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rechtsmedizin, michael tsokos, irrtümer, rechtsmediziner, suizid

Sind Tote immer leichenblass?

Michael Tsokos , Christoph Kellner
Flexibler Einband: 192 Seiten
Erschienen bei Droemer, 04.10.2016
ISBN 9783426277003
Genre: Sachbücher

Rezension:

Bemüht humorig erklärt Herr Tskoks Besonderheiten rund um die Rechtsmedizin und ihre "Kunden". Dabei hat er vollkommen recht, dass viele Leser vor allem vom Fernsehen systematisch mit Fehlinformationen gefüttert werden (auch die Polizei kann ein Lied davon singen). Soweit so gut. 

Gar nicht mehr gut ist es jedoch, wenn Tsokos einen Satz bestätigt, der so falsch ist wie er alt ist: "Behalten Sie die Verstorbenen so in Erinnerung, wie sie sie zu Lebzeiten kannten." Er rät von einer Abschiednahme in der Rechtsmedizin ab. 
Wir sprechen hier ja nicht über den nach langer Krankheit verstorbenen Liebsten, den die Angehörigen in den Topf gepflegt haben. Auch nicht über die an Altersschwäche verstorbene Oma. Wir sprechen über den plötzlichen, unverhofften, oft gewaltsamen Tod. Über das Schicksal, was erbarmungslos zuschlägt und uns unsere Liebsten bei einem Verkehrsunfall, Arbeitsunfall, Gewaltverbrechen oder Suizid entreißt. Denn das sind die Verstorbenen, die in der Rechtsmedizin untersucht werden. Und gerade wer seine Liebsten ohne Vorbereitung verliert, muss die Realität des Todes möglichst mit allen Sinnen begreifen!
Ich bin nicht nur seit über 20 Jahren Psychologin und Psychotherapeutin und weiß, wie sehr Menschen darunter leiden, wenn sie sich nicht mehr verabschieden konnte. Ich bin auch seit 8 Jahren in der Krisenintervention tätig und betreue dort Menschen direkt nach einem tragischen Verlust (siehe dazu auch das Buch "Erste Hilfe für die Seele - Einsatz im Kriseninterventionsteam" im btb-Verlag). Die Mutter, die eben noch ihr Kind geküsst und auf den Schulweg geschickt hat, die der Polizei und mir dann wenig später die Tür öffnet und die Todesnachricht ihres Kindes von uns überbracht bekommt. Diese Mutter kann und will nicht glauben, dass ein Verkehrsunfall ihr das Wichtigste im Leben genommen hat. Sie muss sich überzeugen, dass es wirklich ihr Kind ist und eine Verwechslung ausgeschlossen ist. Egal, was die Polizei sagt, egal, wie schlimm die Verletzungen sind. 
Natürlich gibt es Ausnahmen der Wasser-/Freuer- und Fäulnisleichen, die so entstellt sind, dass sie nicht mehr zu erkennen sind. Aber das sind extreme Ausnahmen und die kommen selten vor. Tsokos sagt: "Man darf auch nicht das seelische Wohl der Angehörigen aus dem Blick verlieren ..." Richtig! Aber genau das ist Herrn Tsokos passiert. Er schreibt von Körpern, die von Messern zerstochen und von Geschossen durchlöchert sind, von Gliedmaßen die abgetrennt wurden etc. Ja, wer sagt denn, dass die Angehörigen vom zerstochenen Bauch Abschied nehmen sollen? Selbstverständlich ist es möglich Verletzungen abzudecken. Ich  habe unzählige Abschiednahmen von schwerst verletzten Menschen begleitet, bei den Verletzungen teilweise abgedeckt, teilweise weniger schwere sichtbar waren. Wir nehmen sogar im schlimmsten Fall von einer Hand Abschied, wenn der Rest nicht mehr vorzeigbar ist. Aber diese eine Hand, diese unverwechselbare Hand gehört zu ihrem/ihrer Liebsten. Keiner der Angehörigen hat es je bereut, diesen letzten Blick zu haben. 
Tsokos fragt: "Soll das wirklich das Letzte sein, was sie von einem geliebten Menschen sehen und in Erinnerung behalten?" Die klare Antwort: Ja! Denn dieses eine letzte Bild des Verstorbenen überschreibt nicht die Millionen von Bildern und Erinnerungen die wir von dem lebendigen menschen haben! Aber dieses eine letzte Bild hilft uns zu begreifen: Er/Sie ist tot. Das unfassbare ist geschehen. Es ergänzt unsere Erinnerung sozusagen als Brücke zwischen dem Blenden und dem Verlust. Wenn uns dieses Bild, dieser letzte Händedruck, das letzte Gespräch mit dem Toten fehlt, kann das sogar belastende Angstphantasien schüren. Wir versuchen womöglich uns vorzustellen, was dem geliebten Menschen wohl genau zugestoßen ist und wie er wohl ausgesehen haben mag? Hat die Polizei vielleicht etwas verschwiegen?
Der Anblick eines Verstorbenen ist schwer.. Aber die Zurückbleibenden sehen keinen Fremden, sie seinen einen der wichtigsten Menschen in ihrem Leben. Sie sehen mit dem Gefühl der Liebe und Zuneigung! 
Tsokos fragt: "Können wir als Ärzte das ethisch vertreten?" Er gibt ein klares Nein. Wieder sage ich: Das ist aus psychologischer, ethischer und menschlicher Sicht falsch! Wer sind wir denn, dass wir anderen Erwachsenen vorschreiben können, was für sie gut oder schlecht ist? Wir können sie beraten. Und das tun wir, wenn wir sie darüber informieren, welche Anblick (und da sprechen wir in der Regel von Gesicht und Händen) sie erwartet. Dann können Angehörige entscheiden, ob sie Abschied nehmen möchten oder nicht. Vertrauen wir doch, dass sie sich zuviel zumuten, wie sie es möchten, nachdem sie beraten wurden. 
Tsokos schließt: "Die Angehörigen sollen ihre verstorbenen Lieben so in Erinnerung behalten, wie sie zu Lebenszeiten aussahen, und als das, was der Tod aus ihnen gemacht hat."
Eine veraltete wissenschaftliche Sicht, die schon lange widerlegt ist!

Ein Irrtum - ein großer Irrtum! 

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