Buecherschmaus

Buecherschmauss Bibliothek

597 Bücher, 255 Rezensionen

Zu Buecherschmauss Profil
Filtern nach
597 Ergebnisse
Wähle einen Buchstaben, um nur die Titel anzuzeigen, die mit diesem beginnen.



LOVELYBOOKS-Statistik

(5)

7 Bibliotheken, 0 Leser, 1 Gruppe, 3 Rezensionen

Leaving Berlin

Joseph Kanon ,
Fester Einband: 448 Seiten
Erschienen bei C. Bertelsmann, 12.10.2015
ISBN 9783570101797
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:


Ein interessanter und spannender Ansatz für einen packenden Thriller. Im kriegsversehrten Berlin des Jahres 1949 beginnt der Kalte Krieg, der Westteil der Stadt kann nur noch durch eine Luftbrücke versorgt werden, der Schwarzmarkt blüht, das Volk leidet. In diesem Umfeld spielt Joseph Kanons Spionagethriller.


Der exilierte deutsche Schriftsteller Alex Meier wird wegen seiner politischen Einstellungen aus den USA ausgewiesen und geht nach Ostberlin. Dort wird ihm von der CIA angeboten, Rückkehrmöglichkeit gegen Spionagetätigkeit. Alex stimmt zu, kommt aber in große Gewissenskonflikte, denn die, die er da ausspionieren soll, ist keine Unbekannte...
Joseph Kanon erzählt sehr atmosphärisch, was zum Teil auch daraus resultiert, dass immer wieder historische Personen wie Bertold Brecht oder Walter Janka in die Geschichte einbaut. Diese ist sehr gut recherchiert, spannend aufgebaut und spart nicht mit interessanten Details aus der damaligen Zeit. 


Entstanden ist daraus ein nicht unbedingt origineller, aber sehr spannender und lesenswerter Spionagethriller aus der Zeit des Kalten Krieges, wie es sie nach John le Carré nicht mehr allzu oft gibt.

  (25)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(2)

46 Bibliotheken, 10 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

2017, paul auster

4 3 2 1

Paul Auster , Thomas Gunkel , Werner Schmitz , Karsten Singelmann
Fester Einband: 1.264 Seiten
Erschienen bei Rowohlt , 31.01.2017
ISBN 9783498000974
Genre: Romane

Rezension:  
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(44)

96 Bibliotheken, 7 Leser, 2 Gruppen, 40 Rezensionen

kamerun, usa, familie, finanzkrise, amerika

Das geträumte Land

Imbolo Mbue , Maria Hummitzsch
Fester Einband: 432 Seiten
Erschienen bei Kiepenheuer & Witsch, 16.02.2017
ISBN 9783462047967
Genre: Romane

Rezension:

„The one book Donald Trump should read right now!“


Abgesehen davon, dass wir mittlerweile wissen, dass Donald Trump anders als sein Vorgänger im Amt des amerikanischen Präsidenten nicht liest, ja sogar den Geruch von Büchern nicht ausstehen kann, bestenfalls seinen Schreibtisch damit zupflastert, mutet die Empfehlung, die die Washington Post im August letzten Jahres, also lange bevor Trump gewählt wurde, lange bevor irgendjemand auch nur ernsthaft befürchtet hätte, er könnte tatsächlich gewählt werden, mutet diese Leseempfehlung für Imbolo Mbues „Behold the dreamers“ ihrerseits wie ein Traum an.
Einige Wochen nach Amtsantritt glaubt wohl kaum jemand, Trump würde sich durch ein literarisches Werk in irgendeiner Form in seinem Weltbild beeinflussen lassen. Und sei es auch noch so klug und differenziert, gleichzeitig so leicht und unterhaltsam, würde den berühmten Nerv der Zeit so genau treffen, wie der Roman der seit zehn Jahren in den USA lebenden, aus Kamerun stammenden Imbolo Mbue.
Einiges an eigener Erfahrung ist sicher eingeflossen in die Geschichte der Einwandererfamilie Jonga. Nicht nur deren Heimatort Limbe ist derselbe wie der der Autorin, auch die Zeit der Übersiedlung stimmt überein.
2004 reist Jende Jonga mit einem vom schon länger in Amerika lebenden und als Anwalt recht erfolgreichen Cousin Winston finanzierten Visum in die USA ein. Zunächst läuft auch alles sehr positiv. Nach zwei Jahren kann seine Frau Neni mit einem Studentenvisum und dem kleinen Sohn Liomi folgen. Die Zeiten sind schwer, aber mit Jendes Job als Taxifahrer und Nenis Zuverdienst als private Pflegerin kommt die kleine Familie einigermaßen über die Runden, unterstützt von Winston und aufgehoben in der afrikanischen Gemeinde New Yorks.
2007 scheint es endgültig aufwärts zu gehen, als Jende eine gut bezahlte Anstellung als Chauffeur eines Managers der Lehmann Brothers Bank erhält. Der Leser ahnt natürlich, was bald folgen wird, wir befinden uns am Vorabend der Lehmann Pleite, dem Beginn der gigantischen Wirtschaftskrise, die 2008 die ganze Welt erschüttern wird.
Aber noch scheint alles wie das große Glück, wie der Traum, den die Jongas wie wohl alle Immigranten zu allen Zeiten vom Leben in den USA geträumt haben.


„Ich glaube, wenn einer Amerikaner ist, ist alles möglich. Daran glaube ich fest.“


sagt Jende voller Dankbarkeit zu seinem neuen Chef Clark Edwards, als er diesen durch die Straßen New Yorks fährt.
Ein wenig erinnern diese meist im Auto stattfindenden Szenen zwischen Jende und Clark an Werke wie „Miss Daisy und ihr Chauffeur“, wie sich Menschen mit völlig unterschiedlicher Herkunft und Sozialisation auf engem Raum näher kommen. Aber natürlich ist man im 21. Jahrhundert viel aufgeschlossener, liberaler, spielen diese alten Hierarchien eine viel geringere Rolle. Tatsächlich?
Zwar verhalten sich die Edwards, neben Clark beanspruchen auch dessen Ehefrau Cindy und die beiden Söhne Vince und Mighty die Dienste Jendes und gelegentlich auch Nenis, tatsächlich äußerst freundlich zu ihren Angestellten. Man unterstützt sie mit abgelegter Designerkleidung und dem ein oder anderen Extrascheck, die Kinder schließen sogar Freundschaft mit den freundlichen Afrikanern.
Aber der erfahrenere Winston hat längst alle Illusionen über die Gleichstellung von Schwarz und Weiß längst begraben.


„Die Polizei ist zum Schutz der Weißen da, Brother. Manchmal vielleicht auch für schwarze Frauen und Kinder, aber nicht für schwarze Männer. Nie für schwarze Männer.“


Und tatsächlich wird die ganze Situation auf eine Belastungsprobe gestellt, als der Zusammenbruch des Bankhauses immer näher rückt.
Die schon vorher kriselnde Ehe der Edwards ist dem Stress nicht gewachsen, Cindy spricht immer mehr Alkohol und Tabletten zu, Clark sucht Entspannung bei bezahlten Liebesdiensten. Wie sehr soziale Verantwortung, Liberalität und Empathie nur Fassade waren, wird recht bald deutlich. Jende wird da bald zum Bauernopfer.


„Aber es ist beängstigend, wie schlimm das Ganze noch werden kann (…) wenn die Leute schon anfangen, darüber zu reden, dass sie Economy fliegen und ihre Sommerhäuser verkaufen müssen…“


Dabei kommen die „großen Fische“ natürlich vergleichsweise ungeschoren davon, wird Clark doch sofort von Barclays übernommen. Scheitern wird die Familie schließlich an ihren eigenen Problemen, ihren falschen Fassaden und Werten.
Jende hingegen droht nicht nur das finanzielle Aus, sondern auch das Scheitern seines Asylantrags und die Abschiebung.
Das ganze mag nun etwas klischeehaft klingen – böse, skrupellose Weiße hier, arme, redliche, aber chancenlose Schwarze dort -, ein großer Vorzug an Mbues Roman ist aber gerade die Ambivalenz, mit der alle Personen und Gegebenheiten geschildert werden. Die Edwards sind eigentlich nette Menschen, die aber gefangen sind in ihren eigenen Tragödien und Zwängen.
Nur ganz selten wird die Autorin deutlicher, wenn sie die Plage der Bankenkrise mit den Plagen Ägyptens vergleicht und süffisant bemerkt:


„Der einzige Unterschied zwischen den Ägyptern damals und den Amerikanern heute bestand darin, dachte Jende, dass die Ägypter für ihre eigene Sündhaftigkeit bestraft worden waren. Sie hatten Unheil über ihr Land gebracht, weil sie Götzen verehrt und Menschen versklavt hatten, nur damit sie in Prunk und Glanz hatten leben können. Sie hatten Reichtum über Rechtschaffenheit gestellt und Habgier über Gerechtigkeit. Die Amerikaner hatten nichts dergleichen getan.“


Solche Passagen sind wie gesagt selten. Und die Seite der Immigranten wird auch alles andere als eindimensional gestaltet. Auch ihre Charaktere verändern sich unter dem Druck der äußeren Gegebenheiten.
Jende, der zu Beginn äußerst liebe- und hingebungsvoll seiner Frau und seinem Sohn gegenüber war, sich nicht davor gescheut hat, Neni die Hausarbeit abzunehmen, sie bei ihren Bemühungen, einen Studienplatz für Pharmazie zu erhalten ermutigt und in allem unterstützt hatte, entwickelt sich immer mehr zum machohaften Tyrannen, der seiner Frau verbietet nach der Geburt des zweiten Kindes weiter zu arbeiten und schließlich ausdrücklich gegen Nenis Wunsch, völlig eigenmächtig beschließt, nach Kamerun zurückzukehren.
Und auch Neni, ehrgeizig, zielstrebig, intelligent und selbstbewusst, fällt nichts anderes ein, als sich dieser Entcheidung zu beugen, sich sogar körperlich misshandeln zu lassen.


„Glaubst du, ich bin eine amerikanische Frau? Ich kann meinem Mann nicht einfach sagen, wie ich es haben will. (…) Du weißt nicht, was Jende für ein Mann ist. Er ist ein guter Mann, aber trotzdem ein Mann.“


Was für den westlichen Leser vielleicht unbegreiflich ist, ist für die in Kamerun erzogene Frau aber selbstverständlich. So hat der Roman auch die Unterschiede der Kulturen, das Unverständnis, mit dem sie oft aufeinander stoßen zum Thema. Es gibt auch einen wunderbaren kleinen Einblick in die Kultur Kameruns.


„Das geträumte Land“ ist ein Buch der Desillusionierung. Es zeigt die Verzweiflung der Einwanderer, die ohne Papiere unter materiellen Nöten und von ständiger Angst vor Abschiebung geplagt, sich und ihre Familien über die Runden bringen müssen. Es zeigt die Brüchigkeit des amerikanischen Traums und den unter einer dünnen Fassade von Liberalität versteckten Alltagsrassismus. Es ist die Erkenntnis nicht nur Jendes, sondern auch Clarks, dass das Amerika, an das sie geglaubt haben, das Land der unbegrenzten Möglichkeiten, nur ein geträumtes Land war. Eine Erkenntnis, die gerade in den heutigen Zeiten sehr viele trifft. Aber kann man ganz ohne diesen Traum leben?
Die Autorin schließt sehr geschickt, mit der Landung der Familie auf dem Flughafen von Douala und ihrer Fahrt nach Limbe. Auch Kamerun ist nun für Jende ein solches geträumtes Land geworden. Man kann hoffen, dass seine Träume hier in Erfüllung gehen. Wahrscheinlich wird er aber die Erfahrung vieler Emigranten machen, nicht mehr ganz dazu zu gehören, weder auf der einen, noch auf der anderen Seite.
Imbolo Mbue hat ein wunderbares Buch geschrieben, voller Empathie und Wärme, Präzision und Ambivalenz in der Beschreibung, dabei leicht und unterhaltsam. Es ist tatsächlich ein Buch zur Stunde. Und es ist ein Buch, das, wenn schon nicht Donald Trump, wir alle lesen sollten, gerade jetzt.

  (46)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(1)

10 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

Fast eine Familie

Bill Clegg , Adelheid Zöfel
Fester Einband: 320 Seiten
Erschienen bei S. FISCHER, 23.02.2017
ISBN 9783100023995
Genre: Romane

Rezension:

„Und kein Mensch wird sich an uns erinnern – wer wir waren und was hier geschehen ist. Sand wird über die Pacific Avenue und gegen die Fenster des Moonstone wehen, und neue Menschen werden kommen und den Strand hinunter zum großen Ozean gehen. Sie werden verliebt sein oder verloren, und sie werden keine Worte haben. Und das Rauschen der Wellen wird für sie klingen wie für uns, als wir es das erste Mal gehört haben.“
So endet Bill Cleggs Roman „Fast eine Familie“ (Original: „Did you ever have a family?“)
Es ist der erste Roman nach der Veröffentlichung zweier Memoirs, die er über seine Drogensucht, den Entzug und seine Rehabilitierung geschrieben hat. Mittlerweile arbeitet Clegg wieder als äußerst erfolgreicher Literaturagent.
In den Schlussworten des Romans klingt dessen Stimmung sehr schön an: Er ist zart und lyrisch, ruhig und gemessen. Ein wenig korrespondiert der Ton mit den leicht betäubten, trauernden Menschen von denen er erzählt.
Denn das Buch ist eines über eine unendliche Traurigkeit und eines über eine zerbrochene Familie. Der Grund für diese tiefe Trauer steht als Tragödie, als großer Knall am Beginn der Geschichte: Bei einem Hausbrand am Vorabend der Hochzeit ihrer Tochter verliert June ihre gesamte Familie. Braut und Bräutigam, Lebenspartner und Ex-Mann – alle tot. June, die sich in der Nacht kurz im Garten aufgehalten hatte, ist die einzige Überlebende.
Wie kann man eine solche Katastrophe überstehen, wie weitermachen? June packt nach den Beerdigungen ihre Sachen, steigt ins Auto und fährt gen Westen, von dem kleinen beschaulichen Ort Wells in Maine quer durch nach Moclips an der rauen Küste Washingtons. Von dort stammte der Bräutigam Will, dort hatte Junes Tochter Lolly mit ihm glückliche Wochen im kleinen Motel Moonstone verlebt.
Das Verhältnis zwischen June und Lolly war seit der Scheidung von Adam ein schwieriges. Dass dieser sie betrogen und belogen hatte, hatte sie ihrer Tochter nie erzählt. Wie in vielen Familien und Beziehungen herrschte auch hier ein unglückseliges Schweigen. Aber durch die Beziehung zu Will schien eine Wiederannäherung zwischen Mutter und Tochter plötzlich möglich.
Und auch eine neue Liebe fand June in dem zwanzig Jahre jüngeren afroamerikanischen Luke. Eine Liebe, die von der kleinstädtischen Bevölkerung außerordentlich misstrauisch beäugt wurde. Zwar war der junge Mann, der in Wells eine Landschaftsgärtnerei betrieb, sehr beliebt. Aber ein junger Schwarzer mit einer so viel älteren, wohlhabenden, weißen New Yorkerin? Überhaupt diese New Yorker, die Sommer für Sommer an der idyllischen Küste Maines einfallen und sich von der Bevölkerung bedienen lassen, die Preise hochtreiben und im Herbst alles verwaist zurücklassen. Klatsch und Tratsch kocht hoch. Noch dazu, weil Lukes Mutter Lydia, die Dorfschönheit, äußerst aufmerksam beobachtet wird, seitdem sie ihrem Mann einst ein farbiges Kind „unterjubeln“ wollte. „Schlampe“ ist noch eine der nettesten Bezeichnungen der Einheimischen für sie.
Lydia ist nun neben June die zweite Hauptfigur des Romans. Ihnen gehört der größte Anteil am Chor der Stimmen, dem wir, manchmal in der dritten Person, bei anderen wieder in der ersten, lauschen. Während June ihre Reise tut, versucht Lydia ihrer Trauer und Isolation Herr zu werden, denkt voller Bedauern an die Entfremdung, die auch zwischen ihr und Luke bestand, an ihre schwierige Vergangenheit. Andere Stimmen gehören einer Floristin und ihrem Sohn, der den örtlichen Catering-Betrieb führt, und die zur Stimme der Bevölkerung von Wells werden. Zu Wort kommen der Vater Wills, die Betreiberinnen des Moonstone, der Vater Lukes, der von seiner Vaterschaft nie etwas ahnte, ein junger Drogensüchtiger der sich für den Brand mitverantwortlich fühlt.
Diese Polyphonie von Stimmen, von Menschen, die mal mehr mal weniger von dem Unglück betroffen sind, entwickelt ein interessantes Bild ihrer Gemeinschaft, sei es in der Familie, sei es im Dorf. Auch wenn sie sich stilistisch wenig unterscheiden, gewinnt der Roman durch diese unterschiedlichen Perspektiven.
Welche Entscheidungen führten zu dieser Tragödie, wie sind die Figuren mit ihr verbunden, welche Konsequenzen müssen sie tragen? Ganz langsam ergibt sich ein umfassendes Bild.
Die Brandkatastrophe konfrontiert auch den Leser mit seinen tiefsten Ängsten – Verlust der Liebsten – und führt in absolute Dunkelheit. Aber diese Meditation über Trauer und Weiterleben, Fehlentscheidungen und Vergebung bietet auch viele Trostmomente, Wärme und Empathie. Denn in der Akzeptanz und Geborgenheit in einer Gemeinschaft, in Freundlichkeit und Zuwendung liegen viel Hoffnung. Der Roman von Bill Clegg scheut sich nicht vor diesen Emotionen, aber er wird dabei nie rührselig. Er lässt den Leser auf das eigene Leben blicken, die vielen kleinen Dinge, die man immer als selbstverständlich ansieht, die das Glück ausmachen und die doch so zerbrechlich und flüchtig sind.
Bill Cleggs Roman stand 2015 auf der Longlist des National Book Awards. Völlig zu Recht.

  (27)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(6)

20 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 4 Rezensionen

glück, mord, scham, krieg, vergewaltigung

Ich schreibe Ihnen im Dunkeln

Jean-Luc Seigle , Andrea Spingler
Fester Einband: 208 Seiten
Erschienen bei Beck, C H, 27.01.2017
ISBN 9783406697180
Genre: Romane

Rezension:

„Auch wenn es um die grässlichsten Verbrechen geht, hat man das Bedürfnis, etwas zu verstehen, sich irgendwie ein wenig zum Verteidiger zu machen, hier und da ein bisschen Mitleid aufzubringen. Mit Pauline, diesem harten Biest, funktioniert das nicht. Sosehr ich es befrage, mein Herz bleibt kalt.“

Wer ist diese Pauline Dubuisson, die der französische Journalist und Autor einer Serie über berühmte Kriminalfälle Frankreichs in „Paris Match“, Jean Cau, fast vierzig Jahre nach ihrer Tat, im Jahr 1991, noch so harsch verdammt? Vielleicht trägt zu Caus rigorosen Urteil die Tatsache bei, dass Cau einst Mitglied der Résistance war.

Denn eines der großen Verbrechen dieser Pauline Dubuisson, 1927 nahe Dunkerque geboren, war, auch wenn das bei ihrem spektakulären Prozess 1953 allenfalls als Vorgeschichte taugte, die Tatsache, dass sie gegen Ende des Zweiten Weltkriegs, als gerade mal Sechzehnjährige ein Jahr lang ein Verhältnis mit einem deutschen Militärarzt und damit Besatzer hatte. Nach der Befreiung, die für sie keine war, entging sie nur knapp dem Lynchmord durch Mitglieder der Résistance, wurde, wie damals üblich, als Kollaborateurin kahl geschoren, verfemt und gequält. Wie nah Gut und Böse liegen, wie schnell die heroischen Résistancekämpfer sich ihrerseits in rachedurstige, unmenschliche Bestien verwandeln konnten, erschüttert zutiefst.Weiterlesen ...

Auch eine Rolle bei ihrem Prozess spielte Dubuissons schlechter Leumund. Bereits als knapp Vierzehnjährige unterhielt sie angeblich schon diverse sexuelle Beziehungen. Das war für die damalige Sexualmoral schwer erträglich.

Die eigentliche Anklage beruhte aber auf einem Tötungsdelikt. 1951 erschoss Pauline ihren Ex-Verlobten im Affekt, wie sie zunächst aussagte, mit kaltem Vorsatz, wie die Anklage behauptete. Ihr drohte die Todesstrafe.

Jean-Luc Seigle nimmt sich diesen historischen Fall nun vor und schlüpft in die Haut Paulines. Im selben Jahr der Erstveröffentlichung von „Je vous écris dans le noir“, 2015, erschien ebenfalls in Frankreich ein biografischer Roman von Philippe Jaenada: La Petite Femelle, der ebenfalls den Fall Dubuisson zum Thema hat.

Was fasziniert diese Autoren so an dieser jungen Frau und ihrem Verbrechen, dass sie dies sechzig Jahre danach erneut thematisieren? Bereits 1960 inspirierte der Fall bereits Henri-Georges Clouzot zu seinem Film „Die Wahrheit“, mit Brigitte Bardot in der Hauptrolle. Auch dieser war ein Versuch, etwas wie späte Gerechtigkeit zu schaffen. Auch wenn diejenige, der da Gerechtigkeit verschafft werden sollte, unter der Verfilmung und der dadurch hochkochenden Aufmerksamkeit erneut zu leiden hatte.

Sicher ist es die Chancenlosigkeit Paulines im Gerichtssaal. Eine von Männern dominierte Gerichtsbarkeit und Öffentlichkeit, die den Lebenswandel der jungen Frau, besonders auch ihre Affäre mit dem deutschen Arzt hart und unerbittlich verdammte und Misogynität aus allen Poren ausschwitzte, verurteilte sie schon weit vor Prozessende. Sie wurde zur „Messalina der Krankenhäuser“, zu der „Berüchtigten“, der „blutrünstigen Arroganten“. Zermürbt gestand die Angeklagte schließlich, vorsätzlich gehandelt zu haben. Dass das Todesurteil trotzdem in lebenslange Haft umgewandelt wurde, hatte Pauline wohl der einzigen weiblichen Geschworenen zu verdanken. Nach ihrer Begnadigung beendete Pauline Dubuisson ihr Medizinstudium und wurde Ärztin.

Bei Jean-Luc Seigle begegnen wir der ihr in Essaouira. Sie ist, erneut erschüttert durch die Veröffentlichung der „Wahrheit“, des Films, der zwar den Umständen des Verbrechens näher kam als die Verhandlung, die Täterin aber auch als narzisstisches, triebhaftes Geschöpf darstellte, nach Marokko geflohen. Dort kam sie langsam zur Ruhe und fand eine neue Liebe. Diesem Mann, der ihr die Ehe antrug, fühlt sie sich zur Wahrheit verpflichtet. Sie schreibt ihm auf, was geschehen ist, hofft auf sein Verständnis.

Diese Aufzeichnungen bekommen wir als Leser nun zu Gesicht. Pauline erzählt darin von ihrer Kindheit, der hingebungsvollen Liebe zu ihrem Vater, dem Unglück, das über die Familie hereinbricht, als zwei ihrer Brüder im Weltkrieg sterben, schildert die Verzweiflung ihrer Mutter, ihre Suche nach Liebe und Anerkennung und nach Erlösung von ihrem Schmerz, den sie in frühen sexuellen Abenteuern suchte, erwähnt den mehr als sanften Druck des Vaters, den „Kontakt“ zu den Deutschen zu pflegen, um eigene Vorteile für seine Geschäfte zu erlangen, berichtet über ihre Begeisterung für die Medizin.

Der Einstieg ins Buch hat mich noch nicht vollends überzeugen können. Seigle gelingt es bei aller stillen Einfühlung in seine Protagonistin nicht wirklich, ihre Beweggründe deutlich zu machen. Besonders warum eine knapp Vierzehnjährige wahllose anonyme Sexabenteuer suchen sollte, hat sich mir nicht ganz erschlossen. Hingegen konnte ich ihre Neigung zu dem viel älteren deutschen Arzt, der ihr Interesse und Unterstützung bei ihren medizinischen Studien entgegenbringt, gut nachvollziehen.

Besonders eindringlich wird Seigle aber in den Schilderungen von Paulines Martyrium nach der Befreiung, ihre tiefe Demütigung und langsame Gesundung, ihre Erschütterung, als ihre große Liebe sie, nachdem sie ihm davon erzählt, verurteilt und verlässt.

Jean-Luc Seigle erzählt davon leise und eindringlich, durch die gewählte Ich-Perspektive ganz nahe an Pauline dran. Die weibliche Sicht gelingt ihm dabei überwiegend hervorragend.

„Die Vergangenheit ist nicht tot, sie ist nicht einmal vergangen“, dieser berühmte Satz William Faulkners trifft auch für Pauline zu. Das muss sie bitter erfahren. Am 22.September 1963 nimmt sie sich in Essaouira das Leben.

„Leider haben die Biografen Paulines Lebensgeschichte ganz auf diese Zeitspanne (Anmerkung: des Prozesses) ausgerichtet; sie beschränken sich auf die Fakten, sie belasten Pauline ihrerseits. Ich glaube, das ist ein Verbrechen der Literatur, es sei denn, man nimmt es als Paradox hin, dass eine Biografie im Unterschied zum Roman am Leben vorbei schreibt. Paulines Geschichte darf, wie alle Geschichten, nicht nur an den Fakten entlang erzählt werden, sie muss das Verborgene ihres Lebens ergründen, nicht nur ihre Kindheit und ihre Träume, sondern das Verborgene der Kindheit und das Verborgene ihrer Träume.“

Diesem „Verbrechen der Literatur“ versucht Jean-Luc Seigle entgegenzutreten. Es gelingt ihm beeindruckend und bewegend.

  (30)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(33)

56 Bibliotheken, 2 Leser, 0 Gruppen, 19 Rezensionen

holocaust, vermissen, überleben, rückblic, biographie

Und du bist nicht zurückgekommen

Marceline Loridan-Ivens , Judith Perrignon ,
Fester Einband: 111 Seiten
Erschienen bei Insel Verlag, 06.09.2015
ISBN 9783458176602
Genre: Biografien

Rezension:


"Ich bin ein fröhlicher Mensch gewesen, weißt du, trotz allem, was uns widerfahren ist. Fröhlich auf unsere Art, aus Rache dafür, dass wir traurig waren und dennoch lachten. Die Leute mochten das an mir. Aber ich verändere mich. Es ist keine Bitterkeit, ich bin nicht bitter. Es ist, als wäre ich schon nicht mehr da. Ich höre Radio, die Nachrichten, ich weiß, was geschieht, und es macht mir oft Angst. Ich habe hier keinen Platz mehr."


Das Gefühl, keinen Platz mehr zu haben, kennt Marceline Loridan-Ivens aus ihrer Jugend.
1943, mit 15 Jahren, wurde sie zusammen mit ihrem Vater aus Frankreich deportiert. Sie nach Birkenau, er nach Auschwitz. Zwei Lager, die nur drei Kilometer trennten und zwischen denen doch ein unüberwindbarer Abgrund klaffte.

"Du wirst vielleicht zurückkommen, weil du jung bist, aber ich werde nicht zurückkommen."

Die Prophezeiung des Vaters wurde zur traurigen Wirklichkeit. 
Eine Wirklichkeit, die Marceline ihr Leben lang nicht verdrängen konnte.

"Noch heute zucke ich zusammen, wenn ich Papa sagen höre., fünfundsiebzig Jahre danach, sogar, wenn es jemand ausspricht, den ich nicht kenne."
"Ich habe so wenig Zeit gehabt, mir einen Vorrat von die anzulegen."

Der nie verwundene Verlust des geliebten Vaters ist das Zentrum, um das das Buch kreist.
Zwar werden auch der Lageralltag und seine Grausamkeiten in schonungsloser Deutlichkeit geschildert, aber

"Es war notwendig, dass das Gedächtnis zerbrach, sonst hätte ich nicht leben können."

So gehen auch die Worte, die der Vater in einer kleinen eingeschmuggelten Nachricht an sie richtet, verloren. Ihr Leben lang versucht sie, sie wiederzuholen.

Besonders eindringlich schildert die Autorin, wie sie auch nach der Befreiung und der Rückkehr nach Hause - Mutter, Bruder und Schwester haben ebenfalsl überlebt, der Empfang durch die Mutter fiel aber erschreckend herzlos aus - ihren Platz im Leben nur sehr zögerlich findet. 
So kann sie, wie viele ihrer Leidensgenossen zunächst nicht in weichen Betten schlafen, zittert auch Jahre danach noch in jeder Bahnhofshalle, meidet Duschen.

"Man spürt sein Leben lang, dass man zurückgekommen ist." und
"Ich widerstand ihren Aufforderungen zu Leben."

Hin und wieder hätte ich gerne mehr Informationen gehabt, z.B. wie Mutter und Bruder überlebt haben. Dafür ist in dem schmalen Buch kein Platz. Wir erfahren nur, dass die Familie zerbricht, dass sich sowohl der manisch-depressive Bruder als auch die Schwester mehr als dreißig Jahre danach das Leben nehmen.

"Nach dir war unsere Familie zu einem Ort geworden, wo man um Hilfe rief, aber niemand es je hörte."

Das Buch ist ein erschütternder Bericht aus einer dunklen Zeit. Aber auch ein Blick voller Angst in eine Zukunft und Gegenwart, in der sich, gerade in Frankreich wieder antisemitische Strömungen kundtun. 
Vor allem aber ist es ein ungemein zärtliches Gedenken an den verlorenen Vater.

"Ich habe gelebt, da du wolltest, dass ich lebe. Aber gelebt, wie ich es dort gelebt habe, indem ich die Tage nehme, wie sie kommen, einen nach dem anderen. Trotz allem gab es schöne Tage. Dir zu schreibenhat mir gutgetan. Wenn ich mit dir spreche, tröste ich mich nicht. Ich mildere nur, was mich beklemmt. Gern würde ich vor der Geschichte der Welt fliehen und zu meiner Geschichte zurückkehren, zu der von Schloime und seinem lieben kleinen Mädchen."

Ein großes Werk nachgetragener Liebe und ein Zeugnis, das um so wertvoller ist, als es in Zukunft immer weniger davon noch geben wird.

  (56)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(22)

35 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 22 Rezensionen

nigeria, musik, diktatur, afrika, liebe

Tadunos Lied

Odafe Atogun , Miriam Mandelkow
Fester Einband: 256 Seiten
Erschienen bei Arche, 10.02.2017
ISBN 9783716027554
Genre: Romane

Rezension:

Taduno – kein Nachname, keine Adresse, nur Taduno, so ist der braune Umschlag adressiert, der den Protagonisten von Odafe Atoguns Debütroman eines Tages in seinem Exil erreicht. Dorthin ist der einst sehr berühmte und erfolgreiche Sänger vor der Verfolgung durch die Regierung seines Heimatlandes Nigeria geflohen, nachdem er diese wiederholt scharf kritisiert hatte.
Bereits hier zu Beginn wird der trotz aller aktueller Bezüge und formulierter Kritik herrschende leicht märchenhafte Ton des Textes angeschlagen.
Durch die wunderschönen, verlassenen Straßen der nicht näher bezeichneten Exilstadt streifend, wählt sich Taduno eines der offen und leer stehenden herrschaftlichen Häuser als Zufluchtsort aus.
Dort erreicht ihn der Brief seiner großen zurückgelassenen Liebe Lela. Wie ihn der Brief erreichen konnte wird, wie so vieles, nicht entschlüsselt. Wir befinden uns in einer Art Fabel, das wird recht schnell deutlich, auch die sehr einfache, überdeutliche Sprache weist in diese Richtung. Zugleich kommt etwas Kafkaeskes in den Text. Denn hier ist ein Mensch, der gegen eine übermächtige, irrationale Macht, die Regierung seines Heimatlandes, kämpft.
Zunächst handelt aber Taduno selbst irrational. Obwohl Lela ihn im Brief ausdrücklich vor einer Rückkehr warnt –
„Seit du fortgegangen bist, geschieht Seltsames in Nigeria, und vor allem Lagos hat sich auf eine Weise verändert, die sich kaum in Worte fassen lässt. Ehrlich gesagt, weiß ich gar nicht recht, was hier vorgeht – keiner weiß es; ich kann nur sagen, dass sich ein dramatischer Wandel vollzieht und dass Lagos kaum wiederzuerkennen ist.“
macht Taduno genau das – er kehrt zurück.
Doch sein Erstaunen ist groß, als ihn niemand, auch seine nächsten Nachbarn nicht, erkennt. Dunkel erinnern sich die Menschen nur an jenen Sänger, der durch seine Kritik der Regierung gefährlich wurde, der mit seiner Stimme alle betörte.
Doch diese Stimme ist durch das Exil verloren gegangen. Das ist umso tragischer, weil seine politischen Gegner Lela entführt haben und mit ihrer Ermordung drohen, sollte Taduno nicht ein Lied des Lobpreises für die Regierung veröffentlichen.
Der Leser begleitet nun Taduno auf seiner Suche nach Lela und bei seinen Bemühungen, von den Menschen wiedererkannt und bei seinen Bemühungen zur Rettung seiner Liebe unterstützt zu werden.
Auch wenn die Fakten des Erzählten, z.B. die Wahlen 1993, die Repressionen der Militärdiktatur, stimmen, ist der Text in einem schwebenden, märchenhaften und dabei leicht surrealen Ton geschrieben.
Das ist zunächst interessant, fügt sich für mich aber leider nicht zu einer runden Geschichte.
Zu wenig nah an seinen Figuren, um wirkliche Empathie auszulösen; zu flach und banal, um Erschütterung angesichts der geschilderten Verhältnisse auszulösen; sprachlich zu schlicht, um dadurch zu punkten. Ein bisschen Fabel, ein wenig Kafka, eine Spur Kritik machen leider noch keinen gelungenen Roman aus. Eine interessante afrikanische Stimme ist Odafe Atogun, der in Nigeria geboren wurde, in Lagos studierte und heute in Abuja lebt, sicher. Unterscheidet ihn doch von den populären „nigerianischen“ Autoren wie Teju Cole oder Chimamanda Ngozi Adichie die Verwurzelung in seiner nigerianischen Heimat. Vielleicht lässt sich als Vergleich eher Chinua Achebe heranziehen.
Man liest, dass Atogun den nigerianischen Sänger Fela Kuti als Vorbild für Taduno herangezogen hat. Auch dieser war regierungskritisch und wurde staatlich verfolgt. Er war Anhänger eines sozialistischen Panafrikanismus und erbitterter Antikolonialist. Mit dem von ihm ins Leben gerufenen Afrobeat begeisterte er die Massen nicht nur in seinem Heimatland. Als er 1997 an AIDS (einer Krankheit, die er als „Erfindung des weißen Mannes“ abgetan hatte) starb, erwiesen ihm in Lagos über eine Million Menschen. Angesichts der doch recht fragwürdigen Aussagen Kutis nicht nur zur Krankheit AIDS(„Frauen sind Matratzen“, Kondome seiner Meinung nach Mittel einer weißen Verschwörung, deren Ziel die Reduzierung der schwarzen Geburtenrate sei, moderne Medikamente dagegen „Gift“ und Homosexualität eine göttliche Strafe), hinterlässt dieses Vorbild des durch und durch integer dargestellten Taduno einen mehr als unangenehmen Beigeschmack.
Eine originelle Stimme, ein dringlicher Appell gegen Verfolgung, Unterdrückung, Diktatur, eine Feier von Kunst und Musik als Formen des Widerstandes, aber leider kein ganz gelungener Roman.


.


  (43)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(19)

125 Bibliotheken, 13 Leser, 1 Gruppe, 10 Rezensionen

freundschaft, ein wenig leben, hanya yanagihara, düsternis, missbrauch

Ein wenig Leben

Hanya Yanagihara , Stephan Kleiner
Fester Einband: 958 Seiten
Erschienen bei Hanser Berlin, 30.01.2017
ISBN 9783446254718
Genre: Romane

Rezension:

Es ist schwer, über ein Buch zu schreiben, das im Moment in aller Munde ist. Einige Leser diskutieren die Optionen Weiterlesen oder Abbrechen. Das war für mich nie die Frage, obwohl der Text dem Leser so einiges zumutet.

Da ist natürlich zunächst der schiere Umfang des Textes, 958 Seiten, die müssen erst einmal gelesen werden.

Aber viel schwerer zu bewältigen ist das, worüber Hanya Yanagihara in „Ein wenig Leben“ schreibt. Das Buch ist mit so viel Leid, Trauer, Grausamkeit, Ungerechtigkeit und Verzweiflung angefüllt, dass es das Lesen wirklich zu einer Herausforderung macht, an den Nerven zehrt und die Leserin tatsächlich so manches Mal an ihre Grenzen führt.

Andererseits sind aber auch so viel Liebe, Wärme, Freundschaft und Solidarität enthalten, dass es stellenweise ganz hell erstrahlt. Helles Licht und absolute Düsternis – an den Graustufen dazwischen lässt uns die Autorin weniger teilhaben.

Worum geht es? Zu Beginn wird eine Freundschaftsgeschichte erzählt. Vier junge Männer lernen sich auf dem College kennen, teilen sich ein Zimmer, viel Zeit und unzählige gemeinsame Erlebnisse. Es soll, mit einigem Auf und Ab, eine Freundschaft fürs Leben werden. Zunächst lernen wir die Vier auch gleichberechtigt kennen, den aus reichem Haus stammenden zuverlässigen, bodenständigen Malcolm, den etwas leichtfertigen, lebensfrohen Jean-Baptiste, JB genannt, dessen alleinerziehende Mutter sich mit viel Einsatz nach oben gearbeitet hat, den aus einer provinziellen, verarmten Farmerfamilie ausgebrochenen Willem und den rätselhaften, zurückgezogenen Jude.

Sehr bald fokussiert sich die Geschichte aber auf das besondere Verhältnis zwischen Willem und Jude und wird letzterer und seine tragische Geschichte immer mehr Mittelpunkt des Romans.

Jude wurde als Neugeborenes im wahrsten Sinne des Wortes weggeworfen, wuchs nacheinander in einem Kloster und einem Heim auf. Unsagbares geschieht ihm sowohl in dem einen wie in dem anderen. Doch die Flucht aus beiden Einrichtungen zieht Jude jeweils in noch größeres Leid. Gewalt, Erniedrigung, Missbrauch und ein traumatisches Erlebnis, das zu lebenslanger Behinderung und regelmäßig auftretende Schmerzen führt, bestimmen sein Leben bis zu seinem 15. Geburtstag. Unsagbares, denn Jude wird über das ihm zugefügte Leid niemals wirklich sprechen können. Er ist hoch traumatisiert, verweigert sich aber einer möglicherweise hilfreichen Therapie. Aber wäre sie hilfreich? Wieweit kann hier überhaupt noch medizinisch geholfen werden? Jude jedenfalls verschließt sich, verdrängt, versucht zu vergessen und wird doch allein schon wegen seiner körperlichen Einschränkungen immer wieder an seine Vergangenheit erinnert. Einzig dem befreundeten Arzt Andy öffnet er sich ein wenig.

Durch seine ungewöhnliche Intelligenz und eine gehörigen Portion Glück schafft Jude eine atemberaubende Karriere als Anwalt, findet nicht nur in den anderen drei Jungen großartige, stets solidarische Freunde, sondern auch in seinem Professor an der Universität, Harold, und seiner Frau Julia eine wunderbare Ersatzfamilie.

Freundschaft, beruflicher Erfolg, Liebe, Reichtum und Anerkennung tun ihm gut, aber können niemals seine schrecklichen Erinnerungen vergessen lassen. Das kann für Momente nur selbst zugefügter Schmerz. Die Schilderungen dieser Autoaggressionen, dieses tiefen, tiefen Selbsthasses gehören auch für die Leserin zu den schmerzhaftesten Abschnitten in diesem zutiefst schmerzhaften Buch. Die Autorin geht so dicht ran, schildert so explizit. Das muss man als Leser aushalten können.

Die Unüberwindbarkeit des kindlichen Traumas, die Tatsache, dass weder Erfolg, Geld, noch nicht einmal Freundschaft oder gar reine, aufrichtige Liebe in irgendeiner Form Verletzungen lindern können, widerspricht allen Hoffnungen, die man gemeinhin so hegt. Und auch die Zeit heilt keine Wunden, vergehen doch die Jahrzehnte, ohne dass Vergessen möglich wäre.

Das steht so eklatant im Widerspruch zu der Vorstellung von der Machbarkeit des Glücks, des gelungenen Lebens und gewiss zum amerikanischen „Pursuit of Happiness“.

Dabei enthält das Buch so viel von dem, was für Viele das „gute Amerika“ ausmacht. Das Streben nach Erfolg, die Freiheit zu tun, was einem liegt, Freundschaft, kulturelle und ethnische Vielfalt, Selbstentfaltung.

„Doch dies war die Ära der Selbstverwirklichung, in der es als willensschwach und schändlich galt, sich mit etwas Geringerem als dem absoluten Lebenstraum abzufinden.“
Dabei spielt das Buch natürlich in einem ganz besonderen New Yorker Milieu.

„Ganz New York war von den Ambitionierten bevölkert. Oft war es das Einzige, was die Menschen hier gemeinsam hatten.“
Geld spielt hier keine Rolle. Ob als Anwalt, Architekt, bildender Künstler oder erfolgreicher Schauspieler, die vier Freunde bringen es zu was. Apartments rund um die Park Avenue oder in hippen Künstlervierteln, Landhäuser in Conneticut, Vernissagen, Partys und Dinner sind die Schauplätze. Man jettet rund um die Welt und trifft sich auch mal zum Geburtstagskaffee in Paris. Familie, Ehe, lockere Partnerschaft oder auch ständig wechselnde Beziehungen – alle Lebensformen sind gleichberechtigt möglich. Dieses Milieu existiert tatsächlich in bestimmten Biotopen der Stadt, hier sind ethnische Herkunft, sexuelle Orientierung oder Abweichungen von der Norm belanglos. Es ist ein Lebensstil, wie Hanya Yanagihara im Interview sagte, der allem entgegensteht, was durch den neuen amerikanischen Präsidenten propagiert wird. Einem Präsidenten, der Sinnbild sei für das „alte Amerika“, das hier in einer letzten Kraftanstrengung noch einmal die Macht an sich reißt, bevor es vergeht.

„In dem New York, das Malcolm und seine Familie bewohnten, verliefen die Trennlinien nicht zwischen Schwarz und Weiß, sondern zwischen Steuerklassen“
Andererseits ist diese Welt natürlich extrem weit von der Lebenswirklichkeit der meisten Amerikaner entfernt. Diese werden sich in dem Buch wohl kaum wiederfinden.

Hanya Yanagihara erzählt ihre Freundschaftsgeschichte über dreißig Jahre. Sie blendet zurück in die Kindheit und Jugend, spult vor und zurück, raunt dem Leser zu „Später, als es richtig schlimm wurde…“ und greift damit tief in die erzählerische Trickkiste. So weit wie die Kritikerin Ursula März, die darin Anleihen an die Trivialliteratur sieht, möchte ich nicht gehen, aber ihr zustimmen, dass Yanagiharas Schreiben schon ein wenig manipulativ ist. Sie weiß jedenfalls, wie man den Leser an den Text bindet.

Dabei sind ihre Sache die großen Emotionen. Furchtbare Dinge beschreibt sie sehr detailliert, erzählt fast in Echtzeit, geht so nah ran, dass es weh tut. Auf der anderen Seite sind die guten Momente im Roman oft ein wenig zu schön. Besonders in der Schilderung der Freundschaften wird es gern opulent.

Hanya Yanagihara ist ein Anwalt der Freundschaft. Diese selbstgewählte Gemeinschaft strahlt über alles hinweg, ersetzt auf deutlich stabilere Art und Weise die traditionelle Familie. Und doch sinnieren ihre Figuren immer wieder auch über Kinderlosigkeit.

„Ohne Kinder, was ist da der Sinn des Ganzen? Stellt ihr euch die Frage nie? Woher sollen wir wissen, dass unser Leben irgendeinen Sinn hat?“
Der Sinn des Lebens, der Wert des Lebens ist das große Thema des Romans. Die unglaubliche Verletzlichkeit des Menschen, das Leid, das ihm, vor allem durch Seinesgleichen zugefügt werden kann. Aber auch die Würde, die in jeder einzelnen Existenz liegt. Jude fällt es schwer, diese Würde in seinem eigenen Leben zu finden.

„Und auch wenn er sich nicht den Kopf darüber zerbrach, ob sein Leben einen Wert hatte, hatte er sich doch immer gefragt, warum er, warum so viele andere überhaupt weiter lebten; es fiel ihm mitunter schwer, sich selbst dazu zu bewegen, und doch lebten so viele Menschen, so viele Millionen, Milliarden von Menschen, in unvorstellbarem Elend, waren mit Entbehrungen und Krankheiten von obszönem Ausmaß konfrontiert. Und machten unverdrossen immer weiter. War ihr Wille zum Weiterleben vielleicht gar keine bewusste Entscheidung, sondern ein evolutionäres Programm?“
.

„Er hätte es als Traurigkeit bezeichnen können, aber es war keine mitleidige Traurigkeit; es war eine umfassender Traurigkeit, eine, die all die armen, strebsamen Menschen einzuschließen schien, die Milliarden, die er gar nicht kannte, die alle ihr Leben lebten, eine Traurigkeit, in die sich Verwunderung und Ehrfurcht angesichts dessen mischten, wie sehr sich die Menschen allerorten anstrengten zu leben, mochten ihre Tage noch so hart, ihre Lebensumstände noch so ungünstig sein. Das Leben ist so traurig, dachte er in solchen Momenten. Es ist so traurig, und trotzdem tun wir es alle. Wir hängen alle daran; wir suchen alle nach etwas, das uns Trost spenden kann.“
Für Jude liegt dieser Trost oft nur in der Selbstverletzung. Obwohl er danach giert zu hören,

„dass sein Leben, so unbegreiflich es auch sein mag, trotz allem ein Leben ist.“
Trotz allem ein Leben. Und so wird Hanya Yanagiharas Buch neben dem Lob der Freundschaft zur großen Feier des Lebens in all seinen Ausprägungen, einer Verteidigung seiner Würde, einer unbedingten Anerkennung seines Wertes. Und ein Zeugnis seiner Zerbrechlichkeit.

Ein Buch mit einer großen Aussage. Ein großes Buch!

  (64)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(7)

8 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 5 Rezensionen

kurzgeschichten, liebe

Eine letzte Liebschaft

Richard Yates , Thomas Gunkel
Fester Einband: 200 Seiten
Erschienen bei DVA, 26.09.2016
ISBN 9783421046185
Genre: Romane

Rezension:

Neun letzte, bisher noch nicht in Buchform veröffentlichte Erzählungen des 1992 verstorbenen großen amerikanischen, zu Lebzeiten leider nie angemessen erfolgreichen Erzählers.

Yates ist der Meisters der erzählerischen Verdichtung, der Aufspürer auch feinster Risse in der Existenz, der gnadenlose und doch so mitfühlende Beobachter der ganz alltäglichen Selbsttäuschungen.

Es sind die Bewohner der US amerikanischen Suburbias, oft Ehepaare, meist weiße Mittelschicht, die seine Erzählungen wie seine Romane bevölkern. Es sind die, die sich bemühen, den großen amerikanischen Traum vom individuellen Glück zu verwirklichen, auch wenn sie sehr deutlich merken, wie schwierig, wie aussichtslos das für viele von ihnen ist, wieviel Gegenwind ihnen entgegen weht.

Die undatierten Geschichten dieses Bandes spielen in den fünfziger Jahren. Man merkt sehr deutlich den Anpassungsdruck, die herrschende Prävalenz des positiven Denkens, den unbedingten Willen zum Aufstieg, die auch schon Willy Loman in „Tod eines Handlungsreisenden“ umgetrieben haben und die in den meisten Texten Richard Yates regieren. Die Figuren sind voller unerfüllter Sehnsüchte, und sind auch die Hoffnungen bei den meisten bereits ziemlich gedämpft, droht stets ihr Scheitern, das Zerplatzen auch ihrer bescheidenen Träume.

Es steckt wohl auch viel autobiografische Bitternis in Richard Yates Texten. Erfolglosigkeit, familiäres Unglück, fortschreitende ernste Erkrankungen, Alkoholismus, finanzielle Schwierigkeiten bestimmten vor allem die späteren Lebensjahre. In den hier vorliegenden Erzählungen bekommen die Erfahrungen als Soldat im Zweiten Weltkrieg und die daraus mitgebrachte Tuberkuloseerkrankung eine große Rolle. Fünf der neun Geschichten haben in irgendeiner Form damit zu tun.

Eine der am meisten berührenden und dabei mit fünf Seiten Umfang kürzesten Erzählung „Glocken am Morgen“ erzählt von zwei Soldaten, die an der Front in einem Erdloch hocken. Ausgekühlt und schlammverkrustet kochen sie sich eine Tasse Kaffee, als sie Kirchenglocken läuten hören. Es ist April 1944, könnte das das Kriegsende sein? Nach kurzer Zeit der Hoffnung erinnern sich die Beiden: nein, es ist der Ostersonntag, der auch im Krieg mit Glockengeläut gefeiert wird. Ein Glanzstück an Reduziertheit, völlig schnörkellos und doch ergreifend.

Andere Geschichten spielen in Lazaretten und Tuberkulosestationen, eine weit nach dem Krieg auf einer Party, wo sich zwei ehemals in derselben Division dienende Soldaten treffen und die Frau des einen so gerne hätte, dass auch ihr Mann von seinen Heldentaten erzählen würde. Allein, ihn plagen nur ungute Erinnerungen.

Diese Missverständnisse zwischen Ehepartnern, zwischen Mann und Frau, auch sie geprägt von Hoffnungen und ihren Enttäuschungen, von meist unausgesprochenen Sehnsüchten, sind ein bestimmendes Thema bei Richard Yates. Nicht selten führen sie zu verzweifelten Ausbrüchen, starkem Alkoholkonsum oder zu unterschwelligen Aggressionen.

„Betty, sagte Miller. Tust du mir einen Gefallen? Er beobachtete, wie sich ihr Stirnrunzeln im Licht der vorbeigleitenden Straßenlaterne in einen gekränkten Blick verwandelte. Halt den Mund. Halt bitte einfach den Mund“.

Nicht von ungefähr erinnert das an Raymond Carvers großartigen Erzählungsband „Würdest du bitte endlich still sein, bitte“.

Ob Lebenskrise oder Alltagssituation, Richard Yates schafft in seinen kunstvoll knappen, völlig unspektakulären Stories ein beeindruckendes Gesellschaftsbild der USA der damaligen Zeit und verhandelt gleichzeitig zeitlose Themen.

Er erzählt mit so vielen Zwischentönen, beobachtet so messerscharf, ohne seine Figuren jemals zu denunzieren, zeichnet ein solch abgründiges Bild der menschlichen Existenz wie in all seinen Romanen und Erzählungen, die jetzt bei DVA komplett vorliegen.

  (35)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(24)

93 Bibliotheken, 6 Leser, 0 Gruppen, 8 Rezensionen

trennung, ehe, familie, other life, hebräisch

Hier bin ich

Jonathan Safran Foer , Henning Ahrens
Fester Einband: 688 Seiten
Erschienen bei Kiepenheuer & Witsch, 10.11.2016
ISBN 9783462048773
Genre: Romane

Rezension:

„Hier bin ich“ heißt der neue Roman, den Jonathan Safran Foer nach langer Pause veröffentlicht hat. Sein bisher dritter.

„Hier bin ich“. So antworten die Stammväter in der Bibel, nachdem Gott sie gerufen hat. Sie sind ganz für ihn da. Ohne Vorbehalte, ohne Bedingungen. Sei es Abraham, der seinen Sohn Issak als Brandopfer darbringen soll, sei es Moses vor dem brennenden Dornbusch.

„Hier bin ich“ – diese Zusage zu bedingungsloser Solidarität seiner Eltern wünscht sich der 13 jährige Sam, als ihm wegen rassistischer und unflätiger Schmierereien droht, von der bevorstehenden Bar Mizwa, jener großen jüdischen Tradition an der Schwelle zum Erwachsensein, ausgeschlossen zu werden. Für seine Eltern eine mittlere Katastrophe, nicht nur weil schon alle Vorbereitungen inklusive der Anreise der israelischen Verwandtschaft abgeschlossen sind. Nein, obwohl nicht sonderlich religiös, hängt ihr jüdisches Selbstverständnis doch sehr an solchen Traditionen.

Womit eines der zentralen Themen des Romans angesprochen ist: das jüdische Selbstverständnis, zumal in der säkularen Umgebung Washington DCs. Es ist ein immer wiederkehrendes Thema jüdischer, zumal US amerikanisch-jüdischer Autoren. Wie umgehen mit dem oft schweren Erbe, den unzähligen Opfern, der Sprachlosigkeit der Überlebenden, den Anfeindungen in der Gegenwart. Woran diese spezielle jüdische Identität festmachen, wen der Glaube bröckelt: an der Kultur, einer speziellen Erziehung, an der Positionierung gegenüber dem Staat Israel oder so etwas lapidarem wie dem jüdischen Humor? Ein Thema, das auch in diesem Text immer wieder durchdringt, besonders als im weiteren Verlauf ein schweres Erdbeben die Nahost-Region heimsucht, viele Todesopfer fordert, aber vor allem auch sämtliche Infrastruktur zerstört. Israel, Palästina, Syrien, Jordanien sind betroffen, bald brechen Seuchen aus und die feindlichen arabischen Staaten nutzen die „Gunst der Stunde“ um Israel den Krieg zu erklären. Eine wahrhaft gigantische Katastrophe, die die der bedrohten Bar Mizwa natürlich komplett in den Schatten stellt. Werden doch alle wehrfähigen Männer der Diaspora aufgerufen, zur Verteidigung der Heimat anzutreten. Ein Aufruf, dem auch Jakob, Sams Vater zusammen mit dem israelischen Cousin, der gerade auf Besuch ist, beinahe gefolgt wäre. Beinahe! Denn diese ferne Katastrophe bleibt irgendwie in weiter Ferne im Text. Ihr weiterer Verlauf wird eher lapidar und wie nebenher berichtet. Dient vielleicht nur der Kontrastierung zu den eigentlich kleinen, für ihn aber doch so existentiellen Sorgen des Jakob Bloch.

"Alle glücklichen Morgen gleichen einander, wie auch alle unglücklichen Morgen., und dass sie so furchtbar unglücklich sind, hat folgende Ursache: Das Gefühl, dass man ein solches Unglück schon einmal erlebt hat, dass alle Bemühungen, ihm vorzubeugen, das Gegenteil bewirken oder die Sache sogar noch verschlimmern, dass sich das Universum aus irgendeinem rätselhaften, überflüssigen, unfairen Grund gegen die harmlose Abfolge von Kleidern, Frühstück, Zähnen und nervigen Haarwirbeln, Rucksäcken, Schuhen, Jacken und Abschieden verschworen hat."


Zunächst plagt dieser sich aber weniger um den Skandal in der Synagoge – er glaubt seinem Sohn, dass er unschuldig ist, leistet Schadensbegrenzung -, sondern mehr um seine Ehe mit Julia. Diese ist in die Jahre gekommen, drei Kinder wurden großgezogen, nicht nur die Leidenschaft, sondern auch Nähe, Gemeinsamkeiten und Gesprächsstoff abhandengekommen. Es ist dieser nicht zwangsläufige, aber doch so häufig eintretende Fall, unzureichend als Midlife Crisis beschrieben. Dass Foers Protagonisten noch nie davon gehört haben, darf ausgeschlossen werden. Und doch ist es für sie die große Katastrophe, verschärft dadurch, dass Ehefrau Julia ein Handy ihres Mannes mit einem heftigen Sex-SMS-Verkehr mit einer Kollegin findet. Julia will die Trennung, Jakob hofft auf Aufschub.

"Der Anschein von Glück. Könnten sie diesen Anschein aufrecht erhalten - nicht gegenüber Außenstehenden, sondern gegenüber sich selbst - dann käme er echtem Glück vielleicht so nahe, dass alles funktionierte."
Aber auch Jakobs Großvater Isaac sieht einer persönlichen Tragödie entgegen.

„Zu Beginn der Zerstörung Israels überlegte Isaac Bloch, ob er sich umbringen oder ins jüdische Seniorenheim gehen sollte.“

So genial und kraftvoll lauter der erste Satz des fast 700 Seiten starken Romans.

Auch hier vermisst zumindest Sam das „Hier bin ich“ seiner Familie, das Einstehen auch für familiäre Verantwortung gegenüber dem – quasi – Stammvater der Familie, der nur knapp den deutschen Vernichtungslagern entronnen, versteckt im Wald, in einem Erdloch die Befreiung erlebte und in Amerika ein neues Leben begann. Nun soll er, zu „seinem eigenen Besten“ natürlich, sein Leben im Altersheim beenden. Jakob plagen zwar Gewissensbisse, aber er ist zu sehr mit der eigenen Identitätsfindung beschäftigt, als für seinen Großvater einzustehen. „Hier bin ich“ kann nur jemand sagen, der weiß, wer dieses „Ich“ überhaupt ist.

„Er war ein Vater für seine Söhne, ein Sohn für seinen Vater, ein Ehemann für seine Frau, ein Freund für seine Freunde, aber wer war er für sich selbst?“


So elaborieren alle Mitglieder dieser Familie Bloch an ihren eigenen großen und kleinen Katastrophen. Erwähnt sei noch Jakobs Vater Irving, Zionist und scharfzüngiger Betreiben eines vielgeschmähten politischen Blogs. Sie alle reden, quasseln, diskutieren, streiten miteinander, durcheinander, aneinander vorbei – der Roman ist sehr dialoglastig. Das ist überwiegend sehr geistreich und witzig, gelegentlich auch anstrengend und ein wenig unglaubwürdig. Besonders die drei Söhne erscheinen wenig altersgemäß zu denken und zu sprechen. Entweder man nimmt das so hin, oder man schlägt auf alle Alter ca. fünf Jahre drauf – dann stimmt es wieder.

Gelegentliche Längen sind bei derart umfangreichen Werken selten zu vermeiden. Insgesamt gelingt es Jonathan Safran Foer aber ausgesprochen gut, diese (nicht nur jüdische) Identitätssuche in unserem Zeitalter der ständigen Überforderung, dieses fast biblische Ringen um den Platz im Leben und in der Gesellschaft und nicht zuletzt in der Familie und einer Partnerschaft genauso authentisch darzustellen wie das Leben in der Familie und den Zerfall einer Ehe. Wie die einst Jakob vom Krankenhaus mitgegebenen "Zehn Gebote zur Fürsorge für ein Neugeborenes".

"Doch das zehnte Gebot erschütterte Jakob. Du sollst nicht vergessen: Es wird nicht von Dauer sein."


Er erzählt dabei eher konventionell, mit gelegentlichen Vorgriffen, nur wenigen formalen Experimenten. Dabei besitzt der Roman, obwohl eigentlich recht wenig passiert in diesen wenigen geschilderten Wochen, doch viel Rasanz, was vor allem den Dialogen geschuldet ist, viel Witz und auch eine ganze Portion Weisheit. Foer schreckt dabei auch von dem einen oder anderen, fast wie Sinnsprüche anmutenden Satz nicht zurück. Mir hat das sehr gefallen. Ich war berührt von der tiefen Traurigkeit des Buches, aber auch von der Hoffnung, die in ihm steckt.

"Zwischen zwei Geschöpfen, egal welcher Art, liegt eine unüberbrückbare, jeweils einzigartige Kluft, eine Freistatt, die andere nicht betreten können. Sie kann die Gestalt des Alleinseins annehmen. Sie kann die Gestalt der Liebe annehmen."


Es ist sicher kein perfektes Buch, vielleicht noch nicht einmal ein sehr gutes, vielleicht steckt ein wenig zu viel eigene Ehe- und Scheidungsgeschichte Foers mit drin, aber es ist trotzdem ein großartiges Buch. Denn es macht etwas mit dem Leser, der es sicher nicht unbeteiligt zu schlägt. Und wenn es auch nur ein klein wenig gerüttelt hat, an unserem eigenen Denken und Fühlen, uns die Welt wieder ein winzig kleines Stück anders sehen lässt, dann hat es das getan, was großartige Literatur tun soll, auch mit kleinen Schwächen.

  (58)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(84)

150 Bibliotheken, 7 Leser, 2 Gruppen, 64 Rezensionen

neapel, freundschaft, italien, roman, studium

Die Geschichte eines neuen Namens

Elena Ferrante , Karin Krieger
Fester Einband: 624 Seiten
Erschienen bei Suhrkamp, 10.01.2017
ISBN 9783518425749
Genre: Romane

Rezension:

Im Sommer letzten Jahres brach es aus, oder wurde vielmehr allerorten beschworen – das Ferrante-Fieber! In allen erdenklichen seriösen oder weniger seriösen Medien, die sich auch nur im entferntesten mit Büchern beschäftigen, wurde „Meine geniale Freundin“ besprochen und vorgestellt und dabei äußerst offensiv beworben. Der Erfolg blieb nicht aus, das Buch gelangte sehr bald und dauerhaft in die Bestsellerlisten.

Ich stand diesem Phänomen etwas ratlos gegenüber. Erwartungen wurden geweckt, die selten realistisch sind, andererseits Abwehrmechanismen aktiviert, die dem objektiven Urteil auch kaum nutzen können.

Das Buch konnte durchaus unterhalten, zeichnete zumindest ansatzweise interessante Figuren und eine gut entwickelte Geschichte. Zudem wurde die Spannung gehalten und mit einem ungeheuren Cliffhanger geendet. Trotzdem konnte von einem Fieber bei mir keine Rede sein.

Ein wenig zögerte ich deshalb vor der Lektüre des zweiten Bandes, zumal über 600 Seiten zu bewältigen waren. Schließlich siegte aber doch die Neugier, die der erste Teil doch erfolgreich geweckt hatte. Außerdem kam mir zu Ohren, dass sich die Tetralogie steigern sollte.

Also, „Die Geschichte eines neuen Namens“. Zunächst gleicht sie der genialen Freundin sehr. Eine Art „Rahmenerzählung“ wird gestrickt (im ersten Teil war es die Mitteilung an die nun über 60 Jahre alte Ich-Erzählerin Elena, oder auch Lenu genannt, dass ihre langjährige Jugendfreundin Lila spurlos verschwunden ist, die die Erinnerungen an die gemeinsame Kindheit in Gang setzt):  hier erinnert sie sich an die Schachtel mit persönlichen Aufzeichnungen, die ihr die Freundin einst, im Jahr 1966 anvertraut hatte und aus denen sie nun neben eigenen Erinnerungen die Jugendjahre der beiden Freundinnen bis ca. Mitte 20 rekonstruiert.

Wer den ersten Band gelesen hat (und das sollte man unbedingt vorher tun), erinnert sich, dass dieser abrupt an Lilas Hochzeitstag endete, und zwar mit einem Eclat. Lila entdeckte, dass ihr Mann heimlich gemeinsame Sache mit den ihr zutiefst verhassten Camorra-Brüdern Solara machte. Der Anfang der Ehe, in die sich Lila mit 16 Jahren stürzte, um aus den äußerst bedrückenden Verhältnissen ihres Elternhauses in einem der heruntergekommenen Viertel („rione“) Neapels zu fliehen, barg zugleich ihr Scheitern.

Zwar kann der erfolgreiche Lebensmittelhändler Stefano ihr nun ein Leben in relativem Wohlstand bieten, aber ein wirkliches Entkommen aus den Verhältnissen, wie ihn sich die beiden Mädchen erträumten, bietet sich Lila dadurch nicht. Stefano zeigt als Ehemann das vertraute Verhaltensmuster aller Männer aus dem „rione“: Despotie, Machismo, Verachtung und Missbrauch der Frauen, Gewalt. Erschreckend als wie naturgegeben die Frauen und Mädchen hier ihr Schicksal annehmen, zwar mit Verachtung, Hysterie und vor allem Boshaftigkeit ihren Geschlechtsgenossinnen gegenüber zeitweilig aufbegehren, aber nie wirklich einen Ausweg finden oder auch nur suchen. Wie auch, wenn sie sich alle in gnadenloser finanzieller wie gesellschaftlicher Abhängigkeit zu ihren Männern befinden. Der Ausweg aus ihren ungeliebten, oft auch bereits durch Gewalt, vor allem aber auch durch Bitterkeit gekennzeichneten Elternhäusern, den die Mädchen hier in einer Ehe sehen, wird für sie durchweg, spätestens nach der Geburt des ersten Kindes, zu einer selbstgestellten Falle. Nicht nur Lila, sondern auch fast alle ihre Freundinnen geraten in viel zu frühen Jahren hinein. Aus der anfänglichen Liebe wird schnell die Ehehölle. Immer wieder fragt man sich, wie Menschen so miteinander leben konnten (können).

Die rebellische, intelligente Lila sieht ihren Fehler schnell ein und entzieht sich ihrem Mann immer mehr, geht eine leidenschaftliche, aber genauso desaströse Affäre ein (der Geliebte flüchtet, wie könnte es anders sein, als sie schwanger wird), kehrt zunächst zu ihrem Mann zurück, trennt sich dann aber endgültig mit Hilfe eines alten Schulfreundes. Aber auch hier natürlich kein Happy-End. Geächtet von der Umgebung im „rione“, sogar der eigenen Familie, lebt Lila in ziemlichen Elend.

Hier wird so ziemlich alles demontiert, Liebe, Ehe, Familie, Freundschaft. Auf alle diese (glücksverheißenden) Institutionen wird mit einem äußerst scharfen Blick geschaut. Die Menschen im „rione“ haben schlicht zu viel mit ihrem schweren Alltag zu tun, haben es auch nie gelernt, mit ihnen sorgsam umzugehen. Noch deutlich mehr als im ersten Buch geht es hier auch um die Stellung der Frau, ihre Missachtung in der Gesellschaft, ihre Befreiungsversuche. Dabei kommen aber die Frauen selbst genauso schlecht weg wie die Männer. Das System ist es, wo der Wurm drin steckt.

Und hier hat mich das Buch zunehmend gepackt. Sicher hat die Thematik durch das gestiegene Lebensalter der Mädchen an Brisanz gewonnen, endlich kommen auch zeitpolitische und soziale Aspekte hinein, die vorher, vielleicht dem kindlichen Alter der Protagonistinnen geschuldet, eher fehlten. Die Frauenfrage, soziale Umstände, Bildungspolitik. Denn da gibt es natürlich neben Lila noch die Ich-Erzählerin, die mit ihr in Freundschaft, aber auch in ständiger Rivalität und Missgunst verbunden ist. Gerade im ersten Band eine Freundschaft zum Abgewöhnen. Aber auch das macht einen großen Reiz der Bücher Elena Ferrantes aus: Wie ungeschönt, schonungslos und offen diese Lenu selbst über ihre übelsten Gefühle und Gedanken schreibt.

Lenu nun geht, obwohl eigentlich weniger begabt als Lila, durch ein wenig Glück, aber vor allem durch großen persönlichen Ehrgeiz befördert, einen anderen Weg. Sie bleibt bis zum Abitur auf der Schule, studiert danach sogar in Pisa und kann sich schließlich den großen Traum erfüllen: ein Roman von ihr wird veröffentlicht.

Zwischenzeitlich plagten aber auch sie Ängste. Während die Freundin im schönen Heim mit Mann und eigenem Geschäft lebte, erlebte sie nur unschöne Fummeleien mit ihrem Freund an verbotenen Orten, wurde ihr immer wieder ihre dem Lernen, dem Lesen geschuldete Einsamkeit um die Ohren gehauen. Auch sie ist ein Mädchen des „rione“, auch sie nicht ganz frei von den dort geltenden Verhaltenscodices, deren erster ist, sich als Frau möglichst bald einen Mann zu suchen. Auch stößt sie trotz all ihrer Lernerfolge immer wieder an Grenzen, die durch ihre Herkunft bedingt sind, fühlt sich oft nicht ganz dazu gehörig in der Welt der Bürgerlichen.

Auch dieser zweite Band der Tetralogie endet mit einem Cliffhanger. Unmöglich sich der Spannung zu entziehen, wie es weiter geht. Zumal nach anfänglichem Zögern mich die Figuren nun tatsächlich gepackt haben, sie so vertraut geworden sind wie das Personal manch einer Fernsehserie, mit der die Bücher Ferrantes tatsächlich einiges gemeinsam haben. Es ist nun nach über 1000 Seiten einfach nicht mehr egal, wie der Weg der beiden Freund/Feindinnen weiter verläuft. Das Fieber beginnt zu steigen.

Dabei sind die Bücher äußerst kunstlos geschrieben. Sie sind gut lesbar, bieten aber keine sprachlichen Höhepunkte. Viel Raum erhalten Dialoge, die auch, dem Milieu entsprechend, recht derb verlaufen können. Den Männern des „rione“ fällt oft nichts anderes ein, als ihren Frauen „die Fresse einzuschlagen.“ Manchmal irritiert diese äußerst anspruchslose Sprache und auch die manchmal leicht dümmliche Perspektive der Ich-Erzählerin. Ja, sie stammt aus einfachsten Verhältnissen, aber immerhin schreibt sie aus dem Alter rückblickend, als studierte Frau, als erfolgreiche Schriftstellerin. Das hat mich im ersten Band aber deutlich mehr gestört, ebenso die eher problematischen Charaktere eigentlich durchweg aller Protagonisten. Und das sind sehr viele. Dem Buch ist zum Glück ein ausführliches Personenregister vorangestellt und in einer Kurzfassung als Lesezeichen beigelegt. Auch für fortgeschrittene Ferrante-Leser äußerst hilfreich.

Die Irritationen halten in „Die Geschichte eines neuen Namens“ aber nie lange an. Zu interessant sind die soziologischen Beobachtungen, zu gekonnt das Jonglieren der Autorin mit der Zeit (manch Abschnitt, wie ein mehrwöchiger Ischiaurlaub, wird auf mehr als 200 Seiten gestreckt, Jahre dann wieder auf nicht mehr als 20 oder 30 eingedampft), zu interessant die Verknüpfungen mit Personennetz. Und, das darf man auch nicht vergessen, zu erwähnen: Elena Ferrante kann enorm gut mit Spannung umgehen. Deshalb wird das Ferrante-Fieber wohl diesmal mindestens bis Mai dieses Jahres anhalten. Da soll der dritte Teil erscheinen. Und ich habe läuten hören: Der soll noch besser sein.

  (78)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(18)

37 Bibliotheken, 2 Leser, 0 Gruppen, 11 Rezensionen

ehe, gespräch, liebe, französische literatur, fiktion

Sozusagen Paris

Navid Kermani
Fester Einband: 224 Seiten
Erschienen bei Hanser, Carl, 26.09.2016
ISBN 9783446252769
Genre: Romane

Rezension:

So many years now together?
All those good times, ups and downs
So many joys raising up those kids
Well they’ve moved on now, out of town

Aus: „Ramada Inn“ – Neil Young and Crazy Horse



Navid Kermani hat nie einen Hehl aus seiner Neigung zur Musik des kanadischen Rockmusiker Neil Young gemacht. Mit dem „Buch der von Neil Young Getöteten“ betrat der Autor nach zwei Texten über den Koran und den Iran die erzählerische Bühne.

Und auch in seinem neuen Buch „Sozusagen Paris“ nimmt ein Song Neil Youngs einen zentralen Platz ein, und zwar „Ramada Inn“ aus der 2012 erschienenen CD Psychodelic Pill.

Es geht im Text um ein Ehepaar, das nach langen Jahren des Zusammenseins in eine Krise geraten ist.

Es ist das Thema des vorliegenden Romans. Es wäre aber nicht der geistreiche Intellektuelle Navid Kermani, wenn er diese Ehegeschichte nicht auf eine ganz besondere Art und Weise verpacken würde.

Diese „Verpackung“ ist ein großes Spiel mit dem Leser. Denn es ist der Erzähler und es ist ziemlich unverschleiert der Autor Navid Kermani, der hier nach einer Lesung in einer Kleinstadt der Provinz aus seinem vorherigen, sehr erfolgreichen Roman, auch recht unverschleiert der „Großen Liebe“, unverhofft genau der Frau gegenübersteht, die darin Hauptprotagonistin und Dreh- und Angelpunkt war. Jene „Jutta“, die „Schönste des Schulhofs“, die eben, wenn auch nur für sehr kurze Zeit, die große Liebe des Erzählers war, die er nie vergessen, die sein Leben geprägt und über die er dieses Buch geschrieben hat.

Man geht zusammen Essen und danach zu ihr nach Hause. Auch wenn der Erzähler vom Aufflackern der alten Leidenschaft fantasiert, gar eine Bettszene nicht ausschließt, wird es dazu nicht kommen. Der Leser erfährt es früh. Stattdessen wird aus dem Gespräch über „alte Zeiten“ und dem, was aus ihnen seitdem geworden ist, immer mehr eine Beichte Juttas. Darüber, was von ihrer Ehe nach über 20 Jahren geblieben ist, über Missverständnisse, sinnlose Streits über belanglose Dinge, fehlende Nähe, fehlenden Sex, das Aufreiben im Alltag mit fordernden Berufen (Arztehepaar, sie zudem noch Bürgermeisterin) und drei Kindern. Darüber, wie einstige Ideale verloren gegangen sind: das Eintreten für die Armen und Entrechteten einst im bolivianischen Urwald, für die Umwelt. Darüber, wie vergeblich versucht wird, die innere Leere zu vertreiben, zum Beispiel durch Tantra-Kurse.

Und jeden Morgen erscheint die Sonne
Und sie beide steigen ein in den Tag
Machen weiter, was sie immer taten

Der Erzähler wird eher widerwillig immer mehr zum Zuhörer eines Monologs, versucht zu trösten, wird aber immer mehr auch in seine eigene gescheiterte Ehe, seine Scheidung zurück gezogen. Seine Gedanken schweifen zudem wieder zur Literatur. Ein großes, gut gefülltes Bücherregal im Wohnzimmer der einstigen Liebe gibt dazu den Anlass. Vor allem die französischen Autoren des bürgerlichen 19. Jahrhunderts sind dort vertreten, ihrerseits Spezialisten in Sachen unglücklicher Ehen und deren Schilderung in Romanform: Flaubert, Stendhal, Balzac, Julien Green. Häufige und oft etwas zu lang geratene Zitate aus ihren Werken unterfüttern die, wenn man sie überhaupt so nennen darf, Handlung.

Denn unsere zwei Protagonisten werden, erst einmal im Wohnzimmer angelangt, dieses nur noch für gelegentliche Toilettengänge, das Bereiten von Tee oder das Öffnen von Weinflaschen verlassen. Ihr Gespräch zieht immer engere Kreise um das Thema langjährige Ehe, was bleibt von den einstigen Träumen, wann ist der Punkt, eine vermeintlich unglückliche Ehe zu beenden, was ist überhaupt eine „unglückliche“ Ehe, ist Trennung wirklich immer die beste Lösung.

Dieses Kammerspiel ist oft geistreich und berührend, manchmal zäh (zum Beispiel wenn der Erzähler bei einer tröstenden Umarmung seitenlang mögliche Bewegungen seiner Hand antizipiert), manchmal auch zu angefüllt mit gelehrten Zitaten und literaturhistorischen Bemerkungen. Gelegentlich ist es ein wenig geschwätzig und eitel. Hin und wieder richtig lustig. Der Autor kokettiert mit seinem Schreiben und dem Schreibprozess. Immer wieder bringt er seinen Lektor mit ins Spiel, unterbricht sich damit, dass dieser sicher wieder etwas am gerade Geschriebenen zu bemängeln hat, ergeht sich in Schimpftiraden über ihn. Das ist witzig, aber natürlich wenig glaubwürdig, genauso wenig, wie, dass der Ehemann Juttas im benachbarten Büro über seinen Abrechnungen sitzt und Jutta gleichzeitig völlig ungeniert und offen mit dem Ex über Intimes ihrer Ehe plaudert.

Sieht man darüber hinweg und erlaubt sich den einen oder anderen Sprung über manche allzu ausführliche „gelehrte“ Passage, dann vermag „Sozusagen Paris“ durchaus zu fesseln. Denn der Autor/Erzähler von sich als „Celebrity“ davon ausgehend für Jutta so etwas wie Abenteuer, große weite Welt, also „Sozusagen Paris“ zu sein, erkennt, dass ihr Festhalten an der Ehe, an der Familie vielleicht auch der Weg gewesen wäre, den er hätte gehen können.

„Nein antwortet Jutta, die Liebe besteht wahrscheinlich darin, dass der andere nach und nach das Bild ersetzt, in das man sich verliebt hat.“
So wird dieses Gespräch über eine vermeintlich gescheiterte Ehe zu einem Plädoyer für diesen Bund, für ein Festhalten an ihr. Die Ehe nach Theodor W. Adorno als „eine der letzten Möglichkeiten, humane Zellen im inhumanen Allgemeinen zu bilden.“ Das hat mich dann über alle Schwächen hinweg doch berührt.



Sie liebt ihn so
Sie tut, was sie zu tun hat

Sie liebt ihn so
Sie tut, was sie tun muss

Er liebt sie so
Er tut, was er zu tun hat

Er liebt sie so
Er tut, was er tun muss

  (32)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(2)

3 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 2 Rezensionen

Augustus

John Williams , Bernhard Robben , Christian Redl , Hanns Zischler
Sonstiges Audio-Format
Erschienen bei Der Hörverlag, 26.09.2016
ISBN 9783844523713
Genre: Romane

Rezension:

Ein historischer Roman, der bereits 1971 erschienen ist, dessen Autor seit mehr als 20 Jahren tot ist und der nichts von dem enthält was (meist nicht die besten) Bücher dieses Genres sonst bei ihren LeserInnen so beliebt macht, nämlich das sinnenfrohe Eintauchen in das Leben vergangener Epochen, das Identifizieren mit den historischen Personen, gerne durch eine Entwicklungs- oder Liebesgeschichte, das opulente, breite Fabulieren. Dazu noch eine historische Epoche, die über 2000 Jahre zurück liegt – keines der bestsellerverdächtigen Zeitalter wie Mittelalter oder Tudorzeit.

Auch wenn der Autor damit 1973 den renommierten National Book Award gewann, wäre der bisher noch nicht ins Deutsche übersetzte und wohl auch im Original nicht besonders erfolgreiche Roman „Augustus“ sicher niemals bei uns erschienen, wenn das Vorgängerbuch „Stoner“ des Autors John Williams nicht ein so überraschender wie fulminanter Erfolg gewesen wäre. Welch Glück, dass es anders gekommen ist!

Denn obwohl oder eher gerade weil Williams all die oben genannten „Kniffe“ erfolgreicher Historischer Romane meidet, schafft er ein so spannend wie informatives, ein so gut lesbares wie literarisch äußerst geglücktes Werk.

Es ist nicht der große epische Atem, der den Autor reizt, nicht einmal die faktentreue Darstellung einer fernen Epoche, obwohl alles bestens recherchiert ist. John Williams will den Menschen hinter der historischen Figur sichtbar machen. Nicht zufällig wählt er dafür einen der berühmtesten Staatsmänner, dem nicht nur ein ganzer Monat im Kalender gewidmet ist, sondern der mit der „Pax Augusta“ eine eigene Friedensepoche schuf. Ihn interessiert der Mensch hinter diesem übermenschlichen Bild, die Reibungsflächen zwischen privat und öffentlich, dem Mann und dem Kaiser.

John Williams wählt dafür eine beeindruckende Methode.

Aus meist fiktiven, aber sehr authentisch klingenden Briefen, Tagebuchauszügen, Protokollen und Konsulatsbefehlen schafft er ein vielstimmiges Bild des ersten römischen Kaisers. Dabei schreiten die Berichte zwar chronologisch voran, entstammen aber ganz unterschiedlichen Zeiten. So folgt ein Tagebucheintrag aus dem Jahr 14 n. Chr. einem Brief des Jahres 44 v.Chr., um wieder eine Verordnung aus dem Jahr 39 v.Chr. anschließen zu lassen. Unterschiedlichste Facetten entstehen, Mosaiksteinchen werden zusammengesetzt. Dabei kommen viele historische Personen wie Augustus Tochter Julia, seine Frau Livia, sowohl Marcus Antonius wie Kaiserin Kleopatra, Freunde, Gegner, Weggefährten, aber auch Philosophen, Geschichtsschreiber wie Titus Livius und Dichter wie Vergil, Horaz und Ovid zu Wort. Besonders beeindruckend ist dabei, in wie vielen unterschiedlichen Tonlagen Williams schreibt, wie sich Historisches mit Klatsch und Tratsch aus Roms Haushalten mischt. Augustus selbst kommt dabei erst am Ende in einem längeren Brief zu Wort.

So sehen wir verschiedene Perspektiven, Einschätzungen, negative wie positive, wahre wie falsche, zu dieser schillernden Gestalt des Gaius Octavius, der seinem ermordeten Onkel Julius Caesar in der Regentschaft über das Römische Reich folgte, die herrschenden Bürgerkriege beendete und dem Reich nach innen eine lange Phase des Friedens, des Wohlstandes, der kulturellen Blüte und nach außen der territorialen Erweiterung brachte. Aber der auch die Republik faktisch beendete, sich als Alleinherrscher etablierte und sowohl mit politischen Gegnern als auch mit Familie und Freunden nicht zimperlich umging.

So ist sein Verhältnis zur geliebten Tochter Julia, die er aus Machtkalkül dreimal verheiratete und schließlich wegen ehelicher Untreue auf die verlassenen Insel Pandateria verbannte, ein zentrales Thema des Buches.

Und hier erinnert „Augustus“ trotz des so gänzlich anderen Themas und der unterschiedlichen Erzählweise an den Campusroman „Stoner“. Auch dort litt ein Vater an der zerstörten Beziehung zu seiner geliebten Tochter und ihrer Zurückweisung.

Auch ähneln sich da plötzlich ein wenig die Protagonisten, ordnen sie doch beide ihrer Pflichterfüllung jedes persönliche und familiäre Glück unter. So verschieden auch die äußeren Umstände sind.

Und am Ende stehen zwei Männer im Angesicht des nahen Todes und stellen sich, über die Jahrtausende hinweg, die gleichen Fragen: Was macht ein Leben aus? Was lässt es gelingen und es als ein solches gelungenes Leben auch erkennen? Und wieviel davon ist Leistung, was Schicksal oder auch nur Zufall?

Der Schluss, die Lebensbilanz Augustus, ist durchaus modern. In allen anderen Teilen vermeidet Williams gerade die Modernisierung seiner Figuren. Er zoomt nur ganz nahe heran und lässt uns erkennen, dass viele Fragen zeitlos sind. Immer wieder gelingen ihm dabei beeindruckende und unvergessliche Szenen.

Ein wirklich herausragender historischer Roman, dem eine Zeittafel, ein Who is Who und ein sehr informatives Vor- und Nachwort beigefügt sind. Eine absolute Empfehlung auch für Leser ohne spezielles Interesse an römischer Geschichte.
Besonders in dieser wirklich großartigen Lesung mit über dreißig hervorragenden Sprechern!

  (31)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(9)

18 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 5 Rezensionen

knaus verlag, shakespeare, judentum, shylock, howard jacobson

Shylock

Howard Jacobson , Werner Löcher-Lawrence
Fester Einband: 320 Seiten
Erschienen bei Knaus, 11.04.2016
ISBN 9783813506747
Genre: Romane

Rezension:

Im Rahmen des Hogarth Shakespeare Projects, im Herbst 2015 anlässlich des 400. Todestages des großen Dramatikers 2016 gestartet, erschien im April 2016 Howard Jacobsons Adaption von „Der Kaufmann von Venedig“ („The merchant of Venice“) unter dem Titel „Shylock“ auf Deutsch (Originaltitel: „Shylock is my name“).
„Der Kaufmann von Venedig“ ist sicher das problematischste, oder besser gesagt, das am meisten umstrittene Drama William Shakespeares. Ist es nun ein antisemitisches Stück oder will es nur den herrschenden Antisemitismus zeigen? Seit Jahrhunderten streiten sich darum die Gelehrten, die Leser, die Theatergänger. Einige finden das Stück mittlerweile als unaufführbar. Dass das ganz und gar nicht der Fall ist, davon konnte ich mich letztes Jahr in einer wunderbaren Aufführung im Globe Theatre überzeugen.
Die Geschichte ist bekannt: Um seinem Freund Bassanio, der um die reiche Portia freien möchte, finanziell unter die Arme zu greifen, obwohl er selbst gerade in der Klemme steckt (Handelsschiffe von ihm sind mit wertvoller Fracht unterwegs, doch ihr Ankommen ist ungewiss), geht der Kaufmann Antonio mit dem jüdischen Geldverleiher Shylock einen Handel ein: sollte Antonio das Geld nicht rechtzeitig zurückzahlen können, darf der Jude ihm ein Pfund Fleisch aus der Brust schneiden. Allerlei Liebesverwicklungen ranken sich darum herum, aber auch das persönliche Leid Shylocks, dessen geliebte Frau Leah tot und die einzige Tochter Jessica mit einem Christen durchgebrannt ist – für Shylock ein unverzeihlicher Verrat.
Nun, wie es zu befürchten stand, die Schiffe gelten als verloren, Shylock fordert seine Schuld, kann aber letztendlich durch eine kluge List der in Männerkleidern auftretenden Portia von seinem grausamen Vorhaben abgebracht werden. Schlussauftritt – wir befinden uns in einer Shakespeare Komödie – alle Paare glücklich, alle Differenzen gelöst, nur Shylock steht allein, nicht nur seiner Tochter, sondern auch eines Großteils seines Vermögens und seines Glaubens beraubt.
Die Art und Weise, wie sich Howard Jacobson dieses Stückes annimmt, unterscheidet sich in seiner Ernsthaftigkeit, in seinem fast philosophischen Ansatz sehr von den eher leicht-beschwingten Adaptionen von Ann Tyler und Jeanette Winterson. Auch er verlegt die Geschichte stark modernisiert in die Gegenwart und versucht doch, in möglichst vielen Personen und Details nah am Original zu bleiben.
Da ist der reiche jüdische, gänzlich unreligiöse Kunsthändler Strulovitch, dessen 16 jährige Tochter mit einem leicht unterbemittelten Fußballstar durchbrennt. Da bemüht sich sein Gegenspieler D´Anton um eine wertvolle Zeichnung, die sich im Besitz seines Kontrahenten befindet. Sein Freund Barnaby möchte damit das berühmte Fernsehmoderatorin und begeisterte Paulo Coelho Leserin Anna Livia Plurabelle Cleopatra Eine-Schönheit-ist eine-ewige-Freude-weiser-als-Salomon Christine beeindrucken. An diesem reichlich abgedrehten Namen erkennt man bereits, dass Jacobson in der Umsetzung der Handlung so manches Mal die satirischen Pferde durchgehen. Insgesamt gleicht sie oft einer burlesken Posse, nicht ganz unpassend bei Shakespeare, aber in der Zeichnung der meisten Nebenfiguren dadurch viel zu überzeichnet und eindimensional. Da möchte Jacobson gerne mal so den einen oder anderen Seitenhieb, z.B. gegen den (nicht nur) britischen Geld- und Promiadel, loswerden. Das wird dann boshaft und ziemlich krachledern.
Aber eigentlich geht es dem Autor auch gar nicht darum. Howard Jacobson befasst sich in seinen Werken immer wieder und sehr intensiv mit dem Judentum, dem Jüdischsein, dem jüdischen Selbstverständnis, aber auch dem vermeintlichen Selbsthass. Und um genau diese Themen dreht sich auch „Shylock“, und zwar auf sehr ernsthafte und tiefgründige Art und Weise.
„Selbst der mal jüdische, dann wieder nicht-jüdische Strulovitch war niemals nicht-jüdisch genug, um die Sicherheit, in der er lebte, für selbstverständlich zu halten.“
Jacobson stellt dafür Strulovitch, quasi als eine Art Alter Ego, Shakespeares Shylock zur Seite. Sehr bald erkennt man, dass beide jeweils Versionen des anderen sind.
„Der einzelne Jude bringt die Juden mit, wohin er auch kommt.“
Dabei kippt die Geschichte ein klein wenig fort vom Realismus, um den sich die beiden anderen Shakespeare-Neuinterpretinnen Winterson und Tyler bemüht haben. Wie die Gespenster, die hin und wieder durch das Werk des großen englischen Dramatikers irren, tritt hier Shylock auf, als ewiger Jude sozusagen. Eine Figur, die gerne vom Antisemitismus missbraucht wurde.
„Der Talmud erlaubt es einem sturen Querdenker wie ihm, offen mit anderen, lange schon toten sturen Querdenkern zu debattieren.“
So begegnet Strulovitch, der vor kurzem seine Mutter beerdigt hat und dessen Frau nach einem Schlaganfall zum Pflegefall wurde, auf dem Friedhof Shylock, der sich in Zwiesprache mit seiner Leah befindet. Schon bald rücken er und seine (Streit)gespräche mit Strulovitch ins Zentrum des Romans. Diese Debatten sind scharfsinnig und erhellend. Manchmal verrennt sich Jacobson dabei aber ein wenig zu sehr in seine Thematik. Beispielsweise nimmt für meinen Geschmack die Frage der Beschneidung, die von D´Anton quasi als modernes Äquivalent zum Pfund Fleisch des Originals verlangt wird, zu viel Raum ein.
„Du bist beschnitten worden, um bereits in den ersten Tagen deines Lebens unser Dasein nicht mit einer Idylle zu verwechseln.“
Man merkt dort, dass hier jemand über sein Lebensthema schreibt, das Fremd-Sein, das Anders-Sein, das Jüdisch-Sein, wie ein Kritiker schrieb das „Leben in einer feindlichen Mehrheitsgesellschaft“. Das ist manchmal ein wenig anstrengend. Birgt aber auch interessante Einsichten und ist immer völlig tabulos.
„Ein guter Jude wird getreten, ein schlechter tritt zurück. Unsere berühmte Ethik hat uns in einen schönen Schlamassel gebracht.“
Immer ist es der geschundene Shylock, ausgestoßen, in seine Rolle gedrängt und verachtet, der seinen Platz verzweifelt zu behaupten versucht.
„Es ist moralisch und historisch falsch, nicht zu wissen, dass Jesus ein jüdischer Denker war und Sie bösartigen Unsinn reden, wenn Sie ihn gegen uns ins Feld führen. Nächstenliebe ist ein jüdisches Konzept. Erbarmen ebenfalls.“
Mehr als bei den beiden anderen bisher erschienenen Neuerzählungen ist bei „Shylock“ die Kenntnis des Originals, des Kaufmanns von Venedig, unbedingt zu empfehlen. Nur dann wird man die philosophischen Diskurse, aber auch die Referenzen an dieses Drama ganz erfassen können.
„Die Bosheit, die ihr mich lehrt, will ich ausüben.“
heißt es im Original. Bei Jacobson wird daraus
„Ich bin zu dem geworden, was ihr aus mir macht.“
Howard Jacobsons Beitrag zum Shakespeare Projekt ist sicher nicht der zugänglichste der Reihe, dafür aber der bisher ernsthafteste und philosophischste.

  (74)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(22)

47 Bibliotheken, 3 Leser, 0 Gruppen, 16 Rezensionen

shakespeare, jeanette winterson, der weite raum der zeit, eifersucht, wahnsinn

Der weite Raum der Zeit

Jeanette Winterson , Sabine Schwenk
Fester Einband: 320 Seiten
Erschienen bei Knaus, 11.04.2016
ISBN 9783813506730
Genre: Romane

Rezension:

Im Rahmen des Hogarth Shakespeare Projects, im Herbst 2015 anlässlich des 400. Todestages des großen Dramatikers 2016 gestartet, erschien im April 2016 Jeanette Wintersons Adaption von „Das Wintermärchen“ („The Winter´s tale“) unter dem Titel „Der weite Raum der Zeit“ auf Deutsch (Originaltitel: „Gap of time“).
Dieses Stück des großen Dramatikers gehört zu den eher seltener gespielten. Zunächst den Komödien zugeordnet, zählt es nun präziser zu den Romanzen Shakespeare. Hier paaren sich durchaus komödiantische Züge mit eher düsteren Themen und Grundkonstellationen. Typisch ist die in lang vergangener Zeit und märchenhaft verfremdeten Orten spielende Handlung.
Dabei befinden wir uns zunächst am sizilianischen Königshof. König Leontes wütet, da er seine Ehefrau Hermione des Ehebruchs mit seinem alten Freund Polyxenes verdächtigt. Die neugeborene Tochter Perdita soll zunächst getötet, dann in der Fremde ausgesetzt werden. Sowohl der erstgeborene Sohn als auch Hermione überleben diese Tragödie nicht, Polyxenes kann fliehen. Perdita wird von Schäfern an der Küste (!) Böhmens gefunden und großgezogen. Viele Jahre später trifft sie dort auf Polyxenes Sohn, der sich in sie verliebt und mit ihr vor seinem Vater nach Sizilien flieht. Dort treffen alle Personen aufeinander und nach all den turbulenten Verwicklungen kommt es zu einem großen Happy-End.
Diese typisch verworren-verwickelte Geschichte verlegt nun Jeanette Winterson nach London bzw. die USA der heutigen Zeit. Dabei gelingt es der Autorin großartig, die Handlung einerseits zu entwirren und zu klären, andererseits aber auch ganz eng am Original zu bleiben.
Leo ist hier der „König“ eines äußerst erfolgreichen Hedgefonds namens „Sicilia“, die Eifersucht auf seinen Freund Xeno treibt ihn in eine regelrechte Raserei, deren Opfer die neugeborene Tochter wird, die (ebenfalls übers Meer) in die Südstaatenregion „New Bohemia“ zum vermeintlichen Vater Xeno gebracht werden soll, aber auch der Überbringer Tony, der dort von Gangstern überfallen und getötet wird. Zuvor gelingt es ihm noch, Baby und Geldkoffer in einer Babyklappe zu platzieren, wo sie von dem Afroamerikaner Shep (!) gefunden und quasi adoptiert wird. Opfer werden auch Leos Sohn Milo, der verunglückt, und Ehefrau MiMi, die den Verlust beider Kinder nicht verwindet und sich völlig von der Welt zurückzieht. Schon dieser Teil der Inhaltsangabe zeigt, wie eng Jeanette Winterson am Original bleibt, und auch der weitere Handlungsverlauf bleibt diesem Ansatz treu. Es ist frappierend, wie scheinbar mühelos die Autorin zu dem 400 Jahre alten Text die zeitgenössischen Äquivalente findet. Das Orakel von Delphi, das über die wahre Vaterschaft entscheiden sollte, wird hier zum DNA-Test, der König zum Hedgefonds-Manager. Das Umfeld ist modern, die Gefühle und viele Reaktionen des Personals archaisch. Wieder einmal ist man überrascht über die Zeitlosigkeit der Werke Shakespeares. Jede Zeit scheint aus ihnen „Ihren“ Shakespeare herauslösen zu können, sei es in Nachdichtungen, Filmen oder auch im Fernsehen). Auch Autoren wie John Updike („Gertrude und Claudius“) oder unlängst Ian McEwan in „Nussschale“ nehmen immer wieder Bezug auf ihn.
Einige Rezensenten haben Winterson die allzu enge Anlehnung an das Originalwerk vorgeworfen, die gezwungene Modernisierung des Plots oder auch das allzu glückliche Happy-End.
Mir hat gerade diese Transformation ausgesprochen gut gefallen, ich war immer wieder überrascht, wie stimmig die Autorin diese Aktualisierungen hinbekommen hat, wie eng sie am Text entlang schrieb, wie sie auch immer wieder Anspielungen auf Shakespeare einstreut,
„Eigentlich ein perfekter Satz, schoss es Cameron durch den Kopf: Adjektiv, Substantiv, Verb, alles eins und alles gesagt. Natürlich kein Shakespeare, aber absolut zweckmäßig.“
„„Es gibt da einen alten Spruch, erwiderte Pauline. „Wo keine Hilfe ist, sollt´ auch kein Gram mehr sein.“ „Das ist Shakespeare.“, sagte Tony, „Das Wintermärchen.““
„Pausen“ in die Geschichte einbaut, auch die „Zeit“, die in Shakespeares Stück als Chorus einen eigenen Auftritt bekommt, einbindet.
Die Zeit, der weite Raum der Zeit, in dem sich Positionen verändern, Vergebung möglich sein kann, die aber niemals angehalten oder gar zurückgedreht werden kann. Auch Xeno, der Spieleerfinder, arbeitet an einem Computerspiel namens „Der weite Raum der Zeit“.
Das hat etwas ungemein verspieltes, (sehr amüsant zum Beispiel auch die Ödipus-Nacherzählung von Autolycus – übrigens auch ein Shakespeare-Charakter – für einen völlig unbedarften amerikanischen Jugendlichen), ohne ganz auf kritische, aktuelle Positionen zu verzichten.
„Der (Börsen)Crash war nichts anderes als ein Spiel namens Reise nach Jerusalem: Solange die Musik lief, fragte keiner, ob es genug Stühle gab. Wer will schon sitzen, wenn man tanzen kann.“
„Die Armen wurden ärmer, die Reichen reicher. Menschen schlachten sich gegenseitig ab. Was war das für ein Gott (…)“
Das Buch kann natürlich auch für sich allein stehen. Dennoch ist zumindest eine oberflächliche Kenntnis des Originals zu empfehlen. Nur so sind die vielen Anspielungen, die liebevollen Adaptionen, aber auch der größte Teil des Handlungsverlaufs gänzlich zu genießen.
Besonders das Ende ist ohne den Shakespeare-Bezug eher weniger überzeugend. In einem heutigen Buch würde ich ein derartiges Happy-End nicht durchgehen lassen. Aber was wären Shakespeares Dramen ohne den großen Auftritt am Ende, an dem sich alles klärt und sich alle in den Armen liegen (es sei denn, wir sitzen in einer der Tragödien, dann liegen fast alle bereits im Grabe). Winterson hat ein klein wenig früher geendet. Ob es tatsächlich zur Klärung oder gar Versöhnung kommen wird, können wir nicht wirklich wissen, der Boden ist nur bereitet. Ein Zugeständnis an den heutigen Leser.
Und so verlassen wir am Ende beglückt mit der Autorin die Personen, die übrigens ganz theatralisch auf einer Bühne, im Londoner Roundhouse, stehen.
„Lassen wir sie nun alle samt Musik in diesem Theater zurück. Auf einem der hinteren Plätze habe ich darauf gewartet, was noch geschehen würde, und nun stehe ich draußen in der Sommernacht, der Regen tastend in meinem Gesicht. Ich habe diese Cover-Version geschrieben, weil das Wintermärchen seit mehr als dreißig Jahren ein sehr persönlicher Text für mich ist.“
Noch vier weitere Bücher aus dem Hogarth Projekt werden sich mit den Tragödien Shakespeares beschäftigen. Man darf gespannt sein.

  (80)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(27)

54 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 17 Rezensionen

roman, anne tyler, buch, rezension, autor

Die störrische Braut

Anne Tyler , Sabine Schwenk
Fester Einband: 224 Seiten
Erschienen bei Knaus, 11.10.2016
ISBN 9783813506556
Genre: Romane

Rezension:

Im Rahmen des Hogarth Shakespeare Projects, im Herbst 2015 anlässlich des 400. Todestages des großen Dramatikers 2016 gestartet, erschien im Oktober 2016 Ann Tylers Adaption von „Der widerspenstigen Zähmung“ („The taming oft he shrew“) unter dem Titel „Die störrische Braut“ auf Deutsch (Originaltitel: „Vinegar girl“).
In Shakespeares Stück gilt es, die eigensinnige, „widerspenstige“ Katharina, die ältere Tochter eines reichen Kaufmanns, zu verheiraten. Erst dann darf ihre jüngere, von etlichen Verehrern umschwärmte Schwester vor den Traualtar treten. Ein „Unerschrockener“ willigt angesichts der üppigen Mitgift ein, während es um die Gunst der jüngeren, sanfteren Tochter ein wahres Gerangel gibt. Doch letztendlich wird der „Unerschrockene“ mit seiner rabiaten „Zähmung“ der Erfolgreichste der Männer sein und die folgsamste Ehefrau sein Eigen nennen.
„Der widerspenstigen Zähmung“ ist sicher kein sehr zeitgemäßes Stück. Das Frauenbild, das darin vertreten wird, allein die Auffassung, dass das weibliche Geschlecht einer Zähmung bedarf, dürfte heutzutage sicher auf heftigen Widerspruch stoßen. Dass sich die amerikanische Autorin Ann Tyler gerade dieses Lustspiel für ihre Shakespeare Nacherzählung ausgesucht hat, kann daher überraschen, ist aber andrerseits auch sehr schlüssig.
So handeln viele ihrer Romane auf eher leichte, oft sehr amüsante Weise von den Wirrnissen und Verwicklungen im Alltag nordamerikanischer Familien. Ihre Hauptfiguren sind meist sympathische, aber auch leicht sperrige Frauen, die, selbst wenn sie vordergründig traditionellen Rollenbildern entsprechen, alle ihren eigenen Kopf haben.
So verlegt Ann Tyler Shakespeares Komödie in die ihr vertraute Umgebung einer leicht chaotischen , weißen Mittelstandsfamilie in Baltimore. Der nach dem frühen Tod der Mutter alleinerziehende, reichlich exzentrische und gehörig manipulative Vater, ein in Sachen Autoimmunerkrankungen forschender Wissenschaftler der eher mäßig erfolgreichen Art, hat schon früh die Verantwortung für Haushalt und die um 14 Jahre jüngere Schwester Bunny an Tochter Kate abgegeben. Diese ist ein etwas schwieriger Mensch, sozial ziemlich isoliert, nach abgebrochenem Studium der Botanik als Betreuerin in einer Kindertagesstätte tätig und auch hier immer wieder im Konflikt mit Eltern und Kollegen. Kate sagt, was sie denkt, und das kommt oft nicht gut an. Einen Mann an ihrer Seite gibt es bisher auch nicht. Da bittet ihr Vater sie, seinen von der Abschiebung bedrohten wissenschaftlichen Assistenten Pjotr zu ehelichen, damit dieser eine Greencard erhält. Nach anfänglicher Ablehnung willigt Kate überraschend schnell ein. Nicht ohne, dass es vor, während und nach der Hochzeit zu einigen Verwicklungen und Pannen kommt.
Der Plot passt einerseits sehr gut zu der turbulenten Shakespeare Komödie. Ann Tyler ist eine versierte Erzählerin. Mit leichter Hand führt sie ihr Personal durch das Chaos, erzählt amüsant und unterhaltsam. Und doch enttäuscht ihre Neufassung. Sie wirkt zu einfach gestrickt, ein wenig wie nebenbei gemacht. Es fehlt jeglicher Tiefgang, die Personen und ihre Handlungen überzeugen nicht. Zwar wird deutlich, dass Kate in der Heirat eine Chance zum doch noch gelingenden Absprung aus ihrem in einer Sackgasse gelandeten Leben begreift, auch entwickelt sich so etwas wie ehrliche Zuneigung zwischen den Brautleuten. Trotzdem wirkt die ganze Geschichte lediglich wie eine kleine Übung. Einen gewissen Charme kann man ihr nicht absprechen.
Aber wer Ann Tyler als die großartige Autorin und Menschenkennerin verehrt, die sie ist, kann eigentlich nur enttäuscht sein. Denn sie bleibt weit unter ihren Möglichkeiten. Sehr schade.

  (82)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(3)

4 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 3 Rezensionen

Paris-Austerlitz

Rafael Chirbes , Dagmar Ploetz
Fester Einband: 160 Seiten
Erschienen bei Kunstmann, A, 24.08.2016
ISBN 9783956141225
Genre: Romane

Rezension:

Am 15.August 2015 starb der spanische Autor Rafael Chirbes im Alter von 66 Jahren.
Chirbes war nicht nur einer der bedeutendsten Schriftsteller seines Landes, er war auch einer der schärfsten Analytiker der spanischen Gesellschaft seit den Zeiten des Bürgerkriegs.
1990 erschien sein erster Roman, „Mimoun“, auf Deutsch. Und zeitweise war Rafael Chirbes in Deutschland erfolgreicher als in seinem Heimatland.
Mit diesem ging er stets hart ins Gericht, thematisierte immer wieder, dass Spanien seine Vergangenheit nie offen aufgearbeitet hat, die durch den Bürgerkrieg entstandenen Gräben nur locker zugeschüttet wurden. Auch mit der Nachkriegsgesellschaft kannte er kein Pardon. Die Verlogenheit, der Materialismus der Mittel- und Oberschicht, besonders auch das Umgehen mit dem Wirtschaftsboom und dann der Wirtschaftskrise, in der immer nur die „Kleinen Leute“ die Verlierer waren, vor allem auch die Immobilienblase, die in Spanien besonders ausgeprägt war, waren ihm als altem „Linken“ ein Dorn im Auge.
So wurde er mit seinen Romanen, begonnen mit dem wunderbaren „Die schöne Schrift“ bis zu „Am Ufer“ zum unbestechlichen Analytiker und Chronisten der spanischen Gesellschaft. Dabei verpackte er seine Themen meist in generationenumspannenden Familiengeschichten und wurde mit den Jahren zunehmend komplexer und auch umfangreicher. Trotz der zahlreichen Auszeichnungen, die gerade seine jüngeren Werke bekamen, tat das den Texten nicht immer gut.
Nun erschien aus dem Nachlass ein Werk, an dem Chirbes wohl seit mehr als zwanzig Jahren gearbeitet hatte und das mit nur 160 Seiten an die schmalen Werke seiner Frühzeit anknüpft. Auch thematisch bildet es mit „Mimoun“ eine Art Klammer. Denn es ist wie dieses ein sehr persönliches Buch geworden.
Es spielt in den frühen 90 er Jahren in Paris. Der junge Ich-Erzähler, Sohn aus begütertem Haus und Maler, flieht aus dem für ihn eng gewordenen Madrider Elternhaus in die französische Hauptstadt. Dort lernt er den wesentlich älteren Arbeiter Michel kennen. Die beiden werden ein Paar. Der unkomplizierte Michel fasziniert den Erzähler zunächst durch seine Andersartigkeit, seine Leidenschaftlichkeit, seine ausschweifende Sexualität.
"Ein Typ, dem es genügte, wenn der Lohn bis Monatsende und zum Ausgehen mit dem Freund am Wochenende langte; der zufrieden damit war, durch die Stadt zu streunen, ins Kino zu gehen, in einen Animierclub, zu einem Abendessen, trinken und lachen, sich berühren, Liebeserklärungen abgeben, die mit steigendem Alkoholpegel immer feuriger wurden(…)“
Doch nach und nach sind es gerade diese Dinge und Michels bedingungslose, besitzergreifende Liebe, die den Ich-Erzähler zunehmend erdrücken und schließlich gar abstoßen. Es kommt zum Bruch.
Erzählt wird die Geschichte rückblickend, das Ende vorwegnehmend. Michel ist mittlerweile an einer Krankheit, sie wird nicht ausdrücklich benannt, aber es wird wohl AIDS sein, tödlich erkrankt. Der Erzähler zieht sich noch mehr zurück, benennt auch Widerwillen, Abwehr und Angst.
„Und mich ärgerte die Willfährigkeit, mit der er sich hatte packen lassen, dass er es der Krankheit so leicht gemacht hatte. (…) In jenen Tagen wollte mir der Gedanke nicht aus dem Kopf, dass dieses Übel im Grunde Ausdruck von mangelndem Ehrgeiz, ja sogar von fehlendem Stolz sei.“
In einer grausam genauen Selbstbefragung durchlebt der junge Maler noch einmal die Stationen dieser Liebe, nicht chronologisch, sondern in Erinnerungsbruchstücken, in denen Chirbes Zeit- und Perspektivebenen kunstvoll ineinander verwebt. Zunächst nach einer Selbstrechtfertigung klingend, wird die Analyse immer mehr auch zu einer Selbstanklage. Nachdem der junge Spanier eine Weile bereitwillig in die Parallelwelt der schäbigen Wohnungen, der Alkohol- und Drogenexzesse, des ausschweifenden Sex eingetaucht ist, wird er ihrer doch bald überdrüssig. Die sozialen Schranken, die die beiden Männer voneinander trennen kann auch die Liebe nur schwer überwinden. Bei aller Intimität des Erzählten, kommt bei Rafael Chirbes so doch auch wieder die Klassenfrage zum Tragen, werden soziale Muster aufgezeigt, drängt das Politische ins Private.
Chirbes schreibt ungeheuer intensiv und dicht, unsentimental und kühl, schreckt auch vor expliziten Schilderungen von Sexualität nicht zurück, ohne jemals voyeuristisch zu sein. Er schafft dadurch ein sehr atmosphärisches Buch, das gerade durch seine Offenheit und Wucht sehr zu berühren vermag.
Es ist sehr traurig, dass „Paris-Austerlitz“ das letzte Werk von Rafael Chirbes bleiben wird.

  (87)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(10)

22 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 5 Rezensionen

baseball, maurer, wirtschaftskrise, amerika, amerikanische traum

1933 war ein schlimmes Jahr

John Fante , Alex Capus , Alex Capus
Fester Einband: 144 Seiten
Erschienen bei Blumenbar, 14.11.2016
ISBN 9783351050313
Genre: Romane

Rezension:

Ein kleines Buch kommt groß heraus. Spätestens durch das 4:0 im Literarischen Quartett „geadelt“, bekommt dieses nur 144 Seiten starke Buch, eher eine Erzählung als ein Roman, endlich eine größere Aufmerksamkeit.
Erschienen ist es im Original 1985 posthum und bereits 1986 in deutscher Übersetzung, damals im Eichborn Verlag unter dem Titel „Es war ein merkwürdiges Jahr“. Vielleicht glaubte man, durch das Nennen der Jahreszahl 1933 im deutschsprachigen Raum falsche Assoziationen zu wecken. Auch Fantes andere Werke sind auf Deutsch veröffentlicht worden sind, vorwiegend im Goldmann Verlag. Diese nur noch antiquarisch zu bekommenden Exemplare erzielen mittlerweile hohe Preise, was das Interesse des Lesepublikums wiederspiegelt und hoffentlich zu weiteren Neuauflagen führen wird. Seit 2003 zeichnet der Schweizer Autor Alex Capus für die Übersetzung verantwortlich, so auch für „1933 war ein schlimmes Jahr“.
Darin erzählt uns Dom(inic) Molise aus seinem Leben. Und er startet gleich zu Beginn voll durch:

„Ich war hier in Roper, Colorado, und wurde von Minute zu Minute älter. In sechs Monaten würde ich achtzehn werden und die Highschool abschließen. Ich war vierundsechzig Inches groß und in den letzten drei Jahren kein Stück gewachsen. Ich hatte Säbelbeine und drehte die Füße beim Gehen nach innen. Meine Ohren standen ab wie die von Pinocchio, meine Zähne waren schief, und mein Gesicht war gesprenkelt wie ein Vogelei. Ich war der Sohn eines Maurers, der seit fünf Monaten keine Arbeit mehr hatte. Ich besaß keinen Mantel und trug stattdessen drei Pullover übereinander. Meine Mutter betete seit Wochen eine Serie von Novenen, damit Gott mir einen neuen Anzug für die Abschlussfeier im Juni spendierte.“

Dieser Auftakt erzählt bereits vieles. 1933 war in den USA tatsächlich ein schwieriges Jahr. Die Wirtschaftskrise war auf einem Höhepunkt angelangt, die Arbeitslosigkeit und die damit verbundene Verarmung weiter Bevölkerungskreise enorm, im März ließ Präsident Roosevelt sogar kurzfristig sämtliche Banken schließen, um deren kompletten Zusammenbruch zu verhindern.
Diese harten Zeiten spürt auch die italienische Einwandererfamilie Molise. Der Vater kann sein Handwerk nur im Sommer ausüben, als das Buch beginnt, steckt Roper unter einer tiefen Schneedecke fest.
Der Vater verbringt seine nun üppige freie Zeit fast ausschließlich in der Kneipe beim Billardspiel, offiziell, um damit die Familienkasse aufzubessern, aber da sind offensichtlich auch Frauen mit im Spiel. Er missachtet und betrügt seine eigene Frau, die immer mehr in religiösen Fanatismus verfällt, und interessiert sich kaum für seine vier Kinder. Das (unter anderem) Wunderbare an Fantes Text ist aber, dass dieser Mann eben ein Mensch ist, und nicht nur ein Unsympath. Und so überrascht er den Sohn und den Leser gegen Ende auf das Rührendste.
Auch der Ich-Erzähler Dom ist kein strahlender Held. Außer den bereits eingangs erwähnten körperlichen Unzulänglichkeiten sind ein völlig übersteigertes Selbstwertgefühl, eine völlige Fehleinschätzung seiner Möglichkeiten bei der von ihm angebeteten, sechs Jahre älteren und bildschönen Tochter des reichsten Mannes vor Ort und eine stets lauernde Aggressivität, die auch mal zu Handgreiflichkeiten führt, seine steten Begleiter. Die Aktion, die er zur Verwirklichung seiner Sehnsüchte und Träume durchführt, ist äußerst heikel. Und doch ist er dem Leser zutiefst sympathisch. Vielleicht liegt es daran, dass dieser Dom Molise, wie uns das amüsante und informative Nachwort von Alex Capus verrät, ganz deutliche Züge des Autors selbst aufweist.
Dieser war wohl auch alles andere als ein Kind von Traurigkeit, nutzte die ersten literarischen Erfolge in den 30er Jahren, um damit einen gut bezahlten Brotjob als Drehbuchschreiber in Hollywood zu ergattern, lebte auf großem Fuß. Aus den „Vierzig großen Büchern“, die er ähnlich großspurig wie Dom in sich spürte, wurden so nur acht schmale Werke, von denen nur vier zu seinen Lebzeiten erschienen. 1983 verstarb er, erblindet und seit Jahren an einem starken Diabetes leidend. Die Lebenslust hat ihn wohl bis zum Ende nicht verlassen. Verbittert über den ausbleibenden Ruhm war er wohl schon.
Ist es doch auch der große amerikanische Traum, vom kleinen Mann ganz nach oben, der auch seinen Helden Dominic Molise umtreibt. Denn trotz aller Widrigkeiten besitzt er einen großen Trumpf, „Den Arm“, wie er ihn nennt – er ist ein äußerst begabter Pitcher. Baseball, die wohl amerikanischste aller Sportarten soll ihm Ruhm und Reichtum einbringen. Wie viel dabei völlige Selbstüberschätzung des Ich-Erzählers, wie viel berechtige Hoffnung ist, lässt das Buch angenehm offen. 

„(…)dann weinte ich um meinen Vater und um alle Väter, und um die Söhne auch, dass sie am Leben sein mussten in dieser Zeit. Und dann weinte ich um mich selbst, weil ich jetzt nach Kalifornien gehen musste. Ich hatte keine Wahl. Ich musste es schaffen.“

Es ist ein kleines, feines Buch, das da hoffentlich endgültig wiederentdeckt wurde. Die Geschichte vom großen amerikanischen Traum und den großen Sehnsüchten ist nicht neu. Aber so leicht und tiefgründig, so heiter und ernsthaft wurde sie noch selten erzählt.

  (91)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(3)

5 Bibliotheken, 0 Leser, 2 Gruppen, 2 Rezensionen

literatur, flucht, zweiter weltkrieg

Nichts, um sein Haupt zu betten

Françoise Frenkel , Elisabeth Edl , Patrick Modiano
Fester Einband: 288 Seiten
Erschienen bei Hanser, Carl, 25.07.2016
ISBN 9783446252714
Genre: Biografien

Rezension:

„Aber, Madame, Sie scheinen mir das politische Klima im gegenwärtigen Deutschland nicht zu kennen!“
rief der französische Generalkonsul, die Arme zum Himmel erhoben aus, als ihm Françoise Frenkel ihren Plan, im Jahr 1921 in Berlin eine französische Buchhandlung zu eröffnen unterbreitete. Der Erste Weltkrieg war noch nicht lange beendet, es war die Rede von der „Schmach von Versailles“, die Dolchstoßlegende kursierte und rechte Kräfte rotteten sich bereits zusammen. Die Stimmung in der Stadt und ganz Deutschland war alles andere als frankophil.
„Man wird Ihnen den Laden zertrümmern!“
prophezeite der obige Herr.
Dass es erst viele Jahre später tatsächlich so kommen würde, konnte die geborene Polin und Jüdin Frymeta Idesa Frenkel, die in Paris studierte und Frankreich und seine Literatur über alles lieben lernte, nicht wissen. Und so machte sie sich mit viel Herzblut und Sachverstand an die Gründung der „Maison du livre“, die einst dort stand, wo sich heute das KaDeWe breitmacht. Zunächst von der großen russischen, dem Französischen traditionell zugeneigten Gemeinde frequentiert, wuchs die Kundenzahl der Buchhandlung beständig an und entwickelte sich zu einer Erfolgsgeschichte. Schöne Passagen des Buches widmen sich der Beschreibung dieses Ortes der Literatur und der Bücherliebe seiner Inhaberin.
Schwierig wurde es spätestens 1935, als immer neue schikanöse Bestimmungen den Geschäftsalltag behinderten. Doch Françoise Frenkel harrte, nicht zuletzt durch die Unterstützung des französischen Staats ermutigt, aus. Erst wenige Tage vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs floh sie zurück nach Paris. Laden und Bücher wurden beschlagnahmt.
Nur 9 Monate später musste Frenkel erneut vor den anrückenden deutschen Truppen fliehen. Über Avignon ging es nach Nizza.
Südfrankreich war damals der Fluchtpunkt unzähliger Juden aus ganz Europa. Auch viele Schriftsteller waren darunter und warteten auf die endgültige Rettung. Deshalb sind Zeugnisse, wie z.B. Lion Feuchtwangers „Der Teufel in Frankreich“ oder Anna Seghers Roman „Transit“, nicht rar. Manch Leser wird deshalb vielleicht mit einem „Nicht schon wieder“ über dieses schmale Buch hinwegsehen. Aber abgesehen davon, dass es solche Zeugnisse dieser ungeheuerlichen Zeit gar nicht genug geben kann, ist Frenkels Erinnerungsbuch eben auch etwas ganz Besonderes.
Die Autorin war tief durchdrungen von ihrer Liebe zu Frankreich, seiner Kultur und seinen Menschen. Sie sah dennoch genau hin. So wie sie die allmähliche Verfinsterung in Berlin verzeichnete und doch ihrem Laden, ihren Kunden, den Berlinern bis es gar nicht mehr ging treu blieb, so sah sie trotz all ihrer Sympathie doch auch die Kollaborateure unter den Franzosen, diejenigen die sich aus niedriger Gesinnung, zum persönlichen Vorteil oder oft auch einfach nur aus Gedankenlosigkeit gemein machten mit den deutschen Besatzern. Aber eben auch die vielen uneigennützigen Helfer, die wie das Friseur-Ehepaar Marius unter Gefährdung des eigenen Lebens halfen und Frenkel nach einer Razzia in ihrem Hotel, der sie nur durch Zufall entging, Zuflucht anboten, Unterschlüpfe organisierten. Deshalb war die Intention der Autorin auch klar:
„Es ist die Pflicht der Überlebenden, Zeugnis abzulegen, damit die Toten nicht vergessen, noch Hilfsbereitschaft und Aufopferung Unbekannter missachtet werden“.
Mit Hilfe dieser Menschen ist Françoise Frenkel nach zwei missglückten Versuchen, Verhaftung und Internierung in Annecy, schließlich doch die Flucht in die Schweiz gelungen. Ein Schweizer Visum hatten ihr Freunde mehrmals besorgt. Dort am Vierwaldstädter See schrieb sie 1943-44 diese Erinnerungen nieder.
„Ich widme dieses Buch den MENSCHEN GUTEN WILLENS, die hochherzig, mit unermüdlicher Tapferkeit, ihren Willen der Gewalt entgegengestellt und Widerstand geleistet haben bis ans Ende.“
Man merkt diesem Erlebnisbericht, denn das ist er in erster Linie, wenn auch manche Beschreibungen durchaus literarisch sind, an, dass er schnell, unter dem Eindruck der unmittelbaren Ereignisse niedergeschrieben wurde. Es fehlt manchmal der Gesamtblick, der uns als Nachgeborenen natürlich gegeben ist. Dafür schildert Françoise Frenkel sehr eindrücklich den Flüchtlingsalltag. Etwas, das, wenn auch unter anderen Kontexten, anderen Dimensionen, leider auch mehr als siebzig Jahre nach den geschilderten Ereignissen in so vielen Teilen der Welt aktuell ist. Sie malt auch ein authentisches, informatives Panorama des damaligen Vichy-Frankreichs. Und singt ein Loblied auf all die uneigennützigen Helfer, die es trotz allem gab.
Das Buch erschien erstmals 1945 in einem Schweizer Verlag, blieb aber weitestgehend unbekannt. Die Geschichte seiner Wiederentdeckung ist für sich interessant. Durch Zufall auf einem Trödelmarkt in Nizza entdeckt und einem Verlag anempfohlen, war es ausdrücklich eine französische Bloggerin, die die Autorin über ihr blog im Netz bekannt machte. Nicht zuletzt war es auch das Interesse des Nobelpreisträgers Patrick Modiano, das dem Buch zu Gute kam. Er steuert ein Vorwort bei, und wer das Werk Modianos kennt, kann nicht verwundert sein, dass dieses Buch ihn ansprach. Die Kriegs- und Nachkriegsjahre, dieses französische Grenzgebiet zur Schweiz, die immer wieder auch in seinen Büchern auftauchen, aber auch die leicht geheimnisumwitterte Figur der Autorin, von der es offenbar kein einziges Foto gibt und über deren weiteres Leben nur bekannt ist, dass sie 1958 in Berlin einen Wiedergutmachungsantrag stellte und 1975 in Nizza verstarb, passen zu Modiano. So stellt er auch zu Recht die Frage, warum Frenkel in ihren Aufzeichnungen mit keinem Wort ihren Ehemann Simon Raichenstein erwähnt, mit dem sie bis 1933 die Buchhandlung gemeinsam betrieb bevor dieser nach Paris zurückkehrte und 1942 in Auschwitz ermordet wurde. Auch viele andere Details über ihr Leben, zum Beispiel ihre Familie, ihre Kindheit in Polen bleiben unerwähnt.
Aber Françoise Frenkel wollte vielleicht einfach nur, gemäß ihrer Widmung, ein Erinnerungsbuch an diese schreckliche Zeit schreiben. Und vielleicht waren die Wahrheiten, die nach 1945 immer deutlicher wurden in ihrer Ungeheuerlichkeit, so groß, dass auch diese Autorin davor verstummte.
Wir können es nicht wissen. Aber wir können dieses bewegende und fesselnde Zeitdokument lesen. Immer wieder und gerade heute, wo die Generation der Zeitzeugen so langsam verschwindet.

  (57)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(12)

20 Bibliotheken, 0 Leser, 1 Gruppe, 5 Rezensionen

unausgesprochenes, nachkriegszeit, heirat, deutschland, leben

Schnell, dein Leben

Sylvie Schenk
Fester Einband: 160 Seiten
Erschienen bei Hanser, Carl, 25.07.2016
ISBN 9783446253315
Genre: Romane

Rezension:

„Deine Kindheit ist eine kaum verblasste Musik. Man kann die Noten hintereinander staccato anklopfen oder jeder Zeit lassen, sich zu einer gebundenen Melodie auszudehnen.“

Sylvie Schenk macht in ihrem autobiografisch geprägten Roman eher ersteres: in 34 kurzen Kapiteln mit ebenso kurzen prägnanten Überschriften (Mädchen, Die Moral, Die Natur etc.) bei gerade mal 160 Seiten komprimiert sie ein Leben in eindringliche Szenen. Und dennoch gelingt ihr zugleich zweites, denn die kleinen Mosaiksplitter, die sie aus dem Leben Louises erzählt ergeben insgesamt ein zwar verdichtetes, aber eben auch rundes Bild auf ein Leben und eine bestimmte Epoche unserer Geschichte.
Louise, Schenks Alter Ego, wächst in den 50er Jahren in den französischen Alpen auf, eng verbunden mit der Natur. Der Vater scheint ein eher grämlicher Zahnarzt gewesen zu sein, die Mutter eine sanfte, zurückhaltende Frau, die den Mann stets um Haushaltsgeld bitten musste und sehr unter der Zurückweisung durch dessen begüterte Familie litt. Sie stammte zwar auch aus „Gutem Haus“, war aber „nur“ Adoptivkind. Die Eltern stritten oft, worauf ihre von den Eltern abgelehnte Ehe gründete, erschließt sich kaum.
Louises Kindheit war keine unglückliche, dennoch wurden ihr früh einige Härten klar. Neben den unglücklichen Eltern hatte sie früh einen Blick auch für soziales Elend, erzählt von der

„Schlucht, in die die Menschen springen, wenn sie ihr Unglück nicht mehr ertragen können. Das Unglück heißt Armut, Hunger, Schmutz, Gewalt, Kälte, vor allem Kälte.“

Auch „die autoritäre Welt der Erwachsenen und die drohenden, schwarzen Gestalten der Schule“ waren ihr schon als Kind bewusst, ebenso ihr Wunsch, lieber ein Junge als ein benachteiligtes Mädchen zu sein.
Louise geht zum Studium nach Lyon und lernt dort eine bunt gemischte Gruppe junger Leute kennen – Francine, mit der sie eine lebenslange Freundschaft verbinden wird, der Chinese Soon, der deutsche Pharmazie-Student Johann und der düstere, faszinierende Henri, dessen Eltern als Partisanen während der Besatzungszeit von den Deutschen ermordet wurde.


Damit kommt eines der großen Leitthemen dieses Lebens und dieses Buches auf: das nach dem Krieg schwierige Verhältnis zwischen Frankreich und Deutschland, die vorsichtige, aber entschlossene Wiederannäherung, die zu einer verlässlichen Völkerfreundschaft und stabilen Partnerschaft führte. Ein Prozess, der gerade heute, wo er als so selbstverständlich und oft genug gering geachtet wird, gar nicht ausreichend gewürdigt werden kann.
Denn trotz großer Anziehung zwischen Henri und Louise entscheidet sie sich letztendlich für den zuverlässigen, heiteren Johann und zieht mit ihm nach Deutschland.
„Du hast dich immer so gefühlt: als nicht dazugehörend. (…) Ein Fuß drinnen, ein Fuß draußen, dazugehören, aber doch anders sein.“
Louise wird Lehrerin, bringt Zwillinge zur Welt, wundert sich manches Mal über die deutsche Lebensart und bei ihrem Mann über „seine von dem Vaterland unterdrückte Lebenslust“

„Erst die Arbeit, dann das Vergnügen, das ist seine so deutsche Devise.“


Viele Klischees vom düsteren Deutschen und der Leichtigkeit der Franzosen tauchen auf. Die 50er und 60er Jahre waren aber auch voll davon.
Und das Düstere liegt auch auf Johanns Familie, so wie es aber auch auf der Louises lag. Sprach man dort niemals von der Herkunft der Mutter, so wird hier überhaupt viel geschwiegen. Das Schweigen lastet schwer, wie wohl in der Nachkriegszeit auf den meisten deutschen Familien. Und auch hier lauert ein wohlgehütetes Geheimnis, wie so oft die Taten von Johanns Vater im Zweiten Weltkrieg betreffend. Dessen Lüftung bringt schließlich auch Johann und Louise näher zusammen. So sind die letzten Abschnitte des Buches ihm gewidmet.


Keine wirklich neue Geschichte. Sie wird sich so oder ähnlich unzählige Male abgespielt haben, wenn auch vielleicht ohne den Deutsch-Französischen Hintergrund. Dennoch ist Sylvie Schenk ein besonderes buch gelungen.
Das liegt zum einen an der Klarheit und Ruhe, mit der die Autorin erzählt, diskret, fast alles schmückende Beiwerk vermeidend und gerade dadurch eine sehr eindringliche Kraft und Intensität entwickelt.
Es ist ferner der Blickwinkel der Erzählerin als Französin in Deutschland – fremd und doch vertraut.
Und schließlich ist es natürlich die besondere Erzählperspektive, die Sylvie Schenk wählt: Es ist die zweite Person Singular – Du. Wie schon der Titel verrät, spricht die Erzählerin die Protagonistin mit Du an, und meint doch sich selbst. Ein Selbstgespräch, eine gewählte Halbdistanz, die, wie die Autorin im Gespräch verriet, nicht geplant war, sondern sich so ergeben hat, da alles andere falsch klang.
Ihr gelingt mit „Schnell dein Leben“ ein ergreifender und nachhallender Blick auf diesen Augenblick, den wir Leben nennen.

„Und ich habe euch alle erkannt, dich, Francine, Johann, Henri und weiter Menschen, die in Les Deux Pianos verkehrt hatten und die längst aus unserem Leben verschwunden waren (…). Der Regen, den wir zuerst alle jubelnd empfingen, wurde immer heftiger (…) und fühlte, wie dieser Regen in einen heftigen Sturm überging, sich zu einem Wirbelsturm erhob, sich zu einer Sintflut steigerte, und wusste, dass mein Leben, unser Leben, so kurz das Leben, zu Ende war.“

  (82)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(22)

50 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 9 Rezensionen

kronanwalt, britisches empire, london, lebensschicksale, liebe eifersucht

Letzte Freunde

Jane Gardam , Isabel Bogdan
Fester Einband: 240 Seiten
Erschienen bei Hanser Berlin, 10.10.2016
ISBN 9783446252905
Genre: Romane

Rezension:

Es ist wieder eine Beerdigung, die den Ausgangspunkt des Abschlussbandes der „Old-Filth-Trilogie“ von Jane Gardam bildet.
Nach Betty Feather und wenige Jahre danach Terry Veneering ist nun Old Filth selbst, der ehemalige Kronanwalt Edward Feathers bei einem Besuch in seiner alten Heimat Malaysia ums Leben gekommen.
Seine Kindheit als Raj-Waise, sein zunächst unglückliches Aufwachsen in einer Pflegefamilie in England, seine glückliche Ausbildung in „Sirs“ Schule, seine Studien, die Ehe mit Betty und die langen Jahre in Hongkong, schließlich die Rückkehr ins beschauliche Dorset und der dortige Lebensabend waren Teil der ersten beiden Bände . Waren es in ihnen bereits die unterschiedlichen Perspektiven, der gänzlich andere Blick auf dieselben Begebenheiten, die immer wieder neue Aspekte und ganz andere Wahrheiten zutage förderten, setzt Jane Gardam dies in diesem dritten Band fort.
Munter springt sie wie gewohnt in Vor- und Rückblenden durch Zeit und Ort, variiert Tempo und Rhythmus und durchaus auch mal die Erzählform. Das geschieht aber so gekonnt und unspektakulär wie die ganze Geschichte daherkommt. Die Figuren sind durch die letzten beiden Bücher so vertraut geworden (dabei sind beide genauso schmal wie der vorliegende Band), dass man sie zu kennen glaubt, sie erscheinen so real, dass man der Autorin auch schier Unglaubliches bereitwillig abkauft, z.B. die Anhäufung von durch ihre Geschichte lose verbundene Personen in demselben kleinen Ort in Dorset.
Es sind vor allem die ehemaligen – und „Letzten Freunde“ Dulcie und Fiscal-Smith, die hier Raum bekommen. Sie waren zuvor eher Nebenfiguren, ein vorsichtiges Rückblättern (das ebook macht es möglich), wie oft sie tatsächlich bereits in Band 1 und 2 auftauchten – im wahrsten Sinne aber Randfiguren.
Hier lernen wir sie näher kenne, beide bereits in sehr weit fortgeschrittenem Alter und mit allerhand Absonderlichkeiten und Macken gesegnet. Jane Gardam stellt sie uns mit schonungsloser Ironie, aber auch sehr warmherzig vor. Sie entblößt diese Menschen, die doch alle so sehr um die äußere Form bemüht sind, so „very british“, nie ganz, greift aber immer zum stets leicht schwarzen Humor (wohl auch „very british) und dem von ihr so gepflegten Wortwitz (wie immer wunderbar übertragen von Isabel Bogdan).
Neben Dulcie und Fiscal-Smith ist es aber der verstorbene Terry Veneering, auf den hier noch einmal ein besonderes Licht geworfen wird. Der im ersten Band, der aus der Sicht von Edward Feathers geschrieben ist, stets leicht zwielichtig erscheinende, großspurig auftretende Erzrivale, der im zweiten, „Bettys“ Band als bewunderungswürdig und liebevoll beschriebene Mann, zeigt sich hier erneut von einer anderen Seite. Die Armut und Tristesse seiner Kindheit wird erzählt, seine Einsamkeit, seine unglückliche Ehe, der Verlust seines Sohnes.
Das alles in der von Jane Gardam so meisterhaft beherrschten kunstvollen Verknappung – auch „Letzte Freunde“ umfasst gerade mal 240 Seiten.
Die Old-Filth-Trilogie gibt sich als Abgesang auf das British-Empire, dessen Nachhut so langsam aber sicher wegstirbt. Dass sie so hoffnungsfroh endet, ist irgendwie tröstlich.
Einige Kritiker bemängeln den vorliegenden letzten Teil als den schwächsten. Sicher fehlt die überraschende Neuheit des „Untadeligen Mannes“, aber davon abgesehen ist „Letzte Freunde“ wieder ganz auf dessen Höhe. Auch wenn dieser und „Eine untreue Frau“ nicht zwingend vorausgesetzt sind, empfiehlt es sich dringend, alle drei Bände in ihrer Reihenfolge zu lesen.

  (69)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(47)

91 Bibliotheken, 3 Leser, 0 Gruppen, 25 Rezensionen

embryo, drama, mord, hamlet, london

Nussschale

Ian McEwan , Bernhard Robben
Fester Einband: 208 Seiten
Erschienen bei Diogenes, 26.10.2016
ISBN 9783257069822
Genre: Romane

Rezension:

Ein (weiteres) Shakespeare-Jahr neigt sich dem Ende. Auch jenseits des Biografischen oder der Neuauflagen hat es in der Welt einige Früchte getragen.
Die Hogarth Press hat ein sehr interessantes Projekt gestartet und englischsprachige Bestsellerautoren angeregt, moderne Versionen berühmter Shakespearestücke zu verfassen. Gestartet ist es mit Jeanette Wintersons Fassung des „Wintermärchens“ und hat mittlerweile Romane von Howard Jacobson, Anne Tyler und Margaret Atwood veröffentlicht. Bis März 2018 sollen drei weitere Bände erscheinen.
Für Mai 2021 ist dann der Abschluss geplant. Gillian Flynn, eigentlich als Thriller-Autorin bekannt (Gone Girl) beendet die Reihe mit ihrer Version des großen Trauerspiels „Hamlet“.
Auch Ian McEwan hat sich den Hamlet als Inspiration für seinen neuen Roman „Nussschale“ gewählt und macht daraus auch keinen Hehl. Bereits das vorangestellte Motto bezieht sich auf dieses großartige Drama.
Hier wie da wird eine Kriminal- und Liebesgeschichte mit großen philosophischen Fragen verwoben, herrschen Dramatik und große Gefühle, Irrungen und Intrigen.
Ian McEwans Roman setzt allerdings früher ein, der Mord am Vater durch dessen Bruder im Verein mit der ehebrecherischen Mutter ist noch nicht geschehen, sondern wird gerade geplant. Völlig ungewöhnlich ist die Erzählperspektive: es ist ein Fötus, kurz vor seiner Geburt, der das Komplott gegen seinen Vater quasi „erlauscht“. Seine untreue, leichtlebige und launenhafte Mutter ist dem reichlich tumben Schwager wegen dessen Virilität nicht zuletzt im Bett verfallen. Trudy und Claude, auch hier wieder die deutlichen Reminiszenzen an Shakespeare (Gertrude und Claudius). So können wir getrost den Ich-Erzähler als noch ungeborene Hamlet-Verkörperung nehmen. Sinnt er zunächst noch auf Tatvereitelung, was ihm aufgrund seines beschränkten Handlungsradius natürlich nicht gelingen wird, so ist es dann Rache, die er ersinnt. Aber auch er ist ein Zweifelnder, ein Zögernder, gerade wie sein berühmtes Vorbild. So gelingt es Ian McEwan allerhand philosophische Überlegungen (ja, selbst ein „Sein oder Nichtsein“ wird erwogen) in die durch die weit fortgeschrittene Schwangerschaft nur noch sehr begrenzte Handlung einzustreuen. Auch Gedanken zur allgemeinen Weltlage, der Flüchtlingsproblematik, der Finanzkrise, über religiöse Fanatisierung und die zu befürchtende Klimakatastrophe werden vom Ungeborenen formuliert.
Das klingt reichlich aberwitzig und ist es natürlich auch. Als Leser muss man sich völlig verabschieden von jeglicher Plausibilität oder jedem Realitätsanspruch. Zunächst scheint es, dass McEwan gerade dies dem Leser unterschieben will, indem er vom häufigen Hören bildender und informationsgesättigter Radiosendungen erzählt. Was anfangs etwas bemüht, wenn nicht sogar widersinnig störend empfunden werden kann, erweist sich dann aber immer mehr als ein Autor, der sich über seine eigene Erzählperspektive lustig macht, vielleicht auch dem Leseranspruch auf Realitätsnähe und Authentizität ein Schnippchen schlagen will.
Lässt man sich auf diese abenteuerliche Konstruktion einmal ein, hat man zunehmend Spaß an diesen altklugen Überlegungen zum Sein und der Welt, erlebt ein naturbedingt sehr konzentriertes Kammerspiel und sogar einen leidlich spannenden Krimiplot.
Immer ist dieser selbstironische innere Monolog aber intelligent und unterhaltsam, gespickt mit allerhand zutreffender, wenn auch nicht direkt subtil vermittelter Zeitkritik und philosophischen Grübeleien. Manchmal ein wenig albern, meist aber richtig lustig.
Kein wirklich großes Buch, aber eine gelungene Fingerübung und Spielerei.

  (42)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(4)

5 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 4 Rezensionen

roman

Der Scheik von Aachen

Brigitte Kronauer
E-Buch Text: 408 Seiten
Erschienen bei Klett-Cotta, 24.09.2016
ISBN 9783608100365
Genre: Romane

Rezension:

„Der Scheik von Aachen“ – zunächst einmal ein ziemlich ungewöhnlicher Titel, der sich aber schon mit dem Blick auf den Klappentext erklärt: Es ist Wilhelm Hauffs Märchenzyklus „Der Scheik von Alessandria“, der dem neuen Roman von Brigitte Kronauer bei der Namensgebung Pate stand.
Hauff erzählt darin von eben jenem besagten Scheik, dessen geliebter Sohn eines Tages entführt wird. Der Herrscher stürzt daraufhin in große Trauer. An jedem Jahrestag entlässt er daraufhin Sklaven in die Freiheit. Nicht ganz uneigennützig, denn bevor sie gehen, müssen sie ihm eine Geschichte erzählen. Ein Erzählen wider die Trauer und den Schmerz.


In Kronauers Text ist es Anita Jannemann, die, nach Jahren in Zürich gerade wegen einer neuen Liebe in ihre Heimatstadt Aachen zurückgekehrt ist, die dieses Erzählen übernimmt.
Die alte Tante Emmi lebt seit dem Tod ihres Sohnes Wolfgang, als dieser zwölf Jahre alt war, in tiefer Trauer. Eine Trauer, die aber niemals angesprochen werden durfte. Selbst die Erwähnung von Wolfgang war tabu.

„Schon bei dem Wort ‚Hofgang‘, sogar bei ‚Walfang‘, wurde man rot vor Schreck.


Nun ist auch Emmis Mann schon lange tot, eine resolute Polin kümmert sich um Tante und Haushalt und führt ein strenges Regiment. Anitas Besuch zum Tee am Samstagnachmittag werden zur Institution, an der über Gott und die Welt, Anitas Liebe zum kernigen Hobbybergsteiger Mario, ihren Job im Devotionalienhandel des undurchsichtigen Herrn Mahrzahn und die Nachbarn ringsum geplaudert wird. Ein wenig Klatsch und Tratsch gegen die Zumutungen der Welt. Nur über den großen Verlust, der auch Anita betrifft, trägt sie doch seitdem eine heimliche Schuld mit sich herum, wurde sie doch danach quasi als „Ersatzkind“ immer wieder zu Tante und Onkel geschickt (und las sie doch gerade als die Unglücksnachricht eintraf den „Scheik von Alessandria), über diesen tragischen Unglücksfall darf nicht gesprochen werden. Zumindest von Anita nicht.


Weite Teile des Buches sind diesen Besuchen und Gesprächen gewidmet. Sie sind spitzzüngig und anspielungsreich, spöttisch und zugleich warmherzig und boshaft. Genauso wie Anitas Selbstdurchleuchtung. Anita ist genau wie das gesamte Personal reichlich schrullig. Die Liebe ist das zentrale Element in ihrem Leben, war sie doch nach eigenen Angaben fast ohne Unterbrechung immer verliebt, nur halt nie für lange.


„Denn jedesmal gab es schon bald etwas Quälendes. Was ich so brennend wünschte, wurde nicht erfüllt. Deshalb musste ich weiter.“


Auch Mario wird ziemlich bald aus ihrem Leben verschwinden.
Überhaupt ist das Buch angefüllt mit Verlusten und der Trauer darum. Neben Emmi und Anita gibt es da noch einige Männergestalten, allesamt Witwer. Bestehende Beziehungen sind zunächst nicht vorgesehen, im Laufe des Buches werden aber welche entstehen.


Insgesamt passiert wenig in diesem Roman, viel wird geredet, in der eigenen und der Seele anderer geforscht, Erinnerungen getauscht. Es geht um die Macht des Erzählens, der Sprache, der Legenden, um Verlust, Trauer und die Liebe.
Und die beherrscht Brigitte Kronauer aufs vortrefflichste. Wortwitz und brillante Formulierungen zuhauf. Eine zweite Erzählstimme fällt immer wieder dazwischen, kommentiert, liefert Informationen. Schon zu Beginn meldet sie sich:


„Schon drängen sich drei Fragen auf. Vor wem fürchtet sich Anita? Vor Emmi. Zu wem spricht sie? Zunächst zu sich, dann zu Ihnen, jawohl, zu Ihnen, auch wenn Sie für Anita noch viel fiktiver sind als umgekehrt. Für wen schneidet sie das Fleisch? Für ein Gulasch.“


Auch die leicht spillerige Tante Emmi fährt öfter mal auf nicht ganz dezente Art dazwischen:

„“Brr!“ ruft Emmi. “Schluss und punktum mit dem Stuss! Warum peinigst du mich mit Scheißdreck? (…) Sofort aufhören mit dem Blödsinn!“

Brigitte Kronauer vereinigt so Tragik und Komödie. Der Text bekommt etwas Burleskes.

Das ist vielleicht mit ein Grund, warum mich der Roman trotz aller Kunstfertigkeit nicht wirklich erreichen konnte, mir gegen Ende sogar Unbehagen bereitet hat. Die Charaktere haben mich niemals wirklich eingeladen, sie zu verstehen, gar mitzufühlen, Anteil zu nehmen. Sie blieben für mich Figuren, die auf ihrer Bühne auf- und wieder abtraten. Und bei aller Originalität und allem Können der Autorin ein tiefes Gefühl der Unzufriedenheit zurückließen.  

  (62)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(65)

201 Bibliotheken, 14 Leser, 2 Gruppen, 45 Rezensionen

usa, geister, mutter, nathan hill, chicago

Geister

Nathan Hill , Werner Löcher-Lawrence , Katrin Behringer
Fester Einband: 864 Seiten
Erschienen bei Piper, 04.10.2016
ISBN 9783492057370
Genre: Romane

Rezension:

Wähle dein eigenes Abenteuer
Der kleine Samuel hat diese Bücher geliebt. Konnte man doch an entscheidenden Schnittstellen als Leser entscheiden wie es weiter ging, notfalls zurückblättern und doch die andere Abzweigung wählen. Jedes Mal ergab sich eine andere, aber jedes Mal sinnvolle Geschichte.
Schon sehr bald dämmerte es ihm aber, dass es im realen Leben nicht immer so einfach läuft. Dass man nicht immer die freie Wahl besitzt, Entscheidungen zu treffen, geschweige denn, einmal getroffene problemlos zu revidieren. Sehr oft ist man noch nicht einmal in der Lage, Einfluss zu nehmen auf Dinge, die doch das ganze eigene Leben prägen werden
Zum Beispiel damals, als Samuel elf Jahre alt war und seine Mutter die Familie verließ, ohne sich noch einmal zu melden. Ein Erlebnis, das den Jungen natürlich sein ganzes Leben prägen sollte. Wie hätte er als Kind sein sollen, müssen, damit seine Mutter ihn nicht verließ? Sein Bestreben, seine Karriere als (gescheiterter) Buchautor und Literaturprofessor, fast seine ganze Existenz hatte immer, wie nebenbei, die Frage laufen: „Was sagt seine Mutter dazu, wenn sie ihn so sieht?“ Da hilft auch all die Wut und vorgetäuschte Gleichgültigkeit gegenüber der Verlassenden nichts.
Seit seinem elften Lebensjahr kein Kontakt, kein Lebenszeichen von der Mutter. Im Universitätsalltag zunehmend genervt von ignoranten, leistungsunwilligen, nur auf Noten und Karriere bedachten jungen Menschen
„So viel Sprache erschöpfte die Studenten.“
Im Privatleben ohne engere Beziehungen und regelmäßige soziale Kontakte, flüchtet sich Samuel immer häufiger in das Onlinespiel „World of Elfscape“ (Escape?). Lange Abschnitte im Buch sind diesem Abtauchen in eine imaginierte Welt voller Abenteuer, Anerkennung, Belohnung und Solidarität gewidmet. Auch als Spieleabstinenzler bekommt man einen guten Einblick in die Faszination, die diese Parallelwelten ausüben.
In dieses eher öde Leben platzen zwei Dinge. Einmal die Auseinandersetzung mit einer entschlossenen Studentin, die Samuels Betrugsvorwurf bei einer Semesterarbeit nicht auf sich sitzen lassen möchte.
Und, für Samuel deutlich erschütternder, der Anruf eines Anwalts seiner Mutter. Diese ist nach dem tätlichen Angriff auf den Gouverneur Packer ein Medienstar, der „Packer-Attacker“, und wegen einer terroristischen Handlung angeklagt. Die Begegnung mit seiner Mutter verläuft für Samuel sehr unbefriedigend und bringt Dinge ans Licht, die für ihn überraschend sind. Da Mutter Faye sich nicht dazu äußern will, macht er sich selbst daran, Informationen zu bekommen. Dabei taucht er weit in die Vergangenheit von Faye, ihre Kindheit im ländlichen Iowa, ihre kurze Zeit an der Chicagoer Universität während der sie in die dortigen Studentenunruhen verwickelt war, und ihre Vernunftehe mit Samuels Vater Henry. Auch in seine eigene verlassene Kindheit und die Jugend, die durch die Freundschaft zum eigenwilligen Bishop und der unerfüllten Liebe zu dessen Zwillingsschwester Bethany geprägt war, taucht er dabei mehr und mehr ein.
Wie die Zusammenfassung der Handlung zeigt, spielt das Buch auf verschiedenen Zeitebenen. Die Gegenwartsebene ist dabei das Jahr 2011, die Studentenunruhe datieren zurück ins Jahr 1968 und Fayes Kindheit liegt in den 50er und 60er Jahren.
Nathan Hill schafft ein beeindruckendes Gesellschaftsporträt der USA dieser Zeit. Die Fülle an Themen, die er anschneidet, die Kritik, die immer wieder an bestimmten Phänomenen geübt wird, ist kaum überschaubar.
Zentral steht aber die Medienkritik, sei es an der reißerischen Aufmachung rund um Fayes (eigentlich harmlosen) Angriff, sei es das fast leitmotivisch im Text immer wieder auftauchende Lied „You have got to represent“ des neuesten Popsternchens, dessen Botschaft „Das Leben ist super!“ vom Publikum allzu gerne gehört wird. Herrscht doch so oft nur Trostlosigkeit.
„Kaum dass sie den Fernseher einschalteten, sahen sie in den Nachrichten Bilder von einer weiteren verdammten humanitären Krise, von einem weiteren gottverdammten Krieg an einem gottverlassenen Ort, sahen Bilder von verwundeten Menschen und hungernden Kindern und empfanden eine schreiende, bittere Wut auf diese Kinder, weil sie in die einzigen Momente der Entspannung eindrangen und die wenige Zeit zerstörten, die ihnen vom Tag noch blieb.“
Überraschend aktuell ist auch das Licht, das auf den amerikanischen Wahlkampf geworfen wird.
„Darauf durfte sich die Nation freuen: zwölf Monate mit Wahlkampfreden, Entgleisungen, Werbespots und Attacken, mit qualvoller, ans Unmoralische grenzender Dummheit. (…) Millionen und Abermillionen Dollar wurden dafür ausgegeben, das sowieso Unausweichliche zu erreichen – dass die Wahl am Ende durch eine Handvoll Wechselwähler in Cuyahoga County im Bundesstaat Ohio entschieden wurde.“
Nicht immer ist Hill so deutlich. Viele Themen werden auch nur angerissen, eher oberflächlich abgehakt. Tiefer schürfende Betrachtungen oder subtilere Beschäftigung mit Gegenwartsphänomenen darf man eher nicht erwarten.
Dafür wartet der Autor immer wieder mit einem grandiosen Humor auf und schafft auch interessante Nebenfiguren. Neben der skrupellosen Studentin Laura ist das vor allem der erfolgreiche Marketingmann und Verleger Periwinkel, dem Hill so manche drastische und nicht gerade sympathische Aussage in den Mund legt. So zum Beispiel:
„Für den Fall, dass es Ihnen noch nicht aufgefallen ist, die Welt hat sich von der alten Vorstellung der Aufklärung, dass man sich die Wahrheit durch Weltbeobachtung zusammenstückeln könnte, so gut wie verabschiedet. Die Wirklichkeit ist viel zu kompliziert und schrecklich geworden. Es ist weit einfacher, alles zu ignorieren, was nicht in Ihre vorgefasste Meinung passt und stattdessen zu glauben, was Sie in Ihrem Denken bestätigt.“
„Wir sind politisch und religiös fanatischer denn je, weit rigider in unserem Denken und immer weniger empathiefähig.“
Trotz all dieser gut in die Handlung integrierten Gesellschaftskritik ist allerdings ein anderer Punkt weit bedeutungsvoller für den Roman. Es geht auch und vor allem, wie zu Beginn dieser Rezension angesprochen, um die Entscheidungen, die wir immer wieder in unserem Leben treffen müssen. Um die Unausweichlichkeit, die Bedeutung, die sie auch für das Leben anderer besitzen, aber auch wie wenig wir manchmal auch tatsächlich die Wahl besitzen. Und es geht um das Elefantengleichnis Buddhas, das dem Buch vorangestellt ist.
Darin geht es um einen König, der Blindgeborene jeweils einen Teil eines Elefanten fühlen lässt und sie dann danach fragt, wie der Elefant aussieht. Da jeder etwas anderes erfühlt hat, geraten die Blinden in einen erbitterten Streit. Für Faye und jeden an sich selbst Zweifelnden gilt,
„…dass es nicht das eine wahre Ich gibt, das sich hinter den vielen falschen Ichs versteckt. (…) Es war nicht ihre Blindheit, sondern dass sie sich zu früh zufrieden gegeben haben und damit nie erfuhren, dass es eine größere Wahrheit gab.“
Nathan Hill schafft es, diese Themenfülle in einen gut lesbaren, stellenweise witzigen, kritischen und geschickt konstruierten Roman zu packen. Er spielt mit unterschiedlichen Erzählstilen und vielleicht spielt er am Ende sogar mit den Lesern. Was er nämlich da zum Schluss hinlegt, ist ein veritables Happy-End, dass es kracht. Man ist fast versucht, es ein wenig seicht zu nennen, wenn da nicht der Verdacht des Spiels wäre. Und wenn nicht, dann ist es eben sehr amerikanisch, dieses versöhnliche Ende. Nathan Hill hat einen 860 Seiten starken Debütroman hingelegt, der über weit mehr als ¾ prächtig und intelligent unterhält. Da schlägt das Ende nicht so sehr zu Buche.

  (82)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(6)

25 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 3 Rezensionen

Licht und Zorn

Lauren Groff , Stefanie Jacobs
Fester Einband: 432 Seiten
Erschienen bei Hanser Berlin, 22.08.2016
ISBN 9783446253162
Genre: Romane

Rezension:

„Zorn ist mein Nachtmahl: so mich selbst verzehrend,
verschmacht ich an der Nahrung.“

Ein Zitat aus Shakespeares „Coriolanus“, das im hintersten Viertel von Lauren Groffs Roman „Licht und Zorn“ auftaucht und für mich genauso für den gesamten Text steht wie der Titel.


Es ist ein unbändiger Zorn, der am Anfang mehr erahnt werden muss, kurz aufblitzt, aber spätestens in der zweiten Hälfte immer mehr Herrschaft gewinnt, über die Seiten, die Personen, das Geschehen. Woher dieser Zorn stammt, sei hier nicht näher verraten, er ist Teil der überraschenden Wende, die die Geschichte im Verlauf nimmt.
Der Zorn ist vom Ausmaß einer antiken Tragödie, auf die im Text auch immer wieder einmal angespielt wird und die im amerikanischen Originaltitel ihren Niederschlag findet. „Fates and furies“ heißt es da, man könnte es übersetzen mit „Schicksale und Zorn“ und wäre damit näher beim deutschen Titel. Gemeint sind aber wohl eher die Parzen (Fates) und die Furien, römische Schicksals- und Rachegöttinnen. Trotzdem ist der deutsche Titel gut gewählt, denn neben dem Zorn ist das Licht, das Strahlende, ja auch das Unbekümmerte Teil dieses komplexen Romans.

Doch von was wird eigentlich erzählt?

„“Welch Dunkel hier!“ singt Florestan in Beethovens Fidelio, einer Oper über eine Ehe.“

Es ist eine Ehegeschichte, die hier vor uns ausgebreitet wird. Lancelot Satterwhite, selbstbewusster, gut aussehender Spross einer äußerst wohlhabenden Familie aus Florida, dem Zeit seines Lebens nicht nur alle Steine aus den Weg geräumt, sondern auch eine glänzende Zukunft vorausgesagt wurde, steht für das Licht. Das Licht, das er in jeder Gesellschaft, in jeder Situation um sich herum zu verbreiten scheint. Kein Kind von Traurigkeit, ein wahrer „Womanizer“, schnappt sich jede Frau, die er kriegen kann, und derer sind es wahrhaftig nicht wenige. Dabei strahlt er aber eine kindliche Naivität aus, ein Grundvertrauen in eine Welt, die sich ausschließlich um ihn zu drehen scheint. 

„Jeder verhielt sich freundlich und gefällig, und in Ermangelung anderer Vorbilder bemühte sich Lotto ebenfalls um Freundlichkeit.“

Dabei hat auch er dunkle Zeiten erlebt, als sein Vater viel zu früh und überraschend verstarb. Die Beziehung zu seiner Mutter wurde dadurch enger, aber auch deutlich komplizierter, spätestens als Lotto sich mit „falschen Freunden“ abgab, mit Mädchen, mit Drogen experimentierte. Die Verbannung auf ein weit entferntes College war die Folge.

Auf einer Uni-Fete trifft Lancelot, Lotto genannt, Ende der Achtziger Jahre auf Mathilde, eine zurückgezogene, leicht rätselhafte Schönheit, anscheinend ohne jegliche Familie. Ein „Coup de foudre“, zwei Wochen später wird geheiratet. Die gekränkte Mutter lehnt die Verbindung ab, entzieht Lotto jegliche Unterstützung, enterbt ihn quasi. Nach Jahren der Erfolglosigkeit als Schauspieler wird Lotto als Drehbuchschreiber reüssieren. Die Ehe zu Mathilde, die er als Inbegriff der Güte und Reinheit regelrecht verehrt, ist gleichwohl sehr stark auf körperlicher Anziehung basierend, Sex spielt darin die Hauptrolle (viel Sex!), besonders vom Ende her gesehen sind es zwei Egoismen, die hier aufeinander treffen, trotzdem wird sie sich als erstaunlich beständig, belastbar und glücklich erweisen.

Soweit, so gut. Der weitere Verlauf der Handlung soll nicht vorweggenommen werden, erfährt er doch manche überraschende Wendung (vielleicht sogar die ein oder andere unglaubliche Wendung und leicht schräge Metapher zu viel) und entwickelt gegen Ende sogar so etwas wie kriminalistische Spannung.

Was Lauren Groff in ihren psychologisch sehr komplexen Roman hinein packt ist Einiges. Es werden Fragen diskutiert wie die, wieviel wir eigentlich von einem anderen Menschen, und sei er uns auch der Nächste, tatsächlich wissen können. Es werden typische Geschlechterrollen inspiziert zwischen männlicher Egozentrik und weiblicher Selbstauflösung. 

„Frauen in Geschichten wurden immer durch ihre Beziehungen definiert.“

Frühkindliche Verletzungen spielen eine Rolle und unterschiedliche Lebensmodelle, die Ehe natürlich, Familie, der Lauf der Zeit, Depression, Abhängigkeit und, wie gesagt, Zorn und Rache. Was bei einer so gesellschaftlich engagierten Autorin wie Lauren Groff verwundert, ist das weitgehende Fehlen jeder tagespolitischen oder überhaupt politischen Ebene.

Dabei ist Groffs Art, zu erzählen fast kühn zu nennen. Sie verzichtet auf jede Sympathieboni für ihre Figuren, sie springt munter in den Zeit- und Handlungsebenen hin und her, lässt eine kommentierende Stimme, gesetzt in Klammern (bei erzählenden Texten meist ein Tabu) ergänzen, korrigieren, vorgreifen und relativieren. Diese Stimme nimmt ein wenig die Rolle des griechischen Chors ein, wobei wir wieder bei der antiken Tragödie, den Parzen und den Furien wären. So heißt es zum Beispiel einmal über Mathilde und Lotto:

„Halten Sie sie vor Ihrem inneren Auge so fest: jung und schlank, wie sie im Dunkeln auf dem Weg ins Warme förmlich fliegen über den kalten Sand und die Steine. Wir werden bald zu ihnen zurückkehren.“

Dieser Kommentar schreckt auch nicht vor Blicke in die weite (auch des Lesers) Zukunft, wenn sie von den Protagonisten im hohen Alter spricht.

Erzählt ist der Text in zwei Teilen. Der erste ist Lotto gewidmet, seine Sicht auf die Welt und seine Ehe ist es, die ihn bestimmt. Ganze Abschnitte werden zeitlich an die Titel seiner jeweils zur Aufführung kommenden Theaterstücke angelehnt. Erfolg, Anerkennung, Bestätigung ist das, was zählt, gleichzeitig herrscht aber eine gewisse Selbstgewissheit, was im Text durch ein ruhigeres, breiteres Erzählen, auch längere Kapitel spürbar ist. Lotto fühlt sich wohl in seiner Welt(sicht), posaunt in einer öffentlichen Talkshow, wie gerne seine Frau ihm den Rücken freihält, kocht und putzt (und kommt erst auf Nachfrage darauf, dass es seine Frau war, die in Zeiten seiner schauspielerischen Erfolgslosigkeit das Geld herbeigeschafft hat. Kommt bekannt vor?

Der zweite Teil ist Mathilde gewidmet und führt hinter den Zorn, der in ihr tobt. Er ist gekennzeichnet durch mehr Rasanz, Spannung, sehr kurze Kapitel. Sie ist durchaus nicht das „Opfer“ in dieser Ehe, wie man vielleicht glauben könnte.

Dieser abgründige, einerseits schonungslos genaue Blick auf die Institution Ehe, der aber so gar nichts mit Romantik oder rosaroter Glückseligkeit zu tun hat, andererseits diese Ehe aber auch als sehr beständig und glücklich schildert, einmal als „Rettungsanker“ bezeichnet wird, mündet in der Erkenntnis:

„Diese leise Vertrautheit war es, die ihre Ehe ausgemacht hatte, nicht die Zeremonien, die Partys, die Premierenabende, Festtage oder spektakulärer Sex.“

Lauren Groff ist mit „Licht und Zorn“ ein außerordentlich gekonnt konstruierter und mit spannenden Themen handelnder Roman gelungen. Nicht nur die Tatsache, dass er zu Barak Obamas Lieblingsromanen zählen soll, macht ihn dadurch zu einer nachdrücklichen Leseempfehlung.

  (94)
Tags:  
 
597 Ergebnisse