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Wasser Wind und Wolken

Ursula Gressmann
Flexibler Einband: 108 Seiten
Erschienen bei tredition, 21.11.2016
ISBN 9783734569166
Genre: Gedichte und Drama

Rezension:

 Nach ein paar Monaten berührt mich erneut dieses Buch vom Meer mit dem fast zu bescheidenen Titel „Wasser, Wind und Wolken“.

Die Autorin Ursula Gressmann, die ihn jetzt als dritten Lyrikband veröffentlicht hat und bei etlichen Lyrik-Wettbewerben vorne bemerkt wurde - sie schreibt auch auf Plattdeutsch und Kindergeschichten - erzählt in diesem Buch von den feinen Facetten, die am Meer faszinieren. Weitab von postkartenblauen Himmeln und sonnigen Strandliegeversprechen lässt sie uns teilhaben an ihrer Liebe zum Meer. Ursula Gressmann ist auf der Nordseeinsel Juist aufgewachsen und schon insofern als Autorin für dieses Thema authentisch.

Sie beginnt mit einem ungewöhnlichen Eingangszitat:

„die sommerzelte abgebrochen/regenfahnen wehen/grau flutet das licht/komm wir fahren ans meer.“

Liebe beginnt vielleicht erst dann, wenn Verborgenes unter der Oberfläche sichtbar wird für denjenigen, der besonders wahrnehmen kann.

 

Beim Aufnehmen dieser lyrischen Stimmungen entsteht die Sehnsucht, ebenfalls sofort loszureisen und - unabhängig von Wetterkapriolen - zu lauschen, wie ‚wankelmütig die wolken sind“, dass wind den sand „verbläst“,  eis „auf wellenrippen tanzt“ „schlick schmatzt und blubbert“ oder  der„strandhafer“ sich „zerzaust an den dünenrand bettet“.

Man möchte wieder wie als Kind in „wolkenstapfen treten“, zuschauen, denn „regengeister klettern empor“, „eis flüstert und raschelt, das meer leckt mit spiegelzungen am ufer“.

 

Irgendwann „verwaist der hafen“. Es bleiben „filigrane sandskulpturen“ oder „ eine einsame fußspur am strand“.  Der Sturm jagt „gespensterpferde im meer“ und “möwen…(diese) geisterschar…klagen wie verlorene seelen über den wassergespenstern.“

Die Touristen sind abgereist, das ewige Meer aber bleibt, wandelt unentwegt seine Farbspiele, seine Stimmen, seine Ufer. Inseln sind „den Elementen ausgesetzt, verändern… ständig ihre äußere Form.“

 

Im wiederkehrenden Sommer entdeckt die Autorin „glasgrün im sonnenlicht“, hört mit empfindsamen  Ohren „muschelhörner dröhnen“, erlebt „sonnendurchglüht (ist) mein herz.“

Im Herbst resümiert sie, „der wattflieder duftet noch“. Beim Nachtspaziergang sieht sie, „sterne verblassen wie erlöschende kerzen“, bemerkt, „weiß leuchten die schaumkronen“. Sie „lauscht“ den Geschichten des gehenden Winds. 

 

Wenn sich der Horizont aufhebt, nicht zu erkennen ist, wo Ober- und Unterwelt sich trennen, ahnt niemand, wo „der himmel endet und das meer beginnt.“ Immer wieder aber kommen die Sonnenstrahlen zurück, durchleuchten das nebelnde Grau. Dann lockt die Insel - wie einst die Loreley am Rhein:„glatt gekämmt das dünenhaar streift sie ein kleid aus licht“.

„Wir schlendern den Strand entlang“, steht auf der Rückseite des Buchs zu lesen, „hängen unseren Gedanken nach. Wünsche und Sehnsüchte werden aufgegeben, erwachen erneut. So beginnt die Liebe zum Meer….“

Klarer kann man es vielleicht nicht sagen.

 

Angelika Zöllner   

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Talke, die kleine Strandhexe

Ursula Gressmann , Nicole Janes
Fester Einband: 68 Seiten
Erschienen bei Carow Verlag Gruppe, 11.05.2017
ISBN 9783943882254
Genre: Romane

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Schwimmen wie ein Delfin

Anja Liedtke
Flexibler Einband
Erschienen bei assoverlag, 10.02.2017
ISBN 9783938834862
Genre: Romane

Rezension:

“I wish you could swim like the dolphins” - oder

               “we can be heroes, just for one day.“

 

Welche Liedzeile des berühmten Bowieliedes ist wohl faszinierender, grüble ich.

Wenn ich bei Youtube den Knopf drücke und betrachte, wie Bowie anfangs zurückhaltend, so scheinbar lapidar in die Menge spricht: „We can be heroes, just for one day,“ bin ich sicher, das muss noch immer fast jedem ins Herz gehen. Tiefen aufrühren. Nicht nur, weil dieser Mann entzückende Grübchen hat.

 

„Schwimmen wie ein Delfin oder Bowies Butler“ heißt der Titel eines ungewöhnlichen Buches der Autorin Anja Liedtke, ihrem vierten Werk. Wie schwimmen sie denn, die Delphine? Ein Mythos umgibt diese Tiere. Glück bringen sie, heißt es. Oft nähern sie sich Menschen, haben sogar Kinder gerettet … 1997 berichtet Horst Liebl von einem Delphin, der, schwer auf- und abtauchend, nicht davon ablässt, ein totes Delphinkind zu schleppen. Ist es die Mutter? Schließlich löst ein anderer Delphin ab beim Lastentragen. Der Vater?

 

 So scheinbar mühelos tauchen diese Tiere ab und auf – ist es das, wovon wir träumen?

Auch Alex, eine junge, gerade etwas ratlose Frau, erträumt sich etwas. Sie kann nicht benennen, was es ist. Eines Tages packt sie ein paar wesentliche Dinge ins Auto und macht sich mit diesem Schmalgepäck auf den Weg in eine Auszeit. Zunächst in Richtung ihres geliebten Montreux (Schweiz). Hier haben ihre Europareisen stets den Anfang genommen, und immer hat es gerade geschneit.

Alex wählt „eine unbekannte Straße“ und meint, sie riete jedem Selbstmordkandidaten „zu einem französischen Frühstück und dann in die Natur gehen.“ Mühsam ist der Weg der Selbstfindung. Doch ist man an eine Grenze gestoßen, kommt manchmal das berühmte Licht von irgendwo her.

 

In diesem Fall ist es der international bekannte Musiker, Sänger und Produzent David Bowie, der im einsamen Bergort Blonay ein Häuschen hat.

„Jede Bewegung…hatte Angela Bowie einmal gesagt, ‚ließ meinen Puls schneller schlagen. …eine rätselhafte Gestalt.‘ “

 Bowie ist älter geworden, doch Alex hat mit seinen Liedern gelebt, ist mit manchen seiner magischen Zeilen groß geworden. Fasziniert von seiner realen Erscheinung wechselt doch vieles in ihrem Innern und verbirgt sich hinter abwartendem Stolz.

Da sie eh überleben muss, fragt sie ihn kurzerhand nach einem Job. Warum nicht als Butler? Warum Bowie schließlich zustimmt, weiß er selbst erst später – denn vieles an Alex, die wie er die Grenzen zu überschreiten sucht, selbst im Männlichen oder Weiblichen, scheint ihm zu ähneln. Stellte er nicht die gleichen Fragen, gab er nicht die ähnlichen Widerworte, als er jung war?

 

Alex erweist sich als anstellig. Sie beobachtet  wach. Und bleibt lange zurückhaltend. Die Feinheiten der Tagesabläufe,  unterschiedlicher Begegnungen und Vorkommnisse  werden von der Autorin stilistisch oft faszinierend wiedergegeben.  Schon das macht Lesefreude aus.

Die junge Frau lernt bald Freunde kennen, die Bowie in seiner Zurückgezogenheit in der Bergnatur immer wieder aufsuchen - in erster Linie Mick Jagger, mit dem ihn ein enges, bisweilen auch erotisches Verhältnis verbindet.

Später begleitet sie den Sänger auf Reisen.

 

Es dauert lange, bis Alex wagt, sich zu öffnen, geschweige denn von ihrer Vergangenheit manches anzudeuten. Vielleicht ist der wesentlichste Schlüssel diese  Musik. Auch Alex, in ihrem früheren Leben mehr oder minder erfolgreiche Schauspielerin, hat schon Texte geschrieben, zu komponieren versucht. Bowie deutet an, er wollte schon „vor Jahren ein Avantgarde- Musical aus 1984 machen…aber die Orwell-Erben stimmten dagegen.“ „Dann mach 2040“, schlägt Alex vor.

Von ‚hunger-city‘ zu ‚solar-city‘.“ Wäre das nicht ein lohnendes Ziel?  

Beide packt das Gestaltungsfeuer…

 

„Plötzlich war da jemand, der diese Power besaß“, stellt Bowie fest. „Ich hatte das Gefühl, dass …alles anderes werden würde… aber du bist zu zaghaft, gehst keine Risiken ein.“

Über die gemeinsame Erarbeitung des Musicals, die auch den öffentlichen Auftritt nach sich zieht, gewinnt Alex endgültig an Selbstvertrauen. Doch es wäre zu einfach, wenn auch sie ein Bühnenstar würde - denn was hätte dies den LeserInnen zu sagen?

Die Schattenseiten, die Depressionen, alkoholische Exzesse, die Drogenverwirrungen - so vieles hat sie nah gehabt, bereits miterlebt.

 

Eines Tages findet Alex sich allein wieder, „on the road again“.

Mick Jagger ist abgereist. Und irgendwann trennen sich ihre Wege auch von Bowie. Sie traut jetzt neuen, noch unklaren Ufern, die Bowie sie gelehrt hat zu sehen  Doch auch Bowie hat durch den Rückblick in eigene Anfänge, deren frühe Ideale er an Alex wie in einem Spiegel erlebt, dazu gelernt. Erst recht durch diese gemeinsame Bühnenarbeit, bei der sich jeder auf jeden verlassen muss.

Ein Verhältnis des Lehrers wie das des Mr. Higgins zu Eliza hat er nicht entwickelt. Aber das unkörperliche Band zwischen den beiden ist nicht zu übersehen.

 

 Angelika Zöllner

 

 

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