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14 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 2 Rezensionen

kriminal-literatur

Moabit

Volker Kutscher , Kat Menschik
Fester Einband: 88 Seiten
Erschienen bei Galiani Berlin ein Imprint von Kiepenheuer & Witsch, 05.10.2017
ISBN 9783869711553
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Volker Kutschers Romane aus dem Berlin der Zwanziger und Dreißiger Jahre rund um den Kriminalkommissar Gereon Rath und Charly Ritter sind mittlerweile fast ein wenig Kult. Seit diesem Frühjahr gibt es zusätzlich zu den mittlerweile erschienenen sechs Bänden eine von Arne Jysch illustrierte Graphic Novel von „Der nasse Fisch“ und die gerade angelaufenen Fernsehserie „Babylon Berlin“, die auf den Büchern beruht, zeichnet als die bislang teuerste Fernsehproduktion und erlangte gewaltige Medienaufmerksamkeit obwohl sie bislang nur auf dem Bezahlsender Sky läuft.
Vor Kurzem erschien nun noch ein besonderes Schmankerl, das sich besonders für Neueinsteiger wie mich lohnt, ist es doch so etwas wie ein Prequel zu den schon veröffentlichten Bänden. Zudem ist es ein besonderes Schmuckstück, Teil der von Kat Menschik illustrierten Reihe, die bisher persönliche Lieblingswerke wie Romeo und Julia von William Shakespeare und andere bekannte Klassiker umfasst, und das eigens für diesen Zweck geschriebene „Moabit“. Es ist ein wahres Schmuckstück, dem man die Liebe der Illustratorin zu Kutschers Werk und die enge Zusammenarbeit mit der Verlagsherstellung bei Schrifttypen, Papierqualitäten, Einband und Layout anmerkt. Während der diesjährigen Litblogconvention in Köln durfte ich in einem Workshop einiges darüber erfahren und in den zur Auswahl stehenden Materialien „blättern“.
Nun liegt das Ergebnis vor und es ist wunderschön geworden. Ganz in Blau-, Orange- und Brauntönen gehalten, kleinformatig mit dreiseitigem Farbschnitt, edlem Leineneinband und den genialen Illustrationen von Kat Menschik, die ein wenig an Linolschnitte erinnern und nicht nur Szenen aus dem Buch visualisieren und die Protagonisten vorstellen, sondern auch ein wenig wie in einem zeitgenössischen Magazin für allerlei Produkte der damaligen Berliner Welt werben.
Das Büchlein ist so hübsch geworden, dass man über der Begeisterung für seine Optik und Haptik fast ein wenig den Inhalt vergessen könnte. Was absolut ungerecht wäre. Denn auch wenn es nur ein kurzer Text ist, ist er doch, gerade für den Einstieg, sehr gut gelungen. Gereon Rath spielt darin allerdings keine Rolle. Vielmehr wird eine Episode aus Charly Ritters Vergangenheit erzählt, und zwar von drei verschiedenen Personen. Drei Perspektiven, die sich einander annähern, sich überschneiden und das Geschehen zu seinem dramatischen Höhepunkt treiben. Einem Ereignis, das Charlys Leben für immer prägen wird und das sie nicht zuletzt zur Berliner Polizei stoßen lässt, zunächst als Schreibkraft.
Zu Beginn ist Charly aber noch Lotte, die brave, gerade jüngst mit Abitur ausgestattete Tochter von Oberaufseher Ritter im Gefängnis Moabit. Dort wartet der Berufsverbrecher und Chef des in allerlei unsaubere Geschäfte verstrickten Ringvereins Berolina Adolf Winkler, „der Schränker“, auf seine bald anstehende Entlassung. Eines Abends verhindert Ritter nur durch Zufall einen Mordanschlag auf Winkler. Wer will diesen beseitigen lassen? Was erfahren die beiden voneinander bei einem Treffen in der Kneipe „Bei Matilde“? Und was hat Charly beobachtet?
Es ist nicht unbedingt spektakulär, was auf den 85 bebilderten Seiten erzählt wird, auch ein wenig vorhersehbar. Aber es ist gut und spannend geschrieben und gekonnt konstruiert.
Mir macht es auf jeden Fall Lust, mir endlich mal die Graphic Novel „Der nasse Fisch“ vorzunehmen. Und dann vielleicht noch den Rest der Gereon Rath-Reihe. Seine Funktion, neugierig zu machen, hat „Moabit“ auf jeden Fall erfüllt. Und wunderschön ist es ja eh.

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man booker prize

Exit West

Mohsin Hamid , Monika Köpfer
Fester Einband: 220 Seiten
Erschienen bei DuMont Buchverlag , 22.08.2017
ISBN 9783832198688
Genre: Romane

Rezension:

Laut UN sind weltweit mehr als 65 Millionen Menschen auf der Flucht. Sei es vor Kriegen, Terror, politischen Verfolgungen, sexuellen Diskriminierungen, aus purer Not oder Perspektivlosigkeit, diese Menschen zieht es in den Westen, manchmal trotz Vorbehalten gegenüber den dort herrschenden Werten und der Lebensweise dort, immer aber mit der großen Hoffnung, ein besseres, ein erfüllteres Leben zu finden. Auch wenn die Wahrnehmung in der Öffentlichkeit nicht mehr so groß ist wie in den Jahren 2015/2016, als sich besonders viele Menschen aus dem Nahen Osten und dem nördlichen Afrika aufmachten, ihr Glück in Europa zu suchen, beherrscht das Thema die Nachrichten im Fernsehen und den Printmedien, bestimmt es Wahlkämpfe mit, entzweit es die Bevölkerungen der westlichen Staaten darüber, wie umzugehen ist mit diesem Phänomen, das nicht einfach verschwindet, das sich als eine feste Konstante des globalisierten 21. Jahrhunderts festzusetzen scheint. Egal, ob man dem Thema Zuwanderung positiv oder negativ gegenübersteht, es sind immer die gleichen Bilder, die es bestimmen: lange Schlangen von zumeist jungen Männern mit Rucksäcken, Familien mit Sack und Pack und kleinen Kindern auf den Schultern, dunkelhäutige Menschen in maroden Schlauchbooten, Berge an Schwimmwesten an östlichen Mittelmeerstränden, überfüllte Flüchtlingscamps, trostlose Erstaufnahmeunterkünfte, aufgebrachte „Migrationsgegner“.
Bei all diesen stereotypen Bildern geht der Blick verloren auf die Einzelschicksale. Auch wenn wir empathisch genug sind, uns vorzustellen, was diese Menschen alles vielleicht für immer verloren haben – Heimat, Familie, Freunde, Identität, den Platz im Leben -, wird es doch nicht gelingen, wirklich zu fühlen, was es heißt ein Flüchtender zu sein. Es braucht möglicherweise einen ganz neuen Ton, eine besondere Sprache, eine andere Art des Erzählens, um wieder aufmerksam zu machen auf das Ungeheuerliche, das fast schon Alltag zu werden beginnt.
Der pakistanische Autor Mohsin Hamid versucht, in seinem Roman „Exit West“ eine solche neue, aufrüttelnde Art des Erzählens zu finden.
Er erzählt ganz sanft und leise. Er erzählt eine Liebesgeschichte.
Saeed und Nadia, zwei junge, gebildete und aufgeklärt Menschen lernen sich auf einer Fortbildungsveranstaltung zu „Corporate Identity und Produktbranding“ in einer nicht näher bezeichneten muslimischen Großstadt kennen. Hamid war diese Universalität wichtig. Sie kommen sich langsam näher, die unabhängige, allein lebende, Motorrad fahrende, sich vor den Zudringlichkeiten der Männer in schwarze Gewänder hüllende Nadia und der sanfte, zurückhaltende, vorsichtige Saeed. Irgendwann gerät die politische Auseinandersetzung, der religiöse Disput im Land außer Kontrolle. Es führt zum Bürgerkrieg, fanatisierte Gruppen streben nach der Macht. Die Infrastruktur kommt zum Erliegen, Kämpfe brechen aus, Stadtteile geraten unter die Herrschaft der einen oder anderen Gruppierung. Als Saeeds Mutter zufälliges Opfer der Kämpfe wird, beschließen die beiden zu fliehen. Der Vater fühlt sich zu alt, zu sehr an den Ort und die letzte Ruhestätte der Mutter gebunden. Er bleibt zurück.
Hamid erzählt bis hierhin sehr realistisch. Dennoch schwebt ab der ersten Zeile ein besonderer Ton über den Seiten. Man merkt sehr bald, dass hier keine gewöhnliche Liebes- oder Lebensgeschichte erzählt werden soll. Es ist der Ton der Parabel oder des Märchens. Und tatsächlich verlässt Hamid schon sehr bald das rein realistische Erzählen. Türen tauchen auf im Land, überall auf der Welt, Türen durch die man – gegen Bezahlung – treten kann, um sich danach woanders wiederzufinden: „Exit West“. Ein wenig magischer Realismus, ein wenig moderne Legende, ein wenig „Die Chroniken von Narnia“.
Saeed und Nadia landen zunächst auf Mykonos, dann in London und schließlich in der San Francisco Bay, in einer von Geflüchteten neu gegründeten Stadt, Marin. Die Erfahrungen, die das Paar macht, werden genau und realistisch und gleichzeitig märchenhaft-allgemeingültig erzählt. Das überfüllte Flüchtlingslager auf der griechischen Insel, das mehr einem Gefängnis gleicht, das Ghetto in London, gegen das aufgebrachte Einheimische randalieren, das Aufbauprojekt, das den Menschen ermöglicht, sich in Eigenleistung ein Zuhause aufzubauen, die zukunftsweisende Stadt Marin – Dystopie sowohl wie Utopie. Hamid beschreibt, was Schlimmes geschieht und noch geschehen könnte (London befindet sich irgendwann kurz vor einem Bürgerkrieg), er phantasiert aber auch mögliche Auswege, Lösungen der Problematik mit dem Selbsthilfeprojekt und der Zukunftsstadt in Amerika. Es sind keine rosigen „Heile-Welt-Lösungen“, aber es sind Ideen für konstruktiven Umgang.
Saeed und Nadia verändern sich während ihrer Odyssee. Nadia wird noch unabhängiger, offener, individualistischer, verliebt sich in eine andere Frau; Saeed sucht in der Fremde die Gemeinschaft, den Halt und die Orientierung im Glauben, findet in der Tochter eines Predigers eine neue Liebe. Ihre Gemeinsamkeit zerbricht, aber auch das, wie das ganze Buch, auf sanfte, stille Art.
Ein Roman über Flucht und Vertreibung als Märchen, als Utopie. Kann das gelingen?
Ja und Nein. Mohsin Hamid schreibt sehr ruhig, präzise, gut lesbar. Er wählt das leicht Magische, Universelle und schafft damit eine Parabel, eine Reflexion über das Thema, die allgemeingültig, klug und einfühlsam ist. Er schreibt nicht politisch, ist mit seiner Aussage aber natürlich ganz nah dran an einem der wichtigsten politischen Themen unserer Zeit.
Andererseits verwehrt er durch diese spezielle Erzählhaltung – zumindest mir – einen wirklichen Zugang zu den Personen und ihren Geschichten. Man hat die Botschaft der Geschichte verstanden, man teilt die meisten Gedanken, stimmt zu, dass es ein richtiges und wichtiges Buch für diese Zeit ist. Tiefere Spuren hinterlässt der Roman aber kaum. Dazu bleibt er (gewollt) zu sehr im Allgemeingültigen. Um wirklich zu ergreifen braucht ein Roman, vor allem ein Liebesroman, Protagonisten, die dem Leser auf die eine oder andere Art nahe kommen, und nicht nur Figuren. Auch wenn ihm das nicht ganz gelungen ist, hat Mohsin Hamid dennoch einen beachtens- und lesenswerten Roman geschrieben, er stand dieses Jahr sowohl auf der Shortlist des Man Booker Prize als auch unter den Finalisten des Kirkus Prize.

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chinesische geschichte

Sag nicht, wir hätten gar nichts

Madeleine Thien , Anette Grube
Fester Einband: 550 Seiten
Erschienen bei Luchterhand, 04.09.2017
ISBN 9783630875200
Genre: Romane

Rezension:

„Die Internationale“, jenes „Kampflied der sozialistischen Arbeiterbewegung“, das die Einheit der Arbeiter über alle Ländergrenzen hinweg beschwört, existiert selbst in unzähligen nationalen Textfassungen, die voneinander jeweils nicht unerheblich abweichen können. Ursprünglich stammt der Text von Eugène Pottier, der ihn 1871 nach dem Fall der Pariser Kommune verfasste. In der bekanntesten deutschen Version von 1910 heißt es, neben der allseits bekannten Zeile „Völker hört die Signale, Auf zum letzten Gefecht! Die Internationale erkämpft das Menschenrecht“, am Ende der ersten Strophe: „Ein Nichts zu sein, tragt es nicht länger/Alles zu werden, strömt zuhauf!“ (im Original: „Nous ne sommes rien, soyons tous“).
In ihrer chinesischen Version wird daraus, in der englischen Übertragung, „Do not say we have nothing, we shall be the masters of the world“. Von hier stammt der Titel von Madeleine Thiens großem Roman über mehr als sechzig Jahre chinesische Geschichte – dankenswerter Weise in der deutschen Ausgabe beibehalten.
Denn diese Zeilen stehen in engem Bezug zum Erzählten. Auf fast 650 Seiten, auf denen die Autorin die Lebensgeschichten ihrer Protagonisten ausbreitet, werden diese wie der Leser immer wieder schmerzlich darauf gestoßen, wie wenig die Menschen in China „masters of the world“, ja noch nicht einmal die Meister ihres eigenen kleinen Lebens und das ihrer Familien sein durften. Dass sie im Gegenteil sogar noch weniger als nichts galten in jenem Land der Kulturrevolution, das die Ausrottung des Individualismus auf seine Fahnen schrieb.
Zudem spielte „Die Internationale“ auch eine große Rolle bei den Studentenprotesten im Jahr 1989 in China, deren Niederschlagung als „Tiananmen Massaker“ in die Geschichte einging. Sie wurde von den Studenten bei der Räumung des Platzes durch das Militär gesungen.
Hiermit sind auch zwei der Eckdaten der chinesischen Geschichte des 20. Jahrhunderts, wie sie in „Sag nicht, wir hätten gar nichts“ erzählt wird, benannt. Das dritte große geschichtliche Ereignis und der „Urgrund“ ist der zweite chinesisch-japanische Krieg, der mit großer Grausamkeit von 1937 bis 1945 geführt wurde, schließlich als Teil des Zweiten Weltkriegs.
Der Roman beginnt allerdings wesentlich später, mit den Erinnerungen Li-Lings oder Maries oder Ma-Lis im kanadischen Vancouver. Sie ist, wie viele ihrer Schicksalsgenossen und -genossinnen und wie die Protagonistinnen aus den vergangenen Büchern Thiens auch, zerrissen zwischen ihrer westlichen und östlichen Identität. Tochter von chinesischen Eltern, die nach Kanada flüchteten, steht sie irgendwo dazwischen und muss schmerzlich erfahren, wie wenig sie doch von ihrer Abstammung, Familie, ja gar von ihren Eltern weiß.
„In nur einem Jahr verließ uns mein Vater zweimal. Das erste Mal, um seine Ehe zu beenden, und das zweite Mal, als er sich das Leben nahm. In diesem Jahr, 1989, flog meine Mutter nach Hongkong, um meinen Vater auf einem Friedhof nahe der Grenze zu China zur Ruhe zu betten. Danach kehrte sie verstört nach Vancouver zurück, wo ich allein zu Hause geblieben war. Ich war zehn Jahre alt.“
Ein zutiefst verstörendes Erlebnis, fühlte sich Li-Ling doch bis dahin von ihrem Vater geliebt, geborgen in einer gesicherten, friedvollen Existenz. Auch als erwachsene Frau im Jahr 2016, und das ist eine weitere Zeitebene, die Thien kunstvoll mit derjenigen von 1989 und der aus den Jahren Mao Tse-tungs verschränkt, fragt sich Li-Ling/Marie, was den Vater wohl zu diesem schrecklichen Schritt im Alter von nur 39 Jahren bewogen haben könnte. Mit einer Reise nach Hongkong, während der sie die Hinterlassenschaften des Vaters erhält, öffnet sich ein Fenster in die Vergangenheit. Sie erinnert sich nicht nur an die Zeit der Trauer, sondern auch an das Mädchen Ai-Ming, das 1989 plötzlich in das Leben Maries und ihrer Mutter trat. Marie ist sich aber durchaus der Unsicherheit ihrer Erinnerungen bewusst.
„Trotz meiner Bemühungen weiß ich es bis heute nicht. Es ist möglich, dass ich mich an alles falsch erinnere.“
Denn auch Ai-Ming verschwand irgendwann aus ihrem Leben und kann ihr heute beim Zusammensetzen des Puzzles genauso wenig helfen wie ihre Mutter, denn diese lernte den Vater erst in Kanada kennen.
Ai-Ming geriet im Jahr 1989 in Folge der Studentenproteste in Schwierigkeiten und musste fliehen. Ihre Mutter wandte sich hilfesuchend an Maries, denn die beiden Väter waren einst sehr gute Freunde. Mit Ai-Ming erreichen auch bisher unbekannte Tatsachen die behütete Welt in Kanada. Geschichten über Maries Vater, der als einziges Familienmitglied die große Hungersnot, die in China in den Jahren 1958 bis 1961 nach unterschiedlichen Schätzungen zwischen 15 und über 40 Millionen Menschenleben gefordert hatte, überlebte. Fatale Witterungsbedingungen, aber auch große politische Fehlentscheidungen während Maos Kampagne „Der große Sprung nach vorn“, führten zu dieser verheerenden Katastrophe. Nur dank eines „Professors“ in Shanghai, der Maries Vater Jiang Kai bei sich aufnahm, konnte dieser die Zeit überstehen. Er wurde zu einem begabten Pianisten an der Hochschule für Musik. Dort lernte er Ai-Mings Vater kennen, der sein Lehrer wurde und selbst ein sehr talentierter Komponist war. Die Dritte im Freundschaftsbunde war Zhuli, dessen Cousine und ihrerseits leidenschaftliche Violinistin.
An dieser Stelle sei eine Kritik meinerseits erlaubt, die sich auf die Namensgebung in der deutschen Übersetzung bezieht. Während die Personen im Original mit ihren Spitznamen „Sparrow“, „Swirl“, „Big Mother“ usw. benannt werden, hat sich die Übersetzerin für die weitaus weniger geschmeidigen „Kleiner Sperling“, „Wirbelwind“, „Große Mutter Messer“, „Alte Katze“ usw. entschieden. Für mich litt dadurch nicht unerheblich die Flüssigkeit des Textes, da die Namen sehr oft vorkamen. Eine Entscheidung, die vielleicht dem chinesischen „Flair“ geschuldet sein mag, für mich aber nicht zwingend erscheint.
Rund um die drei Freunde und ihre Familien erleben wir nun nicht nur die dramatischen geschichtlichen Ereignisse während der Herrschaft Mao tse-tungs und der vorsichtigen Öffnungs- und Reformpolitik unter seinem Nachfolger Deng Xiaoping. Die Studentenproteste 1989 auf dem Platz des Himmlischen Friedens, die, hervorgegangen aus Trauerfeierlichkeiten um den Reformpolitiker Hu Yaoang, bald in die Forderung nach mehr Demokratie mündeten und deren Niederschlagung durch die Armee vermutlich mehrere tausend Opfer, Verhaftungen und Hinrichtungen zur Folge hatte (wenn auch fälschlicherweise vom Massaker auf dem Tiananmen-Platz gesprochen wird, da die Studenten auf dem Platz friedlich abziehen konnten. Die Opfer entstanden an Barrikaden und Kämpfen in der Stadt) bilden den dramatischen, spannenden Höhepunkt des Romans.
Ein wichtiges Motiv ist auch die Musik, der die Freunde leidenschaftlich ergeben sind. Bachs Goldberg Variationen, Prokovjev, Schostakovitch und Debussy durchziehen mit ihren Kompositionen das gesamte Buch. Die Liebe zu dieser „westlichen“ Musik und die Träume der jungen Musiker bilden nicht nur den, musikalisch ausgedrückten und im Text immer wieder betonten, „Kontrapunkt“ zu den Unterdrückungen, Verfolgungen, Schikanen, Folterungen und Hinrichtungen, die während der Kulturrevolution 1966-1976 geschätzt „1,5 bis 1,8 Millionen Todesopfer, die gleiche Anzahl von dauerhaft körperlich Versehrten, 22 bis 30 Millionen direkt politisch Verfolgte; über hundert Millionen der von "Sippenhaft" Betroffene“ forderte. Sie führte auch unmittelbar dazu, dass die drei Freunde selbst zu den Verfolgten gehörten. Diese klassische westliche Musik galt plötzlich als dekadent und individualistisch (was Mao aber nict davon abhielt in Peking ein eigenes hochklassiges Symphonieorchester aufbauen zu lassen), wurde verboten und verfolgt. Vielleicht lag es daran,
„dass sie so viele Gefühle in uns aufwühlen, dass sie uns veranlassen, uns nicht nur zu fragen, wer wir sind, sondern auch, wer wir sein wollen.“
Zhuli, deren Vater, Wen, der Träumer, als Schriftsteller selbst vor den Verfolgungen als „Volksfeind“ fliehen musste, traf es dabei am härtesten. Jiang Kai passte sich an, konnte in Peking weiterhin als Musiker arbeiten. Sperling wurde zur Arbeit in einer Radiofabrik bestimmt.
Eindrücklich erzählt Madeleine Thien von der Verschwendung von Talent und Energie durch die Verfolgung von Intellektuellen, Künstlern, Lehrern, „Bürgerlichen“. Den Verlust von Identitäten, Selbstvertrauen, der Schizophrenie, in die sich die Menschen begeben mussten: in die öffentliche Person, die in endlosen Selbstkritiken und Denunziationen sich selbst, Freunde und Familie anklagen und beschuldigen musste, wenn dies auch oft nur oberflächlich und mechanisch geschah, und die private Person zuhause. Den Belastungen, unter denen die Familien, Ehen und Freundschaften oftmals zerbrachen. Der Einzelne zählte nichts, durfte nicht über sein Leben bestimmen, Arbeitsplatz, Ehe, Reiseerlaubnis, Wohnort, alles wurde von den Machthabern bestimmt. Ganz nach der Leitlinie „Um das Denken zu verändern, musste man nur seine Lebensumstände ändern.“
Jiang Kai gelingt als einzigem die Flucht aus China. Er gründet in Kanada eine neue Existenz, eine Familie. Aber vergessen kann auch er seine Heimat, seine Jugend, die Opfer, die seine Anpassung dort forderten, nicht. Mit Sperling verband ihn zudem, wie im Laufe der Erkundigungen Maries und der Puzzleteichen, die bereits Ai-Ming beigesteuerte, offenbar wird, eine zarte homosexuelle Liebe.
Madeleine Thien verhandelt viele verschiedene Themen in ihrem großen Epos. Es geht um politischen Wahn und Machtlosigkeit, Anpassung und Widerstand, Aufrichtigkeit und Wahrheit, Verlust und Erinnerung. Und nicht zuletzt um Kunst, speziell um Musik, die, wenn auch nur beschränkt, ein Rettungsanker sein kann.
Ein weiteres „künstlerisches“ Motiv ist „Das Buch der Aufzeichnungen“, von Wen dem Träumer gesammelte und aufgeschriebene Geschichten, die im Verlauf des Romans unzählige Male abgeschrieben, umgewandelt und ergänzt, zeitweise als kodierte Botschaften in Umlauf gebracht werden und die beiden Familien verbindet. Es ist ein Symbol für die Widerständigkeit von Literatur, dafür, dass auch unterdrückte Wahrheiten überdauern. Es wird schließlich, zumindest in Auszügen bei Marie in Kanada landen.
Für die Erzählerin Marie ist es wie ihre eigenen Aufzeichnungen
„zurückzuführen (…) auf diesen beharrlichen Wunsch: die Zeit zu verstehen, in der wir leben. Die Aufzeichnungen zu machen, die gemacht werden müssen, und sie am Ende loszulassen. Das würde ich meinem Vater sagen. Darauf zu vertrauen, dass eines Tages jemand anderes die Aufzeichnungen fortsetzt.“
„Es ist töricht zu glauben, dass eine Geschichte endet. Es gibt so viele mögliche Enden wie Anfänge.“
„Sag nicht wir hätten gar nichts“ ist ein überwältigender Roman – in Hinsicht auf seine Themenfülle und der Eindringlichkeit und Klarheit, mit der die geschichtlichen Ereignisse geschildert werden. Seine Verflechtungen der Zeitebenen und seine Personenfülle fordern den Leser. Auch treten, wie bei den meisten Romanen dieses Umfangs, besonders im Mittelteil gelegentliche Längen auf. Er zählt für mich aber zu den eindrücklichsten Leseerlebnissen dieses literarisch eh schon hochklassigen Jahres. Er entwickelt einen ungeheuren Sog, ist eindringlich, voller Leben und Empathie, ohne jegliche Sentimentalität, detailreich, poetisch und vor allem großartig konstruiert. Er spielt mit der Sprache, den chinesischen Schriftzeichen, zieht mit dem „Buch der Aufzeichnungen“, das auf ein ebenso verfolgtes literarisches Werk aus dem Jahr 91 v.Chr., den „Historical Records“ von Sima Qian anspielt, eine Metaebene ein und liefert nicht zuletzt eine zutiefst berührende Familien- und Freundschaftsgeschichte.
Madeleine Thien stand 2016 auf der Shortlist des Man Booker Prize. Bekommen hat sie den Preis nicht. Verdient hätte sie ihn schon.

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raymer, amerikanische kleinstadt, north bath, freundschaft, betrug

Ein Mann der Tat

Richard Russo , Monika Köpfer
Fester Einband: 640 Seiten
Erschienen bei DuMont Buchverlag , 18.05.2017
ISBN 9783832198428
Genre: Romane

Rezension:

Der US-amerikanische Autor Richard Russo wurde in Deutschland erst in den letzten Jahren so richtig bekannt. Sein 2010 bei Dumont erschienener, übrigens großartiger Roman „Diese alte Sehnsucht“ ging noch relativ unter. Erst mit der Veröffentlichung von „Diese gottverdammten Träume“, der breites Kritikerlob und mediale Öffentlichkeit bekam, aber auch die Herzen vieler LeserInnen eroberte, wurde er hierzulande richtig populär. Verwunderlich genug, denn bereits 2002 erhielt Russo für dieses Buch (Originaltitel: „Empire falls“) den Pulitzer-Preis. Und auch davor war der Autor kein Unbekannter. Sein 1993 erschienener Roman „Nobody´s fool“ wurde sehr erfolgreich, unter anderem mit Paul Newman, verfilmt. Der Bastei-Lübbe Verlag brachte daraufhin die deutsche Übersetzung unter dem etwas merkwürdigen Namen „Die Straße der Narren“ heraus. Vielleicht wollte man an John Steinbecks „Straße der Ölsardinen“ anknüpfen, mit der der Roman durchaus Ähnlichkeiten aufweist. Genützt hat es eher weniger, auch ein 1996 nachgeschobenes Werk („Der Sohn eines Diebes“) führte nicht zum Durchbruch. Umso schöner, dass sich nun der Dumont Verlag sehr erfolgreich dieses Autors annimmt. Spielt er doch für mich in einer Liga mit den ganz Großen, wie zum Beispiel Richard Ford oder Stewart O´Nan. Ein klein wenig unterhaltender, ein klein wenig weniger tiefschürfend, vielleicht ein klein wenig mehr Hollywood.
Denn nicht umsonst dienten seine Bücher als Vorlage für erfolgreiche Verfilmungen (auch „Empire Falls“ wurde zu einer Fernsehserie). Sie sind sehr szenisch geschrieben, warten mit viel Situationskomik, treffsicheren Pointen, stimmigen Dialogen und skurrilen Typen auf - Drehbücher über das Leben in Provinzstädten an der amerikanischen Ostküste. Es sind die sogenannten „Kleinen Leute“, oftmals gescheitert, abgehängt, desillusioniert, die versuchen, ihr Glück zu finden und zu bewahren, allen Widrigkeiten zum Trotz, denen er seine Aufmerksamkeit schenkt. Das ist auch kein wirklich neues Sujet, aber Autoren wie Richard Russo schaffen es, immer wieder neue Funken daraus zu schlagen und es zu etwas Allgemeingültigem, uns alle betreffenden Thema zu machen.
North Bath, irgendwo im Norden des Staates New York, war auch bereits Schauplatz von „Nobody´s fool“, das fast zeitgleich diesen Herbst unter dem Titel „Ein grundzufriedener Mann“ (meiner Meinung nach auch keine glückliche Titelwahl) erschien. Vor Jahrzehnten wegen seiner heißen Quellen zu einem prosperierenden Kurort geworden, sind diese seit einiger Zeit versiegt und die Stadt im Niedergang begriffen. Das große, prächtige Hotel steht schon eine Weile leer, das Projekt zu einem großen Freizeitpark ist gescheitert und stinkende Dämpfe unklaren Ursprungs wabern von Zeit zu Zeit über den Ort, besonders an heißen Tagen. Und an einigen dieser heißen Tage rund um den Memorial Day Ende Mai, irgendwann Anfang der 90er Jahre des vergangenen Jahrhunderts (genaues wird nicht genannt, man kann es nur an Kleinigkeiten erkennen; so gibt es zwar schon Mobiltelefone, aber verbreitet sind sie noch nicht; irgendwie scheint hier die Zeit stehen geblieben zu sein) spielt „Ein Mann der Tat“. Sehr viel schöner passt auch hier der Originaltitel „Everybody´s fool“, der auch deutlicher an den Vorgängerroman anknüpft. Mit diesem hat das Buch einiges an mittlerweile gealtertem Personal gemeinsam.
Zu Beginn befinden wir uns mit Polizeichef Douglas Raymer auf dem Hilldale Friedhof. Richter Barton Flatt wird zu Grabe getragen und Raymer, der diesen noch nie ausstehen konnte, muss zusammen mit Bürgermeister Gus Moynihan „Präsenz zeigen“. Dabei gehen ihm ganz andere Gedanken durch den Kopf: die Trauer über seine vor einem Jahr verstorbene Frau Beckie; die quälende Eifersucht auch heute noch auf den Mann, für den sie ihn kurz vor ihrem tödlichen Unfall verlassen wollte und die durch eine in ihrem Auto unlängst aufgetauchte fremde Garagenfernbedienung wieder aufgewallt ist; seine ambivalenten Gefühle für seine Kollegin Charice und ihren Bruder Jerome; seine Betroffenheit über die geistige Verwirrung von Bürgermeisters Ehefrau Alice, die er an dem Morgen erst desorientiert im Park aufgegriffen hat; und immer wieder die von ihm empfundene eigene Unzulänglichkeit, sein Versagen, das für ihn nicht nur in den fälschlich für den Wahlkampf gedruckten Visitenkarten – „Wie sind erst zufrieden, wenn sie nicht zufrieden sind“ – zum Ausdruck kommt. Er ist „Everybody´s fool“, dabei bemüht er sich redlich. Seine Selbstzweifel verbessern sich kaum dadurch, dass er, von der Hitze in Uniform übermannt, am Grab ohnmächtig wird und in dieses hineinstürzt.
Ein gefundenes Fressen für die Presse des konkurrierenden und seit vielen Jahren an Bath vorbeiziehenden Nachbarorts Schuyler Springs. Hier sprudeln die Heilquellen noch, hier pulsiert das kulturelle Leben, hier boomt der Tourismus. Und hier herrscht eine ordentliche Portion Häme gegenüber dem gescheiterten Bath.
Wie diese Eingangsszene zeigt, mangelt es dem Roman nicht an Action. Eine einstürzende Fabrikmauer, eine hochgiftige Korallenschlange, wegen der ein ganzes Hochhaus evakuiert werden muss, häusliche Gewalt, ein brennender Wohnwagen, Dauerregen, der den Friedhofshang und mit ihm die Toten ins Rutschen bringt und immer wieder die Garagenfernbedienung, die Raymers Frage nach dem Liebhaber seiner verstorbenen Frau endlich beantworten könnte, die er aber wohl bei seinem Sturz ins Grab verloren hat – das schreit geradezu nach Verfilmung. Dabei ist das Buch selbst keineswegs rasant. Es ist eher langsam, unaufgeregt, sehr detailreich und hat dafür auch 686 Seiten Zeit. Zeit, die sich der „gnadenlose Realist mit dem menschenfreundlichen Blick“ Richard Russo nimmt, um seine Figuren zu entwickeln. Er schont sie nicht, viele sind nicht unbedingt Sympathieträger, wie sie da oft in den Kneipen abhängen, voll Selbstmitleid stecken, herumgranteln, ihre Familien vernachlässigen. Manche sind richtig böse und fies. Aber Richard Russo stellt seine Figuren nicht bloß, er hat Respekt vor fast allen von ihnen, selbst vor den absoluten Versagern und dem inkontinenten Hund. So entsteht ein Netz von eigenwilligen, oftmals skurrilen, aber immer glaubwürdigen Figuren. Das ist sehr unterhaltsam, aber nie oberflächlich, eine stete Mischung aus Komik und Tragik, und lässt einem die Figuren so sehr ans Herz wachsen, dass das Happy End herbeigesehnt wird. Zum Glück kommt auch das ganz ohne Kitsch und Schmalz daher. Ein wunderbares Buch!

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12 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 3 Rezensionen

kindheit, familienleben, mittelschicht

Zwischen ihnen

Richard Ford , Frank Heibert
Fester Einband: 128 Seiten
Erschienen bei Hanser Berlin, 09.08.2017
ISBN 9783446256804
Genre: Biografien

Rezension:

Richard Ford war ein spätes Kind. Nicht mal so sehr, weil seine Eltern, für damalige Verhältnisse, mit 34 bzw. 40 Jahren ungewöhnlich alt für ein erstes Kind waren, sondern vor allem deswegen, weil sie bereits 15 Jahre verheiratet waren, bevor sich unverhofft, aber durchaus erwünscht, Nachwuchs einstellte.
Edna und Parker Carrol Ford stammten beide aus eher problematischen Familien und für beide war die frühe Heirat auch ein wenig Flucht aus dem ungeliebten Elternhaus. Ednas Mutter hat die Tochter bereits in frühen Jahren in eine Klosterschule geschickt, nachdem sie sich vom Vater getrennt hatte. Bei der neuen Beziehung zum schillernden Bennie Shelley wäre ihr die Tochter nur im Weg gewesen, ja diese musste sich sogar zeitweise als ihre Schwester ausgeben. Keine idealen Startvoraussetzungen für eine gelingende Mutter-Tochter-Beziehung. Aber auch Parkers Familie war belastet. Scheiternde Geschäfte trieben seinen Vater früh in den Selbstmord. Die besitzergreifende Mutter intrigierte zeitlebens gegen die Schwiegertochter.
Richard Ford erzählt von diesen nicht optimalen Startbedingungen seiner Eltern und wie sie aber bei ihrem Kennenlernen sehr bald merkten, dass sie einander gut taten, wie sie diese Chance ergriffen und sich eine zwar eher ungewöhnliche, aber doch glückliche Ehe schufen. Parker war als Handelsvertreter für Wäschestärke in einem großen Gebiet der Südstaaten unterwegs – Arkansas, wo beide herstammen – Mississippi – Alabama – Louisiana. Doch anstatt eine Wochenendbeziehung zu führen, reiste Edna mit ihrem Mann mit, unterstützte ihn, sie lebten überwiegend in billigen Motels, im Auto. Eine unkonventionelle, für die beiden sehr intensive Zeit, die erst endete, als sich 1944 doch noch ein Kind ankündigte – der kleine Richard.
Nun schaffen sich die beiden einen Lebensmittelpunkt in Jackson, Mississippi, ganz pragmatisch weil das das ungefähre Zentrum von Parkers Vertretungsgebiet ist. Der Vater reist von Montag bis Samstag und kehrt am Freitag ganz klassisch zurück, jedes Mal ein Fest, wie sich Richard Ford in der Rückschau erinnert. Trotzdem bleiben sich Edna und Parker ein Leben lang sehr nah, bis zu Parkers viel zu frühem Herztod im Jahr 1960. Richard ist da erst 16 Jahre alt.
Richard Ford legt in seinem schmalen Buch, das am treffendsten mit „memoir“ bezeichnet werden kann, etwas, das sich zwischen (Auto)Biografie und Essay bewegt, zwei Texte vor. Sie sind jeweils dem Vater und der Mutter gewidmet und mit großem zeitlichem Abstand geschrieben worden. Der Text über den Vater entstand erst unlängst, der Vater war bereits seit 55 Jahren tot, der Mutter-Text dagegen bereits kurz nach deren Tod 1981 und wurde nur leicht überarbeitet.
Dieses Verfahren bietet Möglichkeiten, aber auch Probleme. Zu letzteren gehören die unweigerlichen Wiederholungen, Redundanzen, die dadurch resultieren, dass über fast das Gleiche berichtet wird. Unstimmigkeiten hat der Autor dabei bewusst stehengelassen. Ihm war wichtig, „nur zu schreiben, was ich tatsächlich weiß und nicht weiß.“ Und von letzterem gibt es viel. Die Familie Ford war keine, die ihre Seele auf der Zunge trug, die über ihr Inneres oder überhaupt viel über sich sprach, es gibt keine Briefe oder gar Tagebücher, noch nicht einmal viele Fotos. Immer wieder muss der Sohn zugeben, dass er bestimmte Sachverhalte nicht kennt. Aber Mutmaßungen mag er nicht anstellen, nicht über Empfindungen, nicht über Sehnsüchte, Hoffnungen, Ängste. Zudem stellt er immer wieder auch Unzulänglichkeiten des eigenen Erinnerungsvermögens fest. Dadurch bleiben unweigerlich viele, vielleicht zu viele Leerstellen.
Das Verfahren bietet aber auch Vorteile. Unterschiedliche Blickwinkel, Bruchstücke, die zusammengesetzt ein neues Bild eröffnen, Ambivalenzen, die bestehen bleiben. Es ist vor allem ein sehr zurückhaltendes Stück der Erinnerung. Richard Ford wollte seine Eltern auf keinen Fall „bedeutender, nur erkennbar“ machen. Er macht das ohne jede Sentimentalität, aber mit ungeheurer Zuneigung, Wärme und Zurückhaltung. Auch wenn er von gelegentlichen Schlägen oder anderen Verfehlungen erzählt, geschieht das ohne jede Bitterkeit. Es ist ein Akt „nachgetragener Liebe“. Das gemeinsame Grab, das ihnen die Familien und Gegebenheiten verweigerten, obwohl sie sich so nahe standen, Richard Ford errichtet es ihnen in diesem Buch und schafft dabei wirklich rührende Szenen. Dabei ist das Porträt der Mutter, vielleicht durch die zeitnahe Reaktion auf ihren Tod, vielleicht auch einfach weil Richard sehr viel mehr Zeit mit ihr verbringen durfte, emotionaler, direkter. Ihr Sterben oder auch nur ihre nüchterne Selbsterkenntnis – „Richard, aus mir wird nie ein überschwänglicher Mensch“ – sind geradezu herzzerreißend. Das Verhältnis zum Vater scheint sich der Autor viel mehr erklären, teilweise auch ihre Distanz rechtfertigen zu müssen.
Seltsam unbeeinflusst bleiben die Porträts und die Familiengeschichte von allen historischen oder gesellschaftlichen Ereignissen, an denen das 20.Jahrhundert, über dessen fast gesamte Länge sie sich erstreckt, doch reich ist. Sei es, weil sie vom Autor bewusst weggelassen wurden, sei es, dass sie auf die kleine Familie tatsächlich keinen Einfluss genommen haben. Trotzdem zeigt das Buch natürlich auch einen kleinen Einblick in den amerikanischen Alltag einer „Normalfamilie“.
Ein leises, feines Erinnerungsbuch eines von mir sehr geschätzten Autors.

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23 Bibliotheken, 6 Leser, 0 Gruppen, 10 Rezensionen

schlaganfall, freundschaft, aufbau verlag, aphasie, 2017

Kirchberg

Verena Boos
Fester Einband: 352 Seiten
Erschienen bei Aufbau Verlag, 15.09.2017
ISBN 9783351036904
Genre: Romane

Rezension:

Es ist eine Heimkehr.
Johanna kehrt nach Jahren, die sie in Berlin, New York und Italien gelebt hat, zurück in die kleine Gemeinde im Schwarzwald, in der sie bei ihren Großeltern aufgewachsen ist. Das alte Schulhaus steht nach dem Tod der Großeltern schon ein paar Jahre leer, aber es atmet noch Vertrautes. Auch die Nachbarn und der Jugendfreund Patrizio sind bald zur Stelle. Für Hanna ist es eine Reise in ihre Kindheit und Jugendzeit, in glückliche Jahre, aber auch zurück zu schmerzvollen Erinnerungen. Erinnerungen daran, dass ihre Mutter sie nicht hat haben wollen. Daran, dass die Großeltern sie nur knapp vor einer Adoption bewahrt haben. Daran, dass die Mutter sich auch später, auch heute, kaum um sie kümmert. Selbst heute nicht.
Es ist auch eine Flucht.
Flucht aus der Großstadt Berlin, Flucht vor der gescheiterten Liebesbeziehung zu Leo, der in Glasgow lebt, zwar geschieden, aber durch vier Kinder gebunden und alles andere als bereit für eine feste, zuverlässige Partnerschaft. Flucht vor allem aber vor dem Zustand, in dem sich Hannas Körper nach einem Schlaganfall befindet. Die Vierzigjährige leidet unter starken Bewegungseinschränkungen auf der einen Körperseite, vor allem aber ist ihr die Sprache abhandengekommen, zumindest der ungehinderte Zugriff auf sie. Wie ein krankes Tier verkriecht sie sich nun in dem alten Haus in der Provinz ihrer Kindheit, sucht sich dort einen Rückzugsort.
Dass diese Flucht nicht gelingen kann, liegt auf der Hand. Johanna nimmt nicht nur ihre Behinderung, sondern auch ihre Verletzungen und Erfahrungen ja mit sich, zudem prasseln gerade hier unzählige Erinnerungen auf sie ein. Auch die Frage nach ihrem Vater, dessen Identität ihre Mutter bisher nicht preisgeben wollte, steht wieder im Raum. Außerdem arbeitet sie sich an der Trennung von Leo ab.
Ihre stete Introspektion und Selbstbefragung steht dabei in krassem Widerspruch zu der Unfähigkeit, sich umfassend mitzuteilen. Auch das Haus selbst ist nicht mehr der Zufluchtsort von früher, ist ausgeräumt, ungastlich.
Und doch kommt Johanna hier ein wenig zur Ruhe. Vor allem die Menschen ihrer Umgebung, allen voran Patrizio und seine Mutter, aber auch die Nachbarin Sabrina, begegnen ihr mit großer Empathie. Genau wie der Leser erfahren sie erst nach und nach von der Vorgeschichte des Schlaganfalls und dem ernsten Zustand, in dem sich Johanna befindet.
Der Roman pendelt zwischen den Monaten, die Johanna im Schwarzwaldhaus verbringt und den Erinnerungen an ihre Kindheit und Jugend und denen an ihre Zeit mit Leo. Verena Boos trifft bei den gegenwärtigen Episoden, besonders bei der Schilderung der Krankheit und Johannas Leiden wunderbar einen Ton der tiefen Empathie, der aber nie ins mitleidige oder gefühlsduselige abgleitet. Intensiv, eindringlich und doch zurückhaltend erzählt sie davon. Auch die Kindheitserinnerungen passen sich sehr gut ein. Das sind Passagen, die sicher noch lange nachhallen werden, gerade, weil sie auch nicht alle bis ins Letzte auserzählt werden und weil sich die Autorin dafür Zeit nimmt.
Was ihr weniger gut gelingt, und das war auch schon in dem von mir sehr geschätzten Erstling „Blutorangen“ der Fall, sind die Liebesszenen. Die geraten oft ein wenig schwülstig. Die verzweifelte, hoffnungslose Liebe zu Leo, von dem sie sich letztendlich trennt, hätte es für mich nicht gebraucht.
Zwar kommt Verena Boos auch sonst nicht ganz an Stereotypen vorbei (Patrizio stammt aus einem Haus von Pizzabäckern, arbeitet in italienischem Design und fährt mit ihr schließlich nach Venedig – natürlich über die Passstraße), und gegen Ende verliert sie sich kurzfristig in einem Kapitel, das 2024 spielt, in futuristischen Spielereien, die ein wenig albern wirken, aber was von diesem Roman ganz sicher bestehen bleiben wird, sind die starken Szenen über Johannas Kindheit, über ihre Familie und ihr körperliches Leiden. Szenen über Heimat, die Suche nach dem Platz im Leben, über Lebenspläne und Lebenswege, über Freundschaft, Familie und Tod. Starke Szenen, eindrückliche Szenen.

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haus, roman

Die Letzten

Madeleine Prahs
Fester Einband: 304 Seiten
Erschienen bei dtv Verlagsgesellschaft, 04.08.2017
ISBN 9783423281348
Genre: Romane

Rezension:

Sie sind die Letzten in der Hebelstraße 13. Alle anderen haben sich locken lassen von den Angeboten des auf Mietsteigerung durch Kernsanierung spekulierenden Vermieters Thomas Grube. Oder sie haben resigniert, waren den Drohungen und Schikanen nicht länger gewachsen und sind dann doch ausgezogen. Nur drei der einst fünfzehn Parteien sind dem zunehmenden Druck noch nicht gewichen, den Bauarbeiten im Treppenhaus, der unterbrochenen Wasserversorgung, der drohenden Räumungsklage.

Vorgestellt werden uns die drei verbliebenen Bewohner von – der Hebelstraße 13. Die Autorin Madeleine Prahs lässt das Haus selbst zu Wort kommen, das wird dem Leser bald klar. Sie macht es zum moderierenden Erzähler, der sich auch an den Leser direkt wendet, ihm von den in ihm wohnenden Menschen erzählt und dafür auch eigene Kapitel erhält.

Die anderen Kapitel sind Karl Kramer, Marina Weber, genannt Jersey und Elisabeth Buttkies gewidmet und jeweils durch die Wohnungsangabe (Erdgeschoss rechts, Dachgeschoss, 2.Stock Mitte) deutlich gekennzeichnet. Die Drei bilden alles andere als eine solidarische Hausgemeinschaft und sind recht eigenwillige Charaktere. Das muss man wohl auch sein, wenn man einer der „Letzten“ ist.
Karl Kramer ist Mitte Fünfzig und seitdem er arbeitslos wurde verrichtet er Hausmeistertätigkeiten in der Hebelstraße 13. Geschieden, alleinstehend, brummig, kämpft er um ein wenig Ordnung in dem aufgegebenen Haus. Jersey ist eine recht ziellos durchs Leben treibende Studentin, Tagträumerin, mit der Miete im Rückstand und Alkohol und Drogen zugeneigt und mit der Welt irgendwie im Clinch. Elisabeth Buttkies schließlich ist pensionierte Lehrerin und schwer krebskrank. Auch sie ist nicht gerade sehr umgänglich, ihr Paradies ist der Balkon mit Plastikblumen. So beäugen sich die Drei misstrauisch und ablehnend und es bedarf schon eines spektakulären Ereignisses, dass sie zusammenfinden und Solidarität untereinander empfinden.

Madeleine Prahs schreibt witzig und lakonisch, schreckt auch vor dem einen oder anderen Klamauk nicht zurück, behält aber auch ihr Thema, die „Entmietung“, im Auge. Die Geschichte sprüht nur so vor Ideen, Einfälle und Wendungen. Ab der Mitte allerdings überdreht die Autorin für meinen Geschmack etwas. Der Handlungsverlauf wird sehr schräg und auch nicht mehr glaubwürdig. Dabei ist die Idee, das Haus tatkräftig in das Geschehen eingreifen zu lassen, durchaus gelungen. Ein bisschen weniger wäre hier aber durchaus mehr gewesen. Unterhaltsam und spaßig ist das Buch aber auf jeden Fall.

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paris, roman, nanny, frankreich, familie

Dann schlaf auch du

Leïla Slimani , Amelie Thoma
Fester Einband: 224 Seiten
Erschienen bei Luchterhand, 21.08.2017
ISBN 9783630875545
Genre: Romane

Rezension:

2016 gewann der Roman „Chanson Douce“ (Wiegenlied) der französisch-marokkanischen Schriftstellerin Leïla Slimani den bedeutendsten Literaturpreis Frankreichs, den Prix Goncourt. Bereits davor war das Buch ein großer Publikumserfolg. Er schien einen Nerv zu treffen.
Das kann nicht nur am leicht reißerischen Auftakt liegen, der den Ausgang des Geschehens vorwegnimmt.
„Das Baby ist tot. Wenige Sekunden haben genügt. Der Arzt hat versichert, dass es nicht leiden musste. Man hat es in eine graue Hülle gelegt und den Reißverschluss über dem verrenkten Körper zugezogen, der inmitten der Spielzeuge trieb. Die Kleine war dagegen am Leben, als die Sanitäter kamen. Sie hatte sich gewehrt wie eine Wilde.“
Sicher ist die Tötung von Kindern immer noch etwas besonders grausames, aber unzählige Thriller überbieten sich mittlerweile mit blutrünstigen Einstiegen. Außerdem nimmt das Spektakuläre des Romans sehr bald ab, er wird nüchtern und protokollarisch. Ihn einen Thriller zu nennen würde deswegen auch nicht ganz die Wahrheit treffen.
Wahrscheinlich sind es die Umstände, die beschrieben werden und die so sehr den Lebenswirklichkeiten und Ängsten vieler LeserInnen, gerade, aber nicht nur in Frankreich, zu entsprechen scheinen, die den enormen Erfolg des Buches erklären. Es ist eine wahre Tragödie, die ihr Ende bereits zu Beginn erreicht hat, und deren Anfang und Verlauf Leïla Slimani im Verlauf des Romans mit fast chirurgischer Präzision äußerst nüchtern vor uns ausbreitet.
Myriam und Paul Massé sind ein Paar der gehobenen Mittelschicht in Paris, gut ausgebildet, sie Juristin, er Musikproduzent. Zwei Wunschkinder, natürlich ein kleines bezauberndes Mädchen und ein süßer Junge kommen auf die Welt, von den Eltern geliebt und verhätschelt. Doch bald nach der Geburt des zweiten Kindes, beginnt der gutaussehenden und talentierten Mutter die berühmte Decke auf den Kopf zu fallen. Eine Rezensentin sprach (zu meinem Missfallen muss ich hinzufügen, entspricht es doch zu sehr dem zurzeit so gängigen Bild des Lebens mit kleinen Kindern) von der „Ödnis des Wickeln-Füttern-Alltags“. Dass der Vater in seinem aufregenden Beruf nicht kürzer treten kann, ist selbstverständlich. Die Großeltern stehen nicht zur Verfügung, sondern verwirklichen ihre Träume vom Lebensabend auf dem Land. Also ist klar: Eine Nanny muss her, denn eine Krippe oder ein Hort ist nicht aufzutreiben. Eine Situation, mit der sich sehr viele (gerade gut situierte, gut ausgebildete - und häufiger lesende) Eltern identifizieren können, in Frankreich, wo die überwiegende Anzahl der Frauen schon sehr bald nach der Geburt ihrer Kinder in den Beruf zurückkehren, schon seit geraumer Zeit; mittlerweile aber auch in Deutschland.
Generalstabsmäßig wird das „Casting“ möglicher Kinderfrauen durchgeführt und tatsächlich ist ihnen das Glück hold. Louise erscheint zu gut, um wahr zu sein. Denn obwohl Myriam und Paul natürlich liberale, offene und im Falle von Paul sogar einem linksorientierten Haushalt entstammende Menschen sind, stellen sie an ihr „Personal“ doch ganz konkrete Anforderungen. Auf keinen Fall „Sans Papiers“ – als Handwerker oder meinetwegen Putzfrauen gerne, aber doch nicht für die Kinder; dazu möglichst ungebunden, keine eigenen Kinder, denn man fordert Flexibilität, was Verfügbarkeit bedeutet, wann immer man diese benötigt.
„Das Wichtigste ist, dass sie flexibel ist und nicht so dröge, dass sie schuftet, damit wir schuften können.“
Es ist die Arroganz der Vermögenden, der Zahlenden, die bei den Massés sehr bald durchbricht. Und Louise ist die Erfüllung all ihrer Erwartungen, eine wahre Mary Poppins: in mittlerem Alter, alleinstehend, Französin, mit besten Referenzen. Die Kinder lieben sie sofort, der Haushalt läuft bestens, abends steht wunderbares Essen auf dem Tisch, die Kleinen sind gebadet, frisch gekämmt, müde von den Erlebnissen des Tages und zufrieden. Sehr bald können sich die Massés ein Leben ohne ihre „Nounou“ nicht mehr vorstellen. Aus Bequemlichkeit geben sie immer mehr Zuständigkeiten ab, ignorieren auch zunehmend unheilvolle Zeichen.
Denn Louise ist eine psychisch labile Frau. Von ihrem verstorbenen Mann mit einem Berg an Schulden in äußerst prekären Verhältnissen zurückgelassen, von der sozial auffälligen Tochter ignoriert, kommt sie mit ihrem Haushälterinnengehalt kaum über die Runden, droht ihr die Kündigung ihrer elenden Wohnung in einem der Pariser Banlieus. Diese Labilität verbirgt sie hinter einer äußerlichen Perfektion, die sowohl ihr Äußeres als auch ihre Tätigkeit umfasst und die bald beängstigende Ausmaße erreicht.
„Sie hat die stille Wohnung ganz in ihrer Gewalt, wie einen Feind, der um Gnade bittet.“
Die Familie Massé wird immer mehr ihr Lebensmittelpunkt. Dabei ist die Beziehung von einem seltsamen, aber typischen Ungleichgewicht geprägt. Während Louise alles über ihre Arbeitgeber weiß, interessieren diese sich überhaupt nicht für ihr Leben, ihre Sorgen, auch nicht, als sie allmählich in eine ausweglose Situation gerät.
Leïla Slimani erzählt von dieser unglücklichen Entwicklung spannend und trifft damit den angesprochenen Nerv. Denn wie viele Eltern überlassen nicht jeden Tagen ihre Kinder anderen Menschen, denen sie dahingehend vollkommen vertrauen müssen? Zudem ist das Buch von einem realen Fall aus New York inspiriert worden. Gründe, warum das Buch so interessiert, so erfolgreich ist. Außerdem macht es gesellschaftliche Gegebenheiten sehr deutlich. Man hört immer wieder, dass gerade in Frankreich, vielleicht ähnlich wie in den USA, die sozialen Unterschiede und die Trennung der Schichten deutlicher ausgeprägter sind als bei uns in Deutschland. Aber auch hierzulande prägt sich diese Kluft zwischen „denen da oben“ und „denen da unten“ immer weiter aus. Die Autorin hat mit „Dann schlaf auch du“ einen deutlich soziologisch angelegten Roman verfasst. Der ist dadurch naturgegeben ziemlich konstruiert. Auch die Personen sind für sich genommen recht wenig interessant, sondern eher exemplarisch.
Darin liegt mein Kritikpunkt an diesem ansonsten spannenden und aktuellen Roman. Leïla Slimani analysiert und erklärt ihre Figuren und ihre Handlungen fortwährend, anstatt sie zu entwickeln oder literarisch zu durchdringen. Positiv ist, dass sie dabei Uneindeutigkeiten stehen lässt, kein Schwarz/Weiß malt. Aber die große Distanz, die sie zu den Personen einnimmt, ihre nüchterne, stets kommentierende Sprache, deren protokollarische Art sie durch eingestreute Zeugenaussagen noch unterstreicht, verhindert, dass man irgendeinem von ihnen auch nur annähernd nahekommt. Und damit verweigert sie dem Leser letztendlich jegliches tieferes Verstehen. Deshalb hat mich der Roman schließlich eher enttäuscht zurückgelassen.

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24 Bibliotheken, 2 Leser, 1 Gruppe, 4 Rezensionen

afrika, kindheit, burundi, bürgerkrieg, flucht

Kleines Land

Gaël Faye , Brigitte Große , Andrea Alvermann
Fester Einband: 224 Seiten
Erschienen bei Piper, 02.10.2017
ISBN 9783492058384
Genre: Romane

Rezension:

Es ist ein kleines Land, aus dem dieser Roman berichtet und aus dem der 1982 geborene Autor Gaёl Faye stammt. Es ist kleiner als Belgien, aber genauso dicht besiedelt. Es liegt im Landesinneren des östlichen Afrika, am Tanganjikasee, 46% seiner Bevölkerung ist jünger als 15 Jahre. Neben Kirundi ist auch Französisch Amtssprache. Die Menschenrechtslage ist äußerst problematisch.
Burundi ist laut Welthunger-Index das ärmste Land der Erde.
Ich muss zugeben, dass ich bisher wenig über Burundi wusste.
Nicht nur deswegen ist „Kleines Land“ ein wichtiges, ein unbedingt empfehlenswertes Buch. Es ist auch wunderbare Literatur, die 2016 den Prix Goncourt des lycéens gewann und nun, auch anlässlich des diesjährigen Buchmessenschwerpunkts „Francfort en français“, in Deutschland erscheint.
Es erzählt von einer glücklichen Kindheit, die abrupt und tragisch endete, weil die Grausamkeit der afrikanischen Realität in sie eindrang. Der spielerische Prolog, eine Plauderei zwischen Vater und Sohn, lässt ahnen, welches Unheil sich zusammenbraut.
„Ich weiß wirklich nicht, wie die Geschichte angefangen hat.
Dabei hat Papa uns das mal im Pick-up erklärt. „In Burundi ist es wie in Ruanda, versteht ihr? da leben drei verschiedene Gruppen, Ethnien heißt das. Hutu gibt es am meisten, die sind klein und heben eine dicke Nase.“ (…) Etwas lag in der Luft. Und das konnte man riechen, egal, mit welcher Nase.“
Gleichwohl fängt das Buch so heiter und unbeschwert an. Der kleine Gabriel, der einige Eckdaten mit dem Autor gemeinsam hat, wächst als Sohn eines französischen Vaters und einer ruandischen Mutter in sorglosen Verhältnissen auf. Eine kleine Sackgasse in Bujumbara ist seine Welt, die er mit seiner Schwester Ana und einer kleinen Kinderbande bevölkert. Der Diplomatensohn Armand, die Zwillinge, die auch einen französischen Vater haben und Gino, dessen belgischer Vater selten in Erscheinung tritt und dessen ruandische Mutter noch niemand zu Gesicht bekommen hat, bilden eine eingeschworene Gemeinschaft. Sie gehen in die französische Schule, stehlen Mangos, ärgern die Nachbarn und bauen sich einen alten VW-Bus als Treffpunkt aus. Koch Prothé, der Zairer Donatien und der Fahrer Innocent kümmern sich um das Wohl der Familie. Diese ist modern und aufgeklärt, aber im Umgang mit den Angestellten spürt man doch eindeutig die soziale Hierarchie, die herrscht. Noch greifbarer wird es bei Jacques, dem Familienfreund, der seine eindeutig koloniale Attitude ganz ungeniert pflegt. Von sozialen Spannungen oder politischen Turbulenzen werden die Kinder weitgehend ferngehalten, auch warum die Mutter Yvonne und Großmutter Rosalie einst aus Ruanda flohen und ihre Verwandten dort kaum besuchen, wird nie thematisiert. Es ist eine fröhliche, nur von kleinen Kindersorgen belastete Zeit.
„Das Glück sieht man nur durch den Rückspiegel.“
Doch dann bricht die Realität auch in diese kleine Enklave ein.
1993 ließ der burundische Machthaber Buyoya nach einer langen Kette an Putschen, ermordeten Präsidenten und Aufständen erstmals lang ersehnte freie Wahlen zu, die der Hutu Ndadaye gewann. Aber auch dieser gewählte Präsident wurde bereits im selben Jahr ermordet, erneut begleitet von blutigen Aufständen und der Flucht Hunderttausender Hutu. Diese Eruptionen konnten auch an der kleinen Gemeinde in der Sackgasse nicht unbemerkt vorbeigehen. Ein ruandischer Onkel, Mitglied einer Rebellenorganisation, wird im Nachbarland getötet und die Meldungen von dort werden immer besorgniserregender. Mutter Yvonne und die Kinder reisen 1994 zur Hochzeit ihres Bruders nach Kigali. Dort geraten sie nach dem Flugzeugabschuss, dem sowohl der ruandische als auch burundische Präsident zum Opfer fielen, mitten in den beginnenden Völkermord, dem die Mutter als Angehörige der Tutsi-Volksgruppe nur knapp dank ihres französischen Passes entkommt. Diese Schilderung ihrer Reise durch Ruanda gehört mit zu den eindringlichsten und bedrückendsten Passagen des Buches.
„Hinter scheinbarer Ruhe, einer lächelnden Fassade und großen, optimistischen Reden waren beständig dunkle, unterirdische Kräfte am Werk, um Gewalt und Zerstörung freizusetzen, die in wiederkehrenden Perioden durch Land fegten wie tückische winde: 1965, 1972, 1988. Ein böser Geist schaute regelmäßig vorbei, um die Menschen daran zu erinnern, dass Friede nur ein kleines Inrevall zwischen zwei Kriegen ist. Diese giftige Lava, die breiten Blutströme sollten bald wieder an die Oberfläche quellen. Wir wussten es noch nicht, aber die Zeit des Infernos war gekommen, und die Nacht ließ das Rudel der Hyänen und Wildhunde los.“
Gaёl Faye macht aber auch deutlich, dass sowohl der Geheimdienst als auch ausländische Stellen sehr wohl über das Bevorstehende informiert und gewarnt waren.
Wieder zurück in Burundi, muss die Familie feststellen, dass die Unruhen auch vor der Landesgrenze nicht halt gemacht haben, hier nur nicht so eskalieren wie im Nachbarland. Angst ist dennoch ein ständiger Begleiter und Gabriel muss erkennen, dass Machtlosigkeit manchmal auch Schuld nach sich zieht. Schließlich gelingt es dem Vater, die Kinder in letzter Minute ins sichere Frankreich ausfliegen zu lassen. Viele der Zurückgebliebenen wurden Opfer oder zu einem, der
„aus dem Land floh wie so viele andere, im Gänsemarsch, eine Matratze auf dem Kopf, ein Bündel in der Hand, die Kinder an der anderen, Ameisen in einem Menschenmeer, das am Ende des zwanzigsten Jahrhunderts die Straßen und Pisten Afrikas überflutete.“
Als Rahmenhandlung kehrt der nunmehr 33jährige Gabriel aus Frankreich in seine alte Heimat zurück und macht dort eine berührende Entdeckung.
„Ich torkele zwischen zwei Ufern, daran krankt meine Seele. Tausende Kilometer trennen mich von meinem früheren Leben. Aber es ist nicht die räumliche Entfernung auf der Erde, die die Reise lang macht, sondern die vergangene Zeit.“
Gaёl Faye ist ein in Frankreich bekannter Musiker und Rapper. Es existiert auch ein Song und ein Video zu „Kleines Land“.

Ihm gelingen eindrückliche Charaktere, ein Einblick in die verschlungenen, tragischen politischen Ereignisse, ein wenig Erkenntnis über die unfassbaren Grausamkeiten, die während des Völkermordes in Ruanda vor sich gingen. Es ist auch ein nostalgisches Buch, das über eine verlorene Kindheit berichtet - voller Liebe, aber ganz ohne Pathos -, das auch die ganz dunklen Seiten Afrikas nicht unerwähnt lässt. Ein unbedingt empfehlenswertes Buch!

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288 Bibliotheken, 10 Leser, 1 Gruppe, 126 Rezensionen

sklaverei, amerika, flucht, underground railroad, usa

Underground Railroad

Colson Whitehead , Nikolaus Stingl
Fester Einband: 352 Seiten
Erschienen bei Hanser, Carl, 21.08.2017
ISBN 9783446256552
Genre: Romane

Rezension:

Nach Yaa Gyasis Roman „Heimkehren“ das zweite Buch der Saison, das sich mit der Thematik „Sklaverei“ beschäftigt, und ein unglaublich erfolgreiches Buch: sowohl der National Book Award 2016 als auch der Pulitzer Prize 2017 gingen an Colson Whiteheads „Underground Railroad“. Die Jury des Man Booker Prizes gestattete ihm zumindest einen Platz auf der Longlist. Und (weniger spektakulär) auch auf meiner persönlichen Topliste des Jahres 2017 nimmt der Roman ganz sicher einen der obersten Plätze ein.
Mit großer erzählerischer Kraft, eindrücklich und packend erzählt der Autor die Geschichte der jugendlichen Sklavin Cora, die Anfang des 19. Jahrhunderts auf einer Plantage in Georgia aufwächst. Ihre Großmutter Ajarry wurde einst von der afrikanischen Goldküste nach Amerika verschleppt, vergewaltigt, misshandelt, unzählige Male verkauft, bis sie schließlich auf der Randall-Farm landet, die sie bis zu ihrem Tod nicht mehr verlassen wird. Dort kommen sowohl ihre Tochter Mabel als auch die Enkelin Cora auf die Welt, inmitten einer Welt voll Gewalt und Elend. Beherrscht wird sie von den Randall-Brüdern, der eine eher nachlässig in seiner „Sklavenhaltung“, der andere umso grausamer in der Durchsetzung seiner Macht- und Besitzansprüche. Keiner der Beiden zweifelt diese auch nur im geringsten an, Schwarze sind Ware, Besitzgegenstände, die nach Belieben verschoben, eingesetzt oder auch gezüchtigt und getötet werden dürfen. Dieses Besitzdenken ist fest in den Köpfen der weißen Bevölkerung verankert. Nur wenige Abolitionisten oder religiöse „Eiferer“ verurteilen diese Praxis und werden von Befürwortern der Sklaverei fast genauso erbittert bekämpft und gehasst wie aufmüpfige oder geflohene Sklaven. Die Randall-Farm ist bekannt dafür, dass von hier – bis auf einmal – noch niemals ein Schwarzer verschwunden ist. Diese eine Ausnahme war Mabel, Coras Mutter, die auch der erfolgreiche und skrupellose Sklavenjäger Ridgeway nicht wieder einfangen konnte. Eine Niederlage, die ihn nachhaltig kränkt. Auch Cora, die als kleines Mädchen zurückgelassen wurde, ist nie darüber hinweggekommen. Auch sie denkt voller Hass an ihre flüchtige Mutter.
Nun erkrankt der „moderate“ Randall-Bruder und nach dessen Tod wird sein Besitz inklusive der Sklaven dem sadistischen Terrance zugesprochen. Als Caesar Cora zu gemeinsamer Flucht auffordert, gibt es deswegen für sie kein Zögern mehr. Und hier kommt die sagenhafte „Underground Railroad“ ins Spiel. Diese bezeichnet ein weitgespanntes Netzwerk an weißen Gegnern der Sklaverei, freien Schwarzen und entflohenen Sklaven, die von den Nordstaaten aus operierten und Unterstützung bei der Flucht, Unterschlupf und Weitertransport in den Norden gewährten – meist unter akuter Gefahr des eigenen Lebens. Entflohene Sklaven waren wie Freiwild, man konnte mit ihnen verfahren, wie einem beliebte, meist waren Kopfgelder ausgesetzt, ihnen zu helfen galt als Kapitalverbrechen. Selbst in den „freien“ Nordstaaten durften Sklavenjäger ihrem Geschäft nachgehen. Dass ihrer grausamen Jagd auch oft freie oder freigelassene Schwarze zum Opfer fliehen, ist spätestens seit „Twelve years a slave“, der 1853 erschienenen „Slave narrative“, also dem Erlebnisbericht, von Solomon Northup bekannt.
Auch Colson Whitehead hat sich solcher „Slave narratives“ als Quellenmaterial bedient, zum Beispiel jener von Harriet Ann Jacobs, die selbst sieben Jahre verborgen auf einem Dachboden lebte, bevor sie in die Freiheit fliehen konnte. Viele der grausamen und oft auch abartig sadistischen Praktiken, die Colson Whitehead im Umgang mit der „Ware Mensch“ auf so unsentimental-lakonische wie ergreifende Weise schildert, beruhen also auf Berichten Betroffener. Auch kleine Suchmeldungen, in denen Besitzer abhandengekommenes Eigentum zur Fahndung ausschrieben, sind in ihrem menschenverachtenden Wortlaut im Original eingestreut.
Aber Colson Whitehead verfolgt keinen rein realistischen Erzählansatz. Eine Portion Fantastik fließt dadurch hinein, dass der Autor das Hilfsnetzwerk der „Underground Railroad“, die zur Tarnung mit Begriffen wie „Zugführer“, „Passagier“, „Station“ etc. arbeitete, ganz wörtlich nimmt. So fliehen Cora und Caesar durch ein unterirdisches Eisenbahntunnelsystem gen Norden. Der Zustand der befördernden Züge variiert genauso wie der der Stationen, die sich in alten Steinbrüchen, unter verlassenen Scheunen etc. befinden. An jeder von ihnen taucht Cora in ein alternatives Amerika auf. Das gibt der Geschichte eine surreale Ebene, die nicht jeder Leser und Kritiker befürwortet. Darf man das? Wahrheit und Fiktion derart bis zur Unkenntlichkeit zu vermischen? Geschichtliche Tatsachen gar „fälschen“? Mir gefiel die Umsetzung und dieser Aspekt sehr gut, rückt es doch das Erzählte in den Bereich einer Allegorie – der Flucht, der Grausamkeit der Menschen, ihres Ausgeliefertsein, ihres Mut, ihrer Entschlossenheit. Auf keinen Fall verliert der Roman dadurch seine historische Glaubwürdigkeit. Auch wenn tatsächlich einige der geschilderten Zustände auf Coras Stationen in den Norden nicht historisch sind, sondern der Fantasie des Autors entsprangen, zum Beispiel die heimliche Sterilisation von Afroamerikanern in South Carolina und die medizinische Forschung an ihnen oder die systematische Vernichtung der Schwarzen in North Carolina. Dinge, die in Richtung Völkermord deuten und auf eine Allgemeingültigkeit abzielen, Anspielungen an andere Genozide. Eine Mahnung des Autors, sich zu erinnern, achtzugeben. Etwas , das wiederum direkt ins Heute reicht und eine ungeheure Aktualität erzielt.
Wir alle kennen die Entwicklungen (nicht nur) in den USA. Nach der Lektüre dieses Romans wird mit einer ungeheuren Wucht klar und deutlich, welch explosive Kraft in dieser so unzureichend aufgearbeiteten Geschichte liegt. Das über Generationen eingeimpfte Herrschaftsdenken der Weißen, die verdrängte Schuld und, das wird hier bei Colson Whitehead besonders deutlich, die unterschwellige, aber stets präsente Angst vor überfälliger Rache und sich Bahn brechendem, jahrhundertealtem Hass auf der einen Seite. Und die Demütigung, Zurücksetzung, Verfolgung, die auf der anderen Seite eben jenen Hass schüren können. Dass das ein brodelnder Kessel ist, der mit unterschiedlichen Deckeln unterschiedlich gut zu kontrollieren ist und immer wieder mal überkocht, das Anheizen der letzten Zeit aber ganz sicher nicht verträgt, leuchtet eigentlich ein. Dabei verschweigt der Autor aber nie auch die eigenen Verstrickungen der Afroamerikaner, es gibt bei ihm nie ein eindeutiges Schwarz-Weiß. Plantagenkitsch mit singenden Sklaven, die solidarisch beieinander stehen findet man hier nicht.
Dass Colson Whitehead mit diesem historischen Stoff die brandaktuelle Lage auf wirklich spannende, packende Weise und mit einer großartigen, rhythmischen Sprache derart deutlich macht und damit auch die unbedingte Notwendigkeit einer grundlegenden Aufarbeitung dieser dunklen Phase in der amerikanischen Geschichte, ist jeden der verliehenen Preise mehr als wert. 

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Fingerpflanzen

Anna Kim , Kristian Evju
Flexibler Einband: 130 Seiten
Erschienen bei Topalian & Milani Verlag, 05.08.2017
ISBN 9783946423089
Genre: Romane

Rezension:  
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99 Bibliotheken, 3 Leser, 1 Gruppe, 33 Rezensionen

indien, hijra, gewalt, kaschmir, friedhof

Das Ministerium des äußersten Glücks

Arundhati Roy , Anette Grube
Fester Einband: 560 Seiten
Erschienen bei S. FISCHER, 10.08.2017
ISBN 9783100025340
Genre: Romane

Rezension:

„Romane sind Eintöpfe“, so betitelte die Süddeutsche Zeitung ein Interview mit Arundhati Roy vom Sommer dieses Jahres. Eine Aussage, der mancher Schriftstellerkollege und so mancher Kritiker und Leser sicher gerne vehement widersprechen möchte. Und so hat der lang erwartete Roman der Autorin, die 1997 mit ihrem Erstling „Der Gott der kleinen Dinge“ einen phänomenalen, weltweiten Erfolg hatte und den Booker Prize gewann, nicht nur positive Kritiken erhalten. „Gescheitert“, „ihrem Stoff nicht gewachsen“, am häufigsten „chaotisch“ waren einige der Urteile. Vielleicht keine Eintopfliebhaber, oder zumindest nicht in der Lage, die subtilen Geschmäcke der einzelnen Zutaten und ihren manchmal ungewohnten Zusammenklang zu genießen. Nicht nur in der Küche gibt es Freunde der Trennkost oder des Simple Food. Diese tun sich mit dem „Ministerium des äußersten Glücks“ wahrlich keinen Gefallen. Arundhati Roy packt allerhand Zutaten in ihren „Romaneintopf“, würzt mit unzähligen Aromen und kreiert einen so poetischen wie politisch scharfen literarischen Hochgenuss.
Die 56jährige studierte Architektin Roy gilt seit ihrem literarischen Erfolg Ende der neunziger Jahre als eine der wichtigsten Stimmen Indiens. Und diese hat sie immer wieder erhoben, wenn es galt, gegen politische oder religiöse Ausgrenzung, Menschenrechtsverletzungen, Pogrome oder den erstarkenden Hindunationalismus in ihrer Heimat vorzugehen. Anders als viele ihrer Kollegen lebt die Autorin immer noch in Delhi, reist viel durchs Land, kommt mit den Leuten ins Gespräch. Sie ist eine erklärte Globalisierungskritikerin und engagierte Umweltaktivistin. Spätestens seit ihrem Engagement im immer noch schwelenden Kaschmir-Konflikt gilt sie für viele Nationalisten als Volksfeindin.
Aber Arundhati Roy betont immer wieder, in ihren politischen Essays sowohl wie im vorliegenden Roman, dass Indien eben nicht nur das Land der Hindus, das der höheren Kasten ist. Sie preist die Vielfalt, das Zusammenleben, von Hindus, Moslems, Christen sowohl wie das der unterschiedlichen Kasten, die sie als eins der Grundübel der indischen Gesellschaft auch im modernen Indien entdeckt. So sind beispielsweise auch heutzutage nur wenige Ehen kastenübergreifend.
Im „Ministerium des äußersten Glücks“ erzählt Roy eigentlich zwei unterschiedliche Geschichten, die sie am Ende zusammenführt. In beiden erzählt sie von den Grausamkeiten und Ungerechtigkeiten in der indischen Gesellschaft. Da tauchen sowohl das Giftgasunglück in Bhopal 1984, als auch die schweren Ausschreitungen im Bundesstaat Gujarat 2002 auf, bei denen nach einem Brandanschlag auf einen Zug mit hinduistischen Pilgern unter Duldung der Regierungspartei BJP regelrecht Hatz auf die muslimische Bevölkerung gemacht wurde (der Spiegel titelte damals „Blutrausch wie im Mittelalter“). Massaker an den unberührbaren Kasten der Dalits und Adivasis sind genauso Thema wie die zunehmende Islamfeindlichkeit nach 9/11 und der Kaschmirkonflikt, der seit 1947 schwelt (oder auch zeitweise lichterloh brennt). Ziemlich viele politische Themen, die Arundhati Roy unter den Nägeln brennen und die sie hier, wie ich finde, großartig in eine oder wie gesagt zwei Geschichten einflicht.
Da ist einmal die Geschichte von Anjum, die als kleiner Junge Aftab auf die Welt kam, deren Eltern aber zu ihrem großen Entsetzen feststellen mussten, dass das Kind nicht nur ein Geschlecht besitzt, sondern sowohl Junge als auch Mädchen ist. Hijra werden in Indien diese inter- oder transsexuellen Menschen genannt und es gibt (zumindest auf den Wahlzetteln) neben männlich und weiblich noch die Option „anderes“. Wer allerdings denkt, dass die indische Gesellschaft hier mit mehr Toleranz reagiert, irrt. Zwar werden Hijras teilweise aus Aberglauben gefürchtet, aber gesellschaftlich weitgehend geächtet, leben oft in Kommunen zusammen und haben als Broterwerb oft nur die Prostitution oder Bettelei zur Auswahl.
Anjum kommt diese Furcht zu Hilfe, als sie dadurch nur knapp einem Massaker entkommt. Sie zieht sich daraufhin ganz auf einen Friedhof in Alt-Delhi zurück, lebt zwischen den Gräbern, zieht nach und nach andere Außenseiter, für die auch kein Platz in der Gesellschaft zu sein scheint, an. Das Jannat („Paradies“) Gästehaus entsteht, Arundhati Roys Lob auf die Unkonventionalität, die Abweichung, sowohl was Geschlecht als auch Religion oder Kaste angeht. Die Protagonisten sind zerrissen wie ihr Land, auch durch sie gehen unsichtbare Grenzen hindurch.
Die zweite Geschichte, die erzählt wird, ist noch komplexer. Sie handelt von vier Freunden, drei Männern, die alle die gleiche Frau lieben, die Studentin Tilottama. Sie entwickeln sich in Laufe der Jahre alle sehr unterschiedlich. Der eine wird kritischer Journalist, später Regierungsinformant und heiratet Tilo; der andere geht in den Untergrund, um im Kaschmirkonflikt gegen die Regierung zu kämpfen und bleibt Tilos große Liebe; der dritte wird Mitglied des Inlandgeheimdienstes. Letzterer ist die wohl am meisten negativ besetzte Figur. Dennoch gestaltet Roy ihn nicht nur äußerst ambivalent, weder gut noch böse, sondern sie verleiht ihm als einzigem die Ich-Perspektive. Ein interessanter Schachzug. Die Geschichte der Drei in unruhigen, politisch instabilen Zeiten bildet den mittleren Teil des Buchs. Ab hier wird die Geschichte disparat, bietet nicht nur zwei Perspektiven, sondern fügt auch anderes Textmaterial wie Akten, Notizen, Pamphlete, Gedichte und Lieder hinzu. Außerdem bekommt sie ein höheres Tempo. Manch Leser fühlt sich ein wenig wie in ein Labyrinth von Figuren, Geschehnissen und Fakten gezogen. Die Autorin behält aber alle Fäden fest in der Hand und vereinigt die beiden Erzählstränge man Ende zu einer Art Märchenschluss. Trotz all des Chaos und der Widersprüche, all des Elend und der Grausamkeit ist Hoffnung für sie möglich, ja sogar „äußerstes Glück“. Vielleicht liegt es hier in der kleinen Gegengesellschaft auf dem Jannat-Friedhof.
Arundhati Roy hat ein Anliegen, nein, sie hat sogar viele. Das ist bei einer solch engagierten, politischen Person nicht verwunderlich. Durch ihre poetische Sprache, ihre Liebe zum Detail und ihre Figuren, durch ihren Humor und die Genauigkeit ihres Blicks wird daraus aber nie ein Dozieren, ein Pamphlet, sondern ein wunderbarer literarischer Eintopf mit vielen delikaten Aromen.
„Ich wollte keinen folgsamen, zivilisierten Roman schreiben, so wie sich die Leute einen Roman vorstellen, sondern wollte die Erwartungen brechen, denn die Dinge sind brüchig hier, bei uns, in dieser Welt. Ich erzähle eine zertrümmerte Geschichte.“

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65 Bibliotheken, 2 Leser, 3 Gruppen, 49 Rezensionen

münchen, krimi, trauer, ex-kommissar, jakob franck

Ermordung des Glücks

Friedrich Ani
Fester Einband: 317 Seiten
Erschienen bei Suhrkamp, 11.09.2017
ISBN 9783518427552
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Einen gewöhnlichen Spannungsroman oder Krimi darf man von Friedrich Ani nicht erwarten. Genauso wenig wie einen der üblichen Ermittler.
Es sind eigenwillige Figuren, die in Anis Romanen nach so etwas wie Wahrheit suchen. Nach dem, was wirklich passiert ist, als das, was wir Verbrechen nennen, geschah. Unvergessen ist der "Vermissten-Finder" Tabor Süden, oder auch der Ex-Mönch Polonius Fischer oder der blinde Jonas Vogel.
Seit 2015 „ermittelt“ der pensionierte Kriminalbeamte Jakob Franck, einst spezialisiert darauf, Todesnachrichten zu überbringen und nun, nach seiner Pensionierung, immer noch dabei, diese ungeliebte, schwierige Aufgabe zu übernehmen. Im aktiven Dienst befinden sich sein Freund und ehemaliger Kollege André Block und die Kommissarin Elena Holland. Sie alle sind nachdenklich, introvertiert, zurückgezogen, mit mehr oder weniger gescheitertem Privatleben und unkonventionell in ihren Ermittlungsmethoden.

Und genauso ungewöhnlich sind die Fälle, die den Romanen Friedrich Anis zugrunde liegen. Keine bestialischen Ritualmorde, keine Gewalt im Bandenmilieu, keine politischen Intrigen. Es sind die stillen Fälle, die plötzlich Verschwundenen, die leisen Morde aus Verzweiflung, oder wie in Francks erstem Fall, in "Der namenlose Tag", ein 20 Jahre zurückliegender Selbstmord einer 17jährigen, in dem Franck einst ermittelte.

Diesmal ist es das Verschwinden des elfjährigen Lennard Grabbe und das Auffinden seiner Leiche 34 Tage später, um das sich das Geschehen dreht. Der Junge kam an einem kalten, stürmischen Wintertag vom Fußball, das Fahrrad war fort, gestohlen und das Handy lag zuhause. Doch was führte ihn fort von der Straße, in der Dunkelheit über den einsamen Spielplatz? Niemand hat etwas gesehen, oder doch, aber nichts Gewisses. Es sind mühsame Ermittlungen, die geführt werden, die Telefondaten aller zur Tatzeit am Tatort eingeloggten Handys müssen überprüft, alle Anwohner befragt und Verdächtige aus der Gegend vernommen werden, zum Beispiel der ehemalige Nachbar, der Lennard oft an der Schule abgepasst hatte. Vor allem müssen die Eltern betreut werden. Mit dem Überbringen der Nachricht vom Tod ihres über alles geliebten Kindes geschah die „Ermordung des Glücks“, von dem der Titel spricht. Ani beschreibt die Qual der Mutter, die völlig zerbricht. Ihre Reaktion ist extrem, vielleicht sogar ein wenig zu überspitzt. Aber was ist eine „normale“ Reaktion auf einen solchen Verlust?
„Lügen hätt ich wollen, so viel lügen und was erzählen, nur damit ich nicht kaputtgeh unter der Wahrheit. Hat nicht funktioniert, die Wahrheit war stärker. Schauen Sie mich an, ich bin so was von aus der Welt. Wie soll ich wieder reinkommen, in die Welt?“
Damit reiht sie sich ein in die lange Reihe von aus der Welt und der Zeit gefallenen Personen in den Romanen Friedrich Anis. Und sie ist dem Ermittler Jakob Franck gar nicht so unähnlich. Auch er plagt sich mit Dämonen aus der Vergangenheit, ungelösten Mordfällen, besonders dem an der eigenen Schwester vor vielen Jahren. Er kennt den Schmerz und die Verlassenheit. Vielleicht reden die anderen Untröstlichen, Ratlosen, Verlassenen, Gescheiterten, die das Buch bevölkern so offen mit ihm. Es ist aber auch seine Gabe zum Zuhören, die sie dazu ermuntert. Es ist seine „Gedankenfühligkeit“, auf die er vertraut. Dann steht er auch mal stundenlang mit dem Fußball des Jungen unbeweglich auf der Straße und wartet auf Reaktionen der Umwelt. Seine Tiefenbohrungen in die Welt der Menschen fordern Zeit und Geduld. Auch vom Leser. Sie sind praktisch das Gegenteil von Action, statt laut und spektakulär, leise, melancholisch und nachdenklich, statt schnell und atemberaubend, langsam und düster. Einsamkeit ist ein großes Motiv darin und die Verheerungen, die bei denen entstehen, die zurückbleiben. Ebenso, wie Menschen an der Unfähigkeit miteinander zu reden zerbrechen. Die Ehe der Grabbes ist schon lange gescheitert, nun zerbricht sie vollends.

Das Buch besteht zum großen Teil aus meisterhaften Monologen, dem verzweifelten Versuch, das Geschehen, das Leben, sich selbst zu verstehen. Darauf, auf das Entschleunigte, muss man sich einlassen können. Genauso wie auf die Düsternis, die unendliche Melancholie und Traurigkeit, die in Anis Büchern herrscht. Auf das gar nicht prächtige München der Randbezirke, der Aussichtslosigkeit. Dann erfährt man bei Friedrich Ani viel über die Menschen und ihren Kampf um ein bisschen Glück, und leider auch oft über ihr Scheitern. Und das in hoher sprachlicher und literarischer Qualität.

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5 Bibliotheken, 0 Leser, 1 Gruppe, 2 Rezensionen

Ein Papagei in Brooklyn

David Duchovny , Jan Schönherr
Fester Einband
Erschienen bei Heyne, 25.04.2017
ISBN 9783453201149
Genre: Romane

Rezension:  
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108 Bibliotheken, 2 Leser, 2 Gruppen, 73 Rezensionen

sklaverei, ghana, afrika, usa, amerika

Heimkehren

Yaa Gyasi , Anette Grube
Fester Einband: 400 Seiten
Erschienen bei DuMont Buchverlag , 22.08.2017
ISBN 9783832198381
Genre: Romane

Rezension:

Als 1977 die Serie „Roots“ nach dem gleichnamigen Roman von Alex Haley ausgestrahlt wurde, war ich zwölf Jahre alt. Ich weiß noch, wie tief mich die Geschichte um Kunta Kinta, den im 18. Jahrhundert nach Amerika verschleppten und versklavten Mann aus Gambia, damals erschüttert hat. Das Wissen um das große Leid der Sklaven, die Unfassbarkeit der Sklaverei in Amerika insgesamt und die Nachwirkungen, die sie bis heute hat, die Rassentrennungen, die Emanzipationsbewegungen, der Hass und die fortbestehenden Ungerechtigkeiten, haben mich niemals wieder ganz losgelassen. Immer wieder erschienen dazu auch packende Romane, sei es das Werk der großartigen Toni Morrison, „Die Farbe Lila“ von Alice Walker, „Die bekannte Welt“ von Edward P. Jones.
Vielleicht ist es die unselige Lage in den USA mit ihren aktuellen Entwicklungen, der Polizeigewalt, die immer wieder besonders afroamerikanische Opfer fordert, und ihrem immer offener gezeigten Rassismus in großen Bevölkerungsgruppen, die gerade wieder einige Romane zum Thema Sklaverei hervorbrachte. Besonders prominent ist zum Beispiel von Colson Whitehead „Underground Railroad“, der unlängst auch auf Deutsch erschien und 2016 gleichzeitig den National Book Award und den Pulitzer Prize gewann.
Auch Yaa Gyasis Debütroman „Heimkehren“ war ein großer Erfolg und erhielt einige Preise. Es ein ist für einen Debütroman ehrgeiziges Projekt, denn der Roman umfasst, genau wie einst „Roots“, die Geschichte von sieben Generationen, hier aus Ghana stammender, Menschen und beginnt wie dieser im 18. Jahrhundert, umspannt also einen weiten Bogen. Es ist ein Roman in Geschichten. Jeweils zwei Figuren aus je einer der sieben Generationen stehen dabei im Mittelpunkt. Verbunden sind sie durch die Nachfahren, die diese Figuren zeugen. Das Besondere am Roman ist, dass eben jeweils zwei Vertreter jeder Generation porträtiert werden, da sich die Familie sehr bald in zwei Zweige teilt, die nichts voneinander wissen und sich erst ganz zum Schluss wieder treffen.
Effia und Esi sind quasi die „Urmütter“ der Geschichte, Halbschwestern, die eine von der Haussklavin Maame mit ihrem afrikanischen Herrn gezeugt und von dessen Frau widerwillig großgezogen, die andere nach der Flucht Maames mit einem Stammeshäuptling gezeugt. Es sind die Stämme der Fante und Asante/Ashanti, die sich seit jeher bekriegten und um die Macht an der Goldküste, dem heutigen Ghana kämpften. Und das ist auch das Besondere an Yaa Gyasis Roman, der nämlich die afrikanischen Völker mitverantwortlich macht für den groß aufgezogenen Sklavenhandel mit den Kolonialmächten. Innerhalb der einzelnen Stämme gab es schon lange Sklaven, wurden Menschen bei Raubzügen „erbeutet“, verkauft, getauscht. Mit den Kontakten zu den Briten wurde dieser Handel auf Europa und Amerika ausgeweitet. Asante und Fante wurden zu Menschenräubern und –händlern, die Briten machten mit der Verschiffung der Sklaven den großen Profit. Die Festung Cape Coast an der ghanaischen Küste war ein Zentrum dieses Handels. Ein Besuch Yaa Gyasis in den unterirdischen Verliesen, in denen unzählige Menschen vor ihrer Verschiffung schmachteten, gab ihr die Inspiration zu ihrem Buch. Sie selbst ist als Kind mit den Eltern nach Amerika ausgewandert und in Alabama großgeworden. Alabama, ein Bundesstaat, in dem man den Rassismus noch deutlich spürt. «Wäre ich nicht in Alabama aufgewachsen, hätte ich dieses Buch wohl nie geschrieben. « so die Autorin.
In ihren dichten, intensiven Porträts lässt sie nun die eine Schwester zur „Frau“ eines Briten (der natürlich in der Heimat eine „richtige“ Frau besitzt, hier in Afrika aber den moralischen Schein wahren will, eine anscheinend gängige Praxis) werden, die andere wird als Sklavin in die amerikanischen Südstaaten verschleppt. So gelingt es ihr, die Geschichte sowohl der afrikanischen als auch der amerikanischen Nachfahren zu erzählen. Sie macht das, wie gesagt, in 14 zeitlich chronologischen Abschnitten.
Da ist z.B. Quey, der Sohn von Effia und dem britischen Offizier, der aus der Tradition des Sklavenhandels aussteigt und in den ghanaischen Dschungel flieht; Ness, Esis Tochter, die zusammen mit ihrem Mann und kleinem Sohn von ihrer Plantage, auf der der weiße Herr grausamst wütet, zu fliehen versucht, aber teuer dafür bezahlen muss; ihr entkommener Sohn Kojo wird als Erster ein freier Mann in Birmingham; sein Sohn H wird erfahren, wie brüchig diese Freiheit ist, er wird willkürlich verhaftet und muss jahrelang als Sträfling in den Kohleminen schuften. Das Leiden der Menschen ist auch nach Beendigung der Sklaverei nicht zu Ende. Und Gleichheit gibt es bis heute nicht.
Ein Stammbaum am Ende des Buchs ermöglicht es der Leserin, dem Personenreigen gut zu folgen. Die einzelnen Kapitel sind zudem mit den Namen der einzelnen Protagonisten betitelt. Aus der Figurenfülle ergibt sich allerdings auch ein Problem des Romans. Irgendwann verliert die Reihe ein wenig an Dringlichkeit und der Leser ein wenig das Interesse. Zwar sind die Geschichten intensiv und erschütternd, reihen sich aber ein wenig wie eine Geschichtslektion aneinander. Ereignisse und Themen werden fortgeführt bis in die heutige Zeit, bis zu den Unabhängigkeitsbestrebungen, den Bürgerrechtsbewegungen, Drogen- und Kriminalitätsproblemen in New Yorks Stadtteil Harlem.
„Geschichte ist Geschichtenerzählen“ meint die Autorin und so reicht sie den Erzählstab von Generation zu Generation weiter. Das Ende führt zu einer Begegnung von Marcus und Marjorie in Cape Coast. Es ist fast hoffnungsvoll, beide sind gut ausgebildet, modern, aufgeschlossen und selbstbewusst.
Aber die Vergangenheit ist auch hier nicht vergangen, noch nicht einmal ordentlich aufgearbeitet.
„Warum sollte ein Schwarzer schwimmen wollen? Der Boden des Ozeans sei übersät mit schwarzen Leichen (…) Sein Vater hasste die Weißen abgrundtief. Es war ein Hass wie eine mit Steinen gefüllte Tasche, ein Stein für jedes Jahr, in dem die Ungleichheit weiterhin die Norm in Amerika war. Diese Tasche trug er immer mit sich.“
Damit schlägt die Autorin ihren großen Geschichtsbogen bis in die Gegenwart. Die Wahl Trumps und die Entwicklungen danach waren bei Beendigung des Buches noch nicht abzusehen. Aber umso wichtiger ist diese Beleuchtung der Vergangenheit, dieser Blick tief in die Geschichte der Sklaverei, der Beziehungen zwischen schwarzer und weißer Bevölkerung.
„Das ist das Problem mit Geschichte. Was wir selbst nicht gehört oder erlebt haben, können wir nicht wissen. Wir müssen uns auf die Berichte anderer verlassen.“
„Wir glauben dem, der die Macht hat. Er darf seine Geschichte schreiben. (Ihr müsst) euch deswegen immer fragen: Wessen Geschichte bekomme ich nicht zu hören?“
Diese Geschichten hörbar zu machen ist Anliegen von Yaa Gyasis gelungenem Roman.

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90 Bibliotheken, 1 Leser, 1 Gruppe, 56 Rezensionen

frankreich, mord, schuld, beklemmend, roman

Drei Tage und ein Leben

Pierre Lemaitre , Tobias Scheffel
Fester Einband: 270 Seiten
Erschienen bei Klett-Cotta, 09.09.2017
ISBN 9783608981063
Genre: Romane

Rezension:

»Innerhalb weniger Minuten hat sein Leben die Richtung geändert. Er ist ein Mörder. Doch die beiden Bilder passen nicht zusammen, man kann nicht zwölf Jahre alt und ein Mörder sein.«
Es ist tatsächlich eine unglaubliche Geschichte, die Pierre Lemaitre uns hier erzählt. Er knüpft dabei an seine Kriminalromane und Thriller an, die er vor seinem großen Erfolg mit dem Prix Goncourt gekrönten Roman „Wir sehen uns dort oben“ veröffentlicht hat. (Dieser wird allerdings fortgesetzt; geplant ist eine Trilogie).
Der Mörder steht dabei allerdings von Anfang an fest, auch die Tat wird bereits auf den ersten Seiten geschildert. Sie ist es, die so fassungslos macht. Ein zwölfjähriger, ruhiger, eher in sich gekehrter Junge tötet in einem Moment der rasenden Wut einen kleinen sechsjährigen Nachbarsjungen. Dessen Vater hat seinen von Antoine sehr geliebten Hund, nachdem er von einem Auto angefahren wurde, erschossen. Nicht, um das Tier von seinem Leiden zu erlösen, so schwer verletzt war es wohl gar nicht, sondern schlicht um die Tierarztkosten zu sparen. Die Sitten sind rau in der Provinz, „jener waldreichen Gegend, in der das Leben langsamen Rhythmen folgt“. Für Antoine aber ist der Tod seines vierbeinigen Freundes ein schrecklicher Verlust, gerade weil seine Eltern niemals ein Haustier erlaubt hatten und er auch kaum Freunde hat.
Er wollte den kleinen Rémi nicht töten, nicht einmal wehtun wollte er ihm. Aber da waren dieser Stock und diese unglaubliche Wut auf dessen Vater und dieser furchtbare Schmerz. Von Panik ergriffen versteckt Antoine die Leiche in einer natürlichen Erdhöhle im Wald. Dabei geht er mit einer verblüffenden Entschlossenheit zu Werk. Geschuldet der Angst vor Entdeckung, aber auch vor dem Kummer, den seine Tat und die daraus entstehenden Konsequenzen bei seiner alleinerziehenden Mutter auslösen würden. Zuviel Traurigkeit ist da schon, seitdem der Vater vor sechs Jahren nach Deutschland ging und dort eine neue Familie gründete.
Pierre Lemaitre schafft es, die Gewissenskonflikte und Ängste, die Antoine umtreiben deutlich und psychologisch schlüssig zu schildern. Er nimmt den Jungen nie in Schutz, entschuldigt nicht, macht aber auch seine Verzweiflung, seine Zerrissenheit zwischen verbergen und gestehen wollen deutlich, seine Reue, seine Fassungslosigkeit und seine Ratlosigkeit. Was soll er tun? Schweigen? Fortlaufen? Sich selbst töten? Wie würde seine Mutter reagieren? Wie die Gemeinde?
Beauval ist eine Provinzstadt. Jeder kennt hier jeden. Animositäten gedeihen und der Klatsch. Die Bewohner stehen aber auch füreinander ein, eine groß angelegte Suchaktion wird gestartet. Es ist der Vortag des Heiligen Abend 1999. Trotzdem durchkämmen Hunderte die Wälder und Wiesen. Die Polizei schickt Hunde und Hubschrauber. Antoine fürchtet jeden Moment die Entdeckung.
Da kommt ihm der Jahrhundertsturm „Lothar“ zu Hilfe. Jener Sturm, der Weihnachten 1999 vor allem in Frankreich, der Schweiz, aber auch in Süddeutschland und Österreich enorme Schäden angerichtet hat. Das Waldstück, in dem der kleine Rémi begraben liegt, wird völlig zerstört und unpassierbar.
Der Roman schildert die Hochs und Tiefs in Antoines seelischer Verfassung sehr anschaulich und überzeugend, sein Schwanken zwischen Hoffnung und Verzweiflung. Er ist sehr nah dran an Antoine und die Leserin empfindet tatsächlich Empathie für den Mörder, bangt mit ihm, hofft darauf, dass er nicht entdeckt wird. Auch wenn sie angesichts der Tat und vor allem der Grausamkeit, die in ihrem Verbergen vor allem auch für die verzweifelten Eltern liegt, fassungslos ist. Das ist äußerst spannend und gut gemacht.
Aber der Roman endet hier nicht. Zwölf Jahre nach dem für die Öffentlichkeit spurlosen Verschwinden des kleinen Jungen und den Konsequenzen, die dies nach sich zog, soll auf dem einst brachliegenden Gelände ein Freizeitpark entstehen. Antoine, der den Ort so bald wie möglich verlassen und Medizin studiert hat und seine Mutter nur selten besucht, ist erneut tief erschüttert. Das Buch nimmt hier eine Wendung, die hier nicht näher verraten werden soll und bis ins Jahr 2015 führt. Diese beiden neueren Abschnitte haben mich nicht mehr so überzeugt, vor allem ist jede Empathie für den erwachsenen Antoine verschwunden. Das Ende enttäuscht.
So hinterlässt „Drei Tage und ein Leben“ einen zwiespältigen Eindruck mit einem starken, aufwühlenden Beginn und einem eher schwachen Ende. Es bleibt, sich auf die Trilogie rund um „Wir sehen uns dort oben“ zu freuen. Der zweite Band "Couleur de l'incendie" wird am 3. Januar 2018 in Frankreich erscheinen.


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45 Bibliotheken, 4 Leser, 0 Gruppen, 10 Rezensionen

westberlin, berlin, 80er, wiener strasse, herr lehmann

Wiener Straße

Sven Regener
Fester Einband: 304 Seiten
Erschienen bei Galiani Berlin ein Imprint von Kiepenheuer & Witsch, 07.09.2017
ISBN 9783869711362
Genre: Romane

Rezension:

Hier sind sie endlich alle wieder, die „Pfeifen“: Kneipenbesitzer Erwin Kächele und seine Frau Helga, Schwester Kerstin und deren Tochter Chrissie, die Künstler Karl Schmidt, H.R.Ledigt und natürlich P.Immel von der ArschArt, die „Instandbesetzer“ Kacki, Jürgen1,2,3 und Kollegen und natürlich Frank Lehmann, den es nach seiner Bundeswehrzeit in Neue Vahr Süd nach Berlin verschlagen hat.
Es ist ein Wiedersehen mit lang  vermissten Freunden, die irgendwie auch ziemlich nervig sind, die man aber im Herzen trägt. Schwierig zu sagen, ob dieser Roman auch bei Erstlesern funktioniert. Zeitlich einzuordnen ist er unmittelbar nach „Der kleine Bruder“. Frank Lehmann ist gerade in Berlin angekommen, es ist immer noch 1980. Erwin Kächele hat gerade mit Mühe und Not die bei ihm untergekrochenen „Pfeifen“ Karl Schmidt, H.R.Ledigt, Chrissie und Herr Lehmann in eine seiner Wohnungen umgesiedelt. Bei seiner schwangeren Frau steht die Geburt bald bevor, man will die Fabriketage endlich mal für sich alleine haben. So vergeht ein großer Teil des Romans beim Renovieren der neuen WG-Wohnung, bei der auch Nachbar Marko kräftig mit anpackt. Noch mehr Zeit allerdings verbringt man im „Einfall“, jener legendären Kneipe Erwin Kächeles, die wir bereits aus „Herr Lehmann“ kennen und die das Herzstück des Buches ist. Hier tummeln sich bald Chrissie, Karl und Frank Lehmann hinter der Theke, kämpfen mit der vorsintflutlichen Gastrokaffeemaschine und hier zieht Kerstin erfolgreich ein Tagescafé auf. Eine der schönsten Szenen dieses an schönen Szenen wirklich vollen Romans ist die, in der an sämtlichen Tischen irgendwelche Gestalten sitzen und selbstgebackenen Kuchen futtern. Dritter Schauplatz ist eine Kunstausstellung in der ArschArt-Galerie, bei der Erwin die Gastro macht (mit Original Chateau Strunzinger mit Schraubverschluss) und unsere Künstler ausstellen.
Mehr an Handlung ist nicht. Deshalb wird es der Roman bei Lesern, die die Vorgängerbücher oder zumindest Herrn Lehmann nicht kennen (aber gibt es die überhaupt?) schwer haben. Wie wenn man auf eine fremde Familienfeier gerät oder in eine eingeschworene Freundesclique und die Witze nicht versteht und die Leute alle merkwürdig findet. Denn reichlich merkwürdig sind sie schon, die Typen in der Wiener Straße. Aber gerade darum lieben wir sie ja so.
Die Dialoge, die wie gewohnt reichlich vorkommen, sind ebenso gewohnt skurril, absurd und brillant. Dass sie voller versteckter Lebensweisheiten stecken, weiß jeder Regener Fan. Ihr Sound ist unverkennbar – lässig, schnodderig, direkt, sehr klug und immer auch ein bisschen melancholisch, bei allem Witz. Und dieser Witz ist wirklich erstaunlich. Es gibt kein Buch, bei dem ich auch nur annähernd so viel lachen musste wie bei den Regener Büchern.
Dabei entfaltet die „Wiener Straße“ wieder sehr viel von jenem Berlin-Gefühl, das wir auch bereits aus den Vorgängerbänden kennen. Jenes leicht morbide, dabei aber voll im Aufbruch steckende „Inselgefühl“, das man, hat man es damals nicht erlebt, heute kaum nachvollziehen kann und dem mancher nachtrauert. Besonderes Augenmerk legt Sven Regener dabei neben den Ausflügen in die Hausbesetzerszene und die Kneipenkultur auf die alternative Kunstszene. In einem Interview sagte Sven Regener dazu, dass ihn sehr fasziniert, wie „sich die bildende Kunst durch die Punkszene entakademisiert hat.“ Und so stürzen sich die Künstler der ArschArt voller Tatendrang und Idealismus, mit einem herrlich naiven Optimismus ins Kunstgeschäft. Da wird ein verbrannter Kuchen in der Vitrine schlicht zu Kunst erklärt, verschlossene Kisten, die ein „Kunstwerk“ enthalten, aber halt nicht geöffnet werden dürfen, verkauft und eine umgesägte Straßenlinde unter dem Titel „Mein Freund der Baum“ ausgestellt. Das ist natürlich ein wenig albern, aber Regeners Protagonisten agieren alle mit einer solchen Inbrunst, dass man ihnen bei allem darüber Lachen immer gerne folgt. Allerdings weiß ich, wie gesagt, nicht, ob das Buch auch bei Lesern funktioniert, denen der Lehmann-Kosmos unvertraut ist. Denn weniger als alle anderen Bände der Trilogie (Neue Vahr Süd, Der kleine Bruder, Herr Lehmann), zu denen Wiener Straße streng genommen nicht gehört (sein Fokus liegt weniger auf Frank Lehmann, mehr auf dem gesamten Figuren-Kollektiv), steht das Buch meiner Meinung nach für sich allein. Es ist ein wunderbarer zusätzlicher Einblick, gewohnt witzig, atmosphärisch und hintergründig. Herrlich für die Leserin, ein paar Stunden im „Einfall“ oder mit Frank Lehmann beim Tapezieren der WG-Küche zu verbringen. Wer die „Pfeifen“ noch nicht kennt, sollte besser mit einem der anderen Bücher beginnen. Das wäre zum Beispiel auch mit dem etwas abseits stehenden (da Karl Schmidt als Hauptprotagonisten aufweisenden) „Magical Mystery“ möglich, der gerade verfilmt wurde und seit 31.8. in den deutschen Kinos zu sehen ist. Die Schlussszene der „Wiener Straße“, in der Lehmann und Schmidt nach der geplatzten, da von einer Polizeirazzia gesprengten ArschArt-Ausstellung am Bordstein sitzen, trinken und ein wenig philosophieren, kann ich mir jedenfalls wieder wunderbar auf der Filmleinwand vorstellen. 

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12 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 4 Rezensionen

roman, highlight

Wer dann noch lachen kann

Birgit Vanderbeke
Fester Einband: 160 Seiten
Erschienen bei Piper, 01.08.2017
ISBN 9783492058391
Genre: Romane

Rezension:

„„Du wirst das erzählen“ hat der Mikrochinese gesagt.“ Dabei liegt er auf dem Leuchtglobus, der nicht leuchtet, weil die Glühbirne gleich am Anfang kaputt gegangen und von den Eltern nie ersetzt worden ist. Der steht neben dem Bett der kleinen Ich-Erzählerin. Der Mikrochinese ist ihr imaginierter Vertrauter und Ratgeber, genauso wie ihre „Altstimme“, ihre Stimme, die aus der Zukunft zu ihr spricht, ihr erwachsenes Ich verkörpert und ihr zumindest die Hoffnung gibt, „das hier“ zu überleben, irgendwie zu überstehen. Denn manchmal sieht es so aus, als würde die Grenze überschritten. Die Grenze, von der man weiß, „wenn sie da drüberrutschen, ist es zu Ende.“ „Das war ganz ähnlich wie bei der Kubakrise und dem Dritten Weltkrieg, und jetzt ist es wieder so mit allem, was die Menschen mit der Erde machen.“
Die Grenze, die die namenlose Ich-Erzählerin (ihre Altstimme nennt sie Karline) fürchtet, ist die Grenze der Gewalt, der „väterlichen Hand“. Es ist der Vater, der seine verträumte, unruhige, rastlose Tochter immer wieder mit äußerster Brutalität körperlich züchtigt. Verstörend ist es, zu hören, wie der Vater sie nicht nur aufs übelste beschimpft, sondern sie oft derart verprügelt und misshandelt, dass sie um ihr Leben fürchtet.
„Ich mochte es nicht, wenn das Blut an mir trocknete und klebrig wurde, weil die Haut unter der Blutschicht sich dann nicht mehr anfühlte wie Haut und sich auch nicht mehr normal bewegen ließ. normalerweise merkt man gar nicht, wie die Haut sich bewegt. Das ist genau wie beim Atmen. Man merkt gar nicht, dass man atmet. bis man plötzlich unter Wasser gedrückt wird oder ein Kissen aufs Gesicht kriegt.“
Verstörend vor allem, weil die Schilderungen so lapidar daherkommen. Es ist „nicht der Rede wert“ oder sie hatte „in dieser Sache ein bisschen Pech“. Es ist der naive Blick des Kindes, der in einfachen Sätzen, aber umso eindringlicher seine Lage analysiert, sie oft sogar relativiert, denn
„Meine Eltern sind nicht vor meinen Augen verhungert oder ertrunken, ich war nicht ohne Bett und ohne Dach über dem Kopf (…), es geht uns gut.“ Das eigene Elend zu relativieren, um zu überleben.
Es ist aber eigentlich nicht das Kind, das hier von seinem Elend in der nach außen tadellosen Familie zu Beginn der 60er Jahre mit Eigenheim, Zweitwagen und in der Pharmabranche erfolgreichem Vater erzählt, sondern die erwachsene Frau, die durch ein Schlüsselerlebnis eindringlich an diesen nie verarbeiteten Lebensabschnitt erinnert wird. Nach einem Autounfall leidet sie noch sehr lange an furchtbaren Schmerzen, die nicht therapierbar, ja nicht einmal genau diagnostizierbar sind. Die Ärzte sind ratlos, eine Freundin rät ihr den Besuch bei einem Therapeuten. Ein wenig Handauflegen, ein paar harmlose Fragen und ein Déja-vu: „In meinem Hirn tat es einen elektrischen Schlag.“
„Das ist nicht vergangen“ und
„Wer dann noch lachen kann, der kann lachen.“
Sprach so nicht auch der Mikrochinese, der alte Vertraute aus schlimmen Kindertagen. Monsieur Mounier nun praktiziert Mikrokinesie (!). Er ist der Auslöser dafür, dass sich für die Ich-Erzählerin ein Fenster in ihre verdrängte Vergangenheit öffnet, sie sich an all die Dinge erinnert, den schlagenden Vater; die Mutter, die ihn immer wieder zu den Bestrafungen aufforderte, dabei das Radio in der Küche laut aufdrehte, die ihre Tochter mit Medikamenten ruhigzustellen versuchte; die Nachbarn und Lehrer, die all die Zeichen nicht sehen wollten. Niemand der dem Kind zu Hilfe kam. Aber auch die eigene Ohnmacht.
„In all den Jahren ist mir nichts eingefallen, was ein Kind dagegen machen kann, weil es wahrscheinlich überhaupt nichts gibt, was es dagegen machen könnte.“
Auch ihrem Mann Gianni kann sie sich plötzlich mehr öffnen, zum ersten Mal Dinge ansprechen, die sie noch niemandem erzählt hat, ja, vor sich selbst verschlossen hat. Der Frauenarztbesuch, bei dem die Mutter den Arzt dazu nötigte, ihrer zehnjährigen Tochter die Minipille zu verschreiben. Was das mit dem Vater, der seinem „Augenstern“ das Lied „Reich mir die Hand mein Leben“ pfiff, zu tun hat, wird nur angedeutet. Auch bei Gianni dauert es eine Weile, bis „der Groschen fiel“.
Überhaupt wird Birgit Vanderbeke selten explizit. Sie deutet an, überlässt es dem Leser, Schlüsse daraus zu ziehen. Ihre erwachsene Erzählstimme nähert sich der kindlichen dabei in den erinnerten Szenen fast unwillkürlich an. Sie ist wieder gefangen in der damaligen Hilflosigkeit. Aber sie erkennt, dass man „ohne Erinnern nicht in die Zukunft schauen“ kann. Heilung liegt für sie im Aussprechen. Wie ihr der Mikrochinese gesagt hat, sie wird es erzählen. Im Bewusstwerden, im Erzählen, im Niederschreiben liegt die Hoffnung auf Befreiung von der Last der Kindheit. Wie der Onkel Winkelmann, der Zimmergenosse im Flüchtlingsheim, immer sagte: Man muss wachsam sein und aufpassen und genau hinschauen, auch wenn es einem den Magen umdreht. Und dann soll man das Maul aufmachen. Das ist eine der Erkenntnisse, die im Buch immer wieder wiederholt werden, praktisch wie Lehrsätze immer wieder von der Erzählerin memoriert. Sie beziehen sich dabei explizit nicht nur auf Gewalt in den Familien, sondern auch gegen all die anderen Dinge, die in der Welt der Menschen so falsch laufen: Kriege, Umweltzerstörung, Vertreibung etc.
„Wir haben die Verantwortung für unsere Kinder.
Wir haben die Verantwortung in der Welt.“
Das Bedrohliche ist in Birgit Vanderbekes Geschichte zu Beginn nur undeutlich zu spüren, das ganze Ausmaß der Gewalt wird erst am Schluss richtig deutlich, schraubt sich wie eine Spirale allmählich hoch, wenn sich die Erinnerungsscherben zu einem Mosaik zusammensetzen. Das zieht die Leserin in einen Sog hinein, dem man sich schwer entziehen kann. Oft ertappt sie sich, dass auch sie nicht mehr so genau hinschauen möchte, „obwohl es nicht mehr so weitergehen konnte“. Und tun wir das in unserem Alltag an so vielen Stellen nicht auch tatsächlich viel zu oft? Dass die Erzählerin ihren Peiniger, den Vater trotz allem irgendwie verteidigt (er erkennt das Stoppschild nicht), fühlt sich falsch an. Ist aber wohl nicht ungewöhnlich.
Zurück bleibt eine tief erschütterte, nachdenkliche Leserin. So sollte das bei Literatur sein.

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112 Bibliotheken, 6 Leser, 0 Gruppen, 69 Rezensionen

freundschaft, hautfarbe, rassismus, london, großbritannien

Swing Time

Zadie Smith , Tanja Handels
Fester Einband: 640 Seiten
Erschienen bei Kiepenheuer & Witsch, 17.08.2017
ISBN 9783462049473
Genre: Romane

Rezension:

Es gibt Autorinnen/Autoren die stets das gleiche Buch schreiben, stets zum gleichen Sujet greifen, denselben Ton wahren. Das ist in seltenen Fällen (ich denke da zum Beispiel an Patrick Modiano) spannend und beglückend, viel öfter aber ein Zeichen mangelnder Kreativität oder künstlerischer Fähigkeit. Die britische Autorin Zadie Smith hat auch ein Thema, das sie immer wieder umtreibt und zudem sind ihre Romane meist in dem Teil Londons verortet, aus dem sie selbst stammt, dem Nordwesten. Und doch schafft sie es, jedes Mal ein gänzlich neues Buch zu schaffen.
Schaut man sich die beiden letzten Romane an, das 2012 auf Deutsch erschienene London NW und das unlängst hier veröffentlichte Swing Time, so unterscheiden sich die verhandelten Themen gar nicht so sehr. In beiden geht es um eine Mädchenfreundschaft, in der Kinder aus recht verschiedenen Milieus entstammen, es geht um die Bedeutung von Herkunft, hier auch explizit der der Hautfarbe, die Wirkung der verschiedenen Stellschrauben, die durch Erziehung, Umfeld oder auch einfach durch Glück und Zufall an ein Leben angesetzt werden. Verhandelt wird in beiden auch die Möglichkeit oder auch Unmöglichkeit des Aufstiegs, gerade auch in den unterschiedlichen Ebenen der Mittelschicht, die Veränderungen in Stadt und Gesellschaft, die Auswirkungen der Globalisierung.
Und doch ist Swing Time doch so ein gänzlich anderes Buch als sein Vorgänger. War dieser sehr rasant und experimentell geschrieben, so kommt der neue Roman eher konventionell erzählt daher. Gab es dort eine Polyphonie der Stimmen, einen an James Joyce geschulten Bewusstseinsstrom, so haben wir hier eine Ich-Erzählerin, die aus einer Rahmenhandlung heraus ihre Geschichte rückblickend erzählt. Das ist nicht weniger kunstvoll und souverän gemacht, Zadie Smith versteht ihr Autorenhandwerk perfekt, verflicht unterschiedliche Zeitebenen gekonnt und abwechslungsreich, aber es ist deutlich „braver“ und zugänglicher. Das soll ausdrücklich kein negatives Urteil sein, siehe oben, ich bewundere solch Vielseitigkeit. „Wechselt die Musik, ändert sich der Tanz“. Dieses Sprichwort der Haussa ist das Motto des Buches. Um Tanz dreht es sich unter anderem. Es scheint mir aber auch perfekt zu seiner „Andersartigkeit“ zu passen.
Schon der Prolog zeigt, dass die Geschichte der bis zuletzt namenlosen Ich-Erzählerin und ihrer Freundin Tracey aber nicht einfach chronologisch heruntererzählt wird. Die junge Frau, sie muss altersmäßig so in den 30ern sein, ist nach ihrer „Schmach“, der fristlosen Entlassung aus den Diensten eines weltweit erfolgreichen Pop-Superstars, aus New York in ihre Heimatstadt London zurückgekehrt. Belagert von Journalisten schleicht sie sich aus ihrer „Übergangswohnung“ und streift ziellos durch die Straßen. Zufällig kommt sie an der Royal Festival Hall vorbei und geht spontan zu einer Veranstaltung. Drinnen läuft ein Filmausschnitt, der sie abrupt in ihre Kindheit versetzt. Fred Astaire tanzt in „Swing Time“ mit drei Schatten um die Wette. Es war einer der Filme, die sie sich als Kind zusammen mit ihrer Freundin Tracey wieder und wieder angeschaut hat, von einer Karriere als Tänzerin träumend, die Schranken durchbrechend, die ihnen als farbige Mädchen der unteren Mittelschicht immer wieder gesetzt wurden. Ginger Rogers und Fred Astaire ihre großen Idole. Aber auch Michael Jackson mit seinen neuesten Videoclips. Doch die Erzählerin kommt nicht nur ins Erinnern.
„Mir wurde eine Wahrheit offenbar: dass ich immer versucht hatte, mich an das Licht anderer anzuschließen, dass ich selbst nie ein Licht in mir gehabt hatte. Ich erlebte mich als eine Art Schatten.“
Eine bittere Erkenntnis. Aber eine weitere ereilt sie, als sie abends die Filmszene erneut in Internet anschaut, etwas, dass sie weder in der Vorstellung registrierte, noch aus den Kindheitserinnerungen memorierte: Fred Astaire tanzte mit „geschwärztem“ Gesicht eine Art Minstrel Show oder auch Blackface, in der Weiße schwarze Stereotypen darstellten. Was wie eine kleine Eingangsepisode erscheint, ist doch auch Bild für eines der großen Themen des Buchs, das der Hautfarbe und der damit zusammenhängenden Zugehörigkeit, die sich für die Mädchen besonders kompliziert darstellt, hat doch das eine (die Erzählerin) eine dunkelhäutige, aus Jamaika stammende Mutter und einen weißen Vater, die andere einen schwarzen Vater und eine weiße Mutter. Eine Tatsache, die sie zusammenschweißt. Aber ihre Freundschaft ist alles andere als unbelastet. Beide spiegeln sich immerfort ineinander, was die Autorin dadurch plastisch macht, dass sie einander genau gegenüber wohnen. Beide fühlen sie die Abgrenzung, die sie von den überwiegend weißen Mädchen in ihrer Schule trennt. Beide unterscheiden sich aber nicht nur in ihrem Talent für ihre große Liebe Tanz – Tracey hochbegabt und ehrgeizig, die Erzählerin voller Enthusiasmus, aber mit „Plattfüßen“ -, sondern auch durch ihr Elternhaus. Entstammen sie zwar in etwa der gleichen sozialen Schicht, ist doch die Mutter der Erzählerin sehr um Bildung und Erziehung bemüht, wird allmählich zur erfolgreichen Politikerin aufsteigen, der Vater ist Postbote und kümmert sich rührend um sein Tochter. Traceys Mutter ist zwar sehr fürsorglich, tendiert in ihrer Passivität und Vulgarität aber eindeutig zur Unterschicht, der Vater ist Kleinkrimineller, der die Familie verlassen hat und immer wieder im Gefängnis landet. Die beiden Mädchen sind als zwei sich gegenüberstehende Pole geschaffen. Das hat natürlich etwas Konstruiertes. Zadie Smith ist eine sehr engagierte, gesellschaftspolitisch sehr rührige Autorin. Auch hier geht es ihr um eine Aussage, benutzt sie die Handlung des Buches dazu, gesellschaftliche Verhältnisse darzustellen und sich dazu kluge Gedanken zu machen. Sie ist in all ihren Büchern eher eine Autorin der Vernunft als des Gefühls. Trotzdem lesen sich ihre Romane immer auch unterhaltsam und vor allem auch witzig. Es ist ein untergründiger, oft auch leicht bitterer Humor. Das ist bei Swing Time nicht anders.
Während Tracey trotz ihres Talents nur mittelmäßige Engagements ergattern kann, erhält die Erzählerin mit einer guten Portion Glück die Stellung einer Assistentin des Popstars Aimee, lernt die Welt der Superreichen kennen und jettet um die Welt. Dieser Handlungsstrang ist meiner Meinung nach der deutlich schwächste des Buches. Die Schilderungen sind zwar sicher gut recherchiert, aber oft zu plakativ. Madonna fungiert dabei zu deutlich als Vorbild, auch wenn Aimee aus Australien stammt. Eindringlicher wird es wieder, wenn die Erzählerin im Auftrag ihrer Chefin in Westafrika die Stiftung einer Mädchenschule überwachen soll. Den Zwiespalt den sie dort als „Weiße“ erfährt, lassen sie erneut über Zugehörigkeit nachdenken. Zudem bietet sich die Gelegenheit, die Probleme dieser Weltregion, besonders das der Abwanderung vornehmlich der jungen Männer, die nur noch Ausweglosigkeit in ihrer Heimat sehen, die Gefahr der Islamisierung und die allgegenwärtige Korruption anzusprechen – vielleicht versucht Zadie Smith ein wenig zu viele Themen anzusprechen. Meiner Meinung nach gelingt ihr das aber sehr gut und berührend, indem sie von dieser fernen afrikanischen Region ein genauso stimmiges Bild entwirft wie wir das von den Londoner Stadtteilen Kilburn und Willesden von der Autorin kennen. Diesmal spielt ein Teil der Handlung auch in Zadie Smith derzeitigem Wohnort New York.
Dass sich die Erzählerin in ihrem Gefühl „dazuzugehören“, Teil der Welt von Aimee, vielleicht sogar ihre Freundin zu sein, bitter getäuscht hat, eigene Familienpläne nie gemacht, das Verhältnis zu ihren Eltern vernachlässigt hat, merkt sie erst sehr spät, als sie nicht mehr in Aimees Konzept passt, ihren Unmut auf sich zieht, gnadenlos geschasst wird.
Swing Time ist vielleicht nicht Zadie Smiths bestes Buch, hin und wieder schleicht sich besonders im Mittelteil die eine oder andere Länge ein. Bei seiner Themenfülle, seinem klugen Aufbau, seinen wichtigen Gedanken und dem souveränen Schreibstil der Autorin ist das aber Kritik auf allerhöchstem Niveau. 

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31 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 8 Rezensionen

terrorismus, flughafen, london, geschichte, terroranschlag

Hier sind Drachen

Husch Josten
Fester Einband: 160 Seiten
Erschienen bei Berlin Verlag, 01.03.2017
ISBN 9783827013484
Genre: Romane

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45 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 11 Rezensionen

liebe, bojangles, glück, debüt, selbstmord

Warten auf Bojangles

Olivier Bourdeaut , Norma Cassau
Fester Einband: 160 Seiten
Erschienen bei Piper, 01.03.2017
ISBN 9783492057820
Genre: Romane

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london, hausboot

Ein Hausboot auf der Themse

Penelope Fitzgerald , Christa Krüger , Alan Hollinghurst
Flexibler Einband: 190 Seiten
Erschienen bei Insel Verlag, 11.07.2016
ISBN 9783458361572
Genre: Romane

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5 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

erzählungen, frauen, liebe, usa

So träumen die Frauen

Kathrine Kressmann Taylor , Marion Hertle
Fester Einband: 112 Seiten
Erschienen bei Hoffmann und Campe, 14.05.2016
ISBN 9783455405743
Genre: Romane

Rezension:

Katherine Kressmann Taylor, geboren 1903, veröffentlichte ihren Briefroman „Adressat unbekannt“ erstmals 1938 in einer US-amerikanischen Zeitschrift. Die Geschichte zweier deutsch-amerikanischer Freunde, die durch die Übersiedelung des einen 1932 nach Deutschland und seine zunehmende Sympathie für den Nationalsozialismus zerbrach (der Zurückbleibende war jüdischer Abstammung) weckte bei Erscheinen einiges an Aufmerksamkeit und entfachte in den USA eine lebhafte Diskussion. Zum großen, weltweiten Erfolg, der das kleine Buch zu einem modernen Klassiker machte, gelangte es aber erst Jahrzehnte später.
Katherine Kressmann Taylor, der geraten wurde angesichts des brisanten politischen Themas, lieber den geschlechtsneutralen Autorennamen Kressmann Taylor zu wählen (1938!), schrieb davor und danach einige Kurzgeschichten, von den fünf nun in einem sehr schön ausgestatteten kleinen Leinenbändchen erschienen sind. Sie sind zwischen 1935 und 1958 entstanden.
Allen gemeinsam sind die Frauengestalten, die in ihrem Mittelpunkt stehen. Auch wenn nur eine davon in „Todesglocken“ wahrhaftig träumt – einen verstörenden, bedrohlichen Traum übrigens -, wirken sie doch alle ein wenig wie Träumerinnen. Sie sind voller Überschwang, angefüllt mit Gefühlen, Plänen, im Kopf entweder in einer ersehnten Zukunft oder einer schmerzlich vermissten Vergangenheit – je nach Alter, denn das variiert von sehr jung bis sehr alt. Gemeinsam ist ihnen auch ihr – wohl zeittypisches - Verhalten Männern gegenüber. Diese gelten für sie als Ankerpunkt, als Bewunderungs- und Liebesobjekt, ein wenig wie die Ritter in der strahlenden Rüstung. Zumindest ordnen sie alle mehr oder weniger ihnen ihr Leben und ihre eigenen Träume unter. Und auch Kressmann Taylor, wie wir im Nachwort ihres Sohnes erfahren, reihte sich im echten Leben dieser Frauenschar ein. Während ihr Mann ungestört seiner Karriere als Herausgeber eines Magazins nachgehen konnte, kümmerte sie sich um Haus, Farm und Kinder, unter teilweise ärmlichen Verhältnissen und musste sich diesem Alltag mühsam ihre Schreibstunden abtrotzen. Dennoch war es wohl sie, die mit dem Erfolg von „Adressat unbekannt“ einen Großteil des Familienvermögens erwirtschaftete. Nicht zufällig entstanden die meisten hier versammelten Erzählungen nach 1953, dem Todesjahr ihres ersten Mannes. Eine zweite Heirat im Jahr 1967 bedeutete eine erneute Schreibpause bis zum Tod auch dieses Partners 1974 (!). Von den später entstandenen Werken ist bisher noch keines auf Deutsch veröffentlicht. Lediglich der 1942 erschienen Roman „Day of no return“, der erneut Nazideutschland zum Thema hatte, erschien 2002, ist mittlerweile aber auch nur noch antiquarisch zu haben (vielleicht komplettiert der Hoffmann & Campe Verlag ja die schöne Reihe noch mit diesem Werk?!).
Auch wenn in keiner der Geschichten deutlich angesprochen, ist die Klage über diese selbstgewählte Abhängigkeit der Frauen, das Bedauern über die aufgegebenen Pläne und Chancen und die Gefahren die darin liegen, doch klar, wenn auch subtil zu spüren.
Da ist die junge Frau, die ein eigenes Leben und eine Karriere in der Stadt sausen lässt, als sie ihre alte Liebe, einen kernigen Landmann, widertrifft. Da ist das junge Mädchen, dass den sie anbetenden Freund verschmäht, nur um einem arroganten Schnösel hinterherzulaufen, der sie absichtlich schlecht behandelt. Da ist eine Witwe, die ihren verstorbenen Mann betrauert, aber auch in dieser Situation nicht der sozialen Kontrolle entfliehen kann.
„Doch dann fiel ihr Blick auf all die vertrauten, nassen Dächer der kleinen Stadt und die Fenster, hinter denen aufmerksame Augen wachten. Und sie wusste, dass sie es nicht tun würde.“
Sie ist eng, die Welt, in der die Frauen leben (und gegebenenfalls träumen). Noch beklemmender wird dies deutlich in den beiden Erzählungen, in denen alte Frauen eine Rolle spielen.
Es sind Frauen, die einst durchaus erfolgreich und ambitioniert, voller Talente und Träume, irgendwann auf der Strecke geblieben sind und verarmten. Soziale Absicherung, Vermögenssicherung, das war für Frauen in der Nachkriegszeit ohne Männer wohl immer noch schwierig. Manche opfern eine durchaus aussichtsreiche Karriere allerdings auch für diese auf. So in der für mich besten, auch der längsten der Geschichten, „Die sterbende Rose“. Wie hier der Niedergang eines Ehepaars an den verfehlten Ambitionen, dem falschen Stolz und der unbedingten Ergebenheit der Frau geschildert wird, ist aufwühlend und literarisch sehr beeindruckend. Schon lange hat mich keine Kurzgeschichte mehr derart berührt, wie gerade diese.
Ich muss zugeben, dass mir Katherine Kressmann Taylor bislang nicht bekannt war. Die Lektüre ihres Romans „Adressat unbekannt“ ist nun für mich Pflicht. 

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abenteuer, peru, inka, sabrina janesch, historischer roman

Die goldene Stadt

Sabrina Janesch
Fester Einband: 528 Seiten
Erschienen bei Rowohlt Berlin, 18.08.2017
ISBN 9783871348389
Genre: Romane

Rezension:

Es ist relativ wenig bekannt über Augusto Rudolpho Berns, den sich Sabrina Janesch in ihrem neuen historischen Abenteuerroman zum Helden genommen hat. Tatsächlich ist er erst durch die hartnäckigen Nachforschungen eines amerikanischen Historikers im Jahr 2008 in die Wahrnehmung einer breiteren Öffentlichkeit und damit auch in die der Autorin gelangt. Vorherige Reisen nach Südamerika und eine Liebe zu willensstarken, abenteuerlichen und kreativen Menschen weckten Janeschs Interesse an diesem Charakter. Intensive Recherchen, Kontakte zu den Forschern in Amerika und eigene Reisen ließen das Bild entstehen, das sie ihren Lesern nun in diesem klassischen Roman darbietet.
Geboren wurde Rudolph August Berns in Preußen, als Sohn eines recht vermögenden Weinhändlers. Nachdem der Vater früh durch einen tragischen Unfall ums Leben kam, verarmte die Familie. Rudolph August emigrierte ganz jung nach Peru und fand zunächst Anstellung beim Militär, erlebte dort den spanisch-südamerikanischen Krieg und die blutige Schlacht um Callao. Später arbeitete der gelernte Schmied bei der peruanischen Eisenbahn und baute an der höchstgelegenen Bahnstrecke der Welt, der Oroya-Bahn, als Ingenieur mit. Durch Protektion aus politischen Kreisen – er war gut bekannt mit dem späteren Staatpräsidenten – konnte er bald ein Stück Land am Urubamba-Fluss erwerben, um dort ein Sägewerk zu errichten. Das Holzgeschäft scheiterte, Berns entdeckte aber (vermutlich) die nahegelegene Ruine Machu Pichu. Als deren Entdecker (und Plünderer) gilt eigentlich der Amerikaner Hiram Bingham, der sie im Jahr 1911 im Urwald fand.
Nun sind durch die Nachforschungen Paolo Greers Karten aufgetaucht, verfertigt von eben Augusto Berns, die die annehmen lassen, dass dieser die sagenumwobene Inkastadt in 2430m Höhe tatsächlich schon um das Jahr 1876 entdeckt haben dürfte.
Finanzielle Schwierigkeiten zwangen ihn allerdings, sich zunächst in New York, später beim Bau des Panamakanals zu verdingen. Schließlich nach Peru zurückgekehrt, gründete er, wieder mit staatlicher Protektion, die Aktiengesellschaft „Huacas del Inca“, deren Aktien er mit großen Erfolg, mit der Aussicht auf die Erschließung unermesslicher Goldschätze im sagenumwobenen Machu Pichu, verkaufte. Kurze Zeit später verschwand Augusto Berns mit dem Geld, ein skandalöser Betrugsfall.
Sabrina Janesch lässt die genaueren Beweggründe Berns angenehm im Unklaren. War es Liebe zum Land Peru, Faszination für die uralte Inkakultur oder aber schnöde Geldgier und kriminelle Energie? Ebenso bleibt das Vorgehen des Deutschen in den Folgejahren unausgesprochen. Die Wissenschaftler Greer und Carlos Carcelén werfen ihm gnadenlose Ausplünderung der Inkastadt vor. In diese Richtung weisen Ausfuhrgenehmigungen für Gold, die auf Augusto Berns ausgestellt sind. Andererseits weisen Beobachtungen darauf hin, dass die Stadt keineswegs übereilt verlassen worden war, wie etwa Pompeji, wo man deswegen Unmengen an Artefakten zurückgelassen hatte. Auch war die alte Stadt den in der Umgebung wohnenden Bauern durchaus bekannt. Einer davon führte schließlich auch Hiram Bingham auf den Berg hinauf. Sabrina Janesch lässt Bingham und Berns gegen Ende kurz aufeinander treffen, überlässt aber dem Leser, Schlüsse daraus zu ziehen. Das finde ich sehr angenehm. Zumal sie nicht ganz vor der Tendenz eines typischen Historien- und Abenteuerromans gefeit ist, ihren „Helden“ tatsächlich zu einem solchen zu machen.
Sie bleibt über die gesamten 540 Seiten ganz nah an Berns dran, wahrt aber andererseits immer eine gewisse Distanz. Doch ach wenn stellenweise dessen Gier (nach Geld, Anerkennung, Gold, Bedeutung) durchschimmert, werden seine Schattenseiten ein wenig vernachlässigt. Selbst sein Betrug am Ende erscheint eher wie ein gelungenes Schelmenstück. Das ist, wie gesagt, eine Gefahr für jeden Romans dieses Genres, den nur ganz wenige Autoren (teilweise) umschiffen können. Hilary Mantel gelingt es beispielsweise recht gut in ihrer Cromwell-Saga.
Hier ist mir der Protagonist Augusto Berns ein wenig zu positiv und heldenhaft angelegt. Andererseits vermeidet Sabrina Janesch viele Dinge, die gemeinhin Romane dieses Genres für mich unlesbar machen. Obwohl sehr atmosphärisch und anschaulich geschrieben, versinkt sie niemals in reine Dekoration, Kitsch wird völlig vermieden, selbst in der angenehm kurzen Romanze blitzt er nur ganz kurz auf. Recherchearbeit hat die Autorin ausgiebig geleistet und es gelingt ihr vortrefflich, ihre Ergebnisse in eine spannende, mitreißende Geschichte zu verpacken. Sprachlich ist der Roman durchgehend grundsolide, formal absolut konventionell und chronologisch erzählt. Das ist aber, gerade für einen Abenteuer- und Historienroman, durchaus kein Manko. Niemals die Intelligenz ihrer Leser unterfordernd, erlaubt ihnen das doch, in das Geschehen einzutauchen und sich in eine ferne Welt entführen zu lassen. Ein schöner, gelungener Abenteuerroman!

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94 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 16 Rezensionen

kindheit, 70er jahre, bonn, freiheit, bundeskanzler;

Raumpatrouille

Matthias Brandt
Fester Einband: 176 Seiten
Erschienen bei Kiepenheuer & Witsch, 08.09.2016
ISBN 9783462045673
Genre: Romane

Rezension:

Eine Kindheit in der alten Bonner Republik. Einige Autoren haben sich schon daran begeben, über eine solche zu schreiben, und besonders diejenigen LeserInnen, die selbst in den Sechziger und Siebziger Jahren großgeworden sind, werden dabei immer wieder auf eine leicht verklärte Zeitreise geschickt. Teewurst und Fürst-Pückler Eis, Kassettenrekorder und Telefone in Brokathülle, James Last und Ricky Shane, Wim Thoelke und Günter Netzer – wen überfällt da nicht dieses besondere Gefühl, das eine Mischung aus träg, langweilig, aber auch irgendwie schön wohlig war. Und das wohl weniger ein Zeitgefühl, denn es blendet überwiegend die negativen Vorkommnisse aus, als ein Gefühl der Kindheit war. Das Gefühl einer noch weitgehend unverplanten, nicht so eng vertakteten Kindheit.
Und so fährt auch der Protagonist in „Raumpatrouille“ mit seinem Bonanzarad durch die Seiten und lässt die Zeit auf wundersame Weise wiederauferstehen.
Es ist unzweifelhaft ein autobiografischer Blick, der hier von Matthias Brandt geworfen wird. Auch wenn „Raumpatrouille“ alles andere geworden ist, als ein Buch, das Einblick in das Leben der Kanzlerfamilie Brandt gewähren will oder gar in irgendeiner Form mit der Familie, speziell dem berühmten Vater abrechnen möchte.
„Der Mann im Fernsehen war für mich eine Fiktion.“
Zwar ist Willy Brandt quasi als Hintergrundmusik im ganzen Buch präsent, aber eben eher als eine große Abwesenheit. Als Abwesenheit, die jedoch weniger schmerzt, als als gegeben hingenommen wird. Hier schaut jemand ohne Bitterkeit, ein wenig versonnen, geradezu staunend manchmal und leicht spöttisch auf seine Kindheit zurück, die so gar nicht „normal“ war, obwohl das Kind sich gerade das oft gewünscht hätte.
So wächst er auf in der großen Villa mit Park am Venusberg, umgeben von Wachleuten, mit denen er ein überwiegend freundschaftlich-familiäres Verhältnis pflegt, viel allein oder mit Erwachsenen, zum Beispiel dem ziemlich vertrottelten alten Nachbarn, mit dem sich wunderbar Kakao trinken lässt und der der alte Bundespräsident Heinrich Lübke ist, von seiner Frau liebevoll „Heini“ gerufen. Oder er fährt mit seinem Vater und dessen Kollegen Herbert Wehner im Park Fahrrad, ein Treffen, das als Versöhnung zwischen den beiden Kontrahenten gedacht, mangels der fahrpraktischen Kenntnisse Brandts aber als Desaster endete – Willy „kenterte“ im Karottenbeet.
„Raumpatrouille“ enthält auch solche Anekdoten, die durch ihre berühmten Protagonisten natürlich eine besondere Note bekommen, sie sind aber niemals voyeuristisch oder gar wichtigtuerisch und außerdem eher eine Randerscheinung, und ganz sicher nichts für ein Geschichtsbuch. Denn:
„Alles, was ich erzähle, ist erfunden. Einiges davon habe ich erlebt. Manches von dem, was ich erlebt habe, hat stattgefunden.“
hat Matthias Brandt dem Erzählten vorangestellt.
Viel wichtiger als Biografisches auszubreiten, ist ihm, ein Gefühl für Kindheit im Allgemeinen und eine Kindheit in dieser speziellen Zeit zu vermitteln. Einer Zeit, die Kindern vielleicht einfach mehr Raum und vor allem Zeit ließ als die heutige. Und so verbrachte der kleine Protagonist eben viele Stunden in seinen Fantasien, seinen Gedanken und Träumen, schuf sich in seinem familiären Schutzraum, der ohne Zweifel da war, besonders die Mutter Rut taucht immer wieder als liebender, verlässlicher Ruhepunkt auf, kleine Fluchten, erkennt aber auch eigene und äußere Grenzen, zum Beispiel als ihn einmal, die Waffe eines Wachmanns war ihm zufällig in die Hand gekommen, eine unbändige Wut packt. Das Erschrecken über sich selbst hat Matthias Brandt in die erste seiner insgesamt 14 Geschichten gepackt, die zusammen dieses Buch bilden. Impressionen einer Kindheit. In einer anderen Geschichte entgeht die Villa nur knapp einem Brand, als der Protagonist eine Zaubernummer übt. Sicher hat die Mondlandung von 1969, die jeden, der sie bewusst erleben konnte, nachhaltig geprägt hat, einen Einfluss auf den Titel genommen, sicher auch die gleichnamige Fernsehserie, er ist aber auch ein schönes Bild für die Art, wie Matthias Brandt an seine Kindheitserinnerungen herangeht. Wie in eine ferne Galaxie, wie auf Streifzug bewegt er sich durch seine frühen Jahre.
Matthias Brandt bleibt immer im Horizont seines kindlichen Ichs, das so um die 8-10, selten auch etwas älter ist. Eine genaue Datierung fehlt. Er ist aber nicht gefangen in diesem Kind, sondern schaut, wenn auch ohne besserwisserische Kommentare oder Psychologisierungen, auf diese zurück. Er tut das tastend, manchmal fast ein wenig zweifelnd, zurückgenommen, fast fragil, ausgesprochen achtsam und neugierig. Auch Selbstironie blitzt immer wieder durch. Sprachlich ist das Buch klar und stilistisch elegant.
Stellt man das berühmte Personal einmal beiseite, mögen die einzelnen Geschichten in ihrer Lakonie vielleicht etwas fast Belangloses haben. Stellt man sie aber in einen atmosphärischen Zusammenhang, liest sie vielleicht noch zusammen mit ihrem „Soundtrack“ – der befreundete Musiker Jens Thomas, mit dem Matthias Brandt auch auf Lesereise ging, veröffentlichte in enger Zusammenarbeit die CD „Memory Boy“, die praktisch die zweite Hälfte eines Projekts bildet – dann ergeben sie bei aller Lakonie ein zauberhaftes Porträt einer besonderen Kindheit, die doch in Vielem eben auch eine ganz normale, typische Kindheit war.
Aber ganz beiseitelassen kann man die berühmten Familienmitglieder ja doch nicht. Und so wird das letzte Kapitel, das eine große, wenn auch sehr leise Liebeserklärung an den Vater ist, besonders eindrücklich.
„Ich schaute auf das zu große, weiße Haus, in dem wir uns immer so leicht verpassten. Hier wollte ich sein. Bei ihnen. Für mich. Nirgendwo sonst."

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