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25 Bibliotheken, 2 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

finnland, familie, schöne sprache, volksglaube, pfarrei

Eis

Ulla-Lena Lundberg , Karl-Ludwig Wetzig
Flexibler Einband: 530 Seiten
Erschienen bei Goldmann, 15.02.2016
ISBN 9783442483174
Genre: Romane

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936 Bibliotheken, 11 Leser, 3 Gruppen, 96 Rezensionen

paris, liebe, restaurant, autor, frankreich

Das Lächeln der Frauen

Nicolas Barreau , Sophie Scherrer
Flexibler Einband: 336 Seiten
Erschienen bei Piper, 01.04.2012
ISBN 9783492272858
Genre: Romane

Rezension:

Die Restaurantbesitzerin Aurélie Bredin ist gerade von ihrem extrovertierten Lover verlassen worden und irrt nun traurig und ziellos durch Paris, als sie in einer kleinen Buchhandlung auf ein Buch stößt, das sie magisch in den Bann zieht, und in dem sie nicht nur großen Trost findet, sondern in dem sie erstaunlicherweise auch selber vorkommt. Kurzentschlossen schreibt sie dem Autor einen Brief und lädt ihn zu einem Essen in ihr Restaurant ein. Sie ahnt nicht, welch dramatische Verwicklungen sie damit auslöst, denn den Autor - gibt es gar nicht ...

Nicolas Barreau ist mit diesem Roman ein wunderbarer Wurf gelungen, spannend, poetisch, geistreich, witzig. Ausgesprochen gut gefallen mir die Perspektivwechsel in der Ich-Erzählung. Hier schreibt einer, der weiß, wie's geht und dazu noch das größte Vergnügen daran zu haben scheint. Und das überträgt sich mühelos auf den Leser.

Dieser Autor macht Lust auf mehr. Ein Lesegenuss!

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Tags: autor, bücher, liebe, paris, restaurant, schriftsteller   (6)
 

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216 Bibliotheken, 3 Leser, 3 Gruppen, 11 Rezensionen

fantasy, elfen, artemis fowl, zwerge, jugendbuch

Artemis Fowl

Eoin Colfer ,
Flexibler Einband: 272 Seiten
Erschienen bei Carlsen, 23.09.2008
ISBN 9783551357793
Genre: Jugendbuch

Rezension:

Artemis Fowl ist gerissen, gewissenlos, und hochbegabt - und außerdem ist er erst zwölf Jahre alt. Gemeinsam mit seinem hünenhaften Diener namens Butler, der ihm treu ergeben ist, will er würdig in die familiären Gangsterfußtapfen treten und möglichst viel Geld und Macht anhäufen. Als Objekt seiner Begierde hat er sich das Gold des Erdvolkes, also der Elfen, Zwerge und so weiter ausersehen. Aber die Elfen, allen voran die ambitionierte Holly Short, sind ebenfalls ziemliche Technik-Nerds und nicht auf den Kopf gefallen. Dumm nur, dass Holly schon so lange nicht mehr ihr magisches Ritual vollzogen hat, gerade als es brenzlig wird, denn ein regelrechter Krieg zwischen Menschen und Elfen bahnt sich an, in dem der geniale Zwölfjährige dem Volk aus der Tiefe immer einen Schachzug voraus zu sein scheint...

Der Autor mischt Magisch-Märchenhaftes mit einer ordentlichen Prise nerdigen High-Tech-Inventars zu einer flotten und actionreichen Story voller ungewöhnlicher Einfälle. Ehrlichgesagt riss mich das Buch nicht durchgehend vom Hocker, aber vielleicht bin ich da einfach zu erwachsen und entspreche nicht der Zielgruppe. Zu makellos ist mir oft der geniale bösartige Junge in seinen präzise geplanten Schritten; er scheint niemals Fehler zu machen. Und nicht alles, was witzig sein soll, ist meine Schiene Humor. Aber insgesamt hat das Buch dann schon Spaß gemacht. Wenn auch - für ein Kinderbuch, hm, relativ brutal. Und, tja, die Skrupellosigkeit, mit der auf Seiten beider Kriegsparteien über Menschen- oder Elfenleben entschieden wird, weist auch eher auf eine ältere Zielgruppe (will ich hoffen).

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1 Bibliothek, 0 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

Der spanische Gärtner / Das Licht / Das Haus der Schwäne

A. J. Cronin
Sonstige Formate
Erschienen bei ZSOLNAY- VERLAG, 01.06.1991
ISBN 9783552037359
Genre: Sonstiges

Rezension:

Meine Rezension bezieht sich auf den deutschen Titel "Das Haus der Schwäne", Stuttgarter Hausbücherei. Eine Jahreszahl ist leider nicht angegeben.

Wie ich auf dieses Buch gekommen bin? Nachdem ich zwei Tage in der mazedonischen Wildnis überlebt hatte, beschloss ich, dass ich dringend etwas zu lesen brauchte. Aber wo sollte ich mitten in Ohrid deutsche Literatur finden? Auf dem Bücherflohmarkt im Herzen der Altstadt. Dort, inmitten abgegriffener Exemplare von Simmel, Konsalik und von Däniken (Hubbels grässliche Dianetik stand auch irgendwo herum) fand ich dieses buchrückenlose Exemplar aus den Fünfzigern, das mir beim Durchblättern verlockender erschien als der billige moderne Historienschinken daneben. Es war genau die Sorte leichter Urlaubslektüre, die ich brauchte.

Das Haus der Schwäne ist ein mysteriöser Sehnsuchtsort, mit einem verwunschenen Garten und Fräsienblüten, einem Brunnen und schlafenden Eidechsen. Die junge Adlige Mary Fielding träumt oft von diesem Haus. Auf einer Schiffsreise nach Gran Canaria begegnet sie dem zynischen und menschenfeindlichen Harvey Leith, dem das Leben übel mitgespielt hat und dem sein Freund diese Reise verordnet hat, um durchzuatmen und einen Neuanfang wagen zu können. Harvey glaubt nicht an diesen Neuanfang. Doch dann begegnet er der verträumten Mary, und obwohl er es nicht wahrhaben will, passiert etwas zwischen den beiden, das alles verändert ...

Sicherlich mag nicht jeder mit diesem typischen Fünfziger-Jahre-Stil etwas anfangen. Mir aber gefiel von Anfang an die bildhafte, lichtdurchwobene Schreibart. Die Charaktere sind liebevoll ausgeformt, nur hin und wieder ein wenig überzeichnet, was leider gegen Ende zunimmt. Die ausladende Melodramatik, in der die Story kulminiert, ist letztlich zuviel des Guten. Und was ich von der eingewobenen abergläubischen Frömmigkeit halten soll, weiß ich auch nicht so recht. Auf jeden Fall gibt es mir zu viele Visionen, Erleuchtungen und Winke des ach so unerbittlichen Schicksals mit dem Zaunpfahl. Manches ist schlicht unerträglich, zum Beispiel, wenn der tumbe und sich konsequent selbst betrügende Missionar Tranter sich mit hehren Bibelsprüchen an die gelangweilte männerfressende Elissa heranmacht, so dass er völlig zur Karrikatur verkommt. Dabei hätte man aus dem Charakter echt noch was machen können. Und die unglückliche Liebesgeschichte zwischen der frommen Susan und dem bereits unsterblich in Mary verliebten Harvey ist auch zu rührselig. Dabei ist die Schreibweise, wo sie nicht gerade schwülstig wird, wendig, intelligent und charmant.

Das Ende ist merkwürdig, unerwartet, macht es einem nicht so leicht wie erwartet und ist dabei durchaus schlüssig.

Ein sehr gemischter Leseeindruck. Teils anregend und gut unterhaltend, wurde die Lektüre dann zu oft durch Stöhnen und heftiges Augenrollen der Rezensentin begleitet. Daher kann ich leider nich mehr als drei Sterne vergeben.

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Tags: schwäne   (1)
 

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Grand Canary

A. J. Cronin
Flexibler Einband: 320 Seiten
Erschienen bei Read Books, 30.03.2009
ISBN 9781444600162
Genre: Sachbücher

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24 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 2 Rezensionen

lottogewinn, betrug, träume, liebe, frankreich

Alle meine Wünsche

Grégoire Delacourt , Claudia Steinitz
Fester Einband: 208 Seiten
Erschienen bei Atlantik Verlag, 18.11.2016
ISBN 9783455651454
Genre: Romane

Rezension:

Ich kam mir vor wie in einem Kitschfilm von Frank Capra, und ich kann Ihnen sagen, der Kitsch tut manchmal verdammt gut.

Jocelyne besitzt in dem kleinen französischen Provinzstädtchen Arras einen Kurzwarenladen, ist verheiratet und hat zwei Kinder, die bereits ihre eigenen Wege gehen. Je nachdem, aus welcher Perspektive man ihr kleines Leben an der Seite ihres derben, aber treuen Ehemannes betrachtet, könnte man es als glücklich oder trostlos bezeichnen. Aber in dieser bezaubernden französischen Erzählung hat sogar die Trostlosigkeit einen Charme, der alles aufhellt. Mit der Frage, was wahres Glück ausmacht, wird Jocelyne durch einen unverhofften Lottogewinn konfrontiert, und sie erkennt mit Bangen, wie brüchig ihr Glück ist. Sie trifft eine Entscheidung, doch sie ist nicht die einzige, die ihr Glück in die eigene Hand zu nehmen versucht.

Grégoire Delacourt beherrscht wunderbare sprachliche Pointen, sei es, um einem Kapitel eine makellose Abrundung zu geben, sei es, um den Leser unangekündigt und noch im ersten Viertel des Buches zum Weinen zu bringen. Und er wartet mit überraschenden Wendungen auf. Am Ende fühlt sich nicht nur der Leser getäuscht. Es ist ein zutiefst trauriges Buch.

Ein kleiner und trotzdem bedeutender Logikfehler hat sich leider im hinteren Teil der Geschichte eingeschlichen. Sieht man einmal von diesem ab, ist der Erzählstil dicht und schlüssig. Insgesamt ein starkes Buch.

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london, hausboot

Ein Hausboot auf der Themse

Penelope Fitzgerald , Christa Krüger , Alan Hollinghurst
Flexibler Einband: 190 Seiten
Erschienen bei Insel Verlag, 11.07.2016
ISBN 9783458361572
Genre: Romane

Rezension:

Die mittellose Nenna lebt mit ihren beiden aufgeweckten Töchtern Martha und Tilda inmitten einer liebenswerten Gemeinschaft mehr oder weniger gescheiterter Existenzen auf einem mehrerer Hausboote am Battersea Reach. Nenna leidet unter der Trennung von ihrem Mann; eigentlich bräuchte sie jemanden an ihrer Seite. Da wäre zum Beispiel der junge sympathische Maurice, mit dem sie abends auf Deck lange tiefgreifende Gespräche führt, oder der freundliche Richard, in dessen eigener Hausbootehe es gerade auch gewaltig krieselt. Und da ist Tildas notorisch schlechtes Gewissen, von dem sie immer wieder wie von einem hohen Gericht heimgesucht wird und das Tildas Schuld am Weggang ihres Mannes festklopfen will. Und da sind Nennas freiheitsliebende Töchter, von denen vor allem die sechsjährige Tilda stark an Pippi Langstrumpf erinnert, während Pater Watson mit seinen Nonnen ein gutes Pendant zu Tante Prusseliese gibt, immer bemüht, den Themsewasser-gewöhnten Mädchen eine gute Bildung zu verpassen. Und schließlich ist da auch noch die Bootskatze Stripey, die je nach Jagdglück Ratten jagt oder von Ratten gejagt wird. Das Leben der Hausbootbewohner ist nicht immer so idyllisch, wie es sich Themse-Touristen im Vorbeifahren vorstellen. Die Geschichte ist schön. Schön und traurig. Es ist ein liebevoll weichgezeichneter Blick auf das an sich trostlose Leben auf dem Reach, voller Enttäuschungen und gleichzeitig voller Warmherzigkeit.

Es dauerte allerdings ein bisschen, bis ich mit dem Buch warm wurde. Vielleicht ist es einfach die Übersetzung, die von Zeit zu Zeit Holprigkeiten aufweist. Dadurch bleiben manchen Pointen ein bisschen ... nun ja, geheimnisvoll. Insgesamt bemüht sich die Übersetzerin schon um einen offensichtlich dem Original aus den Siebzigern nahekommenden individuellen Stil, der zwar etwas Konzentration beim Lesen erfordert, aber in gewisser Weise authentisch wirkt. Die Figuren sind sympathisch, die Atmosphäre gut beschrieben. Aber immer wieder stolpere ich über die Unzulänglichkeiten einer unpräzisen Übersetzung. Leider werden auch zu viele Fachbegriffe aus der Seefahrt unerklärt verwendet, unter denen man sich als Laie nichts Konkretes vorstellen kann, die aber für das plastische Erfassen der beschriebenen Bilder oder auch für das Verständnis des Handlungsfortgangs wichtig sind, so dass im Kopfkino viele weiße Flecken im Bild bleiben. Aber auch ohne dies ist die Erzählweise der Autorin ein bisschen speziell wenn nicht rätselhaft; immer wieder muss man zwischen den Zeilen lesen; oft hätte ich als Leser die eine oder andere verbindende Erläuterung begrüßt; manches muss man dreimal lesen und ist dann immer noch nicht ganz sicher, wer nun was gesagt und was er damit gemeint hat. Schließlich hat mich aber die Lektüre gepackt, und ich konnte das Buch in einem Tag durchlesen. Was mir nicht oft gelingt.

Insgesamt eine lohnende Lektüre, ungewöhnlicher, als der Titel vermuten lässt.

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Tags: hausboot, london   (2)
 

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jakobsweg, santiago, camino del norte, pilgern

Einfach los...

Mady Host
Flexibler Einband: 168 Seiten
Erschienen bei traveldiary Verlag, 18.02.2014
ISBN 9783944365251
Genre: Sonstiges

Rezension:

Mady Host beschreibt in diesem sehr angenehm zu lesenden Buch ihre Pilgerreise auf dem Camino del Norte, dem nördlichen Alternativweg, auf dem es einsamer ist und mehr regnet als auf der zur Jakobsweg-Hauptroute, dem "Camino Francés". Sie geht diesen Weg bewusst allein, um herauszufinden, was das auf-sich-gestellt-sein so mit einem Menschen macht. Manchmal bilden sich spontane Weggemeinschaften mit Mitpilgern, manchmal wandert sie ganz alleine. Humorvoll und unterhaltsam beschreibt sie ihre Wandereindrücke und philosophiert über das Alleinsein. Auch wenn nicht alle der gewonnenen Lebensweisheiten wirklich weltbewegend sind: es ein Buch, das sich wunderbar leichtfüßig liest und einen nicht selten zum Schmunzeln bringt. Mady Host schreibt stilistisch sicher und flüssig.
Ich bin selber einen Teil des Camino del Norte gelaufen, und natürlich haben mich diese Passagen besonders interessiert, aber auch die Beschreibungen der anderen Wegabschnitte lasen sich kurzweilig und interessant. Wer gerne ungewöhnliche Reiseberichte liest, wird hier voll auf seine Kosten kommen.

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Tags: camino del norte, jakobsweg, pilgern, santiago   (4)
 

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freundschaft, abtreibung, kalifornien, ungeplante schwangerschaft, frauen

Ein Sommer in Corona del Mar

Rufi Thorpe , Beate Brammertz
Flexibler Einband: 256 Seiten
Erschienen bei btb, 13.03.2017
ISBN 9783442714711
Genre: Romane

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42 Bibliotheken, 1 Leser, 1 Gruppe, 24 Rezensionen

nigeria, musik, diktatur, afrika, liebe

Tadunos Lied

Odafe Atogun , Miriam Mandelkow
Fester Einband: 256 Seiten
Erschienen bei Arche, 10.02.2017
ISBN 9783716027554
Genre: Romane

Rezension:

Der Musiker Taduno musste aus seiner Heimat Nigeria ins Exil fliehen. Seine Musik hat gezündelt, gegen den Diktator aufbegehrt, die Massen bewegt. Dafür wird er nun verfolgt. Aber er entschließt sich, zurückzukehren, als er eine geheimnisvolle Nachricht seiner Geliebten Lela erhält, die von den Schergen des Präsidenten entführt wurde. Um sie zu retten, will er einen neuen Hit produzieren. Aber dazu muss er erst mal wieder seine verlorene Stimme zurückerlangen. Die Zeit läuft ihm davon. Wird ihm auch sein Gewissen davonlaufen? Taduno gerät in große Gefahr, seine Ideale, seine Musik und seine Landsleute zu verraten.

Diese märchenhafte afrikanische Erzählung ist vielleicht das Weiseste das ich seit dem "Kleinen Prinzen" gelesen habe. In einfacher, schnörkelloser aber schöner Sprache überrascht und berührt die Geschichte immer wieder unmittelbar.

Taduno hatte noch nie in Einzelhaft musiziert und stellte nun fest, dass seine Musik klangvoll und bunt war. Stellte fest, dass seine Musik von Licht durchdrungen war. Er hatte nicht gewusst, dass Musik leuchten konnte.

Auf der anderen Seite ist es erschreckend, lesen zu müssen, was die Diktatur mit den Menschen macht. Was ist das für eine verkehrte Welt, in der diejenigen sich als Verräter an ihren Mitbürgern empfinden müssen, die einen Unschuldigen vor Folter und Tod verstecken? Die Manipulation des Gedächtnisses einer ganzen Nation wird hier symbolhaft so auf die Spitze getrieben, dass sich die Menschen kollektiv nicht mehr an den Namen des einst so berühmten Künstlers erinnern können. Diese mysteriöse Tatsache steht beispielhaft für die Hypnose, der ein ganzes Volk durch ein diktatorisches Regime ausgesetzt ist. Deshalb fürchtet auch die Diktatur nichts so sehr wie die Musik. Denn wenn wir aus unserem europäischen Kulturkreis eher die einlullende Magie der Musik kennen, so ist hier die Musik das Zündfeuer, das aufweckt.

Das Buch entzieht sich einer Beurteilung durch unsere westlichen Normen - manche Verhaltensweisen der Romanfiguren können wir vielleicht nicht gut nachvollziehen, manche Erzählform erscheint uns fremd - aber genau das macht das Interessante an diesem Buch aus; die Uhren auf dem schwarzen Kontinent ticken anders, und wer sich darauf einlässt, der lernt etwas über diese fremde Kultur.

Ein ungewöhnliches, berührendes Buch über die Macht der Musik.

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149 Bibliotheken, 3 Leser, 1 Gruppe, 71 Rezensionen

canterbury, pilgerreise, kim wright, liebe, pilger

Die Canterbury Schwestern

Kim Wright , Elfriede Peschel
Flexibler Einband: 384 Seiten
Erschienen bei Ullstein Taschenbuch Verlag, 26.05.2016
ISBN 9783548287867
Genre: Romane

Rezension:

Ich glaube, Jean ist eine Frau, die man völlig aufdröseln kann, wenn man den richtigen Faden findet und daran zieht.

Ich werde nirgendwo erwartet, von keinem, und die freie Zeit gähnt mich an wie ein Rachen. Wenn ich nicht aufpasse, falle ich noch hinein und werde auf der Stelle verschluckt.

Che's heile Welt bricht gerade zusammen, als ihr langjähriger Lebensgefährte sie plötzlich verlässt und sie von ihrer verstorbenen Mutter den Auftrag bekommt, deren Asche pilgernd nach Canterbury zu bringen. Was läge auch näher als diese Pilgerfahrt, da doch nichts mehr ist wie es einst war und Che nach irgendeinem Anker sucht, damit ihr der Boden nicht vollends unter den Füßen weggezogen wird. So schließt sie sich, skeptisch und verschlossen zunächst, einer geführten Frauen-Pilgertruppe an, die als gemeinsames Ziel die Kathedrale von Canterbury ins Auge gefasst hat. Unterwegs soll, ganz in der Tradition der mittelalterlichen "Canterbury Tales" von Chaucer, jede eine Geschichte erzählen. Dabei kommt Stück für Stück eine Menge Enthüllendes zutage; nicht Wenige erzählen ihre eigene Geschichte; Abgründe tun sich in den Biographien der einzelnen Frauen auf.

Die Idee, das Vorbild der alten erzählenden Chaucer-Pilger aufzugreifen und eine moderne Frauenrunde daraus zu machen, gefällt mir. Die Umsetzung ist sprachlich gelungen; die Figuren sind fein und liebevoll gezeichnet, hin und wieder ein bisschen zynisch. Die Dialoge haben Witz und Tempo. Allen, denen die Erzählung zu weitschweifig ist, empfehle ich einmal das Original von Chaucer. So weit, so gut. Was mir nicht so sehr gefällt, ist, dass es in den Erzählungen der Frauen so penetrant um Männerverschleiß geht. Auch der etwas flapsige Umgang mit der Asche der eigenen Mutter, der mir schon bei Graham Greene nicht hundertprozentig zugesagt hat, ist nicht ganz meine Schiene Humor; hier aber wird das Thema leider noch ausgiebiger ausgewalzt.

Und dann gibt die Reisende Valerie ausgerechnet jene Chaucer-Erzählung des Weibes von Bath wieder, die einzige, die ich bei Chaucer ausgelassen habe, weil dieser sie seiner Leserschaft als die Zweite der beiden derben, zotenhaften Geschichten angekündigt hatte; und ich muss gestehen, eine davon hatte mir gereicht. Und ausgerechnet hier hat mich die Autorin wieder, zieht die Ich-Erzählerin doch aus diesem Bericht wieder ganz und gar lebensnahe Schlüsse und festigt so schon wieder das gerade schon verloren geglaubte Niveau dieses merkwürdigen Buches.

Ziemlich unerträglich finde ich dann aber wieder die suggestiven Aufreihungen, was über einer Frau mit Vierzig, und was über einer Fünfzigjährigen alles zusammenbreche, gefolgt von weiteren furchtbaren Allgemeinplätzen wie "Es ist die Aufgabe einer Mutter, mit Engelszungen auf ihre Tochter einzureden, genauso wie es die Aufgabe der Tochter ist, nicht auf sie zu hören. Jede Frau muss ihre eigenen Fehler machen. ...".

Aber im Allgemeinen ist sprachlich alles sehr gekonnt und pointiert, wenn es auch teils ein wenig ratlos wirkt.

Ein einziger Makel, und schon wirft sie etwas weg, sei es ein Pullover oder ein Apfel oder ein Mann, und ich kann mich nicht entscheiden, ob diese lässige Missachtung die Quelle ihrer Kraft oder die Quelle ihrer Verletzung ist.

Die Schlussentwicklung ist durchaus fulminant; insgesamt aber hinterlässt die Geschichte einen zwiespältigen Leseeindruck bei mir. Es ist nicht, was man erwartet, wenn man ein Buch über eine Pilgerschaft liest; dies kann man als Vorzug empfinden, mir aber ging es nicht so. Im Prinzip ist jeder Roman suggestiv, das muss er sogar sein. Aber wenn mir mit dem Holzhammer Klischees über die Spezies Frau bzw. Mann eingetrichtert werden sollen, habe ich zumindest ein Wörtchen mitzureden und kann meine Zustimmung nicht uneingeschränkt erteilen.

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7 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 5 Rezensionen

freunde-werden-zu feinden, ehemaliges-jugoslawien, gewalt, überleben, musik

Lebe Sarajevo!

Bill Carter , Lukas Kellner , Oliver Alexander Kellner , Oliver Alexander Kellner
Flexibler Einband: 552 Seiten
Erschienen bei Sofa Verlag, 11.12.2015
ISBN 9783940296702
Genre: Biografien

Rezension:

Egal, wohin ich reiste, Laufen war immer der sicherste Weg, um Zugang zu den kulturellen Feinheiten zu bekommen. Ich muss die Bewegungen der Menschen sehen, die Form ihrer Häuser, die Art und Weise, wie sie 'Hallo' und 'Auf Wiedersehen' sagen. ... Ich bog in eine neue Straße ein und begann im Rhythmus der Fußgänger zu laufen. ...

... aber zunächst muss so ein kleiner Trupp von mittellosen Outlaws, um in den Krieg zu ziehen und dort Nahrungsmittel zu verteilen, erstmal in einem bosnischen Lebensmittelgeschäft Wodka, Kartoffelchips, Schokoriegel und Salami stehlen, um selber nicht vom Fleisch zu fallen. Aha, Robin Hood also...

Je länger ich las, desto krasser fand ich diesen deutschen Buchtitel... anfangs habe ich ihn so aufgefasst, als hätte er ein Komma hinter dem Verb. Hat er aber nicht.

Ein Autor mit einer schrecklichen Kindheit unter einem sadistischen Vater und einer tragisch ausgegangenen Liebesbeziehung hinter sich flieht vor sich selbst - in den Krieg nach Sarajevo. Behauptet die ganze Zeit, keiner von diesen Kriegstouristen zu sein, zelebriert aber genussvoll die Adrenalinstöße,  die die es auslöst, Zielscheibe serbischer Scharfschützen zu sein, beschreibt mit einer bewundernswerten Ausdauer die ekelerregenden hygienischen Zustände in der kriegsgebeutelten Hauptststadt, ergeht sich in Details seiner diversen Sexabenteuer mit kriegsmüden Bosnierinnen, die ich so genau auch wieder nicht wissen wollte und zitiert leidenschaftlich niveauloseste Flüche seiner Mitabenteurer und seiner selbst - schließlich ist Krieg, da darf man so etwas. Und zwischendurch reden er und seine Kumpels sich immer wieder ein, etwas Gutes für die Menschen dort zu tun, und vielleicht tun sie das ja auch, nur irgendwann bekommt der Leser nichts mehr davon mit... so geht es mir zumindest in der ersten Hälfte des Buches.

Aber immer wieder gewinne ich auch Gefallen an dieser durchgeknallten Erzählung.

Wo der Schreiber sich zum alternativen Reisebuchautor wandelt, finde ich angenehme Berührungspunkte, auch wenn - wie pervers ist das denn - ein Reisebuch über das Abenteuer Bosnien-Krieg? Hm... Aber dann ist es doch mehr als das.

Gerade die Rückblenden, von denen man zunächst hofft, nicht baldigst genervt zu sein, überraschen mit einer emotionalen Tiefe, und man liest gespannt weiter, und plötzlich ist es egal, wie lange man auf die Fortsetzung des Sarajevo-Handlungsfadens warten muss.

Dieses Buch ist krass. Mal bin ich abgestoßen von zynischem Stumpfsinn, unappetitilichsten Beschreibungen, unnötigem sexistischen Gedöns, einer unbändigen Fülle an Kraftausdrücken und dem leidigen Kiffen, ohne das keine billige Abenteuer-Schmonzette auszukommen scheint.
Dann wieder bin ich fasziniert von einer plötzlichen Anmut im Umgang mit bildhafter Sprache, die man nach den verbalen Ausfällen kurz zuvor so nicht erwartet hatte. Leider wird die reibungslose Lektüre durch den ehrenamtlichen Übersetzer nicht gerade erleichtert, auch wenn immer wieder sprachlich gelungene, stimmungsvolle Sätze durchschimmern. Teils macht er seine Sache ganz gut; dann wieder gibt es Passagen, wo man sich genervt einen Profi samt fähigem Lektor herbeisehnt.

Warum man am Ende dennoch an den Lettern klebt, begeistert, gerührt ist? Wohl, weil es so aufrichtig und konsequent zu Ende geht. Weil der Autor wirklich den Beweis angetreten ist, dass er eben kein Kriegstourist ist und auch keiner sein möchte. Weil das Buch tatsächlich endet wie der monumentale Reisebericht eines Weltreisenden und nicht wie der eines desillusionierten Kriegsberichterstatters. Und weil sich der Autor am Ende keine geballte Ladung an peinlichen Lebensweisheiten mehr zurechtphilosophiert, sondern weil das, was er schreibt, wirklich einen Sinn ergibt.

Die plötzlich eingeblendeten Misshandlungsschilderungen aus der Kindheit sind drastisch. Unemotional und dabei authentisch und beklemmend. In diesen Augenblicken ist der Autor genial. Frappierend, wie er Parallelen zieht zwischen dem Empfinden des verwirrten, gequälten Kindes und den Bewohnern der kriegszerbombten Stadt.

Ist es da wirklich schlimm, dass ich mich nicht überwinden konnte, mir auch noch das Nachwort von Herrn Kellner mit dem denkwürdigen Titel "Die fünf Geheimnisse von Sarajevo" einzuverleiben? Schon dessen Vorwort hätte nicht wirklich sein müssen. Dass das Buch mein Leben verändern würde, wusste ich schließlich schon von dem werbewirksamen Zitat auf dem Buchrücken. Braucht das arme verkannte Werk wirklich so eine Vorrede, um gelesen zu werden? Bill Carter hat es am Ende tatsächlich selber geschafft, mich auf seine Seite zu ziehen. Dabei soll es dann bitte auch bleiben.

Ich war ein Ballon, aus dem langsam die Luft entweicht, auf seiner Reise zur gleißenden Sonne. Und während ich immer höher und höher flog, blickte ich auf alle Menschen der Erde herab. Sie sahen aus wie kleine Ameisen, die durcheinander umherwuselten. Und sie alle brauchten sich gegenseitig mehr, als sie es jemals erfassen könnten. Das war Schönheit.

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Tags: bosnien, krieg   (2)
 

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252 Bibliotheken, 3 Leser, 1 Gruppe, 19 Rezensionen

new york, liebe, zukunft, musso, roman

Vielleicht morgen

Guillaume Musso , ,
Flexibler Einband: 480 Seiten
Erschienen bei Piper, 09.11.2015
ISBN 9783492307680
Genre: Romane

Rezension:

Emma Lovenstein hat eine absorbierende Liebesbeziehung hinter sich und ist emotional labil. Matthew Shapiro hat vor einem Jahr durch einen Unfall seine Frau verloren und kommt über den Verlust nicht hinweg. Beide lernen sich durch einen Zufall per E-Mail-Austausch kennen. Es könnte eine ganz normale, nette, kitschige Liebesgeschichte werden, wie es sie zu Hunderttausenden auf dem Markt gibt. Wird es aber nicht. Denn etwas stimmt nicht in dieser Geschichte, so dass sich der Leser am Kopf kratzt und mindestens einmal laut "Hä?" ruft ... Und dann wird es atemberaubend. Und böse.

Die Story spielt mit einer Was-wäre-wenn-Unmöglichkeit und gleichzeitig mit dem ständigen Worst-Case-Szenario. Schwer zu verdauen finde ich, dass die beiden Protagonisten, zumindest anfangs, absolut egoistisch, ja gewissenlos handeln. Wie weit ist man zu gehen bereit, um sein Ziel zu erreichen? Wenn man die Frage nach der Schamgrenze für das eigene Verhalten erst einmal ausklammert, werden einem die Figuren durchaus sympathisch. Ich will das nicht. Ich will nicht, dass mir Figuren sympathisch werden, die sich mit so einer permanenten Gewissenlosigkeit durch die Handlung bewegen. Aber am Ende hat der Autor natürlich genau das geschafft. Das Ende ist fulminant und irgendwie sogar genial.

Alles in allem ein sehr gelungener Roman, auch wenn mir manches zu medizinisch war. Einen leichten Punktabzug gibt es von mir für den heftigen moralischen Knick in der Optik; so was mag ich einfach nicht. Aber ich kann jetzt schon verstehen, warum ich bisher über diesen Autor nur Gutes gehört habe.

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5 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 5 Rezensionen

verfolgung, mission, christenverfolgung, iran

Liebe statt Furcht

Flor Namdar
Fester Einband: 256 Seiten
Erschienen bei Gerth Medien, 16.01.2017
ISBN 9783957341938
Genre: Biografien

Rezension:

Flor Namdan (der Name ist ein Pseudonym) ging in ihrer Heimat Iran durch die Hölle. Auch wenn sie in ihrer Familie immer wieder Geborgenheit und Liebe erlebte, war das Leben für die junge Frau seit der islamischen Revolution beengend und freudlos, und oft lebensgefährlich.
Sie hatte bereits einen Selbstmordversuch hinter sich, als sie sich eines Tages eine simple Frage stellte.

Wer sind diese Christen eigentlich? Woran glauben die?

Es ist ihre Neugier auf Jesus, die sie in eine christliche Gemeinde führt, in der sie mit offenen Armen empfangen wird und Trost und neuen Lebensmut findet. Sie lernt, zu ihrem neugefundenen Glauben zu stehen, obwohl Konvertiten der Tod droht.

Ich hatte das Gefühl, als würde die betonharte Schale, die mein ganzes Leben umschlossen hielt, die es eng, kalt und dunkel gemacht hatte, plötzlich zerbröckeln und aufbrechen.

Es ist ein zu Herzen gehendes Buch. Man lernt außerdem eine Menge über die Zusammenhänge der Islamischen Revolution unter Ayatollah Chomeini im Jahr 1979. Für mich ist es sehr interessant, die genauen Zusammenhänge der Machtergreifung Chomeinis, die während meiner Kindheit große Aufregung in unseren Medien verursachten und von denen ich als Kind natürlich überhaupt noch nichts verstand, von einer Iranerin erklärt zu bekommen, die das alles hautnah erlebt hat. Auch die tief sitzende und so gut wie ausweglose Feindschaft zwischen Sunniten und Schiiten wird mit einfachen Worten schlüssig erklärt.
Anschaulich beschreibt die Autorin den Kulturschock, den sie erlebte, als sie ihre Tätigkeit in Deutschland begann. Aber sie lässt sich nie entmutigen, auch nicht durch die zermürbende Oberflächlichkeit, die sie teilweise hier erfuhr und die ihr aus ihrem Heimatland fremd war. Flor Namdan ist heute Gemeindepastorin einer christlich-persischen Gemeinde in einer deutschen Großstadt.

Das Schlusskapitel enthält einige wunderschöne und klare Ermutigungen dazu, wie man als Christ mit der Flüchtlingskrise umgehen sollte. Ein wichtiges, starkes Buch. Man lernt das Christentum noch einmal ganz neu, von innen kennen.

Vorsichtig sah ich mich in dem Hof um, aber weit und breit entdeckte ich keine Waschmöglichkeit. Schließlich fragte ich eine ältere Frau, die mir besonders freundlich vorkam: 'Entschuldigung. Ich würde gern in die Kirche, aber ich bin unrein.' Im Islam sind die rituellen Waschungen vor dem Betreten der Moschee äußerst wichtig.
'Ach, kommen Sie nur rein', sagte die Frau lächelnd. 'Gott liebt Sie so, wie Sie sind.'
Oh, dachte ich, diesen Gott will ich kennenlernen.

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(268)

517 Bibliotheken, 33 Leser, 2 Gruppen, 117 Rezensionen

neapel, freundschaft, italien, armut, bildung

Meine geniale Freundin

Elena Ferrante , Karin Krieger
Fester Einband: 422 Seiten
Erschienen bei Suhrkamp, 29.08.2016
ISBN 9783518425534
Genre: Romane

Rezension:

Das Leben war eben so, und damit basta, wir waren gezwungen, es anderen schwerzumachen, bevor sie es uns schwermachten.

Der Rione - ein trostloser und ärmlicher Vorort von Neapel in den Fünfzigerjahren, nicht dazu angetan, irgend jemandem Perspektiven zu eröffnen. Hier wachsen die Freundinnen Elena und Lila auf. Lila ist hochbegabt. Ein Wunderkind. Die ebenfalls begabte Elena versucht verzweifelt, mit der Genialität ihrer Freundin zu konkurrieren.

Ich widmete mich dem Lernen und vielen anderen schwierigen Dingen, die mir fernlagen, nur um mit diesem schrecklichen, strahlenden Mädchen Schritt halten zu können. Strahlend war Lila für mich. Für alle anderen Schüler war sie nur schrecklich.

Den Mädchen wird früh beigebracht, dass das Leben nichts als ein Wettbewerb ist. Lehrer benutzen die intelligenten Schülerinnen, um sich miteinander zu duellieren; andere Schüler rächen sich an den Mädchen für diese hoffnungslos unpädagogischen Maßnahmen. Lila und Elena sind Arbeiterkinder wie sie im Buche stehen, und dazu Mädchen. Obschon die Klassenbesten, haben sie kaum eine Chance. Die hochbegabte Lila scheitert an den finanziellen Hürden und dem Unwillen ihrer Eltern, ihr eine gute Bildung zu ermöglichen, die kluge und fleißige Elena immer wieder an dem gnadenlosen Wettbewerb und an dem unerfüllbaren Anspruch, die Beste sein zu müssen. Aber da ist noch etwas anderes. Die Freundschaft zu der außergewöhnlichen Lila stachelt sie oft zu gigantischen Fleißanstrengungen an, dann nimmt sie ihr plötzlich wieder sämtlichen Wind aus den Segeln - es ist die Geschichte einer unheilvollen Abhängigkeit.

Ich wünschte mir, dass sie neugierig wurde, dass sie wenigstens ein bisschen Anteil an meinem Abenteuer nehmen wollte, dass sie das Gefühl hatte, etwas von mir zu verlieren, so wie ich stets Angst hatte, viel von ihr zu verlieren.

Ein erster Schreck durchfährt die unvoreingenommene Leserin anfangs bei Besehen des altertümlich anmutenden Untertitels im Buchinneren: "Kindheit und frühe Jugend" (das wird doch hoffentlich nicht schon wieder einer von diesen in Mode gekommenen Fortsetzungsromanen sein), eine Seite weiter stößt sie auf eine Erklärung, dass Personen und Handlung erfunden sind, freut sich sodann auf der nächsten Seite über das Faust-Zitat aus dem "Prolog im Himmel", stutzt, als noch eine Seite weiter ein Personenregister auftaucht, als hätte es gerade auch ein "Vorspiel auf dem Theater" gegeben, und stöhnt, als sie entdeckt, dass sich dieses über Seiten fortsetzt. Da sie aber, bevor sie Anlass zum Stöhnen hatte, zunächst brav die Personen der ersten Seite studiert hat, ist ihr bereits aufgefallen, dass eine der Protagonistinnen mit der Autorin den Vornamen teilt, so dass der Anfangsvermerk bereits einen Sinn ergibt und Schlüsse auf das noch zu erforschende Geschehen zulässt. Schlussendlich, in der Hoffnung, dass sie die Fülle der Personen nicht überfluten wird, stürzt sich die Leserin mutig in das Buchstabenmeer. Aber schon auf der ersten Seite des ersten Kapitels gerät sie in einen Gewissenskonflikt: wird sich ihr auf den nächsten Seiten von alleine erschließen, wer Rino ist, oder erwartet die Autorin, dass sie vorne nachschlägt? - Ehrlich gesagt, zu nichts habe ich gerade weniger Lust ... Ich entschließe mich, dem Buch eine echte Chance zu geben und keine Namen nachzuschlagen. Wenn es wirklich ein gutes Buch ist, dann muss es auch ohne das gehen. Und tatsächlich - das Vorhaben gelingt. Ich habe dieses theatralische Personenverzeichnis seitdem keines Blickes mehr gewürdigt und kam trotzdem prima zurecht. Vielleicht wollte die Autorin all den Lesern gleich den Wind aus den Segeln nehmen, die sich immer über eine zu unübersichtliche Personenvielfalt in Romanen beschweren: bitteschön, kein Problem, ihr könnt jederzeit nachschlagen! ... Oder sie wollte, auch dies ein selten angewandter Kniff anspruchsvoller Autoren, allzu unbedarfte Leser von vornherein abschütteln ...

Sprachlich zieht die Erzählung sofort in den Bann. Auch wenn sie sich manchmal wie ein böser Albtraum liest. Es tut oft weh, zu sehen, wie egoistische Gedankengänge und Verhaltensweisen schonungslos offen beschrieben, aber niemals in Frage gestellt werden, fast, als ob sie ganz und gar unschuldig wären.

"Du siehst wirklich gut aus, das ist die Zufriedenheit, die dir die Schule verschafft, das ist die Liebe", sagte Lila, und ich spürte, dass sie ein wenig traurig war.

Warum zelebriert das Buch diese Ausweglosigkeit, diesen Fluch, der anscheinend auf jedem sogenannten "Wunderkind" ruht, diesen ständigen egoistischen Vorwurf der normal begabten Umwelt, die sich im Angesicht des Genialen als minderwertig empfindet, weil sie nie gelernt hat, sich selbst zu lieben? Traurig ist es, dass offenbar weder Elena noch Lila auf diesem Gebiet irgendetwas dazulernen. Und schon wieder diese Vergleiche, immer diese Vergleiche! Elena wird höhergestuft als ihre Freundin und freut sich. Sie wird niedriger gestuft und ist verzweifelt. Hat das denn nie ein Ende? Sind wir Menschen wirklich so armselig, dass wir ständig nach dem Punkt suchen, an welchem wir sagen können, ich bin besser, und daraus unser ganzes Selbstwertgefühl ziehen? Oder gelingt es doch einer der beiden Freundinnen, irgendwann aus diesem Teufelskreis auszubrechen?

Es ist ein ehrliches und schonungsloses Buch, die dramatisch unspektakuläre Geschichte einer trostlosen Kindheit und Jugend. Und genial wie ihr Titelbild. Auch wenn mir die Quintessenz dieser Geschichte nicht gefällt. Überhaupt nicht. Trotzdem gebe ich die fünf Sterne. Weil es gar nicht anders geht.

Es gibt also tatsächlich eine Fortsetzung. Das blieb bei dem Hype, der nicht ganz zu unrecht um dieses Buch gemacht wird, nicht verborgen. Nur gut, dass ich das Lesezeichen nicht früher entdeckt habe. Es ist sehr hübsch. Und sehr deplatziert ...

Wer von beiden ist nun eigentlich die geniale Freundin?

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buchhandlungen, bücher, europa, torsten woywod, reisebericht

In 60 Buchhandlungen durch Europa

Torsten Woywod
Fester Einband: 256 Seiten
Erschienen bei Eden Books, 11.10.2016
ISBN 9783959100731
Genre: Sachbücher

Rezension:

Vier Wochen lang reiste der passionierte Buchhändler Torsten Woywod durch Europa, besuchte besonders schöne oder ausgefallene Buchhandlungen und erregte so den Neid der gesamten Online-Buch-Community. Die Eindrücke dieser außergewöhnlichen Reise schildert er in diesem Band.

Das Buch ist als Reisebericht aufgezogen. Ich lese sehr gerne Reiseberichte. Was man aber bei einem Reisebuch nicht machen darf, ist, zu schreiben, dass man spontan umgeplant und einen Abstecher ins Baskenland gemacht hat, um dann, als wäre das nichts Besonderes, um der Chronologie willen mit der Beschreibung Marseilles fortzufahren. Empört habe ich das Leseband bei Marseille gelassen und bei Bilbao weitergelesen! Irgendwie ist das sonst nicht ganz echt (außerdem liebe ich die Basken!). Ich finde, ein Autor muss sich schon entscheiden: entweder, er schreibt einen authentischen Reisebericht, oder er hält sich an seine Länderordnung und belässt den Leser in der Illusion, die richtige Reihenfolge vor sich zu haben - denn bei diesem Misch-Ding fühlt man sich als Leser nicht mehr so ganz mitgenommen. Und dann passiert es schon wieder - ich möchte so gerne wie angekündigt mit Torsten Woywod nach Portugal weiterreisen, aber auf der nächsten Seite folgt Madrid. Langsam werden meine Lesezeichen knapp...

Mir fehlen ein bisschen die Bilder. Die Texte sind nicht schlecht geschrieben, aber auf Dauer hätte man schon eine üppigere Illustration mit Beispielen vertragen können; des Autors Vertrauen in des Lesers Kopfkino in allen Ehren, aber ein paar mehr Fotos wären schon fein gewesen. So flüssig und sympathisch Torsten Woywod auch schreibt, bei so wenig Handlung bräuchte man doch ein wenig mehr Visuelles. Es ist durchaus nett, zu lesen, in welcher Farbe die Fensterrahmen einer Buchhandlung gehalten sind und wieviele Veranstaltungen im Jahr in ihr stattfinden, und auch, welches Buch den jungen Buchhandlungsreisenden sehnsüchtig vom Verkaufstresen angelächelt hat, allerdings - sechzig Buchhandlungen lang? ... Aber was habe ich denn erwartet? Nun, auf jeden Fall mehr Bilder. Immer wieder lesen wir von den vielen schönen Fotos, die der Autor schießen durfte, bekommen aber selber davon nur bescheidene Auszüge zu sehen; das ist ein bisschen unfair...!

Aber dann hat man doch Spaß; sehr nette und schön erzählte Anekdoten lockern die anschaulichen Beschreibungen der verschiedenen Buchhandlungen auf. Sprachlich einwandfrei und mit einer ansteckenden Begeisterung beschreibt der Autor Buchhandlung um Buchhandlung und hin und wieder auch mal die eine oder andere Buchhändlerin ... Und einen echten Sympathiepunkt bekommt er von mir für die Erwähnung der Begegnung mit dem Obdachlosen am Queen's Theatre.

Manche Situationsbeschreibungen sind sehr stimmungsvoll. Toll ist zum Beispiel die Atmosphäre bei der Ankunft des Autors in Rumänien beschrieben. Wo der Buchhandlungsführer zum Reisebericht wird, wird er sympathisch, erhellend, angenehm zu lesen.

Eine bittere Pille mischt sich in die Lektüre, wenn man liest, dass drei der besuchten besonders schönen, besonders individuell gestalteten kleinen Buchhandlungen inzwischen leider geschlossen sind. Hoffen wir, dass dieses Buch kein Abgesang auf die kleine schnuckelige Buchhandlung an der Ecke wird.

Die Aufmachung ist sehr schön; das Buch ist handlich und kann so vielleicht tatsächlich vom bibliophil veranlagten Buchhandlungsreisenden als Reiseführer mitgeführt werden. Eine schöne Idee sind die Buchempfehlungen zu dem jeweiligen Land am Ende jedes Kapitels. Ein echter Pluspunkt!

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liebe, zeugenschutzprogramm, verfolgung, glaube, familie

Wie Schneeflocken im Wind

Denise Hunter , Antje Balters
Flexibler Einband: 432 Seiten
Erschienen bei Brendow, J, 26.09.2016
ISBN 9783865068910
Genre: Liebesromane

Rezension:

Eden ist mit ihrem fünfjährigen Sohn Micah auf der Flucht. Wovor genau, das erfährt der Leser zunächst nur bruchstückhaft. Nur so viel ist schnell klar: es geht um ihr Leben. Auch Beau Callahan, der mit seinen Brüdern einen Weihnachtsbaumhandel betreibt und die verzweifelte junge Mutter vorübergehend als Haushaltshilfe für seine Tante einstellt, hat Schwierigkeiten, Genaueres über die Vergangenheit der geheimnisvollen Schönen herauszufinden. Bald schon ist es mehr als Neugier, aus der er sich näher für die junge Frau interessiert. Womit er allerdings sich und seine Familie, aber auch Eden und Micah, in große Gefahr bringt ...

Die Geschichte ist wirklich gut geschrieben, spannend, temporeich und mit einer feinen Prise Humor gewürzt. Und freikirchlich. Ich glaube, es ist überhaupt der erste freikirchliche Liebesroman, den ich lese. Außerdem mein erstes Buch, in dem Gott gleichberechtigt neben dem Weihnachtsmann vorkommt. Naja, ich weiß nicht, ob ich Letzteren jetzt unbedingt gebraucht hätte. Und irgendwann nerven auch diese Mistelzweige ganz gewaltig. Aber die christliche Orientierung des Romans empfinde ich als sehr wohltuend. Es ist eine sehr angenehme leichte Winterlektüre, und genau das hatte ich ja jetzt gerade mal zur Abwechslung gebraucht.

Auch wenn mich der actionreiche Showdown gegen Ende nicht hundertprozentig überzeugte und auch beim ausführlichen Zelebrieren der Liebesromanze zwischen Eden und Beau für mich persönlich vielleicht etwas weniger mehr gewesen wäre, war es doch insgesamt ein sehr schönes Buch, intelligent und kurzweilig geschrieben, mit einer Grundthematik, die mich sehr angesprochen hat. Überzeugte vier Sterne!

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musik, rom, köln, familie, roman

Die Erfindung des Lebens

Hanns-Josef Ortheil
Flexibler Einband: 589 Seiten
Erschienen bei btb, 11.04.2011
ISBN 9783442739783
Genre: Romane

Rezension:

Staunend erfährt der Leser von einer Kindheit ohne Sprache. Der fünfjährige Johannes ist stumm, seine Mutter ist stumm. Wie es dazu kam, wissen wir zunächst noch nicht so genau, aber was wir wissen, ist dass die sprachlose Mutter und ihr sprachloser Sohn eine enge Symbiose bilden, einen Cocon, der schützt und gleichzeitig die Entfaltung des hochintelligenten Jungen behindert, der sehr genau begriffen hat, dass ihn seine Umwelt bereits zum Idioten abgestempelt hat. Und plötzlich und völlig unerwartet ist es da, das Klavier. Und holt zum unerhörten Befreiungsschlag aus. Auf einmal hat dieser hilflose kleine Junge ein Ziel, übt wie besessen und entpuppt sich als hochbegabtes Musiktalent. Aber dies ist erst der erste Schritt auf dem langen und mühsamen Weg in die Freiheit. Es wird sich zeigen, ob es dem verständnisvollen und kreativen Vater auch gelingen wird, seinem Sohn den Weg zum Erlernen der Sprache zu ebnen. Auf jeden Fall kein leichter Weg, denn der Kopf dieses Jungen funktioniert anders als gewöhnlich. Einen ausführlichen Einblick in seine Gedankengänge zu bekommen, ist absolut faszinierend, zumal mehr und mehr klar wird, dass es sich bei dem Roman eigentlich um Autobiographie, also um eine wahre Geschichte handelt.

Es ist ein Buch über die menschliche Sprache, faszinierend wie noch kein anderes Buch zu diesem Thema, das ich je gelesen habe. Als der junge Mann Jahre später in Rom angekommen ist und beschreibt, wie er entgegen seinen früheren Ängsten völlig mühelos und natürlich in die italienische Sprache hineinfindet, halte ich den Atem an. Es ist komplett faszinierend, wie Ortheil mit seiner einfachen und scharfen Beobachtungsgabe in wenigen Worten die Unterschiede zwischen der italienischen und der deutschen Sprache auf den Punkt bringt. Wieder und wieder lese ich ehrfürchtig diesen Absatz. Schlicht und genial. So muss gute Literatur sein.

Kaum ein moderner Roman kommt ohne Zeitsprünge aus. Vielleicht dient dieses Mittel hier auch dazu, durch die Sprünge in das gegenwärtige Erwachsenendasein des Autors die Vergangenheit zu verifizieren. Auf jeden Fall ist dieser Wechsel der beiden Zeitebenen hier gut auf einander abgestimmt und verdichtet sich gegen Ende folgerichtig und rund.

Eine Autobiographie, die zurecht ein Roman ist. Denn wenn die Rezension bei einer gewöhnlichen Biographie den Schluss verrät, stört sich kein Mensch daran. Hier aber werde ich schön stillschweigen, denn ich möchte den nächsten neugierigen Leser nicht um diesen wunderbaren Moment bringen.

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Warten auf Antwort

Margret Bechler
Flexibler Einband
Erschienen bei Ullstein TB, 01.02.1999
ISBN 9783548358222
Genre: Biografien

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Der stille Pfad

Joseph M. Marshall , Andrea Schleipen
Flexibler Einband: 240 Seiten
Erschienen bei Verlag Herder, 16.09.2014
ISBN 9783451071768
Genre: Sonstiges

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liebe, sizilien, italien, suche, offene fragen

Liebe zwischen zwei Welten

Susanne Wittpennig
Buch: 288 Seiten
Erschienen bei Brunnen, 01.09.2008
ISBN 9783765539039
Genre: Jugendbuch

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luther, theologie, religion, sachbuch, christliches leben

Luther – Lehrmeister des Widerstands

Uwe Siemon-Netto , Peter L. Berger
Flexibler Einband: 234 Seiten
Erschienen bei Fontis – Brunnen Basel, 29.08.2016
ISBN 9783038480921
Genre: Sachbücher

Rezension:

Was ist dran an dem weit verbreiteten Vorurteil, Luther habe die Deutschen zur Unterwürfigkeit erzogen und somit Hitler den Weg bereitet? Uwe Siemon-Netto untersucht gründlich die Entstehung dieser Legende und entkräftet sie nach Strich und Faden. Er widerlegt überzeugend "den verleumderischen Vorwurf der Verächter Luthers, er habe die Deutschen zu einem Volk von Duckmäusern erzogen, zu 'Fürstenknechten'. In Wahrheit war Luther der Lehrmeister der Résistance gegen jegliche Tyrannei."

Supersympathisch, dass der Autor uns, um seine lutheranischen Wurzeln zu erklären, seine sächsische Großmutter vorstellt, die zwischen zwei hingebungsvollen Gebeten locker einen Witz reißen konnte ("Wir grinsten und beteten weiter.") Die ganze Omi-Netto-Episode ist überhaupt herrlich.
So viel Humor hatte ich bei diesem akademisch anmutenden Titel nun wahrlich nicht erwartet und wurde angenehm überrascht.

Der Autor befasst sich zunächst ausführlich mit der Definition des Wortes Klischee - "Denn anders lässt sich die anhaltende und zumeist bösartige Verleumdung Luthers nich begreifen." Das Klischee, Luther wäre durch Hitler vollendet worden, entstand durch die Vereinnahmung des Reformators durch die "Deutschen Christen". Luthers Zwei-Reiche-Lehre wurde missbräuchlich als Legitimation der friedlichen Koexistenz der Kirchen mit einem totalitären Staat verwendet. Dieses Verbiegen seiner Lehre war der Grund für den späteren Vorwurf der Doppelmoral. "Der Vorwurf, Luther habe die Deutschen zur Duckmäuserei erzogen, übersieht seine unermüdlichen Ermahnungen an alle Christen, bei obrigkeitlichem Unrecht 'das Maul aufzureißen' [...]. Der Vorwurf, er sei ein Kriegshetzer gewesen, übersieht, dass er alle Angriffskriege verurteilte und die Soldaten zum Ungehorsam aufforderte, wenn ihnen Befehle erteilt werden, die gegen Gebote Gottes verstoßen." Luther verurteilte zwar die gewaltsamen Bauernaufstände, da sie einen Missbrauch des Evangeliums darstellten und da er die Anarchie fürchtete, auf die sie zustrebten, aber er nahm auch den Fürsten gegenüber kein Blatt vor den Mund und schimpfte über faule und unnütze Prediger, "die den Fürsten und Herren ihre Laster nicht sagen". Ausführlich weist Siemon-Netto nach, dass Luther nicht nur von jedem Pfarrer, sondern auch von jedem einzelnen Bürger Zivilcourage forderte. Auch der Rassismus-Vorwurf hält einer genaueren Untersuchung nicht stand. Schließlich war es Luther, der uns Christen daran erinnerte, Jesus sei kein Heide, sondern ein Jude gewesen. Die Judenfeindlichkeit, die bei Luther im Alter mit Vehemenz durchbrach, verurteilt der Autor zwar als menschliche Schwäche des großen Reformators, hält sie aber für allein theologisch und nicht rassistisch begründet.

Sehr aufschlussreich finde ich die Erläuterungen zu Luthers Zwei-Reiche-Lehre. Nicht immer bin ich mit dem Autor einer Meinung, was bestimmte politische Spitzzüngigkeiten angeht. Aber da er, getreu seiner eigenen Maxime, stets relativiert, kann ich diese als seine rechtmäßige Meinungsäußerung tolerieren, und sie tun der Qualität des Buches keinen Abbruch.

Als lebendiges Beispiel für die Widerstandsfähigkeit des Protestantismus führt Siemon-Netto unter anderem das "Magdeburger Bekenntnis" an, mit dem sich die Magdeburger Bürger gegen die Deckelung ihrer Religionsfreiheit durch Kaiser Karl V. wehrten.

Und nicht nur Luther wird in diesem bahnbrechenden Werk rehabilitiert: Wir lernen den Lutheraner Carl Goerdeler kennen, diesen wunderbaren Bürgermeister Leipzigs aus dem konservativen Lager, der 1936 mit seinem Rücktritt eindrücklich gegen die Zerstörung des Leipziger Mendelssohn-Denkmals protestierte, der in Folge von Land zu Land reiste, um der Welt die Augen zu öffnen über Hitler und die Nazis und der 1945 von den Nazi-Schergen hingerichtet wurde. Goerdelers Schriften aus jener Zeit faszinieren auf Grund ihrer schonungslosen Deutlichkeit, mit der er Hitler durchschaute: "Der Mann, der die Lehre von der Totalität der Partei immer besessener aufgestellt hat, ... kann ebensowenig einen anderen Gott neben sich dulden, wie er keiner anderen Weltanschauung Raum und Freiheit zur Entwicklung geben kann ... Am Judentum hat ihn am stärksten gereizt und zum Hasse entflammt die Lehre von dem einen Gott, der das ganze Leben des Menschen mit seinen Gesetzen und Geboten durchdringt. Die nächste in der Reihe des Hasses ist die christliche Religion. Demut und Nächstenliebe machen ihn rasend und wild. Das Geheimnis des Lebens macht ihn rasend. [...]" Erschütternd ist, zu lesen, dass gerade bei einflussreichen britischen und amerikanischen Meinungsmachern und Politikern die Vorurteile gegen die Deutschen so tief saßen, dass sie Goerdeler und den sich formierenden deutschen Widerstand nicht ernstnahmen ... und plötzlich befinden wir uns mitten in der alten Debatte über die kollektive Schuld eines Volkes, und wir sehen auf einmal, wie sehr das Klischee von der Verderbtheit des deutschen Volkes durch systematisches Ignorieren des deutschen Widerstands und das Dämonisieren einer ganzen Nation diesem alternativlos aufgedrückt wurde.

Ich finde dieses Werk durchaus für den Laien verständlich. Fachbegriffe wie "anthropozentrisch" werden zwar hin und wieder verwendet, aber immer gleich auch an Ort und Stelle oder per Fußnote im Anhang erklärt. Einzig bei der oft erwähnten "Zwei-Reiche-Lehre" muss sich der noch unkundige Leser etwas gedulden; eine ausführliche Erläuterung erfolgt aber im Laufe der Lektüre. Gelegentliche lateinische oder auch schon mal französische Zitate werden anständigerweise übersetzt. Sprachlich ist die Lektüre oft ein wahrer Genuss. "Das Luther-Klischee ist eine kirchengeschichtliche Maggi-Soße, mit der sich alle erdenklichen religionssoziologischen Gerichte würzen lassen." Ich liebe diese blumigen Bebilderungen! Manchmal möchte man am liebsten jeden Satz zitieren, so sehr trifft der Autor ins Schwarze.

Es ist Uwe Siemon-Netto daran gelegen, "Luthers Stimme wiederzuentdecken, die viel zu lange mit dem Sirup neuprotestantischer Gefühlsduselei zugekleistert war. Diese Stimme ist unverzichtbar angesichts des apokalyptischen Weltkonflikts, den der 'Islamische Staat' (IS) ausgerufen hat und der sowohl mit geistlichen als auch mit weltlichen Waffen ausgetragen werden muss."

Christen, lest dieses Buch! Und wappnet Euch, ein paar böse Worte auszuhalten, die Euch politisch nicht schmecken werden. Mir jedenfalls hat nicht alles geschmeckt, was der Autor ganz am Rande an politischer Meinung kundgetan hat. Lasst Euch dadurch nicht von dieser genialen Schrift abhalten! Sie ist weder zu hochgestochen noch zu abstrakt. Mit ein wenig gutem Willen kann man sich hervorragend hineinlesen und wird mit einer hochspannenden Lektüre belohnt, die an Stichhaltigkeit und Aktualität ihresgleichen sucht.

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biografien, bücher, monika dockter, ben, gemeinsames handeln

Die Seiten des Lebens

Monika Dockter
Flexibler Einband: 330 Seiten
Erschienen bei CreateSpace Independent Publishing Platform, 20.08.2016
ISBN 9781535373425
Genre: Sonstiges

Rezension:

Haben Sie noch nie erlebt, dass Ihre Wünsche Ihre persönliche Wahrnehmung trüben? ... Dass Sie alles, was nicht in Ihr Wunschdenken passt, einfach ausblenden oder totschweigen?!? ...

Normalerweise schreibe ich nicht über Buchcover.
Normalerweise.
Dieses Buch ist nicht normal.
Das Cover - wenn man es in Händen hält, ist man zunächst einmal erstaunt, ja erschrocken, über die Stumpfheit. Man dreht und wendet es, betrachtet es von allen Seiten, aber es bleibt stumpf - kein Glänzen, nichts spiegelt sich. Das bin ich von einem Taschenbuch nicht gewohnt. Die vorherrschende Farbe Schwarz-Anthrazit scheint alles Licht absorbieren zu wollen. Absorbierende Bücher. Ich habe mich nicht getäuscht. Auch darum wird es in diesem rätselhaften Buch gehen. Auch das Gefühl in der Hand ist komisch. Ich drehe das Buch um, und jetzt verstehe ich, warum das so sein muss: die Rose auf der Rückseite ist von einer plastischen Schärfe und Schönheit, die den Blick auf sich zieht. Dabei ist sie schon halb verwelkt ...

Vox audita perit, littera scripta manet. Die gehörte Stimme verhallt, das geschriebene Wort aber bleibt.

Ein solches geschriebenes Wort entstammt der altertümlichen Feder eines Gelehrten namens Justus Liebknecht. In dem kostbaren alten Buch, dass ebensoviel Faszination beim Betrachter auslöst wie es Begehrlichkeiten weckt, für die manch einer sogar bereit ist, über Leichen zu gehen, beschreibt Liebknecht seine phantastische Pilgerreise zu einer seltsamen Bibliothek, der "Seele aller Zeiten".

Kaum hält Theodore das Buch fasziniert in Händen, da wird es ihm auch schon wieder entrissen, und nicht nur das Buch. Nach diesem Tag ist sein Leben schlagartig nicht mehr, wie es vorher war. Könnte das Auffinden der im Buch beschriebenen Bibliothek ihm helfen, sein Glück wiederzufinden? Aber müsste man dazu nicht erst einmal das Buch wiederfinden?

Auch Buchhändlerin Lizzys Leben verändert sich. Sie hat die Nase voll vom verkaufszahlenorientierten oberflächlichen Chef ihrer Buchhandelskette und zieht nach Schottland, um dort Mitarbeiterin einer kleinen außergewöhnlichen Buchhandlung zu werden. Sie ahnt nicht, was sie dort erwartet.

Ben ist in Kricket eine absolute Niete, dementsprechend tendiert er auf der Beliebtheitsskala seiner Mitschüler in Richtung null komma null. Um diesem trüben Versagerdasein zu entkommen, flüchtet er sich jeden Namchmittag nach der Schule in Duncan Sheperds gemütliche Buchhandlung, mit lauschigen Leseecken und knackendem Kaminfeuer. Dort begegnet er eines Tages den beiden Erwachsenen Lizzy und Theodore, und plötzlich haben sie eine gemeinsame Mission: die Pilgerreise zur Seele aller Zeiten.

Ich habe den Eindruck, die Autorin muss sich zunächst ein bisschen warmschreiben. Wenn man sich aber erst einmal wohlwollend durch die anfänglichen sprachlichen Steifheiten gelesen hat, gewinnt die Story an Ideenreichtum, Charme und Poesie. Am besten gefallen mir von Anfang an die räumlichen und gegenständlichen Schilderungen, später auch die ungewöhnlichen Landschaftsbeschreibungen, die ich sprachlich sehr gelungen finde, ganz anders als vieles, was die Personen betrifft. Sätze wie "Kopfschüttelnd gesellte Simone sich zu ihm" -"Schon nach dem ersten Abschnitt blitzten Simones Augen interessiert auf" - "Ihre hellen blauen Augen richteten sich bittend auf ihn" klingen mir noch viel zu viel nach Grammatikübung. Dieser Roman hat eindeutig Besseres verdient! Denn die Szenerie gefällt mir außerordentlich. Die Dramaturgie stimmt. Immer wieder findet die Autorin kraftvolle und ungewöhnliche Bilder; ganz toll finde ich zum Beispiel die Beschreibung der verschiedenen Arten von Licht in der Bibliothek der Biographien. Und man bekommt eine Menge zu denken. Wird man durch die Flucht in einen aufregenden Abenteuerroman tatsächlich zum Helden? Oder eher zum augenschließenden und tatenlosen Feigling? Und was ist überhaupt Sinn und Zweck dieser Pilgerreise? Gibt es etwa eine Möglichkeit, Einfluss zu nehmen auf das Weltgeschehen, kann man eine Geschichte neu schreiben? Lizzy, Ben und Theodore geraten an ihre Grenzen und entdecken staunend, dass Bedürfnisse sich ändern, wenn man seinen Blickwinkel verändert. Bei all dem ist ihnen ständig ein gefährlicher und gewissenloser Büchersammler auf den Fersen - oder - sollte man eher sagen - sie sind ihm auf den Fersen?

Etwas zu farblos bleibt für meinen Geschmack die Rolle des sympathischen Katers Grinsekatze, der unverhofft mit auf die Pilgerreise gerät, aber immer nur dann in der Erzählung auftaucht, wenn seine Anwesenheit für den Fortgang der Geschichte unvermeidlich ist.

Trotz mancher Unzulänglichkeiten ist es ein wunderbares Buch, das ich, die ich am Anfang drauf und dran war, es erbarmungslos zu sezieren, mit wachsender Begeisterung und Bewunderung gelesen habe. Ich wünsche der Autorin, dass sie die Gelegenheit haben wird, es später noch einmal mit einem guten, kritischen Lektor zu überarbeiten und in einer Neuauflage herauszugeben. Im Augenblick ist es noch ein ungeschliffener Rohdiamant, aber die sind ja wertvoll ...

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besatzungsmacht, krieg, frankreich, flucht

33 Tage

Léon Werth , Tobias Scheffel , Antoine de Saint-Exupéry , Peter Stamm
Fester Einband: 208 Seiten
Erschienen bei S. FISCHER, 25.02.2016
ISBN 9783100025067
Genre: Sachbücher

Rezension:

Ich habe dieses Buch während der Lektüre der "Nachtigall" von Kristin Hannah entdeckt, als ich auf der Suche nach etwas "Echtem" über die dort beschriebenen Ereignisse war. Es handelt sich dabei um ein ganz spannendes zeitgeschichtliches Dokument, aufschlussreich und gleichzeitig poetisch und pointiert. Léon Werth, nicht nur ein Freund, sondern der Freund Antoine de Saint-Exupérys, dem dieser seinen Kleinen Prinzen gewidmet hat, befindet sich mit seiner Frau Suzanne in Paris, als die deutsche Wehrmacht im Juni 1940 das verblüffte Frankreich überrennt (Werth spricht von Hypnose, und das scheint es genau zu treffen). Sie verlassen die Stadt mit dem Auto, um das sechzig Kilometer weiter südlich liegende Saint-Amour in einer Tagesetappe zu erreichen. Es kommt anders. Für diese Strecke werden sie 33 Tage brauchen. Gigantische Fahrzeugkolonnen wälzen sich im Schritttempo die Nationalstraßen entlang, werden umgeleitet, beschossen, kommen für mehrere Stunden zum Stillstand, so lange, bis allen allmählich das Benzin ausgeht und jeder irgendwann zu Fuß weitermuss oder versucht, in einem der umliegenden Bauernhöfe Asyl zu bekommen. Dabei erlebt das Ehepaar sowohl menschlich Anrührendes wie auch Skurriles.

Überall machen sich auf den Höfen die deutschen Besatzer breit und werden von den Franzosen skeptisch-ratlos beobachtet, oder auch, in ganz wenigen Ausnahmefällen, hofiert, wie zum Beispiel von "der Soutreux", bei der einige Flüchtlinge für ein paar Tage eher mürrisch geduldet als herzlich aufgenommen werden, bis die Werths es nicht mehr aushalten und das Weite suchen.

Ich würde mich am liebsten beim Leser dafür entschuldigen, diese Worte wiederzugeben. Aber ich schreibe keinen Roman und wähle mir meine Figuren nicht aus. Außerdem hatte die Dummheit dieser Frau durch den Kontrast in diesen Stunden etwas Pathetisches." (über "die Soutreux")

Es ist sehr erhellend, zu lesen, wie unsere besetzenden Vorväter auf die Franzosen gewirkt haben. Wir erfahren zum Beispiel, dass mancher deutsche Soldat mit einer merkwürdigen Verbissenheit verspielt ist - was französische Männer überhaupt nicht verstehen können. Außerdem erfahren wir, dass die Kunst des Pfeifens den Deutschen zu eigen ist. Da muss ich doch schmunzeln.

Manchmal ist es auch kaum erträglich. Als deutscher Leser lernt man hier Fremdschämen, wenn man dieses Wort bisher nur vom Hörensagen kannte. Die Franzosen sind zum Beispiel nicht so viel nackte Haut gewohnt, und die deutschen Soldaten laufen mit Vorliebe oberkörperfrei und mit kurzen Hosen auf den besetzten Anwesen und inmitten der Landbevölkerung herum. Dies in Kombination mit der strammen militärischen Organisation wirkt schon irgendwie derb. Bei Werth liest es sich so:

Sie tragen Badehosen und marschieren in Viererreihen singend im Gleichschritt. Aber ihr Gesang ist militärisch organisiert, vom Soldatenhandbuch bestimmt und wie Trommelschläge festgelegt. ...


Manchmal ist es hinreißend komisch. Abel Delaveau, dieser wunderbare Bauer von Chapelon, bei dem Werth mit seiner Frau schließlich Asyl gefunden hat, versucht, den deutsche Besatzern Krieg und Frieden zu erklären:

Im Wesentlichen sagte er: "Daladier, Chamberlain, Göring, Hitler, alles Dreckskerle..." Was er auch für Anstrengungen unternommen hat, einfach zu sprechen, die Soldaten haben ihn nicht verstanden, und vielleicht war das auch besser für ihn. Aber der Tonfall von Abel Delaveau ist von solcher Überzeugungskraft, dass die Soldaten zustimmend mit den Köpfen nicken.


Nicht alle deutschen Soldaten sind so unsensibel, dass ihnen ihre Siegerrolle gegenüber der Bevölkerung nicht unangenehm wäre:

An der Tür des Bürgermeisterei-und Schulgebäudes lässt ein deutscher Offizier meiner Frau höflich den Vortritt. Er zögert, und dann, in recht gutem Französisch: "Haben Sie Angst vor uns, Madame?" - "Angst? Nein, Monsieuer. Aber solange Sie bei uns diese Kleidung tragen (sie zeigt mit dem Finger auf seine Uniform), solange werden Sie mein Feind sein." - "Aber unser Führer hat den Krieg nicht gewollt. Frankreich hat ihn erklärt." - "Ich habe Mein Kampf gelesen ..." Der Offizier scheint betreten und antwortet: "Man verändert sich ... man kann sich verändern, und die Schuld liegt bei den Engländern, die verdammt nochmal, die Welt beherrschen wollen."


Allgemein hat man den Eindruck, dass viele der Besiegten über ein gesundes Selbstbewusstsein verfügen. Stark, wie die wackere Delaveau-Bäuerin einen der einquartierten deutschen Soldaten beim Stehlen eines Eis erwischt. Sie hat Autorität. Der Deutsche gibt das Ei wieder heraus ... Man hat keine Nachrichten, außer den einseitigen Propagandameldungen der Besatzer. Oder irgendjemand erzählt, irgendjemand habe im Radio gehört, dass irgendetwas ... Verlässliche Schlüsse können die im eigenen Land Gefangenen nur aus dem unmittelbar Sichtbaren ziehen, wie Léon Werth aus dem Verhalten des Eierdiebes:

Ich bin darüber erstaunt, dass der Soldat nachgegeben hat, und zwar nicht sofort, wie ein beschämter Dieb, sondern nachdem er gedroht und geschrien hat. Ich sehe darin das Ergebnis einer Entscheidung von oben, eines Befehls des Oberkommandos. Das Deutschland Hitlers will vorerst nicht nur durch den Schrecken herrschen.

 Viele Tage hängen Léon Werth und seine Frau auf dem Hof von Abel Delaveau fest, was nicht die schlechteste Unterkunft ist. Aber sie sorgen sich mehr und mehr um ihren Sohn und wollen weiter, um sich in die "Freie Zone" durchzuschlagen. Das Wunder vollbringt dann der von ihm "Koloss" genannte deutsche Soldat, der für Werth 30 Liter Benzin stiehlt und sich kaputtlacht, weil dieser es ihm bezahlen will. Das Eis zwischen Sieger und Besiegten ist hier aufgebrochen. "Ich habe ihn nach seiner Adresse in Deutschland gefragt. Ich habe mir vorgenommen, ihm nach dem Krieg ein Fass Beaujolais zu schicken. Werde ich es jemals können?" Es sind solche Stellen, die mir einen Schauer über den Rücken jagen.

Hin und wieder hält der Autor für eine philosophische Betrachtung das Geschehen an. Nicht alles ist leicht zu lesen. Nicht jede feine Anspielung kann man als deutscher Leser des 21. Jahrhunderts verstehen. Es macht nichts. Ich finde dieses zeitgeschichtliche Dokument dennoch sehr spannend, großartig in Sprache und Aussage. Vielleicht gerade, weil es so nüchtern geschrieben ist, sind bestimmte Stellen so bewegend.


Neben der aussagekräftigen Einleitung von Saint-Exupéry findet sich im hinteren Teil des Büchleins noch eine lesenswerte Kurzbiographie über Léon Werth aus der Feder Peter Stamms.

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frankreich, zweiter weltkrieg, schwestern, resistance, 2. weltkrieg

Die Nachtigall

Kristin Hannah , Karolina Fell
Fester Einband: 608 Seiten
Erschienen bei Rütten & Loening Berlin, 19.09.2016
ISBN 9783352008856
Genre: Romane

Rezension:

"Irgendetwas über das Croix de Guerre. Hat das etwas mit dem Zweiten Weltkrieg zu tun? Geht es um Dad?"
Tja. Männer denken immer, der Krieg hätte nur mit ihnen zu tun.


Vianne und Ihre Schwester sind teilweise ohne Eltern aufgewachsen. Besonders die jüngere Isabelle leidet seitdem unter dem Gefühl, abgeschoben zu werden, ganz besonders vom Vater, der völlig verändert aus dem ersten Weltkrieg zurückkehrte. Auch jetzt, da die Deutschen in Paris einrücken und er sie aufs Land schickt, um sie zu schützen, hat sie das Gefühl, dass er sie nur loswerden möchte. Sie kennt den Krieg noch nicht, wird ihn aber bald kennenlernen. Auf die allgemeine Verwirrung während der überraschenden Besetzung durch die Deutschen reagieren beide Schwestern völlig unterschiedlich. Isabelles patriotische Gefühle erwachen, und die gerade mal Siebzehnjährige will sich unbedingt der Résistance anschließen, während Vianne, bereits Mutter, sich vor allem Sorgen macht, wie sie ihre Familie in diesen unsicheren Zeiten durchbringen soll. Beide Schwestern, jede auf ihre Weise anfänglich noch sehr naiv, wachsen mit den Herausforderungen allmählich über sich selbst hinaus. Isabelle soll zu jener wichtigen Verbindungsperson werden, die zahllose abgestürzte alliierte Piloten heimlich über die Pyrenäen nach Spanien bringt und ihnen so das Leben rettet.

"Allzu oft werden die Geschichten von Frauen im Krieg übersehen und vergessen. Frauen neigen dazu, aus dem Kampf zurückzukehren, zu schweigen und mit ihrem Leben weiterzumachen", schreibt Kristin Hannah in ihrem Nachwort. Diese Frauen hat die Autorin in der "Nachtigall" eindrücklich portraitiert. Was spielt es am Ende noch für eine Rolle, dass die Geographie der Pyrenäen nicht ganz korrekt wiedergegeben wurde, dass die Nachtigall tatsächlich Nachtigall heißt und ein sehr verräterischer Deckname ist? Es spielt auch keine Rolle, dass es mir nicht so gut gefällt, ständig kleine einfache Redewendungen wie "Mon Dieu" in französisch neben der Erzählsprache zu lesen - soll man dadurch daran erinnert werden, dass die Geschichte in Frankreich spielt? Vielleicht hört es sich ja auch im amerikanischen Original weniger aufgesetzt an? - Vor dem grandiosen und atemberaubenden Gesamtszenario und der mitreißenden Sprachgewalt diese Epos verblassen solche Inkorrektheiten zu Erbsenzählereien. Vielleicht wusste die Autorin auch nicht, dass Basken untereinander baskisch sprechen und dass das wirklich kein Mensch verstehen kann, aber unterm Strich hat sie schon eine sehr gute Recherchearbeit geleistet. Wenn ich auch einige Kapitel gebraucht habe, um das voll anerkennen zu können.

In eindrücklichen Bildern schildert die Autorin das Hineinschlittern des ahnungslosen französischen Volkes in den Albtraum der Nazi-Besatzung. Zu dieser Ahnungslosigkeit passt eine anfängliche Oberflächlichkeit der Kommunikation der Hauptfiguren, die mich zunächst etwas gestört hatte, die sich aber im Fortlauf der Handlung verflüchtigt und sich im Nachhinein stimmig in das Gesamtbild einfügt.

Es gibt einen einzigen Kritikpunkt, den ich aufrechterhalten muss:

Wie die Flüchtlinge aus Paris auf das Viannes Haus in Carriveau zukommen - da hatte ich doch den Eindruck, die Autorin hat zu viele Zombiefilme gesehen. Das gibt es nicht, so eine Wand von wandelnden Halbleichen, die nach drei Tagen Pilgerschaft alle in einer Reihe wie die Heuschrecken in ein Dorf einfallen. Jeder Mensch hat sein eigenes individuelles Wandertempo. Das streut sich. Außerdem gab es viele Fahrradfahrer, die schon eher hätten da sein müssen. Das ist ja nicht so wie beim Syrienkrieg, dass es plötzlich nur noch einen Korridor gibt. Es gibt Weggabelungen. Die eine führt in das Dorf A, die andere in das Dorf B. Und tausende Felder gibt es, die die Flüchtenden auf ihrem Weg gen Westen hätten überqueren können. Hier gehen sie alle über ein Einziges, als hätten sie einen Marschbefehl ... Mir gefällt es überhaupt nicht, dass mir als Leser ein solches Bild von Flüchtlingen im Hirn implantiert wird.

Abgesehen davon: Es ist ein bedrückender und zugleich wunderbar hoffnungsfroher Roman. Er nennt Dinge beim Namen, die mancher lieber unausgesprochen ließe. Ich habe nicht damit gerechnet, einiges mir vom Hörensagen vertraute so nah in diesem Buch beschrieben zu bekommen. Das moralische Empfinden wird beim Lesen in Bewegung versetzt; man erregt sich, fällt sein Urteil, revidiert es wieder, staunt, hofft, ist fassungslos. Und man begreift: Es gibt wahre Heldentaten, und sie sind anders, als wir sie uns vorgestellt haben.

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