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1 Bibliothek, 0 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

Wenn du dich traust

Kira Gembri , Katharina Schwarzmaier , Markus Manig
Audio CD: 4 Seiten
Erschienen bei Audio Media Verlag, 01.02.2017
ISBN 9783956391941
Genre: Jugendbuch

Rezension:

Lea, ein Mädchen mit Zwangsstörungen, die alles im Leben zählt und kontrolliert und Jay, ein Junge, der mit seinen WG Kumpels um die Häuser zieht, sich die hübschesten Mädels angelt und nebenbei noch Drogen vertickt, als Hauptpersonen, was kann das werden? Eine super tolle, authentische Story, die mich unendlich berührt und ganz wunderbar unterhalten hat.

Leas Eltern gehen ihrem psychischen Problem mehr oder weniger aus dem Weg und ob sie in der Klinik, in der sie jetzt eingeliefert wurde, so richtig aufgehoben ist, ist fraglich. Es muss Schicksal gewesen sein, dass sie und Jay ein gemeinsames Ziel zusammenbringt. Lea will aus der Klinik abhauen, Jay, der dort seine Sozialstunden ableisten muss braucht Geld, weil ihm Drogenboss im Genick hockt. Lea bietet ihm, nachdem sie ihn beim Klauen erwischt hat, eine wertvolle Kette an und der Deal steht, er das Geld, sie Unterschlupf in seiner WG. Jays Kumpels sind davon allerdings begeistert und für die steht eindeutig fest, die schräge Tussi aus der Klapse muss schnellstens wieder weg.

Die Geschichte hat mich von Anfang an gefangen genommen. Die Mischung ist einfach perfekt. Man bekommt einen tollen Einblick in Leas Zwänge und lernt nach und nach zu verstehen, warum sie das braucht und macht. Klar musste ich oft über den einen oder anderen Tick schmunzeln, wer ordnet schon den WG Mist in leere Pizzakartons? Aber auch bzw. gerade diese witzigen Spleens haben der Geschichte viel Würze verliehen. Dass sie sich anfangs oft mit Jay zofft, er alles andere als nett zu ihr ist, gibt zusätzlich Pfiff. Ganz langsam kommen sich die beiden näher. Ihr Verhältnis zueinander ändert sich und wie die beiden nach Startschwierigkeiten miteinander umgehen, ist einfach nur toll. Die beiden scheinen genau den Blick fürs Innere des anderen zu haben, den sie so sehr brauchen. Die Schriftstellerin hat es geschafft mich völlig zu begeistern, ich konnte lachen, ich konnte schmunzeln, ich war traurig und ich habe fast die Schmetterlinge selbst im Bauch gefühlt, die hier aufsteigen.  

Lea war mir von Anfang an super sympathisch. Ich muss zwar nichts zählen, aber gewisse Regeln z.B. bzgl. Ordnung brauche ich auch im Leben und die einzuhalten ist mir ähnlich wichtig. Ich konnte mich prima in sie hineindenken und ganz klar, hat sie mir auch immer wieder richtig leid getan. Ich habe deshalb gebannt auf jeden Schritt gewartet, mit dem sie Richtung unbeschwerteres Leben geht. Jay, mit seinem Verschleiß an Mädels, seinen Drogengeschichten, seinem versuchten Diebstahl und seinen Witzen über Leute aus der Klapse, hatte es hingegen schwerer sich in mein Herz zu schleichen. Denn erst nach und nach erfährt man, warum er sein muss, wie er ist. Auch seine Geschichte hat mich sehr bewegt. Leicht hatten es beide mit Sicherheit nicht im Leben. Umso schöner ist es, dass sie sich gefunden und lieben gelernt haben.

Die Kapitel berichten abwechselnd aus Jays und Leas Sicht, was mir super gut gefallen hat. So kann man sich noch viel intensiver in die beiden hinein denken und fühlen. Dazu haben auch die beiden exzellent gewählten Sprecher beigetragen. Toll ist natürlich schon allein die Tatsache, dass Lea von einer Frau und Jay von einem Mann gelesen werden. Aber Markus Manig hat Jay genau die Stimme verliehen, die eben zu einem „coolen“ Typen gehört, zumindest anfangs, konnte dann aber eben auch seine verletzliche und unsichere Art ebenso gut zum Ausdruck bringen. Auch Katharina Schwarzmaier hat mir als Lea sehr gut gefallen, hier ist ganz viel Gefühl zu spüren. Die zwei äußerst angenehmen Stimmlagen sind natürlich die Grundlage des Hörgenusses, den ich hier hatte. Begeisterte 5 Sterne.

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51 Bibliotheken, 12 Leser, 1 Gruppe, 24 Rezensionen

krimi, krimödie, kiosk, erpressung, ruhrgebiet

Voll von der Rolle

Lotte Minck
Flexibler Einband: 304 Seiten
Erschienen bei Droste Vlg, 23.02.2017
ISBN 9783770015603
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Lotte Minck hat mich schon mit Band eins ihrer Ruhrpott-Krimiödie zum Fan gemacht und inzwischen sind Loretta Luchs und ihre Freunde für mich einfach Kult. Ganz klar, dass ich mir da keinen neuen Fall entgehen lassen. Und auch wenn die achte Mördersuche vielleicht nicht die allerbeste war, konnte ich wieder sehr viel schmunzeln und hatte tolle Unterhaltung.

Loretta und ihre Lieben sind eine eingeschworene Truppe und dass man sich hilft, ist ganz klar. Frank hat sich endlich seinen Kindheitstraum erfüllt und ein Lädchen übernommen. Ganz selbstverständlich, dass Loretta zum Malern und auch zum Aushelfen in „Kropkas Klümpchenbude“ kommt.  Aber der schöne himmelblaue Anstrich war wohl jemand ein Dorn im Auge, denn schon bald ist die erste Schmiererei da. Oder war das nur eine blöde Laune? Nein, mit Sicherheit nicht und das ist Loretta klar, als die Skatergang während ihrer Schicht versucht umsonst einzukaufen. Lässt Frank sich tatsächlich von den Jungs erpressen? Spätestens als sie dann Keanu, deren Anführer,  tot vor Franks Kiosk findet, nein nicht nur findet, sondern ganz Loretta like darüber stolpert sie darüber, „60-teiliges Brillenpuzzle“ und ein Gesicht wie in die „Parmesanreibe gekommen“ inklusive, ist ihr Einsatz gefordert. Loretta wird zur Kampfmaschine, ihrem Kumpel Frank nimmt niemand die Butter vom Brot.

Der achte Fall sprudelt wie gewohnt geradezu an Situationskomik und witzigen Sprüchen, sodass die Lachmuskeln ganz sicher trainiert werden. Die drei Rentner, die den Tag bei Frank durchbringen, sind einfach zu köstlich und ganz klar, wenn ein Depp an den Laternenmast knallt, sorgt das auch für ein fettes Grinsen beim Leser. Wenn Frank Loretta und ihren verschmierten Schupo Overall, den sie zum Streichen von seinem Lädchen anhat, mit den Worten, "Kannze dich gleich anne Wand stellen und bist unsichtbar, hömma. Streichen ist nicht so dein Ding!" kommentiert, dann ist auch alles klar. Ein wenig überschattet wird die gute Laune allerdings von Beziehungsproblemen zwischen Loretta und Pascal und eben auchdadruch, dass Franks Kindheitstraum mit dem Lädchen zum Alptraum geworden ist, was verständlicherweise sehr an seinen Nerven zehrt. Da die Polizei von einem Unfall ausgeht, wird von Kriposeite eigentlich gar nicht ermittelt. Dafür wird von Loretta und ihren Helfern die Erpressergang gejagt und gestellt. Ganz klar wird auch aufgeklärt, was denn nu, Unfall oder Mord, wenn auch nur am Rand.

Ich habe mich riesig auf ein Wiedersehen mit Loretta & Co gefreut, ist mir die Truppe doch schon längst komplett ans Herz gewachsen. Loretta steht im Mittelpunkt, schließlich ist sie ja die ultimative „Ruhrpott Miss Marple von der Sexhotline“, auch wenn sie das nicht hören dürfte. Hier mutiert das liebenswerte Hornbrillen Girl zur ausgewachsenen Kampfmaschine, sodass sogar Frank eingestehen muss „Da hätte ich auch Schiss gekricht, mein lieber Herr Gesangsverein.“ Frank hat dieses Mal so richtig zu leiden und kommt gar nicht so stark daher wie sonst, aber wenigstens fehlen seine vielen guten Sprüche, die einen stets zum Schmunzeln bringen, nicht. Erwin hat ein paar unterstützende Einsätze und kann vor allem mit seiner Erfahrung in Sachen Zeugenbefragung punkten. Von der übrigen Stammtruppe bekommt man leider nur wenig mit, Doris sorgt nur von fern wie gewohnt mit ihren Leckereien für die „Speisung der Fünftausend“, Dennis gibt Loretta eine Woche unbezahlten Urlaub und Pascal verdrückt sich sobald Loretta beschließt zu ermitteln. Vielleicht auch weil sie einfach unehrlich war, was ich ihr auch ein bisschen ankreide. Bei allen anderen Bekannten herrscht Funkstille. Für ganz viel Spaß hat aber das „geriatrische Dreigestirn“, die Dreierversion der Opas aus der Muppetshow, gesorgt. JuppZwo, Locke und Steiger, die drei Rentner, gehören zur Grundausstattung von Franks Lädchen und kommentieren alles, von Lorettas Malerarbeiten mit „Hümmelkes“ a la Picasso, was dann „dreieckige Hummeln mit Augen aufm Arsch“ sein müssten, bis hin zu „Dat Frollein als Kampfmaschine“, wenn sie zum Baseballschläger greift und ihren Gegenübern zeigt „wo der Frosch Locken hat“. Bei den Nebendarstellern möchte ich noch  Herrn Drechsler, den Vater vom toten Keanu erwähnen, der mir ganz furchtbar leid getan hat.

Kioske gibt es überall, aber Ruhrpott ohne Lädchen wäre nicht vorstellbar. Lotte Minck fängt die Atmosphäre, die dort herrscht, super gut ein. Rentner, die sich den Tag vertreiben, Tratsch und Ratsch aus der Umgebung, schlichtweg Gemütlichkeit wird hier richtig deutlich. Natürlich fehlt auch der Dialekt nicht, so dass Lokalkolorit wirklich vorhanden ist, da kann nicht mal Frank meckern!

Alles in allem hat mich Lotte Minck mit ihrem spritzig, witzigen Sprachstil und ihrem neuen Einsatz für Loretta, auch wenn diese hier vielleicht nicht ihre allerbeste Vorstellung geboten hat, wieder toll unterhalten und ich freue mich schon jetzt auf Fall neun. Loretta Fans dürfen sich den Spaß auf gar keinen Fall entgehen lassen, für Neueinsteiger gibt es sicher Bände, die noch besser mit dem Loretta Virus infizieren und daher zuerst gelesen werden sollten. Für Fans 5 Sterne, ganz klar, für alle anderen reicht es meines Erachtens dieses Mal nicht ganz.

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13 Bibliotheken, 3 Leser, 0 Gruppen, 6 Rezensionen

experimente, alltag, psychologie, nutzen, sozialpsychologie

Das merkwürdige Verhalten von Schimpansen in Kinderkleidung: und andere sozialpsychologische Experimente

Felicitas Auersperg
Fester Einband: 192 Seiten
Erschienen bei Orac, 24.02.2017
ISBN 9783701505944
Genre: Sonstiges

Rezension:

Auf 192 Seiten werden hier sechzehn sozialpsychologische Experimente genauer unter die Lupe genommen und so erklärt, dass auch ein Laie sie versteht. Und nicht nur das, sondern er kann auch Nutzen für den Alltag daraus ziehen. Die kurzen Kapitel beginnen meist mit einigen Worten zu den jeweiligen Personen, die das nachfolgende Experiment durchgeführt haben, sodass man auch einen kleinen Background erhält, warum und unter welchen gesellschaftlichen Voraussetzungen experimentiert wurde. Danach wird die Versuchsanordnung  bzw.  der Versuch selbst beschrieben und gedeutet. Abschließend bekommt man als Leser noch einen Abschnitt zum alltäglichen Nutzen geboten. Vorgestellt werden u.a. der Hängebrücken-, der Bystander- und der Pygmalioneffekt, das Gehorsam-, das Gefängnis- oder auch die Ferienlagerexperimente, sowie einige weitere hochinteressante Versuche zu Bindungsverhalten, Testbögen, Attribution oder auch der Verlässlichkeit von psychologischen Gutachten und Diagnosen.

Der pointierte Schreibstil der Autorin hat mir von Anfang an super gut gefallen. Hier liest man kein trockenes Sachbuch, sondern kann den Schilderungen locker, leicht folgen. Verständnisprobleme sind ebenfalls nicht möglich, da wirklich alles so anschaulich erklärt wird, dass auch der Laie versteht, worum es geht. Toll finde ich, dass man auch viel schmunzeln darf. So macht Wissenszuwachs richtig Spaß. 

Die Auswahl der Versuche hat mich ebenfalls überzeugt. Es finden sich darunter große, bekannte Experimente, die vielen oder zumindest einigen Lesern vermutlich schon einmal begegnet sind, aber auch weniger bekannte, von denen zumindest ich bisher noch nicht gehört hatte. Gemein haben alle, dass sie der Sozialpsychologie entstammen und somit unmittelbar auch einen Einfluss auf unser Alltagsleben haben. Das Wissen um ebendiesen kann man als Leser dann auch wirklich gezielt nutzen. Man bekommt Erklärungen für Verhaltensweisen, erhält Tipps, wie man Fehler vermeidet und es besser macht, aber auch einige Tricks, die im Alltag Leben retten können. Nicht zu vergessen sind auch zahlreiche Ratschläge für eine bessere Beziehung zu seinen Mitmenschen oder eine langfristig gute Ehe. Ich habe jedes Kapitel interessiert und gebannt gelesen. Manche Experimente haben mich schockiert, denn auch ethisch kritisch zu betrachtende sind zu finden, bei denen ich befürchte, dass die Versuchsteilnehmer nicht ohne Schaden davon gekommen sind. Einige haben mich verblüfft, weil ich mir das so nie vorstellen hätte können, denn wer sieht schon in Kreis und Dreieck menschliche Eigenschaften? Ich nicht, dachte ich zumindest! Aber ich durfte auch viel schmunzeln, z.B. wenn trotz Meditationsübungen, Hilfe von Experten für fliegende Untertassen und gebrochener Schweigsamkeit des Universums, das Ufo eingeweihte Gläubige nicht gerettet hat. Leon Festingers Versuch zur kognitiven Dissonanz  war sicher der, der mich am meisten amüsiert hat. Toll finde ich, dass sich die Autorin auch an Versuche gewagt hat, die die Ergebnisse der Studien selbst infrage stellen, so zeigt sich z.B., dass ein Multiple Choice Test nur ein bedingt aussagekräftiges Ergebnis liefert.

Alles in allem bin ich wirklich begeistert von „Das merkwürdige Verhalten von Schimpansen in Kinderkleidung“. Die Autorin hat genau den richtigen Ton getroffen. Ich kann das Buch nur allen wärmstens ans Herz legen, die sich für wissenschaftliche Experimente und menschliches Verhalten interessieren, einen persönlichen Nutzen ihres erworbenen Wissen ziehen und dabei gut unterhalten werden wollen.

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105 Bibliotheken, 5 Leser, 0 Gruppen, 57 Rezensionen

marmelade, trauer, familie, einkochen, anne töpfer

Das Brombeerzimmer

Anne Töpfer
Flexibler Einband: 416 Seiten
Erschienen bei Ullstein Taschenbuch Verlag, 10.03.2017
ISBN 9783548613178
Genre: Romane

Rezension:

JuNo, Julian und Nora gehören zusammen und lieben sich wie kaum ein anderes Paar. Aber das Schicksal meint es, zumindest auf den ersten Blick, gar nicht gut. Julian erleidet nach einer verschleppten Erkältung einen Herzinfarkt beim Joggen und stirbt. Nora steht vor den Trümmern ihrer Existenz. Sie flüchtet sich in ihren Beruf und deckt sich mit Arbeit ein um die Trauer zu verdrängen. An Julians erstem Todestag entdeckt sie durch Zufall einen Brief von seiner Großtante, die er um ein besonderes Marmeladenrezept gebeten hat, um Nora eine Freude zu machen. Warum wurde diese Großtante bisher totgeschwiegen? Warum möchte Julians Opa nicht, dass über diese Klara gesprochen wird? Nora beschließt sich wenigstens telefonisch für das Rezept zu bedanken, aber dann kommt alles ganz anders und sie macht sich auf den Weg nach Groß Mohrdorf, wo Klara wohnt. Dort kann sie nicht nur ihrer Leidenschaft für Marmelade freien Lauf lassen und ein altes Familiengeheimnis lösen, sondern sie lernt auch langsam wieder, was es bedeutet, weiterzuleben.

Die Autorin hat mich von der ersten Seite an völlig in ihren Bann gezogen und der locker, leichte Schreibstil hat sein übriges dazu getan, dass ich das Buch nicht mehr aus der Hand legen konnte.  Anna Töpfer beschreibt derart berührend, dass ich mich gefühlt habe, wie wenn ich selbst in Nora hinein geschlüpft wäre. Ihre Trauer, ihre Hoffnungslosigkeit und ihre große Sehnsucht nach Julian sind derart spürbar, man muss einfach mitfühlen. Richtig toll sind auch die detaillierten und bildhaften Beschreibungen.  Man hat regelrecht das Gefühl mit vor Ort zu sein. Ich träume noch jetzt von Noras toller Küche mit den Kupfertöpfen und dem Tisch um den bemalten Stützpfeiler. Sehr berührt haben mich auch die kursiven Einschübe mit den Sprüchen und Gedanken von und an Julian. Darin steckt so viel Liebe, einfach nur schön. Sehr gut gefällt mir auch, dass es auch immer wieder etwas zu schmunzeln gibt. Da wird schon einmal mit angehexten Schweinsöhrchen gedroht, mit der Super Soaker Wasserpistole, gefüllt mit Rosenschnaps, Gefahr abgewendet, oder in Leggins im Leolook ein Besuch beim Nachbar abgestattet.

Man darf Nora als Leser ein Stück weit bei ihrer Trauerarbeit begleiten und  die Autorin hat hier genau den richtigen Ton getroffen und ganz viel Gefühl bewiesen. Ich hatte fast den Eindruck, sie schreibt autobiographisch, auch wenn dies nicht der Fall ist. Tieftraurig, orientierungslos gehört dazu ganz klar, aber eben auch Hoffnung schöpfen und langsam wieder Freude am Leben zulassen. Eigentlich bin ich kein Freund von einem offenen Schluss, aber hier hat meiner Meinung nach wirklich nichts anderes gepasst. Hoffnungsvoll in die Zukunft schauen, mehr kann man wohl nach so einem Schicksalsschlag auch nicht erwarten.

Die Charaktere sind liebevoll, sympathisch und gelungen ausgewählt und sehr authentisch gezeichnet. Von Nora steckt auch ein großer Teil in mir. Das Kümmer-Gen besitze ich auch und sich mit Routine eindecken, um Probleme zu verdrängen, da bin ich ebenfalls Meister darin. Nora hat ein tolles Gespür für ihre Gegenüber und man muss sie einfach mögen. Ihre natürliche, ehrliche Art nimmt einen regelrecht ein. Mit Julian leben zu dürfen war sicher ganz großes Glück und, dass sich die beiden abgrundtief geliebt haben, ist nicht zu übersehen – das Traumpaar schlechthin. Sehr gut gefällt mir auch das Verhältnis zu ihrer Mama, die zwar manchmal etwas überbesorgt sein kann, aber immer für Nora da ist. Sie hat auch so einiges in Petto, wenn es darum geht ihre Tochter zu beschützen. Katharina ist eine Freundin, wie man sich eine bessere nicht vorstellen könnte. Sie und Nora gehen gemeinsam durch dick und dünn. Julians Großtante Klara ist alles andere als eine alte Oma. Sie ist eine stolze Frau, die etwas auf sich hält. Dass Nora genau in dem Moment zu Besuch kommt, als sie sich nach einem Sturz in Kurzzeitpflege befindet, war wohl für Klara Schicksal, das es gut meint. Die beiden haben sich gegenseitig einfach nur gut getan, denn nicht nur das Marmeladekochen als große Leidenschaft verbindet sie, sie haben auch beide das Herz am rechten Fleck. Mit Nora fast seelenverwandt erscheint Mandy, die Nachbarin von Klara, zu sein. Aber die natürliche, quirlige und lebenslustige junge Frau war auch mir auf den ersten Blick super sympathisch. Auch die Nebenrollen sind toll gezeichnet, bei Nachbarin Frau Gerdes angefangen, bei der der erste Blick getäuscht hat, bis hin zu Künstler Konstantin, der ganz besondere Maltechniken hat.

Sehr gut gefällt mir auch das Lokalkolorit. Bilderreiche beschriebene Radeltouren durch die Vorpommernsche Boddenlandschaft und Ausflüge in der Region machen richtig Lust auf Erholungsurlaub dort.

Julian hat jeden Sonntag eine neue Marmeladenkreation von Nora bekommen, wenn man da nicht von Leidenschaft fürs Einmachen sprechen kann, wann dann? Diese Leidenschaft teilt auch Klara und klar, dass man den beiden hier auch immer wieder über die Schulter schauen kann. Holunderblütengeele mit darin schwimmenden Blüten z.B. ist bestimmt nicht nur ein Blickfang, sondern auch köstlich, genau wie die zahlreichen anderen Marmeladen, die hier im Buch eingemacht werden. Damit man nicht nur davon träumen muss, sondern auch genießen kann, finden sich auch die nötigen Rezepte im Buch.

Alles in allem ist „ Das Brombeerzimmer“ ein wirklich toller einfühlsam erzählter Roman, der mit sympathischen, authentischen Charakteren Trauerbewältigung mit Marmeladenleidenschaft und einem Familiengeheimnis wirklich sehr gelungen kombiniert.

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14 Bibliotheken, 2 Leser, 0 Gruppen, 6 Rezensionen

Hipp und Hopp retten Papa Grünsprung

Gerlis Zillgens , Katja Jäger
Fester Einband: 92 Seiten
Erschienen bei Südpol, 28.02.2017
ISBN 9783943086386
Genre: Kinderbuch

Rezension:

Die Autorin Gerlis Zillgens gehört zu meinen absoluten Lieblingsautorinnen, weil mich bisher noch jede ihrer originellen Geschichten wirklich begeistert hat. Daher war das Buch für mich absolutes Lese MUSS. Hier hat mich aber das Cover schon so angelacht, dass ich wohl auf keinen Fall um Hipp & Hopp herum gekommen wäre und was soll ich sagen, ich habe mich regelrecht in dieses Buch verliebt.

Der Froschkönig - Es lebte zu einer Zeit ein König, der hatte Töchter, die allesamt sehr schön waren. Doch sah man seine jüngste Tochter, wusste man, dass sie die Schönste von allen war… Pustekuchen!

Bildhübsche Prinzessin, Krönchen, bla bla bla. Hier erfahrt ihr was wirklich geschah. Denn habt ihr auch schon mal an den armen Kinder des Frosches gedacht? Nein, dachte ich mir. Hipp & Hopp, so heißen die zwei, haben schon früh ihre Mama verloren und jetzt hat sich auch noch ein ganz furchtbares Wesen den Papa gekrallt. Aber nicht nur gekrallt, nein, das Wesen hat Papa Grünsprung durch einen Kuss in ein ebensolch langbeiniges, bleiches Wesen verwandelt. Lassen sich die furchtbar geraden Beine, die kranke weiße Hautfarbe und die trockene Haut wieder zurück verwandeln? Die beiden brauchen doch ihren Papa! Eine aufregende Rettungsmission beginnt, bei der die beiden Grünschnäbel tierische Unterstützung bekommen, mit der nicht nur sie mit Sicherheit nicht gerechnet haben und ganz viel Mut beweisen müssen.

Die Prinzessin ist eigentlich immer und schon viel zu lange gut weggekommen, hier dürfen einfach auch einmal ganz andere Helden spielen, und die Prinzessin wird aus eine komplett anderen Sicht geschildert und zwar aus Froschsicht. Aus der Perspektive kommt die Gute natürlich gar nicht so gut weg, ich liebe die originellen Ideen der Autorin. Wobei sie hier ja aus dem oft gut gemeinten und nützlichen Ratschlag, versetze dich doch mal in die Lage des anderen, eine spritzig, witzig und herzerwärmende Geschichte zaubert, die obendrein noch richtig aufregend, spannend und manchmal auch ein kleines bisschen traurig ist.

Der Sprachstil ist locker, leicht und man darf sich durch die Geschichte schmunzeln. Hopp, ist der jüngere Bruder von Hipp und landet gerne mal im Fettnäpfchen, ist quengelig oder gibt seiner Schwester schon einmal so nette Kosenamen wie „alte bucklige Schwester Planschkuh“. Gelungene Vergleiche lassen beim Leser ein ganz genaues Bild im Kopf entstehen. Weltmeisterbeine fühlen sich an wie durchgekauter Kaugummi oder zittern wie grüner Wackelpudding, das kann sich jeder vorstellen. Kreative Wortschöpfungen wie „Grünkäppchen“ oder die eigens kreierten „Frosch-Festspiele“ sind nur zwei weitere Beispiele für den Ideenreichtum der Autorin. Die aber nicht nur witzig und ausgefallen kann, sie nimmt den Leser auch emotional mit. „Darf man Hunger haben…“ , „Darf man lachen…“ die Angst, das Verlorenheitsgefühl der beiden Fröschchen nachdem der Papa weg ist, ist regelrecht zu fühlen.

Die Charaktere sind allesamt, na ja mit Ausnahme der Prinzessin vielleicht, wirklich zum Verlieben. Hopp, der kleine Tollpatsch, der sich nicht immer ganz leicht damit tut, seine Meinung zu verbergen, aber auch viele pfiffige Ideen hat, und seine Schwester Hipp sind zwei Froschkinder, die ganz besonders mutig sein müssen. Hilfe bekommen sie von der alten und lebensweißen Augusta Quaatsch. Die nette alte Dame, die sich sogar traut Adebar die Stirn zu bieten, nimmt sich glücklicherweise den beiden an. Ohne ihre Tricks und ihr Wissen wäre es wohl nicht gegangen. Zu gut ist auch Papa Storch, der zum Glück in der Storchenschule nicht so richtig aufgepasst hat, und nicht nur als ein Flugzeug dient, bei dem man nur hoffen kann, dass es sich nicht verschluckt, sondern auch beweist, dass es immer wieder ganz besondere Freundschaften gibt. Naja die Menschen-Prinzessin ist eine Dauerplappertante, verwöhnt, eh klar, das kennt man ja! Aber um die geht es hier ja eigentlich auch gar nicht so sehr. Dafür gibt es noch eine recht nette Frosch Prinzessin, bei der es sich richtig lohnt, sie kennenzulernen, denn manchmal kann der erste Eindruck ganz schön täuschen.

Nicht nur die Autorin auch die Illustratorin ist hier mit ganz viel Herzblut und Liebe zum Detail am Werke gewesen. Ich bin schlichtweg begeistert von der durchwegs farbigen Gestaltung, die vor Phantasie, Witz und Ideenreichtum geradezu sprüht. Die Bilder sind so süß, dass man sich verlieben muss. Ich bin immer noch ständig am Blättern und werde das Buch auch sicher noch ganz oft zur Hand nehmen, denn bei jedem neuen Betrachten finde ich wieder ein Detail, das mir vorher noch gar nicht aufgefallen ist, da lacht sich eine Fliege scheps, wenn Hopp beim Weitsprungversuch mitten im Kuhfladen landet, da gibt es beim Picknick tierische Spießchen, dekorierte Schnecken, es werden Würmchen in Schälchen serviert und dort gibt es sogar Riesenfrösche mit Tattoos verzierten Muckis, die einen zittern lassen.

Die knapp 80 Seiten verteilen sich auf übersichtlichen, kurzen elf Kapiteln, die durch die vielen farbigen Bilder sicher auch kleine Leser nicht überfordern werden. Aber auch zum Vorlesen eignet sich dieses Buch, denn hier kommt auch ein jeder Erwachsener auf seine Kosten. Zum einen, weil die Geschichte einfach nur toll ist, aber zusätzlich hat die Autorin mit der einen oder anderen Bemerkung, die einen breit Grinsen lässt, auch an die Zielgruppe gedacht.

Sicher wird meinem Radar auch in Zukunft kein Buch aus der Feder von Gerlis Zillgens entgehen aber aufmerksam bin ich auch auf den Südpol Verlag geworden, der sich hier so toll präsentiert und ganz offensichtlich auch noch einige weitere solch liebevolle, witzige Kinderbücher im Programm hat.  Eine Bestellliste ist schon geschrieben.

Alles in allem ist Hipp & Hopp ein solch süßes und witziges Buch, dass es auf keinen Fall im Bücherregal fehlen darf, absolute Begeisterung und 5 Sterne plus. Schade, dass es für Ausnahmefälle keine 6 Sterne gibt, hier hätte ich diese mit Sicherheit vergeben.

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16 Bibliotheken, 2 Leser, 0 Gruppen, 8 Rezensionen

kinderbuch, geschichte, österreich, kunst, juliegehtinsmuseum

KLIMT - erzählt für Kinder

Nora Rath-Hodann , Peter Diamond
Fester Einband: 80 Seiten
Erschienen bei JGIM Verlag, 01.01.2017
ISBN 9783950406566
Genre: Kinderbuch

Rezension:

Dies ist mein erstes Buch aus der Reihe „Julie geht ins Museum“ und ich bin wirklich so begeistert, dass ich mich mit Sicherheit noch so einige Male mit ihr und ihrer Mama ins eine oder andere Museum gehen werde. Hier wird ein Museumsbesuch zum Erlebnis und Lernen zum Spaß.

Nach einer kurzen Einleitung erfährt man auf übersichtlichen, knackig, kurzen dreizehn Kapiteln ganz viel Interessantes und Wissenswertes zu Leben, Schaffen und Werken des Malers Gustav Klimt. Daran schließt sich eine Zeittafel an und in einer Art Anhang finden sich dann Fotos von zahlreichen Originalgemälden, nicht nur denjenigen die als Vorlage für den Illustrator gedient haben.  

Als Leser ist man sozusagen stummer Begleiter von Julie und ihrer Mama, die gemeinsam durch die Klimt-Ausstellung schlendern. Man kann den liebevollen Umgang der beiden miteinander richtig spüren und ich habe mich richtig wohl dabei gefühlt, mit ihnen auf Entdeckungstour gehen zu dürfen. Dass Julie mit ihrer Mama gern ins Museum geht, wundert mich keineswegs. Bei den Geschichten, die einen alles genauer verstehen und unter die Lupe nehmen lassen, darf man ganz viel schmunzeln und staunen. Das ist nicht nur schnöde Wissensvermittlung, auch wenn die Biografie und das Schaffen von Gustav Klimt keinenfalls zu kurz kommen. Aber hier erfährt man eben auch Dinge, die so nicht im Lehrbuch stehen und einfach Spaß machen. Mit welchem Popobild hat Klimt den anderen gezeigt, was er von ihrer Meinung hält? Warum hat ihm Zeitungspapier bei der Vorstellung an der Kunsthochschule so wertvolle Dienste erwiesen? Warum musste ein Käufer eines Bildes von Klimt, dieses sogar in einem Kasten verstecken? Wie haben ihm seine Katzen bei der Auswahl geholfen, welche Zeichnungen gut sind und welche nicht? Ja und hatte der große Künstler eigentlich gute Tischsitten? Antworten bekommt man hier, also unbedingt selber lesen.

Der Sprachstil liest sich locker, leicht und ist wirklich für wirklich für jedermann zu verstehen. Schwierige Begriffe, die sich nicht umgehen lassen, werden sofort gut erklärt, Goldgraveur, das ist...., Stipendium, das heißt..... Für Selbstleser ist das Buch durch die kurzen Kapitel sicher ab der zweiten oder dritten Klasse geeignet, zum Vorlesen meiner Meinung nach aber sicher auch schon früher.

Gut gefällt mir die Idee, wie die Werke Klimts hier Kindern näher gebracht werden. Peter Diamond hat dieses Büchlein nach Vorlagen Klimts gelungen illustriert. So werden Besonderheiten noch deutlicher und manchen Werken wird sicher auch der Schrecken genommen. Zum Vergleichen finden sich aber von allen Originalgemälden Abbildungen im Anhang. Richtig toll finde ich, dass sich in den Illustrationen kleine Masken verstecken, die sich nicht immer ganz leicht finden lassen. So werden Kinder spielerisch dazu animiert, die Bilder ganz genau zu betrachten.   

Begeistert bin ich auch vom Layout. Das Büchlein kommt im handlichen Hardcover Format daher und macht mit dem tollen Glanzdruck und den dickeren Seiten einen sehr hochwertigen Eindruck, ideal für Kinderhände, aber auch ein Schatz im Bücherregal.

Alles in allem ein wirklich empfehlenswertes Buch, das kindgerechnet mit Gustav Klimt bekannt macht und bei dem auch Erwachsene noch viel Wissenswertes aus dem Nähkästchen erfahren können.

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9 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 5 Rezensionen

Chloé und der Sprung in der Schüssel

Sonja Kaiblinger
E-Buch Text: 192 Seiten
Erschienen bei Loewe Verlag, 13.02.2017
ISBN 9783732008087
Genre: Sonstiges

Rezension:

Sonja Kaiblinger hat mich schon mit „Kuhfladenwalzer“ und ihrer Reihe „Verliebt in Serie“ völlig begeistert und deshalb war ich jetzt sehr neugierig auf Chloe. Den ersten Band habe ich leider verpasst, aber inzwischen ist er schon bestellt. Ich hatte so viel Spaß und bin auch ganz furchtbar neugierig geworden.

Gestern noch in der weltweit schönsten Schultoilette sein Geschäft erledigt, heißt es heute schon Chaos hoch drei. Wer hat das stille Örtchen der Mädels nur so furchtbar verwüstet? Hat Klassenclown Ernst nicht mehr gewusst, wann Schluss mit lustig ist, waren die Jungs so neidisch, weil sie immer noch auf die Dixies im kalten Schulhof müssen, oder war es wirklich der neue Hausmeister, den Ernst auf dem Weg dorthin gesehen haben will?

Obwohl ich den ersten Teil nicht kannte, war ich sofort mitten im Geschehen. Bilder von Chloe und ihren Freunden zu Beginn und eine kurze Vorstellung machen es Neueinsteigern leicht auch Vorwissen in die tolle Geschichte einzutauchen. Dass einen die Story fesselt und man das Buch am liebsten gar nicht mehr aus der Hand legen möchte, dafür sorgt wie bei allen ihren Geschichten, die ich bisher gelesen habe, einfach Sonja Kaiblingers Sprachstil. Witzig, frech, spritzig, da kann Lesen nur Spaß machen. Die Geschichte wimmelt nur so von ulkigen Szenen, die einen fast Tränen lachen lassen, da denke ich nur mal an den Direktor, der auf dem Mädelsklo meditiert. Schlagfertige Dialoge und spitze Sprüche machen die Geschichte ebenfalls zum großen Vergnügen. Da kann schon mal die Frage kommen, „Denkt ihr vielleicht Mädchenpupse riechen nach Rosen?“. Namen  wie „Cloakina“ oder „rosarote Sumpfhexe“ und Wortschöpfungen wie „widerhaft“, die Kombination aus widerlich und ekelhaft, die originell und ausgefallen gewählt sind, lassen einen ebenfalls schmunzeln. Super sind auch die zahlreichen Vergleiche, da macht es schon einmal einen so lauten Knall, dass sogar die Warze auf der Nase wackeln kann.

Aber nicht nur der Sprachstil nimmt einen mit, auch die Geschichte ist so richtig spannend. Wer verwüstet das stille Örtchen der Mädchen immer wieder? War es wirklich der neue Hausmeister Niemand und ist er vielleicht sogar obendrein noch ein gesuchter Bankräuber? Gibt es da erste Liebespärchen, oder wird eher nichts draus? Wie wird wohl die Jungstoilette ausgestattet, oder reicht das Geld nicht mehr und die Dixies müssen bleiben?

Ernst ist der Klassenclown und fehlt bei keinem Blödsinn. Klar, dass man ihm die Schuld in die Schuhe schieben möchte, wem könnte man es denn auch sonst schon am ehesten zutrauen? Düstere Miene, Narbe im Gesicht auch das macht doch irgendwie verdächtig. Mir gefällt gut, wie die Autorin hier das Thema Vorurteile verbaut. Eine wichtige Botschaft ist auch, dass im Internet viel Unsinn getrieben wird, und dass Ernst, der You Tube Star, seinen richtigen Namen nicht preisgibt, ist bestimmt ein guter Ratschlag.

Super gut gefallen haben mir auch Chloes  Einträge ihrer „EnzyKLOpädie“, die sich immer wieder zwischen die Kapitel einreihen. Wer wissen will, welchen Klotick Madonna hat, wie es mit den Klos auf Versailles so aussah oder was es mit „Klorigami“ auf sich hat, der muss selber lesen. Ich selbst muss den ersten Teil unbedingt noch nachholen, nicht nur, aber auch wegen der EnzyKLOpädie Einträge 1-7.

Die Charaktere sind herrlich originell und gelungen gezeichnet, aufzählen kann man hier gar nicht alle. Aber Chloe war mir von Anfang an super sympathisch, sie muss man einfach mögen. Ihr bester Freund Ernst spielt gern den Klassenclown, was ich amüsant fand, weil man viel schmunzeln darf. Ganz super fand ich auch Angelique, die ja eigentlich die Zicke ist, zumindest spricht viel dafür. Sie ist so eingebildet, dass man schon wieder grinsen muss. „Nicht dass ich nicht in Flohmarkt Klamotten eine Augenweide wäre“, hat schon etwas. Ganz ihrer Meinung bin ich aber, wenn sie behauptet, dass Herr der Ringe noch langweiliger als Fußball ist. Sehr geheimnisumwoben sind Herr Niemand, der neue Hausmeister und sein Sohn Heikomir dargestellt. Da war ich mir lange nicht sicher, was ich von ihnen halten soll, wobei mir Heikomir immer sympathischer wurde. Einen Direktor wie Herrn Oberhäusl, der in bunten ausgefransten Hippie Klamotten daher kommt, die Toiletten zum Partyraum macht, sich selbst nicht zu schade zum Putzen ist, und der so fair ist, hätte ich auch super gern. Süß finde ich auch Schulkater Giovanni, womit ich meine Auswahl auch beenden mag.

Alles in allem eine witzig, spritzige sowie spannende Geschichte, die originelle, sympathische Charaktere ins Rennen schickt und zudem gelungen mit Schwarz-Weiß Zeichnungen, die einen nicht selten schmunzeln lassen, illustriert ist, und die ich nur empfehlen kann.

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20 Bibliotheken, 4 Leser, 0 Gruppen, 9 Rezensionen

Alles, was Mädchen wissen sollten, bevor sie 13 werden

Heike Abidi , David B. Hauptmann , Heike Herold
Flexibler Einband
Erschienen bei PINK!, 07.03.2017
ISBN 9783864300622
Genre: Jugendbuch

Rezension:

Ich kenne und liebe die Romanheldin Henriette aus „Tatsächlich 13“, „Plötzlich 14“ und „Endlich 15“. Nun ist ihr Blog aus Band 1, der in Band 2 gedruckt und in Band 3 ergänzt wurde, tatsächlich als Buch erschienen, ich habe so darauf gewartet und bin völlig begeistert.

Ein weiterer Aufklärungsratgeber, hat den die Welt auch noch gebraucht? Ich meine definitiv ja, diesen zumindest schon. Denn anders als üblich, findet man hier keine schnöden und trockenen Schminktipps, Anleitungen zum Tampon-Einführen oder Listen von möglichen Verhütungsmitteln.  Hier schreibt Jette offen, ehrlich über ihren ganz persönlichen Weg, ihre Erfahrungen, ihre Fragen und ihre Meinung über das Pubertätschaos. Dabei gibt sie zahlreiche gute und wertvolle Tipps, plaudert aus dem Nähkästchen und präsentiert überraschende, nicht alltägliche und interessante Informationen zu Fragen, die sie eben beschäftigt haben, schließlich will sie Wissenschaftsjournalistin werden. Dabei reicht die Bandbreite von wann ist der richtige Zeitpunkt für was, den es natürlich ebenso wenig wie „normal“ gibt, über Jungs oder Eltern, wie sie so ticken und warum, bis hin zu Problemen, wie Mobbing oder Scheidung der Eltern.  Jede Leserin kann sich daran orientieren oder es eben anders machen, weil auch jede Menge Möglichkeiten dazu aufgezeigt werden.

Aufklärung wichtig, aber wie richtig? Jeder Mensch ist ein Individuum und so ist auch der Aufklärungsbedarf nicht exakt in ein Schema mit exakten Altersvorgaben zu pressen. Und das ist hier wirklich geschickt gemacht. Da gibt es zum Beispiel eine biodynamische Gurke als Lacher zum Gebrauch von Kondomen und dann zahlreiche Internetadressen, wo man sich individuell nach Entwicklungsstand die Informationen holen kann, die man im Moment braucht und auch haben mag.

Der Schreibstil von Heike Abidi, hier ja eigentlich ihrer Romanheldin Henriette, liest sich wie immer locker, leicht und man fliegt fast durch die Seiten. Es gibt super viel zum Schmunzeln und Lachen, bei Hitlisten zu peinlichen Kosenamen angefangen, bis hin zu Melonenexperimenten zum zu erwartenden Busenwachstum. Der Leser wird direkt angesprochen „ …Wenn ihr das auch wollt, dann habt ihr genau das richtige Buch in der Hand. Kommt einfach mit“ und aktiv zum Ausfüllen von diversen Checklisten aufgefordert, was mir sehr gut gefallen hat.

Richtig begeistert bin ich auch vom übersichtlichen und äußerst ansprechenden Layout. Kurze knackige Abschnitte, deutliche Überschriften, diverse Schriftarten, Checklisten und ab und an auch eine Zeichnung zur Illustration, die einen nicht selten schmunzeln lässt, wirken mehr als einladend und man bekommt schon beim ersten Blättern so richtig Lust zum Schmökern. Fünf Kapitel, alle in diverse kleinere Themen unterteilt, und ein ausführliches, übersichtliches Inhaltsverzeichnis machen das Buch auch zum perfekten Nachschlagewerk.

Für wen ist das Buch zu empfehlen? Ganz klar für alle Mädels, die in die Pubertät kommen und rund um dieses Alter sind. Ich will aber auch Jungs, die wissen wollen, wie Mädchen so ticken, nicht ganz ausnehmen, denn einiges lernen und viel schmunzeln können sie auf jeden Fall, auch wenn dies verständlicherweise nicht die Hauptzielgruppe sein wird. Ganz dringend möchte ich aber das Buch auch allen Eltern ans Herz legen. Mit Sicherheit hilft es sich wieder an seine eigenen Probleme in diesem Alter zurück zu erinnern und verhilft so zu mehr Verständnis für die Pubertätslaunen des Nachwuchses. Mit einem amüsanten Seitenwink erkennt man sich bestimmt hier und da wieder und denkt, ah ja genau, so wollte ich ja als Mama oder Papa einmal nicht werden und kann daran bei Bedarf etwas ändern. Auf jeden Fall findet man hier aber viele Anknüpfungspunkte bzw. Türöffner für ein ernstes Gespräch mit seinen Kindern, die man ja schließlich gut aufklären will.

Ein richtiges Alter gibt es nicht, ebenso wenig wie einen exakten Rat in Gefühls- oder Erziehungsfragen. Das ist eine extrem wichtige Botschaft und ich denke hier kann sich jeder genau das heraus holen, was er braucht. Begeisterte fünf Sterne und eine volle Leseempfehlung.

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25 Bibliotheken, 2 Leser, 0 Gruppen, 20 Rezensionen

kinderroman, lustig, oetinger verlag, ab 6 jahren, kinderbuch

Frieda Kratzbürste und ich

Rüdiger Bertram , Heribert Schulmeyer
Fester Einband: 96 Seiten
Erschienen bei Oetinger, 20.03.2017
ISBN 9783789104343
Genre: Kinderbuch

Rezension:

Als absoluter Fan des Duos Bertram & Schulmeyer, habe ich mit „Frieda Kratzbürste“ einen weiteren Beweis dafür bekommen, dass mich die beiden wirklich nur begeistern können.

Frieda ist zwar aufmüpfig und vorlaut, aber auch extrem mutig, hat vor nichts Angst und ist super selbstbewusst. Sie begleitet Anna schon seit ihrer Geburt und redet auch nur mit ihr, was ganz schön peinlich werden kann, denn bei Frieda handelt es sich um ein, für alle anderen, hässliches Ding aus Plüsch. Dabei ist Frieda für Anna die schönste Puppe und beste Freundin, obwohl, oder gerade weil, sie so ganz anders ist als sie. Anna würde sich nie trauen, vorlaut oder frech zu sein, am besten nicht auffallen ist ihre Devise. Deshalb will sie auch schon gar nicht zum Kindergeburtstag bei Marie, denn vielleicht spielt ja überhaupt niemand mit ihr. Aber weder ihre Mama noch Frieda lassen sich davon abbringen, eine Geburtstagsparty ist klasse, da muss man einfach hin.

Der Sprachstil des Autors liest sich einfach toll und nicht nur für die Altersgruppe Erstleser hat Rüdiger Bertram hier genau das richtige Händchen bewiesen. Kurze Sätze, leicht verständliches Vokabular, hier hat niemand Probleme und auch beim Vorlesen hat man als Erwachsener noch seinen Spaß. Begeistert bin ich von den zahlreichen Vergleichen wie „Berge aus Kuchen“, „braun, wie das Pippi von Braunbären“ oder „Seen aus Kakao“, sodass man sich die Geschichte toll im Kopf ausmalen kann. Es gibt ganz viel zu schmunzeln, dafür sorgt schon Frieda mit ihren zahlreichen frechen Aktionen, witzigen Wortschöpfungen und ihren Sprüchen. So schlägt sie als Geburtstagsgeschenk z.B. einen „rosadoofen Elefanten“ vor, war früher natürlich früher Königin in einem Königreich irgendwo dahinter und hat sich von ihren „Untertanten“ jeden Tag zweimal Geburtstagsgeschenke bringen lassen. Super witzig fand ich auch ihren Einsatz als Navi beim Topfschlagen, mit „rinks“ und „lechts“ kommt man schließlich auch irgendwann ans richtige Ziel.

Anna ist ein schüchternes Mädchen und sie war mir von Anfang an super sympathisch. Besonders toll fand ich, dass sie sich richtig Gedanken darum macht, mit was sie Marie zum Geburtstag auch wirklich eine Freude machen kann. Endlich einmal nicht ein Geschenk, damit man einfach etwas geschenkt hat. Ich konnte mich super gut in sie hinein versetzen und ich denke das kann jedes schüchterne Kind ebenso. Gerade deshalb hat mir die Geschichte auch so gut gefallen, gibt sie doch die wertvolle Botschaft „Manchmal muss man sich einfach nur trauen!“ mit auf den Weg.

Die 93 Seiten Text verteilen sich auf 5 Kapitel, die damit etwas länger geraten sind, als man es für Erstleser vielleicht erwartet. Allerdings macht dies wett, dass Schrift nicht zu klein ist und pro Seite auch nicht zu viel Text zugemutet wird. Der stabile Einband und das festere Papier machen einen hochwertigen Eindruck und eignen sich auch prima für kleinere Kinder.

Heribert Schulmeyer und der Autor sind ein eingespieltes Team und die beiden scheinen sich einfach nur perfekt zu ergänzen. Die Illustrationen, die von ganz viel Herzblut bei der Arbeit zeugen,  könnten nicht besser zur Geschichte passen. Auf den farbigen Zeichnungen lassen sich zahlreiche kleine Details finden, beim Bürsten-Zepter von Frieda angefangen über Bären, die in Kakaotassen baden, bis hin zu Katzen, die verschreckt um die Ecke blinzeln, was das Betrachten der Bilder allein schon zum Erlebnis macht.

Alles in allem ist „Frieda Kratzbürste“ ein witziges Buch für alle schüchternen Kinder, die dies nicht länger bleiben wollen, das ich nur empfehlen kann.

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13 Bibliotheken, 2 Leser, 0 Gruppen, 7 Rezensionen

mord, stau, kaninchen, nrw, krimi

Die Abbieger

Thomas Schweres
Flexibler Einband
Erschienen bei GRAFIT, 28.02.2017
ISBN 9783894254858
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Thomas Schweres hat mich bereits mit seinen ersten drei Fällen, „Die Abtaucher“, „Die Abräumer“ und „Die Abdreher“ , die er dem Ermittlerduo aus  Hauptkommissar Georg Schüppe und der TV-Reporter Tom Balzack im Ruhrgebiet zu lösen gab, super gut unterhalten und deshalb war ich sehr gespannt auf „Die Abbieger“. Auch wenn dieser Krimi, nicht nur versprochen hat, anders als seine Vorgänger zu sein, sondern dieses Versprechen auch gehalten hat, war ich begeistert von Anfang bis Ende.

Was hat er sich hier ausgedacht? Im Focus steht dieses Mal vor allem Klaus-Werner Lippermann, genannt Klausi, alles andere als ein Profigangster. Nein vielmehr zu bemitleiden, denn eines Nachts werden seine beiden Lieblinge Molly und Whitey brutal abgeschlachtet, was den Kaninchenliebhaber völlig aus dem Ruder wirft. Seine Mutter Elfriede, bei der der Junggeselle noch wohnt, tröstet ihn mit den Worten. „War vorbei is, is vorbei. Du ändersse nix daran, Junge. Denk lieber an die schöne Zeit, die du mit deine Tierkes hattest.“ Und genau das bringt Klausi zum Überlegen. Wie viel mehr Zeit hätte er mit seinen beiden Lieblingen verbringen können, wäre er nicht in den letzten Jahren insgesamt 352 Stunden im Stau gestanden? Nach Klausis exakten Berechnungen war an 209 Stunden davon die nordrhein-westfälische Straßenbauverwaltung alleinig Schuld und das schreit nach Rache und Wiedergutmachung. Gemeinsam mit seinem - nun ja, Freund? Partner? Komplize? Einzigem Bekannten? Alfred „Freddy“ Kruppel, dem die kleine Finanzspritze, die er sich erträumt, gerade recht kommt und den Klausi von den Kaninchenzüchtern kennt, beschließt er Herr Dr. Weissfeldt, den Chef von Straßen.NRW zu entführen.

Die beiden sind keine Profi-Gangster,  und deswegen bekommt man hier als Leser jede Menge  viele skurrile, teils aber auch gefährliche Szenen geboten. Man darf Klausi und den Entführten auf ihren täglichen Autofahrten begleiten und sich über verwaiste Baustellen, unerklärliche Tempobegrenzungen, seltsame Ampelschaltungen oder Blitzerkästchen, die jeder Autofahrer zu genüge kennt, wundern und ärgern. Klausi steigert sich in den Gedanken hinein, dass es sich um eine Verschwörung der Politik handeln muss. Seiner Meinung nach wird hier Straßenbau als Ersatzdisziplinierung für die Bevölkerung missbraucht und die Straßen NRW soll als Blitzableiter fungieren. Zahlreiche Nebenschauplätze, wie ein Ring von Drogenhändlern, ein Anschlag auf Toms Büroräume und natürlich auch die Suche nach den Kaninchenmördern liefern zusätzlich Spannung und ganz viel Witz.

Der Schreibstil liest sich locker, leicht und man könnte, fast mit einem Dauergrinsen im Gesicht, durch die Seiten fliegen. Allerdings würde einem dann vielleicht doch die eine oder andere skurrile, schwarzhumorige oder einfach völlig geniale Szene entgehen, von der dieser Krimi nur so wimmelt. Klasse Seitenhiebe wie „Wenn pünktlich am Monatsende das staatliche Salär automatisch dem Konto zufloss, dann waren sieben Minuten wenig“ oder der Wink mit dem Zaunpfahl auf die AfD, weil hier der Run auf den fiktiven und von Klausi völlig frei erfunden Verein TuS-V, der sich angeblich für Verkehrsangelegenheiten und Tierschutz einsetzt und von dem eigentlich niemand etwas Genaueres weiß, so groß ist, sind Beispiele für die zahlreichen kleinen Details, die sich hier finden lassen und die die Storys von Thomas Schweres zu etwas ganz Besonderem machen.

Klar habe ich mich wahnsinnig über ein Wiedersehen mit alten Bekannten gefreut. Georg Schüppe plagt noch immer sein Knieleiden und daher geht ohne Voltaren natürlich gar nichts. Ich hoffe nur schwer, dass ihn eine OP noch einmal reaktivieren kann, es wäre jammerschade, wenn der Polizeipräsi nicht mehr sagen könnte, „na gräbt der Spaten bereits am neuen Fall, haha“, weil er sich einfach so in Vorruhestand verdrücken will. Auch wenn natürlich sein Kollege Amin Gütekin ein absolutes Original ist, der ebenfalls bei mir so richtig punkten kann. Etwas Alterserscheinungen scheint auch Tom Balzack zu verspüren. Klar noch mit Biss an der Sache, aber er freundet sich immer mehr mit dem Gedanken an, seinem Sohnemann Chris Aufgaben zu delegieren, statt sich selbst z.B. für Observierungen ins Auto zu setzen. Wobei hier gute Gene vorhanden sind und auch er macht seine Sache für den Anfang wirklich ausgezeichnet. Klausi, der hier eine tragende Rolle spielt, hat jegliches Klischee des Müttersöhnchens erfüllt. Der auf sozialer Ebene auf jeden Fall mit erheblichen Defiziten ausgestattete, auf seine Art aber liebenswürdige Mann war mir eigentlich von Anfang an sympathisch. Er ist ein Verbrecher, bei dem es schwer fällt ihn zu verurteilen, zumindest ganz lange Zeit. Ihm geht es hauptsächlich darum seine Trauer um die Kaninchen zu verarbeiten und natürlich darum etwas an der Verkehrssituation zu ändern, er schlittert so in dieses Verbrechen hinein. Ganz im Gegensatz zu seinem Partner Freddy, dem es eigentlich nur um den Profit geht und der mir von Anfang an wenig sympathisch war. Eine Pracht ist auch der Entführte Dr. Weissenfeldt. Der dank eines firmengestellten Chauffeurs nicht besonders gute Autofahrer, hat mich ganz oft zum Lachen gebracht. Sollte man doch meinen nach Tagen täglich morgens im Stau sollte das Anfahren irgendwann einmal klappen. So klasse fand ich Klausis Mama Elfriede, die für ganz viele Lachtränen gesorgt hat. Sie ist sehr besorgt um ihren Sohnemann und will ihn unbedingt unter die Haube bringen und da ist sie auch bei ihrem 42-jährigen Sprößling nicht verlegen darum, ihm mit den Worten „ Klaus-Werner, gib die Claudia doch mal die Hand!“ eine Dame näher vorzustellen. Allzu glückliches Händchen hat sie bei der Auswahl der zukünftigen Schwiegertöchter in Spe allerdings nicht, denn weder Claudia noch Heidi, deren Rammler nicht mehr zu gebrauchen ist, eignen sich wohl für Klausi. Aber auch alle kleinen Rollen sind herrlich besetzt, stellvertretend erwähne ich hier Toms Nachbar und Rentner Gomez, der eine fulminanten Aufstieg im Ansehen bei Tom, als auch in beruflicher Hinsicht verzeichnen kann. Feindaufklärer und ein Job als ehrenamtlicher V-Mann hört sich doch klasse an.

Der Krimi spielt im Ruhrpott und das ist nicht zu übersehen, nicht nur durch die ganzen Autobahnfahrten, die hier genial beschrieben werden. Ganz klar, dass auch Fußballfanbecher und der Dialekt nicht fehlen dürfen. Richtig gut gefallen hat mir auch die ganz besondere Schrebergartenkolonie Emscherglück, in der Klausi beileibe nicht der einzig etwas merkwürdige Kleingärtner ist.

Alles in allem ein Krimi, bei dem mir jede einzelne Seite super gut gefallen hat. Witzige, skurrile Gestalten, ein durchaus auch spannender Kriminalfall, zahlreiche kleine Details, die von Schreibkönnen zeugen machen Die Abbieger zur Topempfehlung für jeden Krimiliebhaber, der gern auch einmal schmunzeln mag. Völlig begeisterte 5 Sterne.

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41 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 20 Rezensionen

schwangerschaft, hypochonder, geburt, schwangerschaftsmanager, lustig

Die Schwangerschaft des Max Leif

Juliane Käppler
Flexibler Einband: 352 Seiten
Erschienen bei Knaur Taschenbuch, 01.03.2017
ISBN 9783426519745
Genre: Romane

Rezension:

Alles in allem war ich wirklich begeistert von diesen 367 Seiten grandios guter Unterhaltung und „Die sieben Tode des Max Leif“ wird sicher eines meiner Lesehighlights dieses Jahr, war mein Fazit von Band eins im letzten Jahr und deshalb habe ich mich wahnsinnig über die Fortsetzung gefreut. Juliane Käppler hat hier einen Nachfolger hervorgebracht, der dem in nichts nachsteht und sofort wieder auf meiner Hitliste der jahresbesten Bücher gelandet ist.

Max hat mit Freundin Maja einen richtigen Glücksgriff getan. Scheinbar so gut wie alle Ängste in Schach, ist er auf dem Weg seinen neuen Porsche abzuholen und wird dabei durch Zufall  im Stau zum Retter in der Not für eine hochschwangere Frau. Was er dabei noch nicht ahnt ist, dass er bald selbst Vater sein wird und das sogar gleich zweifach, denn wenn schon, dann richtig. Ganz klar, dass er für seine künftig drei wichtigsten Menschen im Leben alles perfekt machen und sie vor jeglicher Gefahr bewahren muss. Max Leif is back und stellt sich seiner Verantwortung – schließlich ist Maja von ihm schwanger und das muss gecoacht werden.

Was steht dieses Mal an? Erst einmal darf man natürlich immer wieder mit zur Arbeit. Die Kita „Kling Klang“ ist nicht nur Majas Reich, sondern auch Einsatzort für Max, der da den Musikunterricht übernimmt. Hier muss man sich als Leser auf nervige Eltern, die Jekaterina so treffend mit „was fir blede Alte“ betitelt einlassen, darf dabei sein, wenn es manche Exemplare Max besonders schwer machen, sie zu mögen, erlebt aber auch ganz viele süße und witzige Momente, in denen die Kleinen ganz groß rauskommen. Außerdem muss man natürlich mit Maja die ganze Schwangerschaft mit allen ihren Höhen, wie ersten Bewegungen, und Tiefen, wie Dauerübelkeit oder Schwangerschaftsalzheimer, überstehen. Mit Max avanciert man zum Schwangerschaftsmanager, der natürlich von Kinderwagen bis Babybrei alles genauestens checkt. Aber keine Angst ihm und dem Leser steht in dringenden Fragen ein virtueller Duddy zur Seite.

Der Schreibstil der Autorin liest sich herrlich locker, leicht und ich bin fast durch die Seiten geflogen. Ich konnte viel schmunzeln, hatte fast ein Dauergrinsen im Gesicht, von den restlichen Szenen, die mich sehr berührt haben, einmal abgesehen. Ich habe keine einzige Länge gespürt und jede einzelne der 352 Seiten regelrecht verschlungen. Einmal angefangen zu lesen war ich froh, dass Wochenende war, weil ich das Buch nicht mehr aus der Hand legen konnte. Julianne Käppler gelingt es hervorragend Gefühle darzustellen und kommt dabei bei Szenen, bei denen es um Liebe geht, zum Glück alles andere als kitschig daher. Die Geschichte sprudelt nur so vor Situationskomik, die nie übertrieben wirkt und gelungenen Dialogen, die einem die Lachtränen bereiten. Max Leif erzählt wie schon im ersten Teil aus der Ich-Perspektive und so ist man ganz nah an seinen Gedanken dran. Ich konnte mich super gut in ihn hinein versetzen.

Habe ich Max Leiff, den  (ehemaligen) Hypochonder in Hochperfektion, im ersten Teil noch liebevoll als kleinen Spinner bezeichnet und nicht nur deshalb ins Herz geschlossen, hat er hier mit seinem super rücksichtsvollen Verhalten noch mehr punkten können. Den Netzdoktor befragen ist längst nicht mehr seine Lieblingsbeschäftigung, auch wenn er natürlich seine Freundin Maja und den Nachwuchs jetzt am liebsten vor allen eventuellen Gefahren bewahren will. Dafür hat er sich ein Päckchen Gelassenheit und Souveränität zugelegt, was das Behüten wohl auch für Maja erträglicher macht. Sie reagiert aber zum Glück sowieso aufs Max Sorgen mit viel Ironie und Lachtränen, zumindest wenn sie die Schwangerschaftshormone nicht dahingehend ausbremsen. Die beiden sind in meinen Augen ein absolutes Traumpaar. Toll war das Wiedersehen mit alten Bekannten. Mein Highlight war und ist natürlich die russische Putzfrau Jekaterina, die dreimal in der Woche zu Hause „Stall von Schweine“ putzt und täglich in der Kita den „Krempel von schlecht erzogene Kinder“ wieder in militärische Ordnung versetzt und ihm dabei klar auslegt „was steht in Arbeitsvertrag“, auch wenn sie dabei fast in die „Mühle Klaps“ kommt.  Das Unikum hat mir mit jedem einzelnen ihrer Auftritte Lachtränen beschert. Aber auch die Nebendarsteller sind grandios gezeichnet, bei der nervigen Mama Wallbusch-Schabrowski angefangen, die sich über schlichtweg alles beklagt, über die besonders herzigen Knirpse Janosch oder Lucy aus der Kita, die man einfach nur knuddeln könnte, bis hin zu Frau Dr. Bärbeißer, ohne deren Rat es bei Max zum Glück immer noch nicht geht.  Gefreut habe ich mich auch über die tierischen Mitspieler, Dobermann Hannibal, der weiter dezibellt,  auch wenn er Max inzwischen nicht mehr ans Bein pinkelt, die Krähe im Garten mit ihrem provokanten Gehopse und Kater Lector, dem Schwangere wohl nicht so ganz geheuer sind.

Alles in allem ein Roman, der hundertprozentig für gut Laune sorgt. Ganz unbedingt sollte man mit Max, den man einfach in keine Schublade stecken kann, eine Schwangerschaft einmal ganz hautnah miterlebt haben. Absolute Leseempfehlung für dieses Highlight und völlig begeisterte 5 Sterne.

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4 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 3 Rezensionen

krimi, leseexemplar, anti-terror-übung, fortsetzung, band 2

Bayerisches Roulette

Dinesh Bauer
Flexibler Einband: 384 Seiten
Erschienen bei Aufbau TB, 17.02.2017
ISBN 9783746632575
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Dorfbulle Schorsch Wammetsberger, eh schon hundemüde, saugrantig und, der Diät wegen, von einem Bärenhunger geplagt, wird zur einer Anti Terror-Übung einberufen, die sich die „lästige Schoaßhausfliegn“, alias dem neuen Polizeipräsident, hat einfallen lassen. Ganz klar, dass das, bestens ausgestattet im „ausrangierten Unimog“, dem „ein Taliban auf dem Dreirad“ davon fährt und im Kampfanzug, zwei Nummern zu klein, nicht gut gehen kann. Die Übung scheint ganz klar ihr Ziel verfehlt zu haben. Aber der Sprengstoffanschlag auf die Fundamente der neuen Hochspannungsleitung stand ja auch so nicht auf dem Programm, ebenso wenig wie die Autopanne, die ihn jetzt mitten in der Pampa stehen und auf Ablösung warten lässt. Wie es der Zufall will, muss sich zu allem Elend auch noch der depperte Hubsi, ein Mitglied seiner Walderer-Bruderschaft, ausgerechnet hier erschießen und entsorgen lassen. Zuerst mal drüber hinwegsehen, sonst wäre ja der heutige Kameradschaftsabend im Schützenheim in Gefahr. Von einer Kollegin letztendlich aber auch entdeckt und gemeldet, landet der Fall vom Ermordeten auf dem Schreibtisch der Kripo Grenzberg. Aber auch Wammetsberger stürzt sich letztendlich in die Ermittlungen,  Ehrensache, dass man den Mord des Bruders sühnen muss.

Bei den Ermittlungen wird also auf mehreren Fronten gekämpft, die Kripo, die Polizeibeamten, die ihnen zuarbeiten, die Waldererbruderschaft, aber auch LKA und Staatsschutz mischen mit. Wer hat den Toten auf dem Gewissen? Hatte er etwas mit dem Sprengstoffanschlag zu tun, der etwa zur  selben Zeit war? War er gar der Zündler, der sich womöglich mit den Anführern verkracht hat, Schmauchspuren an den Fingern hatte er ja? Laut Brüdern war er aber eher ein „Dünnbrettbohrer“, dem man nie einen solchen Auftrag gegeben hätte. Viel eher hat er sich mit einem seiner Stammtischkumpels überworfen, denn er hat sich ja ständig aufgeplustert und außerdem auch gern einmal zugelangt, wenn er einen über den Durst getrunken hat. Auch die zahlreichen Verehrer seiner Exfrau könnten Rache genommen haben, weil er ihnen aufgelauert hat. Einmal ganz abgesehen von seinen zahlreichen Vorstrafen, wegen illegalem Waffenbesitz und Subventionsbetrug, auch da könnte noch etwas hinterm Busch sein. Aber wenn er nichts mit dem Sprengstoffanschlag zu tun hat, wer steckt da dann zum Teufel dahinter, die Alpen-Taliban? Der Fall ist spannend angelegt, denn mögliche Täter gibt es zuhauf. Auch wenn noch so viele bei den Ermittlungen mitmischen, gäbe es mehr als genug zu tun. Allerdings empfand ich beim Lesen nur mäßig Spannung, für meinen Geschmack ging die Tätersuche stellenweise eher schon etwas langatmig vonstatten.

Ich habe mit dem Lesen begonnen und auf den ersten Seiten konnte ich herrlich viel schmunzeln. Die Geschichte sprudelt nur so vor Situationskomik, witzigen Beschreibungen und ganz besonderen Charakteren. Der Autor beschreibt derart bildhaft, dass man sich wirklich alles bis ins kleinste Detail vorstellen kann. Zahlreiche,  durchaus einfallsreiche und originelle Vergleiche, oft einige davon aneinandergereiht, lassen ein exaktes Bild im Kopf erstehen. Mit zunehmender Seitenzahl hat sich bei mir allerdings leider eine Art Sättigungsgefühl eingestellt und hier wäre, meinem Geschmack nach, weniger deutlich mehr gewesen. Wenn es schon einmal knapp 60 Seiten bedarf, bis vor lauter Situationskomik über die Einsatzübung der erste Blick auf die Leiche geworfen wird, werde ich beim Lesen etwas ungeduldig. Auch wenn ich für Regionalkolorit wirklich zu begeistern bin und toll finde, dass ein ausführlicher Blick auf die Landschaft geworfen wird, wird es mir ein bisschen zu viel, wenn es dann z.B. mehr als eine Seite von gelangweilten Rindviehern auf der Wiede nebenan handelt  oder für knapp drei Seiten über die Betrachtung der Unterhose des Toten reicht. Meiner Meinung nach, einfach deshalb, weil es zu viel von der Spannung raubt. Manchmal hat es mir auch etwas den Durchblick an der eigentlichen Krimihandlung erschwert, weil nicht mehr so klar zu sondieren ist, was wichtig ist. Nicht so ganz verstehen konnte ich auch das Englisch meets Bavaria, auch wenn der neue Polizeipräsident Schreiber einen Hang dafür hat. Die Kapitelüberschriften sind durchgängig auf Englisch, es tummeln sich zahlreiche Fachbegriffe wie „Gender-Diversity“, „Basics“ oder „Code of conduct“. Soll hier der krasse Gegensatz zu den urigen Dorfbewohnern besonders zur Geltung kommen?

Der Alpen-Krimi "Bayerisches Roulette" ist der zweite Teil der Krimireihe von Autor "Dinesh Bauer" um den Dorfbullen Schorsch Wammetsberger. Für mich war es der erste. Vielleicht wäre es besser gewesen, mit dem Vorgänger zu beginnen, dann wären mir zumindest die Namen einiger Protagonisten schon vertraut gewesen. So hatte ich doch stellenweise zu kämpfen damit, dass es zahlreiche Mitspieler gibt, die alle zudem noch abwechselnd mit Vor-, Nach und Spitznamen genannt werden. Das hat mein ohnehin schlechtes Namensgedächtnis schwer gefordert und hat mir dadurch das Lesen erschwert, trotz Namensverzeichnis zu Beginn des Buches.

Die Charaktere sind durchgängig wirklich originell gezeichnet. So ist z.B. Polizeihauptmeister Georg Wammertsberger, auch Schorsch genannt, ein Mann mit stattlichem Malz- und Knödelwanst, der „nicht zur Polizei ist, um den Bayerischen Verdienstorden zu bekommen, sondern um sich keinen Hax auszureißen und sich so früh wie möglich in Vorruhestand zu verdrücken.“ Wenn er sich aber etwas in den Kopf gesetzt hat, kann er aber durchaus hartnäckig sein und auch intensiv nachdenken, was daran zu erkennen ist, dass er sich am Nasenflügel reibt. Ganz grün sind die die einzelnen Ermittler Gruppen natürlich nicht. So packt Kriminalobermeister Leonhard Hartl Harthofer, der schon mal die Bereitschaft verdrängt um sich einen gehörigen Kater einzufangen,  gern seinen „Kriminalisten Katechismus aus um den begriffsstutzigen Hinterwäldler-Bullen das nötige Basiswissen in Sachen Gewaltverbrechen einzubläuen.“ Auch die den kleinen Nebenrollen, wie z.B. der demente Meister der Waldererbruderschaft, der statt süßem Senf Orangenmarmelade auf die Weißwurst streicht,  zeugen von Erfindungsreichtum.

Alles in allem stecken in „Bayrisches Roulette“ eine Menge Situationskomik, viele Szenen, die dem Bauerntheater entsprungen sein könnten, skurrile, zahlreiche vor allem urbayrische Protagonisten und detailverliebte Landschaftsbeschreibungen, die einen direkt vor Ort versetzen und viel schmunzeln lassen. Wem der Krimi an sich nicht so besonders wichtig ist, der findet bestimmt Gefallen.

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16 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 13 Rezensionen

schweiz, krimi, solothurn, rache gedanken, bestseller

Solothurn streut Asche

Christof Gasser
E-Buch Text: 352 Seiten
Erschienen bei Emons Verlag, 23.02.2017
ISBN 9783960411857
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Schon mit „Solothurn trägt Schwarz“ hat mich der Autor davon überzeugt, dass er unbedingt auf die Liste meiner Lieblingsschriftsteller gehört. Ich war deshalb sehr gespannt auf die Fortsetzung und auch dieses Mal hat Christof Grasser einen brandaktuellen, spannungsgeladenen Krimi vorgelegt, der mich von Anfang bis Ende begeistert hat.

Es geht sofort in die Vollen. Was wollte die beunruhigte Ordensschwester von Kantonspolizist Dominik Dornach bevor sie ermordet wurde? Was hat es mit dem aufgemalten Aschekreuz auf sich, mit dem die Leiche wenig später aufgefunden wird? Maja Hartmann übernimmt stellvertretender Weise den Fall, da Dominik Dornach noch Jana Cranach zu ihrem neuen Einsatzort bei Europol als „Deputy of Operation“ begleitet. Bei seiner Rückkehr schlagen die Wogen hoch in Solothurn. Staatsanwältin Angela Casagrande hat einen Hausherrn angeklagt, der angeblich in Notwehr einen jugendlichen Migranten bei einem Einbruchversuch erschlagen hat. Der rechtsradikalen Fortschrittspartei, die kurz vor den Wahlen steht, kommt dieser Fall gerade recht um die Stimmung anzuheizen. Casagrande braucht alle Unterstützung, die ihr Dornach natürlich zusichert. Derweil macht diesem sein Töchterchen Sorgen, denn sie beschließt ausgerechnet in dieser angespannten Lage vor Ort, sich gemeinsam mit ihrer neuen Bekannten Lori Palmer für die Rechte der Emigranten einzusetzen, natürlich wie immer an vorderster Front.

Auf den ersten Blick scheinbar lose Enden, oder haben diese diversen Schauplätze etwas gemein? Man ist als Leser sofort im Bann dieser vielschichten Handlung. Wer steckt hinter dem Mord an der Nonne? War es wirklich Notwehr, oder eigentlich doch nicht wirklich? Bringt sich Töchterchen Pia schon wieder unnötig in Gefahr? An was arbeitet Jana, was hat es mit der Paneuropäischen Front, den rechtsextremen Parteien und den christlich fundamentalistischen Gruppierungen auf sich? Nicht nur jeder einzelne Strang ist super spannend, sondern natürlich auch der gesamte Zusammenhang. Dieser ist grandios konzipiert und auch wirklich erst auf den letzten Seiten vollständig zu durchschauen. Zusätzlich eingeschobene kursive gedruckte Kapitel, die von einem regelrechten Alptraum erzählen machen die Geschichte zu einem Pageturner, den man nicht mehr aus der Hand legen kann.

Der locker, leichte Schreibstil des Autors hat unbeschreibliche Sogwirkung. Die relativ kurzen Kapitel und die häufigen Perspektivwechsel lassen einen regelrecht durch die Seiten fliegen. Christoph Grasser versteht sich geschickt darauf Emotionen beim Leser zu schüren. Ich hatte stellenweise einen richtigen Hass auf korrupte Leute, habe gelitten beim unvorstellbaren Unrecht was hier Menschen angetan wird, habe bei einigen Szenen vor Angst mit Gänsehaut gebibbert, aber habe mich auch über Erfolge mitgefreut. Sehr gut gefällt mir, dass es auch immer wieder etwas zu schmunzeln gibt. Dafür sorgt vor allem Maja, die sich kein Blatt vor den Mund nimmt und auch um einen guten Spruch stets nie verlegen ist. So kann von ihr schon einmal kommen „Mode Ikone war sie keine. Es sei denn, ich hab was verpasst und der Stil alte Jungfer ist gerade hip geworden“ oder sie klärt Kollege Sebi darüber auf, dass die Proteine aus seinem Lammspieß eher am Bauch ansetzen, als das Denkvermögen zu erhöhen. Der Autor beschreibt, so, dass ich mir alles bildlich ausmalen konnte, so weiß doch wohl ein jeder, was die Worte der „Bauchansatz ist auf Expansionskurs gegangen“zu bedeuten haben.

Der Autor hat sich hier an ein brandaktuelles Thema gewagt und das in einem spannungsgeladenen Krimi hervorragend integriert. Flüchtlingspolitik, Fremdenhass, rechtsradikale Tendenzen, aber auch das Zusammenspiel von Kirche, bzw. Glaube und Politik, das schon seit Jahrhunderten tief verwurzelt ist, werden hier ohne zu polarisieren thematisiert. Auch wenn sich der ein oder andere seiner Charaktere schon einmal zu Äußerungen wie „Filz“, „braune Läuse“, „Verein intellektueller Einzeller“ oder vom „geistigen Dünnschiss einlullen lassen“ hinreißen und sich darüber aufregen lassen, überlässt er es dem Leser selbst sich seine Gedanken zu machen. Nicht nur einmal hat er mich zum Überlegen gebracht, ist z.B. ein Mord an einem bösen Menschen, anders zu bewerten? Mord ist Mord, daher definitiv nein, aber ganz konnte ich mich beim Lesen meines Gerechtigkeitsempfindens, das anders spricht, nicht befreien.

Viele der Charaktere kannte ich bereits und für mich war es ein Wiedersehen mit alten Bekannten, über das ich mich sehr gefreut habe. Dornach, der Mann, der scheinbar bei allen Frauen hoch im Kurs steht, spielt dieses Mal nicht die Hauptrolle. Relativ wenig mit von der Partie ist auch Jana Cranach, die aber entscheidende Einsätze nicht verpasst und dies daher für mich nicht weiter tragisch war. Ganz im Gegenteil ich fand sogar gelungen, dass die Ermittlungen dieses Mal auf so viele Schultern verteilt werden. Gerade bei einer Reihe, die ich mit Sicherheit weiter verschlingen werde, freut es mich die Charaktere besser kennen lernen zu dürfen. So hat Angela Casagrande einiges preisgegeben und auch Maja konnte bei mir durch ihre teilweise etwas forsche, aber auch ehrgeizige Art sehr punkten. Pia, Dornachs Tochter, die mich mit ihrem ganz eigenen Kopf schon letztes Mal beeindruckt hat, hat auch dieses Mal für viel Wirbel gesorgt. Aber auch alle anderen Mitspieler sind toll gezeichnet, bei Janas Aufpasser und Kollegen Horacek angefangen, von dem Google behauptet „Ja wirklich ein netter Kerl, etwas steif, aber-“, über Staatsanwalt Hoffmann, dem ich Gift geben könnte wegen seiner schmierigen Art, bis hin zu Doro Schubinger, der Journalistin die sich für die Wahrheit einsetzt, ungeachtet ihres Vaters. der der Patriotischen Fortschrittspartei angehört.

Ich liebe Regionalkrimis vor allem auch wegen dem Lokalkolorit und auch hier hat mich der Autor nicht enttäuscht. Auch wenn ich noch nie in Solothurn war, hatte ich das Gefühl mit vor Ort zu sein, wenn sich die Ermittler z.B. in der „Grünen Fee“ nach Feierabend noch einen Absinth gönnen, wenn die tote Nonne alle zur alten „Einsiedelei“ an der Verenaschlucht führt, oder wenn jemand bei seiner Flucht  von der Rötistraße, Richtung Schützenmatt beinahe das Bipperlissi überfährt. Das ss, weil es kein ß gibt, und auch einige Schweizer Begriffe, die sich aber alle in einem Register am Ende befinden, fehlen ebenfalls nicht.

Alles in allem ein brisanter, fesselnder Pageturner, der mit sympathischer Besetzung in die Schweiz entführt und in keinem Krimiregal fehlen sollte. Begeisterte 5 Sterne und ich fiebere schon jetzt der Fortsetzung entgegen.

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42 Bibliotheken, 0 Leser, 1 Gruppe, 33 Rezensionen

humor, maskottchen, mobbing, eishocke, familie

Billy the Beast - Ein Traum von einem Tiger

Jörg Menke-Peitzmeyer
Flexibler Einband: 272 Seiten
Erschienen bei Ullstein Taschenbuch Verlag, 24.02.2017
ISBN 9783548289113
Genre: Romane

Rezension:

Der 101 kg schwere, sechzehnjährige Bert liebt Günther Jauch und seine Süßigkeiten-Dealerin Frau Wegener, die Kioskbesitzerin, deren Umsatz er durch seine Einkäufe gehörig in die Höhe treibt. Seine Mutter liebt er auch, aber er ist gehörig genervt, als sie mit einem neuen Liebhaber daherkommt und diesen schon wieder deftig bekocht. Er beschließt spontan das Geld für den Schulausflug für Diätpillen auszugeben. Aber weder die Diätpillen bleiben ihm, noch kommt er um den ollen Ausflug herum. Eigentlich zum Glück, denn nur so erfährt er von einer Maskottchen Agentur. Sich in einem Kostüm verstecken und dabei noch Geld verdienen, die Idee gefällt ihm. Nach ersten kläglichen Versuchen im Kostüm eines ausrangierten EssoTigers, bringt er auf dem Heimweg von einem Einsatz durch Zufall eine Diebesbande zu Fall und katapultiert sich damit auf die Titelseite der Tagezeitung. Damit beginnt seine steile Karriere als Billy the Beast, dem neuen Maskottchen der Ice Tigers. Und das allerbeste daran - „ Man schlüpft in einen Tiger, schwitzt da drin wie ein Schwein und kommt irgendwann so schlank raus, wie ´ne Gazelle“. Oder liegt das Purzeln der Pfunde auch daran, dass er sich verliebt hat?

So wie sich Bert seine Verkleidung überwirft, darf man als Leser in Bert hineinschlüpfen. Man begleitet ihn bei zahlreichen Maskottcheneinsätzen. Hier sind viele Pannen, Niederlagen, Demütigungen, große Erfolge und auch einige ganz besonders delikate Auftritte inbegriffen, die einen ganz oft schmunzeln lassen. Man begleitet Bert aber auch in die Schule, darf dort z.B. Mobbingattacken hautnah miterleben oder mit ihm gemeinsam vor dem TV sitzen und bei „Wer wird Millionär“ mitraten. Auch das Familienleben, mit Enttäuschungen, Geburtstagsfesten und schönen Momenten gehört natürlich mit dazu. Man erlebt seine Verwandlung richtig mit, was mir super gut gefallen hat.  

Der spritzige Sprachstil des Autors liest sich locker, flockig und ich bin fast durch die Seiten geflogen, meist mit einem steten Dauergrinsen im Gesicht. Bert berichtet aus der Ich-Perspektive, was ihn dem Leser sehr nahe sein lässt. Ich konnte mich von Anfang bis Ende super gut in ihn hineinversetzen. Ich habe mit ihm gelitten, nicht nur unter den Mobbingattacken seiner Mitschüler, oder bei den Enttäuschungen, die ihm seine Eltern bereitet haben. Ich habe mich mit ihm gefreut, als die ersten Pfunde purzelten und ich habe mit ihm gehofft, als er wieder in ein Tief geriet. Ich habe mit und auch über ihn geschmunzelt, wenn er mit seiner herrlich selbstironischen Art von Pannen und Fettnäpfchen berichtet. So kann er z.B. beim stundenlangen Unterschreiben von Autogrammkarten wenigstens hoffen, dass die Hundearbeit vielleicht seine Wurstfinger zum Schmelzen bringt, nötig hätten sie es ja. Auch das Vater Unser wird von ihm schon mal umgedichtet, sodass das elektronische Ziffernblatt geheiligt wird und das Wunschgewicht möge nicht erst im Himmel, sondern bereits auf Erden, kommen. Gut fand ich auch die zahlreichen witzigen Vergleiche. „Frauen um die Fünfzig, die aussahen, als seien sie in einem Sonnenstudio ins Koma gefallen und als hätte währenddessen jemand ihre Haare gebleicht und ihr Fingernägel in Tierblut getränkt“ ist nur ein Beispiel dafür.

Mir hat sehr gut gefallen, dass es dem Autor gelingt ernsthafte Themen locker und unterhaltsam zu behandeln, ohne dass der Eindruck von Respektlosigkeit entsteht. Mobbing von übergewichtigen Schülern wird sehr authentisch geschildert. Gelungen finde ich auch das Auf und Ab mit den Pfunden, die Ursachen davon und die Phasen einer Diät dargestellt. Schön finde ich, dass auch das Gegenteil, der Diätwahn etwa bei Balletttänzerinnen, die kein Gramm zunehmen dürfen, zur Sprache kommt, denn auch das ist kein Zuckerschlecken. Familiäre Probleme, die durch die Trennung von Eltern entstehen, mögen hier vielleicht stellenweise etwas überzeichnet sein, sind aber bis auf den großen Familiengeburtstag vielleicht, gar nicht so weit vom wirklichen Leben entfernt.

Da ich selbst ein Fan von Günther Jauch und seiner Kultsendung bin, war ich begeistert, wie toll hier Quizfragen in den Verlauf der Geschichte eingebunden werden.

Die Charaktere sind überzeugend gezeichnet. Ich habe Bert richtiggehend gelebt. Er war mir von Anfang an super sympathisch und er ist ein richtig pfundig, toller Kerl. Sich ein dickes Fell zulegen, an dem alles abprallt, durch eine Verkleidung unabhängig von der Figur wahrgenommen werden, sich mit Süßigkeiten trösten, sich verlieben, sich nach einer intakten Familie sehnen, ganz klar, dass er davon träumt. Die Mutter hat mich enttäuscht, aber sie hat mir auch leid getan. Von Berts Vater gegen eine Jüngere ausgetauscht, sucht sie händeringend nach Bestätigung und gerät dabei nicht nur an die falschen Männer, sondern auch an deutlich zu viel Alkohol. Keine Sympathiepunkte hat Bers Vater bei mir gesammelt. Ich hätte ihm Gift geben können, als er Bert zufällig in der Opas Potthucke, dem Lokal mit der fettig, deftigen Küche, beim Salatessen trifft und seinem schwer übergewichtigen Sohnemann mit den Worten „Sag bloß du machst ne Diät?“ eine gehörige Portion Potthucke bestellt. Auch die Mutter ist wohl an Berts Übergewicht nicht ganz unschuldig, bringt sie ihm doch abends noch zu gern eine Tafel Ritter Sport ans Bett, bekocht ihn mit der deftigen Küche und ist erst glücklich, wenn der Teller leer ist. Nach der Buchbeschreibung habe ich mir erwartet, dass Lilly, die äußerst sympathische Cheerleaderin, in die Bert sich verliebt, eine größere Rolle einnimmt. Aber sie ist eher Nebendarsteller, wie zahlreiche andere, die gelungen dargestellt sind. Sehr gefreut hat mich,  dass TOM, die drei Jungs, die ihm das Leben in der Schule zur Hölle machen, letztendlich noch eine Abreibung bekommen, da war ich auch „zeitweise vom Mitgefühl“ befreit.

Alles in allem ein witziger Jugendroman, der die Probleme eines schwergewichtigen, aber äußerst liebenswerten Jungen, wenn auch stellenweise vielleicht etwas überzeichnet, authentisch, witzig und mitreißend schildert und daher meiner Meinung nach noch 5 Sterne verdient.

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15 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 13 Rezensionen

venedig, mord, gondel, kurzkrimi, kriminalfall

Verrat in Venedig

Wolf Heichele
E-Buch Text: 55 Seiten
Erschienen bei neobooks, 21.01.2017
ISBN 9783742799944
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

„Blue Parrot“ ist eine vielversprechend, tierische Kinderkrimiserie des Autors, die mir gut gefällt, und daher war ich sehr gespannt auf seinen ersten Krimi für Erwachsene.

Commissario Montebello genießt gerade eine Pizza Funghi, als er zu einem neuen Fall gerufen wird. Ganz im Gegensatz zu Montebello sind dem Nudelkönig Enzo di Natale die Pilze in seinem Omelette nicht so wohl bekommen. Er liegt tot in einer Gondel unter der Rialtobrücke. Wer hat den Mann, Japanische Trichterlinge ins Essen gemischt und ihn damit auf dem Gewissen?

Wer könnte seine Hände im Spiel haben? Der Gondoliere, schließlich wurde er in dessen Gondel vergiftet,  die Geliebte, mit der der Nudelkönig sich das Picknick auf dem Wasser gegönnt hat, die Witwe, die scheinbar so gar nichts mehr für ihren Ehemann empfunden hat, oder hat die Tat ganz andere Hintergründe? An möglichen Verdächtigen mangelt es nicht und der Commissario geht einer Spur nach der andern nach. Es handelt sich um einen klassischen Ermittlerkrimi, der sich meiner Meinung nach durch eine unglückliche Szene etwas zu früh verrät, wobei ich das Ende deshalb nicht als langatmig empfunden habe. Ich habe mir weder die Fingernägel vor Spannung abgekaut, noch habe ich mich gelangweilt.

Der Sprachstil liest sich locker, leicht und man fliegt fast durch die Seiten. Es wird toll beschrieben, sodass ich das Äußere der Charaktere und auch die Handlungsorte beim Lesen bildlich im Kopf hatte. Immer wieder gibt es auch etwas zu schmunzeln, was mir gut gefallen hat. Da geht schon mal eine vegetarische Pizza als Diätessen, der schlanken Linie wegen, durch oder es wird ein Loblied auf die beste Pasta gesungen.

Commissario Mauro Montebello entspricht ganz und gar dem Bild, das ich von einem italienischen Kommissar aus dem Fernsehen habe. Der 49-jährige sympathische Familienvater achtet sehr auf sein Aussehen, trägt Anzüge von Armani und handgemachte Schuhe. Eben ganz so wie es sich gehört für einen angesehenen Ermittler in Venedig. Seine Familie bedeutet ihm viel, was mir sehr gut gefällt. Toni Talberger, der ihm zugewiesene Praktikant, kam mir eher vor, wie ein kleines, trotziges und ungezogenes Kind, als wie ein ernst zu nehmender, angehender Ermittler. Witzig fand ich aber sein Äußeres, denn mit den langen Haaren und dem Freizeitlook hat er Mauro natürlich alles andere als begeistert. Die Zeugen, sind für einen Kurzkrimi knackig, aber ausreichend gezeichnet, was will man auf 55 Seiten auch erwarten. Einzig nicht ganz so glaubwürdig empfand ich Livio, den Mafiaboss.

Gut gelungen ist dem Autor meiner Meinung nach das Regionalkolorit. Man fühlt sich schon mit den ersten Szenen direkt nach Venedig versetzt. Herbstliche Stimmung, die Tourismusströme lassen nach und der Commissario fühlt sich, ebenso wie der Leser, richtig wohl. Gondeln, Rialtobrücke, die Insel Giudeca, das Nobelviertel Venedigs, so stellt man es sich dort doch vor.  Italienische Grußformeln wie Buona Sera, Ciao oder Alora Signore e Signori und die typischen Namen sowie Berufsbezeichnungen lassen gekonnt  italienisches Flair entstehen.

Alles in allem war Verrat in Venedig  nette, leichte Unterhaltung und mit den knackigen 55 Seiten Umfang, ideal für einen entspannten Abend auf dem Sofa. Abschalten und ein wenig nach Venedig träumen kann man allemal, auch wenn vielleicht das Eine oder Andere noch nicht ganz so ausgereift sein mag. Ein vielversprechender Start und ich bin auf jeden Fall gespannt auf weitere Fälle.

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12 Bibliotheken, 3 Leser, 0 Gruppen, 7 Rezensionen

Lesegören: Jetzt geht´s ab, Girls!

Bianka Minte-König , Carolin Liepins
Fester Einband: 224 Seiten
Erschienen bei Planet! ein Imprint der Thienemann-Esslinger Verlag GmbH, 16.02.2017
ISBN 9783522505161
Genre: Kinderbuch

Rezension:

„Lesegören 5: Jetzt geht´s ab, Girls!“ ist der letzte Band dieser wirklich tollen Reihe, die mich von Anfang an begeistert hat. Leider heißt es nach diesem krönenden Finale im Schullandheim Abschied nehmen.

Zum Abschluss der siebten Klasse ist eine Klassenfahrt geplant. Klar, dass sich jeder riesig darauf freut. Das Wetter soll gut werden, die Ostsee verspricht Urlaubsfeeling und endlich mal raus von Zuhause, was will man mehr? Aber es wäre natürlich kein Lesegören Band, wenn es hier so ganz ohne Turbulenzen geht. Die Klassenfahrt fällt fast ins Wasser, die Chicks nerven nicht nur wegen einem Zimmer mit Meerblick, Dumpfbacke Marcel ist wie immer überall dagegen und verbreitet schlechte Stimmung. Wäre das noch nicht genug, wird es sogar noch richtig gefährlich, denn eine leichtsinnige Aktion gerät völlig aus dem Ruder und es versteht sich wohl von selbst, dass Lotte und ihre GIRLS mit Mut und Tatkraft versuchen werden dieses Problem in den Griff zu bekommen. .

Im fünften Band darf man sich vorab auf die Klassenfahrt freuen und anschließend natürlich mit an Bord gehen. Klar, dass man bei zahlreichen tollen Projekten und interessanten Ausflügen mit dabei ist und es bleibt genügend Freizeit für Baden, Beachvolleyballturniere und Grillabende. Ein ganz klein wenig über die Stränge schlagen, ist natürlich auch mit dabei. Die Freundschaft zwischen Hanna und Lotte muss noch einmal eine schwere Belastungsprobe meistern und Robroy und Lotte kommen sich wieder ein Stück näher. Aber was wäre auch ein Schullandheimaufenthalt ohne Liebeleien? An der Heimatfront ist es eher ruhig, vor allem weil Handyverbot gilt, aber klar, dass auch hier mit Überraschungen die Spannung hoch gehalten wird.

Wie in allen vorangegangenen Bänden,  werden auch hier wieder ernste Themen angesprochen, was mir ausgesprochen gut gefällt. Naturschutz, richtiges Verhalten gegenüber Tieren, Waldbrandgefahr oder auch angemessenes Benehmen am Buffet und Essensverschwendung sind in der Geschichte auf tolle Art und vor allem ohne nervig, erhobenen Zeigefinger integriert.

Der Schreibstil liest sich locker, leicht und ist einfach mitreißend. Man fliegt daher fast durch die Seiten. Es wird alles sehr anschaulich beschrieben, sodass man sich die Szenen ganz genau ausmalen kann. So hatte ich z.B. die toll verzierten Darßer Haustüren oder den sabbernden Rubber richtig bildlich vor mir. Genauso hatte ich das Gefühl live mit im Darßer Urwald Reh, Wildschwein, Feldermaus und Co beobachten oder beim Ausblick vom Leuchtturm ebenfalls Schweinswale entdecken zu können.  Lotte berichtet aus der Ich-Perspektive und so ist man als Leser natürlich noch näher an ihren Gefühlen, Sorgen, Schmetterlingen im Bauch und ihrem turbulenten Leben im Allgemeinen dran. Ihre offene, herzerfrischende Art zu erzählen ist einfach toll. Gut gefällt mir auch, dass sich zahlreiche treffende Sprüche finden, die einen schmunzeln lassen. So kann die Antwort von Lehrer Bergmann auf die Aussage, sein Hund Rubber sei zum Fürchten schon einmal sein, „Ihr Sohn ist auch zum Fürchten!“ Naja so unrecht hat er da bei Marcel dem Klassenstänker natürlich auch nicht.

Die Girls sind mir von Band zu Band mehr ans Herz gewachsen und ich hatte inzwischen schon fast das Gefühl, eine von ihnen zu sein. Für mich war es auch toll mitzuerleben, wie Lotte, Stine und Hanna sich im Laufe der Geschichten entwickelt haben. Sie haben jetzt einige gemeinsame Projekte gewuppt und zahlreiche Herausforderungen gemeistert, was sie natürlich auch an Erfahrung und Selbstbewusstsein gewinnen hat lassen, sie sind fast schon ein bisschen erwachsen geworden. Ein deutliches Zeichen hierfür ist sicher auch, dass Lotte beschlossen hat ihren Lebenskompass demnächst in Rente zu schicken. Sie braucht die Unterstützung bei wichtigen Entscheidungen wohl auch schon bald wirklich nicht mehr. Hier dürfen die Mädels sich Urlaubsgefühlen hingeben, da gehören ganz klar auch Jungs dazu, auch wenn Hanna das immer noch etwas vor sich her schiebt. Rob darf dieses Mal eine größere Rolle einnehmen und er und spielt diese toll. Er ist einfach ein klasse Kerl, ganz besonders auch weil er Marcel immer wieder in die Schranken weist. Der hat mich mit seinem ständig provokanten DAGEGEN Verhalten nicht nur einmal zur Weißglut gebracht. Da bewundere ich die Nerven von Lehrer Bergmann, wirklich Respekt. Auch Ramona möchte ich erwähnen, die ja eigentlich zu den nervigen Chicks gehört, aber mir von Band zu Band sympathischer geworden ist, auch wenn Lotte das noch nicht ganz so sieht. Gefreut habe ich mich natürlich auch über die zahlreichen tierischen Mitspieler bei sabberndem riesen Hund Rubber angefangen, der hier den Anstands Wau Wau gibt, bis hin zu Minischwein Rosita, die so gern beweist, dass kleine Schweine große Säue sein können.

Die 207 Seiten Text verteilen sich auf 11 übersichtliche Kapitel, die selbst weniger geübte Leser nicht überfordern und auch zum Vorlesen noch gut geeignet sind. Richtig gut gefällt mir auch der kleine Vorspann zu jedem Kapitel. Hier machen immer drei, vier witzige Zeilen so richtig neugierig darauf, was wohl passieren wird. „Wellness geht anders, aber so ist es halt“, da muss man doch einfach wissen, warum.

Alles in allem ein krönender Abschluss für eine wirklich tolle Reihe, die in eigentlich in keinem Bücherregal fehlen sollte. Volle Leseempfehlung und 5Sterne.

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5 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 4 Rezensionen

wollen

Der Nylonstrumpfmaschinenführer: Eine kleine Geschichte vom großen Wollen

Bernd Mannhardt
herunterladbare Audio-Datei
Erschienen bei HÖRMAL!, 15.12.2016
ISBN B01N2N9G39
Genre: Sonstiges

Rezension:

Ich habe die Geschichte aus der Feder von Bernd Mannhardt, einem Autor den ich sehr schätze, bereits vor längerem gelesen und war jetzt extrem neugierig auf die Umsetzung als Hörbuch. Ich denke besser als Herr Holzmann es gemacht hat, hätte man die tragische Geschichte nicht in Szene setzen können, ein ausgesprochen gutes Gesamtkonzept.

Der Autor beschreibt in seiner Geschichte den Lebenslauf eines Mannes, der nach einer Enttäuschung im Job beschließt nichts mehr im Leben zu wollen und schaufelt sich damit sein eigenes Grab. Unserem Mann widerfährt Unrecht und jetzt steht er vor der Frage, um sein Recht kämpfen und damit möglicherweise einem anderen schaden, oder Unrecht einfach Unrecht sein lassen? Die Niederlage im Job geht einher damit nun nicht in die beruflichen Fußstapfen seiner Vorfahren treten zu können. Ihm bleibt der Aufstieg verwehrt und deshalb will er sich wenigstens an den Grundsatz, den ihm sein Vater gepredigt hat, folgen. Wenn man am Tag des Jüngsten Gerichts nicht zum Schmoren in der Hölle verurteilt werden möchte, was unser Mann natürlich auf keinen Fall will, darf man niemals einen anderen Menschen, nur des eigenen Vorteils wegen, in Misskredit bringen. Damit scheidet die Alternative um sein Recht zu kämpfen aus. Aber unser Mann spinnt diesen Gedanken weiter, denn seiner Einschätzung nach verhält es sich so, dass man immer nur auf Kosten Dritter etwas Wollen könne, woraufhin er beschließt von nun an gar nichts mehr zu wollen.

Unser Mann, wie ihn Bernd Mannhardt in der Geschichte so treffend nennt, ist auch der Mann des Lesers. Jeder trägt wohl ein Stück dieses Mannes in sich, jeder wägt ab und an ab, ob er will oder nicht, jeder würde gerne ab und an einfach nicht wollen. So überspitzt wie unser Mann wird das Nichtwollen mit Sicherheit niemand treiben, jedoch wirft genau das die Frage auf, lebt ein Mensch denn überhaupt noch, wenn er nichts mehr vom Leben will? Ich meine definitiv nein und denke, dass der Autor dies hier auch äußerst gekonnt dargestellt hat.

Da der Grundsatz für unseren Mann auch für alle anderen Menschen gilt und er daher allen Mitmenschen gegenüber immer misstrauischer wird, vermittelt der Autor für mich noch eine weitere Botschaft.  Jeder hinterfragt mit Sicherheit auch ab und an, was sich hinter dem Wollen der anderen verbirgt. Wenn ein freundlicher Gruß oder ein Flirtversuch, aber nicht einfach nur mehr eine nette Geste sein kann, ist dies ins Extrem getrieben, was einen direkt ins soziale Abseits katapultiert. So führt der Autor meiner Meinung nach dem Leser vor Augen, wie wichtig auch ein intaktes soziales Gefüge für das Überleben eines Menschen ist.

Gleichzeitig findet mit Sicherheit ein jeder einen solchen Mann in seinem Umfeld, einen, der sich isoliert, der nicht grüßt und der einfach in der Menge untergeht. Hier habe ich als Leser den dezenten Wink mit dem Zaunpfahl mitgenommen, wieder ein wenig genauer hinzusehen.

Nicht zuletzt schwingt natürlich auch die Botschaft mit, ein gesundes Mittelmaß zu finden, wie eigentlich immer im Leben.

Der Sprecher Matthias Ernst Holzmann hat mich von Anfang bis Ende vollkommen überzeugt. Ich habe der mir sehr angenehmen Stimme unheimlich gerne gelauscht. Der Autor ist ein Meister der Wortspielereien. Ich liebe den Sprachstil des Autors einfach. Der schwarze Humor, die Ironie, die Doppeldeutigkeit seiner Worte oder die unterschwelligen Botschaften, sind ganz mein Ding und Herr Holzmann bringt diese so richtig zur Geltung. Das äußerst angenehme Sprechtempo ist langsam genug um die zahlreichen Schachtelsätze und Bezeichnungen wie Obernylonstrumpfmaschinenführer, Nylonstrumpffabrikbesitzer, Gardinensaummaschinenführer oder Zündkerzengewindeschneidmaschinenführer ohne Probleme zu erfassen, aber eben auch nicht zu langsam um einschläfernd zu wirken. Hier hat der Sprecher genau die richtige Balance gefunden.

Alles in allem eine von Matthias Ernst Holzmann perfekt in Szene gesetzte Geschichte von einem Mann, der niemanden Schaden wollte um nicht in der Hölle zu schmoren und sich damit sich selbst am meisten geschadet hat, indem er sich eine Hölle auf Erden geschaffen hat. Absolute Hörempfehlung.

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14 Bibliotheken, 2 Leser, 0 Gruppen, 3 Rezensionen

musketier-verlag, tiere sind die besseren mensche, peter sasse, buc

Tiere sind die besseren Menschen

Peter Sasse
Fester Einband: 232 Seiten
Erschienen bei MusketierVerlag, 25.11.2016
ISBN 9783946635017
Genre: Sachbücher

Rezension:

Der ja durchaus provokante Titel „Tiere sind die besseren Menschen“ kombiniert mit dem Cover, das ein richtiger Eyecatcher ist, haben mich auf dieses Buch aufmerksam gemacht. Ich liebe Tiere, ohne meinen Hund könnte ich mir ein Leben nicht mehr vorstellen. Beim mir landet kein Billigfleisch auf dem Teller  und ich bin erschüttert, wenn ich viel zu oft in der Tageszeitung grausame Berichte von misshandelten Tieren lesen muss. Auch ich frage mich oft, was geht in den Menschen vor, die so etwas übers Herz bringen? Deshalb war ich sehr neugierig, wie der Gesellschaftsphilosoph Peter Sasse ganzheitlich dieser Frage nachgeht.

Der Autor widmet sich auf 222 Seiten in 15 verschiedenen Kapiteln einer möglichen Antwort. Nach einem Vorwort, in dem der Autor von einem schrecklichen Kindheitserlebnis berichtet, das für ihn Anlass war, dieses Buch zu schreiben, beschäftigen sich die ersten vier Kapitel viel mit der Seele von Tieren und hier vor allem mit der Meinung der Kirche dazu. Ich war geschockt, welch grausame Aussagen sich im Katechismus, den Peter Sasse im gesamten Buch oft zitiert, zu finden sind. Ich bin schockiert darüber, dass die Kirche Tieren auch heute noch eine Seele abspricht. Ich teile mit Sicherheit die berechtigten Zweifel daran, dass „Christen eine von Gott eingehauchte Seele haben sollen, Tiere aber nicht“. „Glaube beruht auf Annahme, Wissen auf beweisbaren Inhalten“, auch hier kann ich dem Autor zustimmen, und ich komme mit Sicherheit zu demselben Ergebnis, dass die „Bibel Ergebnis menschlicher Phantasie und nicht Wort Gottes“, sein muss, was der Autor mit zahlreichen Zitaten mehr als glaubwürdig  beweist.

Sehr gut hat mir das fünfte Kapitel gefallen, das sich Studien zur Seelenverwandtschaft von Menschen und Tieren widmet. Hier kommen Sensibilität, Einfühlungsvermögen oder auch überlegene Fähigkeiten zur Sprache. Ich habe mich als Tierhalter oft wiedergefunden. Sagt mir ein Blick in die Augen meines Hundes doch auch so oft, dass er mich versteht.

Mit dem fünften Kapitel, in dem der sich mit dem schrecklich seelenlosen Umgang mit Tieren beschäftigt und dem sechsten Kapitel, das sich der Tierquälerei als religiösem Kulturerbe widmet, hat mir der Autor viel Stoff zum knabbern und schwer schlucken geliefert.  Hier wimmelt es nur so von unvorstellbarem Leid, das Tieren in den verschiedensten europäischen Ländern angetan wird. Auf  eingerücktem Text, für zarte Gemüter auf den ersten Blick zu erkennen, stellt der Autor die Misshandlungen und die grausamen Schmerzen der Tiere dar. Ich habe diese Zeilen nicht übersprungen, da ich der Meinung bin, dass die Augen zu verschließen, der gänzlich falsche Weg ist, auch wenn die Wahrheit noch so brutal ist. Wie kann es sein, dass in Spanien Stierhatz in Pamplona zur Volksbelustigung dient oder gar „Toro de la Vega“ ein historisches, katholisches Ritual ist, das unter Polizeischutz steht? In Frankreich wird die Gänsestopfleber zum nationalen Kulturerbe erklärt, obwohl dafür 30 Millionen weibliche Küken im Schredder landen und die männlichen Enten unter grausamen Bedingungen ihr Dasein fristen. Lebende Hunde und Katzen werden als Haiköder benutzt. Warum wird dem kein Ende bereitet?

Ich dachte bisher, dass ich auf meine Ernährung achte. Bei mir gibt es kein Billigfleisch, auch wenn ich auf ein gutes Stück Fleisch aus artgerechter Haltung, das ich direkt hier beim Erzeuger aus der Region kaufe, nicht verzichten will. Die Augen hat mir der Autor hier vor allem im siebten Kapitel, das sich der Tierzucht als Massenquälerei widmet im Bezug auf Milchprodukten geöffnet. Büffelmozzarella bedeutet, dass männliche Kälbchen qualvoll verhungern müssen, weil das Fleisch des ganz eigenen Geschmackes wegen nicht zu verkaufen ist, von der Qualzucht zu Hochleistungskühen für größere Milchleistung einmal ganz abgesehen. Hier werde ich in Zukunft sicher noch bewusster einkaufen.

„Tierversuche ohne Gnade“, die vom Katechismus der katholischen Kirche als „sittlich zulässig“ gerechtfertigt werden, „Können Tiere weinen?“,  „Ungewöhnliche Tierfreundschaften“ und „Positive Meldungen“, die von geretteten Tieren berichten, sind Kapitel, die sich mit zahlreichen schockierenden, aber auch rührenden farbigen Bildern anschließen und den Leser in ein Wechselbad der Gefühle versetzen.

„Biblische Schöpfung oder Evolution“ und „Die Kirche und die Seelenlosen“ sind zwei Kapitel, in denen der Autor meiner Meinung nach vor allem noch einmal die Kirche an den Pranger stellt,  bevor er mit „Schlussgedanken ohne Schranken“ und Weisheiten, sowie Sprüchen seine Abhandlung endet.

„Ob Gott dies auch so gesehen hat?“, „Ich glaube, seine Stellvertreter haben den Tieren die Seele abgesprochen, um sie damit zu entrechten und nach Gutdünken behandeln zu können. Ein Lebewesen ohne Rechte darf gequält und umgebracht werden, ohne dafür Schuld empfinden zu müssen.“, sind Aussagen des Autors die sich sehr oft hier finden.

Sicher hat Gott dies nicht so gesehen. Dass sich weder der Papst noch die vom ETN angeschriebenen sechzehn Bistümer in Deutschland zur Zusammenarbeit im Tierschutz bereit erklären, sondern die Antwort aus dem Vatikan: „In der katholischen Kirche haben Tiere keinen Platz“, lautet ist mehr als schockierend für mich. Aber nach Meinung des Autors könne man die Ursache all der Grausamkeiten gegenüber unseren Mitgeschöpfen nur darin sehen, dass die Kirchen den Menschen so hoch über die Schöpfung stellen und die Tiere seit 1500 Jahren zu einer seelenlosen Sache degradieren. Ich denke hier macht es sich der Autor etwas zu leicht.  Auch wenn ich seine Einstellung teile, dass die Kirche im Bezug auf Tiere völlig falsch liegt, denke ich, dass dies in unserer heutigen Zeit nicht die alleinige Ursache sein kann. Industrielle Massentierhaltung, die Tiere aus Profitgier längst zu Produktionsmaschinen degradiert, von denen die meisten davon nie Tageslicht oder eine Wiese sehen, ist meiner Meinung nach nicht nur durch die Falschaussagen der Kirche zu begründen. Geiz ist Geil Mentalität bei den Verbrauchern, Globalisierung und Gewinnmaximierung, was in unserer heutigen Welt an der Tagesordnung steht, sind sicher ebenso verantwortlich. Außerdem bleibt für mich die Frage, wie sehen denn andere Religionen den Tierschutz, denn Tiere werden ja nicht nur in christlichen Ländern misshandelt?

So interessant und erschütternd ich die zahlreichen Belege für die Grausamkeit der christlichen Religionen im Bezug auf Tierschutz fand, hat mir das insgesamt hier zu viel Gewicht eingenommen. Hätte ich in der Mitte des Buches eine Bewertung schreiben müssen, wären es sicher noch 5 Sterne geworden, aber mit zunehmender Seitenzahl habe ich das Buch fast mehr als Abrechnung mit der Kirche empfunden, was mir das Lesen getrübt hat und ich deshalb eigentlich nur noch zu sehr guten drei Sternen tendiere. Da ich aber denke, dass das Buch möglichst vielen Menschen die Augen zu öffnen vermag und damit Tiere weniger Leid erfahren werden, werde ich auf vier Sterne aufrunden.

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38 Bibliotheken, 1 Leser, 1 Gruppe, 17 Rezensionen

pangolin, mainau, tierschmuggel, umweltkrimi, insel mainau

Ausgerottet

Biggi Rist , Liliane Skalecki
Flexibler Einband: 374 Seiten
Erschienen bei Gmeiner-Verlag, 08.02.2017
ISBN 9783839220528
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Das Autoren-Duo Biggi Rist/Liliane Skalecki hat mich schon mit „Rabenfraß“ sehr gut unterhalten und deshalb war ich sehr gespannt auf den neuen Krimi aus ihrer Feder, ganz besonders weil mich das Thema auch so angesprochen hat. Den beiden ist ein super spannender und bewegender Umweltkrimi gelungen, der mich von Anfang bis Ende begeistert hat.

Es geht sofort mit einem spannenden Prolog los in dem Kemal, der Journalist, der an einer ganz großen Enthüllungsstory arbeitet, über eine Brücke in den Rhein geworfen wird. Während Huang Cai, der Arzt der traditionellen Medizin, gerade noch auf getrocknete Seepferdchen wartet, macht Malie, mit Leib und Seele Gärtnerin auf der Mainau, eine ganz besondere Entdeckung. Neulich erst im Zoo hat sie zum ersten Mal in ihrem Leben ein Schuppentier gesehen und nun hat sich ein solches Pangolin in ihrem Schmetterlingshaus zwischen dem Farn verkrochen. Ihr ist sofort klar, dass es hier nicht mit rechten Dingen zugehen kann, schließlich stehen diese exotischen Tiere unter Artenschutz. Obwohl sie eigentlich sofort die Polizei einschalten müsste, beschließt sie ihren tierischen Fund mit nach Hause zu nehmen um ihn dann zu ihrer Schwester Alicha, die Tierärztin im Leipziger Zoo ist, zu bringen. Als sie dann zufällig Lioba, die Umweltaktivistin, die ebenfalls auf den Spuren einer großen Schweinerei ist, kennenlernt, machen die beiden gemeinsame Sache. Dabei ahnen sie noch nicht, wie schnell sie in höchster Gefahr schweben werden, denn die Tierschmuggler haben ganz gehörig etwas dagegen, dass ihnen jemand das lukrative Geschäft vermasseln will.

Die Geschichte ist spannend von Anfang an und auch wenn recht schnell klar ist, aus welcher Richtung die Gefahr kommen wird, gelingt es den beiden Autorinnen durch ständig neue Enthüllungen, weitere Todesopfer und zahlreiche Schauplätzen die Spannung bis zum Ende hin stetig zu erhöhen. Das ganze gipfelt in einem fulminanten Endspurt, der noch die eine oder andere Überraschung bereit hält. Ich konnte das Buch nicht mehr aus der Hand legen. Auch wenn man die Charaktere, besonders Malie und ihre Familie gut kennenlernen darf, was vielleicht nicht die Spannung am Fall um den Tierschmuggel direkt erhöht, habe ich jede Seite gebannt gelesen. Die Familientragödie, die sich nach und nach offenbart, hat mich ebenfalls alles andere als kalt gelassen, ebenso wie das Thema Tierschmuggel an sich. Ich hatte beim Lesen richtige Wut im Bauch auf diese skrupellosen Leute.

Die Autorinnen haben einen locker, leichten Schreibstil und man kann regelrecht durch die Seiten fliegen. Mir ist an keiner Stelle aufgefallen, dass die Geschichte nicht aus einer Feder stammt, was für ihrer perfekte Zusammenarbeit spricht. Beide beschreiben wirklich toll. Ich habe mich gefühlt, wie mit vor Ort z.B. im Schmetterlingshaus. Von Malies toller Küche träume ich noch jetzt. Den beiden gelingt es auch super Gefühle beim Leser zu erzeugen. Ich konnte z.B. die Enttäuschung von Pranee fast selbst mitfühlen, die Wut von Malie oder auch von Lioba auf diese Unmenschen regelrecht im eigenen Bauch spüren und ich habe nicht nur einmal um das Leben des einen oder anderen gebangt. Sehr gut gefällt mir auch, dass ich beim Lesen immer wieder schmunzeln durfte. Ganz besonders gefreut habe ich mich über die eine oder andere fast böse, aber doch so realitätsnahe Szene. So muss ich noch jetzt an eine Schuppenflechte Patientin denken, die statt abzunehmen lieber zu teurer Medizin greift und für die Sport und Waschen wohl keine Option ist. Auch die Abfuhr einer Exfrau, die einfach  "keinen Waschlappen, dessen größte körperliche Anstrengung darin bestand, täglich einen Kugelschreiber zu halten." mehr haben wollte, ist ein Beispiel für eine solche gelungene Spitze.

Zu Beginn findet sich ein Personenregister und ich hatte schon Bedenken mein schlechtes Namensgedächtnis und doch so viele Namen, ob das gut gehen wird. Aber diese Befürchtungen waren völlig unbegründet, weil die Autorinnen ihre Protagonisten so individuell und gelungen darstellen, dass ich fast das Gefühl hatte, jeden persönlich zu kennen. Nicht alltägliche, spezielle Namen, die man nicht verwechseln kann, machen es dem Leser zudem leicht. Malie war mir von Anfang an sympathisch. Die Vierzigjährige, die sich mit dem Rennrad und Joggen fit hält, ist mit Leib und Seele bei ihrer Arbeit. Ungerechtigkeit geht der liebenswürdigen, neugierigen Frau völlig gegen den Strich und sie schaut zum Glück nicht weg. Der bequeme Weg ist auch für Lioba nichts, denn in ihrer Freizeit engagiert sie sich leidenschaftlich für den Tierschutz. Die grundehrliche, herzliche Frau hat äußerlich bis auf die Größe von 1,60 nichts mit Malie gemein, aber die beiden entwickeln sich zu wirklich guten Freundinnen. Mir hat das Ermittlerteam richtig gut gefallen und ich würde mich sehr über weitere Fälle freuen.  Auch alle anderen Nebendarsteller sind authentisch und gelungen gezeichnet, bei Neo Schwarz, dem skrupellosen Tierschmuggler angefangen, über den schmierigen Max Losens oder den aalglatten Zoohändler Trenkwitz, bis hin zu Jo, Malies Bruder, der sich so ganz anders als seine Schwester entwickelt hat.

Toll ist auch das Regionalkolorit, das sich neben den schönen Fleckchen rund um den Bodensee und die Insel Mainau auch anderem widmet. Man darf z.B. mit auf einen Ausflug in den Leipziger Zoo und auch von Safaris oder Urlaubsberichten aus fernen Ländern mit ihren exotischen Märkten kann man lesen.

Alles in allem haben mich die Autorinnen mit ihrem super spannenden Umweltkrimi, der das aktuelle Thema illegaler Tierhandel gut recherchiert zum Inhalt hat, von Anfang bis Ende super gut unterhalten und ich vergebe deshalb begeisterte 5 Sterne. Ich hoffe sehr auf zahlreiche neue Fälle für die beiden sympathischen Ermittlerinnen.  

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118 Bibliotheken, 3 Leser, 0 Gruppen, 48 Rezensionen

krebs, roadtrip, tumor, vw-bus, leben

Mein schlimmster schönster Sommer

Stefanie Gregg
Flexibler Einband: 304 Seiten
Erschienen bei Aufbau TB, 17.02.2017
ISBN 9783746633213
Genre: Romane

Rezension:

„Stefanie Gregg zeigt uns, wo die Hoffnung liegt: Immer direkt vor uns. Aberwitzig und bittersüß.“ Diesem Werbeversprechen wird von der Autorin mit ihrem wunderbaren, berührenden, traurigen, aber dennoch humorvollen Roman mehr als gerecht.

Isabel Drivers ist eine erfolgreiche Unternehmensberaterin, die, wie ihr großzügiger Lebensgefährte Georg, völlig für die Arbeit lebt. Ihr ganz persönlicher schlimmster, schönster Sommer beginnt mit der Diagnose eines männerfaustgroßen Tumors im Bauch. Bis weitere Untersuchungsergebnisse vorliegen, rät ihr Arzt ihr bei der Entlassung aus dem Krankenhaus zwei Wochen Urlaub zu machen. Schicksal, oder Zufall? Ganz egal auf dem Heimweg entdeckt sie in einem gelben Campingbus, genau einem solchen, von dem sie mit 18 geträumt hat durch Sardinien zu reisen, ein Zu- verkaufen-Schild und beschließt zum ersten Mal im Leben spontan und verrückt zu sein. Aus Kaufen wird mieten und den Besitzer Rasso, den coolen Hippie-Typ mit den blonden Rastalocken, gibt es sogar noch obendrauf. Gemeinsam brechen die beiden zu einem Roadtrip auf und schon bald lernt Isabel in „einem Drogenbus mit Guru und 50.000€ aus einem Bankraub“ an Bord, was im Leben wirklich zählt.

Die Autorin hat mich mit ihrem Roman von der ersten Seite ab gefangen genommen. Der Schreibstil liest sich locker, leicht und ich bin fast durch die Seiten geflogen. Sie spielt mit unterschiedlichen Perspektiven, was mir gut gefallen hat. Den Großteil darf Isabel aus der Ich-Perspektive berichten, was sie einem beim Lesen ganz nahe sein lässt. In einzelnen zwischengeschobenen kurzen Kapiteln darf man auch in die Köpfe einzelner Nebendarsteller blicken, was ich sehr interessant und gut gemacht fand. Es gibt unheimlich viele humorvolle, Szenen, teilweise habe ich Tränen gelacht, so aberwitzig, wenn auch vielleicht teilweise etwas überzeichnet,  sind die Gestalten, auf die die beiden bei ihrer Reise treffen. Wenn ich nur an den Guru denke, der sie eine Weile begleitet hat, und dessen wohl vernünftigster Satz war „Wahrscheinlich braucht ihr kein irdisches Essen, aber ich habe Hunger“ muss ich jetzt noch grinsen. Aber Stefanie Gregg hat alles andere als nur einen witzigen Unterhaltungsroman geschaffen. Nicht nur einmal war ich tief betroffen, ich habe gelitten, ich habe mich gefreut, ich habe viel nachgedacht, ich war richtig traurig. Für mich war das Lesen eine wahre Achterbahnfahrt der Gefühle, so hat mich diese traumhafte Geschichte mit auf die Reise genommen.

Isabel war mir von Anfang an super sympathisch und ich konnte mich nicht nur sehr gut in sie hineinversetzen. Nein viel mehr, ich hatte das Gefühl, in ihr zu stecken und mich gemeinsam mit ihr auf diese verrückte Reise zu begeben. Ich habe ihre Schmerzen im Bauch fast mit einem Magenziehen gespürt. Ich habe mir, wie sie bewusst gemacht, was durch mein ebenso wie ihr durchstrukturiertes Leben die letzten Jahre an mir vorbei gegangen ist. Ich habe mich mit ihr an den verrückten Dingen, die sie erlebt hat, gefreut, ich habe mir viele ähnliche Fragen gestellt und ich habe von Anfang bis Ende um ihr Leben gebangt. Rasso ist ein Typ, den man einfach mögen muss. Er ist natürlich. Den starken Mann spielen, liegt ihm völlig fern, was ihn für mich zum eigentlich starken Mann macht. Er träumt davon, von seiner Musik leben zu können. Vielleicht ist er das andere Extrem. Aber für seine Träume zu leben, offen zu sein für die Dinge, die das Leben für einen bereit hält, ist mit Sicherheit ein gutes Rezept für Freude und Zufriedenheit im Leben und ist es nicht das, was wirklich zählt?

Die Nebendarsteller sind toll gezeichnet. Lebensgefährte Georg war mir anfangs alles andere als sympathisch, konnte er mit Krankheit eigentlich nichts anfangen, mit der Treue nimmt er es auch nicht so genau. Allerdings erfährt man im Verlauf des Romans auch, warum dies so ist und er verändert sich sehr zum Positiven. Piet, der Biologe, der den Hunger in Afrika bekämpfen will, war mir von Anfang an sympathisch. Verrückte Reisebekanntschaften gibt es mehr als genug, beim Guru angefangen, über Jesus auf Zeit, bis hin zur hängebusigen FKK-Verfechterin. Aber auch liebenswerte Bekanntschaften, wie z.B. Lenchen mit ihrer Familie oder Piets Mama mit dem guten Zwetschgenkuchen, fehlen nicht.

Eigentlich ist mir das Cover meist nicht wichtig, aber hier möchte ich es doch lobend erwähnen, vor allem auch, weil das Layout auch innen wirklich ansprechend ist. Geschwungene Kapitelnummern, Schirmchen von Pusteblumen, die sich immer wieder auf den Seiten verstecken und eine herrlich angenehm große Schriftgröße machen das Lesen auch optisch zum großen Vergnügen.

Alles in allem ein wunderbares Gesamtpaket, das sich nicht nur zum Lachen, Träumen und Weinen eignet, sondern auch wieder ein bisschen in Erinnerung ruft, das Leben mehr zu genießen, bevor es zu spät ist. Vollste Leseempfehlung und begeisterte 5 Sterne für diesen tollen Roman.

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20 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 18 Rezensionen

graz, köln, spannend, serienmörder, krimi

Anton zaubert wieder

Isabella Archan
Flexibler Einband: 300 Seiten
Erschienen bei CONTE-VERLAG, 30.09.2016
ISBN 9783956020933
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Die Autorin hat mich schon mit „Tote haben kein Zahnweh“ und „Schere 9“ auf außergewöhnliche Art richtig gelungen unterhalten. Ihre Willa Stark Reihe kannte ich bisher nicht und war deshalb sehr gespannt. Ich war als Neueinsteiger auch ohne Vorkenntnisse sofort mitten im Geschehen, bin aber so begeistert, dass „Helene geht baden und „Marie spiegelt sich“ schon auf meiner Einkaufsliste stehen.

Es geht mit einem ergreifenden Prolog los, in dem man Zeuge wird, wie der kleine Anton beobachten muss, wie seine Mutter ermordet wird. Nach einem Rückblick auf Willas Kindertage, geht es medias in res. Déjà-vu, schrecklicher Zufall oder viel mehr? Anton, inzwischen erwachsen, befindet sich in einer ganz ähnlichen Situation. Er wird schweigend in der Wohnung einer brutal ermordeten Frau, mit der er sich die vergangene Nacht vergnügt hat, aufgegriffen. Wurde er erneut zufällig Zeuge? Hat er selbst zugeschlagen? Wenn er doch nur sein Schweigen brechen würde. Das ist die Chance für die Grazerin Willa Stark die Kölner Kripo als Beraterin bei ihren Ermittlungen zu unterstützen, wünscht sie sich doch so sehr eine Festanstellung dort. Wird sie den ebenfalls aus Graz stammenden Anton zum Reden bringen?

Die Autorin hat mich von der ersten Seite ab gefesselt und ich konnte das Buch fast nicht mehr aus der Hand legen. Sie hat eine ganz eigene Art von Schreibstil, den ich mit keinem anderen vergleichen kann. Kurze prägnante Sätze, Beschreibungen von Szenen mit einem Erzähler, der namenlos offen lässt, über wen er gerade spricht, Szenen, die aus der Ich Perspektive berichten und kursive Einschübe mit abstrusen Gedanken, die Autorin hat hier ihre ganz eigene Trickkiste, die mich ungemein zu fesseln vermag. Bedrückend, schaurig, zwielichtig und undurchschaubar, verwirrend, eine solche Atmosphäre herrscht beim Lesen und lässt einen nicht los. Die erste Tote lässt nicht lange auf sich warten und es bleibt auch längst nicht bei der einen. Hier ist die Autorin nicht zimperlich, Ekelleiche, brutal mit der Gardinenstange erstochen, erdrosselt oder brutale Schläge sind daher nicht selten. Ständig neue Hinweise, gekonnt gelegte Finten haben mich in meinen Theorien hin und her geworfen und für mich war der Krimi spannend bis zur allerletzten Seite. Richtig gut gefallen mir auch ihre treffenden Vergleiche. Da ist die „Wut so überwältigend und groß wie seine Ohnmacht der Situation gegenüber“, oder es ist als ob eine „Wunde aufbricht, aus der der Eiter zu rinnen beginnt.“

Willa Stark hat ihr Päckchen aus der Vergangenheit zu tragen. Sie leidet sehr unter einer Enttäuschung in Kindheitstagen und ihr Liebesleben könnte man als traurig beschreiben. Stark ist vor allem ihre Fassade, was man beim tiefen, ehrlichen Einblick in ihre Gedankenwelt schnell erkennt. Sie ist nicht perfekt, gibt aber stets ihr Bestes, was sie sympathisch macht. Richtig ins Herz geschlossen habe ich Harro de Närtens, den Gerichtsmediziner, der nicht nur ein Auge auf Willa geworfen hat, sondern ihr auch als guter Freund zur Seite steht. Anton, der auf die Frauenwelt, trotzdem nicht absoluter Adonis,  eine magische Anziehungskraft ausübt, wird überzeugend glaubwürdig dargestellt. Es scheint fast so, als ob diese Anziehungskraft auch auf den Leser übergeht, obwohl er mit seinen One-Night-Stands und seiner manipulativen Art alles andere als sympathisch und liebenswert rüber kommt.  

Durch „Fräulein Ösi“, wie die in Graz „Pseudopiefke“ betitelte Willa in Köln genannt wird, bekommt die Geschichte ein bisschen österreichisches Schmäh. Auch wenn sich Willa sehr um korrekte hochdeutsche Aussprache bemüht, kommen immer wieder Ausdrücke wie damisch, Gfrett oder Gogger über ihre Lippen, was mir sehr gut gefallen hat. Auch der eine oder andere Kölsche Ausspruch ist zu finden.  

Alles in allem ein Krimi, der den Leser wie ein Sog mitnimmt auf eine verworren, fesselnde Mördersuche und tiefe Einblicke auf zahlreiche kranke Seelen zulässt. Für mich fast ein Psychothriller, den man unbedingt gelesen haben muss.

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26 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 20 Rezensionen

münchen, mord, schickimicki, krimi, p1

Schickimicki

Ulrich Radermacher
Flexibler Einband
Erschienen bei Gmeiner-Verlag, 08.02.2017
ISBN 9783839220412
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Nachdem mich der Autor mit "Saukerl" sehr gut unterhalten hat, war ich sehr gespannt auf Schickimicki", den zweiten Fall für Alois Schön und sein Team.

Kurz vor Weihnachten wird im Englischen Garten die Leiche der attraktiven, wohlhabenden Petra Malterer gefunden. Was ist nach dem gemeinsamen Mädelsabend im P1, den ihre beiden Freundinnen früher verlassen haben, geschehen? Alois Schön und seine Kollegin Natascha müssen sich auf die Suche nach dem Mörder der knapp Vierzigjährigen Mutter, die ohne ihren erheblich älteren Ehemann so gerne gefeiert hat, machen. Schwierige Ermittlungen stehen an, denn weder die allesamt eigentümlichen Familienmitglieder noch ihre Freunde scheinen zur Aufklärung beitragen zu können bzw. wollen.

Der Fall ist spannend angelegt und auch wenn man vielleicht schon etwas vorab erahnen kann, in welche Richtung sich die Lösung entwickeln wird, gibt es zahlreiche Verdächtige, die das Rätselraten ermöglichen. Ein enttäuschter Liebhaber, ein verwöhnter Sohn, der so unbedingt ans Erbe will, oder am Ende sogar der ach so katholische Ehemann, für den Ehebruch eine Todsünde ist, wer hat hier zugeschlagen? Das Verschwinden weiterer Verdächtiger und das Auftauchen einer zweiten Leiche sorgen im Verlauf der Ermittlungen für Fahrt.

Ich habe „Saukerl“ vor allem auch wegen der zahlreichen Dialektpassagen so geliebt. Hier hält sich der Autor im Vergleich dazu sehr zurück und nur ab und an darf jemand reden, wie ihm der Mund gewachsen ist, so wie z.B. der Herr Architekt, der bei seiner Beschreibung die Worte „Und immer hod´s an Haufa Spachtelzeig im Gsicht g´habt ohne Schminke ist die g´wiss voi schiach.“ wählt. Leider sind solche für mich witzigen Dialoge im zweiten Fall eher selten. Auch die zahlreichen versteckt, zynischen Spitzen, mit denen Ulrich Radermacher kurzweilig, humorvoll unterhalten kann, haben mir hier etwas gefehlt und waren meiner Meinung nach nur in Ansätzen zu finden. Insgesamt war mir der Stil etwas zu nüchtern und distanziert. Vielleicht bin ich aber auch mit zu hohen Erwartungen herangegangen, weil ich weiß, was in dem Autor steckt. Nichtsdestotrotz hat sich der Krimi locker, leicht lesen lassen und ich bin durch die Seiten geflogen.

Julia und der liebenswerte Franke Martin, die im ersten Fall in Alois Schöns Team ihr Praktikum gemacht haben, drücken im Moment die Schulbank. Daher müssen sich Schön und Natascha alleine durch die Ermittlungen kämpfen. Vielleicht bleibt auch gerade deshalb nicht so viel Luft für witziges Geplänkel, naja der urgelungene Franke mit seinen Kommentaren fehlt wohl einfach auch. Mir blieb sowohl Alois Schön, als auch Natascha im gesamten Fall über fremd. Den kurzen Blicken aufs Private und auch den sonstigen Beschreibungen hat mir etwas der gefühlvolle Ton gefehlt. Unter den Verdächtigen konnte ich wenig Sympathien vergeben. War mir der Ehegatte der Toten fast schon zu katholisch um überzeugend zu wirken, der Sohnemann zu verwöhnt und eiskalt um Mitleid mit ihm wegen dem Verlust der Mutter zu haben, aber gut Verdächtige müssen ja auch nicht sympathisch wirken. Insgesamt empfand ich die Charaktere etwas blass, mit Ausnahme einer schwer krebskranken Mutter, vielleicht.

Dass der Fall zu großen Teilen mitten in "Minga" spielt, merkt man deutlich. So wird Englischer Garten mit seinen eigenen Eckchen gelungen beschrieben, man bekommt einen Blick auf die Diplomatenvillen in Bogenhausen oder man darf mit zu Zeugenbefragungen im Glockenbachviertel. Ausflüge wie z.B. zu Sylvester nach Kitzbühel sind hier ebenfalls inbegriffen.  Wenn die Dialektpassagen nicht deutlich weniger wären als im ersten Fall, würde ich sicher auch diese hier lobend erwähnen.

Alles in allem ein Krimi, der für leichte Unterhaltung sorgt und sich flott lesen lässt. Ich habe mich sicher nicht gelangweilt, aber leider hat mir hier das vom Autor gewohnte gewisse Etwas gefehlt, das sich hoffentlich im nächsten Fall wieder finden lässt. 

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54 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 35 Rezensionen

finnland, schicksal, zufall, verlust, depression

Dinge, die vom Himmel fallen

Selja Ahava , Stefan Moster
Fester Einband: 208 Seiten
Erschienen bei Mare Verlag, 14.02.2017
ISBN 9783866482425
Genre: Romane

Rezension:

Dinge die vom Himmel fallen, können einer glücklichen Familienidylle im "Sägemehlhaus" sehr schnell ein Ende bereiten. So ist es für die kleine Saara und ihren Vater Pekka in dieser Geschichte.  Die Mutter bzw. geliebte Ehefrau Hannele wird von einem Einbrocken, der von einem Flugzeug vom Himmel fiel, bei der Gartenarbeit erschlagen. Kann es so viel Unglück bzw. schrecklichen Zufall geben oder handelt es sich um das Schicksal, das scheinbar manchmal brutal, aber auch überaus glücklich zuschlagen kann? Pekka kommt mit der Situation nicht zu Recht, verfällt in Depressionen und ist nicht in der Lage, sich um Saara zu kümmern. Die beiden ziehen zu Tante Annu in deren, von einem Lottogewinn finanziertes riesiges Gutshaus. Saara versucht in ihrer ganz eigenen kindlichen Art verzweifelt, mit der Trauer um ihre verlorene Mutter umzugehen, Tante Annu hadert mit dem Schicksal und die große Frage, die sich stellt ist, wie soll es weitergehen, heilt Zeit alle Wunden?

Die Autorin lässt ihre Geschichte aus unterschiedlichen Perspektiven erzählen. Den Beginn macht die achtjährige Saara. Hier ist der Sprachstil einfach, schlicht und könnte genau so von einem Kind stammen. Sie beschreibt sehr bildhaft und ausführlich, typisch für Kinder, die noch viel mehr wahrnehmen, weil der Blick durch erworbene Erfahrungen noch nicht so selektiv wahrnimmt. Das Gutshaus z.B., oder auch das Sägemehlhaus, wird äußerst detailliert beschrieben. Man hat stets das Gefühl man steht neben Saara. Aber wirklich daneben, da sie gleichzeitig so nüchtern beschreibt und ich mich daher, ganz besonders zu Beginn, nur schwer in sie hinein fühlen konnte. Ihren Berichten schließt sich ein Teil an, den man als abgedruckten Briefwechsel bezeichnen könnte. Tante Annu hat sich an, den in den USA lebenden, Hamish Mac Kay gewandt, der bereits vier Mal vom Blitz getroffen wurde. In den Briefen wird von skurrilen Schicksalsschlägen, wie dem Verschlucktwerden von Erdlöchern, einem Zufallsweltrekord im Weitsprung und ähnlichem berichtet. Diese fand ich sehr interessant. Gleichzeitig finden sich hier aber auch viele Gedanken über das Schicksal und dem Zurechtkommen damit. Gegen Ende der Geschichte wird aus Sicht von Krista, Pekkas neue Partnerin an seiner Seite erzählt, nicht ganz so blumig beschreibend wie von Saara, aber ebenso nüchtern. Ich hätte locker, leicht durch die Seiten fliegen können, allerdings ließ der doch schwere Inhalt dies nicht wirklich zu.  Die Geschichte hat mich betroffen gemacht, ich habe Wut verspürt, ich war stellenweise verstört, ja sogar schockiert und manchmal sogar völlig verwirrt. Ich habe bisher noch kein vergleichbares Buch gelesen. Es hat Wirkung hinterlassen, aber ein eindeutiges „Ja, sehr gut“ auf die Frage, ob mir das Buch gefallen hat, kann ich nicht geben.

Die Charaktere sind eindringlich gezeichnet. Saara hat mir von Anfang an sehr leid getan. Sie verliert ihre Mutter, hätte wie jedes Kind wohl in dieser Situation eine Stütze und Hilfe gebraucht, aber scheint auf der Welt im Grunde genommen völlig allein zu sein. Sie flüchtet sich in Erinnerungen an ihre Mutter, damit die Zeit diese ihr nicht nimmt. Sie will nicht vergessen. Auch eine Traumwelt aus Märchen und erdachten Kriminalfällen, die ihr Fernsehstar Hercule Poirot lösen muss, scheinen ihr zu helfen, die Trauer zu verarbeiten, oder vielmehr sie zu verdrängen. Pekka, ihr Vater fällt nach dem Tod seiner Frau in ein Loch, in eine schwere Depression und stirbt damit für Saara eigentlich auch. Fast zwei Jahre lang nimmt er kaum am Leben teil, worunter das Mädchen natürlich auch leidet, hätte sie doch eine Stütze so nötig gehabt. Nach dem Tod nimmt Tante Annu die beiden bei sich im Gutshaus auf, da Pekka das Sägemehlhaus, in dem die Familie bislang glücklich war, nicht mehr betreten will. Sie kümmert sich, versorgt beide mit den lebensnotwendigen Dingen, wie gekochtem Essen. Seelische Stütze und Gefühle scheinen aber auch hier keinen Platz zu haben. Sie hat im Lotto den Jackpot geknackt, aber ihr Leben eigentlich weiter gelebt, was für sie spricht. Als sie das Lottoglück erneut trifft, fällt sie in einen Tiefschlaf, denn auch sie wird mit diesem, von außen betrachtet, ultimativ glücklichen Schicksalsschlag nicht fertig. Krista, die ebenfalls ein schweres Päckchen zu tragen hat, versucht meiner Meinung nach das Beste um Pekka und Saara wieder in Richtung normales Leben zu führen.

Die Geschichte beschäftigt sich mit dem Schicksal, mit Glück, mit Unglück, mit unvorstellbaren Zufällen und ganz viel auch mit Trauerarbeit und dem Zurechtkommen mit Schicksalsschlägen im positiven, wie auch negativen Sinne. Diese Geschichte war sicherlich für mich ein ganz außergewöhnliches Leseerlebnis, das auch bestimmt noch eine Weile bei mir nachklingen wird.

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3 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

Der Commissaire kocht

Julie Masson , Gert Heidenreich
Audio CD
Erschienen bei Audio Media Verlag, 15.09.2016
ISBN 9783956391743
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Dies ist bereits Julie Massons dritter Krimi um Kommissar Lefevre. Für mich war es der erste, aber ich hatte keinerlei Probleme mich auch ohne Vorkenntnisse in der Geschichte zurecht zu finden und wurde mit diesem Hörbuch wirklich wunderbar unterhalten.

Commissaire Lefevre hat bei seiner Bekannten Colette Viard, der Gewinnerin der Kochshow "Le Grand Gourmet", eine Einladung zur Eröffnung ihres, durch das Preisgeld finanzierten, Restaurants. Ganz groß aufgezogen, ist sogar die Presse anwesend, denn neben zahlreichen Ehrengästen der Umgebung ist als Ehrengast auch der medienwirksame Restaurantkritiker Raul Da Silva eingeladen. Während Lefevre bei dem Gedanken an den bevorstehenden Abend und dem Zusammentreffen mit ebendiesem vor allem wegen seiner gescheiterten Ehe unwohl ist, muss er schnell erkennen, dass Da Silva ihm noch ganz andere Bauchschmerzen bereiten wird. Schon bei der Vorspeise stirbt Da Silva, vergiftet bei der Restauranteröffnung?

Der Fall ist spannend von Anfang an. Welcher der Restaurantgäste hatte Motiv und Möglichkeit den arroganten, von vielen gefürchteten und gehassten Mann zu vergiften? Eine enttäuschte Liebe, eine seiner zahlreichen Affären, die seine Ehefrau scheinbar schweigend geduldet hat, ein Koch, dem er zu sehr an den Karren gefahren ist oder doch jemand ganz anders? Durch zahlreiche neue Enthüllungen, die die Spannung hoch gehalten haben, und gelungene Finten, war ich wirklich viel am Grübeln und das Ende hat mir noch so manche Überraschung bereiten können.

Krimigenuss aus Frankreich, das trifft nicht nur das tolle Hörbuch an sich, sondern natürlich auch den Gaumengenuss. Es geht um eine Restauranteröffnung, hier wird auch gerne geschlemmt, gegessen und gekocht. Mir ist beim Hören nicht nur einmal der Mund wässrig geworden.

Der Sprachstil ist leicht verständlich und es wird sehr ausführlich beschrieben. Nicht nur den Genuss toll arrangierter Köstlichkeiten, sondern auch die ganz delikaten Dinge bei der Obduktion, hat man beim Hören als detaillierte Bilder im Kopf. Ab und an gab es auch etwas zu schmunzeln, ganz besonders, wenn ich mir den genervten Gesichtsausdruck von Lefevres Helfer vorgestellt habe, der sich nur allzu gern vor der Arbeit drücken würde.

Leferve war mir von Anfang an super sympathisch. Nach seiner gescheiterten Ehe scheint er das Liebesglück wieder gefunden zu haben, was mich richtig für ihn freut. Sophie und er verstehen sich nicht nur beziehungstechnisch, sondern er bekommt auch bei seinen Ermittlungen tatkräftige Unterstützung. Der Restaurantkritiker Raul Da Silva war Lefevre ein Dorn im Auge, da dieser seiner Meinung nach nicht ganz unschuldig am Scheitern seiner Ehe war. Trotzdem ermittelt er im Mordfall völlig objektiv und stellt die alte Geschichte hinten an. Raul ist ein spannend dargestellter Charakter. Er ist menschlich wohl alles andere als ein angenehmer Zeitgenosse. Ich habe gespannt gelauscht, welche Gemeinheiten und krummen Touren sein Leben ausgemacht haben. Auch die zahlreichen Nebendarsteller sind gekonnt gezeichnet.

Mich wundert kein bisschen, dass Gert Heidenreich zu den renommiertesten Sprechern Deutschlands zählt. Seine jahrelange Erfahrung aus Dokumentationen, literarische Lesungen, Essays und Rundfunk-Features ist ihm mehr als deutlich anzumerken. Ich bin der französischen Sprache nicht firm und habe auch ein äußerst schlechtes Namensgedächtnis. Ich hätte wegen der französischen Namen sicher ein enormes Problem mit den verschiedenen Charakteren gehabt, wenn er nicht über eine solch variationsreiche Stimme verfügen würde. Er verleiht jedem der einzelnen Protagonisten seine ganz eigene Stimmlage und verleiht ihnen dadurch zusätzlich noch richtig Persönlichkeit. Mir war stets klar, um wen es sich handelt. Toll finde ich auch die perfekt gewählte Balance im Sprechtempo. Langsam genug, um alles ganz genau mitzubekommen, um beim bloßen Hören keinerlei Zusammenhänge zu verpassen, wechselt sich ab mit gedehnt in Momenten des Genusses, ganz so als scheint der Sprecher selbst davon zu träumen, und mit rasantem Tempo, wenn es die Spannung bedarf. Ich habe diesem wirklich grandiosen Sprecher super gerne gelauscht.

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15 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 9 Rezensionen

fremd, flüchtlinge, toleranz, flüchtling

Lauter Fremde!: Wie der gesellschaftliche Zusammenhalt zerbricht

Livia Klingl
E-Buch Text: 208 Seiten
Erschienen bei Verlag Kremayr & Scheriau, 27.01.2017
ISBN 9783218010740
Genre: Sonstiges

Rezension:

Es vergeht leider kein Tag mehr, an dem ich keine unreflektierten und boshaften Hetzparolen in unserer Gesellschaft vernehme. Gerade auch in den „anonymen“ sozialen Medien werden Beschimpfungen von Flüchtlingen immer häufiger und unverfrorener und der Ruf nach der guten alten Zeit immer lauter. Das macht mir zeitweise richtig Angst und ich war deshalb sehr neugierig auf dieses Buch.

Warum werden Flüchtlinge zum Sündenbock gestempelt für alles, was schiefläuft in diesem Land? In ihrer Analyse greift Livia Klingl die Vorurteile auf, sortiert sie und zeigt: Die Flüchtlingsfrage ist oft nur eine Ausrede, um sich mit den wirklichen Problemen nicht beschäftigen zu müssen, wenn überhaupt war sie höchstens Auslöser dafür, dass in unserer Gesellschaft längst schwelende Konflikte ans Tageslicht treten. Zudem beschäftigt sich mit dem Begriff „Fremd“, den man nicht an der Nationalität ausmachen kann, da er so viel Verschiedenes bedeuten kann.

Wie sollen die so genannten kleinen Leute erkennen und verstehen, dass nicht die vielen Fremden, sondern andere Einflüsse wie Globalisierung und ihre schwer zu durchschauenden Mechanismen zu viel Unsicherheit führen“, wenn die Politik und die Medien penetrant und permanent auf dem „Flüchtlingsthema“ herumreitet? Ich denke das ist eine wichtige Frage, die sich die Autorin in ihren einleitenden Worten stellt. Teilweise mit einem leicht ironischen Unterton, gibt sie jede Menge Denkanlässe indem sie sich Gedanken zu bösen und guten Fremden, Ländern und Sitten, der Definition von „fremd“, Hasspostings oder auch dem Kulturkampf mit Kleidungsstücken macht. Sushi, obwohl japanisch, ist längst nicht mehr wegzudenken, Touristen stets willkommen, kurbeln sie doch die Wirtschaft an, warum aber sind Menschen, die wir gar nicht kennen, pauschal nicht willkommen?

Ihre eigenen Gedanken ergänzt die Autorin mit 21, alphabetisch angeordneten Porträts, die zeigen, welch vielfältige Auslegung es von „Fremdheit“ gibt. Die Bandbreite der Befragten erstreckt sich dabei über Flüchtlinge aus den unterschiedlichsten Ländern, Einwanderern aus früheren Jahren, Überlebenden des 2. Weltkrieges, Menschen mit Migrationshintergrund, Ärzte, Journalisten und auch Politikern. Die Menschen erzählen von ihren Traditionen, Beweggründe der Flucht werden dargestellt und auch ihre Probleme, die sie bei der Ankunft und beim Leben im ihnen „fremden“ Land haben, werden nicht ausgelassen. Auffallend ist sicher, dass ein jeder  von ihnen den Begriff „fremd“ anders definiert. Aber was für einen Menschen fremd ist, ist schließlich ja auch abhängig von der Sozialisation eines jeden einzelnen.

„Integrieren muss man sich jeden Tag, nicht nur als Ausländer.“, ohne geht es auch in der Familie und im Freundeskreis nicht. „Zugehörigkeit ist ebenso wie das Fremdheitsgefühl unabhängig von Pass und Geburtsort.“ Fremd kann auch der alteingesessene „Nachbar sein, der andere Werte vertritt und vor anderen Dingen Angst hat.“ Das sind nur zwei der zahlreichen wertvollen Botschaften, die in diesen Interviews zu finden sind.

Die Autorin war selbst mehr als 20 Jahre lang Kriegs- und Krisenberichterstatterin, ist selbst viel gereist und den Menschen offen und neugierig begegnet, sicher eine wichtige Voraussetzung um sich unvoreingenommen diesem Thema zu widmen. Auch wenn Livia Klingel von Österreich schreibt und Menschen, die dort leben, interviewt hat, denke ich, dass sich dies auch auf die angrenzenden Länder nahezu vollständig übertragen lässt. Ein Riss geht durch die Gesellschaft, die „Flüchtlingsfrage“ spaltet die Bevölkerung in Gutmenschen und jene, die zurück möchten in die „gute, alte Zeit". Ein Trend nach rechts ist in gut wie allen europäischen Ländern auszumachen, wenn auch in unterschiedlicher Ausprägung.

Ganz besonders gut gefällt mir der lockere, leicht verständliche Sprachstil der Autorin. Zu diesem Buch kann jeder interessierte Leser, ganz unabhängig von der Schulbildung, greifen. Dies ist meiner Meinung nach gerade deshalb so wichtig, weil den so genannten kleinen Leuten, zumindest möglichst vielen von ihnen, die Augen zu öffnen, dass nicht „die Flüchtlinge“ selbst schuld an ihrem Dilemma sind, mit Sicherheit sehr viel bewirken kann.

Alles in allem kann ich dieses Buch nur wirklich jedem empfehlen und ich würde mir wünschen, dass ihre Botschaft „Ob Menschen mit den Fingern essen, oder Messer und Gabel benutzen, ob das Brot in Fladen- oder Laibform gebacken wird, ob man Gott, Allah, Jahwe oder (…)sagt, unterscheidet uns Menschen weit weniger als der Charakter, die Talente, die geistigen Fähigkeiten und die Herzensbildung!“ bei möglichst vielen ankommt.

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