In meiner Kindheit hing im ehemaligen Jugoslawien in fast jedem Haus ein Bild vom „Maršal Tito“ an der Wand. Obwohl meine Eltern in Deutschland lebten, wurde die Tradition aus dem Heimatland weitergeführt und auch wenn er da hing, hatte ich immer das Gefühl, dass er dort hängen „muss“ und nicht weil sie ihn verehrten. Einige Jahre nach seinem Tod war das Bild abgehängt und plötzlich waren öfter auch kritische Worte über Tito zu hören. Daher war ich sehr neugierig, als ich „Die Marschallin“ von Zora del Buono entdeckt habe und hatte gehofft, einiges Neues über das ehemalige Jugoslawien und Tito kennenzulernen.
Die Autorin erzählt hier die Geschichte von ihrer gleichnamigen Großmutter. Eine Frau, die in Slowenien geboren wurde, ihren späteren Ehemann dort kennenlernt, einen italienischen Radiologen und mit ihm nach Bari zieht. Sie ist überzeugte Kommunistin, verehrt den Marschall Tito und lebt trotz ihrer Liebe zum Sozialismus ein gutbürgerliches Leben in Italien. Ich hab vieles über Slowenien und der jugoslawischen Geschichte kennengelernt, einige Wissenslücken zu dem 1. und 2. Weltkrieg schließen können und manchen Unmut gegenüber Italien im Heimatland meiner Eltern verstanden. Habe eine wirklich resolute und kühle Frau kennengelernt, die nicht jedes Kind gleichermaßen liebt, keine andere Frau neben sich akzeptiert und dementsprechend eine furchtbare Schwiegermutter war.
Alles sehr interessant und informativ und trotzdem hat es mich nicht ganz packen können. Manche Kapitel waren sehr nüchtern und distanziert geschrieben, wodurch ich manchmal das Gefühl hatte, ein Sachbuch zu lesen und andere Kapitel waren näher an den Personen dran und viel interessanter. Ich hätte gerne mehr über die Familiengeschichte gelesen, hätte gerne die ein oder andere Person etwas näher kennengelernt, kann aber verstehen, dass es einfacher ist, die eigene Familiengeschichte nüchtern und distanziert zu erzählen. Ich habe auch aufgezeigt bekommen, dass ein guter Grundgedanke wie „die Gleichheit für alle“ an der Machtgier des Menschen scheitern kann. Sowohl bei Tito als auch bei Zora.
S.91 „2, 3, 1, dachte sie, wie jedes Mal, wenn sie die drei zusammen sah. Nie 1, 2, 3 (oder gar Davide, Greco, Manfredi), was normal gewesen wäre, das war ihr durchaus bewusst. Sie betrachtete ihre am Tisch sitzenden Söhne in ebendieser Reihenfolge und wunderte sich, warum sie Nr. 2 am liebsten mochte, dicht gefolgt von Nr. 3. Nur mit Davide, dem Erstgeborenen, haderte sie.“
S.185 „Manchmal spürte Zora diese italienische Überheblichkeit am eigenen Leib, es lebten kaum Slawen in Bari, sie wurde dann wegen ihres Akzents argwöhnisch beäugt, auf dem Markt zum Beispiel, Mussolinis Propagandamaschine funktionierte, die Slawen wurden nun als minderwertige Rasse von den Italienern angesehen, als barbarische Untermenschen.“


















