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So träumen die Frauen

Kathrine Kressmann Taylor , Marion Hertle
Fester Einband: 112 Seiten
Erschienen bei Hoffmann und Campe, 14.05.2016
ISBN 9783455405743
Genre: Romane

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inka, südamerika, abenteuer, entdecker, peru

Die goldene Stadt

Sabrina Janesch
Fester Einband: 528 Seiten
Erschienen bei Rowohlt Berlin, 18.08.2017
ISBN 9783871348389
Genre: Romane

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kindheit, erinnerungen, 70er jahre, bundeskanzler;, freiheit

Raumpatrouille

Matthias Brandt
Fester Einband: 176 Seiten
Erschienen bei Kiepenheuer & Witsch, 08.09.2016
ISBN 9783462045673
Genre: Romane

Rezension:

Eine Kindheit in der alten Bonner Republik. Einige Autoren haben sich schon daran begeben, über eine solche zu schreiben, und besonders diejenigen LeserInnen, die selbst in den Sechziger und Siebziger Jahren großgeworden sind, werden dabei immer wieder auf eine leicht verklärte Zeitreise geschickt. Teewurst und Fürst-Pückler Eis, Kassettenrekorder und Telefone in Brokathülle, James Last und Ricky Shane, Wim Thoelke und Günter Netzer – wen überfällt da nicht dieses besondere Gefühl, das eine Mischung aus träg, langweilig, aber auch irgendwie schön wohlig war. Und das wohl weniger ein Zeitgefühl, denn es blendet überwiegend die negativen Vorkommnisse aus, als ein Gefühl der Kindheit war. Das Gefühl einer noch weitgehend unverplanten, nicht so eng vertakteten Kindheit.
Und so fährt auch der Protagonist in „Raumpatrouille“ mit seinem Bonanzarad durch die Seiten und lässt die Zeit auf wundersame Weise wiederauferstehen.
Es ist unzweifelhaft ein autobiografischer Blick, der hier von Matthias Brandt geworfen wird. Auch wenn „Raumpatrouille“ alles andere geworden ist, als ein Buch, das Einblick in das Leben der Kanzlerfamilie Brandt gewähren will oder gar in irgendeiner Form mit der Familie, speziell dem berühmten Vater abrechnen möchte.
„Der Mann im Fernsehen war für mich eine Fiktion.“
Zwar ist Willy Brandt quasi als Hintergrundmusik im ganzen Buch präsent, aber eben eher als eine große Abwesenheit. Als Abwesenheit, die jedoch weniger schmerzt, als als gegeben hingenommen wird. Hier schaut jemand ohne Bitterkeit, ein wenig versonnen, geradezu staunend manchmal und leicht spöttisch auf seine Kindheit zurück, die so gar nicht „normal“ war, obwohl das Kind sich gerade das oft gewünscht hätte.
So wächst er auf in der großen Villa mit Park am Venusberg, umgeben von Wachleuten, mit denen er ein überwiegend freundschaftlich-familiäres Verhältnis pflegt, viel allein oder mit Erwachsenen, zum Beispiel dem ziemlich vertrottelten alten Nachbarn, mit dem sich wunderbar Kakao trinken lässt und der der alte Bundespräsident Heinrich Lübke ist, von seiner Frau liebevoll „Heini“ gerufen. Oder er fährt mit seinem Vater und dessen Kollegen Herbert Wehner im Park Fahrrad, ein Treffen, das als Versöhnung zwischen den beiden Kontrahenten gedacht, mangels der fahrpraktischen Kenntnisse Brandts aber als Desaster endete – Willy „kenterte“ im Karottenbeet.
„Raumpatrouille“ enthält auch solche Anekdoten, die durch ihre berühmten Protagonisten natürlich eine besondere Note bekommen, sie sind aber niemals voyeuristisch oder gar wichtigtuerisch und außerdem eher eine Randerscheinung, und ganz sicher nichts für ein Geschichtsbuch. Denn:
„Alles, was ich erzähle, ist erfunden. Einiges davon habe ich erlebt. Manches von dem, was ich erlebt habe, hat stattgefunden.“
hat Matthias Brandt dem Erzählten vorangestellt.
Viel wichtiger als Biografisches auszubreiten, ist ihm, ein Gefühl für Kindheit im Allgemeinen und eine Kindheit in dieser speziellen Zeit zu vermitteln. Einer Zeit, die Kindern vielleicht einfach mehr Raum und vor allem Zeit ließ als die heutige. Und so verbrachte der kleine Protagonist eben viele Stunden in seinen Fantasien, seinen Gedanken und Träumen, schuf sich in seinem familiären Schutzraum, der ohne Zweifel da war, besonders die Mutter Rut taucht immer wieder als liebender, verlässlicher Ruhepunkt auf, kleine Fluchten, erkennt aber auch eigene und äußere Grenzen, zum Beispiel als ihn einmal, die Waffe eines Wachmanns war ihm zufällig in die Hand gekommen, eine unbändige Wut packt. Das Erschrecken über sich selbst hat Matthias Brandt in die erste seiner insgesamt 14 Geschichten gepackt, die zusammen dieses Buch bilden. Impressionen einer Kindheit. In einer anderen Geschichte entgeht die Villa nur knapp einem Brand, als der Protagonist eine Zaubernummer übt. Sicher hat die Mondlandung von 1969, die jeden, der sie bewusst erleben konnte, nachhaltig geprägt hat, einen Einfluss auf den Titel genommen, sicher auch die gleichnamige Fernsehserie, er ist aber auch ein schönes Bild für die Art, wie Matthias Brandt an seine Kindheitserinnerungen herangeht. Wie in eine ferne Galaxie, wie auf Streifzug bewegt er sich durch seine frühen Jahre.
Matthias Brandt bleibt immer im Horizont seines kindlichen Ichs, das so um die 8-10, selten auch etwas älter ist. Eine genaue Datierung fehlt. Er ist aber nicht gefangen in diesem Kind, sondern schaut, wenn auch ohne besserwisserische Kommentare oder Psychologisierungen, auf diese zurück. Er tut das tastend, manchmal fast ein wenig zweifelnd, zurückgenommen, fast fragil, ausgesprochen achtsam und neugierig. Auch Selbstironie blitzt immer wieder durch. Sprachlich ist das Buch klar und stilistisch elegant.
Stellt man das berühmte Personal einmal beiseite, mögen die einzelnen Geschichten in ihrer Lakonie vielleicht etwas fast Belangloses haben. Stellt man sie aber in einen atmosphärischen Zusammenhang, liest sie vielleicht noch zusammen mit ihrem „Soundtrack“ – der befreundete Musiker Jens Thomas, mit dem Matthias Brandt auch auf Lesereise ging, veröffentlichte in enger Zusammenarbeit die CD „Memory Boy“, die praktisch die zweite Hälfte eines Projekts bildet – dann ergeben sie bei aller Lakonie ein zauberhaftes Porträt einer besonderen Kindheit, die doch in Vielem eben auch eine ganz normale, typische Kindheit war.
Aber ganz beiseitelassen kann man die berühmten Familienmitglieder ja doch nicht. Und so wird das letzte Kapitel, das eine große, wenn auch sehr leise Liebeserklärung an den Vater ist, besonders eindrücklich.
„Ich schaute auf das zu große, weiße Haus, in dem wir uns immer so leicht verpassten. Hier wollte ich sein. Bei ihnen. Für mich. Nirgendwo sonst."

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Bogmail

Patrick McGinley , Hans-Christian Oeser
Fester Einband: 344 Seiten
Erschienen bei Steidl, 20.01.2017
ISBN 9783958292086
Genre: Romane

Rezension:

Sollte man tatsächlich, gerade angesichts des riesigen, kaum zu überschauenden Angebots an neu erscheinenden Kriminalromanen jeglicher Sparte und Qualität, einen fast vierzig Jahre alten „Roman mit Mörder“ lesen, in dem dieser, nämlich der Mörder, bereits auf der allerersten Seite offenbart wird? Zwar geht der erste Mordanschlag durch ein Omelette surprise, gewürzt mit Pilzen fragwürdiger Abstammung, schief, aber der nächste Versuch, ein gezielter Schlag auf den Kopf mit dem 25. Band der Encyclopedia Britannica (Ausgabe 1911!) gelingt.
Sollte man tatsächlich wertvolle Lesezeit zusammen mit einer Ansammlung ziemlicher Loser (die aber natürlich ganz anders über sich denken) in unterschiedlichen Stadien des Alkoholrauschs in einer tristen, heruntergekommenen Kneipe in einem tristen, heruntergekommenen Kaff irgendwo in Irlands Nordwesten verbringen? Seitenlang ihren Selbst- und Thekengesprächen folgen, die sich um so wichtige Fragen wie den Fischfang, die Unverständlichkeit von Frauen, Regenwürmer, Poesie, Glauben und moderne Kirchenarchitektur, kurz um Gott und die Welt drehen und oft ins Philosophieren abdriften?
Die klare und deutliche Antwort darauf heißt natürlich: Ja, unbedingt!
Unbegreiflich genug, dass dieser im Original bereits 1978 erschienene und in Irland zunächst skandalträchtige – zu viel „Pornografisches“, ein zu negatives Irlandbild -, mittlerweile aber als moderner Klassiker geltende Roman erst jetzt ins Deutsche übertragen wurde.
Der Mörder steht, wie gesagt, von Anfang an fest. Es ist der Kneipeninhaber Tim Roarty, der seinen jungen Barmann Eamonn Eales (allein diese herrlichen Namen!) ins Jenseits befördert. Denn:
„Eales war das Böse. Eales musste vernichtet werden.“
So seine tiefe Überzeugung. Denn Eales empfindet nicht nur großes Vergnügen daran, seine beiden Katzen auf unschuldige Vögel zu hetzen und jeder Frau im Ort nachzusteigen, nein, ihm ist es tatsächlich gelungen, Roartys Tochter Cecily zu erobern, und Roarty mag sich gar nicht ausmalen, was er mit ihr so alles anstellt. Also wird er kurzer Hand mit der Lieblingslektüre des Kneipenwirts erschlagen und im torfigen Moor versenkt. Ein anscheinend perfekter Mord, zudem zunächst niemand den jungen Mann zu vermissen scheint.
Aber da tauchen plötzlich Briefe auf. Ein sich selbst „Bogmailer“ (bog=die irischen Torfmoore, Blackmailer=Erpresser) nennender Zeitgenosse hat Roarty beobachtet und versucht ihn nun zu erpressen. Dringlich wird das Ganze, als ein abgetrennter Fuß von Eales ins Spiel kommt. Für Roarty ist klar: ein zweiter Mord muss geschehen. Nur, wer ist dieser geheimnisvolle „Bogmailer“? Am verdächtigsten ist ihm der zugereiste Engländer Kenneth Potter. Schade, denn eigentlich findet er ihn ganz sympathisch.
Neben Roarty selbst ermittelt der alternde Dorfpolizist McGinty, der froh ist, mal etwas anderes als Trunkenheit auf offener Straße oder das giftige Jakobskreuzkraut auf den Viehweiden zu verfolgen.
Patrick McGinley lässt uns teilhaben an Roartys Gedanken und Plänen, an Potters Beobachtungen und am Dorftreiben, das sich in den Thekengesprächen spiegelt. Denn hier trifft sich die skurrile Schar an Dorfphilosophen: Der stille Fischer Rory Rua, der zwielichtige Journalist Gimp Gillespie, der raffgierige Bauer Crubog und der Kommunist Cor Mogaill, allesamt Schwätzer und mehr oder weniger gescheiterte Existenzen, aber mit Bildung und Neigung zur Literatur. Hier wird der Kriminalroman zur Dorf- und Provinzposse, die die stickige Enge als Nährboden für Neid, Habgier, Gewalt und akute sexuelle Nöte der überwiegend männlichen Kneipenbesucher entlarvt. (Frauen spielen nur eine Rolle, indem sie sich aus nicht genau verständlichen Gründen ihrer annehmen.) Hier werden Pläne gegen den Kanonikus geschmiedet, eine „Anti-Kalkstein-Gesellschaft“ gegen dessen Pläne, den alten Holzaltar zu ersetzen, gegründet, nur um beim ersten strengen Blick wieder zu gehorsamen Katholiken zu werden.
So entsteht ein herrlich schräges Sittenbild, bei aller Posse immer elegant-ironisch bis sarkastisch, bei Beschreibungen der Moorlandschaft bisweilen auch geradezu poetisch, aber immer hochgradig unterhaltsam. Und am Ende kommt dann doch alles anders, als man gedacht hat. Eine unbedingte Leseempfehlung!

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Licht und Glut

Jennifer Haigh , Juliane Gräbener-Müller
Fester Einband: 480 Seiten
Erschienen bei Droemer, 03.04.2017
ISBN 9783426281697
Genre: Romane

Rezension:

Tief unter der Nordostamerikanischen Erde, im sogenannten Marcellus Shale, lagern ungeheure Mengen an „unkonventionellem“ Erdgas. Erdgas also, das nicht in sogenannten Erdgasfallen lagert, die relativ leicht erschlossen werden können, sondern das in Rissen oder Poren des Schiefergesteins, teils auch an dies gebunden, vorliegt. Der Energiehunger der Welt ist trotz steigendem Umweltbewusstsein in manchen Gebieten und trotz fortschrittlichen, sparsameren Technologien ungebrochen und steigt nach wie vor. Fast zwangsläufig ist es da, dass solche Gasvorkommen nicht ungenutzt bleiben. Besonders in den USA ist das Fracking (eigentlich Hydraulic Fracturing) eine durchaus akzeptierte Methode der Energiegewinnung, gerade in der neueren Zeit, wo dort das Rad der Erkenntnis in Sachen Umweltschutz, Spätfolgen der rücksichtslosen Ausbeutung der Natur und daraus resultierender Schäden gnadenlos zurückgedreht erscheint. Zumindest bei Teilen der Bevölkerung. Es sind die natürlich die Menschen, die direkt oder indirekt von der Energiewirtschaft abhängig sind, aber auch diejenigen, die sich davon eine bessere Zukunft versprechen. 


Und so befinden wir uns auch in Jennifer Haighs großartigem Roman „Licht und Glut“ unter Menschen, die man neuerdings vielleicht in der Gruppe der Trump-Wähler verorten würde, die gerne zum „Amerika der Abgehängten“ gezählt werden. Es sind Menschen in den Weiten der Provinz, an denen oft genug die Entwicklung vorbei geht, oder die zumindest das Gefühl haben, dass dem so ist. Hier ist es das kleine Nest Bakerton in Pennsylvania, traditionell ein Staat der Energiewirtschaft. In früheren Zeiten florierten die Kohlebergwerke, die Männer schufteten sich unter Tage krank, aber die Gemeinden prosperierten, Geld und Infrastruktur gab es reichlich. Seit dem Niedergang der Kohlewirtschaft kränkeln sie, wer kann, zieht fort, der Rest findet sich mehr schlecht als recht mit der neuen Armut ab, Arbeitslosigkeit ist der neue Normalzustand. Kein Wunder fast, dass Alkoholismus und Drogensucht, vor allem Meth wird reichlich konsumiert, weit verbreitet sind. Und natürlich Wut auf „die da oben“. Man kennt das.

In diese Situation kommt nun ein Vertreter des Energieriesen Darco, Bobby Frame, und weiß, Hoffnung zu wecken. Mit einer einzigen Unterschrift unter einen Pachtvertrag lockt das große Geld. Das eigene Land kann problemlos weiter genutzt werden, während weit in der Tiefe nach Erdgas gebohrt wird. Die Bewohner von Bakerton sind in ihrer Verzweiflung und Resignation leicht zu manipulieren. Reihenweise werden Verträge abgeschlossen, nur wenige „verschrobene Typen“ wie die beiden lesbischen Biofarmerinnen Rena und Mack, verweigern sich. Und ziehen dadurch den Zorn der anderen Anwohner auf sich. Kaum einer liest das Kleingedruckte, niemand durchschaut das Geflecht von Unternehmern, Subunternehmern, Haftungen und Verbindlichkeiten, genauso wenig wie umwelt- oder gesundheitsgefährdende Aspekte erwähnt wurden. Allein die Liste der möglichen Additiva ist schwindelerregend.

So riecht auch bald das Trinkwasser „chemisch“. Ländereien werden verwüstet und in Ödflächen verwandelt, der Lärm ist unerträglich, der Nutzen für die Bevölkerung minimal, werden doch die Arbeiter nicht vor Ort angeworben, sondern aus dem fernen Texas herangeschafft, fließt das Geld doch sehr zögerlich erst nach der Erschließung der Quellen. Auch dass die Landeigentümer im Ernstfall für Lasten der Pächter aufzukommen haben, wurde wohlweislich verschwiegen. Ein weiterer wichtiger Punkt wird im Verlauf der Geschichte deutlich: durch den Fracking-Boom verfällt der Gaspreis derart, dass die geleisteten Investitionen sich kaum noch lohnen. Dass darunter nicht die Energieriesen zu leiden haben, sondern „der kleine Mann“ vor Ort, ist leider eine Tatsache.
Jennifer Haigh gelingt es, diesen hochaktuellen Sachverhalt zwar kritisch, aber keinesfalls polemisch zu schildern. Ihre Recherche ist bewundernswert, ebenso die Fähigkeit, die Sachverhalte packend und verständlich darzulegen.

Sie schafft ein vielschichtiges und facettenreiches Gesellschaftsbild und das figurenreiche Panorama einer amerikanischen Kleinstadt. Alle sind irgendwie vom Frackingboom betroffen. Seien es diejenigen, die schon früh einen Pachtvertrag mit Dark Elefant Energy, einer Tochter von Darco, abgeschlossen haben, wie zum Beispiel der Justizvollzugsbeamte Rich Devlin, sei es seine hypochondrische Frau Shelby, die die ständige Übelkeit ihrer kleinen Tochter Olivia gerne auf das mit Methan kontaminierte Wasser zurückführen würde (dabei steckt dahinter wohl etwas noch düsteres); seien es die beiden Ökofarmerinnen, deren Produkte bald niemand mehr kaufen möchte oder die Pastorin Jess, die mit einem der Bohrarbeiter eine Affäre beginnt. Anhand von Jess, deren Ehemann Wesley vor Jahren an Schilddrüsenkrebs erkrankte, schafft es Haigh sogar ziemlich unangestrengt eine weitere ökologische und menschliche Tragödie in die Handlung einzubauen, nämlich das Reaktorunglück von Three Mile Island/Harrisburg im Jahr 1979. Dort wurden bei einer partiellen Kernschmelze beachtliche Mengen an Radioaktivität freigesetzt. Wesley lebte damals in unmittelbarer Nähe. Der Leser wird auf einen Zusammenhang, auch mit der neuen, umstrittenen Fördermethode nicht sehr sanft, aber auch nicht störend hingewiesen.

Ja, die Autorin hat durchaus eine „message“. Das wird ähnlich schreibenden Kollegen, wie unlängst Juli Zeh in ihrem Roman „Unterleuten“, an den ich tatsächlich immer wieder denken musste, gerne vorgeworfen. Mir sind solche Bücher lieber als artifizielle Sprachkunstwerke ohne Aussage oder Erkenntnisgewinn. Aber das mag jeder Leser für sich selbst entscheiden. Jennifer Haigh schreibt geradlinig, sprachlich absolut souverän, aber eben auch konventionell. Sie schafft ein psychologisch genaues, dichtes und engagiertes Gesellschaftsbild, in dem auch das Arbeitsleben einen Platz hat, das seinem Personal widersprüchliche Facetten zugesteht, sie kritisch, aber durchaus auch liebevoll begleitet, ihre Träume, aber auch Trugbilder anschaulich schildert. Ihre geschickt verwobenen Geschichten brechen große politische, wirtschaftliche, gesellschaftliche Themen auf die (zwischen)menschliche Ebene herab und verdeutlichen sie dadurch. In ihrer Sucht nach Liebe, Anerkennung, Geld, Energie, manchmal auch Drogen, gleichen sie so vielen.

„Licht und Glut“ gingen im Amerikanischen zwei weitere Bücher aus der fiktiven Kleinstadt Bakerton voraus, „Baker Towers“ und „News from heaven“. Ersteres erschien 2006 bei Goldmann unter dem merkwürdigen deutschen Titel „Und jeden Tag ein neues Leben“, ist aber nur noch antiquarisch zu erhalten. Es wäre zu hoffen, dass Droemer beide Titel in einer deutschen Ausgabe herausbringt. „Licht und Glut“ zählt zu meinen bisherigen Lese-Highlight des Jahres 2017.
Da wir aber gerade dabei sind, eine kleine Kritik am Titel. „Light and Heat“, so der Originaltitel, wäre mit „Licht und Wärme“, dem was man sich von Erdgas und anderen Energien erhofft, meiner Meinung nach besser übersetzt worden. Nicht so schlimm wie „Und jeden Tag ein neues Leben“, aber immerhin…

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Das Glück meines Bruders

Stefan Ferdinand Etgeton
Fester Einband: 240 Seiten
Erschienen bei C.H.Beck, 21.07.2017
ISBN 9783406711817
Genre: Romane

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revolution, angola, lissabon, angolanische literatur, portugal

Eine allgemeine Theorie des Vergessens

José Eduardo Agualusa , Michael Kegler
Fester Einband: 200 Seiten
Erschienen bei C.H.Beck, 21.07.2017
ISBN 9783406713408
Genre: Romane

Rezension:

José Eduardo Agualusa ist ein angolanischer Schriftsteller portugiesischer Abstammung, der 1960 in Huambo (Angola) geboren wurde und in Angola, Portugal und Brasilien lebt. Bisher wurden vier seiner sehr erfolgreichen Romane auch ins Deutsche übersetzt (im A1- Verlag bzw. bei dtv erschienen).
Die nun im C.H. Beck Verlag erschienene „Allgemeine Theorie des Vergessens“ stand 2016 auf der Shortlist des Man Booker International Prize (den dann Han Kang mit „Die Vegetarierin“ gewann).
Es ist eine äußerst ungewöhnliche Geschichte, die Agualusa hier erzählt. Und sie soll auf wahren Begebenheiten beruhen.
1975 begann, noch kurz vor der Unabhängigkeit der portugiesischen Kolonie, der angolanische Bürgerkrieg, der mit einigen Unterbrechungen bis 2002 andauerte. Die rivalisierenden Gruppen wollten sich schon vor den anstehenden Wahlen eine Machtposition sichern. Immer mehr entwickelte sich der blutige Konflikt aber zu einem Stellvertreterkrieg zwischen dem Westen und Südafrika auf der einen und dem Ostblock und Kuba auf der anderen Seite. Auch Nachbarländer wie Südafrika versuchten, ihre Interessen im Land mit Waffengewalt durchzusetzen.
1975 ist auch das Schicksalsjahr für die Protagonistin Ludo(vica) Fernandes Mano in „Eine Allgemeine Theorie des Vergessens“.
Mit ihrer Schwester Odete, die einen vermögenden Diamantenhändler geheiratet hat, siedelte diese einst von Portugal nach Luanda um. Die Eingewöhnung fiel besonders Ludo sehr schwer. Da sie aber nach einem traumatischen Jugenderlebnis, von dem der Leser erst im Laufe des Romans erfahren wird, von der Schwester abhängig lebt, gab es für sie keine Alternative dazu.
Zurückgezogen in einem komfortablen Haus, mit einer heftigen Agoraphobie ausgestattet, lebt sie nun ganz zurückgezogen im Dienste von Odete und ihrem Mann Orlando. Als diese eines Tages plötzlich verschwinden und kurz darauf ein Überfall auf die Wohnung stattfindet, bei dem Ludo einen der beiden Angreifer erschießt, entgleist ihr Leben. Anstatt die Polizei zu rufen, der sie misstraut, oder in die Öffentlichkeit zu gehen, vor der sie sich fürchtet, mauert sich Ludo in ihrer Wohnung im wahrsten Sinne ein, lebt über 30 Jahre von gehorteten Vorräten, Landwirtschaft auf der Dachterrasse, Hühnern und gefangenem Getier, vorwiegend Tauben. Feuer macht sie mit dem Mobiliar, später mit den Tausenden Bänden der Bibliothek, die ihr zuvor neben einem alten Radio die einzige Unterhaltung waren. Ihre Gedanken, Gefühle, Beobachtungen schreibt sie in unzählige Notizhefte, später dann an die Wände der Wohnung. So vergehen die Jahre des Bürgerkriegs, den sie nur von fern beobachtet, genau wie die Veränderungen im Haus und in Luanda. Bis eines Tages ein kleiner kindlicher Einbrecher den Zugang zu Ludos verborgenem Reich entdeckt und sich das Leben für die Beiden grundlegend verändert.
Ein guter Schuss Magie liegt in der Geschichte (obwohl ihr wahre Begebenheiten zugrunde liegen sollen). Ludos unentdeckt bleiben, ihr abgeschlossenes Leben, das Verschwinden als Motiv (nicht nur von Schwager und Schwägerin, das gegen Ende sogar teilweise aufgeklärt wird, sondern zwischendrin eines ganzen Dorfs), all das lässt an Romane des magischen Realismus, gerade südamerikanischer Prägung, denken.
In 37 kurzen Kapiteln schafft der Autor ein Patchwork aus verschiedenen Erzählstimmen, Notizen, Briefen, Berichten, mit Zeitsprüngen, wechselnden Perspektiven, ungewöhnlichen Charakteren und wundersamen Einfällen. Es ist ein dichter, poetischer und ausgesprochen ungewöhnlicher Text, der ganz nebenbei noch von einer literarisch (zumindest mir) wenig erschlossenen Ecke der Welt erzählt. Eine interessante Entdeckung!

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Karl und Manci

Mala Laaser
Flexibler Einband: 56 Seiten
Erschienen bei Verlag interna, 03.05.2017
ISBN 9783945778456
Genre: Romane

Rezension:

„…dort wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen.“
Heinrich Heine
Nach der großen Bücherverbrennung am 10. Mai 1933 und der im Juni desselben Jahres erfolgten Gründung des „Reichsverbandes deutscher Schriftsteller“, spätestens aber nach der ersten Veröffentlichung der Liste 1 des schädlichen und unerwünschten Schrifttums im Jahr 1935 war für Schriftsteller und Journalisten, die aus rassischen oder politischen Gründen nicht in die nationalsozialistische Ideologie passten, eine Veröffentlichung ihrer Werke und damit auch ihr Lebensunterhalt im Deutschen Reich nahezu unmöglich gemacht worden.
Für die allermeisten blieb nur das Exil. Wenige, bei denen zumindest die rassischen Verfolgungsgründe fehlten, darunter Hans Fallada und Wolfgang Koeppen, zogen sich in ein „Inneres Exil“ zurück. Letzterer kehrte nach Jahren im Ausland 1938 nicht zuletzt deshalb nach Deutschland zurück, weil seine Existenzgrundlagen in den Niederlanden nicht gesichert waren.
So ging es vielen seiner Kollegen. Wer nicht schon in den Jahren vor 1933 zu Ruhm und Erfolg, möglichst auch einer internationalen Leserschaft und/oder einflussreichen Fürsprechern gekommen ist, hatte, selbst wenn ihm die Ausreise aus Deutschland gelang, einen schweren Stand.
Denkt man an große Namen wie die drei Manns (Heinrich, Thomas, Klaus), an Lion Feuchtwanger, Anna Seghers oder Bertolt Brecht, könnte man meinen, die Karrieren gingen nahezu ungemindert weiter. Durch geschicktes Agieren gelang es auch Verlegen wie Gottfried Bermann Fischer (S.Fischer Verlag) in Stockholm oder Fritz H. Landshoff (Kiepenheuer Verlag) mit dem berühmten Querido Verlag in Amsterdam, auch im Exil Publizierungsmöglichkeiten zu schaffen. Aber auch diese Verlage mussten wirtschaften und arbeiteten hauptsächlich mit den bekannten Autoren zusammen.
Für unbekanntere, weniger populäre oder junge, aufstrebende Schreiber war die Lage katastrophal. Es gab kaum einen Markt für ihre Werke, die aufnehmenden Länder, so sie welche überhaupt gefunden haben, interessierten sich schlichtweg nicht für ihre Werke. Angst vor Abschiebung, fehlende Anerkennung und materielle Not prägten für viele den Alltag. Ein Verstummen in Verzweiflung oder sogar Suizid waren nicht ungewöhnlich, allerdings auch bei ihren erfolgreichen Kollegen nicht ausgeschlossen (siehe Stefan Zweig).
So sah wohl auch die Lage für Mala Laaser aus, die, jüdischer Herkunft, über die Zwischenstation Frankreich 1939 nach England emigrieren konnte.
Über sie ist wenig bekannt. Geboren am 19. Juli 1911 in Königsberg, hat sie in den späten Dreißiger Jahren eine Reihe von Reportagen, Gedichten und Prosatexten in der jüdischen (Zwei)Monatsschrift „Der Morgen“ und der CV-Zeitung, dem Organ des Central-Vereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, veröffentlicht. Bei letzterer war sie Redakteurin der Frauenseite und beschäftigte sich noch im Sommer 1938 mit der Frage nach dem Selbstverständnis der jüdischen Frau. Sie kommt dabei nach Befragung zahlreicher, vorwiegend prominenter Frauen zu folgendem, gar nicht so unbekannt vorkommendem Schluss:
„Wir gehen ein in seelische Unausgeglichenheit und die Gefahr einer dumpfen und bedauerlichen Verwirrtheit, wenn wir uns nicht tapfer offenbaren, als das, was wir sind: als in jeder Beziehung überlastete, weil notwendig uneinheitlich lebende Geschöpfe.“
In der CV-Zeitung erschien auch ihre wunderbare Novelle „Karl und Manci“, die der sich sehr um die Literatur der Weimarer Republik bemühende Verleger des Interna-Verlags, Jörg Mielczarek entdeckte und nun erstmals veröffentlichte.
Sie spielt in den Jahren der Weltwirtschaftskrise und erzählt mit bezaubernd schlichter Sprache die Liebesgeschichte von Karl und Manci. Eine, wie Birgit Böllinger, die das Nachwort verfasste, so schön benannte, „sachliche Romanze“. (frei nach Erich Kästner)
Es ist eine kleine, vermeintlich leichte Geschichte, die aber auch eine ganze Portion Tragik enthält. Diese hält sich aber unter der Oberfläche, kippt nie ins Sentimentale oder gar Pathetische. Es ist eher eine feine, manchmal ein wenig spöttische Melancholie, die das Büchlein durchweht.
„Wir wissen es: Die Zeit setzte ihren Spaten an und grub gewaltig den Boden um. Aus der Fülle der Geschicke, die sich dabei bildeten, herausgegriffen, soll euch jetzt hier die Geschichte von Karl und Manci, das Schicksal zweier Liebender in unseren Tagen, dargelegt werden.“
Zunächst scheint sich alles positiv zu entwickeln. Der aus großbürgerlichem Hause stammende und fest in dessen Fesseln gefangene Karl kann sich nach dem Tod des Professoren-Vaters, dem die Laborantin Manci zu weit unter seinem Stand war, endlich zu seiner Liebe bekennen. Aber die Zeiten sind schlecht und werden immer schlechter. Dass das nicht nur an der schlechten Wirtschaftslage liegt, kommt ganz beiläufig daher.
„Natürlich hatte er keine Beziehungen zur Grossindustrie, aber es kam ihm nicht in den Sinn, dass ein Jude heutzutage noch wählerisch in Bezug auf Geldverdienst sein konnte.“
Kurz, die beiden verlieren ihre Anstellungen und müssen sich weit unter Niveau verdingen. Das gestehen sie sich aber gegenseitig aus falschem Stolz und Rücksichtnahme nicht ein, es kommt zu einigen Verwicklungen, die sich zum Schluss aber zum Guten auflösen. Nicht zuletzt durch beherztes Eingreifen einiger „Einfacher Leute“. Ähnlich wie auch oft bei Hans Fallada liegt hier das Glück im Einfachen und Bescheidenen. Dass es aber gleichzeitig so einfach nicht ist, zeigt sich am Ende dieser kurzen Novelle, wenn es heißt
„Süss und bitter!
War es wirklich Wermut, was sie da herunterschlürften? Oder war es einer jener geheimnisvollen Säfte, die das Leben selber in seinen tausend Tiegeln zubereitet?“
Dass es in Zukunft eher bitter werden würde, konnte man damals nur ahnen.
Jörg Mielczarek möchte in seiner Reihe Fünf.Zwei.Vier.Neun. noch weitere vergessene und lang verschollene Texte von meist unbekannten Autoren dieser Zeit veröffentlichen. Diesem Projekt sind viele interessierte Leser zu wünschen.


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96 Bibliotheken, 3 Leser, 2 Gruppen, 19 Rezensionen

iran, revolution, teheran, debüt, flüchtlinge

Nachts ist es leise in Teheran

Shida Bazyar
Fester Einband: 288 Seiten
Erschienen bei Kiepenheuer & Witsch, 18.02.2016
ISBN 9783462048919
Genre: Romane

Rezension:

Shida Bazyars Roman „Nachts ist es leise in Teheran“ auf einem Buchblog zu bewerben, heißt natürlich, Eulen nach Athen tragen.
Das Buch wurde auf vielen Blogs sehr positiv aufgenommen, besprochen und vorgestellt und schließlich erhielt die junge, 1988 in Hermeskeil geborene Autorin mit iranischen Wurzeln den 2016 zum ersten Mal vergebenen Bloggerpreis „Das Debüt“. Aber auch in den Printmedien wurde der Roman sehr gut besprochen und erhielt einiges an Aufmerksamkeit.
Um es kurz zu machen: Das Lob ist meiner Ansicht nach sehr begründet. Shida Bazyar legt ein Werk mit spannendem, aktuellem Thema, einer sehr gut konstruierten Geschichte und großem sprachlichen Können vor.
Die autobiografischen Bezüge liegen nah. Erzählt wird von einer iranischen Familie, die in den Achtziger Jahren, nach der islamischen Revolution, nach Deutschland flieht und sich dort ein neues Leben aufbaut. Genau, wie das auch Bazyars Familie getan hat. Gegliedert ist das Buch in 4+1 Großkapitel, die im Abstand von jeweils zehn Jahren aus der Sicht von je einem der Familienmitglieder erzählt wird. Den Schluss macht ein nur drei Seiten langer Epilog, der von der in Deutschland geborenen jüngsten Tochter Tara erzählt wird.
Den Anfang macht Behsad, der Vater, ein ernsthafter, nachdenklicher, aber auch politisch leidenschaftlicher Mann, der auf Seiten der Kommunisten die Regierung des Shahs bekämpft hat und sich von der Revolution 1979 eine große, positive Veränderung erhofft hat, nur um zu erkennen, dass linke und liberale Positionen sehr bald von den religiös-klerikalen Mächten an den Rand gedrängt und ihre Anhänger nach deren Machterhalt bald genauso unerbittlich, wenn nicht noch grausamer, verfolgt werden. Sein bester Freund Peyman wird Opfer des neuen Regimes, eine Art Schuld, die Behsad noch sein ganzes Leben lang begleiten wird. Ihm gelingt mit seiner Familie die Flucht, sogar auf recht komfortable Weise über die Türkei und dann per Flugzeug nach Deutschland. Hier muss der einst erfolgreiche Behsad erkennen, dass er, der einst erfolgreiche Mann, am meisten Probleme mit der Eingewöhnung hat. Folgerichtig schrumpft seine Rolle in den folgenden Kapiteln zunehmend.
Nahid, seine Frau, ist die Stimme der Flucht und des Exils, die beschreibt, wie schwer sowohl das Weggehen wie auch das Ankommen fällt. Laleh, die dritte im Bund, ist bei der Flucht noch ein kleines Mädchen. Ihr kommt das Kapitel des Jahres 1999 zu. Sie erzählt von einer Reise, die sie zusammen mit Mutter und Schwester in den, damals reformorientierten, Iran unter Chatami führt. Diese Episode gewährt einen interessanten Einblick in die iranische, hier vorwiegend die weibliche Gesellschaft. Bei Laleh wird die Zerrissenheit zwischen der alten Heimat, die sie zwar kaum kennt, zu der sie aber noch starke emotionale Bindungen hat, und dem neuen Lebensumfeld in einer deutschen Kleinstadt besonders deutlich. Noch stärker in Deutschland verwurzelt ist der jüngere Bruder Morad. Erst die starke Präsenz der „grünen Bewegung“ im Iran des Jahres 2009 in den westlichen Medien, lässt Morad seine Wurzeln ein wenig deutlicher fühlen. Diese Bewegung ließ Hoffnungen auf eine freiere Zukunft, auf mögliche Rückkehr bei den Exiliranern aufkommen. Gleichzeitig wird aber auch die weitgehend unpolitische Haltung vieler junger Menschen verdeutlicht, auch die westliche Protestkultur steht als letztlich Light-Variante da.
Mir viel Einfühlungsvermögen, auch in die unterschiedlichen Sprachhaltungen der Familienmitglieder, stellt Shida Bayzar die schwierige Frage nach Identitätsfindung oder auch deren Aufgabe nach dem unfreiwilligen Verlassen der Heimat und ist damit ganz nach dran an der aktuellen Flüchtlingssituation. Sie verhandelt aber natürlich auch die Integrationsmöglichkeiten und -schwierigkeiten derer, die schon lange oder in zweiter, dritter oder gar vierter Generation hier leben.
Was von der Struktur her vielleicht ein wenig formal klingen mag, wird von der Autorin sehr dicht, lebendig und einfühlsam in inneren Monologen geschildert. Sie schreibt zeitweise poetisch, dann wieder politisch konkret, die Stimmen werden aber niemals larmoyant.
Der Schluss gehört der neuen Generation. Er ist bewusst nicht datiert, birgt er doch eine große utopische Hoffnung. Hier kommt zum ersten Mal ein klein wenig berechtigtes Pathos ins Spiel.
Shiad Bazyar hat ein vielschichtiges, überraschend souveränes Debüt geschrieben.

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Jack Engles Leben und Abenteuer

Walt Whitman , Renate Orth-Guttmann , Irma Wehrli , Wieland Freund
Fester Einband
Erschienen bei Manesse, 22.05.2017
ISBN 9783717524502
Genre: Romane

Rezension:

Solche Funde sind natürlich eine Sensation. 165 Jahre nach seiner Veröffentlichung als Fortsetzungsgeschichte in einer kurzlebigen Wochenzeitung, dem Sunday Dispatch, entdeckt ein Doktorand der Houston University, der Walt Whitman Experte Zachary Turpin, einen bisher unentdeckten Roman des großen amerikanischen Lyrikers. Mithilfe von digitalen Suchmethoden gelingt es ihm zuerst einen von Whitman veröffentlichten Fitnessratgeber, „Manly health and training“, in den Weiten der journalistischen Veröffentlichungen zu entdecken – ein eher bizarrer Fund -, darauf förderte auf recht abenteuerliche Weise den kleinen Roman „Jack Engles Leben und Abenteuer“ zutage.


Tatsächlich ist die Geschichte dieser Entdeckung das eigentlich Spannendste. Über die recht eigentümlichen Namen von Figuren, die Whitman in seinem berühmten „Roten Notizbuch“ erwähnt hat, stieß Turpin auf eine Werbeanzeige für den Fortsetzungsroman, der zwischen März und April 1852 in sechs Teilen im Sunday Dipatch anonym erschien. Die Zeitung ist, wohl aufgrund ihres kurzen Bestehens von 1845 bis 1854, noch nicht digitalisiert und der Roman nur in einer einzigen Kopie auf Mikrofilm einsehbar. Das Originalmanuskript des Romans hat Walt Whitman selbst vernichtet, ebenso wie andere Prosatexte.


Es ist natürlich immer wieder diskussionswürdig, ob es überhaupt legitim ist, Texte, die ein Autor rundweg nicht veröffentlicht sehen wollte, dennoch einem größeren Publikum zugänglich zu machen. Whitman wollte definitiv als Verfasser des großen amerikanischen Poems „Leaves of grass“ rezipiert werden, dem Hohelied auf Individualität, Freiheit, Gemeinsamkeit und Einheit, dem Loblied auf die amerikanische Demokratie per se, das er bis zu seinem Tod immer wieder bearbeitet hat und das vielleicht zu dem Lyrikwerk des 19. Jahrhunderts in den USA und Whitman dadurch zu einem Nationaldichter wurde. Und tatsächlich zeigt „Jack Engles“ einen ziemlich anderen Walt Whitman.


Es ist eine Geschichte ganz in der Manier von Charles Dickens. Die Handlung kommt dementsprechend vertraut daher: Der kleine Waisenjunge Jack steht eines Tages vor der Tür des Milchhändlers Ephraim Foster und bittet um etwas zu essen. Ihm wird nicht nur das gewährt, sondern das Ehepaar Foster nimmt ihn an Kindes statt an und gewährt ihm später eine Ausbildung in einer Anwaltskanzlei. Hier setzt der Roman ein, denn Jack ist alles andere als dem Anwaltsberuf zugeneigt, kommt dem Wunsch des Adoptivvaters nur aus Dankbarkeit nach. Anwalt Covert ist, wie so oft auch bei Dickens, ein Schurke, dem Jack mithilfe des alten Kanzleiangestellten Wigglesworth auf die Schliche kommt. Allerhand Verwicklungen und etliches an skurril-liebenswertem Personal sind genauso anzutreffen wie das aus seiner Not gerettete Mündel des Anwalts und eine veritable Liebesgeschichte.


Trotz des Dickens verhafteten Plots ist bei Whitman aber auch eine typisch amerikanische Note zu finden. Besonders die Stadt New York wird in ihrer Vielfalt und Einzigartigkeit besungen, so dass ein wunderbares Porträt der Metropole um die damalige Zeit entsteht. Aber auch der alte (amerikanische) Traum, es schaffen zu können, in Gemeinschaft und Solidarität zu prosperieren, kommt deutlicher als bei seinem englischen Kollegen hervor. Optimismus und Zuversicht ist ein Gefühl, das deutlich durch die Zeilen hindurch schimmert.
An die Komplexität und literarische Qualität von Charles Dickens kommt das kleine Werk allerdings nicht heran. Es ist mit seiner Mischung aus rührseliger Sentimentalität, Tragik und Situationskomik sehr gefällig, eindeutig für ein großes (Zeitungs)publikum geschrieben. Als Drucker und Herausgeber einer Zeitung wusste er recht genau, wonach die Leser verlangten. Auch dass die Geschichte nicht besonders sorgfältig, sondern teilweise sogar recht nachlässig verfasst wurde, lässt sich nicht übersehen. Whitman handelt das mit einer gehörigen Portion Selbstironie. So schlängelt er sich zum Beispiel auf Seite 74, in der eine für die Geschichte recht wichtige Person überraschend eingeführt wird, aus der Affäre, indem er bemerkt:


„(…)und ich kann mich nur wundern, dass ich ihn in dieser Chronik bisher noch nicht vorgestellt habe.“


Als die Geschehnisse etwas zu abenteuerlich zufällig wirken könnten, fügt er hinzu:


„Wiederum musste ich innerlich die zwingende Beweiskette, die Wigglesworth zusammengetragen hatte, Glied um Glied aneinanderfügen, bevor ich etwas so Romanhaftes glauben konnte.“


Überhaupt bleibt der Verfasser der Aufzeichnungen, der niemand anderes als Jack Engles selbst zu sein behauptet – „Da ich aber hier nur eine wahre Geschichte aufschreibe, überlasse ich es dem Leser dieser Zeilen, diesen Gedankengang selbst weiterzuführen.“ – in steter Ansprache zu seiner Leserschaft.


Was bleibt als Fazit zu diesem „Sensationsfund“? Es ist ein nett und unterhaltsam geschriebenes Stück Literaturgeschichte, mit starken Personenbildern, aber auch einer Neigung zur Kolportage, ein Loblied auf die amerikanische Demokratie und Pluralität, das aber auch das herrschende soziale Elend nicht verschweigt. Es ist ein durchaus lesenswertes Zeitdokument, das seinen besonderen Charme durch die Art seiner Wiederentdeckung, seinen Kontrast zu „Leaves of grass“ und sein Zeitkolorit gewinnt. Die allerorts verbreitete „Sensation“ ist aber eine Nummer zu groß für diese kleine Geschichte und berührt wohl in erster Linie die Literaturhistoriker.

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amsterdam, krimi, kongress, originell, britta bolt

Der Tote im fremden Mantel

Britta Bolt
E-Buch Text: 288 Seiten
Erschienen bei HOFFMANN UND CAMPE VERLAG GmbH, 17.02.2017
ISBN 9783455814224
Genre: Krimi und Thriller

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Wie spät ist es jetzt dort, wo du bist?

Colum McCann , Dirk van Gunsteren
Fester Einband: 256 Seiten
Erschienen bei Rowohlt , 19.05.2017
ISBN 9783498045326
Genre: Romane

Rezension:

Drei Erzählungen und eine Novelle des aus Irland stammenden, schon lange in New York lebenden Autors Colum McCann sind in dem nach einer der kürzeren Geschichten benannten Band „Wie spät ist es jetzt dort, wo du bist?“ veröffentlicht.
Bei einer solchen Sammlung kann es sich immer entweder um eine recht beliebige Zusammenstellung von Texten handeln, die in einer bestimmten Zeitspanne entstanden sind, oder aber auch um inhaltlich auf die eine oder andere Weise miteinander verknüpfte Stories. Diese Verflechtung kann so weit reichen, dass eine Art Roman daraus entsteht. Das ist bei den Geschichten in diesem Band nicht der Fall, sie stehen inhaltlich für sich selbst. Und doch ergeben sie, ähnlich wie bei Konzeptalben in der Musik, eine Art Einheit. Auch wenn die Erzählungen sich in ihrer Länge, in Inhalt und Erzählperspektive kaum gleichen, sie weder Personen noch Ort oder Zeit gemeinsam haben, so ist es doch eine Unterströmung, eine Stimmung, ein Gefühl, das sie alle verbindet.


Es ist ein Gefühl der Unsicherheit und der Vereinzelung, das das gesamte Buch durchzieht. Die Personen befinden sich in Lebenssituationen, die sie nachhaltig erschüttern, aus ihrer Lebensbahn werfen, mühsam errichtete Sicherheiten gründlich durchrütteln und sie oft mit einer Form der Gewalt und des Verlustes konfrontieren, die eher anonym und ungreifbar daherkommt.
Das geht nicht immer so gut aus wie in „Sh´kol“, in der eine Frau verzweifelt nach ihrem verschwundenen Adoptivsohn sucht. Dieser ist geistig retardiert und vermutlich frühmorgens zum Schwimmen ins Meer aufgebrochen. Eine großangelegte Suchaktion bringt tagelang kein Ergebnis, bis schließlich der Junge von selbst wieder auftaucht. Was genau mit ihm geschehen ist, werden wir nicht erfahren, die tiefe Erschütterung seiner Adoptivmutter dafür greifbar miterleben.
In der Geschichte „Frieden“ ist es eine ältere Nonne, deren Leben durch eine Fernsehnachricht durcheinander gebracht wird. In einer Reportage über eine Friedenskonferenz in London erkennt sie unter den Aktivisten einen Mann, der sie einst aus ihrer Missionsarbeit in Kolumbien entführte und wochenlang gefangen hielt, quälte und vergewaltigte. Die Narben dieser Zeit trägt sie noch sichtbar auf ihren Brüsten, aber auch tief in ihrem Inneren. Eigentlich zur Erholung in einem Kloster für Schwestern im Ruhestand an der amerikanischen Ostküste lebend, macht sie sich auf nach England, um ihrem einstigen Peiniger noch einmal gegenüber zu treten.
Am massivsten tritt die unerwartete Gewalt in das Leben des Protagonisten der ersten und längsten Geschichte, der Novelle „Dreizehn Sichtweisen“. In ihr trifft sich der alte Richter Mendelssohn mit seinem Sohn an einem schneereichen Tag in seinem Stammrestaurant. Es ist beeindruckend, wie McCann diesen alten Menschen mit all seinen körperlichen Beeinträchtigungen, seinen Verlusten und Ängsten, aber auch seiner Kraft und seinem Lebenswillen beschreibt und ganz langsam entwickelt. Ich habe selten eine so beeindruckende und authentische Beschreibung dieses Lebensalters auf so engem Raum gelesen. Der Sohn steckt in seinen eigenen Problemen, hat wenig Zeit und Sinn für diese Begegnung, bricht sie verfrüht ab. Er weiß nicht, dass er seinen Vater zum letzten Mal sehen wird. Dieser wird nämlich direkt vor dem Lokal Opfer eines Gewaltverbrechens. Die polizeilichen Ermittlungen dazu, die sich hauptsächlich auf die Bilder diverser Überwachungskameras stützen, werden kunstvoll zwischen die Schilderungen aus der Perspektive Mendelsohns geschoben. Eine spannende Verflechtung von Zeit- und Erzählebenen.


Diese Novelle ist sicher nicht nur wegen ihres Umfangs das Zentrum dieser Sammlung. Kurz nach ihrer Entstehung im Jahr 2014 wurde Colum McCann selbst Opfer eines Gewaltverbrechens und auf der Straße niedergeschlagen. Ein traumatisches Erlebnis für den Autor.
„Manchmal kommt es mir so vor, als würden wir unsere Zukunft beschreiben, während wir zu anderen Zeiten nur zurückschauen können. Letztlich aber ist jedes Wort autobiographisch, vielleicht am meisten, wenn wir das Autobiographische zu vermeiden suchen.“

Neben diesen Erfahrungen des Gefährdetseins, der Zerbrechlichkeit der menschlichen Existenz, der Unsicherheit von Lebensentwürfen und der Allgegenwart von drohenden Verlusten ist das Schreiben, das Verfassen von Geschichten ein wiederkehrendes Motiv in den Erzählungen dieses Bandes. Gleich zu Beginn vergleicht der Autor die Arbeit der Polizei mit der des Dichters: „Es ist wie die Suche nach dem rechten Wort, das, an der rechten Stelle, einem Gedicht die rechte Bedeutung gibt“ und
„Dichter und Polizisten wissen, dass die Wahrheit Mühe macht: Sie stellt sich nicht zufällig ein, sondern muss wie mit Meißeln herausgearbeitet werden, ein Produkt von Zeit, Distanz und Arbeit.“
Am deutlichsten wird dies in der titelgebenden Geschichte, in der eine Frau in der Silvesternacht mit ihrer Lebensgefährtin telefonieren möchte. Diese ist als Soldatin auf Wachposten in einsamem afghanischem Gebirge. Das Besondere an dieser mit 13 Seiten kürzesten Geschichte ist, dass sie als Ideenskizze für eine geplante Kurzgeschichte des Autors konstruiert wird. Er spielt mit den Ideen und der Konstruktion. Es ist mehr eine Geschichte über das Verfassen einer Geschichte als diese selbst. Und doch schafft McCann Atmosphäre und lässt die explizit fiktiven Personen nah herankommen. Das ist eine wahre Kunst. Die Bedrohlichkeit der ganzen Situation fasst er in sprachliche Mittel, so sehen zum Beispiel die Sterne der afghanischen Nacht „aus wie Einschusslöcher“.
In seiner klaren, knappen Erzählweise hat Colum McCann mit „Wie spät ist es jetzt dort, wo du bist“ auch in der kurzen Form ein beeindruckendes Werk geschaffen.

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tod, roman, krankheit, verlust, liebe

In jedem Augenblick unseres Lebens

Tom Malmquist , Gisela Kosubek
Fester Einband: 301 Seiten
Erschienen bei Klett-Cotta, 11.03.2017
ISBN 9783608983128
Genre: Romane

Rezension:

Vor einigen Jahren, im März 2012, wurde die Welt des schwedischen Musikers und Poeten Tom Malmquist von Grund auf erschüttert. Innerhalb kürzester Zeit verlor er seine Lebensgefährtin Karin. Diese war hochschwanger, als sie plötzlich unter grippeartigen Symptomen zu leiden begann und Anzeichen einer Lungenentzündung entwickelte. Nach einigen Tagen verschlechterte sich ihr Zustand so dramatisch, dass sie als Notfall ins Krankenhaus eingeliefert werden musste. Die schockierende Diagnose lautete: Akute myeloische Leukämie.
In seinem 2015 im Original erschienenen autobiografischen Roman wirft Malmquist den Leser genauso unvermittelt ins Geschehen, wie er sich damals selbst hineingeworfen gefühlt haben muss.
„Der Oberarzt tritt den Kipphebel an Karins Patientenbett fest.“
lautet der erste lapidare Satz. Mit ihm beginnt eine Odyssee des Schreckens durch die Flure des Karolinska Krankenhauses in Stockholm. Nicht nur befindet sich Karin in zunehmend ernster Verfassung, drohen ihre gesamten Organe zu versagen, sondern Tom muss sich gleichzeitig auch um die kleine, in dieser 33. Schwangerschaftswoche durch einen Notkaiserschnitt auf die Welt gekommene Tochter Livia auf der Station der Neonatologie kümmern. Zwischen beiden Abteilungen pendelt er hin und her, wird gleichzeitig mit dem Drama des Kampfes der Ärzte um das verlöschende Leben der Mutter und der hoffnungsvollen, positiven Entwicklung auf der Station der Neugeborenen konfrontiert. Ein Gefühlskarussell. Die eigene Verzweiflung und Hilflosigkeit kollidiert mit der pragmatischen, wenn auch freundlichen, so doch kühlen Routine des Krankenhausalltags.
Tom rettet sich in ein nüchternes Funktionieren, notiert alle ärztlichen Äußerungen akribisch auf einem Notizblock, scheut sich nicht, medizinisches Personal wie Familienangehörige durch eigenwillige Reaktionen vor den Kopf zu stoßen. Tom ist kein einfacher, kein glatter Charakter. Genauso wenig wie Karin und ihrer beider Liebesbeziehung. Tom Malmquist macht daraus kein Geheimnis, er beschönigt nichts, schont weder sich noch Karin oder andere Familienmitglieder. Das macht den Text so lebensnah, die Figuren so glaubhaft.
Der erste atemlose, gehetzte, auf nüchterne Beobachtung konzentrierte Abschnitt des Buches endet auf Seite 92.
„Es wird still im Raum, nichts verursacht mehr Geräusche, Nygren schaut auf die Uhr und fügt hinzu: Patientin Exitus um 06.31.“
Insgesamt ist das Buch in fünf Abschnitte geteilt, die nicht gerade überdeutlich lediglich durch eine freibleibende Seite voneinander getrennt sind, und die sich jeweils um einen der fünf Sinne herum gruppieren. Diese Absicht des Autors ist allerdings nicht leicht erkennbar, ich erfuhr sie in einem Gespräch des Autors auf der Leipziger Buchmesse. Der erste Abschnitt ist allerdings noch relativ eindeutig dem Geruchssinn zugeordnet. Um Mutter und Kind in den ersten Stunden nach der Geburt zu verbinden, trägt Tom eine kleine Kuscheldecke von einer zu anderen. Ein rührendes, hilfloses Unterfangen.
Nach Karins Tod wird der Text ein wenig ruhiger, bewahrt aber seinen eigenwilligen Stil. Der Autor schreibt nicht gefällig, schon gar nicht pathetisch. Seine Emotionalität ist verhalten, schon gar nicht geht er damit hausieren. Er springt in den Zeiten, erzählt von der Begegnung von Tom und Karin, ihrer Liebe, ihrem Zusammenleben. Er berichtet vom nicht einfachen, aber auch zutiefst beglückenden Leben mit einem Säugling. Er schildert die behördlichen Hürden, die er nehmen muss, waren doch er und Karin nicht verheiratet und blieb ihnen ja auch im Vorfeld keine Zeit, entsprechende Regelungen zu treffen. Er erzählt von den vielen praktischen Dingen, die geregelt werden müssen. Und er schaut in die Zukunft seiner Tochter.
Das ist nicht wirklich „süffig“ zu lesen, keine „zu Herzen gehende“ Lektüre im klassischen Sinn. Mich hat das Buch aber wohl gerade deshalb unglaublich angerührt, zeigt es doch keine „Helden des Alltags“, wie wir sie in so vielen thematisch ähnlichen Texten und Filmen präsentiert bekommen, sondern überforderte, oft hilflose, manchmal gar unangenehm reagierende Menschen, die einfach versuchen müssen, mit den schrecklichen Dingen umzugehen, mit denen sie konfrontiert sind.
Denn „In jedem Augenblick leben wir“, so die richtige, wörtliche Übersetzung des schwedischen Titel, die meiner Meinung nach viel besser passt als das doch etwas melodramatisch anmutende „In jedem Augenblick unseres Lebens“. Das Leben pausiert nicht, auch nicht in den dunkelsten Stunden. Und Tom hat nun die Verantwortung zu tragen für dieses kleine, neue Leben. Ihr, der kleinen Tochter Livia, ist dieses Buch auch zugedacht. Für sie hat Tom Malmquist es in erster Linie geschrieben.
Wenn es sicher auch für den Autor selbst befreiend gewesen sein mag, über dieses unglaublich dunkle Jahr seines Lebens zu berichten. Es ist das gleiche Jahr, in dem sein Vater kurz darauf seinem langen Krebsleiden erliegt. Auch diesem Tod und dem nicht immer ganz unproblematischen Verhältnis der beiden sind Abschnitte des Buches gewidmet. Der Vater, Thomas Malmquist, war ein in Schweden sehr bekannter Sportredakteur der Zeitung Expressen, sehr einflussreich, sehr erfolgreich, nach Aufdeckung eines Wettskandals auch sehr umstritten – und Alkoholiker. Enthüllungen über ihn haben sicher auch etwas zum überwältigenden Erfolg des Buches in Schweden beigetragen.
Diesen „Promifaktor“ hat es aber in keiner Weise nötig. „In jedem Augenblick leben wir“ – das ist ein Zeugnis davon, wie schwer das sein kann, ungeschönt, direkt, nachdenklich, schnörkellos, und es ist ein so unaufdringlicher wie eindrücklicher Appell dazu, nie zu vergessen, wie kostbar und zerbrechlich es ist, unser Leben.

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freundschaft, liebe, london, leben, dumont verlag

Als wir unbesiegbar waren

Alice Adams , Eva Kemper
Fester Einband: 336 Seiten
Erschienen bei DuMont Buchverlag , 19.06.2017
ISBN 9783832198411
Genre: Romane

Rezension:

Vier junge Menschen am Ende ihrer Schulzeit in Bristol, zwei Männer, zwei Frauen, deren Lebenswege sich fortan trennen werden, nachdem sie einen Großteil ihrer Jugendzeit eine unzertrennliche Clique bildeten. Bruder und Schwester sind vertreten, unterschiedliche Gesellschaftsklassen und Vermögensverhältnisse, romantische Unterströmungen sind spürbar. Das klingt vertraut, das hat man gefühlt schon hundertmal gelesen. Auch Alice Adams vermag da leider nicht zu überraschen. Sie wagt zu wenig, bleibt zu sehr in vorhersehbaren Bahnen, tappt immer wieder in die Klischeefalle. Ihre Geschichte ist zwar durchaus gut erzählt, auch sprachlich solide, bietet aber nichts Neues und zeigt auch in der Konstruktion einige Schwächen.

Die Geschwister Lucien und Sylvie stammen aus einer zerbrochenen Familie, die Mutter neigt dem Alkohol zu. Die Kinder sind selbstständig, kreativ, begabt, stützen sich gegenseitig. Der charismatische Lucien ist überall beliebt, ein Mädchenschwarm, sehr selbstbewusst. Sylvie ist ein künstlerisch sehr begabter Freigeist, strahlend schön und immer der Mittelpunkt. Eva dagegen stammt aus einem sozialistisch geprägten Haushalt, ist strebsam, unscheinbar und immer ein wenig im Schatten ihrer strahlenden Freundin stehend. Heimlich ist sie in Lucien verliebt, der dies nur einmal für einen One—night-stand ausnutzt. Eva ist die große Liebe des Vierten im Bunde, Benedict, Sohn aus reichem Haus, zuverlässig, treu, zielstrebig.


Dass das Buch nicht ganz so schlecht geworden ist, wie die Figurenkonstellation vielleicht andeuten mag, liegt an Alice Adams guter Figurenzeichnung. Trotz der angehäuften Stereotypen entwickeln die Personen doch ein Eigenleben. Zwar lässt die Autorin auch in ihrer Weiterentwicklung kaum eine vorhersehbare Wendung aus – so wird aus Eva, der Sozialistentochter eine erfolgreiche Fondsmanagerin, die mit Millionenbeträgen jongliert, aber im Privatleben eher einsam bleibt und schließlich dem Raubtierkapitalismus selbst zum Opfer fällt; Lucien wird zunächst äußerst erfolgreicher Veranstalter von Musikevents, greift aber immer unkontrollierter zu Drogen und landet im Gefängnis; Sylvie wird mit ihrem künstlerischen Misserfolg immer weniger fertig und steht irgendwann alleinerziehend mit einer behinderten Tochter da; Benedict schließlich trauert seiner Liebe Eva hinterher, so dass seine Ehe, aus der zwei Kinder hervorgehen, zwangsläufig scheitern muss – , aber die Geschichte ist gut entwickelt und liest sich leicht und süffig. Außerdem sind Klischees nun mal Klischees, weil sie so oft anzutreffen sind. Und mit mancher Situation im Roman kann man sich identifizieren, einige Beobachtungen sind sehr schön formuliert.
Wir begegnen den Protagonisten über viele Jahre hinweg, von 1995 bis 2015, vorwiegend im Sommer. Und am Ende gibt es natürlich auch ein Happy-End, der Kreis schließt sich. Und die Autorin verrät, worum es ihr auch gegangen ist: um das Porträt einer Generation, jener um 1975 herum Geborenen, man darf mit einiger Gewissheit annehmen, dass es die Generation der Autorin ist. Von ihr schreibt sie:


„Mir kommt es so vor, als wären wir eine Art Übergangsgeneration gewesen. (…) Wir waren interessiert, aber nicht interessiert genug. Das war das Ethos unserer Generation? Statt aufzustehen und für etwas zu kämpfen, an das wir geglaubt haben, sind wir einfach abgedackelt und haben uns um unser eigenes kleines Stückchen Welt gekümmert?“ 

Auch diese Erkenntnisse sind nicht wirklich neu.
Alice Adams hat mit ihren Roman ein großes Loblied auf die Freundschaft geschrieben, ihr gelingen auch atmosphärisch überzeugende Bilder, vor allem aus London, in dem ein Großteil der Geschichte spielt. Das Buch liest sich auch durchaus gut. Dennoch stören die immer gleichen, vorhersehbaren Wendungen und Figurenkonstellationen. Außerdem bleibt sie in der Konstruktion des Romans seltsam unentschlossen. Sie legt ihn zunächst multiperspektivisch an. Erzählt aus den unterschiedlichen personalen Perspektiven der vier Freunde, um sich dann immer enger auf Eva zu konzentrieren. Dass sie sich mit dieser Person am meisten identifiziert, wird mehr als deutlich. Etwas, das dem Roman zusätzlich nicht gut tut.
Insgesamt enttäuscht der Roman. Wem es nur um eine gut geschriebene Sommer- oder Freundschaftsgeschichte geht, mag dennoch an ihm Gefallen finden. Wer von Literatur etwas mehr erwartet, sollte seine Lesezeit lieber mit einem anderen Buch verbringen.

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29 Bibliotheken, 2 Leser, 0 Gruppen, 8 Rezensionen

venedig, krimi, umweltverschmutzung, mensch & umwelt, schuld

Stille Wasser

Donna Leon , Werner Schmitz
Fester Einband: 336 Seiten
Erschienen bei Diogenes, 24.05.2017
ISBN 9783257069884
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Donna Leons Commissario Brunetti Romane zu lesen, ist ein wenig wie ein Familientreffen.
Seit nunmehr 25 Jahren erscheint pünktlich jedes Jahr ein neuer Band, zuverlässig wie Ostern und Weihnachten. Zeit genug, die Charaktere, die seltsam alterslos sind – aber ist das in Familien nicht auch so, dass Eltern, Tanten und schließlich auch man selbst gefühlt nicht altern?-, in und auswendig kennenzulernen. Venedig, oder Donna Leons Bild von Venedig, sind dem Leser schon fast so vertraut wie der Heimatort. Um das zu unterstützen, gibt der Diogenes Verlag wunderbare kleine Stadtpläne heraus: Venedig mit Donna Leon und es gibt sogar eigene Internetseiten, die die Spuren des Commissario in seiner Lagunenstadt verfolgen.
Donna Leon selbst lebt schon seit fast zehn Jahren nicht mehr in Italien, sondern in der Schweiz in einem klitzekleinen Dorf in Graubünden. Schon lange sind ihre Klagen zu hören über den Ausverkauf ihrer noch immer geliebten ehemaligen Wahlheimat: Touristenmassen , die sich durch die kleinen Calli drängen, völlig überzogene Preise, Korruption und Vetternwirtschaft und in zunehmendem Maße die Umweltverschmutzung, die die uralte Stadt zu zerstören droht.
Sie ist auch das beherrschende Thema in Brunettis sechsundzwanzigstem Fall. In ihm ist alles so vertraut wie auf dem erwähnten Familienfest, und doch auch ein wenig anders. Guido Brunetti verlässt diesmal nämlich die Stadt. Keine Angst, er fährt nicht weit, nur hinaus in die venezianische Laguna, auf die Insel Sant´Erasmo. Dorthin schickt ihn seine Frau Paola, nachdem er einen aus Kollegialität zwar gespielten, aber irgendwie doch auch nicht ganz unbegründeten Schwächeanfall erlitten hatte und von der Arbeit für zwei Wochen freigestellt wurde. Hier in der Weite und relativen Einsamkeit der Lagune will Guido die brüllend heißen Tage nur mit Lesen, Essen und Rudern verbringen. Partner bei letzterem ist ihm der alte Verwalter seines Gasthauses (natürlich eine mehr als komfortable Villa im Besitz der weiteren Familie Falieri). Dieser war schon früher Ruderkamerad von Brunettis Vater. (Man sollte bei solchen Zufällen nicht so knauserig sein.)
Der Aufenthalt in der Lagune bedingt natürlich, dass wichtige Ingredienzien jedes Brunetti-Romans diesmal ein wenig kurz kommen: die Familie nimmt relativ wenig Raum ein, Signorina Elettra und der eitle Patta kommen nur ganz am Rande vor, und auch Venedig selbst bleibt im Hitzedunst am Horizont versteckt. Dafür gibt es viel Lagunenatmosphäre, die Donna Leon in bewährter Manier zu vermitteln versteht.
In ebenso bewährter Manier bringt sie ihr Anliegen, und das hat sie in jedem ihrer Romane, vor. Diesmal ist es die Verschmutzung der Lagune und der Umwelt im Allgemeinen, mit der das weltweite Bienensterben einhergeht. Dieses ist in letzter Zeit ein (durchaus ehrenwertes und wichtiges) Modethema geworden – Bücher über Bienen zuhauf. Hier ist es der alte Davide Casati, der seine Bienenstöcke in der Lagune versorgt und den ihr Tod sehr beunruhigt. Eines Tages wird er nach einem schweren Unwetter selbst tot aufgefunden. Sein Boot ist gekentert und er ertrunken. Ein Unfall, Selbstmord aus Kummer über den Krebstod seiner Frau – oder ein Verbrechen? Klar, dass Brunetti nicht länger im Urlaubsmodus verweilt, sondern diskret ermittelt.
Wie in vielen Brunetti-Romanen dauert es eine ganze Zeit, bis die Handlung Fahrt aufnimmt, Zeit, die mit Stimmungsbildern, ruhigen Alltags- oder Ermittlungsroutinen gefüllt wird. Und auch dann befinden wir uns nur in einem Bummelzug. Action gibt es nahezu nie, keiner der Beteiligten pflegt Geistesblitze zu haben oder ungewöhnliche Methoden zu pflegen. Wie auf dem Familientreffen entwickelt sich alles langsam und, es muss gesagt sein, ein wenig langweilig. Wem also Familientreffen und Langeweile schon immer ein Graus waren – Hände weg von diesem Buch. Ebenso enttäuscht werden – wieder einmal – alle, die eine wirkliche Auflösung verlangen, oder dass die Bösen am Ende bestraft werden. Auch diesen Ansinnen ihrer Leser widersteht Donna Leon in fast jedem Fall. Vieles bleibt auch in „Stille Wasser“ offen. Die Welt und das Leben sind zu kompliziert für einfache Lösungen.
Alle anderen aber, vor allem natürlich alle Mitglieder der großen Brunetti Familiengemeinde, lesen einen wunderbar ruhigen, und allein schon dadurch irgendwie widerständigen, einen atmosphärischen, einen klugen und mit einer typischen Leon-Botschaft versehenen Krimi. Und freuen sich nach dem Zuklappen auf das nächste Treffen im kommenden Jahr. 

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roman

Alles, was ich nicht erinnere

Jonas Hassen Khemiri , Susanne Dahmann
Fester Einband: 336 Seiten
Erschienen bei DVA, 13.03.2017
ISBN 9783421047243
Genre: Romane

Rezension:

Ein junger Mann ist bei einem Autounfall nahe Stockholm ums Leben gekommen. Das erfahren wir relativ baldin Jonas Hassen Khemiris Roman „Alles, was ich nicht erinnere“, auch, dass hier jemand ist, der dem Geschehen nachgeht, der Fragen stellt, über den verunglückten Simon, über jenen unheilvollen Tag im Jahr 2012, als das Auto in einer Linkskurve geradeaus fuhr und gegen einen Baum prallte.
Es sind kurze bis kürzeste Abschnitte, in denen verschiedene Personen zu Wort kommen und ihre Eindrücke vom Geschehen, ihr Verhältnis zum Verunglückten, ihre Beobachtungen schildern. Es sind Nachbarn, eine alte Jugendfreundin, die nun in Berlin lebt, die Mutter, die nur in Emails Auskunft geben möchte, Angestellte eines Altenheims, die ehemalige Freundin Laide und Vandad, ein alter Kumpel und Mitbewohner, die zu Wort kommen. Sehr bald merkt man, dass jeder zweite Abschnitt diesem alten Freund zukommt, dass er wohl eine besondere Rolle spielen wird. Genauso wie Laide, die bald mit diesem alternierend spricht. Laide, das Emigrantenkind, das in Paris gelebt hat, Laide, die Idealistin, die sich für Flüchtlingsfrauen einsetzt, die von meist männlicher Gewalt bedroht sind, Laide, Simons große Liebe im letzten Jahr seines Lebens. Eine Liebe, die aber irgendwann zerbrach.
Zu wem aber sprechen all diese Personen? Der tunesisch-schwedische Schriftsteller, der mit Simons Freundin Panther im selben Berliner Mietshaus lebte und den jungen Mann kurz bei einem Besuch kennenlernte, und der sicher nicht zufällig viele Eckdaten mit dem Autor Khemiri teilt, ist es, der die Menschen aufsucht, sie befragt, ihre Berichte sammelt und hier in einem Buch vereint. Der das Geschehen rekonstruieren will. Er wird sich am Ende vom bloßen Zuhörer und Sammler zur zentralen Figur des Romans wandeln. Am Ende offenbart er uns Lesern seine Beweggründe, den Tod eines ihm fast Unbekannten so akribisch zu verfolgen, durch Europa zu reisen, um Stimmen zu dessen Leben und Sterben zu sammeln. Der Schriftsteller hat auch einen Menschen verloren, E., mehr wird über ihn oder sie und seinen/ihren Tod nicht verraten. Nur, dass den Schriftsteller Schuldgefühle plagen, dass ihn dieser Tod nicht loslässt. Und dass er in der Recherche zu Simons Tod eine Art Trost findet. Zumindest, wenn die Menschen sagen, dass es ein Unfall war. Denn da schwebt immer auch ein wenig der Verdacht mit, es könnte sich um einen Selbstmord gehandelt haben. Ein Selbstmord wegen der Trennung von seiner großen Liebe Laide, wegen seiner Enttäuschung über seinen Kumpel Vandad, weil dieser lange Zeit in krumme Geschäfte verwickelt war, aus Sorge um seine demenzkranke Oma, deren Haus zum Zufluchtsort von Flüchtlingen wurde und eines Tages in Flammen aufging, aus Frust über seinen unbefriedigenden Bürokratenjob im Amt für Migration.
So tief und hartnäckig der Erzähler auch bohrt, die Wahrheit wird nie ganz zutage treten. Selbst dann nicht, als Simon selbst ein kurzes Kapitel erhält, in denen er die Stunden vor und seinen tödlichen Zusammenstoß selbst beschreibt. Letztlich bleibt die Wahrheit verborgen. Und es bleiben nur Gerüchte. Folgerichtig tauchen gegen Ende Abschnitte auf, die mit „die Leute sagen…“ beginnen.
Ist man als Leser zu Beginn noch ein wenig skeptisch, ob die Zerfaserung des Textes in kurze bis kürzeste Abschnitte, die alternierende Anordnung der Erzählenden und die direkte Ansprache wirklich zwingend ist, gerät man sehr bald in einen Erzählsog. Durch die abwechselnden Sichtweisen, die besonders bei Vandad und Laide sehr voneinander abweichen, und die stets gegeneinander, wenn auch meist leicht verschoben, geschnitten sind, bekommt der Text etwas Flirrendes. Wo liegt die Wahrheit? Wie weit liegen Eigen- und Fremdwahrnehmung voneinander entfernt? Wieviel kann man tatsächlich von anderen, auch eng verbundenen Menschen wissen? Wieviel Verantwortung trägt man für ihr Leben? Oder auch für ihren Tod? Das sind Fragen, die sich nach und nach mit aller Eindrücklichkeit stellen und die lange nachhallen. Besonders das Ende, wo der Erzähler selbst, Adressat aller Zeugnisse und hinter ihm ganz schwach verborgen wohl der Autor, ganz nah heran kommt, wird man wohl so bald nicht vergessen.

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77 Bibliotheken, 2 Leser, 1 Gruppe, 15 Rezensionen

landleben, liebe, fresko, kriegstrauma, yorkshire

Ein Monat auf dem Land

J.L. Carr , Monika Köpfer
Fester Einband: 144 Seiten
Erschienen bei DuMont Buchverlag , 01.01.2017
ISBN 9783832198350
Genre: Romane

Rezension:  
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31 Bibliotheken, 2 Leser, 1 Gruppe, 3 Rezensionen

jamaika, man booker prize, buch, bob marley, roman

Eine kurze Geschichte von sieben Morden

Marlon James , Guntrud Argo , Robert Brack , Michael Kellner
Fester Einband: 864 Seiten
Erschienen bei Heyne, 13.03.2017
ISBN 9783453270879
Genre: Romane

Rezension:

Der Titel des Romans, für den Marlon James 2015 den Man Booker Preis verliehen bekommen hat, ist eine einzige Täuschung.
Natürlich ist es alles andere als eine kurze Geschichte, die hier auf 853 großformatigen Seiten detailreich und ausufernd dargeboten wird. Und von statt sieben Morden erzählt das Buch von unzähligen gewaltsamen Toden, Hinrichtungen, Massakern, so vielen, dass man das Zählen bald aufgibt. Welche dieser Tötungen es tatsächlich dann in den Titel geschafft haben, bleibt offen. Ja, der Autor erlaubt sich einen ironischen Kniff, indem er einem der Protagonisten, dem Journalisten Alex Price, das Buch „Eine kurze Geschichte von sieben Morden“ quasi unterschiebt. Als der auf die Sieben angesprochen wird, gibt er zu, es seien eigentlich elf Morde gewesen (woher auch immer diese Zahl kommt) von denen er berichten wollte, aber zu vieren davon hätte er nicht genug Informationen gefunden.


Zentrales Ereignis des Buches ist das Attentat auf den Reggae-Sänger Bob Marley im Dezember 1976 auf Jamaika. Marley war in seine Heimat gekommen, um auf dem großen Friedenskonzert „Smile Jamaica“ aufzutreten. Initiiert wurde dieses von der regierenden Partei, der People´s National Party PNP, und es sollte die stark verfeindeten politischen Lager beschwichtigen, wenn nicht gar zur Versöhnung aufrufen. Das war nötig geworden, da die Kriminalität ein erschreckendes Ausmaß erreicht hatte. Verfeindete Gangs mit mafiösen Strukturen und jeweiliger Nähe zu einer der politischen Parteien begingen Morde, Überfälle, Brandstiftungen in den gegnerischen Stadtvierteln, es herrschte auf den Straßen Kingstons praktisch Krieg. Der PNP unter Präsident Michael Manley, die einen demokratischen Sozialismus vertrat und die Nähe zu Kuba suchte, stand dabei die stark westlich, sprich an den USA orientierte JLP, die Jamaica Labour Party unter Edward Seaga gegenüber. Nach der anfänglichen Euphorie über die 1962 erklärte Unabhängigkeit von Großbritannien versank das Land, auch infolge einer furchtbaren Dürre in den Jahren 1967/68, in Armut, Chaos, Gewalt und Korruption. Kriminelle Banden übernahmen bald eine Art Herrschaft.


Die tobenden Bandenkriege waren eine Sache, die zweite, und das wird in dem Buch ebenfalls thematisiert, waren die von den USA verfolgten Interessen in der Region. Meine Kenntnisse über die damalige Situation in Jamaika sind relativ gering gewesen, aber dass die USA sozialistische „Umtriebe“ vor „ihrer Haustür“, also in der Karibik, sicher nicht gern sahen, liegt auf der Hand und die Kubakrise ist sicher jedem ein Begriff. So mischen auch in Marlon James Roman die CIA kräftig mit. Ihr Ziel ist die Destabilisierung der Regierungspartei PNP. Ihr Mittel ist die Anfeuerung der Bandenkriege, die Torpedierung des Friedensprozesses und damit die Diskreditierung der PNP, zumindest hier bei James. Aber große Zweifel an der Wahrscheinlichkeit des Szenarios kommen beim Leser nicht auf. Das Buch geht sogar noch einen Schritt weiter und lässt diverse skrupellose CIA-Agenten auch hinter der Anstiftung zum Attentat auf Marley stecken. Dessen Engagement für den Friedensprozess der PNP stand gewiss ihren Interessen entgegen.


Diese Situation ist Ausgangspunkt für „Eine kurze Geschichte von sieben Morden“, die am Vortag des Attentats beginnt.
Auch wenn das Buch natürlich fiktionalisiert ist, sind die Geschehnisse historisch belegt, einige Figuren, wie Regierungschef Michael Manning werden mit Klarnamen genannt, andere, wie Bob Marley, der nie mit Namen, sondern immer nur „der Sänger“ genannt wird, werden kaum, wieder andere, wie Edward Seaga, wenig verschlüsselt, indem ihnen andere Namen gegeben wurden. Einen interessanten Beitrag zu den realen Personen hinter den Figuren findet man hier.


Das Verzeichnis der handelnden Personen umfasst insgesamt 76 Namen, 13 davon erhalten von Marlon James eine eigene Stimme, einer der Erzähler schon seit geraumer Zeit tot ist. Die einzelnen Kapitel sind mit den Namen versehen, so dass sich der Leser recht gut orientieren kann. Nur im letzten der insgesamt fünf Bücher, in die der Roman aufgeteilt ist, sind die Kapitel lediglich nummeriert. Bis dahin hat man aber die verschiedenen Sprecher bereits ganz gut kennengelernt und erkennt ihren Sound recht schnell. Denn Marlon James schafft es, den Figuren recht eigene, authentische Stimmen zu verleihen. Ihre Auftritte sind unterschiedlich häufig, der ein oder andere erlebt auch das Ende des Romans nicht.


Es sind ein alternder, ermüdender Bandenchef, seine aufstrebende, absolut kaltblütige rechte Hand, kleine und größere Gangmitglieder, CIA-Mitarbeiter, ein für den Rolling Stone arbeitender Journalist und eine junge Jamaikanerin, die durch Zufall Zeugin des Marley-Attentats wurde und danach aus Angst nach New York flieht, die aus ihren unterschiedlichen Blickwinkeln von dem Attentat, ihrem Leben in Jamaika, speziell in den Vierteln Kingstons, und später aus New York berichten. Der Roman umspannt die Zeit von Dezember 1976 bis März 1991. Er erzählt von Gewalt, Rassismus, Kriminalität, Korruption, von Sex, Homophobie und Misogynie, von Drogen, Armut und Hoffnungslosigkeit. Es ist ein vielstimmiger Chor, radikal, brachial, brutal. Immer wieder musste ich pausieren von dieser Menschenverachtung, die sich schon in der Sprache der Erzähler niederschlägt, von dieser explizierten Homophobie, die sich gleichzeitig intensiver gleichgeschlechtlicher Sexualkontakte bedient - überhaupt dieses ständige Kreisen um Sex und Gewalt, die ineinander verschmelzen, Sex als Ausdruck von Gewalt, Ventil für Aggressionen und Machtinstrument. In Jamaika sind Homophobie und auch physische Gewalt gegen Homosexuelle wohl weit verbreitet. Regelrecht verstörend fand ich, dass selbst die momentane bürgerlich-konservative Regierungspartei JLP noch 2001 einen sogenannten „Battyman-Tune“, einen an den Reggae angelehnten Song, der die „Verbrennung und Ermordung von Schwulen feiert“, zum Wahlkampfsong wählte.
Marlon James bedient sich über weite Stellen des jamaikanischen Slangs, des Patois, inwieweit das gut ins Deutsche übertragen werden konnte, kann ich nicht beurteilen. Fünf Übersetzer haben sich der gewiss nicht einfachen Aufgabe angenommen. Am Ende schwirrte mir der Kopf vor Bombocloth und Pussyhole, vor Brethren und Sistren, vor Sufferah und Battymen. Das hat einen gewissen Rhythmus, auch wenn der eindeutig nicht so flockig und hoffnungsvoll rüberkommt wie bei vielen Reggaesongs, die das ganze Buch begleiten. 


Der Roman ist brutal, wild und anstrengend, gleichzeitig aber auch ungemein fesselnd, aufschlussreich und genial. Er präsentiert ein gnadenloses, gewaltgesättigtes Bild von Jamaika, führt es fort nach New York, wo sich die jamaikanischen Bandenbosse ein neues Geschäft mit Drogen im großen Stil aufbauen, wo die Kontakte zum kolumbianischen Medellín-Kartell geknüpft werden und Kriminalität und Bandenkrieg einfach fortgesetzt. Hierhin fliehen aber auch die, die in ihrer Heimat keine Zukunft mehr sehen. Zum Beispiel die jamaikanische Zeugin, hier lebt auch der Journalist Alex Price. Die beiden werden allmählich zu den heimlichen Hauptprotagonisten des Romans. Sie sind auch die einzigen beiden Figuren, die ein wenig Identifikationsfläche bieten. Zumal für den Autor.
Alex Price versucht, die Geschehnisse rund um das Marley-Attentat, die Ursachen der Bandenkriege und die die politischen Verstrickungen in seinem Buch zu erfassen und erweist sich als gefährlicher Zeuge. Die Jamaikanerin Nina hat, wie der homosexuelle Autor Marlon James, Jamaika aus Angst vor Verfolgung verlassen, sie lebt in einer Art Exil. Aber: „Die Vergangenheit ist nicht tot. Sie ist noch nicht einmal vergangen.“ Alle Personen werden früher oder später von ihr eingeholt. Marlon James bemüht das berühmte Faulkner Zitat nicht zufällig, gehört dieser doch zu seinen großen Vorbildern. Auch was den Aufbau und die komplexe Stimmenführung dieses Romans angeht.


Ein monumentales Werk hat er geschaffen. Ein Kritikpunkt sei aber noch erwähnt. Bei all der Stimmenvielfalt und Komplexität des Romans leidet er doch daran, dass sich Marlon James zu sehr auf ein bestimmtes Milieu beschränkt, aus dem seine Figuren stammen. Da unterscheidet sich der skrupellose CIA-Agent kaum vom kleinkriminellen Drogenkonsument (auch wenn sie durchaus andere Sprachen sprechen). Mit Ausnahme der zwei erwähnten Figuren mit zaghaft positiver Ausrichtung, entstammen sie alle finstersten Ecken. Das verringert ein wenig die Tiefe, die Vielfalt und die Reibungsfläche, die der Roman hätte haben können und gewiss auch trotzdem hat. Auch hat der Leser manchmal das Gefühl, der Autor berauscht sich geradezu selbst an seinem Gettoslang, an den ständigen Gewalt- und Sexfantasien oder auch Praktiken seines Personals. Da wäre für mich weniger eindeutig mehr.
Nichts desto trotz ein beeindruckender, ein anstrengender, aber auch lohnender Roman.

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87 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 51 Rezensionen

flucht, familie, lissabon, hochstapler, kindheit

So, und jetzt kommst du

Arno Frank
Fester Einband: 352 Seiten
Erschienen bei Tropen, 29.05.2017
ISBN 9783608503692
Genre: Romane

Rezension:

Das Unheil kommt auf leisen Sohlen. Anfangs lesen sich die Erinnerungen des Erzählers noch eher heiter. Ja, sicher, der Vater ist ein „Lebemann“, wohl auch ein wenig verantwortungslos, sehr egozentrisch.
„Keiner, der´s hier oben hat“, und dazu tippt er sich an die Schläfe,“ muss schuften. Schuften müssen nur die Idioten.“
lautet eine seiner Lebensweisheiten, die er seiner Familie, vornehmlich seinem Sohn gegenüber gerne selbstgefällig preisgibt, meist mit dem Schlusssatz „So, und jetzt kommst du.“ Dabei ist er an der Meinung seines Sprösslings so wenig interessiert wie an der der Mutter. Er allein ist der Mittelpunkt seiner Welt.
Aber zu Beginn scheint sein Lebensmodell zu laufen. Zunächst Verkäufer in einem Autohaus, Gebrauchtwagenhändler, dann mit allerlei Waren jonglierend, jede davon der sichere zukünftige „Renner“, bietet er seiner Familie zunächst doch ein Leben in einigem Wohlstand. Einen gewissen Charme kann man ihm unmöglich absprechen. Und ganz am Ende, alles schon lange den Bach hinunter gegangen ist, wird die Mutter auf dem Sterbebett zu ihrem Sohn sagen:
„Immerhin war es nicht langweilig.“
Es sind diese anfänglich geschilderten Jahre, die dem Erzähler auch im Verlauf der Geschichte einigen Halt geben werden, die als einmal geschaffenes Bild von „Familie“ auch deren komplette Zerstörung noch lange Zeit überdauern wird. Einiges an Nostalgie wird da zu Beginn heraufbeschworen, Kaba und Seborin Haarwasser, Krieg der Sterne und Sony Walkman. Leser, die auch in dieser Zeit groß wurden, packt da ein gewisses heimeliges Gefühl.
Liebe scheint es in der Familie reichlich zu geben, zwischen den Eltern, aber auch zu den drei Kindern, ja selbst die Hunde sind Teil dieser unverbrüchlich erscheinenden Gemeinschaft. In der Erinnerung ist die Mutter für den Erzähler „die summende Frau“, der Vater der Beschützer und Held. Eine kleine Siebziger Jahre Idylle. Und doch braut sich da was zusammen. Man weiß es nicht nur aus dem Klappentext, sondern spürt es sehr deutlich, wenn auch auf den erwähnten leisen Sohlen, herannahen.
Der Erzähler schildert aber weiter aus seiner kindlich unbedarften Perspektive, die aber nie verniedlicht oder künstlich wirkt, sondern sehr authentisch.
„Mein Vater ist eine geologische Gegebenheit. Unhinterfragbar da, wie die Kordilleren oder die Pyrenäen.“
Gerade diese Unhinterfragbarkeit der Eltern, der unbeirrbare Glaube an sie und die Richtigkeit ihrer Entscheidungen, ist Kindern, zumindest bis zu einem gewissen Alter, zu eigen. Das schildert der Autor sehr eindrücklich und gerade das lässt beim Leser zunehmend Beklemmung aufkommen. Denn diesem wird die Lebenslüge dieser Familie weitaus früher bewusst als dem Erzähler.
Die reichlich windigen Geschäfte laufen irgendwann nicht mehr so gut, der Vater verspekuliert sich, häuft eine Menge Schulden an. Als er seinen Verpflichtungen nicht mehr nachkommen kann, wird das Haus gepfändet. Die Mutter springt als Tupperware Vertreterin für das Familieneinkommen ein. Dabei wird immer deutlicher, dass sie, genau wie der Vater in seiner Großmannssucht, gar nicht die nötige Reife besitzt, um Verantwortung für eine Familie zu tragen. Immer häufiger zieht sie sich mit dem Daumen im Mund auf Bett oder Sofa zurück. Der Vater sitzt vor dem Fernseher oder liest den „Spiegel“. Aber er ist nicht nur ein leichtfertiger Hochstapler, er entwickelt sich mehr und mehr zum Betrüger.
„Es steht jeden Tag ein Dummer auf“ ist sein Motto. Es gilt, ihn nur zu finden.
Irgendwann veruntreut er eine hohe Summe, von 300000 DM ist die Rede. Unbemerkt kann das nicht bleiben. Als die Polizei ihnen auf der Spur ist, packt die Familie ihre Siebensachen und flieht nach Frankreich, wo der Vater einst aufgewachsen ist. Ziel ist die Côte d´Azur. Man lebt dort auf großem Fuß, verprasst das ergaunerte Geld. Hier, in diesem vorübergehenden Paradies, setzt die Abwärtsspirale nach einer Weile mit Macht ein. Das Geld geht zur Neige, Interpol kommt auf die Spur. Letztendlich werden die letzten Besitztümer geopfert, damit ein portugiesischer Bauarbeiter die Familie in sein Heimatland schmuggelt.
Die Geschichte, vom Erzähler weiterhin lakonisch aus seiner kindlichen Perspektive, aber nicht ohne die Schärfe des Erwachsenenblicks darauf, geschildert, verliert nun jegliche Leichtigkeit, aber nicht ihren Humor. Auch wenn der Leser zunehmend beklommen die Lethargie der Eltern, die steigende Gewaltbereitschaft des Vaters, den schon fast Regression zu nennenden Zustand der Mutter, den Hunger und die Ungewissheit, die die Kinder plagen, verfolgt, sind doch immer noch viele Momente von Situationskomik anzutreffen. Das Lachen bleibt aber dabei im Hals stecken.
War man anfangs noch ein wenig irritiert, mit welcher Sorglosigkeit selbst das Baby im Auto zugequalmt wird (ja, es waren andere Zeiten), der Einjährige schließlich den ganzen Tag (und vielleicht auch die Nacht) mit Schwimmflügeln herumlaufen muss, damit die Eltern sich wegen des Pools nicht kümmern müssen, häufen sich nun die Tatbestände einer massiven Vernachlässigung, wird gar die kleine Tochter vom Vater zum Handtaschenraub angestiftet. Der Leser ist einfach nur erleichtert, als die ganze Sache schließlich ein Ende findet. War doch schließlich zwischenzeitlich auch mal von erweitertem Selbstmord die Rede.
Überraschend ist die Erzählhaltung dieses auf autobiografische Gegebenheiten beruhenden Buchs. Am Ende wird die Inhaftierung und das anschließende Verschwinden des Vaters erwähnt, die schwierige, von sozialen Problemen bestimmte Zeit für Mutter und Kinder zurück in Deutschland, die Distanzierung, die zwischen ihnen stattfand
„Wir Kinder fielen von ihr ab wie reife Früchte von einem Baum und kullerten den Abhang herunter, der das Leben ist.“
Und doch ist der Ton ein versöhnlicher, ja fast liebevoller. Es ist der Tod der Mutter, der dem Erzähler und vermutlich auch dem Autor die Möglichkeit gab, sich von dieser geraubten Kindheit frei zu schreiben.
Als die im Sterben liegende Mutter mühsam ein „ES. Tut. Mir. So. Leid.“ hervorbringt, kann der Erzähler sich mit einem „Alles gut“ verabschieden. Es ist eine Lüge. Das weiß der Leser, das weiß der Erzähler, wahrscheinlich auch die sterbende Mutter. Aber nun, nach ihrem Tod, kann er darüber erzählen, kann auch mit dem verschwundenen Vater „machen, was ich will.“
Das, was er gemacht hat, ist ergreifend, lustig, tieftraurig, durchrüttelnd, ein tolles Buch.

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8 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 2 Rezensionen

roman, veränderung

Transit

Rachel Cusk , Eva Bonné
Fester Einband: 238 Seiten
Erschienen bei Suhrkamp, 26.03.2017
ISBN 9783518425916
Genre: Romane

Rezension:

Transit – Durchreise, Passage, vielleicht auch Übergang. Auch: der Vorbeizug eines Himmelskörpers. Wie schon bei Rachel Cusks letztem Buch „Outline“, darf man den Titel gerne als Leitmotiv für den Roman nehmen.
Faye, die Autorin in mittleren Jahren, die wir aus dem Vorgänger bereits kennen, Mutter zweier Söhne, die in beiden Büchern jeweils nur in besorgniserregenden Anrufen vorkommen, geschieden, und zwar nicht, wie man das oft so schön sagt, in gegenseitigem Einvernehmen, sondern, wir spüren es, auch wenn es nirgends thematisiert wird, mit einigen Blessuren einhergehend, diese Faye ist auch in „Transit“ die Erzählerin und das Zentrum des Romans. Auch von der grundlegenden Struktur ähneln sich die beiden Bücher sehr – sind sie doch auch Teil einer geplanten Trilogie. Faye begegnet unterschiedlichen Menschen, Handwerkern, ihrem Friseur, ihren Studenten, Kollegen, Freundinnen, einem ehemaligen Geliebten, und kommt mit ihnen ins Gespräch. Vielmehr, sie lässt sie erzählen, ist geduldige, manchmal ermunternde, manchmal nachfragende Zuhörerin. Die Gesprächspartner öffnen sich bereitwillig, erzählen oft aus ihrem Leben, holen kleine Geschichten hervor. Faye selbst bleibt im Hintergrund. Von ihren Gedanken, Gefühlen, Ansichten erfahren wir, wenn überhaupt, nur indirekt. Darin ähneln sich beide Bücher, wie gesagt, sehr. Ebenso in ihrer Klugheit und intelligenten Unterhaltsamkeit.
Und doch gibt es auch Unterschiede. Transit als Leitmotiv scheint auch für Faye zu gelten. Haben wir sie in „Outline“ auf einer Reise nach Athen begleitet, die sich ein wenig auch wie eine Flucht vor den Verwüstungen, die die Scheidung mit ihr angerichtet hat, anfühlte, so ist sie nun zurück in London. Sie bezieht mit den Söhnen ein Haus, das sie auf Rat eines Freundes in einer „guten Gegend“ gekauft hat. Leider erweist es sich, das Budget war begrenzt, als eine ziemliche Bruchbude. Nahezu baufällig, zudem mit Untermietern versehen, die dort schon seit Jahrzehnten in Souterrain wohnen, oder besser gesagt, hausen. Deren Gartenanteil ist völlig zugemüllt, die Wohnung verdreckt und, das ist beinahe das Schlimmste, beide ausgesprochen unsympathisch, vulgär und streitlustig.
Begegnungen mit ihnen ziehen sich als wiederkehrende Motive genauso durch den Roman wie hilfesuchende Anrufe ihrer Söhne, die für die Zeit der dringend anstehenden Renovierung beim Vater wohnen. In beiden Fällen erweist sich Faye als ausgesprochen passiv. Sie wirkt wie eine Frau, deren Lebensmodell komplett zusammengebrochen ist, die sich mühsam ein neues zurechtbasteln muss. Von daher passt das Bild der Baustelle, des völlig baufälligen Hauses, der feindlich gesinnten Mitbewohner sehr gut.
Beschäftigt man sich ein wenig mit der Vita von Rachel Cusk, findet man darin erstaunliche Übereinstimmungen. Auch sie ist geschiedene zweifache Mutter. Zudem hat sie ihre zerbrochene Ehe und die Scheidung zum Thema eines in England stark umstrittenen Buchs „Aftermath“ gemacht. Wegen ihrer Offenheit, „Obszönität“ und „Indiskretion“ wurde sie dafür in der Öffentlichkeit hart angegangen und angefeindet, zeitweise wurde ihr der Titel „meistgehasste Schriftstellerin“ zuerkannt. Eine Zeit, die die Person Rachel Cusk zutiefst erschüttert hat. Eine Erschütterung, die man auch bei ihrer Figur Faye wiederfindet. In einem Interview sagte Cusk, die Bücher wären auch ein Versuch, sich „aus dem Käfig herauszuschreiben“.
Und so scheint Faye auch in „Transit“ einen Schritt weiter gekommen zu sein, bewegt sich zunehmend auf festerem Grund. Wie das baufällige Haus, setzt sie auch langsam ihr eigenes Leben instand, widersteht auch den böswilligen „Trollen“ im Untergeschoss. Bereits in „Outline“ erklärte sie die Möglichkeit der Selbstvergewisserung, der Identitätsbestimmung in der Auseinandersetzung mit anderen Menschen so:
"Während er sprach, sah sie sich selbst als Form, als Umriss, und alle Details legten sich von außen daran, während der Umriss selbst leer blieb. Und dennoch vermittelte ihr dieser Umriss, obwohl sein Inhalt unbekannt war, zum ersten Mal eine Ahnung davon, wer sie jetzt sein könnte."
Faye mit ihrem zertrümmerten, inkongruenten inneren Selbst spiegelt sich in ihren Gesprächspartnern, die einen kurzen Blick auf ihre Leben erlauben, die aber selbst auch von Flüchtigkeit, Entfremdungen, Verletzungen erzählen, manchmal auch, wie der Friseur, kleine Alltagsphilosophien parat haben. Insgesamt erscheint Faye bei aller Zurückgenommenheit in „Transit“ doch deutlich präsenter als im vorangehenden „Outline“, auch wirkt das Buch insgesamt strukturierter. Man darf gespannt sein, wohin ihre „Durchreise“ sie im dritten und abschließenden Band führt.
Rachel Cusk hat mit ihren Büchern einen wirklich originellen Versuch der Identitätsbestimmung einer Frau gewagt. Stilistisch elegant, vieldeutig und gerade auch wegen ihres leisen Humors sehr unterhaltsam.

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11 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 2 Rezensionen

Outline

Rachel Cusk , Eva Bonné
Fester Einband: 235 Seiten
Erschienen bei Suhrkamp, 07.03.2016
ISBN 9783518425282
Genre: Romane

Rezension:

Eine Frau auf dem Flug nach Athen. Sie ist unterwegs zu einem Kurs in Kreativem Schreiben, den sie unterrichten soll, vielleicht ein klein wenig auch auf der Flucht, man meint es herauszuhören, aus einem nicht ganz einfachen Leben in London. Neben ihr sitzt ein älterer Grieche, man kommt ins Gespräch. Es ist das erste einer langen Reihe von Gesprächen, die Faye, die Autorin, im Laufe dieser Woche in Athen führt und die wir als Leser mitverfolgen.
Diesem eigentlichen Beginn des Romans ist noch eine kurze Szene vorangestellt, deren Bedeutung sich zunächst kaum erschließt. Die Erzählerin trifft sich vor ihrem Abflug mit einem „Milliardär“, um mit ihm über eine in Planung befindliche Literaturzeitschrift zu sprechen. Dazu kommt es nicht, der Mann plaudert stattdessen über sich, „Der Milliardär erzählte mir bereitwillig aus seinem Leben.“ „The billionaire had been keen to give me the outline of his life story“ heißt es im Original und es ist ein bisschen schade, dass bei der Übersetzung das Leitmotiv zusammen mit dem Schlüsselwort des Romans, das ja auch titelgebend ist, verschwindet.
„Outline“, zu Deutsch Kurzfassung, Überblick, Umriss oder Profil – das ist es, was Faye nicht nur von diesem Mann erhält, sondern von vielen Personen, die sie in Athen trifft. Es sind alte Freunde, Studenten, Kollegen und neue Bekanntschaften, die ihr von sich erzählen und sich dabei oft überraschend weit öffnen. Das mag an der zurückgenommenen Art der Erzählerin liegen. Sie kann gut zuhören, ist wohl sogar ganz froh, nicht über sich selbst reden zu müssen, passiv bleiben zu können. In ihrer Begegnung mit den alten Freund Panaiotis deutet sich an, dass ihre Ehe, von deren Scheitern sie ansonsten relativ abgeklärt und kurz berichtet, wohl doch nicht ganz so problemlos endete wie vorgegeben. Ein Foto, das Panaiotis ihr überreicht, spielt eine Rolle, was es damit auf sich hat, bleibt ungeklärt. So wie wir überhaupt relativ wenig über Faye erfahren, obwohl sie im gesamten Roman im Zentrum steht. Nur über die feinen biografischen Risse, die sich in den Erzählungen der anderen auftun und in ihrem Skeptizismus, ihren zurückhaltenden Nachfragen, den klugen Bemerkungen und dem leisen Humor, den gelegentlichen satirischen Spitzen gewinnt auch sie selbst so etwas wie eine Kontur. Dann ahnt man, dass die Dinge, die ihre Gesprächspartner umtreiben, auch ihr nicht fremd sind.
Es geht oft um menschliche Beziehungen in den Gesprächen, vorzugsweise um solche zwischen Mann und Frau, überwiegend scheiternde. Es geht um (geplatzte) Träume, um (falsch) getroffene Entscheidungen, erlittene Verluste und immer wieder um Selbstbilder. Die Menschen sind regelrecht süchtig danach, ihr Leben zu erzählen. Vielleicht um sich dadurch ihrer selbst zu vergewissern und wieder die Kontrolle über etwas zu erlangen, das ihnen zunehmend zu entgleiten scheint. Oft sind es Menschen in ihrer zweiten Lebenshälfte, oft nach einer gescheiterten Beziehung, am Ende eines einst gewählten Lebensmodells. Und man darf vermuten, dass auch die Erzählerin zu ihnen gehört. Besonders deutlich wird ihre Skepsis, die wohl auch die der Autorin sein mag, hier:
„Ich hielt die ganze Vorstellung eines „eigentlichen“ Selbst für eine Illusion: zwar konnte man den Eindruck bekommen, man verfüge über einen autonomen Kern namens Selbst, aber dieses selbst existiere vielleicht gar nicht.“
Mit dem „Nachbarn“ aus dem Flugzeug trifft sich Faye dreimal in Athen. Jedes Mal ändert sich ihre Wahrnehmung von ihm ein wenig durch die Dinge, die er von sich erzählt. Bild – Selbstbild. Darstellung – Sein. Außen – Innen. Auch das sind Fragestellungen, die der Roman auf ganz dezente, indirekte Art und Weise aufwirft. Vordergründig geht es, wie gesagt, nur um die Wiedergabe von geführten Gesprächen, in direkter, indirekter oder auch erlebter Rede. Manch eine der gehörten Geschichten klingen zudem nicht ganz glaubwürdig, wirken überspitzt. Die Erzählerin lässt sie weitgehend unkommentiert. Beobachtungen, eigene Gedanken oder Beschreibungen rücken dagegen in den Hintergrund. Und auf einen Plot muss der Leser fast gänzlich verzichten. Cafébesuche, einige Unterrichtsstunden, ein paar Ausflüge mit dem Boot zum Schwimmen, mehr an „Action“ bietet Rachel Cusk nicht.
Dafür ein völlig ungewöhnliches, überraschendes und bereicherndes Buch. Das schönste daran ist, dass es der erste Teil einer Trilogie ist. Mit „Transit“ steht der nächste Band schon bereit.

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24 Bibliotheken, 0 Leser, 1 Gruppe, 5 Rezensionen

belletristik, barney norris, dumontverlag, debütroman, hier treffen sich fünf flüsse

Hier treffen sich fünf Flüsse

Barney Norris
E-Buch Text: 360 Seiten
Erschienen bei DUMONT Buchverlag, 21.03.2017
ISBN 9783832189457
Genre: Romane

Rezension:

Vier Flüsse fließen rund um Salisbury in den River Avon. Es ist eine uralte Landschaft hier im „grünen Süden Englands“. Unweit wurden vor mehr als 4000 Jahren die hölzernen und steinernen Kultstätten von Woodhenge und Stonehenge errichtet, wurde Old Sarum zu einer der bedeutendsten Städte der Angelsachsen, nachdem schon die keltischen Druiden und Römer hier siedelten. Im Mittelalter wurde Salisbury, New Sarum, rund um die neuerbaute, prächtige Kathedrale ein bedeutender Mittelpunkt.
Im Eingangskapitel von „Hier treffen sich fünf Flüsse“ wird der „Gesang der Erde“ beschworen, der hier zu hören sei, an diesem geschichtssatten Ort. Es ist eine Art Prolog, erst am Ende werden wir den jungen Mann, der ihn spricht, näher kennenlernen. Für ihn ist die offene Landschaft und die Erhabenheit der Kathedrale etwas, dass „uns auffordert, stehen zu bleiben und nachzudenken. Und von uns verlangt, den Blick von uns selbst abzuwenden.“
„Hierin liegt die Bedeutung dieser kleinen Stadt, wo der Turm hoch in den Himmel ragt, wo Flüsse und Geschichten sich verweben und Lebenswege einander kreuzen.“
Es sind fünf Lebenswege, die sich im Buch kreuzen. Der erste könnte nicht krasser im Gegensatz sein zu dem elegischen Prolog. Es ist Rita, bald 60 und Inhaberin eines kleinen Blumenstands auf dem Markt, Teilzeit-Drogendealerin und vom Leben völlig desillusioniert. In schwierigen Verhältnissen aufgewachsen, vom Freund schwanger sitzen gelassen, in Alkohol- und Drogensucht abgerutscht, in unzähligen Männergeschichten etwas wie Zuneigung und Geborgenheit vergeblich suchend. Auch ihr Sohn lehnt jeden Kontakt mit ihr seit langem ab. Mit unbändiger Wut und Kratzbürstigkeit wehrt sie sich gegen die Zumutungen der Welt und merkt doch, dass sie sich selbst am meisten im Weg steht, von allen Möglichkeiten scheinbar immer die schlechteste wählt. Aber sie kann nicht anders. Sie erzählt laut, vulgär, verbittert. Sie ist es, die letztendlich die fünf Menschen, um die es im Buch geht, wenn auch nur für einen Augenblick, so doch verbindet. Sie wird auf einer verzweifelten Fahrt auf ihrem Moped Opfer eines schweren Verkehrsunfalls.
Der alte Farmer, George Street, Fahrer des Unfallwagens, ist einer der anderen Personen, die zu Wort kommen. Er hat am Morgen seine geliebte Frau nach langer schwerer Krankheit verloren, ist noch ganz betäubt von dem Verlust, sieht nicht das Zweirad das ihm die Vorfahrt nimmt. Zwei Zeugen, ein 15jähriger Junge und eine Frau mittleren Alters werden ebenso Zeugen des Unfalls wie der Erzähler aus dem Prolog, der nach einer schmerzhaften Trennung aus London in seinen Heimatort zurückgekommen ist und als Nachtwächter auf Old Sarum viel Zeit zum Nachdenken hat. Auch die anderen beiden tragen ihre Probleme mit sich herum. Sam, der Junge, verliebt sich gerade in dem Moment zum ersten Mal, als sein Vater im Sterben liegt. Er ist hin und her gerissen zwischen seinen Gefühlen und dem schlechten Gewissen, dass er seinem geliebten Vater gegenüber hat. Die Frau wiederum leidet unter der Abwesenheit ihres Mannes, der als Soldat in Afghanistan stationiert ist, und ihren Ängsten um ihn, genauso wie um die Loslösung ihres pubertierenden Sohns, der seit Kurzem ins Internat geht. Trost in ihrem einsamen Dasein, „auf Abruf“, ist einzig das Theater, in dem sie, einst angehende Schauspielerin, als Platzanweiserin arbeitet und eine Laienspielgruppe, in der sie die „Ophelia“ spielt. Hier, in der liebevollen Beschreibung des Theatermilieus, spürt man die Herkunft des Autors Barney Norris. Er ist erfolgreicher Dramaturg. Man spürt es aber auch daran, wie sehr er sich bemüht, den Figuren je eigene, überzeugende Stimmen zu verleihen. Das gelingt meistenteils gut. Rita flucht und schmeißt mit vulgären Begriffen um sich, Sam ist überschwänglich und verträumt (seinen Abschnitt unterbrechen kleine „Es war einmal“ Abschnitte), George ist zutiefst traurig und niedergeschlagen (seine Reflexionen werden wiederum von den Fragen während des Verhörs unterbrochen, dem er sich nach dem Unfall unterziehen muss). Die Frau schließlich erzählt uns anhand ihrer Tagebucheintragungen.
Das klingt ziemlich konstruiert und ist es tatsächlich auch. Trotzdem wächst alles zu einer wunderbaren Geschichte zusammen. So wie wir nach und nach erkennen, dass die Figuren auch abseits des Unfallgeschehens in der ein oder anderen Form miteinander verbunden waren, verweben sich auch die Geschichten dieser ganz „gewöhnlichen Menschen“ zu einem Buch über das Leben, die Frage, wie wir zu denen wurden, die wir sind, über die Entscheidungen, die jeder immer wieder treffen muss, die Weggabelungen, die sich bieten, das Vergehen der Zeit, die verpassten Chancen, die Möglichkeit oder aber auch Unmöglichkeit zu einem Neuanfang.
Es ist aber auch ein Buch über Identität und Heimat, voll mit den großen Gefühlen, Liebe, Verlust, Trauer, Wut, Würde und Widerstandsfähigkeit, also auch voller Pathos, aber zum Glück auch ohne jeden Kitsch. Norris schreibt dicht und klar. Voller Mitgefühl und Empathie schafft er komplexe Figuren voller Menschlichkeit. Trotz der großen Melancholie, die über dem Buch und den Personen liegt, ist es aber kein schweres Buch, sondern immer eine große Freude, zu lesen.
Es ist Barney Norris Debüt. Ich denke, auf sein nächstes Buch darf man gespannt sein.

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unfall, mord, totschlag, to, gerichtsverfahre

Drei Söhne

Helen Garner , Lina Falkner
Fester Einband: 352 Seiten
Erschienen bei Berlin Verlag, 01.09.2016
ISBN 9783827012692
Genre: Romane

Rezension:

Eine ganz unglaubliche Geschichte: Am Abend des 4. September 2005, dem australischen Vatertag, kommt Robert Farquharson mit seinem Auto von der Straße ab und fährt in einen Baggersee, einen der vielen australischen „dams“, Wasserreservoire für die Farmer. Das Auto sinkt schnell und seine drei kleinen Söhne, die er bei seiner von ihm getrennt lebenden Frau abliefern sollte, ertrinken. Der Vater kann sich retten und gibt an, nach einem Hustenanfall am Steuer ohnmächtig geworden zu sein. Solche Hustensynkopen sind zwar selten, aber durchaus möglich. Aber Farquharson benimmt sich am Unfallort äußerst merkwürdig. Statt den Kindern Hilfe zu leisten, bringt er sich in Sicherheit, hält ein Auto an und drängt die Insassen, ihn zu seiner Frau zu fahren. Erst danach werden Polizei und Rettungsdienste verständigt. Auch danach zeigt Farquharson eine verstörende Teilnahmslosigkeit.
Der Fall Farquharson hat die australische Öffentlichkeit beträchtlich aufgewühlt. Sowohl der Unfall selbst (oder war es Mord, versuchter erweiterter Selbstmord?) als auch der 2007 begonnene Prozess gegen den Vater, der sich mit Berufungsverfahren und nachgereichten Eingaben bis 2013 hinzog, beschäftigte Menschen und Medien.
Die Schriftstellerin Helen Garner, die hierzulande 2009 mit ihrem Buch „Das Zimmer“ einige Bekanntheit erlangte und die in ihrem Heimatland Australien immer wieder auch für ihre literarischen Reportagen ausgezeichnet wurde, hat diesen Prozess über seine ganze Länge hin vor Ort verfolgt. Herausgekommen ist dabei diese True-Crime-Story, die dem Leser den Atem raubt.
Von außen eine Gerichtsreportage - wer schon immer eine Abneigung gegen Gerichtsdramen hatte, wird vielleicht auch mit diesem Buch nicht glücklich werden – schildert Garner jedoch so viel mehr als die Aussagen und das Auftreten der Anwälte und Richter, der Zeugen und des Angeklagten.
Sie nimmt den Leser mit auf eine beklemmende Gefühlsachterbahn, die mit dem Stoßgebet „Lass es ein Unfall gewesen sein“ beginnt, als Garner die ersten Meldungen über das Geschehen vernimmt - zu schrecklich wäre es, hätte der Vater seine Söhne tatsächlich vorsätzlich getötet - und die immer mehr nach unten führt, je mehr sich der Verdacht gegen den Vater erhärtet, Zeugenaussagen über geäußerte Rachepläne gegen seine Frau auftauchen, die ihn verlassen hat und mittlerweile mit den Söhnen bei einem neuen Mann lebt. Zwischenzeitlich kommen aber immer wieder auch Zweifel auf, ja so etwas wie Mitleid und gar zaghafte Sympathie für den Angeklagten, je mehr er in die Ecke getrieben wird. Andererseits beteuern auch immer wieder Exfrau, Großeltern und andere Zeugen seine vermeintliche Unschuld. Die Tat ist gut dokumentiert, man kann im Internet nahezu jede Phase von der Bergung des Wagens bis zur Verurteilung verfolgen, sieht die drei Jungs lachend auf dem Sofa sitzen, sieht ihren überladenen Grabstein. Das Wissen, dass alles tatsächlich passiert ist, macht die Lektüre von „Drei Söhne“ noch beklemmender.
Helen Garner schaut genau hin, hört genau zu, beschreibt detailgenau die Prozessbeteiligten. Sie verhüllt auch nicht die Müdigkeit und den Überdruss, die die Zuhörer und Geschworenen von Zeit zu Zeit packen. Auch der Leser bleibt davon nicht ganz verschont, werden zum x. Mal die Markierungen der Reifenspuren oder die hypothetischen Lenkbewegungen diskutiert. Auch die dramatischen Gefühlsausbrüche aller Beteiligten, die sich in Tränenströmen und übergroßen Taschentüchern zeigen, berühren bald eher unangenehm. Das macht das Buch aber nur noch intensiver. Es ist fast, als säße man mit im Gerichtssaal, verfolge den Prozess genauso unmittelbar wie die Autorin. Trotz ihrer sachlichen, lakonischen Sprache, die aber immer wieder ins Persönliche kippt, mitunter auch sehr poetisch werden kann, packt Helen Garner mit ihrem Buch ungemein. Sie zieht ihre Leser ganz tief hinein in diesen unglaublichen Fall und verstört ihn nachhaltig. Dabei ist sie sich ihrer eigenen Zweifel und Einwände durchaus bewusst, handelt es sich doch bis zum Ende um einen reinen Indizienprozess.
Einerseits ist es die Tat, die sprachlos macht. Diese ungeheuerlich Erkenntnis, dass nicht nur kleinen, arglosen Kindern solch Entsetzliches angetan werden kann, sondern dass die Tat auch noch von dem Menschen verübt worden sein soll, der eigentlich für Schutz und Wohl der Kleinen erster Garant gewesen sein sollte. Es ist das Entsetzen, das einen jedes Mal von neuem angesichts solcher Taten packt. Ich jedenfalls werde das Bild dieser drei lachenden kleinen Jungs so bald nicht loswerden.
„Wenn ich mir erlaube, an Jai, Tyler und Bailey zu denken, wie sie in ihrem ruhigen Friedhof liegen und die goldenen Symbole von Bob dem Baumeister und den Bombers über sie wachen, dann stelle ich mir vor, wie ihre Familienangehörigen eifersüchtig toben: „Sie kennen sie gar nicht. Wie können Sie es wagen, von ihrer „Trauer“ zu sprechen?“
Es gibt aber kein anderes Wort, das zutrifft. Denn jeder Fremde trauert um sie. Jeder Fremde hat ihretwegen ein gebrochenes Herz. Das Schicksal der Kinder ist rechtmäßig auch unsere Angelegenheit. Wir haben sie zu beklagen. Jetzt sind wir alle Angehörige.“
Helen Garner ist mit „Drei Söhne“, im Original „This house of grief“, ein erschütterndes Buch gelungen, das noch sehr lange nachhallen wird. Großartig!

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berlin, nachkriegsroman, london, tiergarten, besatzungszone

Zurück in Berlin

Verna B. Carleton , Ulrike Draesner , Verena von Koskull , Ulrike Draesner
Fester Einband: 391 Seiten
Erschienen bei Aufbau Verlag, 19.09.2016
ISBN 9783351036423
Genre: Romane

Rezension:

Auf einem nicht besonders komfortablen Passagierschiff trifft die Erzählerin, eine junge Amerikanerin, im Jahr 1956 auf ein britisches Paar, das sich nach einem Aufenthalt in der Karibik auf dem Heimweg nach London befindet. Das Schiff wimmelt von eher unangenehmen Mitreisenden, zudem ist es in der einfachen Klasse vollgestopft mit heimkehrenden Arbeitern. Die Erzählerin, die man durchaus mit der Autorin gleichsetzen kann, ist froh, als sie die sehr distinguierten, sympathischen und durch und durch britischen Devons kennenlernt. Allerdings scheint ein rätselhafter Schleier von Trauer über den Beiden und besonders über Ehemann Eric zu liegen. Nach einem Zusammenstoß mit dem impertinenten Deutschen Grubach kommt auch zutage, was ihm auf der Seele liegt. Er ist nämlich durchaus nicht so britisch wie er scheint, sondern ein deutscher Jude, Erich Dahlberg, der vor den Nazis in den Dreissiger Jahren nach England fliehen konnte. Seine Mutter konnte sich mit ihm retten (sie entstammte allerdings auch einer alten preußischen Familie), der Vater kam im Lager um. Eric selbst hat sich eine perfekte zweite Identität geschaffen, außer seiner Frau Nora weiß niemand von seinen Wurzeln. Zum einen weil er die Ablehnung seiner neuen Heimat fürchtet, zum anderen, weil er sein Herkunftsland wegen der in seinem Namen begangenen Gräuel und Untaten zutiefst hasst. Aber er leidet auch unter seiner verheimlichten Identität, die bei der Konfrontation mit dem selbstherrlichen Grubach aus ihm herausplatzt.
Die Erzählerin, ihrerseits auf dem Weg nach Berlin, spürt die Seelenqualen Erichs und folgt dem jungen Paar zunächst nach London. Sie kann die Beiden auch davon überzeugen, mit ihr zusammen nach Deutschland zu reisen, sich praktisch den Dämonen zu stellen und nebenbei Erkundigungen über Erichs Familie einzuholen. Ein wenig unglaubwürdig ist diese schnell entstandene, tiefe Freundschaft schon. Dennoch bildet dieser Erzählrahmen eine gute Konstruktion, die verhindert, dass der Roman in irgendeiner Form gefühlig oder sentimental wird. Er gleicht eher einer anteilnehmenden Reportage.
Darin erkennt man die Journalistin Verna Carleton, geborene von Kessler. Der deutsche Vater verließ die Familie allerdings früh, was ihm Verna nie verzieh und die deshalb seinen Namen mied und sich Carleton nannte. Aufgewachsen ist sie mit ihrer britischen Mutter in New York, lebte lange in Mexiko, wo sie intensiven Kontakt mit deutschen Exilanten pflegte. Sie war eine enge Vertraute der Fotografin Gisèle Freund, mit der sie 1957 eine ähnliche Reise wie ihre Erzählerin unternahm. Auch Gisèle Freund reiste zum ersten Mal in das Land, das die Jüdin Gisela Freund einst vertrieb. Viele Eindrücke, besonders die intensiven Schilderungen Berlins, aber auch das Einfangen der herrschenden Stimmung, der Geschichtsvergessenheit vieler Deutscher und der politischen Lage sind sehr gelungen.
"Irgendwann auf unserer bedrückenden Suche gelangten wir an den Potsdamer Platz, dieses Fadenkreuz der Besatzungsmächte, den zentralen Grenzpunkt zwischen Ost- und Westberlin. Touristen konnten ihn offensichtlich unbehelligt zu Fuß passieren, während Wachleute auf beiden Seiten jedes private Fahrzeug anhielten und nach Schmuggelwaren durchsuchten. (…) Da war sie, die vielbeschriebene geteilte Stadt, die Spaltung menschlicher Schicksale in zwei Welten, jede mit eigener Regierung, eigener Währung, eigener Gesellschaftsform. Es war offensichtlich, dass das auf Dauer nicht gut gehen konnte.“
Erich trifft auf rücksichtslose Deutsche, die schon wieder neue Herrschaftsträume träumen, auf Mitläufer, aber auch auf Opfer des NS-Regimes und solche, die sich einfach weggeduckt haben. Die Schilderungen sind manchmal ein wenig plakativ, besonders wenn es um den „hässlichen Deutschen“ geht. Da ist Carleton oft nicht sehr differenziert. Aber dieses Buch ist eben auch 1959 entstanden, da waren die Wunden des Krieges noch sehr frisch.
Literarisch ist der Roman recht schlicht gebaut, gleicht wie gesagt oft eher einer Reportage als einem durchkomponierten Roman. Als Zeitzeugnis, als Auseinandersetzung mit der sicher für viele Exilanten sehr problematische Rückkehr in ihr Herkunftsland und auch der Ablehnung, die ihnen von vielen Deutschen entgegenschlug, die sie als „Feiglinge“, vielleicht sogar „Verräter“ bezeichneten, ist das Buch aber beeindruckend. Und die Schilderungen des kriegszerstörten Berlins sehr atmosphärisch. Auch Erich muss schließlich erkennen, dass er die Situation und die zurückgebliebenen Menschen in seiner Verbitterung oft nicht richtig eingeschätzt hat. Tatsächlich gestalten sich manche Situationen, wenn man tief in ihnen drin steckt, anders, als man von „außen“ beurteilen kann. Dahingehend zeigt der Roman nicht nur Schwarz oder Weiß, auch wenn er ein klares Urteil fällt.
Insgesamt gesehen eine sehr interessante und lohnende Wiederentdeckung (zuerst 1962 in Deutschland erschienen).

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shakespeare neuerzählt, shakespeare, literatur, theater, roman

Hexensaat

Margaret Atwood , Brigitte Heinrich
Fester Einband: 280 Seiten
Erschienen bei Knaus, 17.04.2017
ISBN 9783813506754
Genre: Romane

Rezension:

„Die Arbeit an diesem Buch hat mir ein großes Vergnügen bereitet (…)“ verrät Margaret Atwood in ihrem Dank am Ende von „Hexensaat“. Man glaubt es gerne, sprüht dieser Roman doch vor Einfällen, schrägen Ideen und genialen Transformationen von Motiven aus der Welt Shakespeares.
Zur Erinnerung: Die englische Hogarth Press bat anlässlich des 400. Geburtstags William Shakespeares namhafte Autoren um eine Umsetzung eines von ihnen zu wählenden Stücks des großen Dramatikers. Daraus entstand „The Hogarth Shakespeare Project“, das auf Deutsch im Knaus Verlag veröffentlicht wird und in dem bereits Adaptionen von Jeanette Winterson („Der weite Raum der Zeit“), Howard Jacobson („Shylock“) und Ann Tyler („Die störrische Braut“) erschienen sind.
Die kanadische Autorin Margaret Atwood wählte für sich „The Tempest“, den „Sturm“ aus.
Zugleich frei und doch sehr eng an der Vorlage siedelte sie das Geschehen im zeitgenössischen Ontario an. Der geniale Kniff ist hierbei das „Stück im Stück“, denn Atwood lässt uns die Inszenierung, Einübung und Aufführung von „The Tempest“ mitverfolgen. Es ist aber keine x-beliebige Aufführung. Ihr Regisseur, Felix Phillips, der das Drama in einer Justizvollzugsanstalt im Rahmen eines Resozialisierungsprogramms inszeniert, ist seinerseits ein moderner Prospero, der damit auch seine eigenen Rachepläne verfolgt.
Wir erinnern uns: In Shakespeares romantischem Stück, in dem es von Zauberern, Hexen, Elfen und Trollen nur so schwirrt, wurde der Herzog von Mailand, Prospero, seinerseits zaubermächtig und nach dem Tod seiner geliebten Frau alleinerziehender Vater der kleinen Tochter Miranda, von seinem intriganten Bruder Antonio entmachtet und in einem klapprigen Kahn aufs Meer verbannt. Prospero und Miranda können sich auf eine einst von der Hexe Sycorax bewohnte Insel retten, auf der immer noch deren missgestalteter Sohn Caliban haust. Ariel, ein Luftgeist, ist Prospero dort zu Diensten und so leben die beiden lange Jahre dort recht friedlich, auch wenn Prospero finstere Rachepläne schmiedet. Lediglich Calibans angeblich gewaltvolles Begehren gegenüber der heranwachsenden Miranda muss Prospero Einhalt gebieten, indem er diesen einsperrt und versklavt. Eines Tages werden Schiffe mit Bruder Antonio, König Alonso von Neapel und dessen Sohn Ferdinand vor der Insel gesichtet. Prospero, der seinen Tag der Rache gekommen sieht, entfesselt einen Sturm und lässt die Schiffe zerschellen, die Besatzung auf seiner Insel stranden. Wie bei Shakespeare gewohnt kommt es nun zu allerlei Verwicklungen und Konflikten, am Ende löst sich aber, wie in seinen Komödien üblich, alles zum Guten.
Wunderbar ist es nun der Entwicklung dieses Theaterstücks mit der ungewöhnlichen Theatergruppe zu folgen. Originelle Inszenierungsideen wechseln mit tiefgründigen Einblicken in das Geschehen im Stück. Originell ist zum Beispiel die „Lehreinheit“ Was geschieht danach? Was passiert mit den Protagonisten, nachdem das Schiff von der Insel fortgesegelt ist? Ein wenig sitzt der Leser mit am Seminartisch, das ist sehr erhellend, aber auch sehr amüsant.
Aber auch außerhalb des Stückes verkörpert Regisseur Felix Philipps seine Prospero-Figur, das wird kaum verhüllt, seine kleine Tochter, die mit drei Jahren an Hirnhautentzündung verstarb, ihre Mutter war da auch noch nicht lange im Grab, hieß Miranda. Auch Felix wurde von seinem Kollegen Anthony (!) unsanft aus seiner Intendantenrolle bei einem Theaterfestival verdrängt. Nach seinem Rückzug in Trauer und Eremitentum in einer heruntergekommenen Hütte in der Provinz Ontario leitet er nun seit einigen Jahren dieses Theaterprojekt. Und wie dem Shakespeareschen Prospero kommt auch für ihn der Moment der Rache, als seine alten Widersacher, mittlerweile in der Politik erfolgreich, die von ihm inszenierte Tempest-Aufführung zu Wahlkampfzwecken besuchen wollen. Seine Rachepläne sind ein wenig enttäuschend, als sie dann endlich offenbar werden, ein wenig vorhersehbar und auch reichlich unglaubwürdig. Aber wir befinden uns mit ihnen in einem Umfeld der Fabelwesen, in dem Luftgeister und Trolle ihr Wesen oder Unwesen treiben, Mirandas Geist stets um ihren Vater herum ist und Zauber in der Luft liegt. Und so kann Felix nicht nur seine Ehre wieder herstellen und seinen Feinden ordentlich in den Karren fahren, sondern auch das Theaterprojekt langfristig sichern und seinen „Knastbrüdern“ manch Hafterleichterung verschaffen. Vielleicht kann er sich nun auch endlich von seiner Trauer um Miranda lösen. Und: wartet da nicht sogar eine neue liebe?
Margaret Atwood jongliert bis zum Schluss aufs Schönste mit ihren Ideen, wirbelt die Motive umher, verflicht sie miteinander, schafft neben der zweiten mindestens auch noch eine dritte Ebene, auf der man das Geschehen betrachten kann, spielt mit großem Vergnügen mit der Sprache, reimt, rappt und flucht, dass es das Zeug hält, alles in schönster Shakespeare-Manier. (Ein besonderes Vergnügen ist es bestimmt, diesen Roman im englischen Original zu lesen) Das macht bis zum Ende einen Riesenspaß und ist zugleich eine ehrerbietige Verneigung vor dem großen englischen Barden. Zugleich kommt mit Felix großer Trauer um seine kleine Tochter, mit seinem Festhalten, der Schwierigkeit, sie loslassen zu können auch ein zartes, trauriges und berührendes Motiv ins Buch. Wunderbar, Mrs. Atwood! Sie sind eine hurensohnmäßig gute Schriftstellerin!

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