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807 Bibliotheken, 11 Leser, 2 Gruppen, 169 Rezensionen

dystopie, hacker, jugendbuch, zukunft, science fiction

Mind Games

Teri Terry ,
Fester Einband: 464 Seiten
Erschienen bei Coppenrath, 01.06.2015
ISBN 9783649667124
Genre: Jugendbuch

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23 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

fantasy, nebelheim, untenwelt, hörbuch, eydeet

Rumo und Die Wunder im Dunkeln

Walter Moers ,
Audio CD
Erschienen bei OSTERWOLDaudio, 13.07.2015
ISBN 9783869522791
Genre: Fantasy

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679 Bibliotheken, 11 Leser, 2 Gruppen, 106 Rezensionen

märchen, fee, hexenjäger, julia adrian, liebe

Die Dreizehnte Fee - Entzaubert

Julia Adrian
Buch: 220 Seiten
Erschienen bei Drachenmond-Verlag, 28.10.2015
ISBN 9783959911320
Genre: Fantasy

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1.005 Bibliotheken, 14 Leser, 4 Gruppen, 194 Rezensionen

märchen, hexenjäger, fee, fantasy, julia adrian

Die Dreizehnte Fee - Erwachen

Julia Adrian , Svenja Jarisch
Flexibler Einband: 212 Seiten
Erschienen bei Drachenmond-Verlag, 05.10.2015
ISBN 9783959911313
Genre: Fantasy

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186 Bibliotheken, 8 Leser, 0 Gruppen, 9 Rezensionen

klassiker, coming of age, new york, jugend, englisch

The Catcher in the Rye

J. D. Salinger
Flexibler Einband: 277 Seiten
Erschienen bei Little Brown & Co, 29.04.2011
ISBN 9780316769174
Genre: Romane

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125 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 46 Rezensionen

familie, arbeitslosigkeit, beruf und familie, roman, glück

Die Glücklichen

Kristine Bilkau
Fester Einband: 320 Seiten
Erschienen bei Luchterhand, 16.03.2015
ISBN 9783630874531
Genre: Romane

Rezension:

Was braucht der Mensch, um glücklich zu sein? Eine Frage, die das menschliche Denken beschäftigt, seit es dazu in der Lage ist, sich nach etwas zu sehnen. Viele kluge Menschen haben sich seit Jahrtausenden der Beantwortung dieser Frage gewidmet und doch bleibt es stets etwas höchst Subjektives: Die Gesundheit? Die Liebe vielleicht? Oder ist es doch Macht, Erfolg und Geld? Manchmal gar Bescheidenheit?
Kristine Bilkaus Debütroman Die Glücklichen stellt diese Fragen ganz explizit für Menschen, die scheinbar alles haben und daher so viel verlieren können. Erschienen ist der Roman im März 2015 im Luchterhand Literaturverlag und wurde seitdem nicht zu unrecht viel besprochen und hoch gelobt.

Mit Die Glücklichen hat Kristine Bilkau ein einfühlsames Portrait einer jungen, erfolgsverwöhnten Kleinfamilie aus der Mittelschicht gezeichnet, die feststellen muss, in einer Zeit zu leben, in der Sicherheiten Wunschvorstellungen geworden sind und die einstigen Jugendträume schneller platzen können als einem lieb ist. Nicht nur sie selbst, auch die Erwartungen an ihre Zukunft müssen hinterfragt und neu definiert werden. Bilkau offenbart dabei ein Gespür für Details, die kleinen Pausen zwischen den Atemzügen, in denen sich die ganze Tragik, aber auch Hoffnung zeigt.

Die Glücklichen ist ein ergreifender Roman, der den Leser wie einen Voyeur am Leben, Scheitern und Wiederaufrappeln teilhaben lässt. Der Roman ist wie ein Fenster in das Leben von Isabell, einer jungen Mutter und Cellistin, und Georg, der gerade am eigenen Leib erleben muss, wie die augenscheinliche Sicherheit vor seinen Augen unaufhaltsam zerbröckelt. Isabell und Georg sind Menschen, die klare Vorstellungen von ihrer Zukunft hatten und fest damit rechneten, dass alles genau so laufen musste. Menschen, die das Leben mit kindlicher Naivität umarmt haben, ohne die Möglichkeit des Scheiterns zu bedenken. In ihrer kleinen mittelständischen Welt sind sie umgeben von aufgehübschten Fassaden, strahlend weißen Lächeln, Feinkost und Erfolgsgeschichten – Das Leben der Anderen ist ein Maßstab, an dem es sich zu messen gilt. Unbewusst beginnt Georg zu rebellieren, einen Weg einzuschlagen, den Isabell nicht mitgehen kann.

Mit dem Wechsel der Jahreszeiten beginnt die Entfremdung, einzig zusammengehalten durch den kleinen Sohn Matti. Zwischen all der provokanten Schweigsamkeit, den unausgesprochenen Vorwürfen, den Verdrängungsversuchen, steht er für die Zukunft, die Hoffnung – auf ein neues Leben, ein glücklicheres vielleicht.
Aller Spontaneität beraubt, müssen sich Isabell und Georg ihrer Lage stellen. Wie geht es weiter? Kann man die Wohnung halten? Welchen Platz hat man in der Arbeitswelt? Was braucht man, um glücklich zu sein?

Fast könnte man denken, Kristine Bilkau hätte das alles selbst erlebt, so klar, so ergreifend ist das gezeichnete Bild. Dieses Milieu, diese Menschen, Geschichten muss sie gut kennen – sie ist eine gute Beobachterin. Der intuitive Schreibstil changiert zwischen den Emotionen hin und her. Mal ist er von Hoffnung durchtränkt, dann vor Verzweiflung spröde oder rasend vor Wut. Dabei wahrt sie aber stets den Ton, überzeichnet nichts. Niemals bricht man aus der Lebenswelt der Protagonisten aus. Was wie der Tiefpunkt einer Existenz anmutet, steht doch stellvertretend für die Ängste und Wünsche einer ganzen Generation. Die Last der Vergangenheit und Zukunft liegt auf ihren Schultern und doch ist man beständig auf der Suche nach seinem Platz, einem Druck ausgesetzt, den man nicht mindern kann, auf der Suche nach einer Scholle, auf der man sich kurz ausruhen kann.

Die Glücklichen ist ein Gesellschaftsroman wie er nur selten gelingt: authentisch, berührend, erweckend, aber nicht richtend. Er ist eine Momentaufnahme im rasanten 21. Jahrhundert. Nehmt Die Glücklichen von Kristine Bilkau zur Hand und gönnt euch eine Auszeit. Lasst die Zartheit des melodischen Klangs der Worte auf euch wirken. Einmal berichtet Isabell von ihrem ersten Vorspiel, wie sie hinter einem dicken schwarzen Vorhang saß und spielen sollte. Sie wollte Leichtigkeit, vollkommene Zartheit in ihr Spiel legen, doch der Vorhang verschluckte den Klang. Ich wünsche mir, dass der dicke Mantel der Schnelllebigkeit Kristine Bilkaus Debüt nicht zum Verhängnis wird, dass die LeserInnen sich Zeit nehmen für ihr Buch.

Fazit: Die Glücklichen ist ein Gesellschaftsroman, der sich mit klarem Blick der Frage nach dem Glück aus einer anderen Perspektive widmet. Ein hinreißendes Buch. Ein Buch, das gelesen werden sollte.

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selbstmord, geheimnisse, trauer, jugendbuch, jess

Du bist das Gegenteil von allem

Carmen Rodrigues , Katarina Ganslandt
Fester Einband: 400 Seiten
Erschienen bei cbt, 30.03.2015
ISBN 9783570161586
Genre: Jugendbuch

Rezension:

Mir war mal wieder nach einem Jugendroman, aber einem Jugendroman mit Tiefgang. Gerne sah ich also dem Veröffentlichungstermin von Du bist das Gegenteil von allemvon Carmen Rodrigues entgegen, das am 30. März im cbt Verlag erschienen ist. Dieses Buch wurde mir freundlicherweise über das Bloggerportal von Random House zur Verfügung gestellt.

[Bild vom Cover]

Darum geht’s:

Die 16-jährige Ellie hatte etwas Besonderes an sich. Etwas Dunkles, Charismatisches, Gebrochenes … Jetzt ist sie tot. Gestorben an einer Überdosis Tabletten. Zurück bleiben ihr Bruder Jake, ihre beste Freundin Sarah und deren jüngere Schwester Jess – und vierunddreißig Zettel von Ellie in einem Schuhkarton. Vierunddreißig Hinweise, die Ellie hinterlassen hat. Vierunddreißig Geheimnisse eines viel zu kurzen Lebens voller Schmerz. Auf der Suche nach dem Warum müssen sich Jake, Sarah und Jess nicht nur ihren eigenen Abgründen stellen, sondern auch dem, was Ellie so lange vor ihnen verborgen hat …

Du bist das Gegenteil von allem ist ein berührender und einfühlsamer Jugendroman, der vor allem 15/16jährige ansprechen dürfte. Die Charaktere wirken ihrer Lebenswelt entsprungen. Sie sind auf der Suche nach sich selbst, nach Erfüllung und Anerkennung und müssen wie jeder heranwachsende Mensch durch so manches Tal waten. Die Rahmenhandlung ist schnell erzählt: Eine lose zusammengewürfelte Clique, bestehend aus der faszinierenden Ellie, ihrem Bruder Jake, seinem Freund Tommy, der Nachbarsfreundin Sarah und ihrer Schwester Jessie, wird jäh auseinander gerissen als ein schreckliches Unglück geschieht. War es Absicht oder ein tragischer Unfall? Diese Frage beschäftigt fortan die ProtagonistInnen und lässt sie ein Wechselbad aus abgründiger Melancholie und zarter Hoffnung durchleben.

Carmen Rodrigues, die zu wissen scheint, wovon sie schreibt, geht ganz behutsam dabei vor, die Geheimnisse und Ängste ihrer ProtagonistInnen, angesichts dieses schrecklichen Erlebnisses, ans Licht zu kehren. Sanft lässt sie die tief verstörte Ellie durch die Geschichte wandeln, ohne zu urteilen behandelt sie die Auswirkungen von Ellies Tod auf die Überlebenden. Als Leser hat man Teil an einem Winter in dem Leben der jungen Menschen und an zahlreichen Zeitsprüngen. Am Ende des Winters blickt man zusammen mit den Charakteren einem Neuanfang entgegen. Das Leben wird zwar nicht leichter, aber als Herausforderung begriffen, der man sich gemeinsam stellen sollte.

Du bist das Gegenteil von allem ist gekennzeichnet durch einen sehr schlichten, klaren Schreibstil, der die Emotionen in aller Schärfe hervortreten lässt. Erzählt wird von drei Ich-Erzählern, die sich beständig abwechseln und an ihren Gedanken und Gefühlen teilhaben lassen. Dazwischen gestreut sind Schnipsel aus dem Leben von Ellie, die nur einen ganz kleinen Blick auf ihre Geschichte gewähren. Die Achse, an der sich alles narrativ ausrichtet, ist der Tod eines geliebten Menschen. Wie geht man damit um? Wie geht man mit seinen eigenen Schuldgefühlen um? Hätte man helfen können? Können Eltern ihre Kinder besser schützen? Was ist richtig und was falsch? Obgleich unglaublich mitreißend, lässt Carmen Rodrigues vieles ungesagt, zwischen den Zeilen schwebend. Der Roman stellt Fragen, bietet manchmal Antworten, aber lässt auch vieles offen. Denn auch das Leben kann nicht auf jede Frage eine Antwort liefern, manchmal muss man mit dem Unwissen leben und es annehmen.

Carmen Rodrigues’ zweiter Jugendroman ist nicht effekthaschend. Wo nötig werden Szenen in all ihrer Abgründigkeit dargestellt, wenn möglich aber Diskretion gewahrt. Du bist das Gegenteil von allem behandelt viele Probleme, die den heranwachsenden Menschen beschäftigen, manchmal auch aus der Bahn werfen können. Er macht Mut, für sich selbst, aber auch für andere einzustehen und sich dabei nicht von schlechten Zeiten runterziehen zu lassen. Einen kleinen Wermutstropfen gibt es dann aber doch: Hin und wieder erscheint es so, als hätte Carmen zu viel von diesem einen Buch verlangt, so dass nicht genug Zeit blieb, sich auf ein Thema zu konzentrieren. Das lässt die Geschichte manchmal doch zu sehr an der Oberfläche kratzen. Außerdem scheint dieses Buch viele LeserInnen an Tote Mädchen lügen nicht von Jay Asher zu erinnern – ob das gut oder schlecht ist, muss jeder für sich entscheiden. Was es damit auf sich hat, werde ich so bald als möglich herausfinden.

Fazit: Du bist das Gegenteil von allem von Carmen Rodrigues stellt sich einfühlsam der düsteren Seite des Erwachsenwerdens, versucht nicht unnötig nach Gründen zu suchen, bietet aber Lösungen. Ein Roman für junge Menschen, die noch dabei sind, sich selbst zu finden, aber auch für LeserInnen und Eltern, die sich für das Destruktive im Menschen interessieren.

Zitatgenuss zum Schluss:

“Aber jetzt, wo ich bei ihr bin, begreife ich, dass Zuhause der Ort ist, an den man zurückkehrt, wenn einen die Kraft verlässt.” S. 301

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fantasy, flohzirkus, london, magie, flöhe

Dunkelsprung

Leonie Swann
Fester Einband: 384 Seiten
Erschienen bei Goldmann, 10.11.2014
ISBN 9783442313877
Genre: Fantasy

Rezension:

Wann mir Dunkelsprung – Vielleicht kein Märchen von Leonie Swann aus demGoldmann Verlag das erste Mal aufgefallen ist, weiß ich gar nicht mehr. Was ich weiß ist aber, dass ich es unbedingt lesen wollte. Nicht nur das Cover ist wunderschön, auch die skurille Geschichte versprach ein unvergleichliches Abenteuer. Über das Random House Bloggerportal erhielt ich dann die Gelegenheit, dieses wundervolle Werk rezensieren zu dürfen. Vielen lieben Dank!
Was soll ich sagen, es ist speziell und unfassbar gut.

Darum geht’s:

Julius Birdwell, Goldschmiedemeister, Flohdompteur und unfreiwilliger Einbruchkünstler, wünscht sich nichts sehnlicher, als endlich eine ruhige, unbescholtene Existenz führen zu können. Doch als seine Flohartisten einem plötzlichen Nachtfrost zum Opfer fallen und die geheimnisvolle Elizabeth Thorn in sein Leben tritt, überstürzen sich die Ereignisse. Ein Magier wird ohnmächtig, eine alte Dame macht sich in einem gestohlenen Lastwagen davon, ein Detektiv mit Konzentrationsstörungen findet zu einem ungewöhnlichen Haustier, und Julius sieht sich auf einmal mit existentiellen Fragen konfrontiert: Wie befreit man eine Meerjungfrau? Wie viele Flöhe passen auf eine Nadelspitze? Und warum ist das Leben trotz allem kein Märchen? Julius bleibt nichts anderes übrig, als sich weit über den Tellerrand seiner Welt hinauszulehnen und den Sprung ins Unbekannte zu wagen. Ein phantastisches Abenteuer beginnt …

Wünschen wir uns nicht alle bei Zeiten, dass hinter der kalten, rauen Realität etwas lauert? Etwas, das zu scheu ist, um unter den desillusionierten, mit Verstand durchtränkten Blick des Menschen zu treten. Ob wir uns nun ins Wunderland träumen, nach Hogwarts oder – die ganz Mutigen unter uns – nach Panem – Wir alle wünschen uns eine Prise Magie in unserem trüben Alltag.
Leonie Swanns Dunkelsprung entführt uns in genau so eine Welt, in der alles möglich ist, in der auch die verrücktesten Menschen und verschmähte Tiere zu Helden werden können. In dieser Welt werden die Grenzen zwischen Gut und Böse, Fakt und Fiktion aufgesprengt und die Türen zu einer neuen Wahrnehmung geöffnet. Was sich ergibt ist ein bunter Strauß voll märchenhafter, spannender und tiefgründiger Poesie.

Schon mit ihren Schafkrimis hat Leonie Swann Protagonisten geschaffen, die sich vom Mainstream abheben. Auch in Dunkelsprung begegnen uns Persönlichkeiten, die ihresgleichen suchen. Sie sind liebevoll ausgestaltet, herrlich skurril und nicht immer ganz bei Verstand.
Ein kauziger Julius Birdwell erzählt uns seine Geschichte, die märchenhaft anmutet, aber doch die Pfade des Vertrauten verlässt und in neue Bereiche vordringt. Als Julius’ heißgeliebtem Flohpalast ein frostiges Unglück zustößt, ist er am Boden zerstört. Die Verzweiflung treibt ihn auf das Geländer einer Brücke. Natürlich will er nicht springen. Natürlich ist er noch nicht lebensmüde. Aber wie es das Schicksal so will stürzt er in die eisigen Tiefen. Von da an vollzieht die Geschichte einen gefährlichen Drahtseilakt zwischen kalter Vernunft und schillernder Phantastik. Vielleicht ist alles Kommende eine Art Traum, vielleicht aber auch erschreckend wahr, betrachtet durch die Augen eines Feinfühligen. Manchmal weiß man nicht was unheimlicher, was unwahrscheinlicher ist: eine gehörnte Frau aus der Welt der Fabeln oder ein scheinbar schizophrener, der vor sich selbst und seinen Wahnvorstellungen davon rennt.

Als Leser muss man sich für all die Absonderlichkeiten und Skurrilitäten öffnen, sonst findet man keinen Spaß an dieser Geschichte. Wenn man sich aber darauf einlässt, dann begegnen einem viele spannende Episoden, mit gewitzten Kleinkriminellen, scheuen Fabelwesen und stolzen Flöhen. Bei Leonie Swann ist nichts unmöglich und gerade das macht Dunkelsprung zu einem spannungsgeladenen aberwitzigen Ritt ins Unbekannte – oder sollte man besser Sprung sagen?
Denn Flöhe als wesentlicher Bestandteil des Cast sind doch mal was Neues. Wer mag, außer mir, schon gerne Parasiten, die man zu allem Überfluss auch noch kaum sieht? Hier zeigen sich die Flöhe von einer ganz anderen Seite, wie im Märchen üblich können sie sogar sprechen, allerdings nur mit Julius. Leonie Swann ist es hier gelungen, den Flöhen eine ganz spezielle Charakterzeichnung zu verleihen. Auf der einen Seite sind die Flöhe natürlich blutsaugende Parasiten, aber auf der anderen Seite auch sehr stolze Künstler und ihrem Flohzirkusdirektor gegenüber sehr loyal. Das muss man einfach gelesen haben.

Man hat keine andere Wahl als sich in diese liebevoll gestalteten Charaktere zu verlieben. Sie alle, ob Mensch, Tier oder Fabelwesen, wirken wie Grenzgänger, deren einziger Wunsch ein unbeschwertes freies Leben ist, die durch ihre Art aber immer wieder anecken und teils verrückte Entwicklungen durchmachen. Häppchenweise durchwandert der Leser die unterschiedlichen Perspektiven und dringt dabei immer tiefer ein in ein Dickicht aus Illusionen und spärlich gesäten Lichtungen der Klarheit.Dunkelsprung ist ein Plädoyer für die Andersartigkeit, für die Fantasie im Alltag und an den Mut, auch mal etwas zu wagen. Jeder kann ein Held sein.

Leonie Swann hat einen ganz besonderen, zauberhaften Schreibstil, der der unruhigen Handlung den Anstrich einer idyllisch märchenhaften Ruhe verleiht. Stellenweise philosophisch, aber immer hoch poetisch, entzieht sie dem Stoff die zeitliche Verankerung. Dunkelsprung ist so zeitlos wie ein Märchen, würden nicht hin und wieder moderne Gerätschaften erwähnt. Besonders die Kombination prunkvoller, naturalistischer Adjektive und Attribute mit surrealistischen Elementen konnte mich verzaubern. In Dunkelsprung hat man den Eindruck, dass sogar einfachste Gebrauchsgegenstände beseelt sind, weil der Schreibstil so lebendig und einzigartig ist. Das Buch selbst scheint lebendig und gewillt mich mit allerlei Koketterie in seinen Bann zu ziehen.

Am Ende ist es vielleicht doch nur ein Märchen über den Aufstieg eines Flohdirektors und seiner Stars. Aber vielleicht … ganz vielleicht … ist es ja doch noch viel mehr!

 

Blick in den Flohpalast:

“Aber dann … Wasserpflanzenhaar, ein plätscherndes Lachen, ein fließender Kuss. Er hatte sich Nixen immer blau vorgestellt, karibikblau und glitzernd, aber sie war dunkel wie ein Fluss im Winter, moorig, moosig und tief, unendlich glatt und schön. Dunkel die Haut, dunkler die Augen und obsidianschwarz ihr Lächeln.” S. 37

 

Frage an Leonie Swann:

Was passiert nach dem letzten Satz? Ohne konkret werden zu wollen: Wie kann man mir so sehr das Herz brechen und mich im Unwissen zurücklassen? Ich hoffe, das lässt auf eine Fortsetzung schließen! Ich habe sie doch so ins Herz geschlossen. Alle! 

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153 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 32 Rezensionen

rachel joyce, sterben, harold fry, hospiz, tod

Der nie abgeschickte Liebesbrief an Harold Fry

Rachel Joyce , Maria Andreas-Hoole
Fester Einband: 400 Seiten
Erschienen bei FISCHER Krüger, 07.10.2014
ISBN 9783810521989
Genre: Romane

Rezension:

The Love Song of Miss Queenie Hennessy, geschrieben von Rachel Joyce, wurde mir freundlicherweise von Penguin Random House UK über Blogg dein Buch zur Verfügung gestellt. Beworben hatte ich mich für das Buch zum einen, weil ich auch Die unwahrscheinliche Pilgerreise des Harold Fry schon eine längere Zeit auf meinem SuB beherbergt hatte und zum anderen, weil ich die Blogg dein Buch-Plattform mal ausprobieren wollte. Da mein Blog ja noch nicht so schrecklich alt ist, ist vieles für mich noch neu und aufregend. The Love Song of Miss Queenie Hennessy erschien diesen Oktober sowohl in englischer Originalfassung als auch in deutscher Übersetzung (Der nie abgeschickte Liebesbrief an Harold Fry).

Darum geht’s:

Als Queenie Hennessy erfährt, dass ihr Abschiedsbrief, den sie an ihren früheren Arbeitskollegen Harold Fry geschickt hatte, diesen dazu ermutigte, einen hunderte Meilen langen Fußweg auf sich zu nehmen, nur um sie zu sehen, um sie leben zu lassen, ist Queenie sprachlos. Sie ist sterbenskrank. Wie kann Harold Fry denken, dass sie warten könne bis er da ist? Eine der Betreuerinnen, zu der Queenie ein enges Verhältnis aufbauen wird, schlägt Queenie vor, ihre Zeit nicht tatenlos abzusitzen. Sie ermutigt sie dazu, einen letzten Brief an Harold zu schreiben, denn sie hatte Geheimnisse vor ihm, die all die Jahre schwer auf ihrer Seele lasteten. Mit Harolds Reise beginnt auch für Queenie eine letzte Tour durch ihre Vergangenheit.

Bei der Pilgerreise des Harold Fry erfuhren wir viel über sein Leben, seine Arbeit, seinen Sohn und seine Frau. Queenie Hennessy war dabei durchaus zentral, wirkte aber mehr wie der Katalysator, den Harolds Leben so dringend brauchte, um einen frischen und gesunden Weg einzuschlagen. Dabei hatte sie sicherlich einiges zu berichten, schließlich erinnerte sie sich nach 20 Jahren Funkstille daran, ihm einen vermeintlich letzten Brief zu schreiben. Was hat diese Frau all die Jahre bewegt und durchgemacht? Das alles erfahren wir nun in The Love Song of Miss Queenie Hennessy. Dieses Buch oder vielmehr dieser lange Brief ist keine Fortsetzung, wie man es vielleicht erwartet hätte. Wir erfahren nicht, wie es Harold und Maureen nach der langen Zeit der Pilgerschaft ergangen ist. Es ist eine Parallelgeschichte, die Queenies ganz persönliche Reise durch ihre Vergangenheit erzählt. Während Harold hunderte von Meilen quer durch England marschiert, beginnt Queenie mit ihrer letzten Kraft einen Brief zu schreiben, der Harold alles offenbaren soll. Queenie hatte Geheimnisse. Nicht nur ihre jahrelange Liebe musste sich endlich Gehör verschaffen, auch eine unterdrückte Schuld suchte sich endlich ihren Weg an die Oberfläche.

Queenies Stimme blieb lange Zeit in der Pilgerreise stumm, nur ein einziges Kapitel ließ uns kurzzeitig in den Kopf dieser starken Persönlichkeit schauen, deren letzter Lebensabschnitt auf groteske Weise vom Krebs gezeichnet ist. Aber Queenie ist viel mehr als dieser Krebs. Nicht zu unrecht wollten viele Leser wissen, wie ihre Sicht der Dinge ist, schließlich hat sie Harold dazu gebracht, diese lange Reise auf sich zu nehmen. Obgleich der Schauplatz in The Love Song of Miss Queenie Hennessy stets auf das Hospiz und die umliegenden Gärten beschränkt bleibt, erkunden wir durch die Gedankenreise der Erzählerin unterschiedliche Orte und Zeiten. Dabei vergisst man ganz schnell, wie körperlich schwach und gezeichnet Queenie von ihrer Krankheit sein muss. Oft wirkt sie so aufgeweckt und lebendig, im Rahmen ihrer Möglichkeiten so mobil, dass die Krankheit in den Hintergrund rückt. Dennoch holt man den Leser immer wieder auf den Boden der Tatsachen zurück und konfrontiert ihn mit der Vergänglichkeit des Lebens. Aber diese Vergänglichkeit ist weniger tragisch und freudlos als man es sich oft vorstellt. Dieses Hospiz ist bis zur letzten Minute voller Freude und Liebe.

Besonders fasziniert war ich von Queenies Charakter. Sie repräsentiert einen Typ von Frau, den man heutzutage kaum noch antrifft. Ihre Liebe und Fürsorge anderen Menschen gegenüber ist unglaublich selbstlos. Queenie stellt keine Ansprüche an ihre Umgebung. Selbstverständlich gehen auch ihr die Handlungen einiger Menschen sehr nahe, aber anstatt laut zu werden, schluckt sie den Zorn. Was sie sagt ist durchdacht und stets geprägt von dem Wunsch ihrer Umwelt etwas zu geben. Nie hat sie Harold mit ihrer Zuneigung konfrontiert, hat ihn nicht in Schwierigkeiten gebracht, in eher noch aus so manchem Schlamassel gerettet. Sie war besorgt um sein Wohl und glücklich, wenn sie nur den Platz neben ihm einnehmen durfte. Man könnte denken, dass Queenie ein sehr isoliertes, vielleicht einsames Leben geführt hat, aber dann irrt man. Stets hat sie die Menschen, die ihr etwas bedeutet haben, in ihrem Herzen mit sich getragen und ihnen einen Platz in ihrem Leben gegeben. Auch für fremde Menschen hatte sie immer ein offenes Ohr. Ein so altruistischer Mensch ist mir fremd, aber ihre Präsenz ist gleichermaßen beruhigend und aufbauend.

In The Love Song of Miss Queenie Hennessy erhält auch Harolds Sohn David erstaunlicherweise eine sehr zentrale Rolle. In der Pilgerreise war er mir oft sehr fremd und verbunden mit viel Traurigkeit. Durch Queenies Beziehung zu ihm hat sich nicht viel an der Tragik seiner Persönlichkeit geändert, aber wir sind uns ein ganzes Stückchen näher gekommen. Die Tiefe dieses Charakters, die unglaubliche Schwärze seines Gemüts hat es mir schwer gemacht einige Passagen zu lesen, ohne ein ums andere mal heftig schlucken zu müssen. Man möchte seine Hand ausstrecken und ihn in den Arm nehmen und ihm zeigen, dass er etwas Besonderes ist, dass er keine Angst vor einem gewöhnlichen Leben haben muss.

Rachel Joyce hat es wieder einmal geschafft, den Leser in die Lebenswelten der Protagonisten eintauchen zu lassen. Ihr im wahrsten Sinne des Wortes blumiger Schreibstil symbolisiert die Feinheiten der emotionalen Stimmungen. Liebevoll lässt sie ihre Charaktere alle Höhen und Tiefen des Lebens bewältigen, ohne dabei den Finger all zu wertend zu erheben. Ihre Geschichten sind nicht entweder traurig oder fröhlich, sie sind stets beides zugleich und bergen eine große Prise Hoffnung. Jede Seite ist durchtränkt von Lebensbejahung, von Optionen, die genutzt werden sollen. Es fällt sehr schwer zu sagen, ob Die unwahrscheinliche Pilgerreise des Harold Fry besser oder schlechter ist als The Love Song of Miss Queenie Hennessy. Sie beide haben ihre absolute Berechtigung und ergänzen sich hervorragend. Ein ‘besser’ oder ‘schlechter’ wäre hier völlig fehl am Platz. Wahrscheinlich geht es eher darum, mit wem man sich besser identifizieren kann. Harold Fry scheint nun eher eine Geschichte des Lebens und Chancennutzens zu sein, während Queenie Hennessy für die Schönheit des Sterbens steht. Beide stehen sie dafür, dass es nie zu spät ist, sein Leben in die Hand zu nehmen. Insofern gehen beide Romane eine Symbiose ein.

Fazit: Ich kann die Romane von Rachel Joyce allen denjenigen wärmstens empfehlen, die gerne in den alltäglichen Geschichten den Hauch des Besonderen suchen und sich nicht von tragischen Schicksalen abschrecken lassen. Wer sich auf Harold und Queenie einlässt, durchlebt die ganze Fülle des Lebens und geht am Ende mit einem großen Sack neuer Erkenntnisse aus dem Haus. Es ist nie zu spät, diese beiden Bücher zu lesen.

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pilgerreise, england, rachel joyce, krebs, familie

Die unwahrscheinliche Pilgerreise des Harold Fry

Rachel Joyce , Maria Andreas
Flexibler Einband: 400 Seiten
Erschienen bei FISCHER Taschenbuch, 25.07.2013
ISBN 9783596195367
Genre: Romane

Rezension:

Die unwahrscheinliche Pilgerreise des Harold Fry ist 2012 das berührende Debüt der britischen Schriftstellerin und Schauspielerin Rachel Joyce gewesen, welches aus einem Hörspiel heraus entwickelt wurde. Es wurde zu einem weltweiten Bestseller. Das Buch lag schon eine ganze Weile auf meiner Fensterbank der Ungelesenen/Undinger. Von seinem Schicksal erlöst wurde es durch den glücklichen Zufall, dass ich über Blogg dein Buch an ein Exemplar von The Love Song of Miss Queenie Hennessy gelangte. Dazu musste ich jetzt natürlich erst einmal den Vorgänger lesen. Ich muss gestehen, dieses Buch musste ich zunächst nachwirken lassen. Emotional hat es mich doch schon stark berührt und zum Nachdenken angeregt. Noch immer habe ich wahrscheinlich nicht jede Facette dieses Buches realisieren können, aber ich hoffe, trotzdem ein schönes Bild davon liefern zu können.

Darum geht’s:

An einem ganz gewöhnlichen Morgen im April erhält Harold Fry einen Brief von Queenie Hennessy – ein Brief, der sein Leben verändern wird. Queenie ist todkrank. Harold hat Queenie seit Jahren nicht mehr gesehen. Eigentlich seit sie gekündigt worden ist und die Stadt verlassen hat, ohne ein Wort des Abschieds. Jetzt liegt Queenie im Sterben? Wie reagiert ein Mensch auf die Totalität dieses Schicksals? Welche Worte sind ausreichend, um zu sagen, was da noch zu sagen ist? Harold macht sich auf den Weg zum Briefkasten. Doch der Weg, die Anstrengung ist noch nicht groß genug. Er läuft immer weiter und lässt dabei nicht nur sein altes Ich zurück, sondern auch die gescheiterte Beziehung zu seiner Frau Maureen.

Über 1000 Kilometer quer durch Großbritannien wird der in die Jahre gekommene Harold Fry zurücklegen, um Queenie Hennessy einen persönlichen Abschied zu bereiten. Er will, dass sie lebt, dass sie lebt, weil er lebt. Weil er Queenie nicht das gegeben hat, was ihre damalige Freundschaft verlangt hätte. So darf Queenie nicht gehen. Queenie muss auf ihn warten, das teilt er der Dame im Hospiz mit. Harold wird zu Fuß den weiten Weg von Kingsbridge bis Berwick an der schottischen Grenze gehen und Queenie wird leben.

Die unwahrscheinliche Pilgerreise des Harold Fry ist ein berührender Roman über die Bewältigung des Lebens. Der Weg, der vor Harold liegt, steht symbolisch für die Widrigkeiten, die das Leben mit sich bringt. Einem Leben, das er Stück für Stück hinter sich lassen wird. Der Anfang ist schwer. Alleine auf weiter Flur wird er konfrontiert mit Selbstzweifeln, Erinnerungen und Ereignissen, die er am liebsten verdrängt hätte. Bilder aus seiner Kindheit, Bilder aus den frühen Jahren seiner Beziehung und schließlich Momentaufnahmen der schwierigen Beziehung zu seinem eigenen Sohn. Aber der Weg zeigt auch, dass der Mensch das Lenkrad seines Lebens immer in der Hand gehalten hat. Es ist nie zu spät, aufzustehen und den Trott zu durchbrechen. Es ist nie zu spät, Entscheidungen zu treffen, die das Vergangene vielleicht nicht wiedergutmachen, aber doch in ein neues Licht rücken.

Die Wanderschaft zeigt sich ebenso wie das Leben in seinen Höhen und Tiefen. Wo Harold zu Anfang mit möglicherweise naiver Zuversicht an sein Unterfangen tritt, kehrt später reflektierte Entschlossenheit und schließlich Resignation ein, aber stets scheint der Glaube an sich selbst, die Menschen und vielleicht auch an ein höheres Etwas durch und taucht den Weg in gleißendes Sonnenlicht. Dieses Buch kann schockieren, aufwühlen, animieren über das eigene Leben nachzudenken, aber auch beruhigen, denn es ist nie zu spät.
Ein Gedanke, der vielleicht auch einem Albert Camus nicht unbekannt wäre. Wir erkennen, wie sinnlos das Leben ist, aber gerade deswegen müssen wir dagegen ein “Trotzdem” setzen. Auch wenn es für Harold viel leichter wäre, in ein Auto zu steigen und nur ein paar Stunden später vor Queenies Hospiz zu stehen, verweigert er sich dieser Möglichkeit. Zunächst regte es mich auf, weil es alles so unnötig verkomplizierte, aber dann erkannte ich den Gedanken dahinter, die tiefe Hoffnung und Zuversicht, die sich in dieser Mammutaufgabe widerspiegelte. Ich begriff, dass es gar nicht primär darum geht, anzukommen. “Der Weg ist das Ziel” wurde mir erstmals begreiflich gemacht. Vor allem hat es mir gezeigt, dass wir nicht immer den Weg des geringsten Widerstands gehen sollten. Manchmal tut es höllisch weh, etwas zu verwirklichen. Aber auf dem Weg dorthin werden wir stärker. Man wächst an seiner Aufgabe.
Auch in der tiefsten Traurigkeit, die mich zwangsläufig irgendwann beim Lesen übermannte, war ich doch im Kern friedlich und zufrieden. Die Liebe zu Rachels verstorbenem Vater, der zu keiner Zeit direkt in die Geschichte eingewoben wird, scheint durch jede Zeile. Qual und Erlösung geben sich literarisch die Klinke in die Hand.

Ich bin froh, dass Rachel Joyce Harold und Maureen eine Möglichkeit gegeben hat, sich wieder anzunähern. Sie hat gezeigt, dass auch die dunkelsten Stunden irgendwann vorbei sein können. Ohne diese Pilgerreise und ohne Queenie hätte es vielleicht keine Annäherung mehr gegeben. Maureen hätte sich hinter verschotteten Laden zurückgezogen und Harold hätte stumm am Frühstückstisch gesessen. Von ihnen beiden unbemerkt wäre ihr gemeinsames Leben gegen die Wand gefahren und zerbrochen. Die Angst vor dem Verlust, die Maureen bei Harolds Aufbruch spüren musste, machte doch eigentlich deutlich, dass sie nur verlieren konnte, was sie lange schon nicht mehr geehrt hatte, wofür sie blind geworden war. Sie konnten nie aussprechen, was sie fühlten, doch Harolds beständiges Voranschreiten machte jedes Wort überflüssig. Auch wenn die geographische Distanz zwischen ihnen immer größer wurde, so näherten sie sich doch emotional wieder an, vielleicht abermals voneinander unbemerkt, aber am Ende doch offensichtlich.

Und wie sieht Queenie Hennessy das alles? Das werden wir wohl erst in The Love Song of Miss Queenie Hennessy erfahren.

Fazit: Die unwahrscheinliche Pilgerreise des Harold Fry von Rachel Joyce ist ein berührender Roman über die Anstrengungen des Lebens, Freundschaft und Liebe, über vertane Chancen und genutzte Möglichkeiten. Er ist ein Plädoyer an die Kraft des Menschen, sich selbst und seinen Lebensweg aktiv zu gestalten und niemals den Kopf hängen zu lassen. Am Ende müssen wir ohnehin Loslassen, aber wenn es so weit ist, dann sollte nur noch Zufriedenheit herrschen.

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(1.026)

2.339 Bibliotheken, 88 Leser, 10 Gruppen, 265 Rezensionen

bücher, fantasy, magie, bibliomantik, libropolis

Die Seiten der Welt

Kai Meyer
Fester Einband: 560 Seiten
Erschienen bei FISCHER FJB, 25.09.2014
ISBN 9783841421654
Genre: Jugendbuch

Rezension:  
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405 Bibliotheken, 8 Leser, 1 Gruppe, 53 Rezensionen

bücher, buchhandlung, antiquariat, brooklyn, literatur

Das Haus der vergessenen Bücher

Christopher Morley , Renate Orth-Guttmann
Fester Einband: 256 Seiten
Erschienen bei Atlantik Verlag, 08.09.2014
ISBN 9783455600124
Genre: Romane

Rezension:

Erstmals 1919 veröffentlicht, handelt es sich beim Haus der vergessenen Bücher(erschienen im Hoffmann und Campe Verlag) um eine literarische Perle, die sich mühelos in aktuellere Veröffentlichungen einpasst. Christopher Darlington Morley(1890-1957) war ein bekannter amerikanischer Schriftsteller, Herausgeber und passionierter Sherlockianer – eine Tatsache, die man auch seinen eigenen Werken anmerkt. Als Teil und Inititator von Sherlock-Holmes-Gesellschaften, entwarf er die Regeln des Sherlockian Readings, bei dem man davon ausgeht, dass die Romane und Kurzgeschichten von Sir Arthur Conan Doyle zwar durchaus zur intellektuellen Unterhaltung dienen, gleichwohl aber von Tatsachen berichten. Dem Haus der vergessenen Bücher merkt man diesen Erfahrungshintergrund und die britischen Wurzeln seines Schriftstellertums an, wenngleich diese sich in geringerer Dosierung finden und eher als Tribut anzusehen sind.

Darum geht’s:

Mit seinem eigenen antiquarischen Paradies in Brooklyn hat Roger Mifflin sich einen kleinen Traum erfüllt. Eingehüllt in duftenden Pfeifendampf, schmiegen sich die schönsten Geschichten, Essays und wissenschaftlichen Arbeiten in den Regalen aneinander – oft jahrelang unberührt, um dann, für die richtige Person, aus den Regalen gezogen zu werden. Unterstützt wird Roger von seiner liebevollen, aber patenten Frau Helen und dem gemütlichen Hund Bock. Das ruhige Leben zwischen den schlafenden Abenteuern droht gestört zu werden, als der junge Werbetexter Aubrey die Buchhandlung Parnassus auf der Suche nach neuen Kunden betritt. Von Werbung hält Roger nicht viel, denn die Bücher sprechen für sich und bedürfen keiner zusätzlichen Anpreisung. Doch der junge motivierte Mann gefällt ihm und so lässt er ihn in seine Welt eintauchen. Dass Aubrey immer häufiger die Nähe der Buchhandlung aufsucht, mag auch an der neuen bezaubernden Hilfskraft Titania Chapman liegen und an der Gefahr, in der sie zu schweben scheint…

In dieser Buchhandlung spukt’s!

Christopher Morley hat eine bezaubernde Mischung aus bibliophilem Lesespaß und Krimi geschaffen, in einem Amerika, das noch von den Strapazen des vergangenen Weltkriegs geprägt ist. In dieser zerrütteten Zeit verlangen die geschundenen Seelen nach ganz besonderer Zerstreuung, die die Bücher ihnen liefern können. Gleichsam wirken die Buchhändler wie Ärzte für die Seele, da sie die nötige Medizin bereitstellen und für ihre Verdienste viel mehr Anerkennung verdient hätten. Und so fungiert Das Haus der vergessenen Bücher auf zweierlei Weise als Spiegel der Zeit und Ablenkung für die nervösen Gemüter.

“Wissen Sie, warum heute mehr Bücher gelesen werden als je zuvor? Weil den Menschen durch die schreckliche Katastrophe des Krieges bewusst geworden ist, dass ihre Seelen krank sind. [...] So lesen wir alle, lesen gierig und gehetzt, jetzt, da wir wissen, was unseren Seelen fehlte.” S. 12

Der klassische und bei Zeiten antiquierte Schreibstil eines Roger Mifflin ist vollmundig und rund, gespickt mit Schmunzlern und Dampfschwaden, die den Leser einhüllen und in diese besondere Atmosphäre der kleinen antiquarischen Buchhandlung entführen. Sofort identifiziert sich der Leser mit dem liebevoll gestalteten, etwas sturen und verträumten Roger, dem nichts wichtiger zu sein scheint, als die Bücher, die er besitzt, an die richtigen Leser zu bringen oder zu behalten. Denn nicht jeder Schatz in diesem Antiquariat ist dafür vorgesehen, verkauft zu werden. Und nicht jeder Buchtitel, der in diesem Roman genannt wird, existiert auch wirklich. Eine Tatsache, die mich am Ende beruhigte, da man doch so manches Mal an der schieren Masse der bibliographischen Bezüge verzweifelte.
Roger ist bei weitem kein wirtschaftlich denkender Mensch, das bemerkt man rasch. Es ist nicht wichtig, wie viel gekauft wird, so lange die Bücher die nötige Wertschätzung erhalten. Gerne gewährt er den Gestrandeten einige Stunden Aufenthalt in dem beengten, von Pfeifendampf verhangenem Geschäft, in dem sie nach Herzenslust herumstöbern dürfen. Auch ich verlor mich in den kleinen Nischen und entdeckte so manches Kuriosum.

“Bücher enthalten die Gedanken und Träume der Menschen, ihre Hoffnungen, ihr Streben, alles, was an ihnen unsterblich ist. Aus Büchern lernen die meisten von uns, wie lebenswert das Leben doch ist.” S. 116

Roger Mifflin ist ein sehr leidenschaftlicher Mensch, der sich schnell in einem Gedanken verlieren kann und dabei seine Zuhörer so manches Mal mit Wissen überfährt. Für einen erfrischenden Gegenpol sorgt dann seine Frau Helen, die Roger oft zur Raison bringen muss und, wenn nötig, auf den Tisch haut. Das Ehepaar macht einen sehr liebevollen, offenen Eindruck. Sie wissen um die Stärke ihrer Beziehung und in jedem Moment lässt sich das zarte Band der gefestigten Liebe spüren, auch wenn sich die beiden necken oder uneins sind. Die Geschichte ihrer Beziehung ist fast schon hinreißender als die zwischen Aubrey und Titania. Auch hier lässt sich ein wunderbarer Kontrast zwischen entstehender und gefestigter Liebe und Zuneigung feststellen. Der gesamte Aufbau dieses Krimis, mit bibliophiler Ouvertüre, ist sehr rund und gut durchdacht. Alles findet seine Entsprechung in Kontrasten und lässt viel Liebe fürs Detail erkennen.

“Wie klar und hell die Gedanken in jenen späten Stunden strömen, nachdem alles Treibgut, alle Ablagerung des Tages abgeflossen sind. Manchmal ist mir, als glitte ich an den Küsten von Schönheit oder Wahrheit entlang und hörte die Wellen auf den schimmernden Sand schlagen. Dann aber trägt mich ein ablandiger Wind der Resignation und des Vorurteils wieder davon.” S. 161

Den frischen Wind bringen ganz eindeutig der hitzige und ebenso starrköpfige Aubrey und die manchmal naiv wirkende, aber durchaus selbstbewusste Titania in die Geschichte. Titania lässt in allen Charakteren eine gewisse Jugendlichkeit erblühen und Aubrey bringt kindliche Neugier und Übereifer in den Plot, dessen Spannung vor allem durch sein Handeln voran getrieben wird. Christopher Morley illustriert kunstvoll anhand seines Schreibstils, wie er den Charakteren durch unterschiedliche Metaphern, Perspektivwechsel und Satzkonstruktionen mehr Tiefe verleihen kann. So gibt es deutlich divergierende Wortlaute, wenn es um Roger oder Aubrey geht oder es wird der Blickwinkel gewechselt, wenn Charaktere beschrieben werden. Das ist sehr abwechslungsreich und gelingt hier, ohne dabei zu konstruiert zu wirken.

“Scheinbar ohne in ihre Richtung zu sehen, hatte er blitzartig die erstaunlichste Berechnung vollzogen, deren der menschliche Geist fähig ist. Er hatte sämtliche jungen Damen in seinem Bekanntenkreis addiert und eine Summe ermittelt, die geringer war als die junge Frau, die vor ihm saß.” S. 84

Der Kriminalfall, der die Geschichte durchzieht, kommt erst ganz langsam ins Rollen. Zu Beginn der Geschichte, um die Mifflins und ihre Buchhandlung, kommt der Leser nicht einmal auf den Gedanken, dass etwas Schreckliches passieren könnte. Zu schön sind die literarischen Ausschweifungen des Roger Mifflin und seine zahlreichen politisch motivierten Reden, die doch sehr vom kürzlich hinter sich gelassenen Weltkrieg und der Abneigung gegen Deutschland zeugen. Mit kleinen Andeutungen kommt das mysteriöse Verschwinden und Wiederauftauchen eines Buches aber dann immer deutlicher in den Fokus der Handlung und offenbart am Ende einen wahrhaft explosiven Fall, der so manchen Leser nach Luft schnappen lassen wird. Was führen die zwielichtigen Gestalten, die sich um die Buchhandlung herumschleichen, bloß im Schilde? Ein brisanter Fall für den Hitzkopf Aubrey, der den Entwicklungen nur zu bereitwillig auf den Grund zu gehen gedenkt, da er doch befürchten muss, dass seine angebetete Titania in größter Gefahr schwebt. Die Konstruktion dieses Kriminalfalls, obgleich nicht die Auflösung, erinnert an die bekannten Detektivgeschichten von Sherlock Holmes und auch der Schreibstil lässt den britischen Einschlag nicht vermissen. Verwechslungen, Verwicklungen, Verwirrungen – hier lässt sich alles finden, was einen guten Krimi ausmacht.

Fazit: Bücher, Pfeifendampf und ein mysteriöser Kriminalfall. Das Haus der vergessenen Bücher ist ganz eindeutig ein kleines Lesehighlight in diesem Jahr der Bücher über Bücher. Auf diesen wenigen Seiten ist ein ganzes Universum zusammengefasst, das auch nach mehrmaligem Lesen wahrscheinlich noch neue Details ans Tageslicht bringen wird. Ein absolutes Muss für jeden Büchernarren!

“Die Menschen brauchen Bücher, wissen es aber nicht. Meist wissen sie gar nicht, dass es die Bücher die sie brauchen, überhaupt gibt.”  S. 13

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4.332 Bibliotheken, 60 Leser, 14 Gruppen, 259 Rezensionen

liebe, götter, griechische mythologie, halbgötter, fantasy

Göttlich verdammt

Josephine Angelini , Hanna Hörl , Simone Wiemken
Buch: 496 Seiten
Erschienen bei Oetinger Taschenbuch, 01.10.2013
ISBN 9783841501370
Genre: Jugendbuch

Rezension:

Josephine Angelini ist mit Everflame derzeit wieder in aller Munde, dem Auftakt zu einer neuen Reihe. Ich allerdings hatte mich nicht einmal an den beliebten Vorreiter gewagt, die Göttlich Trilogie. Von Mythologie, insbesondere der griechischen, habe ich leider nicht so das Detailwissen, die behandelten Themen waren einem aber dann auch als Laien durchaus bekannt und die Geschichte war nicht ohne Reiz.

Darum geht’s:

Die 16-jährige Helen lebt mit ihrem alleinerziehenden Vater auf der verträumten Insel Nantucket. Hier geht das Leben seinen geregelten und unauffälligen Gang. Für Helens Freundin Claire viel zu öde. Nach diesem Sommer soll endlich mal was Großartiges passieren. Als das Gerücht die Runde macht, dass eine sonderbare Familie aus dem fernen Europa das Herrenhaus in ‘Sconset beziehen soll, ist die Inselgemeinschaft in Aufruhr. Die äußerst attraktive Familie Delos erfreut sich schon bald größter Beliebtheit. Einzig Helen scheint misstrauisch, ja geradezu wütend auf sie zu sein. Zeitgleich setzen albtraumhafte nächtliche Visionen ein, die Helen den Verstand zu rauben drohen. 
Was hat es mit der Familie Delos auf sich? Und was hat Helen damit zu tun? Schlummert mehr in ihnen als zunächst gedacht?

Josephine Angelini erzählt in Göttlich Verdammt die Geschichte der introvertiertenhimmlischen Helen Hamilton, die sich lieber in der nächstbesten Inselspalte verziehen würde als im Mittelpunkt zu stehen. Wie es aber die Vorsehung so will, scheint Helen verdammt anziehend zu sein und so zieht sie von Zeit zu Zeit die Blicke aller auf sich. Sie ist sich ihrer Anziehungskraft natürlich in keinster Weise bewusst und fühlt sich mehr als Freak, denn als begehrenswerten Menschen. Ihre sonderbaren Fähigkeiten trugen in der Vergangenheit ebenfalls nicht dazu bei, dass sie ein gesundes Selbstvertrauen aufbauen konnte. Sie ist immer zu groß, zu stark und zu schnell. Irgendwas stimmt da nicht. Als dann die Familie Delos auf die Insel zieht und sie mit dem unverschämt gutaussehenden Lucas zusammenstößt, brennen bei ihr alle Sicherungen durch. Auf übernatürliche Art und Weise scheinen die beiden miteinander verbunden zu sein, doch trennt ein lodernder Hass die beiden voneinander.

Der Hass wehrt nicht lange als sich die beiden in einer kräftezehrenden Verfolgungsjagd gegenseitig das Leben retten und klar wird, warum Helen a) Lucas hasst und b) so verdammt speziell ist. Wegrennen und verfolgt werden ist allgemein so eine Sache inGöttlich Verdammt. Helen rennt ständig vor irgendwas weg und jammert, weil es nicht so ist, wie sie das gerne hätte. Auch ihre Beziehung zu ihrem Vater ist eher.. sagen wir “schwierig”. Jerry scheint ein wirklich verständnisvoller und liebevoller Mensch zu sein, vielleicht neben Kate der beste Charakter von allen, aber Helen benimmt sich ihm gegenüber wie ein verzogenes Blag. Zwar kocht sie für ihn, kauft ein, sagt ihm, was er essen darf und was besser nicht, setzt sich dann allerdings konstant über seine Regeln und Wünsche hinweg. Sie benimmt sich wie ein selbstherrliches und neunmalkluges Früchtchen und macht sich nur ab und zu mal Gedanken darüber, wie das auf ihren Vater wirken könnte. Ihn alleine lassen? Ihn vor Sorge fast umkommen lassen? Das muss halt sein. Nur die sehr konstruierten Geschichtsverläufe sorgen dafür, dass Jerry noch nicht vom Dach gesprungen ist.

Der wohl beste Satz im ganzen Werk kommt von Hector, der im übrigen zwischensuperdoof und irgendwie doch ganz nett changiert, die Einordnung ist hier mal wieder nicht klar ersichtlich. Nachdem Helen die halbe Tragweite ihrer Existenz erfahren hat, muss sie sich einem harten Training unterziehen, um ihr volles Potenzial auszuschöpfen. Hector übernimmt dabei das Kampftraining. Helen mosert mal wieder rum wie wenig sie ihren eigenen Kräften vertraut und dass sie niemanden verletzen will, woraufhin sie ganz schön von Hector rangenommen wird. Ihr fauler Hintern solle eben nicht daran Schuld sein, dass seine Familie gefährdet werde. An dieser Stelle wollte ich applaudieren und jubeln.

Die klassische Liebesgeschichte zweier Jugendlicher, die niemals zusammen sein können, wird ausgeschmückt mit mythologischen Elementen und dem Motiv der allumfassenden Fehde. Aus der Romeo und Julia-Romantik wird über Edward und Bella-Romantik eine göttlich aufgeladene unheilverkündende Liebe, die nicht sein darf, wenn unschuldige Leben nicht in Mitleidenschaft gerissen werden sollen. Lucas und Helen sind das Pendant zu Paris und Helena, die durch ihre selbstgefällige Liebe den Trojanischen Krieg ausgelöst haben, der gleichermaßen Götter und Menschen involvierte. Aber wir alle sind doch insgeheim für Drama und Fatalität und so wünscht man sich, entgegen aller Rationalität, dass die beiden einen Weg finden können, mit diesem ungerechten Schicksal umgehen zu können. Es gibt doch immer irgendwo ein kleines Schlupfloch, einen Haken in der Geschichte. Josephine Angelini wird sich da schon etwas überlegt haben. Schließlich wollen wir Liebe, Konfetti und rosa Hochzeitsblumen. Helen und Lucas scheinen dafür bestens geeignet zu sein. Allerdings wittere ich schon das Drama. Da kommt doch sicherlich noch ein geheimnisvoller Dritter und Helen mutiert zum Vamp.

Die mythologischen Diskurse wurden sauber in die Geschichte eingewebt und machten die doch teilweise naive Story zu einem gelungenen Gesamtkonzept. Eine absolute Adäquatheit des behandelten Stoffes darf man sicherlich nicht erwarten, nichtsdestotrotz wurde der Plot dadurch mit interessanten Implikationen verbunden. Abstriche muss man bei Charakteren und Einzigartigkeit des Beziehungsgerüsts machen. Die Charaktere bleiben matt und diejenigen, die ausgefüllt werden, wirken bei Zeiten unbeholfen, inkonsistent und manchmal gar nervig. Hat man sich allerdings daran gewöhnt, kann man als Leser in eine durchaus interessante Symbiose aus Ilias und Romeo und Julia eintauchen und sich die Frage stellen, ob auch in der Göttlich-Trilogie das Schicksal am Ende siegen wird oder ob die Protagonisten ihrem eigenen Willen Gehör verschaffen können.

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220 Bibliotheken, 10 Leser, 0 Gruppen, 22 Rezensionen

dystopie, veronica roth, liebe, englisch, chicago

Allegiant

Veronica Roth
Flexibler Einband: 544 Seiten
Erschienen bei Katherine Tegen Books, 22.10.2013
ISBN B00BD99JMW
Genre: Jugendbuch

Rezension:  
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259 Bibliotheken, 1 Leser, 3 Gruppen, 16 Rezensionen

fantasy, dystopie, alterra, freundschaft, jugendbuch

Alterra: Die Gemeinschaft der Drei

Maxime Chattam , Maximilian Stadler , Nadine Püschel
Flexibler Einband: 400 Seiten
Erschienen bei Droemer Knaur, 02.11.2012
ISBN 9783426513064
Genre: Jugendbuch

Rezension:

Maxime Chattam ist ein französischer Schriftsteller, der in Paris Literaturwissenschaften studierte und nach beendetem Studium als Buchhändler tätig wurde. Erste Veröffentlichungen beschäftigten sich vor allem mit der Kriminologie und erweiterten den Thrillersektor, doch mit Alterra kehrte Maxime zu seinen Wurzeln zurück, zur Fantasy-Literatur, die ihn in seiner Jugend, vor allem durch Werke Tolkiens, in sagenhafte Welten entführten.

Darum geht’s:

Wechselhafte Sommer und warme Winter sind in Matts Welt keine Seltenheiten. Auch die Naturkatastrophen summieren sich. Aber jetzt vor Weihnachten kommen noch andere seltsame Ereignisse hinzu, die die Kinder New Yorks beunruhigen. Sind sie die Vorzeichen für noch etwas viel Schlimmeres?
Am Abend des Weihnachtsfestes bricht sich ein gewaltiger Sturm Bahn und überrascht die Menschen. New York wird unter Schneemassen begraben und unheimliche Blitze zucken vom Himmel, die sich in die Häuser zu fressen scheinen. Als Matt wieder aufwacht ist die Welt nicht mehr wie sie war. Wo sind seine Eltern? Alle Erwachsenen der näheren Umgebung scheinen verschwunden zu sein. Zusammen mit seinem Freund Tobias macht er sich auf die Suche nach weiteren Überlebenden und erkennt dabei schmerzlich, dass das gemütliche Leben vorbei ist. Jetzt heißt es erwachsen werden.

Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll. Ich habe die Geschichte rund um die drei Freunde Matt, Tobias und Ambre geliebt und sofort nach dem zweiten Band gegriffen, als die letzte Seite umgeblättert wurde. Ich konnte mich einfach nicht von meinen gewonnen Freunden losreißen, zu sehr waren sie mir inzwischen ans Herz gewachsen, schließlich hatten wir gemeinsam so manches Abenteuer überlebt. In Alterra steckt so viel Liebe und Zuneigung, das auch ich nichts anderes dafür empfinden kann. Als Jugendliche hätte ich es wahrscheinlich noch mehr geliebt als jetzt. Aber irgendwo muss ich ja anfangen:

In Alterra holt sich die Natur zurück, was der Mensch ihr genommen hat: die Kontrolle. Nach Jahrzehnten der Ausbeutung kämpfen sich Flora und Fauna wieder zurück an die Spitze der Nahrungskette. Alle Erwachsenen wurden entweder pulverisiert, zu Mutanten oder zu aggressiven Zyniks, die Jagd auf die einzige Hoffnung der Menschheit machen: die Kinder. In dieser feindlichen Welt müssen sich die Kinder und Jugendlichen neu organisieren und zusammenarbeiten, wenn sie überleben wollen. Hinter dieser Grundidee steckt eine wunderschöne Moral, die sich jeder Leser, egal ob jung oder alt, zu Herzen nehmen sollte. Wir alle teilen diesen Planeten, der uns mit dem versorgt, was wir zum Leben brauchen. Wir sollten ihn achten und wertschätzen. Auch Freundschaft und Kooperation sollten Werte in unserem Leben darstellen, die es hochzuhalten gilt. Schluss mit Krieg und Zwietracht! Haltet einander lieber häufiger an den Händen.

Zunächst hatte ich die Befürchtung, dass es mir schwer fallen könnte, mich mit 14jährigen Jungen zu identifizieren. In gewohnter Harry Potter-Manier funktionierte das aber ganz hervorragend.
Matt ist ein sympathischer Junge, der versucht, ob seiner Notlage, einen kühlen Kopf zu bewahren; er handelt durchdacht und lässt dabei aber nicht vergessen, dass er eigentlich ein Kind ist. In anderen Werken erlebt man zu häufig, dass der/die Protagonist/in völlig atypisch für sein/ihr Alter agiert.
Matts bester Freund Tobias ist ein kleiner besorgter Wirbelwind, der ein bisschen an Ron von Harry Potter erinnert. Er ist seinem Freund stets loyal ergeben, auch wenn er sich vor Angst manchmal lieber verkrümeln würde. Es würde ihm nie einfallen, Matt im Stich zu lassen.
Auf ihrer Reise durch diese neue Welt lernen sie in der Gemeinschaft der Kinder, die sich nach Peter Pan (und den verlorenen Kindern?) die Pans nennen, Ambre kennen. Ambre ist ein Jahr älter als die Jungs, hübsch, wahnsinnig klug und neugierig. Anders als bei Hermine ist sie von Anfang an sehr umgänglich, aber eine Verbindung lässt sich auch hier nicht vermeiden. An ihr zeigt sich, dass sich gutes Aussehen und Intelligenz nicht ausschließen müssen und sie weiß, wie sie damit umzugehen hat. Das war es dann aber auch mit Harry Potter-Bezügen, denn die Geschichte entwickelt sich auf einzigartige Weise.

Maxime Chattam bedient sich eines sehr leichtfüßigen und einfach strukturierten Schreibstils. Die Sätze sind klar gegliedert und unkompliziert. Der Leser fliegt förmlich durch die Seiten der alternativen Erde. Ihre Beschreibung ist lebhaft und entfaltet sich fast automatisch vor dem inneren Auge. Immer größere Bildausschnitte werden im Geiste konstruiert. Bei Zeiten geht es auch ganz schön blutig zur Sache. Wer abgetrennte Gliedmaßen und viel Blut nicht verträgt, sollte lieber zu einer anderen Geschichte greifen, obgleich diese Szenen wirklich gering gehalten werden. Alterra baut sich langsam auf und wird dann zu einem immer anziehenderen Page-Turner, der vor Spannung nur so strotzt. Die aufgebauten Konflikte sind durchdacht und auch Nebencharaktere werden gut ausgeleuchtet. Nichts an der Story wirkt unnatürlich. Was als unschuldiger Jugendroman beginnt, wird schon bald zu einer düsteren und actionlastigen Erzählung von Freundschaft, Unsicherheit und Entdeckertum. Vorsicht: Lesefieber!

Fazit: Lesen! Unbedingt lesen! Das ist wirklich ein toller Jugendroman.

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205 Bibliotheken, 8 Leser, 0 Gruppen, 16 Rezensionen

dystopie, englisch, young adult, zukunft, divergent trilogie

Insurgent (Divergent Trilogy) by Roth, Veronica ( 2012 )

Veronica Roth
Fester Einband
Erschienen bei Katherine Tegen Books, 03.01.0100
ISBN B00E32336E
Genre: Sonstiges

Rezension:

Weiter geht es mit dem zweiten Teil von Veronica Roths Dystopie “Die Bestimmung”. Nach dem ersten Teil, dessen Rezension ihr hier nachlesen könnt, war ich ja nicht unbedingt begeistert, aber auch nicht wirklich abgeneigt. Die offenen Fragen sollten beantwortet werden und durch die Action lieferte Divergent ja auch einige rasante Lesestunden mit wechselhaftem Spannungsverlauf. Insurgent setzt nahtlos an die Geschehnisse aus Divergent an, den Protagonisten wird keine Verschnaufpause gegönnt.

Darum geht’s:

Tris, Four und ihre unzerstörbaren Kameraden haben die Zombie-Serum-Attacke der Ken überstanden und blicken in das Angesicht einer tief gespaltenen Gesellschaft. Wer ist hier noch Feind und wer Freund? Um ein wenig zu Atem zu kommen, flüchten sie sich kurzzeitig zu den neutralen und friedliebenden Amite. Ihr informelles Sprachrohr Johanna Reyes kann ihre Fraktion überreden, als temporäres Heim für die von Krieg geplagten Städter zu dienen. Doch Ruhe und Frieden kann in diesen Zeiten des drohenden Krieges, der Missgunst und Unsicherheiten nicht lange gewahrt werden. Tris steht vor schicksalhaften Entscheidungen, geplagt von den Konsequenzen ihrer eigenen Taten. Es gibt keine Zeit für Rast. Es muss alles getan werden, um ihre Liebsten zu beschützen.

Neue Herausforderungen, Verrat und Trauer bilden die Anker dieses zweiten Teils.Insurgent ist düster, melancholisch und beklemmend. Zusammen mit Tris taumelt der Leser durch die zerstörte Stadt und blickt in leere Augen. Beziehungen distanzieren sich und werden neu gebildet. Über allem liegt ein dicker düsterer Staub, der besonders von Tris’ Gewissen aufgewirbelt wird. Von der Stimmung her erinnerte mich Insurgent sehr stark an den zweiten Band der Biss-Reihe. Bella befand sich konstant in einem Strudel aus Dunkelheit und Verzweiflung, der auch mich als Leser ergriffen hat. So ging es mir mit Tris nun auch. Gepeinigt von Gewissensbissen und Schuldgefühlen beginnt sich ihr Charakter neu auszuformen und ist kaum noch wiederzuerkennen. Ihre neugierigen Anwandlungen werden zu nervtötenden sneaky Ambitionen, nichts darf vor ihren Ohren verheimlicht werden. Mut wird gleichzeitig zu Kopflosigkeit, eine dumme Entscheidung verabschiedet die nächste. Diese Entscheidungen treiben die Geschichte schnellen Schrittes voran, entbehren aber nicht selten jeder Logik. “Irrationale Entgleisungen aus Trauer” schön und gut, aber die starke, furchtlose Tris gibt sich ja auch gerne mal als neunmalkluges Ken-Girl und da passen solche Momente gar nicht. Ähnlich verhält es sich mit Four/Tobias. Auch er erlebt einen Charakterwandel, der seines gleichen sucht, der aber gewissermaßen den Grundstein für seine Handlungen in Band drei legen wird.

Die Spannungsverläufe sind für mein Empfinden wieder sehr atypisch. Der erste Handlungsstrang ist wieder sehr spannend, die zweite Hälfte fällt dann aber mit sanften Wellenbewegungen stark ab. Keine Rasanz, die das Buch zu einem Pageturner werden lässt, dafür aber für die Atmosphäre des Buches sehr angemessen ist. Im Großen und Ganzen passiert in Insurgent hinter der Maske aus Action mit Todesfolge nicht viel Essentielles, was ein Buch von ~500 Seiten erfordert hätte.

In Divergent hatte ich mir gewünscht, mehr über das System zu erfahren, in dem Tris und ihre Freunde und Feinde lebten und dieser Schleier des Nichtwissens wird langsam aber stetig gelüftet. Das Gesamtkonzept wird dadurch für mich nicht unbedingt schlüssiger, schließt aber einige Lücken. Erkenntnisse und Lügen werden zu Tage gebracht und die einzelnen Charaktere gewinnen langsam aber stetig an mehr Tiefe, ob diese dem Leser gefällt, muss natürlich jeder für sich entscheiden. Einige Handlungen werden dadurch nachvollziehbar, was im ersten Teil noch etwas hölzern wirken konnte.

Fazit: Da ich Band drei bereits ausgelesen habe, fällt mir die Einordnung von Insurgentin das Gesamtkonzept der Trilogie relativ leicht: Es ist für mich der schlechteste Teil der Reihe, auch wenn einige inhaltliche Fixpunkte gesetzt werden. Stimmung und Handlungsfülle boten schlicht kein besonderes Lesevergnügen, einzig das Ende ließ mich endlich aufhibbeln, weil – Spoiler kommt in der nächsten Rezension.

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50 Bibliotheken, 0 Leser, 1 Gruppe, 10 Rezensionen

sex, festa extrem, demütigung, horror, monster

Monstersperma - Extrem

Edward Lee
E-Buch Text: 154 Seiten
Erschienen bei Festa, 25.07.2014
ISBN B00M5JY6E0
Genre: Sonstiges

Rezension:

Darum geht’s:

Ann White ist fett. Ann White ist ein Problemfall. Ann White ist einfach zu nichts zu gebrauchen. Mit Ach und Krach hat sie den Highschoolabschluss geschafft; ihr wollt gar nicht wissen, was dazu nötig war. Um nicht vom Erbe ihres Vaters ausgeschlossen zu werden, sucht sie verzweifelt an ihrem College nach einer passenden Studentenverbindung. Von allen anderen abgelehnt, bleibt schließlich nur noch das Alpha-Haus, dessen Ruf exzellent ist. Alle Abgänger hatten einen Studienabschluss von 1,0 und hervorragende Jobchancen, zudem sahen sie einfach fabelhaft aus. Das hochtrabende Verhalten der perfekten Alpha-Alpha-Haus-Mieze Miss Kezzy trägt nicht gerade zum Selbstvertrauen der Anwärterinnen bei. Das Alpha-Haus verkörperte also all das, was Ann nicht ist. Dem exklusiven Habitus von Studentenverbindungen folgend, steht den Anwärterinnen eine harte Bewährungswoche bevor. Doch niemand ahnt, wie hart und unmenschlich sie sein wird. Und wenn du denkst, du hast alles erlebt, offenbart sich dir ein düsteres Geheimnis.

Wer ist Ann White? Nun, dass kann sie wirklich am besten selbst beschreiben:

” >Ann<, das bin ich, Ann White. Ich bin fett, uninteressant und meistens mies drauf. Ungelogen, ist eine Tatsache. Ich kiffe und saufe zu viel und bin mit 19 so unmotiviert wie eine alte Glucke auf dem Sterbebett. Wenn ich sitze, wirft mein Bauch sechs unterarmdicke Fleischwülste – echt, ich habe nachgezählt. Auf der Straße meinte ein Typ mal zu mir, den ich nie zuvor gesehen hatte: ‘Hey, Baby, ich wusste gar nicht, dass es auch Jeans für Elefanten gibt.”

Anns Charakter besticht durch eine große Portion Obszönität, angereichert mit einer Prise Sarkasmus und viel schwarzem Humor. Mit ihrer Leibesfülle geht sie ganz offen um – sieht ja eh jeder – doch sollte man es nicht zu bunt treiben. Zwischen Selbstzweifel und Selbstbehauptung liegt bei ihr ein schmaler Grat. Erniedrigungen durch Mundpropaganda? Kein Problem! Zehn Beleidigungen á la “Fette Planschkuh”? Massenschlägerei. Auch ihre offensichtliche Unzulänglichkeit im intellektuellen Sektor wird durch Miss Kezzy, die Alpha-Haus-Schnecke, auf die Probe gestellt und siehe da: Auf einmal blüht die Gute richtig auf und mutiert zur nervigen Besserwisserin, die ständig über die (zugegebenermaßen schmerzhafte) Dummheit ihrer Mitanwärterinnen seufzt. Ann ist nun wirklich kein Charakter mit dem man sich identifiziert, man folgt ihr einfach durch die Geschichte, weil sie es so platt erzählt und dadurch eine Distanz zum doch eher entwürdigenden Geschehen hergestellt wird. Das hat seine ganz eigene Wirkung, ein bisschen zu vergleichen mit Splatterszenen in Filmen zu heiterer Musik. Diese Diskrepanz zwischen Ton und Gegenstand kann urkomisch und surreal wirken.

Edward Lee folgt hier allgemein einem sehr lockeren und direkten Schreibstil. Zwischen den Protagonisten gibt es diesmal keinen großen sprachlichen Unterschied, alle sind irgendwie auf einer Ebene. Das liegt vor allem daran, dass hier aus der Ich-Perspektive erzählt wird und daher alles an Ann angeglichen wird. Einzig das männliche Hausmädchen hat einen leicht hinterwäldlerischen Dialekt, den man durch Anns Erzählung allerdings nur dann bemerkt, wenn sie abwertend darauf hinweist. Im Großen und Ganzen führt Ann ein sehr loses und obszönes Mundwerk mit vielen Beleidigungen und fäkalen Metaphern – eben passend zur Handlung.

Sicherlich kann man in diesem Werk viel Tiefgang finden, allerdings nicht in poetischer oder personenbezogener Hinsicht. Sämtliche Charaktere sind sehr grob gezogen und mit wenigen Attributen ausgestattet. Das Beispiel “Mercy”: Sie ist spindeldürr, gläubige Christin und eine Memme. Das war’s. Mehr braucht man hier auch sicherlich nicht, denn einen großen Handlungsstrang gibt es schlichtweg nicht. Es geht hier seitenlang nur darum, die Protagonisten von einer sexuellen Grenzsituation in die nächste zu bringen und nebenbei darauf hinzuweisen, wie fett Ann doch ist. Jedwede Perversität, die mit oraler Befriedigung zu tun hat, wird hier aufgegriffen und man fragt sich schon bald: Kommt da noch was? Und ja, da kommt noch was! Neben all der Belanglosigkeit entfaltet sich, vor allem gen Ende, eine für Edward Lee passend kreierte Referenz an den Großmeister des (nicht-perversen) Horrors H. P. Lovecraft. Wer Edward Lee kennt, der weiß, dass hinter all den Obszönitäten meist etwas Diabolisches, Außerirdisches, manchmal Transzendentales steckt. Unter der Oberfläche brodelt etwas. In diesem Fall ist das Alpha-Haus im Besitz einer Übersetzung des mythologisch aufgeladenen und garantiert realen (Kitab) Al Azif von Abdul Alhazred. Natürlich wird dieser symbolträchtige Handlungsstrang ergänzt durch Lee-typische Inszenierungen, doch macht er Lust auf mehr. Vor allem Lust auf den Großmeister höchstselbst. Durch diese Ergänzung des eher laschen Erzählstrangs, der 70% des Buches ausmacht, gewinnt das Buch auf der Zielgeraden doch noch an interessantem Material.

Für Fans des Extreme-Horrors ist diese Novelle sicherlich ein kleines Sahnebonbon. Für Fans von Edward Lee bietet sie eine gute Ergänzung zum Gesamtwerk und macht die narrativen Einflüsse deutlich, die sein Schreiben motivieren und inspirieren. Einsteigern würde ich ein anderes Werk mit mehr Handlung empfehlen (Bighead beispielsweise), da hier doch ein starkes Übergewicht von Porn-Elementen vorhanden ist. Fans mögen das. Nicht-Fans schreckt das wohl eher ab. Also wer auf der Suche nach viel sexueller Obszönität ist und einen Mangel an Story gern in Kauf nimmt, der wird hier, vor allem am Schluss, ordentlich belohnt. Von mir gibt es ein “Daumen hoch!”.

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44 Bibliotheken, 1 Leser, 1 Gruppe, 8 Rezensionen

horror, festa verlag, splatter, bedrohlich, ekel

Sein Schmerz - Extrem

Wrath James White
E-Buch Text: 92 Seiten
Erschienen bei Festa, 26.10.2013
ISBN 9783865523020
Genre: Sonstiges

Rezension:

Wrath James White weiß als ehemaliger Kickboxer und World Class Heavyweight sicherlich wovon er spricht, wenn er den Schmerz thematisiert. In seinem 2011 erschienen “His Pain” nimmt der Schmerz eine exponierte Stellung ein. Er ist das alles überschattende Explanans. Der Festa-Verlag hat dieses Werk 2013 in seine glorreiche Extrem-Reihe aufgenommen und damit mal wieder eine wahre Perle der Perversion in seinem Programm platziert. Was WJW auszeichnet und sicherlich auch von Edward Lee etwas abhebt: Neben all der Perversion zeigt sich, dieser Mann kann nicht nur gut auf die Fresse hauen, er kann auch schreiben.

Darum geht’s…

Melanie (Hallo, Namensvetterin!) hat sich nichts sehnlicher gewünscht, als nach all den qualvollen Versuchen mit ihrem Mann Edward endlich eine kleine Familie gründen zu können. Als ihr kleiner “Parasit” dann aber das Licht der Welt erblickt beginnt der Höllentrip. Der kleine Jason ist Opfer einer seltenen genetischen Krankheit: Jeder nur erdenkliche Sinneseindruck – ob Licht, Geräusch, Berührung oder Duft – verursacht bei ihm unermessliche Qualen. Die Ärzte bescheinigen ihm keine lange Lebenserwartung. Doch irgendwie erreicht dieses von Schmerzen verzehrte Wesen das 17. Lebensjahr. Verschlossen hinter schallisolierten Wänden und abgedunkelten Fenstern und unter permanenter Schmerzmittelzufuhr fristet Jason ein menschenunwürdiges Leben. Dass dabei kein Familienleben aufkommen konnte und sich alle Beteiligten immer fremder werden verwundert da nicht. Während Melanie eines Tages den wenig schmackhaften Brei für Jason zubereitet, sieht sie in einer Talkshow den Yogi Arjunda, der davon berichtet, wie er es geschafft hat, sich von seinen Schmerzen zu lösen und der daraus eine Lebensphilosophie gemacht hat. Vielen Menschen hat er damit schon geholfen, warum also nicht auch Jason? Die unorthodoxen Behandlungsmethoden des Yogi zeigen schon bald ihre Wirkung, offenbaren aber auch die schreckliche Kehrseite des Schmerzes und in Jason keimt immer mehr der Wunsch auf, die anderen endlich verstehen zu lassen. Wenn aus Schmerz Lust wird…

“Sein Schmerz” ist erstaunlich gut geschrieben. Besonders bemerkenswert ist, was mir bisher bei keinem der Horror-Extrem Bücher im Festa-Verlag bisher geschehen ist und wenn dann am ehesten beim Teratologen – Überraschung.. wer war daran beteiligt? -, dass ich mich mit den Protagonisten identifiziert habe. Neben all der Perversion und Brutalität, die hier durchaus in rauen Mengen vorhanden ist, schafft Wrath es, seinen Protagonisten Tiefe zu geben. Bisher habe ich mich noch nie mit dem Monster identifiziert. Aber Jason ist so ein liebevoll skizzierter Charakter, dass ich nicht umhin konnte, ihn einfach zu bemitleiden. Ich konnte ihn zu keinem Zeitpunkt für das, was er tat verabscheuen. Zu sehr war ich mitgerissen von den Qualen, die er erleben musste. Zu sehr war ich erfreut, als er endlich eine Möglichkeit gefunden hatte, wie er den Schmerz kanalisieren konnte. Ich habe geweint, als sich in ihm eine Erkenntnis festgesetzt hat, die unseren weisen Reden widersprechen und die dadurch doch nicht unwahrer geworden ist. Auch die Eltern, Melanie und Edward, sind zwei Menschen, die sich durch Unsicherheit, Liebe und Hoffnung auszeichnen – jeder auf seine eigene Art. Melanie wünscht sich nichts sehnlicher, als endlich einmal mit Jason die Mutter-Kind-Bindung aufzubauen, die doch so normal ist. (Freilich muss man dann konstatieren, dass das Ergebnis ganz klar pervers ist. Sonst wäre es aber auch nicht Festa-Extrem.) Sie will ihn mit Zuneigung überschütten, während Edward sich für seinen Sohn Erlösung wünscht und einsieht, dass das kein Leben ist, das lebenswert ist. Ihre Handlungen sind, in Maßen, nachvollziehbar.

Was hier der Feder von Wrath James White entsprungen ist, hat mir einen verregneten Sonntag aufgehellt. Ich kann den Fokus diesmal nicht auf die Obszönität legen, die sollte jeder für sich selbst entdecken. Diese Novelle ist ein kleines Schmuckstück im Dickicht des schlechten Horror (den ich keinesfalls verachte). Neben Edward Lee, zweifelsohne der König der Abartigkeit, mausert sich Wrath gerade zu einem weiteren Liebling. Gekonnt verknüpft er Menschenkenntnis mit Abartigkeit und lässt ein gewisses Fünkchen Philosophie auch nicht vermissen. Das macht einen erfrischenden Cocktail aus heiterer Absonderlichkeit mit einem Topping aus Sadismus. Als Warnung gilt aber:Holy shit, what did I just read?! 

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717 Bibliotheken, 9 Leser, 1 Gruppe, 62 Rezensionen

liebe, krebs, tod, john green, krankheit

Das Schicksal ist ein mieser Verräter

John Green
Fester Einband
Erschienen bei Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG, 01.01.2012
ISBN B00BWF80F4
Genre: Jugendbuch

Rezension:

Darum geht’s:

Hazel Grace Lancaster hat Schilddrüsenkrebs. Die Metastasen haben auch ihre Lungen befallen. Ein neues Medikament verschafft ihr seit Jahren noch eine gewisse Gnadenfrist, dennoch ist sie gekettet an Sauerstoffwagen und kontrolliert von ihrer Lungenkapazität. Ihre Mutter zwingt sie zu einer Selbsthilfegruppe zu gehen, aus Angst, Hazel könne depressiv werden, wenn sie ständig zuhause bliebe. Sie soll raus gehen, sich mit Leuten unterhalten. Die Selbsthilfegruppe ödet Hazel allerdings an. Doch eines Tages bringt einer ihrer dortigen Leidensgenossen einen Freund mit: den sorglos wirkenden Augustus Waters. Vom ersten Augenblick an scheinen sich die beiden magisch anzuziehen. Schnell kommen sie sich näher und tauchen in die Welt des jeweils anderen ein. Doch es ist nicht immer alles wie es scheint und Hazel muss erkennen, dass Augustus nicht so glücklich ist, wie er vorgibt.

Das Buch will kein Krebsbuch sein. Für mich ist es das allerdings irgendwie schon. Muss ja auch nichts schlechtes sein, richtig? Allerdings hat das Buch meine Erwartungen überraschenderweise nicht erfüllt: Vielfach konnte man lesen, dass das Buch dazu angetan sei, Tränen zu provozieren, es sei schrecklich emotional und traurig. Vielleicht bin ich ein gefühlskalter Klotz, doch die Traurigkeit übermannte mich erst ganz am Schluss. Und dass ich dann doch ein paar Tränen vergoss, ist nun wirklich kein Qualitätsgarant. Natürlich befinden sich Hazel und Augustus in einer miesen Situation. Niemand will krank sein. Niemand will eine Last oder “Zeitbombe” für andere Menschen sein. Was dieses Buch aber auszeichnet: Neben all der Tragik der Krankheitsgeschichte, sind die Protagonisten vor allem eines: authentisch. Es sind Jugendliche, die hier beschrieben werden, sie leben ihr ganz “normales” Leben mit Liebe, Schmerz, Freude und jugendlicher Wehmut. Weltschmerz wechselt sich ab mit kindlicher Naivität. Ein herrlicher Sarkasmus durchzieht die Seiten des Buches. Die beiden sind realistisch, sie wissen, was geht und was nicht und natürlich möchte man als junger Mensch manchmal mehr als nötig ist. Der Krebs ist da. Er steht im Vordergrund. Aber irgendwie ist er auch nur Nebendarsteller. Wie ein kleiner Schnupfen, der am Rand der Aufmerksamkeit zwickt, aber nicht der Rede wert ist. Das war erfrischend, weil es dafür sorgte, dass die Menschen nicht nur über ihre Krankheit definiert wurden! John Green ließ das Buch nicht vor Theatralik überschäumen oder heroisierte seine Protagonisten über das Maß. Er zeichnete das Bild zweier sich Liebender, die sich am Ende loslassen müssen, aber für einen kleinen Zeitraum gemeinsam unendlich waren (Shakespeare lässt grüßen!).
Aber irgendwas fehlte. Irgendwas war da, bei all der Authentizität, zu glatt, zu kantenlos.

Und richtig: Ich wäre nicht ich, hätte ich nicht irgendwas zu meckern. Soeben schrieb ich, wie authentisch Hazel und Augustus gewirkt haben, authentisch allerdings nur insofern, als sie Platzhalter darstellen. Sie können beliebig ersetzt werden. Sie können sich sogar gegenseitig ersetzen, weil sie sich voneinander kaum abheben. Die Dialoge, Monologe, Gedanken.. all das wirkt sehr abstrakt, sehr geistreich. Sie sind der Idealtypus eines Teenagers, den irgendwie jeder wiedererkennt, bei dem man sich aber auch fragen muss: trifft das in der Realität überhaupt zu? Aus ihnen spricht zweifelsohne John Green. Aphorismus reiht sich an Aphorismus. Viele Weisheiten und Denkt-darüber-nach-Appelle geben sich die Klinke in die Hand. Das ist zweifelsohne sehr spannend zu lesen, lässt sich aber nur schwierig mit den Protagonisten kombinieren. Es lässt sie sehr oberflächlich und altklug wirken. Besonders mit Augustus wurde ich überhaupt nicht warm. Er wirkte sehr glatt und gefühlskalt. Entweder wirkt das nur auf mich so oder es war gewollt. Letzteres ist durchaus vorstellbar, weil (Vorsicht SPOILER!) Augustus Hazel ja eine ganze Zeit nur seine Gesundheit vorspielt. Dadurch wirkt er als tatsächlicher Mensch allerdings eher wie eine Schaufensterpuppe mit zugeschriebenen Attributen, die aber irgendwie einfach keine Identifikation zulassen. Hazel und Augustus sind zwei personifizierte Moral- und Weisheitskeulen, sie haben keinerlei Fehler, außer den, dass sie krank sind. Ansonsten sind sie zwei perfekte und kluge Kinder.
Die Tatsache, dass die Liebesgeschichte der beiden quasi aus heiterem Himmel fiel, trägt nicht gerade dazu bei, ihre charakterliche Stärke zu untermauern. Sie lernen sich kennen, sie verlieben sich, Hazel fährt sofort zu ihm nach Hause. Wirkt das nur in meiner Welt total unrealistisch, dass ich sofort zu jemandem nach Hause fahre, den ich gerade einmal 20 Minuten kenne? Zumal wenn ich eine Mutter habe, die sonst pausenlos auf mich aufpasst? Das geht alles zu schnell. Aber auch hier: Vielleicht soll es auf einen gewissen Existenzialismus angesichts der ablaufenden Zeit anspielen. Wenn nicht jetzt, wann dann? Schade bleibt, dass es keine wirkliche Entwicklung zwischen den beiden gibt, weil alles plötzlich da ist. Deswegen wirkt die ganze Story auch leider sehr vorhersehbar, schließlich gibt es nichts mehr zu entdecken, außer seitenlanger Weisheiten.

Vielen seiner Werke ist gemein, dass die Protagonisten leidenschaftliche Leser sind und auch hier spielen die Bücher wieder eine zentrale Rolle. Neben der Leidensgeschichte junger Krebspatienten entfaltet sich die Frage, inwieweit Bücher dabei helfen können, mit dem eigenen Leben zurechtzukommen, ob als Ratgeber oder Trostspender. Das berühmt berüchtigte Motiv des Romans im Roman findet auch hier Verwendung. Das Lieblingsbuch von Hazel Grace “Ein herrschaftliches Leiden”, geschrieben von dem fiktiven Romanautor Peter van Houten, dient ihr als Vorbild. Sie erkennt sich in der Geschichte wieder, in der es ebenfalls um ein krebskrankes Mädchen geht. Doch endet der Roman ganz abrupt, wahrscheinlich, weil das Mädchen starb, und hinterlässt beim Leser viele Fragen. Hazel will wissen, wie es weitergeht und schreibt viele Briefe an den Autor. Was ist aus der Mutter geworden, was aus dem Hamster? Wie ging das Leben der Hinterbliebenen weiter? Endet alles, wenn auch sie endet? Hazel erhält nie eine Antwort. Der Handlungsstrang rund um Peter van Houten (der die schlechteste Variante von John Green darstellen soll) nimmt einen zentralen Punkt ein. Was kann und was soll ein Buch dem Leser bieten? Ist der Autor verpflichtet, auf alles eine Antwort zu haben? Hat der Autor überhaupt die Macht, auf alles eine Antwort zu finden? Und: Welche Erwartungshaltung dürfen wir an die Autoren unserer liebsten Romane richten? Schließlich sind sie auch nur Menschen und keine metaphysischen Entitäten, die in Sphären fernab von Leid und Trauer wandeln. Was darf ein Autor sich herausnehmen? Die Fragen finden hier keine generelle Beantwortung, über sie nachzudenken sollte allerdings jedem Leser auferlegt werden. Zweifelsohne besteht zwischen ‘Leser und Buch’ und ‘Leser und Autor’ eine ganz besondere Bindung, aber man muss sich fragen, ob sie nicht eine asymmetrische ist, aufgeladen von zu vielen Erwartungen, die nicht erfüllt werden können.

Fazit: John Greens “Das Schicksal ist ein mieser Verräter” ist ein “recht gutes” Buch. Mehr aber auch nicht. Der Hype ist (mal wieder) übertrieben. Nichts desto trotz bietet es interessante Gedanken, die eingekleidet in einer tragischen Liebesgeschichte auf Zeit daherkommen. Ich bin gespannt darauf, wie der Film das Buch umgesetzt hat.

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90 Bibliotheken, 5 Leser, 7 Gruppen, 9 Rezensionen

wolpertinger, rumo, untenwelt, zamonien, liebe

Rumo & Die Wunder im Dunkeln

Walter Moers ,
Audio CD
Erschienen bei Hörbuch Hamburg, 06.05.2008
ISBN 9783899038002
Genre: Fantasy

Rezension:  
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581 Bibliotheken, 17 Leser, 2 Gruppen, 73 Rezensionen

dystopie, divergent, jugendbuch, veronica roth, chicago

Divergent

Veronica Roth
Fester Einband: 487 Seiten
Erschienen bei Harpercollins Childrens Books, 03.05.2011
ISBN 9780062024022
Genre: Sonstiges

Rezension:

Was bekannte Trilogien von Fantasy-Geschichten oder Dystopien angeht hänge ich ganz schön hinterher. Derzeit versuche ich meine Wissenslücken auf dem Gebiet der Dystopien wieder etwas auszufüllen und widmete mich der Zukunftsvision von Veronica Roth. Die 1988 geborene und gebürtige Chicagoerin legte mit ihrem Debüt 2011 einen Traumstart hin. Sofort erklomm Divergent die Bestesellerlisten und wurde in den Folgejahren mit dem ein oder anderen (Publikums-)Preis geehrt und entfaltete sich nun kürzlich auch auf den Kinoleinwänden. Da schaut man natürlich gerne mal genauer hin.

Darum geht’s:

Nach anhaltenden Zeiten des Krieges wurde Beatrice Priors Chicago der Zukunft eingeteilt in fünf Fraktionen, die jeweils einer eigenen Bestimmung Folge leisten. Auf diese Weise sollten politische und gesellschaftliche Prozesse uniformiert und geregelt werden, damit nie wieder so etwas Schreckliches wie Krieg ausbrechen kann. Es gibt die Candor – die, die immer ehrlich sind; die Amite – die stets höflich und bedacht auf den Frieden sind und mit der Natur im Einklang leben; die Altruan – die Selbstlosen, die, weil sie als unbestechlich gelten, den Regierungsvorsitz unterhalten und sich um die Fraktionslosen kümmern; die Ken – die stets nach dem Wissen streben und zu guter letzt die Ferox – die Furchtlosen, die sich für den Schutz der Stadt einsetzen. 
Jetzt da Beatrice und ihr Bruder Caleb 16 Jahre alt sind, müssen sie sich für eine der Fraktionen entscheiden. Diese Wahl wird ihr Leben für immer bestimmen: Bleiben sie bei ihrer Familie und den Altruan oder folgen sie ihren eigenen Bedürfnissen? Aber Beatrice hat auch ein Geheimnis, das niemand erfahren darf und ständig ans Tageslicht zu treten droht. Doch als sie sich für einen Weg entscheidet und dafür trainiert, Teil der Gesellschaft zu sein, wird sie in einen Konflikt hineingezogen, der ihr eigenes Leben übersteigt. Kann sie ihr Geheimnis nutzen, um andere zu retten oder wird sie alles zerstören?

Divergent ist ein packender Jugendroman mit dystopischen Einschlägen. Die Einordnung der Autorin bei Goodreads in das Genre Young Adult passt aber sicherlich auch hier wieder ganz gut. Die Einbettung des Plots in eine dystopische Zukunftsvision funktioniert hervorragend, allerdings bleibt das Setting dabei etwas grau. Die typischen Eckpfeiler werden bedient: Ein Gesellschaftssystem nach einer andauernden Periode des Krieges, eine Reglementierung der politischen und sozialen Prozesse, die partielle Ausschaltung des freien Willens und die Benachteiligung einiger Gesellschaftsteile. Natürlich alles im Zeichen eines größeren Ganzen. Für eine Dystopie ist mir das aber zu wenig. Das Chicago, in dem Beatrice und ihre Freunde und Feinde leben, ist umgeben von einem meterhohen Zaun, der die Bevölkerung schützen soll (oder vielleicht einsperrt?). Nur am Rande wird erwähnt, dass weite Areale hinter dem Zaun zerstört sind; aber sind sie auch unbelebt? Was ist dort? Wurde wirklich die ganze Welt vernichtet und nur Chicago ist stehengeblieben? Gibt es keinerlei internationale Beziehungen mehr? Auch das allgemeine Leben innerhalb des Zauns wird im ersten Teil der Trilogie sehr stiefmütterlich behandelt. Die Fraktionen mit ihren einzelnen Aufgabenbereichen werden vorgestellt, auf einer halben Seite auch kurz das politische System. Aber dann ist erstmal wieder Schluss. Ich würde aber gerne noch viel mehr darüber erfahren, muss mich natürlich aber erst mal zurückhalten, weil es ja erst der erste Band ist und man nie weiß, was da noch kommen wird.

Veronica Roth behandelt in ihrem Erstlingswerk vor allem die Initiation von Beatrice in der von ihr gewählten Fraktion, die Ferox. Diese wird sehr detailliert dargestellt, vor allem die einzelnen Bestandteile der Prüfungen. Das gewährleistet nur wenig Aufschluss darüber, was da noch kommen könnte, natürlich ahnt man mehr und mehr, dass es zwischen den Fraktionen ordentlich kracht. Um die Story ein bisschen voran zu treiben, fand innerhalb der Fraktion der Ferox ein Wandlungsprozess statt. Ursprünglich wurden alle Initianten übernommen, doch eine neue Generation von Anführern sorgte für eine Änderung des Regelwerks (was für ein Zufall!) und nun herrscht ein angespannter Konkurrenzkampf zwischen den einzelnen Anwärtern. Ob Freund oder Feind, niemand gönnt dem anderen seine Positionierung auf der Liste der sicher Aufgenommenen. Eigentlich ist der große Platz, den dieser Handlungsabschnitt einnimmt, nicht unbedingt gerechtfertigt. Sicherlich dient er dazu, die Entwicklung von Beatrice voranzutreiben, weil sonst ihr Handeln nicht verständlich wäre. Allerdings muss man auch konstatieren, dass dieser Teil einfach so irgendwann abgebrochen wird und ein ganz typischer Konflikt eingeführt wird: Wem gebührt die Macht? Warum das ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt geschieht, ist mir nicht ganz klar. Wahrscheinlich wollte man dem Leser unbedingt noch zeigen, wie cool Tris ist.

Denn die unscheinbare Beatrice “Tris” Prior kämpft sich langsam von ganz unten hoch. Dadurch gerät sie schon bald in Konflikte, die an den Charakteren der Protagonisten zweifeln lassen und dafür sorgen, dass man sich beim Lesen die Haare rauft. Veronica Roth kreiert eine Atmosphäre in der man sich nicht sicher sein kann, wer Freund und wer Feind ist. Alles bleibt im Ungewissen und hinter jeder Ecke könnte Verrat schlummern. Aber auch sie selbst wird mit Situationen konfrontiert, die ihren zunächst sauberen Charakter beflecken. Sie muss Entscheidungen treffen, die oftmals nicht unbedingt konsistent wirken. Aber dafür sorgen, dass sie nicht nur äußerlich einen Kampf auszufechten hat, sondern auch innerlich. Das macht sie zu einem bisweilen unberechenbaren, aber auch sehr menschlichen Charakter. Unsere Heldin wird an den Rand ihrer Belastbarkeit gebracht. Wird sie brechen?

Parallel zur Initiation entwickelt sich zwischen Tris und ihrem Ausbilder Four langsam eine Liebesbeziehung. Natürlich wirkt Four zunächst abweisend, wie es seiner Stellung angemessen ist und die Annäherung findet sehr gemächlich statt, dann aber gewinnt ihre Beziehung immer mehr an Tiefe. Wahrscheinlich, weil sie ein gemeinsames Geheimnis hüten. Es ist erfrischend, dass die Beziehung nicht besonders überdramatisiert wird. Sie bettet sich hervorragend in das Setting ein und ist nicht mit zu viel Kitsch überladen. Sicherlich werden einige Szenen besonders weich gezeichnet, andere allerdings sind aufgeladen mit Unstimmigkeiten. Sie sind sich nicht einfach nur einig. Es wirkt so erstaunlich normal.

Es gibt ein paar Kleinigkeiten, die in der Geschichtskonzeption nicht besonders stimmig wirken. Neben den fragwürdigen Handlungen einiger Charaktere sind mir besonders die Angst-Simulationen während der Aufnahmeprüfungen bei den Ferox aufgefallen. Als Unbestimmte hat Tris die Fähigkeit immun gegen die Simulationsseren zu sein. Sie ist sich bewusst, dass das, was passiert, nicht real ist. Außerdem kann sie die Simulation dadurch manipulieren. Ihr wird angeraten das nicht zu tun, weil sie sonst auffliegen könnte, was für sie äußerst gefährlich wäre. Lieber solle sie so handeln, wie es einer Ferox angemessen wäre. Bei der finalen Prüfung allerdings wünscht sie sich Waffen herbei, lässt es regnen und das Glas des Wassertanks erneut brechen. Für mich entspricht dieses Handeln einer Manipulation der Simulation. Folgen hat es allerdings keine.

Man kann sich natürlich auch die Frage stellen, wie tiefgründig die Einteilung von Gesellschaftsschichten in simple Charaktereinstellungen ist und ob damit wirklich alles abgedeckt ist. Fraglich ist auch, warum es nur ganz wenigen Menschen möglich sein soll zugleich mutig, ehrlich, höflich, klug und selbstlos zu sein. Mir scheint das nicht unbedingt ein Alleinstellungsmerkmal von nur wenigen Menschen zu sein, auch wenn man sich sicherlich heutzutage manchmal fragt, warum diese Menschen nicht Politik zu machen scheinen. Aber das ist doch irgendwie zu einfach gedacht. Ein Mensch ist nicht nur ehrlich und das war es dann, er ist auch nicht nur mutig, nicht einmal die handelnden Protagonisten werden so einschichtig dargestellt. Deswegen wirkt diese Kategorisierung auf mich wenig durchdacht und es nimmt mich kaum Wunder, wenn diese Gesellschaftskonstruktion nicht funktionieren kann. Aber auch hier: Wer weiß, was da noch kommt.

Fazit: Divergent ist ein unterhaltsamer und actionreicher Roman für Jung und Alt. Ich bin sehr gespannt, ob sich einige Unstimmigkeiten und Fragen in den folgenden Bänden klären werden. Lesenswert scheint die Trilogie bisher auf jeden Fall!

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(4.016)

4.629 Bibliotheken, 77 Leser, 6 Gruppen, 49 Rezensionen

fantasy, mittelerde, elben, ring, hobbits

Der Herr der Ringe

J. R. R. Tolkien , Margaret Carroux (Übers.) , E.-M. von Freymann (Übers.)
Fester Einband: 1.293 Seiten
Erschienen bei Klett-Cotta, 01.12.2014
ISBN 9783608938289
Genre: Fantasy

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1.533 Bibliotheken, 15 Leser, 6 Gruppen, 109 Rezensionen

liebe, fantasy, schottland, marah woolf, shellycoats

MondSilberLicht

Marah Woolf
Flexibler Einband: 298 Seiten
Erschienen bei CreateSpace, 12.06.2012
ISBN 9781477593783
Genre: Jugendbuch

Rezension:

Am vergangenen Sonntag, der wirklich hielt, was er versprach, war mir nach einer leichteren Lektüre. Also durchforstete ich meinen E-Reader und stieß auf Marah Woolfs “MondSilberLicht”, den ersten Teil der MondLichtSaga. Vor einiger Zeit hatte ich schon einmal BookLess von ihr gelesen und hier auch besprochen, eins meiner ersten Bücher aus der Young Adult-Sparte. Jetzt nachdem ich doch ein wenig mehr aus diesem Genre gelesen habe, fallen mir ein paar Dinge auf und ich frage mich: Wo bleibt der Qualitätsanspruch? Was mache ich falsch bei der Auswahl?

Nach dem überraschenden Tod ihrer Mutter, zieht die 17 jährige Emma zu ihrem einzig verbliebenen Verwandten nach Schottland, auf die Isle of Skye. Von ihrem Onkel und seiner Familie wird sie herzlich empfangen und schon bald lebt sie sich in der Großfamilie ein, in der immer was los ist. Und die Trauer, so sie denn je spürbar war, ist rasch verflogen. Schnell freundet sie sich mit ihrer Cousine Amelie an und auch in der Schule lernt sie flott eine neue Freundin kennen, die allerdings relativ farblos bleibt und im Laufe des Buches mit einem jungen Burschen zusammenkommt, der mir noch gar nicht aufgefallen war. Das passiert relativ oft. Emma, sich selbst als graues Mäuschen bezeichnend, ist gesegnet mit künstlerischen und sportlichen Talenten und sofort liegen ihr die Männerherzen zu Füßen. Nur einer scheint ihrem Charme nicht erlegen zu sein: Calum. Es ist fast schon ironisch, weil ich doch erst kürzlich Calum in Gestalt von… Cole?… getroffen habe. Wie kommt der so schnell in die Geschichte? Wat ein Globetrotter. Die Haare hat er sich von pechschwarz in zimtbraun gefärbt, das ist auch schon alles, was ihn von Edward, Cole, Damon und Konsorten unterscheidet. Dunkle Blicke, mysteriöse “Du bist nicht gut für mich”-Andeutungen und ein Körper zum Dahinschmelzen. Achja.. er glitzert! Völlig innovativ: im Mondlicht. Wow!

Was einem hier wieder ins Auge springt: sowohl “Persönlichkeitsstrukturen” als auch Handlungsverläufe entsprechen oft einem losen Gerüst, das dann vom jeweiligen Autor mit eigenen Ideen ausgeschmückt wird. Es fällt schwer, die einzelnen Werke dieses Genres auseinanderzuhalten. Auf der Strecke bleibt dabei nicht nur Kreativität sondern auch Qualität. Das merkt man schon an ganz simplen Komponenten. Es werden Personen an irgendeinem Punkt der Geschichte eingeführt und was mit ihnen geschieht, wirkt reichlich beliebig. Um nur ein Beispiel von vielen zu nennen: Zu Beginn der Geschichte berichtet Emma von ihrer besten Freundin Jenna, bei der sie, nach dem Ableben der Mutter, für kurze Zeit unterkommen kann. Von besagter bester Freundin wird im Verlauf der Geschichte noch genau einmal geschrieben: als sie Calum kennenlernt und verwirrt ist. Danach wird die “beste” Freundin nie wieder erwähnt. Entweder geht die Autorin völlig wahllos mit den Charakteren um (dafür spricht auch die Willfährigkeit der Akteure) oder Emma ist ein oberflächlicher Mensch. Mir scheint gar beides möglich.

Ein weiterer Punkt ist die Konstruiertheit von Konflikten, die sich später in Wohlgefallen auflösen. Wie es seit Twilight Gang und Gäbe ist, paart sich mit der Liebesgeschichte natürlich auch noch ein Fantasyuniversum. Das ist hier in Ansätzen durchaus gut gelungen und vom Stoff her interessant. Fabelwesen die einst mit den Menschen im Einklang lebten, doch aus Furcht vor seiner Aggressivität und seinen Vormachtansprüchen in die Geheimhaltung getreten sind. Bis auf wenige Eingeweihte wissen die Menschen nichts mehr von der tatsächlichen Existenz der Elfen, Elben, Trolle, Vampire und Wassermänner. Letztere bezeichnen ein besonders konservatives Volk und Calum ist einer von ihnen. Den Fabelwesen ist es strengstens untersagt, sich mit Menschen zu verbinden und ihr Geheimnis zu lüften. Doch wie es Amor so will verlieben sich Calum und Emma ineinander. Das wird im Vorfeld durchaus durch die Anstrengungen ihres Onkels und Dr. Ericksons (Calums Gastgeber und Eingeweihter) unterstützt. Doch ganz plötzlich, als Calum den Arm um Emma legt ist es Dr. Erickson zu viel, er weiht ihren Onkel ein und die beiden dürfen sich nie wieder sehen. Emma soll zurück in die Staaten, weil sich die beiden natürlich nicht an das Verbot halten. Drei Seiten später.. ja, okay, du darfst doch hier bleiben. Drama um nichts. Davon gibt es noch einige weitere Fälle, die ich aus Spoilergefahr lieber nicht nenne, die einem aber wirklich offensichtlich ins Auge springen und auch ärgerlich sind. Ich frage mich da, nimmt der Autor den Leser ernst.. nimmt er seine eigene Geschichte ernst?

Und da komme ich zu einem Punkt, der mich maßlos ärgert. Dieses Buch hat oftmals 4-5 Sterne und wie bei “Alice im Zombieland” verstehe ich nicht, wieso. Wenn man von all den groben Schnitzern einmal absieht, dann hat man eine solide Liebesgeschichte mit interessanten Fantasyelementen. An der Umsetzung hapert es aber deutlich. Also sagen wir.. maximal 3 Sterne? Eine Sternebewertung wird in meinen Augen immer unsinniger.
Ein wenig mehr Umfang hätte dem Buch vielleicht gut getan, aber in dem Genre, zumindest wie ich es erlebt habe, scheint es auch eher darum zu gehen, drei Teile zu schreiben und das möglichst schnell hintereinander weg. Es ist natürlich immer schade, wenn man auf eine spannende Fortsetzung warten muss, aber dafür freut man sich auf eine qualitativ hochwertige Erzählung. Die MondLichtSaga ist nun schon abgeschlossen, die Teile alle erhältlich. Aber es fallen mir nun eben doch Parallelen auf zu BookLess und all den anderen Romanen. Vor allem die fehlende Persönlichkeit stört mich. Auch so etwas, was möglicherweise mit Twilight begründet worden ist: beschränke dich auf möglichst wenig Charaktereigenschaften, damit der Leser sich jeweils was Eigenes zusammendichtet. Kann man machen, kann funktionieren, aber dann denkt euch doch bitte mal was Neues aus und lasst nicht immer wieder dieselben leeren Hüllen durch eure heiligen Seiten streifen.

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41 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 3 Rezensionen

philosophie, gesellschaftskritik, essay, bullshit, kriti

Bullshit

Harry G. Frankfurt , Michael Bischoff
Fester Einband: 73 Seiten
Erschienen bei Suhrkamp, 20.03.2006
ISBN 9783518584507
Genre: Sachbücher

Rezension:

Der mittlerweile emeritierte Harry G. Frankfurt, geboren 1929 in Langhorne, Pennsylvania, ist ein amerikanischer Philosoph mit Forschungsschwerpunkten in Ethik und der Philosophie des Geistes. Er lehrte unter anderem in Yale, Oxford und Cornell. 2005 gelangte er durch sein Werk On Bullshit zu weltweitem Erfolg; auch unter normalerweise nicht so philoversierten Bevölkerungsschichten, der geringe Umfang des Werkes und der lockere Stil dürften ihr Übriges dazu beigetragen haben. Es wurde bereits in über 20 Sprachen übersetzt und gilt zudem als Ursprung der “Empört Euch!”-Werke.

Bullshit, erschienen in deutscher Übersetzung im Suhrkamp Verlag, kommt in einem satten rot daher und kreischt förmlich nach Aufmerksamkeit. Ohne Umschweife kommt Frankfurt zur Sache: “Zu den auffälligsten Merkmalen unserer Kultur gehört die Tatsache, daß es so viel Bullshit gibt.” (S. 7) Und richtig: Meinen wir nicht alle, dass die Öffentlichkeit erfüllt ist mit Akteuren, die über dieses und jenes ihren Teil zu sagen haben? Und haben wir nicht auch das Gefühl, dass besagte Personen, nicht den Hauch einer Ahnung haben, von dem, was sie da reden? Kommt sich der gemeine Bürger nicht oft überrumpelt vor, von kompliziert klingenden Phrasen, die er zu schlucken hat, ob sie nun einen Bezug zur Realität haben oder nicht? Das alles muss natürlich nicht auf dieser hochpolitischen Ebene betrachtet werden, diesem Phänomen begegnet man auch morgens beim Bäcker oder wenn man in den Spiegel schaut. Und so ist es von essentiellem Wert sich dieser Erscheinung einmal zuzuwenden, sie zu zerlegen und dadurch ihr Wesen zu erkennen: Bullshit happens!

Was ist das nun eigentlich? Es liegt nahe, sich zunächst einmal das Wörterbuch zur Hand zu nehmen, von diesem Untersuchungspunkt aus entfaltet sich die folgende Betrachtungsweise. “Bullshit” wird hinsichtlich seiner Verwandtschaft zu “Humbug” untersucht:

“HUMBUG: insbesondere durch hochtrabendes Gehabe in Wort und Tat irreführende und verfälschende, an Lüge grenzende Darstellung eigener Gedanken, Gefühle oder Einstellungen.” (S. 10)

Besonders interessant ist in Zuge dessen die Abgrenzung zur Lüge: beiden gemein ist eine Absicht, zu täuschen, was aber fehlt (und das wird anhand einer Anekdote über Wittgenstein verdeutlicht) ist der Bezug zu Wahrheitsanforderungen. Wer vor sich hin bullshittet, tut das nicht, weil er, unter Kenntnis der Wahrheit, bewusst etwas Unwahres aussagt. Er tut es schlicht und ergreifend, um ein von ihm gestecktes Ziel zu erreichen. Der Mensch, der Humbug redet, kann in unterschiedlichen Ausprägungen mal mehr und mal weniger zur Wahrheit neigen, entscheidend ist, dass es ihm nicht wichtig ist, ob das, was er sagt wahr oder falsch ist. Bullshit ignoriert die Wahrheit, auf sie kommt es nicht an. Gewissermaßen wird eine neue Realität konstruiert, in der nur zählt, was für meine Anliegen gerade von Vorteil wäre. Auf diese Weise läuft man Gefahr, den Bezug zur Realität zu verlieren.

Frankfurt gibt uns ein Werk zur Hand mit dem es möglich ist, bestimmte Kommunikationsstrukturen zu durchblicken. Der Titel wirkt natürlich zunächst provokativ, vielleicht auch ein wenig unseriös. Im Prinzip spiegelt es aber ein Phänomen wider, das sich innerhalb der Menschheitsgeschichte oft hat beobachten lassen. Er weist den Leser auf Umstände hin, die er nur allzu leicht missverstehen könnte, weil ein reflektionsloser Umgang mit Begriffen ähnlich dazu angetan ist, in bullshitting zu branden. Dabei lässt er immer wieder einige Referenzen einfließen, die dazu dienen sollen, seine Begriffsexplikation voranzutreiben. Es erscheint ihm wichtig, sich mit dem, was geschieht auseinanderzusetzen, dabei aber keinen Druck aufzubauen und vom Individuum Dinge zu verlangen, die es nicht leisten kann, weil es sich sonst seine Realität je nach Gusto umgestaltet. Wichtig ist auch, das, was einem erzählt wird, nicht einfach hinzunehmen. Vor allem aber wird es oft, im Vergleich zur Lüge, toleriert, wenn jemand mal Unsinn erzählt hat. Im gesellschaftlichen Gestus scheint es weniger schlimm, einfach drauf los zu quatschen, und damit die Wahrheitsanforderungen zu ignorieren, als diese anzuerkennen, aber durch Aussagen zu negieren. Ist es wirklich weniger schlimm, wenn ich über Dinge spreche, von denen ich keine Ahnung habe? Hat nicht sowohl die Lüge, als auch das “Bullshit”-Reden seine harmlosen und schwerwiegenden Fälle, die es dementsprechend zu beurteilen gilt? Der Autor trägt dem Leser auf, sich darüber Gedanken zu machen: Hinterfragt es, lasst euch nicht für dumm verkaufen!

Und am Ende sollte sich auch der Leser dieses Werkes fragen, ob das, was Frankfurt einem da serviert hat, der Wahrheit entspricht, sie negiert oder gar ignoriert.

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235 Bibliotheken, 2 Leser, 5 Gruppen, 65 Rezensionen

buchland, bücher, herr plana, markus walther, tod

Buchland

Markus Walther
Flexibler Einband: 224 Seiten
Erschienen bei Acabus Verlag, 18.03.2013
ISBN 9783862821860
Genre: Fantasy

Rezension:

Die letzten beiden Wochen begleitete mich ein nettes kleines Büchlein von Markus Walther: das Buchland. Neben zähen Referatsvorbereitungen und noch zäheren Besprechungen, war dieses Buch eine schöne kleine Abwechslung.
Markus Walther wurde 1972 in Köln geboren. Seit 2006 lebt er mit Kind und Kegel im bergischen Rösrath. Seine Ausbildung zum Werbetechniker brachte ihn in Kontakt mit den verschiedensten Schrifttypen.. eine Faszination war geboren. 1998 machte er sich als Kalligraph selbstständig und entwickelte neben der Malerei auch sein Talent zum Schreiben weiter. Zunächst veröffentlichte er vor allem Kurzgeschichtenbände, wie etwa die Scheißhausgeschichten. Mit “Buchland” liegt nun erstmals ein Roman von ihm vor. Die Liebe zu den kleinsten Bestandteilen von Geschichten, von Wörtern, zeigt sich auch hier in besonderer Weise. Das Buchland ist eine Ode an die Welt der Literatur und diese droht erschüttert zu werden.

Doch worum geht’s?

“Das Buchland im Keller unter uns ist unglaublich viel mehr, als diese Aneinanderreihung von gefüllten Regalen. Dort findet man billige Klischees, abgedroschene Fantasien und halbe Wahrheiten direkt neben den großen göttlichen Ideen, die die Welt veränderten. Die ganze Kreativität der Menschheit.” 
Dieses Antiquariat ist nicht wie andere Buchläden! Das muss auch die gescheiterte Buchhändlerin Beatrice feststellen, als sie notgedrungen die Stelle im staubigen Antiquariat des ebenso verstaubt wirkenden Herrn Plana annimmt. Schnell merkt sie allerdings, dass dort so manches nicht mit rechten Dingen zugeht:
Wer verbirgt sich hinter den so antiquiert wirkenden Stammkunden “Eddie” und “Wolfgang”? Und welche Rolle spielt Herr Plana selbst, dessen Beziehung zu seinen Büchern scheinbar jede epische Distanz überwindet?
Doch noch ehe Beatrice all diese Geheimnisse lüften kann, gerät ihr Mann Ingo in große Gefahr und Beatrice setzt alles daran, ihn zu retten. Zusammen mit Herrn Plana begibt sie sich auf eine abenteuerliche Reise quer durch das mysteriöse Buchland. Dort treffen sie nicht nur blinde Buchbinder, griechische Göttinnen und die ein oder andere Leseratte, auch der Tod höchstpersönlich kreuzt ihren Weg.
Und schon bald steht fest: Es geht um viel mehr, als bloß darum, Ingo zu retten. Vielmehr gilt es, die Literatur selbst vor ihrem Untergang zu bewahren!

Das Buchland wirkt wie der Traum eines jeden lesewütigen Menschen. Ein Ort an dem alle geschriebenen und noch nicht geschriebenen Bücher existieren und magische Dinge geschehen. Ein Ort an dem längst verstorbene Autoren deinen Weg kreuzen und zu einem Plausch angeregt sind. Ein Ort der Zeit und Raum trotzt und seine ganz eigene Physik kreiert, getragen vom Wispern der Bücher.
Herr Plana, der greise Antiquariatsbesitzer, ist ein Freund der Bücher, ein Auktoral. “Plana”, wie es auch im Buch heißt, ist spanisch für Blatt. Seine neue Angestellte Beatrice Liber.. na, ihr wisst schon, Buch eben. Könnte man platt finden, geht aber hervorragend im Plot auf. Uns allen dürften die verschiedenen Erzählertypen bekannt sein: auktorialer Erzähler oder auch Ich-Erzähler. Die Stellung des Auktorals in dieser Geschichte nimmt eine interessante Position ein: auf der einen Seite allwissend, auf der anderen Seite aus der personalen Perspektive, stellt er zudem noch den roten Faden dar, dem zu folgen, er uns aufgetragen hat. Die einzelnen Fäden der Geschichte werden schon zu Beginn gelegt und entfalten sich zu immer komplexeren Formierungen.

Was Markus Walther in seinem Buch mit der Realität macht ist irgendwie nichts Neues. Aber verdammt interessant. Beatrice hat die Aufgabe ein Buch zu schreiben, ein Buch, das sich das Buchland dringend wünscht. Schade nur, dass Bea emotional momentan gar nicht in der Stimmung ist, um ans Schreiben zu denken, Bücher gar zum Verursacher all ihren Leids gemacht hat. Doch irgendwann keimt der Verdacht auf, dass wir das Buch lesen, weil Bea es geschrieben hat. Aber wir lesen etwas, was sich vermeintlich vor dem Schreiben abgespielt hat. Immer wieder zitiert Herr Plana Descartes Worte “Ich denke – also bin ich.” und immer mehr wird man als Leser dazu gezwungen zu hinterfragen. Zunächst: was ist denn das Ich? Was ist, wenn das Ich von jemandem geschaffen worden ist, als Teil einer Geschichte? Seit Jahren fasziniert mich der Gedanke, wir alle könnten Teil eines riesigen Sims-Spiels sein. Irgendjemand sitzt gerade am Computer und zwingt uns dazu, etwas zu tun, wenn die Person keine Lust hat, kann sie uns auch einfach machen lassen. Vielleicht sind wir nicht mehr als Daten. Vielleicht sind wir aber auch nicht mehr als Wörter. Was ist vor dem Geborenwerden, was nach dem Ableben? Vielleicht ist genau das der Punkt, an dem man uns in die Welt geschrieben hat und was da war und was da wird liegt nicht in unserer Hand. Finde ich schon sehr spannend und lohnenswert mal drüber nachzudenken.

Aber natürlich bietet das Buchland noch viel mehr. Vor allem die Frage nach der Zukunft des Buchmarktes flammt hinter allem Gesagten auf. Der Auktoral vertritt eine sehr antiquierte Meinung und steht den vielen Neuerungen skeptisch gegenüber. Bea sieht auf der anderen Seite viele Vorteile. Und so schafft dieses Buch, was ich bei“Die sonderbare Buchhandlung des Mr. Penumbra” vermisst habe: ein differenzierteres Bild ohne Meinungszwang.

Und weil ich mich nicht der Meinung des Auktorals widersetzen möchte, beende ich hier auch meine kurze Empfehlung, in der ich nur einige Dinge nennen wollte, die mir interessant erschienen, mit einem Zitat:

“Einen Text zu zerlegen, zu diskutieren, zu analysieren – das ist nicht wirklich lesen. Da ist nur Verstand. Kein Herz. Keine Seele”

Also packt euch Herz und Seele und lest um des Lesens willen, auf dass die Wörter auch erfüllen mögen. Und wenn ihr das “Buchland” zur Hand nehmt, ist das schon mal ein guter Anfang!

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