Soweit wir wissen

von Zia Haider Rahman 
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Aufregend, spannend, hervorragend erzählt – ein Meisterwerk!

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Inhaltsangabe zu "Soweit wir wissen"

Als ein Londoner Banker im Herbst 2008 eines Morgens seine Tür öffnet, erschrickt er angesichts des Landstreichers, der da vor ihm steht. Dann erkennt er seinen verschollenen Kommilitonen Zafar, einst ein vielversprechendes Mathematikgenie. Die beiden Männer verband einmal einiges: beide sind Migrantenkinder aus Südostasien, beide sind sie hochbegabt. Doch es trennen sie auch Welten – der Erzähler stammt aus der gebildeten Elite, Zafars Eltern sind »Unberührbare« … Nun will Zafar eine Schuld beichten, und er nimmt dem Freund das Versprechen ab, der Welt diese Geschichte für ihn zu erzählen. Und der Banker hat viel Zeit, denn auch sein so glanzvoll begonnenes Leben liegt in Scherben, zudem hat er Zafar gegenüber ein schlechtes Gewissen. Also nimmt er ihn auf und macht sich zu seinem Chronisten. Doch schon bald stößt er an die Grenzen dessen, was wir wissen können – über die Welt und letztlich auch über uns selbst.

Buchdetails

Aktuelle Ausgabe
ISBN:9783827012982
Sprache:Deutsch
Ausgabe:Fester Einband
Umfang:704 Seiten
Verlag:Berlin Verlag
Erscheinungsdatum:20.03.2017

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    HansDurrers avatar
    HansDurrervor einem Jahr
    Kurzmeinung: Aufregend, spannend, hervorragend erzählt – ein Meisterwerk!
    Von den Grenzen unseres Wissens und Wissen-Könnens

    An einem Tag im Herbst 2008 steht ein braunhäutiger, ausgemergelter Mann mit einem struppigen Bart vor der Haustür eines Londoner Bankers, der in ihm einen Jugendfreund erkennt, ihn bei sich aufnimmt und sich zu seinem Chronisten erklärt, wohl wissend, dass eine Geschichte, die man über einen anderen erzählt, auch immer eine über einen selber ist.

    „Wie müssen alles, was wir verstehen wollen, vereinfachen und reduzieren, und, was ganz wichtig ist, wir müssen die Erwartung aufgeben, alles verstehen zu können, um wenigstens den Weg zu einem teilweisen Verständnis freizuräumen. Und ich glaube, dass das für alles menschliche Forschen gilt“, führt Zafar, der Jugendfreund des Bankers, dessen Karriere angesichts der Finanzkrise auf Eis liegt und dessen Frau ihn verlassen hat, aus und illustriert das am Beispiel der Kartografie und des Übersetzens von Lyrik. „Beide, Kartograf wie Übersetzer, sind mit dem gleichen Problem konfrontiert, dass sie nämlich nicht alles exakt einfangen können und manche Dinge aufgeben müssen, um überhaupt etwas zu retten.“ Genial! Auf die Idee, Kartografie und Lyrik überzeugend in einen Zusammenhang zu bringen, wäre ich selber wohl nie gekommen.

    Derart viel und ganz unterschiedliches Wissen (von der Peters-Projektion, einer Weltkarte, in der die Gebiete der Landmassen im korrekten Grössenverhältnis dargestellt werden bis zum Autor, der das schreibende Selbst eines anderen Autors verändern kann) habe ich so gehäuft noch in keinem Buch gefunden. Selten hat mich eine Lektüre so fasziniert, überwältigt und bereichert.

    „Zu wissen, wie sich die Dinge verhalten, bedeutet nicht, dass man sie richtig sieht, es bringt einen nicht davon ab, die Dinge falsch zu sehen“, erläutert Zafar anhand der Poggendorf-Täuschung, einer der zahllosen optischen Täuschungen, die wir zwar verstehen können, von denen wir aber trotz unseres Wissens getäuscht werden.

    „Musst du an die Evolution glauben, wenn du den Kreationismus ablehnst?

    Folgt das nicht daraus? Was wäre die Alternative?

    Warum nicht einfach an nichts glauben?. Warum muss man unbedingt an etwas glauben?“

    „soweit wir wissen“ setzt sich mit so ziemlich Allem auseinander. Von der Mathematik („Die Mathematik schert sich nicht um Autorität, sie schert sich nicht darum, wer du bist oder woher du kommst, oder um deine Augenfarbe, oder mit wem du zu Abend isst.“) bis zur englischen Klassengesellschaft (wo nur Status und Beziehungen zählen).

    Obwohl Zafar an renommierten Unis studiert hatte, in die sogenannt bessere (snobistische) englische Gesellschaft, wird er nicht aufgenommen. Und auch in Asien gehört er nicht mehr dazu. „Wissen Sie, was ich in Oxford studiert habe?“, wird er in Kabul von einem afghanischen Colonel gefragt, der ihn als Engländer wahrnimmt. „Geschichte. Aber wessen verdammte Geschichte? Natürlich ihre Geschichte.“

    Die Geschichte spielt unter anderem in Bangladesch, Grossbritannien, den USA und Afghanistan. Letzteres schildert der im ländlichen Bangladesch geborene und in London aufgewachsene Zia Haider Rahman derart faszinierend, dass ich sofort eine unwiderstehliche Sehnsucht nach diesem Land verspürte.

    „soweit wir wissen“ ist ein scharfsinniger Blick auf die soziale Realität („In England bestand der Ursprung wahrer, rechtgeleiteter Macht, der Kern der Autorität, nicht etwa in Bildung, sondern im Anschein von Wissen, wobei man demonstrative Ignoranz alles Gewöhnlichen bekundet.“; „Ironischerweise sind sich Wissenschaftler aber dessen, was sie sagen, viel weniger sicher als Politiker, politische Entscheidungsträger und Experten.“), eine ungewöhnliche, zum Nachdenken animierende Auseinandersetzung mit Religion („Ich glaubte, die Antwort des Islam auf das Streben nach Sinn bestehe nicht darin, Fragen zu beantworten, sondern darin, Menschen zu drillen, die Sinnsuche zugunsten von Ritual und Gewohnheit aufzugeben.“; „die wunderbare Feststellung, auf der das Christentum basiert, ist die, dass die grösste Liebe nicht erkämpft oder verdient werden kann. Das ist keine ethische Norm, sondern eine empirische Beobachtung, ein wissenschaftlich überprüfbarer Lehrsatz, und auf diesem Fels wurde eine ganze Religion erbaut, eine prächtige Kathedrale der Hoffnung.“), eine aussergewöhnliche, anregende und brillante Meditation über Grundfragen des Lebens.

    „soweit wir wissen“, ein sehr gescheites, sehr sensibles Buch, lotet die Grenzen unseres Wissens und Wissen-Könnens aus. Aufregend, spannend, hervorragend erzählt – ein Meisterwerk!

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    serendipity3012s avatar
    serendipity3012vor einem Jahr
    Es bleiben immer Leerstellen

    Es bleiben immer Leerstellen 

    Sie haben sich sehr lange nicht gesehen, als Zafar eines Tages plötzlich und unangemeldet vor der Tür seines alten Freundes steht. Sowohl Zafar, als auch der Banker, der diese Geschichte erzählt, stammen aus dem südasiatischen Raum, sie sind geboren in Bangladesch und Pakistan. Und auch wenn der Erzähler Zafar im ersten Moment nicht erkennt, wie er sagt, so wird sich herausstellen, dass sie enge Freunde waren, so dass dieses Nichterkennen ein wenig unrealistisch erscheint, für den Roman ist es allerdings nicht weiter wichtig. Zafar war lange Zeit verschwunden, während der Erzähler ein erfolgreiches Leben in finanzieller Sicherheit gelebt hat, ein Leben, das sich in letzter Zeit allerdings zum Negativen entwickelt hat: Die Bankenkrise ist im Jahr 2008 auch in London angekommen und die Beziehung zu seiner Frau Meena steht auf der Kippe.

    In Zia Haider Rahmans Debütroman „Soweit wir wissen“ haben die beiden Freunde viel Zeit, um die vergangenen Jahre Revue passieren zu lassen, wobei es dabei größtenteils um das Leben Zafars geht. Der Erzähler wird zum Chronisten des alten Freundes, der ihm aus seiner Vergangenheit erzählt, sowohl aus seiner Kindheit, von der der andere bisher wenig wusste, als auch von den letzten Jahren, in denen der Kontakt zwischen den beiden abgebrochen war. Früh wird deutlich, dass Zafar einiges durchgemacht hat, auch wenn die Fragmente, die er preisgibt, sich nur nach und nach zu einem deutlicheren Bild zusammensetzen.

    Rahmans Roman umfasst ziemlich genau 700 Seiten. 700 Seiten mit den Lebensgeschichten dieser beiden Männer, die in großer Detailtreue geschildert werden, wobei bewusst Schwerpunkte gesetzt werden und anderes ausgespart wird. Durch die Geschichten der beiden Männer kann man als Leser immer wieder auch etwas dazulernen, über Mathematik etwa, die die Freunde begeistert und fasziniert, über das Bankenwesen, aber auch über Pakistan, Indien und Bangladesch und die Geschichte dieser Länder. Teilweise sind es viele Informationen auf engsten Raum, mit denen man als Leser konfrontiert wird, bevor sich die Handlung dann wieder Freundschaft oder Liebesdingen zuwendet.

    Durch die vielen Abbiegungen und Abschweifungen, die der Autor in seinem Roman geht, durch die Sprünge vor und zurück, fehlt beim lesen aber auch lang das Gefühl dafür, wohin einen diese Geschichte eigentlich führen will, welche Geschichte es ist, die Rahman hier erzählt, wo sein Schwerpunkt ist. Was ist die Quintessenz der Beziehung dieser beiden Männer, die offenbar beide (wenn auch auf unterschiedliche Weise) gescheitert sind? Man muss Rahman auf seinen Pfaden folgen und darauf vertrauen, dass er den roten Faden nicht verlieren wird – was er auch nicht tun wird. Trotzdem sind einige kleine Längen nicht von der Hand zu weisen.

    Rahmans Protagonisten sind nicht nur intelligent, sie schauen auch bei sich und beim anderen genau hin, sie durchschauen sich recht gut und geben dadurch auch für den Leser stets eine schlüssige Charakterisierung ihrer selbst und des jeweils anderen ab. Es wird sehr viel analysiert in diesem Roman, Kleinigkeiten abgeklopft, das Verhalten und die Wortwahl anderer genauestens überprüft, Unterschiede in Nuancen aufgespürt. Das ist meist sehr interessant zu lesen und zu beobachten, und das ist klug, nur manchmal so verkopft und auf die Spitze getrieben, dass es dann doch zu viel wird und übertrieben wirkt.

    Alles in allem ist „Soweit wir wissen“ ein Roman über die Geschichte eines Mannes, der einerseits eine Beichte ablegt und andererseits verstehen will. Warum sind ihm die Dinge widerfahren, von denen er erzählt, welche Rolle hat er in ihnen gespielt? Es ist ein Roman gespickt mit Wissen und auch einer über das Aufeinandertreffen verschiedener Welten. Wobei die Frage aufgeworfen wird, ob nicht weniger die Herkunft eines Menschen entscheidend ist als vielmehr das Milieu, aus dem er stammt. Wir lesen eine Geschichte über politische Fragen, und auch über die veränderte Welt nach dem 11. September. Über die Versuche, in dieser Welt anzukommen, sich ein Leben aufzubauen, mit allem, was dazugehört – auch oder gerade dann, wenn man aus einem anderen Teil der Erde gekommen ist. Spielt das eine Rolle? Wie könnte es keine spielen?

    Immer wieder geht es dabei einerseits um das große Ganze und andererseits um das Zwischenmenschliche, reduziert auf zwei Personen, ob nun in einer Liebesbeziehung – natürlich hat Zafar von einer solchen und ihren Schwierigkeiten zu berichten – oder zwischen den Freunden. Rahman beherrscht die Kunst, die Ebenen miteinander zu verflechten. Wir schauen ganz genau hin, zusammen mit den Protagonisten. Und dringen dann doch nicht bis auf das Kleinste, bis auf den Kern, denn nie können wir alles wissen, irgendwo bleiben wir außen vor, im Dunkeln, abgeschnitten, geht es bis hier hin und nicht weiter. Soweit wir wissen.

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    M
    michael_lehmann-papevor 2 Jahren
    Epische Sicht der gegenwärtigen Welt

    Epische Sicht der gegenwärtigen Welt

    Zwei gegensätzliche Lebensläufe, zwei Versuche, in der Welt dauerhaft Fuß zu fassen. Einmal in der Hochburg des Profits, einmal in Diensten der „Menschenrechte“. Und beide Anläufe, Versuche, nach einer Weile gescheitert.

    Zwei unterschiedliche Ausgangspositionen. Der eine aus gutem Haus mit von Beginn an offenen Türen im Leben, der andere mühsam von unten nach oben sich kämpfend. Zwar umgehen in Oxford herzlich Willkommen, aber schon an der Aussprache ist die asiatische Herkunft aus der Unterschicht lange erkennbar.

    Der eine als Banker und Ehemann gescheitert, der andere als „Kämpfer für das gute“. Im Studium beste Freunde, dann lange Jahre ohne Kontakt und nun steht der eine abgerissen beim andern vor der Tür (des entleerten Hauses in London).

    Indem er die Geschichte seines unvermittelt neu aufgetauchten Freundes Zafar niederschreibt, nähert sich der bis dato innerlich stabile im „Establishment“ verhaftete Banker wankendem Boden.

    Denn ist es wirklich so, dass er keine Verantwortung für die Geschäfte trägt, die er getätigt hat? Für die Wellen, die die Welt durch die Finanzkrisen, letztlich durch die Gier der Handelnden Händler, erschüttern?

    Und ist die Welt überhaupt noch so, wie sie ihn geprägt hat, very british? Oder stellt die elitäre Erziehung, die erstklassigen Universitäten und der etwas bornierte Blick auf die Welt nichts anderes als einen gefährlichen Anachronismus dar?

    Gerade weil Zafar an so vielfachen Orten einer unruhigen Welt vor Ort war, weil ihn die „andere Seite“ so geprägt hat und, natürlich, auch die Liebe, die er suchte, von all dem Unklaren und ständig in Bewegung sich befindendem äußeren und inneren Erleben der Gegenwart bleibt diese nicht verschont.

    Das „Geheimnis des Unglücklich-Seins“, liegt es in den Personen, dass kein dauerhafter Boden gefunden wird, liegt es am Zustand der Welt, an den Verwerfungen durch altes Klassendenken, neue Eliten, durch eine Mobilität der Karriere, die ein Anbinden nicht wirklich ermöglicht?

    Oder findet alles nur „im Kopf“ statt, wie Zafar letztendlich meint?

    Interessante Fragen zwischenmenschlicher Beziehungen, die durch einerseits ein enges Denken und andererseits eine ständig weiter sich öffnende Welt, in der man sich verlieren kann wie in der theoretischen Mathematik (die im Buch eine gewichtige, allegorische Rolle spielt) geprägt ist.

    Wobei, und das ist der Wehrmutstopfen dieses sehr gut den Kern der Persönlichkeiten auffangenden, epischen Romans, der Leser schon bereit sein muss, in aller Ruhe teils assoziativ verlaufenden, vielfachen Dialogen zu lauschen. Was nicht vereinfacht wird durch die Form der Dialoge, in denen Rahmann Anführungszeichen nicht benutzt.

    So tauchen auch Längen auf in den teils elegischen, teils breiten Erinnerungen Zafars, in der Schilderung seines Wegs von unten über oben wieder nach unten. Ein Konzentrat von Leben, das in tiefe Tiefen vorstößt und den Leser immer wieder ganz realistisch mit den „verbogenen“ Wegen und Werten der Gegenwart konfrontiert. In der eine Stabilität des Lebens, eine klare Linie immer weniger gelebt wird, wofür Zafar exemplarisch und intensiv steht mit seinen vielfachen Lebensstationen, was seine „Karriere“ angeht.

    Ein Roman mit Wucht, aber auch der Forderung nach Konzentration bei der Lektüre und mit offenen Enden, die in Teilen offenbleiben werden und offenbleiben müssen, denn alles gilt nur „soweit wir wissen“ und nicht darüber hinaus.

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