Unruhe

von Zülfü Livaneli 
4,8 Sterne bei5 Bewertungen
Unruhe
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Eine schonungslose, nachdenklich stimmende Geschichte über Schmerz, Hass, Verfolgung und Gewalt. Sehr lesenswert!

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Positive Überraschung! Informativ, atmosphärisch und aufrüttelnd.

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Inhaltsangabe zu "Unruhe"

Ein aufstrebender Journalist reist aus Istanbul in seine Heimat an die türkisch-syrische Grenze. Dort sucht er nach Spuren eines Freundes und stößt auf die Berichte junger Jesidinnen, die dem IS entkommen konnten. Immer tiefer gerät er in einen Sog aus aktuellen und alten Geschichten, Leidenschaften und Gewalt, der ihn zwingt, seine Herkunft und sein Leben neu zu bewerten.

Als Ibrahim, der in Istanbul ein geschäftiges aber gewöhnliches Leben führt, vom Tod seines Jugendfreundes Hüseyin erfährt, kehrt er zum ersten Mal seit vielen Jahren in ihre gemeinsame Heimatstadt Mardin zurück. Auf den Spuren des Freundes erfährt er von dessen geheimnisvoller Verlobten Meleknaz. Fasziniert von den Berichten über die junge Jesidin taucht er ein in die Mythen und Überlieferungen ihrer Kultur und trifft auf eine Gruppe von Frauen, die aus der Gefangenschaft des IS fliehen konnten. Zülfü Livaneli konfrontiert den Leser mit einer emotionalen und hochaktuellen Geschichte nahöstlicher Realität, in der Liebe und Schmerz ineinander übergehen.

»Livaneli ist eine unverzichtbare Autorität in der kulturellen und politischen Szene der Türkei.«
Orhan Pamuk

Buchdetails

Aktuelle Ausgabe
ISBN:9783608962673
Sprache:Deutsch
Ausgabe:Fester Einband
Umfang:169 Seiten
Verlag:Klett-Cotta
Erscheinungsdatum:21.07.2018

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    booklovings avatar
    booklovingvor einem Monat
    Kurzmeinung: Eine schonungslose, nachdenklich stimmende Geschichte über Schmerz, Hass, Verfolgung und Gewalt. Sehr lesenswert!
    Schonungsloser, nachdenklich stimmender Roman

    INHALT
    Ein aufstrebender Journalist reist aus Istanbul in seine Heimat an die türkisch-syrische Grenze. Dort sucht er nach Spuren eines Freundes und stößt auf die Berichte junger Jesidinnen, die dem IS entkommen konnten. Immer tiefer gerät er in einen Sog aus aktuellen und alten Geschichten, Leidenschaften und Gewalt, der ihn zwingt, seine Herkunft und sein Leben neu zu bewerten.
    Als Ibrahim, der in Istanbul ein geschäftiges aber gewöhnliches Leben führt, vom Tod seines Jugendfreundes Hüseyin erfährt, kehrt er zum ersten Mal seit vielen Jahren in ihre gemeinsame Heimatstadt Mardin zurück. Auf den Spuren des Freundes erfährt er von dessen geheimnisvoller Verlobten Meleknaz. Fasziniert von den Berichten über die junge Jesidin taucht er ein in die Mythen und Überlieferungen ihrer Kultur und trifft auf eine Gruppe von Frauen, die aus der Gefangenschaft des IS fliehen konnten.
    (Quelle: Klappentext Klett Cotta)


    MEINE MEINUNG
    Mit „Unruhe“ hat der bekannte türkische Schriftsteller Zülfü Livaneli einen beeindruckenden, gesellschaftskritischen Roman mit einer sehr aktuellen Thematik verfasst. Es ist ein überaus gelungener, unaufgeregt erzählter Roman, der mit seiner emotionalen Geschichte aufrüttelt und den Leser sehr betroffen und nachdenklich zurücklässt.
    Angesiedelt ist die Handlung in der Stadt Mardin nahe der türkisch-syrischen Grenze gelegen, wo viele vor dem Islamischen Staat und seinen Gräueltaten geflüchtete Menschen aus Syrien in Flüchtlingslagern untergekommen sind. Im Mittelpunkt der Geschichte steht der sympathische Ich-Erzähler Ibrahim, ein engagierter Journalist aus Istanbul, der wegen der Beerdigung seines Jugendfreundes Hüseyin nach langer Zeit in ihren Heimatort Mardin zurückkehrt. Wir begleiten ihn auf seiner Spurensuche, die ihn zu früheren Bekannten mit ihren Geschichten führt und alte Erinnerungen in ihm heraufbeschwört. Aus Ibrahims Blickwinkel erleben wir seine fesselnden Nachforschungen zu den mysteriösen Hintergründen des Tods seines Freunds und zu dessen geheimnisvoller Verlobten Meleknaz, einer jungen geflohenen Jesidin mit einem blinden Baby. Sehr eindringlich und einfühlsam beschreibt Livanali in verschiedenen Episoden, wie sehr die jesidische Glaubensgemeinschaft mit Vorurteilen und offenen Anfeindungen selbst im muslimischen Exil durch die Bewohner im Grenzland zu kämpfen hat. Nach und nach lässt der Autor uns in die faszinierenden jesidischen Mythen und befremdlichen Traditionen dieser recht archaischen Kultur eintauchen. Was Ibrahim schließlich aber über die grausame Verfolgung der Jesiden, ihren Massenmord durch den IS und ihr leidvolles Schicksal von einer jesidischen Frau im Flüchtlingslager erfährt, rüttelt ihn auf und lässt auch uns Leser sehr betroffen zurück. Zunehmend beginnt er – konfrontiert mit den dörflichen Mythen und islamischen Traditionen - seinen westlich geprägten Lebensstil und seine bisherigen Überzeugungen zu hinterfragen. Ibrahims obsessive Suche nach Hüseyins verschollener Verlobten wandelt sich immer mehr zu einer eigenen Sinnsuche.
    Trotz der eher schweren, schonungslosen Thematik versteht es Zülfü Livaneli mit seinem oftmals blumigen Erzählstil, eine gewisse Leichtigkeit in seine Geschichte zu bringen und dem Leser sein Anliegen nicht belehrend, sondern unterhaltsam und anschaulich zu vermitteln.

    FAZIT
    Eine schonungslose, nachdenklich stimmende Geschichte über Schmerz, Hass, Verfolgung und Gewalt, aber auch über die versöhnlich stimmende Kraft der Liebe, die bisweilen alle Grenzen überwinden kann.
    Sehr lesenswert!

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    Buecherschmauss avatar
    Buecherschmausvor 2 Monaten
    Unruhe

    Unruhe – eine unerklärliche innere Unruhe plagt den Erzähler Ibrahim, einen modernen, westlich orientierten Journalisten in Istanbul, der quirligen, weltoffenen Stadt am Bosporus.
    „Man meint immer, es sei umgekehrt, doch eigentlich ist Unruhe der normale Zustand im Leben, und innerer Friede nur etwas sehr Seltenes, Vergängliches.“
    Ist es seine Scheidung, die in quält, oder die politischen Veränderungen in der Türkei, oder sind es die Dinge, die jenseits der Grenze geschehen, so nah und doch so fern. Seit sieben Jahren tobt vor der Haustür der Türkei ein blutiger, grausamer, aussichtsloser Krieg in Syrien, führt der islamische Staat einen Terrorfeldzug, werden Menschen getötet, verschleppt, gefoltert, vergewaltigt. An den Grenzen spürt man den Krieg, hier kommen die an, denen die Flucht gelang, existieren riesige Flüchtlingslager, man spricht mittlerweile von fast drei Millionen syrischer Flüchtlinge in der Türkei.
    Auch wenn sich die Stimmung im Land langsam verschärft, dürfte man in der Metropole Istanbul davon ähnlich wenig direkt betroffen sein wie wir Westeuropäer. Ibrahim allerdings wird recht unsanft mitten hinein gestoßen.
    Auslöser ist eine kurze Nachrichtenmeldung aus den USA. Dort wurde ein Türke aus Mardin ermordet, ein rassistischer Hintergrund wird vermutet. Ibrahim stammt selbst aus dieser Stadt in Südostanatolien, nur 20 Kilometer von der syrischen Grenze entfernt, ist aber bereits als junger Mann aus deren Enge geflohen. Nun stolpert er über diese Meldung. Der Ermordete war gleichaltrig und hieß Hüseyin. Sehr bald erweist sich, dass es sich tatsächlich um Ibrahims alten Schulfreund handelt. Die Zeitung ist interessiert an der Geschichte, zeitgleich wird die Sondergesandte der UNO-Flüchtlingshilfe in der Gegend unterwegs sein, und so schickt sie ihn mit Kameramann in die Provinz zur Berichterstattung. Für ihn wird es nicht nur eine Reise in die eigene Vergangenheit, sondern auch eine Reise in das Flüchtlingselend und vor allem in die Geschichte der Jesiden, einer kurdisch sprechenden religiösen Gemeinschaft, die außerhalb der Weltreligionen steht und besonders vom IS brutal verfolgt wird. Inzwischen kann von einem regelrechten Völkermord gesprochen werden.
    Hüseyin hat sich seit einiger Zeit als Helfer in den Flüchtlingslagern betätigt. Dort hat er, wie Ibrahim durch Gespräche mit alten Schulkameraden und Hüseyins Familie erfährt, eine junge Jesidin mit einem blinden Baby kennengelernt und sich in sie verliebt. Seine Verlobung mit Safiye hat er daraufhin gelöst, was ihm nicht nur Probleme mit deren, sondern auch der eigenen Familie einbrachte. Und da waren noch die islamischen Fundamentalisten, die diese Verbindung auch nicht gerne sahen und Hüseyin bedrohten. Einen Anschlag überlebte er nur knapp. Daraufhin schickte ihn die Familie in die USA zu seinen Brüdern, die dort schon eine Weile lebten. Dass dies kein gutes Ende nahm, erfuhr der Leser ja bereits zu Beginn.
    Für Ibrahim setzt sich die Geschichte in den Bruchstücken zusammen, die er von verschiedenen Erzählerfiguren in Gesprächen erhält. Er erfährt darüber hinaus auch einiges über die Geschichte der Jesiden, ihre Verfolgung und vor allem das Schicksal der jungen Meleknaz und ihrer Freundin Zilan, die vom IS verschleppt, missbraucht und verkauft wurden, und denen die gefährliche Flucht über das Sindschar-Gebirge in die Türkei gelang. Hinzu kommen noch Briefe und Gedichte, die Hüseyin an seine Geliebte schrieb. Am Ende gelangt Ibrahim derart in den Bann der Geschichte der unbekannten Meleknaz, dass er auf eigene Faust ihren Spuren nach Istanbul folgt.
    Zülfü Livaneli will mit seinem Roman das Schicksal der Jesiden ansprechen, aufklären und aufrütteln. Das ist für ein solches wichtiges, und tatsächlich bisher wenig bearbeitetes Thema, unbedingt richtig. Diese Erzählabsicht tut einem Roman aber nicht immer gut. Einige Kritiker bemängelten das Thesenhafte, die Nähe zur Kolportage, ja, sehen sogar „infamen Kitsch“. Das lässt sich nicht gänzlich von der Hand weisen, aber greift meines Erachtens auch nicht gänzlich.
    Zülfü Livaneli ist der Zwiespalt zwischen anteilnehmendem Erzählen und sachlicher Berichterstattung durchaus bewusst. Und er thematisiert sie sogar im Roman selbst. Das allzu Gefühlige versucht er durch einen sachlichen Ton, durch kurze Kapitel und die Aufsplitterung des Erzählten in verschiedene Erzählerfiguren, in meinen Augen erfolgreich, zu vermeiden. Er thematisiert zudem das Erzählen.
    „War es wirklich so? So musste es doch gewesen sein, oder dachte ich mir da manches nur hinzu?“
    Dennoch ist es ihm um das Allgemeingültige, eben um die Botschaft seines Erzählens, zu tun. Ein wenig ähnelt sein Roman einer Art Parabel. Die Zerrissenheit des orientalischen Menschen, zwischen Ost und West, zwischen Gefühl und Verstand, Tradition und Moderne, ist dabei ein bestimmendes Thema. Er benennt das daraus erwachsende mangelnde Selbstvertrauen als einen Grund für Nationalismus, religiösen Fundamentalismus und Terrorismus.
    Dabei spürt er diese Zerrissenheit sehr deutlich auch in sich selbst. Einerseits verdammt er die fundamentalistischen Strömungen im Nahen Osten, die Grausamkeit der Verhältnisse, andererseits romantisiert er bestimmte orientalische Gefühle und Traditionen.
    Einerseits ist für ihn der Orient der Vergangenheit ein Ort der Toleranz:
    „In der Stadt, in der Schule, überall waren Aramäer, Muslime, Juden und Zoroastrier miteinander befreundet und feierten gemeinsam die jeweiligen Feiertage. Dagegen verkommt die Stadt unter dem Schatten eines in sich gekehrten, verhärteten, wütenden Islam.“
    Andererseits erzählt er auch von dem alten tradierten Ehrbegriff, der den Bruder des Nachbarn Hasan dazu brachte, seinen ehebrechenden Bruder zu erschießen und die aus der Affäre hervorgegangenen neugeborenen Zwillinge qualvoll verhungern zu lassen. Ohne dass irgendeiner der Nachbarn eingegriffen hätte.
    „So eine Gegend ist das hier, in der es nie an Blut und nie an Grausamkeit fehlt.“
    Toleranz oder Grausamkeit? Den Westen verdammt er in recht platter Konsumkritik.
    „Ich hielt es nicht mehr aus, dass der konsumierende Mensch viel mehr galt als der schaffende, produzierende.“
    Auch auf westliche Hilfsprojekte schaut er äußerst kritisch, hier am Beispiel des Besuchs von Angelina Jolie in einem Flüchtlingslager. Über die Rolle Gottes urteilt er hingegen relativ milde.
    „Was tat eigentlich der Gott so vieler Religionen, während all das geschah, fragte ich mich und hatte die Antwort auch gleich parat. Er ruhte sich wohl aus, denn es musste der siebte Tag sein; in sechs Tagen hatte er die Welt erschaffen, und nun, am siebten Tag, hatte er sich zum Ruhen zurückgezogen. Und darum vermutlich die Schreie nicht gehört.“
    Soll uns das trösten? Oder ist das Ironie?
    Immer wieder thematisiert der Erzähler seine eigene Zerrissenheit. Augenzwinkernd zitiert er einen Roman, den er vor ein paar Jahren gelesen hat – Glückseligkeit, aus der Feder von: Zülfü Livaneli. Darin vergleicht er türkische Intellektuelle mit Trapezkünstlern, die ins Leere fallen, „denn das östliche Trapez haben sie losgelassen und das westliche nicht erwischt.“ Seine Hinwendung zum Orient nennt der Erzähler dabei seine „Hüseyinisierung“.
    Wie die Position des Autors ist, lässt sich nicht mit Bestimmtheit sagen. Dass er diese Zerrissenheit anspricht, ist neben der aufrüttelnden Geschichte über die Jesidin Meleknaz und das Schicksal ihres Volkes sicher ein großes Verdienst dieses schmalen, aber wichtigen Buchs.
    Auch wenn der Erzähler diese aufklärende Absicht bestreitet:
    „Nicht um der Welt etwas mitzuteilen, nicht um die Menschen aufzurütteln, das kann Angelina Jolie nämlich tausendmal besser. Ich schreibe vielmehr, um mich selbst zu therapieren, um wieder die Kraft zu schöpfen, die ich für ein Leben unter den Wesen, die sich Menschen nennen, so dringend brauche. Zumindest kommt mir das so vor.“

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    katzenminzes avatar
    katzenminzevor 3 Monaten
    Kurzmeinung: Positive Überraschung! Informativ, atmosphärisch und aufrüttelnd.
    Ich war ein Mensch

    Ibrahim hat seine kleine Heimatstadt an der türkisch-syrischen Grenze eigentlich längst hinter sich gelassen. Er arbeitet schon seit Jahren als Journalist in Istambul und hat keinen Gedanken mehr an seine Kindheit verschwendet. Doch als er hört, dass ein alter Schulfreund von ihm in Amerika erstochen wurde reist er zurück. In Mardin mit seinem roten Sand und den Flüchtlingslagern praktisch vor der Tür begibt er sich auf Spurensuche: Wieso wurde der herzensgute Hüseyin getötet? Was trieb ihn nach Amerika? Und was hat es mit seiner jesidischen Verlobten auf sich, wegen der es fast zum Bruch mit seiner Familie gekommen wäre?

    Livanali lässt neben Ich-Erzähler Ibrahim viele Menschen zu Wort kommen, was für verschiedenste Blickwinkel sorgt. Wie auch der ruhige Grundton hat mir das sehr gefallen. Wie nebenbei informiert der Roman über die jesidische Glaubensgemeinschaft und die Vorurteile mit denen sie zu kämpfen haben. Er informiert über Leid und Missstände und lässt schließlich auch Ibrahim sich selbst und sein Leben hinterfragen. Allein an Hüseyin Geschichte wird die Absurdität der Welt sichtbar: Aus der Türkei musste er fliehen, weil der IS ihm vorwarf kein richtiger Muslim zu sein. In Amerika wurde er dann von Extremisten getötet, eben weil er Muslim war.

    „Was tat eigentlich der Gott so vieler Religionen, während all das geschah, fragt ich mich und hatte die Antwort auch gleich parat. Er ruhte sich wohl aus, denn es musste der siebte Tag sein; in sechs Tagen hatte er die Welt erschaffen, und nun, am siebten Tag hatte er sich zum Ruhen zurückgezogen. Und darum vermutlich die Schreie nicht gehört.“ S 92

    "Unruhe" ist ein kurzer aufrüttelnder Roman, der einfach rund ist. Mir hat die Sprache unheimlich gut gefallen. Der Aufbau hält den Leser durchweg bei der Stange. Ich hatte nie den Eindruck, dass ich belehrt werden sollte und die ernsten Themen wurden immer wieder mal humorvoll aufgelockert. Livaneli informiert ohne zu belehren. Er klagt an ohne zu verurteilen. Er schafft eine wunderbar mystische Atmosphäre und findet auch bei schweren Themen einen leichten Ton. Nach dem Beenden des Buches hätte ich gleich wieder von vorne anfangen können. Einfach ein wunderbarer Roman zur richtigen Zeit.

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    miss_mesmerizeds avatar
    miss_mesmerizedvor 3 Monaten
    Zülfü Livaneli - Unruhe

    Ibrahim hat seine südostanatolische Heimat schon lange verlassen, um in Istanbul als Journalist zu arbeiten. Als er auf eine Todesmeldung stößt, wird er stutzig: kann es sich bei dem in Amerika getöteten Türken um seinen alten Schulfreund handeln? Alles spricht dafür und so reist er nach Mardin, um die Hintergründe zu erforschen. Was er dort erfährt, wird sein Leben nachhaltig verändern. Hüseyin war verliebt in eine Frau, doch es war eine Liebe, die nicht sein durfte. Er Muslim, sie Jesidin aus einem der stadtnahen Flüchtlingslagern. Ibrahims Spurensuchte führt ihn zu diesen Geflüchteten und die Geschichten, die er hört, lassen ihn nicht mehr los.

    Zülfü Livaneli ist neben Orhan Pamuk eine der bedeutendsten Stimmen der Türkei, vor allem, weil er in seinen Romanen gesellschaftskritische Themen verarbeitet und unbequeme Wahrheiten anspricht. So auch in „Unruhe“, das den Umgang mit Jesiden, die Verachtung dieser Religion und die Ablehnung der Menschen offen anspricht und am Beispiel von Hüseyin und Meleknaz die Absurdität auf die Spitze treibt.

    „Im Nahen Osten ist es seit jeher üblich, dass man sich gegenseitig umbringt und nicht merkt, wie man sich dabei selbst tötet.“

    Es sind solche Sätze, die wie Nadelstiche auf diejenigen wirken müssen, an die sie gerichtet sind. Es ist nicht nur das unsägliche Treiben des IS, das im Namen einer Religion legitimiert wird und weltweit für Entsetzen sorgt, das Livaneli kritisiert. Dies ist einfach, denn kaum jemand wird ihm da widersprechen. Schwerer wiegt jedoch der Umgang der Bewohner im Grenzland mit den geflüchteten Jesiden. In einem Lager dürfen sie hausen, man kümmert sich auch dort um sie, aber sie sollen bitte auch dort bleiben und auf keinen Fall Beziehungen mit Muslimen eingehen. Meleknaz erfährt kein Mitleid für ihr Schicksal, statt Verständnis schlägt ihr Hass von Hüseyins Familie entgegen.

    Aber auch Ibrahim muss erkennen, dass sein Verhalten zweifelhaft ist. Beobachtet er zunächst die Haltung von Hüseyins Familie, ist hierdurch geradezu verstört und sucht fieberhaft nach der jungen Frau, so muss er sich doch irgendwann eingestehen, dass auch er mehr aus Eigennutz handelt als aus Nächstenliebe: er will sich selbst und anderen beweisen, dass er ein guter Mensch ist, seinem Leben Sinn geben. Dass er dabei die Bedürfnisse der Frau ignoriert, wird ihm erst spät bewusst.

    „Unruhe“ ist ein kurzer, schonungsloser Roman, der das Schicksal einer Glaubensgemeinschaft ins Zentrum stellt, deren Geschichte von Verfolgung und Hass gekennzeichnet ist. Er wirft kein gutes Bild auf die Welt, die zusieht, im besten Fall schweigt, im schlimmsten für zusätzliches Leid sorgt.

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    Dominikuss avatar
    Dominikusvor 3 Monaten
    Ich war ein Mensch

    Unruhe ist ein beeindruckender Roman des bedeutenden türkischen Autors Zülfü Livaneli mit aktuellem Thema. Übersetzt wurde der Roman von Gerhard Meier. Der Autor versteht es kulturelle und politische Szenen der Türkei dem Leser nahe zu bringen.

    Vor 5 Jahren habe ich den Roman Glückseligkeit gelesen und freue mich, das ich den neuen Roman Unruhe bei Klett-Cotta entdeckt habe.


    Der junge Journalist Ibrahim erfährt in Istanbul vom Mord an seinem Jugendfreund Hüseyin in der USA. Seine Zeitung schickt ihn in seine Heimatstadt Mardin um mehr über die Hintergründe zu erfahren. Mardin liegt an der türkisch-syrischen Grenze.


    Hüseyin hat Jesidinnen, einer Glaubensgruppe aus Syrien, die von der IS gefangen waren und fliehen konnten, geholfen. So macht er sich die zu Feinden.

    Ibrahim erfährt auf den Spuren seines Freundes von einer geheimnisvollen Verlobten und macht sich auf die Suche nach ihr.


    Der Autor beschreibt den unglaublichen Leidensweg der jesedischen Frauen.

    Zülfü Livaneli lässt seinen Protagonisten diese Geschichte emotional erzählen und sie ist brandaktuell. Genial.


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