„Die letzte Nacht fühlte er sich weich wie Holundermark. Wie dicke Milch mit Sägespänen. Er fühlte seine Bewegungen zerfallen, er war immer weniger er, und nahm immer mehr die Elemente des Raums an: kinetischer Chamäleonismus. Er umarmte Constanze mit ihren Bewegungen, schob ihr auf ihre Weise die Zunge in den Mund, es musste ihr vorkommen, als küsse sie sich selbst. Er fühlte sich wie ein Dieb, der Bewegungen stiehlt, ein Krimineller, eine moralische Sülze. Sie waren in ihrem Zelt, Vera schlief bei Udo im Wohnwagen zusammen mit anderen Deutschen. Er versuchte nicht einmal, zum Wichtigsten zu kommen.“
Die Insel Rab in der nördlichen Adria vor der Küste Kroatiens; die 70er Jahre und 80er Jahre, kommunistische Zeiten, aber es regiert ja Tito, der große Antistalinist, autoritärer Liberalist und Propagierer einer blockfreien Welt, über den im Krankenhaus, in dem er den Tod fand, geschrieben steht: „Der Kampf für die Befreiung der Menschheit wird ein langer sein, aber er wäre länger, hätte Tito nicht gelebt". Dank dieser halbwegs freien Umstände kommen jedes Jahr im Sommer Besucher aus den westlichen Industrieländern hierher, Rucksacktouristen, ältere Wohlhabende, Student*innen.
Die Touristinnen sind jede Saison das Ziel der Obsessionen und Bemühungen der auf der Insel lebenden Jungen. In einigen Fälle könnte man von umgekehrtem Sextourismus sprechen. Im trüb-schwül-wilden Kolorit der Insel wird hier gejagt, geliebt, gehofft und die kleinen Elemente des Versagens kommen ebenso zur Geltung wie die Großen Themen, die bahnbrechenden Gefühle. In den Touristinnen schlummert der Zugang zu einer aufregenderen, sonst unerreichbaren Welt, so glauben anscheinend die Jungen, die so etwas wie Transzendenz und Erhöhung zwischen den Schenkeln einer jungen westlichen Frau suchen. Auch umgekehrt hat man den Eindruck: die Touristinnen fahren her, um sich zu transzendieren, im Urlaub, im Flair des fremden Landes, in den Augen und Händen der fremden Jungen und Männer.
Doch dieses Aufeinandertreffen, obgleich voller brodelnder Wirklichkeit, ist doch eine große Unwirklichkeit. Zoran Ferić gelingt es gut, das herauszustreichen, es immer wieder zu formulieren, wortmächtig, schummrig und doch scheinend. Ein bisschen zu hoch ist die Sprache fast, denn ihre Ausführungen schieben sich hier und da zu ausgreifend zwischen den Lesenden und die Sicht auf die Figuren, erzeugen eine gewisse Ferne, führen ausschweifende Beschreibungen an, die sich etwas in selbst verlieren. Das schafft eine starke, unverwechselbare Präsenz des Autors im Text, die aber zulasten der Unwillkürlichkeit, des ganz und gar Lebendigen geht, das Ferić oft in den Mittelpunkt seiner Prosa stellt. Diese Sucht nach Bildern treibt den Text voran, aber durchsetzt ihn auch.
Damit geht einher, dass auch die Erzählinstanz nicht ganz klar ist, die Sprache windet sich um die Figuren, lässt sie sprechen, spricht aber auch ein bisschen über sie hinweg. Damit geht einher, dass auch die Erzählinstanz nicht ganz klar ist, die Sprache windet sich um die Figuren, lässt sie sprechen, spricht aber auch ein bisschen über sie hinweg. Und in all den unterschiedlichen Geschichten, die in jeweils eigenen Kapiteln erzählt werden und die gemeinsam ein gekonntes Panorama ergeben, wechselt diese Stimme minimal, aber nicht entscheidend.
Dennoch oder gerade deswegen: ein beeindruckendes Buch, in dem auf sehr komplexe Weise alltäglichste und elementarste Gefühlsuntiefen ausgelotet und beschrieben werden. Die Unbedingtheit, die die Sprache dabei an den Tag legt (sehr selten gibt es etwas schwammigere Passagen) macht keinen Bogen um die unangenehmen Schritte, setzt sie in vollem Bewusstsein. Das hinterlässt sehr oft starke Eindrücke bei mir und das Buch im Ganzen ebenso.
Zoran Feric

Lebenslauf
Alle Bücher von Zoran Feric
Der Tod des Mädchens mit den Schwefelhölzchen
In der Einsamkeit nahe dem Meer
Die Wanderbühne
Das Alter kam am 23. Mai gegen 11 Uhr
Die Kinder von Patras
Engel im Abseits
Walt Disneys Mausefalle
Neue Rezensionen zu Zoran Feric
Kroatien ist ein Land mit viel Kriegserfahrung. Keine Generation in den letzten 100 Jahren ist ohne Rangeleien um Land, Grenzen und Ehre aufgewachsen. Mal gehörte man zu Österreich, mal zu Italien, ein anderes Mal standen die Osmanen vor der Tür. So lassen sich die Ex-Jugoslawen instrumentalisieren und mischen, teilweise kräftig mit, im großen Spiel um Religion, Identität und wer der Beste und Tollste ist. Ich gendere hier ganz bewusst nicht. Denn Frauen haben nicht viel zu kamellen, wie man bei uns im Rheinland sagt. Deshalb spielen sie, in diesem Familien Roman auch nur eine emotionale Rolle, bringen Männer manchmal dazu Dieses zu tun und Jenes zu lassen und werden in der Regel nicht wirklich ernst genommen. Das ist zum Teil heute noch so, da ändert auch die ehemalige Regierungschefin nichts dran.
Zoran Ferić hat die Geschichte Kroatiens, mit ihrer ganzen Brutalität und dem ewigen „Hin und Her“ mit seiner Familiengeschichte verknüpft.
Sie beginnt um 1900 und endet zu Beginn des neuen Jahrtausends. Nicht nur einmal werden die Menschen in dem kleinen Staat zerrieben zwischen großen Ambitionen kleiner Männer.
Im Zentrum steht die Stadt Zagreb und die Familien Bernstein und Ferić die sich in den 40er Jahren mit der Ehe der Eltern des Autors vereinen.
Obwohl meine zweite Heimat in Dalmatien liegt, welches sich von Zagreb ungefähr so unterscheidet wie Sylt von Oberammergau, habe ich mich sofort heimisch gefühlt. Ferić schafft es, die kroatische Seele sehr authentisch wiederzugeben. Das schlägt sich nicht nur in den politischen Ereignissen und ihren Einfluss auf die Menschen wieder, die er geschickt in die Familiensaga einwebt, sondern auch in den Singsang der Sprache, der mir sofort vertraut war . Für Nicht-Slawen könnte das eventuell etwas ungewöhnlich anmuten, auch die vielen Straßennamen, die die Aufenthaltsorte bezeichnen und die ganzen„’ić‘s“ sind für ungewohnte Augen & Ohren sicherlich nicht einfach auseinanderzuhalten. Zudem bleibt der Autor bei seiner Erzählung nicht immer im Chronologischen verhaftet und springt durchaus ab und zu mal in den Zeiten. Das er Vera oft Mama nennt irritierte mich am Anfang sehr doch irgendwann hatte ich mich dran gewöhnt. Der Stil ist für eine Familiensaga durchaus anspruchsvoll, aber nicht überfordernd.
Begeistert bin ich darüber, wie viel Neues ich doch über das Land meines Vaters gelernt habe. Dabei fand ich besonders die Zeit bis zum Ende des 2. Weltkrieg, über die ich nur sehr wenig wusste, am interessantesten, und auch die jüngste Vergangenheit ging mir sehr nah, da ich hier emotional ziemlich involviert war und viele Erinnerungen an den schlimmen Krieg der 90er hochkam. Die Auseinandersetzung des Autors mit der Geschichte seines Landes ist durchaus kritisch und stimmt nicht in die patriotischen Ehrbekundungen seiner Landsleute ein. Das letzte Kapitel, in dem Zoran seinen Vater pflegt und der alte Mann zwischen Suizidgedanken, Vorwürfen und jugendlichem Ungestüm taumelt hat mich sehr berührt. Der Ton dieser nicht ganz ernst zunehmenden Bollerigkeit ließ mich schmunzeln. Ich kenne solche Männer!
Wenn ihr also ein neues Land entdecken wollt, euch tiefergehend mit seiner Geschichte und der Mentalität der Menschen auseinandersetzen möchtet, dann kann ich euch diesen Schmöker wärmstens empfehlen.
Mit großen Erwartungen bin ich ans Lesen gegangen. Die Gegenden, Landschaften und Menschen, die ich erhoffte mitzuerleben, haben mich zum Kauf des Buches veranlasst. Doch schon bald kam die Ernüchterung - einen großen Teil nimmt die Beschreibung von jugendlicher Sexualität oft auch in relativ derber Sprache ein. Ich wollte zu meiner Erbauung lese und nicht um möglicherweise Selbsttherapien des Autors nachzuvollziehen. Daher habe ich es nur bis zur Mitte des Bandes geschafft und konnte mich nicht überwinden bis zum Ende durchzuhalten.












