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141 Bibliotheken, 15 Leser, 2 Gruppen, 66 Rezensionen

kamerun, usa, new york, finanzkrise, amerika

Das geträumte Land

Imbolo Mbue , Maria Hummitzsch
Fester Einband: 432 Seiten
Erschienen bei Kiepenheuer & Witsch, 16.02.2017
ISBN 9783462047967
Genre: Romane

Rezension:


Die Story:
Nachdem er mit Hilfe von Verwandten den Weg vor Ort einige Jahre bereitet hat, holt Jende Jonda seine Frau Neni und ihren gemeinsamen Sohn Liomi aus der beschränkten Welt einer Hafenstadt in Kamerun nach ins gelobte Amerika, namentlich nach New York City, immer schon das Einfallstor hoffnungsvoller Migranten, die sich dort ein besseres Leben und sozialen Aufstieg erhoffen. Das Land, wo es jeder schaffen kann, wenn er nur hart genug arbeitet. So der leicht überkommene Glaube. Am Willen hierzu mangelt es den Jondas auch gewiss nicht. Zunächst läuft alles nach Plan. Jende ergattert einen Chauffeurjob bei dem Wall-Street-Banker Clark Edwards und seine Frau beisst bis zur Geburt des zweiten Kindes in einem Altenpflegejob auf die Zähne, voller Hoffnung, ihr parallel laufendes Studium irgendwann mit dem Abschluss Pharmazie beenden und dann in Amerika gutes Geld verdienen zu können. Trotz des sozialen Gefälles zwischen der abgehobenen Upperclassfamilie und den verbissen aufstrebenden afrikanischen Neuankömmlingen entwickelt sich zwischen ihnen zunächst ein vertrauensvolles gutes Verhältnis, das hoffen lässt. Alles verändert sich mit der großen Bankenkrise in 2008, als Edwards Arbeitgeber pleite geht und damit das ganze Gebilde ins Wanken gerät, bei den Edwards zusätzlich belastet durch massive Eheprobleme, auf Seiten der Jondas durch plötzlich fehlende Einkünfte, wegbrechende Zukunftsperspektiven und dadurch sich immer weiter potenzierende Spannungen auch in ihrer Familie.


Meine Meinung:
Die Autorin stammt selbst aus der im Buch beschriebenen kamerunischen Hafenstadt und lebt seit einigen Jahren in New York, womit in dem Roman wohl einiges an autobiographischen Erfahrungen verarbeitet sein dürfte. Der Schreibstil ihres Erstlingswerks ist überzeugend, ansprechend und gut leserlich. Die story um die mit aller Macht, so verbissen wie auch naiv agierenden Jondas ist interessant und, gerade wenn man sich mit der amerikanischen Mentalität und den dortigen juristischen Grundlagen und Haltungen zu "internationalen" Einwanderern ein wenig im Detail befasst hat, hier glaubhaft und nachvollziehbar umgesetzt. Die einzelnen Charaktere sind auf Seiten der Edwards erwartungsgemäß stereotyp. Er der gestresste hardworking-Banker, sie die gelangweilte, leicht degenerierte Upper-East-Lady mit Selbstfindungsproblemen.  Da fehlt dann immer nur noch der kleine Funke, der diese explosive Mischung hochgehen lässt. Auf der anderen und eigentlich interessanteren Seite der Jondas die Portraits zweier von ihrer afrikanischen Herkunft geprägten und sich dadurch im Land der Freien immer wieder selbst behindernden Menschen, die sich in ihren Anfang des neuen Jahrtausends bereits eher verblendeten Traum vom tollen sicheren Sozialaufstieg im sagenhaften Amerika verbeißen und verlieren. Er dabei ein intellektuell eher eingeschränkter Charakter mit ausgeprägtem Gefühl für Anstand, familäre Fürsorge und Ehre, sie eine Frau, die sich bei Bedarf auch verbiegt, bereit ist, für ihre Ziele alles zu investieren, notfalls mit dem Kopf durch die Wand, und dabei auch nicht vor abstrus-abwegigen Überlegungen und Taten zurück schreckt. Dies als tragende Grundlage des Buches in Verbindung mit der später immer weiter eskalierenden Gesamtsituation hält den Leser bei der Stange; hier möchte man wirklich wissen, wie es am Ende denn ausgeht. Dass Mbue zuletzt doch noch alles irgendwie verquast und weichspült, kostet für mich zwar einen Stern und stellt nicht so ganz zufrieden. Abgesehen davon aber ein lesenswertes, gut recherchiertes und äußerst realitätsnahes Buch. Als Gesamtpaket durchaus eine Leseempfehlung

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2 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 0 Rezensionen

Die Welt im Rücken

Thomas Melle
E-Buch Text: 352 Seiten
Erschienen bei Rowohlt E-Book, 26.08.2016
ISBN 9783644100022
Genre: Sonstiges

Rezension:  
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20 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

erfolg, verhalten, lebenseinstellung, leistung, gladwel

Überflieger

Malcolm Gladwell , Jürgen Neubauer
Flexibler Einband: 272 Seiten
Erschienen bei Piper, 01.10.2010
ISBN 9783492258197
Genre: Sachbücher

Rezension:

Was macht einen Menschen zum sogenannten Überflieger, dem nach landläufiger Meinung ohne große Anstrengung alles von selbst "zufliegt", der sich so an die Spitze der Erfolgskette setzt, es zu Macht, Geld und Ansehen bringt? Ist es genetische Prägung, absoluter Leistungswille, hartes Arbeiten, eine geförderte Erziehung, ein wohlhabendes Elternhaus, der kulturelle Hintergrund, die soziale Prägung? Oder von allem etwas? Und warum schafft es der Eine, der Andere jedoch nicht?

Diesen Fragen widmet sich der amerikanische Autor in seinem Buch aus den verschiedensten Blickwinkeln und in teils akribischer Analyse der Familienhintergründe und Werdegänge sowohl weltbekannter wie auch normalsterblicher Persönlichkeiten und kommt dabei zu der überraschenden Erkenntnis, dass neben einem natürlich immer hilfreichen IQ, Geld und einer hohen Sozialkompetenz letztlich aber das Glück im Sinne eines "im richtigen Moment am richtigen Ort/in den richtigen Lebensumständen sein" hier der entscheidende Faktor für den großen Erfolg ist. Damit wird dieser also maßgeblich von außen und weniger durch die Möglichkeiten des Betroffenen selbst beeinflusst. Diese These belegt er in seinem Werk auch glaubhaft und nachvollziehbar anhand der Wege verschiedenster Menschen wie Bill Gates, Robert Oppenheimer, verschiedener amerikanischer Staranwälte und Industrieller, Musikgrößen usw.. Das Ganze präsentiert er - abgesehen von wenigen amerikatypisch extrem durchgestylten Statistiken-  keineswegs trocken und lehrbuchhaft, sondern lebensnah und spannend. Absolutes Highlight ist dabei das Kapitel über bis ins Feinste aufbereitete Analysen von Flugzeugkatastrophen der Vergangenheit, bei denen eine tief verinnerlichte kulturelle Hierarchieprägung fernöstlicher Cockpitbesatzungen zu Missverständnissen und damit absolut vermeidbaren Verkettungen von Fehlern mit tödlichem Ausgang führten.

Ein durchgängig überzeugendes, super interessantes Buch, das einem viele neue Erkenntnisse und Denkansätze mit auf den Weg gibt. Verdiente volle Punktzahl.

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181 Bibliotheken, 22 Leser, 1 Gruppe, 15 Rezensionen

freundschaft, ein wenig leben, hanya yanagihara, roman, missbrauch

Ein wenig Leben

Hanya Yanagihara , Stephan Kleiner
Fester Einband: 958 Seiten
Erschienen bei Hanser Berlin, 30.01.2017
ISBN 9783446254718
Genre: Romane

Rezension:  
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1 Bibliothek, 0 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

Vom Dauerstress zur Depression

Anna Maria Möller-Leimkühler
Fester Einband: 279 Seiten
Erschienen bei Fischer & Gann, 10.08.2016
ISBN 9783903072336
Genre: Sachbücher

Rezension:

Kompetente Bestandsaufnahme einer immer noch weitgehend tabuisierten Krankheit mit Schwerpunkt auf die männliche Betroffenheit. Interessant, praxisnah und gut lesbar umgesetzt.

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4 Bibliotheken, 0 Leser, 1 Gruppe, 2 Rezensionen

familie, dorf, roman, stadt und stad

Dieser Volkszähler

China Miéville , Peter Torberg
Fester Einband: 176 Seiten
Erschienen bei Liebeskind, 23.01.2017
ISBN 9783954380718
Genre: Fantasy

Rezension:

Uff. Was war das denn jetzt? Wirklich ein Miéville? Kaum zu glauben. Dafür steht das schmale kurze Buch mit seiner irgendwie verworrenen, verquasten, unfertigen Geschichte so ganz im Gegensatz zu den bisherigen überbordenden Werken des Autors. Die Geschichte spielt irgendwo in der Bergregion einer der typischen kargen, mittelalterlich angehauchten Welten im Nirgendwo. Hauptperson ist ein kleiner Junge, der mit seinen Eltern hoch oben auf dem Berg wohnt, wo es von unheimlichen Wesen, allen voran seine höchst eigenartigen Eltern, nur so wimmelt. Irgendwann rennt der Junge schreiend vom Berg in das unterhalb gelegene Dorf und berichtet, sein Vater habe seine Mutter umgebracht. Niemand will ihm glauben. Und dann geschehen viele unheimliche Dinge.

Enttäuschung ist ein eher schwacher Begriff für mein Empfinden nach Zuklappen des Buches. Das ganze beschriebene Szenario bleibt von vorne bis hinten undurchsichtig und leider auch bis zum Ende unerklärt. Auf Einzelheiten einzugehen lohnt hier nicht mal. Man bleibt als Leser einfach ratlos zurück und fragt sich, was der Meister der weird fiction wohl mit diesem Buch bezweckt haben mag. Allein die unverändert geniale, wie immer beklemmende und düstere Weltenbeschreibung verhilft hier zum zweiten Stern.

Bleibt einfach zu hoffen, dass Miéville mit seinem nächsten Werk wieder zu gewohnter Form zurückkehrt. Nichts für ungut, aber das war nichts.

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20 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 16 Rezensionen

soziophobie, hündchen, gesellschaft, manuel wagner, nur ich bin normal

Nur ich bin normal

Manuel Wagner
Flexibler Einband: 114 Seiten
Erschienen bei CreateSpace Independent Publishing Platform, 14.11.2016
ISBN 9781540388001
Genre: Sonstiges

Rezension:


Soziophobie versus Soziomanie. Soweit kurz und knapp das Thema des Buches. Der fiktive Protagonist, aus dessen ganz persönlicher Sicht die Dinge hier erzählt werden, gehört eindeutig zu den Verfechtern ersterer Kategorie, bekennt sich auch stolz und unerschütterlich dazu und lebt entsprechend. Wir begleiten ihn in schnellen Schritten und vielen kurzen knackigen Kapiteln auf seinem Lebensweg vom unerhörten Moment seiner Geburt, mit dem das ganze Elend begann, bis in seine Studienjahre an irgendeiner Uni hinein. Als denkendes, permanent sich und seine Umwelt reflektierendes Individuum richtet er sich von Anfang an reichlich bequem ein in seiner vollständigen inneren Ablehnung und seinem Unverständnis allen anderen Mitmenschen gegenüber, die ihm zu laut, zu aufdringlich, zu doof, zu unverschämt und vor allem viel zu angepasst daherkommen in ihrem Wahn, sich allem und jedem, was eben gerade hip oder gesellschaftskonform ist, anzubiedern und gemein zum machen, im Grunde also einfach nur unverbesserlich störend und belastend sind. Was dann logischerweise im Gegenzug zu kleinen und großen Retourkutschen und Denkzetteln in Form körperlicher Angriffe in der Schulzeit bzw. Ausgrenzung in späteren Jahren führt.

Der Autor befasst sich im Buch mit einem eigentlich eher ernsten Grundthema, das auch dem Normalsterblichen wie unsereinem in abgeschwächter oder auch massiverer Form durchaus bekannt vorkommen dürfte. Hier in gelungener Verpackung voller humoresker und teils absurder Situationskomik, die sich einfach aus der einseitig überspitzten Arroganz, Denklogik und Verhaltensweise der Hauptperson ergibt. Ich bin normal, alle anderen sind krank, ihnen ist nicht zu helfen, also ziehe ich mich komplett zurück in meine eigene heile Welt, so die einfache Konsequenz. Das alles trotzdem natürlich verbunden mit permanentem inneren Unbehagen und mit Angst vor zwischenmenschlichen Kontakten aller Art. Kann natürlich irgendwie alles nicht gut gehen und tut es auch nicht. Die Argumentation und die verdrehten Herleitungen im Kopf des Buchhelden sind natürlich ganz offensichtlich so überzeichnet, dass man das Ganze durchaus als zeitgemäße, gut gemachte Unterhaltung mit zugegebenermaßen durchaus kritischen Denkansätzen auch Richtung Leser genießen kann. Mir hat´s jedenfalls gut gefallen. Kurzweiliger Lesespaß mit verstecktem Tiefgang.

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33 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 6 Rezensionen

familie, vater-tochter-beziehung, lebensgeschichte

Vater des Regens

Lily King , Sabine Roth
Fester Einband: 400 Seiten
Erschienen bei Beck, C H, 29.08.2016
ISBN 9783406698057
Genre: Romane

Rezension:


Der Vater:
Es ist Jahre her, dass ich bei meinem Vater den letzten Wutausbruch ausgelöst habe. Ich habe sie vor langer Zeit zu umschiffen gelernt. Ich lenke das Gespräch ... auf kein Thema, das sich, und sei es noch so entfernt, mit meiner Mutter in Verbindung bringen lässt. Ich stichle nicht und stecke Sticheleien mit einem Lächeln ein; ich behalte meine Gedanken und Meinungen weitestgehend für mich. Ich stelle Fragen. Ich mache mich nützlich. Ich rede nicht über meine Interessen, meine Beziehungen oder meine Ziele. So erkaufe ich mir meinen Frieden.

Die Mutter:
... weil es für mich der leichtere Weg war, einfach den Rücken zu kehren, mitsamt all den Erinnerungen an sie, meine Mutter, die mich geliebt, aber nicht beschützt hat, die mich Wochenende für Wochenende beim meinem Vater verbringen ließ, jahrelang, obwohl ich hinterher jedes Mal wie ein wildes Tier war, und die nie wissen wollte, warum.

Das Kind:
Sie heißt Daley Amory und ist anfangs elf Jahre alt. Und so beschreibt sich in knappen Worten das Leben dieses unverstandenen Mädchens, das uns seine erdrückende Lebensgeschichte, startend Mitte der Siebzigerjahre, selbst hautnah erzählt. Der Vater ein neureicher, bornierter, emotional abgestumpfter Mensch, der sich einen Dreck um seine Kinder schert, sondern nur seinem Ego frönt und sich gerade mal für seine Hunde, Tennis, republikanisches Gedankengut und das gesellschaftliche Leben in seinem amerikanischen Ostküstenkaff interessiert. Und natürlich zuallererst für seine unzähligen täglichen Drinks, die er zelebriert und kippt und die ihn dann zu einem menschenverachtenden, cholerischen Monster mutieren lassen, das seine Familie terrorisiert. Bis dann eines Tages Daleys Mutter von jetzt auf gleich ihre Tochter und ihre Siebensachen schnappt und sich absetzt. Was der verletzten Kinderseele aber keinerlei Entlastung, sondern nur noch mehr Qualen bringt, denn nach der Scheidung beginnt ein jahrelanges Pendeln zwischen verfeindeten Elternteilen inklusive deren jeweils neuen Partnern. Hilfe ist da von keiner Seite zu erwarten, zumal der ältere Bruder schon lange weg gezogen ist und alle anderen Erwachsenen der Stadt konsequent weg schauen.

Das Buch:
Ist großartig! Meisterhaft und berührend die Sprache und die Personenzeichnungen des Romans, die den Leser sofort in Bann ziehen und bis zum Schluss nicht mehr los lassen. Die Autorin schafft es zum einen wohltuend, typisch süßlich-amerikanische Befindlichkeitsdokumentationen auf ein absolutes Mindestmaß zu beschränken , dafür bietet die Geschichte auch wahrlich kaum Anlässe. Viel überzeugender ist , wie man hier eine Frau aus ihren prägenden Kindertagen mit einem Alkoholiker heraus bis in ihr mittleres Alter hinein auf ihrem interessanten, verschlungenen wie problematischen Lebensweg begleiten darf (den man nicht erzählen kann, sondern einfach selbst lesen muss) und vor allem, wie ihre schlimmen familiären Erfahrungen unabdingbar ihre frühe wie spätere Persönlichkeitsentwicklung massiv beeinflussen. Und wie sie als Tochter einfach nicht anders kann, als ihrem berechnenden, vulgären und abstoßenden Vater immer weiter die Treue zu halten und sich von ihm trotz aller Beschränkungen ihres eigenen Lebens einfach nicht lösen kann. Da möchte man als Leser am liebsten manchmal einfach dazwischen gehen, so gut ist das gemacht. Ein bis zuletzt absolut überzeugendes Buch und echtes Lesehighlight 2017.

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202 Bibliotheken, 1 Leser, 2 Gruppen, 89 Rezensionen

new york, familie, geschwister, usa, erbschaft

Das Nest

Cynthia D'Aprix Sweeney , Nicolai Schweder-Schreiner
Fester Einband: 410 Seiten
Erschienen bei Klett-Cotta, 13.02.2017
ISBN 9783608980004
Genre: Romane

Rezension:


Vier Geschwister sind es, die sich hier als mehr oder minder flügge Vögelchen ums warme Nest versammeln. Nur dass sie nicht mehr von ihrer Mutter gefüttert und versorgt werden, das hat´s nie gegeben, alldieweil diese leider von Anfang an weder sowas wie elterliches Verantwortungsbewusstsein gespürt hat noch von irgendeiner Sozialkompetenz gebeutelt wurde und sich stattdessen lieber um sich selbst und ihr eigenes Leben gekümmert hat. Und das Nest ist natürlich auch kein kuscheliges, Sicherheit spendendes Refugium aus Stroh für die Kleinen, sondern ein Treuhandfonds, den der inzwischen verstorbene Vater der vier als kleines finanzielles Zubrot für seine Kinder vor langer Zeit mal angelegt hatte. Bedauerlicherweise mit der Maßgabe, dass seine Nachkommen hierüber erst verfügen dürfen, wenn der Jüngste von ihnen 40 Jahre alt ist. Noch bedauerlicher ist allerdings, dass seine zweifelhafte Gattin nach seinem Tod für "Notfälle" über das Vermögen verfügen durfte, wozu es natürlich auch gekommen ist, da sie hiermit still und leise ihrem Ältesten aus einer prekären Notlage geholfen hat. Und während die drei anderen nichtsahnenden Geschwister, in ihrem fünften Lebensjahrzehnt angekommen, alle selbst finanziell schwer unter Druck, davon ausgehen, in Kürze jetzt endlich satten Mammon abgreifen zu können, wissen nur Bruder und Mutter, dass sich im Nest nur noch ein kleiner kaum erwähnenswerter und nicht gerade zur allgemeinen Problemlösung geeigneter Bodensatz befindet. Das hat natürlich Folgen.

Und wer sind die vier? Da ist Melody, die Jüngste, geistig eher einfach strukturiert, die mit Mann und zwei halbwüchsigen Töchtern in der Vorstadt lebt und so gerne gesellschaftlichen Status und Anerkennung erlangen möchte, aber leider nicht mal weiss, wie sie die Collegegebühren der Kids demnächst bezahlen soll. Dann Jack, seit einiger Zeit mit seinem langjährigen Lebensgefährten verheiratet, dem das Wasser auch bis zum Hals steht, da sein kleiner Antiquitätenladen seit Jahren ein Zuschussgeschäft ist und er sich deshalb bereits am ehelichen Immobilienvermögen vergriffen hat. Bea, Möchtegernschriftstellerin, die seit Ewigkeiten an ihrem ersten Roman laboriert und auf den großen Durchbruch hofft, aber im Grunde bei fehlenden Einkünften nur Ausgaben produziert, eine langfristig eher ungesunde Entwicklung. Und dann noch Leo, der Älteste, der Star, der mit allen Wassern gewaschene Typ, zu dem die anderen immer aufgeblickt haben, der im richtigen Moment sein florierendes Medienunternehmen verkauft, Kasse gemacht und dann gemeinsam mit einer gelangweilten Luxusehefrau alles wieder verprasst hat. Die Scheidung läuft, Zukunftsperspektiven sind mau, und der vierzigste Geburtstag seiner Schwester steht kurzfristig an, somit der langerwartete große Geldverteilungstermin, an dem er notgedrungen Butter bei die Fische tun muss.

Soweit die Ausgangslage des Buches, das mit einer flotten, witzigen Story, einigen guten Ideen und Wendungen, viel New Yorker Lokalkolorit, und gut gebastelten, lebensnahen Figuren aufwartet. Damit stört dann auch das zuletzt etwas konstruiert wirkende Ende und die leicht überhastete Verknüpfung der zunächst geschickt gelegten Handlungsfäden nicht sonderlich. Erfrischende Dialoge unter den Geschwistern, von denen jeder sein ganz eigenes Süppchen kocht, runden das Ganze ab. Insgesamt habe ich mich hier gut unterhalten gefühlt. Gelungener Debütroman der Autorin.

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43 Bibliotheken, 2 Leser, 0 Gruppen, 5 Rezensionen

familie, einsamkeit, hamburg, nachdenklich, neuanfang

Über den Winter

Rolf Lappert
Fester Einband: 384 Seiten
Erschienen bei Hanser, Carl, 24.08.2015
ISBN 9783446249059
Genre: Romane

Rezension:


Lennard Salm, Endvierziger, Single, Aktionskünstler, sammelt als Vorbereitung für sein neues Projekt gerade im Nirgendwo der lampedusischen Küste Treibgut gestrandeter afrikanischer Bootsflüchtlinge, als ihn die Nachricht vom Tod seiner ältesten und von Geburt herzkranken Schwester Helene in Hamburg erreicht. In seiner Heimatstadt angekommen, lässt er sein Leben und das seiner Familie noch mal an sich vorüberziehen, taucht ab in den erinnernden Mahlstrom familiärer Probleme, Unzulänglichkeiten. Missverständnisse und Sprachlosigkeiten. Alle sind sie nochmal da zu Ehren von Helene, sein langsam erblindender und von einer polnischen Pflegekraft versorgter Vater, seine verschrobene Mutter, die sich schon vor langem von ihrem Mann getrennt hat und seit Jahren in Florida lebt, seine jüngere, immer noch rastlos überdrehte Schwester Sybille, und sein jüngster Bruder Paul, als Einziger gesellschaftlich solide etabliert, mit dem es allerdings etwas ganz Besonderes auf sich hat, was man aber erst im Laufe der Geschichte erfährt. Salm lässt sich treiben, alles einfach auf sich einwirken, und versucht, den Blick nach vorne zu richten, endlich eine Struktur, einen Sinn, einen klaren Blick für sein weiteres Leben zu gewinnen. 
  
 Im typisch lappertschen, gemächlichen und mit feinem Blick für Einzelheiten und Zwischentöne ausgestatteten Erzählstil wird hier die Geschichte eines äußerlich erwachsenen Jungen ausgebreitet, der in einer in sich gescheiterten Familie aufwächst, in der jeder so gerne seine Lebensträume verwirklicht hätte, aber durch die bloße Existenz und die Eigenarten seiner Familienmitglieder daran gehindert wird und in logischer Folge dann irgendwann einfach nur erstarrt. Natürlich in Verbindung mit offener oder stiller Schuldzuweisung an die Anderen. Wir begleiten Salm hier einfach im ruhigen Fahrwasser seines Lebens, das kraft der speziellen Erzählkunst des Autors auch ohne große Wirrungen und Wendungen Seite für Seite an Form gewinnt und gerade dadurch in Bann zu ziehen vermag. Zumindest gilt dies für den allergrößten Teil des Buches. Erst zum Ende hin hätte ich mir dann doch noch ein ganz klein wenig mehr Entwicklung gewünscht, aber da hängt nichts von ab. Insgesamt ein überzeugendes, irgendwie melancholisches Buch, so lapidar wie messerscharf in seiner Pointierung einer Familie, wie sie so oder ähnlich in tausenden deutschen Blutszwangsverbindungen Realität sein dürfte. Emotional nachvollziehbar nur durch eigene Lektüre.

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6 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 2 Rezensionen

Keine Macht den Gute-Laune-Dieben

Christian Püttjer , Uwe Schnierda , Hillar Mets
Fester Einband: 192 Seiten
Erschienen bei Campus, 01.01.2009
ISBN 9783593386850
Genre: Sachbücher

Rezension:

Vom Jammer-Junkie, der uns mit seinen unablässigen Tiraden täglich vom unmittelbar bevorstehenden Weltende kündet, über das Misstrauensmonster, das nur an sich selbst glaubt, sich abschottet und niemandem öffnet, bis zum Besserwisser-Bösewicht, der zu allem und jedem ungefragt seinen Senf dazugibt. Sie und noch einige andere Figuren aus unserem Lebensalltag werden hier demaskiert und demontiert. Und der Leser erhält einiges an geschickten und praxistauglichen Tipps, wie man solchen unerträglichen Zeitgenossen am besten gegenübertritt, ohne sich immer wieder von ihnen runterziehen und seine eigene Laune in den Keller treten zu lassen. Unterhaltsam und gut geschrieben.

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4 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 3 Rezensionen

kochbuch, kochbuch für männer, falken, thomas krause

Männerkochschule

Thomas Krause
Fester Einband
Erschienen bei Falken Verlag, 21.09.2015
ISBN 9783806836066
Genre: Sachbücher

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2 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

Ihr müsst bleiben, ich darf gehen

Dietmar Wischmeyer
Flexibler Einband: 208 Seiten
Erschienen bei Ullstein extra, 11.11.2013
ISBN 9783864930157
Genre: Humor

Rezension:

Junge, Junge. Hier bleibt wirklich kein Auge trocken bzw. keine menschliche Schwäche, geistige Fehlschaltung oder sonstige Unzulänglichkeit unkommentiert. Pointiert, rücksichtslos, treffsicher und in einem genialen Wortgeschwurbel nimmt Wischmeyer alles auseinander, was den deutschen Menschen so ausmacht und kennzeichnet. Die Sprache ist zwar dabei permanent unter der Gürtellinie, dennoch macht das ganze irren Spaß, weil es eben passt und er die Dinge damit ganz einfach kurz und bündig auf den Punkt bringt. Hoher Unterhaltungsfaktor. Zumindest für mich.

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2 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 0 Rezensionen

Der unsichtbare Killer

Peter F. Hamilton , Michael Neuhaus
Flexibler Einband: 1.136 Seiten
Erschienen bei Bastei Lübbe, 11.11.2016
ISBN 9783404208494
Genre: Science-Fiction

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9 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

Fremdes Land Amerika

Ingo Zamperoni
Fester Einband: 336 Seiten
Erschienen bei Ullstein Buchverlage, 09.09.2016
ISBN 9783550081422
Genre: Sachbücher

Rezension:

Zamperoni, bekannter Journalist und Berichterstatter der hiesigen Medien, legt eine flüssige und nur ganz gelegentlich etwas weitschweifige Bestandsaufnahme der US-amerikanischen Zustände im direkten Abgleich mit denen unseres eigenen Landes vor. Er beleuchtet dabei alle wesentlichen und interessanten Themenbereiche menschlichen Miteinanders in Politik, Wirtschaft, Familie usw. Das Buch überzeugt durch seine Topaktualität, den Sachverstand seines Autors sowie dessen klare, faire und kritische Haltung zu Einzelthemen, was dem Ganzen eine persönliche, angenehme Leseatmosphäre verleiht. Viele gute Denkansätze, was man so alles besser machen könnte. Auf beiden Seiten des Atlantiks.

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3 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 2 Rezensionen

empfindsam, psychologie, bewusstheit, hochsensibilität, hochsensibel

Die Kraft des Fühlens

Ilse Sand , Annette Elisabeth Doll
Flexibler Einband: 160 Seiten
Erschienen bei Beck, C H, 19.09.2016
ISBN 9783406697937
Genre: Sachbücher

Rezension:

Menschen mit erhöhter Sensibilität ihrer Sinne tun sich schwerer im Leben als andere. Und das in mannigfaltiger Hinsicht und zumeist nicht gerade zu deren eigenem Wohl. Die dänische Theologin und Psychologin Ilse Sand, selbst Betroffene, beschäftigt sich in ihrem Buch mit diesem Personenkreis, beschreibt deren spezifische Sonderheiten und Probleme, ihre Erschwernisse und Nachteile im täglichen Leben und bricht hier eine Lanze. Und das Interessante ist, dass einem als Leser einige der von ihr beschriebenen besonderen Empfindsamkeiten gar nicht so unbekannt vorkommen. Ein interessantes, den Horizont erweiterndes Fachbuch nah am praktischen Leben.

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12 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 2 Rezensionen

politiker, brd, krebs, leukämie, politik

Zwischen zwei Leben

Guido Westerwelle , Dominik Wichmann
Fester Einband: 240 Seiten
Erschienen bei Hoffmann und Campe, 10.11.2015
ISBN 9783455503906
Genre: Biografien

Rezension:

Guido Westerwelle hatte nach seiner überstandenen Leukämieerkrankung 2015 das Buch geschrieben, bevor kurz danach dann sein Lebensschicksal seinen endgültigen Lauf nahm.

Egal, wie man zu ihm als Mensch oder Politiker in seiner aktiven Zeit letztlich gestanden hat. Hier spricht ein reflektierender, geläuterter, ehrlicher Mensch, dem seine Krankheit den Blick für die wirklich wesentlichen Dinge des Lebens geöffnet hat, der gelernt hat und dem es ein offensichtliches und glaubhaftes Bedürfnis ist, diese Sichtweise anderen mitzuteilen und deren Denken ebenfalls zu sensibilisieren. Gleichzeitig ein berührendes Dokument über die Vergänglichkeit des Menschen mit sehr interessanten Informationen unmittelbar aus Betroffenensicht zu einer Krankheit, die tatsächlich als eine der Geißeln der Menschheit zu bezeichnen ist. Überzeugend und lesenswert.

 

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58 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 10 Rezensionen

usa, religion, mord, anhalter, fanatiker

Das Handwerk des Teufels

Donald Ray Pollock , Peter Torberg
Flexibler Einband: 302 Seiten
Erschienen bei Heyne, 12.08.2013
ISBN 9783453436923
Genre: Romane

Rezension:

Amerikanische Südstaaten in den Sechzigern. Nicht eben eine aufgeklärte, vorwärtsgerichtete Zeit mit entsprechender Geisteshaltung. Hierhin transportiert der Autor seine völlig abgeklärte Geschichte um einen armen Waisenjungen, einige abgestürzte Erweckungsprediger, ein Serienmörderpärchen im Stile von "Natural born Killers", einen korrupten Sheriff und diverse sonstige durchgeknallte, versoffene, kriminelle Gestalten des Untergrunds, die er alle miteinander in einen großen Topf wirft, mächtig durcheinander rührt und -wider aller Erwartung- daraus dann einen zwar streckenweise überharten und völlig düsteren, nichtsdestoweniger aber mitreissenden und spannenden Roman bastelt. Dieser läuft zwar unabwendbar auf die Vernichtung der allermeisten Existenzen hinaus, lässt aber zumindest am Horizont noch Raum für einen ganz vagen finalen Hoffnungsschimmer der Gerechtigkeit. Wer sich auf sowas einlassen kann, den erwartet hier ein tatsächlich duchweg überzeugendes Buch ohne Längen und Firlefanz mit einer harten, direkten Sprache und einem kompromisslos voran treibenden Handlungsstrang. Nicht schlecht.  

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4 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

Total Recall

Arnold Schwarzenegger , Heike Schlatterer , Anne Emmert , Karlheinz Dürr
Flexibler Einband: 672 Seiten
Erschienen bei Heyne, 09.06.2014
ISBN 9783453640580
Genre: Biografien

Rezension:

Arnold Schwarzenegger hat ein Buch geschrieben. Und was für eins. "I`ll be back" hatte er ja schon als Terminator versprochen. Und Wort gehalten. Eher durch Zufall bin ich auf das Werk gestoßen. Und war von der ersten bis zur letzten Seite begeistert. Nach fast 700 klein gedruckten Seiten mit einer Fülle teils sehr privater Fotos aus allen Stationen seines Lebens hat man wirklich das Gefühl, jetzt nahezu alles über ihn zu wissen, zumal hier in wahrhaft epischer Manier, dabei aber zu keiner Zeit langweilig oder zähflüssig, ein absolut schillernder Mensch portraitiert wird, der es kraft seines positiven Denkens, der absoluten Beharrlichkeit in der Umsetzung seiner Lebensziele, seiner Cleverness und seines Geschäftssinns geschafft hat, vom zweitgeborenen Sohn eines steiermärkischen Polizisten der Nachkriegszeit aus einem einfachen, vorgezeichneten Provinzleben mit gerade zwanzig Jahren auszubrechen und aus dem Nichts über den klassischen Weg "Tellerwäscher zum Millionär" zu einem der weltweit bekanntesten amerikanischen "Helden" aufzusteigen. Bei den vielen Erzählungen über seinen Aufstieg als Bodybuilder in München und Los Angeles mit einem frühzeitigen Mister-Universum-Titel, der nachfolgenden Hollywoodkarriere, seiner Heirat und Familiengründung und seiner späteren Berufung als Gouverneur Kaliforniens macht es einfach Spaß, ihn auf seinem Weg literarisch zu begleiten. Zum einen, weil alles äußerst interessant und tiefgründig erzählt wird, insbesondere aber auch, weil man von Kapitel zu Kapitel immer mehr das Gefühl gewinnt, einen Menschen kennen zu lernen, den man bislang fälschlicher Weise in die Schublade des tumben großkotzigen Haudraufs gesteckt hat und der sich jetzt als intelligenter, zielstrebiger und auch gefühlvoller, denkender Mann entpuppt. Der -und das sei ihm wirklich gegönnt- ganz offensichtlich zwar nicht mit einem besonders großen Ego ob seiner vielen Erfolge geizt, dabei aber immer selbstreflektierend und schonungslos auch die vielen selbstverschuldeten Fehler bis hin zu seiner letztlich gescheiterten Ehe freimütig einräumt, was ihn als Menschen echt sympathisch macht. Ich bin wie ich eben bin, das ist sein Credo und das ist ok so. Auf jeden Fall eine der besten Biographien, die ich bisher gelesen habe. Wer den Menschen Arnie Schwarzenegger mal von einer ganz neuen Seite kennen lernen möchte, dem sei das Buch wärmstens empfohlen. Er kann nämlich auch ganz anders.

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40 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 9 Rezensionen

thriller, los angeles, schnell, rassismus, gattis

In den Straßen die Wut

Ryan Gattis , ,
Flexibler Einband: 528 Seiten
Erschienen bei ROWOHLT Taschenbuch, 22.01.2016
ISBN 9783499270406
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:


April 1992 werden mehrere weiße Polizeibeamte freigesprochen, die den Schwarzen Rodney King zuvor brutal misshandelt hatten. Das war der -vom Leser noch gut erinnerte- Tropfen, der das Fass Los Angeles zum Überlaufen brachte und für eine Woche in einen Hexenkessel der Gewalt mit riesigen Sachschäden und nicht abschätzbaren Verlusten von Menschenleben verwandelte.

Gattis bettet seine fiktive, genau in diese Zeit terminierte Geschichte von Gewalt und Rache um eine Gang aus South Central L. A. in das authentische damalige Szenario ein und führt den Leser in die unvorstellbare, maßlos brutale und desillusionierte Welt der Latino-Gangs von Lynwood und Compton, in der ein Menschenleben oder so was wie Anstand und Ehre rein gar nichts zählen, wo die Gangs sich gegenseitig mit Messern und großkalibrigen Waffen gegenseitig abschlachten und die völlig unzureichende Polizeigewalt dem ganzen Treiben mehr oder weniger hilflos gegenüber steht.
 
Die Kapitel werden aus der persönlichen Sicht der jeweiligen Gangmitglieder, der Mitläufer, der Opfer, aber auch der zwangsweise betroffenen Krankenschwestern und Feuerwehrleute erzählt und dabei geschickt vernetzt. Die Figuren selbst bleiben ziemlich gesichtslos und beliebig, aber das ist egal, wichtig ist das Große und Ganze dieser unsäglichen Welt, in die man hier beim Lesen abtaucht und die die Realität eins zu eins widerspiegelt (Gattis hatte zuvor selbst unter Lebensgefahr Kontakt zu Gangs aufgenommen, um deren Leben in seinem Buch wirklichkeitsgetreu abzubilden).

Wie bei jedem Autor, der ambitioniert und ehrlich über seine eigene Stadt schreibt, hängt auch hier zwischen den Zeilen eine ganz eigentümliche Traurigkeit und Wehmut, eine selbst empfundene Nähe trotz aller Verdorbenheit dieses Molochs und seiner Bewohner, was sich gut auf den Leser überträgt.

Ein ehrliches Buch aus erster Hand zur eigenen Horizonterweiterung, auch wenn´s fast durchgängig voll an die Nieren geht. Man hat ja schon so einiges von den südlichen Stadtteilen L. A.´s raunen  gehört, aber das sprengt echt alle Grenzen.



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6 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 3 Rezensionen

wednesday martin

Die Primaten von der Park Avenue

Wednesday Martin , Hans-Christian Oeser , Nina Frey
Flexibler Einband: 320 Seiten
Erschienen bei Berlin Verlag, 17.03.2016
ISBN 9783827013101
Genre: Biografien

Rezension:


Die Upper East Side New Yorks. Immer schon ein legendäres, sagenumwobenes Viertel im Nordosten Manhattans, von dem jeder zwar schon mal gehört hat, über das normalerweise aber nur raunend, irgendwie ehrfürchtig und im Regelfall bar jeden Insiderwissens gesprochen wird. Woher soll es auch kommen, so wie sich dieses zwischen 5th und Lexington Ave bzw. 60th und 96th street abgezirkelte Immobilienrechteck präsentiert. Denn hier ist man absolut und ganz bewusst unter sich, hier herrschte früher das "alte Geld", danach fanden dann auch die kapitalistischen Emporkömmlinge der Wall Street die Gnade des Zutritts. Pecunia non olet, so ist das eben überall, hier aber ganz besonders.

Anders als es die dümmliche optische Aufmachung und die noch dümmlichere Untertitelung des Buches erwarten lassen, ist man als Leser dann absolut überrascht von der Qualität seines Inhalts.

Die Autorin, mittleres Alter, Mutter zweier Söhne und verheiratet mit einem führenden Wirtschaftsprofessor, ist Anthropologin und Sozialforscherin und irgendwann mal in Downtown Manhattan gelandet. Um ihren Kindern einen möglichst guten Start zu ermöglichen, sucht sie in der UES für die Familie a) ein neues Wohndomizil und logischer Weise b) Sozialkontakte. Ihre hieraus resultierenden geradezu irrwitzigen, zumeist negativen Erlebnisse und Erfahrungen bei ihrem unablässigen Versuch, in dieser abgeschotteten Irrsinnswelt der superreichen Super-"Mamis" irgendwie einen Fuß in die Tür zu kriegen, hat sie in ihrem interessanten, genauso humorvoll wie kompetent geschriebenen Buch in allen Einzelheiten niedergelegt. Das Ganze erhält seinen Charme besonders dadurch, dass sie die ganzen hochkomplizierten und verschachtelten Beziehungs-, Macht- und Geldstrukturen der dortigen Bewohner permanent mit den Erkenntnissen der Primaten- und ähnlichen Forschungen abgleicht und dabei immer wieder erstaunliche Schnittmengen und Übereinstimmungen zwischen Mensch und Tier, und hier ganz besonders mit dem Blick auf den weiblichen Teil der Evolution, feststellt. Wie sie das dann literarisch präsentiert, ist einfach nur köstlich zu lesen.

Erst nach ewigen Anläufen, Anfeindungen und demütigenden Ausgrenzungen seitens der anderen Mütter, durch glückliche Umstände und letztlich durch einen Schicksalsschlag schafft sie es, sich ganz langsam Zutritt in diese abgeriegelte Welt zu verschaffen. Und stellt dabei so nüchtern wie rückschließend fest, dass auch die Primatenfrauen der Park Ave letztlich alle nur mit Wasser kochen. Konsumversessene, unselbstständige Vorzeigepüppchen Ihrer Alphamännchen, finanziell im Regelfall vollständig abhängig und damit immer voller Angst vor dem Entzug des Wohlwollens und damit dem Verlust des Zugangs zum Geld ihrer Männer. Aber zum Glück gibt es ja genug Möglichkeiten und Ablenkungen, solche schlimmen Gedanken und Ängste permanent zumindest äusserlich unter Kontrolle zu halten. Und wenn gar nichts mehr hilft, dann helfen eben Alk, Xanax und Konsorten.

Ein lesenswertes Buch für Menschen, die sich für die Auswüchse menschlicher Existenz im allgemeinen und den Irrsinn des Upper-East-Lebens im Besonderen interessieren.

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50 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 6 Rezensionen

bobby dollar, tad williams, engel, hölle, dämonen

Spät dran am Jüngsten Tag

Tad Williams ,
Fester Einband: 611 Seiten
Erschienen bei Klett-Cotta, 26.09.2015
ISBN 9783608938357
Genre: Fantasy

Rezension:

Der Abschlussband der Trilogie um den schrägen Himmelsvertreter Bobby Dollar, seines Zeichens Anwaltsengel im steten Kampf um menschliche Seelen. Nach seiner Rückkehr aus der Hölle versucht Bobby, sowohl seine geliebte Dämonin Caz aus dem Schlund der Hölle zu befreien wie auch Licht in die offensichtlich teils dunklen Machenschaften des Himmels zu bringen und endlich aufzudecken, was dort alles im Verborgenen läuft. Aber das erweist sich nach wie vor als schier undurchführbar und bringt ihn immer wieder in dramatische und lebensgefährliche Kalamitäten.

Nach einem ganz guten Start verliert leider auch der dritte Teil der Saga schnell an Fahrt und reicht bei weitem nicht an den hervorragenden Auftaktband heran. Williams walzt die Story einfach zu sehr aus und reitet die Hauptfigur irgendwann in endlosen Wiederholungsschleifen zu Tode. Beim zehnten Lesen zündet eben auch ein eigentlich guter Witz nicht mehr.  Der überfrachtete Handlungsstrang ufert aus und zerfasert. Dass Bobby mit all seinen Schwächen zunehmend vermenschlicht, muss nicht über hunderte von Seiten wiederholt werden. Vor allem die pausenlose Betonung seiner unzügelbaren Triebsteuerung, sobald irgendetwas halbwegs Weibliches seinen Weg kreuzt, in Verbindung mit einer dann plötzlich vulgären Schreibweise des Autors, würde man als Leser ja trotz hohem Nervfaktor noch zähneknirschend hinnehmen. Aber dass unser Anwaltsengel dann irgendwann tatsächlich von dem bislang  toughen, unbeugsamen Cleverle zu einer müden, verzweifelten, die letzten Kräfte mobilisierenden und irgendwie nur noch ausgebrannten Schachfigur im perfiden Spiel der hellen wie dunklen Mächte mutiert, stellt dann wirklich nicht mehr zufrieden. Der drei Bände lang erhoffte intelligente und furiose Showdown bleibt aus, das Ende wirkt hektisch  runter geschrieben und ist doch etwas enttäuschend. Na ja, zumindest weiss man dann, wie alles ausgeht. Das Buch selbst ist ganz ganz knappe drei Sterne wert.

In der Gesamtwertung der Geschichte bleibt fairerweise ein durchaus ideenreich inszeniertes jenseitiges Szenario mit eigentlich vielen guten Ansätzen und auch einer Menge Humor auf mittlerem Niveau in Erinnerung , dem aber leider irgendwann schlicht die Puste ausgeht.

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3 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

On the Move

Oliver Sacks , Hainer Kober , ZERO Werbeagentur
Flexibler Einband: 448 Seiten
Erschienen bei ROWOHLT Taschenbuch, 22.07.2016
ISBN 9783499628931
Genre: Biografien

Rezension:


Oliver Sacks ist der breiten Öffentlichkeit sowohl als genialer Neurologe und Psychiater wie auch als Autor verschiedenster erfolgreicher medizinischer Fachbücher bekannt geworden, in denen er aus seinem klinischen Alltag berichtet. Sein bekanntestes Buch "Awakenings" über postenzephalitische Patienten, die er nach Jahrzehnten katatonischer Erstarrung vorübergehend ins Leben zurückholen konnte, wurde auch in der Verfilmung mit Robert de Niro und dem unvergessenen Robin Williams ein großer Erfolg.

Dieses Buch ist sein erst in seinem Todesjahr 2015 im Alter von bereits über achtzig Jahren geschriebener autobiographischer Rückblick auf sein im wahrsten Sinne bewegtes, rastloses Leben. Aufgewachsen als jüngster von vier Söhnen eines jüdischen Medizinerehepaars in London wird ihm das puritanische England bald einfach zu eng. Er bricht mit Mitte Zwanzig allein und ziemlich mittellos auf nach Kalifornien, wo er in den Sechzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts in den american way of life  einer freien Welt voller Sex, Drogen, Motorräder und Bodybuilding abtaucht, dabei aber niemals ganz seine Bodenhaftung verliert, sondern alles seinem großen Ziel, der medizinischen Forschung und seinem unstillbaren Interesse an Menschen unterordnet. Trotz seiner Schüchternheit feiert er im Laufe der Jahre große Erfolge in der Welt der Medizin und schreibt hierüber endlose Reportagen für Fachpresse und Verlage. Seine andere Leidenschaft, die des Reisens, führt ihn um die ganze Welt und lässt ihn zwar Unmengen von Freunden gewinnen, bis zum Schluss aber nie die große Lebensliebe finden, was sowohl an dem fortwährenden inneren wie äußeren Bewegungs- und Veränderungsdrang  in seinem Leben wie auch an seiner zwangsweise weitgehend unausgelebten Homosexualität lag, für die die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts einfach noch nicht reif war.
 
Ein insgesamt sehr interessantes, persönlich und ehrlich geschriebenes Buch über einen schillernden Menschen, für den Stillstand wahrlich der frühe Tod bedeutet hätte. Einzig die teils ausufernden medizinischen Fachanalysen und Berichte  aus der neurologischen Welt waren streckenweise etwas too much, aber auch das sei der Empathie und dem unentwegten Forscher- und Mitteilungsdrang des Autors zu Gute zu halten. Und man wird als Leser nur schlauer dadurch.

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engel, hölle, bobby dollar, fantasy, bobby dollar-reihe

Happy Hour in der Hölle

Tad Williams , Cornelia Holfelder-von der Tann
Fester Einband: 565 Seiten
Erschienen bei Klett-Cotta, 23.08.2014
ISBN 9783608938333
Genre: Fantasy

Rezension:

Teil 2 der Geschichte um den Anwaltsengel Bobby "Doloriel" Dollar, der sich diesmal direkt in die Hölle aufmacht, um dort seine geliebte Casimira den Fängen des schrecklichen Dämonenfürsten Eligor zu entreißen. Dieses Höllenfahrtskommando entpuppt  sich schnell als wahnwitziges Unterfangen in einem Universum, das jeden Menschen umgehend auf den Pfad der Tugend zurück bringen würde, wenn er wüsste, wie sich dort der ewige Alltag so gestaltet. Aber unser Bobby ist ja bekanntermaßen unverwüstlich. Wie sich nach und nach heraus stellt, kocht aber auch der Himmel sein ganz eigenes Süppchen und die Zusammenhänge werden immer undurchsichtiger.

Leider kann das Buch nicht mit dem Einstiegsband mithalten, zumal die Handlung sich fast vollständig auf die Geschehnisse in der Hölle beschränkt. Diese hat er sich eigentlich gut ausgedacht, aber in seinen penetranten und exzessiven Schilderungen der Gräuel dieser unsäglichen Welt tut Williams einfach zu viel des Guten.  In dem Versuch, immer noch einen drauf zu setzen, wird der Bogen hier eindeutig überspannt. Das bringt die Geschichte nicht voran, die bislang intelligent und spannungsreich aufgebaute Story wie auch die eigentlich gut ausgeformte Figur des schicksals- gebeutelten Hauptprotagonisten, alles leidet unter den irgendwann nur noch nervigen Schilderungen der brachialen Figuren und laufenden Gemetzel. Aber wenigstens zum Schluss kriegt der Autor zum Glück dann wieder die Kurve, wenn sich die Story zurück auf die uns bekannten diesseitigen Gefilde verlagert. Hoffen wir, dass der Abschlussband der Trilogie wieder an frühere Qualitäten anknüpft.

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ww, psyche, krieg

Kriegserbe in der Seele - Was Kindern und Enkeln der Kriegsgeneration wirklich hilft

Udo Baer , Gabriele Frick-Baer
Fester Einband: 192 Seiten
Erschienen bei Beltz, J, 22.03.2017
ISBN 9783407857408
Genre: Sachbücher

Rezension:


Die Autoren, beide Traumatherapeuten, arbeiten in ihrem Buch ein leider immer noch sehr lebendiges Kapitel deutscher Realität auf, nämlich in welch fataler Weise die oft unsäglichen Verhaltensweisen der zumeist schwer traumatisierten Persönlichkeiten der Menschen der letzten Kriegsgeneration auf die Leben ihrer direkten Nachkommen Einfluss genommen haben. Ein Thema, mit dem sich wahrscheinlich die überwiegende Zahl deutscher Familien gut auskennen dürfte. Ohne Wertung oder Verurteilung versuchen die Eheleute Baer aus ihrem reichen Erfahrungsschatz mit behandelten Patienten den Spagat, die ganzen Verwirrungen und Wirkmechanismen einer mit teils unsäglichen Kriegserfahrungen belasteten und mangels eigener therapeutischer Behandlung regelmäßig versteinerten und verbogenen Kriegsgeneration auf die eigenen Familienmitglieder  in allen Facetten darzulegen. Offensichtlich wird, wie immens sich diese zumeist negativen interfamiliären Erlebnisse mit den eigenen Eltern sich auf die Leben und die Seelen der Kinder und Enkel, vor allem die der direkt nachfolgenden Babyboomergeneration, ausgewirkt haben, in langen Leidensjahren dort "eingesickert" sind und bei diesen Menschen dann wiederum eigene Verhaltens- und Denkweisen geformt haben, die denen der Vorgängergeneration typischer Weise nur zu ähnlich sind. Die Autoren versuchen, und darin liegt der besondere Wert des Buches, sehr verständnisvoll und in der richtigen Dosierung Hilfestellung und Lösungsansätze aufzuzeigen, wie der Einzelne aus dieser Einbahnstraße familiärer Prägungen immer noch ausbrechen und zu einer Art innerem Gleichgewicht, innerer Stabilität zurückfinden kann. Und dies bei weitem nicht allein über die simple Schiene des Versöhnens und Verzeihens.

Ein gutes, wertvolles Buch zu einem extrem schwierigen Thema und immer schon tabuisierten gesellschaftlichen Problem, das sich erst in einigen Generationen vollständig ausgewachsen haben dürfte.

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