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113 Bibliotheken, 5 Leser, 1 Gruppe, 67 Rezensionen

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Das weibliche Prinzip

Meg Wolitzer , Henning Ahrens
Fester Einband: 496 Seiten
Erschienen bei DuMont Buchverlag , 24.07.2018
ISBN 9783832198985
Genre: Romane

Rezension:

Greer Kadetzky ist eine talentierte junge Frau, die eigentlich auf ein Ivy-League-College gehört hätte. Dass alles anders kommt als geplant, liegt vor allen Dingen an ihren Hippie-Eltern, die neben dem täglichen Graskonsum leider nicht dazu kommen, fristgerecht ein Studiendarlehen für ihre Tochter zu beantragen. Sie begnügt sich mit dem mittelklassigen College vor Ort und wohnt zuhause, mit ihrem Freund Cory führt sie fortan eine Fernbeziehung. Auf einer Party wird Greer von einem Typen bedrängt. Sie ist nicht die einzige. Als sie sich mit den anderen Opfern der Belästigungen zusammenschließt und gegen ihn aussagt, passiert  - nichts.

Die bekannte Femistin, Aktivistin und Herausgeberin einer Zeitschrift, Faith Frank, hält an Greers College einen Vortrag. Faith ist mutig, stellt die richtigen Fragen und kann das Publikum begeistern. Auch wenn sie keinen genauen Plan mehr von den aktuellen Problemen hat, die ihr Publikum der unter 30-jährigen betrifft (Befristungen, unsichere Jobperspektiven, Backlash, you name it), ist die 60-jährige ein gern gesehener Gast.  Greer ist hingerissen. Während der Podiumsdiskussion stellt Greer, Faith eine entscheidende Frage: Was kann konkret gegen Belästigungen unternommen werden und wie können sich Frauen überhaupt in einer männerdominierten Welt durchsetzen. Eigentlich wäre es die Frage von Zee gewesen, Greers besten Freundin, die sich schon seit Jahren in feministischen Kontexten bewegt. Aber Greer ist schneller oder das Schicksal will es eben so.

Es ist ein Zufall, dass sich Faith nach langer Zeit wieder an Greer erinnert und ihr eine Stelle in einer neugegründeten Stiftung für Frauenrechte anbietet. Das ist für Greer, die Faith heiß und innig verehrt, wie ein Ritterschlag. Einen anderen Job hätte sie ohnehin nicht bekommen, zu schreiben wäre die einzige Möglichkeit. 

Greer stellte sich inzwischen vor, Schriftstellerin zu werden. Sie malte sich aus, Essays und Artikel, irgendwann vielleicht sogar Bücher mit feministischem Schwerpunkt zu chreiben, obwohl sie anfangs sicher am späten Abend würde schreiben müssen. Sie bräuchte ein Einkommen, mit dem sie das Schreiben finanzieren konnte. Sie wollte kein Leben wie ihre Eltern führen. Aber wenn sie einen richtigen Job hätte, also nicht in Armut abrutschen würde, könnte sie versuchen, in ihrer freien Zeit zu schreiben, und vielleicht hätte sie ja ein Quäntchen Glück. (S.90)

Greer beginnt in der Stiftung, auch wenn die Bezahlung noch zu wünschen übrig lässt. Während sie sich mit großem Engagement auf ihre erste feste Stelle in New York stürzt, wird Cory als Wirtschaftsberater nach Manila geschickt. Nicht nur die Beziehung von Greer und Cory bröckelt, Greer hat sich auch den Einstieg in die Arbeitswelt etwas anders vorgestellt.

Genau wie in ihrem Roman Die Interessanten, schafft es Wolitzer ohne Abstriche, sehr komplexe Figuren zu entwerfen, deren Lebenswege sich zwar rund lesen, aber doch eher gemütlich durch das Buch plätschern. Während Faith und Greer, zwei ambitionierte Frauen aus verschiedenen Generationen, versuchen, dem großen Ziel der Gleichberechtigung ein Stückchen näher zu kommen, sorgt bald individuelles Machtstreben danach, dass von Solidarität und einer großen gemeinsamen Sache, wenig übrig bleibt. Auf dem Weg zu mehr Einfluss und mehr Macht gehen Faith und Greer Kompromisse ein und entfernen sich massiv von ihren Idealen. Die Start-Up-Mentalität der Stiftung, hat einen Konformitätszwang zur Folge, in dem sogar das Privatleben auf die Bedürfnisse von der großen Faith abgestimmt werden. Greer gibt alles und noch mehr für einen Job, in dem sie letztlich ausgebeutet wird. Das geht sogar soweit, dass die Vegetarierin Greer vorgibt, Fleisch zu mögen - nur um der Chefin zu gefallen, die die Kolleginnen der Stiftung zu einem Grillabend eingeladen hat.  Aber auch Faith kann nicht so selbstbestimmt handeln, wie sie es sich vielleicht gewünscht hat, damals, als es noch Ideale gab. Ihre Stiftung wird am Ende eine Mogelpackung, die das Charitybedürfnis der reichen, weißen Oberschicht bedient. Und auch Cory hat es nicht leicht. Dem strahlenden Absolventen fällt die Realität auf die Füße, als er sich mit einer sehr schwierigen Entscheidung konfrontiert sieht.

Meg Wolitzer hat schon in ihrem Essay "The second shelf" feministische Themen aufgegriffen, hier war es die Diskriminerung schreibender Frauen auf dem Literaturmarkt. Trotzdem bleibt Das weibliche Prinzip an vielen Stellen sehr vage. An keiner Stelle war ich davon ausgegangen, einen Kommentar zu #metoo zu erwarten. Der Text entzieht sich solchen Kategorisierungen, weil er selbst das Ausnahmetalent Cory mit einem schwierigen Schicksalsschlag versieht, der ihn automatisch in die Rolle des Kümmerers drängt - und damit nicht mehr attraktiv für die Damenwelt macht. Jede noch so kleine Figur wird ausführlich mit ihren Fehlern und Schwächen dargestellt. Das war bei den Interessanten ein großer Pluspunkt, hier wird es mir manchmal ein wenig zu viel. Trotzdem habe ich den Roman sehr gerne gelesen, denn durch jede Zeile schimmert das Talent der Autorin, gesellschaftliche Strömungen der Zeit  in eine Geschichte zu gießen, die sich leicht lesen lässt. Ein #aufschrei ist dieser Text allerdings nicht.

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12 Bibliotheken, 0 Leser, 1 Gruppe, 2 Rezensionen

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Magnet

Lars Saabye Christensen , Christel Hildebrandt
Fester Einband: 780 Seiten
Erschienen bei btb, 12.03.2018
ISBN 9783442756995
Genre: Romane

Rezension:

"Jokum spürte, wie etwas an ihm zerrte, an dem Magneten, die Kindheit war im Norden, die Zukunft im Süden, und er stand direkt dazwischen, wie er es immer getan hatte, zwischen dem, was gewesen war, und dem, was noch sein würde." 

Manche Fotografen werden durch Porträtaufnahmen berühmt. Jokum Jokumsen hingegen, war schon immer von den Dingen fasziniert. Als Archivar des Alltäglichen fotografiert er vergessene Alltagsgegenstände, die sonst niemanden interessieren. Sie sind der Schlüssel zu seinem Erfolg und führen ihn bis in die USA.  

Lars Saabye Christensen erzählt auf knapp 950 Seiten die Geschichte von Jokum Jokumsen, der schon immer einen etwas anderen Blick auf die Welt hatte. Mit seinen knapp 2 Metern ist er eine Ausnahmeerscheinung, schon im Studentenwohnheim in Oslo in den 1970er Jahren wunderte man sich über den großen Literaturwissenschaftsstudenten und Jazzliebhaber. Jokum ist heimlich in seine Mitbewohnerin Synne Sager verliebt, die Kunstgeschichte studiert und sich für Stillleben interessiert. Als Synnes Hamster Hubert stirbt, ist Jokum zur rechten Zeit am rechten Ort. Auf einem Leonard Cohen Konzert kommen sich die beiden näher. Synne schenkt Jokum eine Leica und bald darauf, sieht man den großen Mann nur noch mit einer Kamera in der Hand, den Blick auf den Boden gesenkt.

Die Beziehung der beiden ist nicht einfach. Jokum ist eher Jazz, Synne eher Stilleben. Vielleicht auch andersherum. Und das fängt schon bei den Elternhäusern an. Kommt Jokum aus einer intakten Familie, die sich sehr für sein Leben interessiert, ist Synne in einem reichen, aber ziemlich kaputten Elternhaus aufgewachsen. Vielleicht ist sie deswegen so kompliziert. Als Jokum erste Erfolge hat, entscheidet Synne ihre Doktorarbeit in Kunstgeschichte in San Francisco fortzuführen - sie kann promovieren und Jokum kann sich seiner Kunst widmen. Doch bald dreht sich das Blatt: Synne gibt ihre Doktorarbeit auf und wird Jokums Kuratorin. So entscheidet sie maßgeblich mit, wenn es um die Ausrichtung seiner Werke geht. Jokum ist diese Aufteilung nur recht, häufig wirkt er nur mäßig alltagskompetent, sodass Synnne wahrscheinlich den Eindruck gewinnt, sie müsste sich um vieles kümmern. Und der Plan geht auf: bald schon kann Jokum seine Werke im Museum of Modern Art New York präsentieren. Jokums persönliches Erfolgsgeheimnis ist ein Magnet, den ihm sein Vater geschenkt hat und der immer wieder eine Rolle spielt. Gleichzeitig ist es vor allen Dingen Synne, die den Kurs bei den Fotografien vorgibt, während Jokum seine Rolle als Künstler etwas anders sieht. Wie damals in Oslo ist er der Ansicht, dass die Bilder zu ihm kommen und dass er Dinge findet, nicht für einen Aha-Effekt arrangiert. Synne sieht das etwas anders. Alle Stilleben, die sie untersucht hat, sind letztlich perfekt arrangiert.   

„Es müsste eine Probezeit geben für alle, die sich verändern wollten. Man sollte eine Frist bekommen, den Entschluss wieder rückgängig machen zu dürfen, wenn es einem nicht gefiel, wie man geworden war.“

Während sich Synne und Jokum beruflich immer klarer als Künstlerpaar etablieren, bleiben Schattenseiten in der Beziehung nicht aus. Das ist zum einen, die Beziehung zu den Eltern, die sich bei Synne als sehr schwierig gestaltet, zum anderen auch der Versuch des Paares, selbst Eltern zu werden. Immer wieder wechseln sich lustige Szenen und tolle Dialoge mit vielen melancholischen Passagen ab, in denen Jokum für sich ausloten muss, was ein gelungenes Leben eigentlich bedeutet.

Erzählt wird die Geschichte von einem ehemaligen Mitbewohner von Jokum und Synne aus der Osloer WG. Auch die anderen ehemaligen Mitbewohner tauchen immer wieder auf. Der überzeugte Kommunist Bengt wird später zum Unternehmensberater und der Liedermacher Arve, auf den Jokum eine ganze Zeit sehr eifersüchtig ist, schreibt ein One-Hit-Wonder und wird danach vergessen. Die Erzählung springt durch verschiedene Zeiten und von Oslo nach San Francisco und zum Aufenthaltsort des Erzählers, der sich in einer Art Wohngruppe für psychisch Kranke befindet. Das kann anfänglich etwas verwirrend sein, sorgt aber dafür, dass die Geschichte einen unglaublichen Sog entwickelt. Denn der ehemalige Mitbewohner schreibt selbst an einem Buch. Es heißt "Magnet" und es geht um die Beziehung von Jokum Jokumsen und Synne Sager. 

Magnet ist ein Roman, den ich kaum aus den Händen legen konnte. Der Roman ist witzig, melancholisch und genial konstruiert (allein die Szene mit Hubert, dem Hamster und dem sich daran anschließende Kapitel sind schon eine Sache für sich). Außerdem gelingen Christensen immer wieder wunderschöne Metaphern, die Jokums und Synnes Entwicklung als Künstler*innen und als Paar einfangen. Neben sehr realistischen und immer wieder auf die zeitliche Verortung der Handlung verweisenden Passagen (das Leonard Cohen-Konzert, Jokum darf ein Foto für das neue Album von Tom Waits beisteuern usw.), gibt es gerade am Anfang auch Szenen, die in einer Art Zwischenwelt spielen, die ich gar nicht genau festlegen kann. Jokum schreibt seine letzte Klausur über Kafkas Prozess. Und auf einmal begegnen ihm auch in seinem alltäglichen Leben die Menschen aus der Erzählung. Genialer kann man kaum schreiben. 

Magnet ist ein Buch, das mich absolut begeistert hat und dem ich sehr viele Leser*innen wünsche.

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36 Bibliotheken, 2 Leser, 1 Gruppe, 4 Rezensionen

Bleib bei mir

Ayobami Adebayo , Maria Hummitzsch
Fester Einband: 352 Seiten
Erschienen bei Piper, 01.08.2018
ISBN 9783492058902
Genre: Romane

Rezension:

Wenn die Last zu groß ist, zu groß über eine zu lange Zeit, knickt selbst die Liebe ein, bekommt Risse, droht zu zerbrechen und zerbricht manchmal. Aber auch wenn sie in tausend Scherben verstreut um unsere Füße liegt, ist es noch immer Liebe. (S.23)

Yejide verkündet ihrem Mann Akin, dass sie beide Eltern werden. Sie ist sich sicher, dass sie dieses Mal eine Tochter bekommen. Auf dem „Berg der Wunder“ hat Yejide an einer rituellen Zeremonie teilgenommen und lässt sich fast ein ganzes Jahr nicht von ihrer Vorstellung einer Schwangerschaft abbringen, auch als Akin sie zu mehreren Ärzten bringt. Die Episode hat tragischkomische Elemente, aber der Auslöser für Yejides psychischen Zusammenbruch liegt in ihrem Umfeld.

Der Druck ein Kind zu bekommen, lastet schwer auf dem Paar. Im Nigeria der 1980er Jahre, sind es nicht nur zwei Menschen, die mit der Kinderlosigkeit klar kommen müssen. Die gesamte Familie mischt sich ein. So entscheidet Akins Mutter nach mehreren kinderlosen Jahren des Paares, dass endlich etwas passieren muss. Sie organisiert eine Zweitfrau für ihren Sohn. Obwohl Akin und Yejide sich gegen das traditionelle Modell der Polygamie aussprechen, können sie sich nicht gegen die Entscheidung des Familienrats durchsetzen. Yejide und Akin haben studiert, Yejide steht sogar durch einen Friseursalon finanziell auf eigenen Beinen und trotzdem müssen sie sich den Vorstellungen der anderen fügen. Yejide hofft, dass sie vielleicht doch noch schwanger wird und so die Zweitfrau Funmi wieder loswird.

Der Roman beginnt damit, dass Yejide die Zweitfrau auf einer Familienzusammenkunft präsentiert wird. Große Zeitsprünge bis ins Jahr 2008 und die wechselnde Erzählperspektive zwischen Akin und Yejide sorgen dafür, dass die Handlung an keiner Stelle langweilig wird. Mit einem guten Gefühl für Spannung und Timing beschreibt die Debütautorin Ayòbámi Adébáyo ein komplexes Ehedrama, in dem es um Verrat, Lügen und Hoffnung geht. Zudem wird die Ehe von Akin und Yejide durch ein weiteres Problem belastet: die erblich bedingte Sichelkrankheit, die häufig tödlich endet.

Besonders gut gefällt mir, wie geschickt der unterschiedliche Umgang der Protagonist*innen mit den zahlreichen Schicksalsschlägen (und das muss man als Leser*in aushalten) ausgelotet wird. Nebenbei erfährt man einiges über die politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen Nigerias, die gekonnt in den Text eingestreut werden. Ambivalente Charaktere sorgen für eine unvorhersehbare Entwicklung der Geschichte, die ich innerhalb weniger Tage gelesen habe. Angenehm kitschfrei und gleichzeitig sehr berührend, erzählt Adébáyo eine tragische Geschichte über Liebe, Verrat und Schicksal.

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21 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 6 Rezensionen

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Waking Gods

Sylvain Neuvel
Fester Einband: 320 Seiten
Erschienen bei Michael Joseph, 06.04.2017
ISBN 9780718181703
Genre: Science-Fiction

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21 Bibliotheken, 3 Leser, 0 Gruppen, 0 Rezensionen

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Untenrum frei

Margarete Stokowski
Flexibler Einband: 256 Seiten
Erschienen bei ROWOHLT Taschenbuch, 24.04.2018
ISBN 9783499631863
Genre: Sachbücher

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112 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 21 Rezensionen

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I Saw a Man

Owen Sheers , Thomas Mohr
Fester Einband: 299 Seiten
Erschienen bei DVA, 22.02.2016
ISBN 9783421046697
Genre: Romane

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(23)

37 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 6 Rezensionen

lustig

Der Zwerg reinigt den Kittel

Anita Augustin
Flexibler Einband: 336 Seiten
Erschienen bei Ullstein Taschenbuch Verlag, 02.12.2013
ISBN 9783548285788
Genre: Romane

Rezension:  
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5 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

Justizpalast

Petra Morsbach
Flexibler Einband
Erschienen bei Penguin, 08.10.2018
ISBN 9783328103790
Genre: Romane

Rezension:

Das ist also unsere Gerechtigkeitsfabrik. Am Ende hoher, höhlenartiger Zimmer sitzen Richter wie Grottenolme auf Papierbergen, jeder für sich. Nach drei Wochen Aktenwühlerei fragte Thirza Frau Meindl nach den offenen Verfahren der beiden Kollegen und erhielt die Antwort: hundertdreißig und hundertfünfundvierzig.

(S. 101)

 Thirza Zorniger hat es nicht leicht und hatte es nie leicht. Ihr Vater, ein erfolgreicher Schauspieler, hat die Familie verlassen. Die kleine Thirza kommt zu ihrem Großvater und zwei Tanten nach München Passig. Hauptsache, sie funktioniert und macht keine großen Schwierigkeiten. Bei ihrem Großvater findet sie zwar stabile Verhältnisse, aber auch eine klare Vorstellung davon, wie das Leben zu sein hat. Als Thirza, genau wie der Großvater, Juristin werden möchte, bricht dieser in Gelächter aus. Ihr Großvater kann sich nicht vorstellen, dass Thirza in dieser Männerwelt bestehen kann. Die unaufgearbeitete Rolle des Großvaters während des Nationalsozialismus, schwebt wie ein dunkler Schatten über der Geschichte.

Thirza kämpft und will allen das Gegenteil beweisen. Sie beißt sich durch ihr Studium und gibt nicht auf, bis sie selbst eine Robe tragen darf. Sie wird Staatsanwältin, Richterin am Amtsgericht, dann am Landgericht, zum Schluss Vorsitzende einer Zivilkammer. Der Erfolg fällt Thirza nicht in den Schoss, sie gibt alles dafür. Allein, ihr Privatleben bleibt dabei auf der Strecke. Thirza ist auch in ihrer Freizeit eher Grottenolm. Sie fährt alleine in den Urlaub und manchmal geht sie sogar während ihres Urlaubs ins Gericht, so sieht Arbeitshaltung aus. Freunde hat sie kaum, diejenigen, die sie hat, sind ebenfalls Juristen. Thirza glaubt lange Zeit, dass diese Einsamkeit zu ihrem Leben dazu gehört. Der Justizpalast in München ist ihre Wirkungsstätte, die Fälle, mit denen sie zu tun hat, wirken mitunter erschreckend dröge und sehr echt.

Kein Wunder, denn Petra Morsbach hat mit über 50 Jurist*innen gesprochen und so Einblicke in den Arbeitsalltag am Gericht erhalten. Der Aktenstau, die offenen Verfahren, das Gefühl, den Geschädigten häufig nicht einmal Recht zuteil werden zu lassen - diese Aspekte des Richterberufs erfasst Morsbach klar und unglaublich präzise. Die kauzigen, arroganten, weisen und zum Teil überraschend leidenschaftlichen Jurist*innen, denen Thirza begegnet, haben eins gemeinsam: ihr Zuhause ist der Justizpalast. Thirza, ein funktionierendes Rädchen im Getriebe, gibt ihr Bestes und doch ist das häufig nicht genug. Mindestens 100 Fälle aus Thirzas Alltag werden den Leser*innen auf den knapp 500 Seiten präsentiert. Die steinreiche Millionenerbin, die um ein paar tausend Euro vor Gericht kämpft, ist genau so teil dieser illustren Sammlung von Fällen wie die Nachbarn, die sich darüber in die Haare kriegen, dass die Bäume ein paar Zentimeter gekürzt werden sollen. Das ist mal traurig, mal skurril (eine Frau verliert ihren Mann durch einen Wal, nun ja, solche Dinge passieren), manchmal eben auch etwas trocken zu lesen.

Startet Thirza noch voller Elan und Idealismus in ihre Karriere, wird ihr spätestens als Richterin klar, dass erfolgreiche Strafprozesse nach vier goldenen Regeln ablaufen. Erstens, Vergleiche sind das A und O, zweitens, am besten niemand klagt, drittens, wird ein Urteil aufgehoben, hat irgendeine richterliche Instanz versagt, weil das Urteil nicht hieb-und stichfest begründet wurde und viertens, Recht und Gerechtigkeit sind zwei Paar Schuhe. Das Privatleben steht in starkem Kontrast zu dieser Welt der Akten und nicht immer gerechten Urteile. Nach einigen gescheiterten Versuchen findet Thirza mit Max dann doch das große Glück - wenn auch nicht für die Ewigkeit.

Morsbach hat einen herrlichen selbstironischen Stil, den man leicht überlesen kann. Thirza sagt zum Beispiel, sie als Hauptfigur, dürfe jetzt ohne Weiteres das Thema wechseln. Und als Thirza einmal ein Buch in die Hand nimmt, legt sie es mit den Worten: "Morsbach, keine Ahnung, was daran komisch sein soll" wieder weg.

Hat man den Roman gelesen, hat man auch als juristischer Laie das Gefühl, irgendwie ein bisschen mehr verstanden zu haben. Davon wie Gesetze und das Justizsystem funktionieren und leider auch davon, wie Richter*innen, Sachbearbeiter*innen und alle Beamt*innen des Justizapparates leicht von dieser großen Aufgabe zerrieben werden können. Denn da Recht und Gerechtigkeit nicht immer zusammen fallen, kann es häufig nur eine Annäherung an ein vermeintlich gerechtes Urteil geben. Gerade deshalb ließ mich der Roman zum Ende hin, sehr melancholisch werden.  Misst sich das Können eines Richters an seinen gnadenlosen Urteilen, seinem Einfühlungsvermögen oder seinem Bearbeitungseifer, wenn es um offene Verfahren geht? Was bleibt von einem immer korrekt geführten Leben im Dienst einer großen Sache?

Für Justizpalast hat Morsbach den Wilhelm Raabe-Literaturpreis 2017 erhalten.

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185 Bibliotheken, 2 Leser, 0 Gruppen, 55 Rezensionen

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Sag den Wölfen, ich bin zu Hause

Carol Rifka Brunt , Frauke Brodd
Fester Einband: 448 Seiten
Erschienen bei Eisele Verlag, 23.02.2018
ISBN 9783961610075
Genre: Romane

Rezension:  
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111 Bibliotheken, 1 Leser, 3 Gruppen, 82 Rezensionen

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Eine Liebe, in Gedanken

Kristine Bilkau
Fester Einband: 280 Seiten
Erschienen bei Luchterhand, 12.03.2018
ISBN 9783630875187
Genre: Romane

Rezension:

 Selten hat mich ein Buch so bewegt, wie der neue Roman von Kristine Bilkau. Das Thema ist alles andere als leicht: nach dem Tod der eigenen Mutter räumt die Erzählerin die Wohnung aus und findet alte Liebesbriefe. Sie entdeckt, dass ihre Mutter einen Liebhaber gehabt hat und beginnt alte Tagebücher zu lesen, in denen ihre Mutter Antonia sich in Edgar verliebt. Die größte Liebe ihres Lebens. "Toni" ist verträumt, erwartet viel vom Leben, wünscht sich, nach Paris zu gehen und lernt Edgar kennen, der ihr diese Wünsche erfüllen kann. In einer Zeit, als junge Singlefrauen noch argwöhnisch von Vermieterinnen beäugt wurden und Antonia beim Frauenarzt vergeblich darum bittet, die Pille verschrieben zu bekommen (erst ab 30 und für verheiratete Frauen), findet die Liebe der beiden in Gedanken und Briefen statt und wird irgendwann doch sehr körperlich. Toni entscheidet sich gegen das Kind und Edgar bekommt ein Jobangebot in Hongkong. Toni träumt vom Auswandern, aber Edgar wird sie nie ins Ausland nachholen. Und dann ist diese große Liebe auch schon wieder vorbei.Die Ich-Erzählerin begibt sich auf die Suche nach Edgar. Sie hat so viele Fragen.

Kristine Bilkau gelingt es meisterhaft ein Porträt einer Zeit zu zeichnen, in der zwar die moralische Strenge der 1950er gelockert wird, aber die sexuelle Befreiung der Frau noch lange nicht erreicht ist. Toni scheitert nicht nur an ihren großen Wünschen, sondern letztlich auch an gesellschaftlichen Erwartungen und man wird das Gefühl nicht los, dass sie ihrer Zeit weit voraus war. Umso erschreckender, welche Vorstellungen eines gelungenen Lebens noch bis vor einigen Jahren herrschten und wie vielen Erwartungen man, gerade als Frau, zu entsprechen hatte.

Die Ich-Erzählerin arrangiert ein Treffen mit Edgar und kann dabei den Gedanken nicht abschütteln, dass dieser Mensch unter anderen Umständen ihr Vater geworden wäre. Wie anders hätte ihre Familie sein können? Mich haben viele Überlegungen unglaublich getroffen, als ich dieses schmale Buch innerhalb weniger Tage gelesen habe. Und während die junge Toni so voller Träume und Hoffnungen ist, ist es umso tragischer zu lesen, dass sich die wenigsten Dinge erfüllen werden, die sie sich im Leben wünscht. 

Bilkau erzählt nicht nur eine Geschichte über eine unglückliche Liebe, sondern auch über eine schwierige Mutter-Tochter-Beziehung, deren Intensität und Tiefe sich erst nach und nach entfaltet und die mich tief berührt hat. Erst nach dem Tod ihrer Mutter, gelingt es ihrer Tochter sie außerhalb ihres Familiengefüges als eigenen, ganz besonderen Menschen zu sehen, der sich sein Leben ganz anders vorgestellt hat. Auch viele Jahre nach dem Ende der Beziehung fährt Toni heimlich zum Haus von Edgars Eltern um zu sehen, ob er zu Besuch ist. Sie kann ihn nicht vergessen, wird nie sesshaft, führt ein chaotisches Leben. Ihre Tochter hat ihr dieses Chaos nie verzeihen können, aber versteht auch erst mit dem Tod der Mutter, dass sie die Chance vertan hat, nachzufragen, wie es wirklich damals gewesen ist. Und das hat mich sehr nachdenklich werden lassen. 

 
       

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19 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 3 Rezensionen

familie, flucht, freundschaft, fukushima, hoffnung, japan, katastrophe, leben nach der kathastrophe, liebe, manga, radioaktivität, reaktorunfall, reiko momochi, schule, strahlung

Daisy aus Fukushima

Reiko Momochi , Teruhiro Kobayashi , Darai Kusanagi , Tomoji Nobuta
Flexibler Einband: 340 Seiten
Erschienen bei Egmont Manga, 04.02.2016
ISBN 9783770491629
Genre: Comics

Rezension:

Wahrscheinlich erinnert sich jede_r an das Reaktorunglück in Japan 2011. In der Folge nahm Deutschland den Ausstieg aus dem Ausstieg wieder zurück und für eine kurze Zeit waren die Gefahren von atomarer Stromgewinnung wieder in aller Munde. Nach der ersten Sensationslust und der Erleichterung darüber, dass Japan doch sehr weit weg ist, verschwand das Thema wieder von der Bildfläche. Aber die Menschen in Fukushima leben mit den Folgen des Unglücks - jeden Tag.

In dem Manga von Reiko Momochi werden die Folgen des Unglücks sehr authentisch und schockierend realitätsnah erzählt. Fumi und ihre Freundinnen sind normale Teenager. Sie denken an den Schulabschluss, machen Pläne für die Zukunft und machen Musik in einer Band. Bis die Katastrophe passiert und sich ihr Leben von einem auf den anderen Tag ändert. Die Mädchenclique erlebt die Zeit als chaotisch und unbeständig: soll man die Heimat verlassen, weil es nicht mehr sicher ist? Nicht alle haben die finanziellen Möglichkeiten dazu und Strahlung ist unsichtbar. Kinder dürfen nicht mehr draußen spielen, Bauern verlieren ihre Ernte. Suizide, weil die Menschen ihr seit Jahren beackertes Land nicht verlassen wollen, gehören auch zum Alltag. Und dabei sprechen wir von den Menschen, die nicht unmittelbar durch die Folgen des Tsunamis gestorben sind und zu den Überlebenden gehören, die scheinbar noch Glück gehabt haben.

Gleichzeitig gibt es zwar Aufbauhilfen, aber die Menschen aus Fukushima werden kritisch beäugt. Ein junger Mann löst eine Verlobung mit einer Freundin von Fumi, weil seine Familie nicht will, dass er mit einer verstrahlten Frau zusammen ist.

Mich hat der Manga, der sehr schön gezeichnet ist, gefallen. Auch wenn viele stark patriotische Untertöne immer wieder auftauchen, die aber auch nur dazu dienen, das Erlebte zu kompensieren. Ich finde es gut, dass so ein wichtiges Thema als Manga aufgegriffen wird, ein Teil des Erlöses wird einer Hilfsinitiative gespendet. Toll. 

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10 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 0 Rezensionen

Feuer brennt nicht

Ralf Rothmann
Flexibler Einband: 304 Seiten
Erschienen bei Suhrkamp, 21.06.2010
ISBN 9783518461730
Genre: Romane

Rezension:  
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65 Bibliotheken, 1 Leser, 1 Gruppe, 38 Rezensionen

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Blasse Helden

Arthur Isarin
Fester Einband: 320 Seiten
Erschienen bei Knaus, 12.03.2018
ISBN 9783813507775
Genre: Romane

Rezension:

Anton ist nach Russland gekommen, weil er dabei sein will, wie sich das Land Stück für Stück öffnet und an den Westen annähert. Er wittert das schnelle Geld. Aber nicht nur. Anton liebt Russland mit jeder Faser seines Herzens. Russische Literatur, russische Kultur und natürlich russische Frauen faszinieren ihn. Russland ist das Land der unbegrenzten Möglichkeiten und anders als alles, was Anton bisher kannte. Anton will Teil des neuen Russlands werden, das vor einem tiefen gesellschaftlichen Wandel steht. 

 

" Er war nach Russland gekommen, um mehr zu erleben als in London oder in New York. Es war berauschend, inmitten eines archaischen Konflikts zu sein. Und es war anders, als er sich vorgestellt hatte, anders als die heitere Maueröffnung in Berlin vor vier Jahren, als die Guten siegten und sich anschließend alle lieb hatten. Je weiter östlich er kam, desto unbarmherziger wurden die Auseinandersetzungen. Als Romantiker hatte er sich nach solchen Erlebnissen gesehnt, und hier traf er nun plötzlich auf diese irrwitzige Leidenschaft, für eine Idee oder Sache zu sterben. [...] Er würdigte den Unterhaltungswert des Wahns und wollte die Thematik einsaugen, mittendrin Zeuge sein, ohne sich für die eine oder andere Seite zu entscheiden." (S.79)


In sieben Kapiteln, eine Sammlung von Momentaufnahmen, begleitet man Anton vom Anfang bis zum Ende der 90er-Jahre, dem Russland Jelzins und der Veränderungen die seine Regierungszeit mit sich brachte.

Die einzelnen Kapitel sind lose durch die für Anton wichtigen Faktoren miteinander verbunden: die jeweiligen Frauen die er zum Zeitpunkt des Kapitels liebte, die Kunst (Oper, russische Literatur, Ballett) der er meist einen höheren Stellenwert in seinem Leben einräumt als seiner Arbeit und moralischen Zweifeln, die Anton auch kennt. Aber diese Zweifel sind klein, denn Anton profitiert von der korrupten Seite des Systems. 

 

Dabei ist Anton, wenn es um die Sparte Heldentum geht, auch eher von der blassen Sorte, der sich der Entscheidung für die eine oder andere Seite eben konsequent verweigert. Er gefällt sich gut in der Rolle des kulturbeflissenen Lebemannes mit Sinn für Gerechtigkeit, wenn ihn z.B. angesichts minderjähriger Prostituierten ein Hauch von funktionierendem Gewissen überfällt.


Seine Möglichkeiten das System zu ändern sind allerdings begrenzt - oder er nimmt sie als sehr begrenzt wahr. Das weiß er auch, aber seine ganz eigene moralische Flexibilität gibt ihm auch genug Möglichkeiten, an keiner Stelle die konkrete Verantwortung für sein Handeln zu übernehmen. Dafür ist das Luxusleben, das er in Russland genießen kann, viel zu verführerisch. Ein Leben, das er sonst nie hätte führen können.

 

Seine Erlebnisse sind zum Teil nicht ohne. Da wird eine saufende Landbevölkerung beschrieben, die sich in ihren Alkoholexzessen mit Vergewaltigungen beschäftigt, Bestechungsgeld gehört dazu und entrückte Superreiche feiern, als wären sie selbst zum Zaren aufgestiegen. Die Frauen in Antons Leben sind vielleicht die einzigen, die ihm immer wieder einen Ruhepol bieten und die er sehr bewundert. 

Umso spannender, dass der Autor ein Pseudonym für die Veröffentlichung gewählt hat und selbst mehrere Jahre in Russland gelebt hat. Die unglaublich irrwitzigen Geschichten über Tanzbären auf Hauspartys ist nicht nur ein Element, das Irving perfektioniert hat. Auch Isarin schreibt über Wodkaexzesse und wilde Bären, dass es eine wahre Freude ist, Lachtränen inklusive, gleichzeitig gibt es auch viele schockierende Szenen. 


Mich hat der Roman wirklich gut unterhalten, auch wenn Anton nicht die sympathischste Figur ist, habe ich den Roman sehr gerne gelesen. Ob man wirklich, wie Viktor Jerofejew im Klappentext ankündigt, Russland heute verstehen könne, wenn man dieses Buch gelesen hat, sei dahingestellt. Arthur Isarin gelingt ein faszinierender Blick in eine Phase, die ein Land an einem Wendepunkt und grandiosen Aufstieg zeigt. Und das ist wirklich lesenswert.

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19 Bibliotheken, 0 Leser, 1 Gruppe, 13 Rezensionen

bdsm, berlin, bondage, drogen, festival, fetisch, freiheit, hippies, liebe, party, rausch, roma, roman, schreibstil, sex

Sonnenkönige

Marianne Jungmaier
Fester Einband: 224 Seiten
Erschienen bei Kremayr & Scheriau, 12.03.2018
ISBN 9783218011020
Genre: Romane

Rezension:

„Meinst du beginn ich, meinst du als Online-Redakteur? Mit Vertrag? Mit Urlaub und Krankenversicherung?“

 

Schön wär's, aber so einfach ist es in Marianne Jungmaiers dritten Roman Sonnenkönige dann doch nicht. Im Mittelpunkt stehen Aidan und seine WG aus Twentysomethings, die versuchen ihren Platz im Leben zu finden. Prekäre Beschäftigung ist der Standard, über die Zukunft wird nicht viel nachgedacht. Aidan schreibt nebenher für ein Musikmagazin, aber eine Festanstellung ist nicht drin. Es gibt aber drei Frauen in seinem Leben. Mit Hannah aus der Redaktion führt Aidan eine glückliche und offene Beziehung. Mit Cherry, die gerade an ihrer Promotion schreibt, und ihrer Freundin Sam besucht er  Sadomasoparties.  Drogen gehören zum guten Ton. Als er auf einer Party den Amerikaner Bill kennen lernt, hat die Ziellosigkeit ein Ende. Aidan beginnt mit einem besonderen Projekt: im Keller bastelt er einen gigantischen Drachen. Seit seiner Kindheit sind Drachen für ihn besondere mystische Wesen, ein Drachentatoo drückt seine Verbundenheit mit der wilden Sagengestalt aus. Zusammen mit Bill möchte er das Kunstwerk in der Wüste Nevadas auf dem Favilla-Festival, das stark an die Riesenparty Burning Man erinnert, verbrennen und damit irgendwie auch ein Ritual begründen, das ihm eine neue Perspektive auf das Leben bieten kann. Wozu fährt man sonst auch in die Wüste? Richtig, um die Erleuchtung zu finden.

"Fünfzigtausend Menschen aus der ganzen Welt versammelten sich jeden August in der Wüste Nevadas, um ihre Freiheit, ihren Selbstausdruck, ihre Kunst zu feiern.“

Aidan wird von allen Figuren noch am stärksten charakterisiert, er erzählt die Geschichte und bleibt doch merkwürdig farblos. Auch Cherry, Sam und Hannah wirken wie unscheinbare Statistinnen, die sich irgendwie in einer Hippie-Bondage-Drogenwelt bewegen, die mich erst in der Wüste Nevadas richtig packen konnte (und das ist leider ein viel kürzerer Teil als der Rest der Handlung, die irgendwo in Berlin spielt). Warum die Figuren so an ihrem Dasein leiden, wird häufig nicht richtig klar und bleibt merkwürdig stark an der Oberfläche. Ohnehin eignen sich die Figuren kaum für eine tiefe Charakterisierung: Cherry lässt sich fesseln, weil sie ein Trauma aus der Kindheit verarbeiten muss. Aber dieser Nebensatz interessiert mich leider genau so wenig, wie Aidans Begründung für das Drachenkunstwerk: "Da steckt viel drin, Kindheit, Vater, so Dinge." Und an dieser Stelle sprechen wir von der Hauptfigur, dem Ich-Erzähler, der ähnlich schwer zu fassen ist, wie der ganze Rest der Figuren, die zwischen Party und Kater und der nächsten Party selten eine Pause machen.

Marianne Jungmaier hat einen tollen Stil und ich habe den Roman gern gelesen. Er funktioniert für mich aber nur als schöne Momentaufnahme, bei der sicherlich noch viel mehr drin gewesen wäre: viel mehr Background, viel mehr Tiefe der Figuren, viel mehr Klarheit in der Motivation ihrer Handlungen. Was mir gefällt sind die musikalischen Zitate und Aidan, von dem ich gerne viel mehr erfahren hätte. So bleibt ein wunderschön geschriebenes und berauschendes Ende, aber auch ein wenig das Gefühl, ein Buch gelesen zu haben, bei dem doch etwas gefehlt hat.


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151 Bibliotheken, 1 Leser, 1 Gruppe, 80 Rezensionen

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Hologrammatica

Tom Hillenbrand
Flexibler Einband: 560 Seiten
Erschienen bei Kiepenheuer & Witsch, 15.02.2018
ISBN 9783462051490
Genre: Science-Fiction

Rezension:

Weißt du, wer dein Gegenüber wirklich ist? Mit Hologrammatica hat Tom Hillenbrand einen spannenden und unterhaltsamen Science-Fiction-Thriller geschrieben, in dem auch schon mal philosophische Fragestellungen aufgeworfen werden.

Die Hauptfigur ist der Londoner Galahad Singh, der als Quästor (oder Privatdetektiv) arbeitet und sich am Ende des 21. Jahrhunderts darauf spezialisiert hat, verschwundene Menschen wieder zu finden. Davon gibt es immer mehr, denn der Klimawandel hat eine weltweite Völkerwanderungen ausgelöst. Wer genug Geld hat, verlässt die Erde und sucht sein Glück im All. Auch das ist kein Problem. Der Rest der Menschheit passt sich den Gegebenheiten an.

Zum Glück ist der technische Fortschritt mittlerweile so weit, dass niemand das Elend mehr sehen muss. Die Funktion "Holonet", ermöglicht es, visuelle Filter über die Realität zu legen. Mehr Schein als Sein ist die Devise der neuen Gesellschaft, in der auch Galahad versucht, seine Schäfchen ins Trockene zu bringen und genug Aufträge an  Land zu ziehen. Als Ermittler stehen ihm verschiedene technische Möglichkeiten zur Verfügung. Dank "Stripper Goggles", einer Art Brillenvariante, kann er die Realität ohne Holofilter erkennen. Nicht nur Gebäude und Landschaften werden durch das Holonet auf Hochglanz poliert, auch Menschen können ihr Aussehen durch Holofilter verändern. Schöne neue Welt. Doch es gibt noch ganz andere Möglichkeiten. Die kommerziell erfolgreiche Technik des Mind Uploading ermöglicht es, seine eigene Identität in fremde Körper zu laden. Bei gefährlichen Berufen, beispielsweise beim Militär oder bei der Feuerwehr, durchaus sinnvoll. Der fremde Körper kann verwundet werden, während der eigene Körper irgendwo in einem safe space verwahrt wird. Verschwundene Menschen aufzuspüren wird durch diese Technik aber um einiges komplizierter. 

"Wissen Sie, was das Ein-Körper-Problem ist?"

Ich nickte. "Ein Quant kann seinen Stammkörper nicht länger als einundzwanzig Tage verlassen. Sonst ist es aus."

"Korrekt. Braincrash-Absturz des Cogits mit kompletter Zerstörung der Datenstruktur. Gleichzeitig erleidet das Gefäß einen letalen anaphylaktischen Schock."

"Gefäß?"

"So nenne wir einen uploadfähigen Klon."

"Komischer Begriff", sage ich.

"Ist aus dem Korintherbrief. 'Wir haben den Schatz in irdenen Gefäßen'. Auf jeden Fall kommt das Cogit nicht dauerhaft ohne Stammkörper aus [...]." (S.35)

Singhs neuester Auftrag: Er soll die Computerexpertin Juliette Perotte aufspüren, die an einer Verschlüsselungstechnik für Cogits gearbeitet hat. Bald stellt sich heraus, dass Perotte in Kontakt mit einem geheimnisvollen und genialen Programmierer stand. Hat er Juliette gekidnappt? Oder hat die Verschwundene selbst ein zu riskantes Spiel gespielt? Perotte gehörte zu einer Gruppe von "Deathern", Adrenalinjunkies, die ihre eigene Identität in fremde Gefäße laden und diese Körper dann auf unterschiedlichste Arten umbringen, um den Moment des Todes immer wieder in anderen Varianten zu erleben. Nachdem Singh erste Kontakte zu dieser Szene geknüpft hat, wird ihm noch etwas anderes klar. Er findet Hinweise darauf, dass sein vor Jahren verschwundener Bruder (und bevorzugte Erbe des väterlichen Imperiums) noch am Leben ist ...

Tom Hillenbrand jongliert in seinem Roman ziemlich gekonnt mit Descartes, Klonen, künstlicher Intelligenz und Identitätsbegriffen, dass es eine wahre Freude ist. Das liegt vor allen Dingen auch an seinem sympathischen Hauptcharakter, der ein Namensvetter eines der treuen Gefährten von König Artus ist, und eben nicht der typischste Detektiv aller Zeiten (auch wenn er sich gerne an Bars herumtreibt). Singh liebt Jazz, spielt selbst Saxophon, hat eine schwierige Beziehung zu seinem Vater (aber findet im Gegensatz zu ihm vielleicht den heiligen Gral?), und ist schwul. Als ihm Francisco begegnet, ist er sich sicher, dass sein Singledasein wieder vorbei ist. Aber was, wenn Francisco nur eine Hülle ist? Ein Gefäß, in dem eigentlich jemand ganz anderes steckt? Gerade im Bezug auf das Thema Gender bietet der Roman viele spannende Denkanstöße. Kann Galahad Francisco auch lieben, wenn dieser eigentlich eine Frau ist? Oder spielen Genderfragen 2088 gar keine Rolle mehr?   

Es gibt einen weiteren Handlungsstrang, der atmosphärisch einen starken Kontrast zu Galahads Leben darstellt. Hier erinnern das Setting und Teile der Story an die Erfolgsserie Lost. Eine Frau findet sich auf einer einsamen Insel wieder. Sie bekommt eine Aufgabe, die sie erfüllen muss. Sie weiß, dass schon viele Frauen vor ihr da waren. Sie kann die Aufzeichnungen der anderen in einem Tagebuch lesen. Sie weiß auch, dass jede der Besucherinnen der Insel am Ende des Tages sterben wird... 

Tom Hillenbrand hat einen rasanten Thriller geschrieben, der mich überzeugen konnte. auch wenn ich mich an die sprachliche Gestaltung des Romans erst gewöhnen musste und  es im Mittelteil einige Längen gab, die aber durch ein actionreiches Ende wieder aufgefangen werden. Neben dem Fall um die verschwundene Programmiererin streift Hillenbrand auch große philosophische Themen: kann die Menschheit die Rettung der Welt in die Hände einer künstlichen Intelligenz legen? Sind die logischen Antworten einer Maschine auch  gerechter, weil sie emotionslos und ohne Eigeninteresse gefällt werden? Das offene Ende bietet Möglichkeiten für eine Fortsetzung. Ich wäre auf jeden Fall dabei. 

 

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16 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

Die Dämmerung der Steppengötter

Ismail Kadare , Joachim Röhm
Fester Einband: 208 Seiten
Erschienen bei S. FISCHER, 22.09.2016
ISBN 9783100384140
Genre: Romane

Rezension:  
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30 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 20 Rezensionen

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Ein wilder Schwan

Michael Cunningham , Eva Bonné
Fester Einband: 160 Seiten
Erschienen bei Luchterhand, 13.11.2017
ISBN 9783630874913
Genre: Romane

Rezension:

Eine Märchensammlung für Erwachsene, die mit neuen und manchmal auch sehr bösen Wendungen die altbekannten Klassiker neu interpretiert.

Michael Cunningham hat für seinen Roman Die Stunden den Pulitzer-Preis gewonnen. Vor einiger Zeit habe ich einen Roman von ihm gelesen, der sich auch schon mit verfremdeten und neuinterpretierten Märchen beschäftigt. In dem Roman Die Schneekönigin greift Cunningham zwar Andersens Motive auf, transportiert die Ereignisse aber in die Gegenwart und verwandelt die Geschichte in eine Neuinterpretation, die es in sich hat und die ich sicherlich nicht so schnell vergessen werde.

Auch in der Märchensammlung Ein wilder Schwan geht der Autor nach diesem Prinzip vor. Anders als in den Grimmschen Vorbildern findet er aber immer Erzählmomente, die den überlieferten Geschichten eine moderne Wendung geben. Einzelne Fragmente der Erzählungen werden überspitzt dargestellt und tragen so zu von Märchen inspirierten Geschichten bei, die allerdings weit weg vom Originaltext sind. Dabei können nicht alle Erzählungen, wie das eben oft bei Kurzgeschichtensammlungen der Fall ist, dasselbe erzählerische Niveau halten. Trotzdem sind die Geschichten gelungen, manchmal auch dadurch, dass Cunningham geschickt die Perspektive wechselt und sich auch um Figuren kümmert, deren Geschichte von den Grimms nicht zu Ende erzählt wurde.

Was passierte mit dem Prinzen, der sich zu Rapunzels Turmzimmer hinaufschwang und dann von ihrer fiesen Stiefmutter in die Dornen geschubst wurde? Bei Cunningham finden die Liebenden zwar wieder zueinander, aber der Prinz ist erblindet.

Vor tausend Türen hatte er gestanden und ihren Namen gesagt, tausendmal hatte man ihn abgewiesen, zunächst freundlich und später, als er zu einer jämmerlichen, verstörenden Gestalt geworden war, ohne Mitleid. Der Grat zwischen einem Prinzen auf wichtiger Mission und einem verwirrten, erblindeten Wanderer, dem nichts geblieben ist als ein einziges, unverständliches Wort, hatte sich als überraschend schmal erwiesen. (S.139)

Aber Rapunzel findet einen Weg, dass ihre abgeschnittenen Haare immer hin noch eine erotische Komponente entfalten. Auch Schneewittchen wird von ihrem Liebsten dazu angehalten, mit gefalteten Händen vor der Brust im Bett zu liegen – denn im Glassarg damals sah sie so wahnsinnig sexy aus.

Das Märchen Rumpelstilzchen gewinnt eine ganz neue Dynamik, wenn man erfährt, dass der arme Gnom sich sehnlichst ein Kind wünscht und leider nicht in der Lage ist, Vater zu werden, bis er seine große Chance sieht und auf einen Deal mit der Königstochter hofft – die ihn dann hintergeht. Und auch die Hexe kann einem nur Leid tun. Da hat sie jahrelang an ihrem Knusperhäuschen gewerkelt bis ein gepierctes Krawallpärchen auftaucht und anfängt, ihr Lebenswerk zu essen. Und wer die Vorlage kennt, weiß, dass die Geschichte für die Hexe ziemlich böse ausgeht.


Ohnehin ignoriert Cunningham gekonnt in vielen Variationen das altbekannte „Und sie lebten glücklich und zufrieden bis an ihr Lebensende“ und orientiert sich an einem „Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute“ – aber er buchstabiert die Konsequenzen aus, die in den Vorlagen bereits angedeutet sind. Der elfte Prinz aus dem Märchen Die wilden Schwäne von Hans Christian Andersen hatte Pech, denn seine Schwester Elisa konnte ihm nicht schnell genug ein Gewand nähen. Er bleibt der Prinz mit dem Schwanenflügel und kann mit dieser Monstrosität in seinem Leben nicht umgehen, stattdessen tingelt er von Bar zu Bar um irgendwie mit seinem Anderssein klar zu kommen. Die X-Men lassen grüßen. Hier betrinkt er sich mit einem Froschkönig und einem Prinzen, der seit Jahrzehnten die „komatöse Prinzessin“ sucht, die er wach küssen soll.

Es hilft in jedem Fall die Märchen und Erzählungen zu kennen, die Cunningham zugrunde legt. Das sind zum Beispiel auch Der standhafte Zinnsoldat, Die Schöne und das Biest oder Jack und die Bohnenranke. Die Illustrationen von Yuko Shimizu geben dem Erzählband noch das gewisse Etwas und sind genau so düster und entzückend wie die Geschichten selbst.

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73 Bibliotheken, 6 Leser, 1 Gruppe, 39 Rezensionen

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Wiesenstein

Hans Pleschinski
Fester Einband: 552 Seiten
Erschienen bei C.H.Beck, 19.03.2018
ISBN 9783406700613
Genre: Romane

Rezension:


Gerhart Hauptmann, Nobelpreisträger und Autor von Werken wie Bahnwärter Thiel und Die Weber, verlässt gemeinsam mit seiner Frau Margarete und einem Stab von Dienstboten im März 1945 ein Sanatorium und fährt zurück in die Heimatvilla. Das Anwesen Wiesenstein liegt in Schlesien, im Riesengebirge. Die Hauptmanns planen ein luxuriöses Leben im Chaos des Krieges. Ein Schutzbrief des sowjetischen Kulturoffiziers Sekolow ermöglicht es Hauptmann Wiesenstein nach wie vor zu bewohnen. Als "Festung in Saus und Graus", als "Schutzhülle {m]einer Seele" steht die Burg wie ein uneinnehmbarer Ort in der Nähe von Görlitz. Ein Masseur, eine Zofe, ein Butler, ein Gärtner, eine Köchin und eine Sekretärin stehen bereit, um dem großen Schriftsteller und seiner Frau Margarete den Lebensabend so fürstlich wie möglich zu gestalten. Die Romanhandlung verlässt diesen Ort auch kaum, auf Wiesenstein entfaltet sich ein intensives Kammerspiel das die letzten Tage des Nobelpreisträgers umfasst.


Auf Wiesenstein, so hofft Hauptmann, kann er zur Ruhe kommen. Seine Bekanntheit reicht über die Landesgrenzen hinaus, seine Stücke haben ihn zum gefeierten Schriftsteller gemacht. Wegen seiner sozial engagierten Dramen ist er auch  zum Kriegsende hin bei den Russen und Polen sehr beliebt, auch wenn er sich nie gegen den Nationalsozialismus positioniert hat, sondern oft genau wusste, von wem er in welcher Situation profitieren konnte. 


Klare politische Statements scheinen ihm ohnehin nicht sehr gelegen zu haben. Pleschinski zeigt einen Schriftsteller, der sich oft nicht entscheiden konnte und für den stets die Kunst höhere Priorität als das politische Alltagsgeschäft hatte. Das ist nicht unbedingt leicht zu lesen, wünscht man sich doch jemanden, der eine klare Haltung hat. Es ist oft nicht leicht zu entscheiden, ob Hauptmann senil oder arrogant oder vielleicht zu ängstlich ist, um sich anders zu verhalten. Oder vielleicht einfach mit einem riesen großen künstlerischen Eskapismus gesegnet, der ihn auch dunkle Zeiten überstehen ließ. Ein Schriftsteller, der vor dem Ersten Weltkrieg gefeiert und dem schon in der Nachkriegszeit seine Nähe zu den Nationalsozialisten auf die Füße fiel. Pleschinski geht hier den großen Fragen nach: Wie viel Nähe zu den Machthabern ist legitim? Wie sehr dürfen sich Künstler*innen von autoritären Regimen hofieren lassen und sei es auch nur um Freunde oder die eigenen Kinder zu schützen? 


Auf Wiesenstein lädt Hauptmann standesgemäße zu Feiern und Kinoabenden als wären Friedenszeiten. Man lästert über die Schriftsteller im Exil oder amüsiert sich über Dr. Spitz - so nannte Hauptmann Thomas Mann. Mann wiederum soll darunter gelitten haben, dass er "nur" Mann, der andere immerhin "Hauptmann" war - im Zauberberg parodiert er den Schriftstellerkollegen in der Figur des Mynheer Peeperkorn. Sprachduktus und Stottern inklusive. Hauptmann wird ihm diese künstlerische Freiheit nicht verzeihen. 


Manchmal schmeißt Hauptmann sich in seine Mönchskutte, die er aus Italien mitgebracht hat, zieht sich in sein Turmzimmer zurück und trinkt und schreibt die ganze Nacht (vieles ist wunderschön: "In jedem Mensch ruht ein Tanz"). Sein Personal, die Krankenschwester Maxa, seine Sekretärin Annie Pollak und sein Masseur Paul Metzkow passen sich dem Lebensrhythmus an, auch wenn in den Dörfern um Wiesenstein herum, Flüchtlingstrecks vorbeiziehen und die Angst vor den fremden Soldaten immer größer wird. Aus den verschiedenen Perspektiven der Bewohner wird das Leben auf Wiesenstein greifbarer, auch wenn Wiesenstein Schutz bietet, weiß niemand, was als nächstes passieren wird. Die Zeit scheint auf der Burg still zu stehen. 


Völlig unvorhersehbar war der Masseur mittlerweile zum Lieblingsvorleser des Hausherrn aufgerückt. Was im Lande geschah, drang nur spärlich zum Wiesenstein durch. Der Wiesenstein schien tatsächlich Sicherheit zu gewähren. Lesen und Vorlesen überbrückte nicht nur die Zeit, es füllte sie sogar. Metzkow entwickelte sich zum Hauptmann-Kenner. Keiner seiner alten Bekannten, sofern sie noch lebten, würde das glauben.  (S.293)


Auch die Nachkriegszeit und die anschließenden Plünderungen werden umfassend dargestellt und zeigen gekonnt und schockierend die Folgen des Krieges auf. Gert Hauptmann stirbt am 6. Juni 1946, seine Frau kurz darauf. Hans Pleschinski schreibt sehr ausführlich über die letzten Tage im Hause Hauptmann. Viele Figuren sind historisch belegt und Pleschinski reichert den Roman mit vielen unbekannteren Originaltexten an, die der junge Masseur Metzkow zum ersten Mal liest. Das ist wirklich gelungen und macht neugierig auf andere Werke des Schriftstellers. Wenn allerdings Annie Pollak oder Paul Metzkow als Stichwortgeber für Interpretationsansätze oder biografische Hintergründe von Hauptmann herhalten müssen, wirkt der Text etwas schwerfällig.  Trotzdem konnte mich der Roman beeindrucken.

 

 

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28 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 2 Rezensionen

familie, freundschaft, hochbegabung, tod, unfall, verlust

Glück ist eine Gleichung mit 7

Holly Goldberg Sloan , Wieland Freund
Flexibler Einband: 368 Seiten
Erschienen bei dtv Verlagsgesellschaft, 10.11.2017
ISBN 9783423626606
Genre: Jugendbuch

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139 Bibliotheken, 3 Leser, 2 Gruppen, 92 Rezensionen

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All die Jahre

J. Courtney Sullivan , Henriette Heise
Fester Einband: 464 Seiten
Erschienen bei Zsolnay, Paul, 29.01.2018
ISBN 9783552063662
Genre: Romane

Rezension:

Es soll ein großes Abenteuer werden. Nora und Theresa Flynn wandern von Irland nach Amerika aus. Noras Verlobter Charlie ist schon vor Ort und wartet auf die beiden Schwestern. Aber dann kommt alles ganz anders als gedacht und Nora und Theresa sprechen mehrere Jahrzehnte nicht mehr miteinander.


All die Jahre ist ein Familienroman und gleichzeitig auch eine Geschichte einer Auswanderung, die zu scheitern droht. Während in ihrem irischen Dorf alles klar geregelt war, sehen sich die Schwestern in Boston mit vielen neuen Freiheiten konfrontiert, mit denen sie nie gelernt haben umzugehen. Nora reißt sich zusammen. Sie weiß, dass sie Charlie heiraten soll, auch wenn sie ihn nicht liebt. Das hatten die Familien schon in Irland abgesprochen. Nora ist ihr eigenes Leben weitestgehend egal. Sie erfüllt ihre Pflicht, arrangiert sich mit ihrer Ehe und hält nichts von Tagträumereien. Nora glaubt daran, dass es Theresa besser haben soll. Für ihre Schwester sollen in Boston alle Türen offen stehen, hier kann sie Lehrerin werden, immerhin war sie die beste Absolventin der Dorfschule. Aber Noras Plan geht nicht auf. 


Theresa stürzt sich in ihre neue Freiheit und wird von einem verheirateten Mann schwanger. Der Vater des Kindes interessiert sich wenig für Theresa, er hat ja bereits eine eigene Familie. In den 1950er Jahren und im katholischen Umfeld der Schwestern ein Skandal. Nora zwingt die 18-jährige Theresa dazu, das Kind im Geheimen auf die Welt zu bringen, zusammen mit Charlie adoptiert sie dann den Sohn ihrer Schwester. Nora ist 21 und damit volljährig und darf entscheiden, was mit ihrem Neffen passiert. Sie erfüllt ihre Pflicht, glaubt sogar  daran, Theresa einen Gefallen zu tun. "Nora hat sich das Baby einfach genommen", denkt Theresa. Die Schwestern werden fast fünfzig Jahre nicht miteinander reden. 


Ihr Leben lang hatte ihre Schwester sie zähmen wollen, hatte versucht, sie für die Welt zurechtzumachen. Nora hatte einen dummen Mann geheiratet, den sie nicht liebte. Wieso machte die Tatsache seiner Existenz aus ihr eine bessere Mutter, als Theresa es für ihren eigenen Sohn war? (S. 104)


All die Jahre ist der dritte Roman von J. Courtney Sullivan.  Aus verschiedenen Blickwinkeln und mit langen Rückblicken wird die Familiengeschichte der Schwestern erzählt. Geheimnisse und versteckte Vorwürfe gehören selbstverständlich zum Familienalltag der Raffertys.

Da gibt es John, einen aufstrebenden Politiker, der gemeinsam mit seiner Frau, die sich für etwas besseres hält, ein chinesisches Mädchen adoptiert hat; Bridget, die lesbisch ist und darüber nicht mit ihrer Mutter sprechen kann, obwohl sie seit Jahren mit ihrer Freundin zusammenlebt und mit ihr ein Kind plant; Brian, der nichts auf die Reihe kriegt und in der Bar seines Bruders Patrick arbeitet. Und da ist Patrick, das Lieblingskind von Nora - der Sohn von Theresa.


Im Haus ihrer Kindheit und Jugend waren Verdrängung und Unterdrückung von Gefühlen üblich. Nora und Charlie schliefen in getrennten Betten. Insgeheim nannten Bridget und John sie deshalb Ernie und Bert. (S.154)


Auch wenn bei den Raffertys nicht alles rund läuft, treffen sich die Geschwister regelmäßig und versuchen den Kontakt untereinander zu halten. Obwohl die Kinder in der amerikanischen Gesellschäft längst angekommen sind, können Charlie und Nora nicht von der alten Heimat lassen, Nora glaubt auch Jahre nach der Auswanderung noch daran, dass sie irgendwann zurückkehren wird. Als sie nach Jahrzehnten wieder die grüne Insel betritt, merkt sie selbst, dass sie sich etwas vorgemacht hat. 

Offene Gespräche innerhalb der Familie sucht man vergebens. Weder kann Bridget ihrer erzkatholischen Mutter begreiflich machen, dass ihre Freundin nicht ihre Mitbewohnerin ist, noch hat Nora mit ihren Kindern darüber gesprochen, dass Patrick der Sohn ihrer Schwester ist. Und auch John und Patrick konkurrieren seit Jahren um die Anerkennung der Mutter. Nora zeigt wenig Gefühle und auch zu ihrer Schwester hat sie seit Jahren keinen Kontakt mehr. Theresa lebt als Nonne in einem Kloster, weitestgehend abgeschieden von der Welt. Als es zu einem Trauerfall in der Familie kommt, kündigt sich überraschend Theresa an. 


Sullivan schreibt sehr locker und handwerklich geschickt, eine Geschichte, die keine großen Überraschungen bereit hält. Außerdem gibt sie spannende Einblicke in die irische Auswanderercommunity in den 1960er Jahren in Boston. Durch die Perspektivwechsel zwischen Theresa und Nora und die verschiedenen Zeitsprünge ergibt sich so ein unterhaltsamer Familienroman, den man sehr schnell wegschmökern kann. Sullivan schafft es auch, Nora, die viele versteckte Probleme mit sich herum trägt und mir als Leser*in unglaublich fremd ist, als Figur zu gestalten, die fast sympathisch darin wirkt, unbedingt das richtige tun zu wollen.


Thematisch erinnert die Story ja auch ein bisschen an die Erfolgsserie Call a Midwife, die im London East End der 1950er Jahre spielt und in der sich die Hebammen und Nonnen neben den ständigen Hausgeburten häufig mit ähnlichen Problemlagen konfrontiert sehen wie die Geschwister Nora und Theresa - mit einer ungewollten Schwangerschaft. Allerdings wirken die Figuren hier noch glatter als in der BBC-Erfolgsproduktion. Und für diejenigen, die die Serie kennen, wird vielleicht deshalb klar, weshalb ich diesen Roman nicht schlecht fand, aber eben auch nicht fantastisch gut. 

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aberglaube, blutig, grossbritannien, insel, journalist, krimi, mo hayder, mord, mysteriös, pig island, schottland, sekte, spannend, teufel, thriller

Die Sekte

Mo Hayder ,
Flexibler Einband: 383 Seiten
Erschienen bei Goldmann Verlag, 13.10.2008
ISBN 9783442468355
Genre: Krimi und Thriller

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Dreimal im Leben

Arturo Pérez-Reverte , Petra Zickmann
Flexibler Einband: 525 Seiten
Erschienen bei Insel Verlag, 10.11.2014
ISBN 9783458360247
Genre: Romane

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Was man von hier aus sehen kann

Mariana Leky
Fester Einband: 320 Seiten
Erschienen bei DuMont Buchverlag , 18.07.2018
ISBN 9783832198398
Genre: Romane

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4 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 0 Rezensionen

Da steht mein Haus

Hans Keilson , Heinrich Detering
Fester Einband: 128 Seiten
Erschienen bei FISCHER Taschenbuch, 15.05.2012
ISBN 9783596512300
Genre: Biografien

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Meine wundervolle Buchhandlung

Petra Hartlieb
Fester Einband: 208 Seiten
Erschienen bei DuMont Buchverlag , 15.12.2014
ISBN 9783832197438
Genre: Biografien

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