Cover des Buches Ein fesches Dirndl (ISBN: 9783839223635)W
Rezension zu Ein fesches Dirndl von Zdenka Becker

Ein Lebensgefühl

von Waschbaerin vor 3 Jahren

Review

W
Waschbaerinvor 3 Jahren
Rezension zu dem Roman: "Ein fesches Dirndl" von Zdenka Becker. 4,5 Sternchen

Der Titel des Romans "Ein fesches Dirndl" von Zdenka Becker und auch das dazugehörige Cover können dem Leser signalisieren, dass es sich um einen Heimatroman handelt. Da liegt man gar nicht so falsch. Geht es doch darum, Heimat in einem fremden Land zu finden und heimisch in einer unbekannten Sprache zu werden.

Die Slowenin Bea verliebt sich in den Österreicher Armin. Nachdem viele Hürden genommen wurden, darf sie mit ihm nach Österreich ausreisen. Dabei haben sie Slowenien ein Schnippchen geschlagen, denn sie reisen zu dritt. Bea ist schwanger. So beginnt ihre Reise in dieses unbekannte Österreich.

Die slowenische Familie von Bea ist bei dieser Entscheidung zweigeteilt. Hofft die Schwester auf tolle Mode aus dem Westen, die es in Slowenien nicht zu kaufen gibt, fürchtet sich ihr Vater vor eventuellen Repressalien in seinem Job. Als ob dieser entscheidende Wechsel von einer Seite der Grenze auf die andere nicht schon genug Aufregung mit sich bringen würde, sieht sich Bea auch da in der Verantwortung. Der Westen in den Gedanken vieler, die ihn nur vom Hörensagen kennen - viel Geld und Luxus. Dass die Realität bei einer Eheschließung mit einem Studenten ohne eigenes Einkommen vorerst ganz anders aussieht, kann man sich jenseits der österr. Grenze kaum vorstellen.

Dabei hat Bea noch mit wesentlicheren Schwierigkeiten zu kämpfen. Ihr großer Feind ist die dtsch. Sprache. Ohne genügende Sprachkenntnisse kommt man nicht an. (S. 136) Bea hätte sie gerne von der Feindin zur Freundin umgepolt. Doch ihr bleibt keine Zeit, wird ins kalte Wasser geworfen. Dass sie später einmal von amtlicher Seite als Übersetzerin angeheuert werden würde, kann sie sich in diesem Moment noch nicht vorstellen. Das liegt auch noch in weiter Ferne. Vorerst ist sie voller Ärger, dass die Abschlüsse ihres slowenischen Studiums in Österreich nicht anerkannt werden. Diese Gefühle drückt die Autorin sehr gut in ihrer Wortwahl und Ausdrucksweise aus. Ihr Gefühl, ungerecht behandelt worden zu sein kommt genau rüber. Beim Lesen ballt man die Fäuste und versteht nicht, wieso auch noch diese Steine in den Weg gelegt werden.

Doch Bea lässt sich nicht unterkriegen. Der Satz: "Gefällt es ihnen bei uns", kann sie irgendwann nicht mehr hören. Sie ist Österreicherin und gehört dazu. Von diesem "Bei uns" fühlt sie sich ausgegrenzt. Genauer betrachtet ist dieses "Gefällt es ihnen...." zu einer Floskel geworden und der Fragende erwartet ein begeistertes JA. Und trotzdem bleibt Heimweh nach der Familie, dem Ort wo man geboren wurde und aufwuchs. (S.150) Über die Schwierigkeiten des Neuanfangs und den Verlust.

Als ob das nicht genug wäre, sind da auch noch Vorbehalte, die bis zum Kriegesende zurückreichen (S.159) Vertriebene nannte man in der Tschecheslowakei "Abgeschobene" - das Leid dieser Menschen ignorierend. Auf S.163 geht die Autorin auf das unerklärbare Gefühl der Schuld ein, obwohl Bea z. Zt. der Benesch-Dekrete noch gar nicht auf der Welt war. Krieg war Krieg. Aber jetzt ist Frieden und Aussöhnung.

Vielleicht ist es unmöglich zu verstehen wie sich jemand fühlt der alles hinter sich lassen musste, wenn man diesen Weg selbst nie gezwungen war zu gehen. Dies zeigt sich auch im derzeitigen Umgang mit Flüchtlingen. Bea ist bei ihrer Tätigkeit in diesem Bereich eindeutig im Vorteil. Sie weiß aus eigenem Erfahren von was die Flüchtlinge sprechen und wie sie sich in bestimmten Situationen fühlen. Auch sie war einst eine Fremde. Heute sagt sie: (S.226) "Ich verstehe mich als eine Brücke, die die Reisenden mit beiden Ufern verbindet".

Das ist, was dieses Buch tatsächlich bewirken kann, wenn man sich als Leser darauf einlässt. Beide Seiten sehen und versuchen zu verstehen, was einem fremd ist.

Ein Dirndl kann tatsächlich nicht jede Frau tragen. Es ist keine Mode sondern ein Lebensgefühl.




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