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38 Bibliotheken, 10 Leser, 0 Gruppen, 8 Rezensionen

bücher, ddr, deutsch, deutscher, jena

Unter der Haut

Gunnar Kaiser
Fester Einband: 528 Seiten
Erschienen bei Berlin Verlag, 01.03.2018
ISBN 9783827013750
Genre: Romane

Rezension:  
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10 Bibliotheken, 0 Leser, 1 Gruppe, 1 Rezension

Die Universität

Andreas Maier
Fester Einband: 147 Seiten
Erschienen bei Suhrkamp, 12.02.2018
ISBN 9783518427859
Genre: Romane

Rezension:

Nach Italien soll es gehen, in die Sonne, ins Land der Zitronen und Orangen, doch irgendeine Kraft zieht ihn stattdessen ins beschauliche Butzbach in der Wetterau. Denn hier wohnt und arbeitet die Buchhändlertochter, die er schon seit der Schulzeit nicht mehr gesehen hat und in die er immer noch ein bisschen verschossen ist.

In seinem neuesten Roman begleiten wir Andreas Maier (*1967) durch seine Studentenzeit Ende der 1980er Jahre, und auch hier – wie schon bei den Vorgänger-Romanen – sind es einzelne kleine Episoden, die er vor uns ausbreitet und mit großer Detailversessenheit durchleuchtet. Die Eingangsszene in Butzbach oder die, in der er unter einer Matratze ein altes Erotikmagazin findet, was ihn zu stundenlangem Philosophieren über sich und sein Leben verleitet, solche Szenen sind sowohl humorvoll als auch nachdenklich. Ernster dagegen – geradezu ergreifend – ist das Kapitel, in dem er als Krankenpfleger der alten Gretel Adorno zugewiesen wird. Sie ist die Witwe des Frankfurter Philosophen Theodor W. Adorno. Nach dessen Tod unternahm sie einen Suizidversuch und ist seitdem pflegebedürftig, schreit und geifert, schlägt und kratzt um sich. Doch für Andreas ist die Faszination dieser Frau – und überhaupt in der Wohnung eines so berühmten Paares zu stehen – größer, als der Schmerz, den sie ihm zufügt.

Man merkt dem Protagonisten erstmals eine Reife an, die zweifellos vom Philosophie-Studium herrührt. In den vorigen Teilen war es Maier, der Autor, der seinen Erinnerungen diese gewisse Tiefe gab, jetzt ist es Andreas, sein Protagonist, der das tut. Doch auch stilistisch macht Maier einen großen Schritt und stellt seinem Helden neuerdings eine innere Stimme zur Seite, die seine Taten kommentiert und mit der er ständig im Dialog steht. Ein weiteres Novum sind die Fußnoten, die es vorher – wenn ich mich recht entsinne – noch nicht gab.

DIE UNIVERSITÄT ist mittlerweile der sechste Band der Ortsumgehung, wir haben also Halbzeit, oder: Bergfest – das Wort passt besser in die Wetterau, wo der Großteil, der Erinnerungen spielt. Ich kann diese Reihe jedem nur wärmstens ans Herz legen, denn sie ist großartig und Andreas Maier ein hervorragender Schriftsteller mit großer Könnerschaft und tiefem Blick in seine Figuren. Die einzelnen Romane sind keine dicken Wälzer, es sind wohldosierte Konzentrate, in denen Maier das zum Ausdruck bringt, wofür andere Autoren fünfhundert Seiten brauchen. Ich bin gespannt auf die folgenden Bücher, auch wenn es bis zu einem Abschluss wohl noch viele Jahre dauern wird.

*** Diese und viele weitere Rezensionen könnt Ihr in meinem Blog Bookster HRO nachlesen. Ich freue mich auf Euren Besuch ***

Hier nochmal die Links zu den Rezensionen der anderen Romane der Reihe:
DAS ZIMMER | DAS HAUS | DIE STRASSE | DER ORT | DER KREIS

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14 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 2 Rezensionen

Der Kreis

Andreas Maier
Fester Einband: 149 Seiten
Erschienen bei Suhrkamp, 08.08.2016
ISBN 9783518425473
Genre: Romane

Rezension:

Der fünfte Teil der Ortsumgehung (Aber sagt man beim Straßenbau statt Teil nicht besser Abschnitt?)  führt uns durch Maiers Schulzeit. Vier Begebenheiten hat der Autor aus seinem Fundus an Erinnerungen ausgewählt, um sie mit gebührendem Abstand von mehreren Jahrzehnten noch einmal genauestens unter die Lupe zu nehmen.

Die einzelnen Kapitel – benannt nach den Stufen des schulischen Werdegangs: Grundschule, Unter-, Mittel- und Oberstufe –, behandeln jeweils ein Thema, dessen sich Maier annimmt. Das Arbeits- und Studierzimmer der Mutter zum Beispiel, mit den geheimnisvollen Büchern, dessen Titel nicht mit Wörtern geizen, die auf »-logien« und »-ismen« enden; ihre Korrespondenz mit und die aufreibenden Besuche bei Fritz Usinger, dem frühen Büchner-Preisträger, der in einer kafkaesk Burg über der Stadt wohnt und auf die Sterblichen hinabblicken kann.

Oder das erste Rockkonzert im zarten Alter von dreizehn Jahren, das sich schmerzhaft und unvergesslich in die Gehörgänge Maiers eingegraben haben muss. Selten habe ich einen so passenden Text über ein Thema gelesen, von dem ich behaupte, einiges zu verstehen. (Mein erstes, offiziell als großes geltende Konzert – nach unzähligen Mini-Live-Acts in kleineren Clubs – war THE OFFSPRING 1995 in Berlin. Bis auf das Jahr, die Stadt und die Band, die Maier bei sich übrigens namenlos lässt, sind es exakt meine Eindrücke, die er hier niederschreibt. Allein für dieses Kapitel lohnt sich das ganze Buch.)

Auch die Theateraufführung an seiner Schule – mit jungen Darstellern wie Thomas Heinze und Mathias Herrmann, die sich später auch wirklich als Schauspieler einen Namen machten – ist unterhaltsam und, mit dem für Maier typisch sezierenden Blick, authentisch. Einzig das letzte Kapitel, in dem er einige Episoden nur noch anreißt, um stilistisch den Bogen, oder: den Kreis, zu schließen, wirkt irgendwie unvollständig und abgebrochen. Ein kleiner Wermutstropfen in einem ansonsten großartigen Roman.

*** Diese und viele weitere Rezensionen könnt Ihr in meinem Blog Bookster HRO nachlesen. Ich freue mich auf Euren Besuch ***

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109 Bibliotheken, 6 Leser, 1 Gruppe, 14 Rezensionen

mareike fallwickl, roman, dunkelgrün fast schwarz, freundschaft, begegnung

Dunkelgrün fast schwarz

Mareike Fallwickl
Fester Einband: 480 Seiten
Erschienen bei Frankfurter Verlagsanstalt, 05.03.2018
ISBN 9783627002480
Genre: Romane

Rezension:

Moritz und Raffael sind Freunde von Kindesbeinen an, eine Sandkastenfreundschaft, wie sie im Buche steht. Sie gehen durch dick und dünn, sind unzertrennlich bis ans Ende ihrer Jungendtage. Eigentlich eine schöne Sache, eine für Außenstehende bemerkenswerte Beziehung, die die beiden Jungs da haben. Doch Moritz‘ Mutter sieht das anders, denn sie sieht, was andere nicht sehen: In Raffael steckt der Teufel, er ist ein blonder Engel mit (fast) schwarzer Seele. Die anderen Kinder können sich nicht wehren gegen sein Charisma, gegen seine Dominanz. Allen voran Moritz, der tief in seinem Innersten schon früh begreift, dass Raffael irgendwann sein Untergang bedeuten wird. Spätestens als mit Johanna ein Mädchen in die hormongeschwängerte Zweisamkeit tritt, beginnt ein Machtkampf, für den Moritz bei weitem die Kräfte fehlen, der ihm alle Grundlagen entzieht, um erfolgreich ins Erwachsenenleben zu starten.

Seit ihrer Ankündigung, Mareike Fallwickl habe ein Roman geschrieben, waren die Erwartungen an dieses Debüt sehr groß. Ihr Literaturblog Bücherwurmloch ist seit vielen Jahren ein fester Bestandteil der deutschsprachigen Bloggerszene und ein Garant für unterhaltsame und hochqualitative Rezensionen anspruchsvoller Bücher. Es war also abzusehen, dass sich ihr Debüt schnell herumspricht. Dass die erste Auflage aber bereits nach wenigen Wochen vergriffen sein und der Titel es sogar auf die Bestsellerlisten schaffen würde, das ist schon eine Erfolgsgeschichte, die in der Kürze der Zeit an ein kleines Wunder grenzt. Aber ist der Roman denn nun so gut, dass der Erfolg auch seine Berechtigung hat?

Absolut! Mareike Fallwickl bringt in DUNKELGRÜN, FAST SCHWARZ eine Sprache aufs Papier, die sich ganz locker mit denen gestandener Größen der Literatur messen kann. Der Text strahlt eine Professionalität aus, eine Könnerschaft, wie man sie bei Debüts selten zu lesen bekommt. Auch die Figuren sind tief und psychologisch versiert beschrieben, hier beweist Fallwickl große Menschenkenntnis. Ob sie nun aus Jungen- oder Mädchensicht schreibt, oder aus Sicht der Mutter, alle Charaktere bleiben authentisch und ihre Handlungen – auch wenn manchmal etwas … nunja … deftiger zugeht – nachvollziehbar.

Fallwickl erzählt ihre Geschichte chronologisch ungeordnet über einen Zeitraum von über dreißig Jahren und aus unterschiedlichen Blickwinkeln. Die Perspektiven springen kapitelweise immer in der Reihenfolge Marie-Moritz-Johanna – nur Moritz bekommt außer der Reihe Prolog und Epilog zugesprochen – und mit jedem Sicht- und Zeitwechsel füttert die Autorin uns Leser mit Brotkrümeln, mit Informationen, die wir für das Gesamtbild benötigen. Solche Konstruktionen können auf einer Länge von fast fünfhundert Seiten gern mal durchhängen oder gar zusammenbrechen. Fallwickl aber schafft es durch ein kluge Verteilung der Brotkrümel, dass das Bauwerk bis zum Schluss standhaft bleibt. Interessant ist auch, dass sie bei den unterschiedlichen Figuren auch die Erzählsituation ändert: Marie erzählt in der Ich-Form, Moritz als persönlicher Reflektor, und bei Johanna rutscht Fallwickl gern mal ins seltene Du. Dass der dämonische Antiheld Raffael keine eigene Stimme bekommt, passt hierbei auch ins Schema.

Und auch inhaltlich beweist die Autorin ein gutes Händchen. Die Geschichte der drei Freunde in ihrem Kampf um Herrschaft und Unterwerfung ist ein Stoff, zu dem wohl jeder von uns eine persönliche Anekdote beifügen kann – und vielleicht ist auch das ein Grund für den Erfolg des Romans. Denn es gab oder gibt ihn in jedem Freundes- oder Bekanntenkreis, diesen Einen, der immer führt und nie folgt, dem man restlos ausgeliefert ist und der sich mit einem höhnischen Lächeln auf den Lippen alles von einem nehmen kann. Erinnerungen an die eigene Jugend sind bei diesem Roman vorprogrammiert und machen ihn zu einer sehr persönlichen Lektüre.

Ich wünsche Mareike Fallwickl und ihrem außergewöhnlichen Debüt noch viele weitere Leser und vergriffene Auflagen, und spreche hiermit nachdrücklich eine Empfehlung aus: Wer DUNKELGRÜN, FAST SCHWARZ noch nicht gelesen hat, sollte dies schleunigst nachholen. Dieser Roman ist ein intensives Erlebnis und seine Autorin eine große Hoffnung für die Literatur.

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145 Bibliotheken, 4 Leser, 1 Gruppe, 72 Rezensionen

indien, frauen, schicksal, italien, kanada

Der Zopf

Laetitia Colombani , Claudia Marquardt
Fester Einband: 288 Seiten
Erschienen bei S. FISCHER, 21.03.2018
ISBN 9783103973518
Genre: Romane

Rezension:

Als Colombanis DER ZOPF vor ein paar Monaten angekündigt wurde, war ich sehr gespannt, was mich hier erwarten würde. Der Klappentext klang vielversprechend, die Aufmachung des Buches – türkiser Einband mit goldenen Lettern –, sowie die Covergestaltung waren ansprechend. Und mochte man den Werbetrommeln, die der Veröffentlichung vorausgingen, Gehör schenken, hatte man den Eindruck, alle Welt wäre sich einig: Dieses Buch ist ein einmaliges Wunder.

Ist es nicht.

Worum geht es? Der Zopf dient der Geschichte als Grundgerüst: Drei ineinander geflochtene Haarstränge stehen für drei miteinander verbundene Geschichten auf unterschiedlichen Kontinenten. Da ist zunächst Smita, eine arme indische Frau, die als geborene Dalit außerhalb des Kastensystems steht und somit die niedrigsten Aufgaben erfüllen muss. Sie macht sich mit ihrer Tochter Lalita auf eine beschwerliche Pilgerreise und opfert in einem Tempel dem Gott Vishnu ihre Haare, damit es ihrer Tochter einmal besser hat als sie.

Auf Sizilien steht die junge Giulia vor den Scherben ihres Familienunternehmens. Ihr Vater liegt im Sterben und sie erfährt erst jetzt, dass die Firma – die letzte Perückenfabrik der Insel – in den vergangenen Jahren einen riesigen Berg Schulden angesammelt hat. Wenn sie nicht bald eine Lösung findet, stehen sie und ihre Angestellten vor dem Aus.

Zuletzt begegnen wir Sarah, einer ehrgeizigen Anwältin aus Montreal, für die ihre Karriere an erster Stelle steht. Sie ist taff, boxt sich in der von Männern dominierten Kanzlei erfolgreich durch und gesteht sich und ihrem Umfeld keinerlei Schwächen zu. Doch dann kommt aus heiterem Himmel die Diagnose: Brustkrebs, die ihr alle Kräfte raubt, sie dermaßen lähmt, dass sie ihren Job aufgeben muss. Während der Therapie lässt auch ihr Körper sie im Stich. Auch von ihrem Haar, ihrem ganzen Stolz, muss sie sich trennen. Erst eine Perücke, ein edles Produkt aus dem fernen Sizilien, gibt ihr neuen Lebensmut.

Es ist noch nicht mal die Konstruktion der Geschichte, die mich so stört – ganz im Gegenteil: eigentlich mag ich solche Episodenromane sogar –, auch wenn Colombani große Schwächen im Aufbau zeigt und alles sehr vorhersehbar ist. Allein nach dem Klappentext kann man sich alles zusammenreimen (deswegen habe ich oben auch auf eine Spoilerwarnung verzichtet). Es sind die unzähligen Klischees, die hier bedient werden und mir so übel aufstoßen. Die scheißesammelnde Inderin, die in übervollen Zügen zu irgendwelchen Tempeln fährt; die schöne Italienerin, von allen angehimmelt, die mit einer Vespa die sizilianische Küste entlangdüst; die karrieregeile Anwältin, die sich als Makrele zwischen Haien behauptet – das sind alles Bilder, die man schon so oft vorgesetzt bekommen hat, dass es einem bald zu den Ohren herauskommt.

Hinzu kommt ein unglaublich mieser Schreibstil, der weder mit Küchenpsychologie noch mit den abgedroschensten Phrasen geizt. Ab und zu eine oft gehörte Redewendung zu benutzen ist ja kein Problem – mache ich ja auch gern, merke ich gerade – aber die Häufungen in DER ZOPF wurden immer schlimmer und erreichten ihr höchstes Maß auf Seite 135. Hier eine kleine Zusammenstellung der Phrasendrescharbeit auf nur einer(!) Seite:

…in der Welt da draußen weht ein rauer Wind…
…das Leben kann grausam sein…
…ihre Tochter ist […] zart besaitet…
…keinen reinen Wein einschenken…
…muss sie ihnen Rede und Antwort stehen…
…je später, desto besser…
…aufgeschoben ist ja nicht aufgehoben…

Wie Gewehrsalven feuert Colombani ihre Kalenderweisheiten auf uns ab und wie die Projektile aus der Mündung bedeuten sie alle dasselbe: Schmerz. Nach dieser quälend langen Seite war ich kurz davor, das Buch in die Ecke zu schmeißen, es war kaum auszuhalten. Zugegebenermaßen wurde es dann aber nicht mehr schlimmer. Ich habe mir den Rest des Buches in Rekordzeit reingeprügelt, was nicht schwer fiel, weil der Satzspiegel mit sechsundzwanzig Zeilen pro Seite recht großzügig gehalten ist – auch noch so eine Mogelpackung, die mir negativ auffiel, aber das soll nicht auch noch Thema sein.

Nee Leute, das war nichts. Selten hat mir ein Roman so viel versprochen und mich so schwer enttäuscht. Wieder mal ein Buch, dem ein riesiger Werberummel vorausging, um einen Hype auszulösen, der die immensen literarischen Schwächen kaschiert. Finger weg!

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37 Bibliotheken, 1 Leser, 1 Gruppe, 5 Rezensionen

magischer realismus

Singt, ihr Lebenden und ihr Toten, singt

Jesmyn Ward , Ulrike Becker
Fester Einband: 300 Seiten
Erschienen bei Kunstmann, A, 14.02.2018
ISBN 9783956142246
Genre: Romane

Rezension:

Jojo und seine kleine Schwester Kayla wachsen in ärmlichen Verhältnissen im Süden Mississippis auf. Ihre Mutter Leonie kann kaum für sie sorgen; zu groß sind die Probleme, die sie mit sich herumträgt. Drogen und ein mieser Job in einer Bar, der tief verwurzelte Alltagsrassismus und falsche Freunde lassen Leonie hart mit dem Leben kämpfen. Auch Michael, der Vater der Kinder – ein Weißer –, ist keine Hilfe, denn der sitzt im weit entfernten Parchman eine dreijährige Haftstrafe ab.

Einziger Anker, besonders für Jojo, ist Pop, Leonies Vater, ein vom Leben gezeichneter, aber aufrechter Schwarzer, der die Familie zusammenhält und Jojo alles beibringt, was dieser fürs Leben brauchen kann. Doch auch er hat schwer zu tragen und es ist nur eine Frage der Zeit, bis ihm die Kontrolle über seine Liebsten entgleitet. Seine Frau liegt schwer krank im Bett und sehnt den Tod herbei, er weiß um die Probleme seiner Tochter und die Geister seiner Vergangenheit holen ihn immer öfter ein.

Als Michaels Haftstrafe beendet ist, beschließt Leonie, ihn zusammen mit den Kindern und ihrer Freundin Misty mit dem Auto abzuholen. Viele hundert Meilen durch den hitzeflirrenden Süden – eine enorme Belastungsprobe für die zerbrechliche Familie, die an der Reise endgültig zu zerbrechen droht. Kayla wird wird schwer reisekrank und übergibt sich mehrere Male ins Auto, Misty reagiert darauf mit Unverständnis und hysterischem Abscheu, und Leonie denkt nur an Michael und ihren nächsten gemeinsamen Trip ins Land der Träume. Es ist jetzt an Jojo, die Zügel zu halten, seine Schwester zu trösten und sie gleichzeitig vor der völlig überforderten Mutter zu schützen. Doch da ist noch jemand im Auto, jemand, den nur Jojo sehen kann, ein Geist aus der Vergangenheit, der Jojos Aufmerksamkeit verlangt. Was er will ist nicht klar, doch die Reise hat ein Ziel, und dort liegt die Lösung und auch Hoffnung.

Jesmyn Ward (*1977) ist mit ihrem dritten Roman SINGT, IHR LEBENDEN UND TOTEN, SINGT ein wahres Meisterstück im klassischen Southern Gothic-Stil gelungen, das die ganze Härte des Lebens der Schwarzen in den Südstaaten schildert und gleichzeitig von der unsterblichen Hoffnung erzählt, dass alles irgendwann aufhört und besser wird, auch wenn das den Tod bedeutet.

Ward wählt hierfür wechselnde Perspektiven, die je Kapitel zwischen Jojo und seiner Mutter hin und her springen. Durchbrochen wird dieser Wechsel durch den geisterhaften Fahrgast, der ebenfalls für paar Kapitel zu Wort kommt. Dass Leonie eine eigene Stimme bekommt, hilft uns Lesern dabei, sie besser zu verstehen. Sie ist keine schlechte Person, sie ist nur schwach, sieht schnell rot und ist selten klar bei der Sache. Dass sie nicht für ihre Kinder sorgt, ist kein böser Wille – ihr fehlt die Gabe, wie es ihrer Mutter schon früh aufgefallen ist. Sie ist nicht dafür gemacht, Kinder großzuziehen. Eine Gabe ganz anderer Art besitzt Leonie aber: Sie kann die Toten singen hören. In ihrem Fall ist es Given, ihr Bruder, der ihr immer wieder erscheint, sie leitet und mahnt. Er wurde vor fünfzehn Jahren von einem Weißen erschossen, einem Upper-Class-Student und Cousin des Mannes, den Leonie später heiraten sollte: Michael – auch ein Umstand, ein Verrat, den sie mit sich herumschleppt.

Besondere Kraft legt Ward in die Beziehung der beiden Geschwister. Sowohl aus Jojos als auch aus Leonies Sicht sind die beiden unzertrennlich miteinander verbunden (was Leonie zusätzlich mit Eifersucht erfüllt). Die instinktive Liebe, die die beiden Kinder verbindet, ist unerschütterlich, tief und wunderschön. Wie sich Jojo mit seinem völlig unkindlichen Ernst um Kayla sorgt; wie sich die Dreijährige – erschöpft und immer wieder aufs Neue verängstigt – an Jojo klammert und Schutz sucht; das sind Szenen, die beim Lesen direkt ins Herz treffen. Diese Verbindung steht im krassen Gegensatz zu den Gefühlen gegenüber der Mutter. Wo eigentlich Liebe und Vertrauen gedeihen sollte, wächst nur Hass und Unverständnis, ein schwarzes Loch, ein unerträgliches Nichts.

Der Roman liegt nach der letzten Seite wie ein Stein auf dem Gemüt. Von Anfang bis Ende wird gelitten, geprügelt, gehasst und  verflucht. Dennoch schafft es Jesmyn Ward mit irgendeinem ihrem Text innewohnenden Zauber, dass wir das Buch mit einem guten Gefühl schließen. Wir wissen: Jojo ist ein starker Junge, er wird es schaffen; Kayla wird beschützt und auch Leonie kann ihren Weg finden. Es ist die alles rettende Hoffnung, die Ward zwischen jede Zeile schreibt und dieses Buch zu einem wahrhaft intensiven Leseerlebnis macht – hart und wunderschön zugleich. Fünf Sterne.

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19 Bibliotheken, 0 Leser, 1 Gruppe, 6 Rezensionen

debüt 2018, internet, roman, zukunft

Serverland

Josefine Rieks
Fester Einband: 176 Seiten
Erschienen bei Hanser, Carl, 19.02.2018
ISBN 9783446258983
Genre: Romane

Rezension:

In einer gar nicht so weit entfernten Zukunft lebt die Jugend brav und unverdorben in einer Welt ohne Internet, denn dieses wurde schon vor Jahrzehnten abgeschaltet. Reiner, ein junger PC-Experte, der in seiner Freizeit uralte Laptops aufmotzt und verloren geglaubte Spiele zockt, bekommt durch seinen Schulfreund Meyer die Gelegenheit, bei einer nahezu archäologischen Expedition mitzuwirken: Sie brechen im äußersten Norden der Niederlande in das alte Google-Datenzentrum ein, verbinden sich mit den stillgelegten Servern und betreten so die Ruinenlandschaft von YouTube. Sie tauchen ein in längst vergessene Videos und träumen von einer Zeit, in der alles miteinander geteilt werden konnte, in der die Verbindung zu jedem anderen Menschen auf der ganzen Welt nur ein paar Mausklicks entfernt war.

Keine Frage – diese Wiederentdeckung muss verbreitet, muss geteilt werden. Reiner und ein paar Helfer der schnell wachsenden Befreiungsaktion machen Kopien der Videos und verschicken sie auf DVD wahllos per Post. Der Fund spricht sich schnell herum und schon bald tummeln sich hunderte Jugendliche aus ganz Europa auf dem Google-Areal. Reiner merkt schnell, dass die ursprüngliche Idee, eine längst vergessene Freiheit zurückzugewinnen, durch die Massen kaum noch zu verfolgen ist. Je mehr Leute dazukommen, desto mehr weicht der Traum dem Chaos. Idealismus ist eben nicht massentauglich und leider extrem kurzlebig – Das Projekt droht zu kippen…

Josefine Rieks (*1988) präsentiert uns in ihrem Debütroman eine Utopie der ganz anderen Art. Während die gängigen Zukunftsromane meist die totale Überwachung durch gigantische Konzerne mit Monopolstellung prophezeihen oder gleich das Austerben unserer Art durch einen verlorenen Krieg gegen die Maschinen, geht Rieks in die entgegengesetzte Richtung und ersinnt eine Welt ohne Technik, in der sich die Menschen dem Fortschritt und der Digitalisierung verweigert haben – ein höchst interessantes Setting.

Die Figuren, die Rieks durch ihre reanalogisierte Welt trotten lässt, sind von Langeweile zermürbt, brav gekleidet und sprühen nicht gerade vor Kreativität und Energie; erst die Entdeckung der YouTube-Müllhalde erweckt ihre Lebensgeister. Das passt natürlich ganz gut zur spaßbefreiten Zukunftsvision, liest sich dafür aber auch recht spröde. Überhaupt werden ab der Hälfte des Roman große Lücken in der Handlung bemerkbar, die so wirken, als wüsste Rieks nicht mehr wohin mit ihrer Story, als wäre ihr – um beim Thema zu bleiben – der Saft abgedreht worden. Themen werden angesprochen, aber nicht weiterverfolgt, Dialoge verlaufen sich im friesischen Dünensand und dazu gesellt sich eine gewisse stilistische Unschärfe: Worte wie irgendwoher und irgendwie kommen öfter vor, als es dem Text guttut.

Kurzum: Das Buch hält nicht, was der Klappentext verspricht. Schade eigentlich, denn zweifellos hat Rieks Talent und ein Händchen für gute Settings – SERVERLAND aber bleibt eher ein schriftstellerischer Gehversuch. Ein Buch, das hier und da zum Nachdenken anregen mag – zum Beispiel wie zukünftige Generationen unseren Datenmüll werten könnten –, als relevanter Beitrag zu gegenwärtigen Diskussionen reicht es aber nicht. Drei Sterne.

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51 Bibliotheken, 1 Leser, 1 Gruppe, 10 Rezensionen

parallelexistenz, schweiz, paar, roman, schicksal

Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt

Peter Stamm
Fester Einband: 160 Seiten
Erschienen bei S. FISCHER, 22.02.2018
ISBN 9783103972597
Genre: Romane

Rezension:

INHALT: Christoph, ein Schriftsteller mit spätem Erfolg, kehrt für eine Lesung nach langer Zeit in seinen Heimatort zurück. Das Hotel, in dem er absteigt, ist ihm wohlbekannt, denn dort hat er früher als Nachtportier gejobbt. Er staunt nicht schlecht, als er nach der Lesung an der Rezeption seinem jüngeren Ich gegenüber steht. Dem jungen Christoph dagegen scheint nichts merkwürdig zu erscheinen. Völlig perplex über diese Begegnung, beginnt Christoph seinem jungen Doppelgänger zu folgen, und stellt fest: Es sind nicht nur das Aussehen und der alte Job, den die beiden gemeinsam haben.

Wenn der junge Mann aber exakt das Leben nachlebt, das Christoph selbst schon vorgelebt hat, dann weiß Christoph auch um die Zukunft des Jungen. Dort wartet eine unglückliche Liebesgeschichte zu der wunderschönen Magdalena – eine Chance für Christoph, seine Fehler von damals wieder gutzumachen. Er wartet die Jahre ab, bis die beiden ein Paar sind und mischt sich in Magdalenas Leben, genau zu dem Zeitpunkt, als damals alles in die Brüche ging. Doch kann man seinem Schicksal entgehen? Kann man es überlisten oder ist alles vorherbestimmt und unabkehrbar?

FORM: Peter Stamm (*1963) erzählt in ruhigen und kunstvollen Sätzen eine Art Zeitreisegeschichte, die um die großen Fragen nach Bestimmung und Zufall kreist. Es ist nicht immer leicht, die vielen Ebenen auseinander zu halten, die Stamm in seinem schmalen Roman bereist. Der Großteil der Geschichte wird im Dialog zwischen der jungen Magdalena und dem alten Christoph entblättert, dabei wird munter in den Zeiten gesprungen. Das Fehlen von Anführungszeichen und das Einbetten der wörtlichen Rede in den Fließtext erschweren das Ganze – unnötig, wie ich finde.

Stamm verlangt ein gewisses Grundmaß an Konzentration von seinen Lesern. Wer dieses aufbringt, wird mit einer komplexen Liebes- und Lebensgeschichte belohnt, die zum Nachdenken anregt und mit einem verblüffenden Ende aufwartet.

FAZIT: Mein erster Roman von Peter Stamm, es wird wohl nicht mein letzter sein. Für diesen vergebe ich vier Sterne plus Leseempfehlung.

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10 Bibliotheken, 1 Leser, 1 Gruppe, 2 Rezensionen

Buch der Zahlen

Joshua Cohen , Robin Detje
Fester Einband: 752 Seiten
Erschienen bei Schöffling, 23.01.2018
ISBN 9783895616273
Genre: Romane

Rezension:

Der erfolglose Autor Joshua Cohen, dessen einziges Buch noch vor der Veröffentlichung  in den Trümmern des World Trade Centers untergeht, bekommt den Auftrag, die Lebensgeschichte des CEO der weltweit größten und einflussreichsten Internet-Suchmaschine Tetration niederzuschreiben. Der Name: Joshua Cohen, genannt »der Große Vorsitzende« – Online-Visionär, moderner Heiliger, von Legenden umrankt, von Regierungen gefürchtet.

Um eine erste Audienz beim Großen Vorsitzenden zu bekommen und seinen Auftrag beginnen zu können, muss sich Cohen digital komplett entblättern. Er wird von Tetration technologisch auf den neuesten Stand gebracht, darf nur noch firmeneigene Devices und Apps benutzen und muss seinem mächtigen Namensvetter die nächsten Wochen auf Schritt und Tritt folgen. Nach mehreren Sicherheitsvorkehrungen lernen sich die beiden kennen – der GroVo ist menschenscheu und von schwerer Krankheit gezeichnet – und es beginnt ein Interview, das sie vom kalifornischen Palo Alto über London, Paris und Dubai bis nach Abu Dhabi führt.

Am Ende der Reise hat Cohen etliche Stunden Material zusammen und sitzt mit klaren Anweisungen in Berlin, um das Buch niederzuschreiben, doch die Abschrift gestaltet sich schwierig. Denn was ihm der GroVo in den endlosen Sitzungen geschildert hat, war nicht nur die Lebensgeschichte eines eTech-Milliardärs, sondern auch ein Geständnis, ein Wirtschaftsthriller, ein Testament. Der mächtige Joshua Cohen hat sich über die Jahre ebenso mächtige Feinde gemacht, die die Veröffentlichung seiner Memoiren gar nicht gern sähen – und die stehen jetzt beim kleinen JC auf der Matte…

Was Joshua Cohen (*1980) uns Lesern hier in die Hände zaubert, ist ein irrwitziger Mix aus Sprachgewalt, umfassendem Wissen über die Geschichte des Internets und derbem Humor, gespickt mit jeder Menge metafiktionalen Spielereien. Eigentlich sind es zwei Romane in einem, denn beide Cohens bekommen ihre eigene Geschichte. Im ersten der drei Teile erfahren wir alles über den Leidensweg des Schriftsteller-JCs von der Zerstörung seines ersten Buches bis hin zum Treffen mit dem Milliardär-JC. Seine Geschichte setzt im dritten Teil wieder ein, als er mit den Aufzeichnungen von Berlin über Frankfurt nach Wien türmt. (Ach, und ganz nebenbei hat er auch noch Kleinkriege mit seinem Agenten und seiner Ex-Frau zu führen.)

Im zweiten Teil – dem Glanzstück des Buches – wird die komplette Lebensgeschichte Joshua Cohens, des Großen Vorsitzenden ausgebreitet. Von den Anfängen als Junge, als Schüler und Student, der den Beginn des Internetzeitalters grundlegend mitgestaltet und zum Online-Heiligen gedeiht. Diese satten 320 Seiten wären unter anderen Umständen schon ein eigenes Buch wert, wenn es da nicht so viele Ungereimtheiten gäbe, die sich nur im Kontext mit den anderen Teilen erklären ließen. Der GroVo spricht zum Beispiel nur in der wir-Form von sich und nennt seine Eltern M-Einheit und V-Einheit – dank Teil 1 wissen wir warum.

Stilistisch tobt sich Cohen – der echte jetzt – erschöpfend aus, ganz nach meinem Geschmack. Sehr interessant sind die Perspektivwechsel: mal lesen wir reine Abschriften des Interviews mit zwei Gesprächspartnern, mal erste Versuche einer prosaischen Reinschrift, die erst in Berlin, also in Teil 3 entstanden sein können. Auch textuell wird viel herumgespielt: Ganze Absätze sind gestrichen und es stellt sich die Frage, ob es sich lohnt, die gestrichenen Stellen mitzulesen oder ob sie wirklich vernachlässigt werden können. Auf jeden Fall mitlesen, sage ich da, denn genau hier erfährt man noch viel mehr über die Geschichte. Außerdem laden diese Abschnitte zum Mitlesen geradezu ein, sie sind ja nur gestrichen und nicht geschw████.

Ich habe mir beim Lesen viele Notizen gemacht, seitenweise Stichpunkte, die ich weiterverfolgen, abchecken oder mir einfach merken wollte, aber leider konnten sie nicht davor schützen, dass mir die Geschichte auf den letzten hundert Seiten etwas aus den Händen geriet. Was aber nicht schlimm ist, denn ein Lesegenuss war es auch mit den abschließenden Fragezeichen. Ich bin mir sicher, dass man in diesem Roman bei jedem Re-Read neue Ebenen entdecken, neue Querverweise finden und zu anderen Schlüssen kommen kann. (Allein der Titel schreit ja förmlich nach einer Verbindung mit dem 4. Buch Mose NUMERI, das ich völlig außen vor gelassen habe.) Und vielleicht nehme ich das BUCH DER ZAHLEN in ein paar Jahren nochmal aus dem Regal und freue mich auf die neuen Perspektiven, für heute aber bin ich erstmal satt und vollauf zufrieden und vergebe fünf Sterne.

Alle paar Jahre kommt ein Ami daher und zeigt uns, wozu Literatur fähig ist, in welche Höhen man Prosa stemmen kann. In Zukunft sollte auch hierzulande die Reihe Gaddis-Pynchon-DeLillo-Wallace um den Namen Cohen erweitert werden.

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16 Bibliotheken, 0 Leser, 2 Gruppen, 2 Rezensionen

Jahre später

Angelika Klüssendorf
Fester Einband: 160 Seiten
Erschienen bei Kiepenheuer & Witsch, 29.01.2018
ISBN 9783462047769
Genre: Romane

Rezension:

INHALT: Ludwig – das ewige Kind: verspielt, verschmust, eigensinnig und jähzornig – wird April schon bald heiraten. Er wird für die nächsten Jahrzehnte der wichtigste Mann an ihrer Seite. Die ersten Jahre sind die glücklichsten ihres Lebens. Ludwig bringt sie zum Lachen, zum Nachdenken, er inspiriert sie zum Schreiben und gibt ihr finanziellen Rückhalt. Als ehrgeiziger und einflussreicher Upper-Class-Chirurg hebt er sie in höhere soziale Kreise, verhilft ihr zu beruflichen Chancen, an die sie ohne ihn nie gekommen wäre. Das Schicksal meint es nach all dem Leid also doch noch gut mit ihr?

Nein, denn der Alltag fordert seinen Tribut. Ludwig denkt nur noch an sich und kapselt sich ab, verliert sich in einer der zahlreichen Schlachten im ewigen Karrierekrieg. Und April, die die Spitzen ihrer Launen seit Jahren mit Tabletten abstumpft, agiert nur noch wie im Halbschlaf. Als das Ende kaum noch abzuwenden ist, beginnt ein zermürbender Rosenkrieg, der Ludwigs wahres Gesicht entblößt.

FORM: Im dritten und finalen Teil ihrer autobiografischen Trilogie, die mit der Kindheit begann und übers Jugend- und Erwachsenenleben reichte, führt uns Angelika Klüssendorf (*1958) nun in das Eheleben ihrer Heldin. Ihrem Stil weiterhin folgend, sind die Sätze auch hier kurz und knapp, fast schmucklos, jedoch unfassbar zielsicher – jeder Satz trifft ins Schwarze; man weiß genau, was Klüssendorf sagen will, auch – und besonders – zwischen den Zeilen. Hier schreibt eine Frau, die weiß, was es heißt zu leben und zu lieben, betrogen und enttäuscht zu werden. Und alles ohne jegliches Gejammere, mit einer ungeheuren inneren Kraft, fernab vom schwülstigen Liebesgedöns der sogenannten Frauenromane – Was für eine Bereicherung!

Der größte Gewinn des Buches aber ist Ludwig – eine Person, so charismatisch, dass die Protagonistin daneben nahezu verblasst. Hier beweist Klüssendorf ihr ganzes Können und schafft eine Figur mit so viel Tiefe, dass sie fast greifbar ist. Selten habe ich einen Charakter so treffend und verständlich beschrieben gesehen, wie hier – noch dazu auf so geringer Seitenzahl. Die Entwicklung, die Ludwig in den Jahren durchmacht, ist beachtlich: zunächst sympathisch, neugierig und verträumt, wird er nach und nach zum gefürchteten Gegenspieler, der mit geradezu unheimlicher Härte zuschlägt.

Nun ist es ja kein großes Geheimnis, dass Angelika Klüssendorf in den hier beschriebenen Jahren mit dem umstrittenen Journalisten und FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher (1959-2014) verheiratet war. Das macht JAHRE SPÄTER zu einem Schlüsselroman und sofort erhält Ludwig ein Gesicht. Ob dieser Umstand den Reiz der Figur ausmacht, ihn vielleicht sogar vergrößert … wer weiß? Ich kann nur sagen: Mit Ludwig hat Angelika Klüssendorf eine Figur geschaffen, die sich mir eröffnet hat, wie selten eine andere zuvor.

Der Roman endet mit der Idee zum ersten Satz aus DAS MÄDCHEN, führt also wieder an den Anfang zurück und bildet so eine kunstvolle Schleife. Muss man die drei Teile nun als ein Ganzes hintereinander weg, oder kann man sie auch einzeln lesen? Da APRIL und JAHRE SPÄTER viele Querverweise auf die Kindheit der Hauptfigur enthalten und diese Verweise ohne Kenntnis des ersten Teils ihre Wirkung verfehlen könnten, ist es schon ratsam, alle drei Teile der Reihe nach zu lesen – was ich hiermit auch jedem ans Herz legen möchte. Mit zusammen weniger als 600 Seiten ist das auch für Sonntagsleser machbar.

FAZIT: Dieser Roman ist ein ganz heißer Anwärter auf den Deutschen Buchpreis. Mal sehen, ob JAHRE SPÄTER es wie seine Vorgänger auf die Shortlist schafft – Im Spätsommer gibt’s ein Update. Für mich schon jetzt eines der Bücher des Jahres. Fünf Sterne!

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48 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 6 Rezensionen

ddr, leipzig, liebe, angelika klüssendorf, westberlin

April

Angelika Klüssendorf
Fester Einband: 224 Seiten
Erschienen bei Kiepenheuer & Witsch, 13.02.2014
ISBN 9783462046144
Genre: Romane

Rezension:

INHALT: Das Mädchen ist zur Frau geworden und hat sich einen Namen gegeben – April. Von ihrer tyrannischen Mutter hat sie sich erfolgreich abgewandt, doch der lange Kampf hat Narben hinterlassen. Ein Selbstmordversuch bringt sie sogar in die Nervenklinik. April ist oft scheu, manchmal aber auch voller Übermut. Sie trinkt zu viel, gabelt Männer auf, hat aber nie gelernt, über ihre Gefühle zu sprechen. Ihre Beziehungen strengen sie an, weil sie sie nicht beenden kann, obwohl es längst zu spät ist. Einzig mit Hans, der sie wirklich liebt, tritt sie in den Ehestand und bekommt ein Kind, ihren Sohn Julius, zu dem sie keine Bindung aufbauen kann. Der Schatten der Mutter verdunkelt ihr das Herz und nun ist es an April, ihrem Kind eine bessere Mutter zu sein.

Aber das fällt ihr nicht leicht, besonders in dieser Zeit des Unmuts und Aufbruchs. Die kleine Familie will die DDR verlassen und schafft es auch bis West-Berlin, doch die ersehnte Freiheit weicht einer kaum zu greifenden Orientierungslosigkeit zwischen all den Verlockungen, die auch das Eheglück ins Wanken bringt. Ruhe findet April einzig in der Literatur – das Schreiben wird ihr zum Rettungsring in dieser stürmischen See.

FORM: Im zweiten Roman ihres autobiografisch anmutenden Zyklus um das Mädchen April bleibt Angelika Klüssendorf (*1958) ihrem lakonischen Stil treu und beschreibt in knappen Sätzen zielsicher die Psyche ihrer Titelheldin. Die Kapitel sind etwas umfangreicher als beim Vorgänger und auch inhaltlich bleibt Klüssendorf länger an einem Thema hängen. Sie lässt sich mehr Zeit für alles, was den Lesefluss zwar angenehm entschleunigt, hier und da jedoch auch für  Längen sorgt. Das passt manchmal nicht ganz zum Timing, da die Geschichte ja doch recht schnell durch die Jahre rennt.

Im Gegensatz zu DAS MÄDCHEN geht es in APRIL erheblich weniger brutal zu, sehr zu meiner Erleichterung – noch so ein Martyrium hätte ich kaum ertragen. Schwierig bleibt Aprils Leben auch ohne die Erniedrigungen ihrer Mutter. Die Politik hingegen bekommt deutlich mehr Raum zugesprochen. Die Heldin ist keineswegs politisch engagiert, lässt sich aber auf einer Welle der Euphorie mitreißen. Die Folgen für sich selbst versteht sie nur selten, macht aber keinen Hehl daraus und kämpft ihr Leben weiter mit dieser unerschöpflichen Kraft, die schon im ersten Band so bewundernswert war.

FAZIT: Authentische Innenansicht einer labilen Frau in stürmischen Zeiten, leider mit ein paar Längen – 4 Sterne.

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66 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 12 Rezensionen

ddr, kindheit, kinderheim, jugend, alkohol

Das Mädchen

Angelika Klüssendorf
Fester Einband: 192 Seiten
Erschienen bei Kiepenheuer & Witsch, 18.08.2011
ISBN 9783462042849
Genre: Romane

Rezension:

INHALT: Sie hat es wahrlich nicht leicht – Ihre Mutter ist eine sadistische Säuferin, ihr Bruder schon in jungen Jahren völlig verängstigt und ihr Vater kaum anwesend. Sie wird schikaniert, geschlagen und gedemütigt. Sozial driftet sie mehr und mehr ab, sie lügt, betrügt und stiehlt, dabei will sie doch nur geachtet werden. Es eskaliert in einem selbstzerstörerischen Akt, der sie ins Krankenhaus bringt und das Jugendamt auf den Plan ruft. Was für viele als Katastrophe gilt, ist für das Mädchen eine Erlösung – sie kommt ins Kinderheim. Doch auch hier findet sie schlecht Anschluss, wird verspottet und rennt der Anerkennung hinterher. Noch dazu rührt ihr die Pubertät die Hormone durch, und neben all ihren Problemen soll sie auch noch den Abschluss machen und ins Berufsleben starten.

FORM: Angelika Klüssendorf (*1958) schildert in einer klaren, fast kalten Sprache die Geschichte einer harten Kindheit und Jugend. Erzählt wird im Präsens, was eine eindringliche Nähe schafft, die trotz allen Leidens nie ins Weinerliche kippt, was ich Klüssendorf hoch anrechne. In der ersten Hälfte des Romans folgt die Autorin dem Grundsatz Show, don’t tell! und überlässt ihren Lesern die Ergründung der Innenwelten, später dann streut sie immer öfter auch die Beweggründe des Mädchens zwischen deren Taten.

Übrigens: Dass das Buch in den frühen Siebzigern in Leipzig spielt, macht es meines Erachtens noch lange nicht zu einem DDR-Roman, denn das ist nicht das Thema. Sicher wird hier und da der Staatsapparat erwähnt und Honecker hängt auch an jeder Wand, aber bis auf diese Marginalien könnte die Geschichte ebenso in Hamburg oder Köln spielen.

Es ist unfassbar, woher das Mädchen – das den ganzen Roman über namenlos bleibt – immer und immer wieder die Kraft nimmt weiterzukämpfen. Der unerklärliche Hass und die Brutalität, die ihr von der Mutter entgegenschlagen, sind kaum zu ertragen. Es sind Szenen, bei denen man sich krümmt vor Scham und Wut. Ich lese solche Romane naturgemäß biografisch, doch nach dieser Lektüre hoffe ich, dass große Teile der Geschichte des Mädchens fiktiv sind – die Authentizität des Textes lässt allerdings auf das Gegenteil schließen.

FAZIT: Ein intensives Leseerlebnis – fünf Sterne.

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freundschaft, nagasaki, moderne - tradition, zwei frauen, töchter

Damals in Nagasaki

Kazuo Ishiguro , Margarete Längsfeld
Flexibler Einband: 224 Seiten
Erschienen bei Heyne, 14.11.2016
ISBN 9783453421578
Genre: Romane

Rezension:

INHALT: Die junge Etsuko lebt mit ihrem Mann Jiro in Nagasaki. Die Stadt liegt nach dem Abwurf der Atombombe Fat Man in Schutt und Asche, doch der Wiederaufbau ist in vollem Gange und das junge Paar hat in einem der vielen neuen Plattenbauten eine Bleibe gefunden. Gegenüber ihres Blocks steht eine einsame Holzhütte am Flussufer, die eine Mutter mit ihrer Tochter bezieht. Etsuko freundet sich mit der Frau an, doch Sachiko, so ihr Name, scheint Geheimnisse zu haben und bleibt verschlossen. Sie hat einen Amerikaner kennengelernt, der ihr versprochen hat, sie und Mariko, ihre Tochter, mit in die Staaten zu nehmen. Doch ganz gegen den Optimismus ihrer Mutter, hasst Mariko den Amerikaner und will Japan nicht verlassen. Das Kind sträubt sich, wo es nur kann, reißt immer wieder aus, schreit herum und hat Albträume, aber gegen den Willen der Mutter kann sie nichts ausrichten – sie muss mit.

Jahrzehnte später; Etsuko hat es nach England verschlagen. Ihre Ehe mit Jiro ist in die Brüche gegangen, sie hat sich in einen Briten verliebt und Japan mit ihm verlassen. Doch auch diese Beziehung war nicht von Dauer, Etsuko lebt allein. Nach dem Selbstmord ihrer älteren Tochter Keiko – das Kind Jiros – bekommt sie für ein paar Tage Besuch von Niki, ihrer Jüngsten. Die tiefe Trauer und der seltene Besuch bringen Etsuko zum Nachdenken über sich und ihr Leben und es kommen in ihr Erinnerungen hoch, an die Zeit in Nagasaki, an Sachiko und ihre Tochter – wie es ihnen wohl ergangen ist?

FORM: Kazuo Ishiguro (*1954) schlägt in seinem Debütroman einen äußerst zarten Ton an. Die Sätze sind so fragil, dass man fast Angst haben muss, sie durch die bloße Lektüre zu zerstören. Eingehüllt in diese zerbrechliche Prosa, wirken die seltenen Ausbrüche wie Kriegsgeheul. Wenn die junge Mariko beispielsweise schreit, sie hasse den Amerikaner, er stinke wie ein Schwein und saufe seine eigene Pisse!, dann traut man seinen Augen nicht – Hat sie das jetzt wirklich gesagt?

Geschrieben ist der Roman aus der Sicht Etsukos, die gealtert im ländlichen England sitzt und um ihre Tochter trauert. Interessant an dieser Figur ist, dass wir Leser ihr als Erzählerin nicht ganz trauen können. Über ihre Tochter Keiko wird kaum etwas berichtet, und auch über den Verbleib von Sachiko und Mariko erfahren wir nichts. Zwischen den Zeilen aber lässt Ishiguro viel Platz für Vermutungen. Kann es sein, dass sich Etsuko Sachiko nur ausgedacht hat? Dass es sich in Wahrheit nur um eine Person handelt? Und wenn wir wissen, wie es Keiko in der Fremde ergangen ist, kennen wir dann auch Marikos Ende?

Die oben erwähnte Zartheit ist in der japanischen Literatur nicht unbekannt und auch sehr beliebt, also muss ich mich jetzt, wo alle wieder im Murakami-Fieber sind, wohl mal outen: Ich mag das nicht. Diese höflichen Gespräche, das ständige Sich-Entschuldigen, diese permanente Disziplin und Feinsinnigkeit, und alle wandeln sie wie im Schlaf – das ist einfach nicht mein Ding. Von Ishiguro kannte ich bis jetzt nur seine Organspenden-Dystopie ALLES, WAS WIR GEBEN MUSSTEN, und obwohl die Lektüre schon zehn Jahre zurückliegt, denke ich immer noch mit Grauen an die Langeweile, die mich beim Lesen fast zermürbt hat. Ähnlich ging es mir bei meinen Versuchen, mit Murakami warm zu werden, und auch jetzt bei DAMALS IN NAGASAKI war es nicht besser. Die Geschichten mögen noch so großartig sein, es ist dieser japanische Stil, dem ich nichts abgewinnen kann. Nobelpreis hin oder her – wir werden keine Freunde mehr.

FAZIT: Not my cup of tea – 2 Sterne.

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10 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 2 Rezensionen

Der Ort

Andreas Maier
Fester Einband: 154 Seiten
Erschienen bei Suhrkamp, 09.05.2015
ISBN 9783518424735
Genre: Romane

Rezension:

INHALT: Der junge Andreas wird erwachsen. Es ist die Zeit der Partys, der ersten Freundinnen und der Rebellion gegen die Eltern. Aber auch diese Wege müssen erst vorsichtig auf ihre Trittfestigkeit geprüft werden. Es ist also auch eine Zeit des Ausprobierens und der Entwicklung. Es ist diese Zwischenphase – nicht mehr ganz Kind, aber auch noch nicht richtig erwachsen – in der Andreas steckt. Die Mädchen machen ihn wuschig, besonders Katja hat es ihm angetan. Er probt Posen und macht sich Gedanken, wie er bei anderen wirkt; fühlt in sich neue Regungen, sexueller Natur, renitenter Natur. Und aus dem Kessel mit den Hormonen dampft und blubbert es fröhlich weiter.

FORM: Andreas Maier (*1967) lässt im vierten Band seines Erinnerungszyklus Ortsumgehung die verwirrende Zeit der Pubertät auferstehen. In wenigen Einzelszenen begibt er sich auf eine Art Selbsterkundungstrip mit zeitlichem Abstand, untersucht die Taten von damals und schreibt sie nieder mit dem Worten von heute. Sicher gibt es hier und da Anekdoten, die ein Vierteljahrhundert später schwer nachvollziehbar, unsinnig oder gar peinlich erscheinen, aber Maier führt sein jüngeres Ich nicht vor, sondern versucht, den Dingen psychologisch und philosophisch auf den Grund zu gehen.

Neben den Partys, dem Rausch und der aufkeimenden Liebe wird Maiers Jungversion auch politisch aktiv. Er will es der konservativen Elterngeneration zeigen, die satt und zufrieden die Langeweile zelebriert. Er will anecken, stören, auffallen. Im letzten Teil des Buches wird eine CDU-Veranstaltung von einer Horde Aktivisten überrumpelt. Den ganzen Abend über wird gepöbelt und provoziert, wo es nur geht. Der junge Andreas ist auch dabei und stört kräftig mit, aber weniger aus politischer Überzeugung, sondern einfach um Grenzen zu erreichen und sie zu überschreiten. Diese Ehrlichkeit, diese aufrichtige Selbsterkenntnis macht auch den vierten Teil der Maierschen Chronik zu einem kleinen Meisterwerk.

FAZIT: Fünf Sterne, ganz klar.

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19 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 4 Rezensionen

Die Straße

Andreas Maier
Fester Einband: 193 Seiten
Erschienen bei Suhrkamp, 09.09.2013
ISBN 9783518423950
Genre: Romane

Rezension:

INHALT: Nach dem ZIMMER und dem HAUS führt uns die Ortsumgehung diesmal in die Phase der sexuellen Orientierung, in den Abschied von der Unschuld. Die Mädchen erkunden ihre Körper bei Doktorspielen und werden von der Bravo vorkonditioniert, wie so ein Sexleben auszusehen hat. Die Jungs bringen sich das komplette Fach- und Kraftvokabular über die weiblichen Geschlechtsteile bei, ohne auch nur annähernd zu wissen, wie es unter den Röckchen aussieht. Die Väter beschützen ihre Töchter vor dem sagenumwobenen Schwarzen Mann, predigen ein keusches Leben, können aber bei den Töchtern anderer Väter auch nicht wegschauen. Und die Mütter verstehen die Welt nicht mehr, denn zu ihren Zeiten hat es so etwas noch nicht gegeben – was auch immer so etwas sein mag.

FORM: Andreas Maier bleibt seinem Stil auch im dritten Band seines Großprojektes treu und schafft mit kunstvoll verschwurbelten Sätzen eine dichte, tief ins Thema eindringende Prosa. Maier ist ein Arbeiter, der sich an seinen Sätzen abrackert, wie man es sonst am ehesten von Thomas Bernhard kennt. Jeder Gedanke wird von allen Seiten erforscht, in Frage gestellt, verworfen oder erneuert, bis genau das auf dem Papier steht, was der Autor sagen will.

Das Entdecken der eigenen Sexualität ist bei uns allen ein tiefer – und vor den Blicken anderer gut abgeschirmter – Brunnen an Erinnerungen und Geschichten, und so kann natürlich auch Maier aus dem Vollen schöpfen. Eine clevere Themenwahl, denn der Reiz für uns Leser besteht ja gerade darin, in den Brunnen eines anderen schauen zu dürfen. Ob wir bei den oft schlüpfrigen Anekdoten laut loslachen oder errötend den Kopf schütteln, bleibt jedem von uns selbst überlassen. Aber neben dem ganzen Schweinkram hat Maier ein weiteres Thema, das den ganzen Roman über im Hintergrund mitschwebt: diese diffuse Hysterie nämlich, diese permanente Aufregung, die alle befällt. Alle befürchten hinter jeder Ecke das Schlimmste, allen brummt der Kopf vor lauter Gelüsten oder Ängsten oder Fantasien, was in einer Kleinstadt nicht selten in einer Art kollektiver Panik endet – ein Motiv, das Maier mehrmals genüsslich vorführt.

Aber auch ernste Töne werden angeschlagen: Missbrauchsfälle im Freundeskreis, die Vergewaltigung eines Austauschschülers, die unheimlichen »Hexenhausmännchen«, die Jungs auf dem Schulweg in ihre Stuben locken. Bei diesen Szenen bleibt Maier in seinen Beschreibungen anstandshalber auf Distanz, aber zwischen den Zeilen steht das nackte Grauen – eine Kunst, bei all dem Schrecken, die nicht jeder Autor beherrscht.

FAZIT: Auch für den dritten Band der Ortsumgehung möchte ich fünf Sterne vergeben und zähle Andreas Maier hiermit offiziell zu meinen Lieblingen.

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18 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 3 Rezensionen

Borne

Jeff VanderMeer , Michael Kellner
Fester Einband: 367 Seiten
Erschienen bei Kunstmann, A, 20.09.2017
ISBN 9783956141973
Genre: Science-Fiction

Rezension:

INHALT: In einer Stadt, die nach missglückten Experimenten einer Biotech-Firma in Schutt und Asche liegt, sucht Rachel als eine der letzten Überlebenden nach verwertbaren Abfällen. Immer auf der Hut vor Feinden, Fallen und giftigen Tieren, bringt sie ihre Funde zu den Balcony Cliffs, ihrem Versteck, das sie sich mit ihrem Partner Wick teilt, der damals bei der Firma angestellt war und somit über Hintergrundwissen verfügt. Die Stadt ist rau, hart und gefährlich, große Teile werden von der Magierin kontrolliert, einer Sektenführerin, die mit dunklen Tricks Soldaten aus den armen Seelen rekrutiert. Soldaten für den Kampf mit Mord, einem riesigen, fliegenden Bären – eine der Früchte der Firmenexperimente –, der in jahrelanger Kleinarbeit, die Stadt mehr und mehr zerstört.

Auf ihren Streifzügen durch die Stadt pirscht sich Rachel an den schlafenden Bären, pflückt eine bunt schillernde Pflanze, einer Anemone gleich, aus dessen Fell und bringt sie in die Cliffs. Der Organismus – Rachel tauft ihn Borne: Bürde – wächst schnell, entwickelt nach kurzer Zeit ein Bewusstsein und lernt denken und sprechen. Rachel bringt ihm alles bei, was sie weiß, nimmt ihn auf ihre Erkundungen mit und bemerkt schnell, dass Borne in dieser feindlichen Welt äußerst hilfreiche Eigenschaften besitzt, sowohl zum Schutz als auch zum Angriff. Nach einigen Wochen aber ist Borne bereits zu groß für das Versteck – und zu aufmüpfig für Wick – und muss die Cliffs verlassen. Ein herber Verlust, denn die Proxys – eine Weiterentwicklung des Riesenbären Mord: kleiner aber viel aggressiver – haben Rachel und Wick aufgespürt und jagen sie quer durch die Stadt. Ein atemloser Albtraum beginnt und die Liebenden fliehen in die zerstörte Firmenzentrale, dem Ort des Schreckens an dem alles begann und auch alles enden wird.

FORM: Jeff VanderMeer (*1968) schreibt seine postapokalyptische Geschichte in der Ich-Form aus der Perspektive Rachels, eine traurige und desillusionierte Stimme, die oft in Erinnerungen schwelgt und dabei eine fast poetische Melancholie an den Tag legt, aber trotz allen Widrigkeiten am Leben festhält und immer weiterkämpft. Doch wie der Titel schon verrät, ist die Hauptfigur das seltsame Geschöpf Borne, das VanderMeer Rachel zur Seite stellt. Rachel und Borne sind wie Mutter und Kind, und wie in einer echten Familie gibt es die Zeit des Lernens, die Zeit des Erkennens und die Zeit der Rebellion.

Neben der bildgewaltigen dystopischen, ist es diese familiäre Ebene, die den Reiz des Romans ausmacht. Die Gespräche zwischen Rachel und dem heranwachsenden Borne sind philosophisch, handeln von Herkunft, Identität und Menschenwürde. Was macht einen Menschen aus? Und wie kann Borne eine Person, aber kein Mensch sein? Ist er unnatürlich, widernatürlich, übernatürlich? Wenn wir die beachten, dass Rachel (hebräisch etwa für Mutter) ohne Schwangerschaft zu einem Kind gekommen ist, der den Lauf der Geschichte ändern kann, sind wir schnell bei der Religion, einer dritten Ebene, die viel Platz zum Interpretieren lässt.

Der Roman strotzt also vor Metaphern und die Bilderflut bettelt förmlich nach einer Kinoleinwand, doch wie ich gehört habe, hat sich Paramount schon die Filmrechte gesichert. Aktuell steht mit AUSLÖSCHUNG bereits ein Film nach Vorlage VanderMeers in den Startlöchern (ab März auf Netflix mit Natalie Portman in der Hauptrolle; hier der Trailer). Die Southern-Reach-Trilogie – AUSLÖSCHUNG | AUTORITÄT | AKZEPTANZ –, mit der VanderMeer beim deutschsprachigen Publikum vor ein paar Jahren der Durchbruch gelang, habe ich seinerzeit zwar bemerkt, aber bewusst abgewählt – nicht mein Jagdgebiet. Die Lektüre BORNEs und der Trailer haben mich jedoch neugierig gemacht – nachträglich sozusagen.

FAZIT: Bildgewaltige Postapokalypse, herzerwärmende Familiengeschichte und Tier-Doku der ganz besonderen Art – ich freue mich auf die Verfilmung. Fünf Sterne.

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neuerscheinungen 2017, noir, spannung, thriller

Eileen

Ottessa Moshfegh , Anke Caroline Burger
Fester Einband
Erschienen bei Liebeskind, 21.08.2017
ISBN 9783954380817
Genre: Romane

Rezension:

INHALT: Neuengland, Dezember 1964. Eileen Dunlop wohnt mit ihrem Vater in einem heruntergekommenen Haus in einer Kleinstadt nahe Boston. Sie arbeitet in einer Jugendstrafanstalt als Sekretärin, kleidet sich züchtig, verhält sich unauffällig. Außer dem täglichen Gang zum Liquer-Shop, um literweise Gin für ihren schwer alkoholkranken Vater zu besorgen, führt sie ein scheinbar asketisches Leben. Aber in ihrem Innern zerfetzt es sie fast vor Hass, Wut und Selbstekel. Ihre Schwester meldet sich seit Jahren nicht, ihrer Mutter war Eileen selbst am Sterbebett nicht gut genug und von ihrem Vater ist außer Suff und Kotze nur Abneigung zu erwarten. Eileen ist eine graue Maus, ungeliebt und hässlich, von niemandem beachtet. Sie hasst sich und die Welt und möchte doch nur ein kleines bisschen Anerkennung, ein Minimum an Zuneigung.

Auch bei der Arbeit wird sie kaum beachtet, weder von der Chefetage, noch vom Wachpersonal. Bis eines Tages Rebecca in der Strafanstalt eingestellt wird, eine junge Frau aus Kalifornien – klug, mondän, attraktiv. Rebecca freundet sich mit Eileen an, die sofort für sie entflammt. Die erste echte Freundin! Eileen merkt schnell, dass diese Bekanntschaft ihrem Leben eine Wendung geben kann, raus aus dem Elend, weg von ihrem miesen Vater. Doch auch Rebecca ist nicht so tugendhaft, wie sie sich gibt…

FORM: Ottessa Moshfegh (*1981 in Boston) hat mit EILEEN teils Krimi, teils Psychogramm vorgelegt, dass sich mit den Folgen familiärer Kälte beschäftigt. Die Hauptfigur – die die Geschehnisse als alte Frau etwa fünfzig Jahre später rekapituliert – weist alle Anzeichen auf eine schwere Depressionen auf, sowohl psychisch als auch somatisch, denn Selbstekel und Welthass sind nicht die einzigen Hinweise. Auch die Appetitlosigkeit, die damit verbundenen Verdauungsstörungen und die permanenten Schläge auf die Bauchdecke sind klare Vorboten eines nahenden Zusammenbruchs. Und als ob das noch nicht genug wäre, wird Eileen rund um die Uhr von finsteren Tagträumen beherrscht, voller Sex und Gewalt, aber auch voller Sehnsucht und dem Wunsch, geliebt zu werden. Die Beschreibung der Psyche Eileens ist das große Plus dieses Romans und erinnert ein wenig an Figuren wie Holden Caulfield und Esther Greenwood. Hierfür halte ich die Nominierung für den Man Booker Prize 2016 gerechtfertigt.

Die Krimi-Ebene deckt Moshfegh mit der Familientragödie einer der Jungs aus der Strafanstalt ab. Lee Polk, einer der Insassen, hat seinem Vater, einem angesehenen Polizisten des Ortes, des Nachts die Kehle durchgeschnitten. Doch irgendetwas stimmt nicht – das brutale Vergehen will nicht so recht zum Charakter des Jungen passen und auch die Mutter benimmt sich nicht wie die Witwe eines Mordopfers. Rebecca nimmt sich das traurige Schicksal des Jungen sehr zu Herzen und forscht tiefer in der Familiengeschichteund Eileen wird ohne es zu wollen in ein furchtbares Verbrechen hineingezogen. Diese Ebene beschreibt Moshfegh durchweg nüchtern und realistisch, für meinen Geschmack fast ein bisschen zu lahm, zu einfallslos – ein herber Minuspunkt. Aber dann kam Seite 285, bei der ich mir hart auf den Oberschenkel geschlagen und laut gerufen habe: »Was? Was ist denn das für eine kranke…« Für diesen Twist kann man Ottessa Moshfegh nur danken, denn er rettet das Buch.

FAZIT: Als Psychogramm gelungen, stilistisch eher fad, aber mit einem überraschendem Ende. Vier Sterne.

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deutsch

Peter Holtz

Ingo Schulze
Fester Einband: 576 Seiten
Erschienen bei S. FISCHER, 07.09.2017
ISBN 9783103972047
Genre: Romane

Rezension:

INHALT: Der Weisenjunge Peter ist ein vorbildlicher DDR-Bürger. Seine politische Bildung ist umfassend, er scheut keine Diskussion für sein Ideal zu missionieren und er verabscheut Geld, privates Eigentum und überhaupt jedes Gebahren, das irgend nach Kapitalismus riecht. Bei seinen Mitmenschen gilt Peter mit seiner Linientreue als klug, aber naiv, und spätestens mit Eintritt in die Kirche – als christlich-kommunistischer Demokrat kämpft er nun für das Gute – ist ihm der Ruf als Sonderling sicher.

Durch eine Reihe von Umständen gelangt eine Handvoll Berliner Immobilien als Schenkung in seinen Besitz, die er pflegt und zur allgemeinen Nutzung anbietet. Es ist die Zeit der Wende, die Peter lang erwartet hat und auch politisch stark unterstützt – er ist sicher, dass sich mit dem Öffnen der Grenzen der real existierende Sozialismus endlich in den Kommunismus wandelt, den er sein Leben lang schon erwünscht und angestrebt hat – doch dann wird er von einem Auto überfahren.

Als er aus dem Koma erwacht, ist alles gelaufen: Der Mauerfall, die Währungsreform, die Wiedervereinigung fehlt noch, steht aber kurz bevor. Doch das Schlimmste: Seine Immobilien sind Millionen Wert – Peter gehört jetzt zur Upper Class, seinem erklärten Feindbild. Er versucht, das Geld in christlich-kommunistischer Nächstenliebe zu verjubeln, zu verschenken, an den Mann zu bringen, kann aber gegen die kapitalistische Welle, die die ehemalige DDR überschwemmt nichts ausrichten. Was er auch versucht, es wird immer mehr – Das Geld klebt ihm wie Scheiß am Schuh. Doch er beginnt den Kapitalismus zu beobachten, zu erforschen und findet einen Weg, sich mit Würde vom verhassten Geld zu trennen…

FORM: Ingo Schulze (*1962) hat für seine Geschichte über den klugen, aber furchtbar naiven Peter die Form des Schelmenromans gewählt, die er mustergültig bedient. Eines der Merkmale dieser Romangattung ist, dass die Hauptfigur – der Schelm – kaum eine Entwicklung durchlebt und quasi fertiggestrickt durch die Zeiten und Seiten wandelt. So auch unser Peter hier, der im ersten Kapitel als Zwölfjähriger schon so reif ist, wie als Mittdreißiger am Ende des Romans. Nur die Gesellschaft, das System um ihn herum, hat sich gewandelt, und während er früher als neunmalklug belächelt wurde, hält man ihn später fast für einen Irren.

Der Roman ist souverän geschrieben – besonders die Dialoge sind großartig; sie wirken echt und nicht so verkrampft, wie sonst oft –, wartet mit einer ganzen Reihe unvorhersehbaren Twists auf und besitzt ein fulminantes Ende. Aber das täuscht nicht über einige Schwächen hinweg. Zum einen die Klugscheißerei, die auf Dauer wirklich nervt, denn leider nutzen sich Peters humorlose Schlaumeierei und seine Naivität während der Lektüre schnell ab. Zum anderen bekommt die (Wende-)Politik zu viel Platz im Roman, was ich störend fand, weil es sich nicht um einen in erster Linie politischen Roman handelt. Die Themen liegen hier eher bei Wirtschaft und Gesellschaft, und auch wenn naturgemäß alles miteinander verbunden ist, hätte dem Roman ein bisschen weniger Politik gutgetan.

FAZIT: Auch wenn ich ein großer Fan von Ingo Schulze bin – seine beiden Buchpreis-Kandidaten NEUE LEBEN und ADAM UND EVELYN haben mir ausgesprochen gut gefallen – konnte mich sein Peterchen nicht ganz überzeugen. Das Ende hat mich dann aber doch milde gestimmt, so dass ich guten Gewissens noch vier Sterne vergebe.

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psychiatrie, trauer, amerika, andere frau, amsel

Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war

Joachim Meyerhoff
Fester Einband: 352 Seiten
Erschienen bei Kiepenheuer & Witsch, 14.02.2013
ISBN 9783462045161
Genre: Romane

Rezension:

INHALT: Joachim wächst als jüngster von drei Söhnen in einer Nervenheilanstalt für Kinder und Jugendliche auf, in der sein Vater der Direktor ist. Das Wohnhaus der Familie Meyerhoff steht mitten auf dem Anstaltsgelände, umgeben von Plattenbauten voller psychisch Kranker – ein ganz besonderer Ort zum Heranwachsen. Hinzu kommen die nicht enden wollenden Schikanen der älteren Brüder, das eher kalte Eheleben der Eltern und nicht zuletzt Joachims eigene Schwierigkeiten beim Bewahren von Konzentration und dem maßvollen Einsatz von Aggressionen. Joachim ist kein leichtes Kind, umgeben von Krankheit und Tod, doch er meistert sein Leben und trotzt dem norddeutschen Gegenwind.

FORM: Der eigenen Jugend hat sich Joachim Meyerhoff (*1967) im zweiten Band seiner Romanreihe ALLE TOTEN FLIEGEN HOCH gewidmet, wobei er im Text auch ganz bewusst auf die Romanform pocht. »Erfinden heißt Erinnern«, so seine Erkenntnis gleich zu Beginn auf Seite 22, als er als Siebenjähriger den Fund einer Leiche vor seiner gebannten Zuhörerschaft immer abenteuerlicher ausschmückt, bis er dem Toten etwas andichtet, das auch in Wirklichkeit da war. Und wie in diesem ersten Kapitel, so bleibt auch das ganze Buch in einem Schwebezustand zwischen Biografie und Fiktion – so erklärt sich auch der scheinbar paradoxe Titel. Seinem Motto folgend führt uns Meyerhoff durch eine turbulente Zeit, die von den Mittsiebzigern bis in die frühen Neunziger reicht.

Neben einem witzig aber immer respektvoll beschrieben Insassen-Panoptikums – hier sind freilich die meisten Lacher versteckt –, ist der Vater in diesem Zeitraum Dreh- und Angelpunkt der Geschichte und Joachims größte Bezugsperson. Meyerhoff verwendet viel Zeit für die Entwicklung und Zeichnung der Vaterfigur, die voller Geheimnisse steckt, und macht sie zur eigentlichen Hauptfigur. Die Beziehungen des Vaters zu den Patienten, zu seinen Söhnen und zu seiner Frau wird mehrere Male hinterfragt und verändert, dadurch erhält diese Figur – und mit ihr auch der ganze Roman – eine wohltuende Tiefe.

Meyerhoff schafft es in diesem Band also, nicht nur ein paar lustige Anekdoten aneinanderzureihen, sondern auch, seinem Buch eine Art tiefere Message mitzugeben – eine Kunstfertigkeit, die ich im ersten Band AMERIKA schwer vermisst habe. Im direkten Vergleich der beiden Teile ist mir auch postiv aufgefallen, dass Meyerhoff ein sehr viel besseres Timing hat. Das Tempo der beschriebenen Szenen ist um Einiges ausgeglichener und kann von Anfang bis Ende ein gleichbleibendes Level halten.

FAZIT: Eine großartige Jugendgeschichte voller skurriler Figuren, unglaublicher Anekdoten von Tod und Trauer, aber auch randvoll mit Lebensfreude. Fünf Sterne.

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rassismus, blues, white tears, mystery, new york

White Tears

Hari Kunzru , Nicolai von Schweder-Schreiner
Fester Einband
Erschienen bei Liebeskind, 26.06.2017
ISBN 9783954380787
Genre: Romane

Rezension:

INHALT: Seth und Carter sind New Yorker Soundtüftler, sie nehmen mit versteckten Mikros Geräusche und Dialogfetzen aus ihrem Alltag auf und mixen sie mit alten Jazz- und Blues-Samples. Während Seth aus einfachen Verhältnissen stammt, ist Carter der Spross einer milliardenschweren Unternehmerfamilie. Zusammen bauen sie ein kleines Tonstudio auf – Carter gibt das Geld, Seth besorgt die Aufnahmen – und ziehen erste Aufträge an Land. Irgendwann belauscht Seth jemanden beim Murmeln eines uralten Blues-Songs, der ihn sofort in Bann schlägt. Im Studio legt Carter ein Gitarrenstück drunter, lädt den Mix ins Netz und behauptet, es sei eine Aufnahme aus den Zwanzigern, der extrem rare Graveyard-Blues von Charlie Shaw – ein fiktiver Name, den Carter spontan aus der Luft greift.

Die Sammlergemeinde im Netz ist völlig aus dem Häuschen und die Angebote für die Platte überschlagen sich, doch ein User scheint mehr zu wissen – JumpJim, der den Jungs nach einem Treffen unmissverständlich klar macht: Lasst die Finger davon, Ihr habt keine Ahnung, worauf Ihr Euch da einlasst. Kurze Zeit später wird Carter brutal überfallen und ins Koma geprügelt, worauf sich Seth mit Carters Schwester Leonie auf den Weg nach Mississippi macht, auf der Suche nach den Ursprüngen des Graveyard-Blues, direkt in das Herz der schwarzen Musik. Was er dort findet, ist ein Sumpf aus Hass und Verbrechen, ein Jahrhunderte alter Rassenkrieg – und Carters Familie steckt mittendrin.

FORM: Es sind zwei Philosophien, die Hari Kunzru (*1969) mit seiner Southern Gothic Novel verfolgt. Zum einen, dass Schallwellen nie verklingen, nur immer leiser werden, und wir nur die richtige Technik bräuchten, um längst vergangen Dialogen zu lauschen. Und zum anderen – der große Aufhänger der ganzen Geschichte –, dass ernst gemeinte Musik, Songs, in denen Herzblut und Aufrichtigkeit stecken, wie kleine Zeitmaschinen funktionieren, in die man steigen und sich in die Zeit zurückbringen lassen kann, in der sie entstanden sind.

Der Roman beginnt verhältnismäßig ruhig und plätschert die ersten hundert Seiten so vor sich hin. Erst ab dem Überfall auf Carter schaltet Kunzru ein paar Gänge rauf, bis er auf Seths Reise in den Süden Höchstgeschwindigkeit erreicht. Ab hier nutzt er die genannten Philosophien, springt wild durch die Zeiten, verbindet längst Vergangenes mit gerade Passiertem und verknüpft die Erinnerungen aller Beteiligten quer durch die letzten hundert Jahre – eine wilde Fahrt durch eines der vielen dunklen Kapitel amerikanischer Geschichte.

FAZIT: Kaum zu fassen, was für eine Sogwirkung WHITE TEARS auf den letzten Seiten erreicht, nicht umsonst steht der Titel gleich auf mehreren Listen für das beste Buch des Jahres (z.B. Time Magazine und New York Times). Aber es nicht nur Geschichtsbuch und Ghost-Story, sondern auch eine Eloge auf die echte, unverfälschte Musik jenseits aller Technik und Spielerei, ein Thema, das mich auch seit meiner Jugend stark umtreibt. Fünf Sterne für ein außergewöhnliches Buch, packend und innovativ geschrieben und tief berührend.

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Der Weg nach Los Angeles

John Fante , Alex Capus
Fester Einband: 268 Seiten
Erschienen bei Blumenbar, 04.12.2017
ISBN 9783351050450
Genre: Klassiker

Rezension:

IHNALT: Arturo Bandini lebt mit seiner Mutter und seiner Schwester in Wilmington, einem heruntergekommenen Vorort von Los Angeles. Nach unzähligen Jobs, die er immer wegen seiner Arroganz und Cholerik verliert, keimt in ihm der Gedanke auf, Schriftsteller zu werden. Aus seiner Sicht hat er alles, was man dafür braucht: Intellekt, Bildung, Durchhaltevermögen – aber ohne Geld geht’s eben nicht. Er nimmt einen üblen Job in einer Fischkonservenfabrik an, der ihn für ein paar Cent die Stunde an die Grenzen seiner Kräfte bringt, aber er gibt seinen Traum nicht auf: Er wird Schriftsteller, auch wenn die Welt um ihn herum in die Brüche geht.

FORM: Das Hauptaugenmerk des vorliegenden Romans – geschrieben in den 1930ern, veröffentlicht erst fünfzig Jahre später – liegt auf der Beschreibung und Entwicklung der Figur Arturo Bandini, der im Werk John Fantes (1909-1983) immer wieder mal auftaucht. DER WEG NACH LOS ANGELES ist quasi eine One-Man-Show. Von der ersten bis zur letzten Seite begleiten wir Arturo durch sein tristes Leben, das erfüllt ist von Welthass und Eigenliebe, Familienstreits und Wutausbrüchen. Da der Roman in der Ich-Form erzählt ist, erfahren wir Leser nur von Arturos Sicht der Dinge, merken aber schnell: Der Junge ist ein furchtbarer Unsympath. Er ist extrem hochmütig und jähzornig, er lügt und betrügt, er hasst die Frauen, kann keine Kritik vertragen und ist ein Meister der Verdrängung.

Doch das Schlimmste: Es steckt nichts dahinter! Der Junge ist ein Spinner, hat nichts auf dem Kasten! Er liest Schopenhauer und Nietzsche und bildet sich eine Menge darauf ein, versteht aber kein Wort. Er quatscht geschwollen die Leute voll, hat aber eigentlich nichts zu erzählen. Fante jedoch – und das ist die psychologische Finesse des Romans – lässt ihn ab und zu die Wahrheit spüren und beschenkt ihn mit aufrichtiger Selbstreflexion. In diesen kurzen Momenten leidet Arturo am meisten, was in neuerlichen Wutausbrüchen und Beschimpfungen mündet und meist in in der Zerstörung von Kleintieren endet – ein immer wiederkehrendes Motiv. Wie schlimm es um Arturo wirklich bestellt ist, wird im Laufe der Geschichte klar, und erst richtig deutlich, als er eine Frau verfolgt und alles küsst, was sie berührt, und kaut, was sie fallen lässt. Spätestens hier wandelt sich der Blick auf den Antihelden vom pubertären Hitzkopf zum psychopathischen Ernstfall.

FAZIT: Im Klappentext steht, dass der Leser schnell »diesen arroganten, bös-witzigen und doch so sehnsuchtsvollen jungen Mann in sein Herz« schließt – das war bei mir nicht der Fall. Selten habe ich eine Romanfigur so verabscheut, wie diesen Jungen, was aber die Bewertung des Romans nicht beeinträchtigen soll. Geschrieben ist das Buch in guter American-Classics-Manier, die ich von 1933 WAR EIN SCHLECHTES JAHR schon kannte und auch mochte. Allerdings fehlte mir hier am Schluss eine Art Erkenntnis, irgendein Hoffnungsschimmer, ein Hinweis darauf, dass Arturo irgendetwas verstanden hätte. Ergänzt ist das Buch durch ein sehr lesenswertes Nachwort des Übersetzers Alex Capus, der darin interessante Einblicke in seine Arbeit gibt. Ich vergebe vier Sterne plus Leseempfehlung für alle, die mal ein richtiges Arschloch als Haupthelden erleben wollen.

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familienchronik, autismus, literatur, perspektiven, haus

Das Haus

Andreas Maier
Fester Einband: 164 Seiten
Erschienen bei Suhrkamp, 12.12.2011
ISBN 9783518422663
Genre: Romane

Rezension:

INHALT: Im zweiten Band seines autobiografischen Großwerks ORTSUMGEHUNG nimmt Andreas Maier uns mit in seine Kindheit und die ersten Schuljahre bis in die Mitte der Siebziger. Andreas ist ein stilles Kind, die ersten Jahre redet er überhaupt nicht, ist mutistisch. Von anderen Kindern hält er sich fern, dem Kindergarten verweigert er sich sogar so, dass die Eltern ihn zu Hause lassen. Auch in der Schule bleibt Andreas ein Außenseiter. Er ist zwar ein guter Schüler, wird aber gehänselt und sucht stets die sichere Nähe zu den Lehrern, was ihm noch mehr Spott einbringt.

Schwierig ist auch das Verhältnis zu seiner Familie. Mit seinem emotionslosen Bruder kann Andreas wenig anfangen, und seine herrische Schwester quält ihn wo sie nur kann. Die meisten Schmerzen aber bereitet ihm die Zeit mit seinen Eltern, besonders dem Vater, einem erfolgreichen Geschäftsmann, streng und ohne Liebe, der Andreas stets wissen lässt, wie wenig er von ihm hält. Vor der alltäglichen Frühstückszeremonie entwickelt Andreas über die Jahre eine unbezwingbare Furcht, und sein ohnehin schon schwaches Selbstbewusstsein gerät mit jedem Jahr mehr ins Wanken.

FORM: Nachdem es in DAS ZIMMER, dem ersten Band der ORTSUMGEHUNG, fast ausschließlich um Onkel J. ging, bringt sich Andreas Maier (*1967) nun selbst also ins Spiel. Der Ton, den er dabei anschlägt, ist gewohnt nüchtern und präzise. Im Unterschied zum Auftaktroman, in dem man über den tumben Onkel – wenn auch hinter vorgehaltener Hand – doch einigermaßen lachen musste, fehlt in DAS HAUS der Humor komplett, was dem Lesespaß aber kein Ende bereitet. Es ist eben ein ernsteres Buch mit einer ernsteren Figur.

Der junge Andreas ist mit all seinen Ängsten und Leiden sehr authentisch beschrieben, man kauft Maier seine Figur ab, obwohl – wie bei allen autobiografischen Romanen – auch hier wieder die Frage im Raum steht, wie weit die Biografie reicht und wo die Fiktion beginnt. Nahezu unerträglich glaubhaft beschreibt Maier die Ängste seiner Figur beim rituellen Frühstückskleinkrieg. Der Kloß in Andreas‘ Hals (globus hystericus), der von Tennisball- auf Zimmergröße anschwellen kann, wird fast zu einer Nebenfigur, einem steten Begleiter, der viel über die kränkelnde Psyche des Jungen aussagt. Hier beweist Maier einmal mehr sein Können in Sachen Figurentiefe.

FAZIT: Auch der zweite der geplanten elf Bände konnte mich begeistern und ich bin gespannt, wie es weitergeht. Fünf Sterne.

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ch: niveau 2016, künstler

Solo für Schneidermann

Joshua Cohen , Ulrich Blumenbach
Fester Einband: 536 Seiten
Erschienen bei Schöffling, 02.08.2016
ISBN 9783895616266
Genre: Romane

Rezension:

INHALT: Volles Haus in der ehrenwerten Carnegie Hall in New York City. Gespielt wird ein Violinkonzert, bei dessen letzten Akt eine Kadenz – ein freies Solo der Ersten Geige – zu hören sein soll. Doch statt sein Solo zu spielen und so sein Können zu demonstrieren, steht der Virtuose auf, legt seine Geige zur Seite und beginnt einen Monolog über Schneidermann, den Komponisten des Konzerts, der Jahrzehnte lang sein Freund und Mentor war und jetzt verschwunden ist. Vor dem erstaunten Publikum breitet Laster – so der Name des Violinisten – das komplette Leben Schneidermanns aus. Von den Schrecken des Zweiten Weltkriegs, über die gemeinsamen Jahre als Juden im amerikanischen Exil, mit einem Streifzug durch die Welt der Komponisten, Künstler und Philosophen, bis hin zu den unzähligen Kinobesuchen und der kritischen Bewertung des Gesamtwerkes Steven Spielbergs – Laster redet sich in eine Rage, hält sein Publikum die ganze Nacht gefangen und lässt niemanden gehen, bevor er seinen Nachruf beendet hat.

FORM: Mein lieber Mann! Was uns Joshua Cohen (*1980) hier in seinem Debütroman vor den Latz knallt, ist ein mächtig schwerer Brocken. Der Endlos-Monolog Lasters – den ich mir die ganze Zeit über als eine Art Woody Allen vorgestellt habe – beginnt eigentlich ganz locker und witzig. Cohen holt seine Leserschaft gut ab, indem er seine Hauptfigur kauzig und etwas verwirrt darstellt, was sich in Lasters Sprechweise niederschlägt: Viele Sätze werden nicht beendet, er springt von einem Thema zum anderen, die ganze Rede wirkt frei und assoziativ.

Doch im Laufe des Romans ändert sich der Ton vom charmanten Entertainer zu einem vom Leben Gepeinigten, der um seinen Freund trauert und sich seinen Weltschmerz von der Seele schreien will. Am Ende halten wir Leser eine fünfhundertseitige Publikumsbeschimpfung in Händen, die in ihrer Schreibwut und ihrem Zynismus einen Vergleich mit Thomas Bernhard nicht zu scheuen braucht. Kaum zu fassen, dass dieser Roman ein Debüt ist und sein Autor beim Schreiben erst Mitte zwanzig war.

FAZIT: Letztes Jahr habe ich mit VIER NEUE NACHRICHTEN – ebenfalls bei Schöffling erschienen – einen Kurzgeschichtenband von Joshua Cohen gelesen, der mir sehr gefallen hat. Sein überbordener Schreibstil und die verquere Art zu erzählen, haben mich sehr an Thomas Pynchon erinnert. Bei SOLO FÜR SCHNEIDERMANN war ich also schon etwas vorbereitet und bin – wie erwartet – begeistert. Der Roman verlangt sehr viel – in erster Linie Durchhaltevermögen –, belohnt aber auch übermäßig. Ich vergebe fünf blank polierte Sterne und lehne mich jetzt mal ganz weit aus dem Fenster, indem ich behaupte: Joshua Cohen ist einer der Autoren über die man in hundert Jahren noch reden wird.

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Eine Zeit ohne Tod

José Saramago , Marianne Gareis
Flexibler Einband: 256 Seiten
Erschienen bei Atlantik Verlag, 15.07.2015
ISBN 9783455650402
Genre: Romane

Rezension:

INHALT: In einem kleinen Königreich verweigert der Tod pünklich zum neuen Jahr seinen Dienst – es stirbt niemand mehr. In den ersten Tagen halten es die Menschen für einen Zufall, doch nach einer Woche glaubt keiner mehr daran. Moribunde, denen man im alten Jahr nicht einmal mehr Stunden prophezeit hatte, verharren in ihrem halbtoten Zustand. Unfallopfer mit schwersten Verletzungen bleiben gegen jede biologische Regel am Leben. Zuerst gehen die Bestatter auf die Barrikaden, da sie nichts mehr verdienen, dann wird auch die Regierung wach. Die Kirche glaubt, das Ende sei nahe, die Philosophen und Gelehrten überschlagen sich in ihren Prophezeihungen. Kurz: Das Land steht Kopf.

Einer Familie im Grenzbereich des Landes, die selbst zwei Todgeweihte zu bedauern haben, gelingt es, ihre Ärmsten heimlich über die Grenze zu schaffen. Denn im Ausland, so die Gerüchte, sterbe man nach wie vor fröhlich vor sich hin, so wie von der Natur gedacht. Und siehe da: Nach nur einem Schritt ins Nachbarland, erliegen die tapferen Seelen ihren Leiden und steigen auf ins Himmereich – Was für ein Segen! Dieser Trick macht schnell die Runde, doch genauso schnell bildet sich eine Organisation von Schleppern – die Maphia (sic!) – die mit ihren Erlösungsfahrten Millionen scheffeln. Der König sieht sich gezwungen, seine Grenzen militärisch zu sichern und es kommt zu Unruhen.

Sieben lange Monate bleibt der Tod dem Königreich fern, bis er sich selbst zu Wort meldet. Seine Absenz war ein Experiment und er ist von der Menschheit, die in Hysterie und Chaos versinkt, so schwer enttäuscht, dass er die Regeln ändert. 1.) Ab Mitternacht, werden auf einen Schlag all diejenigen sterben, die in den letzten Monaten eigentlich das Zeitliche hätten segnen müssen. 2.) In Zukunft wird er jedem, der sterben wird, einen Brief zukommen lassen, nach dessen Erhalt eine Wochenfrist beginne, in der er alles reglen könne. Gesagt, getan: Nach Mitternacht fallen zigtausende Menschen tot um, und jeden weiteren Tag bekommen hunderte Weitere je einen violetten Brief zugestellt. Doch ein Brief, ein einziger, kommt immer wieder zum Tod zurück. Der Tod erkläärt diesen Sonderfall zur Chefsache.

FORM: José Saramago (1922-2010) liefert mit diesem Roman ein vielschichtiges Spätwerk ab. Die Sätze sind gewohnt verschlungen, der Blick in die menschlichen Abgründe wie immer messerscharf, alles gewürzt mit einer ordentlichen Brise sarkastischem Humor. Die zahlreichen Figuren bleiben namenlos, auch wenn einzelne aus der Masse hervorstechen, wie zum Beispiel der König oder der Premierminister. Einzig der Tod, die Unperson höchstselbst, bekommt eine Persönlichkeit und einen Namen: tod, mit kleinem T. Und er ist eine Dame – tod die Todesdame, die zum Schluss sogar in Menschengestalt auf der Erde wandelt. Ironischer kann man sein Personal kaum ersinnen.

Saramago lässt – wie schon in seinem Bestseller STADT DER BLINDEN (1995) – eine riesige Gruppe Menschen, quer durch alle sozialen Schichten, mit einer nie dagewesenen, widernatürlichen Situation kollidieren und schaut zu, wie sie damit umgehen. Er exerziert alle möglichen Szenarien durch, lässt seine Figuren leiden und sterben – oder eben auch nicht –, und schreibt alles auf, wie ein ernsthafter Wissenschaftler im Labor … oder ein diabolisches Kind beim Fluten eines Ameisenhaufens. Die Ergebnisse aus diesen Forschungen jedenfalls, egal ob politischer, sozialer oder philosophischer Natur, sind erhellend und unterhaltsam zugleich.

FAZIT: Volle Punktzahl für diesen unglaublich komplexen Roman. Bisher kannte ich nur DIE STADT DER BLINDEN (grandios) und DER DOPPELGÄNGER (sehr zäh und trocken). EINE ZEIT OHNE TOD hat mir aber wieder Lust auf mehr Bücher des Nobelpreisträgers gemacht; ein paar habe ich auch schon bereit liegen.

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Das Fünfzig-Jahr-Schwert

Mark Z. Danielewski , Christa Schuenke
Flexibler Einband: 288 Seiten
Erschienen bei btb, 10.07.2017
ISBN 9783442714384
Genre: Romane

Rezension:

INHALT: Chintana, frisch geschieden und voller Gram über ihren tumben Mann und seine verfluchte Geliebte Belinda, nimmt eine Einladung zur Halloween-Feier eines Bekannten an. Sie war schon lange nicht mehr unter Leuten, und auf den Rat ihrer Schwester, sich nicht hängen zu lassen, sieht sie die Feier als Schritt in die richtige Richtung an. Doch kaum angekommen, läuft ihr als erste Belinda Kite über den Weg, dieses Flittchen.

Rettende Ablenkung holt sich Chintana bei einer Sozialarbeiterin, die mit fünf Weisenkindern ebenfalls auf der Party ist. Die Kinder lauschen voller Spannung einem rätselhaften ErZähler mit einem länglichen Koffer. Er berichtet von seiner Reise durch surreale Orte zu einem armlosen Mann, der Schwerter herstellt, Zauberschwerter mit mysteriösen Eigenschaften. (Achtung: SPOILER!) Er hat in seinem Koffer sogar eines mitgebracht, das Fünfzig-Jahr-Schwert, dessen Klinge man nicht sehen kann und dessen Wunden tödlich sind, jedoch erst am fünfzigsten Geburtstag des Opfers. Er präsentiert den Kindern den Griff des Schwertes, behutsam und voller Respekt, doch Belinda, beschwipst und übermütig, schnappt ihn sich und richtet ein Blutbad an – aber erst in der Zukunft…

FORM: Mark Z. Danielewski (*1966) ist bekannt für seine aufwendig gestalteten Schauerromane. Gleich sein Erstling DAS HAUS – HOUSE OF LEAVES, ein 800-Seiten-Wälzer voller Rätsel, Irrwege und Metaebenen, war ein weltweiter Erfolg. Zurzeit arbeitet er an seinem Opus magnum THE FAMILIAR, eine auf siebenundzwanzig Bände angelegte Momentaufnahme eines einzigen Tages – ULYSSES lässt lieb grüßen –, in der der Text in die Illustrationen integriert ist, die Illustrationen aus Text bestehen. Welcher Verlag auch immer (wenn überhaupt) sich um die Übersetzung dieses Projekts bemühen wird – ich ziehe jetzt schon den Hut.

Auch DAS FÜNFZIG-JAHR-SCHWERT macht in der Reihe der Danielewski-Kunstwerke keine Ausnahme. Erzählt wird die Geschichte um die Vorkommnisse auf der Halloweenfeier von den Weisenkindern. Sie wechseln sich Satz für Satz, manchmal auch Wort für Wort beim Reden ab, und wir Leser erkennen sie nur an den Anführungszeichen, die je nach Kind die Farbe wechseln. (Hier ist ein scharfer Blick und gutes Leselicht gefragt, sonst sind die roten Gänsefüßchen kaum von den braunen oder orangen zu unterscheiden.) Größtes Augenmerk gilt aber der Gestaltung: Es sind komplizierte Näh- und Stickarbeiten, die den Text begleiten, mit ihm spielen, ihn unterstützen und auch als eigenständige Erzählebene fungieren – ein Riesenaufwand.

Sprachlich folgt Danielewski den klassischen Vertretern amerikanischer Ghost-Stories, wie etwa Washington Irving (THE LEGEND OF SLEEPY HOLLOW). Ein Tonfall, der gar nicht so recht in die heutige Zeit passen will, in der die Geschichte spielt – was alles nur noch unheimlicher macht. Danielewski die Satzbausteine vertauscht, um zu erzeugen mehr Spannung.

FAZIT: Zunächst brauchte ich ein paar Seiten, um mich mit der eigenwilligen Erzählform bekannt zu machen. Nach dieser Phase der Eingewöhnung aber rutschte ich ungebremst durch die Geschichte des ErZählers – immer mit großem Z, wer mark das wohl sein? –, so dass ich nach der letzten Seite sicher war, ein kleines Meisterwerk erlebt zu haben. Die Story als bloßer Text wäre in einer Sammlung vielleicht kaum aufgefallen, in Verknüpfung mit den Näharbeiten aber kann und will ich nicht weniger als fünf Sterne vergeben. Großartig!

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