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10 Bibliotheken, 0 Leser, 1 Gruppe, 1 Rezension

Midnight Cowboy

James Leo Herlihy , Daniel Schreiber , Daniel Schreiber
Fester Einband: 272 Seiten
Erschienen bei Blumenbar, 17.08.2018
ISBN 9783351050481
Genre: Romane

Rezension:

Joe Buck ist Ende zwanzig und verdient sich als Tellerwäscher in Houston sein Brot, fühlt sich aber zu Höherem bestimmt. Er sieht hervorragend aus, sein Cowboy-Outfit passt perfekt und mit seinem Lächeln bekommt er jede Lady um den Finger gewickelt – zumindest ist es das, was er täglich stundenlang im Spiegel sieht. Irgendwann hängt er den Job im Restaurant an den Nagel und reist mit dem Greyhoundbus nach New York City. Denn an der Ostküste, so heißt es in Texas, sind alle Männer Idioten und die Frauen permanent unbefriedigt. Als Gigolo könnte Joe dort reich werden.

Doch die bittere Wahrheit ist: In New York sind Cowboys total out – wenn sie überhaupt je in waren – und Joe ist nicht nur eingebildet, sondern auch furchtbar dumm und naiv. In kürzester Zeit verliert er sein Geld, gerät an Gauner und wird selbst zum Opfer. Anstatt als Gigolo die reichen Frauen zu verführen, endet er als Stricher in den letzten Gassen. Irgendwann lernt er den Kleinkriminellen Rico Rizzo kennen, ein missgestalteter Zwerg, der zwar kaum laufen kann, dieses Handicap aber mit einem blitzgescheiten Verstand ausgleicht. Die beiden schließen sich zusammen und schnell findet sich ein gemeinsames Ziel: Raus aus New York City, dieser Scheißstadt voller Dreck und Abschaum, runter nach Miami in die ewige Sonne.

Ich gebe zu: Ich hatte den Namen Herlihy vor der Verlagsankündigung noch nie gehört, den Titel MIDNIGHT COWBOY dagegen schon. Ein typisches Beispiel für eine erfolgreiche Verfilmung eines – zumindest im deutschsprachigen Raum – sehr viel erfolgloseren Buches, vergleichbar vielleicht mit FORREST GUMP oder FIGHT CLUB. Bei Herlihy war es sogar so, dass er im Schatten der Verfilmung regelrecht in Vergessenheit geriet. Dabei ist es ein so wunderbares Buch, ein Roman, der das Attribut american classic mehr als verdient.

James Leo Herlihy (1927-1993) hat mit Joe Buck und Rico Rizzo ein Pärchen in die Literaturwelt geschrieben, das mich stark an George und Lennie erinnert, die beiden armen Seelen aus John Steinbecks VON MÄUSEN UND MENSCHEN. Diese Sehnsucht nach mehr, dieses Kämpfen um den american dream, gegen alle Widrigkeiten, ohne aufzugeben, obwohl sonnenklar ist, dass alle Bemühungen scheitern werden, scheitern müssen – das ist großartige Amerikanische Literatur.

Auffällig ist auch das Spiel des Autors mit den Konventionen der damaligen Zeit. Sicher waren die Sechziger ein Jahrzehnt der Befreiung und der Revolte, aber die vielen homoerotischen Anspielungen in MIDNICHT COWBOY reichten auch damals aus, das Buch zu einem Skandalroman zu machen. Passend dazu wurde auch der Film als jugendgefährdend eingestuft – ganz so aufgeklärt war Hollywood in diesen Jahren also noch nicht.

Die wahre Stärke des Romans liegt aber in der Beschreibung der Charaktere. Joe und Rico sind so voller Fehler und Schwächen, sind in all ihrer Überheblichkeit so verdammt einsam, dass es einem beim Lesen ans Herz geht. Und spätestens beim bitteren Ende hat man die beiden so sehr ins Herz geschlossen, dass man kaum noch weiterlesen möchte, weil man ahnt, was kommt. Das ist Figurenzeichnung at it’s best. Ein großartiger Roman, der lange nachwirkt.

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71 Bibliotheken, 6 Leser, 1 Gruppe, 39 Rezensionen

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Wie ich fälschte, log und Gutes tat

Thomas Klupp
Fester Einband: 256 Seiten
Erschienen bei Berlin Verlag, 04.09.2018
ISBN 9783827013668
Genre: Romane

Rezension:

Jetzt mal ganz ehrlich: Wer von uns hat noch nie bewusst gelogen? Ich bitte um Handzeichen … Na? … Niemand? … Hab ich mir gedacht. Eine kleine Notlüge ist ja manchmal auch besser als die nackte Wahrheit. Was Benjamin Jäger aber in Thomas Klupps neuem Roman an Lügenkonstrukten um sich herum aufbaut, hätte selbst Baron Münchhausen erbleichen lassen. Er fälscht Unterschriften, plagiiert Physik-Arbeiten, fängt Mails von der Schule ab, bevor sie seinen Eltern unter die Augen kommen, und schwindelt sich durch die halbe Mädchenwelt. Das Lügen selbst geht ihm ohne Schwierigkeiten von den Lippen, da ist er Profi; das Problem ist nur, die Übersicht zu behalten, welche Lüge er weiterhin aufrechterhalten muss und welche er fallen lassen kann. Zusehends kommt Benjamin in seinem selbst gesponnenen Flunkernetz ins Straucheln und die Aktionen, die nötig sind, um nicht aufzufliegen, werden immer gewagter.

Woher hat der Junge das nur? Ganz klar: Von seiner Mutter, denn deren kompletter sozialer Status ist auf Lügen aufgebaut. Damals in München war sie ein Niemand, ein Landei in der großen Stadt, von Depressionen geplagt. Jetzt, im beschaulichen Weiden in der Oberpfalz, hat sie als Arztgattin ein gewisses Ansehen erreicht, das es zu verteidigen gilt. Sie steckt Benjamin sogar ein paar Scheine zu, damit er sie anruft, wenn sie hohen Besuch hat. Dann plappert sie auf Spanisch los und tut so, als wäre der Anruf aus dem fernen Ausland, alles nur, um mondän und kosmopolitisch zu erscheinen. Einen kleinen Schein gibt’s dann noch extra, wenn er in seinem Tennis-Outfit die Upper-Class-Ladies begrüßt, damit sie sehen können, wie schön diese Familie doch ist. Auch Benjamins ältere Schwestern sind hart eingespannt. Die führen sogar Buch darüber, welche Lügengeschichte sie wo und wann auspacken müssen, um nicht alles durcheinander zu bringen. Und überhaupt: Wenn man genau hinschaut, erkennt man in jeder Figur des Buches einen Lügner und Fälscher.

Der ganze Roman ist aus der Perspektive Benjamins als eine Art Tagebuch geschrieben. Wir Leser begleiten ihn ein paar Monate durch sein wildes Fälscherleben und lernen in gut einem Dutzend Anekdoten seine Freunde, Lehrer und Eltern kennen. Thomas Klupp (*1977) beherrscht den Jugendslang perfekt, übertreibt es aber auch nicht vong i bims her – alles bleibt gut und locker lesbar. Auch der Humor ist grandios. Viele Gags schlagen ein wie Granaten, bei manchen Sätzen musste ich sogar laut loslachen. Sehr lustig, das Ganze, allerdings kommt Klupp nicht so recht aus dieser harmlosen Witzigkeit heraus. Die Charaktere bleiben flach, es ist kaum eine Entwicklung zu erkennen. Die einzige Figur, die echte Tiefen besitzt, ist die Mutter mit ihren Neurosen, die ist wirklich gut gelungen, eine wahrhaft traurige Gestalt.

Thomas Klupp hat mit WIE ICH FÄLSCHTE, LOG UND GUTES TAT ein kurzweiliges Buch geschrieben, das perfekt zu den lauen Spätsommerabenden, zu Liegestuhl und Zoigl passt. Auch wenn mir etwas die Tiefe fehlte, irgendeine Message, fühlte ich mich gut unterhalten – ein leichter Spaß für zwischendurch.

(Ach, und: Wenn jemand über Schwindelanfälle klagt – Glaubt ihm kein Wort!)

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33 Bibliotheken, 6 Leser, 1 Gruppe, 4 Rezensionen

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Die Katze und der General

Nino Haratischwili
Fester Einband: 750 Seiten
Erschienen bei Frankfurter Verlagsanstalt, 31.08.2018
ISBN 9783627002541
Genre: Romane

Rezension:

Nach ihrem 1.280-Seiten-Epos DAS ACHTE LEBEN (FÜR BRILKA), mit dem sich Nino Haratischwili (*1983) in die Herzen ihrer Leser schrieb und zum Publikumsliebling avancierte, wurde ihr neuer Roman mit einigem Tamtam angekündigt und von vielen sehnsüchtig erwartet. Obendrauf dann der Platz auf der Longlist zum Deutschen Buchpreis 2018, und das noch vor der eigentlichen Veröffentlichung. Ganz schön viele Vorschusslorbeeren, wie ich finde. Doch zunächst: worum geht es…

Alexander Orlow, einer der reichsten und mächtigsten Männer Russlands, engagiert eine junge Schauspielerin, um eine Kriegsschuld zu begleichen, die zwanzig Jahre lang ungesühnt blieb. Mitte der Neunziger wurde er als junger Soldat in Tschetschenien Zeuge und ungewollt Mittäter eines grausamen Verbrechens, bei der Nura, ein unschuldiges Dorfmädchen, während eines aus dem Ruder laufenden Verhörs vergewaltigt und ermordet wurde. Aufgeklärt wurde der Fall nie.

Als Orlow zwei Jahrzehnte später auf einem Plakat das Porträt der aufstrebenden Schauspielerin Sesili – genannt: die Katze – entdeckt, trifft es ihn wie ein Schlag, denn sie ist der armen Nura wie aus dem Gesicht geschnitten, die perfekte Kopie. Die drei Haupttäter, die wahren Mörder Nuras, haben nach ihrer Armeezeit mehr oder weniger erfolgreiche Karrieren hingelegt. Orlow kennt ihre Adressen, dreht mit Katze ein Video und beschwört die Geister der Vergangenheit herauf, denn auch wenn nie jemand zur Rechenschaft gezogen wurde, die Schuld sitzt tief und es ist Zeit, sie zu begleichen.

Starker Plot, ohne Frage. Haratischwili verbindet kaukasische Geschichte mit der heutigen Welt, baut zahlreiche Brücken durch die Zeit und lässt eine Lebensgeschichte nach der anderen auferstehen. Auch der Aufbau des Romans ist gelungen. Die Kapitel, die in der heutigen Zeit spielen, sind im Wechsel aus drei Perspektiven geschrieben: Die Katze, der General (Orlow) und die Krähe, ein deutscher Schriftsteller, der bei der ganzen Nummer als Chronist und Bote eingesetzt wird. (Er hatte mal ein Verhältnis mit Orlows Tochter, um für Recherchen zu einem Buch näher an Orlow heranzukommen. Die Sache flog auf und er zog somit den Zorn des Generals auf sich … aber das ist eine andere Geschichte.)

Ich gebe zu, ich habe mich von all dem Jubel um diesen Roman mitreißen lassen, nachdem ich seit vier Jahren überall lese, wie grandios der Vorgänger sei. Das mag ja auch sein, dennoch kam die Lektüre von DIE KATZE UND DER GENERAL für mich fast einer Zumutung gleich. Ich muss es jetzt einfach so klar schreiben: Das Buch ist furchtbar schlecht geschrieben! Besonders die Kapitel der Katze und der Krähe sind stilistisch stellenweise so mies, dass ich manchmal dachte, ich halte einen Groschenroman in den Händen und keinen Buchpreis-Anwärter. Ganz besonders negativ aufgefallen ist mir die übermäßige Verwendung rhetorischer Fragen, ein Stilmittel, dem ich sowieso nichts abgewinnen kann, das in jedem Text stört und dem man in solch rauen Mengen nur in billigster Unterhaltungsliteratur begegnet.

Konnte man einer Toten etwas schuldig bleiben? Reichte die Schuld über das Leben hinaus? Wem sollte es nutzen, diese Geschichte erneut aufzurollen? (Seite 132)

Das ist nur ein kleines Beispiel. Manchmal sind ganze Absätze mit Fragen gefüllt, sechs, sieben, acht hintereinander – eine Tortur. Hinzu kommen unzählige kleine Unstimmigkeiten in den Launen und Taten der Hauptfiguren – mal sind sie mutig, mal ängstlich, mal panisch, mal ausgelassen – und auch im Text selbst ist nicht alles ganz schlüssig: Ein Würfel zum Beispiel ist nicht viereckig, wie auf Seite 481 behauptet wird. (Überhaupt funktioniert der Zauberwürfel als romanumspannende Metapher nur bedingt oder wurde zumindest nicht konsequent genug in Szene gesetzt.)

Und zu allem Überfluss ist der Roman viel zu sehr in die Länge gezogen. Manche Lebensgeschichten werden auf zwanzig, dreißig Seiten ausgerollt, obwohl sie in der eigentlichen Story kaum eine Rolle spielen. Bestes Beispiel: Katzes Großmutter Sesilia, von der wir Leser nach fünfundzwanzig Seiten wirklich alles wissen, ist allein dazu da, damit Katze weiß, wieviel Geld sie von Orlow für ihre Dienste verlangen muss. Das ist die einzige Aufgabe dieser Figur. Aber wozu müssen wir dann alles über die Oma wissen? Hätte man das nicht auch eleganter hinbekommen? Und nochmal: Wer braucht überhaupt rhetorische Fragen?

Ich wünsche Nino Haratischwili viel Erfolg mit ihrem Roman und bezweifle nicht, dass sie jede Menge Leser findet. Ob es für die Shortlist für den Deutschen Buchpreis reicht, bezweifele ich schon eher. Für mich persönlich führten hier viele kleine Ärgernisse am Ende zu einer großen Enttäuschung. Leider.

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10 Bibliotheken, 0 Leser, 1 Gruppe, 1 Rezension

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Archipel

Inger-Maria Mahlke
Fester Einband: 432 Seiten
Erschienen bei Rowohlt , 21.08.2018
ISBN 9783498042240
Genre: Romane

Rezension:

Ana und Felipe gehören der Upper Class Teneriffas an, Zentrum des titelgebenden Archipels und Handlungsort in Inger-Maria Mahlkes neuem Roman. Felipe, der als jüngster Spross der einflussreichen Familie der Bernadottes Luxus gewohnt ist, verplempert seine Zeit mit teuren Drinks an der Bar des High-Society-Clubs – Clubmitglied reicht für ihn auch als Berufsbezeichnung – und hat zuhause wenig zu melden. Ana dagegen kommt aus einer Arbeiterfamilie und hat es als Inselpolitikerin weit gebracht, stolpert aber derzeit über eine Affäre mit weitreichenden Folgen.

Rosa, die Tochter der beiden – das Großstadtleben gewöhnt und spätpubertär –, ist gerade vom Studium auf dem Festland nach Teneriffa zurückgekommen und versucht, dem trägen Inselleben etwas abzugewinnen. Sie findet ihre Bestimmung bei den Alten im Seniorenheim, denen sie Modeartikel verschachert. Doch um ins Heim zu gelangen, muss sie am Pförtner vorbei, an Julio, ihrem knapp hundertjährigen Großvater mütterlicherseits, dem die Ehe seiner Tochter mit Felipe, diesem verhätschelten Schnösel, schon immer ein Dorn im Auge war und der somit – starrköpfig wie er ist – auch seiner Enkelin nicht ohne Vorbehalt begegnen kann.

Inger-Maria Mahlke (*1977) baut im ersten Drittel ihres Romans eine kunstvoll verzweigte Familiengeschichte auf. Doch die Fragen, die sich uns Leser automatisch stellen – Wird diese müde Ehe halten? Ist Anas politische Karriere am Ende? Finden Julio und Rosa doch noch einen Draht zueinander? – beantwortet sie nicht. Stattdessen dreht Mahlke an der Uhr und springt kontinuierlich mit jedem Kapitel ein paar Jahre zurück in der Zeit. Die Leute werden jünger, sind verliebt, sind Kinder, werden geboren, so wie auch ihre Eltern einst jünger waren und deren Eltern ebenfalls. Ansichten und Überzeugungen ändern sich ebenso wie die politischen Hintergründe des an Umstürzen nicht gerade armen Landes. Fast einhundert Jahre werden wir zurückgeschickt, bis ins Geburtsjahr Julios, der als einzige Konstante in jedem Kapitel einen Auftritt hat.

Mahlke dreht in ARCHIPEL die gewohnten Fragen also einfach um. Aus Wie-geht-es-mit-uns-weiter? macht sie Wie-sind-wir-so-geworden?, ein Kunstgriff, der nicht zuletzt dank ihrer schriftstellerischen Fertigkeiten vollends aufgeht. Mahlkes Sprache wirkt leicht, verzichtet aber nicht auf stilistische Tricks, was den Anspruch ihres Werks erheblich steigert. Noch dazu beendet sie den Roman mit dem Satz: Auf die Zukunft! Für mich der wohl »beste letzte Satz« des Jahres (knapp gefolgt von Angelika Klüssendorf).

Mit WIE IHR WOLLT stand Inger-Maria Mahlke 2015 auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises und auch in diesem Jahr ist ihr ein Platz auf der Shortlist zu gönnen. Am 11. September sind wir schlauer…

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5 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 2 Rezensionen

Die Legende vom goldenen Ei

Morten Ramsland , Ulrich Sonnenberg
Fester Einband: 280 Seiten
Erschienen bei Schöffling, 07.08.2018
ISBN 9783895614224
Genre: Romane

Rezension:

Vor einigen Jahren legte Morten Ramsland mit seinem Roman HUNDSKÖPFE eine grandiose Familiensaga hin, die für mich ganz eindeutig zu den Büchern des Jahres gehörte. Der Folgeroman SUMOBRÜDER konnte mich dagegen nicht überzeugen – eine Orgie der Gewalt unter Schulkindern ohne tieferen Sinn. Nun hat er mit DIE LEGENDE VOM GOLDENEN EI eine Art Märchengeschichte vorgelegt, nach deren Klappentext ich nicht lange gefackelt und zugegriffen habe.

Das besagte goldene Ei ist ein Relikt einer längst vergangenen Zeit, das seit unzähligen Generationen im Besitz einer Familie auf der dänischen Insel Fünen ist. Wie es in die Familie gekommen ist, auf welch verzweigten und ungeahnten Pfaden es sein Ziel gefunden hat, wäre über die Jahrhunderte längst vergessen, wenn dieses Ei nicht die Erinnerung selbst wäre. Wer es berührt, kennt die komplette Geschichte, und dieses Wissen muss bewahrt werden. Da ist von Moorhexen die Rede und sagenhaften Rittern, von Dorfdeppen und Königen, von magischen Steinen, Liebestränken und der heiligen Verbindung zwischen Mensch und Natur. Doch nicht alle Familienmitglieder haben die Gabe, das Ei zu lesen, und in unserer heutigen durchtechnisierten Welt gibt es immer weniger, die überhaupt noch daran interessiert sind.

Morten Ramsland (*1971) erzählt in bester Märchentradition von den Anfängen des Eies – gefunden in der Nachgeburt einer von einem stolzen Ritter geschwängerten Dorfschönheit. Die Sprache während dieser mittelalterlichen Szenen ist sagen- und legendentypisch dick auftragen, geschwollen und voller Übertreibungen. Ich persönlich brauchte ein paar Seiten, um mich richtig in den Textfluss einzufinden. Besonders viel Aufmerksamkeit schenkt Ramsland dem Thema Aberglaube – und hat offenkundig große Freude dabei. Fast alle Bewohner des ländlichen Fünen sind unchristianisierte Heiden und legen in ihrem Weltverständnis eine Logik an den Tag, die an Naivität und Irrglauben kaum zu überbieten ist – ein Heidenspaß!

Durchbrochen werden die alten Geschichten durch eine Rahmenhandlung aus heutiger Zeit. Ein Großvater erzählt während ein paar Besuchen seines Enkels – des Ich-Erzählers übrigens – die Legende des Goldenen Eies, gerade noch rechtzeitig, denn viel Zeit bleibt ihm nicht mehr.

Im Großen und Ganzen ist Ramsland ein lesenswertes Märchenbuch gelungen, sprachlich überzeugend und voller witziger Anekdoten. Allerdings schleicht sich hier und da, gerade zum Ende hin, ein Übergewicht an Nebenschauplätzen ein, das den Roman unnötig aufbläht. Ach ja, und zum Attribut Märchenbuch sollte unbedingt noch eine Warnung ausgegeben werden: DIESES BUCH IST NICHTS FÜR KINDER! Manche Szenen sind erschütternd brutal – da musste selbst ich manchmal kurz durchatmen bevor ich weiterlas –, andere wiederum dermaßen obzön, dass die Säfte schon vom Buchrand tropfen.

Ansonten: Viel Spaß!

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2 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

Hier beginnt der Wald

Saskia Hennig von Lange
Fester Einband
Erschienen bei Jung u. Jung, 02.03.2018
ISBN 9783990272169
Genre: Romane

Rezension:

Ein Mann ist mit einem Lastwagen unterwegs auf der Autobahn, um Umzugsgüter fremder Leute von einer in die andere Stadt zu transportieren. Doch in Wirklichkeit ist er auf der Flucht – vor seiner Frau, vor dem ungeborenen Kind, vor seiner Zukunft. Ständig in Gedanken und völlig abgelenkt baut er einen Unfall, verbringt eine Nacht im Krankenhaus und flieht anschließend mit dem demolierten Laster in den Wald. Dort macht er sich über die Umzugskartons her, findet Klamotten, mit denen er sich kleidet, und Fotoalben, in denen er sich eine alternative Lebensgeschichte zusammenbastelt. Eine traurige Figur, ein Aussteiger, der Rettung in einer Einsamkeit sucht, für die er nicht gemacht ist.

Saskia Hennig von Lange (*1976) schreibt die Geschichte ihres Helden in ruhigen, beobachtenden Sätzen und bewahrt sich – und uns Lesern – damit immer eine gewisse respektvolle Distanz zu diesem Mann, zu dem man sowohl Mitleid als auch Abscheu empfinden kann. Sein eigentliches Ziel bleibt trotz vieler Gedanken und Innenansichten im Dunkeln. Er hat sich keinen Plan für seine Flucht gemacht – auf Seite 101 gibt es sogar einen Anflug von Lebensmüdigkeit –, er folgt einfach jedem Impuls. Hinzu kommt, dass er offenkundig meist nicht weiter denkt, als er gucken kann und sich so immer tiefer in den Schlamassel reißt. Spätestens, wenn er im Wald einen Jungen findet und ihn erst im Laster und später in einem alten Bunker einsperrt, wird’s kriminell – auch wenn er sich nur um den Jungen kümmern will und ihn als Partner in seiner Einsamkeit ansieht. Am Ende wissen wir Leser kaum noch, ob der Junge wirklich existiert, oder der Phantasie des Mannes entsprungen ist, der – so viel ist klar – schon länger nicht mehr zurechnungsfähig ist.

Dieser Grundplot – ein Mensch gelangt innerhalb kürzester Zeit an den äußersten Rand der Zivilisation, weil er seinen Impulsen folgt, ohne die Konsequenzen zu bedenken – erinnert mich an Lukas Bärfuss‘ Roman HAGARD, mit dem er die letzte LiteraTour Nord gewann und sich damit gegen Publikumslieblinge wie Marianna Leky oder Jonas Lüscher durchsetzen konnte. Saskia Hennig von Lange ist mit ihrem Roman bei der nächsten Tour dabei – die Namen und Termine sind kürzlich hier veröffentlicht worden – und ich freue mich jetzt schon auf die Lesung. Ein kurzer aber intensiver Roman.

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29 Bibliotheken, 1 Leser, 1 Gruppe, 15 Rezensionen

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Bis ans Ende, Marie

Barbara Rieger
Fester Einband: 208 Seiten
Erschienen bei Kremayr & Scheriau, 26.07.2018
ISBN 9783218011204
Genre: Romane

Rezension:

Als ich wieder zu Bewusstsein komme, steckt etwas in meiner Vagina. (Seite 5)

Fetter erster Satz. Haut rein wie ein Preisboxer. Wer jetzt schon nicht gefangen ist, wird’s auch nicht mehr werden, denn die Geschichte um die Hassliebe zwischen der namenlosen Ich-Erzählerin und ihrer Freundin Marie hat es in sich, und das sowohl inhaltlich als auch stilistisch. Barbara Rieger (*1982) zeigt sich in ihrem Debütroman experimentierfreudig, bedient sich gekonnt allen möglichen Stilmitteln und spielt mit ihren Lesern Katz und Maus.

Dabei ist eigentlich gar nicht so viel Story vorhanden, dass ein solcher schriftstellerischer Aufwand gerechtfertigt wäre. Hier die Eckdaten: Die junge Frau hadert viel mit ihrem Leben – die Eltern verstehen sie nicht, die Oma liegt im Sterben, ihr Uni-Schwarm beachtet sie nicht. Sie fühlt sich fehl am Platz, und überhaupt scheinen alle anderen mehr Spaß am Leben zu haben, als sie selbst. Besonders Marie, die das Leben genießt wie ein Kind den Spielplatz, die alles in sich aufnimmt, was sie nur zu fassen kriegt und wieder ausspuckt, was ihr nicht schmeckt. Die Unterschiede zwischen den beiden Frauen sind also vergleichbar mit denen zwischen schwarz und weiß – selten hat ein Coverbild so gut zum Roman gepasst.

Die reine Story ist also in ein paar Sätzen erzählt, doch Rieger hat vorgesorgt und ihre Geschichte mit mehreren tiefer liegenden Ebenen beschwert und mit sirupdicker Prosa gefüllt. Man watet bis zur Hüfte in einem schweren Schlamm aus formvollendeten Sätzen und kämpft sich voran bis hin zu einem Ende, bei dem man fast gezwungen ist, gleich nochmal von vorn zu beginnen. Denn die Beziehung zwischen der jungen Frau und Marie beginnt mehr und mehr zu wanken, bekommt Falten und schließlich Risse. Riegers Kunst besteht darin, diese Fehler nicht nur in der zwischenmenschlichen Ebene zu beschreiben, sondern auch in den Text zu übernehmen: Szenen werden vage, Dialoge überkreuzen sich, das ganze Buch kippt – und am Ende weiß man, warum.

Sehr lesenswert.

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68 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 11 Rezensionen

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Das Handwerk des Teufels

Donald Ray Pollock , Peter Torberg
Flexibler Einband: 302 Seiten
Erschienen bei Heyne, 12.08.2013
ISBN 9783453436923
Genre: Romane

Rezension:

»Vorsicht: Ganz harter Tobak«, meinte mein Freund, als er mir diesen Roman in die Hand drückte. Und er hatte damit nicht übertrieben, wie ich spätestens nach hundert Seiten merkte. Was Daniel Ray Pollock (*1954) in DAS HANDWERK DES TEUFELS in Romanform gießt, ist eine stinkende Brühe moralischer Verwerfungen und brutaler Morde, gewürzt mit elendiger Hoffnungslosigkeit in einer Zeit, in der ein Menschenleben keinen Penny Wert zu sein scheint.

In dieser Welt wächst Arvin auf. Zwischen einfältigen Landeiern, pädophilen Geistlichen und korrupten Dorfsheriffs versucht er, ein ehrbares Leben zu führen. Doch die Wirklichkeit lässt ihn immer mehr daran zweifeln, auf diesem tristen Fleckchen Erde irgendwie noch glücklich zu werden. In jungen Jahren starb seine Mutter elendig an Krebs, woraufhin sein Vater sich das Leben nahm. Nun wohnt er als Waise bei seiner Großmutter, wo er sich größtenteils um seine Ziehschwester Lenora kümmert.

Zur gleichen Zeit macht das berüchtigte Mörderpärchen Carl und Sandy Jagd auf ihre Opfer. Ihr Vorgehen ist dabei immer gleich: Sie nehmen einen Anhalter mit, fahren mit ihm an entlegenste Stellen und Sandy verführt den Ahnungslosen – nie gibt es einen, der sich dagegen wehrt –, während Carl Fotos schießt. Ist der Akt beendet, bringt Carl den Mann um, das Fotoshooting aber geht mit der Leiche weiter.

Okay, das ist nun wirklich kranker Scheiß! Aber es geht in diesem Buch nicht um die Aneinanderreihung brutaler Geschmacklosigkeiten. Was den Roman eigentlich lesenswert macht, ist, wie Pollock es schafft, alle Beteiligten miteinander in Beziehung zu setzen. Durch geschickte Wendungen in den Lebensläufen der armen Säue hat jeder mit jedem irgendwie zu tun. (Ich schreibe mir bei vielen Romanen Stichpunkte zur Handlung und den Charakteren mit; bei diesem Buch ist das Personenverzeichnis ein dichtes Geflecht aus Strichen und Pfeilen.)

Pollocks Schreibstil ist kalt und fernab von jedem Witz, was sehr gut zu den Figuren, der Geschichte und der Zeit passt, in der sie spielt. Das ländliche Ohio der Fünfziger und Sechziger muss ein trostloser Ort gewesen sein, und auch wenn Pollock nur auf die dunkle Seite zeigt – und somit natürlich ein paar Klischees bedient –, kauft man ihm sein Sittengemälde leichter ab, als es einem lieb sein sollte.

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100 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 12 Rezensionen

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Sand

Wolfgang Herrndorf
Fester Einband: 480 Seiten
Erschienen bei Rowohlt Berlin, 15.11.2011
ISBN 9783871347344
Genre: Romane

Rezension:

Nordafrika, 1972. Ein Mann kommt in einer Scheune mitten in der Wüste zu sich. Sein Schädel dröhnt und hat eine ordentliche Platzwunde, und der Mann kann sich nicht erinnern, wie er in diese Scheune gekommen ist. Schlimmer noch: Nicht einmal sein Name fällt ihm ein – jegliche Erinnerung an die Zeit vor dem Erwachen ist gelöscht. Was der Mann jedoch relativ schnell erfasst, ist, dass er von sehr gefährlichen Leuten verfolgt wird und vor ihnen fliehen muss. In seiner aussichtslosen Situation – in einem scheinbar fremden Land in dem er niemanden (er-)kennt und sich an nichts erinnert – läuft er an einer Tankstelle der Amerikanerin Helen über den Weg, die ihn mit in ihr Urlaubsdomizil nimmt und weitestgehend gesund pflegt. Sie nennt ihn Carl, nach dem Namensschild in seinem Anzug.

Gemeinsam machen sie sich auf die Suche nach Carls Identität, puzzeln Erinnerungsfetzen zusammen, gehen jedem noch so kleinen Hinweis nach und kontaktieren sogar einen Psychiater. Doch je mehr sie in Erfahrung bringen, desto verwirrender wird die Geschichte. Alle Hinweise deuten auf Waffenhandel, aber in Wirklichkeit tappen die beiden ahnungslos im Dunkeln. Als Carl schließlich von einer Spezialtruppe der CIA entführt und gefoltert wird, gerät er vollends an die Grenzen seiner Kräfte.

Dieses Buch steht seit Jahren in meinem Bücherregal, und ich frage mich jetzt, warum ich Dummkopf so lange mit der Lektüre gewartet habe – es ist grandios! Wolfgang Herrndorf (1965-2013) zeigt in SAND seine komplette Bandbreite: Perfekt gezeichnete Figuren, ein irrwitziger, zahlreiche Haken schlagender Plot und jede Menge Thriller- und Krimi-Elemente ergeben zusammen eine Tour de Force durch ein kaputtes Land zu einer verrückten Zeit.

Manche Szenen sind irre spannend, andere überzogen brutal, wieder andere zum Brüllen komisch. Dieser Mix erinnert ein wenig an die cineastischen Glanztaten der von mir sehr geschätzten Coen-Brüder. Gerade die ewig langen und doch ins Leere laufenden Dialoge – zum Beispiel mit dem Psychologen oder dem Waffenhändler in der Bar – erinnern mich an Filme wie THE BIG LEBOWSKI oder BURN AFTER READING. Allein der Umstand, dass die Hauptfigur komplett ahnungslos ist, es also ein völlig unfaires Ungleichgewicht im Wissensstand der Beteiligten gibt, macht schon den Reiz des Ganzen aus. Auch das halbwegs offene Ende passt zum Coen-Vergleich. Solche Enden mag ja nun wirklich nicht jeder, ich persönlich fand aber, es war der passend krasse Schluss zu einem vergnüglich-verwirrenden Meisterstück.

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22 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 4 Rezensionen

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Robinsons blaues Haus

Ernst Augustin
Fester Einband: 319 Seiten
Erschienen bei C.H.Beck, 21.09.2012
ISBN 9783406629969
Genre: Romane

Rezension:

Normalerweise beginne ich meine Rezensionen mit einer Art Inhaltsangabe. Aber was, wenn sich mir der Inhalt eines Romans von Anfang bis Ende verschließt? Versteht mich bitte nicht falsch: Dieses Buch ist genial! Es ist großartig geschrieben und hat mich von der ersten Seite an in seinen Bann gezogen. Aber worum es wirklich geht? Ich muss ganz ehrlich sein: Ich habe keine Ahnung.

Ich kann eigentlich nur etwas über den Stil sagen, über den Ton, der hier angeschlagen wird, und der ist – um es in einem geradezu unwürdigen Wort auszudrücken – grandios. Aber einen Versuch ist es wert: Da ist also dieser Mann (nennen wir ihn Robinson), der seinen ganz persönlichen Freitag im Internet findet, dem er seine Lebensgeschichte erzählt (oder beichtet?). Dieser Robinson wird Erbe eines großen Vermögens, macht sich damit die Welt zum Untertan und ist somit seit seinen Kindheitstagen auf der Flucht. Zunächst vor den Schlägertypen seiner Parallelklassen, später vor dem Feind an sich – denen, die ihn berauben wollen – und schließlich vor dem Tod höchstpersönlich. Die Schauplätze sind über die ganze Welt verteilt: London, New York, die pazifischen Königreiche, und immer wieder – gleich bei mir umme Egge – das mecklenburgische Grevesmühlen. Das komplette Buch ist im Grunde genommen eine in perfekte Prosa gegossene Paranoia, die sich jeder ernst gemeinten Wiedergabe entzieht.

Aber vielleicht geht es dem Autor auch gar nicht um einen handfesten und nacherzählbaren Plot. (Ich habe schon einige seiner Romane gelesen – Augustin ist in Rostock kein Unbekannter – und kann sagen, seine Bücher haben immer eine gewisse Unschärfe.) Ist das nun eine Lebensgeschichte? Oder ein Krimi? Oder gar ein Coming-Out? Diese verdammten Schubladen! Eines ist sicher: Ernst Augustin ist ein brillanter Schriftsteller, der es versteht, Ängste und Emotionen aller Art in Sätze zu bannen, die ihresgleichen suchen. Eigentlich schmeiße ich Bücher, deren Inhalt oder Ziel sich mir nach spätestens einem Drittel nicht erschließen, einfach gegen die Wand. Hier aber war ich gefangen – vom Witz, von der Kunstfertigkeit, von der überbordenden Fabulierlust. Die letzten 120 Seiten habe ich in einen Rutsch durchgelesen und war wie erschlagen von der Wucht der Sätze, die mir Augustin da um die Ohren (besser: Augen) haut. Man bedenke: Als der Roman veröffentlicht wurde, war der Autor über achtzig und nahezu blind!

Ein unfassbar fesselnder Roman, auch wenn ich ihn – da bin ich ganz ehrlich – kaum verstanden habe. Aber genug: Jetzt habe ich Lust auf Grießbrei…

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23 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 5 Rezensionen

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Glückskind

Steven Uhly
Fester Einband: 260 Seiten
Erschienen bei Secession Verlag für Literatur, 21.08.2012
ISBN 9783905951165
Genre: Romane

Rezension:

Hans – ein erwerbsloser Endfünfziger, der schon vor Jahren von seiner Familie verlassen wurde und seitdem eifrig an seiner Verwahrlosung arbeitet – staunt nicht schlecht, als er eines Tages ein Baby in einer Mülltonne findet. Er nimmt es mit in seine armselige Wohnung und so beginnt für ihn ein neues Leben. Er schneidet sich die speckige Matte, trennt sich von seinem Karl-Marx-Bart, räumt die Wohnung auf und macht Schluss mit dem Saufen. Sein spärliches Hartz-IV-Geld gibt er jetzt für das Mädchen aus, das er Felizia nennt: »Die Glückliche«. Doch schon bald fragt man sich, wer hier das eigentliche Glückskind ist.

Unerwartete Unterstützung bei seiner Rettungsaktion bekommt Hans von den persischen Nachbarn, mit denen er vorher nur selten ein Wort gewechselt hat, und vom Kioskbesitzer Wenzel. Diese wissen jedoch aus der Zeitung etwas mehr über das Baby. Zur selben Zeit nämlich ist Eva M. wegen Mordes an ihrem Kind angeklagt und hat gestanden, das Baby im Müll entsorgt zu haben. Die Polizei geht davon aus, dass das Kind tot ist, nur die Leiche fehlt. Hans und seine Komplizen tappen immer tiefer in ein moralisches Dilemma. Sollen sie die Verurteilung der Mutter hinnehmen, obwohl das Kind lebt? Sollen sie das Mädchen einer Frau ausliefern, die es töten wollte?

Solche Moral-Zwickmühlen sind natürlich immer ein interessanter Stoff für Romane. Die Schwierigkeit dabei ist nur, eben nicht zu moralisieren. Was mich bei GLÜCKSKIND sehr freut, ist, dass Steven Uhly zwar alle Möglichkeiten aufzeigt, zwischen denen die Figuren wählen können, keine von ihnen aber als besser oder schlechter verurteilt. Der Weg, den Hans geht, ist weder besser noch schlechter als jeder andere – es ist der gewählte Weg, das allein zählt.

Stilistisch bleibt Uhly lakonisch und schnörkellos, was sehr gut zur Geschichte passt. In kurzen Sätzen und knapper Sprache schickt er Hans durch dessen neues, völlig umgekrempeltes Leben und rutscht auch in Momenten der Rührung nicht ins Kitschige ab, was ich als sehr angenehm empfand. (Die Geschichte selbst ist berührend genug, da muss man nicht noch absichtlich auf die Tränendrüse drücken.) Der einzige Ort im Buch, an dem sich Uhly bildreich austobt, ist Hans‘ Traumwelt, in die er jeden Tag zurückkehrt und einen fortlaufenden Traum immer weiterspinnt. Auch hier weicht Uhly nicht von seinem trockenen Stil ab, lässt aber viel Platz für Interpretationen.

Steven Uhly (*1964) schaffte mit GLÜCKSKIND – seinem dritten Roman – 2012 den literarischen Durchbruch, ein Bestseller, dessen Erfolgsgeschichte in einer Verfilmung und einer Theateradaption gipfelte. Endlich konnte ich diese Lektüre mal nachholen und schließe mich mit ein paar Jahren Verspätung dem allgemeinen Jubel an: Ein wunderbares Buch!

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33 Bibliotheken, 0 Leser, 1 Gruppe, 18 Rezensionen

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Orchis

Verena Stauffer
Fester Einband: 256 Seiten
Erschienen bei Kremayr & Scheriau, 12.03.2018
ISBN 9783218011044
Genre: Romane

Rezension:

*** Die folgende Rezension erschien erstmals auf meinem Blog www.booksterhro.wordpress.com. Schaut mal vorbei, ich freu mich auf Euren Besuch! ***

Mitte des 19. Jahrhunderts macht sich der aufstrebende Botaniker Anselm auf die gefährliche Reise nach Madagaskar, um in den Wäldern des abgeschotteten Inselreiches als Erster eine Sternorchidee zu beschreiben und nach Europa zu überführen. Nach einer beschwerlichen Suche voller körperlicher Entbehrungen findet er die seltene Pflanze im Überfluss, nimmt sich so viele Exemplare, wie er tragen kann und beginnt die Rückreise. Doch bei der Überfahrt gerät das Schiff in einen schweren Sturm und er verliert seine kostbare Fracht an den Ozean.

Als Anselm völlig erschöpft von Bord geht, hat sich etwas an ihm verändert. Wie ein Abschiedsgruß wächst da eine wunderschöne Orchidee aus seiner Schulter, die er von nun an hegt und pflegt. Das Problem ist: Nur er kann sie sehen – für seine Familie ein klarer Fall für die Irrenanstalt. Anselms Karriere als Botaniker steht auf Messers Schneide, doch er gesundet schnell und als Protegé seines Vaters gelingt ihm auch der Schritt in eine akademische Laufbahn. Ein paar Jahre später jedoch verrennt er sich wieder in seine Obsession und erneut übernimmt eine Orchidee die Kontrolle über sein Handeln. In der Hoffnung auf die Entdeckung einer bisher unbekannten Art von Frauenschuh macht sich Anselm auf den langen und gefährlichen Weg in die Wälder Chinas.

Verena Stauffer (*1978) hat – das merkt man von der ersten Seite an – die Klassiker der Abenteuerliteratur zum Vorbild für ihre Orchideenodyssee genommen. Sicher liegt es daran, dass die Österreicherin die Sprache und den Stil jener berühmten Romane so gekonnt imtiert – hinzu kommt, dass große Teile der Handlung auf Schiffen spielen –, jedenfalls war ich von Anfang bis Ende an MOBY DICK oder DER SEEWOLF erinnert, zumindest an die Atmosphäre, die dort heraufbeschworen wird. Auch die Szenen an Land, in denen der wirre Anselm unentdeckte Gebiete erforscht und fremde Kulturen beschreibt, passen stilistisch perfekt in die Zeit, in der das Buch spielt. Politische und wissenschaftliche Nebenschauplätze – wie zum Beispiel die Abschottung Madagaskars unter der drakonischen Königin Ranavalona I., die Opiumkriege in China oder die denkerischen Umstürze, die mit Darwins Evolutionstheorien einhergingen – bereichern den Roman noch zusätzlich, bis man zwischenzeitlich wirklich denkt, man halte einen Klassiker in der Hand. Noch mal nachgeprüft: Nein, das Buch ist von 2018.

Aber handelt es sich denn hier um einen rein historischen Roman? Es gibt da noch eine psychologische Ebene, die Anselm ordentlich auf den Zahn fühlt, ihn als obsessiven Maniker entlarvt und all sein Handeln in Frage stellt. Im Gegensatz dazu steht seine Intelligenz und sein hoher Bildungsgrad – eine gute Mischung für eine Hauptfigur. Die Szenen völliger geistiger und körperlicher Erschöpfung, in denen sich Anselm halb im Delirium verliert, gehören zu den stärksten in diesem an starken Momenten nicht gerade armen Debüt. Alle Achtung!

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36 Bibliotheken, 0 Leser, 1 Gruppe, 18 Rezensionen

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Bananama

Simone Hirth
Fester Einband: 192 Seiten
Erschienen bei Kremayr & Scheriau, 01.02.2018
ISBN 9783218011037
Genre: Romane

Rezension:

*** Die folgende Rezension erschien erstmals auf meinem Blog www.booksterhro.wordpress.com. Schaut mal vorbei, ich freu mich auf Euren Besuch! ***

Oh, wie schön ist Bananama! Für die dreiköpfige Austeigerfamilie ist das kleine, schlichte Haus am Waldrand das Paradies. Genauso hat es sich der Vater immer vorgestellt: Eigens geerntetes Obst und Gemüse, Wasser aus dem eigenen Brunnen, Energieverbrauch nahe Null, ein Leben mit dem kleinstmöglichen biologischen Fußabdruck, fernab der geldgeilen Gesellschaft, die nur noch Konsum und Zerstreuung im Kopf hat. Doch auch ein antikapitalistischer Lebenswandel will finanziert sein. Das Geld fließt regelmäßig dank einer Erfindung der Mutter, einem tragbareren Sonnenkollektor. Mit dieser Sicherheit im Rücken lebt es sich herrlich im Bananama.

Da gibt es aber noch die Tochter. Als Hausgeburt von Anfang an in Bananama groß geworden, nimmt sie begierig alles in sich auf, was ihr die Eltern beibringen. Übers Gärtnern, Kochen und Stricken, aber auch über die bösen Kapitalisten und Weltkonzerne, die in ihrer unendlichen Gier die Menschen ausbeuten und die Erde zerstören. Eigentlich müsste Bananama der perfekte Platz zum Aufwachsen sein, doch so richtig wohl fühlt sich das Mädchen nicht in ihrem kleinen Reich und dieses Gefühl wird mit jedem Tag schlimmer. Die Mutter wird immer dicker, der Vater immer verbissener in seinem Hass gegen den Rest der Welt. Manchmal klopft jemand an die Tür, doch die Eltern hören es nicht. Und spätestens als ein fremder Mann tot im Garten liegt, wird dem Mädchen klar, dass Bananama nicht Freiheit bedeutet sondern Gefangenschaft.

Einen äußerst beunruhigenden Roman hat Simone Hirth (*1985) mit BANANAMA vorgelegt, in dichter, bildreicher Sprache. Was anfängt wie eine Version von Captain Fantastic wird nach und nach zu einem bedrohlichen Szenario. Erzählt wird aus der Perspektive der Tochter, die mit kindlich- verspieltem Blick ihr Exil beschreibt und dort fröhlich ihre Zeit verbringt. Dass das Mädchen immer mehr Angst vor diesem Ort hat und die Scheu vor ihren Eltern wächst und wächst, steht deutlich zwischen den Zeilen.

Dank zahlreicher Metaphern im Handeln und Denken sehen wir Leser, wie schlimm es um das Mädchen wirklich steht: Sie begräbt im Garten Wörter wie Angst und Tod, von denen sie sich trennen will; ihr Lieblingsmärchen ist Rapunzel, weil es sie an sich selbst erinnert; sie träumt von einem Koffer, in den sie die bösen Träume und Gefühle packen und wegschließen kann. Später lässt Hirth die Geschichte immer weiter in eine Art Albtraum abdriften: Massenweise Vögel brechen sich am Waldhaus das Genick, tote Menschen liegen auf dem Gemüsebeet, die totgeglaubte Großmutter wird zu einer Grimassen schneidenden, stinkenden Hexe – alles sehr unheimlich. Und der Umstand, dass Hirth nichts erklärt, sondern alles uns Lesern überlässt, macht es nur noch gruseliger. Ebenso das Ende bleibt schließlich offen, was aber ganz gut zum Text passt und nur konsequent ist.

Auch wenn sich der Metapherndauerbeschuss über die knapp 200 Seiten etwas erschöpft, ist BANANAMA ein äußerst fesselndes Buch, das viele Genres abdeckt. Das beengende Setting hat etwas von Hitchcock, die Charakterbeschreibung reicht bis in die Tiefenpsychologie und auch als Satire auf den Ökowahn kann man das Buch verstehen. Fazit: Lesenswert.

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83 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 10 Rezensionen

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Alles über Heather

Matthew Weiner , Bernhard Robben
Fester Einband: 144 Seiten
Erschienen bei Rowohlt , 07.11.2017
ISBN 9783498094638
Genre: Romane

Rezension:

*** Die folgende Rezension erschien erstmals auf meinem Blog www.booksterhro.wordpress.com. Schaut mal vorbei, ich freu mich auf Euren Besuch! ***

Den Breakstones geht’s gut. Sie sind finanziell abgesichert, haben eine Traumwohnung in Manhattan und mit Heather eine wunderschöne Tochter, die mit ihren blauen Augen alle verzaubert. Doch mit der Pubertät kommen die Probleme: Heather und ihre Mutter leben sich auseinander und Vater Mark entwickelt eine krankhafte Angst um seine Tochter. In seinen Tagträumen sieht er sie ständig in die schlimmsten Sexualverbrechen verwickelt. Einer der Bauarbeiter, die gerade das Wohnhaus sanieren, hat anscheinend ein Auge auf Heather geworfen, was Marks Sorgen nur noch verschlimmert.

Dieser Bauarbeiter – Bobby – hatte es bisher nicht so gut im Leben wie die Breakstones. Als Sohn einer drogensüchtigen Provinz-Hure, der als Kind schon die Spritzen für Mama und ihre Freier aufziehen musste, kam Bobby naturgemäß früh mit dem Gesetz in Konflikt und landete nach einem Sexualdelikt schließlich im Gefängnis. Jetzt, wieder auf freiem Fuß und mit deftigen Straftaten auf dem Kerbholz, verschlägt es ihn als Tagelöhner auf eine Baustelle in Manhattan. Und da taucht dieses wunderschöne Mädchen auf.

Zuerst das Positive: Matthew Weiner (*1965) kann schreiben. Seine Sätze sind kontrolliert schnörkellos, die Story realistisch, geradeaus und ohne jeden Schnick-Schnack. Irgendwo fiel der Vergleich mit Richard Yates, den ich – zumindest was die Qualität der Sätze angeht – unterschreiben kann. Dieser Blick auf die amerikanische Upper-Class mit ihren Erste-Welt-Problemen ist Weiner zweifellos gelungen. Und auch das Aufeinandertreffen der unterschiedlichen Gesellschaftsschichten ist immer ein gut gewähltes Thema. Alle haben Existenzängste, aber die der Mächtigen sehen anders aus, als die der Machtlosen.

Dass Weiners Erstling mit 140 Seiten so kurz ausgefallen ist, mag wohl daran liegen, dass er seit Jahren als Drehbuchschreiber für Serien wie Die Sopranos oder Mad Men erfolgreich tätig war und dafür mit Preisen überhäuft wurde. Leider geht dieses Konzept in Prosa nicht auf. Für eine Kurzgeschichte – was ALLES ÜBER HEATHER definitiv nicht ist – holt Weiner viel zu sehr aus; für einen Roman aber fehlt es an allen Enden. Nach dem überraschenden, aber doch recht plumpen Ende, hatte ich das Gefühl, dass das ganze Buch nur die Vorbereitung für die Schlusspointe war – irgendwie fühlte ich mich betrogen.

ALLES ÜBER HEATHER ist eine zu einem Roman aufgeblasene Kurzgeschichte, die sicher lesbar ist und für ein paar Stunden Unterhaltung bietet, sonst aber keine großen Mehrwert bringt.

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377 Bibliotheken, 7 Leser, 0 Gruppen, 93 Rezensionen

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Die Farbe von Milch

Nell Leyshon , Wibke Kuhn
Fester Einband: 208 Seiten
Erschienen bei Eisele Verlag, 22.09.2017
ISBN 9783961610006
Genre: Romane

Rezension:

*** Die folgende Rezension erschien erstmals auf meinem Blog www.booksterhro.wordpress.com. Schaut mal vorbei, ich freu mich auf Euren Besuch! ***

England im Jahre 1830. Mary ist die vierte und jüngste Tochter eines armen Bauern, der mit seiner Mädchenschar nicht gerade glücklich ist. Die Arbeit ist hart, die Zeiten sind finster – mit vier Söhnen wäre er besser dran. Hinzu kommt, dass Mary mit ihrem verkrüppelten Bein kaum für die schwere Landarbeit geeignet ist. Aber sie hat Grips, ist blitzgescheit und nicht auf den Mund gefallen. Eines Tages verschachert der Vater seine Jüngste für ein paar Kröten an den Gemeindepfarrer, bei dem sie sich um dessen kränkliche Frau kümmern soll.

Beim Pfarrer und der Missus findet Mary mit ihrer Bauernschläue und ihrer direkten Art schnell Anklang, die Pfarrersfrau schöpft durch Marys Pflege sogar wieder neuen Lebensmut und scheint zu gesunden. Doch im Laufe des Jahres erliegt sie schließlich ihrem Leiden und Mary bleibt allein mit dem Geistlichen zurück im Herrenhaus. Dieser erkennt das Potenzial Marys und bringt ihr mit der Bibel Lesen und Schreiben bei. Mary ist eine gute Schülerin, doch der Preis, den sie für dieses Wissen zahlen muss, ist hoch.

Nell Leyshon (*1962) hat mit ihrer Mary eine Romanfigur geschaffen, wie sie einem selten unterkommt. Ein Plappermaul sondergleichen, voller Sarkasmus, das nicht davor zurückschreckt, ihn einzusetzen, sei es nun vor den Lakaien oder den Hohen Herren. Und gerade, wenn wir Leser dieses Mädchen endgültig ins Herz geschlossen haben, zieht Leyshon die Daumenschrauben an und lässt Mary leiden, immer tiefer gleiten in eine Spirale aus Gewalt und Abhängigkeit. Die Atmosphäre wird – parallel zum Wetter draußen vor dem Pfarrhaus – immer kühler, frostig, eisig.

Mit ihrer scheinbar einfachen Geschichte macht Leyshon gleich mehrere Fässer auf: Die Unterdrückung der Frau, die Zwei-Klassen-Gesellschaft, sexueller Missbrauch in der Kirche, gleicher Zugang zu Bildung für alle. Damit wählt sie Themen, die auch fast zweihundert Jahre nach der eigentlichen Handlungszeit nichts an ihrer Brisanz eingebüßt haben. (Wie nennt man so etwas? Historische Gegenwartsliteratur?) Jedenfalls spürt man bei jeder Ungerechtigkeit, die Mary widerfährt, einen kühlen Fingerzeig auf unsere heutigen Probleme und Debatten, was gut und wichtig ist.

Was beim Lesen sofort auffällt, ist der stümperhafte Schreibstil. Die konsequente Missachtung der Kommaregeln und dass gefühlt jeder zweite Satz mit »Und dann…« beginnt, sind nur zwei der textlichen Eigenheiten. Aber es steckt eine Absicht hinter diesem Duktus, denn wie gleich im ersten Satz bemerkt wird, schreibt die ungebildete Mary dieses Buch, und die ist weit davon entfernt, eine sprachmächtige Schriftstellerin zu sein – ganz im Gegenteil. Aber nach und nach überliest man die Fehler, freundet sich irgendwie mit den holprigen Sätzen an und am Ende sieht man den Roman sogar als Marys Meisterstück an – und das völlig zu Recht.

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29 Bibliotheken, 0 Leser, 3 Gruppen, 7 Rezensionen

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Du springst, ich falle

Maryam Madjidi , Julia Schoch
Fester Einband: 224 Seiten
Erschienen bei Blumenbar, 18.05.2018
ISBN 9783351050504
Genre: Romane

Rezension:

*** Die folgende Rezension erschien erstmals auf meinem Blog www.booksterhro.wordpress.com. Schaut mal vorbei, ich freu mich auf Euren Besuch! ***

Die kleine Maryam wächst im Iran der frühen 1980er Jahre auf. Das Land fährt seit der Revolution 1979 einen politisch harten Kurs und Maryams Eltern müssen als Oppositionelle um ihre Existenz bangen. Außerdem überschattet der Krieg mit dem Nachbarn Irak das Leben aller Iraner – eine Flucht ist unausweichlich. Das Ziel ist Paris, Frankreich als Traum eines freien Lebens. Doch Maryam mit ihren sechs Jahren hat mehr zu kämpfen als ihre Eltern. Dieses merkwürdige Land mit seiner seltsamen Sprache soll ihre neue Heimat werden? Es beginnt eine Auseinandersetzung, die viele Jahre nicht enden wird.

Maryam Madjidi wurde 1980 in Teheran geboren und verließ als Kind mit ihren Eltern den Iran Richtung Frankreich. Es ist also ihre eigene Geschichte, die sie mit DU SPRINGST, ICH FALLE niederschreibt. Dabei bleibt sie den ganzen Roman über dicht bei ihrer Hauptperson, denn es geht ihr nicht um ein politisches Statement gegen den Iran oder die gesellschaftlichen Probleme eines Flüchtlings in der westlichen Welt. Madjidis Themen sind viel persönlicher: Der Verlust von Sprache und Kultur, das Annehmen einer neuen Heimat, der innere Kampf mit dem Neubeginn.

Madjidi findet für ihre Heldin eine sehr sanfte, poetische Sprache, die bei aller Ruhe aber auch die Wildheit und den Lebenshunger des Mädchens zum Ausdruck bringt. Ihre Geschichte und den Kampf mit ihrer Identität unterteilt sie in drei Lebensphasen – Madjidi nennt sie Geburten – und zeigt damit sehr anschaulich, wie das Mädchen mit sich und ihrer Umwelt hadert. Zunächst nimmt sie Frankreich nicht als ihr Land an, weigert sich französisch zu sprechen – obwohl sie es schnell lernt – und auch die Kultur und die eigenwillige Küche sind ihr zuwider. Doch später sieht sie sich als Französin, die ihre persischen Wurzeln verteufelt. Erst eine Reise in den Iran – Mayryam ist schon erwachsen – bringt die Versöhnung mit ihrer alten Heimat.

Stilistisch zeigt sich Madjidi vielseitig: Sie erzählt von Maryam in der dritten Person und ergänzt die Anekdoten in der Ich-Form, springt in den Zeiten, schreibt manche Kapitel nur in Dialogen und flicht Gedichte und kleine Märchen in den Text ein. Diese Märchen – die stets mit Es war einmal beginnen –, wunderschön erzählt und reich an Metaphern, gehören zu den stärksten Momenten des Romans. Ein berührendes Buch von einer talentierten Schriftstellerin.

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55 Bibliotheken, 2 Leser, 1 Gruppe, 5 Rezensionen

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Lincoln im Bardo

George Saunders , Frank Heibert
Fester Einband: 480 Seiten
Erschienen bei Luchterhand, 14.05.2018
ISBN 9783630875521
Genre: Romane

Rezension:

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(Bardo?) Im buddhistischen Glauben ist das Bardo eine Art Zwischenstation im Samsara, dem immerwährenden Zyklus des Seins, also der Bereich zwischen Leben und Wiedergeburt. (Hä?) So wie ein Gate im Flughafen, wenn du das Land offiziell schon verlassen hat,  aber noch auf den Flieger wartest. (Achso!) In ebensolches Bardo verschlägt es den kleinen Willie Lincoln, Sohn des Präsidenten, nachdem er im Februar 1862 elendig an Typhus stirbt. Das Bardo, das er betritt, ist eine Schattenversion des Friedhofs, auf dem er bestattet ist. Dort freundet er sich mit den beiden liebenswürdigen Chaoten Hans Vollman und Roger Bevins III an, und mit Reverend Everly Thomas, einem Geistlichen, der, mit einem dunklen Geheimnis belastet, das Bardo nicht verlassen kann.

Abraham Lincoln indes geht an der Trauer um seinen Goldjungen fast zu Grunde und es ist fraglich, ob er die Geschicke seines Landes in diesen schweren Zeiten zum Wohle aller weiterhin lenken kann. Ein paar Tage nach der Beerdigung schleicht er sich auf den Friedhof und öffnet Gruft und Grab, um seinem Sohn ein letztes Mal Lebwohl zu sagen. Willie beobachtet ihn dabei, dringt als Geist in seinen Vater ein und spürt dessen Liebe und Trauer. Von diesen Emotionen überwältigt, ist sich Willie sicher: Sein Vater wird ihn aus diesem Zwielicht befreien, er wird zurückkommen und ihn holen. Nun verlangen die Regeln des Bardo, dass man sich möglichst schnell zur Wiedergeburt bereit mache – doch Willie weigert sich und es entbrennt ein Kampf der Geister um seine Seele.

George Saunders (*1958) geht in seinem ersten Roman stilistisch – wie von seinen Kurzgeschichten gewohnt – ganz eigene Wege. In über hundert zum Teil sehr kurzen Kapiteln lässt er wie in einem Theaterstück unzählige Figuren sprechen, die in ihrem jeweiligen Duktus das Geschehen kommentieren. Heraus kommt ein kollektives Durcheinander, ein gegenseitiges Dazwischengequatsche, das gekonnt den Spagat zwischen Tragödie und Komödie schafft und irgendwo zwischen Shakespeare und Monty Python landet.

Federführend sind die Stimmen von Vollman – mit dem Riesenpenis – und Bevins – mit den hundert Händen –, über die wir Leser auch mehr erfahren als über die meisten anderen Geister, wo sie herkommen und wer sie waren. Interessanterweise ist die einzige Figur, die überhaupt nicht zu Wort kommt – nur indirekt über die Berichte anderer –, Präsident Lincoln, womit auch klar wäre, wer hier der eigentliche Titelheld ist.

Zwischen die Geisterstimmen eingewebt sind dutzende Ausschnitte aus Büchern, Chroniken und Briefen von Zeitzeugen, die Lincolns Präsidentschaft analysieren und kommentieren. Wie geht er mit dem Verlust seinen Sohnes um? Was hat das für Auswirkungen auf die Entscheidungen, die gefällt werden müssen, gerade in Kriegszeiten? Ich habe stichprobenartig ein paar der Verfasser dieser Ausschnitte im Netz gesucht und bin fündig geworden, also gehe ich davon aus, dass diese Berichte historisch belegt sind. Die Bardo-Geschichte in diese Wortmeldungen einzubetten – ein äußerst gelungener Schachzug!

Auch die Übersetzung ist großartig gelungen. Frank Heibert, den ich spätestens seit Queneaus STILÜBUNGEN und Faulkners SCHALL UND WAHN zu den Größten seiner Zunft zähle, hat hier wieder ganze Arbeit geleistet. Diese unzähligen Stimmen mit ihren unterschiedlichen Eigenschaften stilecht ins Deutsche zu übertragen – inklusive dutzender Wortneuschöpfungen –, das ist eine Leistung, die verehrt werden muss.

LINCOLN IM BARDO, Gewinner des Man Booker Prize 2017, hat mich aus dem Stand umgehauen. Ich war erschlagen von der Wucht der eigentümlichen Prosa, an die ich mich zugegebenermaßen erst gewöhnen musste, die mich dann aber mit einem lächelnden und einem tränenden Auge in Windeseile durch die Seiten trug. (450 Seiten in fünf Tagen? Das ist für mich Rekordleistung! – Allerdings steht durch die vielen Stimmwechsel auch oft nicht so viel auf den Seiten.) Und noch etwas: Ich bin überhaupt nicht religiös veranlagt – Religion liegt mir so fern wie … watweißich … Häkeln? – aber wenn ein Roman es schafft, dass ich denke: So könnte ich mir das Nachleben auch vorstellen – Hut ab!

Für mich ganz klar eines der besten Bücher des Jahres und definitiv einen Re-Read wert. Leseempfehlung für alle, die sich trauen, ihre gewohnten Lesegewohnheiten über Bord zu werfen und neue Pfade zu erkunden … und weder Shakespeare noch Monty Python abgeneigt sind.

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19 Bibliotheken, 0 Leser, 1 Gruppe, 13 Rezensionen

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Sonnenkönige

Marianne Jungmaier
Fester Einband: 224 Seiten
Erschienen bei Kremayr & Scheriau, 12.03.2018
ISBN 9783218011020
Genre: Romane

Rezension:

*** Die folgende Rezension erschien erstmals auf meinem Blog www.booksterhro.wordpress.com. Schaut mal vorbei, ich freu mich auf Euren Besuch! ***

Der junge Aidan lebt zusammen mit drei Mädchen in einer Wohngemeinschaft in Berlin und genießt die Freiheit, ein erfülltes Leben jenseits aller Konventionen führen zu können. Er hat ein lässigen Nebenjob in der Redaktion eines Musikmagazins, führt eine offene und erfüllende Beziehung mit Hannah und wenn ihm der Sinn nach Rausch und Zerstreuung steht, braucht er nur die Hand ausstrecken. Doch in ihm brodelt etwas – diese Sehnsucht nach mehr, nach einem Sinn, einer Bestimmung. Zwischen all dem Sex, den Drogen- und Fetischparties, zieht es Aidan hinaus in die Welt, um etwas von Wert zu schaffen und mit diesem Kapitel abzuschließen. Bill, ein Amerikaner aus San Francisco, den er bei einem Festival in den polnischen Wäldern kennenlernt, sagt die magischen Worte, die ihn in seinem Vorhaben bestätigen:

»Irgendwann, flüsterte er, wirst du Menschen, die dir nicht guttun, sein lassen, und dich mit jenen umgeben, die dir entsprechen.« (Seite 60)

Wochenlang arbeitet Aidan im Keller an einem riesigen Drachen aus Holz – einem Bildnis seines Selbst in dieser Phase seines Lebens –, den er beim legendären Festival Favilla in der Wüste Nevadas in Flammen aufgehen lassen will. Er nimmt Bills Einladung nach Amerika an und fliegt – seinen Drachen im Gepäck und eine Festanstellung in Aussicht – zum Festival und zum Ende seiner Jugend.

Marianne Jungmaier (*1985) hat mit SONNENKÖNIGE einen Coming-of-Age-Roman geschrieben, der vor allem durch seinen ruhigen Schreibstil besticht. Jungmaiers Themen sind wild und bunt: Es wird gevögelt, gekokst und gefeiert, freie Liebe, BDSM-Parties – die Sätze jedoch bleiben im krassen Gegensatz dazu unaufgeregt und zielorientiert. Das hat den wohltuenden Effekt, dass die durchaus deftigen Szenen weder unangenehm werden noch aufgesetzt wirken, dass wir Leser also nicht einfach zu Voyeuren degradiert werden. Das ist in meinen Augen ein Akt des Respekts der Schriftstellerin ihrem Publikum gegenüber, den ich dankbar annehme und zu schätzen weiß.

Nun ist die Ebene unter dem Text, das eigentliche Thema – der Abschied von der Jugend, der kontrollierte Schritt in eine neue Lebensphase –, literarisch sicherlich kein Neuland; ganze Bibliotheken könnten mit Büchern dieser Art gefüllt werden. Die Frage ist, was Jungmaier diesem Thema noch hinzufügen kann. Und hier muss ich bei SONNENKÖNIGE leider ein paar Abstriche machen, denn Aidan ist mir den ganzen Roman über viel zu passiv – er reagiert nur, lässt sich treiben. Und auch der Bau seines Drachen – ein schönes Bild übrigens – geschieht eher aus einem Antrieb, den er nicht genau bestimmen, geschweige denn beschreiben kann. Als seine Beziehung zu Hannah zerbricht, nimmt er es hin, ohne um sie zu kämpfen, nicht mal ordentlich streiten kann er. Mir fehlen die großen Erkenntnisse, die Aha-Effekte. Bei Aidan sehe ich da nur ein müdes Schulterzucken: »Is‘ halt so.«

Vielleicht ist diese wortlose, bauchgesteuerte Wesensart aber auch ein bewusstes Abbild einer gelangweilten Jugend, die nie um etwas kämpfen musste, und Jungmaier trifft mit ihrer Aidan-Figur genau ins Schwarze? Ich gestehe: Als zweifacher Familienvater mittleren Alters im beschaulichen Rostock weiß ich herzlich wenig um die heutige Jugend in Berlin-Mitte. Ich möchte der Autorin deshalb auch kein Unrecht tun und schließe meine Besprechung mit dem Fazit: Ein sanftes Buch in einer wilden Welt.

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29 Bibliotheken, 3 Leser, 0 Gruppen, 18 Rezensionen

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Toni und Moni oder: Anleitung zum Heimatroman

Petra Piuk
Fester Einband: 208 Seiten
Erschienen bei Kremayr & Scheriau, 17.08.2017
ISBN 9783218010795
Genre: Romane

Rezension:

*** Die folgende Rezension erschien erstmals auf meinem Blog www.booksterhro.wordpress.com. Schaut mal vorbei, ich freu mich auf Euren Besuch! ***

In Schöngraben an der Rauscher ist die Welt noch in Ordnung. Die Landschaft ist malerisch und immer scheint die Sonne. Die strammen Landburschen lieben die hübschen Dorfmädchen. Die Männer sind im Wirtshaus und ihre Frauen hinterm Herd, wo sie auch hingehören. Die Schöngrabener lieben ihre Heimat, die schöne Musik, das gute Essen und den guten Wein, denn sie sind gute Menschen unter Gottes Segen.

In dieser österreichischen Idylle wachsen Toni und Moni auf. Sie sind füreinander bestimmt, denn die liebe Frau Schriftstellerin will es so. Doch – ach du Schreck! – da kommt der fesche Michael und schnappt dem Toni die Moni vor der Nase weg. Das glückliche Ende ist in Gefahr! Los, Toni! Du musst um die Moni kämpfen, sonst springen uns die Leser ab! Doch es kommt noch schlimmer: Die Moni, diese Nestbeschmutzerin, will ihre Heimat verlassen und in die große Stadt ziehen, wo doch jeder weiß, dass dort die Frauen in der U-Bahn von den Flüchtlingen vergewaltigt werden, und keinen interessiert’s! Das kann doch unser Toni nicht zulassen! Frau Schriftstellerin, so tun Sie doch was...

Eines gleich vorweg: Ich habe bei einem Buch lange nicht mehr so viel und so laut lachen müssen, wie bei TONI UND MONI. Was Petra Piuk (*1975) hier zwischen die Buchdeckel hämmert, ist zum Brüllen komisch, ist so voller Sarkasmus und Provokation, so dermaßen anti … das ist literarischer Punk! Hier werden gekonnt alle Regeln der Heimatroman»kunst« aus den Angeln gehoben, Piuk gräbt sich durch die dicke Schicht aus Kitsch und Schnulz und gibt nach und nach den Blick frei auf den schmutzigen Boden darunter. Dort kommen ganz unverblümt Sexismus, Fremdenhass und häusliche Gewalt zum Vorschein.

Bei ihrer Sezierarbeit macht Piuk eine Metaebene nach der anderen auf: Sie streitet sich in zahlreichen Fußnoten mit ihrer Lektorin, ändert zähneknirschend die Geschichte des Dorfes, um sie erzürnten Leserbriefen anzupassen, lässt die Schöngrabener sich ihrer Fiktionalität bewusst werden und verliert sich dank einer Schreibblockade zusehends im Äther zwischen den Zeilen. Ein großer Spaß für Postmodernisten also.

Der Humor ist – je nach Thema, das gerade beackert wird – teils harmlos witzig, teils übel makaber, in jedem Falle aber entlarvend. Natürlich bedient sich Piuk auf beiden Seiten an Klischees, sowohl bei der Heimatidylle mit ihrem güldenen Schein, als auch bei der Subgesellschaft, die sie vorführen will. Aber die Message ist klar und deutlich, und ich kann mir vorstellen, dass TONI UND MONI in manchen Gegenden nicht gerade auf Wohlwollen stößt. Mich hat der Roman ein bisschen an Reinhard P. Grubers AUS DEM LEBEN HÖDLMOSERS erinnert, wo ähnlich – wenn auch nicht ganz so heftig – auf etwaige Konventionen gepfiffen wird. Für mich hat Piuks Roman das Zeug zum Kultbuch. Ein deftiger Schlag in die Fressen der Schlager-mitschunkelnden Heile-Welt-Doppelmoralisten.

Mein Tipp: Wenn Ihr dieses Jahr nur ein Buch lesen dürftet, nehmt dieses.

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20 Bibliotheken, 1 Leser, 2 Gruppen, 4 Rezensionen

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Mister Weniger

Andrew Sean Greer , Tobias Schnettler
Fester Einband: 336 Seiten
Erschienen bei S. FISCHER, 21.03.2018
ISBN 9783103973280
Genre: Humor

Rezension:

*** Die folgende Rezension erschien erstmals auf meinem Blog www.booksterhro.wordpress.com. Schaut mal vorbei, ich freu mich auf Euren Besuch! ***

Arthur Weniger, Schriftsteller aus San Francisco, stehen zwei furchtbare Dinge bevor: Er wird demnächst fünfzig – ein Termin vor dem er große Angst hat – und Freddy Pelu, Liebe seines Lebens, heiratet demnächst einen anderen. Um dem ganzen Hochzeitstrubel zu entgehen, macht sich Weniger auf, die Welt zu erkunden. Teils beruflich, teils privat nimmt er über Monate hinweg Angebote aus aller Welt an. New York, Mexiko, Italien, Deutschland, Frankreich, Marokko, Indien, Japan – das ist die Route seiner ehrgeizigen Reise, die eigentlich eine Flucht ist. Eine Flucht vor den Leuten und sich selbst. Denn was Weniger am meisten fehlt, ist Selbstvertrauen.

Andrew Sean Greer (*1970) kennen die meisten sicher durch seinen Erfolgsroman DIE ERSTAUNLICHE GESCHICHTE DES MAX TIVOLI, ein – wie ich damals fand – dreistes Plagiat des Benjamin-Button-Themas von F. Scott Fitzgerald. Seitdem hatte ich Greer überhaupt nicht mehr auf dem Schirm – für mich persönlich als irrelevant eingestuft –, bis im April die Meldung kam, er hätte mit seinem aktuellen Roman den Pulitzer Prize for Fiction gewonnen. Schau mal einer an, dachte ich, dann geb‘ ich ihm wohl noch eine Chance. Abschreckenderweise las ich im Klappentext als erstes: »Eine erfrischend andere Liebeskomödie.« Sind Pulitzer-Romane sonst nicht immer tragische Schwergewichte voller Gewalt und Tod? Nun also eine Romanze. Na, das kann ja was werden – ich und Liebesgeschichten…

Der Spaß kam aber beim Lesen. Greer zeigt in MISTER WENIGER einen unglaublich zielsicheren Humor. Der Roman beginnt in bester Screwball-Manier temporeich und chaotisch, wird aber zum Ende hin, wenn wir Weniger schon etwas besser kennen, entspannter und tiefgründiger, ohne aber auf Lacher zu verzichten. Manche seiner Pointen bereitet Greer lange vor, sodass wir ihm erst um ein paar Ecken folgen müssen, bis der Groschen fällt. Die Dialoge sind stark und auch die Figuren sind liebevoll und tief gezeichnet. Mit vielen gut eingebetteten Rückblenden lernen wir vor allem den Titelhelden sehr gut kennen, was ihn mit all seinen Macken unglaublich symphatisch macht. Der Schluss wartet mit einem guten Twist auf, den man zwar schon vor dem Ende wittern kann, was dem Lesespaß aber keinen Abbruch bereitet.

Die Übersetzung von Tobias Schnettler hakt hier und da etwas, besonders bei den Szenen, die in Deutschland spielen, was man Schnettler aber nicht in Rechnung stellen kann. Artur Weniger ist der deutschen Sprache mächtig – zumindest ist er dieser Überzeugung –, und was im amerikanischen Original als Wortwitz durchgeht, funktioniert im Deutschen nur bedingt. Sei’s drum. Schwieriger fand ich da schon die Entscheidung, den Namen unseres Helden ins Deutsche zu übertragen. Bei der Hälfte der Lektüre wagte ich einen Blick in die Leseprobe des Originals und stellte fest, dass Arthur Weniger dort Arthur Less heißt. (Bis dahin hatte ich Weniger immer amerikanisch gelesen – also ungefähr: Uennigga –, danach nicht mehr.) Diese Umbenennung ist, wie ich finde, unsinnig und hemmt den Lesefluss.

Habe ich denn nun meinen Frieden mit Greer gemacht? Ja, das kann man schon so sagen. MISTER WENIGER ist wundervoll zartherzig, sehr witzig und – vor allem – frei von jedem Kitsch. Für den Pulitzer Prize ist mir der Roman dennoch zu untypisch. Es ist ein Buch für laue Sommerabende. Es ist gute Unterhaltung – nicht mehr, aber auch nicht weniger.

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1 Bibliothek, 0 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

Die Geschichte der Belagerung von Lissabon

José Saramago , Andreas Klotsch
Flexibler Einband: 448 Seiten
Erschienen bei Atlantik Verlag, 20.02.2018
ISBN 9783455000603
Genre: Romane

Rezension:

// Die folgende Rezension erschien erstmals auf meinem Blog www.booksterhro.wordpress.com. Schaut mal vorbei, ich freu mich auf Euren Besuch! //

Kleine Geschichtsstunde gefällig? Im Jahre 1139 wurde Dom Afonso Henriques durch die gewonnene Schlacht von Ourique, einer Stadt im Süden Portugals, die er von den Mauren befreite, zum ersten König Portugals. Acht Jahre später, 1147, eroberte er auch das Gebiet um Santarém. Nur die große Stadt Lissabon war immer noch in maurischer Hand. Im selben Jahr startete in Mitteleuropa der Zweite Kreuzzug in Richtung Palästina. Ein Teil der Kreuzfahrer reiste auf dem Seeweg und somit auch an Portugals Küste entlang. Dom Afonso bat die Kreuzritter um Unterstützung bei der Belagerung von Lissabon und sie einigten sich auf den Deal, dass ihnen das Recht der Plünderung der Stadt zustünde und sie sie anschließend dem König überließen. So wurden die Heereskassen der Kreuzritter gefüllt und Afonso konnte sich endlich seine Macht über ganz Portugal sichern.

In Saramagos Roman nun begleiten wir den Korrektor Raimundo Silva bei seiner Arbeit. Bei dem Auftrag, ein Geschichtsbuch über ebenjene Belagerung auf Fehler zu durchsuchen, fügt er – einer subversiven Laune folgend – das unscheinbare Wörtchen nicht ein und ändert damit den Lauf der Geschichte. Denn dieses kleine nicht, an der richtigen Stelle platziert, bedeutet, dass die Kreuzfahrer dem König ihre Hilfe verweigern, ihn eben nicht bei der Belagerung von Lissabon unterstützen.

Die Verlagsleitung ist empört. Doch statt Silva zu feuern, nimmt sich Maria Sara – Silvas neue Vorgesetzte – ein Herz und spornt ihn an, die geänderte Geschichte fortzuschreiben. Mit großem Elan macht sich Silva daran, eine gewaltige Uchronie zu ersinnen, die auch ohne die Kreuzritter die Stadt zum Ziel hat, in der er lebt – das heutige Lissabon.

In gewohnter Kunstfertigkeit verwebt José Saramago (1922–2010) in DIE GESCHICHTE DER BELAGERUNG VON LISSABON gleich zwei Erzählstränge miteinander. Denn neben der titelgebenden historischen Begebenheit – obgleich von den Fakten abweichend –, lernen wir auch die Geschichte des Korrektors Silva kennen. Diese Figur hat den typischen Saramago-Charakter: intelligent, introvertiert, ewig zweifelnd. Durch die Beziehung zu Maria Sara, mit der er später ein sexuelles Verhältnis beginnt, durchlebt Silva eine enorme Entwicklung, die sich auch auf sein Schreiben auswirkt – eine meisterhafte Verknüpfung der Ebenen.

Stilistisch gibt es – auch das ist bei Saramago Usus – das volle Brett: Die Sätze schlängeln sich meterlang durch die Seiten; die wörtliche Rede ist ohne Anführungszeichen, nur durch Kommata getrennt, in den Fließtext eingebettet; das Vokabular ist gehoben und wirkt oftmals fast antiqiert, was zwar durchaus zum mittelalterlichen Kriegstreiben passt, weniger aber zum Korrektor und seiner Angebeteten. Auch die sich sehr zäh hinziehende Liebesbeziehung könnte eher einem Austen-Roman entstammen – Silva und Sara liefern sich vor dem ersten Kuss einen immerhin dreihundert Seiten langen Eiertanz nach dem Muster: Du legst zuerst auf, Nein du legst auf, Nein du … da ist es manchmal mühsam, am Ball zu bleiben.

Aber das soll den Wert des Buches nicht schmälern. DIE GESCHICHTE DER BELAGERUNG VON LISSABON ist ein kunstvoll geschriebener und dicht verwobener Roman. Er ist Liebesgeschichte und Historienepos in einem, und gerade aus heutiger Sicht, in Zeiten von Fake News und Alternative Facts, als geradezu visionär einzustufen.

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11 Bibliotheken, 0 Leser, 1 Gruppe, 3 Rezensionen

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Waldes Dunkel

Nicole Krauss , Grete Osterwald
Fester Einband: 384 Seiten
Erschienen bei Rowohlt , 20.02.2018
ISBN 9783498035761
Genre: Romane

Rezension:

*** Die folgende Rezension erschien erstmals auf meinem Blog www.booksterhro.wordpress.com. Schaut mal vorbei, ich freu mich auf Euren Besuch! ***

Gleich zwei unterschiedliche Geschichten sind es, die Nicole Krauss in ihrem neuen Roman erzählt. Doch auch wenn sich die beiden Protagonisten im Buch nicht treffen, haben sie doch ähnliche Intentionen, verfolgen die gleichen Ziele, ihre Leben nämlich nach schweren Niederlagen in neue Richtungen zu lenken.

Da ist zum einen Jules Epstein, ein alternder Millionär aus New York, der nach der Diagnose Krebs, die er vor allen anderen geheim hält, in seine alte Heimat Israel zurückkehrt, um dort – zum Leidwesen seiner Erben und Anwälte – sein üppiges Vermögen für wohltätige Zwecke zu verschleudern. Einer Intuition folgend fasst er den Plan, in Gedenken an seine Eltern aus hunderttausenden von Setzlingen einen Wald in die Wüste Negev zu pflanzen. Doch kaum in Israel angekommen, macht er die Bekanntschaft mit einem Rabbiner, der felsenfest davon überzeugt ist, Epstein gehöre zu den letzten lebenden Nachkommen Davids, des biblischen Königs von Juda und Israel, und stehe somit in direkter Verwandschaft mit Jesus. Auch in der Wüste wird Epstein von seinem Plan abgelenkt, denn dort wird gerade ein Film gedreht. Das Thema: David gegen Goliath.

In der zweiten Handlungsebene folgen wir einer jungen Autorin – ihr Name wird nur einmal am Rande erwähnt: Nicole –, die ebenfalls von New York nach Israel unterwegs ist. Sie allerdings flieht nicht vor dem krankheitsbedingten Ende, sondern vor ihrer Ehe, die sich in den letzten Jahren zu einem nicht enden wollenden Kampf entwickelt hat. Ihr Ziel ist das berühmte Hilton Hotel in Tel Aviv, direkt am Ufer des Mittelmeeres, wo auch Epstein untergebracht ist. In diesem Hotel, in dem sie während ihrer Kindheit jedes Jahr im Urlaub war, sucht sie nach Inspirationen für ihr neues Buch. Da kommt es ihr nicht ungelegen, dass sie von dem ehemaligen Literaturprofessor Friedman angesprochen wird, der sie auf eine interessante Theorie über ihr Jugendidol Franz Kafka aufmerksam macht. Dieser soll, so Friedman, nach seinem offiziellen Tod 1924 noch mehr als dreißig Jahre putzmunter weitergelebt haben – und zwar hier in Israel. Friedman verschafft der Schriftstellerin Zugang zu einem ominösen Koffer mit den letzten geheimen Manuskripten Kafkas mit der Bitte um Sichtung, Vollendung und Veröffentlichung. Doch ehe sie mit der Arbeit beginnen kann, wird sie krank, verliert erst den Verstand, dann das Bewusstsein und findet sich in einer abrissreifen Hütte in der Wüste Negev wieder.

Nicole Krauss (*1974), der im deutschprachigen Raum 2006 mit ihrem Familiendrama DIE GESCHICHTE EINER LIEBE der Durchbruch gelang, bleibt mit ihrem jüngsten Roman ihren Themen treu. Die Identität der heutigen Juden in der Diaspora und der Umgang mit dem religiösen und gesellschaftlichen Erbe – das sind die Triebfedern ihrer Geschichten. Allerdings hat sich Krauss seit ihren ersten Erfolgen enorm weiterentwickelt. Was die gebürtige New Yorkerin in WALDES DUNKEL alles zwischen die Zeilen schreibt, ist so vielschichtig und tiefschürfend, da ist es kein Wunder, dass sich Größen wie Philip Roth sehr beeindruckt zeigen.

In wechselnden Kapiteln folgen wir Epstein und der Autorin auf ihrer Suche nach einem Sinn, einer Aufgabe im Leben. Während die Kapitel um Epstein eher humorvoll gezeichnet sind – Jules Epstein wirkt mitunter leicht trottelig und gerät von einer Katastrophe in die nächste –, geht es bei der Schriftstellerin in aller Ernsthaftigkeit immer ums Ganze. Anders als bei Epstein, aber passend zur Figur, wählt Krauss hier die Ich-Form und schreibt sich, so scheint es, eine in langen Jahren angestaute Wut und Verzweiflung von Seele, die einer Nabelschau gleichkommt und in einem wirren Delirium gipfelt … geradezu kafkaesk – selten ist dieses überbeanspruchte Adjektiv passender.

Zu den ganz großen Momenten in WALDES DUNKEL zählt die fiktive (Nach-)Lebensgeschichte Kafkas, die im Buch dermaßen glaubwürdig geschildert und belegt wird, dass ich mich parallel erstmal belesen musste, ob da was dran ist. Auch der Schluss des Romans, der mit einem äußerst cleveren Twist aufwartet, der dem Buch nochmal ein letztes Funkeln verleiht, ist ein absolutes Highlight. Ohne diesen Trick, so befürchte ich, wäre die ganze Rätselhaftigkeit, die ganze Bedrohlichkeit, die sich über die fast vierhundert Seiten aufbaut, einfach verpufft. Am Ende lässt sich sagen: Eine fordernde, aber lohnende Lektüre.

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66 Bibliotheken, 8 Leser, 0 Gruppen, 21 Rezensionen

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Unter der Haut

Gunnar Kaiser
Fester Einband: 528 Seiten
Erschienen bei Berlin Verlag, 01.03.2018
ISBN 9783827013750
Genre: Romane

Rezension:

Jonathan Rosen, ein junger Student aus New York, lernt im Sommer 1969 – dem geschichtsträchtigen Jahr der Mondlandung, der Manson-Morde und des Woodstock-Festivals – den schon etwas älteren Josef Eisenstein kennen, einen hochgebildeten Mann, für den es nur zwei Themen auf der Welt zu geben scheint: Frauen und Bücher. Jonathan kann sich der Aura Eisensteins nicht entziehen und schließt sich ihm an. Eisenstein führt ihn ein in die Welt der Bücher – kostbare Einzeldrucke und uralte Erstausgaben finden sich in Eisensteins Bibliothek – und in die Kunst der Verführung. Bald gehen die beiden gemeinsam auf Beutezug: Eisenstein verführt die jungen Frauen, und während Jonathan mit ihnen schläft, schaut er dabei zu.

Merkwürdigerweise ist Eisenstein selbst nie an körperlichem Kontakt interessiert, vermeidet selbst kleinste Berührungen. Auch, dass Jonathan die Frauen später nicht wieder sieht, und der eindringliche Rat Eisensteins, er solle sich nie in eines der Mädchen verlieben, mutet seltsam an. Erst Jahrzehnte nach Eisensteins plötzlichem Verschwinden bekommt Jonathan Besuch von einer FBI-Agentin, die Licht ins Dunkel bringen will in den ungeklärten Fall einer Mordserie.

Mit UNTER DER HAUT hat uns Gunnar Kaiser (*1976) einen atmosphärisch dichten und klug komponierten Kriminalroman geliefert, der in seinen Grundthemen – Obsession und Tod – an Patrick Süskinds DAS PARFUM erinnert. Sehr gelungen ist die Konstruktion des Buches, das sich in mehrere Unterbücher gliedert, die die verschiedenen Figuren begleiten und von Kaiser kunstvoll miteinander verschachtelt und verhakt werden. Mit diesem Zickzack der Erzählweise führt Kaiser seine Leser oft gezielt aufs Glatteis, bringt sie aber auch gekonnt wieder auf festen Boden zurück, was nicht jeder Autor schafft.

Stilistisch zeigt sich Kaiser wandlungsfähig: Die Jugendzeit Eisensteins, die im Deutschland der 1930er Jahre spielt, liest sich zeitgemäß sachlich, während die Szenen in den wilden Sechzigern viel lockerer und verspielter sind. Jederzeit aber existiert eine drohende, unterschwellige Spannung zwischen den Zeilen, was einen guten Kriminalroman ja auch ausmacht.

Mit Gunnar Kaiser tritt in diesem Frühling neben Mareike Fallwickl ein weiterer Buchblogger als Debüt-Autor in Erscheinung. Ich gebe zu, dass meine Erwartungen an UNTER DER HAUT recht hoch waren, denn wenn jemand, der seit Jahren Bücher kritisiert und bewertet, mit einem eigenen Roman an die Öffentlichkeit geht, sollte er wissen, was ein gutes Buch ausmacht. In diesem Fall ist die Rechnung aufgegangen. Kaisers Debüt ist ein kurzweiliger Krimi – packend geschrieben, anspruchsvoll komponiert.

*** Diese und viele weitere Rezensionen könnt Ihr in meinem Blog Bookster HRO nachlesen. Ich freue mich auf Euren Besuch ***

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12 Bibliotheken, 0 Leser, 2 Gruppen, 2 Rezensionen

Die Universität

Andreas Maier
Fester Einband: 147 Seiten
Erschienen bei Suhrkamp, 12.02.2018
ISBN 9783518427859
Genre: Romane

Rezension:

Nach Italien soll es gehen, in die Sonne, ins Land der Zitronen und Orangen, doch irgendeine Kraft zieht ihn stattdessen ins beschauliche Butzbach in der Wetterau. Denn hier wohnt und arbeitet die Buchhändlertochter, die er schon seit der Schulzeit nicht mehr gesehen hat und in die er immer noch ein bisschen verschossen ist.

In seinem neuesten Roman begleiten wir Andreas Maier (*1967) durch seine Studentenzeit Ende der 1980er Jahre, und auch hier – wie schon bei den Vorgänger-Romanen – sind es einzelne kleine Episoden, die er vor uns ausbreitet und mit großer Detailversessenheit durchleuchtet. Die Eingangsszene in Butzbach oder die, in der er unter einer Matratze ein altes Erotikmagazin findet, was ihn zu stundenlangem Philosophieren über sich und sein Leben verleitet, solche Szenen sind sowohl humorvoll als auch nachdenklich. Ernster dagegen – geradezu ergreifend – ist das Kapitel, in dem er als Krankenpfleger der alten Gretel Adorno zugewiesen wird. Sie ist die Witwe des Frankfurter Philosophen Theodor W. Adorno. Nach dessen Tod unternahm sie einen Suizidversuch und ist seitdem pflegebedürftig, schreit und geifert, schlägt und kratzt um sich. Doch für Andreas ist die Faszination dieser Frau – und überhaupt in der Wohnung eines so berühmten Paares zu stehen – größer, als der Schmerz, den sie ihm zufügt.

Man merkt dem Protagonisten erstmals eine Reife an, die zweifellos vom Philosophie-Studium herrührt. In den vorigen Teilen war es Maier, der Autor, der seinen Erinnerungen diese gewisse Tiefe gab, jetzt ist es Andreas, sein Protagonist, der das tut. Doch auch stilistisch macht Maier einen großen Schritt und stellt seinem Helden neuerdings eine innere Stimme zur Seite, die seine Taten kommentiert und mit der er ständig im Dialog steht. Ein weiteres Novum sind die Fußnoten, die es vorher – wenn ich mich recht entsinne – noch nicht gab.

DIE UNIVERSITÄT ist mittlerweile der sechste Band der Ortsumgehung, wir haben also Halbzeit, oder: Bergfest – das Wort passt besser in die Wetterau, wo der Großteil, der Erinnerungen spielt. Ich kann diese Reihe jedem nur wärmstens ans Herz legen, denn sie ist großartig und Andreas Maier ein hervorragender Schriftsteller mit großer Könnerschaft und tiefem Blick in seine Figuren. Die einzelnen Romane sind keine dicken Wälzer, es sind wohldosierte Konzentrate, in denen Maier das zum Ausdruck bringt, wofür andere Autoren fünfhundert Seiten brauchen. Ich bin gespannt auf die folgenden Bücher, auch wenn es bis zu einem Abschluss wohl noch viele Jahre dauern wird.

*** Diese und viele weitere Rezensionen könnt Ihr in meinem Blog Bookster HRO nachlesen. Ich freue mich auf Euren Besuch ***

Hier nochmal die Links zu den Rezensionen der anderen Romane der Reihe:
DAS ZIMMER | DAS HAUS | DIE STRASSE | DER ORT | DER KREIS

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14 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 2 Rezensionen

Der Kreis

Andreas Maier
Fester Einband: 149 Seiten
Erschienen bei Suhrkamp, 08.08.2016
ISBN 9783518425473
Genre: Romane

Rezension:

Der fünfte Teil der Ortsumgehung (Aber sagt man beim Straßenbau statt Teil nicht besser Abschnitt?)  führt uns durch Maiers Schulzeit. Vier Begebenheiten hat der Autor aus seinem Fundus an Erinnerungen ausgewählt, um sie mit gebührendem Abstand von mehreren Jahrzehnten noch einmal genauestens unter die Lupe zu nehmen.

Die einzelnen Kapitel – benannt nach den Stufen des schulischen Werdegangs: Grundschule, Unter-, Mittel- und Oberstufe –, behandeln jeweils ein Thema, dessen sich Maier annimmt. Das Arbeits- und Studierzimmer der Mutter zum Beispiel, mit den geheimnisvollen Büchern, dessen Titel nicht mit Wörtern geizen, die auf »-logien« und »-ismen« enden; ihre Korrespondenz mit und die aufreibenden Besuche bei Fritz Usinger, dem frühen Büchner-Preisträger, der in einer kafkaesk Burg über der Stadt wohnt und auf die Sterblichen hinabblicken kann.

Oder das erste Rockkonzert im zarten Alter von dreizehn Jahren, das sich schmerzhaft und unvergesslich in die Gehörgänge Maiers eingegraben haben muss. Selten habe ich einen so passenden Text über ein Thema gelesen, von dem ich behaupte, einiges zu verstehen. (Mein erstes, offiziell als großes geltende Konzert – nach unzähligen Mini-Live-Acts in kleineren Clubs – war THE OFFSPRING 1995 in Berlin. Bis auf das Jahr, die Stadt und die Band, die Maier bei sich übrigens namenlos lässt, sind es exakt meine Eindrücke, die er hier niederschreibt. Allein für dieses Kapitel lohnt sich das ganze Buch.)

Auch die Theateraufführung an seiner Schule – mit jungen Darstellern wie Thomas Heinze und Mathias Herrmann, die sich später auch wirklich als Schauspieler einen Namen machten – ist unterhaltsam und, mit dem für Maier typisch sezierenden Blick, authentisch. Einzig das letzte Kapitel, in dem er einige Episoden nur noch anreißt, um stilistisch den Bogen, oder: den Kreis, zu schließen, wirkt irgendwie unvollständig und abgebrochen. Ein kleiner Wermutstropfen in einem ansonsten großartigen Roman.

*** Diese und viele weitere Rezensionen könnt Ihr in meinem Blog Bookster HRO nachlesen. Ich freue mich auf Euren Besuch ***

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