In dieser Sammlung autobiographischer Essays mit dem Titel „An einem anderen Ort“ führt uns die Schriftstellerin Zdenka Becker auf 216 Seiten einmal rund um den Globus und durch ihr Leben.
Geboren in Tschechien, aufgewachsen in der Slowakei und 1975 ausgewandert nach Österreich führen sie dann ihre meist literarisch motivierten Reisen auf alle Kontinente und sie wird zur Kosmopolitin.
Aus dem Blickwinkel der kultivierten Mitteleuropäerin mit großem Interesse und Verständnis für die Menschen, die sie trifft, erzählt uns Zdenka Becker von den verschiedensten Schicksalen, Begegnungen und Situationen mit einer erstaunlichen Offenheit und Ehrlichkeit.
Sprachbegabt und -interessiert philosophiert sie über das Fremdsein, Fremdfühlen und Fremdbleiben, über das Ankommen und Nicht-Ankommen. Über die empfindliche Haut der Heimatsprache und die schützende Borke der neuen Sprache, des Deutschen, über Menschen aus anderen Ländern, die für sie Familie sind. Wo ist mein Herz, wo mein Kopf und wohin gehöre ich ? Und kommt am Ende dieses wunderschön gestalteten Buches zum Schluß „Ich bin zu Hause im Unterwegssein“.
Und das Unterwegssein beschenkt die Lesenden mit einer Fülle von Erlebnissen, Anekdoten, Perspektiven und Erkenntnissen.
Gedanken über das Haus Europa und seine so verschiedenen Bewohner, die doch alle letztendlich nur die gleichen einfachen Träume haben, zu Freunden werden oder Feinde waren. Die Kindheit, der Genuß der kleinen Freuden des Lebens, Hoffnung und Enttäuschung nach dem Zusammenbruch des Kommunismus, die Rolling Stones in Prag, die Donau die trennte und verband.
Nicht alles war schlecht im Sozialismus und Vieles nicht so gut wie es von außen schien im Kapitalismus. Freiheit und Selbstbestimmung wollen gelernt sein und nicht jeder hat es geschafft.
Immer wieder Wortspiele, den Worten und der Sprache auf den Grund gehen, welche Ähnlichkeiten gibt es und welche Besonderheiten, wie ein Fisch im Wasser ist Zdenka Becker hier unterwegs.
Was ist typisch ? Für Österreicher, Tschechen, Slowaken, wer bin ich und wo bin ich wer ? Was ist Heimat, was Zuhause ? Reisen in die eigene Kindheit, in die Vergangenheit des Sozialismus.
Begegnungen sind es vor Allem, an denen Zdenka Becker liegt. Im Flugzeug, im Zug, nicht immer gewollt, nicht immer angenehm, oft überraschend anders, als erwartet, aber immer zutiefst menschlich. An keinem Schicksal geht sie vorüber.
Fremdenfeindlichkeit zweier Hunde in verschiedenen Kontinenten, die Ausbeutung des Planeten, weil alle immer alles wollen und das Messer mit der Aufschrift „Corona“, das die Gesellschaft und viele Leben zerschnitt.
Der Großvater mußte noch für den Kaiser kämpfen, harte körperliche Arbeit, Auswanderung, Heimkehr und erneut in den nächsten Krieg, Hoffnung auf und Enttäuschung durch den Sozialismus. Schicksale neben denen unsere heutigen Befindlichkeiten teilweise wie die quängelnder, verwöhnter Kinder wirken.
Auf den Reisen trifft sie John, der seine Tochter bei 9/11 verloren hat, eine alte Frau aus Albanien die nach 30 Jahren in den USA nur das Wort „Nice“ kennt, Katzen in IOWA, die laut Gesetz draußen angeleint sein müssen, ein verlorener junger Mann, der in einer Hippie-Kommune mit einem Kokain dealenden Vater aufwächst und voller Sehnsucht in die Normalität flieht.
Eine Schreibreise nach Venedig und Rom und viele Reisen zu literarischen Veranstaltungen nach Neu-Delhi in Indien, Helsinki in Finnland, Shanghai und Dublin in Irland mit den dazugehörigen Erlebnissen, Menschen und sonderbaren und bemerkenswerten Begebenheiten.
Vieles war nicht nur das reine Vergnügen, es war auch oder vor allem auch anstrengend, ermüdend, enttäuschend. So wie eben das Reisen ist, so wie das Leben ist. Doch wir Lesende können uns den Luxus leisten, all das bequem in unserem Zuhause in diesem liebevoll und ansprechend gestalteten Essay-Band nachzulesen.
Die sensiblen Essays werden begleitet von farblich passend eingebetteten fotographischen Stilleben von Nikolaus Korab.