Leserpreis 2018

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4 Bibliotheken, 2 Leser, 1 Gruppe, 1 Rezension

Die Liebenden von Wiesbaden

Susanne Konrad
Flexibler Einband: 190 Seiten
Erschienen bei Größenwahn Verlag, 04.10.2017
ISBN 9783957711861
Genre: Liebesromane

Rezension:

„Nimm dir nie einen älteren Mann! Den hast du später am Rockzipfel und du musst ihn pflegen.“

 

Da mein Papa ebenfalls zwanzig Jahre älter als meine Mutter war und ich ihn gemeinsam mit ihr einige Jahre bis zu seinem Tod zuhause gepflegt habe, war ich super neugierig auf diese Novelle.

 

Die vierzigjährige Kirsten ist mit ihrer Mutter in Grömitz im Urlaub, als ihr bei einer Bootsfahrt der gestandene Geschäftsmann, der Hans Albers Konkurrenz gemacht hätte, über den Weg läuft. Liebe auf den ersten Blick? Scheint so zu sein, auf jeden Fall geht es ziemlich schnell, und der 61-jährige Ernst Kämmerer hat im Nu Kirstens Herz erobert. Eine tiefe Liebe entsteht, von der die Autorin hier berichtet.

 

Nach einem kurzen Augenblick, in dem der Leser einen Blick auf die vertraute Zärtlichkeit mit der Kirsten ihren Ehemann liebevoll pflegt, werfen darf, erfährt man erst einmal davon, wie sich die beiden kennengelernt haben. Schnell darf man auch Zeuge von einer gemeinsamen Wohnung und einem Heiratsantrag werden. „Wir haben nicht viel Zeit. Wenn du dir noch ein Kind wünscht, dann sollten wir nicht zu lange warten.“ Und auch wenn die Vernunft fragt, „Meinst du nicht, dass wir schon zu alt sind?“ ist sie wenig später mit Daniela schwanger. Vor welche Herausforderungen stellt das kleine Mädchen das Liebespaar, wie wächst es auf? Das sind Fragen die hier beantwortet werden, während man sich mit der Ich  Erzählerin an Urlaube und markante Ereignisse wie Einschulung, Konfirmation und auch einen Kuraufenthalt oder die Zusatzbelastung durch die zunehmende Pflegebedürftigkeit ihrer Mutter zurückerinnert. „Ich hatte schon immer eine seltsame Sehnsucht nach reiferen Männern. In meiner Jugend war das noch etwas Aufregendes gewesen: Mein erster Mann war ein Lehrer an unsere Mädchenrealschule. Ich war 15 und er mochte 40 gewesen sein.“ Als Leser erfährt man auch von ihren früheren Liebesbeziehungen und auch von der ersten Ehe ihres Mannes. Dazwischen gibt es immer wieder einen Blick auf das Jetzt, innige Momente voller Sexualität und tiefer Liebe zwischen Daniela und ihrem pflegebedürftigen Ehemann.

 

Ich kann aus eigener Erfahrung sprechen, die Autorin schildert hier mehr als authentisch. Die Sprüche der anderen, ja welch ein nettes Enkeltöchterchen, oh haben deine Eltern keine Zeit, warum begleiten dich deine Großeltern zu Einschulung, habe ich ganz genau so ebenfalls gehört, auch wenn ich meinen Papa im Gegensatz zu Daniela immer stolz verteidigt habe. Auch bei uns kam der Pflegedienst nur zum Baden und  mein Blick auf Pfleger, die minutengenau ihre Arbeit verrichten, war exakt der gleiche, wie der der Erzählerin. Für mich gab es viele bewegende Momente in dieser Novelle. So konnte ich z.B. den Stich ins Herz der Eltern bei Danielas Worten kurz nach der Einschulung, „Du bist so ein alter Mann. Bist du wirklich mein Vater? Du  bist mein Opa, gib´s zu!“, mehr als gut vorstellen und die Verzweiflung bei den Worten „Der Kreis meiner Konfirmationsgäste ist klein … und meine liebsten Menschen werden bestimmt bald sterben…“ habe ich richtiggehend gespürt.  „Da zogst du plötzlich mit einem Ruck beide Augenbrauen hoch. Diesen Blick werde ich nie vergessen. Dein Mund verzerrte sich, dein linker Mundwinkel hing herunter, dein Arm verkrampfte sich und dein Bein begann zu zittern.“, auch Szenen wie diese haben mich schwer berührt. Gut hat mir auch der Schreibstil der Autorin gefallen. Sie lässt ihre Hauptdarstellerin erzählen, man darf ihren Gefühlen nah sein, sieht mit ihr das Ganze aber aus der Distanz. Kurze Sätze, beiläufige Erwähnungen bedeutender Dinge, die Geschichte erscheint wie im Zeitraffer erzählt.

 

„Wenn jemand sagte, unser Leben wäre durch Sexualität wieder in Gang gekommen, so fände ich dies eine Unterstellung, denn die Wirklichkeit ist viel zu komplex. Trotzdem ist etwas dran, denn nach diesem Erlebnis warst du wie ausgetauscht.“ Ich denke, dass auch Schwerstpflegebedürftige ein Recht auf körperliche Lust und Befriedigung haben dürfen und finde generell toll, dass die Autorin hier versucht mit einem Tabu zu brechen, was längst überfällig ist. Allerdings immer wieder Sätze wie „Deine kleine Morchel reagiert. Ich neige mich über dich. Meine Lippen umschließen sie.“, lesen zu müssen, weil Susanne Konrad meiner Meinung nach dem Thema großen Platz einräumt, ist nicht ganz so mein Ding. Das hat für mich auch den fünften Stern gekostet. Aber ich mag allgemein Sexszenen in Romanen nicht, die gehören für mich in die dazugehörige Buchsparte, daher bin ich sicher nicht der richtige Maßstab.

 

Normalerweise ist mir ein Cover nicht so besonders wichtig, aber hier das tolle, farbenprächtige Macke Motiv ist sicher eine Erwähnung wert, weil sich die Novelle meiner Meinung nach auch als Geschenkbüchlein eignen würde. Zwischen den Kapiteln findet sich jeweils auf einer Doppelseite ein Schwarz Weiß Bild, wohl mit Aufnahmen aus Wiesbaden. Auch die großzügige Schrift, die viel Luft auf den Seiten bekommt, macht gemeinsam mit der edlen Klappbroschur einen wertigen Eindruck.

 

Alles in allem zeigt die Autorin mit ihrer Novelle gekonnt, dass Liebe jeglichen Altersunterschied überwinden kann und räumt damit mit einigen Vorurteilen auf. Tabus werden gelüftet, was sicher wichtig ist.


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1 Bibliothek, 0 Leser, 0 Gruppen, 0 Rezensionen

Wo wir zu Hause sind: Die Geschichte meiner verschwundenen Familie

Maxim Leo
E-Buch Text: 368 Seiten
Erschienen bei Kiepenheuer & Witsch eBook, 14.02.2019
ISBN 9783462318852
Genre: Biografien

Rezension:  
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24 Bibliotheken, 4 Leser, 0 Gruppen, 5 Rezensionen

Penny Pepper 7 - Diebesjagd in London

Ulrike Rylance , Lisa Hänsch
Flexibler Einband: 144 Seiten
Erschienen bei dtv Verlagsgesellschaft, 30.11.2018
ISBN 9783423762359
Genre: Kinderbuch

Rezension:

Urlaub in Bella Italia, Klassenfahrt aufs Gruselschloss, das liegt schon ein Weilchen hinter uns, Weihnachten haben wir auch schon einmal mit Penny und CO verbracht, deshalb wird im siebten Band wieder einmal die Reiselust geweckt, denn es geht nach London. Welch ein Glück, dass Omas Freundinnen alle unter „Zipperlein“ leiden und so Penny, Marie, Flora und Ida mit auf die gewonnene Busreise dürfen.

Und als Leser darf man natürlich auch mit. Erst einmal eine lange Busfahrt nach London, dann der erste Schock, die Autos fahren ja auf der falschen Seite, das Essen anders als bei uns, da gibt es einiges zu beachten, wenn man sich in London zurechtfinden mag. Verhaltenstipps, Erklärungen, all das fehlt natürlich nicht. Allerdings muss man sich auch ganz besonders vor Taschendieben wappnen und das hat wohl keiner aus der Reisegruppe so richtig ernst genommen. Goldkette, Geldbeutel, Handy, Foto, ein Ding nach dem anderen verschwindet. Da der Bobby, so heißen die englischen Polizisten, meint, außer das zu melden, kann er nicht viel machen, gilt natürlich jetzt für die Mädels ihr Spruch nicht nur auf Deutsch sondern auch auf Englisch, „All four of us belive, that we will catch the thief“. Man kann also mit dem Team auf Verbrecherjagd gehen und ganz klar, wenn man schon mal in London ist, sind auch Sehenswürdigkeiten Pflicht. Buckinghampalace, Big Ben, Tower,…. All das fehlt nicht.

 

Die Autorin nimmt einen schon auf der ersten Seite so richtig mit an Bord. Ihr pfiffiger Schreibstil ist spritzig, amüsant und liest sich herrlich locker leicht. Auch dieses Mal darf man mit Penny, ihren Mädels und den Hunden ermitteln, Vermutungen aufstellen und kombinieren, für Spannung und Krimispaß ist daher wirklich gut gesorgt und man kann das Buch eigentlich gar nicht mehr aus der Hand legen. Das hat natürlich zur Folge, dass die Seiten am Ende schon wieder viel zu schnell verschlungen sind. Jede Menge Spaß und ganz viel Lachen kommen auch wie immer nicht zu kurz. Die Geschichte sprudelt an Situationskomik und für ganz viel Spaß sorgt natürlich auch wieder mein persönliches Highlight, das Diktiergerät mit dem unersetzlichen Sprachfehler. Da ist ein jeder Spruch ein Lacher und dieses Mal darf man ganz besonders gespannt sein, wie es sich in London schlägt. Jetzt wird nicht nur aus einem „Bedienen sie sich meine Liebe“ ein „Verziehen sie sich, feige Ziege“, sondern da ist noch mehr im Gepäck.

 

Reiselust wird definitiv geweckt mit Pennys neuestem Abenteuer. Liebend gerne wäre ich mit ihr in Wirklichkeit von Sehenswürdigkeit zu Sehenswürdigkeit, über den Flohmarkt oder einfach nur zum Fish and Chips testen durch London geschlappt. Penny hat für die Leser jede besondere Reise- und Verhaltenstipps parat und auch mit einigen Redewendungen kann man nach dem Lesen prahlen, wenn man selbst auf die Reise geht. So macht nicht nur der London Trip, sondern auch Englisch Lernen richtig Spaß.

 

Die 144 Seiten sind auf neun übersichtlich kurze Kapitel verteilt und mit viel Illustration wird da bestimmt auch kein kleiner Leser überfordert. Englische Begriffe gibt es natürlich immer wieder, wir reisen ja schließlich nach London. Die meisten werden aber erklärt und so sollte es deshalb zu keinen Verständnisschwierigkeiten kommen, auch wenn Selberlesen angesagt ist.  Wie immer finden sich auch einige Worterklärungen zu schwierigen Begriffen und dieses Mal auch zu Redewendungen, sowohl auf Deutsch als auch auf Englisch, damit es auch bei kleinen Lesern keine Verständnisschwierigkeiten gibt. „Kronjuwelen“, „Beefater“, „Desinfektionsmittel“, aber auch „An den Mann bringen“ oder „it´s raining cats and dogs“ sind nur einige Beispiele dafür.  Amüsant verfasst, erfährt man auf witzige Weise z.B. was Omas Freundinnen plagt. „Ein Zipperlein ist ein fieses kleines unsichtbares Krankheitsdingsbums, das sich immer auf alte Leute stürzt und sie ärgert.“, oder dass ein „Pub kein Pups ohne s, sondern eine Kneipe. Man spricht es Pab aus“ ist

 

Das ist ja bereits der siebte Fall und da die pfiffige Penny, Marie, Flora und vor allem auch die dauerhungrige Ida mir schon längst alle ans Herz gewachsen sind, habe ich mich natürlich wie wahnsinnig auf und über das Wiedersehen gefreut. Super fand ich auch, dass sogar die beiden Spürhunde Dschastin und Mailie mit auf die Reise gehen konnten. Dank ihnen darf man auch mit zu einer traditionellen Teeparty. Pennys Oma ist natürlich eh eine von der besten Sorte, dieses Mal darf sie sogar flirten, was ich witzig fand. Unter den Nebendarstellern hat mir vor allem Pudding Patrick leid getan mit seiner Desinfektionsspray-Mama, die ihm so oft den Spaß am Leben nimmt.

 

Ulrike Rylance und Lisa Häntsch sind das Dreamtem schlechthin, was Comic Romane angeht. Sowohl die Autorin, als auch die Illustratorin legen unheimlich viel Witz, Einfallsreichtum und Herzblut an den Tag. Lisa Häntsch gelingt es die Pointen und wichtigen Szenen perfekt mit ihrer grafischen Gestaltung umzusetzen. Jede Menge Abwechslung ist zudem geboten. Da gibt es auf jeder Seite anderes zu sehen und daher ist schon alleine das Durchblättern und Bilderschauen ein Highlight, das so richtig Lust auf Lesen macht. Kapitelnummern im Undergrundbahnsymbol-Form, Listen, Notizzettelchen, Vignetten, Lautsprache, Bilder der Akteure, Sehenswürdigkeiten und vieles mehr, Schwarz hinterlegte Seiten mit weißer Schrift, … die Ideen scheinen hier kein Ende zu nehmen.

 

Ich bin ein absoluter Fan von Ulrike Rylance, die mich noch immer bestens unterhalten hat. Bei ihrem Autorennamen weiß ich schon vorab, dass es nur gut werden kann und diesen Eindruck hat sie hier wieder einmal ganz eindeutig bekräftigt. Alles in allem, absolute Begeisterung für die geniale Londonreise und fünf strahlend helle Sterne.


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9 Bibliotheken, 2 Leser, 0 Gruppen, 4 Rezensionen

Dreizehn. Das Tagebuch

Carl Wilckens
herunterladbare Audio-Datei
Erschienen bei Ronin-Hörverlag, ein Imprint von Omondi UG, 31.08.2018
ISBN 9783961540327
Genre: Fantasy

Rezension:

Vorweg muss ich schon einmal klar stellen, dass ich mich nicht ausreichend über das Hörbuch informiert habe, Darkfantasy nicht mein Ding ist und ich sicher nicht dazu gegriffen hätte, wäre ich mir dessen bewusst gewesen. Ich bin daher sicher nicht die richtige Zielgruppe, weil Riesenpilzmedusas, Marionettenspieler, die man durch Spiegel töten kann und die Riesen Zehen abknabbern oder mit Schrumpfköpfen reden, sprich alles so in meinen Augen völlig Unrealistische, nicht mein Ding ist.

 

Schwerverbrecher Godric End sitzt im Hochsicherheitsgefängnis und erzählt hier seine Lebensgeschichte. Die Mutter bei der Geburt gestorben, von einem Privatlehrer erzogen, bei einem Piratenangriff von der Schwester, seinem letzten Verbündeten und Halt im Leben, getrennt und dann Monate im Schiffsrumpf des riesigen Piratenschiffs Flying Island verkrochen. Umgeben von Drogenabhängigen und wilden Bestien, muss er sich schon bald entscheiden, er oder die anderen? Nur einer kann überleben. Stehlen was man bekommt und Töten, sonst wird man selbst getötet. Kann da noch Gefühl übrig bleiben? Tina und Sam, die einzigen beiden Frauen an Bord, werden es weisen.

 

Dreizehn, das Tagebuch. End hat sich am Schiff inzwischen als professioneller Killer und Dealer hochgearbeitet, als plötzlich dieses Tagebuch in seiner verschlossenen Koje liegt, als er morgens aufwacht. Was hat ein W.D. Walker zu berichten? Gibt es tatsächlich ein Lebenszeichen von seiner tot geglaubten Schwester Emely?

 

Das Tagebuch ist eine Art Buch im Buch, denn sobald Godric End dieses findet, geht es hauptsächlich nur noch um den Inhalt dessen. Während ich den Anfang, den Aufenthalt im Schiffsrumpf wirklich, zwar aufgrund der vielen Gewalt und Brutalität geschockt, aber durchaus gefesselt gehört habe, kamen meine ersten Probleme mit dem Auftauchen des Tagebuchs. Zuerst dachte ich, End hat Wahnvorstellungen, aber das ist wohl der Part Fantasy, auf den ich nicht gewappnet war. Auch wenn die Spur zu seiner Schwester Emely durchaus meine Neugier geschürt hat, und auch die Liebesgeschichte zwischen ihr und W.D. Walker, mit der eifersüchtigen und unberechenbaren Diana sicher gut gemacht ist, haben mir die Anteile außerhalb des Tagebuchs wesentlich besser gefallen.

 

Gewalt und blutige Szenen sind prägend, Gänsehaut und ein flauer Magen sind hier beim Hören vorprogrammiert. Carl Wilckens gelingt es wirklich ausgezeichnet eine zunehmend immer düstere Atmosphäre zu schaffen, die den Hörer durchaus fesseln kann. Schockmomente, Überraschungen und auch gefühlvolle Szenen wechseln sich ab und so fehlt dieser Geschichte sicherlich nichts, sofern man eben auf Fantasy steht. Sogar ich, obwohl ich damit nicht viel anfangen kann, habe größtenteils gefesselt gelauscht. Ich wollte auch unbedingt wissen, wie es weiter geht.

 

Dies hat sicher dazu beigetragen, dass ich das Hörbuch nicht zur Seite gelegt habe. Aber den wirklichen Ausschlag gab der in meinen Augen großartige Sprecher Sven Marco Reinbold, der hier wirklich für ein grandioses Hörerlebnis sorgt. Seinem vollen, stimmgewaltigen Vortrag hätte ich gut noch ein Weilchen länger zuhören können, da konnte ich sogar über den einen oder anderen Medusapilz hinweghören. Dunkle Gefühle, Angst, Schrecken, düstere Atmosphäre aber zarte Verliebtheit, ihm gelingt es stets den passenden Rahmen für seine Worte zu stecken. Auch für die unterschiedlichen Rollen hat er stets eine passende Tonlage parat.

 

Alles in allem konnte mich die Geschichte nicht wirklich zu Begeisterungsstürmen hinreißen, weil Fantasy eben einfach nicht mein Ding ist. Für mich wäre die Geschichte so vielleicht drei Sterne wert. Da der Sprecher aber so einen tollen Job erledigt und ich selbst schuld bin, wenn ich mich nicht richtig informiere, hebe ich mein Urteil auf vier Sterne an.


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12 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 4 Rezensionen

Die Frau, die frei sein wollte

Hera Lind
Flexibler Einband: 416 Seiten
Erschienen bei Diana, 12.11.2018
ISBN 9783453359284
Genre: Biografien

Rezension:

Slema verbringt die Ferien bei ihrem Vater während ihre Mutter mit dem ältesten Bruder in der Türkei ihre Traumhochzeit mit Ismet ausrichtet. Sie hilft in Vaters Modeboutique aus und als der dieser dringend weg muss, scheint für Orhan die Gelegenheit gekommen zu sein. Der Sohn eines ehemaligen Mitarbeiters hat sich in den Kopf gesetzt, seine Ehre wieder herzustellen, indem er Selma zur Frau nimmt.  Seinen Heiratsantrag lehnt niemand ab und eine fristlose Kündigung nimmt er auch nicht einfach so hin. Sein rüpelhaftes Auftreten verstört Selma, doch blind vor Liebe zu Ismet nimmt sie ihn wohl nicht ernst genug. Als sie wenig später den Bus verpasst und ihr Orhan anbietet, sie nach Hause zu fahren, steigt sie zwar mit schlechtem Gewissen, aber dennoch ein. Ein Alptraum beginnt.

 

Als Leser steigt man mit Selma in das Auto, merkt schnell, dass dies ein fataler Fehler war und findet sich mit ihr wenig später schon in der Wohnung von Orhans Eltern. Über Nacht ins Schlafzimmer gesperrt, brutal geschlagen, weiß Selma, niemand wird ihr mehr glauben, dass sie jetzt noch Jungfrau ist und Ismet wird sie auf keinen Fall mehr heiraten. Eingeschüchtert von Orhans Drohungen, sie und ihre Familie zu töten, wenn sie nicht genau das macht, was er will, verkündet sie ihre Eltern, dass sie lieber ihn heiraten mag, was diese auch so tolerieren. Brutale Schläge, Vergewaltigungen und Demütigungen durch Beleidigungen prägen den Tagesablauf von Selma, die ihre Tage von nun an, bewacht von der Schwiegermutter, in der Wohnung verbringen muss. Als Leser erfährt man davon und auch davon, wie sie immer mehr abmagert, in Depressionen verfällt und auch von einem Selbstmordversuch. Besserung gelobend gibt sie Orhan noch eine zweite Chance, wird schwanger und von nun an geht es nicht nur darum, die Brutalitäten ihres Mannes weiter zu erdulden, sondern auch, sich Sorgen um ihr Töchterchen Elif zu machen. Elif ist bereits vier als er Selma so gut wie tot schlägt und ihre Familie endlich eingreift. Doch das Martyrium ist noch längst nicht zu Ende, denn so einfach gibt Orhan seine Frau und seine Tochter nicht auf und auch seinen Ruf lässt er sich nicht durch eine davongelaufene Ehefrau zunichtemachen. Hier will ich aber gar nicht mehr verraten. Zudem erfährt man rückblickend durch Einschübe aus vergangenen Jahren, wie ihre Schwester verstoßen wurde, wie die Ehe ihrer Eltern zerbrach und auch Dinge wie Präsident Mustafa Kemal Atatürks Ideen und Neuerungen, bereits viele Jahre früher. Auch von den Jahren nach der Scheidung, einer Beziehung zu Kurschatten Axel und dem Kennenlernen von Paul erfährt man.

 

„Rückblickend kann ich mein Verhalten selbst kaum noch nachvollliehen Wie soll es dann erst einem Mann und  Westeuropäer ergehen.“. Das sind die Worte die Selma im Heute an ihren Lebensgefährten Paul richtet und so ging es mir beim Lesen auch. Ich konnte nicht verstehen, warum eine Entführung ihre Schuld gewesen sein soll, warum sie zu Beginn sofort eingeknickt ist,  auch wenn ich später als Prügel und Vergewaltigungen ihr jegliches Selbstvertrauen und jegliche Würde genommen haben, nachvollziehen konnte, dass ihr die Kraft für eine Flucht, für einen Schrei nach Hilfe fehlt. Eingetrichtertes Rollenverhalten, die Frau hat nichts zu sagen, man muss seinen Eltern gehorchen, auf der einen Seite, auf der anderen aber doch das brutale Elend. Jeder hätte doch sehen müssen, dass sie nicht freiwillig eine Nacht bei Orhan verbracht hat. Was ist mit dem Grundsatz, in der Familie helfen alle zusammen? Warum gilt der nicht? Ich habe die Geschichte mit zunehmendem Entsetzen gelesen, konnte teilweise verstehen und ganz besonders als Töchterchen Elif dann auch eine Rolle spielt, ihren Vater in den Hintern beißen muss, damit dieser die Mutter nicht über den Balkon wirft oder die Kleine auch mit der Axt bedroht wird, habe ich zudem wirklich Hass verspürt. Konnte aber wie zu Beginn wieder immer weniger nachvollziehen. Auch nicht alle Entscheidungen, die danach noch fallen, konnte ich verstehen. Warum kann man später die Verwandten vor vollendete Tatsachen stellen, was ist mit Selbstbestimmung, wenn der Umzugs LKW ohne Absprache vor der Tür steht? Ich will hier keine wahre Lebensgeschichte oder Entscheidungen nach gut und schlecht beurteilen, sondern eben nur deutlich machen, dass es mir schwer fiel mich hinein zu denken und zu fühlen.

 

Der flüssige Sprachstil der Autorin liest sich leicht, allerdings gelang es Hera Lind nicht wirklich mich vollständig einzunehmen. Ich kann es nicht so genau beschreiben, aber für mich persönlich war es einfach etwas zu distanziert. Auch wenn mich dann das unglaublich brutale Leid, dass Selma ertragen muss, durchaus entsetzt und berührt hat, habe ich die gesamte Geschichte nicht so wirklich intensiv mitfühlend gelesen, wie ich es mir bei solchen Fakten, die zu einem Roman werden, erhofft habe. Auch die eine oder andere Stelle, die für mich nicht rund war, hat meinen Lesefluss gebremst. So beißt sich für mich z.B., dass man eine Vierjährige, die schon so viel Verstand besitzt, dass sie weiß, wann sie ihrer Mutter das Leben retten muss, noch füttern muss. Wer möchte ein Kind aus dem Kindergarten entführen und kommt dazu mit der Reisetasche nach drinnen, statt diese im Auto, das um die Ecke parkt, zu lassen? Das sind nur zwei Beispiele für solche Szenen. Traditionen sind hoch und heilig und dann wird Weihnachten gefeiert und mit Genuss Currywurst verdrückt, auch wenn der Schweinefleischkonsum später klar gestellt wird, haben mir solche Widersprüche das Verstehen schwer gemacht. Gut gefallen hat mir aber, dass man einen Einblick in diese Traditionen bekommt.

 

Alles in allem erfährt man in diesem Roman ein bewegendes Schicksal von einer Frau, die jahrelang unter einem gewalttätigen Ehemann leiden musste. Sicher geben ihre türkischen Wurzeln dem Ganzen einen besonderen Rahmen, stehen aber dennoch für viele andere Frauenschicksale. Da mich das Schicksal wirklich bewegt hat, vergebe ich noch vier Sterne, auch wenn mich der Erzählstil nicht wirklich gefangen nehmen konnte.


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Treibts zua!

Lisa Brandstätter , Clemens Wenger
Flexibler Einband: 272 Seiten
Erschienen bei Emons Verlag, 11.10.2018
ISBN 9783740804558
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Klar, Sonntagabend Töchterchen Laura brüllt vor Zahnweh, Tobias hat am nächsten Tag einen Mathetest, wie wenn das nicht schon genügen würde, stellt ein neuer Leichenfund, der in Zusammenhang mit der toten Obdachlosen vor einigen Tagen stehen muss, die alleinerziehende Kommissarin Lilly Engel einmal wieder perfekt getimt auf eine harte Bewährungsprobe. Und wenn es schon schlecht läuft, dann gleich ganz, denn der Tote liegt genau an der Grenze zwischen Bayern und Salzburg, was bedeutet, dass sie mit diesem Macho von Kollegen Sigmund Huber von der österreichischen Polizei zusammenarbeiten muss. „Alleinerziehende berufstätige Frauen waren für den drei rote Tücher auf einmal. Und Norddeutsche konnte er schon gar nicht ab.“ Alles andere als perfekte Voraussetzungen um einem irren Serienmörder, der mit den nächsten Toten nicht lange warten lässt, das Handwerk zu legen und schon bald heißt es „Was WILL dieser Psychopath? Müssen wir demnächst mit einer Bombe in der Salzburger Altstadt rechnen? Oder in Reichenhall? Nur, weil die Welt und die Polizei zu deppert sind, um seine verdammte Botschaft zu entschlüsseln.“

 

Als Leser darf man die beiden bei ihren Ermittlungen begleiten und kann so gemeinsam mit ihnen über einen Täter brüten. Kursive Einschübe aus Täterperspektive, die klar machen, dass hier ein Irrer am Werk ist, schüren die Spannung. Auch die eine oder andere falsche Fährte und ein rasantes Finale verleihen dem Krimi Fahrt. Zudem darf man sich am Miteinander der Ermittler, die sich anfangs spinnefeind sind, vergnügen, denn bei spitzen Kommentaren nehmen sie sich beide die Butter nicht vom Brot. Auch einen kleinen Blick ins Private gibt es und toll finde ich zwar nicht alles und jedes was Lilly ihren Kindern zumutet, aber endlich mal auch eine Ermittlerin, bei der die Kinder im Ernstfall nicht glücklich verräumt sind.

 

Der spannende Prolog, der sofort auf einen fanatisch, irren Täter hindeutet, hat mich sofort in die Geschichte gezogen und dass ich auf den ersten Seiten schon schallend lachen konnte, hat sein übriges dazu getan, dass ich die Seiten nur so verschlungen habe. Der lockere, amüsante und pointierte Schreibstil macht so richtig Spaß und so fliegen die Kapitel nur so. Dass hier nicht alles aus einem Guss ist, sondern zwei Autoren am Werk waren, habe ich an keiner Stelle gespürt. Vielleicht hat es ja sogar gerade dem Gekabbel zwischen Lilly und Huber ganz gut getan, dass hier ein Mann und eine Frau ihren Beitrag geleistet haben. Die Story sprüht an witzig pfeffrigen, teils auch bitterbösen Dialogen, was mir unheimlich gut gefallen hat. Auf ein provozierendes „Also, im Tatort sehen die Polizisten aber viel professioneller aus, wenn sie bei der Arbeit sind. Wo ist denn überhaupt der Gerichtsmediziner? Haben die keinen?“ kann von Huber schon ein „Der lässt sich entschuldigen, fühlt sich malad, der Herr Rechtsmediziner. Dafür haben wir den Fleischhauer verständigt. Der macht seine Sache im Wesentlich genauso gut.“, kommen. Auch an Situationskomik mangelt es nicht und ganz besonders das vierjährige Töchterchen Lena hat mich oft zum Schmunzeln gebracht. Ein „Ich weiß- Du bist der doofe Huber. Mama schimpft oft über dich. Was ist eigentlich ein Macho?“ ist nicht die einzige Information, die sie in unbeobachteten Momenten an Huber weiterleitet.

 

Lilly war mir sofort sympathisch und ich finde toll, wie sie versucht alles unter einen Hut zu bringen. Auch wenn ich erziehungstechnisch nicht alles ganz gutheißen kann, konnte ich mich stets in sie hineindenken. Huber, der von sich selbst schon mal für den „einzigen Intelligenten und Gebildeten unter dem Haufen Volltrottel halten kann“, wünscht man seinem Feind nicht als Kollege, doch ich mochte ihn trotzdem so richtig gern. Er bringt nicht nur super viel Unterhaltung mit in die Geschichte, er hat unter seiner harten, selbstverliebten Fassade durchaus auch Herz und in meinen Augen ist er eigentlich gar nicht so stark, wie gedacht. Zudem ist er ein richtiger Genießer, seine Kaffeekreationen oder sein Rührei würden mir mit Sicherheit auch besser schmecken, als die Zumutung aus der Kantinenküche, die seiner Meinung nach „sogar in Guantanamo verboten wäre“. Die beiden Ermittler bilden ein amüsantes, aber auch kompetentes Team und ihr Miteinander hat mir gut gefallen, ebenso wie das zwischen Lilly und ihrem etwas arbeitsscheuen Kollegen Martin. Auch die anderen Darsteller sind gelungen gezeichnet, beim arroganten Professor Langer angefangen, der in seiner Selbstverliebtheit sogar Huber weit in den Schatten stellt, über die kleine Laura, die für schlaflose Nächte bei Lissy, aber auch ganz viel Vergnügen sorgt, bis hin zu Hubers Chef, bis hin zum Obdachlosen Kilian, den am Ende doch noch das schlechte Gewissen ereilt.

 

Gut gefallen hat mir auch das Lokalkolorit. Salzburg einmal von einer anderen Seite, Beschreibungen der Landschaft und der Bräuche, ab und an ein wenig Dialekt, hier weiß man stets, wo die Musik spielt.

 

Das Autorenduo hat mit ihrem Krimidebüt eine wunderbare Mischung aus Humor, Spannung und auch ein wenig Lernen geschaffen. Es ist ja nie verkehrt, wenn man beim Lesen nebenbei noch sein Wissen erweitern kann, so weiß ich jetzt z.B. um einiges mehr über Karl den Großen oder auch die Haberer. Ein wirklich äußerst vielversprechender erster Fall für das bayrisch-österreichische Gespann und ich freue mich schon jetzt auf den nächsten.


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Justiz am Abgrund: Ein Richter klagt an

Patrick Burow
Fester Einband: 208 Seiten
Erschienen bei Langen-Müller, 13.09.2018
ISBN 9783784434360
Genre: Sonstiges

Rezension:

Die Zahl der Einbrüche hat von 2005 bis 2015 um 58% zugenommen, nur in 2,6 % der 167 000 Fälle im Jahr 2015 kam es zu einem Gerichtsverfahren. Die Verwaltungsgerichte werden von Asylklagen überspült, die Medien berichten von abgelehnten, straffällig gewordenen Asylbewerbern, die nicht abgeschoben werden können, Terroranschlägen, freigelassenen Tätern, die wieder zuschlagen und vielem Erschreckenden mehr. Die Angst der Bürger, Opfer eines Verbrechens zu werden, wächst seit Jahren und diese Sorge ist alles andere als unbegründet, eine Einsicht die sich durch die Lektüre dieses Sachbuches nicht nur erhärten, sondern auch faktisch belegen lässt.

 

Dr. Patrick Burow ist Amtsrichter mit langjähriger Erfahrung auf allen Ebenen der Strafgerichtsbarkeit und öffnet den Lesern mit seinem Insiderwissen und seinem Einblick in die Justiz die Augen. Die Frage warum die Justiz ihren Beitrag zur inneren Sicherheit gar nicht mehr leisten kann, wird hier in sechs Kapiteln von allen Seiten beleuchtet und umfassend beantwortet.

 

Es geht los mit dem ersten Kapitel „Justiz am Limit“. Hier erfährt der Leser alles über die schlechte Personallage. Die Gesetze werden immer mehr und komplexer, die Arbeit und die Fälle nehmen stetig zu und die schöngeredete Anzahl der Staatsanwälte und Richter, die diese erledigen sollen, kann dies gar nicht abarbeiten. Hier öffnet der Autor sein Nähkästchen und berichtet von neu entstandenen Zusatzaufgaben bis hin zur tatkräftigen Unterstützung des Reinigungspersonals, von „Pebbys“, einer in meinen Augen irrsinnigen, Minutenvorgabe, wie lange ein Verfahren im Durchschnitt dauern darf, von fehlendem Sicherheitspersonal, von maroden Gerichtsgebäuden bzw. solchen denen jegliche Autorität eines Gerichts fehlt, und auch vom Arbeitsmaterial und Verdienst.

Im Abschnitt „Milde Strafen durch Kuscheljustiz“ erfährt man , warum der Strafrahmen oft nicht ausgenutzt werden kann und darf, dass in Gefängnissen der Platz mehr als knapp ist und auch von einigen Beispielen, bei denen zu milde Strafen mich beim Lesen richtig entsetzt haben. Er als Richter sitzt zwischen den Stühlen. Damit die Urteile nicht von den Landesgerichten wieder aufgehoben werden, weil die Strafe zu hoch ist, muss er mit den Schöffen, die viel mehr fordern, fast um ein Strafmaß feilschen. „Urteile im Namen des Staates“ sind das vielfach nicht mehr.

Weiter geht es mit dem dritten Kapitel „Härte nur bei Bußgeldern“, in dem er u.a. deutlich kritisiert, dass die Errichtung von Verkehrskontrollen oft nicht der Verkehrssicherheit dienen, sondern diese vielmehr den Prinzipien der Einnahmen Maximierung folgen. Ganz klar, die Einnahmen sind im Haushalt ja auch bereits vorab eingeplant.

„ Folgen der Überlastung“. Im vierten Kapitel wird alles aufgelistet was sonst noch im Argen liegt. Überlange Verfahrensdauern, Beispiele dafür, wann sich diese besonders fatal auswirken, Autoritäts- und Ansehensverlust der Justiz, 25% Fehlurteile, die niemand aufarbeitet, Gefälligkeitsatteste, immer dreistere und besser spezialisierte Verteidiger, eine Ich-hab-Rechtsschutz-klag-ich-mal Mentalität, Alltagskriminalität, die nicht geahndet wird und den Bürger zurecht erzürnt, enttäuschte Polizisten, denen bei Angriffen durch eine gerechte Strafe nicht der Rücken gestärkt werden kann, komplexe Wirtschaftskriminalität, bei der die Verfahrenssumme lax geschätzt wird, anstelle von gründlichen Ermittlungen, die allerdings jeden Zeitrahmen sprengen würden, und vieles mehr ist hier zu finden.

Im Kapitel „Wo der Rechtsstaat auch nicht mehr funktioniert.“ wirft der Autor einen Blick auf die Zwei Klassen Justiz, die Jugendkriminalität, die Regulierungswut und neue Gesetze, auf Gefängnisausbrüche und auch auf das Vertrauen in die Justiz unter der Bevölkerung. Meines ist nach der Lektüre auf jeden Fall massiv gesunken.

Im abschließenden Kapitel „Zukunft der Justiz“ ist deutlich zu spüren, dass der Autor mit diesem Buch auf keinen Fall alles nur schlechtreden will. Nein er wollte eine ehrliche Bestandsaufnahme liefern, was ihm auch hervorragend gelungen ist. Zudem liegt ihm auch äußerst viel daran, dass die Justiz eine Zukunft hat. Die logischen Konsequenzen, die sich aus den vorangegangenen Kapiteln ergeben. werden hier noch einmal zusammengefasst und jeweils mit produktiven Vorschlägen zur Änderung, bzw. möglichen Hilfsmaßnahmen verknüpft.

 

Der Sprachstil des Autors ist äußerst flüssig und angenehm zu lesen. Es gelingt ihm auch komplizierte Sachverhalte für den Laien verständlich darzustellen und vor gähnend langweiligem Juristendeutsch muss man sich hier bestimmt auch nicht fürchten. Er bleibt dabei im Grunde sehr sachlich, wobei aber auch die eine oder andere Pointe, die besondere Schieflagen gekonnt auf den Punkt bringt, zu finden ist, was mir gut gefallen hat. Hintergrundinfos, belegte Statistiken, Zahlen und Fakten, Zitate, Fallbeispiele und auch Beschreibungen eigener Erfahrungen werden hier geschickt miteinander kombiniert und so ist die Lektüre äußerst abwechslungsreich. Das Lesen war für mich persönlich zudem sehr emotional. Hat mir doch so manche Information den Zorn erheblich geschürt und auch das eine oder andere Beispiel hat mich sehr gerührt bzw. mein Mitleid erregt. Ich habe das Buch gebannt und interessiert geradezu verschlungen.

 

In meinen Augen ist die Grundaufgabe eines Staates für die Sicherheit seiner Bürger zu sorgen. Es ist nicht kurz vor zwölf, sondern schon in vielen Bereichen drüber.  Schlimm genug, dass ein Richter hier seinen Job riskieren muss, damit die Öffentlichkeit informiert wird. Was möchte unser Staat? „Fließbandarbeiter des Rechts“? Verbrechen in Zukunft nur einfach aussitzen? Oder ist er endlich bereit der Justiz die Aufmerksamkeit und vor allem die öffentlichen Mittel zugestehen, die dringend nötig sind?, das sind Fragen, die mich nach dem Lesen beschäftigen. Die Richter sind nicht verantwortlich für die desaströse Lage, das kommt schon von oben und es bleibt zu hoffen, dass möglichst viele aufmerksam werden, damit sich in dieser Richtung auch wirklich etwas tut, bevor es völlig zu spät ist.

 

Alles in allem volle Begeisterung für diesen äußerst aufschlussreichen Einblick in die desaströse Lage unseres Rechtsstaats und den Beruf eines Richters. Fünf Sterne sind hier mehr als verdient.

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9 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 4 Rezensionen

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Bienenblues

Jasmin Köchl , Jasmin Köchl
Fester Einband: 144 Seiten
Erschienen bei piepmatz Verlag, 21.09.2018
ISBN 9783942786270
Genre: Sachbücher

Rezension:

Erst neulich habe ich ein Sachbuch über Bienen gelesen, mein Papa war lange Jahre Hobbyimker und die Arbeit damit hat meine Kindheit mitgeprägt, deshalb war ich sehr neugierig auf „Bienenblues“. Der Vater der Autorin ist ebenfalls Hobbyimker und sie hat sich mit diesem Büchlein, das eine einfach verständliche, unterhaltsame Reise in die Welt der Honigbiene, ohne den Anspruch zu spezifisch einzusteigen, bieten soll, zum Projekt gemacht. Dies ist ihr ganz wunderbar gelungen.

 

Der Leser bekommt hier in drei Kapiteln alles für den Laien, der sich nur einmal so über Bienen, Bienenprodukte und auch das Zusammenspiel Mensch und Biene informieren will, geboten.

Los geht es mit der Biene. Hier nimmt sich die Autorin alles Grundlegende, was man über diese kleinen Wunderwerke wissen sollte vor. Bei den verschiedenen Arten angefangen, über knappe Infos zur Anatomie, Entwicklung, Hochzeitsflug, Kommunikation mittels Tanzen, Eigenschaften wie Treue bis hin zu Krankheiten wird hier für den Laien, auch solche sie bisher noch gar nichts wussten, leicht verständlich alles erklärt. Geendet wird hier mit dem so wichtigen Aufruf, Bienen zu schützen und der Begründung dafür.

Besonders gut hat mir der zweite Abschnitt gefallen, hier habe ich mit Sicherheit auch am meisten Neues mitgenommen. Mit der „Der Honig“ überschrieben wird hier nicht nur der Unterschied zwischen Blüten- und Waldhonig erklärt oder darüber informiert, was es mit Nektar und Honigtau, aus denen Honig entstehen kann,  auf sich hat, nein es werden auch noch unglaublich viele Honigarten vorgestellt. Welcher Honig hilft am besten bei Verdauungsbeschwerden, welcher schmeckt leicht nach Zimt und was ist das Besondere an Kleeblütenhonig, sind nur drei Beispiele dafür, was man hier erfährt. Von einigen Sorten hatte ich vorher noch nie gehört. Ich werde diese aber mit Sicherheit in Zukunft einmal verkosten müssen.

Der letzte Abschnitt widmet sich dem Menschen. Was geschieht bei einem Bienenstich, was hilft, welche Bienenprodukte gibt es neben dem Honig noch, und welchen Nutzen haben sie für uns, warum müssen wir den Bienen helfen und wie können wir das tun, sind Fragen, die hier kurz und knapp geklärt werden. Zum Abschluss werden noch einige Pflanzen vorgestellt, die jeder bei sich ganz leicht in Balkonkasten oder Garten pflanzen kann um damit seinen Beitrag zur Bienenrettung beizutragen.

 

Der locker, plaudernde Sprachstil der Autorin macht richtig Spaß beim Lesen. Sie erklärt alles auf leicht verständliche Art und Weise, was auch sicher dem Ziel, eine kleine Reise in die Welt der Biene bieten zu wollen, perfekt entspricht. Wer bist du und was tust du, Flieg so weit du kannst, Tanz Biene Tanz, Liebe geht durch den Magen, sind Beispiele für Überschriften zu Teilabschnitten des ersten Kapitels Die Biene. Schon alleine daran erkennt man, dass es hier nicht staubtrocken zugeht. Ab und an konnte ich mir beim Lesen sogar das Schmunzeln nicht verkneifen, wie z.B. im Abschnitt über die Drohnen, die armen männlichen Bienen. Ganz oft darf man auch staunen, wenn man liest, zu welchen Wunderwerken, die für den Menschen so wichtigen Insekten fähig sind, und langweilig wird es sicher auf keiner Seite.

 

„Bienenblues" ist die  erfolgreiche Bachelorarbeit im Fach Grafikdesign und Illustration an der TH Nürnberg. Wie viel Herzblut die Autorin hier in ihre Arbeit gesteckt hat ist auf jeder Seite zu spüren. Schon alleine die Aufmachung mit dem handlichen Format, dem festen Einband, zwei verschiedenfarbigen Lesebändchen und sehr hochwertigem Papier, on Top der Mittelteil Honig sogar auf gelben Seiten, ist ein echter Hingucker. Als Geschenkbüchlein kann man damit auf jeden Fall punkten. Das Cover verrät schon ein wenig von den Illustrationen. Es handelt sich allesamt um Grafiken, Collagen und künstlerische Werke. Man bekommt hier daher keine Originalfotos von Pflanzen, keine Abbildungen, die fachwissenschaftlichen Ansprüchen genügen würden, sondern hier steht die Kunst im Vordergrund, was aber in meinen Augen aber perfekt harmoniert. Dabei nehmen die Kunstwerke manchmal ganze Seiten ein, manchmal kann es sich auch nur um einen Punkt handeln, der z.B. die Größe eines Bienenmagens ins Zentrum der Betrachtung rückt.

 

Ich denke der Laie, der sich ein wenig mit Bienen beschäftigen will, vielleicht weil er in den Medien immer wieder vom Sterben hört, Angst um die Nahrungsmittelsicherheit macht oder auch einfach nur Interesse an den Tierchen hat, wird hier auf jeden Fall perfekt versorgt. Künstlerisch ist das Buch ebenfalls eine echte Empfehlung und so kann ich sowohl zum Selberlesen als auch zum Verschenken eine fünf Sterne Empfehlung aussprechen.


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28 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 14 Rezensionen

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Mein italienischer Vater

Anika Landsteiner , Wiebke Bach
Flexibler Einband: 432 Seiten
Erschienen bei Diana, 10.09.2018
ISBN 9783453292161
Genre: Romane

Rezension:

 „Das mochte abgedroschen klingen, doch ihre Mutter war ihr so nah, dass Laura sich irgendwann einfach angelehnt hatte und damit zufrieden war. Oder zumindest so glücklich, wie ein junges Mädchen sein konnte, dessen Vater in Süditalien saß und den sie kaum kannte und nie ein anderes Mädchen ihre beste Freundin nannte, weil sie mit ihrer Mutter bereits eine hatte.“

Für die 29-jöhrige Laura Wind bricht die Welt ein, als ihre Mutter plötzlich an Krebs stirbt. „Jetzt wo sie sich nirgendwo mehr anlehnen konnte, fielen ihr all die Gespräche ein, in denen Magdalena sie dazu ermutigt hatte, ihre Freundschaften besser zu pflegen.“. Diese Chancen hat sie verpasst, einzig Rio, der selbst nicht mit seinem Leben klarkommt, hat sie inzwischen in einer Therapie kennengelernt, und auch wenn die kurze Beziehung zu Kardiologe David, sie scheinbar ein wenig auffangen konnte, bleibt davon wenig übrig, als sie ihn verlässt, weil seine Exfreundin von ihm schwanger ist. Weihnachten allein mit Essen vom Lieferservice verbracht, setzt sich Laura in der Silvesternacht kurz vor dem Jahreswechsel in den Fiat ihrer Mutter um spontan nach Italien aufzubrechen. Ob sie hier Halt und Heimat findet, und was sucht sie überhaupt? Auf jeden Fall gilt: „Mein Leben in Deutschland ist komplett auseinandergefallen. Ich suche seit Monaten nach irgendwas. Was genau, weiß ich gar nicht. Manchmal habe ich das Gefühl,  ich suche ein ganzes Leben. Ein neues. Ein anderes als meins.“, vielleicht kann sie das ja in Italien finden.

Als Leser lernt man Laura in ihrer Trauer kennen, braust dann mit ihr Richtung Süditalien, muss mit ihr aber schnell erkennen, dass die Lösung ihrer Probleme nicht so einfach erledigt sein wird, „…doch sie musste sich eingestehen, dass obwohl sie ihrem Geburtsort immer näher kam, sich einfach kein Gefühl von Heimat einstellen wollte.“ und erlebt anschließend, wie es ihr und auch den Menschen vor Ort mit ihrem plötzlichen Auftauchen geht. Während sich für Laura so z.B. schnell die Frage stellt, „Woher und warum sollte sie die Kraft aufwenden, in diesem Haus zu bleiben und immer mehr zu einem Teil einer absurden Konstellation zu werden, aus ihrem Vater, den sie kaum kannte, und einer Haushälterin, die ihn bemutterte, Laura selbst jedoch behandelte wie eine Küchenschabe?“ gilt für Haushälterin Gianna., die in ihrer Aufgabe Emilio Lauras Vater zu umsorgen aufgeht, „hatte keine Ansprüche mehr an das Leben. Alles was sie wollte, war, wieder einen Platz zu haben. An einem Ort, der sie nur ein bisschen wärmen würde. Doch mit Laura würde sich alles wieder ändern.“ und auch für Emilio, der zwischen den Stühlen sitzt ist alles nicht ganz einfach, denn so stark ist er auch nicht.

Die Autorin erzählt Lauras Geschichte, lässt durch Einschübe auch Erinnerungen an früher, die so manches in der Familienentwicklung erklären, mit einfließen und schildert so die Suche nach einen Platz im Leben und damit nicht nur den von Laura. Die Beschreibungen sind äußerst detailliert, fast wie unter einer Lupe betrachtet und so habe ich das Lesen wie eine Art Charakterstudie empfunden. Mit Laura konnte ich mich nicht ganz so gut identifizieren, wurde mit ihr nie so ganz warm, deshalb ist der Funke wohl auch nicht so richtig auf mich übergesprungen.  Ich habe mich beim Lesen nicht durch die Seiten gequält, aber richtig gefesselt hat mich die Geschichte nicht und ich habe durchaus auch die eine oder andere Länge empfunden, zumindest bis ich Gianna dann immer besser verstehen konnte. Vielleicht liegt es auch daran, dass ich mir aufgrund des Klappentextes eher eine andere Richtung vorgestellt habe. Ich dachte Emilio, Lauras Papa ist dement und braucht ihre Hilfe, er ist Dreh- und Angelpunkt der Geschichte, was aber nicht so ist. Er sitzt aufgrund eines Sturzes bei der Olivenernte mit gebrochenen Beinen im Rollstuhl.  Anika Landsteiner gelingt es aber durchaus Gefühle lebendig zu machen und damit den Leser direkt in Herz, Kopf  und Seele ihrer Protagonisten blicken zu lassen, wenn man sich auf die Geschichte einlässt, kann sie sicher fesseln.

Die Charaktere sind allesamt sehr ausgefeilt, äußerst differenziert gezeichnet. Man könnte das schon fast als kleine Charakterstudien bezeichnen, was die Autorin ihren Mitspielern zukommen lässt. Allen voran steht natürlich Hauptdarstellerin Laura, die auf der Suche nach Heimat, nach Sinn im Leben und Halt ist. Wie ihr verleiht die Schriftstellerin allen ein ganz eigenes konfliktträchtiges Profil. Bewegt hat mich unter den Nebendarstellern vor allem zunehmend auch Gianna für die plötzlich gilt „Wohin gehörte sie? Dass sie darauf, und nicht zum ersten Mal in ihrem Leben keine Antwort wusste, machte ihr Angst.“ Auch Luca, mit dem Emilio seine Tochter so gern verkuppeln will oder Rio, der sich selbst auch durchs Leben kämpfen muss, sind toll dargestellt.

Mein italienischer Vater. Ganz klar ist der Roman auch eine Hommage an Italien. Lauras erster Weg führt sie ans Meer, das Rauschen der Wellen, der salzige Geruch ist deutlich zu spüren. Ab und an ein Brocken Italienisch, auf dem Weg begegnet man einem Fischhändler mit seiner Ape und auch wenn für Laura weder Fleisch noch Fisch gilt, werden zahlreiche italienische Köstlichkeiten serviert.  Als Leser darf man die Reise nach Süditalien an die Ostküste Apuliens mit antreten.

Alles in allem bin ich wohl mit falschen Erwartungen ans Lesen herangegangen, weshalb mich die Geschichte nicht ganz so einfangen konnte. Aber vier Sterne sind auf jeden Fall noch drin


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29 Bibliotheken, 6 Leser, 1 Gruppe, 16 Rezensionen

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Die Melodie des Mörders

Miriam Rademacher
Flexibler Einband: 320 Seiten
Erschienen bei Carpathia Verlag, 10.10.2018
ISBN 9783943709308
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Der junge Hoffer ist mehr als angenervt, dass er sich an einem kalten Wintertag durch die verschneiten Straßen rauf zu dieser Künstlerkommune kämpfen muss. Nur weil da eine aus dem Fenster gesprungen ist. Dann hat die auch noch „Mea Culpa“ auf ihr T-Shirt gepinselt. „Ist das eine Rockband?“ nein, „Es ist lateinisch.“. „Dass jetzt schon die Toten das Klugscheißen anfingen und ihre Abschiedsbriefe in Lateinisch verfassten frustrierte ihn.“, Selbstmord ganz eindeutig und wieder heim in die gute Stube. Dreiundzwanzig Jahre später ist Jasper gerade im Stress .Er muss mit einer zusammengetrommelten, wenig motivierten Truppe ein Krippenspiel einstudieren, was seine Nerven auf eine harte Belastungsprobe stellt. Aber das ist noch gar nichts, denn kaum ist das überstanden, findet er Clifford auf dem Orgelboden von einer Pfeife erschlagen. Er hat seinen liebgewonnenen Organist doch kurz vorher noch spielen gehört und jetzt soll er tot sein? Keine Frage Colin muss her und muss sich den Tatort genauer anschauen, Cliffords Tod muss aufgeklärt werden, das kann man nicht der unfähigen Polizei überlassen. Wer hat ihn auf dem Gewissen und welchen Zusammenhang gibt es mit diesem ominösen Selbstmord vor Jahren?


Als Leser geht man mit Colin und Jasper auf Verbrecherjagd. Nicht nur Norma, sondern auch so manch anderer Bewohner liefern mit dem Dorftratsch wertvolle Informationen und mit einem Kindertanzkurs mehr oder weniger perfekt getarnt bei den Proben vom Krippenspiel eingeschleust, gilt es dieses Mal die Verbrecher zu finden. Zudem bekommt Colin in seinem Ermittlerbüro Zuwachs, mehr wird aber nicht verraten. Ganz nebenbei gilt es natürlich auch Weihnachten vorzubereiten und auch die Beziehung zu Lucy bereitet Colin so manche Bauchschmerzen.

 

Der peppig, pointierte Sprachstil von Miraiam Rademacher, hat mich wieder einmal viel zu schnell durchs Buch fliegen lassen. Spritzige Dialoge, wie auf ein „Wollen Sie etwa ein Autogramm von mir? Oder lieber einen entkoffeinierten Kaffee für den modernen Mann von heute?“ einer Kellnerin ein „Wie wäre es mit einem klassischen Kaffee für den altmodischen Herrn von gestern?“, treffend pointierte und spitze Beschreibungen wie „Auf dem Kopf trug sie einen grellorangen Samtklumpen spazieren, den ein gütiges Herz als Hut bezeichnet hätte.“,  „Er war immer der pickelige Typ mit der Stimmlage einer Muppetfigur. Seine männliche Ausstrahlung tendiert seit jeher gegen Null.“ oder „Gesichtszüge, die eine auffällige Ähnlichkeit mit einem niedlichen Ferkel hatten. Seine Hautfarbe sah zudem nach erhöhtem Blutdruck aus, was angesichts seiner Körperfülle auch keineswegs verwunderlich war.“, machen das Lesen hier wirklich zum großen Vergnügen. Zudem mangelt es nicht an Situationskomik, so hat Jasper z.B. dieses Jahr einen ganz individuellen Weihnachtsbaumbehang, der mich schallend lachen hat lassen. Aber auch für jede Menge Spannung ist gesorgt. Ich habe gegrübelt bis zum Schluss, lange war mir nicht klar, wie die Fälle zusammenhängen und auch über den Täter musste ich mich aufklären lassen. Eine spektakuläre Entführung macht das Finale zudem zum wahren Pageturner.

 

Ich habe ja schon auf das Wiedersehen mit den längst lieb gewonnen, allesamt ganz besonderen Mitspielern hin gefiebert. Tanzlehrer Colin, und jetzt laut Türschild auch offiziell Ermittler, darf ein klein wenig mehr als die anderen tun. Mit seinem besonderen Gespür, hat er nicht nur oft den richtigen Riecher, sondern weiß auch wie er seine Gegenüber um die Finger wickeln kann. Dem tut auch sein ironischer Unterton keinen Abbruch, der allerdings hauptsächlich Jasper, dem Pfarrer vorbehalten ist. Die schräge Norma, jetzt schwer verliebt, was mich freut, darf man ebenfalls zum zentralen Team zählen. Ohne die schrille Ulknudel würde einfach etwas fehlen. In Liebesdingen läuft es bei Colin nicht ganz so gut wie bei ihr. „Missverständnisse scheinen einen Großteil eurer Beziehung auszumachen, ist Mrs. Greys Kommentar, seine Vermieterin, die Colin ja inzwischen Dorothy nennen darf. Und dies trifft es ziemlich genau. Wird es für Colin und Lucy weitergehen? Das wird natürlich nicht verraten. Auch alle anderen Charaktere sind liebevoll, mit ihren Macken und besonderen Seiten äußert individuell gezeichnet und gelungen zusammengestellt. Da mir das kleine Mädl Mandy so ans Herz gewachsen ist, möchte ich sie ganz besonders herausstellen. Sie hat mich nicht nur ganz oft zum Schmunzeln gebracht, sondern auch ab und an mehr als richtig gerührt.


Miriam Rademacher ist es auch mit ihrem vierten Fall für Colin und Co gelungen, eine perfekte Mischung aus Humor, der einen stellenweise schallend laut lachen lässt, Spannung und Knobeln bis zum Schluss, was einen das Buch nicht mehr aus der Hand legen lässt, sowie jeder Menge rührender Momente zu schaffen. Ich bin begeistert von Anfang bis Ende. Fünf Sterne sind hier eine klare Sache.


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13 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 9 Rezensionen

Was Jungs mit 15 wollen und warum ich das weiß

Heike Abidi
Flexibler Einband: 224 Seiten
Erschienen bei Oetinger Taschenbuch, 01.12.2018
ISBN 9783841505774
Genre: Jugendbuch

Rezension:

Heike Abidi hat mich mit ihrer Jugendbuch Trilogie um Henriette „Tatsächlich 13“, „ Plötzlich 14“ und „Endlich 15“ sowie mit einigen Romanen und Sachbüchern schon ganz großartig unterhalten und deshalb habe ich mich sehr auf ihr neuestes Werk gefreut. Volle Begeisterung von meiner Seite

Ein Teenieleben ist nicht leicht, schon gar nicht, wenn man das heiß geliebte Internat verlassen und auch noch umziehen muss, damit sich die Mutter, die als Topmanagerin jede Menge Kohle verdient hat, mit einer Liebesschule selbstständig machen, die erst einmal gar nichts abwirft. Noch viel schlimmer, sie pinselt das auch noch groß an die Hauswand, damit im Dorf gleich jeder Bescheid weiß über ihre neuen Kursräume, allesamt in „Fifty Shades of Red“ gestrichen! Peinlicher geht´s nicht. Na wenigstens der Garten, der zum neuen Heim gehört, ist gemütlich, wenn auch gefährlich. Eines Abends trifft Justine dort nämlich ein Kugelblitz. Von da ab heißt es genau aufzupassen, was laut angesagt wird, denn plötzlich kann sie auch die Gedanken der Jungs hören. Ständig Lärm im Ohr, kein Vergnügen, aber auf der anderen Seite auch ganz nett zu erfahren, was denen in einer langweiligen Mathestunde so alles durch den Kopf geht. Vor allem dem süßen Lenny gilt es ganz besonders zuzuhören, denn von ihm kann man nicht nur die Französisch Übersetzung abkupfern, sondern der taugt vielleicht für mehr.

 

Als Leser steht man mit Florentine erst einmal vor vollendeten Tatsachen und darf das neue Lebenskonzept ihrer Mama erkunden. Auch in der neuen Schule muss man sich mit ihr zunächst eingewöhnen, bis sie dann der Blitz trifft. Was war gedacht, was war gesagt? Jetzt gilt es Ordnung ins Chaos zu bringen und kaum ist das geschafft, kann man entdecken, dass Lenny eigentlich gar nicht so verkehrt ist. Wie aber einen schrecklich schüchternen Jungen, der zwar will, sich aber nicht traut, die Hemmungen nehmen? Das wird natürlich hier auf gar keinen Fall verraten. Werden die beiden zusammenfinden, obwohl gilt, „Ausgerechnet jetzt, wo ich nur allzu gern über seine Gefühle Bescheid wüsste, versagt meine übersinnliche Fähigkeit.", welche Hürden gibt es sonst noch zu meistern mit neuen Freunden und auch Mamas besonderen Kursen und wie geht es mit dem Gedankenhören weiter? Das erfährt man, wenn man selber liest.

 

Heike Abidi erzählt ihre Geschichte in einem spritzig, peppigen Sprachstil und trifft damit auf jeden Fall den Nerv der jugendlichen Zielgruppe, wobei auch ältere Leser hier ihr Vergnügen haben. Man darf schmunzeln, man darf mitfiebern und langweilig wird es auf keiner Seite, deshalb fliegen diese auch nur so dahin. Ungeübtere Leser werden mit kurzen, überschaubaren Kapiteln sicher nicht überfordert und die anderen machen eben schnell mit dem nächsten weiter. Die Autorin beschreibt mit vielen Bildern, sodass man sich als Leser wirklich prima in Justine, und bei Bedarf auch in die anderen Mitspieler, hinein fühlen und denken kann. Da heißt es schon mal „Mein Herz klopft dabei wie wild, und ich höre das Blut in meinen Ohren so laut rauschen, dass es die Gedankenfetzen, die uns hinterherschwirren wie ein Schwarm Honigbienen, sogar übertönt.“ Witzige, schlagfertige Dialoge wie auf ein begeistertes „Das ist ja großartig! Habt ihr auch die Geschlechtsorgane besichtigt.“ von Justines Mama als sie erfährt, dass die Klasse eine Körperweltenausstellung besucht hat, kann da schon ein  pfeffrig, improvisiertes „Klar in der Gebärmutter standen lauter rote Plüschsofas. Es gab Himbeersaft und Tomatensuppe.“, von Justine kommen, sodass die Kinnlade ihrer Mama nach unten klappt. Oder es wird ein leckeres Porridge auch schon mal mit „Bevor ich heißen Blubberbrei frühstücke muss erst die Hölle zufrieren.“, kommentiert.

 

Justine war mir von Anfang an super sympathisch. Ich konnte so mich prima in sie hinein fühlen und denken. Für viel Vergnügen hat die etwas schräge Mama gesorgt, bei Justine sicher auch für den einen oder anderen peinlichen Moment, Fremdschämen inklusive. Richtig gefreut habe ich mich, dass Gulia ihr schnell zur Freundin wird und auch deren Clique sie mit offenen Armen aufnimmt. Lenny ist ein netter Kerl. Justines Schwärmerei für ihn konnte ich zu gut verstehen.

 

Lobend erwähnen möchte ich auch noch die Kleinigkeiten, die das Lesen neben der guten Unterhaltung zudem noch wertvoll machen. „Erwartet Guilia wirklich, dass ich ihr Urteil einfach kritiklos übernehme?“ können schon mal Justines Gedanken sein, wenn von der schon wieder ein „Du weißt er gehört zu Timms bescheuerten Freunden.“ kommt, was ich wirklich toll finde. Ein versteckter Aufruf, der so manches Vorurteil im Alltag der Leser vielleicht noch einmal überdenken lässt. Eine künftige Bevölkerung, die sich selbst ein Urteil bildet, ist doch, was man sich wünscht. Justine liest gerne. Sehr gut haben mir auch die zahlreichen Jugendbuchtipps gefallen, die die Autorin hier im Roman verbaut hat. Jedes Buch mehr, das unsere Jugend heute liest, ist ein Gewinn, und ich bin überzeugt, dass die jungen Leser hier bestimmt zum einen oder anderen Titel greifen werden.

Alles in allem war ich von Anfang bis Ende begeistert an einer fünf Sterne Empfehlung führt für mich kein Weg vorbei.


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3 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

Die Villa am Elbstrand

Charlotte Jacobi , Dagmar Bittner
Audio
Erschienen bei Audio Media Verlag, 02.11.2018
ISBN 9783963980350
Genre: Historische Romane

Rezension:

Sophie Brix, die junge Bauerntochter, die im Seehotel als Mädchen für alles aushilft, kennt sich im Kleiderschacht bestens aus, war es doch schon immer ihre Aufgabe bei Verstopfungen nach dem Rechten zu sehen. Ihr Mut und genau diese Arbeit, die sonst niemand tun mochte, entscheidet über ihr weiteres Leben. Denn dank diesem Wissen kann das couragierte Mädchen die Reederei Tochter Anna Nieland aus dem brennenden Ostseestrandhotel und damit deren Leben retten. Die beiden Mädchen bleiben in Briefkontakt und zwei Jahre später flattert ein Brief ins Bauernhaus. Anna wünscht sich Sophie als Gesellschafterin an ihrer Seite.


Als Hörer darf man mit Sophie reisen. Man zieht mit ihr nach Hamburg, muss erst mit Vorbehalten der Reeders Großmutter Gudrun und auch einiger Angestellten fertig werden. Man wird Zeuge davon, wie es Sophie mit ihrer einnehmenden Art gelingt, nicht nur diese Hürde zu nehmen, sondern auch die Blicke von Annas attraktivem Bruder auf sich zu ziehen. Als dieser begeistert in den Krieg zieht, darf man mit Sophie dann Annas Schwester Edith auf ein Lazarettschiff folgen und muss dort den harten Dienst als Krankenschwester leisten. Man muss mit ihr stets in Sorge um Eltern und Bruder, aber auch um die Nielands, die ihr inzwischen längst ebenfalls zu einer Familie geworden sind, sein und darf sich dann über das Kriegsende freuen. Schon als junges Mädchen außergewöhnlich mutig, ist auch klar, dass sie, um für die Reederei, die besonders darunter leidet, dass die Flotte an die Siegermächte ausgehändigt werden muss, als Frau in Chile die besten Preise heraus handeln und so die Familie vor dem Verkauf der Villa retten wird.


Die Autorin nimmt den Hörer von der ersten Minute an gefangen. Es glaubt ihr unheimlich gut Atmosphäre zu schaffen und man hat das Gefühl man befindet sich selbst inmitten der Handlung. Überraschungen, berührende Momente, zarte Liebesbande, die niemals kitschig erscheinen und natürlich die ganzen durch den Ersten Weltkrieg verursachten Leiden, lassen einen nicht mehr los, man begibt sich auf eine Achterbahnfahrt der Gefühle.


Sophie habe ich von der ersten Sekunde an in mein Herz geschlossen. Selbstlos, hilfsbereit begibt sie sich in Lebensgefahr um Anna zu retten, freut sich über jede Kleinigkeit und auch als sich ihr die große Chance bietet, denkt sie zuerst an ihre Familie, die sie aber glücklicherweise auf die Reise schickt. Auch Anna mochte ich von Anfang an super gerne. Sie ist, trotzdem sie die reiche Redderei-Erbin ist, auf dem Teppich geblieben, hat ihr Herz am rechten Fleck und vor allem ist sie mit ihrem Kopf der Frauenwelt von damals um einiges Voraus, was sie in den Kriegsjahren dann glücklicherweise auch unter Beweis stellen darf. Während Annas Bruder sich für den Krieg begeistern kann, Nationalstolz über alles, entpuppt sich Schwester Edith, die Spanien und alles was damit zu tun hat liebt, sich als Kriegsgegnerin, was die die Geschichte spannend macht. Großmutter Gudrun, auf den ersten Blick völlig herzlos, rigoros und mit Vorsicht zu genießen ist, hat ihren Panzer nicht umsonst und ist für die Geschichte auf jeden Fall ein Gewinn, ebenso wie die vielen anderen Nebendarsteller, die die damalige Gesellschaft so authentisch im Querschnitt abbilden. Sie sind allesamt liebevoll und individuell dargestellt.


Der Autorin gelingt es, den Leser mit ihrer Geschichte perfekt in die Vergangenheit zu entführen. Die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg, der Nationalstolz, die Kriegsbegeisterung, die Hoffnung auf einen schnellen Sieg, dann aber auch die Ernüchterung, die vielen Gefallenen, der Aufstand der Matrosen und die Ausrufung der Republik und auch die ersten Anfänge der NSDAP sowie die harten Bedingungen des Versailler Vertrags bilden hier den historischen Hintergrund. Auch eine Fahrt auf der Lucie Woermann nach Chile um wenigstens noch letzte Salpeterlieferungen zu retten, bevor die ganze Flotte an die Siegermächte ausgehändigt werden muss, ist hier vertreten. Der Geist der Zeit, der technische Standard und auch die Lebensbedingungen der verschiedenen Gesellschaftsschichten werden hier mehr als authentisch transportiert. Zahlreiche kleine Details, so muss das schick Saloon genannte Gesellschaftszimmer ab jetzt wieder so heißen, Essiggürckchen Sandwiches sind vom Speiseplan gestrichen, könnten sie doch von den feindlichen Engländern stammen, oder auch der Chauffeur muss ab jetzt wieder Fahrer gerufen werden. Das sind Beispiele für die Luxussorgen, während die arme Bevölkerung beim Schlangestehen vor dem Lebensmittelladen vor Hunger schon mal zusammenbrechen kann, lassen die Geschichte leben. Charlotte Jacobi gelingt es ganz ausgezeichnet Atmosphäre zu schaffen und so bekommt man hier wirklich eine Zeitreise geboten, die einen regelrecht versinken lässt.


Auf Dagmar Bittner, die mir schon einige Hörbücher ganz grandios vorgetragen hat, habe ich mich schon vorab gefreut und wurde auch dieses Mal nicht enttäuscht. Ihrer äußerst angenehmen Stimme hätte ich noch länger als die sowieso schon relativ langen 14 Stunden für die komplette Lesung zuhören können. Charlotte Jacobi hat mit ihrem Roman schon eine grandiose Vorlage geboten und Dagmar Bittner hat dem Ganzen noch das Krönchen aufgesetzt. Mit ganz viel Gefühl, aber auch mit Elan und Pepp, erzählt sie hier die Geschichte der jungen Sophie. Nicht nur für die liebenswerte Hauptdarstellerin, sondern auch für alle Mitspieler hat sie zudem den richtigen Tonfall parat.


Alles in allem kann ich dieses Hörbuch nur als Hörgenuss von der ersten bis zur letzten Minute bezeichnen. Fünf Sterne plus und eine absolute Hörempfehlung


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23 Bibliotheken, 2 Leser, 0 Gruppen, 13 Rezensionen

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Hanna

Sandra Jungen
Flexibler Einband: 348 Seiten
Erschienen bei Rhein-Mosel-Vlg, 06.02.2018
ISBN 9783898011006
Genre: Romane

Rezension:

Lublin in Polen, Rawa Ruska, die Grenzstadt zwischen Polen und der Ukraine Stalino oder auch Babi Jar nahe Kiew, später dann München und Umgebung und zuletzt Weilheim vor dem Kriegsgericht, sind Stationen, die Hanna, die frisch examinierte Krankenschwester, durchlaufen wird, nachdem sie 1942 ihren Einberufungsbefehl bekommt. Afrika, Russland, Frankreich, wohin wird ihr Weg sie führen? Für Hanna und ihre Kolleginnen beginnt eine Fahrt ins Ungewisse, von der ein Erzähler hier aus ihrer Perspektive berichtet.


Als Leser erlebt man wie Hanna gegen ihren Willen im Jahr 1942 für den Kriegsdienst eingezogen wird. Man muss bzw. darf mit ihr von Feldlazarett zu Feldlazarett reisen, muss mit schlechten Bedingungen zurechtkommen, wird tagtäglich mit Schwerverwundeten konfrontiert und ist durch feindliche Bomber, die an der russischen Front über den Köpfen kreisen, meist dem Tod näher als dem Leben. Seit fünfzig Stunden im Einsatz und keine Pause in Sicht, Verwundete, denen vor dem Lazarett das Erfrieren droht, weil es keinen Platz mehr gibt und bereits alles hoffnungslos überfüllt ist, sind keine Seltenheit und dieser Tatsachenroman zeigt diese Schreckensseiten des Zweiten Weltkrieges auf berührend, ungeschönte, aber nicht dramatisierende und eindringliche Art und Weise. Auch in die Aufgaben einer Frontschwester, die wenn Not am Mann ist, schon auch mal kleine OP´s selbst durchführen, viele in den Tod begleiten und Übermenschliches leisten muss, bekommt man einen guten Einblick. Aber das ist längst noch nicht alles. Während man im Hintergrund mitverfolgen kann, wie sich die Kluft zwischen Kriegspropaganda, die von Erfolgen berichtet, und die harte Realität, die von sinnlosem Töten und Rückschlägen gekennzeichnet ist, immer weiter auftut, ist aber auch noch genügend Platz für Zwischenmenschliches. Zankereien, Rüffel, aber auch Lob von Vorgesetzten und ganz klar auch Liebeleien fehlen nicht und machen das Ganze rund.


Der einnehmende Schreibstil der Autorin liest sich herrlich, locker leicht und so fliegen die Seiten leider fast schon zu schnell dahin. Ich konnte das Buch nicht mehr aus der Hand legen, so sehr hat mich das Gelesene berührt. Sandra Jungen erzählt die Geschichte ihrer Großmutter und mit welchem Herzblut sie hier am Werke ist, ist nicht nur auf jeder Seite deutlich zu spüren, sondern der Funke springt auch auf den Leser über. Man lebt hier die Geschichte im Grunde regelrecht mit. Ihr gelingt es ganz ausgezeichnet Atmosphäre zu schaffen. So hatte ich z.B. das Gefühl mit Hanna im Luftschutzraum verschüttet zu werden, habe mit ihr oft aufgeatmet, einmal wieder knapp einem Bombenanschlag entkommen zu sein , habe mit ihr fassungslos auf Trümmern sitzend um gefallene Freunde geweint oder war sprachlos vor Betroffenheit, wenn ein arm- und beinamputierter Soldat sich nur noch wertlos fühlt. Eine wahre Achterbahnfahrt der Gefühle ist hier geboten. Kann man im einen Moment noch hoffen, kann es im nächsten schon ganz anders aussehen. Blickt man gerade eben noch gerührt mit dem Sani Hans zum Polarstern, so wie er es mit seiner Frau zuhause verabredet hat, muss man sich im nächsten über eine neue Dreistigkeit von Gerda, die Hanna nicht nur alles neidisch ist, sondern auch ständig versucht ihr ein Bein zu legen, ereifern. Ja sogar Angst davor haben, dass sie Hanna denunziert. Ab und an muss man auch einen guten Magen beweisen, wenn sich aus Wunden der Eiter entleert, unter einem Gips eine Horde Flöhe vermehrt hat oder sich die Eimer mit amputierten Körperteilen fast schon stapeln. Aber auch die schönen Gefühle, wie die Freude, wenn man einen retten kann, wenn man sich verliebt oder wenn man auf Freunde zählen kann, fehlen nicht. Zudem darf man auch immer wieder schmunzeln, da kann von einem Arzt schon mal ein zackiges „Hosen runter ich bin doch schließlich kein Röntgenapparat“ kommen, wenn sich ein Soldat vor den Krankenschwestern ziert.


Hanna war mir von Anfang an sympathisch. Mit ihrer selbstlosen, stets zuversichtlichen, äußerst menschlichen und hilfsbereiten Art kann man gar nicht anders, als sie sofort ins Herz zu schließen. Aber nicht nur sie, sondern auch alle anderen Charaktere sind allesamt grandios und sehr authentisch gezeichnet. Zudem sind sie so ausgewogen ausgewählt, dass sich ein perfekter Querschnitt durch die Bevölkerung ergibt. Vom Mitläufer bzw. desinteressierten Befehlsausführer, zu denen nicht nur Hanna zählt, über Nazigrößen wie SS Mann Fredel, ein Aufseher vom KZ Dachau, oder Leute aus dem Widerstand wie Graf von Stauffenberg, der den Weg kreuzt bzw. Ferdl Weiß, der sein Bühnenprogramm zum Besten gibt, bis hin zu denjenigen, die sich von den Naziparolen völlig einnehmen lassen, wie Kollegin Gerda und Soldaten, die erst verwundet den Unsinn im Krieg sehen, ist hier alles vertreten. Wirklich ausgezeichnet gemacht.

Der Roman basiert in etwa zu neunzig Prozent auf den Erinnerungen der Großmutter der Autorin, was die ganze Geschichte für mich noch wertvoller und berührender macht. Im Anhang erfährt man dann, wann es sich um Fiktion, wann um die Realität handelt. Diese beiden Ebenen perfekt zum Verschmelzen zu bringen, ist wunderbar gelungen. Zudem bekommt man im Anhang noch Ergänzendes zu Stationen auf Hannas Weg und den realen Personen, die ihren Weg gekreuzt haben, geboten. Quellen, Literaturtipps und ein Glossar mit den wichtigsten Begriffen, die von der gründlichen Recherche Sandra Jungens, wie schon die zahlreichen kleinen Detailinfos im Erzählten, zeugen, sind ebenfalls enthalten. Das hat mir ausgesprochen gut gefallen und muss deshalb auch noch lobend erwähnt werden.


Alles in allem ist Hanna ein Tatsachenroman, der mich von Anfang bis Ende gefesselt hat. Mit der sympathischen Hauptfigur Hanna, vor der ich meinen Hut ziehe, erlebt man hier die Kriegsjahre einer Krankenschwester, äußerst kurzweilig, authentisch und berührend geschildert, hautnah mit. Das ist Geschichte, die man nicht so schnell vergisst. Begeisterte fünf Sterne.


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Raubkind

Dorothee Schmitz-Köster
Fester Einband: 272 Seiten
Erschienen bei Verlag Herder, 20.08.2018
ISBN 9783451383809
Genre: Sachbücher

Rezension:

Erst kürzlich habe ich eine historischen Roman über die Schweizer Verdingkinder gelesen und da sich hinter dem Begriff Lebensborn ja ebenfalls Kinderraub versteckt, war ich sehr gespannt auf diese Biografie.

Es existiert keine Geburtsurkunde, aber dass er am richtigen Tag Geburtstag feiert, seine leiblichen Eltern verstorben sind und er von Familie Schäfer rund um Ostern 1944 als Pflegekind aufgenommen wurde, glaubt Klaus B. nun seit über siebzig Jahren. Seine Wahrheit gerät allerdings stark ins Wanken, als sich die Journalistin Claudia Retter mit ihm in Verbindung setzt, weil sie bei ihren Recherchen auf seinen Namen gestoßen ist. Ingeborg Schäfer, eine Tochter der Pflegefamilie, hat ihn in ihrem Buch „Mutter mochte Himmler nie“ erwähnt. Die Journalistin, die sich mit Lebensborn beschäftigt, erhofft sich nun neue Erkenntnisse von ihm, da er aus genau einem solchen Heim in Bad Polzin zu den Schäfers gelangt ist. Klaus B. hat keinerlei Erinnerungen, weiß so gut wie nichts über Lebensborn und mit seinem schwachen Herz ist er nicht einmal sicher, ob er das dunkle Geheimnis in seiner Vergangenheit in seinem Alter überhaupt noch lüften will. Da ihm die Sache aber keine Ruhe mehr lässt, willigt er ein, dass Claudia Retter in seinem Namen Erkundigungen einziehen darf und schnell sind die Vollmachten an sie abgetreten. Was geschah bevor er, angeblich unterkühlt, verletzt und ausgezehrt bei den Schäfers ankam?

Gleich zu Beginn und immer wieder zwischendurch erfährt man von der Kontaktaufnahme, davon, wie sehr das Thema Klaus B. aus dem Konzept bringt bzw. bewegt und auch von seinem inneren Dilemma. Will er seine Wurzeln kennen, oder doch lieber weiter den Mantel des Vergessens anbehalten? Überwiegend begleitet man als Leser allerdings die Journalistin Claudia bei ihrer Recherche. Man nimmt mit ihr Kontakt zu zahlreichen Organisationen auf, die sich  um Familienzusammenführung nach dem Zweiten Weltkrieg kümmern, besucht mit ihr Archive und Heime, besucht die neu gefundene polnische Verwandtschaft von Klaus B. und wälzt mit ihr einiges an Literatur. So bekommt man nicht nur, wie die Einordnung als Biografie ja verspricht, einen knappen Lebenslauf von Klaus B., geboten, sondern erhält dabei Einblick in ihre Recherchearbeit und ganz klar auch in die Machenschaften bezüglich Lebensborn, nicht nur bei Klaus B..

Die Autorin lässt in weiten Teilen einen Erzähler zu Wort kommen, der manchmal Klaus B. Perspektive beleuchtet, ganz oft aber Claudia Retter begleitet, die dieser allerdings immer nur unpersönlich mit „die Journalistin“ betitelt. Zudem erhält man auch Mitschnitte von Gesprächen, Quellenauszüge und zahlreiche Abbildungen geboten, was das Lesen unheimlich abwechslungsreich und kurzweilig macht. Der locker, flüssige Sprachstil tut sein Übriges dazu, dass die Biografie trotz aller Härte des Schicksals schnell verschlungen ist. Geschichte für den Laien leicht verständlich und interessant aufbereiten, das ist hier wirklich gut gelungen. Ich wurde nicht nur informativ unterhalten, sondern war stellenweise auch richtig gerührt bzw. habe schockiert gelesen. 

Die Autorin hat wirklich gründlich recherchiert, was schon der Roman, der im Verlauf die Journalistin ganz oft verschiedene Quellen vergleichen lässt, sondern auch die zahlreichen Anmerkungen deutlich erkennen lassen. Sehr gut hat mir auch das relativ zahlreiche Bildmaterial gefallen. Fotografien von polnischen Verwandten des Karl B., auch von den Schäfers, seiner Pflegefamilie, Fragebogen, Krankenakten, Akten und Unterlagen vom IRQ, vom Roten Kreuz,…, all das ergänzt die Biografie gekonnt und macht das Bild rund.

„Mädchen und Jungen wurden getrennt und neu eingekleidet, dabei nahm man ihnen auch ihre kleinen Mitbringsel fort.“ Jeglicher Vergangenheit, jeder Erinnerung beraubt, den Willen gebrochen und dazu sprachlos gemacht. In einer anderen Sprache als Deutsch, was sie nicht konnten, zu reden war unter Prügelstrafe verboten. Paramilitärische Erziehung, entwürdigende psychologische Schauen und Einstufungen, sind nur einige Beispiele für die unvorstellbaren Verbrechen, die das NS Regime in ihrem irren Glauben begangen hat. Um das deutsche Blut durch vielversprechende Nachkömmlinge anderer Länder aufzufrischen und potentiell starke Gegner der Zukunft gleich auszufiltern, wurden unzählige Kinder ihrer Wurzeln beraubt und in  sich verdient gemachte NS-Familien vermittelt. Kaum zu glauben, dass es den Hauptverantwortlichen dieser Verbrechen in den Nürnberger Prozessen tatsächlich gelungen ist, Lebensborn weitgehend als karitative Organisation hinzustellen und damit der gerechten Strafe zu entgehen. Die Autorin hat mit ihrer Biografie von Klaus B., der für mich stellvertretend für das Los unzähliger Leidtragender steht, einen wertvollen Beitrag gegen das Vergessen geleistet.

Alles in allem kann ich „Raubkind“, die Biografie von Klaus B., der in die Hände von Lebensborn gefallen ist, wirklich empfehlen. Alle Geschichtsinteressierte finden hier bewegend, fesselnde Unterhaltung, bei der man ganz nebenbei sein Wissen aufpolieren kann. Noch fünf Sterne sind da auf jeden Fall drin.

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Die verlorene Schwester

Linda Winterberg
Flexibler Einband: 448 Seiten
Erschienen bei Aufbau TB, 09.11.2018
ISBN 9783746634524
Genre: Historische Romane

Rezension:

Linda Winterberg hat mich schon mehrfach besonders einnehmend und ergreifend mit ihren Romanen unterhalten, über Verdingkinder in der Schweiz wusste ich bisher nur wenig und daher war ich sehr gespannt auf ihren neuen Roman.



Der erfolgreichen, karriereorientierten Investmentbankerin Anna fällt durch einen Zufall in den Familienunterlagen ein Ordner mit dem Titel Adoption in die Hände. Mutter unbekannt, Geburtsname Regula und Geburtsort Hindelbank. Annas Welt stürzt ein. Was sie jahrelang für ihre Familie hielt ist ein einziges Lügengebäude. Hatte nicht neulich diese Journalistin Claudia Retter einen Artikel über Verdingkinder veröffentlicht, da war ebenfalls von Hindelbank die Rede. Vielleicht kann sie ihr weiterhelfen, wenn die Adoptivmutter schon so mauert?


Der Roman spielt mit zwei Zeitebenen und mehreren Handlungssträngen. Während man im Heute, bzw im Jahr 2008 in Zürich und Umgebung Annas Leben verfolgen und sich mit ihr auf die Suche machen darf, startet man in der Vergangenheit in Bern im Jahr 1969. Lena und ihre zwei Jahre ältere Schwester Marie werden, da ihre Mutter nach dem Tod des Vaters in tiefe Depressionen verfällt, von der Fürsorge in ein Heim verfrachtet. Von da ab wird dann auf getrennten Wegen gewandert. Während Lena das schlimmste vorstellbare Los gezogen hat und auf einem Bauernhof nicht nur körperlich schwer arbeiten muss, sondern auch brutal misshandelt wird, hat es Marie besser getroffen und so ist ihr Leben in der konservativen, gläubigen Floristenfamilie lange Zeit fast schon als gut zu bezeichnen. Mit auf Ausflüge und Feste, sie darf zur Schule, bekommt eine Ausbildung, Probleme entstehen erst, als sie sich verliebt. Der Kreis zum Heute schließt sich durch die Fragen, wer ist Annas Mutter und welche Schwester weiß von der anderen, traut sich aber keinen Kontakt aufzunehmen?



„Ihr ganzes Leben lang war sie belogen worden. Ihr wurde übel. Sie sprang auf und rannte in den Garten, wo sie sich übergab. Die Tränen schossen ihr in die Augen. Sie war nicht Anna Volkmann, sondern ein Mädchen namens Regula.“, Anfangs hatte ich wirklich Mitleid mit Anna, stets ans Buch gefesselt hat mich auch, dass ich unbedingt wissen wollte, wessen Kind sie ist. Womöglich der Spross einer Vergewaltigung, oder hat Marie mit ihrer Liebe ein Kind bekommen, ja nicht unerheblich für die Frage, wie wird es sein, wenn sich Mutter und Kind finden werden. Allerdings bin ich sonst mit dieser Anna nicht richtig warm geworden. Sie wirft ihren Job hin, rechnet mit ihren Affären ab, will sich ein neues Leben aufbauen. Verständlich auf der einen Seite, aber emotional war ich da nicht richtig mit dabei. Dazu war sie mir oft zu schroff, teilweise auch zu überheblich und ungerecht, wie z.B. bei einem Bewerbungsgespräch, oder auch im Umgang mit der Journalistin Claudia, die ihr alle Unterstützung gibt, die man sich nur erträumen kann. Deshalb hat mich der Erzählstrang im Heute auch etwas ausgebremst. Ergreifend, schockierend und bewegend ist allerdings die Geschichte in der Vergangenheit.


Der lockere Schreibstil der Autorin liest sich flüssig und ihr gelingt es durchaus Atmosphäre zu schaffen. Emotional kann sie mich völlig einfangen, das hat sie mir bereits mehrfach und auch hier wieder im Erzählstrang um die Vergangenheit bewiesen. „Ich glaube sie schlägt mich irgendwann tot.“ - „Das glaube ich nicht, du bist doch ihre Tochter. Sein eigenes Kind schlägt man nicht tot.“ - „Aber sie sagt ich wäre eine Missgeburt. Und Missgeburten darf man totschlagen.“ sagt eine Rainett, die etwas zurückgebliebene Tochter von Almuth Gerber, der Hofherrin. Dialoge wie diese, Szenen die die Gemeinheiten, die sie sich für das Verdingkind Lena ausdenkt, und auch die Übergriffe des stets betrunkenen Sohnes Olaf haben mir den Atem genommen, haben mich schockiert lesen lassen. Und auch die Abschnitte zu Maries Los habe ich zu Beginn gerührt, interessiert und nachdem sie die Familie Seemann verlassen muss, tief betroffen geradezu verschlungen.


Am meisten gelitten habe ich sicher mit Lena und auch mit Rainett, die ihr zu einer Art Anker wird, nachdem die Schwestern getrennt werden. Marie mochte ich und ich habe mich für sie gefreut, dass sie es zunächst besser getroffen hat und habe anschließend auch mit ihr gebibbert und gelitten. All die Charaktere, die in der Vergangenheit agieren sind authentisch, individuell und auch differenziert ausgesucht und dargestellt.


Die verlorene Schwester ist für mich ein wichtiger Beitrag gegen das Vergessen und Verdrängen und ich konnte mir ein gutes erstes Bild von diesem finsteren Kapitel in der Schweizer Vergangenheit machen, die ja erschreckenderweise noch gar nicht so lange zurück liegt. Bis 1980 war es in der Schweiz knapp zwei Jahrhunderte lag Praxis, Kinder zu „verdingen“, also Kinder an Pflegeeltern abzugeben. Je weniger Kostgeld die Pflegeeltern wollten, desto eher bekamen sie Kinder zugeteilt. Harte und körperlich schwere Arbeit und wenn sie es besonders schlecht getroffen haben, auch körperliche brutale Misshandlungen und sexuelle Übergriffe waren an der Tagesordnung, hatte man in allem Elend nicht das große Los gezogen und kam in eine Familie, die ein wenig Herz zeigte. Betroffen davon waren hauptsächlich Waisen- und Scheidungskinder. „Den meisten Mädchen wurde vorgeworfen, sie wären aufmüpfig, stammten aus schlechten Verhältnissen, einige waren schwanger, aber nicht verheiratet. Die Liste der moralischen Verfehlungen war lang. Gerichtsverfahren hatte es gegen keine der Mädchen gegeben.“ Die Verdingkinder wurden geächtet und als Abschaum der Gesellschaft angesehen und zudem waren sie der Behördenwillkür ausgesetzt, häufig auch einfach in Gefängnissen inzwischen von Mördern und Schwerverbrechern untergebracht.


Schon allein um diese schrecklichen Verbrechen nicht ins Vergessen geraten zu lassen, ist dieser Roman auf jeden Fall wert gelesen zu werden. Auch wenn es für mich für fünf Sterne, da mich einfach die Handlung im Heute etwas ausgebremst hat, nicht mehr ganz reicht, bekommt man auf unterhaltsame Art und Weise fesselnd, schockierende Eindrücke geboten, die einen emotional mitnehmen.


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Gun Love

Jennifer Clement , Nicolai von Schweder-Schreiner , Edith Stehfest
Audio CD
Erschienen bei BUCHFUNK Verlag, 10.09.2018
ISBN 9783868474268
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Eigentlich habe ich mit Waffen so gar nichts am Hut und auch Alligatoren zählen nicht zu meinen Lieblingstieren. Ich bin aber froh, dass ich mich weder von Titel noch von Cover habe abhalten lassen, zu diesem Hörbuch, das mich unheimlich bewegt hat, zu greifen.


Margot ist Spross einer wohlhabenden Familie, aufgewachsen in einer Villa mit so vielen Zimmern, dass sie sogar eine Schwangerschaft und einen kleines Baby eine Zeitlang geheim halten kann. Weil dies keine Dauerlösung ist und auch da sie Angst hat, dass man ihr Töchterchen Pearl nehmen könnte, beschließt sie zu türmen. Das Campieren in einem alten Mercury, Kind vorne, sie hinten auf der Rückbank auf einem abgelegenen Trailerpark soll vorerst eine Übergangslösung sein. Doch aus dieser sind inzwischen schon zwölf Jahre geworden, in denen Margot und Pearl neben einer Müllkippe, ohne Wasseranschluss oder Strom und inmitten von schießwütigen Waffenliebhabern hausen.


Als Hörer lebt man mit Pearl auf dem Trailerpark und bekommt von ihr erzählt, wie und warum ihre Mutter und sie dort gelandet sind und natürlich auch vom Alltag dort. Müllkippen nach Brauchbarem, vor allem Kippenresten durchwühlen, Waschen bei Mc Donalds, wenn Not am Mann ist, ungekühltes Essen aus dem Kofferraum, Alligatorjagd, Schießübungen und auch so mancher Diebstahl bestimmen ihren Tag. So schlimm sich dies anhören mag, gilt viele Jahre „Meine Mutter war so süß, sie war wie Zucker“. Margot kümmert sich liebevoll um ihr Töchterchen und die beiden scheinen sich zu genügen. „Aber das Süße sehnt sich nach dem Bösen“ und an dem Tag als Eli auf dem Trailerpark auftaucht, wird plötzlich alles anders. „Seine Stimme machte sie sofort gefügig“ und in Margots Herz und Kopf scheint nichts anderes mehr Platz zu finden. Pearl ist auch sich alleine gestellt, mehr wird hier aber nicht verraten.


Die Autorin verwendet für ihre Geschichte die Ich-Perspektive, was einen dem Geschehen, den Brutalitäten, wie einem offenen Gashahn, damit kleine Kinder schneller einschlafen, aber auch auch den berührenden Momenten, wie wenn Margot zu Pearl sagt, „Lieb mich nicht zu sehr, ich hab´s nicht verdient.“, ganz nahe sein lässt. Die Geschichte ist spannend und ich habe gefesselt gehört. Ich habe so mit Pearl gehofft, zuerst, dass das Jugendamt nichts spitz bekommt und Mutter und Kind trennt, dann nur noch darum, dass für sie eine gute Zukunft möglich sein wird. Ab und an darf man durchaus auch schmunzeln, was mir gut gefallen hat. So kann eine Pearl schon mal zum Pastor sagen, dass er hinten klopfen soll, wenn er etwas von ihrer Mutter will, und auf die Nachfrage, ob diese denn überhaupt da sei, ein das wisse sie nicht, weil der Mercury so groß sei, kommen.


Gun Love, lautet der Titel und natürlich nimmt diese Waffenliebe auch einen relativ großen Raum ein. Illegaler Waffenhandel, Abschießen von Alligatoren als Sonntagssport, Schießübungen, bei denen verirrte Projektile schon mal in der Beifahrertür landen können, Waffen beschriften und Reinigen als Freizeitbeschäftigung für kleine Kinder oder eine rosa Pistole unter dem Kopfkissen für süße Träume. All das ist hier zu finden und zeigt den Waffenwahn der USA, dessen Gefahren und seine Konsequenzen anhand einer bewegenden Geschichte eines kleinen Mädchens mehr als schockierend und eindrücklich. Sicher spricht die Autorin mit ihrem Roman auch auf soziale Probleme, wie die Ausgrenzung oder mangelnde Unterstützung von Obdachlosen und Drogenkonsum an.


Ich habe das kleine Mädchen sofort in mein Herz geschlossen. Klar ich hatte Mitleid mit Pearl und habe mir für sie daher von Anfang an nur das Beste, ein Ausbrechenkönnen aus der kriminellen Schiene gewünscht. Während ich auf Margot zu Beginn trotz allem große Stücke hielt, musste ich meine Meinung leider revidieren. Den schmierigen Eli konnte ich von Anfang an nicht leiden. Gut gefallen hat mir dafür aber Pearls Freundin Mary Jo, die ihr Halt gibt, oder später auch Mr. Botzki, der sein Bestes gibt, damit es Kids, die Pearls Schicksal teilen, ein bisschen besser geht. Diese sind wie alle anderen Darsteller interessant, sicher auch authentisch dargestellt.



Pearl erzählt aus der Ich Perspektive und die relativ junge Sprecherin Edith Stehfest mit ihrer jugendlichen Stimme passt dazu meiner Meinung perfekt. Als Hörer bekommt man von ihr die Geschichte erzählt, wie wenn Pearl mit einem plaudern würde. Emotionen kommen zurückhaltend zum Tragen, wie es aber eben auch zur nüchternen Protagonistin passt. Auch für die verschiedenen Charaktere gibt es nicht unbedingt große Unterschiede in Tonlage oder -art, aber wenn ein Teenie seine Geschichte erzählt, wäre das ganz genau so.


Alles in allem hat mir Gun Love mit einer berührenden, fesselnden, teils auch richtig schockierenden Geschichte wirklich tolle Hörstunden geboten. Ich war beim Hören emotional auf einer Achterbahnfahrt, die ihren Zieleinlauf bei 5 Sternen findet, die hier auf jeden Fall für mich noch drin sind.


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Ein Tag hat viele Farben

Christine Drews
Flexibler Einband: 304 Seiten
Erschienen bei Ullstein Taschenbuch Verlag, 09.11.2018
ISBN 9783548291079
Genre: Romane

Rezension:

„Familie ist doch viel mehr, als nur dieselbe Genmischung. Familie bedeutet eben auch, sich auszuhalten, und zu ertragen. Freundschaften brauchen das nicht, sie wären längst zerbrochen.“


Mick Römer hatte einen Schlaganfall und liegt seitdem im Koma. Laut Patientenverfügung sollen nun die lebenserhaltenden Geräte abgeschaltet werden. Natürlich soll er nicht alleine sterben und so kommen die drei Geschwister Mia, Tom und Anna, sowie Micks zweite Ehefrau Clarrissa zusammen, um ihn auf seinem letzten Weg zu begleiten.


Als Leser darf man mit den drei Geschwistern anreisen und lernt sie und ihre Gründe, warum sie so scharf auf das millionenschwere Pechstein Gemälde sind, kennen. Während Mia, die unter ausgeprägter „Stiefmutter Tourette“ leidet, denkt ihr steht es zu, weil es bereits bevor ihre Mutter gestorben und Papa Mick neu geheiratet hat, im Haus war, will Tom die Versicherung prellen und vielleicht auch den Familienruf wahren, Anna will hauptsächlich Familienfrieden und hofft darauf, dass dieser sich auch einstellen wird, sobald das Bild aus dem Weg ist. Man wird Zeuge ihrer teils amüsanten und dilettantischen Versuche, das Bild heimlich zu entwenden, aber man muss auch den schweren Weg ins Krankenhaus mit ihnen antreten und gemeinsam mit ihnen von Mick Abschied nehmen. Dann gilt es vor allem darum, nach und nach zu erkennen, dass alles ganz anders ist als jahrelang geglaubt und den Wert der Familie zu erkennen.


Der geläufige, flüssige Schreibstil der Autorin liest sich flüssig und die Seiten sind schnell verschlungen. Trotzdem hier eine Familie Abschied vom geliebten Ehemann und Vater nehmen, ja sogar das Okay zum Abschalten der Maschinen geben muss, ist es keine Geschichte die einen in tiefe Trauer versetzt. Es gibt durchaus berührende Momente, wie z.B. wenn ein Tom am Sterbebett sagt „Verzeih mir, dass ich nicht der Sohn bin, den du dir gewünscht hast, verzeih mir, dass ich nicht in der Lage bin, mich anständig von dir zu verabschieden, verzeih mir, dass ich so bin wie ich bin.“, die mir sehr nah gegangen sind, aber man darf auch immer wieder lachen und schmunzeln. Dafür sorgen vor allem Marks treffende Sprüche. Von ihm kann ein Kommentar wie „Wow. Innerhalb von einer Minute rennst du zum Klo, schmeißt alles raus, was keine Miete zahlt, versprühst Raumspray und kommunizierst schon wieder normal. Nicht schlecht.“ schon einmal kommen, wenn er Toms Schmierentheater mit einer vorgetäuschten Magen Darm Grippe durchschaut. Spannend und fesselnd waren für mich aber vor allem die berührenden kleinen Geheimnisse, die so langsam ans Tageslicht kommen und ein völlig anderes Bild entstehen lassen, wie zu Beginn gedacht.


Gut gefallen hat mir zudem, dass die Autorin auch aktuelle Gesellschaftsprobleme in ihrem Roman anspricht. Pointiert wird so z.B. der Übertrittswahn der Eltern am Ende der vierten Grundschulklasse, die Ausgrenzung von Homosexuellen, die längst noch nicht so anerkannt werden, wie es zu wünschen wäre oder auch das leider immer noch Tabu Thema Depressionen aufs Tapet gebracht.



Mein absoluter Liebling unter den Mitspielern war der einfühlsame Mark, mit seinen sensiblen Antennen. Er ist der Ehemann von Mia. Zum Glück schafft er es immer wieder sie etwas zu erden, ihre bissigen Kommentare wären sicher sonst noch viel verletzender gewesen, als sie es sowieso schon waren. Sie zieht dadurch natürlich keine großen Sympathien auf sich. Zugutehalten muss man ihr aber sicher, dass sie nicht aus ihrer Haut kann und sich selbst deswegen mit am meisten hasst. Anna ist die gute Seele der Familie, die ich sofort mochte. Mit Tom, dem Kunst Dauerstudent, der unter Depressionen leidet, von denen niemand etwas weiß, konnte ich zu Beginn nicht so viel anfangen, auch wenn er im Nachhinein sicher eine der schwersten Bürden der Familie zu tragen hatte. Am meisten Respekt habe ich vor Constanze. Sie hat Mick nicht nur abgöttisch geliebt, sondern ist auch eine extrem starke Frau.


Alles in allem hatte ich gute, humorvolle aber auch berührende Unterhaltung, die mit zahlreichen Überraschungen aufwarten kann. Meiner Meinung nach sind fünf Sterne da noch drin.


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Juli verteilt das Glück und findet die Liebe

Tanja Kokoska
Flexibler Einband: 336 Seiten
Erschienen bei Heyne, 12.11.2018
ISBN 9783453422537
Genre: Liebesromane

Rezension:

„Da war Juli in die die Speisekammer gegangen und hatte den Deckel der Suppenschüssel angehoben, voller Sehnsucht nach dem Duft, der sie immer getröstet hatte. Sie hatte die Nase tief in das Porzellan gesenkt. Mandeln, Vanille, gebräunte Butter. Der Duft war wie immer gewesen.“


Juli ist wie aus einer vergangenen Welt. Die Suppenschüssel, eine alte Waage, Porzellangeschirr, das sind alles Dinge in ihrer Wohnung, „die altmodisch und gestrig sein mochten, an denen sie aber hing und die sie dringend brauchte“. Hier in ihrer vertrauten Umgebung fühlt sich die stille, junge Frau beschützt und auch die Einsamkeit um sie herum, scheint sie nicht wahrzunehmen. Ganz anders die Traurigkeit in den Augen ihrer Gegenüber, die kann Juli sehr wohl sehen.


Als Leser begleitet man Juli, ist mit ihr und ihren Ängsten anfangs so richtig alleine, erfährt von ihren Angewohnheiten und darf dann mit ihr im Blumenladen einspringen um auszuliefern. Und schon beim ersten Auftrag „Herr Habakuk lächelte, aber das Lachen ging nicht bis zu den Augen, die blieben trüb wie angelaufenes Silberbesteck. Man müsste sie polieren, dachte Juli. Doch sie wusste nicht wie das ging.“, ist für Juli klar, von nun an hat sie eine Aufgabe, die die Leere, die seit dem Tod ihrer Mutter, die von Juli gepflegt wurde, verdrängen wird.

„Und so ein süßer Pudding, der war wie Schmiermittel fürs Gewinde, der brachte den Verstand auf Touren , und deshalb war es kein Wunder, dass Juli beim vierten Löffel auf die Idee kam, wie sie weitermachten.“ Man darf mit Juli von da an tief in die Seele ihrer Blumenkunden blicken, bekommt deren schockierende und bewegende Erlebnisse erzählt und versucht mit ihr das Lächeln in deren Augen zurückzubringen. Gleichzeitig erlebt man aber auch, wie Juli zum ersten Mal in ihrem Leben eine Freundin findet, wie sie erkennt, was Liebe ist und wie sie mit ihrer eigenen Vergangenheit zurechtkommt.


Der Sprachstil der Autorin liest sich locker, flüssig verleitet zum Träumen und die Seiten gleiten viel zu schnell dahin. Sie beschreibt mit unheimlich vielen Bildern, was mir ausgesprochen gut gefallen hat. „Aber dann sah Juli ihre Augen. Und ihre Augen bewegten sich, innen drin. Die Pupillen waren wie schwarze Tropfen in einem Wasserglas, und die Tropfen breiteten sich aus, wurden langsam größer und weiter, und sie schluckten alles, was jemals hell gewesen war.“ Die Welt durch eine Lupe betrachten, der verliebte Blick fürs Detail macht den Roman für mich zu etwas Besonderem. Auch die zu Juli so perfekt passenden Vergleiche fand ich sehr gelungen. „Da waren Fragen in ihrem Kopf, die immer größer und größer wurden, als wäre ihr Kopf eine Schüssel und die Fragen aus Hefeteig, und die Fragen wuchsen und wuchsen, bis sie fast über den Schüsselrand ragten.“ So poetische Sätze wie „Das Glück ist wie eine Mohnblume. Es blüht nur, wenn es in Ruhe wachsen kann.“, oder Lebensweisheiten wie, „Ein jeder Wunsch, wenn er erfüllt, kriegt augenblicklich Junge.“, sind ebenfalls zu finden. Tanja Kokoska nimmt einen mit ihrem modernen Märchen mit auf eine Achterbahnfahrt der Gefühle. Von rührenden, angenehmen Emotionen, die diese warmherzige Geschichte mit ihrer besonderen Hauptfigur auslöst, über schockierende bzw. bewegende Momente, wie z.B. bei Herrn Habbakuks Geständnis, weshalb es sich seit Kindheitstagen selbst nicht verzeihen kann, oder Erzählungen von dramatischen Momenten bei der Vertreibung am Ende des Zweiten Weltkriegs der dementen Frau Lensky, bis hin zu Vorfreude und Verliebtheit, wenn es zum ersten Mal im Leben ans Silvester mit Freunden feiern geht, ist hier alles vertreten. Ab und an konnte ich auch schmunzeln, fast schon lebensfremd kann es einer Juli nämlich passieren, dass es heißt „Aber dass Oskar um neunzehn Uhr, acht Minuten und fünfzehn Sekunden wissen würde, dass dieser Büstenhalter genau zu ihrer Augenfarbe passte, hatte sie natürlich nicht geplant.“, wenn sie von Vorfreude zu schnell in tiefe Traurigkeit verfällt.


„Ich möchte nicht allein sein. Das war etwas, das Juli noch nie gesagt hatte, aber jetzt hatte sie eine Freundin, zu der sie das sagen konnte. Und das war ein neues bewegendes Gefühl.“ Juli, eine ganz außergewöhnliche Frau habe ich vom ersten Moment an in mein Herz geschlossen, so sehr hat sie mich berührt. Mich hat unheimlich bewegt, wie sich Juli verändert und ich habe mich über jeden Fortschritt ganz furchtbar für sie gefreut. Juli ist so ein besonderer Mensch, ihr kann man nur das Beste wünschen und das hat wohl auch Marie Jacobi erkannt. Sie und ihr Ehemann, die den Blumenladen von Julis Familie übernommen haben, sind Juli eine richtige Stütze, beide super sympathisch. Marie mit ihren Ratschlägen, ihrer hilfsbereiten Art und auch ihrer Neugier hat mir ausgesprochen gut gefallen. Sie ist wie alle anderen Darsteller individuell und liebevoll gezeichnet, bei Oskar angefangen, der Juli scheinbar blind versteht, über die demente Frau Lensky, deren sture Art mich amüsiert, die mich aber auch schwer bewegt hat, bis hin zur kleinen Nebenrolle des Metzgers Salzmann, der süße Wurst nicht nur an seine kleinen Kunden ausgibt.


Es sind die unheimlich vielen kleinen berührenden Momente, die diese Geschichte für mich zu etwas Besonderem machen und ich freue mich schon jetzt auf alle weiteren Romane aus der Feder dieser Autorin. Von mir gibt`s gerne fünf Sterne.


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Ich küss dich tot

Ellen Berg
Flexibler Einband: 400 Seiten
Erschienen bei Aufbau TB, 09.11.2018
ISBN 9783746634388
Genre: Humor

Rezension:

Die Zelte in New York sind so gut wie abgebrochen, noch den Abschied von den Freunden feiern und morgen früh in den Flieger nach Singapur steigen. Soweit der Plan der erfolgreichen Hotelmanagerin Annabelle, die dort den ultimativen Superjob ergattert hat. Aber wie so oft im Leben, es läuft nicht immer nach Plan. Ein aufgeregter Anruf ihrer Mutter, der Papa hat einen Schlaganfall erlitten, sie muss dringend kommen und sich um Familie und auch das marode Alpenhotel kümmern. Mit reiflich schlechtem Gewissen, schon zwei Jahre nicht mehr zuhause gewesen, bucht Annabelle um, eine Woche Weihnachtsurlaub in den Bergen, bevor sie ihre Stelle antreten muss, kann sie einschieben.


Ein „Kind das sind aber viel zu enge Hosen, Sind die etwas modern?... Wir sind in Bayern. In unseren schönen Heimat ziehen sich die jungen Frauen fesch an, damit sie den Männern gefallen.“ von Oma Martha und ein „Keine Sorge, ich hab dir schon dein Dirndl aufgebügelt.“ von Mama Theresa signalisieren sofort, dass zurück in Puxheim ein anderer Wind herrscht. Als Leser darf man hier nicht nur auf Mördersuche gehen, ein altes Familiengeheimnis ans Tageslicht zerren, einen ultimativen Rettungsplan für den heruntergewirtschafteten Gasthof entwickeln, sondern muss sich mit Annabelle auch Gedanken darüber machen, was die Zukunft bringen soll, samt Liebesdingen. „Die Sinnfrage, ob schneller, höher immer das Gelbe vom Ei ist,“gilt es ebenfalls zu beantworten.


Der locker, fetzige und spritzige Schreibstil der Autorin liest sich herrlich und die Seiten fliegen leider viel zu schnell dahin. Wie immer punktet sie mit ihren teils bitterbösen, immer treffenden und stets witzigen Kommentaren und Dialogen.„Du solltest nachts wirklich auf dem Rücken schlafen, nicht in der Seitenlage, sonst rollt dir noch dein Erbsenhirn aus dem Ohr“, „Wenn du ein Problem mit mir hast, kannst du es behalten“ oder „Manchmal ist man der Baum, manchmal der Hund“ sind nur einige wenige Beispiele dafür, was mir nicht „vierspurig am Popo vorbei“ging, sondern unheimlich viel Lesevergnügen und so manchen Pruster vor Lachen bereitet hat. Grandios sind auch ihre ausgefallenen Vergleiche, da sieht Joggen schon mal „aus wie Sterben mit Anlauf“, Spinnweben werden als „Ökotraumfänger“ schöngeredet oder das Übergewicht „ist sein externer Speicherplatz für mehr Bauchgefühl" Aber Ellen Berg kann nicht nur amüsant und witzig, sondern es finden sich auch unheimlich viele Lebensweisheiten und Sprüche, die zum Nachdenken oder Träumen anregen, wie „Selbstzweifel vernichten mehr Träume als tatsächliches Scheitern“oder „Wenn es regnet, halte Ausschau nach dem Regenbogen, wenn es dunkel ist, schaue zu den Sternen.“ Zudem schafft sie es ganz ausgezeichnet passende Atmosphäre zu erzeugen und auch gefühlsmäßig nimmt sie den Leser mit.


Sicher ist die Geschichte stellenweise überzeichnet, und auch nicht alles unbedingt in der Realität zu finden, ganz besonders solche Stand Up Comedians wie die beiden Ermittler Trampert und Andernach und ihre Ermittlungsmethoden, aber das weiß man ja vor dem Lesen schon. Das gehört für mich auch zu den genialen Mischungen aus Spaß, Humor und durchaus auch ernsten Themen, aus ihrer Feder.


Ich konnte mich sofort in Annabelle hineinversetzen und habe sie schnell ins Herz geschlossen, auch wenn sich rückblickend so einige kalte Seiten in ihrem Lebenslauf auftun. Ich habe regelrecht mit ihr gelitten und gefiebert. Man wird daheim gebraucht, möchte aber eben auch sein eigenes Leben führen, nicht so einfach. Wie also „Eltern Liebe zeigen ohne die Eigenständigkeit aufzugeben“? Vor allem, wenn die so einnehmend sind wie ihre. Schön ist, dass Annabelle den Kontakt zu ihrer Freundin „Psychorette“ Mary-Jo aufrechterhalten kann und auch die alten Freunde aus der Jugendzeit sofort wieder helfend auf der Matte stehen. Sehr ans Herz ist mir Oma Martha gegangen und besonders gut hat mir auch Max, der Mann für alles, im Edelweiß mit seiner Art und seinem Dialekt gefallen. „Der Gwamperte und sein depperter Doldi!“, oder „Weißt so a Päckerl Watschen ist schnell aufgmacht.“ kann von dem gutmütig, liebenswerten Senior schon mal kommen. Aber auch alle anderen Darsteller sind liebevoll, individuell und mit Profil gezeichnet.


Gelungenes Regionalkolorit, das kann sich dieser Roman auf jeden Fall auf die Fahnen schreiben. Inmitten der verschneiten Bergwelt kann man so z.B. intensives Alpenglühen erleben. „Unglaublich! Die Berge schienen zu brennen! Feurig rot wie Lava, hob sich der Drachenstein vom tiefblauen Abendhimmel ab, dahinter loderte es bis in unendliche Fernen. Eine Sinfonie aus Blautönen und Rotnuancen, viel schöner,und prächtiger, als...rotgolden wie in einem Märchenland.“ Richtig gut hat die Autorin auch die Atmosphäre des kleinen Dorfes eingefangen. Da gilt der „Dorfplatz als Epizentrum für Klatsch und Tratsch“, sozusagen „das analoge Facebook eines kleinen Ortes“., da wird verschwiegen, dass der Ehemann einen sitzen gelassen hat, damit man nicht Gesprächsthema Nummer eins wird, aber auf der anderen Seite wird auch zusammengeholfen, wenn Not am Mann ist.


„Essen macht nicht dick, es zieht nur die Falten glatt.“, bleibt nur zu hoffen, dass sich das bewahrheitet. Denn nachdem erst einmal die kulinarischen Sünden wie Cheesburger oder Fischstäbchen aus dem Tiefkühler von der Karte gefegt wurden um Platz zu schaffen für wahre Köstlichkeiten, die der Sterneküche Konkurrenz machen, aber dennoch in die bayerische Bergwelt passen, bin ich nicht nur einmal gelüstig zum Kühlschrank getingelt.


Alles in allem hat mich Ellen Berg einmal wieder besonders super gut unterhalten. Die perfekte Mischung aus Humor, Ernsthaftigkeit, tollen Botschaften, witzigen Sprüchen, liebenswerten Darstellern und einer spannenden Geschichte hat mir ein großartiges Lesevergnügen bereitet und schreit geradezu nach fünf Sternen.



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Wirf dein Herz voraus und spring hinterher

Anna Paulsen
Flexibler Einband: 368 Seiten
Erschienen bei Penguin, 12.11.2018
ISBN 9783328103158
Genre: Liebesromane

Rezension:

Anna Paulsen hat mich mit ihrem „Liebe M. du bringst mein Herz zum Überlaufen“ mit einer berührenden, romantisch, verträumten Geschichte wirklich verzaubert und bestens unterhalten, deshalb habe ich mich sehr auf den neuen Roman aus ihrer Feder gefreut.


„Ich habe jeden Morgen meine Übungen gemacht, etwas Gesundes gefrühstückt, mich dezent geschminkt,,,, war tüchtig und produktiv, … Das war´s. Keine Freundschaften, keine Liebesgeschichten , keine aufregenden Erlebnisse. Es wäre also nicht viel verloren, wenn ich bald sterben würde. Jedenfalls wenn ich so weitermachen würde, wie bisher.“ Sind Gedanken, die Liane, ende dreißig, durch den Kopf gehen, nachdem sie nach einem Arztbesuch fest davon überzeugt ist, dass sie Kehlkopfkrebs hat. Ihr Leben muss sich ändern, einigeln bringt nichts nd plötzlich heißt es für sie „Aber ich habe mich viel zu lange von meinen Ängsten einschränken lassen. Deshalb werde ich sie dieses Mal einfach ignorieren und versuchen das Ganze zu genießen.“


Als Leser lernt man Liane in ihrem Alltagstrott kennen, darf anschließend die Hypochonderin in Perfektion zuerst zum Arzt begleiten und erfährt dann, was sie aus ihrem Leben macht. Bei der Entwicklung von „Fräulein Rottenmeier, das sich ins falsche Jahrhundert verirrt“ hat bis hin zu erlebnishungrigen Survival Meisterin, ist jede Menge geboten, beim Tokiotrip angefangen bis zum Fallschirmsprung. Man lernt mit ihr Menschen kennen, die ihr wie Norma unter die Arme greifen, die ihre Stärken erkennen, wie Künstler Greg oder solche, die auch erst einen Burn-Out erleben mussten, um zu erkennen, was im Leben zählt, wie Lorenz. Zudem gilt es noch den Zwist mit ihrer Adoptivmutter aufzuarbeiten und auch in Herzensdingen muss sich Liane entscheiden.


Ich mag den lässig, lockeren Schreibstil der Autorin, die mich unter anderen Pseudonymen auch schon mehrfach ganz wunderbar unterhalten hat unheimlich gerne. Vielleicht bin ich mit meiner Begeisterung für Mathilda aus dem Vorgängerwerk mit zu hohen Erwartungen ans Lesen ran gegangen. Aber auch wenn Anna Paulsen mich mit diesem Roman nicht ganz so einnehmen konnte, wie gewohnt, hatte ich ein kurzweiliges Lesevergnügen. Unter anderem ist ihr Name für mich eine kleine Schmuzelgarantie, und auch das fehlt hier nicht ganz. Für Vergnügen sorgt vor allem die taffe Nachbarin Erna Ritter, die als Seniorin noch manchem Tennie an Lebensenergie etwas vormachen kann. Als Leser bekommt man die Geschichte von einem Erzähler aus Lianes Sicht geboten, ist ihr daher am nächsten. Man darf in ihren Kopf blicken, erfährt in kursiven Einschüben ihre Gedanken und zahlreiche wörtliche Reden lassen die Geschichte lebendig werden.


Warum konnte mich die Autorin nicht wie gewohnt absolut einfangen? Mein größtes Problem war wohl, dass ich mich einfach nicht mit Liane identifizieren und mich auch nicht wirklich in sie hineindenken konnte. Als Hypochonderin höchsten Grades, vielleicht auch ein wenig überzeichnet, jedoch nicht so sehr, dass ich es schon wieder als amüsant empfunden hätte, ist sie das krasse Gegenteil von mir. Ganz besonders negativ aufgestoßen ist mir ihr Verhalten gegenüber ihrer Adoptivmutter Ruth, mit der ich alles Mitgefühl der Welt hatte und deshalb bin ich wohl nie so richtig warm geworden mit der Hauptfigur. Auch wenn Liane sich wirklich toll entwickelt, konnte ich mich einfach nicht mehr so von tiefstem Inneren mit ihr freuen, wie ich mir das gewünscht hätte. Es mag sein, dass, wenn man den Tod so vor Augen hat wie sie, plötzlich alles anders ist, für mich persönlich wäre eine Veränderung in kleinen Schritten nachvollziehbarer gewesen, vielleicht auch nicht so eine radikale, die bessere Wahl. Auch ein, zwei Zufälle weniger, die ihr in die Hände spielen und ein weniger an Männer hin und her, wäre eher mein Ding gewesen. Aber nichtsdestotrotz hatte ich gute Unterhaltung, dafür haben ja auch so tolle Mitspieler, wie die super sympathische, selbstlose Altenpflegerin Norma und die taffe alte Nachbarin Erna gesorgt. Auch die Geschichte rund um die Adoption hat mich bewegt.


„Noch nie hat sich jemand gewünscht mehr geputzt, gearbeitet oder aufgeräumt zu haben. Die meisten fragen sich, warum sie nicht öfter am Meer spazieren gegangen sind, in der Sonne gesessen, oder mehr wertvolle Zeit mit lieben Menschen verbracht haben.“ Das Leben mehr genießen, bevor es zu spät ist, ist sicher eine wichtige Botschaft, die sich in diesem locker, leichten Roman, der die Geschichte einer außergewöhnlichen Hauptprotagonistin erzählt, versteckt. Für alle, die auch zu oft im Alltagstrott gefangen sind und Unterhaltung zum Abschalten suchen, sicher eine Leseempfehlung, auch wenn es für mich für fünf Sterne dieses Mal nicht ganz reicht.



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Preiselbeertage

Stina Lund , Katharina Schwarzmaier
Audio CD
Erschienen bei Audio Media Verlag, 22.09.2017
ISBN 9783956392986
Genre: Romane

Rezension:

Die freie Bild- und Videoredakteurin Ariane lebt seit elf Jahren in Leipzig, wo auch ihre Großeltern wohnen, zu denen sie ein herzlicheres Verhältnis hat, als zu ihrer eigenen Mutter Ina, die gemeinsam mit der jüngeren Schwester Jolante in Schweden lebt. Als ihr Vater Jörg stirbt, sie sich zeitgleich von ihrem Freund trennt, der mehr von ihr haben will, als sie bereit ist zu geben, entschließt sie sich zu einer Auszeit in Schweden. Wie soll ihr Leben weitergehen und vor allem wo, in Leipzig, bei den geliebten Großeltern oder in Schweden, wo ihre Erinnerungen an die Kindheit ihren Ursprung haben? Aber bevor sie eine Entscheidung treffen kann, muss sie erst die ganze Wahrheit wissen. Warum will ihre Mutter Ina nichts von einem Manuskript wissen, das Jörg seinen Töchtern vererbt hat und in dem ein Familiengeheimnis gelüftet werden soll? Ariane lässt nicht locker, was erwartet sie?


Die Autorin spielt hier gekonnt mit verschiedenen Erzählsträngen, was die Geschichte sehr spannend, fesselnd und auch bewegend macht. Die Handlung im Jetzt, in Schweden nach Jörgs Tod wird zum größten Teil aus Arianes Perspektive erzählt, aber man darf auch in andere Köpfe und Seelen blicken. Warum will Ina unbedingt vermeiden, dass die Familiengeschichte ans Tageslicht kommt? Wie wird Ariane damit fertig, dass stückchenweise alles zerbricht, was sie und ihre Vergangenheit ausgemacht, was sie bisher geglaubt hat? Wird das Verhältnis zu Ina und Jolante so abgekühlt bleiben, oder werden sie näher zusammenfinden? Das alles sind Fragen, die hier abgehandelt werden. Zudem gibt es noch ein zarte Liebesgeschichte, die nicht ohne Hürden ist und mit vielen Einblicken in die Natur von Schweden und vor allem die Welt der Elche punkten kann. Ergänzt wird das Ganze durch einen Strang, der in Rückblenden von der Vergangenheit erzählt, davon wie Ina und Jörg in der ehemaligen DDR eine Reisegenehmigung zum Internationalen Chorfestival in Schweden bekommen haben und dann durch einen Unfall zu Republikflüchtigen wurden.


Sehr gut hat mir gefallen, dass man einen tollen Einblick in das Leben unter der Willkür der Stasi erhält. Eine bewegende Familiengeschichte ist hier entstanden, die die Schrecken des DDR-Systems aufzeigt, bei so kleinen Details angefangen, wie dass man froh sein musste, wenn man überhaupt Schuhe bekam, Größe 37-40 so flexibel musste man schon sein, über Bestimmungen und Befragungen, die vor einer Reise, bei der man das Land repräsentieren soll, durchlaufen werden mussten, bis hin zu Müller und Schulz von der Stasi, und ihren Schikanen. Die Ohnmacht, das geplante Entfremden, die unterdrückten Wünsche, all die unbeantworteten Fragen aufgrund der Kontaktsperre, werden hier eindrücklich beschrieben. Da ich im Westen aufgewachsen und beim Mauerfall noch Kind war, war dies für mich wirklich sehr interessant.


Ariane war mir von Anfang an sympathisch und ich konnte nur zu gut verstehen, dass sie nicht locker lässt, bevor sie die Wahrheit kennt. Ich habe richtig mit ihr gefühlt, denn es gilt für sie so einige Schicksalsschläge zu verkraften. Aber auch Ina und ihr Verhalten, die anfangs ja eher als Buhmann dasteht, so kalt wie sie alles abstreitet, konnte ich mehr als gut nachvollziehen, noch besser als ich die ganze Wahrheit am Ende kannte. Gut dargestellt sind auch alle anderen, authentisch geschildert, Menschen mit Fehlern und enttäuschten Gefühlen.


War ich die ersten paar Minuten noch skeptisch, ob mir die Stimme von Katharina Schwarzmaier angenehm im Ohr ist, für mich extrem wichtig für den Hörgenuss, stand nach einigen Tracks fest, dass man ihr durchaus gut zuhören kann. Sie kann Emotionen gut transportieren und hat auch für den unterschiedlichen Mitspieler einen eigenen Tonfall parat.


Alles in allem eine bewegende Familiengeschichte, die tolle Einblicke in die DDR-Vergangenheit gibt, damit auch noch nachklingt und auch ein wenig nach Schweden entführt. Noch fünf Sterne gibt es da von mir gerne.


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Mag’s im Himmel sein, mag’s beim Teufel sein

Evelyn Steinthaler
Fester Einband: 192 Seiten
Erschienen bei Kremayr & Scheriau, 01.09.2018
ISBN 9783218011303
Genre: Sachbücher

Rezension:

Filme wie Die Große Freiheit Nr. 7, die Feuerzangenbowle oder Auf der Reeperbahn nachts um halb eins, Lieder wie Flieger grüß mir die Sonne und Schauspieler und Stars wie Heinz Rühmann, Hans Albers, Hans Moser, Zarah Leander, oder auch Marika Rökk sind mir aus meiner Kindheit durchaus noch ein Begriff gewesen, allerdings habe ich mich bisher noch nie mit deren Leben an sich beschäftigt und noch weniger mit ihrer Rolle und ihrer Liebe unter dem Hakenkreuz. Ich war deshalb sehr neugierig auf dieses Buch und habe stellvertretend an einigen Beispiele tolle Einblicke erhalten.



Mitläufer, Anpasser, Unterstützer, solche die ins Exil flüchten, solche, die die Bedrohung nicht ernst nahmen, solche die dem Druck nicht mehr standhalten konnten und den Freitod wählten oder solche, die versuchtem dem Regime etwas entgegenzusetzen. Wie in allen Schichten finden sich auch in der Welt der Stars und Sternchen solche Vertreter, die man hier an vier Beispielen vorgestellt bekommt.



Nach zwei einleitenden Kapiteln, das ausgehend von den Nürnberger Rassengesetzen, die seit 1935 in Kraft getreten sind, die Bestimmungen für „gemischtrassige“ Beziehungen und Ehen erklären und die Kulturpolitik der NS Zeit betrachten, bekommt man in in vier kurzen Kapiteln berühmte Paare vorgestellt, deren Frauen jüdische Vorfahren haben. Es wird jeweils der Lebenslauf kurz angerissen, man lernt Wegbegleiter kennen und erfährt wie sie sich durch die Zeit gebracht haben.


Es geht los mit dem Ehepaar Kurt Weil und Lotte Lenya, die schon bei der Machtergreifung an eine Emigration dachten und für die es auch keine Alternative gegeben hat, als 1935 dann auch zu flüchten. Diese beiden Stars waren mir bisher völlig unbekannt. Besonders perfide fand ich, dass Weils Schaffen als „entartete Musik“ verbrannt und dann später in einer Ausstellung zur Abschreckung in Hörboxen vorgespielt wurde. Zuvor noch nie gehört hatte ich auch von dem folgenden Ehepaar Joachim Gottschalk und Meta Wolff. Die beiden hielten dem öffentlichen Druck und den Repressalien des totalitären Staates nicht mehr stand, eine Flucht kam scheinbar auch nicht in Frage und deren gemeinsamer Selbstmord, das Söhnchen Michael ging mit ihnen, hat mich schwer bewegt. Vom Staat natürlich gekonnt still geschwiegen, dank Zensur. Hans Albers, war mir hingegen ein Begriff. „Er war ein Star und Deutschland lag ihm zu Füßen.“ Dieser hat, nicht zuletzt aufgrund seines großen Erfolgs, selbstverliebt und selbstbewusst, zwar stets alles seiner Karriere untergeordnet, aber auch nicht gescheut Goebbels immer wieder zu brüskieren, indem er Einladungen und Ehrungen verwehrte. Seine große Beliebtheit hat ihn und auch seine Lebenspartnerin Hansi Burg, mit der er in wilder Ehe zusammenlebte, lange Zeit vor ernstzunehmenden Konsequenzen bewahrt. Am besten angepasst und unter dem Deckmantel völlig unpolitisch zu sein, hat sich sicher Heinz Rühmann durch die Zeit gebracht und dadurch seiner Karriere stets Aufwind beschert. Während er eine erste Ehefrau Maria Bernheim, nachdem sich die beiden auseinandergelebt haben, auf Empfehlung Goebbels durch Scheidung einfach losgeworden ist, musste sich auch seine zweite Ehefrau Herta Feiler, hinter seiner Karriere anstellen. In den letzten beiden Kapiteln erfährt man auch nebenbei von Hans Moser, der als Lieblingsschauspieler Hitlers für seine jüdische Ehefrau Blanca vom Führer persönlich Sonderrechte gewährt bekommen hat, die sie zwar nicht vor der Flucht, aber doch wenigstens vor dem Tod im KZ bewahren konnten.



Der Sprachstil der Autorin liest sich locker, flüssig und sie macht das Sachbuch auch für den Laien zur wirklich gelungene Unterhaltung, auch wenn hier sicher der Informationsgehalt im Vordergrund steht. So hat mich die Autorin z.B. stellenweise wirklich tief betroffen gemacht, z.B. mit dem Zitat aus Gottschalks Abschiedsbrief, „Meta und Michael schlafen schon“ oder ich hatte einen Film im Kopf laufen, als sie beschreibt, dass Goering unwissend und unter den Augen anderer Meta Wolff auf einer Feier eines Berliner Künstlerclubs die Hand küsst und damit ihr Schicksal besiegelt.



Die Filmwelt und Musik in schnellen Schritten „von jeglicher Entartung und Verjüdung befreit“, war die Zeit der arischen Kultur angesagt. Ohne Goebbels konnte kein Film gedreht werden, wurde kein Engagement vergeben und auch die Inhalte der Filme wurden vorgegeben. Gefiel man ihm, war man ihm gefällig, war man Star, sonst schnell auf der Abschussrampe, außer man konnte eventuell noch auf das Wohlwollen des Führers bzw. Goerings bauen. Heute noch gefeiert, morgen schon ausgebuht und jeglicher Karrieremöglichkeiten beraubt aufgrund des Glaubens, der sexuellen Orientierung, der Herkunft oder der Ansichten. Ganz schnell ging es mit dem herabwürdigen Blick durch die Massen und dieser



„herabwürdigende Blick auf die Andren hat scheinbar nicht an Reiz verloren.“,

was die Autorin, sonst sachlich distanziert und ohne jeglichen erhobenen Zeigefinger, in einem letzten Kapitel anmahnt und was mir sehr gut gefallen hat. Denn „Dass solidarisches Eingreifen statt gleichgültigen Wegschauens heute notwendig ist, steht außer Frage Die Illusion unpolitisch sein zu können, kann man sich heute nicht mehr leisten, will man nicht der rechten Willkür Tür und Tor öffnen.“


Lobend erwähnen möchte ich auch noch die vielen Abbildungen von Fotografien, die Stars zeigen. Sagt doch oft ein Bild mehr als tausend Worte, wie hier z.B. bei Heinz Rühmanns zweiter Heirat, die seine erste Ehefrau ausgelassen mitfeiert. 


Alles in allem habe ich wirklich tolle Einblicke in die Welt der Stars und Sternchen unter dem Hakenkreuz erhalten, habe viele interessante Details erfahren, die ich bisher nicht wusste, und jedes bewegende Erinnern an die Willkür, die sich nie mehr wiederholen darf, ist es sowieso wert gelesen zu werden. Fünf Sterne vergebe ich hier gerne.


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Die Sprache der Tiere

Karsten Brensing
Fester Einband: 267 Seiten
Erschienen bei Aufbau Verlag, 05.10.2018
ISBN 9783351037291
Genre: Sachbücher

Rezension:

Ich liebe meinen Hund und meine Piepmätze über alles und interessiere mich immer für die Tierwelt. Da mir Karsten Brensing bereits mit seinem „Mysterium der Tiere“ spannende, witzige, überraschende und vor allem immer fachlich überzeugende Informationen geboten hat, war ich sehr gespannt auf sein neues Werk und wurde nicht enttäuscht.


„Wir dürfen nicht vermenschlichen, indem wir unsere moralischen Maßstäbe auf Tiere übertragen oder etwas in sie hineininterpretieren, das uns gerade in den Kram passt.“ aber „je eher einem Tier oder einem Etwas ein Mind (Verstand, Geist, Seele usw. zugestanden wurde, desto eher wurde das eigenen Handeln moralisch hinterfragt.“


Anhand unzähliger Beispiele lässt der Autor hier sowohl tierisches als auch menschliches Verhalten und Kommunizieren erleben und interpretiert dies aus dem Blickwinkel aktueller wissenschaftlicher Erkenntnis dabei neu. Zudem erfährt der Leser, wann und wie er seine tierischen Freunde vermenschlichen darf und wo die Grenzen liegen.


Das Buch ist in fünf Abschnitte unterteilt. Nach einleitenden Worten im kurzen Abschnitt „Können wir Tiere verstehen?“ widmet sich der zweite Abschnitt der „Suche nach dem universellen Übersetzungsprogramm“. Hier geht der Autor grundlegenden Fragen nach, wie z.B., was ist Kommunikation, was sind die Unterschiede zwischen verbaler und nonverbaler Kommunikation, was gibt es zur Evolution der Sprache zu sagen oder auch welche Tiere haben überhaupt ein Sprachgen, können vokales Lernen leisten bzw. welche können sich über Laute verständigen. Auch eine Auswahl an bekannten und bedeutenden bisherigen Versuchen Tieren sprechen beizubringen, erhält man als Leser hier u.a.

In dem sich anschließenden dritten Abschnitt, der mit der mit der Forderung, „Wir müssen Tiere vermenschlichen!“ überschrieben ist, erklärt der Autor, wie wir denken, wie wir fühlen und in wie weit Tiere diese Leistungen auch erbringen können. Logisches, abstraktes oder selbstreflektiertes Denken ist im Tierreich keine Seltenheit und auch für Freundschaft, Fairness, Moral und Kultur liefert er zahlreiche Beispiele. Man kann daher gar nicht umhin Tieren menschliche Kompetenzen zuzuschreiben, will man ihnen gerecht werden, auch wenn natürlich nicht alle Tiere auch über alle Fähigkeiten verfügen. In manchen Fähigkeiten mögen Tiere uns Menschen unterlegen, in anderen überlegen sein.Weshalb auch besonders wichtig ist, möglichst viel über die Tierart zu wissen um keine Fehlinterpretationen zu riskieren.


Ich habe alles interessiert und gefesselt gelesen, aber am besten hat mir der vierte Abschnitt „Das Mensch-Tier - Verhältnis: Ein Missverständnis?!“ gefallen. Die Forderung des Autors, dass wir „Tieren auf Augenhöhe begegnen“ müssen, spricht mir aus der Seele und hier begründet er dies ausführlich. Wie kann es sein dass Brehm in seiner Tierwelt vor mehr als hundert Jahren Tieren bereits Gefühle zugesprochen hat, warum sollten die wieder verschwunden sein, welche Entwicklung ist hier schief gelaufen? Was hat es mit Schwimmen mit Delfinen auf sich, wie ist unser Verhältnis zu Haustieren oder wie sieht es mit den wilden Tieren in Menschenhand aus. Auch ein kritischer Blick auf Tiere in der Forschung und im Labor fehlt hier nicht.


Den Abschluss bildet der kurze fünfte Abschnitt „Die Universelle Verständigungsformel“, in dem der Autor noch einmal konkret kurz und knapp auf den Punkt bringt, wann wir wo und wie weit Tiere vermenschlichen dürfen und was uns dabei hilft, deren Verhalten auch richtig zu deuten.


Sind sie nicht süß, die Erdmännchen auf dem Cover? Nach dem Lesen aber weiß man, dass deren Sozialleben alles andere als gemütlich ist, dass Tauben Frauen von Männern unterscheiden können, Ameisen sich im Spiegel erkennen, Tiere Grammatikregeln und Redewendungen benutzen, lügen können, aber auch wissen, dass sich Höflichkeit auszahlt. Einige wechseln ihre Partner wie wir die Unterhosen, aber natürlich können sie auch treu sein und Freunde haben. So gibt es z.B. beim gemeinen Vampir nur innerhalb des Freundeskreises Blutspenden. Das sind nur wenige Beispiele für die grandiosen Leistungen, zu denen Tiere fähig sind und von denen man hier erfährt. Auch mit einigen Mythen räumt der Autor wieder einmal auf. So ist mir jetzt z.B. klar, dass Schlangen nicht zur Musik ihres Beschwörers tanzen, da sie überhaupt keinen Schall, der über die Luft übertragen wird, verarbeiten können. Ich habe von so obskuren Versuchen erfahren, wie den von Delfinforscher John Lilly in den 70er Jahren, der herausfinden wollte, ob man einen Delfin als Haustier halten kann, und der dazu seine Wohnung mit knietiefem Wasser geflutet hat. Dass Brehm in seiner Tierwelt vor 150 Jahre Tieren bereits u.a. Emotionen zugestanden hat und er u.a. die Meinung war. dass„ es innerhalb der ersten Classe des Thierreichs Wesen gibt (er meint hier die Schimpansen), die sich wenig mehr von den tieferstehenden Nege.. unterschieden…“, kundgetan hat, hat mich baff erstaunt. Richtig gefreut habe ich mich hingegen, dass mir der Autor bestätigt hat, was ich eigentlich schon längst wusste. Mein Hund versteht mich, kann meine Mimik lesen, er weiß, wann es mir gut und wann es mir schlecht geht und auch, dass ich mit ihm bei unseren täglichen Gassirunden rede, ist genau das was unsere Beziehung so festigt. Berührt, geschockt musste ich mir Fragen stellen, wie Schweine können Mitleid und Angst empfinden, von Schmerzen einmal ganz abgesehen, wie kann es sein dass ein Kuhtrainer, der mit Elektroschlägen reguliert, wohin die Sau ihr Häufchen setzt, nicht verboten sind, oder warum wird den Milchkühen ihr Kälbchen nach der Geburt weggenommen, und im Notfall lieber eine Überproduktion an Milch in den Gulli gekippt, obwohl man weiß, dass die Mutterkühe nachweislich unter dem Trennungsschmerz ganz furchtbar leiden. Ja auch sie bilden wie wir Oxytocin, das Bindunghormon, das über unsere Emotionen entscheidet.


Der lockere Sprachstil des Autors, der einem durchaus auch immer wieder einmal zum Schmunzeln bringt, macht das Lesen dieses Sachbuchs wirklich zum Lesevergnügen. Mithilfe von zahlreichen Versuchsbeschreibungen und Beispielen zudem in einer leicht verständlichen Sprache transportiert Andreas Brensing auch komplizierte Sachverhalte für den Laien verständlich und einfach nachvollziehbar. Er arbeitet dabei aber ganz wissenschaftlich, denn alles ist gründlich belegt, wenn nicht, dann wird dies auch explizit erwähnt, was mir gut gefällt. Ganz klar ist zwischen den Zeilen stets zu lesen, dass er, auch wenn er selbst in seiner Vergangenheit durch Tierexperimente, nicht alles richtig gemacht hat, rigoros ein Umdenken einfordert. Ein Weg mit der Massentierhaltung und mehr und vor allem stets Achtung und Respekt vor unseren tierischen Mitbewohnern, mit denen wir uns die Erde teilen.


Ich bevorzuge eigentlich stets das gedruckte Buch, hier spart man sich mit dem ebook einige Euro und ich habe eindeutig eine gute Wahl getroffen. Muss man bei Sachbüchern, will man auch die Fußnoten mit im Blick haben, ständig ans Buchende blättern, kann man hier direkt mit einem Klick darauf zugreifen und wieder zurück in den Text wechseln. Ganz besonders geschätzt habe ich beim Lesen auf dem Tablet auch, dass man mittels Hyperlinks sofort zu den weiterführenden Videos, bzw. Artikeln, die das eben Dargelegte vertiefen, gelangt. Mache ich mir beim gedruckten Buch doch eher nur dann, wenn mich wirklich etwas ganz brennend interessiert, die Arbeit den Rechner anzuwerfen und die Internetadresse in den Browser per Hand einzutippen, um einen Blick darauf werfen zu können.


Alles in allem hat mir der Autor mit seinem neuen Werk wieder einmal zahlreiche interessante, aufschlussreiche Stunden voller guter Unterhaltung geboten, die mich ganz oft darüber staunen haben lassen, zu welchen Wundern unsere Natur und Tierwelt fähig ist. Diese zu schützen sollte daher stets unsere oberste Maxime sein. Völlig begeisterte fünf Sterne.


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Die Schwestern vom Ku'damm

Brigitte Riebe
Fester Einband: 432 Seiten
Erschienen bei ROWOHLT Wunderlich, 23.10.2018
ISBN 9783805203371
Genre: Historische Romane

Rezension:

Wird im Prolog 1932 noch die Eröffnung des luxuriösen Kaufhauses, für das Friedrich Thalheim mit seinem jüdischen Partner Martin Weisgerber kein Extra zu teuer war, gefeiert, liegt im ersten Kapitel im Jahr 1945 alles in Trümmern. Nicht nur das Kaufhaus wurde bei einem Bombenangriff, wie weite Teile Berlins, dem Erdboden gleichgemacht, sondern auch Rikes Mutter kam ums Leben, Bruder Oskar gilt als vermisst und Vater Friedrich befindet sich in russischer Gefangenschaft. So muss sie als älteste Tochter, die schon immer davon geträumt hat, das Modegeschäft einmal weiterführen zu können, gemeinsam mit ihrer Schwester Silvie, Stiefmutter Claire und dem Nesthäkchen Flori ihren Mann stehen. Die Villa beschlagnahmt, in der heruntergekommenen beengten Wohnung der Oma untergekommen, gilt es erst einmal als Trümmerfrauen dem Hunger und der Kälte ein Schnippchen zu schlagen, bevor es heißen kann. „Meine sehr verehrten Damen und Herren, ich begrüße Sie sehr herzlich zur ersten Berliner Trümmermodenschau. … Doch wie einst Phönix aus der Asche entsteht nun im Frieden unsere neue Mode.“


„Wir sollen sie – vergessen?, fragte sie ungläubig. Unsere Mütter? Natürlich nicht! Sie werden immer bei uns sein. Und trotzdem dürfen wir uns nicht krampfhaft an das Gestern klammern. Sie sind tot, aber wir leben und dazu brauchen wir beide Hände ohne dass eine sich immer hinten festhält. Wenn wir nicht an die Zukunft glauben, werden wir auch keine haben.“ Als Leser darf man in diesem ersten Teil der Trilogie Rike und ihre Familie von 1945 an bis hin zum Jahr 51 begleiten, durch Rückblicke und Erinnerungen erfährt man auch von der Vergangenheit. Alles liegt am Boden, Schicksalsschläge, die härter sind, als man glaubt aushalten zu können, und zudem noch der ständige Kampf ums Überleben prägen die unmittelbaren Nachkriegsjahre, aber stets gibt es auch den Blick nach vorn, das Beste aus dem Machen, was einem noch bleibt.


Trümmerfrauen, Lebensmittelmarken, Hungern, Erfrieren, Wiederaufbau, Schwarzmarkt, Währungsreform, Berlinblockade, Entwicklung der Zonen, geschichtlich bekommt man hier ein wirklich authentisch gezeichnetes Bild der Zeit geboten, ganz wie es sein soll. Aber das Besondere an Brigitte Riebes historischen Romanen sind die unzähligen kleinen Details, die Geschichte so interessant und spannend machen. Wie hat eine Brennhexe funktioniert, das Essen wurde unter dem Federbett warm gehalten oder im Mailänder Dom wurden die Fenster vorsorglich über die Kriegsjahre ausgebaut. Sie recherchiert unheimlich gut und ich kann stets einen Wissenszuwachs verzeichnen, weil es eben nicht nur einen groben Abriss gibt, der mir sowieso schon bekannt ist, was mir sehr gut gefällt. „Dann also lieber den Mund halten und tatenlos zusehen erwiderte Flori wütend. So wie ihr es schon einmal getan habt? Ich denke nicht daran! Die Jugend von heute muss es besser machen. Diese neue Jugend steht auf gegen Ungerechtigkeit, wo immer sie auch geschieht.“ Grandios zeigt die Autorin auch die Stimmungen was die politische Entwicklung betrifft auf. „lieber Waise als einen Vater, der Nazi war“, während Flori zunehmend Gerechtigkeit, Bestrafung der Kriegsverbrechen einfordert und sich sofort lauthals meldet, wenn etwas nicht in den richtigen Bahnen verläuft, ist es bei Silvie zeitweise mit der „sozialistischen Infiltrierung schon ziemlich weit gekommen“ und Papa Friedrich, als Unternehmer ist natürlich überzeugter CDU Angehöriger.



Der fesselnde Schreibstil der Autorin hat mich von Anfang an gefangen genommen. Locker, leicht, trotz der harten Schicksalsschläge, fliegt man flüssig durch die Seiten und ich konnte das Buch nicht mehr aus der Hand legen. Es gelingt ihr unheimlich gut Atmosphäre zu erzeugen. So hatte ich z.B. das Gefühl gemeinsam mit den Protagonisten inmitten der Trümmer zu stehen, konnte die kratzige Kleidung aus Lumpen regelrecht auf meiner Haut spüren oder sah die bis aufs Skelett abgehungerten letzten Kriegsheimkehrer heimatlos vor mir herumirren. Als Leser wird man hier wirklich direkt in Zeit und Raum versetzt und darf die Nachkriegsjahre im Berlin fast selbst miterleben. Zahlreiche wörtliche Reden lassen hier ein enorm authentisch, lebendiges Bild im Kopf entstehen. Zudem holt einen Brigitte Riebe emotional richtig ins Boot, Ängste, Enttäuschungen, Hoffnung, Liebe aber auch Entsetzen hier ist alles an Gefühlen vertreten. Immer wieder sorgt die Autorin auch für ein Schmunzeln beim Lesen, da kann es schon mal sein, dass Claire, bevor sie über den Laufsteg soll „Ich sehe schrecklich aus. Wie ein bemaltes Zirkushuhn mit Tolle.“ schluchzt, oder von einer Silvie ein „Jede Kirchenmaus wäre im Vergleich zu mir glamourös.“, auch wenn diese nur wir üblich koketiert, denn „mit der blonden Wasserwelle, die zwei ganze Briketts beim Friseur gekostet hatte, sah sie aus wie Aphrodite höchstpersönlich.“, kommt oder sie ein „Weil sie ihn doch nicht lassen, du Mondschaf!“ prustet.


Die älteste Tochter Rike, stets überlegt und pflichtbewusst um das Wohlergehen der Familie besorgt, habe ich sofort in mein Herz geschlossen. Ich habe die Geschichte mit ihr durchlebt, habe mit ihr gelitten, gehofft, gefühlt und gelebt. Aber auch Miri, die den Zweiten Weltkrieg als UBoot überstanden hat und eine Meisterin an der Schneiderschere ist, hat sich ganz schnell zu einer meiner Lieblingsfiguren entwickelt. Silvie, Rikes jüngere Schwester hat für viel frischen Wind in der Geschichte gesorgt. Anfangs ein wenig viel „flatterhaftes Fräulein Lustig, Lustig“, lohnt sich bei ihr ein Blick hinter die Fassade und sie entwickelt sich wirklich toll. Florentine, das Nesthäkchen der Familie lässt regelrecht erfahrbar machen, wie Kinder die Beteiligung ihrer Eltern am Krieg verarbeiten und Hut ab, was sie daraus macht. Aber auch alle anderen sind in ihrer Rolle, in der sie mehr als gekonnt einen authentischen Querschnitt der Bevölkerung abbilden, einfach grandios gezeichnet, bei Claire angefangen, die als Trümmerfrau ihren Mann stehen muss und dies auch trotz all dem Kummer und der Sorgen prima schafft, über Rikes Vater, der konservativ gefangen seine ganz eigenen Ansichten hat, bis hin zu zur kleinen Nebenrolle des britischen Kriegsfotografen Ben, der nicht nur mit Berliner Schnauze überraschen und punkten kann.


Alles in allem wieder einmal ein grandioser historischer Roman aus der Feder der Autorin. Authentisch, gefühlvoll, mitreißend und voller kleiner wissenswerter Details, die Geschichte so spannend und interessant machen, haben mich die Schwestern vom Ku´damm von der ersten Seite an gefangen genommen und erst am Ende wieder aus ihren Fänge gelassen. Begeisterte fünf Sterne und ich fiebere jetzt schon dem zweiten Teil entgegen.


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Tödliches Sushi

Christof A. Niedermeier
Flexibler Einband: 408 Seiten
Erschienen bei Gmeiner-Verlag, 08.08.2018
ISBN 9783839223475
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Mit einem Schwert aufgespießt, die Klinge im Leib gedreht, dann enthauptet und den Kopf als Trophäe mitgenommen. Welch ein Irrer mordet ausgerechnet auf der Loreley, die Jo bei seinem Blick aus dem Fenster im Auge hat? Bei einer sofortigen Radelrunde kann er von den Ermittlern vor Ort nichts erfahren. Doch schon wenig später stehen sie bei ihm im Lokal, da der Tote kurz vor dem Mord zu Gast bei ihm war. Auch wenn der Japaner stets ein zurückhaltender Restaurantbesucher war, ist Jo erschüttert und als sich ein zweiter Toter dazugesellt, kann er seine Neugier nicht mehr bremsen. Warum also nicht den Betriebsurlaub dazu nutzen und einen Bekannten in Japan besuchen, vielleicht kann er dort ja mehr in Erfahrung bringen?


Als Leser darf man mit Jo die Ermittlungen aufnehmen und dabei mit ihm nach Japan reisen um den Fall aufzuklären. Alleine ohne Sprachkenntnisse wäre er wohl dort aufgeschmissen, aber er bekommt Hilfe durch eine junge Geschichtsprofessorin, die zum Glück über Fachwissen und auch die nötigen Kontakte verfügt. Nicht nur beim Schnüffeln, sondern auch sonst verstehen sich die beiden immer besser. Klar, dass es deshalb auch ein wenig Privates gibt. Zudem bekommt man in kursiven Abschnitten immer wieder die Täterperspektive geboten, was die Spannung enorm ankurbelt und auch was von offizieller Seite unternommen wird, fließt ein wenig mit ein.


Für Jo ist es bereits der zweite Fall, der den Koch in Atem hält. Für mich war es der erste, aber ich hatte keinerlei Probleme wegen fehlender Vorkenntnisse. Ich war, nicht zuletzt dank eines grausamen Mordes auf den ersten Seiten von Beginn an sofort inmitten des Geschehens und mittels kleiner Hinweise waren auch die Beziehungen des Stammpersonals schnell klar für mich. Der lockere Sprachstil des Autors liest sich angenehm flüssig und so fliegen die Seiten nur so dahin. Man darf ab und an schmunzeln, was mir gut gefallen hat. Da kann Jo, der außer ungeduldig Warten nichts tun kann, auf Mikis Frage „Langweilst du dich?“ schon mal ein „Nein, ich finde die kleinen Unebenheiten an der Decke deines Büros sehr interessant. Wenn man sie sich länger anschaut, hat man das Gefühl sie würden anfangen sich zu bewegen.“, kommen. Man kann knobeln und kombinieren, Spannung ist durchaus vorhanden, lediglich ein wenig viel Zufall spielt Jo stellenweise in die Hände. Christof A. Niedermayer beschreibt sehr anschaulich, es gelingt ihm Atmosphäre einzufangen, allzu zart besaitet darf man bei manchen Szenen daher nicht sein, denn der Täter schlägt brutal zu, jedoch alles noch im Rahmen des Erträglichen. Hungrig lesen sollte man besser auch nicht, denn der leidenschaftliche Koch Jo speist natürlich nur die besten Dinge und legt auch gerne selbst Hand an den Kochlöffel an. Da ist mir nicht nur einmal der Mund wässrig geworden. Gut gefallen haben mir auch so ausgefallene Wortschöpfungen wie z.B: „Geschichtsbuchautismus“, der Miki befällt, sobald sie ihre Nase in ein Buch steckt und dann die ganze Welt um sich für Stunden vergessen kann.


Jo ist ein sympathischer Typ, auch wenn er sicher eigen sein kann, was seine Truppe in seinem Restaurant auch zu spüren bekommt. Aber kaum in Japan ist er sowieso wie ausgewechselt und für Miki kehrt er all seine gute Seiten nach außen. Die selbstbewusste junge Dame hat sich aber auch bei mir mit ihrem Ehrgeiz und ihrer natürlichen Art schnell ins Herz geschlichen. Wie die beiden sind auch alle anderen Darsteller gelungen gezeichnet, beim ungeduldig, nörgelnden Leiter der Moko Koblenz Wenger angefangen, bis hin zur Bibliotheksangestellten Mitsuho, die mir mehr als leid getan hat.


Der Autor nimmt einen gelungen mit auf eine Reise nach Japan. Es gelingt ihm hervorragend die Atmosphäre der Millionenstadt einzufangen. Man darf mit Jo abseits der abgetretenen Touristenpfade z.B. die Luft am größten Fischmarkt der Welt schnuppern, bekommt erklärt, warum Anzugherren in der U-Bahn ihre Aktentaschen mit beiden Händen nach oben halten, erfährt, wie dass es pro Kopf etwa 20 Lebensmittelautomaten gibt, oder darf einen Blick auf anrüchige Mangas werfen, während man mit ihm sonst allerorten Zurückhaltung erfährt. Das hat mir wirklich sehr gut gefallen.


„Der Sieger schlug dem Verlierer den Kopf ab und stellte ihn anschließend als Zeichen seines Triumphes aus. Dabei wurde der Kopf sorgfältig gereinigt und gepflegt. Das war Teil des Respekts vor dem unterlegenen Gegner.“, „Insoweit entsprechen die Samurai mehr den Vasallen der einzelnen Lehensherren als den Rittern. Für die Kriegerkaste verwenden wir in Japan lieber den Begriff Bushido.“ Einblick erhält man auch in die jahrhundertelange Tradition der Samurai, was ich interessiert gelesen habe.



Alles in allem ein runder, unterhaltsamer Genusskrimi, der gekonnt nach Tokio entführt, der bei mir aber ganz knapp die fünf Sterne nicht erreicht. Ab und an ein bisschen weniger Zufall, was aber sicher auch etwas weniger Dramatik bedeutet hätte, wäre mir ganz persönlich einfach lieber gewesen.


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