüchterner und verschlossener Junge. Mit der Pubertät mutiert diese Verschlossenheit zu einer Unnahbarkeit, auch seinen Adoptiveltern gegenüber. Hinzu kommen Mobbing und Pöbeleien in der Schule, ausgelöst durch seine Hautfarbe und sein zartes Wesen, das ihn bei den halbstarken Jungs zum Opfer macht. Eines Tages kommt er nach der Schule nicht mehr nach Hause und lange Zeit später die Gewissheit: Boy ist tot.

Der Mutter entzieht diese Nachricht den Boden unter den Füßen. Jahrelang kann sie sich nicht aus ihrer Trauer befreien und droht daran zu zerbrechen, wenn sie nicht Klarheit über die Ursachen und den Hergang von Boys Tod hat. Sie erfährt, dass der einzige Mensch, zu dem Boy so etwas wie Vertrauen aufbauen konnte, seine Theaterlehrerin Hannah war, die aber seit dem Vorfall nicht mehr an der Schule arbeitet. Nach langer Recherche macht sie Hannah in Bulgarien ausfindig, wo sie auf dem Lande ein Aussteigerleben führt und ein neues Leben begonnen hat. Unter falschem Namen zieht Boys Mutter als freiwillige Helferin bei Hannah ein und erschleicht sich nach und nach ihr Vertrauen, mit dem Ziel, sich irgendwann bei Hannah zu rächen und so der lähmenden Trauer zu entkommen. Doch Hannah hat an der Vergangenheit und ihrer Rolle in Boys Leben selbst schwer zu schleppen. In wochenlangen Gesprächen legt sie Stück für Stück die Tragödie um Boys Tod frei.

FORM: Wytske Versteeg (*1983) ist mit BOY ein tiefschwarzes Psychodrama gelungen, das in der ersten Hälfte eine reine Rachegeschichte zu werden droht, sich dann aber in ein psychologisches Kammerspiel verwandelt – alles andere wäre auch das Aus für den Roman gewesen. Versteeg schreibt ihre traurigen Sätze schnörkellos und ohne Witz, brutal realistisch, was nicht als Minuspunkt gewertet werden soll. Im Gegenteil: Es ist ihr wichtig, die Trauer, das abgrundtiefe Elend der Mutter, in entsprechende Prosa zu kleiden. Das gelingt ihr auch grandios, allerdings sollte sich der Leser auf eine emotionale Tauchfahrt einstellen, denn der Text zieht einen wirklich runter.

Die einzige stilistische Spielerei, die sich Versteeg erlaubt, ist im letzten Drittel der Perspektivwechsel von der Ich-Erzählerin (der Mutter) zum eher seltenen Du. (So richtig bewusst habe ich das zuletzt in einem Kapitel in Frédéric Beigbeders NEUNUNDREISSIGNEUNZIG gelesen, und das ist schon Jahre her.) Damit schafft Versteeg es, ihre Leser mit ins Boot zu holen. Sie sollen an der Geschichte teilnehmen, sie sollen die Mutter sein.

All diese Geschichten teilst du mit ihr, alles, was schön und präsentabel ist, allerdings ohne seinen Namen zu nennen. Sie hört dir zu und schweigt, als würde sie dir nicht ganz glauben und noch auf etwas warten – auf den Teil der Geschichte der noch aussteht. (Seite 153)

Ziel erreicht: Eine größere Nähe ist kaum möglich.

FAZIT: Ich halte mich nicht für einen übermäßig empfindlichen Leser, aber BOY hat mir ordentlich zugesetzt. Den Roman mit dem Tod des Jungen zu beginnen, diese ganze elendige und ausweglose Trauer, dieses üble Schicksal des armen Jungen – das ist schon ganz schön harter Tobak. Sehr erfreut hat mich, dass Versteeg den Bogen schafft und die Geschichte nicht in einer Racheorgie enden lässt. (Es gibt nichts Schlimmeres als diese Kill-Bill-Auge-für-Auge-Stories; das befriedigt nur niedere Instinkte und hat in einer aufgeklärten, modernen Welt nichts verloren, auch nicht als literarisches Motiv.) Dies und der Trick mit der Perspektive haben mich schließlich davon überzeugt, dass BOY ein gelungener Roman über Trauer und Verlust ist, und Wytske Versteeg eine Autorin, die man im Auge behalten sollte. Fünf Sterne.

*** Diese und viele weitere Rezensionen könnt Ihr in meinem Blog Bookster HRO nachlesen. Ich freue mich über Euren Besuch ***

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