Die Autorin Zdena Salivarová kam 1933 in Prag zur Welt, nach der Niederschlagung des „Prager Frühlings“ emigrierte sie 1969 aus der besetzten ČSSR, gemeinsam mit ihrem Ehemann Josef Škvorecký lebte und arbeitet sie in ihrer Wahlheimat Kanada. 2025 ist sie verstorben, zwei Jahre nach ihrem Ehemann, mit dem sie im eigenen Exilverlag ´68 Publishers über 200 Bücher veröffentlichte, darunter auch diesen wunderbaren, autofiktionalen Roman unter dem Originaltitel „Honzlová, Protestsong“.
Ähnlich wie die Autorin ist Jana Honzlová, die Ich-Erzählerin des Romans, Sängerin, ob ihre Lebensverhältnisse tatsächlich auch so prekär waren, wie es der Roman schildert, weiß ich nicht. Aber alles, was sie über ihre Familie, über die Arbeitsbedingungen, über die Wohnung und die Menschen schreibt, liest sich wahrhaftig. Jana Honzlová ist bei der Vereinigung Sedmikrása, die sich dem Volksliedgut verschrieben hat, angestellt, sie singt im Chor, ist ansonsten das Mädchen für alles und hofft, einmal eine Solosängerin zu werden. Aber alle Hoffnungen verwehen im Wind der Bespitzelung und Missgunst und enden in purer Verzweiflung. Es ist ein Sommer Mitte der 1950er Jahre, vielleicht 1954, da wäre die Autorin 21 Jahre alt, die Protagonistin Jana ist es auch. Und ich wurde in diesem Jahr geboren. So ist es kein Wunder, dass meine ersten Erinnerungen an Ereignisse in der Tschechoslowakei erst um 1967/1968 beginnen. Noch vor der Wende war ich zweimal, dreimal in Prag und in Karlsbad, aber die politischen Verhältnisse bleiben Touristen meist verborgen, insbesondere, wenn es um die damals alles beherrschende und bespitzelnde Staatssicherheit (StB) ging. Durch umfangreiche Recherchearbeiten habe ich über die DDR-Staatssicherheit und ihre Tätigkeit in der DDR einen recht guten Überblick erhalten, dass in der CSSR die Bevölkerung genauso behandelt wurde, darüber habe ich nur wenig gelesen. Umso mehr berührt mich das Schicksal der Jana Honzlová, die auch wegen ihrer bereits inhaftierten Brüder und ihres geflüchteten Vaters massiv bespitzelt wird. Dass sich aus Denunziationen dann Entscheidungen ableiten, die ihr ganzen Leben beeinflussen werden, erkennt sie Stück für Stück.
Sie erhält keine Reiseerlaubnis für eine Tournee nach Finnland und verbleibt in den Büros von Sedmikrása, hütet das Telefon und die Putzfrau Pelikánová. Als diese unvermittelt bei Janas Besuch verstirbt, schickt man ihr eine weitere, die sie bespitzeln und verleumden wird. Jana verliert die einzige Vertraute und das Unglück nimmt seinen Lauf.
Doch dann fasst Jana sich ein Herz und marschiert mitten hinein ins Verderben, sie will im Innenministerium erfahren, warum ihr die Reise nach Helsinki verweigert wurde. Nun ist sie in den Fänger der Spitzel, allen voran „Blaubart“, und die lassen nicht mehr locker. Es ist der einzige Teil des Romans, den ich für märchenhaft (abgesehen von Hugos Märchen über Gut und Böse) halte, ich kann mir nicht vorstellen, dass diese kluge Jana so unsagbar naiv gewesen ist.
Parallel zu ihren Querelen mit der neuen Putzfrau Fantová senior hat sie zu Hause jede Menge Ärger und Verdruss, mit den beiden Schwestern, mit der hilflosen Mutter. Nur der elfjährige Hugo ist aller Augenstern, ein liebes, intelligentes Bürschen mit dem Hang zu Eisenkunst. Auf der Pawlatsche (ich kannte den Ausdruck gar nicht, eine Art Balkon, Veranda oder Umlauf im Hof) stapelt er seine Fundstücke und bastelt für jeden erdenklichen Zweck. Hugi, wie er liebevoll gerufen wird, nimmt sich auch der Katze und der fünf Katzenbabys der verstorbenen Putzfrau Pelikánová an, kümmert sich um sie und geht ab und zu mit Jana auf die Pirsch, ins Kino, zur Kirche, zum Baden.
Salivarová erzählt das alles in einer sehr alltäglichen Sprache, jeder Protagonist hat seine Eigenheiten, manche erkennt man sofort am Gang, manche am Geruch oder Hundebellen. Wie Klatsch und Tratsch, Erpressung und Beförderung zu Denunziation und Verrat führen, lässt einem das Blut in den Adern gefrieren. Das Endlosgerede der Fantová senior ist der gnadenlose Höhepunkt, den Jana immer schwerer erträgt. Dieser Roman liest sich aber auch wie das Tagebuch eines jungen Mädchens, mit Rückblicken auf verflossene Liebhaber und Lieben, auf Kindheitserlebnisse und Tränen im Übermaß, auf lange Fußmärsche durch ihre geliebte Heimatstadt Prag. Mir ist diese Jana, die vor rund 70 Jahren um ihre Zukunft kämpfte, sich in unsagbaren Zwickmühlen befand und schreckliche Verluste erlitt, sehr ans Herz gewachsen. Das halboffene Ende liegt mir immer noch schwer auf der Seele.
Das Cover zeigt wahrscheinlich die Autorin mit Anfang 20, der freundliche, offene Blick in die Kamera und der Titel EIN SOMMER IN PRAG ziehen sofort den Blick an, das Softcover liegt angenehm in der Hand, die Fadenheftung lässt das Buch auch nach intensivem Gebrauch fast unberührt aussehen. Und ich liebe das Lesebändchen! Leider ist die Grundschrift für mich recht klein geraten, aber mit Extralesebrille gelang es mir, das Buch in drei Tagen auszulesen. Das Nachwort des Literaturwissenschaftlers Michael Špirit sollte der Leser keinesfalls überspringen, es erklärt einige Details, auch die langen Wege durch die Stadt. Die Übersetzung von Sofia Marzolff ist aus meiner Sicht gut gelungen, ihre Erklärungen im Anhang leuchten ein. Mir fehlte aber ein kleines Glossar und eine Lesehilfe für die Aussprache der insbesondere der Namen der Protagonisten. Im Tschechischen werden sehr vielen Akzente verwendet, deren Aussprache mir nicht bekannt ist.
Fazit: Dieser Roman ist ein echtes Highlight und mein Lesesommer 2026 wird mir wegen Jana Honzlová und Hugi unvergessen bleiben.
Diese Rezension gibt meine eigene Meinung wieder und wurde nicht mit Hilfe von KI erstellt.




