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17 Bibliotheken, 5 Leser, 0 Gruppen, 3 Rezensionen

Das Erwachen

Andreas Brandhorst
Flexibler Einband: 736 Seiten
Erschienen bei Piper, 02.10.2017
ISBN 9783492060806
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Was passiert, wenn künstliche Intelligenzen uns Menschen irgendwann übertrumpfen? Ich spreche nicht davon, dass Siri und Cortana jetzt schon schneller den Wetterbericht abrufen können oder ein passendes Restaurant empfehlen, als ein menschlicher Assistent das könnte. Ich meine eine richtige, lernende und sich ihrer selbst bewusste künstliche Intelligenz, die uns Menschen als Gefahr erkennt.

Genau solch ein Szenario hat Andreas Brandhorst in “Das Erwachen” entworfen. Das ist in der Science Fiction Literatur nichts so richtig Neues, das aktuelle Setting und die Umsetzung sind aber ziemlich gelungen.

Warum nur ziemlich? Weil sich das Buch sich nicht ganz entscheiden kann, was es sein möchte. Im ersten Teil ist es eine spannende, gut aufgebaute und irgendwie kluge Dystopie. Man erfährt etwas über die Entwicklung einer globalen Maschinenintelligenz, über die Unterschiede zur künstlichen Intelligenz und die Gefahren die von all dem ausgehen. Trotz der teilweise nicht unerheblichen wissenschaftlichen Einschübe ist das alles flüssig zu lesen, voll spannender Verwicklungen und irgendwie süffig. Ich mag es, wenn Autoren dieses Genres es schaffen, die Handlung glaubhaft und trotzdem “phantastisch” darzustellen und Neugier auf solche wissenschaftlichen Themen zu wecken.
Im zweiten Teil des Buches dreht sich das Buch mehr und mehr zu einem Actionthriller und hetzt aufgekratzt dem großen Showdown entgegen. Statt wissenschaftlicher Exkurse oder philosophischer Überlegungen gibt es Gewalt und Verfolgungsjagden, Feuer und Explosionen. Seufz. Das mag für die Überleitung ganz in Ordnung sein, schließlich ist das Buch als “Thriller” kategorisiert, in diesem Buch nahm es für meinen Geschmack zu viel Raum ein. Nach all dem verpufft das Ende nämlich ein wenig. Wir fiebern 200 bis 300 Seiten lang einem großen Konflikt entgegen, der dann so mir nichts, dir nichts abgefrühstückt wird. Dabei hätte man gerade an dieser Stelle der Handlung noch einmal viel Spannung mit “was wäre, wenn…”-Überlegungen aufbauen können. Schade!

Das mag auch ein wenig daher rühren, dass in der letzten Konsequenz kein so ganz neuer Weg gewählt wurde. Dadurch ist “Das Erwachen” zunächst wirklich spannend zu lesen, lässt aber den großen Aha-Effekt am Ende aber einfach vermissen und gibt darüber hinaus streckenweise den “Agententhriller-Elementen” zu viel Raum. Ein schöner Einstieg und unterhaltsamer Science-Fiction-Roman für “zwischendurch” aber keine Lektüre für absolute Geeks.

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94 Bibliotheken, 0 Leser, 1 Gruppe, 58 Rezensionen

england, krimi, geheimnisse, dorf, geheimnisvoll

Eine von uns

Harriet Cummings , Walter Goidinger
Fester Einband
Erschienen bei Zsolnay, Paul, 24.07.2017
ISBN 9783552063358
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

“Eine von uns” ist Harriet Cummings’ Debütroman und wird hoffentlich nicht ihr letzter bleiben. Inspiriert von einer wahren Geschichte, schreibt die junge Autorin einen ruhigen und doch tiefgründigen Roman über die kleinen Abgründe hinter ziemlich spießigen Fassaden.

Angelehnt ist die Handlung des Romans an die Geschichte des “Fox”, der in den 1980er Jahren in England sein Unwesen trieb. Der “Fox” war ein mysteriöser Einbrecher, der in den Häusern seiner Opfer nicht wirklich etwas stahl, aber Kleinigkeiten durcheinanderbrachte oder sich bauartige Lager einrichtete. Die Einbrüche schürten Angst und Misstrauen unter den Dorfbewohnern, eine Atmosphäre in der jeder verdächtig schien. Und obwohl der echte Fall des Fox sich ganz anders aufklärte als im Roman, schafft es die Autorin mit ihrer Version, diese Atmosphäre gut zu transportieren und dazu eine wirklich bewegende Botschaft zu vermitteln.

Man sollte bei all meiner Begeisterung über die tolle Atmosphäre und die Spannung des Romans nichts Falsches erwarten: “Eine von uns” ist ein sehr ruhiger und zurückhaltender Roman. Es gibt weder große Action noch riesige Dramen, es sind die feinen Zwischentöne die hier den ganzen Sog ausmachen.
Fast ist es beim Lesen selbst ein bisschen so, als würde man in ganz normale Haushalte spähen dürfen. Denn die Geschichte wird erzählt aus vier Perspektiven von Personen mitten aus der Gemeinschaft des Dorfes. Durch ihre Erzählungen wird jedoch klar, dass alle Charaktere sich aus irgendeinem Grund am Rande der Gesellschaft wähnen, ob gefühlt oder tatsächlich sind sie Außenseiter, Dazugekommene und Einzelgänger. So lernen wir, dass diese “Gemeinschaft” eigentlich gar keine ist, weil es uns Menschen viel zu leicht fällt zwischen “denen” und “uns” zu unterscheiden.

So geht es in diesem Roman also eigentlich ums Zuhören und um Menschlichkeit. Es geht um Menschen, die allen zuhören aber selbst nicht gehört werden. Und es geht darum, dass wir alle unserer Einsamkeit leichter entkommen würden, wenn versuchen würden uns gegenseitig besser zu verstehen.

Diese schöne Botschaft ist verpackt in einen unterhaltsamen und spannenden, aber sanft erzählten Roman mit dichter Atmosphäre. Ich habe die Charaktere geliebt (zum Beispiel die gutmütige Deloris mit ihren viel zu bunten Träumen für die kleine Dorfwelt) und konnte im Stil der Autorin wirklich versinken. Ohne zu viel unnötigen Ballast, aber mit vielen winzigen Details war an dieser Geschichte für meinen Geschmack einfach kein Satz zu viel.

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107 Bibliotheken, 2 Leser, 2 Gruppen, 70 Rezensionen

sklaverei, afrika, ghana, usa, amerika

Heimkehren

Yaa Gyasi , Anette Grube
Fester Einband: 400 Seiten
Erschienen bei DuMont Buchverlag , 22.08.2017
ISBN 9783832198381
Genre: Romane

Rezension:

Manchmal finde ich es etwas übertrieben, wenn ein Buch schon kurz nach Erscheinen als nächster moderner Klassiker gehandelt wird. Doch jetzt nach meiner Lektüre von “Heimkehren” von Yaa Gyasi kann ich diese Einschätzung besser verstehen. Dieses Buch erzählt eine wirklich große Geschichte, beziehungsweise 14 kleine, große Geschichten. Zwei Schwestern im Ghana des 18. Jahrhunderts, die sich nie kannten, sind die Mütter zweier Zweige einer Familie, die sich über die Jahrhunderte ebenso unterschiedlich wie dramatisch entwickeln.

Effia und Esi sind Töchter der selben Mutter, doch schlagen die gegensätzlichsten Wege ein. Während Effia einen weißen Soldaten der britischen Kolonialmacht heiratet, wird Esi als Sklavin nach Amerika verkauft. Die Kinder und Kindeskinder dieser beiden Frauen werden durch diese unterschiedlichen Lebenswege in völlig verschiedene Welten geworfen.

Ich habe wirklich versucht ein Muster, eine Struktur in der Entwicklung der Familien zu erkennen, es ist mir nur schwer gelungen. Es gibt immer wieder Verbindungen von einer Generation in die nächste und jede Etappe des Romans, jeder Zweig der Familie, wird deutlich durch den Vorhergehenden geprägt. Trotzdem entwickelt sich nicht eine Seite durchweg positiv oder durchweg negativ, vielmehr trudeln beide Familien, durch die Kolonialisierung Ghanas aus der Bahn geworfen, mit einigen Hürden durch die Jahrhunderte.

Die Idee ist nicht neu und doch ist der Gedanke, in diesem Roman der Reihe nach eine Generation nach der anderen zu Wort kommen zu lassen, für diese Thematik wirklich großartig. Es wird gezeigt, wie die Geschichte eines Kontinents auch etliche Jahre später das Schicksal so vieler Menschen prägen kann. Natürlich ist hier auch Rassismus ein Thema. Gerade dann wenn auch Generationen nach dem Ende der Sklaverei noch Mitglieder der Familien auf Grund ihrer Hautfarbe in neues Elend gestürzt werden. Nicht ihre Identität zählt, sondern ihre Herkunft. So wirkt sich die Dramatik der Gefangennahme Esis auch im Leben ihrer Urahnen weiter aus.

“Heimkehren” kommt ohne viel Afrika-Folklore aus und macht (für mich) gerade deswegen den Eindruck auch die Wurzeln der Geschichte authentisch zu erzählen. Je weiter es dann in der Geschichte voranschreitet, desto sachlicher und moderner wird das Buch in seinem Ton, die Figuren bleiben völlig unterschiedlich und absolut glaubhaft. Ein Buch mit ganz eigener Kraft und obwohl es in erster Linie nicht politisch ist, zu keinem Moment den erhobenen Zeigefinger präsentiert, regt es immer wieder zum Nachdenken an. Unbedingt lesen!

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1 Bibliothek, 0 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

Stillhalten

Nina Jäckle
Fester Einband: 190 Seiten
Erschienen bei Klöpfer & Meyer, 26.07.2017
ISBN 9783863514518
Genre: Romane

Rezension:

Lange habe ich kein Buch mehr gelesen, dass mich sprachlich so überzeugt hat wie “Stillhalten” von Nina Jäckle. Es ist ein Buch, welches erzählt wird durch die ebenso farbigen wie melancholischen Gedanken einer einzelnen Frau, die schon so viel durchlebt hat.

Tamara Danischewski war 1933 eine junge, aufstrebende Tänzerin, stand für den Maler Otto Dix Modell und träumte von einem wilden, bunten Leben. Der aufkommende Nationalsozialismus durchbrach diese Träume, sie rettete sich in die sichere Ehe mit einem unzufriedenen, langweiligen Mann. Diese Entscheidung ist es, die ihr Leben in neue Bahnen lenkt. Nun ist Tamara eine alte Frau und träumt wieder, sie träumt von einem Leben, in dem noch alle Türen offen schienen.

Obwohl “Stillhalten” ohne viel Dramatik auskommt, hat mich dieses Buch sehr bewegt. Es geht in diesem Roman um die Weggabelungen in einem Leben, die alles Entscheiden und alles Ändern können. Dabei fokussiert sich der Roman aber nicht auf die Phasen der Veränderung, sondern, wie der Titel schon andeutet, auf die Phasen der Stille und des Innehaltens. Tamaras bewegtes Leben wird in ihren Erinnerungen lebendig, aber oft sind es die ruhigen Momente hinter der Bühne oder beim Nähen eines Kostüms, die dargestellt werden und nicht der eigentliche Tanz.

Manchmal ist es fast schon schwer zu ertragen, wie traurig und gelähmt die Handlung in diesem Buch wirkt. Dabei schlagen in Tamaras Brust zwei Herzen: die einsame und müde alte Frau und die junge, ambitionierte Tänzerin. Dieser Kontrast wird durch das Gemälde, welches Otto Dix von Tamara malte besonders verdeutlicht. Während die echte Tamara allein in ihrem Landsitz lebt und nur einen räudigen Hund zum Gefährten hat, reist die gemalte Tamara um die Welt und wird allerorts bestaunt und bewundert. Immer wieder stoßen wir auf diese Kontraste, die mir beim Lesen schwer im Magen lagen.

Obwohl gerade die Themen rund um die politischen Rahmenbedingungen nur sehr vage und schemenhaft erzählt werden, sind auch sie von Bedeutung für diese Geschichte. Oft wenn es sich in Tamaras Gedanken oder den Aussagen “des Künstlers” um Krieg und Gewalt dreht, kommen kleine und große Wahrheiten ans Licht, die meist schnell wieder verdrängt werden.

“Genau so wird Grausamkeit erst möglich, denn sobald man das Leid verschweigt, ist Mitleid nicht mehr erforderlich.”

Für manchen Leser wird das Buch schwer zu verkraften sein, so viel Einsamkeit und Traurigkeit liegt in den Seiten, ist es doch die Geschichte eines gescheiterten Lebens. Auch bewegt sich die Handlung in diesem Buch nur mühsam voran, schlägt oft immer wieder Schleifen zurück. Eben wie die Gedanken einer Person, die ihr Leben noch einmal Revue passieren lässt. Mich hat die Lektüre dennoch, beziehungsweise genau deshalb, so angesprochen und zum Innehalten angeregt.

 


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76 Bibliotheken, 3 Leser, 0 Gruppen, 35 Rezensionen

oxford, roman, englische literatur, literatur, catherine lowell

Die Kapitel meines Herzens

Catherine Lowell , Gaby Wurster
Flexibler Einband: 352 Seiten
Erschienen bei Atlantik Verlag, 16.08.2017
ISBN 9783455650860
Genre: Romane

Rezension:

Natürlich lese ich in der Regel keine Bücher, von denen ich glaube, dass sie mir überhaupt nicht gefallen werden. Und natürlich habe ich mich auch für “Die Kapitel meines Herzens” von Catherine Lowell wegen des literarischen Themas schon vorab ein bisschen begeistert. Trotzdem muss ich zugeben, dass meine Erwartungen nicht sonderlich hoch waren. Umso mehr freut es mich, dass sie mehrfach übertroffen wurden und mich dieses Buch so toll unterhalten hat.

Es geht um Samantha, die letzte Nachfahrin der berühmten Brontë-Schwestern. Nach dem Tod ihres Vaters sieht sie sich mit einem seltsamen Nachlass konfrontiert und soll sich das erste Mal allein ihrer Familiengeschichte stellen. Dafür muss sie sich gleichzeitig mit der literarische Biografie der Brontës auseinandersetzen, für eine junge Literaturstudentin eigentlich die leichteste Übung? Das sollte es sein, aber ihr attraktiver Literaturprofessor und einige unangenehme Zeitgenossen aus der Vergangenheit ihres Vaters lenken Samantha doch gehörig ab.

Ich weiß nicht genau in welche literarische Schublade ich “Die Kapitel meines Herzens” stopfen kann. Es ist einer dieser wirklich gemütlichen “Frauenromane”, aber ohne die üblichen Klischees zur weiblichen Hauptfigur: Samantha ist weder umwerfend schön, noch naiv und zart. Sie ist sozial etwas unbeholfen, aber nicht auf mädchenhaft-niedliche Art, sondern rüpelig und fast ein bisschen trampelig. Bei den Dialogen im Buch bekommt sie eine patzige und irgendwie nervige Stimme, wirkt aber auch charmant und liebenswert.
Auch der Liebesroman-Faktor in diesem Buch ist angenehm niedrig. Ja, da gibt es eine kleine Romanze (und einen völlig überflüssigen zweiten Mann, der aus dem Roman entfernt werden könnte, ohne etwas Entscheidendes zu verändern) aber die ist nicht leidenschaftlich und knisternd, keiner hüpft auf rosa Wolken.

Stattdessen wird viel über Literaturverständnis und speziell die Bücher der Brontës gesprochen. Es wird darüber gestritten, ob Romane metaphorisch oder wortwörtlich zu verstehen sind und woran man das wohl erkennt? Es geht außerdem darum, warum besonders Frauen sich mit Kunst und Literatur beschäftigten und welche Aspekte ihres Lebens darin verarbeitet wurden. Besonders diese Abschnitte über das Lesen und die Werke der Brontës haben mir unheimlich gut gefallen.

“Lesen lehrt einen, Mut aufzubringen. Der Autor versucht, den Leser davon zu überzeugen, dass etwas Fiktives real ist. Es ist eine lächerliche Forderung, und sie stellt die geistige Gesundheit des Lesers in Frage.”

Gerade durch die Bezüge zu den real existierenden Romanen der Brontës fiel es mir leicht, mich Hals über Kopf in diese Fiktion zu stürzen. Ich habe der Autorin gern meine geistige Gesundheit überantwortet. Das hängt aber auch damit zusammen, dass der Stil des Buches sich besonders bei den Abschnitten über die Literatur durch eine sehr farbige und irgendwie “kuschelige” Sprache auszeichnet. Alles ist mit ausreichend Details beschrieben, aber trotzdem nicht umständlich oder langatmig.

“Die Kapitel meines Herzens” ist keine große Weltliteratur, aber ein Buch das doch viel mehr zu bieten hat, als Cover und Klappentext vermuten lassen. Wohlfühllektüre für den Herbst, aber auch eine Verführung sich mit vielen großen Klassikern noch einmal neu zu beschäftigen.

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132 Bibliotheken, 18 Leser, 0 Gruppen, 13 Rezensionen

paul auster, new york, amerika, lebensgeschichte, roman

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Paul Auster , Thomas Gunkel , Werner Schmitz , Karsten Singelmann
Fester Einband: 1.264 Seiten
Erschienen bei Rowohlt , 31.01.2017
ISBN 9783498000974
Genre: Romane

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19 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 5 Rezensionen

krimi, roman, england

Agathas Alibi

Andrew Wilson , Michael Mundhenk
Fester Einband: 384 Seiten
Erschienen bei Pendo Verlag, 02.05.2017
ISBN 9783866124226
Genre: Historische Romane

Rezension:

Wer die Bücher von Agatha Christie und (wie ich) True-Crime-Stories mag, wird dieses Buch lieben! Natürlich ist “Agathas Alibi” nicht ganz “true” Crime, aber die beste Verstrickung von Fiktion und realem Geschehen, die ich seit langem gelesen habe.

Um was geht es? Im Dezember 1926 verschwand die berühmte Autorin spurlos, elf Tage lang wurde sie unter riesigem Polizeiaufgebot und dem Einsatz tausender freiwilliger Helfer erfolglos gesucht… bis sie schließlich in einem Hotel in Harrogate völlig wohlbehalten entdeckt wurde. Agatha Christie behauptete später an einer Amnesie zu leiden und sich an nichts zu erinnern. Was also genau in diesen elf verlorenen Tagen passierte, blieb unklar.

Obwohl Andrew Wilson sich beeindruckend genau an die historischen Details dieses Falls hält, entspinnt er gleichzeitig einen echten Krimi. Er füllt die Lücken zwischen den bekannten Geschehnissen mit einer Handlung, die perfekt zu Agatha Christie passt, schlüssig ist und trotzdem verrückt und neu daherkommt.

Das die Geschichte aus der Perspektive von Agatha Christie erzählt wird, hat mich zunächst skeptisch gemacht. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass ihre erzählende Stimme authentisch wirken würde. Doch genau das tut sie. Andrew Wilson kupfert keineswegs den Schreibstil von Agatha Christie ab, hält sich in Wortwahl und Argumentationen aber toll an die Autorin und ihre Zeit. Der dadurch entstehende ruhige und teils fast sachliche Ton der Geschichte, hat in meinen Augen perfekt zur Handlung gepasst.

Spannend wird es trotzdem, denn was Agatha alles in der verschollenen Zeit erlebt ist nicht nur unterhaltsam, sondern auch kriminell. Sehr schön und passend werden dabei zudem ihre eigenen Bücher eingewoben. Nicht altklug und nach dem Motto “schaut nur, wie viele Details ich unterbringen kann” sondern als angenehm in die Handlung verstrickte Hinweise und Gedanken der erzählenden Stimme über “ihre Bücher”. Der spekulative Charakter der Geschichte wird ganz nebenbei auch immer wieder durch die Phantasien und Grübeleien der Hauptfigur unterstrichen. Manchmal meint man in den Gedanken einer Krimiautorin zu lesen, die in allem eine nächste Geschichte wittert.

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5 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

Mein pochendes Leben

Ae-ran Kim , Sebastian Bring
Fester Einband: 320 Seiten
Erschienen bei Cass, 10.03.2017
ISBN 9783944751122
Genre: Romane

Rezension:

Dieses Buch hat mir die Luft geraubt, in “Mein pochendes Leben” von Ae-Ran Kim wurde mir ein Freund geschenkt und sofort wieder entrissen. Das Buch handelt von Arum, einem 16jährigen Jungen der an Progerie erkrankt ist. Progerie ist eine Krankheit, welche den Körper fünf- bis zwanzigmal schneller altern lässt, als normal. Arum lebt mit seiner jungen Seele im Körper eines 80Jährigen, leidet unter den Begleiterscheinungen der Krankheit und vor allem unter seiner Einsamkeit. Um Geld für seine weitere Behandlung zu sammeln, tritt Arum eines Tages mit seiner Familie in einer Fernsehsendung auf. Die Sendung wird ein Erfolg und neben Spenden bekommt Arum auch eine Mail von einem jungen Mädchen. Ein echter Hoffnungsschimmer in seinem eintönigen Krankenhausleben…

Diese Geschichte hat mich wirklich fertig gemacht. Ich habe lange nicht mehr bei einem Buch geweint, konnte aber in den letzten Kapiteln einfach nicht mehr an mich halten. Man möchte die Geschichte nicht loslassen, möchte aber auch nicht, dass sie weiter geht, zu groß ist der Schmerz.
Arum ist einer der sympathischsten und liebenswertesten Figuren, die mir in Büchern je begegnet sind. Seine Erkrankung ist ein zentraler Bestandteil der Geschichte und trotzdem nicht das zentrale Element seines Charakters. Er hat nicht die typischen “letzten Wünsche” und “vermeintlich einfachen Bedürfnisse” eines Todgeweihten, sondern einfach die Probleme eines 16jährigen Jungen. Arum möchte noch schnell erwachsen werden und seinen Eltern eine Geschichte ihrer Familie hinterlassen. Seine Figur wird mit viel Witz und Charme, Bescheidenheit aber auch einer ganzen Menge Realismus dargestellt. Er ist durch die Krankheit gereift und eben doch noch ein Junge. Eine spannende Mischung, die man seiner Figur so vollkommen abnimmt.
Besonders sind auch die übrigen Protagonisten der Geschichte, welche durch eine sehr reduzierte Besetzung auffällt. Neben Arum sind vor allem seine Eltern die Hauptfiguren der Handlung und bilden einen tollen Kontrast zu ihm. Arum ist eine junge Seele im alten Körper, seine Eltern sind junge Menschen die früh die Verantwortung der Elternschaft übernehmen mussten. Die Grenzen zwischen Eltern und Kind, Lebenserfahrung und “alter Seele” verschwimmen in der Handlung dadurch immer wieder leicht.

“Mein pochendes Leben” fällt vor allem durch seine poetische und sanfte Sprache auf. Nichts in der Geschichte, aber eben auch in ihrer Erzählweise, ist laut oder schnell. Die traurigen Momente sind getragen und schwer, das Glück ist glitzernd und luftig. Ein Buch, welches sich mit Genuss lesen lässt, weil es Form und Inhalt so wunderschön verbindet. Trotz dieser Leichtigkeit und Schönheit ist “Mein pochendes Leben” aber stellenweise auch bitter wie das Leben.

Man könnte sagen, dass es in dieser Geschichte um Krankheit und das Sterben geht, aber so richtig stimmt das nicht. Wie der Titel sagt, geht es einfach um das pochende Leben, um Eltern und Kinder, Verlust und Abschied. Ganz und gar keine leichte Kost, aber tief berührend und jede Seite und Träne wert.

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29 Bibliotheken, 1 Leser, 1 Gruppe, 16 Rezensionen

galapagos, evolution, brandstiftung, hybriden, meeresbiologie

Abgrund

Bernhard Kegel
Fester Einband: 352 Seiten
Erschienen bei mareverlag, 28.02.2017
ISBN 9783866482517
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Ein wenig erinnert “Abgrund” von Bernhard Kegel an Frank Schätzings “Der Schwarm”. Zwar ist “Abgrund” nicht ganz so episch und dramatisch, thematisiert das Meer aber auch als eine gewaltige, uns fast unbekannte Kraft. Eine Kraft, von deren sensiblem Gleichgewicht unser aller Leben abhängt. Bernhard Kegel schafft es dieses aktuelle ökologische Thema in einer spannenden Romanhandlung zu verpacken.

Anne Detlefsen und Hermann Pauli, sie Kriminalbeamtin und er Biologe (schon bekannt aus Bernhard Kegels Roman “Der Rote”), verbringen ihre Ferien auf den Galápagosinseln. Obwohl das Paar eigentlich nur Erholung sucht, können sie sich ihrer jeweiligen Passion nicht verwehren und werden unversehens in spannende Geschehnisse verwickelt. So engagiert sich Hermann bei der Suche nach einem mysteriösen Hai, während Anne einer Serie rätselhafter Schiffsbrände auf den Grund geht.

Die Handlung in “Abgrund” wirkt manchmal etwas konstruiert und scheint stark auf die Kernthemen des Buches ausgerichtet zu sein, entwickelt aber trotzdem innerhalb weniger Seiten eine ungemeine Spannung. Das lag für mich vor allem am ungewöhnlichen Handlungsort und den verschiedenen damit verbundenen Konflikten. Es geht um Tourismus und Artenschutz, die Probleme der armen Bevölkerung in Ecuador und immer wieder die Meere.

Hauptthema des Buches ist das fragile Gleichgewicht der Meere, welches durch schlechte Umweltbedingungen wie steigende Temperaturen, nachhaltig zerstört zu werden droht. Das vernichtet große Teile der sensiblen Korallenriffe und gefährdet das Überleben zahlreicher Arten. Diese Themen, so bedrückend sie auch sind, werden fundiert und verständlich in den Roman integriert. Mein einziger Kritikpunkt sind in dieser Hinsicht die leider teilweise etwas hölzern wirkenden Dialoge. Um bestimmte Informationen in die Geschichte einzuweben, finden zwischen den Charakteren schulbuchartige Gespräche statt. Zwar soll das vermutlich dem Lesefluss dienen und diese Passagen auflockern, mich hätten diese Informationen aber auch nicht im Fließtext gestört.

Bis auf Anne und Hermann werden die Figuren in dieser Geschichte übrigens nur skizzenhaft charakterisiert. Auch das unterstreicht für mich den Eindruck, dass “Abgrund” völlig auf das zentrale Thema fokussiert ist. Für meinen Geschmack passte das gut zum Rahmen des Buches, da es weniger die Figuren und ihre Handlungen sind, die im Gedächtnis bleiben, als vielmehr die beeindruckende Kulisse und die interessante ökologische Problematik.

Insgesamt hat mich “Abgrund” beeindruckt, gut unterhalten und trotz anfangs etwas vorhersehbarer Entwicklungen später wirklich überrascht. Ein Buch, das obwohl es nicht ganz perfekt ist, mit seiner beeindruckenden Botschaft noch lange im Kopf bleibt.

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119 Bibliotheken, 0 Leser, 1 Gruppe, 46 Rezensionen

insel, überleben, überlebenskampf, auszeit, drama

Herz auf Eis

Isabelle Autissier , Kirsten Gleinig
Fester Einband: 224 Seiten
Erschienen bei mareverlag, 07.03.2017
ISBN 9783866482562
Genre: Romane

Rezension:

Ermüdet von ihrem langweiligen Stadtleben macht sich in “Herz auf Eis” ein junges, sportliches Paar auf eine große Reise. Gemeinsam wollen sie, wenn auch nicht die Welt, doch zumindest Afrika mit dem Segelschiff umrunden. Als sie sich dem Kap Hoorn nähern und einen unerlaubten Abstecher auf eine unbewohnte Insel machen, geschieht das unfassbare. Das Schiff reißt sich im Sturm los und Lousie und Ludovic bleiben in den eisigen Gewässern der Antarktis verlassen auf der Insel zurück.

Was sich daraus entspinnt ist ein Szenario, dass ein wenig an “Robinson Crusoe” erinnert, aber durch die Konflikte des jungen Paares noch einiges an Spannung gewinnt. Wo bleiben Liebe und Rücksicht, wenn es um das nackte Überleben geht? Die Autorin entwirft geschickt ein Beziehungsdrama, in dem die Protagonisten vor Hunger und Erschöpfung dünnhäutig geworden, ihre Gefühle ganz neu ausloten. Sie schwanken zwischen absoluter Hingabe und Zurückweisung, denn einerseits brodeln Schuldzuweisungen in ihnen, andererseits benötigen sie sich gegenseitig zum Überleben. Diese Gefühlsstürme sind für den Leser spannend zu verfolgen.

Ich möchte nicht mehr über den Verlauf der Handlung erzählen als nötig, denn ganz unbedarft kann man die Lektüre dieses Buches wohl am besten genießen. “Herz auf Eis” hat sich viel weiter beziehungsweise in ganz andere Regionen getraut, als ich es erwartet hatte. Es geht um Liebe und Zusammenhalt, Moral und Wahrheit. Durch die anhaltende Extremsituation übertreten die Protagonisten ihre körperlichen und seelischen Grenzen ständig.

Anfangs schienen mir die beiden Charaktere Louise und Ludovic etwas konstruiert, ihre Stärken und Schwächen passen so extrem gut zur Situation, in die sie von der Autorin geworfen werden. Das hat mich zunächst etwas gestört. Im weiteren Verlauf der Geschichte aber wird klar, dass die Wendungen der Geschichte und vor allem die harten moralischen Fragen mit denen sie konfrontiert werden sonst kaum möglich gewesen wären. Genau das ist es aber, was mich schließlich so begeistert hat.

Auf den knapp 220 Seiten leidet und kämpft man mit Lousie und Ludovic, erlebt die bedrückende Einöde der Insel und ihrer Situation. In ihrem feinen, reduzierten und doch ausreichend detaillierten Stil beschreibt Isabelle Autissier die härte der Natur und der menschlichen Gefühle wunderbar facettenreich. Dadurch ist das Buch im wahrsten Sinne des Wortes cool. “Herz auf Eis” ist nicht romantisch, hebt keinen moralischen Zeigefinger und belehrt. Es beschreibt sachlich und doch mit vielschichtigem Gefühl eine menschliche Extremsituation.

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5 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 2 Rezensionen

detektiv, englische literatur amerikas, serie, belletristik, hardboiled

Gänsehaut

Ross Macdonald , Gretel Friedmann [Übers.]
Flexibler Einband: 229 Seiten
Erschienen bei Diogenes, 01.01.1976
ISBN B002CDX31Q
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Ich warne euch: wenn man einmal mit den Krimis von Ross Macdonald beginnt, kann man leicht in eine echte Sucht abrutschen. Zumindest mir geht es so. Ich startete vor einer Weile mit “Schwarzgeld” und bin diesem Autor seitdem verfallen. Seine Bücher, ursprünglich erschienen in den 60er Jahren, strahlen eine ganz besondere Atmosphäre aus. Alles ist schick und edel, die Menschen reich und schön. Trotzdem verbergen sich hinter der feinen Fassade immer wieder menschliche Dramen, so auch in “Gänsehaut”.

Privatdetektiv Lew Archer wird diesmal zu einem recht ungewöhnlichen Fall gerufen: eine junge Braut verschwindet am Tag nach ihrer Hochzeit plötzlich aus dem Hotel in dem sie mit ihrem Gatten die Flitterwochen verbringen möchte. Der verlassene (und verzweifelte) Ehemann betraut Archer mit der Suche nach seiner Frau. Diese ist zwar schnell aufgespürt, weigert sich jedoch zurückzukehren. Warum? Dem geht Archer natürlich auf den Grund und enthüllt dabei einige düstere Familiengeheimnisse.

In dieser Geschichte führt Archers Ermittlungsarbeit weniger von Person zu Person, sondern vielmehr in die Vergangenheit der jungen Braut. Eine spannende Geschichte entwirrt sich vor dem Leser, die unerwartet auch wieder richtig kriminell wird. Das “Entwirren” ist dabei aber leider ein bisschen anstrengender als in meinem ersten Krimi von Macdonald. In dieser Geschichte hat mich die schiere Anzahl und verwirrende Verbindung der einzelnen Figuren schon manchmal ganz schön ins Grübeln gebracht. Zum Glück wird die Beharrlichkeit am Ende mit einem tollen Finale und einer schlüssigen, interessanten Auflösung des Falles belohnt.

Was sich schon im ersten Roman andeutete, hat sich diesmal endgültig bestätigt: Macdonald ist nicht nur ein guter Erzähler, sondern auch ein großer Autor. Sein Stil ist voll geschmeidiger und spannender Metaphern. Er zeichnet von den kleinsten Emotionen die größten und beeindruckendsten Bilder.

“Sie stand vor ihm, fast so groß wie er mit ihren Absätzen, fast so breit wie er in ihrem Mantel, fast so stur wie er in ihrem Stolz.”

Immer wieder stolpere ich so über Beschreibungen, die so schön sind, dass man sie sich fast einrahmen möchte. Schon allein sprachlich sind diese Kriminalromane daher herausragend und ein echter Genuss.
Und auch Lew Archer als Protagonist der Geschichten wird mir von Seite zu Seite sympathischer: er ist integer, klug und locker humorvoll ohne die Haltung zu verlieren. Ein Ermittler, dem ich literarisch einfach gern folgen möchte.

Insgesamt ist “Gänsehaut” nicht ganz so perfekt wie “Schwarzgeld” zuvor, aber für Wiederholungstäter dringend zu empfehlen, 4 von 5 Sternen. Bei mir liegen nun auch schon die nächsten Krimis von Macdonald bereit, so dass ich schnell wieder in diese einmalige Stimmung abtauchen kann.

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31 Bibliotheken, 2 Leser, 0 Gruppen, 8 Rezensionen

Die unbekannte Terroristin

Richard Flanagan , Eva Bonné
Fester Einband: 336 Seiten
Erschienen bei Piper, 01.09.2016
ISBN 9783492057103
Genre: Romane

Rezension:

Im Moment genießt kaum etwas so große mediale Aufmerksamkeit, wie die Verfolgung von Terroristen nach Anschlägen. Neben der Wut, die aus Trauer und Verzweiflung entsteht, macht sich da auch eine gewisse Sensationsgier bemerkbar. Aber was passiert, wenn ein Mensch irrtümlich in diese Maschinerie gerät?
In “Die unbekannte Terorristin” wird die junge und recht naive Stripperin Gina Davies völlig unversehens in diese Situation hineingezogen. Nach einem One Night Stand mit einem attraktiven Fremden erkennt sie sich auf Bildern einer Überwachungskamera wieder, mit denen nach vermeintlichen Terroristen gefahndet wird. Der attraktive Fremde war ein gesuchter Terrorist und sie ist plötzlich die unbekannte Terroristin.  Schnell wird auch ihre Identität aufgeklärt und eine regelrechte Hetzjagd entbrennt.

Die Thematik des Buches ist so aktuell wie beklemmend und hat mich gerade nach den neuesten Geschehnissen interessiert. Welche Rolle spielen Medien und öffentliche Meinung in einer solchen Situation? Schön gezeigt wird der Kontrast zwischen der Berichterstattung über Gina und ihren eigentlichen Hintergründen.

Ihr Leben war nicht mehr das, was sie daraus machte, sondern das, was die anderen darüber sagten.

Leider kann das, wenn man möchte in eine ganz bestimmte Richtung gelesen werden, die mir nicht behagt. Die eigentliche Botschaft kommt nämlich viel mehr in den inneren Monologen der Protagonistin zum Ausdruck: wir machen es uns zu leicht, wir urteilen zu schnell. Diese Tatsache verkörpert die Protagonistin perfekt, war sie einmal Teil der “urteilenden Masse” und nun Opfer eben dieser Anschuldigungen.

Gegen sie, die immer der Meinung gewesen war, dass jeder, der als böse dargestellt wurde, auch tatsächlich böse war! Gegen sie, die nie in Zweifel gezogen hatte, dass die selbst ernannten Richter das Recht zu urteilen hatten.

Diese Aussage wird immer wieder deutlich, wenn im Verlauf der Handlung immer neue Fakten über Gina gefunden werden und ihre gesamte Vergangenheit umgedeutet wird. Das hat nicht (nur) etwas mit bewusster Falschmeldung zu tun, sondern auch mit der gefärbten Wahrnehmung von Fakten im Hinblick auf eine bestimmte Erwartung.

Die Spannung der Geschichte zieht sich vor allem aus der überstürzten Flucht unserer Protagonistin und der Jagd durch die Medien. Leider wirkt vieles für meinen Geschmack etwas zu konstruiert, um eine allgemeingültige Botschaft zu überbringen. Einige Aspekte der Handlung scheinen einfach nicht ganz rund zu harmonieren. So ist zum Beispiel Gina und ihre Lebenssituation, aber auch ihre Handlungen sehr speziell. Ihre teils unlogischen Reaktionen auf das Geschehen könnten entweder ziemlich authentisch wirken oder auch die daraus folgende Handlung fragwürdig erscheinen lassen.

Die Erzählweise von Richard Flanagan hat mich hingegen wirklich überzeugt. Zwar wird Gina im Buch recht penetrant immer wieder als “die Puppe” benannt, der raue Erzählton passt jedoch wunderbar zu dieser Geschichte. Die inneren Monologe der Protagonistin, ihre doch recht gefühlvollen Überlegungen bilden dazu dann einen schönen Kontrast.

Für mich war “Die unbekannte Terroristin” nicht ganz wie erwartet, aber doch eine spannende Lektüre. Ein Buch über Selbst- und Fremdwahrnehmung und das einfache Vorverurteilen anhand “offensichtlicher” Fakten.

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6 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 3 Rezensionen

Schwarzgeld

Ross Macdonald , Karsten Singelmann
Flexibler Einband: 400 Seiten
Erschienen bei Diogenes, 28.09.2016
ISBN 9783257300406
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Noch nie habe ich so einen schicken und eleganten Kriminalroman wie “Schwarzgeld” von Ross Macdonald gelesen. Bereits 1966 im Original erschienen und erstmals 1995 ins Deutsche übersetzt, hat der Diogenes Verlag nun eine wunderbare und stilvolle Neuübersetzung des Buches veröffentlicht, die modern daher kommt und den besonderen Charakter der Geschichte trotzdem erhält.

“Schwarzgeld” ist ein Band aus der Reihe rund um den charmanten und dennoch ziemlich toughen Privatdetektiv Lew Archer. Seine Fälle sind einerseits klassische Kriminalgeschichten, gleichzeitig aber wirklich ungewöhnlich arrangiert. So dreht sich auch “Schwarzgeld”  nicht um die Leiche im Keller und den Gärtner als Mörder, sondern um eine verschmähte Liebe und die Machenschaften der wohlhabenden Gesellschaft. Es ist nämlich ein verlassener Verlobter, der Lew Archer beauftragt dem neuen Mann im Leben seiner Geliebten auf die Schliche zu kommen. Mit dem eitlen Pfau kann etwas nicht stimmen, er scheint sich das Herz der Frau und den Zugang zum noblen Tennisclub in Montevista erschwindelt zu haben.

Was jetzt vielleicht unspektakulär klingt, entwickelt sich zu einer tollen Geschichte in der feinen amerikanischen Gesellschaft. Es geht um Spielsucht, Betrug, Mord und das titelgebende Schwarzgeld. Die Geschichte bemüht sich in Kreisen, in denen alle bemüht sind die sprichwörtliche weiße Weste zu behalten und führt Lew Archer dennoch in menschliche Abgründe. Gelungen thematisiert wird die Bedeutung von Herkunft und Streben eines Menschen für seinen Platz in der Gesellschaft. Können wir jemals aus unserer Haut?

Wunderbar gelungen sind vor diesem Hintergrund vor allem die Figuren, die diese Geschichte bevölkern. Vom Auftraggeber Archers, einem stark übergewichtigen und stark verunsicherten jungen Mann aus bestem Hause, über den unerwünschten Eindringling bis hin zu den Mitgliedern des schicken Tennisclubs, hat der Autor spannende und ungewöhnliche Charaktere geschaffen. Immer wieder zeigen sie die Licht- und Schattenseiten der amerikanischen Gesellschaft, den Wunsch nach Ruhm und Reichtum genauso wie die Laster und menschlichen Schwächen.
Auch Archer selbst ist ein facettenreicher Charakter, distanziert und trotzdem vor allem bei der Damenwelt äußerst beliebt. Im Gegensatz zu Helden von heutigen Kriminalromanen schleppt er keine klischeehaften eigenen Probleme mit sich herum, sondern ist unaufgeregt und integer, ein einfach cooler Ermittler.

Was mich aber völlig begeistert hat ist Ross Macdonalds tolle, bildhafte Sprache. Die Übersetzung ist gelungen “entstaubt”, ihr Alter merkt man der Geschichte wirklich nicht an, gleichzeitig aber sehr elegant. Vor allem bei der Beschreibung von Personen und Gesprächen wird dies durch sehr eindrückliche Metaphern ergänzt, die mir nicht mehr so schnell aus dem Kopf gehen.

“Sie biss sich auf die Lippen, wie um sich dafür zu bestrafen, dass sie zu viel gesagt hatte.”

Ehe ich zu viel sage kurz und gut: ich bin süchtig. Für mich ist Ross Macdonald feines Krimi-Lesefutter, spannende Geschichten, die mich nicht mehr loslassen.

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39 Bibliotheken, 0 Leser, 1 Gruppe, 15 Rezensionen

mississippi, rassismus, die toten von natchez, kennedy, politischer mor

Die Toten von Natchez

Greg Iles , Ulrike Seeberger
Fester Einband: 1.008 Seiten
Erschienen bei Rütten & Loening Berlin, 18.04.2016
ISBN 9783352006654
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Im letzten Jahr habe ich “Natchez Burning” trotz seiner über Tausend Seiten geradezu verschlungen und hungrig auf den nächsten Band der Trilogie gewartet. Nun ist “Die Toten von Natchez” erschienen und auch wieder ein echtes Schwergewicht. Es ist toll zum Schmökern, konnte die Begeisterung des ersten Bandes aber leider nicht vollständig aufrecht erhalten.

In “Die Toten von Natchez” treffen wir wieder auf Penn Cage, den Bürgermeister der kleinen Gemeinde Natchez am Mississippi. Gemeinsam mit seiner Frau, einer lokalen Reporterin, ist er weiterhin auf den Spuren mehrerer Morde aus den 1960er Jahren in die auch seine Familie tragisch verwickelt ist. Alles dreht sich um die Verbrechen der sogenannten “Doppeladler” einer gewalttätigen rassistischen Gruppe, deren Mitglieder teils wichtige Positionen in der Gesellschaft betrauen.

Anders als im ersten Band werden in diesem Buch ausschließlich die Handlungsstränge der Gegenwart weitergeführt. Der vorher spielerische Wechsel zwischen Vergangenheit und gegenwärtigen Entwicklungen, Mutmaßungen und Entdeckungen, die sich gekonnt verweben, fehlten mir sehr. Die Erzählweise der Geschichte wirkte mir etwas zu direkt, die Entwicklungen werden schlicht offengelegt. Die geheimnisvolle, mysteriöse und teils verwirrende Atmosphäre des ersten Bandes konnte mich besser fesseln.

Trotzdem ist “Die Toten von Natchez” kein Buch, das man zur Seite legen möchte. Es ist weiterhin toll gelungen die Schicksale der vielen Protagonisten fortzuführen. Die Charaktere kämpfen mit Eitelkeiten, Macht und Schuld. Die Fülle der Handlungsstränge verbindet sich dabei spannend und schlüssig.
Über allem steht die Frage, wie weit wir einen Menschen wirklich kennen können. Erste Geheimnisse und Dramen werden nun enthüllt, die sich im ersten Band nur andeuteten. Zusätzlich werden Gerechtigkeit und Ehrlichkeit mehr ins Zentrum der Geschichte gerückt. Dadurch entwickelt sich die Erzählung und ist nicht schlicht ein Weiterführen des ersten Bandes, sondern setzt eigene interessante Aspekte.
Leider fehlte der Geschichte ein so grandioser Cliffhanger, wie sie der erste Band noch aufwies. Fast wirkte “Die Toten von Natchez” abgeschlossen, nur wenige Geheimnisse bleiben zu lüften.

“Die Toten von Natchez” ist ein spannender und unterhaltsamer Roman, der wieder eine gelungene Verbindung historischer Ereignisse und spannender Kriminalfälle schafft.

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29 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 8 Rezensionen

spaß, freundschaft, roadtrip

Umweg nach Hause

Jonathan Evison , Isabel Bogdan
Flexibler Einband: 384 Seiten
Erschienen bei Blanvalet, 18.07.2016
ISBN 9783734102660
Genre: Romane

Rezension:

Weil für mich Bücher auch immer eine Reise und ein Aufbruch ins Unbekannte sind, lese ich unheimlich gern Roadtrips. Einen ganz Besonderen habe ich in „Umweg nach Hause“ gefunden.

Eigentlich möchte Ben, der nach einem Schicksalsschlag eher orientierungslos vor sich hin lebt, nur wieder zu Geld kommen. Nach einem kurzen Lehrgang bekommt er kurzfristig einen Job als Pfleger des schwerbehinderten Trevor. Dieser ist ein mürrischer Teenager wie er im Buche steht und hat „ganz nebenbei“ noch ALS. Statt Trevor weiterhin in seiner Komfortzone zu betreuen (die primär aus Waffeln und dem Wetterbericht im TV besteht), möchte Ben ihm die Welt zeigen… oder doch zumindest das größte Erdloch der Welt.

Ein wenig erinnert die Geschichte an den Kinoerfolg „Ziemlich beste Freunde“, ein billiger Abklatsch ist sie in meinen Augen dennoch nicht. „Umweg nach Hause“ wirkt etwas chaotischer und planloser und ist insgesamt jugendlicher als „Ziemlich beste Freunde“. Das macht sich schon durch die Sprache und die Gedanken der Figuren bemerkbar. Ich mag so etwas und fühlte mich von dem unkonventionellen, frechen Ton gut angesprochen. Die Witze gehen manchmal fast unter die Gürtellinie, die Situationen scheinen bizarr aber genau dadurch ist die Geschichte so lebendig.

Außerdem spielt neben Behinderung und Pflege vor allem das Thema Elternschaft in all seinen Facetten eine zentrale Rolle. Das Buch handelt vom Eltern werden, vom (Über)Behüten, vom Loslassen und Versöhnung. Für meinen Geschmack ist es wunderschön gelungen, wie dieses Thema durch die unterschiedlichen Charaktere immer neue Aspekte gewinnt. Auch Trevor ist in der Geschichte nicht „nur der Behinderte“. Seine schwierige Beziehung zum Vater und die Kraft, die Verzeihen manchmal kostet, sind gelungene Aspekte der Geschichte und lassen ihn als Protagonisten angenehm normal wirken. Gerade das macht die Geschichte für mich einzigartig.

Natürlich steht Trevors Behinderung und sein Charakter insgesamt im Mittelpunkt der Geschichte ist aber für meinen Geschmack angenehm unkompliziert in die Handlung eingewoben. Ich kann nicht beurteilen, in wie weit das einer so schwerwiegenden Erkrankung gerecht wird und ob der Ton in dieser Hinsicht immer angemessen ist. Es schafft für mich aber den Spagat zwischen schwierigem Thema und unterhaltsamer, unverkrampfter Darstellung.

Gelungen ist in meinen Augen auch die Art, wie Ben als Pfleger genügend Raum in der Geschichte bekommt. Durch immer wieder eingestreute Rückblenden erfahren wir seine (tragische) Geschichte. Er ist nicht der konturlose Typ, der Trevor aufs Klo hilft, sondern bekommt ein ganz eigenes Gesicht, Träume und Probleme. Erst dadurch wurde die Handlung in sich wirklich nachvollziehbar.

Ihr merkt, insgesamt habe ich wirklich wenig bis nichts zu meckern. Die Geschichte mag erzählerisch nicht jedermanns Geschmack sein, dafür sind Ton und Stil vielleicht ein bisschen derb. Für mich bildet all das aber genau die richtige Einheit.

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16 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 3 Rezensionen

deutsch, erzählung, roman, kanadier, erzählband

Die steinerne Matratze

Margaret Atwood , Monika Baark
Fester Einband: 304 Seiten
Erschienen bei Berlin Verlag, 02.11.2016
ISBN 9783827013187
Genre: Romane

Rezension:

Auch Margaret Atwoods neueste Kurzgeschichtensammlung “Die steinerne Matratze” war für mich wieder eine reine Freude. Ihre Geschichten sind abwechslungsreich und hängen doch gleichzeitig eng zusammen. Sie drehen sich um das ehrliche, ungeschminkte Ich aber auch um das Alter und die Literatur.

Die ersten drei Geschichten “Alphinland”, “Wiedergänger” und “Black Lady” könnten für sich schon einen kleinen Roman bilden, da die Geschichten beziehungsweise ihre Protagonisten so eng zusammenhängen. Für mich war dabei schon “Alphinland” ein Highlight. Wir lernen eine betagte Schriftstellerin kennen, für die einfachste Erledigungen des Alltags eine schwere Last sind, die durch ihre Literatur aber nach wie vor völlig frei ist. Die von ihr entworfene Welt Alphinland ist Basis für viele Bestseller, das Schreiben für sie jedoch mehr Rettung als Beruf. Wie still und sanft Margaret Atwood die Geschichte dieser Frau erzählt, hat mich beeindruckt. In wenigen Sätzen erscheint das Bild einer gebrechlichen und doch löwenstarken Frau, allein durch die kluge Beschreibung ihres Handelns.
Umso begeisterter war ich, als ich Figuren aus der ersten Geschichte auch in den folgenden beiden wiedertraf. Auch in “Wiedergänger” steht ein Schriftsteller (oder eher: Poet) im Zentrum. Anders als in der ersten Geschichte wurde dieser vom Erfolg verbittert und verstockt. Die Kontraste zwischen den Geschichten könnten nicht größer sein, die Verbindungen dennoch kaum enger. In beiden Geschichten spielt die Literatur und das Schreiben eine wichtige Rolle, ich fragte mich, ob Margaret Atwood dadurch auch über ihre eigene Beziehung zum Schreiben spricht.
Besonders spannend ist, dass in den Geschichten immer wieder ein Kontrast oder Konflikt der Figuren deutlich wird: ihr inneres Ich und das Bild, welches andere von ihnen haben, klafft manchmal Kilometerweit auseinander.

An diese drei Geschichten anschließend folgen weitere, losgelöste Erzählungen. Da ist das kurze und düstere “Lusus Naturae”, welches wie ein böses Märchen wirkt. Obwohl diese Geschichte sehr abstrakt erzählt ist, ohne Einordnungen und Namen auskommt, behandelt auch sie ähnliche Themen wie die ersten Geschichten. Es geht um das eigentliche Wesen eines Menschen, was es ausmacht und wie es seinen Lauf findet.

Die titelgebende Erzählung “Die steinerne Matratze” wiederum ist gegründet auf Überlegungen, die viele Krimileser kennen: die Frage nach dem perfekten Mord. Sie ist toll konstruiert und dazu noch in wenigen Sätzen in eine erschütternde Hintergrundgeschichte eingeordnet. Auch erzählerisch, merkt man einen deutlichen Wechsel zwischen den Geschichten. Margaret Atwood schafft es immer wieder neu, ihre Botschaft genau richtig zu verpacken. Sie ist kurz und knapp um Spannung aufzubauen, sanft und eindringlich wo es angebracht ist.

Ein bisschen schwächelnd zwischen all der Pracht scheint übrigens “Der gefriergetrocknete Bräutigam”, eine Geschichte die für mich wie ein kurzes, geschriebenes Bild wirkte. Eher der Anfang einer Geschichte, als wirklich eine vollständige Erzählung. In einer Sammlung ist es aber auch völlig normal, dass die verschiedenen Geschichten nicht jeden Leser gleich begeistern.

Insgesamt hat “Die steinerne Matratze” für mich wieder all jene Qualitäten, für die ich Margaret Atwood so liebe: ihre Geschichten sind klug und offenkundig unterhaltsam, bringen aber auch hintergründig zum Nachdenken. Jede Geschichte bietet genügend Facetten und kann auch nach mehrmaligem Lesen immer noch neue Seiten offenbaren.

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16 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 7 Rezensionen

unfall, mord, totschlag, to, gerichtsverfahre

Drei Söhne

Helen Garner , Lina Falkner
Fester Einband: 352 Seiten
Erschienen bei Berlin Verlag, 01.09.2016
ISBN 9783827012692
Genre: Romane

Rezension:

In “Drei Söhne” berichtet Helen Garner von einem Verbrechen, das die australische Öffentlichkeit jahrelang spaltete. Dieser wahre Fall scheint so makaber und verworren, wie ein schlechter Film und auch nach vielen Jahren mit dutzenden Prozesstagen bleiben Teile des Geschehens im Dunkeln. Am Vatertag des Jahres 2005 gerät Robert Faquharson mit seinem Auto von der Straße ab, der Wagen mit seinen drei kleinen Söhnen an Bord stürzt in einen Baggersee. Faquharson selbst kann sich retten, seine Söhne ertrinken. Was nach einer schrecklichen Tragödie klingt, gerät schnell in den Verdacht ein furchtbarer Mord zu sein: der Mord eines Vaters an seinen Kindern.

“Kleine Jungs! Wie können solche wilden, lebendigen Geschöpfe überhaupt sterben? Wie kann diese vergnügte Zauberhaftigkeit für immer ausgelöscht werden?”

Helen Garner ist sonst für ihre gefühlvollen Erzählungen und Kurzgeschichten bekannt, in “Drei Söhne” schafft sie es auch die enervierenden und langatmigen Teile eines Gerichtsprozesses mit viel Gefühl und Gespür für die Konflikte dieses Falles zu beschreiben. Vor allem die Tatsache, dass Faquharson als einziger “Zeuge” des Unfalls war und dennoch nichts aussagt beziehungsweise behauptet wegen einer Ohnmacht nichts sagen zu können, beleuchtet die Autorin von verschiedenen Seiten. So zweifeln wir mit ihr und bekommen eine Ahnung von unglaublich heiklen Situation des Falles.

Als reiner Indizienprozess geführt, werden die Verhandlungen von den Berichten der Sachverständigen dominiert. Zusätzlich kommen aber auch Personen zu Wort, die Faquharsons Charakter und seine teils belastenden Aussagen wiedergeben können. Toll gelungen ist es, wie Helen Garner diese Abschnitte auf die wesentlichen Fakten reduziert und sich sonst hauptsächlich mit der Wirkung der Aussagen und ihrer Bedeutung für den Fall beschäftigt. Da ihren Beschreibungen nach vor allem die Darstellungen über Vermessungen der Polizei etliche Tage in Anspruch nahmen, bin ich über diese gelungene Zusammenfassung wirklich dankbar.

Besonders begeistert hat mich außerdem, wie es die Autorin schafft ihre eigenen Überlegungen und Zweifel ganz natürlich in die Prozessbeschreibungen einzuweben. Diese Abschnitte sind sprachlich wunderschön, mitreißend und geben ein ganz eigenes Gefühl für diesen Fall und seine zentralen Fragen.

“Jeder weiß, dass die Erinnerung nicht einfach ein jederzeit zugängliches Dokument ist, dessen Inhalt von einem Öffnen zum nächsten genau gleich bleibt. Erinnerung ist ein stetiger, lebenslanger Prozess, fließend, lebhaft und mysteriös.”

Dadurch war für mich die Lektüre keineswegs trocken und langatmig, sondern lebendig und mitreißend. Seite um Seite stellte ich mir selbst eben jene Fragen: kann ein Vater seinen Söhnen so etwas antun? Kann oder will er sich nicht erinnern?

Ich glaube, dass dieses Buch nicht für alle Leser gleich gut geeignet ist: ich selbst bin interessiert an “True Crime” und den dargestellten Details des Prozesses, auch das Urteil erwartete ich mit einiger Spannung. Für mich 5 von 5 Leseratten. Trotz aller Fokussierung auf das Wesentliche, wird es aber Leser geben denen die Details zu langatmig sind oder die mit dem schlichten Ende nicht glücklich werden. Anders als in Romanen, kann das echte Leben nämlich nicht immer eine Moral in der Geschichte bieten.

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214 Bibliotheken, 7 Leser, 1 Gruppe, 29 Rezensionen

stephen king, thriller, mind control, bill hodges-trilogie, spannend

Mind Control

Stephen King , Bernhard Kleinschmidt
Fester Einband: 580 Seiten
Erschienen bei Heyne, 12.09.2016
ISBN 9783453270862
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Nach “Mr. Mercedes” und “Finderlohn” hat Stephen King nun mit “Mind Control” den (krönenden?) Abschluss der Bill Hodges Trilogie gesetzt. Ein letztes Mal begegnen sich das sympathische Ermittlertrio und ihr Widersacher aus dem ersten Band. Denn obwohl Brady Hartsfield (a.k.a. “Mr. Mercedes”) nach wie vor mit schweren Hirnverletzungen im Krankenhaus liegt, scheint er gar nicht so untätig zu sein, wie er aussieht. Das Böse kehrt in diesem Buch zurück: subtiler, verrückter und grausamer als zuvor.

Wo Stephen King in den beiden vorangegangen Bänden tatsächlich eher einen Kriminalroman vorlegte, wendet sich “Mind Control” für meinen Geschmack zurück zum typischen King: Horror, dunkle Mächte, irre Protagonisten. Die Handlung wirkt dadurch auch ein Stück weit weniger organisiert und strukturiert. Weniger die “Ermittlungsarbeit” unserer Protagonisten, als ihre Nervenstärke und persönliche Entwicklung scheinen im Vordergrund zu stehen. Um das Buch wirklich genießen zu können, sollte man daher die beiden Vorgänger wirklich gelesen haben. Im Gegensatz zu “Finderlohn”, das für meinen Geschmack auch unabhängig funktioniert, ergibt sich viel der Spannung und des Nervenkitzels aus der Eskalation von Konflikten aus früheren Büchern.
Vor allem Bill Hodges, unser pensionierter Ermittler und Hauptfigur wider Willen, hat mich erneut begeistert. Die dramatische Entwicklung rund um seine Figur, sein Streben und seine Zähigkeit sind absolut mitreißend und kommen einfach authentisch rüber. Ein typischer King-Charakter und ganz nach meinem Geschmack, ich leide und kämpfe immer mit.

Dagegen wirkte die eigentliche Haupthandlung von “Mind Control” fast schon schwach und ein wenig erzwungen. Es wird versucht ein großes Finale zwischen Böse und Gut zu inszenieren, so “unerwartet” wie möglich. Dabei mischt Stephen King (pseudo) Popkultur-Elemente und eben seine “düsteren Mächte” zu einer wirren Kombination, die mich teils begeisterte und teils störte. Ja, die mentale Beeinflussung der Massen ist eine spannende Vorstellung und die einzelnen Vorfälle sind atmosphärisch umschrieben und entwickeln sich spannend. Die (negative) Beeinflussung von Jugendlichen durch die Medien könnte man sogar noch ganz konkret sozialkritisch verstehen. Eigentlich eine tolle Idee. Leider war für meinen Geschmack die Umsetzung, wie dies in Verbindung zu “Mr. Mercedes” gestellt wird, etwas schwach.

Trotzdem lässt mich das Buch glücklich zurück. Zwar bin ich traurig, dass dies vermutlich wirklich unsere letzte Begegnung mit Bill Hodges bleiben wird (wobei ich ein klitzekleines bisschen weiter hoffe), aber ich finde die persönliche Entwicklung der Figuren und Eskalation der Konflikte gelungen. Ein schöner Abschluss, wenn auch vielleicht kein Höhepunkt. Dazu wirkte die Rahmenhandlung etwas erzwungen, wird aber ihrem Ziel gerecht: es kommt zum Showdown zwischen Gut und Böse, Spannung und Nervenkitzel.

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111 Bibliotheken, 1 Leser, 4 Gruppen, 56 Rezensionen

hotel, leipzig, familie, schatten, familiengeschichte

Die unsterbliche Familie Salz

Christopher Kloeble
Fester Einband: 440 Seiten
Erschienen bei dtv Verlagsgesellschaft, 26.08.2016
ISBN 9783423280921
Genre: Romane

Rezension:

In “Die unsterbliche Familie Salz” wird die rasante Familiengeschichte, nein Tragödie der Familie Salz erzählt. Umwirbelt von historischen Ereignissen zwischen 1914 und 2015 erleben fünf Generationen der Familie ihr eigenen kleinen und großen Dramen. Wir lernen besondere Persönlichkeiten und ihre Schatten kennen.
Denn schon mit der Großmutter Lola Rosa Salz beginnt die besondere Verbindung der Familie zu ihren Schatten. In diesem Buch sind Schatten nicht nur stumme Begleiter, sondern Spiegel der Seele, Freunde und Boten. Zu Beginn der Geschichte stürzt Lola Rosa Salz vom Dach des Hotels Fürstenhof in Leipzig, sie fällt ins Koma und beginnt die tragische Geschichte der Familie, des Hotels und ihrer Schatten zu erzählen, in Gedanken.

So kommen im Verlauf der Handlung die verschiedenen Mitglieder der Familie zu Wort und erzählen von ihrem Leben. Ganz besonders spannend dabei ist, dass nicht nur die eigentliche Erzählung, sondern auch ihre bloße Reihenfolge ganz bedeutend erscheinen. So lernen wir Familienmitglieder erst, in ihrer eigenen Erzählung, als humorvoll, menschlich und liebevoll kennen. Werden diese Charaktere dann in der Erzählung ihrer Nachkommen aufgegriffen, werden Sympathien und Antipathien gleich ganz neu gemischt. Das ist ein schöner Kniff und gar nicht so entfernt vom echten Leben: auch da können wir trotz bestem Willen unseren Mitmenschen vielleicht auch Unrecht tun. So können wir jedem Charakter mit der nötigen Offenheit begegnen und schließen sie (vorerst) alle ins Herz.

Toll gelungen ist außerdem, dass sowohl stilistisch als auch im Hinblick auf die Form des Erzählens die verschiedenen Abschnitte der Familienmitglieder klar zu trennen sind. Es wird mal als innerer Monolog, mal als tagebuchähnlicher Bericht oder Brief das Geschehen vorangebracht. Allen gemein ist ein schöner Wortwitz und leichter Humor, vor allem die Bezeichnungen des Leipziger Dialekts und die schöne Situationskomik haben mich zum Lachen gebracht.

Diese Mischung aus unterhaltsamer Geschichte, historischen Ereignissen (vom Ersten Weltkrieg bis zur Deutschen Wiedervereinigung) und vielen zwischenmenschlichen Problemen, hat mich besonders bewegt. Es könnte für manchen Leser ein wenig “viel” sein, für meinen Geschmack war diese Fülle genau richtig. So werden neben den beschriebenen Themen auch Fragen der Identität und Prägung besprochen. Es ist bewegend zu verfolgen, wie die Traumata der Vorfahren auch das Leben ihrer Kinder und Kindeskinder erschüttert. Mich hat somit das Buch durchweg beschäftigt und unterhalten, die verschiedenen verlorenen Schicksale gingen und gehen mir auch lange nach der Lektüre nicht aus dem Kopf.
Dabei mag es einige Verbindungen und Winkelzüge geben, die konstruiert erscheinen. Für mich aber konnte durch die Leichtigkeit des Erzählens genau der Eindruck vom “Wink des Schicksals” transportiert werden, der alles doch recht stimmig wirken lies.

Unterm Strich war mir die Lektüre von “Die unsterbliche Familie Salz” ein echter Genuss und tolles Abenteuer.

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133 Bibliotheken, 2 Leser, 0 Gruppen, 39 Rezensionen

elefanten, trauer, liebe, tod, afrika

Die Spuren meiner Mutter

Jodi Picoult , Elfriede Peschel
Fester Einband: 512 Seiten
Erschienen bei C. Bertelsmann, 29.08.2016
ISBN 9783570102367
Genre: Romane

Rezension:

Mit ihrem neuen Buch “Die Spuren meiner Mutter” hat mich Jodi Picoult thematisch mitten ins Herz getroffen. Es erzählt eine Geschichte von unerschütterlicher Liebe, übersinnlichen Fähigkeiten und… Elefanten!
Seit über zehn Jahren ist die Mutter der dreizehnjährigen Jenna nun schon verschollen. In einer tragischen Nacht verschwand die begnadete Elefantenforscherin nach einem Unfall im Elefantengehege spurlos. Nun, alt genug um sich selbst auf die Suche zu machen, verfolgt Jenna gemeinsam mit Hilfe eines ehemaligen Polizisten und eines erfolglosen Mediums ihre Spuren. Sie möchte endlich die Wahrheit erfahren, warum ihre Mutter sie zurückließ.

Hach! Diese Geschichte hat mich so rundum glücklich gemacht. Jenna und ihre tragische aber auch so wunderbar beharrliche Suche haben mich ab der ersten Seite für sich eingenommen. Ihr Schwanken zwischen Verzweiflung im Hinblick auf die verlorene Mutter und ihre Hoffnung auf ein “Happy End” habe ich einfach gespürt, habe mit ihr gelitten. Dazu kommen ihre Begleiter, die ein wirklich unterhaltsames Gespann ergeben: das mittlerweile erfolglose Medium Serenity und der kauzige, zynische Ex-Cop sind so gegensätzlich, wie sie nur sein können. Widerwillig arbeiten sie dann doch zusammen. Wieder schafft es die Autorin Charaktere zu erschaffen, die außergewöhnlich und dennoch authentisch wirken.

Die Kapitel des Buches werden aus jeweils wechselnden Perspektiven von Jenna und ihren Begleitern, aber auch durch die Notizen der Mutter erzählt. Alle Figuren bringen dadurch ihre eigene Sicht auf das Geschehen in die Handlung ein, alle tragen Probleme und Ängste mit sich herum, die wir so ganz direkt kennenlernen.
Die Abschnitte von Jennas Mutter ergänzen die Handlung zusätzlich wunderschön um Beschreibungen von Elefanten und deren Sozialverhalten. Immer wieder ergeben sich dabei Parallelen zwischen der Beobachtung der Elefanten und der eigentlichen Handlung. Mich haben die Erzählungen über diese tollen Tiere wirklich berührt. Vor allem die Verbindung von Elefantenkühen zu ihren Kälbern und ihrer Fähigkeit zu Mitgefühl und Trauer haben mich beeindruckt. Diese Abschnitte geben der Geschichte einiges an Traurigkeit und Tiefe, zeigen aber auch Hoffnung und unverbrüchliche Liebe.

Denn trotz einiger ziemlich trauriger Aspekte, liest sich “Die Spuren meiner Mutter” herrlich leicht und unterhaltsam. Es erzählt eine rührende Geschichte über Mutterliebe, Sehnsucht und Nähe. Ich mag es, wie Jodi Picoult solch schöne, ermutigende Botschaften in ihre Geschichten einwebt. Eine Erzählung, wie literarisches Soulfood: man fühlt sich darin einfach wohl und geborgen, die Seiten fliegen nur so dahin.

Bemerkenswert ist zudem, wie Jodi Picoult in jedem ihrer Bücher ein kleines Geheimnis versteckt. Natürlich möchte ich hier nicht zu viel erzählen, kann jedoch sagen, dass die Handlung viel mehr birgt, als ich zunächst dachte und mich die Auflösung der Geschichte kalt erwischt hat. Ich war völlig überrascht und ja, begeistert!

Mich hat “Die Spuren meiner Mutter” gut unterhalten und überrascht, aber auch bewegt. Es erzählt die Geschichte von unerschütterlicher Mutterliebe auf eine ganz neue und mitreißende Art. Die Elefanten sind dabei nicht einfach nur Metapher, sondern Helden der Geschichte. Sie zeigen die schönste Seite der Liebe aus einer neuen Perspektive.

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37 Bibliotheken, 2 Leser, 0 Gruppen, 15 Rezensionen

krimi, bayern, kriminalroman, 2. weltkrieg, der dunkle grund des sees

Der dunkle Grund des Sees

Stefanie Kasper
Flexibler Einband: 389 Seiten
Erschienen bei Goldmann, 18.07.2016
ISBN 9783442483938
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

In “Der dunkle Grund des Sees” verwebt die Autorin geschickt wahre Ereignisse, wie die Anstauung des Forggensees in den 1950er Jahren, mit dem fiktiven Drama um das spurlose Verschwinden einer Familie. Dadurch entsteht ein ruhiger und dennoch spannender Krimi, der aber leider nicht viel Neues mit sich bringt.

Als Isabels Adoptivmutter Elisa stirbt, macht sie sich getrieben von Schuldgefühlen und Neugier daran die Geschichte ihrer Familie zu erforschen. Als 1954 der Foggernsee angestaut wurde, verschwand Elisas ganze Familie spurlos. Ihren letzten Wunsch, das Schicksal der Eltern und Schwester aufzuklären, möchte Isabel nun unbedingt erfüllen.
In wechselnden Abschnitten verfolgen wir die Geschichte von Isabels Nachforschungen in der Gegenwart und den Ereignissen 1954. Ein wenig klischeebeladen sind leider beide Perspektiven: die Vergangenheit erzählt eine spannende Geschichte, ist aber voll von Dorfklüngel und den dazu passenden Figuren. Die engstirnige Großelterngeneration, amerikanische Besatzer und verbotene Beziehungen. Schön arrangiert und dennoch alles nicht neu.
Ähnlich erging es mir bei den Abschnitten in Isabels Gegenwart. Ihre Nachforschungen sind spannend und ruhig aufgebaut, alles könnte so schön sein. “Doch die Suche nach der Wahrheit, bringt die junge Frau in Gefahr.”  Das wirkt arg konstruiert und ist zudem in meinen Augen völlig unnötig, auch ohne diese erzwungene Bedrohung hätte die Geschichte doch genug gefesselt.

Denn eigentlich sind es die ruhigen Passagen, die Gespräche der Figuren und Betrachtungen über den See und seine Geschichte, die mich doch durchweg interessiert haben. Auch Isabel (unsere Hauptfigur und Dreh- und Angelpunkt der Geschichte) mit ihrer Sozialphobie gibt dem Buch eine besondere Perspektive. Ihre Probleme im Umgang mit Menschen und wie sie diese versucht zu überwinden, geben ihr Tiefe und lassen sie als Charakter bedeutsam erscheinen.

Sprachlich ist “Der dunkle Grund des Sees” eher unaufgeregt, eine direkte Sprache die ohne viele Schnörkel oder Metaphern auskommt. Ganz geradeaus erzählt und mit einem schönen Tempo, kommt im Buch keine Langeweile auf. Die Hoffnung jedoch, dass am Ende die Verknüpfung der einzelnen Teile der Handlung zu einem großen Aha-Erlebnis führen, hat sich leider nicht bewahrheitet. In sich zwar logisch aber seltsam erwartet kommt die Geschichte zu ihrem Ende.

Ein Buch genauso geeignet für träge heiße Tage auf der Sonnenliege, wie für regnerische Herbstabende. Angenehmes Krimifutter, unblutig und spannend, aber ein wenig unspektakulär.

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180 Bibliotheken, 9 Leser, 0 Gruppen, 11 Rezensionen

stephen king, dystopie, horror, virus, endzeit

The Stand - Das letzte Gefecht

Stephen King , Harro Christensen , Joachim Körber , Wolfgang Neuhaus
Flexibler Einband: 1.488 Seiten
Erschienen bei Heyne, 08.03.2016
ISBN 9783453438187
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Im Original erschien “The Stand” im Jahr 1978, die ungekürzte Fassung in deutscher Übersetzung schließlich im Jahr 1990. Damit ist “The Stand – Das letzte Gefecht” ein echter King-Klassiker, aber keineswegs veraltet.

“The Stand” beschreibt die Entwicklung einer dramatischen Seuche: aus einem amerikanischen Militärlabor entkommt der Virus “Captain Trips”. Mit einer unglaublichen Ansteckungsrate von 99,4 % breitet sich der Virus rasant unter der Bevölkerung aus… und tötet. Nach der recht kurzen und sehr dramatischen Pandemie sehen sich die übriggebliebenen, immunen Teile der Bevölkerung vor dem Problem das “Danach” zu überleben. Große Teile der Technologie sind nicht mehr nutzbar, schlicht weil die Experten, welche diese Technik bedienen konnten, verstorben sind. Infrastrukturen und soziale Strukturen sind vollständig zerstört.

In “The Stand” verfolgen wir die Entwicklung dieser dramatischen Seuche, anhand der Schicksale einzelner Menschen. In wechselnden Abschnitten begleiten wir dafür einzelne Überlebende und kleine Gruppen. Es ist wirklich spannend zu verfolgen, wie die Charaktere zuerst um ihr Leben bangen, ständig befürchten Captain Trips doch noch zum Opfer zu fallen, und anschließend erkennen, dass mit der Immunität das Überleben noch längst nicht sicher ist. In typischer King-Manier werden uns die Protagonisten dabei äußerst sympathisch vorgestellt: wir leiden und hoffen mit ihnen. Extrem spannend ist dabei, wie die unterschiedlichen Charakterzüge der Figuren, sich auf ihre Entwicklung auswirken. Es entstehen interessante Konstellationen und Konflikte: freundliche, hilfsbereite Figuren geraten in Bedrängnis und reagieren mit Gewalt, gewalttätige Charaktere ziehen Vorteile aus ihrem Handeln.

Wie bei King üblich gibt es auch bei “The Stand” einzelne Horror- bzw. Fantasyelemente, in diesem Fall düstere Visionen und besondere, scheinbar übernatürliche Figuren, die das Schicksal der Überlebenden lenken und auf ein letztes Gefecht zusteuern. Einerseits sorgen diese Elemente beständig für die Zuspitzung der Handlung und steuern die Geschichte auf einen finalen Konflikt. Andererseits passten sie für meinen Geschmack nicht zur sonst recht sachlich-klaren, dystopischen Atmosphäre.

Denn vor allem im letzten Drittel des Buches werden auch spannende Fragen von Gesellschaft und sozialem menschlichen Verhalten thematisiert: brauchen wir eine Regierung? Ab welcher Größe von Gemeinschaft? Wie sollen Recht und Ordnung gehandhabt werden? Dieses “Planspiel” hat mich extrem begeistert und war wunderbar aufgebaut. Schritt für Schritt bewegt sich die Gemeinschaft der Überlebenden weiter, wird mit immer neuen Konflikten konfrontiert und löst diese. Nach meinem Geschmack fehlten spannende Aspekte wie Eigentum und Arbeitsverteilung, ich hätte gern viel mehr davon gelesen. Dennoch stellt Stephen King zielsicher Fragen über unsere Staaten und Strukturen, die mich auch nach der Lektüre noch beschäftigten.

Obwohl das Buch in der aktuellen Taschenbuchausgabe gut 1.700 Seiten stark ist, kommt keine Langeweile auf. Da wo andere Bücher sich dem Ende zuneigen, werden bei “The Stand” die Charakterbeschreibungen beendet, die Reise einzelner Figuren durch die USA zieht sich über hunderte Seiten und ist doch atemlos, kurzweilig.

Wirklich gestört haben mich nur die Abschnitte um den “Mülleimermann”, eine der skurrilen, beinahe übernatürlichen Figuren. Obwohl der Ansatz diese Abschnitte auch sprachlich vom Rest zu trennen mir gut gefiel, schienen diese Teile der Geschichte nicht zum Rest zu passen. So ging es mir teils auch mit dem düsteren Kraft in der Geschichte, die zwar als wichtiger Gegenpol und Auslöser des Kampfes zwischen Gut und Böse funktioniert, aber in seiner Ausgestaltung nicht so hundertprozentig ins Bild passte.

Für mich war “The Stand” eine wirklich lohnenswerte und mitreißende Lektüre. Von der Stärke des Buches sollte man sich da keineswegs abhalten lassen, es ist pures Leserattenfutter. Ich schwanke zwischen reiner Begeisterung und einigen Kritikpunkten durch für mich nicht ganz passende Elemente. Deswegen werden es “nur” 4 von 5 Leseratten, die Reise in die frühen Werke des King hat sich dennoch gelohnt. Seinen Stil und vor allem seine Denkweise dort schon so klar zu erkennen, ist wirklich beeindruckend. In gewisser Weise sind diese frühen Geschichten auch schmutziger und härter, als neuere Veröffentlichungen. Bücher in denen ich mich wirklich wohl fühle.

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neapel, freundschaft, italien, armut, bildung

Meine geniale Freundin

Elena Ferrante , Karin Krieger
Fester Einband: 422 Seiten
Erschienen bei Suhrkamp, 29.08.2016
ISBN 9783518425534
Genre: Romane

Rezension:

Im Netz tobt das #FerranteFever und auch ich wurde infiziert. Um “Meine geniale Freundin” den Auftakt der Neapolitanischen Saga von Elena Ferrante, kommt man im Moment einfach nicht herum und ich wollte das auch gar nicht. Zu schnell war ich nach wenigen Seiten in dieser dramatischen und doch idyllischen Geschichte gefangen.

Die Neapolitanische Saga erzählt die Geschichte der Freundschaft zweier besonderer Frauen über viele Jahrzehnte hinweg. Im ersten Band “Meine geniale Freundin” lernen wir Elena und Lina (eigentlich Raffaella) kennen und begleiten sie den ersten Stück ihres Weges, von der Kindheit bis in ihre wilden Jugend im Neapel der fünfziger Jahre.
Elena und Lina sind zwei Charaktere, wie sie unterschiedlicher kaum sein können, das übliche Prinzip von sich anziehenden Gegensätzen. Lina ist äußerst begabt und wissbegierig, dabei aber unbändig und wild. Elena ist zurückhaltender und äußerst brav, ihre Erfolge basieren auf Strebsamkeit und Disziplin. Trotzdem werden (wie so oft im Leben und der Literatur) gerade diese beiden Mädchen Freundinnen. Im Buch verfolgen wir die ersten Jahre ihrer Freundschaft und merken schnell: dies ist keine reine Hanni-und-Nanni-Mädchenfreundschaft. Schon früh dreht sich die Geschichte auch um Eifersucht und Missgunst.

Ich fand es spannend zu lesen, wie sich die beiden Charaktere immer aufs Neue anziehen und abstoßen. Unverbrüchlich füreinander einstehen und hart gegeneinander kämpfen. All das wird beschrieben mit einer Menge italienischem Pathos. Die Stimmung im Buch ließ mich ein wenig an die “Der Pate” Trilogie denken. Dramatisch und leidenschaftlich und doch auch phasenweise beschaulich und idyllisch. Der Grat zwischen Kitsch und Drama ist dabei manchmal haarscharf, ich habe mich darin jedoch äußerst wohlgefühlt.

Zu Beginn war es für mich ein wenig schwierig in die Figurenwelt der Geschichte abzutauchen. Viele Haupt- und Nebencharaktere drängen sich in der Geschichte, konkurrieren oder harmonisieren miteinander und dies in wechselnden Konstellationen. Nach einer Phase des Kennenlernens, hat man aber das Gefühl mit der Geschichte Teil des neapolitanischen Viertels zu sein.
Und obwohl die Handlung insgesamt recht überschaubar ist, sich hauptsächlich anekdotisch fortbwegt, bekommen wir einen Eindruck der Bandbreite der Saga: Liebesgeschichten, Trennungen, Erfolg und Ruin, erste mafiöse Verwicklungen. Vielleicht an mancher Stelle ein bisschen dick aufgetragen, lässt es jedoch viel für die folgenden Bände erwarten.

Mich hat die Tiefe beeindruckt, in der Elena und Lina vorgestellt werden. Ihre Profile sind spannend und vor allem Elena, die ich-Erzählerin der Geschichte, lernen wir ganz nah kennen. Weite Teile des Buches werden durch ihre (Selbst-)Reflexionen bestimmt, Beobachtungen und Schlussfolgerungen. Ihre erzählende Stimme wirkt melodisch und nah, passend zum Titel ist es als würde eine enge Freundin erzählen. Diese Nähe lässt alles noch viel authentischer wirken und auch manch ungewöhnliche Entwicklung der Geschichte wirkt doch nachvollziehbar.

Interessant sind auch die beinahe beiläufig eingeschobenen Beschreibungen der Zeit und Gegend. Wie die Gesellschaft funktioniert und welchen Stellenwert zum Beispiel Schule und Bildung genießen, war interessant zu verfolgen. Aspekte, die dem Buch die nötige Tiefe geben und es ein Stück wegschieben vom Kitsch.

Insgesamt ein sehr schöner Auftakt für eine spannende Serie, die ich gerne weiter verfolgen möchte. Ein Buch, das wohl jeder Leser anders lesen wird: ein Buch über Freundschaft, ein Gesellschaftsroman, kitschige Italienidylle. Je nach Blickwinkel stimmt das alles.

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zeitreise, liebe, leuchtturm, fluch, new york

Vierundzwanzig Stunden

Guillaume Musso , Eliane Hagedorn , Bettina Runge
Flexibler Einband: 384 Seiten
Erschienen bei Pendo Verlag, 01.06.2016
ISBN 9783866124011
Genre: Romane

Rezension:

Mit “Vierundzwanzig Stunden” habe ich endlich ein Buch von Guillaume Musso gelesen. Vom Stil und den Ideen des Autors bin ich sehr angetan, wenngleich mich dieser Roman nicht völlig überzeugen konnte.

Anna möchte Schauspielerin werden und sagt nur widerwillig zu, als der junge Arzt Arthur sie als falsche Krankenschwester engagiert, um seinen Großvater aus der Psychiatrie zu befreien. Obwohl diese “Rolle” ihren Ambitionen absolut nicht entspricht, ist es ein Auftrag, der ihr Leben verändern wird. Denn mit diesem Tag verbinden sich Arthurs und Annas Schicksal…

Die Geschichte von “Vierundzwanzig Stunden” dreht sich um den Zauber (oder Fluch?) verrinnender Zeit und verpasster Gelegenheiten. Diese Themen werden allerdings nicht “ganz normal” durch die tragischen Entwicklungen eines Lebens dargestellt, sondern wirklich auf die Spitze gebracht. Die titelgebenden vierundzwanzig Stunden sind es, die für unsere Protagonisten alles bedeuten.

Aus Arthus Perspektive durchleben wir die Handlung, springen mit ihm wild durch die Jahre. Mich haben die spannenden Zeitsprünge und ungewöhnlichen Situationen der Geschichte wirklich gut unterhalten. Wie Arthur im wahrsten Sinne des Wortes gegen die Zeit ankämpft, versucht sich nicht zu verlieren und gleichzeitig Anna für sich zu gewinnen, ist schön zu lesen.
Mit jedem Kapitel beweist der Autor seinen Einfallsreichtum. Kurzweilig und amüsant fallen wir in die absurdesten Situationen und ich bemerkte beim Lesen kaum, wie das Buch dahinrauschte.

Was mir fehlte war leider das gewisse Extra bei der Konstruktion der Geschichte. Mit jedem neuen Kapitel wuchs die Hoffnung, auf die große und ganz besondere Auflösung. Diese wurde trotz einiger sehr schöner Momente leicht enttäuscht. Der echte “Aha-Moment” fehlte für meinen Geschmack. So fiel das Ende etwas schwach gegen den spannenden Aufbau der Handlung aus.
Auch die eigentlich zwangsläufig entstehenden Konflikte im Strudel der Zeit fallen etwas schwach aus. Zwar gibt es immer wieder Ansätze, für meinen Geschmack lösen sich entstehende Probleme aber zu geschmeidig und geräuschlos.

So sind es unterm Strich mittelgute 3 von 5 Sternen. Schöne Lektüre für Sonnentage, aber bei mir persönlich kein Buch, das lange nachhallt. Vielleicht gingen auch einige Zwischentöne im Rausch der Handlung verloren?!

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usa, freundschaft, familie, familiengeschichte, baltimore

Die Geschichte der Baltimores

Joël Dicker , Andrea Alvermann , Brigitte Große
Fester Einband: 512 Seiten
Erschienen bei Piper, 02.05.2016
ISBN 9783492057646
Genre: Romane

Rezension:

Seit ich damals die letzte Seite von “Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert” gelesen und das Buch endgültig geschlossen habe, wünschte ich mir eine neue Geschichte dieses wunderbaren Autors. Jetzt endlich wurde mit “Die Geschichte der Baltimores” dieser Wunsch erfüllt.

In “Die Geschichte der Baltimores” treffen wir ein bekanntes Gesicht wieder. Auch in diesem Buch  dreht sich alles um Marcus Goldman, den Autor aus Dickers erstem Werk. Trotzdem ist dies nun kein Nachfolger im eigentlichen Sinne und auch von Atmosphäre und Gefühl ganz anders als das erste Buch.
Vielmehr erzählt Marcus Goldman diesmal die Geschichte seiner Familie. Er berichtet von sich und seinen Eltern (den wenig strahlenden Goldmans aus Montclaire) und der Familie seines Onkels, den reichen und erfolgreichen Goldmans aus Baltimore.  Zwischen diesen beiden Ästen der Familie herrscht eine Kluft, wie sie tiefer nicht sein könnte. Im Verlauf der Geschichte erfahren wir einerseits die Ursachen dieser Kluft und durchleben mit Marcus andererseits die Krise, die dadurch in seiner Familie entsteht.

Anders als in “Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert” gibt es diesmal keinen irgendwie gearteten “Kriminalfall”, keine großen Ermittlungen. Dennoch wird auch hier im Verlauf der Geschichte ein Geheimnis stückweise enthüllt. Jedoch ist es diesmal vielmehr so, als wären alle Informationen schon von Anfang an da und klar, die Zeit ist nur nicht reif davon zu berichten.
So entwickelt sich auch in “Die Geschichte der Baltimores“ die Handlung rund um eine dramatische Enthüllung. Die Geschichte ist dabei aber weniger von unerwarteten Wendungen und Überraschungen, sondern von einem tiefen Gefühl von Begeisterung und gleichzeitigem Bedauern geprägt.

Ich musste während der Lektüre unwillkürlich mitschwärmen. Die beinahe kindliche Bewunderung, die immer wieder während der Beschreibungen im Buch durchblitzt, hat es mir einfach angetan. Manchmal wurde dafür zwar ein wenig tief aus den Vollen geschöpft (man muss den Körper eines Protagonisten nicht mehrmals mit einem “griechischen Gott” vergleichen, um den Leser verstehen zu lassen, wie perfekt er ist) aber ich konnte nicht anders als Marcus zu verstehen: die Baltimores sind einfach unvergleichlich!
Nicht weniger beeindruckend ist es dann zu verfolgen, wie sich diese begeisterte Anbetung langsam senkt und auch die Konflikte innerhalb der Familie zum Vorschein kommen.

In diesem Buch “passiert” eigentlich nicht viel, die Spannung und der Sog entwickelt sich allein aus der Veränderung von Atmosphäre und Stimmungen. Das mag manchem Leser zu wenig sein, mich hatte es völlig gefangen. Am Ende ist es vor allem die tragische “Moral” der Geschichte, die haften bleibt und die gesamte Handlung noch einmal in völlig neues Licht taucht.

Es ist ganz klar “Die Geschichte der Baltimores” ist kein zweites “Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert”. Das muss es aber auch gar nicht sein, auf seine Art ist es beinahe ebenso perfekt und psychologisch noch um einiges interessanter.

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