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19 Bibliotheken, 4 Leser, 0 Gruppen, 3 Rezensionen

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Das Mädchen mit dem Edelweiß

Jillian Cantor , Stefanie Fahrner
Flexibler Einband: 432 Seiten
Erschienen bei Heyne, 10.09.2018
ISBN 9783453422384
Genre: Romane

Rezension:

„Mein Vater hat immer gesagt, er suche nach einem Schatz in seiner Sammlung. Als Kind dachte ich, das wäre etwas Wertvolles. Irgendetwas, das uns reich macht.“


Katies an Alzheimer leidender Vater ist ins Heim gezogen, seine Briefmarkensammlung, an der sein ganzes Herz hängt und für die sie als Kind mit ihm von Flohmarkt zu Flohmarkt gezogen ist, hat er ihr vermacht. Um ihm einen Gefallen zu tun, vielleicht auch aus eigenem Interesse, bringt Katie sie zu Philatelist Benjamin, der tatsächlich eine seltene Marke ausgräbt. Je tiefer die beiden ihre Nase in die Nachforschungen stecken, desto mehr erkennt Katie,….


„Vielleicht hat er es ja ganz anders gemeint. Vielleicht waren die Geschichten hinter den Marken der eigentliche Schatz.“


Und genau eine solche Geschichte, führt sie, die sich im L.A. des Jahres 1989, von ihrem Ehemann und Arbeitgeber verlassenen, um ihren kranken Vater kümmert in die Vergangenheit, genauer gesagt ins Österreich zu Beginn der deutschen Besatzung vor und im zweiten Weltkrieg. Während man im „Jetzt“ von ihren und Benjamins Bemühungen um die Herkunft der Marke zu klären und die Absender und Adressatin des Briefes ausfindig zu machen, erfährt, darf man als Leser auch die Ereignisse im nazigeplagten Österreich verfolgen.


Als Leser bekommt man hier zwei verschiedene Handlungsstränge geboten, die sich kapitelweise abwechseln. Hat zu Beginn die Geschichte, die im Österreich der Jahre 1989/39 spielt, so scheinbar gar nichts mit den Ereignissen in L.A. im Jahr 1989 zu tun, außer eben einem frankierten Brief, wird gekonnt mit jedem Kapitel mehr ein Netz zwischen Vergangenheit und heute gesponnen und eine bewegende Familiengeschichte erzählt, die einen immer weniger aus ihren Fängen lässt. Fürs Herz gibt es eine, nein mit denen im Jetzt vielleicht fast schon zwei oder gar drei ganz zarte Liebesgeschichten, die gekonnt in die historischen Ereignisse eingewoben sind.


Jilian Cantor nimmt einen mit ihrem Roman gekonnt auf Zeitreise. Ich habe mich direkt in Zeit und Ort versetzt gefühlt. Die Besatzung Österreichs, der Antisemitismus, Dörfer die ausgebrannt und von der Landkarte radiert werden, Dinge, die nie ins Vergessen geraten dürfen, Fluchthilfe, Auswanderung, bis hin zur Teilung Deutschlands nach Kriegsende und schließlich der Mauerfall bilden hier den spannend, bewegenden zeitlichen Rahmen.


Zudem erfährt auch einiges über Briefmarken, die tatsächlich nicht nur die kleinen Quadrate, die Post von A nach B transportieren, sind. Graveure, die in harter Arbeit Druckplatten anfertigen, größte Sorgfalt beim Entwurf des Motivs, zu Beginn der Besatzung mussten Briefe mit deutschen und österreichischen Marken, die dann später wertlos wurden, frankiert werden, Hitler hat für das österreichische Gebiet eigene Motive in Auftrag gegeben, es gab eine „Operation Cornflakes“, die mithilfe von Briefmarken Anti- Nazi- Propaganda verbreitete, und ähnliches Interessante kann man hier ganz nebenbei lernen, was mir wirklich gut gefallen hat.


„...wegen meinem Vater. Weil er da ist und eigentlich doch nicht.“ Sehr berührt hat mich auch wie umsichtig und gelungen die Autorin mit dem Thema Alzheimer umgeht. Authentische Begegnungen Katies mit ihrem Vater, die einem beim Lesen einen Stich versetzen die einen bewegen, man merkt deutlich ihre persönlichen Erfahrungen, die ich mit ihr im Übrigen teile.


Der locker, flüssige Schreibstil der Autorin und die augenfreundlich, großzügige Schrift machen das Lesen wirklich zum Vergnügen, ich habe die Seiten zunehmend verschlungen. Ihr gelingt es ganz hervorragend den Leser in die richtige Atmosphäre zu versetzen und damit in den Bann zu ziehen


Katie war mir von Anfang an sympathisch. Wie liebevoll sie sich um ihren dementen Vater kümmert, hat mich mit meinen eigenen Erfahrungen, natürlich von Anfang an gerührt. Aber auch ihr umsichtiges Verhalten, ihre Beharrlichkeit ihre guten Absichten, eben nicht die Story gewinnbringend verbraten, sondern ein bisschen Schicksal spielen, längst aufgegebene Hoffnungen doch noch wahr werden lassen, das hat mich sehr berührt. Auch Benjamin, der ein schweres Päckchen zu tragen hat, und wie sie nur die besten Absichten hat, mochte ich sofort. Die Akteure in der Vergangenheit konnten mich ebenfalls für sich einnehmen. Der Waisenjunge Christoph z.B., der beim jüdischen Briefmarkengraveur Friedrich in die Lehre gehen darf, und zum ersten Mal im Leben so etwas wie Familie erlebt, kann einen als Leser gar nicht kalt lassen. Bei Katies 86-jähriger Oma Gram angefangen, bis hin zu Friedrichs Töchtern Elena und Miriam, alle Darsteller sind vielschichtig, authentisch und liebevoll gezeichnet.


Alles in allem ein gelungener historischer Roman, der mich mit einer bewegenden Geschichte und einnehmenden Charakteren mehr als gut unterhalten und auf eine spannende Zeitreise geschickt hat. Fünf Sterne sind hier wohlverdient.


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37 Bibliotheken, 11 Leser, 0 Gruppen, 14 Rezensionen

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Gschlamperte Verhältnisse

Felicitas Gruber , Robert Fischer
Flexibler Einband: 320 Seiten
Erschienen bei Diana, 10.09.2018
ISBN 9783453359574
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Als großer Fan des Münchner Original Sofie, habe ich mich natürlich riesig auf den neuen Fall für die Gerichtsmedizinerin aus der Feder des bekannten Autorenduos gefreut. Die beiden haben mich nicht enttäuscht und mit „Gschlamperte Verhältnisse“ ist ihnen ein fünftes Highlight für diese grandiose Reihe gelungen.



„A Leich. Und zwar koa scheene“, mit den Leichen und Totenköpfen gespart wird im neuen Fall auf keinen Fall. Ein Toter in der Isar, später noch einer in einer Lagerhalle, eins, zwei, drei, vier Schädelreliquien, und dann noch eine eingemauerte, verweste Leiche, da gibt’s in der Gerichtsmedizin fast keine ruhige Minute. Ganz klar, dass Sofie es sich nicht nehmen lässt, mit ihrem Exmann und Wiederliebhaber Joe Lederer der Sache ganz genau auf den Grunde zu gehen. Hängen die Fälle alle zusammen, was hat es mit den Kirchendiebstählen auf sich, die da ja auch noch dazu kommen?



Der Krimi ist spannend von Anfang an. Die Leichen lassen nicht lange auf sich warten, manche davon machen einen beim Lesen auch wirklich betroffen, und zudem bringt sich nicht nur Sofies Chefin Dr. Iglu in Lebensgefahr. Ich war viel am Raten und Kombinieren und dank falscher Fährten und verschiedener Perspektiven, die anheizen, habe ich gefesselt gelesen.



Einen Teil Privates gibt es natürlich wie gewohnt ebenfalls. Wenn am Ende des letzten Teils ihr Exmann klar im Vorteil war, gilt mal wieder „Joe charmierte sich weiterhin ungeniert durch die Damenwelt, sie ärgerte sich regelmäßig darüber, und ihr Herz klopfte nach wie vor, wenn sie Charly sah…“ Ob sich dieses Mal die geschlamperten Verhältnisse und das Gefühlschaos, das die beiden bei Sofie auslösen, ordnen lassen, wird hier natürlich auf gar keinen Fall verraten. Nur so viel, die beiden Herren müssen eine Zweck WG in Sofies Wohnung gründen und gebuhlt wird jede Menge.



Der Sprachstil des Autorenduos, bei dem man im Übrigen an keiner Stelle merkt, dass nicht alles aus einer Feder stammt, liest sich locker, leicht und die Seiten fliegen leider viel zu schnell dahin. Ich konnte mich weite Teile, wenn nicht gerade betroffen oder geschockt, mit einem Dauergrinsen im Gesicht durch den Krimi lesen. Dafür sorgen Situationskomik und auch treffend pointierte Dialoge. Dazu noch ein paar böse Gedanken und das Lesevergnügen ist perfekt.



Für mich war es ja ein Wiedersehen mit alten längst liebgewonnenen Bekannten. Sofie das Münchner Original, muss man einfach mögen. Mit ein bisserl mehr auf den Hüften ist sie stets gut gelaunt, ganz im Gegensatz zum launischen Hungerhaken Dr. Iglu, die ihr das ja stets aufs Butterbrot schmiert ...“durchaus Damen gibt, die so einiges an Kampfgewicht auf die Waage bringen“, kann von ihr schon kommen, wobei sie dieses Mal mit anderen Dingen schwer beschäftigt ist. Klar Joe und auch Charly dürfen in Sofies Welt nicht fehlen, zwei mehr als unterschiedliche Männer, die deutlich zeigen, wie viel ihnen ihre Sofie bedeutet. „Wenn es dich nicht gäbe, Vroni Ilmberger, dachte sie voller Zärtlichkeit, müsste man dich glatt erfinden!“, diese Meinung teile ich, die Tante, die „jede Maus im Viertel husten“ hört, muss ich stellvertretend für die ganzen anderen toll dargestellten Mitspieler auch noch erwähnen, weil ich sie so sehr ins Herz geschlossen habe. Ach ja und klar, dass Mops Murmelchen weiter mit an Bord ist, ist natürlich Voraussetzung, da habe ich mich besonders gefreut, dass er tierische Unterstützung erhält.

Ein Tipp für Neueinsteiger noch, entweder mit einem anderen Krimi der Reihe starten, es lohnt sich eh ein jeder, oder über die Taufe zu Beginn schnell weg lesen, ohne seine Gedanken an die vielen Namen zu verschwenden. Für mich nicht wirklich ein Problem, ich kannte ja alle, aber da prasseln schon geballt ALLE Mitspieler nur so über einen herein.



„Knödelcarpaccio mit Essig und Öl, Allgäuer Wurstsalat, no an koidn Schweinsbraten, hauchdünn aufgeschnitten. Und natürlich an Radi“, das sind nur einige der regionalen Köstlichkeiten, die Tante Vroni auffährt, hungrig lesen darf man hier wirklich nicht. Dass Sofie da nicht nein sagen kann, versteht sich doch wohl von selbst. Zum Glück hat sie auch ihre Diätambitionen wieder aufgegeben, denn es gilt ja zum Zorn von Dr. Iglu eh „Sofie Rosenhuth, die vor jeder Sahnerolle kapitulierte, anstatt sich einmal zusammenzureißen. Seltsamerweise schien ihr das die Männerwelt gar nicht übel zu nehmen. Die konnte sich gleich zwei Galane auf einmal an der langen Leine führen, den weitgereisten Loessel aus allerbestem Hause und den Lederer Joe, der doch ein wirklich erfrischend smarter Hauptkommissar war.“



„Kein Wunder das die halbe Welt nach Bayern wollte.“, sind die Gedanken von Sofie, als sie bei einem Ausflug ins Chiemgau durch die oberbayrische Hügellandschaft fährt. Regionalkolorit können sich die Fälle wirklich auf die Fahnen schreiben. Sofie liebt ihr Bayern, ihr München und ihr Giesinger Viertel ganz besonders, das ist durch und durch zu spüren. Eine gehörige Portion Dialekt ist auch dabei, ganz genau so wie ich es liebe. Wie immer wird auch ein aktuelles Thema angeschnitten, dieses Mal ist es die Wohnungsnot.



Alles in allem: Absolut humorvolle, spannend, fesselnde Unterhaltung von Anfang bis Ende, die ich jedem Regionalkrimi-Liebhaber nur wärmstens ans Herz legen.


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Krümel und Fussel – Drei wunderborstige Abenteuer

Judith Allert , Joelle Tourlonias , Dagmar Bittner
Audio CD
Erschienen bei Audio Media Verlag, 02.07.2018
ISBN 9783963980305
Genre: Kinderbuch

Rezension:

Die kleinen Hörer bekommen hier drei ganz wunderborstige, witzige, spannende und lehrreiche Abenteuer geboten, in die man sich beim Lauschen richtig verlieben muss.


Los geht es mit „Immer dem Rüssel nach“. Krümel kann das Abenteuer schon riechen, als er das Funkellicht entdeckt und nachdem auch Fussel davon überzeugt ist, dass Abenteuer besser sind als nur Fressen und Schlafen machen sich die beiden auf die Reise. Immer der „Na klar ich bin die Maus, ich kenn` mich aus!“, nach, geht es hier in den Wald. Selbstverständlich dass hier „von Ringelschwanz bis Rüssel schaudern“ dabei ist und auch dem Geheimnis mit dem Licht auf die Spur gegangen wird.


Weiter geht es dann mit „Allein unter den Schafen“. Eine witzige Geschichte, bei der die beiden Wollschweinferkel inkognito unterwegs sind. Das Maul voll Gras nehmen, Kauen, Blöken, ein Weilchen geht gut, sich als Schaf auszugeben, bis gilt „Ein Schwein muss tun was ein Schwein tun muss!“, und es mit einem begeisterten Platschen zum Suhlen geht. Mehr wird natürlich nicht verraten.


Den Abschluss bildet „Im Schneegestöber“, in dem die beiden Abenteuerschweine von einem Berg angelockt werden, der ein Sahnehäubchen hat. Nach einem langen Weg sind die beiden mehr als hungrig, aber die Eicheln sind scheinbar nicht für alle da. Der „wattewolkenweiche“ Schnee, macht auf jeden Fall nicht satt, wie wird es weiter gehen mit den grummelnden Mägen der beiden?


„Auch ein Schaf muss manchmal Schwein sein!“, „So etepete seid ihr Schafe eigentlich gar nicht“, „Schwein drüber“, in den Geschichten wird wirklich viel gegen Vorurteile getan, was mir super gut gefällt. „Gemeinsam grunzt es sich nun Mal am besten.“ Die beiden finden neue Freunde und zwar unter völlig fremden und anderen Lebewesen. Vorurteile bestätigen sich oft nicht, offen auf andere zugehen, eine gerade in unserer Zeit super wichtige Botschaft, für die es nie zu früh sein kann. Auch eine Hand hilft der anderen, ist ein gelungen umgesetztes Thema.


Was hat es mit den Sternen auf sich, wie leben Waldtiere, warum müssen sie Vorräte anlegen, was fressen Schafe, wie vertreiben sich Wollschweine den Tag? Ein bisschen lernen kann man bei den Geschichten auch, ist ja nie verkehrt.


Die Abenteuer werden in einem humorvollen Sprachstil erzählt. Süße Wortschöpfungen und Begriffe wie „schweinspupsschnurz“ „verrüsselt nochmal“ oder auf den „Wollschweinpopo plumpsen“ machen das Ganze wirklich zum schweinsperfekten Gesamtpaket. Die anschaulichen Vergleiche und Adjektive wie „wolligwuscheligweich“ lassen einen das Geschehen direkt im Kopf haben. So soll es sein.



Das Hörbuch, nein eigentlich schon mehr Hörspiel, ist auch gelungen inszeniert. Musikalische Untermalung bevor es mit der nächsten Geschichte oder dem nächsten Sinnabschnitt weitergeht, ein Grunzen, ein Blöcken und mehr, hier wird wirklich etwas für die Ohren geboten. Dass Dagmar Bittner ihr Handwerk versteht, ist auch eindeutig zu merken. Mit einer deutlichen Aussprache, vielen Variationen in Tonhöhe und Stimmlage macht sie es auch kleinen Hörern wirklich leicht der Geschichte gebannt zu folgen.


Alles in allem drei wirklich ein gelungenes Hörspiel, das drei zuckersüße Geschichten zu bieten hat.


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Gschlamperte Verhältnisse

Felicitas Gruber , Robert Fischer
Flexibler Einband: 320 Seiten
Erschienen bei Diana, 10.09.2018
ISBN 9783453359574
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Als großer Fan des Münchner Original Sofie, habe ich mich natürlich riesig auf den neuen Fall für die Gerichtsmedizinerin aus der Feder des bekannten Autorenduos gefreut. Die beiden haben mich nicht enttäuscht und mit „Gschlamperte Verhältnisse“ ist ihnen ein fünftes Highlight für diese grandiose Reihe gelungen.



„A Leich. Und zwar koa scheene“, mit den Leichen und Totenköpfen gespart wird im neuen Fall auf keinen Fall. Ein Toter in der Isar, später noch einer in einer Lagerhalle, eins, zwei, drei, vier Schädelreliquien, und dann noch eine eingemauerte, verweste Leiche, da gibt’s in der Gerichtsmedizin fast keine ruhige Minute. Ganz klar, dass Sofie es sich nicht nehmen lässt, mit ihrem Exmann und Wiederliebhaber Joe Lederer der Sache ganz genau auf den Grunde zu gehen. Hängen die Fälle alle zusammen, was hat es mit den Kirchendiebstählen auf sich, die da ja auch noch dazu kommen?



Der Krimi ist spannend von Anfang an. Die Leichen lassen nicht lange auf sich warten, manche davon machen einen beim Lesen auch wirklich betroffen, und zudem bringt sich nicht nur Sofies Chefin Dr. Iglu in Lebensgefahr. Ich war viel am Raten und Kombinieren und dank falscher Fährten und verschiedener Perspektiven, die anheizen, habe ich gefesselt gelesen.



Einen Teil Privates gibt es natürlich wie gewohnt ebenfalls. Wenn am Ende des letzten Teils ihr Exmann klar im Vorteil war, gilt mal wieder „Joe charmierte sich weiterhin ungeniert durch die Damenwelt, sie ärgerte sich regelmäßig darüber, und ihr Herz klopfte nach wie vor, wenn sie Charly sah…“ Ob sich dieses Mal die geschlamperten Verhältnisse und das Gefühlschaos, das die beiden bei Sofie auslösen, ordnen lassen, wird hier natürlich auf gar keinen Fall verraten. Nur so viel, die beiden Herren müssen eine Zweck WG in Sofies Wohnung gründen und gebuhlt wird jede Menge.



Der Sprachstil des Autorenduos, bei dem man im Übrigen an keiner Stelle merkt, dass nicht alles aus einer Feder stammt, liest sich locker, leicht und die Seiten fliegen leider viel zu schnell dahin. Ich konnte mich weite Teile, wenn nicht gerade betroffen oder geschockt, mit einem Dauergrinsen im Gesicht durch den Krimi lesen. Dafür sorgen Situationskomik und auch treffend pointierte Dialoge. Dazu noch ein paar böse Gedanken und das Lesevergnügen ist perfekt.



Für mich war es ja ein Wiedersehen mit alten längst liebgewonnenen Bekannten. Sofie das Münchner Original, muss man einfach mögen. Mit ein bisserl mehr auf den Hüften ist sie stets gut gelaunt, ganz im Gegensatz zum launischen Hungerhaken Dr. Iglu, die ihr das ja stets aufs Butterbrot schmiert ...“durchaus Damen gibt, die so einiges an Kampfgewicht auf die Waage bringen“, kann von ihr schon kommen, wobei sie dieses Mal mit anderen Dingen schwer beschäftigt ist. Klar Joe und auch Charly dürfen in Sofies Welt nicht fehlen, zwei mehr als unterschiedliche Männer, die deutlich zeigen, wie viel ihnen ihre Sofie bedeutet. „Wenn es dich nicht gäbe, Vroni Ilmberger, dachte sie voller Zärtlichkeit, müsste man dich glatt erfinden!“, diese Meinung teile ich, die Tante, die „jede Maus im Viertel husten“ hört, muss ich stellvertretend für die ganzen anderen toll dargestellten Mitspieler auch noch erwähnen, weil ich sie so sehr ins Herz geschlossen habe. Ach ja und klar, dass Mops Murmelchen weiter mit an Bord ist, ist natürlich Voraussetzung, da habe ich mich besonders gefreut, dass er tierische Unterstützung erhält.

Ein Tipp für Neueinsteiger noch, entweder mit einem anderen Krimi der Reihe starten, es lohnt sich eh ein jeder, oder über die Taufe zu Beginn schnell weg lesen, ohne seine Gedanken an die vielen Namen zu verschwenden. Für mich nicht wirklich ein Problem, ich kannte ja alle, aber da prasseln schon geballt ALLE Mitspieler nur so über einen herein.



„Knödelcarpaccio mit Essig und Öl, Allgäuer Wurstsalat, no an koidn Schweinsbraten, hauchdünn aufgeschnitten. Und natürlich an Radi“, das sind nur einige der regionalen Köstlichkeiten, die Tante Vroni auffährt, hungrig lesen darf man hier wirklich nicht. Dass Sofie da nicht nein sagen kann, versteht sich doch wohl von selbst. Zum Glück hat sie auch ihre Diätambitionen wieder aufgegeben, denn es gilt ja zum Zorn von Dr. Iglu eh „Sofie Rosenhuth, die vor jeder Sahnerolle kapitulierte, anstatt sich einmal zusammenzureißen. Seltsamerweise schien ihr das die Männerwelt gar nicht übel zu nehmen. Die konnte sich gleich zwei Galane auf einmal an der langen Leine führen, den weitgereisten Loessel aus allerbestem Hause und den Lederer Joe, der doch ein wirklich erfrischend smarter Hauptkommissar war.“



„Kein Wunder das die halbe Welt nach Bayern wollte.“, sind die Gedanken von Sofie, als sie bei einem Ausflug ins Chiemgau durch die oberbayrische Hügellandschaft fährt. Regionalkolorit können sich die Fälle wirklich auf die Fahnen schreiben. Sofie liebt ihr Bayern, ihr München und ihr Giesinger Viertel ganz besonders, das ist durch und durch zu spüren. Eine gehörige Portion Dialekt ist auch dabei, ganz genau so wie ich es liebe. Wie immer wird auch ein aktuelles Thema angeschnitten, dieses Mal ist es die Wohnungsnot.



Alles in allem: Absolut humorvolle, spannend, fesselnde Unterhaltung von Anfang bis Ende, die ich jedem Regionalkrimi-Liebhaber nur wärmstens ans Herz legen.


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23 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 8 Rezensionen

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Zärtliche Klagen

Yoko Ogawa , Sabine Mangold
Flexibler Einband: 272 Seiten
Erschienen bei Aufbau TB, 17.08.2018
ISBN 9783746634371
Genre: Romane

Rezension:

Wieder einmal hat Ruriko vergeblich mit einem für ihn zubereitetem Abendessen auf ihren Ehemann gewartet und er hat sich entschieden die Nacht bei seiner Geliebten zu verbringen. Das ist der Auslöser dafür, dass sich die Kalligrafien, den längerfristigen Auftrag die Lebensgeschichte einer 96-jährigen Frau mit Tusche und Feder abzuschreiben in der Tasche, in das Landhaus ihrer Eltern zurückzieht. Abgelegen, ruhig in den Bergen hat sich auch der Instrumentenbauer Herr Nita zurückgezogen, der sich dort mit seiner selbst ausgebildeten Assistentin Kaoru voll und ganz dem Bau von Cembalos widmet. Die drei, bei denen jeder vom Leben gezeichnet ist und mehr oder weniger seine Vergangenheit hinter sich lassen möchte, entwickeln eine äußerst seltsame Dreiecksbeziehung, von der hier ganz leise, ohne Aufregung erzählt wird.


Nach und nach erfährt man Bruchstücke davon, was sie allesamt so geprägt hat und erlebt Gefühle der ganz besonderen Art, bei Demut angefangen, über Selbstzweifel, Eifersucht oder Begierde, bis hin zu unbeschreiblicher Liebe. Ein klein wenig wird auch von der Lebensgeschichte von Rurikos Auftraggeberin erzählt.


„Die Stammtöne auf dem Manual werden mit Lamellen aus Rinderknochen furniert, die chromatischen Tasten mit einem Belag aus fossilem Eichenholz….“ Im Roman erhält man zudem viel Einblick in die Welt des Cembalos. Ursprung, Klangbesonderheiten oder welche Materialien verwendet der Herr Nita beim Instrumentenbau, bis hin zu solch kleinen Details wie, dass man den Unterschied verwendeter Kiele von Vogelfedern, die die Saiten anreißen, z.B. zwischen Gans, die das beste Timbre gibt, und Kolkraben hört.


„Die beiden harmonierten mit bewundernswertem Geschick. Keine unnötigen Gesten, aber auch keine geschäftsmäßige Routine, sogar ihre geringfügigsten Handlungen waren voll Achtsamkeit.“, oder „Seine rechte Hand holte aus und sauste wie ein Fabelwesen durch die Luft, bevor sie meine linke Wange traf. Merkwürdigerweise schmerzte es gar nicht. Auch er schien völlig unbewegt. Er sah aus, als würde er im OP einen medizinischen Eingriff vornehmen. Und es war nicht bloß schmerzlos Ich hatte weder Angst, noch war ich desillusioniert. Vielmehr beschlich mich das Gefühl, seine Hand habe soeben die für uns beide angemessene Geste vollbracht.“ Wortgewaltig beschreibt die Autorin hier die Gefühlslage aller drei Beteiligten um die sich die Geschichte dreht und auch deren Beziehungen zueinander. Vieles konnte ich fast selbst spüren, manches aber auch nicht wirklich nachvollziehen und stellenweise war ich geschockt von den Schicksalsschlägen, die die drei zu verkraften haben. Ich könnte also nicht behaupten, dass mich die Geschichte nicht eingefangen hat, allerdings habe ich auch immer in der Erwartung gelesen, dass noch etwas Unerwartetes passiert, dass sich mehr entwickelt und da hat mich das Ende dann auch etwas unbefriedigt zurückgelassen. Es handelt sich um eine japanische Autorin, was am distanzierten Stil, dem Umgang mit einander, so Siezen sie sich z.B. auch deutlich zu spüren ist und mir generell gut gefällt.


Mir sind die Charaktere beim Lesen eher fremd geblieben, auch wenn sie durchaus interessant gezeichnet sind. Mit Ruriko hatte ich Mitleid ganz klar, ich konnte ihren Wunsch aufmerksam wahrgenommen, geliebt zu werden nachvollziehen. Stellenweise hat sie mich aber auch sehr verblüfft, einerseits demütig, mit wenig Selbstbewusstsein ausgestattet, anderseits intensiv fordernd. Wirklich sympathisch fand ich die natürliche Assistentin Kaoru und süß ihren altersschwachen Mops Dona, der sie ständig begleitet. Herr Nitta hat sein Päckchen zu tragen, was ich, vielleicht weil ich selbst völlig unmusikalisch bin, nicht ganz so nachvollziehen kann.


Alles in allem habe ich mir irgendwie mehr erwartet von diesem, meinem ersten Roman dieser Bestsellerautorin, die zweifelsohne wirklich wortgewaltig, eindringlich und ausdrucksstark formulieren kann und daher ihr Handwerk sicher versteht. Aber vier Sterne für diesen ruhigen, melancholischen Roman sind bei mir auf jeden Fall noch drin.


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14 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 7 Rezensionen

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Tidetod

Gerd Kramer
Flexibler Einband: 272 Seiten
Erschienen bei Emons Verlag, 23.08.2018
ISBN 9783740804060
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Gerd Kramer hat mich mit seinem Auftaktfall "Das Flüstern im Watt" schon bestens unterhalten und deshalb habe ich mich sehr auf Neues aus seiner Feder für Kommissar Flottmann und Co gefreut. Ihm ist es bereits auf der ersten Seite gelungen mich zu fesseln und ich konnte mich wirklich kaum noch vom Buch lösen.


Dieses Mal haben es Flottmann und sein Kollege Hilgersen mit einem perfide vorgehenden Serienmörder zu tun. Ausgesetzt im Meer auf einem leckenden Boot, eine Dose zum Schöpfen und eine Kamera, die die Verzweiflung in Großaufnahme zeigen kann, an einen Baum gefesselt, bei eisiger Kälte, ein Messer und wieder eine Kamera, die alles filmt, sind nur zwei Beispiele für den Einfallsreichtum eines Täters, der nicht nur seine Opfer fast in den Wahnsinn treibt, bevor sie sich entweder retten können, oder eben sterben müssen, sondern auch die beiden Ermittler gehörig auf Trab hält.


Der flüssige Schreibstil des Autors liest sich locker, leicht und die Seiten fliegen nur so dahin. Gerd Kramer ist es von der ersten Seite an gelungen, mich mit seinem Krimi zu fesseln. Schon gleich zu Beginn haben die eindrucksvolle Opfersicht und ein mehr als perfide vorgehender Täter dazu geführt, dass ich sofort gefangen war. Durch geschickte Perspektivwechsel, Opfer, Täter, Ermittler immer neue Verdachtsmomente, die einen gehörig zum Rätseln und Vermuten bringen, steigert sich die zu Beginn schon relativ hohe Spannung zudem noch während des Verlaufs. Absolut punkten kann das überraschende, meiner Meinung nach nicht vorhersehbare Ende, das aber nicht durch einen Täter aus dem Nichts geschaffen wird, sondern auf eine bereits im Vorfeld bekannte Person zurückgreifen kann und zudem bis ins Detail nachvollziehbar ist. Zu dieser Spannung paart sich eine gehörige Prise norddeutscher Humor und macht so das Lesevergnügen perfekt. Besonders das zum täglichen Ritual gehörenden Frotzeln der Ermittler ist Garant zum Schmunzeln. So kann da auf ein „Steck mich bloß nicht an! von Flottmann, schon ein „Sobald du das Büro verlässt, werde ich deine Computermaus mit meinen Viren infizieren.“, von Hilgersen kommen oder auf ein “Wenn du fährst, könnte ich nachdenken. Oder glaubst du, dass bei dir mehr herauskommt?“ ein promptes „Klar. Das ergibt sich schon alleine aus dem Dienstgrad.“, folgen. Situationskomik ist vorhanden, ohne das Geschehen lächerlich zu machen. Denke ich nur an das Sargexperiment, das fast schon zum Running Gag wird oder den kleinen lehrenden Exkurs zu Horoskopen, der sich ebenfalls wie ein Faden durchs Geschehen schlängelt, kann ich jetzt noch grinsen.


Für mich war es ja ein Wiedersehen mit Bekannten, auf das ich mich sehr gefreut habe. Flottmann, harte Schale, weicher Kern, was schon seine Tierliebe verrät, ist mir ja schon längst ans Herz gewachsen und auch sein Kollege Hilgersen steht ihm nicht viel nach. Die beiden achten sich, mögen sich auch, aber schießen sich gegenseitig hoch und man hat mit ihnen viel Spaß. Gefreut habe ich mich, dass auch Leon, der Musiker mit Synästhesie, dem hochsensiblen Gehör, das Geräusche für ihn nicht nur schrecklich laut, sondern auch sichtbar machen kann, wieder einen unterstützenden Einsatz hat. Dass Laura ihm guttut ist mehr als deutlich zu spüren und dass die beiden zueinander gefunden haben, ist richtig toll. Aber auch alle anderen Darsteller sind gelungen gezeichnet, bei Knobi Malte angefangen, der Rechercheprofi, der nicht nur auf Knoblauch, sondern seit neuestem auch auf gute Sterne für ein langes Leben setzt, bis hin zu Peter Weber, der sich um zu Überleben selbst die Hand amputieren muss. Kater Bogomil ist zudem mein tierisches Highlight. Dieses Mal versucht Flottmann seinen übergewichtigen Kater mit der „Pet-Watch-App“ vom Büro aus zum Abspecken zu bringen, was nicht nur für jede Menge Gespött unter den Kollegen, sondern auch Schmunzeln beim Leser sorgt.


„Feine salzige Tropfen klatschten Flottmann ins Gesicht und brannten auf seiner Haut. Seine Augen tränten. Niemals vorher hatte er die Natur so intensiv gespürt, wie in diesem Augenblick.“ Flottmann erlebt zum ersten Mal eine Sturmflut, Beweise müssen im Watt gesichert werden und Treffpunkt für ein romantisches Essen ist das Schifffahrtsmuseum in Husum. Das sind nur einige Beispiele dafür, dass der Autor es perfekt versteht, die Nordseeküste für den Leser lebendig zu machen. Wirklich gelungenes Regionalkolorit.


„Deine Laune ist ja unerträglich!“ - “Wieso? Ich hab doch gute Laune.“ „Eben“

Alle Leser, die mit einem spannenden Regionalkimi, der mit einem perfiden Mörder, einem überraschenden Ende und tollen Ermittlern punkten kann und gute Laune bekommen wollen. Kann ich „Tidetod“ wirklich ans Herz legen. Fünf Sterne sind hier redlich verdient.


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26 Bibliotheken, 2 Leser, 0 Gruppen, 13 Rezensionen

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Der Tod bohrt nach

Isabella Archan
Flexibler Einband: 384 Seiten
Erschienen bei Emons Verlag, 28.06.2018
ISBN 9783740803124
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

„Die Krone der Trilogie“ Wie der Buchrücken schon verrät, ist dies der dritte Fall für die liebenswert, chaotischen Zahnärztin Leo und auch hier hat mich die Autorin auf amüsant, witzig und fesselnde Weise unterhalten, sodass für mich fünf Sterne hier auf jeden Fall noch drin sind. 


Bei Dr. Leocardia Kardiff hat der Mordmagnet wieder einmal zugeschlagen. Ihr Bauchgefühl sagt ihr sofort, dass hier etwas gar nicht stimmt. Ein psychisch labiler Notfallpatient, „Der Mann war eine Tüte voller Seltsamkeiten“, muss richtige Schmerzen haben, faselt etwas von einer Annika, Lebensgefahr, Mord, dass er sie retten muss und nicht zu spät kommen darf, wartet ab, bis die Narkose wirkt, und verschwindet. Das Versprechen die Behandlung am Montagmorgen zur üblichen Praxiszeit fortzusetzen, hält er nicht. Nicht nur weil sie sich Sorgen macht, sondern weil sie auch nicht auf sich sitzen lassen will, dass ihr zum ersten Mal ein Patient während der Behandlung ungeklärt davonläuft, macht sie sich auf zu einem Hausbesuch. Eine Entführung, ein Toter und jede Menge seltsame Gestalten lassen nicht lange auf sich warten und schwupps, ehe sie sich umsieht, steckt sie schon wieder in Parallelermittlungen, die mit denen ihrer neuen Liebe Hauptkommissar Jakob Zimmer und dessen Team konkurrieren.


Als Leser begleitet man hauptsächlich Leo, Praxisalltag, Familienleben sind neben den Ermittlungen hier eingeschlossen. Aber man bekommt auch einen Einblick in die offiziellen Erkenntnisse und kann so bestens informiert immer mehr Rätselraten. War ich zu Beginn völlig ratlos, hat sich nach und nach ein Motiv herauskristallisiert und wenn man extrem aufmerksam liest, kann man auch auf den Täter kommen, was der Spannung und dem Lesevergnügen aber keinen Abbruch tut, da es ja noch jede Menge amüsante bzw. gefährliche Szenen und auch die eine oder andere falsche Fährte, die einen noch einmal grübeln lässt, gibt.


Isabellas Archaans mitreißend, lockerer und humorvoller Schreibstil hat mich ja schon mehrfach, nicht nur mit dieser Trilogie, perfekt unterhalten und auch ihr neuer Krimi bildet keine Ausnahme. Leos Gedankenkreisel, die den Erzählstil in den ersten beiden Bänden geprägt haben und doch etwas mehr Konzentration, bzw. Gewöhnung erfordert haben, sind kaum noch zu finden. Eine angenehme Schriftgröße dazu und die Seiten fliegen daher nur so dahin. Man kann viel schmunzeln und Rätselraten ist auch angesagt, eine perfekte Mischung für einen gemütlichen Leseabend. Es gibt eine gehörige Prise Situationskomik, ich könnte z.B. jetzt noch lachen, wenn ich an die Szene auf der Herrentoilette denke, bei der Leo nicht nur der einteilige Hosenanzug und ein dringendes Bedürfnis Probleme bereiten, macht das Lesen zum Vergnügen. Auch die Fettnäpfchen, die Leo so gern erklimmt, oder ihr zur Therapie notwendiges Selbstlob bereiten Spaß. So kann man z.B. über die Qualität von Witzen bestimmt geteilter Meinung sein. Finden ihre Helferinnen die des neuen Kollegen z.B. besonders toll, „Zumindest kichern sie immer, wenn er einen Witz macht,“ ist Leo jedoch der Meinung,  „obwohl seine Witze schlecht sind und eigentlich nicht so komisch wie meine Bonmonts.“. Eine Patientin befragt, würde diese nach „Wird es wehtun?“ „Ein Stich, ein wenig warten, dann könnte ich Ihnen die Lippen abfräsen, und Sie würden es nicht merken, Frau Mandelbach.“ Leos Scherze wohl eher überhaupt nicht komisch, finden, „aber einen Versuch war es wert.“


Für mich war es ja ein Wiedersehen mit alten Bekannten, auf das ich mich riesig gefreut habe. Dr. Leo ist nicht mehr ganz so chaotisch und ihre Ticks, wie Spritzenphobie, die Ohrfeigen, die sie ab und an selbst braucht, und Co halten sich in Grenzen, nachdem sich jetzt die Liebe endlich eingestellt hat. „Eigenlob stinkt zwar, aber ich tue es trotzdem: Hut ab Leo, du schaffst es immer besser.“ Trotz allem nimmt sie noch so einige Fettnäpfchen mit und ins Herz geschlossen habe ich sie ja sowieso längst. Mit ihrem Kommissar Jakob Zimmer und seinen Kollegen, die ein super harmonisches Team bilden und Hand in Hand arbeiten,  wird ganz klar deutlich, wie schwer bei einem solchen Job die traute Zweisamkeit ist. Trotzdem hoffe ich, dass nicht nur die beiden ihr Liebesglück in diesem Band gefunden haben. Alle Darsteller sind wirklich originell, individuell gezeichnet, bei der Leos allwissender Mama angefangen, die auch in der Ferne ganz genau Bescheid weiß, wer im Haus ihrer Tochter ein und aus geht, über Vorzimmerdame Bulldogge Horst, die mit Lippenstift, dieses Mal zur Pudeldame, der nur noch das rosa Schleifchen im Haar fehlt, werden kann, bis hin zu Leos Papa, bei dem Leos 45 Jahre und ihre Kompetenz schon mal ganz schnell schmelzen „wie ein Eis am Stiel bei Sonnenschein“, soweit sogar, dass sogar der falsche Zahn dran glauben muss.


Auch im dritten Teil ist wieder eindeutig zu merken, dass der Krimi in Köln spielt. Da wird an einem Büdchen ein gekühltes Kölsch getrunken, dem Abenteuermuseum Odysseum ein Besuch abgestattet und ganz am Rande darf auch ab und an jemand im Dialekt plaudern.


Das Werbeversprechen Krone der wird gehalten, das der Trilogie hoffentlich nicht, zu gerne hätte ich doch, dass die Reihe um die schräge Zahnärztin Leo und ihren Kommissar Jakob weiter geht, lässt doch auch der Ausblick am Ende ein klein wenig hoffen. 


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nationalsozialismus, sachbuch

Medizin ohne Menschlichkeit

Alexander Mitscherlich , Fred Mielke , Alexander Mitscherlich , Fred Mielke
Flexibler Einband: 392 Seiten
Erschienen bei Fischer Taschenbuch, 01.02.1978
ISBN 9783596220038
Genre: Sachbücher

Rezension:  
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Die Liebesbriefe von Montmartre

Nicolas Barreau , Sophie Scherrer
Fester Einband
Erschienen bei Thiele & Brandstätter Verlag , 04.09.2018
ISBN 9783851794106
Genre: Romane

Rezension:

Dies ist mein erstes Buch von Nicolas Barreau, wird aber sicher nicht mein letztes bleiben, weil es dem Autor von Anfang an gelungen ist, mich mit seiner romantischen Geschichte einzufangen.


Als Julien an einem schönen Maitag am Grab von Heinrich Heine seine Traumfrau Hélène kennenlernt, weiß er zum Glück noch nicht, welches Schicksal ihnen bevorsteht. Der perfekten Liebe sind nur einige gemeinsame Jahre vergönnt, denn bald schon erkrankt sie unheilbar an Krebs. „Schreib mit einfach. Schreib mir, wie die Welt ist ohne mich. Schreib mir von dir und Arthur.“ Am Sterbebett nimmt sie ihm das Versprechen ab, dass er ihr 33 Briefe schreiben soll, für jedes Lebensjahr einen. Auch wenn Julien keinen Sinn dahinter sieht, einer Toten Briefe zu schreiben, keine Antworten zu bekommen, will er ihr diese verrückte letzte Bitte nicht abschlagen und gibt ihr sein Wort. Wird Hélène recht behalten, wenn sie sagt, „Ich wette, wenn du den letzten Brief geschrieben hast, wird dein Leben eine Wendung zum Guten genommen haben.“?


„Als ich dir damals das Versprechen gab, Heléne, ahnte ich nicht, dass das Schreiben der Briefe mich in eine solches Abenteuer führen würde. Denn das ist es für mich geworden – ein Abenteuer voller Rätsel, von denen nur Alexandre weiß.“ Als Leser darf man nach Monaten der Trauer dieses Abenteuer mit Julien erleben. Man begleitet ihn bei seinen Friedhofsbeuchen, man schaut ihm über die Schulter beim Briefeschreiben, kann diese so natürlich lesen, man trifft sich mit ihm mit bestem Freund Alexandre und auch mit Hélènes Freundin Catherine, die sich auch Arthur annimmt, lernt Sophie, die Restauratorin, die sich am Friedhof tummelt, kennen und irgendwann heißt es dann, man darf mit ihm rätseln, wer die Briefe aus dem Geheimfach im Grabstein nimmt und dafür kleine Botschaften versteckt. Wird sich Julien für das Leben und die Liebe entscheiden?

 

Der warmherzige Schreibstil des Autors liest sich extrem flüssig und die Seiten fliegen geradezu. Eine angenehm große Schrift und die übersichtlich langen Kapitel tun ihr übriges dazu, dass man diese Geschichte fast schon zu schnell verschlingt. Nicholas Barreau ist es gelungen mich gefühlsmäßig völlig gefangen zu nehmen, auch wenn es mir an ein, zwei Stellen, gerade als Julien gegen jegliche Vernunft an Botschaften aus dem Himmel glauben mag, fast ein wenig zu viel der Verblendung war. Ich habe ich richtig mitgefühlt und miterlebt. „Ich bin doch nur vier. Ich bin doch nur vier. Ich kann doch nicht alleine sein.“, wie gerne hätte ich den kleinen Arthur nach einem Alptraum tröstend in die Arme genommen, wie nah ist es mir gegangen, wenn er meinte „Papa, du musst lachen, das war jetzt ganz lustig.“, wie gut aber konnte ich auch verstehen, dass für Julien dann gilt. „Und da hab ich den Mund verzogen und so getan als ob.“. Ich habe die Ernüchterung regelrecht gespürt, wenn morgens beim Aufwachen aus den Träumen noch alles in Ordnung ist, und dann die Erkenntnis bitter zuschlägt, wenn die nach Hélène suchende Hand ins Leere greift. „Ein trauriger Monat folgte auf den nächsten, die Jahreszeiten wechselten ihr Gefieder, aber mir war alles eins. Die Sonne war vom Himmel gefallen,  und ich wohnte in einen tintenschwarzen Loch, in dem es keine Worte mehr gab.“ Die Trauer ist wirklich eindrücklich, mit treffenden Bildern und Vergleichen dargestellt, Aber auch das langsam wieder ans Leben wagen, die kleinen lebensbejahenden Fortschritte Juliens fängt der Autor auf berührende Art und Weise ein.

 

Wie sehr Julien seine Frau Hélène geliebt hat, ist nicht zu verkennen. Für ihn bricht mit ihrem Tod eine Welt ein und gäbe es Söhnchen Arthur nicht, gäbe es für ihn wohl auch keinen Grund mehr weiter zu leben. Er hat sofort mein Mitleid entfacht und ich mochte ihn richtig gern. Knutschen hätte ich den kleinen Sohnemann können, der mit seinen vier Jahren das Ganze natürlich völlig anders verarbeitet. Mit seinen witzig, klugen Ratschlägen, mit seiner herzerfrischenden Art hat er mich oft gerührt, vielfach zum Schmunzeln gebracht und so völlig eingefangen. Sofort sympathisch war mir auch Sophie, der burschikose Kobold, der auf dem Friedhof Statuen restauriert. Ihre natürliche Art hat mir von Beginn an imponiert und gefallen und auch ihre Ratschläge fand ich allesamt wirklich schön. Nicht ganz so anfreunden konnte ich mich mit Cathérine, der Freundin und Kollegin von Hélène, die meiner Meinung nach mit ihrer eigenen Trauer Julien an sich klammert und damit noch weiter mit in ein Loch zieht, auch wenn sie das vielleicht gar nicht absichtlich tut. Super gut hat mir der nüchterne Alexandre gefallen, der Julien immer wieder auf den Boden der Tatsachen holt. Was auf den ersten Blick als gefühlskalte Ignoranz empfunden werden kann, ist wohl genau die Art von Hilfe, die Julien von seinem wirklich besten Freund, auf den er stets zählen kann, dringend braucht. Auch die Nebendarsteller sind gelungen angelegt, bei Juliens Mama angefangen, die mit ihrer warmherzigen Art einfach toll ist, wenn sie sagt, “würde ich mir wünschen, ich könnte die Zeit einfach vorspulen, in ein Leben, wo du wieder froh sein kannst.“, bis hin zum dementen Onkel Paul, der einem ans Herz geht, über den man aber auch schmunzeln darf, wenn er meint „Ihr seht doch aus wie zwei blöde Giraffen.“

 

Die Geschichte spielt rund um den Montmartre und dort vor allem auf dem Friedhof Cimetière de Montmartre. Ich hatte dort nicht nur das Grab mit dem Stein aus Marmor, der eine Bronzeplatte mit dem Kopf eines Engels nach Sophies Relief gefertigt, bildlich vor mir, sondern hatte auch das Gefühl mit durch die Gräberreihen zu gehen, ebenso wie auf die Basilika Sacré Coeur blicken, oder die romantischen kleinen Gassen darum herum schlendern zu dürfen. Ab und an auch ein paar Brocken Französisch lassen einen stets wissen, wo die Geschichte spielt, was mir gut gefallen hat.

  

"Die Toten sollten immer ein Zimmer in unserer Erinnerung haben. Wir können sie dort besuchen, doch es ist wichtig, dass wir sie in diesem Zimmer zurücklassen und die Tür von außen zumachen, wenn wir gehen." Ein wirklich berührend, warmherziger Roman über das Abschiednehmen, Trauern und wieder Leben lernen, der auf jeden Fall noch fünf Sterne verdient hat.

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Die Frauen von Block 10

Hans-Joachim Lang
Fester Einband: 288 Seiten
Erschienen bei Hoffmann und Campe, 11.11.2011
ISBN 9783455502220
Genre: Sachbücher

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Befreit

Tara Westover , Eike Schönfeld
Fester Einband: 448 Seiten
Erschienen bei Kiepenheuer & Witsch, 07.09.2018
ISBN 9783462050127
Genre: Biografien

Rezension:

„Schon als Kind was mir bewusst gewesen, dass meine Familie zwar wie jede andere in der Stadt in dieselbe Kirche ging, unsere Religion aber nicht dieselbe war. Sie glaubten an Sittsamkeit, wir lebten sie. Sie glaubten an die Macht Gottes zu heilen, wir gaben unsere Verletzungen in Gottes Hand. Sie glaubten an die Vorbereitung auf die Wiederkunft, wir bereiteten uns tagtäglich darauf vor.“ Tara Westover erzählt hier ihr hartes Leben, ihren inneren Kampf sich von der Familie abzunabeln und durch Bildung zu einer selbstbestimmten Frau zu werden. Ein schockierender Tatsachenbericht.


„Jetzt mit neunundzwanzig, setze ich mich zum Schreiben hin, versuche, den Vorfall aus den Echos und Schreien eines müden Gedächtnisses zu rekonstruieren.“. Die Autorin beschreibt hier rückblickend ihre Lebensgeschichte und das tut sie auf sehr ergreifende Art und Weise. Der Roman ist in drei Teile gegliedert. Im ersten erfährt man als Leser von Taras Kindheit ohne Geburtsurkunde, Arzt oder Schulbesuch in den Bergen Idahos. Der zweite Teil handelt von den Jahren, in denen sie das College besucht, versucht sich von ihrer Familie abzugrenzen und eine Rolle in einem anderen Leben jenseits der Bevormundung durch diese zu spielen, und endet mit einem Auslandsprogramm in Cambridge. Der dritte Teil startet mit einem Gates Stipendium. Sie ist Cambridge Angehörige, darf für ein Semester nach Paris und auch Havard lädt sie ein. Hier bekommt man noch einmal mit aller Wucht den schweren Weg, wirklich mit der Familie brechen zu müssen, um frei leben zu können, hautnah mit. Mit dem Doktortitel und einem kleinen Einblick in die Jahre nach der Promotion endet Taras Geschichte im Jetzt.


„Hast du schon mal überlegt wegzugehen?“ „ Du findest ich soll weg?“  „Ich finde schlimmer als hier kann es nirgends für dich sein.“, genau diesen Rat von Bruder Tyler, wegzugehen, sich nicht länger den Grausamkeiten aussetzen,  hätte ich Tara am liebsten ständig entgegen geschrien. Ein Vater der sie in Gottvertrauen jeglicher Gefahr aussetzt, ein gewalttätiger Bruder, bei dem sie aufpassen muss, dass er ihr kein Messer zwischen die Rippen rammt und am besten ständig die Toilettenschüssel geputzt sein sollte, weil er ihr den Kopf hineinsteckt, wie lässt sich so etwas aushalten? Ich hätte sie am liebsten gepackt und aus dieser Hölle gezerrt oder hätte sie später am liebste davon abgehalten, sich wieder auf Treffen einzulassen, die ihr so sehr zusetzen. Ich konnte aber auch ihre Loyalität, ihr Pflichtgefühl der Familie gegenüber nachvollziehen, konnte mich in sie hinein fühlen und denken. „Es ist merkwürdig, wie viel Macht über dich du den Menschen gibst, die du liebst.“ Jahrelange Indoktrination, kein Zulassen einer anderen Wahrheit, als der vom Vater zurechtgebastelten, prägen „Mein Widerstand war nicht rational, er saß tief in mir.“, mich wundert kein bisschen, dass der Abnabelungsprozess so, so schwer für Tara war. Bildreiche Vergleiche wie „Ich redete. Er hörte zu. Und er zog die Scham aus mir heraus wie ein Heiler die Infektion aus einer Wunde.“, oder das freundliche Lächeln, das sie wie eine Eisenmaske getragen hatte, lassen einen das von ihr Erlebte fast selbst fühlen. Allzu zart besaitet darf man beim Lesen hier aber nicht sein, denn wenn Brandwunden den Körper überziehen, die Haut dann zuhause schichtenweise abgetragen wird, wenn Löcher in der Schädeldecke mit den Hausmitteln der Mutter behandelt werden, ist mir oft ein kalter Schauder über den Rücken gelaufen.  


„Keine Sorge Liebes, Gott ist hier er arbeitet hier mit uns. Er wird nicht zulassen, dass du verletzt wirst. Und wenn doch, dass ist es Sein Wille.“ Mit diesen Worten lässt ein Vater seine Tochter Schrott auf dem LKW sortieren, während er ein neue Ladung über ihr auskippt, lässt sie sich auch, nachdem es den Bruder erwischt hat und dieser ausfällt, an der Metallschere schinden. Geschockt konnte ich oft gar nicht glauben, was ich las, aber nicht weil ich der Darstellung der Autorin nicht traue. Ich denke bevor sie sich dazu entschlossen hat, sich ihre Geschichte von der Seele zu schreiben, hat sie oft genug verifiziert, ob ihre Erinnerungen der Realität entsprechen, an Stellen, bei denen es mehrere Versionen gibt, ist dies ja auch verzeichnet. Zudem hat sie ja den jahrelangen Prozess eindrücklich beschrieben, dem nicht durch die Familie verzerrten Bild nahe zu kommen. Der innere Zwiespalt, die Ungewissheit, was ist Realität, was geschönte Darstellung, was erdachte Wirklichkeit und was ist Indoktrination, ist mehr als deutlich.

 

Normalerweise beschreibe ich auch immer die Darstellung der Charaktere, was mir hier, da es sich ja um real immer noch lebende Menschen handelt, ein wenig schwerfällt, ich mich aber auch fast nicht traue, ihr Verhalten zu interpretieren, steht mir eigentlich auch nicht zu. „Vater war kein hochgewachsener Mann, aber er war durchaus fähig den Raum zu beherrschen.“ Alle Beteiligten sind auf jeden Fall derart eindringlich gezeichnet, dass ich stets als lebende Gestalten vor mir hatte, fast gespürt welche Macht, welch Zorn, aber auch welche Angst oder Enttäuschung sie ausgestrahlt haben.


„Mutter hatte immer gesagt, wenn wir wollten, könnten wir zur Schule gehen. Wir müssten nur Dad fragen, sagte sie.“, aber welches Zugeständnis mag dies sein, wenn in den harten Gesichtszügen des Vaters,  „meine Neugier zu eine Obszönität machte, einem Affront gegen alles, was er geopfert hatte, um mich großzuziehen.“ Oder schon bei des Bruders Wunsch nach einem Collegebesuch galt. „Mein Sohn „stellt sich in die Schlange um sich von Sozialisten und Illuminatenspionen das Gehirn waschen zu lassen.“ Hatte ich manchmal den Eindruck, ihre Mutter könnte ihr beistehen, hat sie mich stets wieder davon überzeugt, dass die Loyalität ihrem Mann gegenüber größer ist, als ihre Mutterliebe.  Froh war ich, dass es aber nicht neben einem äußerst brutalen Bruder, und Geschwistern, die Tara im Notfall auch verraten auch Personen in ihrem Umfeld gibt, die ihr beistehen, wie Bruder Tyler, soweit er kann, Mitbewohnerin Robin, die sich um sie kümmert, bzw. Hilfe vermittelt oder Professoren wie Dr. Kerry, die ihr Potential erkannten und sie förderten.


Ich könnte noch ewig weiter bewegende, schockierende Szenen beschreiben oder auch besonders eindrückliche Stellen zitieren, Taras Lebensgeschichte hat mich von Seite zu Seite mehr gepackt. Auch wenn ich ehrlich zugeben muss, dass ich erst ein Weilchen gebraucht habe um mit der Geschichte warm zu werden, weil ich wohl auch eher mit einer Beschreibung des Lebens als Mormonen im Allgemeineren gerechnet hatte, sind es so für mich noch fünf Sterne geworden.


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Im Jenseits der Menschlichkeit

Miklós Nyiszli , Friedrich Herber , Andreas Kilian
Flexibler Einband: 207 Seiten
Erschienen bei Dietz Vlg Bln/BUGRIM, 01.01.2005
ISBN 9783320020613
Genre: Sachbücher

Rezension:  
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Ein Held dunkler Zeit

Christian Hardinghaus
Fester Einband: 368 Seiten
Erschienen bei Europa Verlag, 02.03.2018
ISBN 9783958901193
Genre: Romane

Rezension:

Nachdem der 95-jährige Friedrich Tönnies, der in einer Seniorenresidenz sehr zurückgezogen lebt, einen Flashback erlebt, entscheidet er sich dazu, seine Kriegserlebnisse in der Panzer-Aufklärungs-Abteilung 16 und seine Zeit mit Unterarzt Wilhelm Möckel, niederzuschreiben. Schnell ist eine Schreibmaschine besorgt und innerhalb kürzester Zeit ein Roman entstanden, der von ihm und seinem „Helden“ handelt.


Diesen findet man hier in einer Art Buch im Buch, das in zwei Abschnitte gegliedert ist.


Im ersten Teil, die beiden sind schon inmitten des Kriegseinsatzes, erfährt man durch eine Nacherzählung rückblickend davon, wie sich der junge Augenarzt Wilhelm unsterblich in die keck, forsche Medizinstudentin Annemarie verliebt, wie beide plötzlich mit der Nachricht leben müssen, dass Annemarie ein „Mischling ersten Grades“ ist, welche Probleme sich deshalb ergeben, sie aber trotzdem heiraten und wie Wilhelm sich schließlich freiwillig zum Kriegseinsatz meldet. „Schmeiß dich in den Kampf, verdiene die Orden und rette Annemarie und die Kinder!“ Eben nicht weil ihn eine Kriegsbegeisterung treibt, sondern weil er durch eine besondere Tapferkeitsauszeichnung, ein Gnadengesuch beim Führer einreichen kann, das die Chance einer "Arisierung" für seine Frau und die Zwillingssöhne Max und Martin bieten würde.

 

Im zweiten Teil befindet man sich dann direkt mit an der Front. Man erlebt aus Tönnies Sicht Schlachten, die ihn bibbern ließen, erfährt von grausamen Verletzungen, Niederlagen, wenn die medizinische Hilfe zu spät kam, aber auch von Erfolgen, wenn Verwundete aus dem Bombenhagel heraus gezerrt und gerettet werden konnten. Weihnachten an der Front, Heimatpost, Zeiten der Ruhe, tierischer Beistand, Verpflegung und auch das Kennenlernen der verschiedenen Soldatentypen, von kriegsbegeistert, übermütig bis hin zu den guten, die sich auch hier zahlreich finden lassen, sind hier mit dabei. „Angst und Leichtsinn, beides schlechte Begleiter im Krieg“ Wie überlebt man an der Front, welche Bedingungen herrschen? Das wird mehr als eindrücklich deutlich. Zudem gibt es durch zwischengeschobene Kapitel auch einen Eindruck zur Lage in der Heimat oder durch Briefe erfährt man von den Demütigungen, die Annemarie zuhause erleiden muss.

  

Dem Autor gelingt es durch seinen anschaulichen Sprachstil die NS-Zeit lebendig, nachvollziehbar, und spürbar zu machen. „Dass ich Patriot bin steht außer Frage. Natürlich liebe ich mein Vaterland. Aber ob das zählt? Haben Sie Mein Kampf gelesen?“ – „Ein paar Seiten überflogen. Übel geschrieben, bringt mich nicht voran. Und seien wir ehrlich, nach dem, was man so hört, ist meiste doch eh Spinnerei.“. Der Autor fängt die Stimmung unter der Bevölkerung gekonnt ein. Viele haben Hitler und seine Pläne nicht ernst genommen, konnten sich nicht vorstellen, dass solche Grausamkeiten Wirklichkeit werden, andere haben sich unter dem Mantel der Nazis eine Machtstellung erobert und leben diese auf sadistische Art und Weise aus, wieder andere lassen sich aufhetzen und andere ertragen einfach alles duldend. Da Wilhelm und Annemarie direkt von der Judenhetze betroffen sind, erhält man auch hier einen berührenden, mitreißenden Eindruck davon, wie es Schritt für sie enger wird, bei Meidung durch scheinbare Freunde angefangen, über Exmatrikulation an der Uni, bis hin zur Deportation ihrer Mutter. Er beschreibt dabei weder mit erhobenem Zeigefinger, noch verharmlost er oder heißt Grausamkeiten gut. Dieser eher neutrale Stil hat mir sehr gut gefallen, man merkt, dass hier ein Geschichtswissenschaftler am Werke ist, der sein Metier versteht. Trotz aller Sachlichkeit weiß er den Leser gefühlsmäßig einzufangen und alle Emotionen werden beim Lesen angesprochen. „Ein frohes Chanukka-Fest wünschen wir Ihnen, Frau Kötter. Nehmen Sie dieses vorzügliche Mutzengebäck in Erwartung der großen Feier. Meine Frau hat es koscher zubereitet.“. Annemarie ist keine praktizierende Jüdin, wusste ja lange nichts von ihrer Abstammung, mir ist fast das Herz stehen geblieben, als Wilhelm mit dieser Aktion die Kinnlade der bösartigen Nachbarin nach unten fallen sehen hat wollen, allein schon weil ich Angst vor den Konsequenzen hatte. Ich habe eine solche Wut verspürt, als der sadistische Ortsgruppenleiter Wecker Annemarie aufs schrecklichste demütigt, konnte mich hinein fühlen, wenn Fronthündin Norka sich tröstend mit aufs Flohlager kuschelt oder habe schockiert von schrecklichen Verletzungen und Misshandlungen gelesen.


Ich habe das Sachbuch „Wofür es lohnte, das Leben zu wagen“ betroffen, gierig verschlungen, war mehr als nur aufgewühlt, begeistert und wollte mir deshalb den Roman, den der Autor aus dieser beeindruckenden Feldpostsammlung gestrickt hat, auf gar keinen Fall entgehen lassen. Die wahre Geschichte des Helmut Machemer, der diesen unglaublichen Weg ging, um seine Familie zu retten, ist Vorlage und ich habe in vielen Teilen, das was ich durch das Sachbuch wusste und kannte wiedererkannt. Es ist ein Kriegsschicksal, das auf wahren Tatsachen beruht, das gegen das Vergessen, festgehalten ist, und schon deshalb auf jeden Fall wert ist, gelesen zu werden. Kann man, soll man hier von Spannung reden, ich weiß es nicht? Allerdings denke ich, dass mich Christian Hardinghaus mit seinem Roman noch mehr fesseln hätte können, wenn ich in umgekehrter Reihenfolge gelesen hätte. So wusste ich einfach vielfach schon, was z.B. denn nun an Weihnachten passieren wird, wie es im russischen Lazarett weiter geht und ähnliches, was natürlich das Mitfiebern etwas ausbremst.

 

„Um meine Frau und meine Kinder zu retten, würde ich auch durch die Hölle gehen. Ich werde kämpfen bis aufs Blut.“ Ich hatte schon durch das Sachbuch größten Respekt vor einem Mann, der alles dafür gibt, seine Familie zu retten, diesen brutalen Kriegseinsatz freiwillig auf sich nimmt und stets mit Optimismus ganz viel Leben an der Front gerettet hat. „Wilhelm versteht es glänzend, mich mit Worten zu trösten, wenn ich am Boden bin.“ Hier habe ich noch einmal aus Tönnies Sicht erfahren, welch toller Mann Wilhelm war, wie er seinem Gehilfen stets aufmunternd zur Seite stand, nichts zwischen sie kommen ließ und wie die beiden zu den besten Freunden wurden. Wilhelm ist ein Mann der,  immer mit seinem Ziel, das Eiserne Kreuz I zu erlangen vor sich, mit Zuversicht die Zeit an der Front durchsteht. Er ist kein Mann der, trotz viel Herz, groß Gefühle preisgibt. Diesen Part übernimmt sein Gehilfe Tönnies, dessen Gefühlswelt man aus der Ich-Perspektive natürlich auch toll dargeboten bekommt. Ich mochte den treuen, besten Freund sofort, hatte ihn schon im Altenheim zu Beginn ins Herz geschlossen. Durch ihn bekommt man einen tollen Einblick in die Kriegtraumata. Er ist,, ebenso wie auch alle anderen Darsteller authentisch dargestellt ist, man merkt hier deutlich, dass wohl alle Mitspieler ein real existierendes Vorbild hatten.

 

„Und haben sie das gewusst mit den Juden?“ –„Nein. … Das Nein entspricht der Wahrheit, sonst wäre ich nicht imstande, dies hier zu verfassen. Dass ich vom Krieg jedoch nicht erzählt, habe, tut mir heute unfassbar leid, denn ich merke, dass die Jugend von heute zu wenig weiß. Die Gefahr neue Kriege zu führen ist groß.“ Mit diesem Zitat ende ich mit einer Empfehlung für diesen bewegenden Roman, der gegen das Vergessen hilft.


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Der Tätowierer von Auschwitz

Heather Morris , Elsbeth Ranke , Julian Mehne , Sabine Arnhold
herunterladbare Audio-Datei
Erschienen bei OSTERWOLDaudio, 01.08.2018
ISBN 9783844918960
Genre: Biografien

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Beim zweiten Kuss verwechselt

Sonja Kaiblinger , Daniela Kohl
Fester Einband
Erschienen bei Dressler, 20.08.2018
ISBN 9783791500782
Genre: Jugendbuch

Rezension:

Ich liebe Sonja Kaiblingers spritzig, witzige Geschichten und nachdem sie mich mit dem Auftakt zu dieser Trilogie „Auf den ersten Blick verzaubert“ hat, habe ich mich wahnsinnig auf die Fortsetzung gefreut. Wie erwartet hatte ich wieder einmal spannend, amüsante Unterhaltung, ein neues richtiges Gute Laune Buch, das so richtig Spaß macht aus ihrer Feder.


Nachdem Ophelia jetzt die Freigabe für ihre Verwandlungskünste hat und auch halbfertige Spontanverwandlungen scheinbar der Vergangenheit angehören, lässt es sich mit der geheimen Gabe, die Familie Biggs ihren Zwillingen und Drillingen beschert, um einiges besser leben, auch wenn der Großonkel in Form eines Geiers nach wie vor noch stets bedrohlich über den Köpfen schwebt und ganz klar auch mit in die Highlands reist. Dorthin geht es nämlich dieses Mal. Zwei Wochen Junior Highland Games, irgendwo im schottischen Nirgendwo, um dieses Jahr endlich den Sieg für die Schule zu erringen und nicht nur wieder auf dem zweiten Platz zu landen. Wird dies mit einem Team aus Mae, Roger, Amalie, Cliff, den Zwillingen Lora und Ophelia sowie dem seltsamen, unbekannten Rattenmädl Eleanor gelingen und vor allem was wird sich bei zwei Wochen Zeltlagerstimmung aus den Liebesgeschichten entwickeln? Da gibt es da ja einiges zu klären. Würde das nicht schon genug Potential für eine spannende Geschichte bieten, reisen natürlich auch noch die verrückten Tanten mit an, der Oberboss ist ja eh mit dabei und dann taucht auch noch ein weiteres Familienmitglied auf, das mitmischen will.


Als Leser begleitet man Ophelia und ist ganz klar bei den Spielen mit dabei. Die Highland Games, Spiele, die so auch noch keiner gesehen hat, da hat sich die Autorin wieder einmal ganz besondere Dinge einfallen lassen, beim Mittelalter Spektakel angefangen, über eine Gruselnacht in einer Hütte inmitten im Moor, bis hin zum Mathebaumstammwerfen oder Vögel raten. Ganz klar, dass auch die wieder einmal an Situationskomik nicht entbehren lassen. Ich kann jetzt noch grinsen, wenn ich an die Spielerauswahl beim Vögel bestimmen denke, „Kleiner Vogel, großer Vogel, hässlicher Vogel, Vogel mit krummem Schnabel und … ich glaube, das letzte Exemplar ist eine Amsel. So ein Vieh habe ich neulich mit dem Rad erwischt. Darf ich mich aufstellen lassen?“, „Halt die Klappe, Roger. Du würdest einen Vogel doch nicht mal erkennen, wenn er dir aufs Hirn kackt.“ Ich hätte ja ihn genommen!


Aber es geht nicht nur um den spannenden Wettkampf auch in Liebesdingen tut sich einiges. Mae und Roger, Amalia und Cliff und Mr Unwichtig oder doch Adrian, sind die Fragen, die hier mit einigen Turbulenzen, ist ja eh klar, und mit viel Gefühl, das perfekt auf die Altersgruppe Teenies abgestimmt ist, aber auch mir als Erwachsene super gut gefallen haben, geklärt werden müssen.


Eigentlich ist ja Fantasy nicht so mein Ding. Aber auch wenn Verwandlungen nichts mit Realität zu tun haben, kann die Geschichte durch viel Witz und eben auch viel Spannung punkten und hat mich daher trotzdem eingefangen. Was will der Geier und was nicht, ist hier die Frage.


Zudem ist man natürlich auf Reisen. Man ist in den schottischen Highlands und das ist stets zu merken, Moorlandschaft, samt Leichenmärchen, Schafe scheren und Haggis auf dem Tisch, fehlen ebenso wenig wie der Regen und verlassene Castles.


Wie gewohnt erzählt Sonja Kaiblinger mit einem derart pfiffigen Schreibstil, bei dem die Seiten nur so flutschen hier eine verrückte Geschichte, die vor schrägen Figuren und Situationskomik geradezu sprudelt. Da gibt es z.B. eine Tante Rose, die ihr Hausschwein Mr. Darcy nennt um „behaupten zu können, sich mit Mr. Darcy ein Bett zu teilen und schlabbrige Küsse auszutauschen.“, und bei der es passieren kann, dass sie als Kamel im Wohnzimmer steht.  Spritzig, witzige Dialoge, da kann es schon mal, wenn es um den Kleidungsstil des Direktors geht, heißen „Bestimmt hat er den Kilt an sich festgetackert.“ - Gut so, niemand will seinen Duddelsack sehen.“, machen das Lesen ebenfalls zum super Vergnügen. Ungewohnte Wendungen, platzierte Szenenwechsel und so manche schaurige Situation verschaffen Spannung und langweilig wird es hier sicher nicht. Die relativ kurzen Kapitel überfordern bestimmt keinen Leser und auch zum Vorlesen eignet sich die Geschichte meiner Meinung nach noch gut.


Für mich war es ja ein Wiedersehen mit alten Bekannten, auf das ich mich riesig gefreut habe. Alle Charaktere sind liebevoll, individuell und mit eigenen Ecken und Kanten ausgestattet. Ophelia muss man sofort ins Herz schließen, ihre Zwillingsschwester Lora macht es dieses Mal mit ihrem übertriebenen Ehrgeiz fast schon schwer. Viel Stinkewind bringt Eleanor mit in die Geschichte, die nicht nur eine Ratte, sondern auch ein ganz besonderes Geheimnis hat. Mit Mae habe ich gefiebert, dass es endlich mit Roger klappt und in Adrian habe ich mich getäuscht, wie in so manch anderem Mitspieler hier in der Geschichte. Unter den Tanten ist mit Helly wieder einmal die liebste gewesen mit ihren spitzen Kommentaren „Du meinst diese besserwisserische Schnepfe, die sich nur von undefinierbarem Körnerfraß ernährt?“ und ihren witzigen Aktionen hat sie mich wieder einmal viel zum Schmunzeln gebracht.


Erwähnen möchte ich auch noch die tollen Vignetten, die schon das Cover zieren und sich auch an den Seitenrändern tummeln, und mir wirklich gut gefallen haben, das macht so richtig Laune.


Alles in allem natürlich volle Begeisterung für einen spannenden Mittelteil, der viele Enthüllungen bereit hält, aber auch schon für genug Stoff für eine spannende Fortsetzung bietet. Ich hätte am liebsten sofort weiter gelesen und warte jetzt schon drauf.


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147 Bibliotheken, 10 Leser, 2 Gruppen, 84 Rezensionen

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Ein unvergänglicher Sommer

Isabel Allende , Svenja Becker
Fester Einband: 350 Seiten
Erschienen bei Suhrkamp, 13.08.2018
ISBN 9783518428306
Genre: Romane

Rezension:

Was bringt die 62-jährige Lucia, die an der New York University Gastdozentin ist und ihren Kollegen und Vermieter, den 60-jährigen Professor Richard Bowmaster zusammen, wenn es die chilenische Totenerweckungssuppe nicht schafft? Ganz einfach ein Schneesturm, nicht so einfach ein Autounfall und wirklich problematisch die guatemaltekische Unfallgegnerin Evelyn, die eine fremde Leiche im Kofferraum spazieren fährt, obendrein noch illegal und ohne Papiere im Land lebt und jetzt bei Richard im Wohnzimmer steht.

 

Die Autorin unterhält den Leser auf unterschiedlichen Zeitebenen. Im Jetzt wird man Zeuge davon, was sich die drei für eine Lösung ihres Problems einfallen lassen, darf mit der Leiche im Kofferraum ein wenig mit ihnen durch die Gegend fahren, auch die Pläne noch einmal umwerfen, und zudem erfährt man ganz zu Ende natürlich auch wie die Tote in den Kofferraum gelangt ist und wer hinter dem Mord steckt. Diese Art Roadmovie ist amüsant stellenweise richtig rührend, entbehrt auch durchaus nicht der Spannung und hat mir gut gefallen. Wobei die Lösung des „Kriminalfalls“ hier deutlich im Hintergrund der Geschichte liegt, eher eine Rahmenhandlung für ausführliche, sorgfältige und gelungene Charakterdarstellungen bietet.

 

Die Handlung im Jetzt wechselt sich stets mit unterschiedlichen Perspektiven der drei Protagonisten ab, die in Rückblenden von ihrem Leben erzählen. Wer erzählt ist stets mit dem Namen überschrieben, Verwirrungen sind hier also nicht möglich. Während Lucia in Chile nicht nur die Militärdiktatur miterlebt hat, dabei ihre Brüder verloren hat und fliehen musste, musste sich Evelyn ebenfalls auf die Flucht begeben, allerdings vor den Maras in Guatemala, die scheinbar wegen ihres älteren Bruders eine Rechnung mit der Familie offen haben. Hier erfährt man unheimlich viel über die Lebensbedingungen, die Missstände und Probleme in diesen Ländern, über die beschwerliche Flucht und natürlich auch warum die beiden zu dem geworden sind, was sie im Jetzt präsentieren. Das ist wirklich gut gemacht, hat mir auch grundsätzlich wirklich sehr gut gefallen, lerne ich doch beim Lesen gerne dazu. Allerdings hätte mir die eine oder andere Stelle etwas weniger ausführlich genügt, gerade wenn es um Politik, mit Namen die mir nichts gesagt haben, ging oder durch den Glauben etwas mystisch geworden ist. Auch sonst müssen die beiden Damen, genauso wie auch Richard, noch weitere Schicksalsschläge hinnehmen, die das Leben für sie parat hat, bei Vergewaltigung angefangen, über Ehen mit den Falschen, bis hin zu Erkrankungen und ganz viel Abschied nehmen müssen.

 

„Jäh wurde ihm bewusst, wie klein und eingeschränkt sein Dasein inzwischen war, und da bekam er es mit der handfesten Angst zu tun, weil er so viele Jahre in sich selbst verkrochen vergeudet hatte, weil die Zeit so schnell verging, das Alter greifbar nah kam, der Tod.“ Auch die Botschaft, im Jetzt zu leben, immer das Beste aus dem Leben zu machen, egal wie viele Knüppel einem zwischen die Beine geworfen werden, wird hier toll deutlich, was mir gut gefallen hat. Richard muss das erkennen, Evelyn bekommt die Unterstützung dazu, Luisa lebt es und auch viele versteckte  Botschaften der Art, „Bloß die Menschen, Sklaven ihres Egos, würden ewig um sich selbst kreisen, sich beobachten und aufpassen, auch wenn nirgends eine Gefahr drohte.“, sind hier zu finden.

 

Der flüssige Schreibstil der Autorin liest sich äußerst angenehm und so fliegen die Seiten geradezu. Spitze, pointierte und durchaus oft auch selbstironische Beschreibungen wie „Sie hatte Falten am Hals, trockene Haut und schlaffe Arme, ihre Knie machten ihr zu schaffen, und sie hatte mit ansehen müssen, wie ihre Taille verschwand, weil sie nicht die Selbstdisziplin aufbrachte sich in einem Sportstudio zu schinden.“, sowie amüsante Dialoge wie „Vielleicht war es ein Unfall?“ – „Du meinst sie ist mit dem Kopf voran in den Kofferraum geklettert, hat sich in den Teppich gewickelt, die Klappe ist zugefallen, sie ist erstickt, und keiner hat was gemerkt?“ oder „Was hat der Chihuahua?“ –„Nichts!“ – „Er sieht aus wie tot.“ „So ist das wenn er schläft.“ „Was für ein hässliches Tier“ - „Psst, er hört dich Richard!“, machen das Lesen hier wirklich zum Vergnügen. Isabell Allende vermag den Leser auch emotional einzufangen, schräg, liebenswerte Charaktere, bewegende und schockierende Schicksale sind hier mit viel Gefühl dargestellt.

 

Den schrulligen Richard habe ich am Anfang so richtig in mein Herz geschlossen. Alles muss bei ihm stets perfekt durchgeplant sein und darf nicht aus dem Raster fallen. So berechnet er sogar den Kalorienbedarf für Ausflüge um bestens gerüstet zu sein, nur für ein spontanes Leben scheint ihm jede Fähigkeit abhanden gekommen zu sein. Ich habe mich richtig mit ihm gefreut, wie er nach und nach auftaut, wobei ich mich dann aber mit seinen Enthüllungen doch schwer getan habe, ihm noch die gleiche Herzenswärme entgegen zu bringen. Vor Lucia ziehe ich wirklich meinen Hut. Sie strahlt so viel Lebensfreude aus und das obwohl, sie wirklich vom Leben die härtesten Prüfungen auferlegt bekommen hat. Durchaus selbstironisch, verbreitet sie mit ihrem Optimismus und ihrer direkten, aber herzenswarmen Art so richtig gute Laune, man muss sie einfach mögen. Evelyn, das zerbrechliche Kindermädchen, hätte ich beim Lesen am liebsten immer tröstend in den Arm genommen.

 

Dies war mein erstes Buch von Isabell Allende, wird aber definitiv nicht mein letztes bleiben. Denn auch wenn es für fünf Sterne bei mir nicht ganz gereicht hat, hat mich die Autorin wirklich gelungen und auch informativ unterhalten. 4,5 Sterne und auf jeden Fall eine Empfehlung wert.

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2 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 2 Rezensionen

Der Apfelblüten-Guru

Mikael Bergstrand , Julia Gschwilm , Christian Baumann
Audio CD
Erschienen bei Audio Media Verlag, 14.05.2018
ISBN 9783956393723
Genre: Romane

Rezension:

Ich habe die beiden ersten, witzigen, Indienreisen, die voller toller Eindrücke steckten wirklich mehr als genossen und deshalb habe ich mich sehr auf den dritten Teil und ganz besondere das Wiedersehen mit Yogi gefreut.


Zack und schon ist man wie bei Pleiten, Pech und Pannen vor Ort in Indien und darf Gast auf Yogis Hochzeit sein. Nachdem dort nach Sturz vom Pferd und Ohrfeigen alles ein gutes Ende hat, darf man noch ein paar Tage Flitterwochen machen, die eine oder andere Sehenswürdigkeit streifen, Taj Mahal und seine Entstehungsgeschichte stehen dabei u.s. auf dem Programm. Und dann? Tja dann geht es mit den arbeitslosen, deprimierten Göran recht allein wieder zurück nach Schweden, wo er sich weiter in Selbstmitleid vergräbt und nach seiner Liebe lechzt, bei der er es ebenfalls vergeigt hat. Welch ein Glück, dass Yogi sich auf einer Reise nach Schweden um den Markt für seine indischen Textilien zu sondieren, sich zu einer Stippvisite bei seinem Freund entscheidet. Überraschung ist gelungen und auch wenn Yogi Göran nicht zum Chefverkäufer für seine Schals, Saris und Co machen kann, verleben die beiden in der Villa seiner Mutter und dessen Lebensgefährten als Gärtnerersatz inmitten von Apfelbäumen einen geselligen Sommer. Besuch nicht nur von Görans Familie ist inbegriffen und auch die Suche nach dem Sinn im Leben oder das Mittsommerfest, das natürlich auch mitgenommen werden muss.

 

Der Erzählstil des Autors ist zu großen Teilen wie gewohnt locker, leicht und ich konnte viel schmunzeln, was mir auch dieses Mal wieder gut gefallen hat. Gekonnte Wortspiele fehlen nicht und auch so manch amüsante Szene macht das Hören durchaus zum Vergnügen. Wirklich gelebt hat meine Begeisterung für die Serie aber durch die originellen Charaktere und die tollen Indienbeschreibungen. Klar man ist dieses Mal auch zu zwei Stippvisiten in Indien, trifft auf Hochzeiten auch auf Yogis Mutter Mrs. Takur, die ich mit ihrer Widerborstigkeit so klasse finde und auch Yogis, jetzt Ehefrau Lakshmi, die nicht nur ihm, sondern auch mir ans Herz gewachsen ist. Der Hauptteil der Handlung spielt jedoch in Schweden und auch wenn Yogi mit seiner Art trumpfen, das eine oder andere indisch-ähnliche Essen einführen kann und alle mit seiner einnehmenden Art umgarnt, hat mir hier der Zauber Indiens schon ein wenig gefehlt. Probleme mit rechten Denkern, misslaunigen Schweden, im Tausch dagegen, war nicht so unbedingt das, was ich mir von der Fortsetzung erhofft habe, auch wenn es natürlich auch im Land des Knäckebrots einige Fettnäpfchen und Pleiten gibt, die für Lacher sorgen, wie sich beim Tulpen klauen vom völlig Falschen beobachten lassen oder beim Wellensurfen übel auf dem Grund landen.


Am meisten habe ich mich ja aber über ein Wiedersehen mit meinem ganz klaren Favorit Yogendra Singh Takur, oder kurz auch Yogi, gefreut und das habe ich bekommen. Genau wie immer drückt er sich auf amüsante Art und Weise gekünstelt aus, reiht Superlative aneinander, lässt stets Höflichkeit walten und plappert munter vor sich hin. Seine Lebensfreude und sein Optimismus, denn es gibt für jedes Problem auch eine Lösung, steckt beim Hören so richtig an. Für Göran hat Yogi der Himmel geschickt, denn gerade wieder einmal an einem äußerst tiefen Punkt im Leben angekommen, sorgt der Freund für Durchblick und hilft ihm wieder auf die Beine, klar das freue ich mich auch für ihn. Bleibt zu hoffen, dass die Tendenz positiv bleibt und es das nächste Mal wieder nach Indien geht, wenn es jetzt in Schweden wieder läuft. Hoffentlich sind bis dahin auch noch nicht alle Gewitter am Horizont verzogen, die sich über Amma und ihrer frischgebackenen Schwiegertochter, im Hintergrund zusammengebraut haben, da wäre ich doch zu gerne auch live mit dabei gewesen.  


Christian Baumann hat mich bei den ersten beiden Lesungen schon bestens unterhalten und ich habe ihm auch dieses Mal wieder super gerne gelauscht. Er hat nicht nur für Yogi die perfekte Stimme und den passenden Slang parat, sondern auch für alle anderen Darsteller. Er gibt ihnen Profil, schafft es die Pointen der geschickt herauszuarbeiten und macht das Hören deshalb zum Vergnügen.


 Alles in allem hat mir zwar Indien gefehlt und meine Begeisterung ist nicht ganz so groß wie bei den ersten beiden Folgen, aber ein Wiedersehen mit Yogi macht es trotzdem zu einem amüsanten Vergnügen, sodass ich als Fan gerade noch fünf Sterne vertreten kann.


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Die letzte Terroristin

André Georgi
Flexibler Einband: 361 Seiten
Erschienen bei Suhrkamp, 13.08.2018
ISBN 9783518467800
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

„Sieben Jahre V-Mann und jetzt – endlich – kann er liefern, was Kawert will: Die RAF plant ein Attentat.“, das ist die Eintrittskarte für ein neues Leben. Doch weder der V-Mann Gereon wird  weiterleben dürfen, noch der Anschlag wird verhindert werden können. „Noch nie in seinem Leben – noch nie - hat Kawert sich so sehr wie ein Versager gefühlt wie heute.“, sein umstrittenes V-Mann Projekt konnte wieder keinen Erfolg vorweisen, wieder einmal knapp daneben, wieder waren die Terroristen schneller. Wird es dem BKA-Mann Andreas Kawert wenigstens gelingen, das angeblich nächste geplante Attentat auf Treuhandchef Hans-Georg Dahlmann zu verhindern?


Der Autor spielt mit unterschiedlichen Handlungssträngen, die sich zunehmend rasanter abwechseln und der Geschichte unheimlich viel Fahrt verleihen. Man begleitet zum einen Kawert, den BKA- Mann, und erfährt somit von deren Wissensstand und ihren Bemühungen und Maßnahmen in der Bekämpfung der RAF. Ebenso lernt man nach und nach den Treuhandchef Dahlmann, seine neue Assistentin  Sandra Wellmann und deren Funktion bei der Überführung der Staatsbetriebe der untergegangenen DDR in die Privatwirtschaft kennen. Zudem bekommt man auch die Perspektive der RAF Attentäter geboten, die ihrem Opfern stets auf der Spur sind.


„In dem Moment spielen sie Baader, Ensslin, Meinhof. Statt in einem Porsche aber sitzen sie im Ford eines Studienrats.“ Den historischen Hintergrund für diesen Thriller liefert die dritte Generation der RAF. „In der Wohnung hängt noch der Geruch von einer Zigarette wie eine Signatur, ein Spott, fast wie der Fingerabdruck auf der Rückseite einer Toilette.“ Gelungen eingefangen ist deren Vorgehen, man bekommt Einblicke in Ausbildung, Arbeitsweise, Charaktere und deren Familienleben. Auch die Rolle der Stasi wird nicht ausgespart. Verwoben wird dies mit der Arbeit der Treuhand, der überforderten Behörde, die nur stichprobenartig überprüfen kann, ob Betriebe unter der Hand verramscht werden. Auch hier erhält man, ebenso wie von der Arbeit des BKA bei der Terrorabwehr, eine gute Vorstellung, die sich stark an der Realität orientiert, was mir sehr gut gefallen hat.


„Es gibt Töchter, neben denen die Mütter ihrer Identität verlieren, so wie es Schwestern gibt, deren Existenz die eigene zerstören kann.“ Wirklich großartig empfand ich, wie der Autor auch auf die Familien der Betroffenen eingeht. Emotional hat er mich so richtig ans Buch gezurrt. Ich habe schockiert gelesen, wie kalt eine Mutter ihr Kind für die RAF in den Schatten stellen kann, wie die ganze Familie leidet, ein Sohn, der die Frage, warum hat Mama das getan, nicht beantwortet bekommt, eine Schwester, die für die Taten, die sie nicht begangen hat, ebenso mit verantwortlich gemacht und geächtet wird, wie die Mutter, die sich ihr Leben lang nicht von den Selbstvorwürfen befreien kann. Auch die Opfersicht ist gelungen und bewegend gezeichnet, so werden wohl am allerwenigsten kleine Kinder das Trauma wieder los, wenn neben ihnen Papa oder Opa ermordet wird.

 

Der Schreibstil des Autors hat mich von Anfang an gepackt. Pointiert, rasant, viele Perspektivwechsel und Dialoge machen diesen Thriller zum richtigen Pageturner. Richtig gut haben mir auch die bildreichen Beschreibungen gefallen, ich hatte das Gefühl live mit dabei zu sein, habe gebibbert und gefiebert. Grandios empfand ich auch die besonderen, teils auch scharfen Vergleiche der Art „Der Weg vom Schneckensalat zur Bestechlichkeitsklage war kürzer als der Weg, den eine Gabel mit Trüffelhäppchen zum Mund brauchte.“, „…kann diesen sabbernden Tonfall, in dem immer ein Bäuerchen aus Saumagen, Selbstzufriedenheit und beleidigter Anklage mitschwingt nicht leiden.“, oder „Miserabel blondiert, ein flotter Dreier zwischen Orange, Goudagelb und – an den Haarwurzeln – resolut sich meldendem Rotbraun.“.

 

Authentisch, individuell und mit Tiefe ist meiner Meinung nach auch die Figurenzeichnung gelungen. Kawert, mit einem super Gespür, hat er sicher den Rückhalt seines Chefs verdient. Er war mir von Anfang an äußerst sympathisch und ich habe ihn bei seinen zehrenden Ermittlungen super gerne begleitet. Meinen Hut ziehe ich vor Jacobi, Kawerts Chef im BKA, der trotz Kritik und Druck von oben immer hinter ihm steht, notfalls auch wenn es ihm selbst an den Kragen geht. „Aber ich führe mein Amt nicht so, dass ich meinen eigenen Kopf rette, indem ich meine Generäle an die Wand stellen lasse.“, was man ja eher selten findet. Treuhandchef Dahlmann, bekommt wie fast alle Mitspieler hier eine persönliche Note, was ihn mir sympathisch gemacht hat. Sandra Wellmann ist ein super Beispiel dafür, was geschieht, wenn ein Puppenspieler einem das Hirn aushebelt und tanzen lässt. Sie weiß gar nicht wofür sie kämpft, funktioniert nur noch. Ihre Entwicklung habe ich ebenso schockiert, wie gebannt verfolgt. Aber auch alle anderen Mitspieler sind großartig dargestellt, bei Sandras Sohn Markus angefangen, der mir mit am meisten leid getan hat, über Bettina Polheim, die knallharte RAF Terroristin, die sich scheinbar immer im Griff hat, bis hin zu Julia Dahlheim, die sich wohl gründlich in ihrer Studienfreundin getäuscht hat.


Alles in allem war das mein erster Thriller aus der Feder des Autors, wird aber definitiv nicht mein letzter bleiben, denn mit diesem Pageturner hat sich André Gerorgi auf die Liste meiner Lieblingsautoren katapultiert. Begeisterte fünf Sterne.


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10 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 8 Rezensionen

Die Spur der Stachelbeeren

Ulrike Ladnar
Flexibler Einband: 304 Seiten
Erschienen bei Nikros Verlag, 31.07.2018
ISBN 9783943688085
Genre: Historische Romane

Rezension:

„Die Spur der Stachelbeeren“ führt ins Ludwigsburg kurz vor Ende des Ersten Weltkriegs. Die junge Lynn arbeitet dort in einem Lazarett, und kümmert sich als Mutterersatz um die Familie. Ihr älterer Bruder musste an die Front, der jüngere würde gerne, was Lynn bisher geschickt zu vermeiden wusste. Als ein Jugendfreund auf Heimaturlaub auftaucht, und er gemeinsam mit Lynn eine Nacht verbringt, ändert sich auf einen Schlag alles. Lynn, überall beliebt verschwindet für einige Zeit und kehrt wie ausgetauscht zurück. Was ist geschehen, sie schweigt sich aus. Was steckt dahinter, wer hat die junge Frau gebrochen?

 

Die Autorin spielt mit unheimlich viel Handlungssträngen, von denen mir die allermeisten wirklich gut gefallen haben. Durch unterschiedliche Schriftarten und auch durch Überschriften ist nach einiger Eingewöhnung auch recht schnell klar, in welchem man sich im Moment befindet. Nicht ganz so meines waren z.B. Gedichtzitate und die philosophischen Gedanken darum herum, mein Highlight hingegen waren die die englischen Kochrezepte, mit denen die schwäbische Haushälterin mich zuerst zum Grübeln und dann sehr zum Schmunzeln gebracht hat. Aber auch Briefe, Tagebucheinträge und Zeitungsartikel, empfand ich als gelungene Abwechslung. Ein komplexer Roman, zum Abschalten sicher nichts.

 

Ulrike Ladnar kann schreiben, vermag sich gewählt ausdrücken und kann so formulieren, um den Leser einzufangen. Der Sprachstil liest sich trotz dem eher anspruchsvollen Niveau angenehm leicht. Von Anfang an habe ich verschiedene Abschnitte regelrecht begeistert verschlungen, konnte auch die eine oder andere Vermutung anstellen, was den auf dem Klappentext angedeuteten Kriminalfall betrifft, der etwas langsam in die Gänge kommt. Allerdings habe ich stellenweise auch Längen empfunden und so ganz und gar konnte ich mich mit dem Gesamt der Geschichte erst nach und nach anfreunden. Dazu waren es mir zu Beginn zu viele lose Enden und auch die eine oder andere Entwicklung, die so aus dem Nichts auftaucht, bzw. solche, die ich mir nicht erklären konnte, was meine Begeisterung etwas ausgebremst hat. Gelungen sind hingegen wieder die zahlreichen treffenden Vergleiche, wie „Wir bewegten uns wie Puppen mit einer Schraube im Rücken, an der irgendein unsichtbarer Puppenspieler drehte“ oder die beiläufigen Kommentare wie „Glücklicherweise fragten  manche Heimkehrer nicht so genau nach dem Geburtsdatum der Kinder, die in ihren Familien zu Welt gekommen sind.“, die die Zeit so im Detail abbilden. Sehr gut hat mir zudem die feine Prise Humor, mit dem die Autorin ihre Geschichte würzt, gefallen und letztendlich habe ich doch gebannt gelesen. 

 

Grandios ist die Figurenzeichnung im Roman. Hauptfigur ist zweifelsohne Lynn und ich ziehe meinen Hut vor ihr, wie sie stets ihre eigenen Befindlichkeiten, der Familie wegen zurück stellt. Sie hat nicht nur nach dem Tod ihrer Mutter ihr eigenes Leben aufgegeben, um ihrem Bruder Peter Mutterersatz zu sein, sondern auch später kann sie die Gefahr um die Familie gekonnt zum Schweigen bringen. Richtig lieb gewonnen habe ich während der Geschichte auch Babette die Oberschwester, mit der Lynn im Lazarett arbeitet. Auch sie hat aufopferungsvoll ihre Eltern gepflegt, ist dann ziemlich alleine auf der Welt und findet durch Lynn Familienanschluss, der sie aufblühen lässt. Nicht nur wie bei ihr und Peterle, Lynns jüngerem Bruder, der anfangs voller Kriegsbegeisterung ist, kann man bei sehr vielen Mitspielern richtiggehende Entwicklungen erkennen, die interessant und spannend zu verfolgen sind. Alle Darsteller sind authentisch, gelungen gezeichnet und nicht selten hat mich ein Schicksal ganz besonders bewegt, wie z.B. das der Wirtin vom Fuchshof, die ohne ihren Mann alle Arbeit alleine weiter stemmt und dann in meinen Augen unschuldig im Gefängnis landet. Ganz besonders amüsiert habe ich mich über die schwäbische Haushaltshilfe Bertha, die mit ihren Kommentaren und ihren Bemühungen, z.B. Gefängniswärter mit Kuchen bestechen wollen, oft zum Lachen und Schmunzeln gebracht hat.

 

Äußerst gelungen hat die Autorin auch das Leben der Zeit eingefangen. Die Rolle der Frauen, die ihren Mann alleine stehen und, jahrelang bevormundet, plötzlich alles alleine entscheiden müssen, ist an vielen Beispielen eindrücklich geschildert. Ebenso das Los der Soldaten, durch die Arbeit im Lazarett, den Erzählungen der Verwundeten, die belauscht werden, bekommt man einen schockierenden Einblick in die Belastungen durch den Fronteinsatz und zwar nicht nur in schwere körperliche Verletzungen, sondern auch in die gebrochenen Seelen. Absoluter Gehorsam, Kriegsbegeisterung, aber auch Leiden unter dem Krieg und Hoffnung auf Frieden ist gelungen abgebildet, ebenso wie die Entbehrungen der Zeit. „…behängt wie a Pfingschtochse“ auch Ludwigsburg als Handlungsort ist nicht nur durch Dialektpassagen stets präsent.  

 

Alles in allem reicht es bei mir wegen des für mich eher holperigen Beginns nicht ganz für fünf Sterne, aber eine Empfehlung kann ich auf jeden Fall für die Spur der Stachelbeeren aussprechen.

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15 Bibliotheken, 3 Leser, 0 Gruppen, 9 Rezensionen

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Die Charité: Hoffung und Schicksal

Ulrike Schweikert
herunterladbare Audio-Datei
Erschienen bei Audiobuch Verlag OHG, 13.07.2018
ISBN B07FKMFS2T
Genre: Sonstiges

Rezension:

Bis zum Jahr 1831 hat die Cholera die Stadt verschont, doch erliegt nicht der junge Mann, der auf seinem Spreekahn unterwegs war, genau unter den typischen Symptomen seinen starken Schmerzen? Für Hebamme Martha und auch für Professor Dieffenbach ist schnell klar, die Epidemie hat nun auch Berlin erreicht. Während der wissbegierige, engagierte und talentierte Arzt nun auch auf diesem Gebiet schnellstens forschen muss um helfen zu können, kümmert sich Martha aufopferungsvoll um kranke Menschen in der Stadt, Schwangere und, nachdem ihr brutaler Mann sie verlassen hat, auch alleine um ihren Sohn August. Als ihr eine Frau in den Händen stirbt, gibt sie ihre Arbeit als Hebamme auf und landet ebenfalls wie Elisabeth, die schon immer Menschen helfen wollte, am liebsten ja sogar Medizin studiert hätte, wenn das für Frauen möglich gewesen wäre, an der Charité. Martha hilft im Totenhaus, Elisabeth als Wärterin in den verschiedenen Abteilungen. Alle sind durch ein magisches Band auch mit Gräfin Ludovica verbunden, die unter ihrem Ehegatten, einem Hypochonder in Hochperfektion, leidet und die Arbeit an der Charité finanziell fördert.


Als Hörer darf man sich einige Jahre nach Berlin begeben und verbringt dort viel Zeit in der Charité. Man wird Zeuge wie eine Choleraepidemie in den armen Teilen Berlins um sich greift, darf mit jungen Assistenzärzten und Professoren bei Operationen mit dabei sein, und erfährt so vom medizinischen Wissen, den Behandlungsmethoden und den Zuständen im berühmtesten Krankenhaus Deutschlands in dieser Zeit. Man bekommt zudem auf berührende Art und Weise viele bewegende Krankenschicksale erzählt, bei denen es nicht nur darum geht, über die Behandlungen und das Können der Zeit zu berichten, sondern die einen emotional auch völlig gefangen nehmen. Die Geschichte wird in mehreren Handlungssträngen erzählt, man begleitet die verschiedenen Protagonisten und so bekommt man neben den medizinischen Dingen auch noch die eine oder andere zarte, niemals aber kitschige, Liebesgeschichte geboten.


Die Autorin hat ein realistisches, authentisches Bild der Zeit geschaffen. Sie klärt nicht nur ohne Unschönes, wie Eiter, Wundbrand, Abtritteimer, Frauen von der Straße oder Leid und Tod zu verschweigen, über die medizinischen Tatsachen auf, sondern sie stellt auch die Lebensbedingungen der Menschen super dar. Frauen, die unter ihren Ehemännern zu leiden und keinerlei Rechte haben, die Arbeit der Hebammen, die Sorgen der einfachen Leute und auch die Privilegien der reichen, werden hier gekonnt zum Ausdruck gebracht. Ein historischer Ausflug der Extraklasse.


Ulrike Schweigert hat ihre Geschichte so gestrickt, dass der Leser von Beginn an gefesselt ist. Bewegende Schicksale haben mich gebannt hören lassen und insgesamt ist der ganze Roman eine wahre Achterbahnfahrt der Gefühle. Zunehmend habe ich mich auch so richtig in die Liebesgeschichten einlullen lassen, positiv gemeint, denn ich bin eigentlich kein typischer Leser solcher. Aber diese zarten Bande, die so vieler schwerer Entscheidungen bedürfen, haben mich gefesselt, und mit einem steten Hoffen, dass es so enden wird, wie ich es mir wünsche, hören lassen. Stellenweise habe ich mich aber auch richtig geekelt, bin sprachlos erstarrt, denn die Autorin versteht es mit ihren anschaulichen Beschreibungen Kopfkino entstehen zu lassen ,nicht nur bei den tollen Momenten, sondern auch bei den schockierenden. Aber genau so soll es sein, denn authentisch ist für mich bei historischen Romanen oberste Prämisse.


Die Charaktere sind allesamt liebevoll, individuell und mit viel Tiefe zu einem perfekten Gesamt zusammengestellt. So gut wie aus jeder Bevölkerungsschicht ist ein Vertreter anwesend und so entsteht ein realistisches Bild vom Leben. Helferin Elisabeth, mit ihrer uneigennützigen, hilfsbereiten Art, die sich nichts mehr als Selbstverwirklichung wünscht, habe ich von Anfang an in mein Herz geschlossen, ebenfalls wie Martha, die einfühlsame Frau mit der ich so richtig gefühlt habe. Auch die Gräfin konnte ich jederzeit verstehen, während ihr Gatte mich insbesondere anfangs oft zum Schmunzeln gebracht, und schließlich auch zutiefst schockiert hat. Professor Dieffenbach verzaubert nicht nur die komplette Damenwelt, einschließlich der Gräfin, sondern hat mich ebenfalls für sich gewinnen können. Auch Assistenzarzt Alexander Heidegger hat mehr als nur Sympathie verdient mit seiner aufrichtigen Art. Aber auch alle anderen Nebendarsteller sind toll gezeichnet, bei Professor Rust, der kaum mehr sieht, die Leitung der Chirurgie aber nicht abgeben mag, angefangen über Magdalena Gruber, die unter Kindbettdepressionen leidet und in der Drehschleuder von ihrem Leiden befreit werden soll, bis hin zur wohlhabenden Elvira, die das beste Beispiel dafür ist, dass Geld und Vermögen alleine längst nicht glücklich machen.


Für mich hängt der Hörgenuss immer von der Stimme des Sprechers ab und ich habe Beate Rysopps angenehmem, warmem Tonfall unheimlich gerne zugehört, hätte nach gut vierzehneinhalb Stunden sogar noch mit Freude weiter gelauscht. Sie versteht es ganz hervorragend den Hörer mit auf die Reise zu nehmen, reißt einen regelrecht mit. Sie betont an den genau richtigen Stellen, legt unheimlich viel Gefühl in ihren Vortrag und haucht jedem Protagonisten ganz individuell Leben samt allen Emotionen ein. Da hat der Verlag wirklich ein äußerst glückliches Händchen bei der Auswahl der Sprecherin bewiesen.


Alles in allem völlige Begeisterung für dieses Hör-Highlight, absolute Empfehlung mit fünf Sternen plus.


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51 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 41 Rezensionen

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Das Jahr, in dem Dad ein Steak bügelte

Rachel Khong , Tobias Schnettler
Fester Einband: 256 Seiten
Erschienen bei Kiepenheuer & Witsch, 07.09.2018
ISBN 9783462049725
Genre: Romane

Rezension:

Schon lange hat Ruth ihre Eltern nicht mehr besucht, auch die letzten Weihnachten lieber bei der Familie ihres Verlobten Joel verbracht. Nachdem der aber beschlossen hat, dass sie zwar beide packen, aber in getrennte Wohnungen ziehen, da sein Herz anderweitig vergeben ist, setzt sich Ruth ins Auto und fährt die sechs Stunden von San Francisco nach Charleston, ihre Heimatstadt. Dort muss sie erkennen, dass ihr Vater längst nicht mehr so fit ist, wie gedacht, dass er sogar von der Universität beurlaubt wurde, weil er seine Vorlesungen und Seminare nicht mehr auf die Reihe bekommt, und ihre Mutter am Ende ihrer Kräfte ist. Als diese sie bittet sie ein Jahr lang zu unterstützen, sich um ihren Vater zu kümmern, sagt Ruth spontan zu. In San Francisco hält sie nach der Trennung von Linus sowieso nicht mehr viel.

 

 

Als Leser begleitet man Ruth und ihre Gedanken von einem Weihnachten bis zum nächsten. Der Roman ist wie eine Art Tagebuch aufgebaut, an Datumsangaben kann man daher dem Jahresverlauf folgen.


„Hier sitze ich, an deiner Stelle, und sammle die Augenblicke.“, und um genau das handelt es sich hier auch, die Autorin sammelt Augenblicke, die so ohne Übergänge, ohne Zusammenhänge aneinanderreiht. Abwechselnd erfährt man in Fragmenten von ihren vergangenen Beziehungen, insbesondere der zu ihrem Ex-Verlobten, von den Eheproblemen ihrer Eltern und vom geistigen Zustand des Vaters, der in diesem Jahr weiter abbaut. Zudem gibt es auch eine Unzahl an sonstigen Beobachtungen, die Ruth macht, die ich nicht einordnen kann und die nicht so meines waren. Ganz gut haben mir hingegen wieder die Bemühungen für die inszenierte Vorlesung, die die Studenten des Vaters auf die Beine stellen, weil sie ihn so vermissen, und auch die Tagebuchaufzeichnungen ihres Vaters, der ebenfalls Augenblicke ihrer Kindheit eingefangen hat, gefallen. „Heute brachst du in Tränen aus, als ich deinen Bruder beim Wickeln einpuderte, und flehtest mich an, nicht zu viel Salz auf ihn zu streuen.“ Hier konnte ich oft schmunzeln, meinte auch seine Liebe zu ihr spüren zu können.


„In dieser Woche hing in unserer Straße plötzlich ein Poster, auf dem eine entlaufende Katze als >muskulös< beschrieben wurde. Am Fahrradständer vor der Post war ein Fahrrad mit Handschellen festgemacht. Wir sahen einem Mann dabei zu, wie er einen Ball für seinen Hund warf, der ihn gehorsam apportierte.“, solche Äußerungen, die mit der Geschichte in meinen Augen so gar nichts zu tun haben, gibt es zuhauf, und mir war nicht klar, wozu diese gut sind. Möglicherweise will die Autorin zeigen, wie sich Ruth emotional distanziert, einfach etwas anderes denkt. Ich weiß es nicht, mir war es auf jeden Fall zu viel unnötiges Füllmaterial, was mir nur dann gut gefallen hat, wenn ich dabei interessante Dinge erfahren habe, wie z.B. dass bei einer Nierentansplantation die dritte Niere in die Beckengegend kommt, oder einiges aus der Tierwelt, dass ihr jemand erzählt, oder das sie im Moment im Fernsehen sieht.


„Du sagtest, du wolltest nicht, dass ich sehe, wie du dich Palim-Palim verhältst.“, auch wenn gelegentlich ernste Momente, die zu bewegen vermögen, mit dabei sind, auch Verhaltensweisen geschildert werden, die bei der Erkrankung authentisch sind und das Ganze auch nicht ins Lächerliche gezogen wird, wird die Krankheit Alzheimer eher auf eine für den Leser amüsante Art und Weise dargestellt. Da landen schon mal die Klamotten auf den Bäumen der Straße, weil ihm nicht passt, das Ruth sie beschriftet hat, oder er verschanzt sich in seinem Arbeitszimmer, sie wartet vor der Tür und nach Stunden schiebt er einen Zettel mit den Worten „PINKLE GLEICH INS GLAS, BITTE GEHT WEG“ unter der Tür hindurch. Hier konnte ich durchaus immer wieder auch einmal schmunzeln, richtig bewegt hat es mich aber eher nicht, obwohl ich selbst in meiner Familie bereits schmerzhafte Erfahrungen mit der Krankheit gemacht habe. Zudem erhält man Informationen über die Krankheit, wie z.B. Nahrungsempfehlungen.


„Du sagtest, dass du ein paar Sachen im Kopf hast, aber dass du in letzter Zeit Schwierigkeiten hast, an sie heranzukommen – auf sie zuzugreifen. Du hattest das Gefühl, dass all diese Gedanken in einer Kiste steckten, die mit Klebeband zugeklebt sei, und das Schwierige sei, dass du nicht das richtige Werkzeug hast, um heranzukommen – keine Schere und kein Messer. Und es sei sehr schwierig – jeden Tag aufs Neue schwierig – zu versuchen, den Anfang des Klebebands zu finden.“ Die Autorin kann sich durchaus ausdrücken, kann formulieren, das zeigt schon dieses eine Bild meiner Meinung nach ganz deutlich. Jedoch ist es ihr nicht gelungen mich mit ihrem Roman einzufangen. Dazu war mir der Schreibstil viel zu sachlich, nüchtern und distanziert. Gefühle habe ich in diesem Roman so gut wie gar nicht gefunden, zumindest nicht Schwarz auf Weiß. Gelegentlich kann man zwischen den Zeilen zwar durchaus selbst interpretieren, merkt so z.B. wie sehr sie ihren Verlobten vermisst, wie sehr sie sich wünscht, dass ihre Eltern wieder glücklich sind, dass ihrer Mutter ihrem Vater die Fehltritte vergibt, und ähnliches. Eine Ausnahme bildet sicherlich der Satz „Der Grund, warum ist so selten zu Besuch gekommen bin, ist: Ich wollte Linus` Behauptung nicht bestätigt sehen. Ich wollte mir die Erinnerung an meinen perfekten Vater bewahren.“.


Normalerweise äußere ich mich auch immer ausführlich zu den Darstellern, hier kann ich kaum etwas sagen, weil mir alle sehr fremd geblieben sind, eine Ausnahme macht vielleicht Theo der studentische Helfer ihres Vaters, der sich sehr engagiert.


Alles in allem habe ich zwar mehr oder weniger gebannt gelesen, weil ich dachte, es muss noch etwas anderes kommen, es muss noch tiefer gehen, auch wenn meine Erwartungen nicht wie erhofft erfüllt wurden. Der Sprachstil liest sich zudem locker, leicht und die großzügige Schrift hat ihr Übriges dazu beigetragen, dass die Seiten geflogen sind und ich mich nicht durchs Buch quälen musste, Begeisterung geht aber anders

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Hildegard von Bingen

Maria Regina Kaiser
Fester Einband: 256 Seiten
Erschienen bei Verlag Herder, 16.07.2018
ISBN 9783451382390
Genre: Sonstiges

Rezension:

„Diese Dinge aber sehe ich weder mit den äußeren Augen, noch höre ich sie mit den äußeren Ohren, noch entnehme ich sie den Gedanken meines Herzens oder mit irgendeinem Beitrag meiner fünf Sinne, sondern ich sehe sie nur in meiner Seele.“

 

Schon nach einem Prolog aus dem Jahre 1178, in dem erwähnt wird, dass Äbtissin Hildegard und ihrem Kloster ein Interdikt droht, weil sie entgegen der Regeln einen exkommunizierten Ritter auf geweihten Boden begraben hat, ist klar, dass es hier um eine Frau mit einem festen Willen und festen Grundsätzen geht. Hildegard von Bingen, eine der herausragendsten Persönlichkeiten des Mittelalters

 

Die Romanbiografie ist in drei Teile gegliedert. Der erste Teil „Die Jahre mit Jutta“, widmet sich den ersten knapp vierzig Lebensjahren. Als „Zehnt deiner Eltern an Gott“, bereits bei ihrer Geburt dem Kloster versprochen, darf man als Leser die kleine Hildegard ab ihrem vierten Lebensjahr begleiten, erfährt von ihrer Cousine Jutta und zieht dann unter dieser als Magistrata gemeinsam mit Hildegard in die Klause, die in Verbindung zum Benediktinerkloster Disibodenberg steht. Der zweite Teil, „Magistrata auf Disibodenberg“ erzählt dann von den  ersten Jahren nach Juttas Tod und davon, was sich änderte, als Hildegard das Amt der Magistrata dort innehat. Auch von der Anerkennung ihrer Schauungen auf höchster Ebene sowie von ihrem Kampf um die Erlaubnis, ein eigenes Kloster gründen zu dürfen, ist hier die Rede. Der letzte Abschnitt „Auf diesen Felsen“ befasst sich schließlich noch mit den Hürden bei der Klostergründung nahe Bingen, von zahlreichen Schriftwechseln mit bedeutenden Persönlichkeiten ihrer Zeit, von ihrer Verehrung als Heilerin und Seherin und endet dann mit ihrer Erwartung auf den nahenden Tod.

 

Ein Erzähler nimmt einen mit auf die Reise. Man ist mit Hildegard kränklich, muss sich mit ihr wegen ihrer Visionen lange Zeit grämen, viel weinen, erfährt allerorten Ablehnung und zieht mit ihr ins Kloster, lebt dort unter strengen Regeln, lernt mit ihr Latein und Schreiben und lernt sie so und ihre Lebensumstände immer besser kennen. Ebenso wird man Zeuge vieler ihrer Visionen. Man darf mit ihr grübeln, in Mönch Volmar einen Verbündeten finden und dann endlich ohne Scham öffentlich auch von ihren Schauungen berichten. Schließlich darf man auch noch mit ihr darum fiebern, dass ihr die Mammutaufgabe der Klostergründung gelingen wird und lernt sie als Intellektuelle kennen.

 

Der flüssige Sprachstil der Autorin liest sich locker, leicht, man merkt hier gar nicht, dass man dabei lernt. Es ist ihr ganz hervorragend gelungen mich mit auf eine Zeitreise zu nehmen. Authentisch, anschaulich beschrieben hatte ich stets ein ganz genaues Bild der Umgebung und der Verhältnisse vor Augen. Zudem hat sie mich auch emotional so richtig geködert und ich habe bei Ungerechtigkeiten gelitten, habe mich über Erfolge gefreut und so manches Mal ist es mir auch ein Schauder über den Rücken gegangen, weil ein Funke Magie übergesprungen ist, obwohl ich eigentlich sonst ein sehr rationaler Mensch bin, Wunderheilung, nicht naturwissenschaftlich beweisbare Thesen, lassen mich stets äußerst skeptisch sein.


Hildegard ist eine wirklich beeindruckende Frau. Gerade in ihrer Zeit, in der Frauen ja keinerlei Rechte hatten, konnte sie ihre Visionen auf Pergament festhalten, schon allein diese Leistung erfordert jeglichen Respekt ein. Die Nonne, die sich lange Zeit für ihre Visionen geschämt hat, ist mir beim Lesen auch so richtig sympathisch geworden, wenn man das bei einer Geschichtsgröße so sagen kann. „Was der fürsorgliche Vater Benedikt nicht wörtlich verbietet, darüber dürfen die Klosteroberen entscheiden.“ Sie zeigt viele menschliche Züge, legt die Benediktinerregeln zum Vorteil für die Nonnen aus, auch wenn sie mit ihren Gedanken schon auch in ihrer Zeit gefangen war. Sie ist authentisch und gelungen gezeichnet, ebenso wie alle anderen Darsteller. Beeindruckt, ja schon schockiert, hat mich so z.B. auch ihre Cousine Jutta, die ihre Askese bis zur Selbstzerstörung treibt.


Positiv erwähnen möchte ich auch unbedingt den umfangreichen Anhang. Zahlreiche Quellenangaben machen noch einmal deutlich, wie intensiv und gründlich sich die Autorin mit dem Thema beschäftigt hat. Es handelt sich um eine Romanbiografie, was belegt und was der Phantasie der Autorin entsprungen ist, wird hier erläutert und auch darüber hinausreichende Informationen zu Hildegard von Bingen, machen diesen Roman so zu einer Art Fachbuch. Interessierte finden zudem eine Zeittafel, ein Personen- und Ortsverzeichnis, weiterführende Literatur sowie ein Glossar.


„Die Grünkraft war Gott und sie war überall gegenwärtig.“ Gut gefällt mir die Bezeichnung Grünkraft und ich denke genau dieses Grün wird hier auch zur Illustration verwendet, was ich sehr gelungen finde. Grüne Doppelseiten, die die verschiedenen Kapitel, in die man ihr Leben einteilen kann, abtrennen, helfen, diese auch auf den ersten Blick zu finden. Große grüne Initiale, zahlreiche Schwarzweiß- und etliche Kräuterabbildungen, darüber hinaus das Hardcover mit einer Buchbinde, machen das Buch zu einem richtigen Schatz. Sicher auch eine tolle Geschenkidee


Alles in allem habe ich mir zwar etwas mehr Kräuterkunde erwartet, weil ich bisher einfach auch nicht mehr wusste, bin aber jetzt so richtig froh, dass mich Maria Regina Kaiser so gelungen in die dunkle Zeit des Mittelalters entführt hat und ich Hildegard von Bingen, diese kluge, beeindruckende und mächtige Frau kennenlernen durfte. Fünf Sterne sind hier redlich verdient.


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Leninplatz

Mark Scheppert
Flexibler Einband: 148 Seiten
Erschienen bei Books on Demand, 03.07.2018
ISBN 9783752804799
Genre: Biografien

Rezension:

Ich bin 1977 in Bayern geboren, habe den Mauerfall als fast Teenie nur im Fernsehen mitbekommen und weiß über das Leben in der ehemaligen DDR viel zu wenig. Mauerprozesse, Stasi Gefängnisse, Fluchtversuche, … darüber habe ich mich in letzter Zeit informiert und ich dachte, dazu passt dieses Buch ganz genau.


Wie lebte ein Teenie in Ostberlin so kurz vor dem Mauerfall, davon erzählt Mark Scheppert in seinem Buch „Leninplatz“.


„Meine Geschichten sollen nichts verniedlichen, verharmlosen oder gar überhöhen. Ich wünsche mir die DDR wahrlich nicht zurück oder traure ihr nach. Das Gerede von der guten, alten Zeit ist mit Sicherheit auf beiden Seiten der Mauer sentimentaler Blödsinn. …Allerdings weiß ich, mit dem Abstand von Jahrzehnten, dass ich eine sehr fröhliche Kindheit und Jugend verlebt habe, mit dem Glück, mit 18 Jahren die Wende und den Mauerfall miterlebt zu haben, sodass mit die hässlichen Dinge wie die Nationale Volksarmee, Marxismus-Leninismus Seminare, Stasi-Anwerbeversuche und andere unschöne Episoden erspart geblieben sind.“ Dass Mark eine fröhliche Kindheit und Schulzeit erlebt hat, mit allem was für „kuhle“ Jungs dazu gehört, auch wenn es klar einige Hürden und Knüppel zwischen den Beinen gab, wird hier ganz klar deutlich und so habe ich jetzt auch Einblick in eine andere Seite der DDR gewonnen, was mein Bild ein wenig runder macht.


Der Sprachstil des Autors liest sich locker, leicht, ist stellenweise so richtig „kuhl“, derbe Spitzen gehören hier dazu und die Geschichten ähneln einem Tagebucheintrag. Man darf immer wieder schmunzeln, Verständnisprobleme gibt es nicht und die kurzen Episoden eignen sich gut dazu, um das Buch auch zwischendurch kurz zur Hand nehmen, wenn man schnell bei einem Tässchen Kaffee ein paar Seiten lesen möchte.


Man bekommt als Leser auf knapp 145 Seiten dreißig Geschichten geboten, die bis auf wenige Ausnahmen von seiner Schulzeit berichten.


Welche Lehrer waren taff, wie hat der Unterricht ausgesehen, welche Fächer hatte er gern, welche Lehrerinnen hätte er am liebsten mit den Augen ausgezogen, wie konnte er sich durchmogeln und welchen Schulweg hat er eingeschlagen. Für mich war hier sehr interessant, dass ich Parallelen, wie gleiche Versuche, gestempelte Prüfungspapier oder auch eine Chorfreizeit, aber auch deutliche Unterschiede, wie z.B. wovon die Schullaufbahn abhing, welche Bücher gelesen und welche Fächer unterrichtet wurden, gefunden habe. Ich habe so einen tollen Einblick erhalten. Natürlich fehlen auch die Kumpels aus der Schule nicht, der Alkohol fließt bei den „kuhlen Jungs“ in Strömen, geklaut wird was nicht niet- und nagelfest ist und klar geht es auch um den ersten Kuss und den ersten Sex, Fußball fehlt nicht und somit ist das so ein richtiges Jungsbuch und sicher wird sich ein mancher hier wiederfinden. Sicher auch bei uns gab es Saufpartys, beim Schullandheimaufenthalt war das wichtigste, was macht das andere Geschlecht und auch der erste Sex fehlt in meinen Kindheitserinnerungen nicht. Allerdings gehen Diebestouren in meinen Augen gar nicht, mit Fußball habe ich es so gar nicht und Alkohol trinke ich kaum, deshalb hätten mir hier ein paar weniger Erinnerungen genügt. Toll fand ich aber wieder das Familienleben beschrieben. Ein Besuch im Zirkus, für den kleinen Bruder ein Highlight, für den Teenie öde, Urlaub u.a. in Ungarn, Zweiklassenbehandlung, aber der Hit, Weihnachten samt Christbaum, bei dem man Zweige einsetzen muss und Lametta bügeln, da kamen bei mir etliche Kindheitserinnerungen auf, auch wenn es auch hier klar Unterschiede gab. Nicht zu Kindheit und Schulzeit wie alle andern Geschichten lassen sich drei zuordnen, die mir als Ergänzung sehr gut gefallen haben. Einmal macht sich der Autor Gedanken darüber, wie sein Leben wohl ausgesehen hätte, wenn er als Mädl in Westberlin auf die Welt gekommen wäre, und liegt dabei wohl gar nicht so fern ab der Realität. Ein anderes mal kommt seine Mama zu Wort, die einen urteilsfreien Abriss gibt, dass ihr Plattenbau früher für sie Heimat war, wie er es auch jetzt noch ist und den berührenden Abschluss bildet eine Hommage an seinen Vater.


Alles in allem hat der Autor hier ein ganz persönliches Buch geschaffen, das sich mit einem flotten Sprachstil unterhaltsam liest. Informativ für alle, die auf der anderen Seite der Mauer aufgewachsen sind und sicher löst es auch bei allen Lesern, die zu einer ähnlichen Zeit aufgewachsen sind, etliche Erinnerungen aus. Eigene ganz persönliche Geschichten, die in einem zackigen Sprachstil beschrieben sind mit Sternen zu beurteilen fällt schwer. Da ich aber wohl als Mädl einfach für Fußball, Alkohol in Hülle und Fülle und auch mit Klauen so gar nichts am Hut habe und damit nicht mit allen Geschichten so glücklich war, genügt es bei mir ganz persönlich nicht für fünf Sterne.


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Das Verschwinden des Josef Mengele

Olivier Guez , Nicola Denis
Fester Einband: 224 Seiten
Erschienen bei Aufbau Verlag, 10.08.2018
ISBN 9783351037284
Genre: Romane

Rezension:

„Mengele ist der Fürst der europäischen Finsternis. Der stolze Arzt hat Kinder seziert, gefoltert und verbrannt. Der Sohn aus gutem Hause hat fröhlich pfeifend vierhunderttausend Menschen in die Gaskammer geschickt.“


Oliver Guez hat seinen fesselnden Tatsachenroman ist in zwei Teile gegliedert, „Der Pascha“ und „Die Ratte“. Schon alleine der Titel verrät, worum es in dem ersten Teil geht. Um nicht wegen Kriegsverbrechen angeklagt zu werden, flüchtet Josef Mengele unter falschen Namen über die sogenannte „Rattenlinie“ von Deutschland über Südtirol und Italien nach Südamerika. „Perón öffnet sein Land Abertausenden von Nazis, Faschisten und ..., die eingeladen sind, Argentinien mit Staudämmern, Raketen und Atomkraftwerken auszurüsten und in eine Supermacht zu verwandeln.“, so ist er dort vom Staatsoberhaupt beschützt erst einmal sicher. Nicht nur durch die finanzielle Unterstützung durch die Familie, die sich in Günzburg, meiner Nachbarstadt, mit Mengele Landmaschinen einen Namen gemacht und großen Erfolg hat, gilt für Josef Mengele in Argentinien schnell „Er hat sich das Ansehen seiner Kollegen erworben, seine kleinen Geschäfte laufen gut. Gregor hat Spaß und scheffelt Geld.“. Mengele der Pascha, lässt sich bedienen, feiern, hält sich immer noch für einen Halbgott, eine Selbsteinschätzung, die er wohl auch sein Leben lang nicht verliert, und genießt das Leben mit seiner verwitweten Schwägerin, die nach seiner Scheidung seine zweite Ehefrau wird, in vollen Zügen. Erste Risse bekommt diese Sicherheit, das beschützte Luxusleben nach dem Putsch gegen Perón und mit der Machtübernahme durch Aramburu. Weiter geht es deshalb nach Paraguay, was solange einen sicheren Zufluchtsort bietet, bis die ersten Nachforschungen beginnen. Die Mossad sucht nach Kriegsverbrechern, kann Eichmann entführen und lässt ihn später hinrichten, Journalisten sind auf der Suche nach Mengele und ein Kopfgeld ist ebenfalls auf ihn ausgesetzt, was Neugierige anlockt. Die Wohnorte wechseln, seinen Verfolgern immer einen Schritt voraus gelingt es Mengele in letzter Sekunde im brasilianischen Urwald unterzutauchen, und damit beginnt eine Zeit, mit der sich dann der zweite Teil beschäftigt. Verfolgungswahn, Delirium, Festungsbau, ständige Angst. Von nun an gilt „Mengele, der Musterangestellte der Todesfabriken, glaubte seiner Strafe zu entkommen. Nun aber ist er sich selbst ausgeliefert, seinem Dasein unterworfen, in Brasilien in die Enge getrieben, ein moderner, rastloser Kain. Jetzt beginnt Mengeles Höllenfahrt. Er wird sich selbst zerfleischen und in der Nacht verirren.“ Hier wird lediglich unterbrochen von einigen Phasen des Aufbäumens, in denen er versucht die Macht über die Familien, die ihn verstecken, zu erlangen, ein völlig anderes Bild des selbstverliebten Todesengels von Ausschwitz gezeichnet. „Er ergeht sich, wie immer ohne Reue oder Gewissensbisse, in Selbstmitleid und lässt seine Wut an seinen Vierbeinern und Boaboas im Urwald aus.“, und ein weinerlicher, depressiver Mann mit Verfolgungswahn, der ihm das Leben schwer macht.


Als Leser begleitet man die Flucht Mengeles, lernt Unterstützer und Freunde kennen, erfährt wer Jagd auf ihn gemacht hat, wie, und warum es nicht geklappt hat ihn vor das Kriegsverbrechergericht zu stellen und auch wie ihn seine Familie unterstützt hat. Zeitgleich verfolgt man mit Mengele, was die Presse über ihn schreibt, wie die Suche nach ihm beginnt. In Rückblicken erfährt man auch von seiner Kindheit, von seinem Konkurrenzkampf mit dem Bruder, seiner Leidenschaft für die Biologie und das Experimentieren, seiner Ausbildung und auch von den Schrecken, die in Ausschwitz an der Tagesordnung standen. Ebenfalls wird mit so manchen Phantasiegeschichten über ihn aufgeräumt.  


Der Autor hat hier einen Tatsachenroman geschaffen, den ich geradezu verschlungen habe. Die kurzen Kapitel verschaffen der Geschichte unheimlich viel Fahrt und ich konnte das Buch nicht mehr aus der Hand legen. Josef Mengele stirbt 1979 an einem Schlaganfall und wird als „Wolfgang Gerhard“ in Embu, Brasilien begraben, seit 1992 ist zudem eindeutig bewiesen, dass es sich um sein Skelett handelt. Ungeachtet der Tatsache, dass ich wusste, dass es nicht gelungen ist, ihn für seine Taten zur Verantwortung zu ziehen, habe ich gefesselt gelesen, dachte jetzt muss es doch klappen, ihn zu fassen. Obwohl ich den Erzählstil eher als distanziert, nüchtern betrachtet habe, war ich emotional total in der Geschichte gefangen, konnte kaum fassen, dass es nicht auch nur die Spur von Einsehen bei ihm gibt.


Schon allein der Rat den er seinem Sohn Rolf gibt, der sehr darunter leidet, dass sein Vater als Todesengel gilt und bei einem Besuch kurz vor dem Tod zumindest Reue, lieber noch die Gewissheit, dass es nicht so war, haben möchte, ist bezeichnend „Und lass es dir gesagt sein, Rolf, das Gewissen ist eine widernatürliche, von kranken Menschen erfundene Instanz, um die Tatkraft zu unterbinden und die Tatkräftigen zu lähmen.“


Immer wieder, wenn ich mich mit dieser Zeit beschäftige, will mir nicht in den Kopf, wie solch grausames Unrecht geschehen konnte, wie es möglich ist, dass es Menschen gibt, wie diesen Kriegsverbrecher Josef Mengele, denen jegliches Gewissen und Unrechtsbewusstsein völlig fehlt. Alles in allem eine großartige Romanbiografie, die auf Tatsachen beruht und die ich jedem geschichtsinteressierten Leser nur wärmstens empfehlen kann.


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Schwarze Reichswehr

Gunnar Kunz
Flexibler Einband
Erschienen bei Gmeiner-Verlag, 07.03.2018
ISBN 9783839222577
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Dies ist bereits der sechste Teil der historischen Krimireihe um Kommissar Gregor Lilienthal, für mich war es der erste und wird sicher nicht der letzte bleiben, denn ich war begeistert und habe die Seiten geradezu verschlungen. 


„Gewöhnlich bringt einem der Weihnachtsmann Puppen, Zinnsoldaten und Gebäck, vielleicht auch mal eine Rute, aber gewiss keine Leiche.“, falsch gedacht, denn auf dem Berliner Weihnachtsmarkt zieht die Gestalt im roten Kapuzenmantel einen Armeerevolver aus der Tasche und schießt seinem Gegenüber dreimal in die Stirn. Die Vergangenheit holt einen immer ein, sind Kommissar Gregor Lilienthals Gedanken, als er den toten Golo Bartels entdeckt. Wer hat seinen ehemaligen Unteroffizier, der im Ersten Weltkrieg Gefallen daran gefunden hat die Gefreiten bis aufs Letzte zu schikanieren, ermordet? Handelt es sich um späte Rache oder geht es um mehr? Dass dieser Mord aber mit einem Mord an der Front zu tun haben muss, der Gregor seit Jahren beschäftigt, ist ihm sofort klar. Kann er eventuell beide Fälle lösen, wenn er sich seiner Vergangenheit stellt? Ein sehr persönlicher Fall für den Kommissar steht bevor.


„Schwarze Reichswehr“ ist in drei Teile gegliedert. Der erste und der letzte handeln im Jetzt, was in dem Fall Weihnachten und Jahreswende 1927/28 bedeutet. Hier werden für den aktuellen Fall Verdächtige befragt und Spuren verfolgt, und gegen viele Mauern gekämpft. Der zweite Teil berichtet von den Geschehnissen neun Jahre zuvor, von März 1918 bis Januar 1919. Man erlebt mit Gregor den Einsatz im Ersten Weltkrieg, erfährt von dem Mord, den er damals nicht aufklären kann, und darf mit ihm dann auch noch über das Kriegsende hinaus die Revolution in Berlin unmittelbar miterleben.


Im Moment stehen bei mir historische Romane ganz weit oben auf meiner Favoritenliste und dieser Krimi aus der jüngeren Vergangenheit ist genau so, wie ich es mir vorstelle. Man darf hautnah mit in die damalige Zeit reisen, ja lebt sie fast selbst mit. Man erfährt, wie sich ein Soldat an der Front zwischen herumfliegenden Leichenteilen bei einem Angriff im wassergefüllten Graben stehend fühlt, oder mit welchen Strategien unterschiedliche Typen Soldaten sich durch die schwere Zeit retten, muss mit ihnen Erniedrigungen der Vorgesetzten ertragen, leidet mit an den Kriegstraumatas, die sie mit in die Heimat tragen und bekommt schließlich die Revolution in Berlin hautnah mit. Die authentisch, nicht geschönte Darstellung gibt jedem geschichtsinteressierten Leser einen mehr als gelungenen, schockierenden und fesselnden Einblick in die Zeit. Auch die Zwanziger Jahre, mit all dem technischen Fortschritt, den tollen Auslagen in den Warenhäusern, sind zu finden. Ein Essen im Automatenrestaurant, die Meldung, dass Verkehrsschilder keine Werbung mehr tragen dürfen oder die Information am Rande, dass die Straßenbahnen im Winter jetzt auf zehn Grad beheizt werden, ganz besonders haben mir diese kleinen Details, die man sonst nicht im Geschichtsbuch findet, begeistert. Diese finden sich hier zuhauf und machen die Geschichte äußerst authentisch und lebendig.


Der Sprachstil des Autors liest sich flüssig und angenehm. Gunnar Kunz versteht es hervorragend beim Leser Emotionen zu erzeugen.  So habe ich z.B. schockiert von den Erniedrigungen durch die Unteroffiziere gelesen, mir hat es fast das Herz gebrochen, als ein junger Bursche, der als Kanonenfutter in den Krieg geschickt wurde, stirbt und seine letzten Worte, aber heute ist doch mein Geburtstag, sind, ich habe Wut empfunden über die Arroganz von Militärarzt Mentzel, der ohne jegliches Unrechtsbewusstsein noch mit seinen unmenschlichen Behandlungsmethoden im Lazarett prahlt oder ich habe auch ganz oft Genugtuung empfunden, wenn Gregor wieder ein Schachzug gelingt. Auch wenn hier ganz eindeutig der historische Kontext im Vordergrund steht, ist auch der Fall an sich fesselnd und spannend angelegt. Zahlreiche Verdächtige, dramatische Ereignisse und so manche Wendung, die alles noch einmal komplett über den Haufen wird, sorgen dafür, dass man die Seiten zunehmend verschlingt.


Gregor ein Mann mit Ecken und Kanten, aber äußerst geradlinig, genau so mag ich einen Kommissar. Warum er vielleicht ein wenig wortkarg ist, habe ich schon in diesem einen Teil erfahren, so viel Leid muss man ertragen können. Ich bewundere ihn für seine Zielstrebigkeit, einmal festgebissen verfolgt er sein Ziel auch wenn es über Jahre hinweg sein muss. Das hat mir imponiert. Gut gefallen hat mir auch sein Bruder Hendrik, der ihn bei seinen Ermittlungen oft auf den richtigen Gedanken bringt. Alles systematisch ordnen, mit philosophischen Gedanken auch mal aus einem anderen Blickwinkel drauf schauen, die beiden arbeiten gut zusammen. Sowohl Hendrik als auch Diana, Gregors schwangere Ehefrau begleiten ihn bei den Ermittlungen, was bei diesem sehr persönlichen und daher auch emotional aufwühlenden Fall sicher von Vorteil ist. Aber auch alle anderen Darsteller sind authentisch und gelungen gezeichnet.

 

Alles in allem volle Begeisterung für diesen historischen Krimi und absolute Empfehlung mit fünf redlich verdienten Sternen.


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