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35 Bibliotheken, 1 Leser, 1 Gruppe, 14 Rezensionen

mississippi, rassismus, die toten von natchez, kennedy, politischer mor

Die Toten von Natchez

Greg Iles , Ulrike Seeberger
Fester Einband: 1.008 Seiten
Erschienen bei Rütten & Loening Berlin, 18.04.2016
ISBN 9783352006654
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Im letzten Jahr habe ich “Natchez Burning” trotz seiner über Tausend Seiten geradezu verschlungen und hungrig auf den nächsten Band der Trilogie gewartet. Nun ist “Die Toten von Natchez” erschienen und auch wieder ein echtes Schwergewicht. Es ist toll zum Schmökern, konnte die Begeisterung des ersten Bandes aber leider nicht vollständig aufrecht erhalten.

In “Die Toten von Natchez” treffen wir wieder auf Penn Cage, den Bürgermeister der kleinen Gemeinde Natchez am Mississippi. Gemeinsam mit seiner Frau, einer lokalen Reporterin, ist er weiterhin auf den Spuren mehrerer Morde aus den 1960er Jahren in die auch seine Familie tragisch verwickelt ist. Alles dreht sich um die Verbrechen der sogenannten “Doppeladler” einer gewalttätigen rassistischen Gruppe, deren Mitglieder teils wichtige Positionen in der Gesellschaft betrauen.

Anders als im ersten Band werden in diesem Buch ausschließlich die Handlungsstränge der Gegenwart weitergeführt. Der vorher spielerische Wechsel zwischen Vergangenheit und gegenwärtigen Entwicklungen, Mutmaßungen und Entdeckungen, die sich gekonnt verweben, fehlten mir sehr. Die Erzählweise der Geschichte wirkte mir etwas zu direkt, die Entwicklungen werden schlicht offengelegt. Die geheimnisvolle, mysteriöse und teils verwirrende Atmosphäre des ersten Bandes konnte mich besser fesseln.

Trotzdem ist “Die Toten von Natchez” kein Buch, das man zur Seite legen möchte. Es ist weiterhin toll gelungen die Schicksale der vielen Protagonisten fortzuführen. Die Charaktere kämpfen mit Eitelkeiten, Macht und Schuld. Die Fülle der Handlungsstränge verbindet sich dabei spannend und schlüssig.
Über allem steht die Frage, wie weit wir einen Menschen wirklich kennen können. Erste Geheimnisse und Dramen werden nun enthüllt, die sich im ersten Band nur andeuteten. Zusätzlich werden Gerechtigkeit und Ehrlichkeit mehr ins Zentrum der Geschichte gerückt. Dadurch entwickelt sich die Erzählung und ist nicht schlicht ein Weiterführen des ersten Bandes, sondern setzt eigene interessante Aspekte.
Leider fehlte der Geschichte ein so grandioser Cliffhanger, wie sie der erste Band noch aufwies. Fast wirkte “Die Toten von Natchez” abgeschlossen, nur wenige Geheimnisse bleiben zu lüften.

“Die Toten von Natchez” ist ein spannender und unterhaltsamer Roman, der wieder eine gelungene Verbindung historischer Ereignisse und spannender Kriminalfälle schafft.

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18 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 3 Rezensionen

spaß, freundschaft, roadtrip

Umweg nach Hause

Jonathan Evison , Isabel Bogdan
Flexibler Einband: 384 Seiten
Erschienen bei Blanvalet, 18.07.2016
ISBN 9783734102660
Genre: Romane

Rezension:

Weil für mich Bücher auch immer eine Reise und ein Aufbruch ins Unbekannte sind, lese ich unheimlich gern Roadtrips. Einen ganz Besonderen habe ich in „Umweg nach Hause“ gefunden.

Eigentlich möchte Ben, der nach einem Schicksalsschlag eher orientierungslos vor sich hin lebt, nur wieder zu Geld kommen. Nach einem kurzen Lehrgang bekommt er kurzfristig einen Job als Pfleger des schwerbehinderten Trevor. Dieser ist ein mürrischer Teenager wie er im Buche steht und hat „ganz nebenbei“ noch ALS. Statt Trevor weiterhin in seiner Komfortzone zu betreuen (die primär aus Waffeln und dem Wetterbericht im TV besteht), möchte Ben ihm die Welt zeigen… oder doch zumindest das größte Erdloch der Welt.

Ein wenig erinnert die Geschichte an den Kinoerfolg „Ziemlich beste Freunde“, ein billiger Abklatsch ist sie in meinen Augen dennoch nicht. „Umweg nach Hause“ wirkt etwas chaotischer und planloser und ist insgesamt jugendlicher als „Ziemlich beste Freunde“. Das macht sich schon durch die Sprache und die Gedanken der Figuren bemerkbar. Ich mag so etwas und fühlte mich von dem unkonventionellen, frechen Ton gut angesprochen. Die Witze gehen manchmal fast unter die Gürtellinie, die Situationen scheinen bizarr aber genau dadurch ist die Geschichte so lebendig.

Außerdem spielt neben Behinderung und Pflege vor allem das Thema Elternschaft in all seinen Facetten eine zentrale Rolle. Das Buch handelt vom Eltern werden, vom (Über)Behüten, vom Loslassen und Versöhnung. Für meinen Geschmack ist es wunderschön gelungen, wie dieses Thema durch die unterschiedlichen Charaktere immer neue Aspekte gewinnt. Auch Trevor ist in der Geschichte nicht „nur der Behinderte“. Seine schwierige Beziehung zum Vater und die Kraft, die Verzeihen manchmal kostet, sind gelungene Aspekte der Geschichte und lassen ihn als Protagonisten angenehm normal wirken. Gerade das macht die Geschichte für mich einzigartig.

Natürlich steht Trevors Behinderung und sein Charakter insgesamt im Mittelpunkt der Geschichte ist aber für meinen Geschmack angenehm unkompliziert in die Handlung eingewoben. Ich kann nicht beurteilen, in wie weit das einer so schwerwiegenden Erkrankung gerecht wird und ob der Ton in dieser Hinsicht immer angemessen ist. Es schafft für mich aber den Spagat zwischen schwierigem Thema und unterhaltsamer, unverkrampfter Darstellung.

Gelungen ist in meinen Augen auch die Art, wie Ben als Pfleger genügend Raum in der Geschichte bekommt. Durch immer wieder eingestreute Rückblenden erfahren wir seine (tragische) Geschichte. Er ist nicht der konturlose Typ, der Trevor aufs Klo hilft, sondern bekommt ein ganz eigenes Gesicht, Träume und Probleme. Erst dadurch wurde die Handlung in sich wirklich nachvollziehbar.

Ihr merkt, insgesamt habe ich wirklich wenig bis nichts zu meckern. Die Geschichte mag erzählerisch nicht jedermanns Geschmack sein, dafür sind Ton und Stil vielleicht ein bisschen derb. Für mich bildet all das aber genau die richtige Einheit.

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13 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

deutsch, erzählung, kanadier

Die steinerne Matratze

Margaret Atwood , Monika Baark
Fester Einband: 304 Seiten
Erschienen bei Berlin Verlag, 02.11.2016
ISBN 9783827013187
Genre: Romane

Rezension:

Auch Margaret Atwoods neueste Kurzgeschichtensammlung “Die steinerne Matratze” war für mich wieder eine reine Freude. Ihre Geschichten sind abwechslungsreich und hängen doch gleichzeitig eng zusammen. Sie drehen sich um das ehrliche, ungeschminkte Ich aber auch um das Alter und die Literatur.

Die ersten drei Geschichten “Alphinland”, “Wiedergänger” und “Black Lady” könnten für sich schon einen kleinen Roman bilden, da die Geschichten beziehungsweise ihre Protagonisten so eng zusammenhängen. Für mich war dabei schon “Alphinland” ein Highlight. Wir lernen eine betagte Schriftstellerin kennen, für die einfachste Erledigungen des Alltags eine schwere Last sind, die durch ihre Literatur aber nach wie vor völlig frei ist. Die von ihr entworfene Welt Alphinland ist Basis für viele Bestseller, das Schreiben für sie jedoch mehr Rettung als Beruf. Wie still und sanft Margaret Atwood die Geschichte dieser Frau erzählt, hat mich beeindruckt. In wenigen Sätzen erscheint das Bild einer gebrechlichen und doch löwenstarken Frau, allein durch die kluge Beschreibung ihres Handelns.
Umso begeisterter war ich, als ich Figuren aus der ersten Geschichte auch in den folgenden beiden wiedertraf. Auch in “Wiedergänger” steht ein Schriftsteller (oder eher: Poet) im Zentrum. Anders als in der ersten Geschichte wurde dieser vom Erfolg verbittert und verstockt. Die Kontraste zwischen den Geschichten könnten nicht größer sein, die Verbindungen dennoch kaum enger. In beiden Geschichten spielt die Literatur und das Schreiben eine wichtige Rolle, ich fragte mich, ob Margaret Atwood dadurch auch über ihre eigene Beziehung zum Schreiben spricht.
Besonders spannend ist, dass in den Geschichten immer wieder ein Kontrast oder Konflikt der Figuren deutlich wird: ihr inneres Ich und das Bild, welches andere von ihnen haben, klafft manchmal Kilometerweit auseinander.

An diese drei Geschichten anschließend folgen weitere, losgelöste Erzählungen. Da ist das kurze und düstere “Lusus Naturae”, welches wie ein böses Märchen wirkt. Obwohl diese Geschichte sehr abstrakt erzählt ist, ohne Einordnungen und Namen auskommt, behandelt auch sie ähnliche Themen wie die ersten Geschichten. Es geht um das eigentliche Wesen eines Menschen, was es ausmacht und wie es seinen Lauf findet.

Die titelgebende Erzählung “Die steinerne Matratze” wiederum ist gegründet auf Überlegungen, die viele Krimileser kennen: die Frage nach dem perfekten Mord. Sie ist toll konstruiert und dazu noch in wenigen Sätzen in eine erschütternde Hintergrundgeschichte eingeordnet. Auch erzählerisch, merkt man einen deutlichen Wechsel zwischen den Geschichten. Margaret Atwood schafft es immer wieder neu, ihre Botschaft genau richtig zu verpacken. Sie ist kurz und knapp um Spannung aufzubauen, sanft und eindringlich wo es angebracht ist.

Ein bisschen schwächelnd zwischen all der Pracht scheint übrigens “Der gefriergetrocknete Bräutigam”, eine Geschichte die für mich wie ein kurzes, geschriebenes Bild wirkte. Eher der Anfang einer Geschichte, als wirklich eine vollständige Erzählung. In einer Sammlung ist es aber auch völlig normal, dass die verschiedenen Geschichten nicht jeden Leser gleich begeistern.

Insgesamt hat “Die steinerne Matratze” für mich wieder all jene Qualitäten, für die ich Margaret Atwood so liebe: ihre Geschichten sind klug und offenkundig unterhaltsam, bringen aber auch hintergründig zum Nachdenken. Jede Geschichte bietet genügend Facetten und kann auch nach mehrmaligem Lesen immer noch neue Seiten offenbaren.

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10 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 5 Rezensionen

unfall, mord, totschlag, to, gerichtsverfahre

Drei Söhne

Helen Garner , Lina Falkner
Fester Einband: 352 Seiten
Erschienen bei Berlin Verlag, 01.09.2016
ISBN 9783827012692
Genre: Romane

Rezension:

In “Drei Söhne” berichtet Helen Garner von einem Verbrechen, das die australische Öffentlichkeit jahrelang spaltete. Dieser wahre Fall scheint so makaber und verworren, wie ein schlechter Film und auch nach vielen Jahren mit dutzenden Prozesstagen bleiben Teile des Geschehens im Dunkeln. Am Vatertag des Jahres 2005 gerät Robert Faquharson mit seinem Auto von der Straße ab, der Wagen mit seinen drei kleinen Söhnen an Bord stürzt in einen Baggersee. Faquharson selbst kann sich retten, seine Söhne ertrinken. Was nach einer schrecklichen Tragödie klingt, gerät schnell in den Verdacht ein furchtbarer Mord zu sein: der Mord eines Vaters an seinen Kindern.

“Kleine Jungs! Wie können solche wilden, lebendigen Geschöpfe überhaupt sterben? Wie kann diese vergnügte Zauberhaftigkeit für immer ausgelöscht werden?”

Helen Garner ist sonst für ihre gefühlvollen Erzählungen und Kurzgeschichten bekannt, in “Drei Söhne” schafft sie es auch die enervierenden und langatmigen Teile eines Gerichtsprozesses mit viel Gefühl und Gespür für die Konflikte dieses Falles zu beschreiben. Vor allem die Tatsache, dass Faquharson als einziger “Zeuge” des Unfalls war und dennoch nichts aussagt beziehungsweise behauptet wegen einer Ohnmacht nichts sagen zu können, beleuchtet die Autorin von verschiedenen Seiten. So zweifeln wir mit ihr und bekommen eine Ahnung von unglaublich heiklen Situation des Falles.

Als reiner Indizienprozess geführt, werden die Verhandlungen von den Berichten der Sachverständigen dominiert. Zusätzlich kommen aber auch Personen zu Wort, die Faquharsons Charakter und seine teils belastenden Aussagen wiedergeben können. Toll gelungen ist es, wie Helen Garner diese Abschnitte auf die wesentlichen Fakten reduziert und sich sonst hauptsächlich mit der Wirkung der Aussagen und ihrer Bedeutung für den Fall beschäftigt. Da ihren Beschreibungen nach vor allem die Darstellungen über Vermessungen der Polizei etliche Tage in Anspruch nahmen, bin ich über diese gelungene Zusammenfassung wirklich dankbar.

Besonders begeistert hat mich außerdem, wie es die Autorin schafft ihre eigenen Überlegungen und Zweifel ganz natürlich in die Prozessbeschreibungen einzuweben. Diese Abschnitte sind sprachlich wunderschön, mitreißend und geben ein ganz eigenes Gefühl für diesen Fall und seine zentralen Fragen.

“Jeder weiß, dass die Erinnerung nicht einfach ein jederzeit zugängliches Dokument ist, dessen Inhalt von einem Öffnen zum nächsten genau gleich bleibt. Erinnerung ist ein stetiger, lebenslanger Prozess, fließend, lebhaft und mysteriös.”

Dadurch war für mich die Lektüre keineswegs trocken und langatmig, sondern lebendig und mitreißend. Seite um Seite stellte ich mir selbst eben jene Fragen: kann ein Vater seinen Söhnen so etwas antun? Kann oder will er sich nicht erinnern?

Ich glaube, dass dieses Buch nicht für alle Leser gleich gut geeignet ist: ich selbst bin interessiert an “True Crime” und den dargestellten Details des Prozesses, auch das Urteil erwartete ich mit einiger Spannung. Für mich 5 von 5 Leseratten. Trotz aller Fokussierung auf das Wesentliche, wird es aber Leser geben denen die Details zu langatmig sind oder die mit dem schlichten Ende nicht glücklich werden. Anders als in Romanen, kann das echte Leben nämlich nicht immer eine Moral in der Geschichte bieten.

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124 Bibliotheken, 14 Leser, 1 Gruppe, 19 Rezensionen

stephen king, thriller, bill hodges-trilogie, usa, krimi

Mind Control

Stephen King , Bernhard Kleinschmidt
Fester Einband: 580 Seiten
Erschienen bei Heyne, 12.09.2016
ISBN 9783453270862
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Nach “Mr. Mercedes” und “Finderlohn” hat Stephen King nun mit “Mind Control” den (krönenden?) Abschluss der Bill Hodges Trilogie gesetzt. Ein letztes Mal begegnen sich das sympathische Ermittlertrio und ihr Widersacher aus dem ersten Band. Denn obwohl Brady Hartsfield (a.k.a. “Mr. Mercedes”) nach wie vor mit schweren Hirnverletzungen im Krankenhaus liegt, scheint er gar nicht so untätig zu sein, wie er aussieht. Das Böse kehrt in diesem Buch zurück: subtiler, verrückter und grausamer als zuvor.

Wo Stephen King in den beiden vorangegangen Bänden tatsächlich eher einen Kriminalroman vorlegte, wendet sich “Mind Control” für meinen Geschmack zurück zum typischen King: Horror, dunkle Mächte, irre Protagonisten. Die Handlung wirkt dadurch auch ein Stück weit weniger organisiert und strukturiert. Weniger die “Ermittlungsarbeit” unserer Protagonisten, als ihre Nervenstärke und persönliche Entwicklung scheinen im Vordergrund zu stehen. Um das Buch wirklich genießen zu können, sollte man daher die beiden Vorgänger wirklich gelesen haben. Im Gegensatz zu “Finderlohn”, das für meinen Geschmack auch unabhängig funktioniert, ergibt sich viel der Spannung und des Nervenkitzels aus der Eskalation von Konflikten aus früheren Büchern.
Vor allem Bill Hodges, unser pensionierter Ermittler und Hauptfigur wider Willen, hat mich erneut begeistert. Die dramatische Entwicklung rund um seine Figur, sein Streben und seine Zähigkeit sind absolut mitreißend und kommen einfach authentisch rüber. Ein typischer King-Charakter und ganz nach meinem Geschmack, ich leide und kämpfe immer mit.

Dagegen wirkte die eigentliche Haupthandlung von “Mind Control” fast schon schwach und ein wenig erzwungen. Es wird versucht ein großes Finale zwischen Böse und Gut zu inszenieren, so “unerwartet” wie möglich. Dabei mischt Stephen King (pseudo) Popkultur-Elemente und eben seine “düsteren Mächte” zu einer wirren Kombination, die mich teils begeisterte und teils störte. Ja, die mentale Beeinflussung der Massen ist eine spannende Vorstellung und die einzelnen Vorfälle sind atmosphärisch umschrieben und entwickeln sich spannend. Die (negative) Beeinflussung von Jugendlichen durch die Medien könnte man sogar noch ganz konkret sozialkritisch verstehen. Eigentlich eine tolle Idee. Leider war für meinen Geschmack die Umsetzung, wie dies in Verbindung zu “Mr. Mercedes” gestellt wird, etwas schwach.

Trotzdem lässt mich das Buch glücklich zurück. Zwar bin ich traurig, dass dies vermutlich wirklich unsere letzte Begegnung mit Bill Hodges bleiben wird (wobei ich ein klitzekleines bisschen weiter hoffe), aber ich finde die persönliche Entwicklung der Figuren und Eskalation der Konflikte gelungen. Ein schöner Abschluss, wenn auch vielleicht kein Höhepunkt. Dazu wirkte die Rahmenhandlung etwas erzwungen, wird aber ihrem Ziel gerecht: es kommt zum Showdown zwischen Gut und Böse, Spannung und Nervenkitzel.

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90 Bibliotheken, 2 Leser, 1 Gruppe, 48 Rezensionen

leipzig, hotel, schatten, münchen, familiengeschichte

Die unsterbliche Familie Salz

Christopher Kloeble
Fester Einband: 440 Seiten
Erschienen bei dtv Verlagsgesellschaft, 26.08.2016
ISBN 9783423280921
Genre: Romane

Rezension:

In “Die unsterbliche Familie Salz” wird die rasante Familiengeschichte, nein Tragödie der Familie Salz erzählt. Umwirbelt von historischen Ereignissen zwischen 1914 und 2015 erleben fünf Generationen der Familie ihr eigenen kleinen und großen Dramen. Wir lernen besondere Persönlichkeiten und ihre Schatten kennen.
Denn schon mit der Großmutter Lola Rosa Salz beginnt die besondere Verbindung der Familie zu ihren Schatten. In diesem Buch sind Schatten nicht nur stumme Begleiter, sondern Spiegel der Seele, Freunde und Boten. Zu Beginn der Geschichte stürzt Lola Rosa Salz vom Dach des Hotels Fürstenhof in Leipzig, sie fällt ins Koma und beginnt die tragische Geschichte der Familie, des Hotels und ihrer Schatten zu erzählen, in Gedanken.

So kommen im Verlauf der Handlung die verschiedenen Mitglieder der Familie zu Wort und erzählen von ihrem Leben. Ganz besonders spannend dabei ist, dass nicht nur die eigentliche Erzählung, sondern auch ihre bloße Reihenfolge ganz bedeutend erscheinen. So lernen wir Familienmitglieder erst, in ihrer eigenen Erzählung, als humorvoll, menschlich und liebevoll kennen. Werden diese Charaktere dann in der Erzählung ihrer Nachkommen aufgegriffen, werden Sympathien und Antipathien gleich ganz neu gemischt. Das ist ein schöner Kniff und gar nicht so entfernt vom echten Leben: auch da können wir trotz bestem Willen unseren Mitmenschen vielleicht auch Unrecht tun. So können wir jedem Charakter mit der nötigen Offenheit begegnen und schließen sie (vorerst) alle ins Herz.

Toll gelungen ist außerdem, dass sowohl stilistisch als auch im Hinblick auf die Form des Erzählens die verschiedenen Abschnitte der Familienmitglieder klar zu trennen sind. Es wird mal als innerer Monolog, mal als tagebuchähnlicher Bericht oder Brief das Geschehen vorangebracht. Allen gemein ist ein schöner Wortwitz und leichter Humor, vor allem die Bezeichnungen des Leipziger Dialekts und die schöne Situationskomik haben mich zum Lachen gebracht.

Diese Mischung aus unterhaltsamer Geschichte, historischen Ereignissen (vom Ersten Weltkrieg bis zur Deutschen Wiedervereinigung) und vielen zwischenmenschlichen Problemen, hat mich besonders bewegt. Es könnte für manchen Leser ein wenig “viel” sein, für meinen Geschmack war diese Fülle genau richtig. So werden neben den beschriebenen Themen auch Fragen der Identität und Prägung besprochen. Es ist bewegend zu verfolgen, wie die Traumata der Vorfahren auch das Leben ihrer Kinder und Kindeskinder erschüttert. Mich hat somit das Buch durchweg beschäftigt und unterhalten, die verschiedenen verlorenen Schicksale gingen und gehen mir auch lange nach der Lektüre nicht aus dem Kopf.
Dabei mag es einige Verbindungen und Winkelzüge geben, die konstruiert erscheinen. Für mich aber konnte durch die Leichtigkeit des Erzählens genau der Eindruck vom “Wink des Schicksals” transportiert werden, der alles doch recht stimmig wirken lies.

Unterm Strich war mir die Lektüre von “Die unsterbliche Familie Salz” ein echter Genuss und tolles Abenteuer.

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91 Bibliotheken, 4 Leser, 0 Gruppen, 27 Rezensionen

elefanten, trauer, liebe, spiritualität, familie

Die Spuren meiner Mutter

Jodi Picoult , Elfriede Peschel
Fester Einband: 512 Seiten
Erschienen bei C. Bertelsmann, 29.08.2016
ISBN 9783570102367
Genre: Romane

Rezension:

Mit ihrem neuen Buch “Die Spuren meiner Mutter” hat mich Jodi Picoult thematisch mitten ins Herz getroffen. Es erzählt eine Geschichte von unerschütterlicher Liebe, übersinnlichen Fähigkeiten und… Elefanten!
Seit über zehn Jahren ist die Mutter der dreizehnjährigen Jenna nun schon verschollen. In einer tragischen Nacht verschwand die begnadete Elefantenforscherin nach einem Unfall im Elefantengehege spurlos. Nun, alt genug um sich selbst auf die Suche zu machen, verfolgt Jenna gemeinsam mit Hilfe eines ehemaligen Polizisten und eines erfolglosen Mediums ihre Spuren. Sie möchte endlich die Wahrheit erfahren, warum ihre Mutter sie zurückließ.

Hach! Diese Geschichte hat mich so rundum glücklich gemacht. Jenna und ihre tragische aber auch so wunderbar beharrliche Suche haben mich ab der ersten Seite für sich eingenommen. Ihr Schwanken zwischen Verzweiflung im Hinblick auf die verlorene Mutter und ihre Hoffnung auf ein “Happy End” habe ich einfach gespürt, habe mit ihr gelitten. Dazu kommen ihre Begleiter, die ein wirklich unterhaltsames Gespann ergeben: das mittlerweile erfolglose Medium Serenity und der kauzige, zynische Ex-Cop sind so gegensätzlich, wie sie nur sein können. Widerwillig arbeiten sie dann doch zusammen. Wieder schafft es die Autorin Charaktere zu erschaffen, die außergewöhnlich und dennoch authentisch wirken.

Die Kapitel des Buches werden aus jeweils wechselnden Perspektiven von Jenna und ihren Begleitern, aber auch durch die Notizen der Mutter erzählt. Alle Figuren bringen dadurch ihre eigene Sicht auf das Geschehen in die Handlung ein, alle tragen Probleme und Ängste mit sich herum, die wir so ganz direkt kennenlernen.
Die Abschnitte von Jennas Mutter ergänzen die Handlung zusätzlich wunderschön um Beschreibungen von Elefanten und deren Sozialverhalten. Immer wieder ergeben sich dabei Parallelen zwischen der Beobachtung der Elefanten und der eigentlichen Handlung. Mich haben die Erzählungen über diese tollen Tiere wirklich berührt. Vor allem die Verbindung von Elefantenkühen zu ihren Kälbern und ihrer Fähigkeit zu Mitgefühl und Trauer haben mich beeindruckt. Diese Abschnitte geben der Geschichte einiges an Traurigkeit und Tiefe, zeigen aber auch Hoffnung und unverbrüchliche Liebe.

Denn trotz einiger ziemlich trauriger Aspekte, liest sich “Die Spuren meiner Mutter” herrlich leicht und unterhaltsam. Es erzählt eine rührende Geschichte über Mutterliebe, Sehnsucht und Nähe. Ich mag es, wie Jodi Picoult solch schöne, ermutigende Botschaften in ihre Geschichten einwebt. Eine Erzählung, wie literarisches Soulfood: man fühlt sich darin einfach wohl und geborgen, die Seiten fliegen nur so dahin.

Bemerkenswert ist zudem, wie Jodi Picoult in jedem ihrer Bücher ein kleines Geheimnis versteckt. Natürlich möchte ich hier nicht zu viel erzählen, kann jedoch sagen, dass die Handlung viel mehr birgt, als ich zunächst dachte und mich die Auflösung der Geschichte kalt erwischt hat. Ich war völlig überrascht und ja, begeistert!

Mich hat “Die Spuren meiner Mutter” gut unterhalten und überrascht, aber auch bewegt. Es erzählt die Geschichte von unerschütterlicher Mutterliebe auf eine ganz neue und mitreißende Art. Die Elefanten sind dabei nicht einfach nur Metapher, sondern Helden der Geschichte. Sie zeigen die schönste Seite der Liebe aus einer neuen Perspektive.

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37 Bibliotheken, 2 Leser, 0 Gruppen, 13 Rezensionen

krimi, bayern, 2. weltkrieg, der dunkle grund des sees, stefanie kasper

Der dunkle Grund des Sees

Stefanie Kasper
Flexibler Einband: 389 Seiten
Erschienen bei Goldmann, 18.07.2016
ISBN 9783442483938
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

In “Der dunkle Grund des Sees” verwebt die Autorin geschickt wahre Ereignisse, wie die Anstauung des Forggensees in den 1950er Jahren, mit dem fiktiven Drama um das spurlose Verschwinden einer Familie. Dadurch entsteht ein ruhiger und dennoch spannender Krimi, der aber leider nicht viel Neues mit sich bringt.

Als Isabels Adoptivmutter Elisa stirbt, macht sie sich getrieben von Schuldgefühlen und Neugier daran die Geschichte ihrer Familie zu erforschen. Als 1954 der Foggernsee angestaut wurde, verschwand Elisas ganze Familie spurlos. Ihren letzten Wunsch, das Schicksal der Eltern und Schwester aufzuklären, möchte Isabel nun unbedingt erfüllen.
In wechselnden Abschnitten verfolgen wir die Geschichte von Isabels Nachforschungen in der Gegenwart und den Ereignissen 1954. Ein wenig klischeebeladen sind leider beide Perspektiven: die Vergangenheit erzählt eine spannende Geschichte, ist aber voll von Dorfklüngel und den dazu passenden Figuren. Die engstirnige Großelterngeneration, amerikanische Besatzer und verbotene Beziehungen. Schön arrangiert und dennoch alles nicht neu.
Ähnlich erging es mir bei den Abschnitten in Isabels Gegenwart. Ihre Nachforschungen sind spannend und ruhig aufgebaut, alles könnte so schön sein. “Doch die Suche nach der Wahrheit, bringt die junge Frau in Gefahr.”  Das wirkt arg konstruiert und ist zudem in meinen Augen völlig unnötig, auch ohne diese erzwungene Bedrohung hätte die Geschichte doch genug gefesselt.

Denn eigentlich sind es die ruhigen Passagen, die Gespräche der Figuren und Betrachtungen über den See und seine Geschichte, die mich doch durchweg interessiert haben. Auch Isabel (unsere Hauptfigur und Dreh- und Angelpunkt der Geschichte) mit ihrer Sozialphobie gibt dem Buch eine besondere Perspektive. Ihre Probleme im Umgang mit Menschen und wie sie diese versucht zu überwinden, geben ihr Tiefe und lassen sie als Charakter bedeutsam erscheinen.

Sprachlich ist “Der dunkle Grund des Sees” eher unaufgeregt, eine direkte Sprache die ohne viele Schnörkel oder Metaphern auskommt. Ganz geradeaus erzählt und mit einem schönen Tempo, kommt im Buch keine Langeweile auf. Die Hoffnung jedoch, dass am Ende die Verknüpfung der einzelnen Teile der Handlung zu einem großen Aha-Erlebnis führen, hat sich leider nicht bewahrheitet. In sich zwar logisch aber seltsam erwartet kommt die Geschichte zu ihrem Ende.

Ein Buch genauso geeignet für träge heiße Tage auf der Sonnenliege, wie für regnerische Herbstabende. Angenehmes Krimifutter, unblutig und spannend, aber ein wenig unspektakulär.

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129 Bibliotheken, 9 Leser, 0 Gruppen, 7 Rezensionen

stephen king, dystopie, horror, the stand, endzeit

The Stand - Das letzte Gefecht

Stephen King , Harro Christensen , Joachim Körber , Wolfgang Neuhaus
Flexibler Einband: 1.488 Seiten
Erschienen bei Heyne, 08.03.2016
ISBN 9783453438187
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Im Original erschien “The Stand” im Jahr 1978, die ungekürzte Fassung in deutscher Übersetzung schließlich im Jahr 1990. Damit ist “The Stand – Das letzte Gefecht” ein echter King-Klassiker, aber keineswegs veraltet.

“The Stand” beschreibt die Entwicklung einer dramatischen Seuche: aus einem amerikanischen Militärlabor entkommt der Virus “Captain Trips”. Mit einer unglaublichen Ansteckungsrate von 99,4 % breitet sich der Virus rasant unter der Bevölkerung aus… und tötet. Nach der recht kurzen und sehr dramatischen Pandemie sehen sich die übriggebliebenen, immunen Teile der Bevölkerung vor dem Problem das “Danach” zu überleben. Große Teile der Technologie sind nicht mehr nutzbar, schlicht weil die Experten, welche diese Technik bedienen konnten, verstorben sind. Infrastrukturen und soziale Strukturen sind vollständig zerstört.

In “The Stand” verfolgen wir die Entwicklung dieser dramatischen Seuche, anhand der Schicksale einzelner Menschen. In wechselnden Abschnitten begleiten wir dafür einzelne Überlebende und kleine Gruppen. Es ist wirklich spannend zu verfolgen, wie die Charaktere zuerst um ihr Leben bangen, ständig befürchten Captain Trips doch noch zum Opfer zu fallen, und anschließend erkennen, dass mit der Immunität das Überleben noch längst nicht sicher ist. In typischer King-Manier werden uns die Protagonisten dabei äußerst sympathisch vorgestellt: wir leiden und hoffen mit ihnen. Extrem spannend ist dabei, wie die unterschiedlichen Charakterzüge der Figuren, sich auf ihre Entwicklung auswirken. Es entstehen interessante Konstellationen und Konflikte: freundliche, hilfsbereite Figuren geraten in Bedrängnis und reagieren mit Gewalt, gewalttätige Charaktere ziehen Vorteile aus ihrem Handeln.

Wie bei King üblich gibt es auch bei “The Stand” einzelne Horror- bzw. Fantasyelemente, in diesem Fall düstere Visionen und besondere, scheinbar übernatürliche Figuren, die das Schicksal der Überlebenden lenken und auf ein letztes Gefecht zusteuern. Einerseits sorgen diese Elemente beständig für die Zuspitzung der Handlung und steuern die Geschichte auf einen finalen Konflikt. Andererseits passten sie für meinen Geschmack nicht zur sonst recht sachlich-klaren, dystopischen Atmosphäre.

Denn vor allem im letzten Drittel des Buches werden auch spannende Fragen von Gesellschaft und sozialem menschlichen Verhalten thematisiert: brauchen wir eine Regierung? Ab welcher Größe von Gemeinschaft? Wie sollen Recht und Ordnung gehandhabt werden? Dieses “Planspiel” hat mich extrem begeistert und war wunderbar aufgebaut. Schritt für Schritt bewegt sich die Gemeinschaft der Überlebenden weiter, wird mit immer neuen Konflikten konfrontiert und löst diese. Nach meinem Geschmack fehlten spannende Aspekte wie Eigentum und Arbeitsverteilung, ich hätte gern viel mehr davon gelesen. Dennoch stellt Stephen King zielsicher Fragen über unsere Staaten und Strukturen, die mich auch nach der Lektüre noch beschäftigten.

Obwohl das Buch in der aktuellen Taschenbuchausgabe gut 1.700 Seiten stark ist, kommt keine Langeweile auf. Da wo andere Bücher sich dem Ende zuneigen, werden bei “The Stand” die Charakterbeschreibungen beendet, die Reise einzelner Figuren durch die USA zieht sich über hunderte Seiten und ist doch atemlos, kurzweilig.

Wirklich gestört haben mich nur die Abschnitte um den “Mülleimermann”, eine der skurrilen, beinahe übernatürlichen Figuren. Obwohl der Ansatz diese Abschnitte auch sprachlich vom Rest zu trennen mir gut gefiel, schienen diese Teile der Geschichte nicht zum Rest zu passen. So ging es mir teils auch mit dem düsteren Kraft in der Geschichte, die zwar als wichtiger Gegenpol und Auslöser des Kampfes zwischen Gut und Böse funktioniert, aber in seiner Ausgestaltung nicht so hundertprozentig ins Bild passte.

Für mich war “The Stand” eine wirklich lohnenswerte und mitreißende Lektüre. Von der Stärke des Buches sollte man sich da keineswegs abhalten lassen, es ist pures Leserattenfutter. Ich schwanke zwischen reiner Begeisterung und einigen Kritikpunkten durch für mich nicht ganz passende Elemente. Deswegen werden es “nur” 4 von 5 Leseratten, die Reise in die frühen Werke des King hat sich dennoch gelohnt. Seinen Stil und vor allem seine Denkweise dort schon so klar zu erkennen, ist wirklich beeindruckend. In gewisser Weise sind diese frühen Geschichten auch schmutziger und härter, als neuere Veröffentlichungen. Bücher in denen ich mich wirklich wohl fühle.

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(108)

226 Bibliotheken, 16 Leser, 1 Gruppe, 75 Rezensionen

neapel, freundschaft, italien, armut, bildung

Meine geniale Freundin

Elena Ferrante , Karin Krieger
Fester Einband: 422 Seiten
Erschienen bei Suhrkamp, 29.08.2016
ISBN 9783518425534
Genre: Romane

Rezension:

Im Netz tobt das #FerranteFever und auch ich wurde infiziert. Um “Meine geniale Freundin” den Auftakt der Neapolitanischen Saga von Elena Ferrante, kommt man im Moment einfach nicht herum und ich wollte das auch gar nicht. Zu schnell war ich nach wenigen Seiten in dieser dramatischen und doch idyllischen Geschichte gefangen.

Die Neapolitanische Saga erzählt die Geschichte der Freundschaft zweier besonderer Frauen über viele Jahrzehnte hinweg. Im ersten Band “Meine geniale Freundin” lernen wir Elena und Lina (eigentlich Raffaella) kennen und begleiten sie den ersten Stück ihres Weges, von der Kindheit bis in ihre wilden Jugend im Neapel der fünfziger Jahre.
Elena und Lina sind zwei Charaktere, wie sie unterschiedlicher kaum sein können, das übliche Prinzip von sich anziehenden Gegensätzen. Lina ist äußerst begabt und wissbegierig, dabei aber unbändig und wild. Elena ist zurückhaltender und äußerst brav, ihre Erfolge basieren auf Strebsamkeit und Disziplin. Trotzdem werden (wie so oft im Leben und der Literatur) gerade diese beiden Mädchen Freundinnen. Im Buch verfolgen wir die ersten Jahre ihrer Freundschaft und merken schnell: dies ist keine reine Hanni-und-Nanni-Mädchenfreundschaft. Schon früh dreht sich die Geschichte auch um Eifersucht und Missgunst.

Ich fand es spannend zu lesen, wie sich die beiden Charaktere immer aufs Neue anziehen und abstoßen. Unverbrüchlich füreinander einstehen und hart gegeneinander kämpfen. All das wird beschrieben mit einer Menge italienischem Pathos. Die Stimmung im Buch ließ mich ein wenig an die “Der Pate” Trilogie denken. Dramatisch und leidenschaftlich und doch auch phasenweise beschaulich und idyllisch. Der Grat zwischen Kitsch und Drama ist dabei manchmal haarscharf, ich habe mich darin jedoch äußerst wohlgefühlt.

Zu Beginn war es für mich ein wenig schwierig in die Figurenwelt der Geschichte abzutauchen. Viele Haupt- und Nebencharaktere drängen sich in der Geschichte, konkurrieren oder harmonisieren miteinander und dies in wechselnden Konstellationen. Nach einer Phase des Kennenlernens, hat man aber das Gefühl mit der Geschichte Teil des neapolitanischen Viertels zu sein.
Und obwohl die Handlung insgesamt recht überschaubar ist, sich hauptsächlich anekdotisch fortbwegt, bekommen wir einen Eindruck der Bandbreite der Saga: Liebesgeschichten, Trennungen, Erfolg und Ruin, erste mafiöse Verwicklungen. Vielleicht an mancher Stelle ein bisschen dick aufgetragen, lässt es jedoch viel für die folgenden Bände erwarten.

Mich hat die Tiefe beeindruckt, in der Elena und Lina vorgestellt werden. Ihre Profile sind spannend und vor allem Elena, die ich-Erzählerin der Geschichte, lernen wir ganz nah kennen. Weite Teile des Buches werden durch ihre (Selbst-)Reflexionen bestimmt, Beobachtungen und Schlussfolgerungen. Ihre erzählende Stimme wirkt melodisch und nah, passend zum Titel ist es als würde eine enge Freundin erzählen. Diese Nähe lässt alles noch viel authentischer wirken und auch manch ungewöhnliche Entwicklung der Geschichte wirkt doch nachvollziehbar.

Interessant sind auch die beinahe beiläufig eingeschobenen Beschreibungen der Zeit und Gegend. Wie die Gesellschaft funktioniert und welchen Stellenwert zum Beispiel Schule und Bildung genießen, war interessant zu verfolgen. Aspekte, die dem Buch die nötige Tiefe geben und es ein Stück wegschieben vom Kitsch.

Insgesamt ein sehr schöner Auftakt für eine spannende Serie, die ich gerne weiter verfolgen möchte. Ein Buch, das wohl jeder Leser anders lesen wird: ein Buch über Freundschaft, ein Gesellschaftsroman, kitschige Italienidylle. Je nach Blickwinkel stimmt das alles.

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302 Bibliotheken, 9 Leser, 0 Gruppen, 98 Rezensionen

zeitreise, liebe, leuchtturm, vierundzwanzig stunden, new york

Vierundzwanzig Stunden

Guillaume Musso , Eliane Hagedorn , Bettina Runge
Flexibler Einband: 384 Seiten
Erschienen bei Pendo Verlag, 01.06.2016
ISBN 9783866124011
Genre: Romane

Rezension:

Mit “Vierundzwanzig Stunden” habe ich endlich ein Buch von Guillaume Musso gelesen. Vom Stil und den Ideen des Autors bin ich sehr angetan, wenngleich mich dieser Roman nicht völlig überzeugen konnte.

Anna möchte Schauspielerin werden und sagt nur widerwillig zu, als der junge Arzt Arthur sie als falsche Krankenschwester engagiert, um seinen Großvater aus der Psychiatrie zu befreien. Obwohl diese “Rolle” ihren Ambitionen absolut nicht entspricht, ist es ein Auftrag, der ihr Leben verändern wird. Denn mit diesem Tag verbinden sich Arthurs und Annas Schicksal…

Die Geschichte von “Vierundzwanzig Stunden” dreht sich um den Zauber (oder Fluch?) verrinnender Zeit und verpasster Gelegenheiten. Diese Themen werden allerdings nicht “ganz normal” durch die tragischen Entwicklungen eines Lebens dargestellt, sondern wirklich auf die Spitze gebracht. Die titelgebenden vierundzwanzig Stunden sind es, die für unsere Protagonisten alles bedeuten.

Aus Arthus Perspektive durchleben wir die Handlung, springen mit ihm wild durch die Jahre. Mich haben die spannenden Zeitsprünge und ungewöhnlichen Situationen der Geschichte wirklich gut unterhalten. Wie Arthur im wahrsten Sinne des Wortes gegen die Zeit ankämpft, versucht sich nicht zu verlieren und gleichzeitig Anna für sich zu gewinnen, ist schön zu lesen.
Mit jedem Kapitel beweist der Autor seinen Einfallsreichtum. Kurzweilig und amüsant fallen wir in die absurdesten Situationen und ich bemerkte beim Lesen kaum, wie das Buch dahinrauschte.

Was mir fehlte war leider das gewisse Extra bei der Konstruktion der Geschichte. Mit jedem neuen Kapitel wuchs die Hoffnung, auf die große und ganz besondere Auflösung. Diese wurde trotz einiger sehr schöner Momente leicht enttäuscht. Der echte “Aha-Moment” fehlte für meinen Geschmack. So fiel das Ende etwas schwach gegen den spannenden Aufbau der Handlung aus.
Auch die eigentlich zwangsläufig entstehenden Konflikte im Strudel der Zeit fallen etwas schwach aus. Zwar gibt es immer wieder Ansätze, für meinen Geschmack lösen sich entstehende Probleme aber zu geschmeidig und geräuschlos.

So sind es unterm Strich mittelgute 3 von 5 Sternen. Schöne Lektüre für Sonnentage, aber bei mir persönlich kein Buch, das lange nachhallt. Vielleicht gingen auch einige Zwischentöne im Rausch der Handlung verloren?!

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190 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 74 Rezensionen

usa, freundschaft, familie, familiengeschichte, baltimore

Die Geschichte der Baltimores

Joël Dicker , Andrea Alvermann , Brigitte Große
Fester Einband: 512 Seiten
Erschienen bei Piper, 02.05.2016
ISBN 9783492057646
Genre: Romane

Rezension:

Seit ich damals die letzte Seite von “Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert” gelesen und das Buch endgültig geschlossen habe, wünschte ich mir eine neue Geschichte dieses wunderbaren Autors. Jetzt endlich wurde mit “Die Geschichte der Baltimores” dieser Wunsch erfüllt.

In “Die Geschichte der Baltimores” treffen wir ein bekanntes Gesicht wieder. Auch in diesem Buch  dreht sich alles um Marcus Goldman, den Autor aus Dickers erstem Werk. Trotzdem ist dies nun kein Nachfolger im eigentlichen Sinne und auch von Atmosphäre und Gefühl ganz anders als das erste Buch.
Vielmehr erzählt Marcus Goldman diesmal die Geschichte seiner Familie. Er berichtet von sich und seinen Eltern (den wenig strahlenden Goldmans aus Montclaire) und der Familie seines Onkels, den reichen und erfolgreichen Goldmans aus Baltimore.  Zwischen diesen beiden Ästen der Familie herrscht eine Kluft, wie sie tiefer nicht sein könnte. Im Verlauf der Geschichte erfahren wir einerseits die Ursachen dieser Kluft und durchleben mit Marcus andererseits die Krise, die dadurch in seiner Familie entsteht.

Anders als in “Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert” gibt es diesmal keinen irgendwie gearteten “Kriminalfall”, keine großen Ermittlungen. Dennoch wird auch hier im Verlauf der Geschichte ein Geheimnis stückweise enthüllt. Jedoch ist es diesmal vielmehr so, als wären alle Informationen schon von Anfang an da und klar, die Zeit ist nur nicht reif davon zu berichten.
So entwickelt sich auch in “Die Geschichte der Baltimores“ die Handlung rund um eine dramatische Enthüllung. Die Geschichte ist dabei aber weniger von unerwarteten Wendungen und Überraschungen, sondern von einem tiefen Gefühl von Begeisterung und gleichzeitigem Bedauern geprägt.

Ich musste während der Lektüre unwillkürlich mitschwärmen. Die beinahe kindliche Bewunderung, die immer wieder während der Beschreibungen im Buch durchblitzt, hat es mir einfach angetan. Manchmal wurde dafür zwar ein wenig tief aus den Vollen geschöpft (man muss den Körper eines Protagonisten nicht mehrmals mit einem “griechischen Gott” vergleichen, um den Leser verstehen zu lassen, wie perfekt er ist) aber ich konnte nicht anders als Marcus zu verstehen: die Baltimores sind einfach unvergleichlich!
Nicht weniger beeindruckend ist es dann zu verfolgen, wie sich diese begeisterte Anbetung langsam senkt und auch die Konflikte innerhalb der Familie zum Vorschein kommen.

In diesem Buch “passiert” eigentlich nicht viel, die Spannung und der Sog entwickelt sich allein aus der Veränderung von Atmosphäre und Stimmungen. Das mag manchem Leser zu wenig sein, mich hatte es völlig gefangen. Am Ende ist es vor allem die tragische “Moral” der Geschichte, die haften bleibt und die gesamte Handlung noch einmal in völlig neues Licht taucht.

Es ist ganz klar “Die Geschichte der Baltimores” ist kein zweites “Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert”. Das muss es aber auch gar nicht sein, auf seine Art ist es beinahe ebenso perfekt und psychologisch noch um einiges interessanter.

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265 Bibliotheken, 9 Leser, 1 Gruppe, 109 Rezensionen

sekte, 1969, mord, kalifornien, roman

The Girls

Emma Cline , Nikolaus Stingl
Fester Einband: 352 Seiten
Erschienen bei Hanser, Carl, 25.07.2016
ISBN 9783446252684
Genre: Romane

Rezension:

“The Girls” von Emma Cline scheint eines der Bücher in diesem Herbst zu werden. Es wird schon jetzt teils euphorisch besprochen, fesselt und fasziniert viele Leser. Die Autorin erhielt für das englische Original einen stattlichen Vorschuss, die Filmrechte sind ebenfalls verkauft. Ein Buch mit Bestsellergarantie sozusagen.

Auch ich war entsprechend neugierig, vom historischen Hintergrund der Geschichte angetan und nach nur wenigen Seiten vom Stil beeindruckt. Nach der Lektüre bleiben bei mir trotzdem viele “abers”.

Die Geschichte von “The Girls” dreht sich um Evie. Mit 14 Jahren findet sie, aus einem lieblosen Elternhaus stammend, Zuflucht bei einer alternativen Kommune. Die Mädchen der Kommune erscheinen Evie so selbstsicher und in sich ruhend, dass sie darin endlich ein Ziel erkennt. Das Elternhaus wirkt plötzlich muffig und eng, sie lechzt nach Rebellion. Willig folgt sie so den Mädchen der Kommune und Russel, ihrem Anführer. Im Laufe der Erzählung wird klar, dass die Lage in der Kommune irgendwann eskaliert sein muss. Statt in Sex, Drogen und Selbstfindung landet die Gemeinschaft in Gewalt.
Die Art und Weise wie die Katastrophe in der Geschichte nur angedeutet wird und sich erst durch die immer wieder wechselnden Abschnitte offenbart, hat mir gut gefallen. Die Erzählebenen wechseln zwischen den Geschehnissen 1969 und Evies gegenwärtigem Leben. Durch Konfrontation mit einem jungen, unsicheren Mädchen wird die erwachsene Evie an die prägenden Erlebnisse ihrer Jugend erinnert. Sie zieht immer wieder Vergleiche.

Für meinen Geschmack wird Evies Hintergrund zu einfach abgehandelt: schwierige Familienverhältnisse, selbstbezogene Mutter, fertig. Logisch, dass sie in einer Sekte landet. Ist das wirklich immer so einfach? Auch die Wege der anderen Mädchen bleiben weitestgehend im Dunkeln. Die psychologischen Konstellationen, die in solche Abhängigkeiten führen, wurden kaum hinterfragt.
Auch die Beziehungen zwischen den Figuren blieben für mich teils unklar. Evie fixiert sich in der Geschichte auf ein Mädchen. In ihren inneren Monologen wird sie als schier übermächtig beschrieben. Die eigentlichen Handlungen und Haltungen des Mädchens spiegeln das für mich kaum wider.

Historische Basis der Geschichte ist ganz klar Charles Manson und seine Manson Family. Das Buch erzählt, abstrahiert, wichtige Eckpunkte ihrer Geschichte. Die Figur des “Russel”, der Charles Manson symbolisiert, ist dabei leider wenig nachvollziehbar positioniert. Wie schafft es ein einzelner Mann, Menschen derart an sich zu binden?
Dieser Teil der Manson Geschichte hatte mich im Buch am meisten interessiert. Leider bleibt auch dieser Aspekt recht oberflächlich. Es wird davon gesprochen, dass Russel unwahrscheinlich charismatisch ist, es wird nicht gezeigt. Die weiteren Entwicklungen wirkten zum Teil entsprechend leer.

Sofort begeistert hat mich die bildreiche und kraftvolle Sprache. Seite um Seite steckt das Buch voll kleiner Schätze und teils schmerzhaft schöner Wahrheiten. Vor allem in den Tagträumereien und Gedanken Evies finden sich wundervolle Erkenntnisse:

“So dringend wollten die Leute das – wissen, dass ihr Leben tatsächlich passiert war, dass der Mensch, der sie einmal gewesen waren, noch immer in ihnen existierte.”

Diese Schönheit der Sprache und die vielen wundervollen Gedanken machen das Buch  lesenswert, hinterlassen bei mir aber auch den Nachgeschmack von schönem Schein. So wuchtig und beeindruckend der Erzählstil der Autorin auch ist, so wenig eindrücklich war für mich die Konstruktion der Geschichte. Da aber gerade diese historischen Figuren so viel Potenzial und Spannung bieten, blieb ich am Ende enttäuscht zurück.
Hätte sich die Autorin in diesem Stil mit einer ganz normalen Coming-of-Age Geschichte befasst, mit Sinnsuche und Erwachsenwerden, wäre ich wesentlich glücklicher gewesen. Im Hinblick auf die Last eines solch bewegenden und dramatischen historischen Vorbilds, blieb das Buch einfach hinter meinen Erwartungen zurück. Da reichen auch eingestreute Sexszenen nicht, um dem Buch den Anstrich des rauen zu verleihen.

Insgesamt sind das für mich 2 von 5 Sternen. Stilistisch wirklich ein Vergnügen, blieb für mich dennoch vor allem ein schaler Nachgeschmack.

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224 Bibliotheken, 2 Leser, 1 Gruppe, 91 Rezensionen

familie, tod, selbstmord, roman, tragödie

Was ich euch nicht erzählte

Celeste Ng , Brigitte Jakobeit
Fester Einband: 288 Seiten
Erschienen bei dtv Verlagsgesellschaft, 27.05.2016
ISBN 9783423280754
Genre: Romane

Rezension:

“Lydia ist tot.” ein Satz, der eine eigentlich glückliche Familie ins Unheil stürzt und die ruhigen Fahrwasser ihres Lebens in einen wilden Strudel verwandelt. Lydia, ein fleißiges, scheinbar beliebtes und ausgeglichenes Mädchen, wird ertrunken auf dem Grund eines Sees aufgefunden. Es ist unklar, ob es sich um Mord, Selbstmord oder einen Unfall handelt. Auf der Suche nach der Wahrheit kommen auch die unausgesprochenen Konflikte und Ängste ihrer Familie zu Tage.

“Was ich euch nicht erzählte” wird als literarischer Kriminalroman beschrieben, war für mich aber eher eine fein analysierte, emotional komplizierte Familiengeschichte mit Krimielementen. Die Handlung im Buch fokussiert sich nicht allein auf Lydias Verschwinden, sondern beschreibt wundervoll detailliert wie es zu all dem kam. Denn vor der Geschichte der Kinder, steht immer die Geschichte von Müttern und Vätern. So erfahren wir, wie der Sohn chinesischer Einwanderer und die Tochter einer amerikanischen Mittelstandsfamilie zu einem ungleichen, unzertrennlichen Paar werden. Er vom Wunsch nach Normalität getrieben, sie beseelt von der Vorstellung in ihrer inneren Andersartigkeit endlich verstanden zu werden. Dieser unausgesprochene Konflikt brodelt unter der liebevollen Oberfläche der Beziehung von Anfang an.
Mit der Geburt der Kinder treten diese Diskrepanzen immer stärker zu Tage. Lydias Eltern ziehen und zerren das Mädchen in verschiedene Richtungen. Die vergrabenen Träume ihrer Mutter schweben als Hoffnungen über ihr, genauso wie die Kindheitstraumata des Vaters. Zwischen diesen widerstreitenden Erwartungen verschwindet Lydia stückchenweise, wird nur noch zur Projektionsfläche der Wünsche und Träume ihrer Eltern.

Das Buch ist unglaublich mitreißend verfasst und zog mich Stück für Stück immer tiefer in die verwinkelten und verwundenen Beziehungen der Charaktere. Jede Figur des Buches blättert uns nach und nach ihre Geschichte auf. Alle wirken so echt, facettenreich, so miteinander verwoben und verworren, dass das Buch einen fast hypnotischen Sog entspinnt. Die tragische Hauptfigur des Buches, die wir nur durch die Beziehung zu ihren Eltern und Geschwistern kennenlernen, scheint alle Familienmitglieder untrennbar miteinander zu verbinden. Sie steht unangefochten im Zentrum der Beziehungen. Durch ihren Tod durchzieht die Geschichte eine Atmosphäre tiefer Traurigkeit, aber auch Düsterkeit und Anspannung. “Was ich euch nicht erzählte” sind die Lücken, die der Tod der Tochter in der Familie hinterlässt.

Für mich war “Was ich euch nicht erzählte” ein wirklicher Genuss, sprachlich fein und atmosphärisch dicht. Obwohl sich die Handlung Großteils mit der Entwicklung und Beziehung ihrer Figuren beschäftigt, ist sie zu keiner Zeit ziellos oder ohne Spannung. Kaum zu glauben, dass es sich hier um das Debüt der jungen Autorin handelt. Ich möchte sofort mehr davon!

Ein wunderschönes Buch, ein Buch das traurig stimmt und nachdenklich macht. Es spricht von enttäuschten Hoffnungen und dem Druck von Erwartungen. Für mich ein ganz klares Highlight.

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25 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 3 Rezensionen

keigo higashino, japan, kommissar kaga-reihe, inzest, thriller-reihe

Ich habe ihn getötet

Keigo Higashino , Ursula Gräfe
Flexibler Einband: 352 Seiten
Erschienen bei Klett-Cotta, 23.04.2016
ISBN 9783608983067
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Bei jedem neuen Krimi von Keigo Higashino den ich lese, nehme ich mir vor die Auflösung ganz allein zu entdecken. Es ist mir auch diesmal nicht gelungen! Obwohl ich eifrig (meiner Meinung nach) wichtige Hinweise markierte, war ich ratlos bis zum Schluss. Zu klug konstruiert, zu verwirrend ist die Geschichte über den Mord am unsympathischen Drehbuchautor Makoto auch diesmal. Und auch in “Ich habe ihn getötet” wirft Keigo Higashino die Regeln des 0-8-15 Krimis wieder ein Stück weit über Bord: gleich drei Verdächtige sind davon überzeugt Makoto getötet zu haben. Statt einem nicht auffindbaren Täter, gibt es also drei “Mörder”!

Makoto ist auch wirklich unsympathisch: immer auf seine Karriere fokussiert und auch in Beziehungen äußerst egoistisch, hat er eine ganze Reihe an “Feinden” um sich geschart. Da ist der eifersüchtige Bruder seiner jungen Ehefrau, sein eigener Manager und seine ehemalige Geliebte. Alle Drei wünschen Makoto die Pest an den Hals und alle Drei halten sich für seinen Mörder.
In den verschiedenen Abschnitten wird abwechselnd aus der Perspektive der Verdächtigen, die Geschichte seines Todes erzählt. Wie Makoto auf dem Weg zum Traualtar plötzlich zusammenbricht und nach kurzer Verwirrung klar wird, dass er vergiftet wurde.

Mich hat Keigo Higashino auch diesmal gut unterhalten. Die Geschichte ist perfekt aufgebaut und die Verwirrung durch die wechselnden Sichtweisen perfekt. Wir erfahren zwar immer die Wahrheit aus Sicht der jeweiligen Person, wie im echten Leben bekommen wir aber dabei nicht die Beobachtungen und Erlebnisse der Übrigen mit. So entstehen Lücken, die der Leser sich durch Logik und Aufmerksamkeit selbst erschließen muss. Ein Buch zum miträtseln durch und durch.

Ein wenig westlicher ist die Geschichte diesmal und von weniger Bezügen zu “typisch japanischer” Kultur durchzogen. Trotzdem merkt man den ganz eigenen Stil, die feinen Beschreibungen und auch die charakteristischen Protagonisten Higashinos. Immer wieder ein Genuss.

Auffallend ist für mich, dass in den Krimis von Higashino die Grenze zwischen Opfer und Täter häufig verschwimmen. Unsympathische Opfer und menschliche, sympathische Täter machen es schwierig die Geschichte wie einen “normalen” Krimi zu betrachten. Der Mord war verwerflich, natürlich, aber durch seine bösartige Charakteristik wünscht man Makoto unwillkürlich auch eine Strafe.

Ich müsste das Buch ehrlich gesagt noch einmal lesen, um die Auflösung der Tat hundertprozentig nachvollziehen zu können, die Lösungshilfe am Ende des Buches hat mir allerdings wirklich gute Dienste erwiesen.

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13 Bibliotheken, 0 Leser, 1 Gruppe, 4 Rezensionen

broken hill, australien, weltkrieg, shakespeare, flüchtlinge

Broken Hill

Nicholas Shakespeare , Georg Deggerich
Fester Einband: 128 Seiten
Erschienen bei Hoffmann und Campe, 16.04.2016
ISBN 9783455405446
Genre: Romane

Rezension:

Mit nur 125 Seiten hat es Nicholas Shakespeare wieder geschafft, mich zu begeistern. In “Broken Hill” erzählt er die Geschichte eines Attentats am Neujahrstag des Jahres 1915 in Australien. Gleichzeitig beschreibt das Buch ein zentrales Problem unserer Zeit.
Im Örtchen Broken Hill leben die Siedler von der Metallverarbeitung und treiben vor allem Handel mit Deutschland. Durch den zweiten Weltkrieg wird dies erschwert, die wirtschaftliche Situation ist angespannt. Wo es den “weißen” Einwohnern noch relativ gut geht, bekommen die Afghanen, die “Kameltreiber”, die volle Härte der Lage zu spüren. Sie werden gesellschaftlich ausgegrenzt, leben mittel- und chancenlos am Rande der Gemeinde. Als die Erniedrigungen und Anfeindungen überhand nehmen, wollen sich Gül und Molla an den Bewohnern Broken Hills rächen.

Wie aus Gewalt immer neue Gewalt entsteht, aus Ausgrenzung und Perspektivlosigkeit Aggression wächst, zeigt sich auch heute in furchtbaren Attentaten. Die Geschichte von “Broken Hill” scheint da eine Metapher auf unsere Zeit. Im kleinen Rahmen dieses Ortes führt uns der Autor vor Augen, dass im Konflikt der Kulturen beide Seiten zu den Verlierern zählen.

Nicholas Shakespeare schafft es in dieser kurzen Geschichte die Probleme einer Gemeinschaft, aber auch die individuellen Situationen zweier interessanter Personen zu zeigen: Gül Mehmet ist der eigentlich friedliebende Eisverkäufer und wird im Verlauf der Geschichte zum Attentäter. Rosalind, ein freundliches und weltoffenes Mädchen, gerät durch ihren Kontakt zu “den Afgahnen” in Gefahr.
Anhand der Beziehung dieser beiden Figuren erzählt Nicholas Shakespeare die Geschichte des Ortes. Seine wunderschönen und atmosphärischen Beschreibungen schaffen es in nur wenigen Seiten, dass man die Figuren versteht und mit beiden Seiten leidet. Obwohl die furchtbaren Taten des Buch überschatten gibt es nicht “den Bösen”. Diese neutrale und sachliche, trotzdem nie kühle oder gefühllose Darstellung hat mir wunderbar gefallen.

Für mich schafft es Nicholas Shakespeare auch in diesem Buch wieder anhand einer recht einfachen Geschichte, ohne Nebenhandlungen oder Schnörkel, viel zu erzählen. Noch mehr aber gab mir dieses Buch zu denken. Es sind weniger die Fakten der Handlung, als vielmehr das Gefühl der Verzweiflung in Angesicht dieser traurigen Entwicklungen, das übrig bleibt. Wirklich beeindruckend!

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20 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 8 Rezensionen

Eine fast perfekte Familie

Meg Mitchell Moore , Sabine Schwenk
Fester Einband: 432 Seiten
Erschienen bei Berlin Verlag, 01.03.2016
ISBN 9783827012838
Genre: Romane

Rezension:

Traumjob. Traumhaus. Traumleben? Die Hawthrones haben eigentlich alles, was eine perfekte Familie braucht: Nora und Gabe sind berufliche Überflieger, ihre Tochter Angela die Klassenbeste und die jüngere Tochter Cecily eine talentierte Tänzerin. Trotz dieser scheinbaren Perfektion, braucht es nur wenig, um das Glück der Familie ins Wanken zu bringen. Einen kleinen Strauch marinen Zwergflachs zum Beispiel…

Ich habe lange darüber nachgedacht, warum bei „Eine fast perfekte Familie“ immer noch der letzte Funke fehlte, um mich zu begeistern. Einerseits ist das Buch eine tolle Betrachtung unserer Zeit. Es geht um Perfektion und das, was „Glück“ gesellschaftlich definiert. Ist es eine möglichst schicke Wohnung oder der Platz 1 auf einer Bestenliste? Wie die Familie im Buch von, zum Teil kleinsten, Problemen derart erschüttert wird, ist unterhaltsam zu lesen. Für mich stellten diese „Krisen“ auch immer wieder einzelne Aspekte unserer Kultur in Frage. Leistungsstreben und elitäres Denken werden zerpflückt und Werten wie Zusammenhalt und Treue entgegengestellt.

Andererseits verfolgte mich während der gesamten Lektüre das Gefühl, dass da noch mehr kommen muss. Eine kleine rosa Blume treibt Nora an den Rand der Verzweiflung. Wirklich?!
Wenn man sich darauf einlässt, ist die Handlung stimmig und durch die humorvolle Erzählweise nie langweilig. Die Konflikte wirkten für mich aber zum Teil wirklich lächerlich. Eine Mischung aus „Full House“ und den „Gilmore Girls“.
Wieder andererseits ist es vermutlich gerade jene Lächerlichkeit, die alles am deutlichsten zum Punkt bringt: in unseren eigentlich perfekten Leben, machen wir uns ziemlich viele Probleme einfach selbst.

„Eine fast perfekte Familie“ kann man auf zwei Arten lesen: als humorvolle Familiengeschichte mit schrägen Charakteren und witzigen Dialogen. Oder als Metapher auf gesellschaftliche Werte und deren Stellenwert in unserem Leben. Beides macht das Buch ziemlich gut aber nicht perfekt.

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82 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 19 Rezensionen

fotografie, vietnam, new york, london, fotografin

Die Fotografin

William Boyd , Patricia Klobusiczky , Ulrike Thiesmeyer
Fester Einband: 560 Seiten
Erschienen bei Berlin Verlag, 01.02.2016
ISBN 9783827012876
Genre: Romane

Rezension:

Armor Clay entdeckt in den 1930er Jahre ihre Passion zur Fotografie. Damals ist sie fast noch eine Exotin, die meisten Berufsfotografen sind Männer, das Pflaster ist entsprechend steinig für sie. Im Verlauf der Handlung sucht die junge Frau nicht weniger als sich selbst, ihre berufliche Position und die Liebe. Armory durchlebt politische und emotionale Krisen und ist Zeitzeugin in aufrührenden Zeiten.

William Boyd erzählt die fiktive Lebensgeschichte dieser Figur so authentisch und webt sie so nahtlos in historische Fakten ein, dass ich gar nicht glauben konnte, hier einen Roman vor mir zu haben. Alles liest sich so echt, fühlt sich so echt an, dass ich immer noch ein klein wenig überzeugt bin, dass Amory Clay eine tatsächliche historische Persönlichkeit war.
Das liegt unter anderem an der detaillreichen Geschichte. In der Handlung finden sich Bezüge zum ersten Weltkrieg und dem Vietnamkrieg, zu den Entwicklungen in England in den 1930er Jahren und dem „verruchten“ Berliner Nachtleben. Zum anderen werden alle Etappen der Geschichte mit Armorys Fotos unterlegt. Wir sehen sie, ihren Vater, ihre Männer und die Kriegsfotografien. Diese Fülle an Details verwebt sich zu einem perfekten Bild.
Auch die vielen Nebenhandlungen, Schicksalsschläge und interessanten Charakere, die Armorys Weg kreuzen, sind zu ausgefeilt, um nur erdacht worden zu sein.
Da die Handlung aus Armorys Perspektive erzählt wird, ihr Ton so leicht, manchmal spöttisch aber immer gefühlvoll ist, konnte ich mich ihr als Charakter schließlich nicht mehr entziehen. Von der ersten bis (vor allem!) zur letzten Seite hat sie mich immer wieder überrascht und zum Nachdenken gebracht. Vor allem das Ende empfand ich dabei als besonders wertvoll.

Die Hauptfigur des Romans, Armory, spielt häufig ein Spiel, das sich darum dreht Personen mit nur vier Adjektiven möglichst umfassend zu beschreiben. Möchte man dieses Buch ebenso beurteilen, würde ich „elegant, träumerisch, mitreißend und historisch“ wählen. Eigentlich sind aber vier Adjektive längst nicht genug! Es fehlen: großartig, fesselnd, sinnlich, poetisch…

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76 Bibliotheken, 2 Leser, 0 Gruppen, 23 Rezensionen

unsterblichkeit, teufel, molekularbiologie, biologie, ewiges leben

Die Unglückseligen

Thea Dorn
Fester Einband: 560 Seiten
Erschienen bei Knaus, 26.02.2016
ISBN 9783813505986
Genre: Romane

Rezension:

Betrachtet man das Altern als Krankheit, so ist es eine Krankheit mit verheerender Bilanz: Eine Krankheit mit einer Erkrankungsrate von 100% und einer langfristigen Morbidität von ebenfalls 100%. Kurz gesagt: früher oder später erwischt’s uns alle.
Für Dr. Johanna Mewet gibt es nichts wichtigeres, als dieser widersinnigen und trostlosen Spirale zu entfliehen. Die Molekularbiologin möchte ein Rezept gegen das Altern entwickeln. Wie passend, dass sie an der Supermarktkasse ausgerechnet Johann Wilhelm Ritter in die Arme läuft; Physiker, geboren im Jahr 1776 und höchst lebendig. Das Zusammentreffen dieser beiden (äußerst unterschiedlichen) Charaktere bringt Ereignisse in Gang, die irgendwo zwischen modernster Gentechnik und Fauststoff liegen.

Diese wilde Mischung aus aktuellen, wissenschaftlichen Themen und klassischem Kammerstück hat mich wirklich begeistert. Anfangs war es durchaus ein Ringen, die Geschichte gibt sich nicht kampflos hin,  hat man sich jedoch erst einmal in den eigenwilligen Erzählton und die absurden Entwicklungen eingelesen, will man immer mehr.

Die Vielfalt die sprachlich und erzählerisch geboten wird, sucht wirklich ihres Gleichen. Im Großen und Ganzen wechseln nur zwei Perspektiven ab: die moderne, wissenschaftliche Sicht von Johanna steht im Kontrast zur klassischen, gottesorientierten Weltsicht Ritters. Neben diesen beiden Polen gibt es jedoch noch eine markante dritte Stimme: der Teufel kommt höchstselbst zu Wort.
Die Abschnitte Ritters und des Teufels wirken recht verschlungen, wie aus einem alten Drama entnommen und zum Teil in Reimform gehalten. Der Teufel ist zudem mehr kommentierende Stimme, bringt Denkanstöße und neue Sichtweisen. Die Handlung bewegt sich nur in den Abschnitten Johannas und Ritters voran. Als wäre all das nicht genug, wird es noch ergänzt durch Einschübe in Form eines Theaterstückes, Beobachtungen einer Fledermaus und Auszüge aus Ritters Buch.

Diese Vielfalt kann wohl schnell als „zu viel“ empfunden werden. Mir hat sie wunderbar gefallen. Allgemein glaube ich, dass „Die Unglückseligen“ die Leser schnell in absolute Begeisterung und absolute Abneigung aufspaltet.
Die Handlung regt zum Denken an über (Un)Sterblichkeit, Lebensziele und die (engen) Grenzen der menschlichen Einsicht. Im Verlauf der Handlung werden die Grenzen der Logik mehrmals gedehnt, zum Teil gesprengt. Für mich las sich all das, wie ein irrer Fiebertraum einer ambitionierten Biologin. Insgesamt ergibt Thematik und Handlung (für mich) jedoch ein stimmiges und beeindruckendes Bild.

Für mich ein Buch, dass definitiv im Kopf bleibt, zum Nachdenken anregt und ein besonderes Gefühl hinterlässt, 5 von 5 Sternen dafür. Nie war der Tapetenspruch „Carpe diem!“ so passend wie nach der Lektüre dieses Buches.

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10 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 3 Rezensionen

dramatik, nadys-buecherwelt

Unter der Wasserlinie

Ross Raisin , Arnd Kösling
Fester Einband: 350 Seiten
Erschienen bei Blessing, 14.04.2014
ISBN 9783896674777
Genre: Romane

Rezension:

Das Buch beginnt nach einem Todesfall und beschreibt in den ersten Kapiteln, wie eine Familie sich nach diesem Verlust zusammenrauft. Wie sie nach der Beerdigung behutsam und umsichtig miteinander umgehen, zum Teil aber auch einfach nur sprachlos sind. Mick Little, Hauptfigur des Romans, der seine Ehefrau Cathy nach unzähligen gemeinsamen Jahren so plötzlich verliert, verliert damit auch den Boden unter den Füßen. Zuerst versucht er noch, sich weiter durch sein Leben zu hangeln, später folgen Verzweiflung und Absturz.

Der Einstieg in den Roman, so unvermittelt dieser auch ist, fiel mir wirklich leicht. Die ersten Kapitel des Buches verbreiten eine bedächtige und zwar traurige, aber doch auch irgendwie hoffnungsvolle Atmosphäre. Das kommt auch durch die wunderschöne Sprache. Vorsichtig und voll Details werden die Familie und ihre Konflikte beschrieben.

Ich war gespannt auf Micks Geschichte, auf die Hintergründe zu seiner Vergangenheit als Werftarbeiter und Details zur wirtschaftlich angespannten Situation in Glasgow. Vielleicht erwartete ich eine „Selbstfindungsgeschichte“ oder auch nur einen Familienroman voll Schwermut. Was ich jedoch nicht erwartete, war der gleichförmige, deprimierende und insgesamt einfach nur schreckliche Verlauf der Geschichte.
So wie unsere Hauptfigur den Mut verliert, verlor auch das Buch für mich völlig an Reiz. Statt der anfänglichen Atmosphäre und Feingefühl barg es für mich nur mehr Monotonie. Zwar ist Micks Abstieg zunächst noch sehr eindringlich beschrieben und scheint den Leser auf ungewöhnliche Weise mit seinen Konflikten in Verbindung zu bringen. Irgendwann jedoch ist da nur noch Eintönigkeit und auch ein Stück weit Ekel.
Auch sprachlich verlor mich dieser Teil des Buches völlig. Alles gleichförmig, immer wieder dasselbe, eine ellenlange Beschreibung nach dem immer gleichen Muster. Tag. Nacht. Hell. Dunkel. Kalt. Bier. Ich musste schwer mit mir Kämpfen das Buch nicht abzubrechen oder mich direkt auch zu betrinken.

Ich hoffte wirklich lange Zeit, dass das Buch noch eine interessante Wendung und Entwicklung bereit hält und ich (wie der Protagonist) nur genug Durchhaltevermögen benötigen würde. Leider erfüllte sich diese Hoffnung nicht. Wo noch einmal Entwicklung aufkommt, wirkt alles zu bemüht, die Auflösung der Geschichte schließlich scheint ein wenig erzwungen.

Ich weiß nicht, für welche Art von Leser dieses Buch gemacht ist. Von mir gibt es unterm Strich gerade noch 2 von 5 unglücklichen Leseratten, da es mich zumindest sprachlich zeitweise berühren konnte und mich auch zu Beginn noch inhaltlich ansprach.

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158 Bibliotheken, 5 Leser, 0 Gruppen, 24 Rezensionen

meer, england, liebe, familie, london

180 Grad Meer

Sarah Kuttner
Fester Einband: 272 Seiten
Erschienen bei S. FISCHER, 31.12.2015
ISBN 9783100024947
Genre: Romane

Rezension:

Auf Familienfotos sind nur die schönen Momente zu sehen, all die unangenehmen oder verwirrenden Situationen eines Lebens werden dort nicht abgebildet. So ähnlich ist es auch in Büchern: Liebe wird dort meist bedingungslos und groß dargestellt, die Protagonisten sind empfindsam und stark.

In „180 Grad Meer“ wird diese Routine durchbrochen. Das Gefühlsleben der Protagonistin Jule ist bedrückend, ihre Gedanken nicht immer nachvollziehbar und gerade deshalb so echt. In einer recht kaputten Familie groß geworden, hat die junge Frau einerseits eine starke Persönlichkeit entwickelt, ist andererseits verletzlich, zum Teil kindisch nachtragend und von ihren eigenen Gefühlen überfordert. Vor allem von ihrer eigenen Wut.
Die Handlung des Buches ist dabei eigentlich unspektakulär: von der depressiven Mutter und der eigenen bröckelnden Beziehung überfordert, reist Jule zu ihrem Bruder nach London. In seiner chaotischen aber unpersönlichen und ruhigen WG möchte sie zur Ruhe kommen, stolpert dabei über einen gestörten Köter und später über den eigenen (todkranken) Vater.
So wird aus Jules Reise eine Geschichte übers „erwachsen werden“ und „zu sich selbst finden“, die sehr berührend und angenehm authentisch ist. Rührende Hollywood-Versöhnungsszenerien sind hier ebenso wenig zu finden, wie „Eat, Pray, Love“-artige Ratgebersätze. Und trotzdem hatte ich das Gefühl, dass mich diese Geschichte ganz direkt anspricht, auch eigene Gedankengänge und Erkenntnisse widerspiegelt.
Getragen wird diese interessante Mischung durch einen tollen Schreibstil. Wer Sarah Kuttner aus den diversen Fernsehformaten kennt, weiß dass sie nicht auf den Mund gefallen ist. Ihr schöner Wortwitz und das tolle, moderne Sprachgefühl finden sich auch in diesem Buch ganz eindeutig wieder. Aber „180 Grad Meer“ ist trotzdem kein in erster Linie humorvolles Buch, wirkt zum Teil wirklich bedrückend und dann schlussendlich so reinigend wie der Anblick eines grauen, stürmischen Meeres.

Für mich war „180 Grad Meer“ ein Erlebnis und klingt noch lange nach. Ein Buch dessen Protagonistin sich mir direkt ins Herz geschlichen hat, da sie so kaputt und ehrlich auch ihre düsteren Gedanken teilt und so dem Leser das Gefühl gibt „du bist nicht allein“.

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193 Bibliotheken, 9 Leser, 0 Gruppen, 65 Rezensionen

neuseeland, goldrausch, astrologie, goldgräber, historischer roman

Die Gestirne

Eleanor Catton ,
Fester Einband: 1.040 Seiten
Erschienen bei btb, 09.11.2015
ISBN 9783442754793
Genre: Romane

Rezension:

Neuseeland, 1866: der Goldrausch ist in voller Blüte und das Küstenstädtchen Hokitika erlebt seine große Stunde. Viele vielversprechende Goldfelder werden hier vermutet, das zieht sowohl ehrenwerte als auch verruchte Gestalten in den kleinen Ort. Bald sorgt eine Reihe von ungelösten Verbrechen für Besorgnis. Eine opiumsüchtige Hure wird halbtot auf der Straße gefunden, ein reicher Geschäftsmann verschwindet und im Haus eines armen Säufers wird ein Goldschatz entdeckt. Daraufhin treffen sich zwölf besondere Männer, um dem Treiben auf den Grund zu gehen…

Mit der Versammlung dieser schillernden Gestalten beginnt „Die Gestirne“ und hat im ersten Drittel des Romans eine ganz besondere Konstruktion. Die Handlung an sich ist sehr reduziert, alles passiert unendlich langsam. Mich hat dies einerseits sehr begeistert, mir andererseits all meine Geduld abgerungen. Statt tatsächlicher „Handlung“ scheint die Zeit stillzustehen, wir bewegen uns in unzähligen Rückblenden, (inneren) Monologen und Dialogen durch die Geschichte. So vergeht im ersten Drittel des Buches für die Protagonisten gerade mal ein Abend, für den Leser gern mehrere Tage.
Trotzdem hat mich dieser Abschnitt der Geschichte am Meisten begeistert. Denn trotz der statischen Handlung wird es nie langweilig. Jede Rückblende wird spannend gestaltet, es ist interessant Stück für Stück die Bewohner Hokitikas kennenzulernen und die mysteriösen Geschehnisse zu entdecken.

Nach dieser Phase des scheinbaren Stillstands beginnt im zweiten Drittel des Romans die Suche nach der Wahrheit, der Auflösung der Verbrechen und eine Reihe von Mutmaßungen. Dieser Teil des Buches hat mich schier zum Verzweifeln gebracht. Tatsächlich waren die Übergänge der einzelnen Erzählstränge und Vermutungen für mich sehr anstrengend auszumachen. Zwar kommen ständig neue spannende Theorien, doch manchmal gingen diese so nahtlos ineinander über, dass ich ein wenig die Orientierung in der Geschichte und vor allem zwischen den Personen verloren habe.
Ich habe schließlich tatsächlich mitgeschrieben und mir Verbindungen und Konflikte notiert, um noch länger folgen zu können.

Es ist beeindruckend „Die Gestirne“ zu lesen, weil es sprachlich und atmosphärisch nicht aus unserer Zeit zu sein scheint. Die Erzählweise ist so authentisch, dass ich immer wieder an alte Western erinnert wurde. Selbst die enorme Länge des Buches passt zu diesem Thema: schließlich dauern gute alte Western auch mal mehrere Stunden, ihrer Spannung tut das keinen Abbruch!

Wer Geduld aufbringt, wird im letzten Abschnitt des Buches übrigens noch einmal belohnt. Die Fäden der Geschichte werden dort umfassend und schlüssig verbunden. Jede Figur erhält noch einmal eine Würdigung und Einordnung in die Geschichte. Einzig der dort recht künstlerische Kniff die Zusammenfassung der Kapitel stetig länger werden zu lassen, als die Kapitel an sich, hat mich nicht ganz überzeugt. Das wirkte etwas aufgesetzt.

Unterm Strich habe ich mit „Die Gestirne“ ein Wechselbad der Gefühle erlebt, habe mich teilweise durch das Buch kämpfen müssen, häufig über die Sprache geschwärmt und die Geschichte dann doch gemocht.

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668 Bibliotheken, 14 Leser, 2 Gruppen, 159 Rezensionen

selbstmord, liebe, suizid, depression, jennifer niven

All die verdammt perfekten Tage

Jennifer Niven ,
Flexibler Einband: 400 Seiten
Erschienen bei Limes, 28.12.2015
ISBN 9783809026570
Genre: Jugendbuch

Rezension:

Vermutlich steht einem der Sinn nicht nach neuen Kontakten, wenn man gerade auf dem Dach eines Turmes steht, um in den Tod zu springen. Genau in dieser Situation lernen sich aber Violet und Finch kennen und spüren trotz dessen (oder sogar deswegen?) schnell eine ganz besondere Verbindung. Aus dem Außenseiter und der beliebten Cheerleaderin wird später ein Team, das trotz vieler Gegensätze gemeinsam zu Stärke findet und sich durch alle Schwächen unterstützt. Alles könnte so schön sein…

Die Geschichte von Finch und Violet hat mich wirklich berührt. In nur zwei Tagen habe ich das Buch inhaliert und mich absolut darin verloren. Eigentlich bin ich schwer für Liebesgeschichten zu begeistern und lese wenig in diesem Genre, hier habe ich mich aber wirklich wohl gefühlt. Vor allem die stetige Entwicklung der Charaktere und die interessanten Wendungen der Geschichte haben mich von der ersten bis zur letzten Seite am Ball bleiben lassen.
In wechselnden Kapiteln erfahren wir, mal aus der Perspektive von Violet, mal aus der von Finch, wie sich die Beziehung der beiden entwickelt. Vom Stil und Ton unterscheiden sich beide Perspektiven leider kaum merklich, da hat mir ein etwas markanterer Stil passend zu den Figuren gefehlt. Aber die jeweilige Sicht auf ihre Verbindung ist trotzdem schön zu verfolgen.
Übliche Klischees werden hier bewusst ignoriert beziehungsweise ein Stück weit ins Gegenteil verkehrt. Es ist eben mal nicht der starke Junge, der das labile und depressive Mädchen rettet. Vielmehr tragen beide Figuren ihre Schwächen mit sich herum, beide werden verletzlich und authentisch dargestellt. Ein dickes Plus!

Hin und wieder wird dieses Buch mit “Das Schicksal ist ein mieser Verräter” verglichen und tatsächlich ist es ähnlich liebevoll und atmosphärisch verfasst. Außerdem ist es ebenso ein echtes All-Age-Buch, das Leser jeden Alters fesseln und berühren kann.

Das Ende der Geschichte hat mich übrigens wirklich sehr mitgenommen und ist keine ganz leichte Kost. In mancher Hinsicht passte es für mich nicht ganz zum Rest der Geschichte (oder war das so, weil ich es nicht wahr haben wollte?) und wirkte etwas angestückelt. Auf jeden Fall ist es eindrücklich und lässt das Buch lang in Erinnerung bleiben.

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49 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 7 Rezensionen

berlin, behinderung, suche, zeit, freundschaft

Elf Tage in Berlin

Hakan Nesser , Paul Berf
Fester Einband: 384 Seiten
Erschienen bei btb, 09.11.2015
ISBN 9783442754939
Genre: Romane

Rezension:

Wie ein defekter Computer fühlt sich Arne Murberg, der nach einem Kopfsprung ins flache Wasser in seiner Kindheit sprichwörtlich „auf den Kopf gefallen“ ist. Er hat Probleme sich zu konzentrieren und kompliziertere Aufgaben zu erfüllen. So eine komplizierte Aufgabe erhält Arne dann aber ausgerechnet am Sterbebett seines Vaters: er soll nach Berlin fahren, seine abgehauene Mutter finden und ihr ein mysteriöses Kästchen übergeben. Ganz allein macht Arne sich auf den Weg und schlägt sich wunderbar in dieser aufregenden Situation.

Schon häufiger hat Hakan Nesser über liebenswerte Eigenbrötler und Außenseiter geschrieben, mit Arne Murberg hat er aber einen seiner schönsten Charaktere erdacht. Arne muss man einfach mögen und wie der „einfach gestrickte“ junge Mann im Verlauf der Geschichte über sich hinauswächst, ist toll zu lesen. Wie das Buch dabei außerdem sprachlich zum Protagonisten passt, ist einfach gelungen. Seine einfachen Sätze und Erkenntnisse sind in eine wunderbar bildhafte, liebevolle Sprache verpackt.
Aus Arnes Sicht wird so die Reise nach Berlin (streng unterteilt in die elf Tage als Kapitel) geschildert. Seine Gedanken und Herausforderungen, Enttäuschungen und Freuden halten das Buch auch ohne wuchtigen Spannungsbogen durchgehend unterhaltsam. Zwar isst Arne überproportional oft (vier Currywürste, einiges an Hausmannskost und diverse Biere), aber

„[…] vielleicht war es ja wirklich so einfach. Man konnte nicht gleichzeitig hungrig und glücklich sein. Und genauso wenig satt und unglücklich.“

Und so versprüht Arnes Reise trotz, in anderem Kontext sicher ein wenig ermüdender, zahlreicher kulinarischer Ausflüge einfach Glück und Freude.
Das liegt auch an der tollen Konstruktion der Geschichte. Irgendwie geht bei Arne trotz manchem Problem doch immer alles gut und er trifft ungewöhnliche und meist sympathische Menschen.
In Arnes Erlebnisse mischen sich außerdem noch zwei Nebenhandlungen, die der Geschichte fast einen Märchenhaften Anhauch verleihen. Das muss man mögen, ich persönlich fand es durchweg gelungen.

So ist “Elf Tage in Berlin” ein absolutes Wohlfühlbuch, spannend geschrieben und emotional mitreißend ohne kitschig zu sein. Ohne Zweifel 5 von 5 Sternen und die absolute Leseempfehlung!

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29 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 9 Rezensionen

irland, hass, nüchtern, emotionen, mutterliebe

Rosaleens Fest

Anne Enright , Hans-Christian Oeser
Fester Einband: 384 Seiten
Erschienen bei DVA, 09.11.2015
ISBN 9783421047007
Genre: Romane

Rezension:

Rosaleen ist Mitte siebzig und lebt mittlerweile allein im großen Familienanwesen. Die vier Kinder sind längst erwachsen, ausgezogen und leben ihre eigenen Leben. Zu Weihnachten jedoch erwartet die Mutter eine vollständige Familie und ein perfektes Fest. Constance, die Älteste, schuftet für ein festliches Weihnachtsessen, Hanna, die Künstlerin der Familie, versucht nüchtern zu wirken und die Brüder Dan und Emmett tragen zumindest ihre Anwesenheit bei. Doch statt eines besinnlichen Familienabends endet es, wie noch jedes Weihnachtsfest geendet hat.

Der erste Teil des Romans ist wie eine Sammlung von Kurzgeschichten zu lesen. In einzelnen Kapiteln werden die Familienmitglieder vorgestellt und jeweils ganz individuelle Situationen umschrieben. So lernen wir die Charaktere und ihre Eigenarten direkt kennen, erfahren einiges über ihre Wünsche und Ziele und ihre Position innerhalb der Familie.
Erst im zweiten Teil des Buches kommen alle beim eigentlichen Weihnachtsfest zusammen. Die verschiedensten Konflikte und unerfüllten Wünsche treten zutage und die Geschichte bekommt eine spannende Dynamik.

Grundthemen des Buches sind für mich Nähe und das Reifen. Alle Kinder Rosaleens sind längst Erwachsen, müssen sich aber dennoch neben der Mutter behaupten, fühlen sich ihr gegenüber gezwungen. Auch Rosaleen beweist, dass nicht Alter allein klug macht, zeigt Schwächen und stößt ihre Familie von sich weg. So schwanken alle zwischen Distanz und Liebe. Zwar sind die Figuren zum Teil extrem, die Situationen sind auf jeden Fall authentisch umschrieben.

„Rosaleens Fest“ war für mich eine wirklich beeindruckende Lektüre. Die Charaktere sind sehr authentisch und (wie im Falle von Rosaleen) ehrlich umschrieben, nicht jeder ist wirklich ein Sympathieträger aber wie es in Familien eben so ist, nimmt man sie alle wie sie sind.
Außerdem hat mich der sprachgewaltige Stil der Geschichte fasziniert. Einfachste Situationen werden beeindruckend beschrieben. Detailliert aber nicht überfrachtet und mit einer Menge Bedeutung hinter den einfachsten Szenen.
Einziger Wermutstropfen sind einige für meinen Geschmack zu weite Abschweifungen. So werden einzelne Spannungen angedeutet aber nicht wieder aufgegriffen. Hannas Alkoholkonsum zum Beispiel wird als Problem thematisiert, dann aber weitestgehend ignoriert. Einige Themen aus dem ersten Teil des Buches wurden im zweiten Abschnitt toll aufgegriffen und verbunden, doch einige lose Fäden hinterließen bei mir das Gefühl, dass da „was fehlt“.

Unterm Strich vergebe ich überzeugte 4 von 5 Sternen. Kein ganz perfektes Buch aber eine spannende Lektüre die Spannung zwischen individueller Entwicklung und der Erwartung innerhalb von Familien.

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