Yoshihiro Tatsumi

 3.6 Sterne bei 9 Bewertungen

Alle Bücher von Yoshihiro Tatsumi

Cover des Buches Existenzen und andere Abgründe (ISBN:9783551786890)

Existenzen und andere Abgründe

 (6)
Erschienen am 29.09.2011
Cover des Buches Geliebter Affe und andere Offenbarungen (ISBN:9783551723260)

Geliebter Affe und andere Offenbarungen

 (2)
Erschienen am 26.02.2013
Cover des Buches Abandon the Old in Tokyo (ISBN:9781770460775)

Abandon the Old in Tokyo

 (1)
Erschienen am 10.04.2012
Cover des Buches Goodbye (ISBN:1594971250)

Goodbye

 (0)
Erschienen am 30.06.2005

Neue Rezensionen zu Yoshihiro Tatsumi

Neu

Rezension zu "Geliebter Affe und andere Offenbarungen" von Yoshihiro Tatsumi

Geliebter Affe
Elmar Hubervor 5 Jahren

INHALT

Der Autor und Zeichner Yoshihiro Tatsumi gilt als einer der Begründer des „Gekiga“ (dt. „Bilderdrama“ oder „dramatische Bilder“), mit dem sich eine Gruppe junger japanischer Zeichner in den 1950er Jahren von dem Begriff „Manga“ – und der damit einhergehenden Assoziation von Bildergeschichten für Kinder – abgrenzen wollten.

Und dramatisch, ungeschönt und bisweilen richtig hässlich geht es zu in Tatsumis Geschichten zu: Da wird sich der frisch pensionierte Abteilungsleiter Hanayama seiner neuen Nutzlosigkeit bewusst und versucht dies u.a. mit einer glücklosen Affäre zu kompensieren (MANNESKRAFT). Ein Sohn schiebt seine pflegebedürftige Mutter in ein einsames Apartment ab, um mit seiner Verlobten alleine sein zu können (ALTES ZEUG). Ein Vergewaltiger kehrt nach seinem Gefängnisaufenthalt zu seinem Opfer zurück um sich zu entschuldigen und um seinen Sohn zu sehen (DIE TRÄNEN DER BESTIE). Der Schuh- und Beinfetischist Yamano sieht keinen Sinn mehr in seinem Leben und der Zufall zeigt ihm einen Weg, wie er auf erfüllte Art sterben könnte (TACKTACKTACK). Eine japanische Soldatenhure ist enttäuscht, weil ihr amerikanischer Liebhaber zurück zu seiner Familie geht und verführt daraufhin im Suff ihren eigenen Vater (GOODBYE).

MEINUNG

Insgesamt 13 Geschichten sind hier enthalten, deren Protagonisten sich auf diese und ähnlich Art am Rand der neuzeitlichen japanischen Kultur und ebenso am unteren Ende des moralischen Spektrums bewegen. Keine Epen von Ehre und Achtung sondern bittere, ungeschminkte und nicht selten schockierende Erzählungen über Rache, Tod, Triebe und existenzielle Ängste von der Verliererseite der Gesellschaft. Oftmals sind die Figuren nur noch Geduldete, Randfiguren, die sich moralische Bedenken gar nicht mehr leisten können. Aufgrund Tatsumis stets eindringlicher Erzählart und da er nie richtet oder offensichtlich den moralischen Zeigefinger erhebt, ist die Leseempfehlung ab 14 Jahren für einige der Beiträge doch recht tief angesetzt.

Die Zeichnungen sind recht einfach gehalten und können nicht mit den Bildern moderner Mangas verglichen werden. Dennoch versteht es Tatsumi durch das Minen- und Gestenspiel seiner Figuren deren Elend und Zerrissenheit deutlich sichtbar zu machen. So entwickeln die Geschichten eine unangenehme Eindringlichkeit, die den Band zu einem außergewöhnlichen Leseerlebnis macht.

Nach EXISTENZEN ist GELIEBTER AFFE der zweite Sammelband von Yoshihiro Tatsumi mit zum Teil außerhalb Japans bisher unveröffentlichten Kurzgeschichten. Carlsen veröffentlicht auch diesen Band unter der Bezeichnungen „Graphic Novel“ schön aufbereitet als Taschenbuch mit Klappenbroschur. Die Leserichtung wurde angepasst auf von-links-nach-rechts angepasst, wofür die Seiten gespiegelt wurden. Mit einem Preis von knapp 20,- Euro richtet sich die Veröffentlichung klar an Fans und Sammler.

Außerdem ist bei Carlsen Yoshihiro Tatsumis mehr als 800-seitige „Autobiografie in Bildern“ GEGEN DEN STROM erschienen, für die der Autor zwei Eisner Awards erhalten hat.

FAZIT

Außergewöhnliche Kurzgeschichtensammlung von einem der Begründer der japanischen Bilderdramen „Gekiga“. Eindringliche Erzählungen vom gesellschaftlichen Bodensatz des modernen Japan.

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Rezension zu "Existenzen und andere Abgründe" von Yoshihiro Tatsumi

Rezension zu "Existenzen und andere Abgründe" von Yoshihiro Tatsumi
Ein LovelyBooks-Nutzervor 8 Jahren

Einen besseren Titel für diese Sammlung von Erzählungen hätte man kaum finden können: Die Hauptfiguren der 13 verschiedenen Geschichten stecken stets tief in existenziellen Krisen, und an ihrer Seite wird der Leser von einem Abgrund zum nächsten geführt. Ob Kriege und ihre Folgen, Prostitution, Obdachlosigkeit oder Mord - was Tatsumi zu erzählen hat, ist nicht schön, sondern bedrückend und schockierend. Im Gegensatz zu vielen Mangas richtet sich “Existenzen und andere Abgründe” dementsprechend an ein erwachsenes Publikum. Vielleicht hat sich der Verlag deswegen entschlossen, den Band als Graphic Novel in westlicher Leserichtung zu veröffentlichen.
Ihre Entstehung in den 1970er-Jahren sieht man den Figuren anhand von Frisuren, Brillen und Lidstrichen an und fühlt sich so in die Zeit ihres Ursprungs versetzt. Da der Autor in erster Linie unter Zeitdruck für Magazine zeichnete, wirkt der Stil zum Teil etwas ungelenk, was der Atmosphäre aber keinen Abbruch tut. Im Gegenteil: Tatsumi hat es nicht nötig, durch Effekthascherei vom Inhalt abzulenken. Was den Tiefgang angeht, steht er den Schreibern guter Prosa in nichts nach.

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Rezension zu "Existenzen und andere Abgründe" von Yoshihiro Tatsumi

Rezension zu "Existenzen und andere Abgründe" von Yoshihiro Tatsumi
K-to-the-Nutvor 8 Jahren

Unsere Alten haben uns gelehrt, dass Comics komisch sein müssen. Der Leser soll zum Lachen gebracht werden. Wir wollen das nicht mehr tun.“ Diese Worte vom Yoshihiro Tatsumi prangen im Klappentext des im September erschienenen Buchs „Existenzen und andere Abgründe“.
Die Graphic Novel, die eigentlich ein Sammelband bestehend aus vielen kleinen graphischen Novellen ist und Tatsumis Werk nun auch im Westen zu mehr Bekanntheit verhelfen soll, trägt seine Worte wie einen Orden und Schild zugleich. Sie sollen warnen vor der vermeintlichen Andersartigkeit der Comic-Geschichten, die zugleich aber auch ihren großen Wert und ihre Bedeutung ausmachen. Denn die zwischen 16 und 30 Seiten langen Kurzgeschichten sind düster, zeigen ohne große erzählerische oder graphische Ausschmückungen von ganz normalen traurigen Menschen, die ein gewöhnlich außergewöhnliches Leben langsam in Verzweiflung stürzt.
In der Geschichte „Leidenschaft und Reue“ kommt der junge Tatsuya in den Semesterferien zu Besuch bei seinem Vater, der als No Schauspieler arbeitet– Schauspieler die den Charakter ihrer gespielten Figur mit unterschiedlichen Masken und Bewegung darstellen. Während zu seinem Vater seit langem schwelende Spannungen bestehen, treibt Tatsuya aber vor allem die glühende, geheime Affäre zu seiner anscheinend fast gleichaltrigen Stiefmutter um. Bis sein Vater dahinter kommt. „Die Stadt in meiner Hand“ ist die Geschichte von zwei Brüdern, der eine durch eine archaischen medizinischen Eingriff am Gehirn, der Lobotomie, geistig verkrüppelt, der andere durch die Perspektivlosigkeit in die Prostitution und schließlich in die Selbstzerstörung getrieben. Auch alle anderen Comics des Sammelbandes erzählen von Sex, Gewalt, Sehnsucht, Einsamkeit und Depressionen. Wahrlich nichts, was den Leser zum Lachen bringen soll.
Während heute Comics – oder Graphic Novels - mit ernstem Inhalt zumindest für Kenner der Comicszene nichts Neues mehr sind, waren in Japan in den 50er Jahren die „Manga“, die ihrem Wortlaut nach komisch sein sollen, der Standard. Tatsumi musste sogar erst einen neuen Begriff für dieses neue, melancholische Genre finden. „Gekiga“, „das traurige Bild“, sollte die neue Comicströmung heißen, die versucht die Schattenseiten des Lebens ungeschönt darzustellen.
Doch ob das Genre nun in den Kinderschuhen steckte und ein gewisser Minimalismus nun mal bewusst in Kauf genommen wurde oder nicht: Der Zeichenstil dieser in den 70er Jahren entstandenen Comics wirkt für heutige Verhältnisse nicht nur sehr veraltet, sondern scheint durch die Konzentration auf die wesentlichen Details und die manchmal wie schnell hingeschmierten wirkenden Zeichnungen nicht immer sehr ansehnlich. Doch während dieser rein ästhetischen Aspekt noch leichter verdaulich ist, fehlt den Kurzgeschichten oft das, was sie wirklich zu gut funktionierenden Geschichten machen würde. Sie strotzen zwar vor guten Ideen und das Material, dass sie behandeln, ist bereits an sich herzzerreißend.
Doch das bloße Abbilden bedauernswerter Schicksale scheint für graphische Novellen zu wenig. Zuviel bleibt oberflächlich, zu unmittelbar. Was fehlt ist das Unausgesprochene, die tieferliegenden Bedeutungen. Die Charaktere bleiben unnahbar. Auch wenn sie bemitleidenswert sind, kann man kaum mit ihnen mitfühlen. Und nicht selten hört die Geschichte gerade dann auf, wenn man das Gefühl hat, jetzt hätte sie gerade erst anfangen.
Während all das damals wahrscheinlich genauso und nicht anders beabsichtigt war, vermag es doch – im hier und jetzt - nicht zu zünden. Tatsumis Werke sollen dem Journalismus näher sein als der Belletristik, weil sie eben mehr die Realität abzubilden versuchen denn etwas zu erzählen. Dennoch sind sie eben fiktiv. Und in der Form von Graphic Novels ist heutzutage einfach mehr zu erwarten. Somit ist nicht mehr das Worüber, sondern das Wie problematisch. Interessierte an der Mangakultur und –geschichte sollten aber trotzdem ein Auge auf „Existenzen und andere Abgründe“ werfen, genauso wie alle, die das Ungewöhnliche reizt. Waren Tatsumis Gekiga damals schon keine Standardkost, sind sie es heute immernoch nicht oder erst recht nicht.

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