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22 Bibliotheken, 1 Leser, 1 Gruppe, 15 Rezensionen

galapagos, tourismus, meeresbiologie, brandstiftung, tauchen

Abgrund

Bernhard Kegel
Fester Einband: 352 Seiten
Erschienen bei Mare Verlag, 28.02.2017
ISBN 9783866482517
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Ein wenig erinnert “Abgrund” von Bernhard Kegel an Frank Schätzings “Der Schwarm”. Zwar ist “Abgrund” nicht ganz so episch und dramatisch, thematisiert das Meer aber auch als eine gewaltige, uns fast unbekannte Kraft. Eine Kraft, von deren sensiblem Gleichgewicht unser aller Leben abhängt. Bernhard Kegel schafft es dieses aktuelle ökologische Thema in einer spannenden Romanhandlung zu verpacken.

Anne Detlefsen und Hermann Pauli, sie Kriminalbeamtin und er Biologe (schon bekannt aus Bernhard Kegels Roman “Der Rote”), verbringen ihre Ferien auf den Galápagosinseln. Obwohl das Paar eigentlich nur Erholung sucht, können sie sich ihrer jeweiligen Passion nicht verwehren und werden unversehens in spannende Geschehnisse verwickelt. So engagiert sich Hermann bei der Suche nach einem mysteriösen Hai, während Anne einer Serie rätselhafter Schiffsbrände auf den Grund geht.

Die Handlung in “Abgrund” wirkt manchmal etwas konstruiert und scheint stark auf die Kernthemen des Buches ausgerichtet zu sein, entwickelt aber trotzdem innerhalb weniger Seiten eine ungemeine Spannung. Das lag für mich vor allem am ungewöhnlichen Handlungsort und den verschiedenen damit verbundenen Konflikten. Es geht um Tourismus und Artenschutz, die Probleme der armen Bevölkerung in Ecuador und immer wieder die Meere.

Hauptthema des Buches ist das fragile Gleichgewicht der Meere, welches durch schlechte Umweltbedingungen wie steigende Temperaturen, nachhaltig zerstört zu werden droht. Das vernichtet große Teile der sensiblen Korallenriffe und gefährdet das Überleben zahlreicher Arten. Diese Themen, so bedrückend sie auch sind, werden fundiert und verständlich in den Roman integriert. Mein einziger Kritikpunkt sind in dieser Hinsicht die leider teilweise etwas hölzern wirkenden Dialoge. Um bestimmte Informationen in die Geschichte einzuweben, finden zwischen den Charakteren schulbuchartige Gespräche statt. Zwar soll das vermutlich dem Lesefluss dienen und diese Passagen auflockern, mich hätten diese Informationen aber auch nicht im Fließtext gestört.

Bis auf Anne und Hermann werden die Figuren in dieser Geschichte übrigens nur skizzenhaft charakterisiert. Auch das unterstreicht für mich den Eindruck, dass “Abgrund” völlig auf das zentrale Thema fokussiert ist. Für meinen Geschmack passte das gut zum Rahmen des Buches, da es weniger die Figuren und ihre Handlungen sind, die im Gedächtnis bleiben, als vielmehr die beeindruckende Kulisse und die interessante ökologische Problematik.

Insgesamt hat mich “Abgrund” beeindruckt, gut unterhalten und trotz anfangs etwas vorhersehbarer Entwicklungen später wirklich überrascht. Ein Buch, das obwohl es nicht ganz perfekt ist, mit seiner beeindruckenden Botschaft noch lange im Kopf bleibt.

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78 Bibliotheken, 0 Leser, 1 Gruppe, 32 Rezensionen

überlebenskampf, tod, insel, extremsituation, sabbatjahr

Herz auf Eis

Isabelle Autissier , Kirsten Gleinig
Fester Einband: 224 Seiten
Erschienen bei Mare Verlag, 07.03.2017
ISBN 9783866482562
Genre: Romane

Rezension:

Ermüdet von ihrem langweiligen Stadtleben macht sich in “Herz auf Eis” ein junges, sportliches Paar auf eine große Reise. Gemeinsam wollen sie, wenn auch nicht die Welt, doch zumindest Afrika mit dem Segelschiff umrunden. Als sie sich dem Kap Hoorn nähern und einen unerlaubten Abstecher auf eine unbewohnte Insel machen, geschieht das unfassbare. Das Schiff reißt sich im Sturm los und Lousie und Ludovic bleiben in den eisigen Gewässern der Antarktis verlassen auf der Insel zurück.

Was sich daraus entspinnt ist ein Szenario, dass ein wenig an “Robinson Crusoe” erinnert, aber durch die Konflikte des jungen Paares noch einiges an Spannung gewinnt. Wo bleiben Liebe und Rücksicht, wenn es um das nackte Überleben geht? Die Autorin entwirft geschickt ein Beziehungsdrama, in dem die Protagonisten vor Hunger und Erschöpfung dünnhäutig geworden, ihre Gefühle ganz neu ausloten. Sie schwanken zwischen absoluter Hingabe und Zurückweisung, denn einerseits brodeln Schuldzuweisungen in ihnen, andererseits benötigen sie sich gegenseitig zum Überleben. Diese Gefühlsstürme sind für den Leser spannend zu verfolgen.

Ich möchte nicht mehr über den Verlauf der Handlung erzählen als nötig, denn ganz unbedarft kann man die Lektüre dieses Buches wohl am besten genießen. “Herz auf Eis” hat sich viel weiter beziehungsweise in ganz andere Regionen getraut, als ich es erwartet hatte. Es geht um Liebe und Zusammenhalt, Moral und Wahrheit. Durch die anhaltende Extremsituation übertreten die Protagonisten ihre körperlichen und seelischen Grenzen ständig.

Anfangs schienen mir die beiden Charaktere Louise und Ludovic etwas konstruiert, ihre Stärken und Schwächen passen so extrem gut zur Situation, in die sie von der Autorin geworfen werden. Das hat mich zunächst etwas gestört. Im weiteren Verlauf der Geschichte aber wird klar, dass die Wendungen der Geschichte und vor allem die harten moralischen Fragen mit denen sie konfrontiert werden sonst kaum möglich gewesen wären. Genau das ist es aber, was mich schließlich so begeistert hat.

Auf den knapp 220 Seiten leidet und kämpft man mit Lousie und Ludovic, erlebt die bedrückende Einöde der Insel und ihrer Situation. In ihrem feinen, reduzierten und doch ausreichend detaillierten Stil beschreibt Isabelle Autissier die härte der Natur und der menschlichen Gefühle wunderbar facettenreich. Dadurch ist das Buch im wahrsten Sinne des Wortes cool. “Herz auf Eis” ist nicht romantisch, hebt keinen moralischen Zeigefinger und belehrt. Es beschreibt sachlich und doch mit vielschichtigem Gefühl eine menschliche Extremsituation.

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5 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 2 Rezensionen

detektiv, englische literatur amerikas, serie, belletristik, hardboiled

Gänsehaut

Ross Macdonald , Gretel Friedmann [Übers.]
Flexibler Einband: 229 Seiten
Erschienen bei Diogenes, 01.01.1976
ISBN B002CDX31Q
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Ich warne euch: wenn man einmal mit den Krimis von Ross Macdonald beginnt, kann man leicht in eine echte Sucht abrutschen. Zumindest mir geht es so. Ich startete vor einer Weile mit “Schwarzgeld” und bin diesem Autor seitdem verfallen. Seine Bücher, ursprünglich erschienen in den 60er Jahren, strahlen eine ganz besondere Atmosphäre aus. Alles ist schick und edel, die Menschen reich und schön. Trotzdem verbergen sich hinter der feinen Fassade immer wieder menschliche Dramen, so auch in “Gänsehaut”.

Privatdetektiv Lew Archer wird diesmal zu einem recht ungewöhnlichen Fall gerufen: eine junge Braut verschwindet am Tag nach ihrer Hochzeit plötzlich aus dem Hotel in dem sie mit ihrem Gatten die Flitterwochen verbringen möchte. Der verlassene (und verzweifelte) Ehemann betraut Archer mit der Suche nach seiner Frau. Diese ist zwar schnell aufgespürt, weigert sich jedoch zurückzukehren. Warum? Dem geht Archer natürlich auf den Grund und enthüllt dabei einige düstere Familiengeheimnisse.

In dieser Geschichte führt Archers Ermittlungsarbeit weniger von Person zu Person, sondern vielmehr in die Vergangenheit der jungen Braut. Eine spannende Geschichte entwirrt sich vor dem Leser, die unerwartet auch wieder richtig kriminell wird. Das “Entwirren” ist dabei aber leider ein bisschen anstrengender als in meinem ersten Krimi von Macdonald. In dieser Geschichte hat mich die schiere Anzahl und verwirrende Verbindung der einzelnen Figuren schon manchmal ganz schön ins Grübeln gebracht. Zum Glück wird die Beharrlichkeit am Ende mit einem tollen Finale und einer schlüssigen, interessanten Auflösung des Falles belohnt.

Was sich schon im ersten Roman andeutete, hat sich diesmal endgültig bestätigt: Macdonald ist nicht nur ein guter Erzähler, sondern auch ein großer Autor. Sein Stil ist voll geschmeidiger und spannender Metaphern. Er zeichnet von den kleinsten Emotionen die größten und beeindruckendsten Bilder.

“Sie stand vor ihm, fast so groß wie er mit ihren Absätzen, fast so breit wie er in ihrem Mantel, fast so stur wie er in ihrem Stolz.”

Immer wieder stolpere ich so über Beschreibungen, die so schön sind, dass man sie sich fast einrahmen möchte. Schon allein sprachlich sind diese Kriminalromane daher herausragend und ein echter Genuss.
Und auch Lew Archer als Protagonist der Geschichten wird mir von Seite zu Seite sympathischer: er ist integer, klug und locker humorvoll ohne die Haltung zu verlieren. Ein Ermittler, dem ich literarisch einfach gern folgen möchte.

Insgesamt ist “Gänsehaut” nicht ganz so perfekt wie “Schwarzgeld” zuvor, aber für Wiederholungstäter dringend zu empfehlen, 4 von 5 Sternen. Bei mir liegen nun auch schon die nächsten Krimis von Macdonald bereit, so dass ich schnell wieder in diese einmalige Stimmung abtauchen kann.

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30 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 8 Rezensionen

Die unbekannte Terroristin

Richard Flanagan , Eva Bonné
Fester Einband: 336 Seiten
Erschienen bei Piper, 01.09.2016
ISBN 9783492057103
Genre: Romane

Rezension:

Im Moment genießt kaum etwas so große mediale Aufmerksamkeit, wie die Verfolgung von Terroristen nach Anschlägen. Neben der Wut, die aus Trauer und Verzweiflung entsteht, macht sich da auch eine gewisse Sensationsgier bemerkbar. Aber was passiert, wenn ein Mensch irrtümlich in diese Maschinerie gerät?
In “Die unbekannte Terorristin” wird die junge und recht naive Stripperin Gina Davies völlig unversehens in diese Situation hineingezogen. Nach einem One Night Stand mit einem attraktiven Fremden erkennt sie sich auf Bildern einer Überwachungskamera wieder, mit denen nach vermeintlichen Terroristen gefahndet wird. Der attraktive Fremde war ein gesuchter Terrorist und sie ist plötzlich die unbekannte Terroristin.  Schnell wird auch ihre Identität aufgeklärt und eine regelrechte Hetzjagd entbrennt.

Die Thematik des Buches ist so aktuell wie beklemmend und hat mich gerade nach den neuesten Geschehnissen interessiert. Welche Rolle spielen Medien und öffentliche Meinung in einer solchen Situation? Schön gezeigt wird der Kontrast zwischen der Berichterstattung über Gina und ihren eigentlichen Hintergründen.

Ihr Leben war nicht mehr das, was sie daraus machte, sondern das, was die anderen darüber sagten.

Leider kann das, wenn man möchte in eine ganz bestimmte Richtung gelesen werden, die mir nicht behagt. Die eigentliche Botschaft kommt nämlich viel mehr in den inneren Monologen der Protagonistin zum Ausdruck: wir machen es uns zu leicht, wir urteilen zu schnell. Diese Tatsache verkörpert die Protagonistin perfekt, war sie einmal Teil der “urteilenden Masse” und nun Opfer eben dieser Anschuldigungen.

Gegen sie, die immer der Meinung gewesen war, dass jeder, der als böse dargestellt wurde, auch tatsächlich böse war! Gegen sie, die nie in Zweifel gezogen hatte, dass die selbst ernannten Richter das Recht zu urteilen hatten.

Diese Aussage wird immer wieder deutlich, wenn im Verlauf der Handlung immer neue Fakten über Gina gefunden werden und ihre gesamte Vergangenheit umgedeutet wird. Das hat nicht (nur) etwas mit bewusster Falschmeldung zu tun, sondern auch mit der gefärbten Wahrnehmung von Fakten im Hinblick auf eine bestimmte Erwartung.

Die Spannung der Geschichte zieht sich vor allem aus der überstürzten Flucht unserer Protagonistin und der Jagd durch die Medien. Leider wirkt vieles für meinen Geschmack etwas zu konstruiert, um eine allgemeingültige Botschaft zu überbringen. Einige Aspekte der Handlung scheinen einfach nicht ganz rund zu harmonieren. So ist zum Beispiel Gina und ihre Lebenssituation, aber auch ihre Handlungen sehr speziell. Ihre teils unlogischen Reaktionen auf das Geschehen könnten entweder ziemlich authentisch wirken oder auch die daraus folgende Handlung fragwürdig erscheinen lassen.

Die Erzählweise von Richard Flanagan hat mich hingegen wirklich überzeugt. Zwar wird Gina im Buch recht penetrant immer wieder als “die Puppe” benannt, der raue Erzählton passt jedoch wunderbar zu dieser Geschichte. Die inneren Monologe der Protagonistin, ihre doch recht gefühlvollen Überlegungen bilden dazu dann einen schönen Kontrast.

Für mich war “Die unbekannte Terroristin” nicht ganz wie erwartet, aber doch eine spannende Lektüre. Ein Buch über Selbst- und Fremdwahrnehmung und das einfache Vorverurteilen anhand “offensichtlicher” Fakten.

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5 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 3 Rezensionen

Schwarzgeld

Ross Macdonald , Karsten Singelmann
Flexibler Einband: 400 Seiten
Erschienen bei Diogenes, 28.09.2016
ISBN 9783257300406
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Noch nie habe ich so einen schicken und eleganten Kriminalroman wie “Schwarzgeld” von Ross Macdonald gelesen. Bereits 1966 im Original erschienen und erstmals 1995 ins Deutsche übersetzt, hat der Diogenes Verlag nun eine wunderbare und stilvolle Neuübersetzung des Buches veröffentlicht, die modern daher kommt und den besonderen Charakter der Geschichte trotzdem erhält.

“Schwarzgeld” ist ein Band aus der Reihe rund um den charmanten und dennoch ziemlich toughen Privatdetektiv Lew Archer. Seine Fälle sind einerseits klassische Kriminalgeschichten, gleichzeitig aber wirklich ungewöhnlich arrangiert. So dreht sich auch “Schwarzgeld”  nicht um die Leiche im Keller und den Gärtner als Mörder, sondern um eine verschmähte Liebe und die Machenschaften der wohlhabenden Gesellschaft. Es ist nämlich ein verlassener Verlobter, der Lew Archer beauftragt dem neuen Mann im Leben seiner Geliebten auf die Schliche zu kommen. Mit dem eitlen Pfau kann etwas nicht stimmen, er scheint sich das Herz der Frau und den Zugang zum noblen Tennisclub in Montevista erschwindelt zu haben.

Was jetzt vielleicht unspektakulär klingt, entwickelt sich zu einer tollen Geschichte in der feinen amerikanischen Gesellschaft. Es geht um Spielsucht, Betrug, Mord und das titelgebende Schwarzgeld. Die Geschichte bemüht sich in Kreisen, in denen alle bemüht sind die sprichwörtliche weiße Weste zu behalten und führt Lew Archer dennoch in menschliche Abgründe. Gelungen thematisiert wird die Bedeutung von Herkunft und Streben eines Menschen für seinen Platz in der Gesellschaft. Können wir jemals aus unserer Haut?

Wunderbar gelungen sind vor diesem Hintergrund vor allem die Figuren, die diese Geschichte bevölkern. Vom Auftraggeber Archers, einem stark übergewichtigen und stark verunsicherten jungen Mann aus bestem Hause, über den unerwünschten Eindringling bis hin zu den Mitgliedern des schicken Tennisclubs, hat der Autor spannende und ungewöhnliche Charaktere geschaffen. Immer wieder zeigen sie die Licht- und Schattenseiten der amerikanischen Gesellschaft, den Wunsch nach Ruhm und Reichtum genauso wie die Laster und menschlichen Schwächen.
Auch Archer selbst ist ein facettenreicher Charakter, distanziert und trotzdem vor allem bei der Damenwelt äußerst beliebt. Im Gegensatz zu Helden von heutigen Kriminalromanen schleppt er keine klischeehaften eigenen Probleme mit sich herum, sondern ist unaufgeregt und integer, ein einfach cooler Ermittler.

Was mich aber völlig begeistert hat ist Ross Macdonalds tolle, bildhafte Sprache. Die Übersetzung ist gelungen “entstaubt”, ihr Alter merkt man der Geschichte wirklich nicht an, gleichzeitig aber sehr elegant. Vor allem bei der Beschreibung von Personen und Gesprächen wird dies durch sehr eindrückliche Metaphern ergänzt, die mir nicht mehr so schnell aus dem Kopf gehen.

“Sie biss sich auf die Lippen, wie um sich dafür zu bestrafen, dass sie zu viel gesagt hatte.”

Ehe ich zu viel sage kurz und gut: ich bin süchtig. Für mich ist Ross Macdonald feines Krimi-Lesefutter, spannende Geschichten, die mich nicht mehr loslassen.

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38 Bibliotheken, 0 Leser, 1 Gruppe, 15 Rezensionen

mississippi, rassismus, die toten von natchez, kennedy, politischer mor

Die Toten von Natchez

Greg Iles , Ulrike Seeberger
Fester Einband: 1.008 Seiten
Erschienen bei Rütten & Loening Berlin, 18.04.2016
ISBN 9783352006654
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Im letzten Jahr habe ich “Natchez Burning” trotz seiner über Tausend Seiten geradezu verschlungen und hungrig auf den nächsten Band der Trilogie gewartet. Nun ist “Die Toten von Natchez” erschienen und auch wieder ein echtes Schwergewicht. Es ist toll zum Schmökern, konnte die Begeisterung des ersten Bandes aber leider nicht vollständig aufrecht erhalten.

In “Die Toten von Natchez” treffen wir wieder auf Penn Cage, den Bürgermeister der kleinen Gemeinde Natchez am Mississippi. Gemeinsam mit seiner Frau, einer lokalen Reporterin, ist er weiterhin auf den Spuren mehrerer Morde aus den 1960er Jahren in die auch seine Familie tragisch verwickelt ist. Alles dreht sich um die Verbrechen der sogenannten “Doppeladler” einer gewalttätigen rassistischen Gruppe, deren Mitglieder teils wichtige Positionen in der Gesellschaft betrauen.

Anders als im ersten Band werden in diesem Buch ausschließlich die Handlungsstränge der Gegenwart weitergeführt. Der vorher spielerische Wechsel zwischen Vergangenheit und gegenwärtigen Entwicklungen, Mutmaßungen und Entdeckungen, die sich gekonnt verweben, fehlten mir sehr. Die Erzählweise der Geschichte wirkte mir etwas zu direkt, die Entwicklungen werden schlicht offengelegt. Die geheimnisvolle, mysteriöse und teils verwirrende Atmosphäre des ersten Bandes konnte mich besser fesseln.

Trotzdem ist “Die Toten von Natchez” kein Buch, das man zur Seite legen möchte. Es ist weiterhin toll gelungen die Schicksale der vielen Protagonisten fortzuführen. Die Charaktere kämpfen mit Eitelkeiten, Macht und Schuld. Die Fülle der Handlungsstränge verbindet sich dabei spannend und schlüssig.
Über allem steht die Frage, wie weit wir einen Menschen wirklich kennen können. Erste Geheimnisse und Dramen werden nun enthüllt, die sich im ersten Band nur andeuteten. Zusätzlich werden Gerechtigkeit und Ehrlichkeit mehr ins Zentrum der Geschichte gerückt. Dadurch entwickelt sich die Erzählung und ist nicht schlicht ein Weiterführen des ersten Bandes, sondern setzt eigene interessante Aspekte.
Leider fehlte der Geschichte ein so grandioser Cliffhanger, wie sie der erste Band noch aufwies. Fast wirkte “Die Toten von Natchez” abgeschlossen, nur wenige Geheimnisse bleiben zu lüften.

“Die Toten von Natchez” ist ein spannender und unterhaltsamer Roman, der wieder eine gelungene Verbindung historischer Ereignisse und spannender Kriminalfälle schafft.

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22 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 7 Rezensionen

spaß, freundschaft, roadtrip

Umweg nach Hause

Jonathan Evison , Isabel Bogdan
Flexibler Einband: 384 Seiten
Erschienen bei Blanvalet, 18.07.2016
ISBN 9783734102660
Genre: Romane

Rezension:

Weil für mich Bücher auch immer eine Reise und ein Aufbruch ins Unbekannte sind, lese ich unheimlich gern Roadtrips. Einen ganz Besonderen habe ich in „Umweg nach Hause“ gefunden.

Eigentlich möchte Ben, der nach einem Schicksalsschlag eher orientierungslos vor sich hin lebt, nur wieder zu Geld kommen. Nach einem kurzen Lehrgang bekommt er kurzfristig einen Job als Pfleger des schwerbehinderten Trevor. Dieser ist ein mürrischer Teenager wie er im Buche steht und hat „ganz nebenbei“ noch ALS. Statt Trevor weiterhin in seiner Komfortzone zu betreuen (die primär aus Waffeln und dem Wetterbericht im TV besteht), möchte Ben ihm die Welt zeigen… oder doch zumindest das größte Erdloch der Welt.

Ein wenig erinnert die Geschichte an den Kinoerfolg „Ziemlich beste Freunde“, ein billiger Abklatsch ist sie in meinen Augen dennoch nicht. „Umweg nach Hause“ wirkt etwas chaotischer und planloser und ist insgesamt jugendlicher als „Ziemlich beste Freunde“. Das macht sich schon durch die Sprache und die Gedanken der Figuren bemerkbar. Ich mag so etwas und fühlte mich von dem unkonventionellen, frechen Ton gut angesprochen. Die Witze gehen manchmal fast unter die Gürtellinie, die Situationen scheinen bizarr aber genau dadurch ist die Geschichte so lebendig.

Außerdem spielt neben Behinderung und Pflege vor allem das Thema Elternschaft in all seinen Facetten eine zentrale Rolle. Das Buch handelt vom Eltern werden, vom (Über)Behüten, vom Loslassen und Versöhnung. Für meinen Geschmack ist es wunderschön gelungen, wie dieses Thema durch die unterschiedlichen Charaktere immer neue Aspekte gewinnt. Auch Trevor ist in der Geschichte nicht „nur der Behinderte“. Seine schwierige Beziehung zum Vater und die Kraft, die Verzeihen manchmal kostet, sind gelungene Aspekte der Geschichte und lassen ihn als Protagonisten angenehm normal wirken. Gerade das macht die Geschichte für mich einzigartig.

Natürlich steht Trevors Behinderung und sein Charakter insgesamt im Mittelpunkt der Geschichte ist aber für meinen Geschmack angenehm unkompliziert in die Handlung eingewoben. Ich kann nicht beurteilen, in wie weit das einer so schwerwiegenden Erkrankung gerecht wird und ob der Ton in dieser Hinsicht immer angemessen ist. Es schafft für mich aber den Spagat zwischen schwierigem Thema und unterhaltsamer, unverkrampfter Darstellung.

Gelungen ist in meinen Augen auch die Art, wie Ben als Pfleger genügend Raum in der Geschichte bekommt. Durch immer wieder eingestreute Rückblenden erfahren wir seine (tragische) Geschichte. Er ist nicht der konturlose Typ, der Trevor aufs Klo hilft, sondern bekommt ein ganz eigenes Gesicht, Träume und Probleme. Erst dadurch wurde die Handlung in sich wirklich nachvollziehbar.

Ihr merkt, insgesamt habe ich wirklich wenig bis nichts zu meckern. Die Geschichte mag erzählerisch nicht jedermanns Geschmack sein, dafür sind Ton und Stil vielleicht ein bisschen derb. Für mich bildet all das aber genau die richtige Einheit.

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16 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 2 Rezensionen

deutsch, erzählung, kanadier

Die steinerne Matratze

Margaret Atwood , Monika Baark
Fester Einband: 304 Seiten
Erschienen bei Berlin Verlag, 02.11.2016
ISBN 9783827013187
Genre: Romane

Rezension:

Auch Margaret Atwoods neueste Kurzgeschichtensammlung “Die steinerne Matratze” war für mich wieder eine reine Freude. Ihre Geschichten sind abwechslungsreich und hängen doch gleichzeitig eng zusammen. Sie drehen sich um das ehrliche, ungeschminkte Ich aber auch um das Alter und die Literatur.

Die ersten drei Geschichten “Alphinland”, “Wiedergänger” und “Black Lady” könnten für sich schon einen kleinen Roman bilden, da die Geschichten beziehungsweise ihre Protagonisten so eng zusammenhängen. Für mich war dabei schon “Alphinland” ein Highlight. Wir lernen eine betagte Schriftstellerin kennen, für die einfachste Erledigungen des Alltags eine schwere Last sind, die durch ihre Literatur aber nach wie vor völlig frei ist. Die von ihr entworfene Welt Alphinland ist Basis für viele Bestseller, das Schreiben für sie jedoch mehr Rettung als Beruf. Wie still und sanft Margaret Atwood die Geschichte dieser Frau erzählt, hat mich beeindruckt. In wenigen Sätzen erscheint das Bild einer gebrechlichen und doch löwenstarken Frau, allein durch die kluge Beschreibung ihres Handelns.
Umso begeisterter war ich, als ich Figuren aus der ersten Geschichte auch in den folgenden beiden wiedertraf. Auch in “Wiedergänger” steht ein Schriftsteller (oder eher: Poet) im Zentrum. Anders als in der ersten Geschichte wurde dieser vom Erfolg verbittert und verstockt. Die Kontraste zwischen den Geschichten könnten nicht größer sein, die Verbindungen dennoch kaum enger. In beiden Geschichten spielt die Literatur und das Schreiben eine wichtige Rolle, ich fragte mich, ob Margaret Atwood dadurch auch über ihre eigene Beziehung zum Schreiben spricht.
Besonders spannend ist, dass in den Geschichten immer wieder ein Kontrast oder Konflikt der Figuren deutlich wird: ihr inneres Ich und das Bild, welches andere von ihnen haben, klafft manchmal Kilometerweit auseinander.

An diese drei Geschichten anschließend folgen weitere, losgelöste Erzählungen. Da ist das kurze und düstere “Lusus Naturae”, welches wie ein böses Märchen wirkt. Obwohl diese Geschichte sehr abstrakt erzählt ist, ohne Einordnungen und Namen auskommt, behandelt auch sie ähnliche Themen wie die ersten Geschichten. Es geht um das eigentliche Wesen eines Menschen, was es ausmacht und wie es seinen Lauf findet.

Die titelgebende Erzählung “Die steinerne Matratze” wiederum ist gegründet auf Überlegungen, die viele Krimileser kennen: die Frage nach dem perfekten Mord. Sie ist toll konstruiert und dazu noch in wenigen Sätzen in eine erschütternde Hintergrundgeschichte eingeordnet. Auch erzählerisch, merkt man einen deutlichen Wechsel zwischen den Geschichten. Margaret Atwood schafft es immer wieder neu, ihre Botschaft genau richtig zu verpacken. Sie ist kurz und knapp um Spannung aufzubauen, sanft und eindringlich wo es angebracht ist.

Ein bisschen schwächelnd zwischen all der Pracht scheint übrigens “Der gefriergetrocknete Bräutigam”, eine Geschichte die für mich wie ein kurzes, geschriebenes Bild wirkte. Eher der Anfang einer Geschichte, als wirklich eine vollständige Erzählung. In einer Sammlung ist es aber auch völlig normal, dass die verschiedenen Geschichten nicht jeden Leser gleich begeistern.

Insgesamt hat “Die steinerne Matratze” für mich wieder all jene Qualitäten, für die ich Margaret Atwood so liebe: ihre Geschichten sind klug und offenkundig unterhaltsam, bringen aber auch hintergründig zum Nachdenken. Jede Geschichte bietet genügend Facetten und kann auch nach mehrmaligem Lesen immer noch neue Seiten offenbaren.

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14 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 7 Rezensionen

unfall, mord, totschlag, to, gerichtsverfahre

Drei Söhne

Helen Garner , Lina Falkner
Fester Einband: 352 Seiten
Erschienen bei Berlin Verlag, 01.09.2016
ISBN 9783827012692
Genre: Romane

Rezension:

In “Drei Söhne” berichtet Helen Garner von einem Verbrechen, das die australische Öffentlichkeit jahrelang spaltete. Dieser wahre Fall scheint so makaber und verworren, wie ein schlechter Film und auch nach vielen Jahren mit dutzenden Prozesstagen bleiben Teile des Geschehens im Dunkeln. Am Vatertag des Jahres 2005 gerät Robert Faquharson mit seinem Auto von der Straße ab, der Wagen mit seinen drei kleinen Söhnen an Bord stürzt in einen Baggersee. Faquharson selbst kann sich retten, seine Söhne ertrinken. Was nach einer schrecklichen Tragödie klingt, gerät schnell in den Verdacht ein furchtbarer Mord zu sein: der Mord eines Vaters an seinen Kindern.

“Kleine Jungs! Wie können solche wilden, lebendigen Geschöpfe überhaupt sterben? Wie kann diese vergnügte Zauberhaftigkeit für immer ausgelöscht werden?”

Helen Garner ist sonst für ihre gefühlvollen Erzählungen und Kurzgeschichten bekannt, in “Drei Söhne” schafft sie es auch die enervierenden und langatmigen Teile eines Gerichtsprozesses mit viel Gefühl und Gespür für die Konflikte dieses Falles zu beschreiben. Vor allem die Tatsache, dass Faquharson als einziger “Zeuge” des Unfalls war und dennoch nichts aussagt beziehungsweise behauptet wegen einer Ohnmacht nichts sagen zu können, beleuchtet die Autorin von verschiedenen Seiten. So zweifeln wir mit ihr und bekommen eine Ahnung von unglaublich heiklen Situation des Falles.

Als reiner Indizienprozess geführt, werden die Verhandlungen von den Berichten der Sachverständigen dominiert. Zusätzlich kommen aber auch Personen zu Wort, die Faquharsons Charakter und seine teils belastenden Aussagen wiedergeben können. Toll gelungen ist es, wie Helen Garner diese Abschnitte auf die wesentlichen Fakten reduziert und sich sonst hauptsächlich mit der Wirkung der Aussagen und ihrer Bedeutung für den Fall beschäftigt. Da ihren Beschreibungen nach vor allem die Darstellungen über Vermessungen der Polizei etliche Tage in Anspruch nahmen, bin ich über diese gelungene Zusammenfassung wirklich dankbar.

Besonders begeistert hat mich außerdem, wie es die Autorin schafft ihre eigenen Überlegungen und Zweifel ganz natürlich in die Prozessbeschreibungen einzuweben. Diese Abschnitte sind sprachlich wunderschön, mitreißend und geben ein ganz eigenes Gefühl für diesen Fall und seine zentralen Fragen.

“Jeder weiß, dass die Erinnerung nicht einfach ein jederzeit zugängliches Dokument ist, dessen Inhalt von einem Öffnen zum nächsten genau gleich bleibt. Erinnerung ist ein stetiger, lebenslanger Prozess, fließend, lebhaft und mysteriös.”

Dadurch war für mich die Lektüre keineswegs trocken und langatmig, sondern lebendig und mitreißend. Seite um Seite stellte ich mir selbst eben jene Fragen: kann ein Vater seinen Söhnen so etwas antun? Kann oder will er sich nicht erinnern?

Ich glaube, dass dieses Buch nicht für alle Leser gleich gut geeignet ist: ich selbst bin interessiert an “True Crime” und den dargestellten Details des Prozesses, auch das Urteil erwartete ich mit einiger Spannung. Für mich 5 von 5 Leseratten. Trotz aller Fokussierung auf das Wesentliche, wird es aber Leser geben denen die Details zu langatmig sind oder die mit dem schlichten Ende nicht glücklich werden. Anders als in Romanen, kann das echte Leben nämlich nicht immer eine Moral in der Geschichte bieten.

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185 Bibliotheken, 9 Leser, 1 Gruppe, 25 Rezensionen

stephen king, mind control, bill hodges-trilogie, usa, thriller

Mind Control

Stephen King , Bernhard Kleinschmidt
Fester Einband: 580 Seiten
Erschienen bei Heyne, 12.09.2016
ISBN 9783453270862
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Nach “Mr. Mercedes” und “Finderlohn” hat Stephen King nun mit “Mind Control” den (krönenden?) Abschluss der Bill Hodges Trilogie gesetzt. Ein letztes Mal begegnen sich das sympathische Ermittlertrio und ihr Widersacher aus dem ersten Band. Denn obwohl Brady Hartsfield (a.k.a. “Mr. Mercedes”) nach wie vor mit schweren Hirnverletzungen im Krankenhaus liegt, scheint er gar nicht so untätig zu sein, wie er aussieht. Das Böse kehrt in diesem Buch zurück: subtiler, verrückter und grausamer als zuvor.

Wo Stephen King in den beiden vorangegangen Bänden tatsächlich eher einen Kriminalroman vorlegte, wendet sich “Mind Control” für meinen Geschmack zurück zum typischen King: Horror, dunkle Mächte, irre Protagonisten. Die Handlung wirkt dadurch auch ein Stück weit weniger organisiert und strukturiert. Weniger die “Ermittlungsarbeit” unserer Protagonisten, als ihre Nervenstärke und persönliche Entwicklung scheinen im Vordergrund zu stehen. Um das Buch wirklich genießen zu können, sollte man daher die beiden Vorgänger wirklich gelesen haben. Im Gegensatz zu “Finderlohn”, das für meinen Geschmack auch unabhängig funktioniert, ergibt sich viel der Spannung und des Nervenkitzels aus der Eskalation von Konflikten aus früheren Büchern.
Vor allem Bill Hodges, unser pensionierter Ermittler und Hauptfigur wider Willen, hat mich erneut begeistert. Die dramatische Entwicklung rund um seine Figur, sein Streben und seine Zähigkeit sind absolut mitreißend und kommen einfach authentisch rüber. Ein typischer King-Charakter und ganz nach meinem Geschmack, ich leide und kämpfe immer mit.

Dagegen wirkte die eigentliche Haupthandlung von “Mind Control” fast schon schwach und ein wenig erzwungen. Es wird versucht ein großes Finale zwischen Böse und Gut zu inszenieren, so “unerwartet” wie möglich. Dabei mischt Stephen King (pseudo) Popkultur-Elemente und eben seine “düsteren Mächte” zu einer wirren Kombination, die mich teils begeisterte und teils störte. Ja, die mentale Beeinflussung der Massen ist eine spannende Vorstellung und die einzelnen Vorfälle sind atmosphärisch umschrieben und entwickeln sich spannend. Die (negative) Beeinflussung von Jugendlichen durch die Medien könnte man sogar noch ganz konkret sozialkritisch verstehen. Eigentlich eine tolle Idee. Leider war für meinen Geschmack die Umsetzung, wie dies in Verbindung zu “Mr. Mercedes” gestellt wird, etwas schwach.

Trotzdem lässt mich das Buch glücklich zurück. Zwar bin ich traurig, dass dies vermutlich wirklich unsere letzte Begegnung mit Bill Hodges bleiben wird (wobei ich ein klitzekleines bisschen weiter hoffe), aber ich finde die persönliche Entwicklung der Figuren und Eskalation der Konflikte gelungen. Ein schöner Abschluss, wenn auch vielleicht kein Höhepunkt. Dazu wirkte die Rahmenhandlung etwas erzwungen, wird aber ihrem Ziel gerecht: es kommt zum Showdown zwischen Gut und Böse, Spannung und Nervenkitzel.

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(58)

104 Bibliotheken, 1 Leser, 3 Gruppen, 53 Rezensionen

hotel, leipzig, familiengeschichte, schatten, familie

Die unsterbliche Familie Salz

Christopher Kloeble
Fester Einband: 440 Seiten
Erschienen bei dtv Verlagsgesellschaft, 26.08.2016
ISBN 9783423280921
Genre: Romane

Rezension:

In “Die unsterbliche Familie Salz” wird die rasante Familiengeschichte, nein Tragödie der Familie Salz erzählt. Umwirbelt von historischen Ereignissen zwischen 1914 und 2015 erleben fünf Generationen der Familie ihr eigenen kleinen und großen Dramen. Wir lernen besondere Persönlichkeiten und ihre Schatten kennen.
Denn schon mit der Großmutter Lola Rosa Salz beginnt die besondere Verbindung der Familie zu ihren Schatten. In diesem Buch sind Schatten nicht nur stumme Begleiter, sondern Spiegel der Seele, Freunde und Boten. Zu Beginn der Geschichte stürzt Lola Rosa Salz vom Dach des Hotels Fürstenhof in Leipzig, sie fällt ins Koma und beginnt die tragische Geschichte der Familie, des Hotels und ihrer Schatten zu erzählen, in Gedanken.

So kommen im Verlauf der Handlung die verschiedenen Mitglieder der Familie zu Wort und erzählen von ihrem Leben. Ganz besonders spannend dabei ist, dass nicht nur die eigentliche Erzählung, sondern auch ihre bloße Reihenfolge ganz bedeutend erscheinen. So lernen wir Familienmitglieder erst, in ihrer eigenen Erzählung, als humorvoll, menschlich und liebevoll kennen. Werden diese Charaktere dann in der Erzählung ihrer Nachkommen aufgegriffen, werden Sympathien und Antipathien gleich ganz neu gemischt. Das ist ein schöner Kniff und gar nicht so entfernt vom echten Leben: auch da können wir trotz bestem Willen unseren Mitmenschen vielleicht auch Unrecht tun. So können wir jedem Charakter mit der nötigen Offenheit begegnen und schließen sie (vorerst) alle ins Herz.

Toll gelungen ist außerdem, dass sowohl stilistisch als auch im Hinblick auf die Form des Erzählens die verschiedenen Abschnitte der Familienmitglieder klar zu trennen sind. Es wird mal als innerer Monolog, mal als tagebuchähnlicher Bericht oder Brief das Geschehen vorangebracht. Allen gemein ist ein schöner Wortwitz und leichter Humor, vor allem die Bezeichnungen des Leipziger Dialekts und die schöne Situationskomik haben mich zum Lachen gebracht.

Diese Mischung aus unterhaltsamer Geschichte, historischen Ereignissen (vom Ersten Weltkrieg bis zur Deutschen Wiedervereinigung) und vielen zwischenmenschlichen Problemen, hat mich besonders bewegt. Es könnte für manchen Leser ein wenig “viel” sein, für meinen Geschmack war diese Fülle genau richtig. So werden neben den beschriebenen Themen auch Fragen der Identität und Prägung besprochen. Es ist bewegend zu verfolgen, wie die Traumata der Vorfahren auch das Leben ihrer Kinder und Kindeskinder erschüttert. Mich hat somit das Buch durchweg beschäftigt und unterhalten, die verschiedenen verlorenen Schicksale gingen und gehen mir auch lange nach der Lektüre nicht aus dem Kopf.
Dabei mag es einige Verbindungen und Winkelzüge geben, die konstruiert erscheinen. Für mich aber konnte durch die Leichtigkeit des Erzählens genau der Eindruck vom “Wink des Schicksals” transportiert werden, der alles doch recht stimmig wirken lies.

Unterm Strich war mir die Lektüre von “Die unsterbliche Familie Salz” ein echter Genuss und tolles Abenteuer.

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122 Bibliotheken, 2 Leser, 0 Gruppen, 36 Rezensionen

elefanten, trauer, liebe, tod, afrika

Die Spuren meiner Mutter

Jodi Picoult , Elfriede Peschel
Fester Einband: 512 Seiten
Erschienen bei C. Bertelsmann, 29.08.2016
ISBN 9783570102367
Genre: Romane

Rezension:

Mit ihrem neuen Buch “Die Spuren meiner Mutter” hat mich Jodi Picoult thematisch mitten ins Herz getroffen. Es erzählt eine Geschichte von unerschütterlicher Liebe, übersinnlichen Fähigkeiten und… Elefanten!
Seit über zehn Jahren ist die Mutter der dreizehnjährigen Jenna nun schon verschollen. In einer tragischen Nacht verschwand die begnadete Elefantenforscherin nach einem Unfall im Elefantengehege spurlos. Nun, alt genug um sich selbst auf die Suche zu machen, verfolgt Jenna gemeinsam mit Hilfe eines ehemaligen Polizisten und eines erfolglosen Mediums ihre Spuren. Sie möchte endlich die Wahrheit erfahren, warum ihre Mutter sie zurückließ.

Hach! Diese Geschichte hat mich so rundum glücklich gemacht. Jenna und ihre tragische aber auch so wunderbar beharrliche Suche haben mich ab der ersten Seite für sich eingenommen. Ihr Schwanken zwischen Verzweiflung im Hinblick auf die verlorene Mutter und ihre Hoffnung auf ein “Happy End” habe ich einfach gespürt, habe mit ihr gelitten. Dazu kommen ihre Begleiter, die ein wirklich unterhaltsames Gespann ergeben: das mittlerweile erfolglose Medium Serenity und der kauzige, zynische Ex-Cop sind so gegensätzlich, wie sie nur sein können. Widerwillig arbeiten sie dann doch zusammen. Wieder schafft es die Autorin Charaktere zu erschaffen, die außergewöhnlich und dennoch authentisch wirken.

Die Kapitel des Buches werden aus jeweils wechselnden Perspektiven von Jenna und ihren Begleitern, aber auch durch die Notizen der Mutter erzählt. Alle Figuren bringen dadurch ihre eigene Sicht auf das Geschehen in die Handlung ein, alle tragen Probleme und Ängste mit sich herum, die wir so ganz direkt kennenlernen.
Die Abschnitte von Jennas Mutter ergänzen die Handlung zusätzlich wunderschön um Beschreibungen von Elefanten und deren Sozialverhalten. Immer wieder ergeben sich dabei Parallelen zwischen der Beobachtung der Elefanten und der eigentlichen Handlung. Mich haben die Erzählungen über diese tollen Tiere wirklich berührt. Vor allem die Verbindung von Elefantenkühen zu ihren Kälbern und ihrer Fähigkeit zu Mitgefühl und Trauer haben mich beeindruckt. Diese Abschnitte geben der Geschichte einiges an Traurigkeit und Tiefe, zeigen aber auch Hoffnung und unverbrüchliche Liebe.

Denn trotz einiger ziemlich trauriger Aspekte, liest sich “Die Spuren meiner Mutter” herrlich leicht und unterhaltsam. Es erzählt eine rührende Geschichte über Mutterliebe, Sehnsucht und Nähe. Ich mag es, wie Jodi Picoult solch schöne, ermutigende Botschaften in ihre Geschichten einwebt. Eine Erzählung, wie literarisches Soulfood: man fühlt sich darin einfach wohl und geborgen, die Seiten fliegen nur so dahin.

Bemerkenswert ist zudem, wie Jodi Picoult in jedem ihrer Bücher ein kleines Geheimnis versteckt. Natürlich möchte ich hier nicht zu viel erzählen, kann jedoch sagen, dass die Handlung viel mehr birgt, als ich zunächst dachte und mich die Auflösung der Geschichte kalt erwischt hat. Ich war völlig überrascht und ja, begeistert!

Mich hat “Die Spuren meiner Mutter” gut unterhalten und überrascht, aber auch bewegt. Es erzählt die Geschichte von unerschütterlicher Mutterliebe auf eine ganz neue und mitreißende Art. Die Elefanten sind dabei nicht einfach nur Metapher, sondern Helden der Geschichte. Sie zeigen die schönste Seite der Liebe aus einer neuen Perspektive.

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37 Bibliotheken, 2 Leser, 0 Gruppen, 14 Rezensionen

krimi, bayern, kriminalroman, 2. weltkrieg, der dunkle grund des sees

Der dunkle Grund des Sees

Stefanie Kasper
Flexibler Einband: 389 Seiten
Erschienen bei Goldmann, 18.07.2016
ISBN 9783442483938
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

In “Der dunkle Grund des Sees” verwebt die Autorin geschickt wahre Ereignisse, wie die Anstauung des Forggensees in den 1950er Jahren, mit dem fiktiven Drama um das spurlose Verschwinden einer Familie. Dadurch entsteht ein ruhiger und dennoch spannender Krimi, der aber leider nicht viel Neues mit sich bringt.

Als Isabels Adoptivmutter Elisa stirbt, macht sie sich getrieben von Schuldgefühlen und Neugier daran die Geschichte ihrer Familie zu erforschen. Als 1954 der Foggernsee angestaut wurde, verschwand Elisas ganze Familie spurlos. Ihren letzten Wunsch, das Schicksal der Eltern und Schwester aufzuklären, möchte Isabel nun unbedingt erfüllen.
In wechselnden Abschnitten verfolgen wir die Geschichte von Isabels Nachforschungen in der Gegenwart und den Ereignissen 1954. Ein wenig klischeebeladen sind leider beide Perspektiven: die Vergangenheit erzählt eine spannende Geschichte, ist aber voll von Dorfklüngel und den dazu passenden Figuren. Die engstirnige Großelterngeneration, amerikanische Besatzer und verbotene Beziehungen. Schön arrangiert und dennoch alles nicht neu.
Ähnlich erging es mir bei den Abschnitten in Isabels Gegenwart. Ihre Nachforschungen sind spannend und ruhig aufgebaut, alles könnte so schön sein. “Doch die Suche nach der Wahrheit, bringt die junge Frau in Gefahr.”  Das wirkt arg konstruiert und ist zudem in meinen Augen völlig unnötig, auch ohne diese erzwungene Bedrohung hätte die Geschichte doch genug gefesselt.

Denn eigentlich sind es die ruhigen Passagen, die Gespräche der Figuren und Betrachtungen über den See und seine Geschichte, die mich doch durchweg interessiert haben. Auch Isabel (unsere Hauptfigur und Dreh- und Angelpunkt der Geschichte) mit ihrer Sozialphobie gibt dem Buch eine besondere Perspektive. Ihre Probleme im Umgang mit Menschen und wie sie diese versucht zu überwinden, geben ihr Tiefe und lassen sie als Charakter bedeutsam erscheinen.

Sprachlich ist “Der dunkle Grund des Sees” eher unaufgeregt, eine direkte Sprache die ohne viele Schnörkel oder Metaphern auskommt. Ganz geradeaus erzählt und mit einem schönen Tempo, kommt im Buch keine Langeweile auf. Die Hoffnung jedoch, dass am Ende die Verknüpfung der einzelnen Teile der Handlung zu einem großen Aha-Erlebnis führen, hat sich leider nicht bewahrheitet. In sich zwar logisch aber seltsam erwartet kommt die Geschichte zu ihrem Ende.

Ein Buch genauso geeignet für träge heiße Tage auf der Sonnenliege, wie für regnerische Herbstabende. Angenehmes Krimifutter, unblutig und spannend, aber ein wenig unspektakulär.

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148 Bibliotheken, 7 Leser, 0 Gruppen, 8 Rezensionen

stephen king, horror, dystopie, endzeit, virus

The Stand - Das letzte Gefecht

Stephen King , Harro Christensen , Joachim Körber , Wolfgang Neuhaus
Flexibler Einband: 1.488 Seiten
Erschienen bei Heyne, 08.03.2016
ISBN 9783453438187
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Im Original erschien “The Stand” im Jahr 1978, die ungekürzte Fassung in deutscher Übersetzung schließlich im Jahr 1990. Damit ist “The Stand – Das letzte Gefecht” ein echter King-Klassiker, aber keineswegs veraltet.

“The Stand” beschreibt die Entwicklung einer dramatischen Seuche: aus einem amerikanischen Militärlabor entkommt der Virus “Captain Trips”. Mit einer unglaublichen Ansteckungsrate von 99,4 % breitet sich der Virus rasant unter der Bevölkerung aus… und tötet. Nach der recht kurzen und sehr dramatischen Pandemie sehen sich die übriggebliebenen, immunen Teile der Bevölkerung vor dem Problem das “Danach” zu überleben. Große Teile der Technologie sind nicht mehr nutzbar, schlicht weil die Experten, welche diese Technik bedienen konnten, verstorben sind. Infrastrukturen und soziale Strukturen sind vollständig zerstört.

In “The Stand” verfolgen wir die Entwicklung dieser dramatischen Seuche, anhand der Schicksale einzelner Menschen. In wechselnden Abschnitten begleiten wir dafür einzelne Überlebende und kleine Gruppen. Es ist wirklich spannend zu verfolgen, wie die Charaktere zuerst um ihr Leben bangen, ständig befürchten Captain Trips doch noch zum Opfer zu fallen, und anschließend erkennen, dass mit der Immunität das Überleben noch längst nicht sicher ist. In typischer King-Manier werden uns die Protagonisten dabei äußerst sympathisch vorgestellt: wir leiden und hoffen mit ihnen. Extrem spannend ist dabei, wie die unterschiedlichen Charakterzüge der Figuren, sich auf ihre Entwicklung auswirken. Es entstehen interessante Konstellationen und Konflikte: freundliche, hilfsbereite Figuren geraten in Bedrängnis und reagieren mit Gewalt, gewalttätige Charaktere ziehen Vorteile aus ihrem Handeln.

Wie bei King üblich gibt es auch bei “The Stand” einzelne Horror- bzw. Fantasyelemente, in diesem Fall düstere Visionen und besondere, scheinbar übernatürliche Figuren, die das Schicksal der Überlebenden lenken und auf ein letztes Gefecht zusteuern. Einerseits sorgen diese Elemente beständig für die Zuspitzung der Handlung und steuern die Geschichte auf einen finalen Konflikt. Andererseits passten sie für meinen Geschmack nicht zur sonst recht sachlich-klaren, dystopischen Atmosphäre.

Denn vor allem im letzten Drittel des Buches werden auch spannende Fragen von Gesellschaft und sozialem menschlichen Verhalten thematisiert: brauchen wir eine Regierung? Ab welcher Größe von Gemeinschaft? Wie sollen Recht und Ordnung gehandhabt werden? Dieses “Planspiel” hat mich extrem begeistert und war wunderbar aufgebaut. Schritt für Schritt bewegt sich die Gemeinschaft der Überlebenden weiter, wird mit immer neuen Konflikten konfrontiert und löst diese. Nach meinem Geschmack fehlten spannende Aspekte wie Eigentum und Arbeitsverteilung, ich hätte gern viel mehr davon gelesen. Dennoch stellt Stephen King zielsicher Fragen über unsere Staaten und Strukturen, die mich auch nach der Lektüre noch beschäftigten.

Obwohl das Buch in der aktuellen Taschenbuchausgabe gut 1.700 Seiten stark ist, kommt keine Langeweile auf. Da wo andere Bücher sich dem Ende zuneigen, werden bei “The Stand” die Charakterbeschreibungen beendet, die Reise einzelner Figuren durch die USA zieht sich über hunderte Seiten und ist doch atemlos, kurzweilig.

Wirklich gestört haben mich nur die Abschnitte um den “Mülleimermann”, eine der skurrilen, beinahe übernatürlichen Figuren. Obwohl der Ansatz diese Abschnitte auch sprachlich vom Rest zu trennen mir gut gefiel, schienen diese Teile der Geschichte nicht zum Rest zu passen. So ging es mir teils auch mit dem düsteren Kraft in der Geschichte, die zwar als wichtiger Gegenpol und Auslöser des Kampfes zwischen Gut und Böse funktioniert, aber in seiner Ausgestaltung nicht so hundertprozentig ins Bild passte.

Für mich war “The Stand” eine wirklich lohnenswerte und mitreißende Lektüre. Von der Stärke des Buches sollte man sich da keineswegs abhalten lassen, es ist pures Leserattenfutter. Ich schwanke zwischen reiner Begeisterung und einigen Kritikpunkten durch für mich nicht ganz passende Elemente. Deswegen werden es “nur” 4 von 5 Leseratten, die Reise in die frühen Werke des King hat sich dennoch gelohnt. Seinen Stil und vor allem seine Denkweise dort schon so klar zu erkennen, ist wirklich beeindruckend. In gewisser Weise sind diese frühen Geschichten auch schmutziger und härter, als neuere Veröffentlichungen. Bücher in denen ich mich wirklich wohl fühle.

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417 Bibliotheken, 24 Leser, 1 Gruppe, 106 Rezensionen

freundschaft, neapel, italien, armut, bildung

Meine geniale Freundin

Elena Ferrante , Karin Krieger
Fester Einband: 422 Seiten
Erschienen bei Suhrkamp, 29.08.2016
ISBN 9783518425534
Genre: Romane

Rezension:

Im Netz tobt das #FerranteFever und auch ich wurde infiziert. Um “Meine geniale Freundin” den Auftakt der Neapolitanischen Saga von Elena Ferrante, kommt man im Moment einfach nicht herum und ich wollte das auch gar nicht. Zu schnell war ich nach wenigen Seiten in dieser dramatischen und doch idyllischen Geschichte gefangen.

Die Neapolitanische Saga erzählt die Geschichte der Freundschaft zweier besonderer Frauen über viele Jahrzehnte hinweg. Im ersten Band “Meine geniale Freundin” lernen wir Elena und Lina (eigentlich Raffaella) kennen und begleiten sie den ersten Stück ihres Weges, von der Kindheit bis in ihre wilden Jugend im Neapel der fünfziger Jahre.
Elena und Lina sind zwei Charaktere, wie sie unterschiedlicher kaum sein können, das übliche Prinzip von sich anziehenden Gegensätzen. Lina ist äußerst begabt und wissbegierig, dabei aber unbändig und wild. Elena ist zurückhaltender und äußerst brav, ihre Erfolge basieren auf Strebsamkeit und Disziplin. Trotzdem werden (wie so oft im Leben und der Literatur) gerade diese beiden Mädchen Freundinnen. Im Buch verfolgen wir die ersten Jahre ihrer Freundschaft und merken schnell: dies ist keine reine Hanni-und-Nanni-Mädchenfreundschaft. Schon früh dreht sich die Geschichte auch um Eifersucht und Missgunst.

Ich fand es spannend zu lesen, wie sich die beiden Charaktere immer aufs Neue anziehen und abstoßen. Unverbrüchlich füreinander einstehen und hart gegeneinander kämpfen. All das wird beschrieben mit einer Menge italienischem Pathos. Die Stimmung im Buch ließ mich ein wenig an die “Der Pate” Trilogie denken. Dramatisch und leidenschaftlich und doch auch phasenweise beschaulich und idyllisch. Der Grat zwischen Kitsch und Drama ist dabei manchmal haarscharf, ich habe mich darin jedoch äußerst wohlgefühlt.

Zu Beginn war es für mich ein wenig schwierig in die Figurenwelt der Geschichte abzutauchen. Viele Haupt- und Nebencharaktere drängen sich in der Geschichte, konkurrieren oder harmonisieren miteinander und dies in wechselnden Konstellationen. Nach einer Phase des Kennenlernens, hat man aber das Gefühl mit der Geschichte Teil des neapolitanischen Viertels zu sein.
Und obwohl die Handlung insgesamt recht überschaubar ist, sich hauptsächlich anekdotisch fortbwegt, bekommen wir einen Eindruck der Bandbreite der Saga: Liebesgeschichten, Trennungen, Erfolg und Ruin, erste mafiöse Verwicklungen. Vielleicht an mancher Stelle ein bisschen dick aufgetragen, lässt es jedoch viel für die folgenden Bände erwarten.

Mich hat die Tiefe beeindruckt, in der Elena und Lina vorgestellt werden. Ihre Profile sind spannend und vor allem Elena, die ich-Erzählerin der Geschichte, lernen wir ganz nah kennen. Weite Teile des Buches werden durch ihre (Selbst-)Reflexionen bestimmt, Beobachtungen und Schlussfolgerungen. Ihre erzählende Stimme wirkt melodisch und nah, passend zum Titel ist es als würde eine enge Freundin erzählen. Diese Nähe lässt alles noch viel authentischer wirken und auch manch ungewöhnliche Entwicklung der Geschichte wirkt doch nachvollziehbar.

Interessant sind auch die beinahe beiläufig eingeschobenen Beschreibungen der Zeit und Gegend. Wie die Gesellschaft funktioniert und welchen Stellenwert zum Beispiel Schule und Bildung genießen, war interessant zu verfolgen. Aspekte, die dem Buch die nötige Tiefe geben und es ein Stück wegschieben vom Kitsch.

Insgesamt ein sehr schöner Auftakt für eine spannende Serie, die ich gerne weiter verfolgen möchte. Ein Buch, das wohl jeder Leser anders lesen wird: ein Buch über Freundschaft, ein Gesellschaftsroman, kitschige Italienidylle. Je nach Blickwinkel stimmt das alles.

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340 Bibliotheken, 7 Leser, 1 Gruppe, 108 Rezensionen

zeitreise, liebe, leuchtturm, fluch, vierundzwanzig stunden

Vierundzwanzig Stunden

Guillaume Musso , Eliane Hagedorn , Bettina Runge
Flexibler Einband: 384 Seiten
Erschienen bei Pendo Verlag, 01.06.2016
ISBN 9783866124011
Genre: Romane

Rezension:

Mit “Vierundzwanzig Stunden” habe ich endlich ein Buch von Guillaume Musso gelesen. Vom Stil und den Ideen des Autors bin ich sehr angetan, wenngleich mich dieser Roman nicht völlig überzeugen konnte.

Anna möchte Schauspielerin werden und sagt nur widerwillig zu, als der junge Arzt Arthur sie als falsche Krankenschwester engagiert, um seinen Großvater aus der Psychiatrie zu befreien. Obwohl diese “Rolle” ihren Ambitionen absolut nicht entspricht, ist es ein Auftrag, der ihr Leben verändern wird. Denn mit diesem Tag verbinden sich Arthurs und Annas Schicksal…

Die Geschichte von “Vierundzwanzig Stunden” dreht sich um den Zauber (oder Fluch?) verrinnender Zeit und verpasster Gelegenheiten. Diese Themen werden allerdings nicht “ganz normal” durch die tragischen Entwicklungen eines Lebens dargestellt, sondern wirklich auf die Spitze gebracht. Die titelgebenden vierundzwanzig Stunden sind es, die für unsere Protagonisten alles bedeuten.

Aus Arthus Perspektive durchleben wir die Handlung, springen mit ihm wild durch die Jahre. Mich haben die spannenden Zeitsprünge und ungewöhnlichen Situationen der Geschichte wirklich gut unterhalten. Wie Arthur im wahrsten Sinne des Wortes gegen die Zeit ankämpft, versucht sich nicht zu verlieren und gleichzeitig Anna für sich zu gewinnen, ist schön zu lesen.
Mit jedem Kapitel beweist der Autor seinen Einfallsreichtum. Kurzweilig und amüsant fallen wir in die absurdesten Situationen und ich bemerkte beim Lesen kaum, wie das Buch dahinrauschte.

Was mir fehlte war leider das gewisse Extra bei der Konstruktion der Geschichte. Mit jedem neuen Kapitel wuchs die Hoffnung, auf die große und ganz besondere Auflösung. Diese wurde trotz einiger sehr schöner Momente leicht enttäuscht. Der echte “Aha-Moment” fehlte für meinen Geschmack. So fiel das Ende etwas schwach gegen den spannenden Aufbau der Handlung aus.
Auch die eigentlich zwangsläufig entstehenden Konflikte im Strudel der Zeit fallen etwas schwach aus. Zwar gibt es immer wieder Ansätze, für meinen Geschmack lösen sich entstehende Probleme aber zu geschmeidig und geräuschlos.

So sind es unterm Strich mittelgute 3 von 5 Sternen. Schöne Lektüre für Sonnentage, aber bei mir persönlich kein Buch, das lange nachhallt. Vielleicht gingen auch einige Zwischentöne im Rausch der Handlung verloren?!

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186 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 75 Rezensionen

usa, freundschaft, familie, familiengeschichte, baltimore

Die Geschichte der Baltimores

Joël Dicker , Andrea Alvermann , Brigitte Große
Fester Einband: 512 Seiten
Erschienen bei Piper, 02.05.2016
ISBN 9783492057646
Genre: Romane

Rezension:

Seit ich damals die letzte Seite von “Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert” gelesen und das Buch endgültig geschlossen habe, wünschte ich mir eine neue Geschichte dieses wunderbaren Autors. Jetzt endlich wurde mit “Die Geschichte der Baltimores” dieser Wunsch erfüllt.

In “Die Geschichte der Baltimores” treffen wir ein bekanntes Gesicht wieder. Auch in diesem Buch  dreht sich alles um Marcus Goldman, den Autor aus Dickers erstem Werk. Trotzdem ist dies nun kein Nachfolger im eigentlichen Sinne und auch von Atmosphäre und Gefühl ganz anders als das erste Buch.
Vielmehr erzählt Marcus Goldman diesmal die Geschichte seiner Familie. Er berichtet von sich und seinen Eltern (den wenig strahlenden Goldmans aus Montclaire) und der Familie seines Onkels, den reichen und erfolgreichen Goldmans aus Baltimore.  Zwischen diesen beiden Ästen der Familie herrscht eine Kluft, wie sie tiefer nicht sein könnte. Im Verlauf der Geschichte erfahren wir einerseits die Ursachen dieser Kluft und durchleben mit Marcus andererseits die Krise, die dadurch in seiner Familie entsteht.

Anders als in “Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert” gibt es diesmal keinen irgendwie gearteten “Kriminalfall”, keine großen Ermittlungen. Dennoch wird auch hier im Verlauf der Geschichte ein Geheimnis stückweise enthüllt. Jedoch ist es diesmal vielmehr so, als wären alle Informationen schon von Anfang an da und klar, die Zeit ist nur nicht reif davon zu berichten.
So entwickelt sich auch in “Die Geschichte der Baltimores“ die Handlung rund um eine dramatische Enthüllung. Die Geschichte ist dabei aber weniger von unerwarteten Wendungen und Überraschungen, sondern von einem tiefen Gefühl von Begeisterung und gleichzeitigem Bedauern geprägt.

Ich musste während der Lektüre unwillkürlich mitschwärmen. Die beinahe kindliche Bewunderung, die immer wieder während der Beschreibungen im Buch durchblitzt, hat es mir einfach angetan. Manchmal wurde dafür zwar ein wenig tief aus den Vollen geschöpft (man muss den Körper eines Protagonisten nicht mehrmals mit einem “griechischen Gott” vergleichen, um den Leser verstehen zu lassen, wie perfekt er ist) aber ich konnte nicht anders als Marcus zu verstehen: die Baltimores sind einfach unvergleichlich!
Nicht weniger beeindruckend ist es dann zu verfolgen, wie sich diese begeisterte Anbetung langsam senkt und auch die Konflikte innerhalb der Familie zum Vorschein kommen.

In diesem Buch “passiert” eigentlich nicht viel, die Spannung und der Sog entwickelt sich allein aus der Veränderung von Atmosphäre und Stimmungen. Das mag manchem Leser zu wenig sein, mich hatte es völlig gefangen. Am Ende ist es vor allem die tragische “Moral” der Geschichte, die haften bleibt und die gesamte Handlung noch einmal in völlig neues Licht taucht.

Es ist ganz klar “Die Geschichte der Baltimores” ist kein zweites “Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert”. Das muss es aber auch gar nicht sein, auf seine Art ist es beinahe ebenso perfekt und psychologisch noch um einiges interessanter.

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319 Bibliotheken, 9 Leser, 2 Gruppen, 117 Rezensionen

sekte, 1969, mord, kalifornien, roman

The Girls

Emma Cline , Nikolaus Stingl
Fester Einband: 352 Seiten
Erschienen bei Hanser, Carl, 25.07.2016
ISBN 9783446252684
Genre: Romane

Rezension:

“The Girls” von Emma Cline scheint eines der Bücher in diesem Herbst zu werden. Es wird schon jetzt teils euphorisch besprochen, fesselt und fasziniert viele Leser. Die Autorin erhielt für das englische Original einen stattlichen Vorschuss, die Filmrechte sind ebenfalls verkauft. Ein Buch mit Bestsellergarantie sozusagen.

Auch ich war entsprechend neugierig, vom historischen Hintergrund der Geschichte angetan und nach nur wenigen Seiten vom Stil beeindruckt. Nach der Lektüre bleiben bei mir trotzdem viele “abers”.

Die Geschichte von “The Girls” dreht sich um Evie. Mit 14 Jahren findet sie, aus einem lieblosen Elternhaus stammend, Zuflucht bei einer alternativen Kommune. Die Mädchen der Kommune erscheinen Evie so selbstsicher und in sich ruhend, dass sie darin endlich ein Ziel erkennt. Das Elternhaus wirkt plötzlich muffig und eng, sie lechzt nach Rebellion. Willig folgt sie so den Mädchen der Kommune und Russel, ihrem Anführer. Im Laufe der Erzählung wird klar, dass die Lage in der Kommune irgendwann eskaliert sein muss. Statt in Sex, Drogen und Selbstfindung landet die Gemeinschaft in Gewalt.
Die Art und Weise wie die Katastrophe in der Geschichte nur angedeutet wird und sich erst durch die immer wieder wechselnden Abschnitte offenbart, hat mir gut gefallen. Die Erzählebenen wechseln zwischen den Geschehnissen 1969 und Evies gegenwärtigem Leben. Durch Konfrontation mit einem jungen, unsicheren Mädchen wird die erwachsene Evie an die prägenden Erlebnisse ihrer Jugend erinnert. Sie zieht immer wieder Vergleiche.

Für meinen Geschmack wird Evies Hintergrund zu einfach abgehandelt: schwierige Familienverhältnisse, selbstbezogene Mutter, fertig. Logisch, dass sie in einer Sekte landet. Ist das wirklich immer so einfach? Auch die Wege der anderen Mädchen bleiben weitestgehend im Dunkeln. Die psychologischen Konstellationen, die in solche Abhängigkeiten führen, wurden kaum hinterfragt.
Auch die Beziehungen zwischen den Figuren blieben für mich teils unklar. Evie fixiert sich in der Geschichte auf ein Mädchen. In ihren inneren Monologen wird sie als schier übermächtig beschrieben. Die eigentlichen Handlungen und Haltungen des Mädchens spiegeln das für mich kaum wider.

Historische Basis der Geschichte ist ganz klar Charles Manson und seine Manson Family. Das Buch erzählt, abstrahiert, wichtige Eckpunkte ihrer Geschichte. Die Figur des “Russel”, der Charles Manson symbolisiert, ist dabei leider wenig nachvollziehbar positioniert. Wie schafft es ein einzelner Mann, Menschen derart an sich zu binden?
Dieser Teil der Manson Geschichte hatte mich im Buch am meisten interessiert. Leider bleibt auch dieser Aspekt recht oberflächlich. Es wird davon gesprochen, dass Russel unwahrscheinlich charismatisch ist, es wird nicht gezeigt. Die weiteren Entwicklungen wirkten zum Teil entsprechend leer.

Sofort begeistert hat mich die bildreiche und kraftvolle Sprache. Seite um Seite steckt das Buch voll kleiner Schätze und teils schmerzhaft schöner Wahrheiten. Vor allem in den Tagträumereien und Gedanken Evies finden sich wundervolle Erkenntnisse:

“So dringend wollten die Leute das – wissen, dass ihr Leben tatsächlich passiert war, dass der Mensch, der sie einmal gewesen waren, noch immer in ihnen existierte.”

Diese Schönheit der Sprache und die vielen wundervollen Gedanken machen das Buch  lesenswert, hinterlassen bei mir aber auch den Nachgeschmack von schönem Schein. So wuchtig und beeindruckend der Erzählstil der Autorin auch ist, so wenig eindrücklich war für mich die Konstruktion der Geschichte. Da aber gerade diese historischen Figuren so viel Potenzial und Spannung bieten, blieb ich am Ende enttäuscht zurück.
Hätte sich die Autorin in diesem Stil mit einer ganz normalen Coming-of-Age Geschichte befasst, mit Sinnsuche und Erwachsenwerden, wäre ich wesentlich glücklicher gewesen. Im Hinblick auf die Last eines solch bewegenden und dramatischen historischen Vorbilds, blieb das Buch einfach hinter meinen Erwartungen zurück. Da reichen auch eingestreute Sexszenen nicht, um dem Buch den Anstrich des rauen zu verleihen.

Insgesamt sind das für mich 2 von 5 Sternen. Stilistisch wirklich ein Vergnügen, blieb für mich dennoch vor allem ein schaler Nachgeschmack.

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263 Bibliotheken, 3 Leser, 1 Gruppe, 100 Rezensionen

familie, selbstmord, tod, roman, tragödie

Was ich euch nicht erzählte

Celeste Ng , Brigitte Jakobeit
Fester Einband: 288 Seiten
Erschienen bei dtv Verlagsgesellschaft, 27.05.2016
ISBN 9783423280754
Genre: Romane

Rezension:

“Lydia ist tot.” ein Satz, der eine eigentlich glückliche Familie ins Unheil stürzt und die ruhigen Fahrwasser ihres Lebens in einen wilden Strudel verwandelt. Lydia, ein fleißiges, scheinbar beliebtes und ausgeglichenes Mädchen, wird ertrunken auf dem Grund eines Sees aufgefunden. Es ist unklar, ob es sich um Mord, Selbstmord oder einen Unfall handelt. Auf der Suche nach der Wahrheit kommen auch die unausgesprochenen Konflikte und Ängste ihrer Familie zu Tage.

“Was ich euch nicht erzählte” wird als literarischer Kriminalroman beschrieben, war für mich aber eher eine fein analysierte, emotional komplizierte Familiengeschichte mit Krimielementen. Die Handlung im Buch fokussiert sich nicht allein auf Lydias Verschwinden, sondern beschreibt wundervoll detailliert wie es zu all dem kam. Denn vor der Geschichte der Kinder, steht immer die Geschichte von Müttern und Vätern. So erfahren wir, wie der Sohn chinesischer Einwanderer und die Tochter einer amerikanischen Mittelstandsfamilie zu einem ungleichen, unzertrennlichen Paar werden. Er vom Wunsch nach Normalität getrieben, sie beseelt von der Vorstellung in ihrer inneren Andersartigkeit endlich verstanden zu werden. Dieser unausgesprochene Konflikt brodelt unter der liebevollen Oberfläche der Beziehung von Anfang an.
Mit der Geburt der Kinder treten diese Diskrepanzen immer stärker zu Tage. Lydias Eltern ziehen und zerren das Mädchen in verschiedene Richtungen. Die vergrabenen Träume ihrer Mutter schweben als Hoffnungen über ihr, genauso wie die Kindheitstraumata des Vaters. Zwischen diesen widerstreitenden Erwartungen verschwindet Lydia stückchenweise, wird nur noch zur Projektionsfläche der Wünsche und Träume ihrer Eltern.

Das Buch ist unglaublich mitreißend verfasst und zog mich Stück für Stück immer tiefer in die verwinkelten und verwundenen Beziehungen der Charaktere. Jede Figur des Buches blättert uns nach und nach ihre Geschichte auf. Alle wirken so echt, facettenreich, so miteinander verwoben und verworren, dass das Buch einen fast hypnotischen Sog entspinnt. Die tragische Hauptfigur des Buches, die wir nur durch die Beziehung zu ihren Eltern und Geschwistern kennenlernen, scheint alle Familienmitglieder untrennbar miteinander zu verbinden. Sie steht unangefochten im Zentrum der Beziehungen. Durch ihren Tod durchzieht die Geschichte eine Atmosphäre tiefer Traurigkeit, aber auch Düsterkeit und Anspannung. “Was ich euch nicht erzählte” sind die Lücken, die der Tod der Tochter in der Familie hinterlässt.

Für mich war “Was ich euch nicht erzählte” ein wirklicher Genuss, sprachlich fein und atmosphärisch dicht. Obwohl sich die Handlung Großteils mit der Entwicklung und Beziehung ihrer Figuren beschäftigt, ist sie zu keiner Zeit ziellos oder ohne Spannung. Kaum zu glauben, dass es sich hier um das Debüt der jungen Autorin handelt. Ich möchte sofort mehr davon!

Ein wunderschönes Buch, ein Buch das traurig stimmt und nachdenklich macht. Es spricht von enttäuschten Hoffnungen und dem Druck von Erwartungen. Für mich ein ganz klares Highlight.

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30 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 4 Rezensionen

keigo higashino, japan, klett cotta, inzest, ich habe ihn getötet

Ich habe ihn getötet

Keigo Higashino , Ursula Gräfe
Flexibler Einband: 352 Seiten
Erschienen bei Klett-Cotta, 23.04.2016
ISBN 9783608983067
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Bei jedem neuen Krimi von Keigo Higashino den ich lese, nehme ich mir vor die Auflösung ganz allein zu entdecken. Es ist mir auch diesmal nicht gelungen! Obwohl ich eifrig (meiner Meinung nach) wichtige Hinweise markierte, war ich ratlos bis zum Schluss. Zu klug konstruiert, zu verwirrend ist die Geschichte über den Mord am unsympathischen Drehbuchautor Makoto auch diesmal. Und auch in “Ich habe ihn getötet” wirft Keigo Higashino die Regeln des 0-8-15 Krimis wieder ein Stück weit über Bord: gleich drei Verdächtige sind davon überzeugt Makoto getötet zu haben. Statt einem nicht auffindbaren Täter, gibt es also drei “Mörder”!

Makoto ist auch wirklich unsympathisch: immer auf seine Karriere fokussiert und auch in Beziehungen äußerst egoistisch, hat er eine ganze Reihe an “Feinden” um sich geschart. Da ist der eifersüchtige Bruder seiner jungen Ehefrau, sein eigener Manager und seine ehemalige Geliebte. Alle Drei wünschen Makoto die Pest an den Hals und alle Drei halten sich für seinen Mörder.
In den verschiedenen Abschnitten wird abwechselnd aus der Perspektive der Verdächtigen, die Geschichte seines Todes erzählt. Wie Makoto auf dem Weg zum Traualtar plötzlich zusammenbricht und nach kurzer Verwirrung klar wird, dass er vergiftet wurde.

Mich hat Keigo Higashino auch diesmal gut unterhalten. Die Geschichte ist perfekt aufgebaut und die Verwirrung durch die wechselnden Sichtweisen perfekt. Wir erfahren zwar immer die Wahrheit aus Sicht der jeweiligen Person, wie im echten Leben bekommen wir aber dabei nicht die Beobachtungen und Erlebnisse der Übrigen mit. So entstehen Lücken, die der Leser sich durch Logik und Aufmerksamkeit selbst erschließen muss. Ein Buch zum miträtseln durch und durch.

Ein wenig westlicher ist die Geschichte diesmal und von weniger Bezügen zu “typisch japanischer” Kultur durchzogen. Trotzdem merkt man den ganz eigenen Stil, die feinen Beschreibungen und auch die charakteristischen Protagonisten Higashinos. Immer wieder ein Genuss.

Auffallend ist für mich, dass in den Krimis von Higashino die Grenze zwischen Opfer und Täter häufig verschwimmen. Unsympathische Opfer und menschliche, sympathische Täter machen es schwierig die Geschichte wie einen “normalen” Krimi zu betrachten. Der Mord war verwerflich, natürlich, aber durch seine bösartige Charakteristik wünscht man Makoto unwillkürlich auch eine Strafe.

Ich müsste das Buch ehrlich gesagt noch einmal lesen, um die Auflösung der Tat hundertprozentig nachvollziehen zu können, die Lösungshilfe am Ende des Buches hat mir allerdings wirklich gute Dienste erwiesen.

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17 Bibliotheken, 0 Leser, 1 Gruppe, 5 Rezensionen

broken hill, australien, weltkrieg, shakespeare, flüchtlinge

Broken Hill

Nicholas Shakespeare , Georg Deggerich
Fester Einband: 128 Seiten
Erschienen bei Hoffmann und Campe, 16.04.2016
ISBN 9783455405446
Genre: Romane

Rezension:

Mit nur 125 Seiten hat es Nicholas Shakespeare wieder geschafft, mich zu begeistern. In “Broken Hill” erzählt er die Geschichte eines Attentats am Neujahrstag des Jahres 1915 in Australien. Gleichzeitig beschreibt das Buch ein zentrales Problem unserer Zeit.
Im Örtchen Broken Hill leben die Siedler von der Metallverarbeitung und treiben vor allem Handel mit Deutschland. Durch den zweiten Weltkrieg wird dies erschwert, die wirtschaftliche Situation ist angespannt. Wo es den “weißen” Einwohnern noch relativ gut geht, bekommen die Afghanen, die “Kameltreiber”, die volle Härte der Lage zu spüren. Sie werden gesellschaftlich ausgegrenzt, leben mittel- und chancenlos am Rande der Gemeinde. Als die Erniedrigungen und Anfeindungen überhand nehmen, wollen sich Gül und Molla an den Bewohnern Broken Hills rächen.

Wie aus Gewalt immer neue Gewalt entsteht, aus Ausgrenzung und Perspektivlosigkeit Aggression wächst, zeigt sich auch heute in furchtbaren Attentaten. Die Geschichte von “Broken Hill” scheint da eine Metapher auf unsere Zeit. Im kleinen Rahmen dieses Ortes führt uns der Autor vor Augen, dass im Konflikt der Kulturen beide Seiten zu den Verlierern zählen.

Nicholas Shakespeare schafft es in dieser kurzen Geschichte die Probleme einer Gemeinschaft, aber auch die individuellen Situationen zweier interessanter Personen zu zeigen: Gül Mehmet ist der eigentlich friedliebende Eisverkäufer und wird im Verlauf der Geschichte zum Attentäter. Rosalind, ein freundliches und weltoffenes Mädchen, gerät durch ihren Kontakt zu “den Afgahnen” in Gefahr.
Anhand der Beziehung dieser beiden Figuren erzählt Nicholas Shakespeare die Geschichte des Ortes. Seine wunderschönen und atmosphärischen Beschreibungen schaffen es in nur wenigen Seiten, dass man die Figuren versteht und mit beiden Seiten leidet. Obwohl die furchtbaren Taten des Buch überschatten gibt es nicht “den Bösen”. Diese neutrale und sachliche, trotzdem nie kühle oder gefühllose Darstellung hat mir wunderbar gefallen.

Für mich schafft es Nicholas Shakespeare auch in diesem Buch wieder anhand einer recht einfachen Geschichte, ohne Nebenhandlungen oder Schnörkel, viel zu erzählen. Noch mehr aber gab mir dieses Buch zu denken. Es sind weniger die Fakten der Handlung, als vielmehr das Gefühl der Verzweiflung in Angesicht dieser traurigen Entwicklungen, das übrig bleibt. Wirklich beeindruckend!

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21 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 8 Rezensionen

Eine fast perfekte Familie

Meg Mitchell Moore , Sabine Schwenk
Fester Einband: 432 Seiten
Erschienen bei Berlin Verlag, 01.03.2016
ISBN 9783827012838
Genre: Romane

Rezension:

Traumjob. Traumhaus. Traumleben? Die Hawthrones haben eigentlich alles, was eine perfekte Familie braucht: Nora und Gabe sind berufliche Überflieger, ihre Tochter Angela die Klassenbeste und die jüngere Tochter Cecily eine talentierte Tänzerin. Trotz dieser scheinbaren Perfektion, braucht es nur wenig, um das Glück der Familie ins Wanken zu bringen. Einen kleinen Strauch marinen Zwergflachs zum Beispiel…

Ich habe lange darüber nachgedacht, warum bei „Eine fast perfekte Familie“ immer noch der letzte Funke fehlte, um mich zu begeistern. Einerseits ist das Buch eine tolle Betrachtung unserer Zeit. Es geht um Perfektion und das, was „Glück“ gesellschaftlich definiert. Ist es eine möglichst schicke Wohnung oder der Platz 1 auf einer Bestenliste? Wie die Familie im Buch von, zum Teil kleinsten, Problemen derart erschüttert wird, ist unterhaltsam zu lesen. Für mich stellten diese „Krisen“ auch immer wieder einzelne Aspekte unserer Kultur in Frage. Leistungsstreben und elitäres Denken werden zerpflückt und Werten wie Zusammenhalt und Treue entgegengestellt.

Andererseits verfolgte mich während der gesamten Lektüre das Gefühl, dass da noch mehr kommen muss. Eine kleine rosa Blume treibt Nora an den Rand der Verzweiflung. Wirklich?!
Wenn man sich darauf einlässt, ist die Handlung stimmig und durch die humorvolle Erzählweise nie langweilig. Die Konflikte wirkten für mich aber zum Teil wirklich lächerlich. Eine Mischung aus „Full House“ und den „Gilmore Girls“.
Wieder andererseits ist es vermutlich gerade jene Lächerlichkeit, die alles am deutlichsten zum Punkt bringt: in unseren eigentlich perfekten Leben, machen wir uns ziemlich viele Probleme einfach selbst.

„Eine fast perfekte Familie“ kann man auf zwei Arten lesen: als humorvolle Familiengeschichte mit schrägen Charakteren und witzigen Dialogen. Oder als Metapher auf gesellschaftliche Werte und deren Stellenwert in unserem Leben. Beides macht das Buch ziemlich gut aber nicht perfekt.

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91 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 20 Rezensionen

fotografie, vietnam, new york, london, fotografin

Die Fotografin

William Boyd , Patricia Klobusiczky , Ulrike Thiesmeyer
Fester Einband: 560 Seiten
Erschienen bei Berlin Verlag, 01.02.2016
ISBN 9783827012876
Genre: Romane

Rezension:

Armor Clay entdeckt in den 1930er Jahre ihre Passion zur Fotografie. Damals ist sie fast noch eine Exotin, die meisten Berufsfotografen sind Männer, das Pflaster ist entsprechend steinig für sie. Im Verlauf der Handlung sucht die junge Frau nicht weniger als sich selbst, ihre berufliche Position und die Liebe. Armory durchlebt politische und emotionale Krisen und ist Zeitzeugin in aufrührenden Zeiten.

William Boyd erzählt die fiktive Lebensgeschichte dieser Figur so authentisch und webt sie so nahtlos in historische Fakten ein, dass ich gar nicht glauben konnte, hier einen Roman vor mir zu haben. Alles liest sich so echt, fühlt sich so echt an, dass ich immer noch ein klein wenig überzeugt bin, dass Amory Clay eine tatsächliche historische Persönlichkeit war.
Das liegt unter anderem an der detaillreichen Geschichte. In der Handlung finden sich Bezüge zum ersten Weltkrieg und dem Vietnamkrieg, zu den Entwicklungen in England in den 1930er Jahren und dem „verruchten“ Berliner Nachtleben. Zum anderen werden alle Etappen der Geschichte mit Armorys Fotos unterlegt. Wir sehen sie, ihren Vater, ihre Männer und die Kriegsfotografien. Diese Fülle an Details verwebt sich zu einem perfekten Bild.
Auch die vielen Nebenhandlungen, Schicksalsschläge und interessanten Charakere, die Armorys Weg kreuzen, sind zu ausgefeilt, um nur erdacht worden zu sein.
Da die Handlung aus Armorys Perspektive erzählt wird, ihr Ton so leicht, manchmal spöttisch aber immer gefühlvoll ist, konnte ich mich ihr als Charakter schließlich nicht mehr entziehen. Von der ersten bis (vor allem!) zur letzten Seite hat sie mich immer wieder überrascht und zum Nachdenken gebracht. Vor allem das Ende empfand ich dabei als besonders wertvoll.

Die Hauptfigur des Romans, Armory, spielt häufig ein Spiel, das sich darum dreht Personen mit nur vier Adjektiven möglichst umfassend zu beschreiben. Möchte man dieses Buch ebenso beurteilen, würde ich „elegant, träumerisch, mitreißend und historisch“ wählen. Eigentlich sind aber vier Adjektive längst nicht genug! Es fehlen: großartig, fesselnd, sinnlich, poetisch…

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84 Bibliotheken, 2 Leser, 0 Gruppen, 25 Rezensionen

unsterblichkeit, teufel, molekularbiologie, biologie, ewiges leben

Die Unglückseligen

Thea Dorn
Fester Einband: 540 Seiten
Erschienen bei Knaus, 26.02.2016
ISBN 9783813505986
Genre: Romane

Rezension:

Betrachtet man das Altern als Krankheit, so ist es eine Krankheit mit verheerender Bilanz: Eine Krankheit mit einer Erkrankungsrate von 100% und einer langfristigen Morbidität von ebenfalls 100%. Kurz gesagt: früher oder später erwischt’s uns alle.
Für Dr. Johanna Mewet gibt es nichts wichtigeres, als dieser widersinnigen und trostlosen Spirale zu entfliehen. Die Molekularbiologin möchte ein Rezept gegen das Altern entwickeln. Wie passend, dass sie an der Supermarktkasse ausgerechnet Johann Wilhelm Ritter in die Arme läuft; Physiker, geboren im Jahr 1776 und höchst lebendig. Das Zusammentreffen dieser beiden (äußerst unterschiedlichen) Charaktere bringt Ereignisse in Gang, die irgendwo zwischen modernster Gentechnik und Fauststoff liegen.

Diese wilde Mischung aus aktuellen, wissenschaftlichen Themen und klassischem Kammerstück hat mich wirklich begeistert. Anfangs war es durchaus ein Ringen, die Geschichte gibt sich nicht kampflos hin,  hat man sich jedoch erst einmal in den eigenwilligen Erzählton und die absurden Entwicklungen eingelesen, will man immer mehr.

Die Vielfalt die sprachlich und erzählerisch geboten wird, sucht wirklich ihres Gleichen. Im Großen und Ganzen wechseln nur zwei Perspektiven ab: die moderne, wissenschaftliche Sicht von Johanna steht im Kontrast zur klassischen, gottesorientierten Weltsicht Ritters. Neben diesen beiden Polen gibt es jedoch noch eine markante dritte Stimme: der Teufel kommt höchstselbst zu Wort.
Die Abschnitte Ritters und des Teufels wirken recht verschlungen, wie aus einem alten Drama entnommen und zum Teil in Reimform gehalten. Der Teufel ist zudem mehr kommentierende Stimme, bringt Denkanstöße und neue Sichtweisen. Die Handlung bewegt sich nur in den Abschnitten Johannas und Ritters voran. Als wäre all das nicht genug, wird es noch ergänzt durch Einschübe in Form eines Theaterstückes, Beobachtungen einer Fledermaus und Auszüge aus Ritters Buch.

Diese Vielfalt kann wohl schnell als „zu viel“ empfunden werden. Mir hat sie wunderbar gefallen. Allgemein glaube ich, dass „Die Unglückseligen“ die Leser schnell in absolute Begeisterung und absolute Abneigung aufspaltet.
Die Handlung regt zum Denken an über (Un)Sterblichkeit, Lebensziele und die (engen) Grenzen der menschlichen Einsicht. Im Verlauf der Handlung werden die Grenzen der Logik mehrmals gedehnt, zum Teil gesprengt. Für mich las sich all das, wie ein irrer Fiebertraum einer ambitionierten Biologin. Insgesamt ergibt Thematik und Handlung (für mich) jedoch ein stimmiges und beeindruckendes Bild.

Für mich ein Buch, dass definitiv im Kopf bleibt, zum Nachdenken anregt und ein besonderes Gefühl hinterlässt, 5 von 5 Sternen dafür. Nie war der Tapetenspruch „Carpe diem!“ so passend wie nach der Lektüre dieses Buches.

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12 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 3 Rezensionen

dramatik, nadys-buecherwelt

Unter der Wasserlinie

Ross Raisin , Arnd Kösling
Fester Einband: 350 Seiten
Erschienen bei Blessing, 14.04.2014
ISBN 9783896674777
Genre: Romane

Rezension:

Das Buch beginnt nach einem Todesfall und beschreibt in den ersten Kapiteln, wie eine Familie sich nach diesem Verlust zusammenrauft. Wie sie nach der Beerdigung behutsam und umsichtig miteinander umgehen, zum Teil aber auch einfach nur sprachlos sind. Mick Little, Hauptfigur des Romans, der seine Ehefrau Cathy nach unzähligen gemeinsamen Jahren so plötzlich verliert, verliert damit auch den Boden unter den Füßen. Zuerst versucht er noch, sich weiter durch sein Leben zu hangeln, später folgen Verzweiflung und Absturz.

Der Einstieg in den Roman, so unvermittelt dieser auch ist, fiel mir wirklich leicht. Die ersten Kapitel des Buches verbreiten eine bedächtige und zwar traurige, aber doch auch irgendwie hoffnungsvolle Atmosphäre. Das kommt auch durch die wunderschöne Sprache. Vorsichtig und voll Details werden die Familie und ihre Konflikte beschrieben.

Ich war gespannt auf Micks Geschichte, auf die Hintergründe zu seiner Vergangenheit als Werftarbeiter und Details zur wirtschaftlich angespannten Situation in Glasgow. Vielleicht erwartete ich eine „Selbstfindungsgeschichte“ oder auch nur einen Familienroman voll Schwermut. Was ich jedoch nicht erwartete, war der gleichförmige, deprimierende und insgesamt einfach nur schreckliche Verlauf der Geschichte.
So wie unsere Hauptfigur den Mut verliert, verlor auch das Buch für mich völlig an Reiz. Statt der anfänglichen Atmosphäre und Feingefühl barg es für mich nur mehr Monotonie. Zwar ist Micks Abstieg zunächst noch sehr eindringlich beschrieben und scheint den Leser auf ungewöhnliche Weise mit seinen Konflikten in Verbindung zu bringen. Irgendwann jedoch ist da nur noch Eintönigkeit und auch ein Stück weit Ekel.
Auch sprachlich verlor mich dieser Teil des Buches völlig. Alles gleichförmig, immer wieder dasselbe, eine ellenlange Beschreibung nach dem immer gleichen Muster. Tag. Nacht. Hell. Dunkel. Kalt. Bier. Ich musste schwer mit mir Kämpfen das Buch nicht abzubrechen oder mich direkt auch zu betrinken.

Ich hoffte wirklich lange Zeit, dass das Buch noch eine interessante Wendung und Entwicklung bereit hält und ich (wie der Protagonist) nur genug Durchhaltevermögen benötigen würde. Leider erfüllte sich diese Hoffnung nicht. Wo noch einmal Entwicklung aufkommt, wirkt alles zu bemüht, die Auflösung der Geschichte schließlich scheint ein wenig erzwungen.

Ich weiß nicht, für welche Art von Leser dieses Buch gemacht ist. Von mir gibt es unterm Strich gerade noch 2 von 5 unglücklichen Leseratten, da es mich zumindest sprachlich zeitweise berühren konnte und mich auch zu Beginn noch inhaltlich ansprach.

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