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104 Bibliotheken, 12 Leser, 0 Gruppen, 33 Rezensionen

istanbul, identität, zwillinge, russland, migration

Außer sich

Sasha Marianna Salzmann
Fester Einband: 366 Seiten
Erschienen bei Suhrkamp, 11.09.2017
ISBN 9783518427620
Genre: Romane

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60 Bibliotheken, 12 Leser, 0 Gruppen, 6 Rezensionen

brüssel, hauptstadt, hauptstädte, eu, dt. buchpreis shortlist

Die Hauptstadt

Robert Menasse
Fester Einband: 459 Seiten
Erschienen bei Suhrkamp, 11.09.2017
ISBN 9783518427583
Genre: Romane

Rezension:

INHALT: Zum fünfzigsten Jahrestag der Gründung der Europäischen Kommission soll Fenia Xenopoulous, aufstrebende EU-Beamtin aus Zypern, einen Festakt organisieren. Ganz nebenbei soll mit dieser Jubileumsfeier auch das Image der Europäischen Behörden aufpoliert werden, das sich seit Jahren im Sinkflug befindet. Mit ihren Kollegen entwickelt sie die Idee, den ursprünglichen Sinn der Gründung am Jahrestag in den Mittelpunkt zu stellen. Der Grundgedanke entstand aus den Gräueln des Zweiten Weltkrieges, dem Holocaust, und dem Wunsch, dass sich so etwas niemals wiederholen dürfe. Es gibt wohl kaum einen Begriff, der mit den Schandtaten der Nazis so eng verknüpft ist wie Auschwitz, also versuchen Fenia und ihr Team alle noch lebenden ehemaligen KZ-Häftlinge aufzuspüren, was schwieriger ist, als zunächst angenommen.

Währenddessen hält sich auch Professor Alois Erhardt in Brüssel auf, ein alternder Volkswirtschaftler, der in der letzten Rede seiner langen Karriere den machtgeilen Jungspunden, die heute an den Hebeln sitzen, erklären will, woraus die Union eigentlich erwachsen ist, welche Chancen sie bietet und wohin die Reise führen kann. Eine Vorlesung mit mächtig Zündstoff, da Erhardt sie mit einem Vorschlag beendet, der einschlägt wie eine Bombe.

Auch David de Vriend wandelt durch Brüssel, allerdings mit letzten Kräften – er ist einer der letzten Auschwitz-Überlebenden. Als Junge sprang er vom Deportationszug und verlor seine ganze Familie in den Kammern. Ihm gelang die Flucht, doch wenige Jahre später wurde er verraten und kam letztlich auch ins Lager, wo ihm nur das Kriegsende vor dem sicheren Tod rettete. Für Fenia und ihr Jubilee Project wäre de Vriend ein wichtiger Zeuge, doch bevor sie ihn ausfindig machen kann, funkt ihr das Schicksal dazwischen.

FORM: Robert Menasses groß umjubelter Brüssel-Roman besticht vor allem durch seine scheinbare Leichtigkeit. Mit viel Witz und gutem Gespür für die Facetten seiner Figuren ackert sich Menasse durch die staubtrockene Unionslandschaft. Ich sage scheinbar, weil hinter dem überraschend locker wegzulesendem Text jede Menge Tiefsinn und Ideenreichtum versteckt sind, so dass DIE HAUPTSTADT sowohl als literarisches Denkmal für die EU, als auch als Streitschrift für die Gegner der europäischen Idee dienen kann.

Stilistisch zeigt sich Menasse verspielt und experimentierfreudig, ohne völlig auf die gängigen Regeln der Erzählkunst zu verzichten. Die ganz große Stärke des Autors liegt bei den Dialogen. Selten habe ich Romanfiguren so realistisch miteinander sprechen gehört (bzw. gelesen). Das macht viel aus: Es gibt den Charakteren unglaublich viel Tiefe und nimmt ihnen eventuelle Steifheiten. Eine Kunstfertigkeit, die ich bei vielen gegenwärtigen Autoren und Autorinnen – auch wenn ich sie ansonsten schätze – oft vermisse.

Die größte Leistung dieses Romans ist jedoch, dass Menasse die EU nicht als lebloses bürokratisches Monstrum darstellt, das sich hinter scharfen Gesetzen und engen Vorgaben versteckt, sondern als visionäre Institution, geführt von einem bunt zusammengewürfelten Haufen Menschen aus ganz Europa mit all ihren Stärken und Schwächen, Idealen und Ängsten – er gibt dem supranationalen Organ eine Seele.

FAZIT: Robert Menasse (*1954) ist seit dem Erschienen seines Romans und nicht zuletzt seit dem Gewinn des Deutschen Buchpreises 2017 in aller Munde und DIE HAUPTSTADT wird viel besprochen. Und natürlich – wie für ein politisches Buch üblich – polarisiert es auch, was man aber wie so oft als positive Eigenschaft zählen kann. In der Begründung der dbp-Jury steht, dass Menasse in DIE HAUPTSTADT den Anspruch verwirklicht, Zeitgenossenschaft literarisch so zu realisieren, »dass sich Zeitgenossen im Werk wiedererkennen und Nachgeborene diese Zeit besser verstehen werden«. Ich schließe mich hiermit den Bewunderern an und vergebe feierlich fünf Sterne.

*** Diese und viele weitere Rezensionen könnt Ihr in meinem Blog Bookster HRO nachlesen. Ich freue mich auf Euren Besuch ***

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42 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 7 Rezensionen

japan, selbstmord, buchpreis, dtsch.bpreis-shortlist, fremde völker

Die Kieferninseln

Marion Poschmann
Fester Einband: 168 Seiten
Erschienen bei Suhrkamp, 11.09.2017
ISBN 9783518427606
Genre: Romane

Rezension:

INHALT: Gilbert Sylvester – seines Zeichens Privatdozent und Leiter einer Forschungsgruppe für die historische Bedeutung des männlichen Bartes – ist sich sicher, dass seine Frau ihn betrügt. Um Abstand zu gewinnen, fliegt er kurzerhand nach Japan, um dort auf den Spuren des Nationaldichters Matsuo Basho zu wandeln. Vor über dreihundert Jahren durchquerte dieser auf langen Reisen sein Land und setzte der Schönheit der fernöstlichen Natur in unzähligen Haikus ein Denkmal.

In Tokio angekommen, wird Sylvester Zeuge eines Selbstmordversuches – der junge Japaner Yosa Tamagotchi will sich in der Tokioter U-Bahn das Leben nehmen. Er ist zu schwach und fragil für die japanische Gesellschaft, deren soziale Grundpfeiler Erfolg und Disziplin sind. Sylvester überzeugt ihn, dass die U-Bahn ein furchtbar unwürdiger Ort ist, seinem Leben ein Ende zu bereiten. Er nimmt sich Tamagotchi an und zusammen bereisen sie das Land, um einen bedeutenderen Ort für den Freitod zu finden, von denen es in Japan mehr als genug gibt, nicht zuletzt die sagenumwobenen Kieferninseln.

FORM: Marion Poschmann (*1969) legt mit DIE KIEFERNINSELN ein vielschichtiges, poetisches Kurzwerk vor, das in seinem Tonfall und seiner Figurenzeichnung ebenso ambivalent ist, wie das Land, in dem es spielt. Es gibt Szenen voller Komik – das Kabuki-Theater etwa, eine klassische japanische Kunstform, mit der Sylvester überhaupt nichts anfangen kann –, aber auch unheimliche Abschnitte, wie zum Beispiel die Nacht im Aokigahara, dem Meer der Bäume, einem beliebten Ort für Selbstmörder, in dem hunderte Verzweifelte den Tod fanden – und deren sterbliche Überreste dort zum Teil noch zu finden sind!

Die beiden Hauptcharaktere mit den seltsamen (und vielleicht sprechenden?) Namen könnten auf den ersten Blick unterschiedlicher kaum sein. Während Sylvester als typischer Mitteleuropäer voll motiviert, ein bisschen selbstgerecht und schnell gelangweilt ist, wirkt Tamagotchi dagegen wie ein nasser Lappen, willenlos und leicht lenkbar. Auf anderen Ebenen sind sich beide aber doch sehr ähnlich.

Ebenso zweiseitig verhält es sich mit dem Land, das sie durchqueren – Japan. Ich denke, kaum ein anderes Land kann so unterschiedliche Pole aufweisen wie dieses Märchenreich, das wohl auf ewig zwischen altertümlicher Mystik und futuristischer High-Tech-Moderne festsitzen wird. Das Motiv der Ambivalenz kommt in Poschmanns Roman häufig vor, nicht zuletzt in den zahlreichen Beschreibungen der Bäume selbst:

Mal stand der Baum für das Flüchtige, nur dazu da, das Ewige durch sich erstrahlen zu lassen, mal stand er für das Unvergängliche inmitten der permanenten Veränderung, er war das eine und das andere, er war ein Widerspruch in sich. (Seite 114)

Die Widersprüchlichkeit der Figuren, des Landes und des Lebens, das ist Poschmanns Thema.

FAZIT: Japan wird für mich immer ein Buch mit sieben Siegeln bleiben, daran konnten DIE KIEFERNINSELN nichts ändern. Was für mich bleibt, ist eine teils unterhaltsame, teils nachdenkliche, zu jeder Zeit aber angenehme Leserfahrung, die ich gerne weiterempfehle. Fünf Sterne.

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17 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 4 Rezensionen

verfolgung, untiefen der menschlichen psyche, lukas bärfuss, stalker, gesellschaft

Hagard

Lukas Bärfuss
Fester Einband: 180 Seiten
Erschienen bei Wallstein, 27.02.2017
ISBN 9783835318403
Genre: Romane

Rezension:

INHALT: Philip, erfolgreicher Immobilienmakler mittleren Alters, entschließt sich aus einer Laune heraus, eine Frau zu verfolgen, die er noch nie vorher gesehen hat. Im alltäglichen Berufsgedränge ist sie ihm aufgefallen wie ein helles Licht in dunkler Nacht. Er lässt sie nicht mehr aus den Augen, sagt kurzerhand alle Termine ab und verfolgt sie durch die halbe Stadt bis vor ihr Haus, vor dem er die Nacht verbringt. Unglückliche Zufälle lassen ihn am nächsten Morgen seine Papiere verlieren, die Hälfte seines Schuhwerks, er sieht schlimm aus und riecht unangenehm, aber er von seiner Angebeteten kann er nicht mehr lassen – längst ist aus dem kleinen Abenteuer eine Obsession geworden, ein Zwang, der ihn an den gesellschaftlichen Rand und schließlich auch in den Ruin treiben könnte.

FORM: Was Lukas Bärfuss (*1971) hier auf rund 170 Seiten zwischen zwei Buchdeckel quetscht, ist eine Mischung aus Psychogramm und surrealem Thriller. In teils komisch-skurrilen, teils unheimlichen Szenen lässt er den willenlosen Helden seiner irrlichternen Göttin nachsteigen und tritt dabei nach freiem Belieben aufs Gas- oder Bremspedal. Manchmal ist die Prosa halsbrecherisch rasant, an anderen Stellen poetisch zart – auf keiner Seite jedoch hat man als Leser das Gefühl, Bärfuss könne auf irgendeine Art die Kontrolle verlieren.

Die Charaktere, die in HAGARD auftreten, könnten unterschiedlicher kaum sein, und Bärfuss widmet sich jeder Figur auf andere Weise: Während Philip selbst als Hauptperson bis in die tiefsten Tiefen ausgelotet wird, bleibt sein Irrlicht naturgemäß unscharf; und damit wir gewisse Beweggründe verstehen, wird die komplette Vita eines Taxifahrers ausgerollt, auch wenn dieser erst zum Ende der Geschichte auftaucht; und dann gibt es ja auch ab der ersten Seite diesen ominösen Ich-Erzähler, der selbst gar nicht zur Handlung gehört, auf metaphysische Art aber Philip lenkt.

FAZIT: Ein großer kleiner Spaß, den uns Bärfuss hier auftischt. HAGARD (übrigens ein Begriff aus der Jägersprache, der einen abgerichteten Jagdfalken bezeichnet) weiß sowohl zu unterhalten, als auch stilistische Ansprüche zu bedienen. Ein kleines Meisterwerk – Fünf Sterne!

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44 Bibliotheken, 3 Leser, 0 Gruppen, 25 Rezensionen

boxen, usa, working class, kalifornien, armut

Fat City

Leonard Gardner , Gregor Hens
Fester Einband: 224 Seiten
Erschienen bei Blumenbar, 11.04.2017
ISBN 9783351050399
Genre: Romane

Rezension:

INHALT: Billy Tully ist erst Ende zwanzig, steht aber schon am Ende seiner Karriere. In jüngeren Jahren war er ein umjubelter Boxer, dem eine rosige Zukunft prophezeit wurde. Doch dann kamen der Suff, die Frauen und der körperliche Verschleiß. Heute ist er nur noch ein Wrack, hält sich mit kraftraubenden Gelegenheitsjobs als Erntehelfer über Wasser und versinkt allabendlich in Selbstmitleid zwischen düsteren Bars und schäbigen Motelzimmern. Als er beim Training dem Box-Neuling Ernie Munger ein paar Tricks beibringen will, kommt Tully übel unter die Räder – und das durch einen blutigen Anfänger! Tully packt der Ehrgeiz; er will es noch einmal wissen. Doch so leicht wie vor zehn Jahren noch ist das Geld nicht mehr zu verdienen – der Ton ist rauher, die Gegner sind härter und die Manager gewiefter. Und auch Ernie Munger stellt sich den Herausfordungen, die der Sport und auch das Leben für ihn bereithalten.

FORM: Leonard Gardner (*1933), dessen Boxer-Millieustudie von 1969 sein bis dato einziger Roman blieb, schreibt in nüchterner, einfacher Sprache, was sehr gut zur allgemeinen Trostlosigkeit passt, die sowohl den Handlungsort als auch die Figuren permanent umweht. Die Geschichte spielt in den 1950ern in Stockton, Kalifornien, einem tristen Kaff nahe San Francisco, das so gar nicht zu dem glamourös klingenden Titel passen mag. FAT CITY, eine Art El Dorado, das Ziel aller Träume, bleibt für die meisten auch Wunsch und Illusion.

Gardners zumeist männliches Personal ist simpel gestrickt, was man besonders gut in den Dialogen erkennt, die sich ständig im Kreis drehen. Alle haben eine ungefähre Ahnung von dem, was sie sagen wollen, und trotzdem quatschen sie aneinander vorbei. Sie sind aggressiv, egoistisch und – aus heutiger Sicht kaum zu ertragen, aber wohl der Zeit geschuldet – furchtbar frauenfeindlich. Aber auch die Damen bekleckern sich nicht mit Ruhm, sind rauh und einfältig.

Zu stilistischer Hochform läuft Gardner in den Boxkämpfen auf, bei denen er dank präziser Wortwahl und zielsicheren Sätzen enorme Spannung aufbaut. Ich selbst bin kein großer Box-Fan – um ehrlich zu sein, habe ich noch nie einen kompletten Kampf gesehen und quittiere jeden Bericht über diesen Sport mit fassungslosem Kopfschütteln –, in diesem Roman jedoch fieberte ich ordentlich mit, was aber eher an den Charakteren und weniger am Sport lag. Es gibt auch eine Verfilmung von 1972 mit Stacey Keach und Jeff Bridges in den Hauptrollen, Gardner selbst schrieb das Drehbuch. Vielleicht bekommt man den ja mal irgendwo zu sehen.

FAZIT: Eine Milieustudie über das Verpassen des american dream; ohne Pathos, völlig unsentimental und sehr authentisch – fünf Sterne.

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34 Bibliotheken, 4 Leser, 0 Gruppen, 21 Rezensionen

roman, wien, absturz, stadt, österreicher

Wer hier schlief

Isabella Straub
Fester Einband: 304 Seiten
Erschienen bei Blumenbar, 15.09.2017
ISBN 9783351050429
Genre: Romane

Rezension:

INHALT: Philipp Kuhn trennt sich von seiner Frau, um fortan bei Myriam zu leben, seine bildschöne Geliebte, die ihm völlig den Kopf verdreht hat. Es gibt da nur ein Problem: Nach dem Auszug – oder besser Rauswurf – ist Myriam nicht mehr aufzufinden. Sie geht nicht ans Telefon, kommt nicht zu den ausgemachten Treffpunkten, selbst in ihrer Wohnung wohnt eine andere Frau – genau betrachtet ist Kuhn also obdachlos. Aus Mangel an Alternativen schläft er in einem Fitnessstudio. Dort lernt er Tamara kennen, die ihn zu den SUHOs führt – Suddenly Homeless – einer Gruppe von Leuten, die Renovierungsarbeiten in Wohnungen anbieten und für diese Zeit dort übernachten. Während der bislang gut behütete Kuhn zum ersten Mal erfährt, was es heißt, wirklich zu leben, gerät Myriam immer weiter aus seinem Sichtfeld. Es scheint, sie ist nicht das Einzige, das er verloren hat, auch sein Verstand verlässt ihn nach und nach. Dafür lernt er jede Menge neue Menschen kennen, nicht zuletzt Tamara, er gewinnt also auch etwas.

FORM: Isabella Straub (*1968) schreibt Kuhns Odyssee und sozialen Abstieg in nüchternen Sätzen, ohne sich auf stilistische Tricks einzulassen, dafür aber mit sehr gutem Gespür für Symbolik. Eines der zentralen Bilder in WER HIER SCHLIEF ist der hinduistische Mythos des Milchozeans, in dessen Tiefen ein Elixier liegt, das dem Finder Unsterblichkeit bringt. Durch äonenlanges Quirlen der Milch kann der Ozean nach und nach abgetragen werden. Doch auf der Suche nach dem kostbaren Getränk entsteigt den weißen Fluten auch Lakshmi, die Göttin des Glücks, der Schönheit und des Reichtums. Gemünzt auf die Geschichte – Kuhn, der auf der Suche nach Myriam Tamara findet – kann man Straubs ausgeprägten Sinn für Metaphern erkennen. Auch Adam, ein Portätbild des Malers Rudolf Hausner, das Kuhn ständig mit sich herumschleppt, oder Myriam selbst, die bis zum Ende ein Roter Hering bleibt – alles Symbole, die Kuhn als Attribute beigestellt sind.

Ganz nebenbei hat Straub mit ihrem Roman auch eine Kritik an der österreichischen Sozialpolitik geschrieben, die der wachsenden Zahl von Obdachlosen in den Großstädten kaum etwas entgegenzusetzen hat, und bietet mit ihren (fiktiven?) SUHOs Alternativen an, über die man wirklich mal nachdenken sollte.

FAZIT: Mir hat Isabella Straubs neuer Roman gut gefallen. Ich habe es sehr genossen, mich mit ihrem Hauptakteur durch die Geschichte schubsen zu lassen, die vor skurrilen Nebenfiguren nur so strotzt. Leider ging dem Buch (oder mir?) zum Ende hin etwas die Puste aus. Ich hatte das Gefühl, dass die Spannung, die zweifelsohne von Beginn an aufgebaut wird, zum Ende hin nicht ganz aufgelöst wird. Alles in allem vergebe ich vier Sterne plus Leseempfehlung.

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3 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 2 Rezensionen

It's all true

Carmen Stephan
Fester Einband: 120 Seiten
Erschienen bei S. FISCHER, 27.07.2017
ISBN 9783103973051
Genre: Romane

Rezension:

INHALT: Erzählt wird die Geschichte von Jacaré, einem armen Fischer, der im von der Regierung vernachlässigten Nordosten Brasiliens mehr schlecht als recht für seine Familie sorgt. Wie die meisten seiner Freunde muss er die Hälfte seines Fangs an die Obrigkeit abgeben und hat auch sonst kaum Rechte. Die Lösung wäre eine Audienz beim Präsident, der aber thront tausende Kilometer weiter südlich in Rio de Janeiro. Also macht sich Jacaré mit drei Freunden auf die beschwerliche Reise dorthin – auf einer Jangada, einem selbst gebauten Floß. Die Überfahrt dauert zwei Monate, eine Zeit voller Gefahr, Verzicht und Todesnähe, ist aber von Erfolg gekrönt. Der Präsident hört die Bittsteller an und erlässt sofort entsprechende Gesetze, um deren Lebensqualität zu verbessern. Jacaré und seine Freunde werden als Helden in ihre Heimat zurückgeflogen.

In Hollywood bekommt der aufstrebende Regisseur Orson Welles Wind von der Geschichte und beschließt, sie unter dem Titel IT’S ALL TRUE zu verfilmen. Er fliegt nach Brasilien, um den mutigen Fischer zu treffen und gewinnt ihn und seine Gefährten für die Dreharbeiten. »Ich will, dass Ihr es genau so macht, wie es war«, doch eine solche Reise ist nicht zu wiederholen. Jacaré verunglückt und das Meer wird sein Grab.

FORM: Carmen Stephan (*1974) schreibt die traurige, aber wahre Geschichte in knappen Sätzen mit großer poetischer Kunstfertigkeit. Stilistisch wie auch inhaltlich erinnert das ein wenig an John Steinbecks DIE PERLE (armer Fischer sehnt sich nach einem besseren Leben), was in der heutigen Literatur auf den ersten Blick etwas angestaubt wirken mag, aber doch sehr gut in die Zeit passt, in der die Geschichte spielt.

Sehr gelungen ist die zweite Ebene. Orson Welles, der mit CITIZEN KANE Anfang der 1940er Jahre weltweite Erfolge feiert, wird als Dandy und Freigeist glaubwürdig beschrieben. Da sich Welles für das Verschwinden des Fischers verantwortlich fühlt – bis zu seinem Tod 1985 kommt er finanziell für Jacarés Familie auf –, ist auch er eine tragische Figur. Das Filmprojekt IT’S ALL TRUE (ein Episodenfilm über Brasilien) blieb aufgrund der Tragödie, der politischen Situation und Budgetkürzungen unvollendet. Erst Jahrzehnte später lief der Film in den Kinos Brasiliens an. Die Fischer-Episode FOUR MEN ON A RAFT kann man sich hier bei Youtube ansehen.

FAZIT: Teils Gesellschaftsdrama, teils Filmgeschichte – Carmen Stephan ist mit IT’S ALL TRUE ein kleines Schmuckstück gelungen. Mit knapp über hundert Seiten das perfekte Buch fürs Wochenende. Fünf Sterne.

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59 Bibliotheken, 2 Leser, 0 Gruppen, 32 Rezensionen

neuseeland, neuanfang, suche, ehe, identitätssuche

Niemand verschwindet einfach so

Catherine Lacey , Bettina Abarbanell
Fester Einband: 256 Seiten
Erschienen bei Aufbau Verlag, 18.08.2017
ISBN 9783351036805
Genre: Romane

Rezension:

INHALT: Aus einem Impuls heraus verlässt Elyria (28) ihren Ehemann und fliegt ohne jede Erklärung oder auch nur ein Wort des Abschieds nach Neuseeland, um dort ein neues Leben zu beginnen. Wie denn genau dieser Restart vonstatten gehen soll, soweit kam sie mit ihren Plänen noch nicht, sie wusste nur: Sie musste weg. Dabei sah es um ihr Leben gar nicht so schlecht bestellt aus – Wohnung in der noblen Upper West Side, guter Job als Drehbuch-Autorin, ihr Mann: Professor für Mathematik – dennoch nagte etwas jahrelang an ihr, ein wildes Biest in den Tiefen ihres Herzens, das sich mit seinen Krallen einen Weg hinausgrub.

In Neuseeland angekommen, hat Elyria viel Zeit, sich über ihr Leben und ihre Rolle darin klarzuwerden. Sie trampt, schläft in verlassenen Scheunen, arbeitet für wenig Geld, schließt Bekanntschaften und löst sie wieder. In all den Wochen und Monaten bohren sich die Gedanken immer tiefer und tiefer durch ihre Brust zu dem Biest in ihrem Innern. Woher kommt es? Hat jeder eines? Was machen die anderen, um es im Zaum zu halten? Die Erkenntnisse sind komplex und überwältigend. Alles ist eng mit ihrer Familie verwoben, mit ihrer alkoholabhängigen Mutter, die ihr stets nur Missachtung entgegenbrachte, und mit ihrer Adoptivschwester, die in jungen Jahren Selbstmord beging. Und vor allen Dingen: Ihr Neubeginn bedeutet nicht Freiheit, sondern Flucht, denn niemand verschwindet einfach so.

Ein Unfall bringt die neuseeländischen Behörden auf den Plan, die schnell erkennen, dass Elyrias Visum längst abgelaufen und sie in New York längst als vermisst gemeldet ist. Elyria wird psychologisch behandelt, eine Sitzung, in der sie nochmals mit ihrem Biest konfrontiert wird. Dann wird sie nach Hause geschickt, wo sie sich ihrem Mann und ihrer Familie stellen muss – eine Aufgabe, der sie nicht gewachsen scheint.

FORM: Catherine Lacey (*1985) ist mit ihrem Debütroman ein aufrichtiges Psychogramm gelungen, dass sehr tief in ihre Protagonistin blicken lässt. Und mit aufrichtig meine ich, dass es sich hier nicht um ein Herzschmerzbuch handelt, in der eine Spätpubertäre in romantischer Melancholie badet, sondern um eine genaue Analyse einer jungen Frau mit massiven Belastungs- und Empfindungsstörungen. Es ist ein Text, der sich mit den großen Fragen unserer Zeit beschäftigt: Mache ich alles richtig? Werde ich gebraucht? Wird man sich an mich erinnern? Das Besondere an Laceys Stil ist, dass sie die wirklich harten Gedanken, die echten Abgründe, die sich in jedem von uns auftun, gar nicht groß benennt. Was da alles zwischen den Zeilen brodelt und unter der Oberfläche köchelt, ist schwer zu ertragen. Manche Stellen reißen einen so dermaßen runter, sind so deprimierend, dass man das Buch erstmal zuklappen muss, um nicht völlig die Hoffnung aufzugeben.

Die Sätze sind oft labyrinthisch und schlängeln sich assoziativ durch ein Gemisch aus Erlebtem und Gedachtem, ohne auf eine einfache Sprache zu verzichten, was mir sehr gut gefiel. Der einzige Kritikpunkt, der sich besonders zum Ende des Romans deutlich zeigt, ist die Eindimensionalität sowohl der Hauptfigur als auch der ganzen Geschichte. Sicher: Elyria hat Tiefe und erlangt auch Erkenntnisse, sie entwickelt sich aber trotzdem kaum und steht am Ende wieder dort, wo sie anfangs stand. Und die Geschichte drumherum ist trotz der vielen Nebencharaktere doch weitestgehend monothematisch – eine One-Woman-Show von Anfang bis zum Ende. Nach über 260 Seiten war mir das ein bisschen zu viel Elyria.

FAZIT: Trotz der Einwände – Catherine Lacey kann schreiben, kein Zweifel. Und wenn ihr neuer Roman (OT: »The Answers«) erscheint, wäre ich der Lektüre nicht abgeneigt. Für NIEMAND VERSCHWINDET EINFACH SO vergebe ich vier Sterne plus Leseempfehlung … allerdings – und das meine ich keineswegs despektierlich – nur für Menschen, die nicht ohnehin schon mit Depressionen zu kämpfen haben.

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47 Bibliotheken, 4 Leser, 0 Gruppen, 7 Rezensionen

diogenes, roman, william james sidis, leselust

Das Genie

Klaus Cäsar Zehrer
Fester Einband
Erschienen bei Diogenes, 23.08.2017
ISBN 9783257069983
Genre: Romane

Rezension:

INHALT: Neuengland zum Ende des 19. Jahrhunderts. Der russische Einwanderer Boris Sidis, ein hochintelligenter Pedant, hat Großes vor: Er will die gängingen Erziehungsmethoden so reformieren, dass bei den zukünftigen Generationen ein erhebliches Plus an Intellekt zu verzeichenen sein wird. Dazu hat er eine eigene Technik entwickelt, bei der die Kinder gleich nach der Geburt in Logik und Mengenlehre zu unterrichten sind – in klaren Sätzen, ohne Dutzi-Dutzi und La-Le-Lu. Wie auf Kommando wird sein erster Sohn William James Sidis geboren, bei dem Boris seine Lernmethoden sofort anwendet. Und siehe da – William ist übermäßig intelligent, beherrscht als Knabe schon ein Dutzend Sprachen (erfindet mit Vendergood sogar selbst eine), doziert als Elfjähriger vor einer Gruppe Professoren über die Vierte Dimension und geht als jüngster Harvard-Student in die Geschichte des Landes ein.

Dem Jungen stünden alle Türen weit offen, könnte man denken, doch was William an Intelligenz zu viel hat, gleicht er mit sozialer Inkompetenz wieder aus. Einem Menschen, der statt einer Kindheit nur ein frühes Studium erlebt hat, fällt es unter Gleichaltrigen schwer, Anschluss zu finden. Williams einziger Verbündeter bleibt sein Vater, der ihn dank seines Einflusses beim Lehrpersonal in kürzester Zeit durch Grund- und Hochschule drückt. Doch spätestens in Harvard sind die Unterschiede zwischen William und den restlichen Stundenten – geistig wie körperlich – so eklatant, dass er recht schnell zum Außenseiter wird, vom Wunderkind zur Kuriosität. Auch sein Versuch, sich als Professor Autorität zu verschaffen, endet in einer Katastrophe.

Angewidert vom ordinären Charakter der Jugend im Besonderen und der Dummheit der Menschen im Allgemeinen, zieht sich William aus der Öffentlichkeit zurück und verfasst für sich und seine Zukunft eine Art Gesetzestext, eine Liste mit einem Gros an Regeln und Prinzipien, deren Folgeleistung in seinen Augen der Garant für ein perfektes Leben sei. Doch so sehr er sich auch von ihr abwendet, die Menschheit ist noch nicht fertig mit William James Sidis, und spätestens mit dem Greueltaten des Ersten Weltkrieges verliert er vollends den Glauben an die Welt. Er schließt sich, seinen Prinzipien getreu, einer pazifistisch-sozialistischen Vereinigung an und gerät in die Mühlen der amerikanischen Justiz, die in diesen Zeiten für Kriegsgegner nur wenig übrig haben.

FORM: Klaus Cäsar Zehrers (*1968) Debüt ist eine klassische Romanbiographie, mit der er gleich zwei Leben beleuchtet, deren Prominenz hierzulande bis vor Kurzem eher im Dunkeln lag. Bis Sohn William auftaucht, ist es nämlich das Leben Vater Boris‘, das genau unter die Lupe genommen wird. (Ich bin – wie so oft – ohne großes Vorwissen an das Buch herangegangen und dachte lange Zeit, der Vater wäre das titelgebende Genie.)

Die Zeit zwischen Boris‘ Ankunft in Amerika und der Geburt seines Sohnes bildet im Roman den ersten von drei Teilen. Stilistisch orientiert sich Zehrer hier an klassischen Romanciers wie etwas Charles Dickens, was ganz gut zu beschriebener Zeit und Person passt. Boris Sidis wirkt mit seinem Starrsinn, seiner Cholerik und offenen Abneigung gegenüber allem Profanen wie ein ewig meckernder Scrooge. Auch mischt Zehrer hier eine gehörige Portion sarkastischen Humors zwischen die Zeilen, was dem Text etwas die Schärfe nimmt und Vater Boris eher zum Sympathen macht. Auch der zweite Teil, die Kindheit und Jugend Williams – damals von allen noch liebevoll Billy genannt – ist geprägt von humoristischen Szenen, die sich zwar schmunzelnd weglesen lassen, in ihrer Summe aber zu oberflächlich bleiben. Für eine solch tragische Figur, die William James Sidis in der Historie ohne Zweifel einnimmt, war mir der Roman bis hierhin zu seicht.

Erst im dritten Teil, der die komplette zweite Hälfte des Romans einnimmt, ändert sich der Ton, wird sehr viel ernster und philosophischer, entwickelt sich praktisch parallel zum Titelhelden. Ich meine sogar, den Punkt gefunden zu haben, an dem der Bruch im Schreibstil vonstattengeht: Es gibt da diese Szene zum Ende des zweiten Teils in der ein Reporter den noch jungen William fragt, ob er ihn denn mit Billy ansprechen dürfe und dieser darauf erwidert: »Auf keinen Fall«. An dieser Stelle habe ich gespürt, dass ich mich von Billy verabschieden müsse und dass ab jetzt ein anderer Wind wehe. Dieser dritte Teil weckt den ganzen Roman aus seiner Leichtigkeit (und den Leser aus seinem Halbschlaf) und macht ihn zu einem grandiosen Psychogramm über einen klugen Kopf, der in Gegenwart von Weltkriegen, Ausbeutung und Geldgier den Glauben in die Menschheit verliert.

NEBENBEI: Zehrer? Klaus Cäsar? Den Namen hatte ich doch schonmal irgendwo gehört … Richtig! Vor ein paar Jahren geisterte doch mal dieses blaue Tier durch die Kinderzimmer, das mit seinen riesigen Haufen ganze Vulkane zum Erlöschen bringen kann – der Kackofant! Als ich mich über Zehrer etwas näher informieren wollte, stieß ich relativ schnell auf dieses skurrile Kinderbuch und konnte mich erinnern, dass es in meinem Freundeskreis eher die Eltern belustigt als deren Kinder unterhalten hatte. Ich fand’s damals extrem witzig und habe mich sehr gefreut, mal wieder was von dem kleinen Scheißvieh gehört zu haben. Doch zurück zum Thema…

FAZIT: Klaus Cäsar Zehrer ist mit DAS GENIE eine lesenswerte Biografie gelungen, die uns nicht nur die Leben zweier äußerst interessanter Persönlichkeiten näher bringt, sondern ganz nebenbei auch noch unterhaltsamen Geschichtsunterricht liefert. Die anfänglichen Schwierigkeiten (die oben bemängelte Seichtigkeit) will ich Zehrer nicht in Rechnung stellen, dafür entschädigt die zweite Romanhälfte mehr als ausreichend.
Fünf Sterne.

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246 Bibliotheken, 6 Leser, 1 Gruppe, 97 Rezensionen

okapi, tod, westerwald, liebe, leben

Was man von hier aus sehen kann

Mariana Leky
Fester Einband: 320 Seiten
Erschienen bei DuMont Buchverlag , 13.09.2017
ISBN 9783832198398
Genre: Romane

Rezension:

INHALT: Die Bewohner einer kleinen Gemeinde im Westerwald leben in heller Aufregung, seitdem die Runde gemacht hat, dass die gute Selma von einem Okapi geträumt hat. Dieses merkwürdige Tier gilt seit jeher als Omen dafür, dass innerhalb der nächsten vierundzwanzig Stunden ein Mitglied der Dorfgemeinschaft sein Leben lassen muss. Ob nun abergläubisch oder nicht, alle scheinen den Tod in ihrer Nähe zu wissen und beginnen, ihre Leben aufzuräumen – lang bewahrte Geheimnisse müssen gelüftet, große und kleine Lügen aus der Welt geschafft werden. Selmas Enkeltochter Luise und ihr Schulfreund Martin beobachten das ganze Spektakel mit einer Mischung aus Verwunderung und Skepsis. Als die vierundzwanzig Stunden ohne Zwischenfall vergehen, atmen alle tief durch und sind froh, dass vielleicht doch nicht alle Geheimnisse gelüftet wurden. Gevatter Tod aber, der miese Sack, schlägt dann doch noch zu, mit aller Härte, mitten ins Herz der kleinen Gemeinde.

FORM: Mariana Leky (*1973) lässt die kleine Luise als Erzählerin durch die Geschichte wandern, wobei sie der gewählten Ich-Perspektive nicht immer treu bleibt und manchmal ins Auktoriale wechselt. Der Schreibstil ist eine leicht zu lesende Mischung aus Märchenbuch und Plaudertasche, was mich sehr an die Prosa Tilman Rammstedts und Saša Stanišics erinnert hat – der Magische Realismus scheint wieder modern zu sein. Lekys Sätze sind vielschichtig und sowohl humorvoll als auch tiefsinnig. Es gibt Szenen zum Schlapplachen, gefolgt von herzergreifender Tragik. Und auch das schrullige Personal hält eine große Spannweite bereit, wobei auch die größten Unsympathen ihre hellen Momente bekommen.

Der erste der drei Teile spielt in den frühen 1980er Jahren und behandelt Oma Selmas Traum und deren Auswirkungen. Die Teile zwei und drei spielen nochmal zwölf bzw. zwanzig Jahre nach den Ereignissen. Wir Leser begleiten die kleine Luise also zu verschiedenen Stationen ihres Lebens und lernt mit ihr die Liebe und die Freundschaft kennen aber auch die Trauer und den Verlust.

Neben der Hauptgeschichte um Luise, ist es auch interessant, wie Leky mit einfachsten Mitteln die Zeit verstreichen lassen kann. Im Kapitel Unendliche Weiten (ab Seite 247), das mir sehr gefallen hat, lässt sie mal eben acht lange Jahre vorbeirauschen und präsentiert hierfür dutzende kleine Anekdoten in Luises Leben, damit wir sie nicht aus den Augen verlieren. Wie ein flacher Stein gut geworfen über einen breiten Fluss bis ans andere Ufer springt, nimmt sie uns Leser mit durch die Zeit. Das ist wunderbar geschrieben und zeugt von großer Kunstfertigkeit.

FAZIT: »Die Literatur«, so der unvergessene Marcel Reich-Ranicki einmal, »kennt nur zwei Themen: Die Liebe und den Tod. Alles andere ist Mumpitz.« Genau diesen beiden Gegenpolen hat sich Mariana Leky in ihrem großartigen Roman verschrieben, und zwar – und das ist mir sehr wichtig – ohne bei der Liebe ins Kitschige abzurutschen und beim Tod absichtlich auf die Tränendrüse zu drücken. Alles dazwischen – der Mumpitz sozusagen – ist so wunderschön geschrieben, dass ich nach der Lektüre wirklich ergriffen war.

Eines meiner Bücher des Jahres – fünf Sterne.

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Die Ebenen

Gerald Murnane , Rainer G. Schmidt , Ben Lerner
Fester Einband: 152 Seiten
Erschienen bei Suhrkamp, 08.05.2017
ISBN 9783518224991
Genre: Romane

Rezension:

INHALT: Ein Mann erinnert sich an eine lang zurückliegende Reise in die Ebenen, dem sagenumwobenen Outback Australiens, dort wo nichts ist und doch alle einen tieferen Sinn, eine Art inneren Geist des Landes zu sehen glauben. Der Mann, damals ein aufstrebender Filmemacher, will sich vor Ort Notizen für ein Drehbuch machen und Eindrücke für einen Film sammeln, in dem er genau diese verborgene Schicht, diese Ebene hinter den Ebenen, zu zeigen beabsichtigt. In der größten Siedlung der Ebenen angekommen, merkt er schnell, dass die Bewohner der Ebenen, die Plainsleute, sehr empfänglich sind für alle Arten von Kunst und Wissenschaft, die sich mit den tieferen Geheimnissen der Ebenen beschäftigen. Ein Grundbesitzer findet besonderen Gefallen an dem Filmprojekt und lädt den jungen Mann auf sein Anwesen ein, um dort die Arbeit zu vertiefen. Doch anstatt die die endlosen Weiten einzufangen, verliert dieser sich in der riesigen Bibliothek seines Gönners, die vor Kunst und Wissenschaft über die Ebenen fast überquillt. Die wahren Ebenen bleiben unberührt – dort ist nichts, dort war nichts und dort wird wohl auch nie etwas sein.

FORM: Gerald Murnane (*1939) hat mit DIE EBENEN ein kleines Kunststück vollbracht. In hochkomplexen Sätzen, denen kaum zu folgen ist, so hypnotisch ist der Grundton, steuert er seine Hauptfigur durch eine kafkaeske Story und erzählt im Endeffekt … nichts! Der kurze Roman ist quasi die Geschichte über ein hochnäsiges Volk, das in einer so eintönigen Gegend lebt, dass es nur durch Metafiktion und Pseudowissenschaft aus der Langeweile zu retten ist. Der andauernde krampfhafte Versuch dieses Volkes, auch nur einen Fünkchen Bedeutung in der endlosen Leere zu finden und in etwas Bleibendes zu verwandeln, und am Ende auch noch stolz zu behaupten, dabei erfolgreich zu sein – das sind die Charaktereigenschaften, die Murnane diesem Volk gibt. Und unter allem liegen die eigentlichen Ebenen ungerührt da, als Antagonist, den es zu bezwingen, zu verstehen gilt, dem aber niemand je gewachsen sein wird.

FAZIT: Ein vielschichtiger Roman also, der gewillten Lesern viel Spaß bringen kann. Dennoch muss ich zugeben, dass ich mit Murnanes Satzgebilden so meine Schwierigkeiten hatte. Hinzu kommt, dass mein Interesse ab der zweiten – der zäheren – Hälfte des Buches mit jeder Seite weiter abnahm, sodass die letzten Abschnitte nur noch quälend waren. (Das anschließende Nachwort von Ben Learner habe ich dagegen sehr genossen.) Ich verstehe das Anliegen Murnanes, seine Message, und auch die Vergleiche mit Jorge Luis Borges oder Samuel Beckett, die überall gezogen werden, kann ich nachvollziehen, aber Australien ist für mich so weit weg und außerhalb meiner privaten Interessen, dass ich hier nicht mehr als drei Sterne vergeben möchte.

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2 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

Betoninsel

J.G. Ballard , Herbert Genzmer
Flexibler Einband: 160 Seiten
Erschienen bei Diaphanes , 31.07.2017
ISBN 9783037349786
Genre: Science-Fiction

Rezension:

INHALT: Als Maitland nach einem Unfall auf einem riesigen Autobahnkreuz wieder zu sich kommt, stellt er fest, dass er auf einer Insel gestrandet ist, einem tief gelegenen Niemandsland zwischen viel befahrenen Hochstraßen. Sein Jaguar ist schrottreif und auch er selbst hat einiges abbekommen. Die einzige Möglichkeit, die Insel zu verlassen, besteht darin, eine der hoch aufragenden Böschungen zu erklimmen und ein Auto anzuhalten. Doch der nie enden wollende Verkehr ist viel zu schnell und die Böschungen sind viel zu hoch, sodass Maitland nach einigen Versuchen aufgibt, erschöpft und noch schwerer verletzt als ohnehin schon. Er sitzt auf der Insel fest – mutterseelenallein mitten in der Millionenstadt London.

Auf seinen Streifzügen über die Insel kämpft Maitland an den folgenden Tagen neben Schmerzen und Fieber auch mit dem immer stärker werdenden Hunger. Außer ein paar Essensresten, die vom Zubringer geworfen wurden, ist wenig zu finden. Alles, was er im Jaguar mit sich führte, waren ein paar Flaschen Weißburgunder, aber auch die sind schon halb aufgebraucht. Mit den letzten Kräften versucht Maitland, sich im vorbeirauschenden Verkehrsstrom bemerkbar zu machen, dann bricht er bewusstlos zusammen …  und wird gerettet! Anscheinend ist er nicht allein auf der Insel, doch seine Retter, das wird ihm schnell klar, sind ihm nicht wohl gesinnt. Ein Machtkampf um die Vorherrschaft der Insel entbrennt.

FORM: Ballard erzählt seine Robinsonade in schnörkelloser Prosa, ohne Tricks und Budenzauber. Über die Protagonisten ist bis auf ein paar Rückblenden kaum etwas zu erfahren, sie bleiben also relativ flach. Aber darum geht es Ballard auch nicht. Viel eher will er zeigen, wie die Machtstrukturen innerhalb einer Gruppe in Notsituationen funktionieren und verändert werden können. Jede Figur auf der Insel hat andere Stärken und Schwächen. Um Vorteile zu erhalten, müssen Schwächen kompensiert werden. Dazu braucht es Verstand, doch davon hat Maitland reichlich. Ihm dabei zuzusehen, wie er seine Gegenspieler aussticht, um von der Insel zu kommen, das macht den Reiz des Buches aus.

James Graham Ballard (1930-2009) hat sich in seinen zahlreichen Romanen immer wieder als präziser Beobachter der modernen Gesellschaft gezeigt. Seine Themen sind die unterschiedlichen Arten sozialer Systeme und deren Zerfall. In seinem (kürzlich von Ben Wheatley verfilmten) Roman HIGH RISE (1975) beispielsweise versetzt er die gängigen Macht- und Denkstrukturen der Gesellschaft eines Landes in ein gigantisches Hochhaus und lässt diesen Mikrostaat dann mit Pauken und Trompeten untergehen.

In England ein Dauerseller, ist Ballard beim deutschsprachigen Publikum in den letzten Jahren eher etwas zwischen die Stühle gefallen. Der Züricher Verlag Diaphanes hat sich des Autors jetzt offensichtlich angenommen und bringt seine Romane in grellbuntem Design erneut auf den Markt. Im Oktober erscheint nach HIGH RISE und BETONINSEL bereits der dritte Titel MILLENNIUM PEOPLE, ein Spätwerk von 2003, auf das ich mich schon sehr freue.

FAZIT: Mir hat die Geschichte um Maitland und seinen Kampf, die Insel zu verlassen, eigentlich ganz gut gefallen. Allein der staubtrockene Stil war nicht so mein Fall, was vielleicht auch an der hölzernen Übersetzung liegen mag. Hier griff der Verlag auf die Arbeit Herbert Genzmers für Suhrkamp zurück, die schon ein Vierteljahrhundert auf dem Buckel hat und hier und da etwas antiqiert wirkt – Wörter wie Tramp oder Trebegänger sagt ja nun wirklich kein Mensch mehr.
Ansonsten … vier Sterne.

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31 Bibliotheken, 2 Leser, 1 Gruppe, 5 Rezensionen

jamaika, man booker prize, buch, bob marley, roman

Eine kurze Geschichte von sieben Morden

Marlon James , Guntrud Argo , Robert Brack , Michael Kellner
Fester Einband: 864 Seiten
Erschienen bei Heyne, 13.03.2017
ISBN 9783453270879
Genre: Romane

Rezension:

INHALT: Jamaikas Hauptstadt Kingston ist Ende 1976 Spielball der zwei großen Parteien des Landes. Die People’s National Party unter Führung von Michael Manley ist an der Macht und führt den Inselstaat nach und nach in eine eine Art sanften Sozialismus mit festen Beziehungen zu Kuba und der Sowjetunion. Die oppositionelle Jamaica Labour Party unter Edward Seaga verfolgt dagegen pro-westliche Ziele mit guten Kontakten zur CIA. Der Wahlkampf ist in vollem Gange und es gilt der Leitspruch: »Wer Kingston gewinnt, gewinnt auch das Land«. Leider werden die demokratischen Grundprinzipien nicht gerade als heilig angesehen und so gibt es parallel zum offiziellen Wahlkampf auch zwei einflussreiche Gangs, Copenhagen City und die Eight Lanes, die sich auf den Straßen von Kingston einen erbitterten Kleinkrieg liefern.

Als ein weltberühmter Raggea-Sänger – der Name wird nie genannt – auf Vorschlag der PNP ein Friedenskonzert für die Jamaikaner geben soll, erreicht der Bandenkrieg eine neue Dimension: Sieben Männer brechen in das Haus des Sängers ein und schießen auf alles, was sich bewegt. Doch der Sänger überlebt und kann sogar das Konzert bestreiten. Die PNP bleibt an der Macht, doch für die Attentäter wird ins Horn geblasen und es beginnt eine Jagd auf jeden Einzelnen die bis in die frühen 90er Jahre dauert, bis auch der Letzte für den Mordversuch sein Leben lassen muss.

FORM: Marlon James‘ ehrgeizig fetter Wälzer ist in fünf große Kapitel unterteilt, die für fünf wichtige Tage in der Geschichte dieses speziellen Rachfeldzugs stehen, beginnend mit dem Abend des Attentats, des Folgetages, Stippvisiten in 1979 und 1985, und dem Finale im März 1991. Das ganze Buch über lässt James die Protagonisten sprechen, sowohl die Attentäter und ihre Gegenspieler, als auch mehr oder minder nebenbeteiligte Personen (CIA, Presse, etc.). Es entsteht ein Roman aus Dutzenden Stimmen und ein dichtes Geflecht aus Ansichten und Beweggründen – ganz nach dem Vorbild von Faulkners ALS ICH IM STERBEN LAG, auf das in der Danksagung auch explizit hingewiesen wird.

Doch eine gute Konstruktion ist natürlich nichts Wert, wenn man nicht auch schreiben kann. Und hier kann ich ruhigen Gewissens bestätigen: Der Mann kann schreiben. Marlon James (*1970) hat jeder seiner Figuren eine eigene Stimme gegeben, was ihm bei dieser Vielzahl an Menschen unterschiedlichster sozialer Schichten grandios gelungen ist. Auch dem Übersetzer-Team kann hier ein ganz klares Lob ausgesprochen werden – es war sicher nicht leicht den Originaltext mit seinem Jamaika-Vokabular ins Deutsche zu übertragen, ohne die Grundatmosphäre zu beschädigen.

Die Geschichte selbst hat bei weit über achthundert Seiten naturgemäß ihre Längen. Die Dialoge sind oft zäh – wenn auch mit viel Sarkasmus gewürzt – und manche Nebenkriegsschauplätze hätten meines Erachtens nicht so ausgewalzt werden müssen. Dem gegenüber stehen reichlich Szenen voll brutalster Gewalt, die ich in atemloser Spannung gelesen habe. Dies aber nicht aus voyeuristischen Gründen, sondern weil James es versteht, seine Leser in die Figuren eintauchen zu lassen. Wenn dem jungen Demus beispielsweise das Adrenalin vor lauter Aufregung schon aus den Ohren tropft, steigt auch der Puls des Lesers. Oder wenn die hübsche Nina des Nachts von korrupten Polizisten im Streifenwagen ins unbekannte Dunkel entführt wird, spürt man ihre Angst förmlich unter der Haut. Das alles ist Marlon James‘ schriftstellerischem Können zu verdanken, der stilsicher alle Tricks nutzt, um seine Leser mit auf die Reise zu nehmen.

Auch die Recherche zu den Vorfällen muss sehr umfangreich gewesen sein. EINE KURZE GESCHICHTE VON SIEBEN MORDEN ist ein Schlüsselroman in dem jede große Figur einer historischen Person zugeordnet werden kann – der Sänger, dessen Name nicht genannt wird, ist dabei noch die leichteste Hürde. Sowohl die Politiker als auch die Gang-Mitglieder und deren Dons gibt oder gab es wirklich, was dem Roman ein erhebliches Plus an Authentizität verleiht. Es bleibt jedoch zu bemerken, dass die wahren Hintergründe offiziell nie völlig aufgedeckt wurden, und sich James als Grundlage für sein Buch nur bei einer der vielen Spekulationen bedient hat.

FAZIT: Diese kleine Einschränkung ändert aber nichts an der Gesamtqualität dieses beeindruckenden Werkes, das völlig zu Recht mit dem Man Booker Prize geehrt wurde. Dieser Roman ist mehr als nur die Untersuchung eines Kriminalfalles oder ein schnöder Politthriller – es ist das Sittengemälde eines ganzen Landes über viele Jahre hinweg, geschrieben von einem grandiosen Schriftsteller.
Fünf Sterne.

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erziehung, roman, kind, eltern

Zuckersand

Jochen Schmidt , Line Hoven
Fester Einband: 208 Seiten
Erschienen bei C.H.Beck, 16.02.2017
ISBN 9783406705090
Genre: Romane

Rezension:

INHALT: Ein nicht mehr ganz so junger Vater (40+) verbringt einen Tag mit seinem doch recht jungen Sohn (2), geht mit ihm einkaufen und auf den Spielplatz. Der kleine Karl entdeckt die Welt mit staunenden Augen, packt wissbegierig alles an, zieht Hebel, drückt Knöpfe, kein Schalter ist vor ihm sicher. Sein Vater lässt ihn alle Erfahrungen selbst machen, immer mit dem nostalgischen Blick in die eigene Kindheit, als die Welt noch aus unzähligen Mysterien bestand. Diese Enttarnungen, diese Momente, in denen es irgendwo im noch so jungen Oberstübchen Klick! macht, sind immer mit Kernerinnerungen verbunden, und diese möchter er seinem Sohn nicht verwehren.

FORM: Jochen Schmidts Roman ist ein unerschöpflicher Fundus an Kindheitserinnerungen, wie wir ihn wohl alle in uns tragen, aber nur selten in solchem Ausmaß vor uns ausgelegt bekommen. Manchmal hämmert Schmidt (*1970) die Reminiszenzen salvenweise in die Zeilen, manchmal vergräbt er sich seitenlang in einzelne Erinnerungen, die ihm besonders lieb sind. Alles in einer zarten Sprache, die irgendwo zwischen humorvoll und melancholisch anzusiedeln ist. Wenn es im Buch um Karls Mutter geht, die von ihrem Büro aus ständig SMS mit Erziehungstipps schickt und in allem, was Karl macht, Nachwirkungen eines pränatalen Bewusstseinszustandes und/oder Omen für Karls Zukunft erkennt, wird Schmidts Ton gern auch etwas sarkastischer, was ein bisschen Pfeffer ins Buch bringt.

FAZIT: Das Buch hat eine ganz klar umrissene Zielgruppe – Väter, sensibel und emphatisch, die Kinder in den ersten drei Lebensjahren haben oder hatten. Ich hatte in meinem Leben zweimal die Ehre, Kinder in diesem Alter durchs Leben zu begleiten und kann sagen: Jochen Schmidt trifft mit seinem Text einen ganz intimen, persönlichen Punkt. Es gibt kaum eine Seite in ZUCKERSAND auf der nicht wenigstens eine Kleinigkeit erwähnt wird, die ich nicht auch so erlebt hätte. All diese Gedanken, all diese Gefühle habe ich auch so oder so ähnlich gedacht und gefühlt, und ich bin mir sicher, dass ich da nicht der Einzige bin.

Weil mir der Text aber manchmal doch zu sehr ins kitschig-rührselige abdriftete, behalte ich einen Stern, empfehle ZUCKERSAND jedoch mit bestem Gewissen der oben genannten Zielgruppe.

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14 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 2 Rezensionen

roman

Saint Mazie

Jami Attenberg , Barbara Christ
Fester Einband: 384 Seiten
Erschienen bei Schöffling, 02.08.2016
ISBN 9783895612039
Genre: Romane

Rezension:

INHALT: Amerika zu Beginn des Zwanzigsten Jahrhunderts. Die Schwestern Rosie, Jeannie und Mazie Phillips finden Zuflucht vor ihrem Vater in der Bowary Road, einer heruntergekommenen Straße im Süden Manhattans, Anziehungspunkt für Bettler, Huren und allerlei zwielichtige Gestalten. Rosie, die älteste, übernimmt fortan die Mutterrolle und kümmert sich um ihre minderjährigen Schwestern so gut es ihr möglich ist. Als Mazie alt genug ist nimmt sie einen Job als Kassenwärterin vor einem Kino an, einen Posten, den sie die nächsten Jahrzehnte nicht mehr verlassen wird. Hier lernt sie die ganze Nachbarschaft kennen, die Gewinner und die Verlierer, Glücksritter, Neureiche, Penner und Banker, Cops und Kriminelle. Doch ob jung oder alt, arm oder reich – Mazie hat für jeden etwas übrig, und wenn es nur ein wärmender Händedruck ist.

Als die Weltwirtschaftskrise von 1929 und die darauf folgende Große Depression das Land bis ins Mark erschüttert, zwingt es in New York auch die Reichsten in die Knie. Die Zahl der Obdachlosen steigt akut, Krankheiten verbreiten sich, die Bowary gleicht einem Lazarett – das ist Mazies Stunde. Durch die dubiose Hinterlassenschaft ihres Schwagers finanziell gut aufgestellt, macht sie sich auf durch die stinkende Gosse, um den Armen zu helfen, lässt sie kostenlos in ihrem Kino übernachten, schenkt ihnen Geld und Seife, unterstützt sie beim Neuanfang. Ohne es darauf angelegt zu haben, wird sie zur Königin der Bowary, der Heiligen Mazie. Doch die Aufopferung hat ihren Preis – das Einzige, was Mazie verwehrt bleibt, ist die wahre Liebe.

FORM: Die Geschichte um Mazie wird zum größten Teil als Sammlung von Tagebucheinträgen erzählt. Zwischendurch kommen immer wieder Augenzeugen oder Nachkommen zu Wort, die dem Roman einen authentischen Anstrich verleihen. Im Laufe der Lektüre wird dem Leser gewahr, dass eine gewisse Nadine (der Name taucht nur zweimal auf) das Tagebuch gut siebzig Jahre nach dem letzten Eintrag in einer Kiste gefunden hat und Mazies Geschichte die Ehre einer Veröffentlichung zukommen lassen will. Das Ergebnis hält der Leser in den Händen.

Jami Attenberg (*1971), die vor zwei Jahren mit ihrer hochgelobten Familiengeschichte DIE MIDDLESTEINS auch in Deutschland den Durchbruch schaffte, zeichnet mit SAINT MAZIE ein sanftes Bild einer rauhen Zeit. Auch wenn ihre Titelfigur zeitweise schwer mit dem Alkohol zu kämpfen hat, mit üblen Kerlen abhängt und ab und an den Mut zu verlieren droht, bleibt der Tonfall zart und voller Hingabe. Manchmal zieht sich der Text etwas, besonders dem vor sich hin plätschernde Mittelteil hätte etwas Straffung nicht geschadet. Sehr gelungen jedoch finde ich die zweite Ebene mit den Zeugenberichten, die Attenbergs Alter Ego Nadine auch direkt ansprechen. Das wirkt wie ein ungewollter Blick hinter die Kulissen.

FAZIT: Ein sanftes Buch über eine echte Heldin. Vier Sterne.

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92 Bibliotheken, 7 Leser, 0 Gruppen, 35 Rezensionen

7 todsünden, neid, sieben nächte, angst, literatur

Sieben Nächte

Simon Strauß
Fester Einband: 144 Seiten
Erschienen bei Blumenbar, 08.07.2017
ISBN 9783351050412
Genre: Romane

Rezension:

INHALT: S., der Ich-Erzähler, hat mit Ende zwanzig viel erreicht. Er kann nicht klagen – er ist klug und gebildet, Schule und Studium waren ein Klacks und der Karriere steht nichts mehr im Weg. Und doch wächst in ihm seit Längerem eine seltsame Furcht vor der Zukunft. Er hat Angst davor, zu leicht aus seiner Jugend zu gleiten in die Tristesse der Erwachsenenwelt, ohne Schrammen, ohne Narben, ohne je gesündigt zu haben. In einer blauen Stunde vertraut er sich T. an, einem Fremden, der diese Phase bereits hinter sich hat, und sie schließen einen Pakt: In den kommenden Monaten soll sich S. den sieben Todsünden hingeben. Sie bewusst zu suchen, zu begehen und dann über sie zu schreiben, dafür hat er je eine Nacht, von sieben Uhr abends bis sieben Uhr früh.

Also zieht S. los, ist übermütig und maßlos, faul und gierig, er neidet, lüstert und wütet, und nach einem Jahr voller Ausschweifungen bekommt er einen Brief von T., ein Fazit, ein Urteil. Denn wie geht das Leben weiter, wenn man erstmal eine Sünde gekostet hat?

FORM: Simon Strauß (*1988) hat mit SIEBEN NÄCHTE weniger einen Roman, als eher eine Sammlung von Essays vorgelegt. (Tatsächlich taucht die Bezeichnung Roman auch nirgends auf.) Eingerahmt sind die Texte voder Einführung der Hauptfigur, der Begegnung mit T. und dessen abschließenden Brief. Das Hauptaugenmerk aber liegt natürlich auf den sieben Sündenberichten. Hier gibt sich Strauß nicht mit simpler Prosa zufrieden, sondern strickt einen dicken Teppich aus poetischer Polemik (oder – wem das lieber ist – polemischer Poesie) und schafft auf diese Weise Kampfschriften, die anecken, wachrütteln, ohrfeigen sollen, die dafür gemacht sind, mit Megaphonen von großen Bühnen in die bräsigen Ohren der Gesättigten geschrieen zu werden. Keine Frage: SIEBEN NÄCHTE hat das Zeug zum Kultbuch.

Das Einzige, was meine Euphorie etwas zügelt, ist, dass ich Strauß diese Message nicht abkaufe. Ich muss vorab natürlich gestehen: Ich kenne Simon Strauß nicht persönlich, nur die öffentliche Person. Aber was ich da sehe – Spross aus gutem Hause, studierte in vier verschiedenen Ländern, Theaterkritiker bei der FAZ, und das mit nicht mal dreißig – das ist mir alles viel zu begabt und beschenkt, zu diszipliniert und glatt. Sicher wird er seine kämpferischen Phasen haben – Wer hat die nicht? –, wie ein wahrer Sünder aber wirkt er beim besten Willen nicht. Ich kann mir einfach nicht vorstellen, wie er mit Schaum vor dem Mund ausflippt vor Wut oder auch nur eine Stunde mit Nichtstun vergeudet. Und mehr als fünfundsiebzig Kilo hat er bestimmt auch noch nie gewogen.

Wie dem auch sei…

FAZIT: Großartig geschrieben und für ein Debüt aller Ehren wert. Ich habe mich sehr gern in die sieben sündigen Nächte entführen lassen, behalte aber aus genannten Gründen ein Stern. Bleiben vier.

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65 Bibliotheken, 2 Leser, 2 Gruppen, 11 Rezensionen

kapitalismus, philosophie, roman, wissenschaft, usa

Kraft

Jonas Lüscher
Fester Einband: 240 Seiten
Erschienen bei C.H.Beck, 09.10.2017
ISBN 9783406705311
Genre: Romane

Rezension:

INHALT: Nicht weniger als eine Million Dollar wartet auf denjenigen, der die beste Antwort auf die Frage liefert, warum alles, was ist, gut ist und wie es dennoch verbessert werden kann. Perfektes Timing, denn Richard Kraft, angesehener Rhetorikprofessor an der Universität Tübingen, steht das Wasser bis zum Hals. Sowohl finanziell als auch privat ist es nicht gut bestellt um Kraft, dem eine teure Scheidung droht. Also macht er sich auf den Weg an die Stanford University nahe San Fransisco um am Philosophenwettstreit teilzunehmen und die Freiheit nach Hause zu holen. Doch in Kalifornien angekommen, stellt sich bei Kraft sofort eine lähmende Schreibblockade ein, die ihn mit seiner eigenen Vergangenheit konfrontiert.

FORM: Jonas Lüscher (*1976) hat mit Richard Kraft eine Figur geschaffen, wie sie einem nur selten unterkommt. Kraft ist selbstverliebt und egoistisch, ein penetranter Schwätzer, der sich oft in tragisch-heroischen Szenen vorstellt, am Ende des Tages aber genauso ein Loser ist wie wir alle. Lüscher schafft es, beim Leser Gefühle für einen totalen Unsymphaten zu wecken und man merkt gleich nach zwanzig Seiten – hier ist ein Zyniker am Werk, jemand, der sein Umfeld genau beobachtet, um es später mit großem Genuss vorzuführen. Allein der Aufhänger des Romans – die Beantwortung einer der philosophischsten Fragen überhaupt, mit so etwas Unphilosophischem wie einer Million Dollar zu bewerten – zeigt den bissigen Humor Lüschers.

Der Schreibstil ist, passend zum elitären Personal, hochgesteckt und verschwafelt. Lange verschwurbelte Sätze, die ich manchmal – zugegebenermaßen – mehrmals lesen musste, um zu erkennen, was da eigentlich erzählt wird. So dick wie Sirup, nur nicht so süß, ist die Sprache, die den Leser durch das Geschehen drückt – das erinnert ein wenig an die Upper-Class-Romane Martin Walsers. Leider wurde ich bis zum Schluss nicht so recht warm mit Lüschers Duktus, der auch in FRÜHLING DER BARBAREN schon anklang – einer der Gründe, warum ich sein Debüt vor ein paar Jahren in der Buchhandlung liegen ließ.

FAZIT: Ein hellsichtiger Roman mit einer grandiosen Hauptfigur. Nur … es muss nicht mehr Butter als Schinken auf der Stulle sein. Vier Sterne.

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55 Bibliotheken, 0 Leser, 1 Gruppe, 11 Rezensionen

freundschaft, mord, tod, jenseits, jugendliche

Das Leben nach Boo

Neil Smith , Brigitte Walitzek
Fester Einband: 416 Seiten
Erschienen bei Schöffling, 08.02.2017
ISBN 9783895614965
Genre: Romane

Rezension:

INHALT: Oliver Dalrymple – wegen seiner blassen Haut von allen nur Boo genannt – staunt nicht schlecht, als ihm in der Schule plötzlich die Lichter ausgehen. Eben steht er noch vor seinem Spind und versucht die Elemente des Periodensystems auswendig aufzusagen und ZACK! schon ist er tot. Aber irgendwann musste es ja so kommen, denn mit einem Loch im Herzen ist die Lebenserwartung naturgemäß eher gering.

Boo erwacht in einer riesigen, abgeschotteten Stadt, die nur mit Dreizehnjährigen bevölkert ist. Tausende amerikanische Kids an der Schwelle zur Jugend, die zu früh aus ihrem Leben scheiden mussten, sei es durch Krankheiten, Unfälle oder Gewaltverbrechen. Sie bleiben für fünfzig Jahre in ihrem Alter stecken bis sie mit einem PUFF! aus ihrem Nachleben verschwinden, so als ob es sie nie gegeben hätte. Die Geschicke der Stadt werden von einer Gottheit namens Zig gelenkt, den die Kids nie zu Gesicht bekommen, den sie sich aber als abgehalfterten Hippie vorstellen – wirrhaarig, fusselbärtig, mit Batik-Shirt und immer etwas stoned.

Boo, zu Lebzeiten eher ein Außenseiter und Strebertyp (und somit Mobbingziel N°1), lebt sich recht schnell in seinen Tod ein und trauert der Vergangenheit kaum nach. Bis Johnny Henzel ein paar Wochen später in der Stadt auftaucht, ein Junge, den Boo aus der Schule kennt, und einer der wenigen, mit denen er eine Art Freundschaft unterhielt. Ob er wohl auch ein Loch im Herzen hatte? Doch was Johnny über die wahren Todesursachen zu berichten hat, sowohl die Johnnys als auch Boos eigene, zieht ihm den Boden unter den Füßen weg…

FORM: Der kanadische Autor Neil Smith lässt Boo die Geschichte als eine Art langen Brief an die Eltern schreiben. Der Ton, der dabei entsteht, hat diese typische Mischung aus hochbegabt und neunmalklug, die man aus Büchern wie SUPERGUTE TAGE oder DIE KARTE MEINER TRÄUME kennt. Smiths Adressaten sind ganz klar die jüngeren Leser, auch wenn DAS LEBEN NACH BOO nicht explizit als Jugendbuch vermarktet wird (was mich ein wenig wundert).

Zu den Höhepunkten dieses Romans gehören ohne Zweifel die Twists und Plot-Points, von denen es gleich mehrere gibt. Ich will natürlich nicht zu viel verraten, nur kurz anmerken: Smith versteht es, seine Leser mit nur wenigen Sätzen zu verblüffen. Er zwingt sie, alles Gelesene nochmal zu überdenken und stellt die Schlüsselszenen mehrmals in neues Licht. Das ist großartig komponiert, macht Spaß zu lesen und geht am Ende sogar zu Herzen.

FAZIT: Als ich den Roman zum ersten Mal in einer Buchhandlung sah, fiel er mir zunächst durch die Covergestaltung auf. Es gibt ihn in elf verschieden Farben, wobei sich mir auch nach der Lektüre nicht so ganz erschließt, warum eigentlich. Egal – Interesse geweckt, Ziel erreicht! Nachdem ich mir dann den Klappentext durchgelesen hatte, war ich schon hin und weg. Und jetzt, gut vierhundert Seiten weiter, kann ich sagen: Es hat sich gelohnt. Ein sehr gutes Buch, das gleichzeitig unterhält und zum Nachdenken anregt.
Fünf Sterne.

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Hier treffen sich fünf Flüsse

Barney Norris , Johann Christoph Maass
Fester Einband: 360 Seiten
Erschienen bei DuMont Buchverlag , 21.04.2017
ISBN 9783832198503
Genre: Romane

Rezension:

INHALT: Im beschaulichen Salisbury, einer Kleinstadt im Süden Englands, fließen fünf Flüsse ineinander, und es sind die Schicksale fünf unterschiedlicher Menschen, deren Wege sich eines Abends in Salisbury kreuzen. Rita, die alternde Blumenhändlerin, deren Leben in Scherben liegt; der junge Sam, der in einem Gefühlschaos lebt, weil er zum ersten Mal die Liebe entdeckt während sein Vater im Sterben liegt; George, der Bauer, der gerade seine Frau verloren hat; Alison, die als Theaterschauspielerin Erfolge feiert, während sie an ihrer Einsamkeit fast vergeht; und Liam, der Nachtwächter, der nach irgendeinem Sinn in seinem Leben sucht.

Diese fünf Menschen kennen sich – gemäß den Regeln der Kleinstadt – nur entfernt, werden aber, als George Rita bei einem Unfall überfährt und die anderen drei Zeugen werden, zu einer Gemeinschaft, bei der jeder an einem Punkt steht an dem sein Leben eine Wendung nehmen kann.

FORM: Barney Norris (*1987) hat einen klug komponierten Episodenroman vorgelegt, in dem er sich für jede Figur ein Kapitel Zeit nimmt. Alle Protagonisten sind Ich-Erzähler, die Erzählweisen jedoch wechseln – während Sam seine innersten Wünsche und Ängste in Märchen und Fabeln ausdrückt, springt George zwischen Lebensbeichte und Polizeiverhör hin und her; bei Alison sind es dagegen Tagebucheinträge, denen wir als Leser folgen. So weit, so gut – ich mag Romane mit verflochtenen Geschichten und tragfesten Fundamenten, aber…

So clever die Konstruktion hier auch sein mag, das schriftstellerische Können Norris‘ konnte mich nicht überzeugen. Der ganze Roman ist einfach zu gleichbleibend, es fehlen die unterschiedlichen Töne. Die fünf Charaktere kommen aus den unterschiedlichsten Schichten der Gesellschaft, aber der Teenie Sam spricht genauso blasiert und geschwollen wie Theaterdiva Alison oder Treckerfahrer George vom Land. Da bleibt die Authentizität leider etwas auf der Strecke. Die einzige, die aus der Reihe fällt, ist Rita gleich zu Beginn, die – wohl aufgrund ihrer Vergangenheit – einen etwas rauheren Ton an den Tag legt. Ansonsten sind die Sätze oft verkrampft lang und manchmal auffällig holprig, was vielleicht auch an der Übersetzung liegt. Hier eines von vielen Beispielen, die mir wirklich unangenehm aufgefallen sind:

Ich erinnere mich, dass, als ich Valerie das erste Mal mitnahm, um sie meinen Eltern vorzustellen, sie, als ich sie abholte, meinte, sie sei derart nervös, am liebsten wäre sie krank. (Seite 180)

Um mal bei den Flüssen zu bleiben: Das fließt einfach nicht.

Auch die ewig auf einem hohen Level gehaltene Melancholie wurde mir irgendwann zuviel. Alle klagen und jammern und quälen sich durch die über 300 Seiten, und obwohl ich mich auch gerne mal anrühren lasse, war mir das dann doch zu dauerhaft und vor allem zu gewollt tragisch.

FAZIT: Bis zu einem gewissen Punkt hat mich der Roman mitgenommen – ich war erfreut über die Idee und gespannt auf die Umsetzung. Der Genickbruch kam spätestens bei Alisons schwafeligem Tagebuch, ab da an war ich raus.

Gut konstruiert mit schmerzhaften Abzügen in der B-Note – Schade. Drei Sterne.

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38 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 25 Rezensionen

tod, krebs, liebe, drogen, journalismus

Nina & Tom

Tom Kummer
Fester Einband: 256 Seiten
Erschienen bei Blumenbar, 17.03.2017
ISBN 9783351050351
Genre: Romane

Rezension:

INHALT: Sie waren wie zwei Wildpferde auf Speed, ihre Leben ein einziges Brennen im Herzen, ein ständiges Suchen nach Grenzen und dem, was dahinter liegt – Nina und Tom. Dreißig Jahre lang waren sie ein Paar, haben alle Höhen erklommen, alle Tiefen ausgelotet, sich geliebt und gehasst, gevögelt und geschlagen. Haben alle Drogen genommen, die sie zwischen die Finger bekamen, und mit ihrer subversiven Dekadenz die Menschen um sich herum verprellt. Sie waren wie zwei Drachen, in ewigem Kampf ineinander verkeilt, Glut in den Augen, Feuer in den Lungen. Jahrzehntelang waren sie jung und stark, doch das Ende naht. Der Krebs hat sich in Nina breit gemacht. Sie wird sterben, schon bald. Die ultimative Erfahrung am Ende eines Lebens voller Extreme.

FORM: Tom Kummer (*1961) schreibt seinen atemlosen Lebensbericht in kurzen, klaren Sätzen. Auf gut zweihundertfünfzig Seiten prescht er durch dreißig Jahre Beziehung, wobei er den Todeskampf Ninas als Grundgerüst nimmt und die Episoden der Vergangenheit dazwischen einfließen lässt.

Die Liebe zwischen Nina und Tom als Tour de Force zu beschreiben, wäre zu schmeichelhaft. Es gibt Szenen voller Hass und Gewalt, der Sex ist hart und ohne jede Romantik, und das Glück ist immer euphorisch bis in die höchsten Höhen. Nie gibt es so etwas wie ein Mittelmaß, was die beiden zwar zu furchtbar anstrengenden Figuren macht, ihnen aber auch eine Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit verleiht, die man selten erlebt. Erst die Söhne Henry und Jack bremsen ihren Sturzflug und bringen etwas Ruhe in den Rave.

Der Roman ist stark autobiografisch gefärbt – Nina gab es wirklich. Sie erlag im September 2014 ihrem Krebsleiden. Die Qualen, die sie durchlitt, müssen schlimm gewesen sein, und sie lesend dabei zu beobachten, ist schwer zu ertragen. Das Foto auf dem Cover zeigt sie an ihrem Hochzeittag 1998 in der Wüste bei Las Vegas. Es stammt aus Kummers Privatarchiv.

Beim Autor selbst kommt man schlecht um den zweifelhaften Ruhm herum, den er sich in den Neunzigern mit seinen gefälschten Interviews ergatterte. Jahrelang erfand er Gespräche mit Weltstars und verkaufte sie an Zeitschriften. Als er damit aufflog löste er einen Medienskandal aus. Auch diese Episode ist im Buch enthalten. Kummer öffnet somit eine Metaebene, eine Aufforderung an den Leser, sich mit dem Leben des Autors zu beschäftigen.

FAZIT: Eine irre Liebesgeschichte in der niemand geschont wird, zwei unvergessliche Charaktere die ans Herz gehen, und, auch wenn mir der Schreibstil manchmal etwas zu unterkühlt war, ein faszinierender Roman – fünf Sterne. Daran ändern auch die aktuellen Vorwürfe nichts, Kummer soll für NINA & TOM bei Größen wie Richard Ford abgeschrieben haben. Solche Beschuldigungen lassen mich völlig kalt – jeder kopiert seine Helden, manche vedienen Millionen damit.

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10 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 5 Rezensionen

Satin Island

Tom McCarthy , Thomas Melle
Fester Einband: 224 Seiten
Erschienen bei DVA, 08.03.2016
ISBN 9783421047182
Genre: Romane

Rezension:

INHALT: Was genau machen eigentlich Wirtschaftsanthropologen? Sie versuchen, das wirtschaftliche Verhalten einer bestimmten (Ziel-)Gruppe zu auszuloten, meistens im Auftrag eines Unternehmens, um deren Absatz zu steigern. Genau so einer ist U., der für die Consultingfirma Koob-Sassen auf der ganzen Welt unterwegs ist, um neue Märkte zu ergründen. Sein Boss Peyman hat kürzlich einen Mega-Deal mit einem großen Konzern an Land gezogen, ein nie dagewesenes Projekt über das alle sprechen, aber niemand so recht weiß, worum es eigentlich geht. Im Zuge dieses Projekts wird U. von Peyman beauftragt den Großen Bericht zu schreiben, einen universalen Text, der unser komplettes Zeitalter umfassen soll. Wie er das bewerkstelligt, Form und Ausmaß des Berichts, ist U. überlassen; der Text findet schon seine Form – was immer das heißen soll.

U. merkt schon nach kurzer Zeit, dass er mit dieser Aufgabe völlig überfordert ist. Wie soll man einen Bericht über ALLES schreiben, einen Text der ein ganzes Zeitalter umfasst? Und wozu überhaupt? Und was ist das eigentlich für ein Projekt, für das Peyman diesen Bericht braucht?

U. beginnt, sich in Kleinigkeiten festzubeißen. Der tödliche Unfall eines Fallschirmspringers beispielsweise erregt seine Aufmerksamtkeit. Tagelang trägt er alles zusammen, was über Unfälle mit Fallschirmen zu finden ist. Ebenso sammelt er alle Information zu Ölkatastrophen, ordnet sie, baut Statistiken auf, vernetzt alles miteinander, kommt aber nicht weiter. Es erscheint alles so sinnlos. Als Peyman erste Ergebnisse sehen will, muss U. sich eingestehen, dass er praktisch nichts vorweisen kann. Für ein Symposium saugt er sich einen Vortrag quasi aus den Fingern und wird von allen Gästen frenetisch gefeiert – wofür auch immer…

FORM: Tom McCarthy (*1969) hat mit SATIN ISLAND einen kafkaesken Roman über einen obskuren Berufszweig und einen extremen Fall von Prokrastination vorgelegt. Sprachlich auf höchstem Niveau schreibt er seinem Helden eine Leidensgeschichte der ganz anderen Art auf den Leib. Monate lang recherchiert der arme U., ohne richtig zu wissen wofür und wohin das alles überhaupt führen soll. Dabei wird nichts wirklich erklärt und der Leser ist genauso ahnungslos wie U. selbst.

(apropos Sprechende Namen: Das Initial verrät ja schon, dass Leser und Ich-Erzähler viel gemeinsam haben. Im englischen Original heißt es zu Beginn: »Me? Call me U.« Und der Boss Peyman ist der, der die Spesen bezahlt. Sein Vorname wird nicht genannt, aber ich tippe auf Bill.)

McCarthys Erzählton würde ich irgendwo zwischen Donald Antrim und Thomas Pynchon verorten, also eher bildungssprachlich, aber mit deutlich weniger Humor. Auch wenn es hin und wieder skurril wird, ein paar Lacher hätten dem Buch nicht geschadet, schließlich ist es kein todernstes Thema, dessen sich McCarthy hier annimmt. SATIN ISLAND wirkt nach dem letzten Kapitel eher wie ein kleines Zauberkunststück – hübsch anzuschauen aber schnell verflogen.

FAZIT: Ein überaus clever komponierter Roman, der viel Raum für Interpretationen lässt. Vier Sterne.

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10 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

john von düffel, klassenbuch

Klassenbuch

John von Düffel , John von Düffel
Fester Einband: 350 Seiten
Erschienen bei DuMont Buchverlag , 21.03.2017
ISBN 9783832198343
Genre: Romane

Rezension:

INHALT: Als eine Grille im Klassenzimmer unermüdlich aber unentdeckt ihr Liedchen zirpt, lässt die Lehrerin Frau Höppner ihre Elftklässler kurzerhand einen Aufsatz über La Fontaines Fabel DIE GRILLE UND DIE AMEISE schreiben. So verschieden die Jugendlichen, so verschieden sind auch die Arbeiten. Lenny, der Nerd, von allen einstimmig als Vollidiot abgestempelt, schreibt ganz anders als Beatrice, die Selbstmordkandidatin. Der notorische Schulschwänzer Henk, der in Clubs rumhängt und Drogen vertickt, hat ganz andere Ziele als die hochbegabte Li, die mit ihrer Opernstimme eine Gesangskarriere anstrebt. Neun Schüler sind es, die zwischen Realität und Virtualität nach ihrem Platz in der Welt suchen.

FORM: John von Düffel (*1966) hat für KLASSENBUCH tief in die Trickkiste gegriffen und ein kleines Mindfuck-Wunderwerk gezaubert, das vor Twists und Haken nur so strotzt. Dabei fängt alles ganz locker an.

Im ersten der beiden Teile lesen wir die Hausarbeiten über die Grille. Alle Schüler werden auf diese Weise vorgestellt, erhalten ihre Tiefe, ihre Ziele und Absichten. So weit, so gut. Im zweiten Teil kommt die ganze Belegschaft nochmal der Reihe nach zu Wort. Diesmal aber nicht hinter dem Schutzmantel der Klassenarbeit, die Frau Höppner ja zu lesen bekommt, sondern echt, mit allen Problemen und Ängsten – die wahre Stimme aus der Tiefe des Herzens. Und hier wird dem Leser erst klar, wie es wirklich um die Klasse bestellt ist, wer das Sagen hat, wer sich verstellt und über wen es nur Gerüchte gibt. Ein Aha-Effekt jagt den nächsten und mit jeder Wortmeldung muss der Leser das bisher Gelesene neu sortieren.

Einen wichtigen Part in diesem sozialen Wirrwarr übernehmen die Digitalen Medien, denen sich die Schüler wie selbstverständlich unterwerfen. Hier blickt von Düffel ein wenig in die Zukunft, die aber auch nicht mehr weit entfernt zu sein scheint. Dass die moderne Technik schier unbegrenzte Möglichkeiten bietet und dass das Internet eine der bahnbrechensten Erfindungen der letzten Jahrzehnte darstellt, ist unbestreitbar. Dass aber das Überangebot und das ständige Online-Dasein das Leben im Endeffekt eher verkompliziert als erleichtert, wird auch immer deutlicher. Und auch in KLASSENBUCH (was für ein schöner analoger Titel) ist die digitale Welt Fluch und Segen. Sicher, Social-Media-Kritik ist nichts Neues, aber selten wurde sie so kunstvoll dargebracht wie in diesem Roman.

FAZIT: Kaum zu fassen, aber KLASSENBUCH war mein erstes Buch von John von Düffel, einem Autor von dem ich schon viel gehört habe und der mich schon seit Jahren reizt. Jetzt endlich durfte ich mich von seiner Könnerschaft überzeugen und verspreche: Das wird nicht mein letzter Roman von ihm sein. KLASSENBUCH ist große Kunst – fünf Sterne!

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sex, mississippi, ausreißerin, roman, armut

Fay

Larry Brown , Thomas Gunkel
Fester Einband: 656 Seiten
Erschienen bei Heyne, 09.05.2017
ISBN 9783453270961
Genre: Romane

Rezension:

INHALT: Die siebzehnjährige Fay haut von zu Hause ab, flieht vor ihrem gewalttätigen Vater, bei dem sie mit ihren Geschwistern in ärmlichen Verhältnissen lebte, irgendwo in einer Blechhütte in den Wäldern Mississippis. Die Küste ist ihr Ziel, Biloxi weit im Süden des Staates, ein Ort, von dem sie mal gehört hat. Dort wird sie leben können, die Wärme, das Meer – ewiger Urlaub. Doch es sind noch hunderte Meilen bis dort und sie ist zu Fuß unterwegs, ohne Geld, nicht mal Schuhe. Und so rechte Ahnung von der Welt hat sie auch nicht, so ganz ohne Schulbildung. Sie musste ihr Leben lang auf den Feldern arbeiten, dass ist alles, was sie kennt und weiß. Aber sie ist bildschön, ein Umstand der nützlich sein, ihr aber auch gefährlich werden könnte.

Fay ist noch gar nicht weit gekommen, da wird sie auch schon von ein paar Typen mitgenommen und in einen Trailer-Park gebracht. Die Jungs scheinen nett zu sein, doch nachts vergreifen sie sich an ihr und sie flieht ein weiteres Mal. Auf dem Highway wird sie von Sam aufgegabelt, einem State Trooper, der auf den Straßen Mississippis für Ordnung sorgt. Er nimmt sie mit zu seiner Frau in ein traumhaftes Häuschen an einem Stausee bei Oxford. Sam und Amy haben vor ein paar Jahren bei einem Autounfall ihre Tochter verloren, sie wäre jetzt in Fays Alter. Sie beschließen, Fay bis auf Weiteres bei sich aufzunehmen. Wundervolle Wochen folgen, eine Zeit voller Zuneigung und Freude. Fay lernt Angeln und Schwimmen und die grundlegenden Regeln der Gesellschaft. Doch die Ehe zwischen Sam und Amy hat einen tiefen Riss. Amy trinkt jeden Tag übermäßig viel, was ihr eines Abends auf dem Highway zum Verhängnis wird. Und Sam hat seit Jahren eine Geliebte, eine eifersüchtige junge Frau, die die schöne Fay als Konkurrentin ansieht. Es kommt zur Auseinandersetzung und Fay muss abermals fliehen.

Sie schafft es trampend tatsächlich bis nach Biloxi, allerdings ging ihr Plan auch nur bis zu diesem Punkt. Wie weiter? Ein Job, eine Bleibe – alles nicht so einfach ohne Geld und ohne Bildung. Sie wendet sich an Reena, eine junge Kellnerin, die sich ein Herz fasst und sie mit zu sich nach Hause nimmt. Doch Reenas Freundeskreis ist zwielichtig. Sie arbeitet zeitweise in einem Strip-Club und Aaron, der Türsteher und Ordnungshüter des Clubs, ein muskelbepackter Stiernacken, wirft ein Auge auf Fay, dessen Blick sie nicht widerstehen kann. Aaron ist zunächst auch sehr nett und zuvorkommend und Fay verbringt angenehme Wochen mit ihm, doch nach und nach entpuppt er sich als cholerischer Schläger, als Drogenhändler und Frauenverachter. Als es Fay gelingt, den von allen verlassenen Sam in einer Nachricht um Hilfe zu bitten, kommt es zum Finale…

FORM: Larry Browns Ton ist ein überaus realistischer. Hier wird nicht rumgespielt oder experimentiert – es zählt nur die harte Realität. Das passt auch sehr zu Browns Figuren, die allesamt keine Schöngeister sind, das rauhe Leben im amerikanischen Süden, die Hitze, die Winde, die Leere – all das hat sie abstumpfen lassen. Es sind die Hoffnungslosen, die von Gott Verlassenen, denen Brown hier eine Stimme verleiht. Figuren, die aber auch arm an seelischer Kraft sind, motivationslos, die sich nicht aufrappeln können und deren Vorstellungskraft immer nur bis zum nächsten kühlen Bier reicht, das die Lösung aller Probleme verheißt. Ein zwar trauriges, aber authentisches Personal, das der Autor sich hier in die Haare kriegen lässt.

Eine weitere Figur, wenn man so will, ist der Süden selbst. Brown schafft es, diesen von literarischen Legenden umrankten Ort, ganz nebenbei zum Leben zu erwecken. Man spürt die die staubige Hitze, man riecht das salzige Meer – selten habe ich mich beim Lesen so in eine Welt versetzt gespürt, in der ich noch nie war, wie in diesem Buch.

Larry Brown (1951-2004) genießt in den USA Kultstatus und wird in einem Atemzug mit Größen wie William Faulkner und Cormac McCarthy genannt. Sehr verwunderlich daher, dass er erst jetzt, dreizehn Jahre nach seinem Tod, für das hiesige Publikum ins Deutsche übertragen wurde. Ich hoffe sehr, der Heyne Verlag nimmt sich diesem Autor an und beschert uns weitere Übersetzungen – es gibt viel zu entdecken. JOE zum Beispiel, quasi das männliche Pendant zu FAY. Vor einiger Zeit sah ich die Verfilmung mit Nicolas Cage, dessen Darstellung mich seit etlichen Jahren zum ersten Mal wieder vom Hocker riss. Auf diesen Roman in deutscher Übersetzung würde ich mich sehr freuen.

FAZIT: Ich gebe FAY ganz klar fünf Sterne, weil ich die Südstaatenliteratur sehr schätze. Dieses Buch ist für Freunde von Romanen wie NO COUNTRY FOR OLD MEN oder ALS ICH IM STERBEN LAG.

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gewalt, hooligans, hannover, fußball, hannover 96

Hool

Philipp Winkler
Fester Einband: 310 Seiten
Erschienen bei Aufbau Verlag, 19.09.2016
ISBN 9783351036454
Genre: Romane

Rezension:

INHALT: Ein Leben ohne Hannover 96 ist für Heiko Kolbe unvorstellbar. Seit frühester Jugend dreht sich alles um seinen geliebten Club. Allerdings geht es seit einigen Jahren kaum noch um den Fußball als solchen. Heiko ist ein Hooligan, der sich regelmäßig zur »Dritten Halbzeit« mit den Fans anderer Mannschaften prügelt – knallhart und ohne Erbarmen, bis das Blut spritzt. Oft sind solche Schlägereien organisierte Treffen mit klaren Regeln. Doch Heiko ist auch außerhalb dieser Fights aggressiv und leicht reizbar.

Von seiner Mutter in jungen Jahren verlassen, mit einem alkoholkranken Vater und stets im Schatten der gebildeten, älteren Schwester aufgewachsen, lebt Heiko heute unter allerlei zwielichtigen Gestalten. Er hat ein spärlich möbliertes Zimmer in einem Haus weitab im Wald, wo der Ex-Knacki Arnim illegale Tierkämpfe abhält und gerne auch mal zwei Kampfhunde auf einen Braunbären loslässt. Heiko arbeitet in einem Gym, das von seinem Onkel Axel geleitet wird, einem Szenekenner der ersten Stunde, der die Hool-Treffen organsiert und nebenbei krummen Geschäften mit Bikern, Neo-Nazis und der osteuropäischen Mafia nachgeht.

Ein obskurer Freundeskreis also, den Heiko da um sich hat. Doch es gibt auch ein Mädchen, Yvonne, die die Kraft gehabt hätte, Heiko vom Rand der Gesellschaft wegzuzerren. Aber die Beziehung – die einzige in Heikos Leben, die wenigstens ein bisschen Liebe und Geborgenheit versprach – ging in die Brüche und Heiko verbringt so manche Nacht im Auto vor ihrem Haus und weint ihr nach.

Als sich Heikos Hool-Freunde nach und nach aus der Szene verabschieden, weil sie berufliche oder familiäre Chancen ergreifen (oder körperlich einfach nicht mehr mithalten können), sieht sich Heiko mehr und mehr im Stich gelassen. Doch was soll man anfangen in einer Welt ohne Liebe und Halt?

FORM: Philipp Winkler (*1986) hat mit HOOL eine brettharte Sozialstudie geschrieben, über eine Szene, die sich neutral betrachtet jedem Verständnis entzieht. Die Sätze sind kurz und knackig und von Heikos Gossensprache geprägt. Es gibt Szenen voller bluttriefender Gewalt, und je klarer dem Leser wird, dass sich so etwas ständig irgendwo abspielt, desto authentischer werden sie.

Die Kapitel springen unregelmäßig in den Zeiten, beleuchten auf diese Weise die Vergangenheit der Hauptperson und entblättern einen Charakter, dem es im Leben vor allem an einem gefehlt hat: Zuneigung.

Über die Jahre abgestumpft und immer auf der Suche nach Anerkennung und Verbundenheit erscheint Heikos sozialer Abstieg vorprogrammiert. Dabei lässt Winkler seinen Antihelden aber nicht gänzlich dumm dastehen. Heiko hat eine gewisse Intelligenz und gesunde moralische Werte – wenn man mal vom Brechen anderer Leute Knochen absieht. Aber er hat auch einen fürchterlichen Dickkopf, eine unbezähmbare Wut und große Angst, alles zu verlieren, was er sich aufgebaut hat – was auch immer das sein möge. Winkler hat damit einen interessanten Charakter geschaffen: nicht gerade ein Sympathieträger, aber vielschichtig und ambivalent.

FAZIT: Ich muss zugeben, dass ich zu den Daddys gehöre, die sich nur zur Weltmeisterschaft für Fußball interessieren. Laut Heiko Kolbe bediene ich damit ganz klar eines der vielen Feindbilder (Seite 169) … womit ich aber ganz gut leben kann. Und die Hooliganszene ist von mir so weit entfernt wie das Königreich Tonga. Umso interessanter war die Lektüre dieses bemerkenswerten Debütromans, mit dem es Philipp Winkler 2016 auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises schaffte. Es ist tatsächlich mal ein Blick in eine für mich völlig unbekannte Welt. Die Recherchearbeit Winklers (der selbst nicht Mitglied der Szene ist) muss gruselig gewesen sein. Dafür hat er meine vollste Hochachtung.

Für meinen Geschmack gab etwas zu viele Nebenkriegsschauplätze, und an die Gossensprache musste ich mich auch erst gewöhnen (sie kam mir an vielen Stellen ungeeignet vor), aber alles in Allem ist HOOL ein Roman, den man landläufig wohl solide nennt. Ich vergebe vier Sterne plus Leseempfehlung für Leute, die einen Blick in eine der dunkleren Ecken unserer Gesellschaft wagen wollen.

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102 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 20 Rezensionen

türkei, gewalt, unterdrückung, roman, abhängigkeit

Blauschmuck

Katharina Winkler
Fester Einband: 196 Seiten
Erschienen bei Suhrkamp, 08.02.2016
ISBN 9783518425107
Genre: Romane

Rezension:

INHALT: Die Kurdin Filiz ist dreizehn, als der nur wenig ältere Yunus sie sich aussucht wie ein Toastbrot im Supermarkt. »Du gehörst mir«, sagt er und sperrt sie weg. Wenig später die Hochzeit und der Umzug in Yunus‘ Haus, wo Filiz wie eine Sklavin gehalten wird, von der Schwiegermutter gehasst und erniedrigt, vom Mann brutal misshandelt. Schläge und Vergewaltigung stehen an der Tagesordnung, ein jahrelanges Martyrium. Der Ehe entspringen drei Kinder, keines der drei wird geliebt. Schon im Mutterleib wird auf sie eingedroschen, auch von Filiz, die den Kindern das Leben erparen will.

Später dann die Ausreise nach Österreich, wo Yunus mit dubiosen Geschäften viel Geld verdient. Aber auch der goldene Westen, das Land der Jeans und Turnschuhe, bringt keine Freiheit. Wenn Yunus weg ist, oft wochenlang, sperrt er Filiz und die Kinder ein. Das ist die Zeit des Hungers und der Einsamkeit, aber auch der Genesung – die geschundenen Knochen können heilen, die blauen Flecken, der titelgebende Blauschmuck kann vergehen. Und wenn Yunus wiederkommt, kann Filiz schon am Zuschlagen der Autotür erkennen, ob der Sturm sofort über sie hereinbricht oder ob er sie noch bis zur Nacht verschont.

FORM: Es klingt wie eine Geschichte aus dem Mittelalter, aber Leidenswege wie der Filiz‘ sind in manchen Gegenden der Welt keine Seltenheit. Der Satz, der den Roman so furchtbar eindringlich macht, steht gleich zu Beginn auf Seite 7: »Nach einer wahren Lebensgeschichte.«

Katharina Winkler (*1979) hat mit BLAUSCHMUCK einer Frau eine Stimme gegeben, eine versteckte Geschichte an die Öffentlichkeit gezerrt, die gehört werden muss. Dafür kann man ihr nicht genug danken und ich wünsche diesem Buch auch weiterhin eine große Leserschaft. Ich bin mir sicher, dieses Buch wird die Jahre überdauern.

Winklers Sprache ist unfassbar poetisch, jeder Satz ein kleines Meisterstück. Die Szenen der Gewalt sind dabei nur schwer zu ertragen und durch die schöne Sprache umso intensiver. Aber anders als die Fitzeks dieser Welt, benutzt Winkler die Gewalt nicht, um ihre Leser zu schockieren oder irgendwelche Ekelgrenzen zu überschreiten – das wäre plumper Voyeurismus und hätte mit Literatur soviel zu tun wie McDonald’s mit Esskultur. Nein, sie braucht die Gewalt, um der Geschichte eine Ebene hinzuzufügen, etwas, das man aus dem Leben der Hauptfigur nicht mehr wegdenken kann. Das ist Winkler mit Bravour gelungen – kaum zu glauben, dass es sich hierbei um einen Debüt handelt.

FAZIT: Eine furchtbare Geschichte – ein großartiger Roman. Fünf Sterne.

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