Wytske Versteeg

 4 Sterne bei 20 Bewertungen
Autor*in von Boy und Die goldene Stunde.

Alle Bücher von Wytske Versteeg

Cover des Buches Boy (ISBN: 9783803127556)

Boy

(16)
Erschienen am 22.04.2016
Cover des Buches Die goldene Stunde (ISBN: 9783803133649)

Die goldene Stunde

(4)
Erschienen am 01.02.2024

Neue Rezensionen zu Wytske Versteeg

Cover des Buches Die goldene Stunde (ISBN: 9783803133649)
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Rezension zu "Die goldene Stunde" von Wytske Versteeg

renee
Diktatur, Flucht und fragile Sicherheit

Hier gab es mal wieder einen Schatz aus dem Hause Wagenbach zu bewundern. Die niederländische Schriftstellerin Wytske Versteeg ermöglicht der Leserschaft in ihrem Buch „Die goldene Stunde“ einen Blick in eine Diktatur. Was heute ja anscheinend dringend notwendig ist, da ja wieder viele über stärkere Regierungen nachdenken. 

Mari, Ahmad und Tarik sind die Protagonisten in diesem Buch. Jeder der drei kämpft mit seinen Dämonen. 

Ahmad ist damals aus seiner Heimat geflohen. Er floh vor der staatlichen Willkür, vor staatlicher Gewalt. Namentlich wird dieses Land, aus dem Ahmad flieht, nicht genannt, dennoch gibt es viele Hinweise, die darauf hindeuten, dass Syrien gemeint ist. Es wird eine Bevölkerung gezeichnet, die unserer nicht unähnlich ist. Auch hier bemerken die Menschen die Ungerechtigkeiten, auch hier begehren sie auf. Jedoch geht hier der Staat mit ungeahnter Grausamkeit gegen die eigene Bevölkerung vor. Das ist etwas, was schwer zu ertragen ist, dennoch zeigt dieses Buch ja das wahre Leben auf. Ein Leben, das sich genau so in vielen Teilen der Erde abspielt. Etwas, was uns wohlstandsverwöhnten Europäern klar sein muss, klar sein sollte. 

Ahmad flieht nun aus dieser für ihn gefährlich gewordenen Welt. Er flieht nach Europa. Er flieht in die Niederlanden. Wobei dieses Land meines Erachtens nur exemplarisch für unsere sogenannte Willkommenskultur steht. Denn die Flüchtlinge müssen erst durch diese Auffangstationen an den Außengrenzen der EU, was weiteres Leid verursacht. Nun könnte man sagen, die Einreise in unsere Länder des Friedens und des Wohlstands muss ja irgendwie geregelt werden. Ja, dass muss es. Aber geht das nicht menschlicher, geht das nicht etwas umsichtiger? Aber gut. Es ist, wie es ist. Genießen wir unsere Sicherheit in den europäischen Landen. Wer weiß, wie lange wir diese noch haben werden. Die Rechten erstarken an vielen Orten und gefährden mit ihren polemischen Slogans unsere Sicherheit und viel zu viele fallen darauf herein. Menschenfänger. Erst gibt es das Zuckerbrot. Und dann? Wer mit wachen Augen in die Geschichte schaut, wird wissen, was dieses Dann bedeuten kann. 

Ahmad kommt nun in den Niederlanden an, ist traumatisiert, trägt eine Schuld mit sich. Er konnte dieser Hölle in seiner Heimat entkommen. Doch was ist mit seiner Familie, was ist mit seinen Freunden? Ja, Ahmad trägt nicht nur das Grauen des Erlebten in sich, er krankt auch noch an den Unsicherheiten, die seine Familie, sein Umfeld betreffen. Was verstehbar ist! Wenn man sich nur etwas mit den Schicksalen der Menschen befasst, empathisch auf sie schaut. Und nicht den Hass gewinnen lässt. 

Er trifft auf hilfsbereite Geister. Menschen voller Mitleid. Aber auch auf Menschen mit Erwartungshaltungen. Das ist etwas zutiefst menschliches, Erwartungshaltungen zu haben. Wenn man sich nicht ausreichend hinterfragt. Denn wenn man dies tut, erkennt man, oder kann man erkennen, dass genau diese Erwartungshaltungen auch voller Gift stecken. Denn mit Erwartungshaltungen kann man sich, aber auch seiner Umwelt das Leben immens schwer machen. Muss man erkennen. Ist halt nur nicht einfach. Einer dieser hilfsbereiten Geister ist Mari. Sie nimmt Ahmad auf. Sie ist voller tiefer Gefühle. Doch was passiert, wenn zu viel Druck auf eine Seele trifft, die schon genug Druck in sich trägt?

Ahmad verschwindet, hinterlässt Mari aber Aufzeichnungen. Aufzeichnungen in Arabisch. Mari ist nun verunsichert, hinterfragt sich, kommt auch einigen Antworten nahe. Aber nicht allen. Und so reißt sie in das Herkunftsland von Ahmad. Und trifft auf Tarik. Und hier schließt sich der Kreis, denn Tarik gehört zu den Kräften, die der Diktatur erst die Macht ermöglichen. Er krankt an seiner Schuld. Findet in Mari die Möglichkeit sich zu hinterfragen, erkennt ganz neue Gedanken in sich. 

Ein intensives Buch! Wie ich es aus dem Hause Wagenbach schon gewohnt bin. Ein beeindruckendes Buch. Auch Francesca Melandri und Omar Robert Hamilton haben mich mit ihren Büchern tief beeindruckt, auch diese beiden Bücher stammten aus dem Hause Wagenbach. Ein Verlag, wo man genau hinschauen sollte. Ich kann nur sagen, Wagenbach-Liebe!!!

Cover des Buches Die goldene Stunde (ISBN: 9783803133649)
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Rezension zu "Die goldene Stunde" von Wytske Versteeg

ins_lebenlesen
Sprachlich dicht und einfühlsam erzählt

„Ich bin nicht die Geschichte, die du aus mir machst und anderen gegenüber im immer selben Wortlaut wiederholst, ich bin keine Puppe, die du verbiegen, verrenken, hinsetzen kannst, wie es dir gefällt, das Rot, das Du siehst, ist eine blutende Wunde.“ S.147


Wytske Versteegs Geschichte kreist um drei Personen. Zum einen ist da die gescheiterte Sozialarbeiterin Mari. Mit viel Idealismus und guten Absichten engagiert sie sich in einer niederländischen Großstadt für Geflüchtete. MOMO ist eine Begegnungsstätte in einem Gemeinschaftsgarten einer spießbürgerlichen Kleingartenanlage, in der kulturelle Grenzen so hochwachsen wie Lorbeerhecken. Als die ganze Anlage eines Nachts abbrennt, geht nicht nur ihr Projekt in Rauch auf, sondern auch die fragile und schwierige Liebesgeschichte mit Ahmad, dem Geflüchteten aus einem namenlosen Kriegsgebiet, der seit jener Nacht verschwunden ist. Nun ist es Mari, die sich auf die Flucht begibt. Sie flieht in ein neues Projekt in die Grenzregion eben dieses Kriegsgebietes, wo sie auf den Spuren von Ahmad auf Tarik trifft. Auch Tarik ist ein Gestrandeter, der sich in dieser abgelegenen Bergregion in einem kleinen Dorf verschanzt hat. Hier betätigt er sich als Totengräber für die zahllosen Menschen, deren Leben auf der Flucht vor Krieg, Armut und Perspektivlosigkeit an diesem Ort endete. Auch er trägt eine gescheiterte Liebe und eine dunkle Vergangenheit in sich, für die er hier Buße tut.


Ich glaube, man kann diese Geschichte auf 100 Arten lesen. Was Wytske Versteeg MIR erzählt: dass irgendwo auf der Welt jeder Mensch ein Geflüchteter ist oder ein Retter oder beides. Ein Mensch, der glaubt, das Richtige zu tun und damit verletzt, ein Suchender, der seine Einsamkeit durchbrechen will und gleichzeitig Mauern baut.


Was es bedeutet ein Fremder zu sein, versucht die Autorin mit konsequenten Perspektivwechseln aufzudecken. Die drei ProtagonistInnen sind mir fremd und gleichzeitig nah. Ihr Verhalten verstört mich und gleichzeitig verstehe ich es. Ich schaue zu, wie sie aus ihren drei Perspektiven einander umkreisen, es gut miteinander meinen und doch die Mauern aus fremden Kulturen, Sprachen, Gebräuchen, Ritualen und Gesten nicht überwinden können.


Wytske Versteeg hat mir auf einer Lesung aus ihrem Buch vorgelesen, bevor ich es selbst tun konnte. Mit dunkler und zurückgenommener Stimme wogte sie sich durch ihren Text. Es ist dieser Rhythmus in ihrer Sprache, der mich bannt. Dabei sind es nicht nur die Worte selbst, sondern die Kraft der Gesten und Bilder, die sie beschreibt.


Doch „… immer ist da dieser Moment, diese Goldene Stunde …“ S.234, kurz nach Sonnenaufgang, in der die ganze Hoffnung der Welt liegt, die uns glauben lässt, dass wir alles schaffen können. Dass es ein guter Tag wird. Trotz allem.


Es ist eine sehr melancholische Geschichte, die eigentlich ohne Hoffnung ist. Und doch ist sie nicht ohne sie. Alles an ihr ist vage und offen, lässt sich diskutieren.


„Niemand kann einen anderen retten, aber anfangs bildet man sich noch ein, dass man das kann, dass man das muss. Man macht Erfahrungen, verliert Illusionen und verbessert sich auf diese Weise fachlich. Und dennoch …“ S.69

Cover des Buches Die goldene Stunde (ISBN: 9783803133649)
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Rezension zu "Die goldene Stunde" von Wytske Versteeg

Lesewesen
Vom Scheitern guter Absichten

Seid ihr schon mal aus ganzen Herzen überzeugt gewesen, das Richtige zu tun, und musstest hinterher feststellen, das es falsch war? Oder wolltet einem Menschen helfen, doch die Hilfe war nicht das, was dieser Mensch in dem Moment brauchte? Diesen und ähnlichen Fragen geht Wytske Versteeg in ihrem Debütroman nach.

Mari, die eigentlich Archäologin ist, wollte es anders machen und engagierte sich für ein Projekt, das Geflüchteten helfen soll, in den Niederlanden anzukommen. In einer spießigen Kleingartenanlage namens Paradies. Einer von ihnen ist Ahmad, ein arabischer Flüchtling, mit dem sie eine kurze Beziehung hat und der just an dem Tag verschwindet, als das Gartenhaus abbrennt. Mari, zutiefst enttäuscht, verlässt ihr Zuhause und begibt sich auf die Suche nach Felsmalereien in Ahmads Heimatland. Wieder mit guten Absichten, denn sie denkt, mit ihrer Arbeit den Tourismus ankurbeln zu können. Doch das Land hat ganz andere Problem, wie schnell deutlich wird. Dort begegnet sie Tarik, der vor seiner Vergangenheit in ein kleines Dorf geflüchtet ist. Niemand in dem Dorf weiß, dass er als Aufseher in einem Lager gearbeitet hat, aus dem Menschen verschwanden, die gegen die Regierung rebelliert haben. Immer wieder werden Leichen vom Fluss angeschwemmt, die er wortlos beerdigt. Doch dann holt ihn seine Vergangenheit ein, denn Mari bittet ihn, Ahmads Aufzeichnungen vorzulesen, die er ihr hinterlassen und in seiner Muttersprache verfasst hat. Er schrieb sich alles von der Seele, worüber er geschwiegen oder gelogen hat. Nicht nur über die Gründe seiner Flucht, die lange Odyssee durch Flüchtlingslager mit katastrophalen Verhältnissen. Er findet auch harsche Worte für ihre erdrückend guten Absichten, seine Verachtung für sie und ihre sensationslüsternen Landsleute.

»Ich bin nicht die Geschichte, die du aus mir machst und anderen gegenüber im immer selben Wortlaut wiederholst, ich bin keine Puppe, die du verbiegen, verrenken, hinsetzen kannst, wie es dir gefällt, das Rot, das du siehst, ist eine blutende Wunde.« S.147

Versteegs Buch lässt sich nicht leicht in Worte fassen, auch hatte ich so meine Startschwierigkeiten, und sicherlich lässt es sich auf verschiedene Weise lesen, denn sie wirft viele Fragen auf. Eine davon ist, wie wir mit Flüchtlingen umgehen. Sachbearbeiter, die ausgelaugt, müde sind, immer wieder die gleichen Fragen stellen, sich aber nicht wirklich für die Schicksale der Menschen interessieren. Flüchtlinge, die schnell lernen, dass die Wahrheit einen nicht weiterbringt, es besser ist, zu lügen und sich zu verbiegen.

»So freundlich sie hier auch alle waren: Alles schien darauf ausgelegt zu sein, mich nicht zu hören.« S.150

Versteeg schreibt von einer katastrophalen europäischen Flüchtlingspolitik, von gescheiterten guten Absichten und dennoch heißt der letzte Satz im Buch:

»Und da ist so viel Hoffnung.«

Sie widmet allen drei Figuren eine eigene Perspektive, verwebt sie miteinander. Jeder der drei ist auf der Suche nach sich selbst und gleichzeitig auf der Flucht, fühlt, was Fremdsein bedeutet. Immer wieder kreist sie um richtig und falsch, kurbelt mein Gedankenkarussell an, hält mir den Spiegel vor, stellt Fragen, gibt mir aber keine Antworten, die muss ich schon selbst finden. Am Ende liegt sehr viel darin, was nicht gesagt wird.

Sie schreibt zärtlich, fast schon leise, an anderer Stelle wird sie laut. Ihr Text ist oft schmerzhaft, wenn sich beim Lesen eine Erkenntnis einstellt, dass unser Leben oft aus vielen Missverständnissen besteht, aus Ängsten, Schweigen und falschen Erwartungen. Herausragend war für mich, wie sie sich in die einzelnen Charaktere hineinversetzen konnte. Ein großartiges Stück Literatur von brisanter Aktualität, das sehr lange nachhallt.

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