Babylon

von Yasmina Reza 
3,5 Sterne bei30 Bewertungen
Babylon
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Neue Kurzmeinungen

Positiv (15):
Milagros avatar

Doch, darin steckt tatsächlich Humor

Kritisch (5):
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Irgendwie blieb mir der Zugang zu "Babylon" gänzlich verschlossen

Alle 30 Bewertungen lesen

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Inhaltsangabe zu "Babylon"

Elisabeth gibt eine Frühlingsparty. Sie ist keine erfahrene Gastgeberin und sehr nervös. Viel zu viele Gläser und Stühle. Dennoch scheint alles gut zu gehen, bis sich Jean-Lino und Lydie, die Nachbarn von oben, wegen eines Bio-Hühnchens in die Haare kriegen. Als Elisabeth und ihr Mann schon im Bett liegen, klingelt es. Es ist Jean-Lino, der erzählt, dass er Lydie gerade erwürgt hat. Elisabeth wird er bitten, die Leiche mit ihm zusammen aus dem Haus zu schaffen. – Yasmina Reza hat einen unglaublich komischen und dabei tiefernsten Roman geschrieben, der den Leser von einer grotesken Abendgesellschaft in die Abgründe der Paarbeziehung führt und von einer ganz besonderen Freundschaft erzählt.

Buchdetails

Aktuelle Ausgabe
ISBN:9783446256514
Sprache:Deutsch
Ausgabe:Fester Einband
Umfang:224 Seiten
Verlag:Hanser, Carl
Erscheinungsdatum:24.07.2017
Das aktuelle Hörbuch ist am 24.07.2017 bei Hörbuch Hamburg erschienen.

Rezensionen und Bewertungen

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    jenvo82s avatar
    jenvo82vor 10 Monaten
    Kurzmeinung: Ein Kammerspiel mit alltäglicher und doch fataler Handlungsebene, nur die Umsetzung wirkt holprig. Tendenziell eher Bühnenstück als Roman.
    Komplizenhafte Nachbarschaft

    „Ist es vernünftig, sich um das Geliebtwerden zu bemühen? Ist das nicht eine jener Mühen, die von vornherein zum Scheitern verurteilt sind?


    Inhalt


    Elizabeth kennt sich mit Partys nicht aus, eigentlich hat sie weder die Wohnung noch den Freundeskreis dazu, aber spontan entschließt sich die in die Jahre gekommene Frau, ihr Wohnzimmer für ein Frühlingsfest auszustatten und bei dieser Gelegenheit gleich mal ihr Sortiment an diversen Sekt- und Weinkelchen aufzustocken, denn wie sie mit Erschrecken feststellt, hat sie nicht mal genügend Stühle geschweige denn Gläser für die geladenen Gäste. Einem mäßig unterhaltsamen Abend folgt eine umso schlaflosere Nacht, denn nach der Party erwürgt ihr befreundeter Nachbar Jean-Lino seine Frau und bittet die schockierte Elizabeth um Hilfe – es muss doch möglich sein, die Leiche unbemerkt aus dem Haus zu schaffen, wenn da nur nicht der für den Mörder unpassierbare Personenaufzug wäre. Ein kleiner Freundschaftsdienst ist doch kein Verbrechen und Elizabeth sieht die Notwendigkeit ihrer Mithilfe durchaus ein …


    Meinung


    Dieser Roman klang für mich nach einer bitterbösen Erzählung mit unglücklichen, skrupellosen Menschen, die durch eine Vereinbarung zu Komplizen werden und deren Lebensgeschichte vielleicht noch weitere Leichen im Keller offenbart. Doch leider konnte „Babylon“ diesen Anspruch nicht erfüllen, denn es fehlt der Geschichte einerseits an Format, dann wieder an Tiefgang und letztlich vor allem an einer klaren Erzählstruktur. Deshalb konnte mich dieses skurrile Geschehen, über eine aus der Norm gelaufene Party nicht überzeugen obwohl es sich stellenweise ganz amüsant lesen lässt.


    Durch einen durchweg kurzen, szenenhaften Schreibstil, der mich sehr stark an die Regieanweisung zu einem Bühnenstück erinnert hat, kam kein rechtes Gefühl für die Belange der Protagonisten auf. Oberflächlich betrachtet, entsteht sehr wohl ein Bild von der Nachbarin in ihrer Hello-Kitty Schlafanzughose und den Plüschpantoffeln oder auch vom Ehemann, der einen gesegneten Schlaf trotz Leiche im Obergeschoss hat und natürlich auch vom unfreiwilligen Mörder, der Katzen liebt aber Hühnchen nichts menschliches abgewinnen kann, doch das reduziert sich auf ihre Rolle, den Part den sie innerhalb der Erzählung einnehmen und verrät leider gar nichts zu Hintergründen, Gedankengängen und tatsächlichen Eigenschaften. Letztlich wirkt das ganze wie ein bizarr arrangiertes Kammerstück ohne tieferen Sinn.


    Dennoch führt die französische Autorin mit leichter Hand durch ihr Buch, sie lässt hin und wieder sehr schöne, tiefgründige Sätze an die Oberfläche dringen und verbindet gekonnt eine abstrakte Handlung mit sehr normalen, alltäglichen Begebenheiten. Deshalb war der Realitätsfaktor nicht so gering wie befürchtet und das mag ich nun wiederrum an solchen Geschichten, die mehr beschreiben als bewerten, die einen ungetrübten Blick auf eine ungewöhnliche, fast unvorstellbare Situation werfen.


    Fazit


    Ich vergebe 3 Lesesterne für diesen kurzen, unterhaltsamen Roman über eine Wohngemeinschaft, die zwischen komplizenhafter Nachbarschaft und abschreckendem Beispiel angesiedelt ist und die den Leser in eine gar absonderliche Aufführung mitnimmt, die weder besonders erschreckend noch bitterböse wirkt. Gezeichnet werden Menschen, die handeln, die unterlassen und denen es nicht nur um ihre eigene Meinung geht, sondern auch um die Interaktion miteinander. Leider bleibt „Babylon“ sehr oberflächlich und lässt mich eher ein argwöhnisches Auge auf große Koffer in kleinen Fahrstühlen werfen, als auf die Schuld, die ein Mord normalerweise hervorruft.

     

    Kommentare: 5
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    dominonas avatar
    dominonavor 10 Monaten
    Sprunghaft und unzusammenhängend

    Eigentlich sind sie nur Nachbarn, haben aber beide Schwierigkeiten mit ihren Partnern und dann lädt einer von beiden Freunde, darunter natürlich auch de Nachbarn, zum Essen ein und nach einem Streit erwürgt der eine von beiden die eigene Frau.
    Die Handlung ist wohl typisch für die Autorin, aber mich konnte das Ganze nicht begeistern. Ich habe mich eher über die Themensprünge gewundert, was auf mich den Eindruck machte, als würde jemand versuchen, auf Teufel komm raus, möglichst viele kluge Sprüche zu verschiedenen Bereichen unterzubringen. 

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    Stephan59s avatar
    Stephan59vor 10 Monaten
    Kurzmeinung: Irgendwie blieb mir der Zugang zu "Babylon" gänzlich verschlossen
    Der überraschende Mord im gutbürgerlich oberflächlichen Milieu...

    Irgendwie blieb mir der Zugang zu "Babylon" gänzlich verschlossen, die Partyszenerie, die Gespräche der verschiedenen Protagonisten blieben mir fremd und seltssam oberflächlich, der Einblick in die kleinen und größeren Nebensächlichkeiten der gut bürgerlichen Paare ist für mich mißlungen. Dann der Mord, eine groteske Szene in der Nachbarwohnung von Jean-Lino und Lydie. Da blieb ich dran, nachdem mich das halbe Buch bis dahin nicht fesseln konnte. Aber dann fällt der Spannungsbogen in den vorherigen Stil zurück. Schade um den guten Plot!

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    leserattebremens avatar
    leserattebremenvor 10 Monaten
    Eine psychologische Meisterleistung

    Es ist eine gemütliche Party, man isst und trinkt und als alle Gäste gegangen sind, sind Elisabeth und ihr Ehemann sich einig, dass ihre Frühlingsparty ein Erfolg war. Sie sind keine erfahrenen Gastgeber, aber bis auf eine kleine Streitigkeit des benachbarten Ehepaares Jean-Lino und Lydia war alles gut verlaufen. Bis es an der Tür klingelt und Jean-Lino berichtet, er habe seine Frau umgebracht. Was sollen sie jetzt nur tun?
    Yasmina Reza ist bekannt dafür, in die Abgründe der menschlichen Beziehungen zu schauen und das gelingt ihr auch bei „Babylon“ auf herausragende Weise. Die Beschreibungen der Charaktere und ihrer Handlungen schwanken die ganze Zeit zwischen komisch und gruselig, alle sind überfordert, keiner weiß was zu tun ist und so verhalten sie sich völlig absurd angesichts der ermordeten Nachbarin. Die für den Leser völlig normale Reaktion, die Polizei zu rufen, wird plötzlich zur Mammutaufgabe, das Gefühl von Recht und Gerechtigkeit völlig durcheinandergebracht angesichts der Tatsache, dass der Mörder in diesem Fall der nette Nachbar ist, mit dem man sich so gerne unterhält. Reza führt die Menschen vor, ohne sie lächerlich zu machen, zu ernsthaft und bedrohlich sind ihre Gefühle, als dass man sich darüber lustig machen könnte.
    „Babylon“ von Yasmina Reza ist ein großartiger Roman über die Menschen und ihre Beziehungen und all die tiefen, dunklen Abgründe, die sich in diesem Bereich auftun. Ein kurzweiliger und psychologisch feiner Roman, der auch noch viel Lesefreude bereitet. 

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    AgnesMs avatar
    AgnesMvor einem Jahr
    Kurzmeinung: Die Autorin hätte das Buch ruhig ein wenig furioser und mit ein wenig mehr Biss schreiben können.Amüsant und kurzweilig ist es in jedem Fall
    Babylon

    Da nimmt man sich endlich vor eine Party zu geben, ist tierisch nervös und völlig mit der Planung überfordert, da man vorher noch nie eine Party veranstaltet hat, und dann endet diese auch noch im folgenschweren Chaos und man wird selber in ebendieses hineingezogen.

    Elisabeths Gäste sind eine bunte Mischung aus allen gesellschaftlichen Schichten und kommen immer besser miteinander ins Gespräch, je mehr Alkohol fließt. Die Zungen lösen sich, Witze werden gerissen und Anekdoten aus dem Alltag zum Besten gegeben. Jean-Lino, der Nachbar von oben, erzählt von einem Vorfall in einem Restaurant, wo seine Frau Lydie den Kellner gefragt hat, ob das Hühnchen, welches auf der Speisekarte gelandet ist, ein gutes Leben in Freilandhaltung geführt hat. Er fand die Frage seiner Frau belustigend, schämte sich aber auch für ihre immer wieder ausgelebten Aktivitäten hinsichtlich des Tierschutzes. Lydie hingegen findet diese kleine Wiedergabe der Geschehnisse alles andere als amüsant und fühlt sich von ihrem Ehemann angegriffen. Die Stimmung ist vorläufig dahin, die Gäste werden Zeugen einer verbalen Auseinandersetzung des Ehepaares, welches kurze Zeit später die Party verlässt. Einige Gläser Sekt und Schnaps später wird die Stimmung wieder locker, es wird gegessen und sich unterhalten, bis die Gäste nach und nach die Festlichkeiten verlassen und sich auf den Heimweg begeben.

    Elisabeth und ihr Mann räumen nur das Nötigste weg, gehen ins Bett und werden durch das Klingeln an der Haustür aus ihrem Schlaf gerissen. Jean-Lino steht vor ihrer Tür und gesteht beiden, dass er seine Frau Lydie umgebracht hat und nun nicht weiß was er tun soll. An eine nächtliche Ruhe und ein paar Stunden erholsamen Schlaf ist nun gar nicht mehr zu denken.


    Yasmina Reza greift wieder einmal nach einer Alltagssituation, mit ganz gewöhnlichen Menschen als Hauptdarsteller, und lässt diese in einer Tragikomödie enden. Wie auch schon in ihrem Roman „Gott des Gemetzels“ lässt sie die Situation langsam und gekonnt eskalieren, zieht die Hauptprotagonisten immer tiefer in einen Strudel aus Diskussionen, einer vorherrschenden Ratlosigkeit, absurden Ideen und einer belustigenden Darbietung. Gespickt mit einigen Hintergrundinformationen zu den Akteuren erwartet den Leser ein gutes, aber nicht herausragendes Buch. Amüsant und kurzweilig ist es hingegen in jedem Fall. Doch fehlt hier m.E. das gewisse „Etwas“, welches die groteske Story mitreißend erscheinen lässt. Die Autorin hätte das Buch ruhig ein wenig furioser und mit ein wenig mehr Biss schreiben können.

    Kommentare: 2
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    miro76s avatar
    miro76vor einem Jahr
    Kurzmeinung: Interessant, aber doch verworren. Zu viel Abschweifungen und zu wenig schlüssig für meinen Geschmack.
    babylonische Sprachverwirrung


    Laut Wikipedia ist Babylon anknüpfend an die jüdische und christliche Symbolik sowohl Ort des Exils (Gottesferne) als auch Sinnbild sündigen, verblendeten Lebenswandels sowie zugleich Stätte einer mysteriösen Erfahrung.

    Letzteres trifft wohl auf Elisabeth zu, die uns hier an ihren Gedanken teilhaben lässt. Sie gibt ein Frühlingsfest und ist sehr nervös. Sie ist keine geübte Gastgeberin. Aber zu ihrem großen Erstaunen wird das Fest ein Erfolg. Die Gäste unterhalten sich blenden und genießen Speis und Trank. Bis im alkoholischen Übermut, das Ehepaar aus der Etage über ihnen in Streit gerät. Allerdings scheint dem niemand allzu viel Bedeutung beizumessen.  

    Doch spät nachts läutet es an der Tür von Elisabeth und ihrem Mann. Jean-Lino, der Nachbar steht vor der Tür und behauptet, seine Frau erwürgt zu haben. Elisabeth ist mir Jean-Lino befreundet. Sie hört sich an, wie es dazu kam und ist schließlich bereit, ihm zu helfen, die Leiche zu transportieren. Doch das klappt nicht ungesehen... 

    Yasmina Reza erzählt uns hier die Geschichte von Elisabeth. Ihre Vergangenheit wird uns in kleinen Erinnerungen rückblickend erzählt. Auch ihre Gedanken und Geistesblitze dürfen wir mitverfolgen. Manchmal sind ihre Gedankensprünge nicht ganz nachvollziehbar und manches hätte ich lieber nicht gewusst. Aber so funktionieren wohl unsere Gehirne. Manchmal fragen wir uns ja selbst, warum uns etwas genau in einem bestimmten Moment einfällt.

    Hier unterbricht das den roten Faden der Geschichte fast zu oft und Vieles wird erzählt, das kaum einen Zusammenhang mit den Ereignissen erkennen lässt. Zu oft springt die Autorin von einer Idee oder Erinnerung zur nächsten. Insgesamt passiert ja nicht viel in diesem Buch. Es gibt ein Fest, alle trinken, dann wird jemand ermordet und es stellt sich die Frage, wie man damit umgehen soll.

    Ich konnte Elisabeths Handeln nicht ganz nachvollziehen. Im Klappentext steht, sie hätten eine besondere Freundschaft. Dassehe ich auch so, besonders ist sie irgendwie, aber sehr weit reicht diese Freundschaft auch nicht. Immerhin sind die Nachbarn zum ersten Mal eingeladen und das auch nur, weil sie deren Stühle ausborgen wollte. Warum also macht sich Elisabeth schuldig, indem sie versucht, ein Verbrechen zu vertuschen? Ich bin daraus nicht wirklich schlau geworden und deshalb gibt es von mir auch nur drei Sterne. Das Buch liest sich nicht schlecht, stellenweise ist es sogar lustig, aber der Zusammenhalt fehlt mir etwas.

    Kommentare: 1
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    Gwhynwhyfars avatar
    Gwhynwhyfarvor einem Jahr
    Am Anfang war das Biohuhn … grotesk …

    »Es ist nichts Reines in den menschlichen Beziehungen.«

    Wenn die Sicherung durchbrennt … Ein Thema wohl aller Romane von Yazmina Reza. Ich hatte bereits »Gott des Gemetzels« gelesen, eine Geschichte, die sich an einer Balgelei zweier Jungen auf dem Schulhof aufheizt, Eltern, die schlichten wollen, die sich am Ende bitterbös bekämpfen. Ein wunderbares Buch.

    »Stimme und Rhythmus sind wichtiger als Wörter und Sinn.« (Lydie)

    Hier steht am Anfang das Biohuhn. Besser gesagt, das Huhn ist der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt, das sich mit den Emotionen einer langjährigen Ehe gefüllt hat. Alle Protagonisten sind Anfang sechzig, Gäste einer Party. Ein makabres Kammerspiel beginnt!

    »Mitten am Nachmittag, ebenfalls todschick herausgeputzt und kerzengerade, stolz auf sich selbst, auf das Leben, auf ihren kleinen pockennarbigen Mann. Sie waren gerade eingezogen. Vielleicht ist sie nie wieder so strahlend zufrieden über diese Schwelle getreten. Wir tun das alle, ob Männer oder Frauen, wir stolzieren an jemandes Arm einher, als hätten wir als einziger Mensch auf Erden das große Los gezogen. Man muss sich mit diesen strahlenden Ausnahmemomenten zufriedengeben. Man kann im Leben nicht darauf hoffen, dass etwas andauert.«

    Ein bürgerlicher Stadtteil in Paris, intellektuelle Szene, Elisabeth, zweiundsechzig, Patentingenieurin, plant mit ihrem Mann Pierre eine Party. Viele Leute sind eingeladen, sie werden nicht alle kommen. Aber wenn doch? Elisabeth überlässt nichts dem Zufall, alles muss stimmen, bis zur Marke des Champagners. Hat sie genug Gläser und Stühle? Sie leiht sich zur Sicherheit Nachschub von den Nachbarn Jean-Lino und Lydie, die sie kaum kennt. Und natürlich muss man die beiden auch einladen, das gehört sich so. Sie passen nicht ganz in den Freundeskreis. Lydie ist eine Esoterikerin, eine New-Age-Therapeutin, alles im Gleichklang, im Ausgleich, sie hatte bereits angeboten, Elisabeth die Wohnung auszupendeln. Jean-Lino, von kurzer Statur, verkauft Elektrowaren.

    Die Party läuft, es wird heiß diskutiert, viel getrunken. Lambert stellt fest, »sämtliche linken Überzeugungen kommen mir nach und nach abhanden«. Und Jeanne gibt eins obendrauf: »Mir kann das nicht passieren, ich habe nie welche besessen!« Feine Dialoge, die eine gesellschaftliche Wandlung andeuten, Alltagsphilosophie. Die Dialoge sind präzise, fein austariert.

    Auf dem Höhepunkt der guten Stimmung erkundigt sich Lydie nach der Herkunft des Hähnchens auf dem Büfett, weist darauf hin, dass ihr Hühnchenkuchen, fast unangetastet auf dem Büfett, natürlich mit einem Biohuhn gemacht wurde. Jean-Lino möchte witzig sein, lästert über seine Frau, die nur noch Biolebensmittel einkauft, keine KZ-Hühner mag und kürzlich im Restaurant den Kellner fragte, woher das angebotene Hühnchen stamme, ob er wisse, ob es auf dem Ast eines Baumes gesessen hätte und das getan hätte, was Hühner so tun. Im allgemeinen Gelächter setzt er einen obendrauf, gackert und macht dazu mit den Ellenbogen Flatterbewegungen. Lydies Gesichtszüge erstarren.

    «Ich habe diese ständigen Einschränkungen so was von über, sagt Jean-Lino, den ihr manisches Hantieren wahnsinnig macht, diesen Terror hab ich so was von satt, wenn ich jeden Tag Huhn essen will, will ich jeden Tag Huhn essen, ohne dass du und deinesgleichen mich anscheißen, wenn ihr nur Körner und Salat fressen wollt, dann macht das meinetwegen, aber lasst andere damit verdammt nochmal in Ruhe.»

    Nachdem alle Gäste verschwunden sind, Elisabeth und Pierre stehen im Schlafanzug, klingelt es. Jean-Lino erklärt, er habe Lydie umgebracht. Grotesk geht es in der Geschichte weiter. Das Paar geht mit Jean-Lino hinauf, überzeugt sich von der Tat. Lydie wurde erwürgt. Man richtet sie schön zurecht, damit sie auch hübsch aussieht, wenn die Polizei erscheint, danach muss man auf den Schreck einen trinken. Pierre und Elisabeth verlassen das Appartement, denn der Rest ist Jean-Linos Sache. Pierre legt sich ins Bett, schläft sofort ein. Elisabeth schleicht sich heraus, geht hoch zu Jean-Lino, der ihr erklärt, wie es zu der Tat kam. Wer kümmert sich nun um den Kater, wenn das Herrchen in den Knast muss? Jean-Lino will die Tat vertuschen, die Leiche entsorgen und Elisabeth ist eine willige Helferin …

    »Um unser irdisches Dasein zu ertragen, umgeben wir uns mit mythischen Gegenständen. Genau die ziehen mich in ihren Bann, wenn ich die erstarrte Welt der Fotografien betrachte, all diese elegischen Details. Klamotten, Nippes, Talismane, all diese mal schicken, mal schäbigen Ausstattungsstücke geben den Menschen stummen Halt.«

    Ich habe mich nicht nur köstlich amüsiert über dieses slapstickartige, bühnenreife Stück, sondern auch die wunderbaren Dialoge genossen, böse, bizarr, treffsicher. Die Oberfläche ist glatt wie ein Kinderpopo und darunter brodelt ein Vulkan, Szenen einer Ehe. Normale Menschen, friedlich, gesittet und plötzlich knallt irgendein Korken im Kopf! Das Biohuhn, ein fieser Tritt mit Stöckelschuhen gegen den geliebten neurotischen Kater und schon bricht eine Welt zusammen. Wo wird die bürgerliche Haut brüchig, wann bricht das Tier im zivilisierten Menschen aus?

    »Frauen müssen fröhlich sein. Anders als Männer, die ein Anrecht auf Schwermut und Melancholie haben. Ab einem gewissen Alter sind Frauen zu guter Laune verurteilt. Wenn du mit zwanzig eine Schnute ziehst, ist das sexy, mit sechzig nervt es nur noch.«

    Bürgerliche Fassaden, geschönte menschliche Beziehungen. Die Hauptpersonen sind zwei Ehepaare, die in feinem Gleichklang leben, oberflächlich. Je mehr die Fassade bröckelt, umso mehr wird klar, dass alle aneinander vorbeireden. Keiner hört dem anderen zu, ist nur mit sich selbst beschäftigt. Dramatik braucht nicht den Untergang der Titanic, zumindest nicht bei Yazmina Reza. Die Geschichte geht langsam an und hechtet ab der Mitte in einem Tempo, bei dem man beim Lesen die Luft anhält. Feine Sprache, prägnante Dialoge, treffende Metaphern, eine spannende Story gespickt mit feinem Blick auf die Gesellschaft, was will man mehr? Meine volle Empfehlung!

    »Er weiß nicht mehr, was er denken soll. Ihre Worte sind in seinen Körper eingedrungen und lassen ihn unstillbar verbluten. Jean-Lino zerdrückt die Kippe auf dem Betonboden und schiebt sie unter den Läufer. Er findet seine Füße in diesen Mokassins lächerlich klein. Überhaupt fühlt er sich klein, körperlich und auch sonst.«

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    Federfees avatar
    Federfeevor einem Jahr
    Langweilig, skurril, sprunghafte, abschweifende Erzählweise

    Die 60-jährige Ich-Erzählerin, ungeübt als Gastgeberin, will eine Party geben und beschäftigt sich mit den Vorbereitungen. Dabei schweift sie immer wieder in langatmige Erinnerungen an vergangene Zeiten ab.

    "Wir waren jung. Wir wussten nicht, dass das unwiederbringlich war." (eBook 8)

    Überhaupt sind in das Buch viele kluge Gedanken und fein beschriebene Alltagsbeobachtungen (z.B. die hysterische dicke Fliege) eingewoben, die aber nicht unbedingt etwas mit der Geschichte zu tun haben. Apropos 'Geschichte' – gibt es überhaupt eine? Doch, schon, ungefähr ab der zweiten Hälfte.

    Als die öde Party vorbei ist, auf der die Diskrepanzen und die Unvereinbarkeit so mancher Ansichten zutage treten -
    "… das Gespräch stürzte in das klaffende Loch zurück, aus dem es aufgetaucht war." (eBook 31) -
    steht plötzlich der Nachbar vor der Tür … er habe seine Frau getötet.

    Und dann wird es sehr skurril, in dem, wie die Erzählerin gekleidet ist und was sie tut, bei der Sache mit der Katze und noch vielem mehr.

    Alles in allem eine Geschichte mit wenig Handlung, vielen Gedanken und Dialogen (die ich mir gut auf der Bühne vorstellen könnte), langatmig abschweifend und mir zu skurril. Wer das mag, dem könnte das Buch gefallen – mir nicht.

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    Belladonnas avatar
    Belladonnavor einem Jahr
    Kurzmeinung: Ein unterhaltsamer Roman über Menschen, menschlische Abgründe und deren Beziehungen.
    Meine Rezension zu "Babylon"

    Beschreibung

    Elisabeth gibt zum ersten Mal in ihrem Leben eine Party. Es fehlt ihr daher nicht nur an Gläsern sondern auch an Stühlen. Wieso diese also nicht von den Nachbarn, Jean-Lino und Lydie, einen Stock höher ausleihen? Selbstverständlich werden diese dann auch zur Party eingeladen. Trotz der ganzen Aufregung läuft die Frühlingsfeier ganz gut, bis es durch ein Bio-Hühnchen zu Spannungen zwischen Jean-Lino und Lydie kommt.

    Alle Gäste sind aufgebrochen, Elisabeth und ihr Mann Pierre zu Bett gegangen – es klingelt an der Wohnungstür. Völlig aufgelöst steht Jean-Lino da und berichtet, dass er seine Frau erwürgt hat. Um sich von dem Unglaublichen zu überzeugen, gehen Elisabeth und Pierre in die Wohnung über ihnen. Jean-Lino bittet Elisabeth um Hilfe.

    Meine Meinung

    Die französische Schriftstellerin Yasmina Reza ist nich nur durch ihre Romane, sondern auch durch ihre erfolgreichen Theaterstücke wie z. B. „Der Gott des Gemetzels“ bekannt. Laut ersten Rezensionen hält sich Yasmina Reza auch in ihrem neuen Roman „Babylon“ an ihrem altbekannten Erfolgsrezept fest. Bisher ist mir nur die Filmversion von „Der Gott des Gemetzels“ bekannt, ihre Bücher habe ich bisher nicht gelesen – daher kann ich dazu keine Aussage treffen.

    "Alles ist ungewiss. Das ist eine Grundkonstante des Daseins." [Seite 20 (epub Version)]

    Die Autorin führt den Leser gekonnt in eine völlig alltägliche Lebenssituation mit authentischen Charakteren. Elisabeth lebt mit ihrem Mann Pierre im 17. Arrondissement in Deuil-l’Alouette und ist als Gastgeberin ihrer ersten Frühlingsparty ziemlich aufgeregt. Die Feier verläuft in ganz normalen Bahnen, es wird geplaudert, getrunken und gespeist – bis ihr Nachbar Jean-Lino zur Erheiterung der Gesellschaft eine Anekdote über Bio-Hühnchen beisteuert. Die Situation eskaliert. Das ganze Ausmaß der aus dem Ruder gelaufenen Situation wird jedoch erst später klar, als Jean-Lino beichtet seine Frau erwürgt zu haben.

    Die Spannung des Romans ergibt sich hierbei nicht aus der Tat oder Auflösung des Tathergangs, sondern aus der urkomischen Alltagssituation die einen sogartig erfasst. Mit einem Augenzwinkern zeigt Yasmina Reza neben der alltäglichen Belanglosikeit menschliche Abgründe auf und spinnt ein einzigartiges Beziehungsnetz.

    Rezas pointierte Dialoge verleihen dem Werk eine lebhafte Atmosphäre, die einem Theatererlebnis gleicht. In „Babylon“ wird klar, wie dünn die Schicht zwischen beherrschter Bourgeoisie und den wahren Tiefen der Menschlichkeit ist. Schon der kleinste Riss löst Chaos aus – genau so eine Situation hat Yasmina Reza in Perfektion zu Papier gebracht. Das Schönste an der Geschichte – man kann sich wunderbar in Plot und Protagonisten hineinversetzen da sie so alltäglich und unaufgeregt daher kommen. Ein jeder könnte dies erleben und sich selbst von der tragischen Dramatik dieser ungewollt komischen Szenerie überzeugen.

    "Die Sprache drückt nichts anderes aus als die Unfähigkeit, sich mitzuteilen." [Seite 63 (epub Version)]

    Fazit

    Ein unterhaltsamer Roman über Menschen, menschliche Abgründe und deren Beziehungen.

    ---------------------------------------------------------
    © Bellas Wonderworld; Rezension vom 04.08.2017

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    Ein LovelyBooks-Nutzervor einem Jahr
    Kurzmeinung: Zeitloses Dramastück über Beziehungen.
    "Babylon" von Yasmin Reza


    Autorin: Yasmin Reza
    Titel: Babylon
    Gattung: Roman, Erzählung, Drama
    Erschienen: 2016
    Gelesene Ausgabe: Hanser, 2017
    ISBN: 978-3-446-25651-4
    Gelesen auf: Deutsch (Französisch)
    Gelesen im: Juli 2017


    Zum Buch:
    Die französische Autorin Yasmin Reza hat ungarische, iranische und jüdische Wurzeln. Außerdem hat sie ihr neuntes Prosawerk veröffentlicht: Babylon. Von den Kritiken verrissen (Peter Henning nach zu Unrecht), erzählt es in typischer Reza-Manier (die inzwischen scheinbar als unorginell gilt), die Geschichte eines Mordes. Die über 60jährige Elisabeth führt ein beschauliches Leben, sie ist glücklich verheiratet mit ihrem Mann Pierre, einen guten Kontakt zum gemeinsamen Sohn und einen Job, der sie erfüllt. Bis sie beschließt eine Party zu schmeißen. Ihre erste große. Furchtbar nervös stürzt sie sich fiebrig in die Vorbereitungen, bei denen die Frau ihres Nachbarns und Freundes Jean-Lino ihr eifrig zur Seite steht. Nach dem Abend steht eben dieser vor ihr. Er hat seine Frau erwürgt. Und nun soll Elisabeth ihm helfen die Leiche verschwinden zu lassen.
    Eindrücklich schildert Reza das Zusammenbrechen einer heilen Welt. In einem Drama, dass man sich nur allzu gut auf der Bühne vorstellen kann, werden die Abgründe einer Paarbeziehung und die Stärke einer Freundschaft ungewohnt scharf und zeitlos  dargestellt.
    Auch wenn es vielleicht nicht das stärkste ihrer Werke sein mag, hab ich dennoch viel Gefallen an dem klugen Kammerspiel gefallen. 




    Eine der Lieblingsstellen 
    Zitat: "Du verpasst dem Dasein eine kleine Verjüngungskur. Frauen müssen fröhlich sein. Anders als Männer, die ein Anrecht auf Schwermut und Melancholie haben. Ab einem gewissen Alter sind Frauen zu guter Laune verurteilt. Wenn du mit zwanzig eine Schnute ziehst, ist das sexy, mit sechzig nervt es nur noch." (S.32)
     
    Stil und Sprache: Wunderbar, auf den Punkt. Gehört eigentlich auf die Bühne. 
    Zitat: "Wir waren unansehnlich und ohne Geschmack ausstaffiert, meine Mutter und ich. Allein gingen wir auf diesselbe Weise die Straßen entlang, und obgleich meine Mutter nicht dick war, fühlte ich mich an ihrer Seite wie ein Nichts."  (S.58)


    Schlüssigkeit der Handlung: Zwischendurch Vor- und Rückblenden, durch die einfache Grundhandlung kann man allerdings wunderbar folgen.


    Das hat mir gefallen: Die wunderbare Darstellung von den Abgründen der Menschen und ihrer Beziehungen.
    Das hat mir nicht gefallen: Stellenweise ein bisschen zäh.  


    In One Sentence: Zeitloses Dramastück über Beziehungen. 
    Sterne: 4

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    Pressestimmen

    Yasmina Rezas neuer Roman führt in die Abgründe einer Paarbeziehung – hinreißend komisch wie „Der Gott des Gemetzels“ und dabei tiefernst.

    "Perfide genial." Cosmopolitan, Oktober 2017
    "Unheil und Komik liegen in diesem neuen Meisterwerk der französischen Dramatikerin eng beeinander." Brigitte woman, Oktober 2017
    „Mit 'Babylon' präsentiert Reza ein weiteres Protokoll zum Zustand der globalisierten Gesellschaft, ein ironisches, unbestechliches und höchst vergnügliches Abbild des modernen Welttheaters." Pia Reinacher, Weltwoche, 30.08.17
    „Literatur, in der die Nostalgie dem Realismus nicht im Wege steht und der Schrecken nicht dem Humor. Reza schreibt ohne Gravitas, ohne dass zwischen den Zeilen ein Wasserzeichen "Achtung, wertvolle Literatur!" nötig wäre. Sie beginnt mit den albernsten Alltäglichkeiten und arbeitet sich damit vor, bis sich ein Moment der Wahrheit eröffnet." Nils Minkmar, Literatur Spiegel, August 2017
    „Niemand seziert das zeitgenössische Bürgertum so gnadenlos wie Yasmina Reza. Niemand ist so brillant und auch routiniert darin, unter dem Leben all der Journalisten, Anwälte und Wissenschaftler ein Feuer zu legen, das ihre wohltemperierte Welt in die Luft jagt." Ursula März, Deutschlandfunk Kultur, 27.07.17
    „Niemand betreibt die perfiden Katz-und-Maus-Spiele mit ihren Geschöpfen so lustvoll wie Reza." Peter Henning, Spiegel Online, 25.07.17
    „Es sind derzeit die Frauen, die jene Bücher schreiben, die man einmal zur Hand nehmen wird, um zu erfahren, wie das Leben so war zu Beginn des 21. Jahrhunderts. In den USA sind es Jean Didion und Toni Morrison, in Großbritannien Sahra Hall und Hillary Mantel, und in Frankreich ist es Yasmina Reza." Nils Minkmar, Literatur Spiegel, August 2017
    „Niemand beherrscht wie Yasmina Reza die Kunst, so existentiell wie nötig und dabei so leicht und so komisch wie möglich zu erzählen. Niemand brilliert so strahlend mit so bösem Witz und lässt einen am Ende doch so melancholisch zurück." Julia Encke, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 23.07.17
    „Sie ist die Königin der Eskalation. Keine beschreibt eindrucksvoller, wie sich gut situierte Paare an die Gurgel gehen." Brigitte, 16/2017
    „Dieser Roman ist in seinem Kern auch eine Meditation der Erzählerin über das Leben." Martin Ebel, Tages-Anzeiger, 22.07.17
    „In der Geschichte kommt Yasmina Rezas größte Stärke zur Geltung: Diese Autorin ist absolut unsentimental.“ Ijoma Mangold, Die Zeit, 20.07.17

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