Yascha Mounk ist ein deutscher Politikwissenschaftler, der an der Johns Hopkins University in Baltimore, Maryland unterrichtet. Neben Forschung und Lehre ist er auch publizistisch tätig und betreibt den Podcast "The Good Fight". In seinem Buch "Im Zeitalter der Identität. Der Aufstieg einer gefährlichen Idee" (Erschienen bei Klett-Cotta; OT: "The Identity Trap. A Story of Ideas and Power in Our Time"), auf das ich durch eine kürzlich ausgestrahlte Folge der Sendung "Sternstunde Philosophie" aufmerksam wurde, befasst er sich mit Inhalten, Hintergrund und Auswirkungen einer aktuell v.a. in den USA sehr einflussreichen Ideologie, nach der Kategorien wie "Rasse" und "Gender" zur Basis aller gesellschaftspolitischen Entscheidungen werden sollen. Dieser Ideologie, zu deren Folgen u.a. Phänomene wie "Kulturelle Aneignung", "Cancel Culture", die Aufteilung von Schulklassen oder die Vergabe von Impfstoff nach Rassen, zählen, gibt er den Namen "Identitätssynthese".
Die Identitätssynthese hat eine Vielzahl philosophischer Einflüsse und beruht auf drei grundlegenden Behauptungen: "1. Um die Welt zu verstehen, muss man sie hauptsächlich durch das Prisma von Gruppenidentitäten wie 'Rasse', Gender und sexueller Orientierung betrachten", "2. Angeblich universelle Werte und neutrale Regeln dienen lediglich dazu, die Dominanz priviligierter Gruppen über marginalisierte Gruppen zu verschleiern" und "3. Um eine gerechte Welt aufzubauen, müssen wir Normen und Gesetze einführen, welche die Art, auf der der Staat seine Bürger behandelt - und selbst die Weise, in der sie miteinander umgehen - ausdrücklich davon abhängig machen, zu welcher Identitätsgruppe diese gehören." (S.321ff)
Nach der Einleitung ist das Buch in vier große Teile gegliedert. Teil eins befasst sich mit der intellektuellen Geschichte der Identitätssynthese. In Teil zwei geht es um die Frage, "welche politischen, soziologischen und technologischen Faktoren für die Popularisierung der Identitätssynthese verantwortlich sind" (S.42). Im dritten Teil widmet sich der Autor den Auswirkungen und Schwächen der Ideologie und schließt im vierten Teil das Buch mit einem Plädoyer für einen philosophischen Liberalismus mit dem Festhalten an universellen Werten ab.
"Viele dieser Positionen [der Identitätssynthese] sind durch vernünftige Überlegungen und legitime Bedürfnisse motiviert. So sind etwa Mitglieder marginalisierter Gruppen tatsächlich Formen von Unrecht ausgesetzt, die die Mitglieder dominanter Gruppen leicht übersehen. Dennoch ist es ein Fehler zu glauben, man könnte den Mitgliedern historisch marginalisierter Gruppen zu ihrem Recht verhelfen, indem man Prinzipien wie die Redefreiheit und den Anspruch, einander trotz kultureller, ethnischer, oder 'rassischer' Barrieren zu verstehen, aufgibt. In diesem Teil des Buches werde ich die Ansicht vertreten, dass sich hartnäckiges Unrecht am besten durch ein neues Engagement für die Einhaltung der wichtigsten universellen Prinzipien bekämpfen lässt." (S.177)
Yascha Mounks Darstellungen im Buch sind für mich gut nachvollziehbar (soweit das möglich ist, ohne sich selbst mit den unglaublich zahlreichen Quellen zu befassen - die Anmerkungen mit Quellenangaben haben einen Umfang von etwa 120 Seiten!) und wirken fundiert, schlüssig und ausgewogen. Die Auswirkungen der Identitätssynthese sind erschreckend und es erscheint mir evident, dass ein Fokus auf Gruppengleichheit ("Equity") schlussendlich zu Ingroup-Outgroup-Behavior und mehr Verteilungskämpfen führen wird.
Sehr schön finde ich, dass am Ende jedes Kapitels die Kernpunkte noch einmal zusammengefasst werden. Negativ ist für mich, dass es weder einen Index noch ein Glossar gibt. Über einen Index würde man bestimmte Stellen im Nachhinein leichter wiederfinden können und ein Glossar mit den wichtigsten Begriffen finde ich zur schnellen Auffrischung hilfreich.
"Vor allem aber dürfen wir uns von der Identitätsfalle nicht dazu verführen lassen, den Glauben an eine bessere Zukunft aufzugeben - an eine Zukunft in der das, was wir gemeinsam haben, endlich wichtiger wird als das, was uns voneinander trennt." (S. 376)
4,5 Sterne
Yascha Mounk
Lebenslauf
Quelle: Verlag / vlb
Alle Bücher von Yascha Mounk
Der Zerfall der Demokratie
Im Zeitalter der Identität
Echt, du bist Jude?
Le piège de l'identité: Comment une idée progressiste est devenue une idéologie délétère
STRANGER IN MY OWN COUNTRY: A Jewish Family in Modern Germany
The Age of Responsibility: Luck, Choice, and the Welfare State
The Great Experiment: Why Diverse Democracies Fall Apart and How They Can Endure
Neue Rezensionen zu Yascha Mounk
Ich bin politisch sehr interessiert und deshalb hat mich der Titel dieses Buches neugierig gemacht. Den Autor Yascha Mounk kenne ich aus dem TV.
Das Buch ist ursprünglich für den amerikanischen Raum geschrieben worden und wurde vom Autor für die deutsche Ausgabe noch entsprechend überarbeitet. Zur Zeit der Erstveröffentlichung war Donald Trump der amtierende Präsident in den USA und deshalb wird er auch sehr häufig im Buch erwähnt.
Inhaltlich ist das Buch in drei Teile gegliedert. Im 1.Teil geht es um die Krise der liberalen Demokratie und darin beschreibt Herr Mounk wie er die momentane politische und gesellschaftliche Situation in Nordamerika und Europa wahrnimmt. Im 2. Teil benennt er Gründe für die Krise und die Hauptpunkte sind aus seiner Sicht, die Einflussnahme von Populisten über die sozialen Medien, wirtschaftliche Ängste und Sorge um Abstieg und das Bedürfnis nach Identität. Diesen 2. Teil fand ich inhaltlich am besten. Im 3.Teil schlägt er Gegenmittel vor und da hat er mich wirklich überrascht, er fordert:
"Um die Demokratie zu retten, müssen wir den Bürgern einen inklusiven Patriotismus vermitteln; ihnen echte Hoffnung auf eine wohlhabendere Zukunft machen; und sie gegenüber den Lügen und dem Hass, dem sie täglich in den sozialen Medien begegnen, widerstandsfähiger machen."
Das führt er dann noch konkreter aus.
Was mir besonders gut gefallen hat war, dass Herr Mounk den Populismus an beiden äußeren Rändern, rechts und links, benannt und kritisiert hat.
Das Buch ist zwar leicht und recht gut verständlich geschrieben, aber mit dem Sprachstil des Autors bin ich nicht richtig warm geworden und durch einige Wiederholungen hat es sich auch etwas gezogen.
Von dem Buch habe ich insg. einen guten Eindruck gewonnen. Als Einstieg in diese Problematik eignet sich dieses Werk sehr gut.
Das Buch ist nach dem klassischen amer. Prinzip „Situation – Komplikation – Lösung“ aufgebaut worden und hat drei Teile je drei Kapitel, rund 255 Seiten insg., die aus einigen kürzeren Abschnitten bestehen. Vorwort von ca. 24 S. und Schlussbemerkung von ca. 15 S. runden die Ausführungen ab.
Mounk unterscheidet zw. der liberalen Demokratie, undemokratischem Liberalismus, illiberaler Demokratie und Diktatur. All diese Formen beschreibt er anschaulich im Kap. 1, Teil I. Im Kap. 3 spricht er von der „Entkonsolidierung der Demokratie“ und stellt anhand von einigen Graphiken und Statistiken fest, dass die Liebe zur Demokratie schwindet und andere, autoritäre Alternativen, insb. bei der jüngeren Bevölkerung, populärer werden. Er beschreibt die gefährlichen Folgen solcher Entwicklungen, schildert sie am Beispiel Polens und schließt Teil I mit: „Die Vorboten des Zerfalls der Demokratie standen deutlich vor aller Augen. Aber die meisten Politikwissenschaftler haben es vorgezogen, nicht hinzusehen. Das macht es umso wichtiger, dieselben Warnglocken jetzt, da sie auch in Ländern wie Deutschland und vereinigten Staaten ohrenbetäubend läuten, endlich ernst zu nehmen.“ S. 154.
Im Teil II (ca. 33 S.) nennt Mounk Gründe für die o.g. Entwicklungen wie die Identitätskrise, Ängste wirtschaftlicher Natur, die im Laufe der letzten Jahrzehnte immer akuter wurden, spricht von der Rolle der sozialen Medien, und erklärt, wie all dies zur Aushöhlung der liberalen Demokratie geführt hat.
Teil III widmet sich den Lösungen (ca. 90 S.): „Nationalismus zähmen, Wirtschaft sanieren, Glauben an Demokratie erneuern“, so die Vorschläge des Autors. Im Schlusswort ruft er zur Rettung der Demokratie auf, ja zum Kampf für eigene Überzeugungen.
Mounk sagt viele richtige Dinge, wie z.B. „Im Laufe der letzen Jahrzehnte in nordamerikanischen und westeuropäischen Ländern zu einem Zerfall der Demokratie. Unser politisches System verspricht die Volksherrschaft. Aber in der Praxis ignoriert es den Willen allzu häufig. Von den meisten Politikwissenschaftlern unbemerkt hat in vielen Ländern ein System des Rechts ohne Demokratie Einzug erhalten“. S. 292.
Mir war aber auch oft, dass er sich sehr zurückgehalten hat, z.B. als es um die Rolle der Eliten in den o.g. Entwicklungen ging und noch paar anderen Punkten, was das Ganze politisch korrekt und etwas oberflächlich erscheinen lässt. Zudem blieb er im Rahmen des gewohnten Narratives der Leitmedien, u.a. wenn es um die Beschreibung des Zustandes der Demokratie und die Ursachen ihres Zerfalls ging. Und als er den Blick auf andere Länder richtete: „böse Buben“ an der Macht, wohin das Auge reicht, und „bei den Guten“ liegt auch vieles im Argen, was zur von mir insgeheim erhofften erfrischenden Originalität und Tiefe der Ausführungen wohl kaum beigetragen hat.
So ist es eher ein Werk für Einsteiger geworden, die ihre ersten Schritte auf dem Gebiet so langsam aber sicher machen möchten.
Das Werk liest sich angenehm leicht. Der Stoff ist sehr zugänglich dargeboten worden, anhand von vielen Beispielen und Situationen, die Leser bestimmt schon kennen. Die Zusammenhänge sind klar, die Argumentation ist logisch und auch für Laien prima verständlich.
Das Buch ist schön gemacht: Festeinband in Dunkelblau, Umschlagblatt, einige Graphiken in schwarz/weiß, Quellennachweis zum Schluss auf rund 40 S.
Fazit: Ein gutes Buch für Einsteiger, die sich dem Thema „Zerfall der Demokratie“ nähern möchten. Alles ist gut und sehr zugänglich erklärt worden. Die vorgeschlagenen Lösungen sind kaum von der Hand zu weisen, stellen aber insg. keine neuen Erkenntnisse dar. Die großen Durchbrüche und bahnbrechende Enthüllungen sind nicht dabei.
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