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Dämmer und Aufruhr

Bodo Kirchhoff
Fester Einband: 480 Seiten
Erschienen bei Frankfurter Verlagsanstalt, 29.06.2018
ISBN 9783627002534
Genre: Romane

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22 Bibliotheken, 3 Leser, 1 Gruppe, 9 Rezensionen

alexanderschimmelbusch, gesellschaftskritik, hochdeutschland, kapitalismus, populismus

Hochdeutschland

Alexander Schimmelbusch
Fester Einband: 304 Seiten
Erschienen bei Tropen, 06.05.2018
ISBN 9783608503807
Genre: Romane

Rezension:

Von ganz weit oben hinab in die tiefsten Niederungen geht nicht nur der Blick auf dem Cover von Alexander Schimmelbuschs Roman „Hochdeutschland“. Hier ist es der Blick auf eine bewaldete Hügellandschaft nach dem Bild „Der Morgen“ des romantischen Malers Caspar David Friedrich.
Auch von der Anhöhe im hessischen Falkenstein, einem Stadtteil von Königstein im Hochtaunus, wo neben den Gemeinden rund um den Starnberger See die höchsten Einkommen zu finden sind und diejenigen wohnen, die im nahen Frankfurt viel oder sehr viel Geld verdienen, schaut man auf bewaldete Landschaften hinab. Genauso geht aber auch der Blick weiter bis auf die Skyline von Mainhattan mit ihren Bankentürmen. Hier wohnt in einer Villa Victor, der Protagonist des Romans.
Nach dem Studium an ausländischen Eliteuniversitäten als Investmentbanker zu Geld gekommen, ist dieser nun Miteigner einer kleinen Privatbank, die hauptsächlich im M&P Geschäft tätig ist. Mergers & Acquisitions (M&A) ist ein Sammelbegriff für Transaktionen im Unternehmensbereich wie Fusionen, Unternehmenskäufe, Betriebsübergänge, fremdfinanzierte Übernahmen. Also für all diese für den Normalsterblichen undurchschaubaren und leicht anrüchigen Geschäfte, die das ganz große Geld bringen. So bewegt sich auch Victors Jahresverdienst bei geschätzt 30 Millionen Euro, sein Vermögen dürfte das Zehnfache betragen. Glücklich ist er dabei aber, das ist für einen Roman vorhersehbar, eher nicht. Von der Mutter seiner vergötterten Tochter Victoria lebt er schon länger getrennt, mit der Nachbarin hat er eine eher lieblose heimliche Affäre und ansonsten lässt er sich im Spa-Bereich gerne mal über das normale Maß hinaus „verwöhnen“. Von seinen Angestellten spricht er bevorzugt als von „Galeerensklaven“, die Tag für Tag auf dem Galeerendeck schuften. Neben seinem ausgeprägten Zynismus ist ihm noch ein gehöriger Ennui eigen, diese große, allgemeine Langweile, verbunden mit einer guten Portion Verachtung für Umwelt und Mitmenschen. Dabei sieht er seine persönliche Situation durchaus kritisch, spricht sogar von „nicht zu rechtfertigenden Privilegien“. Ein Kritiker nannte das ganz zutreffend „reflektierte moralische Verkommenheit“. Denn auch wenn er konstatiert, dass viel mehr der reine Zufall über einen Lebensweg entscheidet als jedes selbstbestimmte Handeln, nimmt er doch ohne mit der Wimper zu zucken jede Annehmlichkeit in Anspruch, fegt andere Verkehrsteilnehmer mit seinem Porsche Shere Khan von der Überholspur, ordert auch mal eine Flasche Wein für 2400 Euro und schaut auf den „Normalbürger“ mit einer riesigen Arroganz herab.
Und dennoch regen sich in ihm Ideen, die in eine scheinbar ganz andere Richtung gehen, und die sich in der Niederschrift eines „Manifests“ niederschlagen. Weg vom Privatisierungstrend soll es gehen, besonders die so wichtige Infrastruktur soll wieder in die Hände des Staates gelangen. So handelt er einen „Deal“ mit dem Finanzminister aus, der ein erster Schritt in diese Richtung sein soll, die Verstaatlichung eines Pumpspeicherkraftwerks am Schluchsee, der noch viele weitere folgen sollen. Weitere Programmpunkte des Manifests sind der breite Ausbau des Sozialstaats, die Einführung einer Reichensteuer und vor allem die „Obergrenze“. Ab einem Vermögen von 25 Millionen Euro soll das Geld in einen Fond fließen, die GINA (German Investment Authority). Mit Hilfe dieses Fonds soll Deutschland international vor allem gegenüber den USA, China und den arabischen Staaten konkurrenzfähig bleiben und vor allem auch wieder ausreichend investieren können. Die Leserin ertappt sich sehr bald dabei, dass sie zustimmend nickt, viele der Gedanken gut heißt, die dieser Unsympath da äußert, über Inkorrektes zunehmend hinwegsieht, ja sogar amüsiert ist.
Auch bei Ali Osman, einem alten Studienfreund Victors, Nachkomme eines Dönerimperiums (nicht nur hier wird auch gerne mal die eine oder andere Sterotype herangezogen) und bisheriger Bundestagsabgeordneter der Grünen, trifft das Manifest auf große Begeisterung. Es ist 2017, die Bundestagswahl steht bevor und Osman gründet basierend auf Victors Programm eine neue Partei, die „Deutschland-AG“. Eigene Ideen werden beigemischt, ein wenig Islam- und Fremdenfeindlichkeit zum Beispiel, und das Ganze zu einer populistischen Mischung zusammengerührt. Die Leserin fühlt sich nun schon ein wenig ungemütlicher, aber auch jetzt kann sie etlichen Standpunkten die Zustimmung nicht versagen. Ertappt!
Der Wahlausgang wird nicht verwundern. Die Deutschland-AG siegt, Osman wird Bundeskanzler und Victor sein neuer Superminister.
Alexander Schimmelbusch schreibt mit „Hochdeutschland“ einen ungeheuer klugen, intellektuell anregenden und pointiert formulierten Roman. Aktuell, böse, witzig und satirisch nimmt er den modernen neoliberalen Kapitalismus und populistische Politik ins Visier. Wie viel davon nur ironisch gemeint ist, wie viel Standpunkt des Autors, der viele Eckdaten, besonders Ausbildungs- und Berufskarriere mit Victor gemein hat, darüber kann die Leserin nur spekulieren.
So manches Lachen blieb ihr im Hals stecken. Wie schnell populistische Verführung, geschickt verpackt, verfangen kann, wird zumindest recht schnell deutlich. Linke und rechte Gedanken werden hier so heftig miteinander verquirlt, dass einen schwindelt. Das gleicht manchmal ein wenig einem politisch-gesellschaftlichen Essay, dem Manifest, das Victor verfasst. Auch bleiben die Nebenfiguren recht blass und stereotyp. Insgesamt ist „Hochdeutschland“ aber sehr erhellend, anregend und macht auch einfach Spaß.
Im letzten Abschnitt allerdings geht es mit Alexander Schimmelbuschs Fabulier- und Imaginationslust für meinen Geschmack ein wenig zu sehr durch. Er ist 15 Jahre später angesiedelt, führt in eine leicht dystopische Zukunft und wartet mit der einen oder anderen Albernheit auf. Damit nimmt er sich selbst ein wenig die Brisanz und Dringlichkeit. Das ist schade.

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43 Bibliotheken, 1 Leser, 1 Gruppe, 17 Rezensionen

finnland, familie, brüder, familiengeschichte, mutter-sohn-beziehung

Nachsommer

Johan Bargum , Karl-Ludwig Wetzig
Fester Einband: 144 Seiten
Erschienen bei mareverlag, 13.02.2018
ISBN 9783866482609
Genre: Romane

Rezension:

Die Entdeckung des finnischen, schwedisch schreibenden Schriftstellers Johan Bargum für den deutschen Buchmarkt verdanken wir vermutlich der Frankfurter Buchmesse, dessen Gastland Finnland 2014 war. Der Roman „Septembernovelle“ erschien damals, ein subtil-raffiniertes Drama auf hoher See, das folgerichtig im Hamburger Mare Verlag eine Heimat fand.
Nun erschien ein genauso schmales Werk, das wieder im Spätsommer angesiedelt ist (genauso lautet sein Originaltitel: „Sensommar“; warum im Deutschen der sehr nach Adalbert Stifter klingende „Nachsommer“ daraus wurde ist eines der Rätsel der Titelgebung) und das aufgrund seiner Meeresnähe, hier ein im finnischen Schärengarten gelegenes Sommerhaus, dankenswerterweise wieder bei Mare erscheint. Das schwedische Original stammt bereits aus dem Jahr 1993.
Nur 142 Seiten benötigt Johan Bargum für seine psychologisch ausgesprochen fein beobachtete Familienstudie.
Olof, der alleinstehende Musikkritiker und sein jüngerer Bruder Carl, der mit seiner Familie schon lange Zeit als erfolgreicher IT-Experte in den USA lebt, und die schon genauso lange keinen Kontakt mehr zueinander haben, treffen im erwähnten Sommerhaus der Mutter wieder aufeinander. Hierhin hat sich Gertrud nach ihrem Krankenhausaufenthalt zurückgezogen. Ihre Krebserkrankung ist austherapiert, sie wird sterben. Die Tage im Spätsommer, alle Feriengäste sind bereits abgereist, sind geprägt von ganz alltäglichen Verrichtungen, Einkäufen, Kochen, Reparaturarbeiten. Gleichzeitig ist von Beginn an eine untergründige, aber deutlich spürbare Spannung zwischen den Brüdern vorhanden. Sie reicht weit in die Kindheit und Jugend der Beiden zurück, in der die Mutter immer wieder Carl, den Charmanten, Sportlichen, Pragmatischen, seinem Bruder vorzog, mit geradezu unglaublicher Konsequenz. Der Vater starb früh, Olof konnte mit diesem Verlust damals offensichtlich nicht richtig umgehen. Wir erfahren diese Vorgeschichte in Rückblenden, erinnerten Episoden, die genau wie die Gegenwartsebene von Olof erzählt werden. Zwischen den Brüdern herrscht ein aggressives, aufgeladenes Schweigen, aber auch das Verhältnis zur Mutter und ihrem Lebenspartner, „Onkel“ Tom ist nicht unbelastet. Mit dabei im Fereienhaus sind außerdem die resolut-witzige Krankenpflegerin Heidi und Carls Familie. Seine Frau Klara hat an der gespannten Familiensituation ihren ganz eigenen Anteil. Dieser enthüllt sich, wie manches andere, erst nach und nach. Die Spannungen scheinen dabei langsam zu eskalieren, auch dadurch entsteht ein enormer Erzählsog.
Doch Johan Bargum lässt auch Leerstellen, gibt dem Leser Raum. Das ist genauso positiv wie die vielen Ambivalenzen bei den Personen, die er ihnen lässt. Jeder der Protagonisten hat seine positiven wie seine negativen Seiten, Verhaltensweisen, Abgründe.
Trotz seiner melancholischen Grundstimmung, ist der Text durchaus auch mit feinem Humor durchsetzt und sehr leichtfüßig erzählt. Und das, obwohl er ganz existentielle Fragen verhandelt. Eine immer wiederkehrende davon läutet das Erzählte ein:
„Weiß man eigentlich jemals, was vor sich geht?“
Wie weit ist man Herr seiner eigenen Geschichte? Wie groß kann das Bedauern über verpasste Chancen werden? Erreicht irgendwann jeder einmal den Punkt, an dem er alles, das eigene Leben vorneweg, in Frage stellt?
Das Alles kommt, wie gesagt, ganz leicht daher. Nachdenkliche und heitere Episoden wechseln sich ab, dazu kommen atmosphärisch dichte Beschreibungen der Natur in der Schärenlandschaft. Diese ist, wie auch der Garten rund ums Sommerhaus, immer wieder auch Zuflucht für die Protagonisten.
Johan Bargum schreibt äußerst reduziert, klar, schnörkellos. Der schmale Roman liest sich schnell und leicht. Aber er bietet dem Leser Raum und hallt noch einige Zeit nach.

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36 Bibliotheken, 3 Leser, 1 Gruppe, 8 Rezensionen

Der Neue

Tracy Chevalier , Sabine Schwenk
Fester Einband: 200 Seiten
Erschienen bei Knaus, 16.04.2018
ISBN 9783813506716
Genre: Romane

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13 Bibliotheken, 0 Leser, 1 Gruppe, 1 Rezension

Ein anderes Leben als dieses

Virginia Reeves , Simone Jakob , Hannes Meyer
Fester Einband: 320 Seiten
Erschienen bei DuMont Buchverlag , 16.04.2018
ISBN 9783832198695
Genre: Romane

Rezension:

Alabama in den Zwanziger Jahren. Die Südstaaten der USA vollziehen seit 1896 eine strenge Form der Rassentrennung gemäß dem Grundsatz „Separate but equal“ (getrennt aber gleich), den das Bundesgericht legitimiert hatte. Für viele bedeutet das eine „zweite Sklaverei“ nach der Befreiung durch den Bürgerkrieg 1865. Und sie sollte andauern bis 1954. Aber auch danach änderten sich gerade in Alabama die Zustände nur zögerlich, wurde 1956 der ersten afroamerikanischen Studentin, Autherine Lucy, der Zugang zur Universität verwehrt, jeder kennt den Fall von Rosa Parks, die noch 1956 verhaftet wurde, weil sie einem weißen Fahrgast nicht ihren Sitzplatz überlassen wollte und auch heute sind die USA noch von einer wahren Gleichbehandlung aller Bürger weit entfernt.
Auf der Farm von Roscoe Martin und seiner Frau Marie lebt zu Beginn des vorigen Jahrhunderts auch eine schwarze Familie, die von Wilson und Moa. Schon Maries verstorbener Vater, von dem sie das Land geerbt haben, hatte mit ihnen ein eher freundschaftliches Verhältnis, Moa war für die kleine Marie nach dem frühen Tod der Mutter die Hauptbezugsperson. Und auch Roscoe, der eigentlich viel lieber in seinem Beruf als Elektriker arbeiten und in der Stadt leben würde, verlässt sich bei vielen Arbeiten auf Wilson. Die Farm ist ihm ein Graus und ein Bürde.
Eines Tages hat er die Idee, sein Haus und damit auch die Dreschmaschine illegal zu elektrifizieren und an die Leitungen der Alabama Power anzuschließen. Eine Arbeit, die ihn nicht nur beflügelt, sondern auch der Farm sehr zugute kommt. Eine Zeitlang läuft alles blendend, die Umsätze steigen und auch die angeschlagene Ehe und das Verhältnis zu seinem Sohn Gerald entwickeln sich positiv.
Da geschieht ein schrecklicher Unfall und ein Arbeiter der Elektrizitätswerke stirbt an den illegalen Leitungen. Wir erfahren dies bereits im ersten Satz.
„Die Transformatoren, die eines Tages George Haskin töten würden, befanden sich auf einem hohen Mast etwas zehn Meter vom nordöstlichen Teil der Farm entfernt, auf der Roscoe T. Martin mit seiner Familie lebte.“
Die Tragödie nimmt ihren Lauf. Ein Unglück, das alles verändert. Roscoe wird verhaftet und zu zwanzig Jahren Gefängnis verurteilt. Wilson, der trotz der Unschuldsbeteuerungen Roscoes gleich mit verhaftet wird, ergeht es noch schlimmer. Schwarze Gefangene wurden in Alabama regelmäßig als Leiharbeiter an Kohlebergwerke geschickt. Dort waren die Arbeits- und Lebensbedingungen so hart, dass viele nicht überlebten.
Die folgenden schrecklichen Jahre im Gefängnis, die Schuld, die Roscoe niederdrückt, die unbarmherzige Verurteilung durch seine Frau Marie, die jeden Kontakt zu ihrem inhaftierten Mann ablehnt, die kleinen Freuden, die beispielsweise die Tätigkeit in der Gefängnisbücherei bereitet, werden alternierend von Roscoe selbst und einem Erzähler in der dritten Person geschildert. Dabei liegt der Fokus stark auf dem Inhaftierten, selten schwenkt er zu Marie oder Wilsons Familie.
Neben einem eindrücklichen Roman über die Verhältnisse in den Gefängnissen zur damaligen Zeit, die Rechtsprechung und die Ungleichbehandlung von Schwarzen und Weißen vor Gericht, zeichnet das Buch ein Gesellschaftsporträt Alabamas und der Südstaaten, mit ihrem Rassismus und ihrer ländlichen Prägung. Virginia Reeves macht das schnörkellos und eindringlich und stand mit dem Buch 2016 auf der Longlist des Man Booker Prize. Die Figuren des Roscoe, seiner Mitinsassen im Gefängnis, von Wilson und seiner Familie gelingen ihr ausgesprochen gut. Die Schilderung seines Kampfes mit Schuld und Verantwortung, seine Selbstzweifel, sein Hoffen und Verzagen, aber auch sein Wegducken und sich Anpassen werden sehr einfühlsam geschildert.
„Ein Vogel zwitscherte, ein eigentümlicher, hoher Gesang. Ich hätte wissen müssen, was es für einer war. Ich konnte alle Pflanzen um mich herum benennen, die Bäume und Sträucher, Blumen und Gräser. Ich konnte Masten aufstellen und ein verlassenes Haus verkabeln. Ich konnte ein Dach abdecken und inmitten von jahrealter Fäulnis stehen, sie trocknen, damit ich sie verbrennen konnte. Aber ich wusste nicht, ob ich meinem Sohn ain Vater sein konnte.“
Dabei bleiben alle Protagonisten ambivalent und authentisch. Lediglich Marie mit ihrem unbeugsamen Zorn und ihrer bitteren Unnachgiebigkeit hat sich mir nicht wirklich erschlossen. Das ist aber nur ein kleiner Einwand gegen dieses ansonsten sehr gelungene Debüt.

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35 Bibliotheken, 2 Leser, 0 Gruppen, 24 Rezensionen

paris, new york, liebe, roman, krankheit

Nach dem Winter

Guadalupe Nettel , Carola Fischer
Fester Einband: 352 Seiten
Erschienen bei Blessing, 05.03.2018
ISBN 9783896676139
Genre: Romane

Rezension:

„ Als unvollkommene Wesen, die in einer unvollkommenen Welt leben, sind wir dazu verurteilt, stets nur Stückchen vom Glück zu finden.“
Julio Ramón Ribeyro


Zunächst gilt es, den Winter zu überstehen – für die Protagonisten wie für den Leser. Es ist ein kalter, unwirtlicher, einsamer Winter. Die beiden Hauptfiguren verbringen ihn weit fort von ihrer Heimat. Sie sind moderne Migranten.
Claudio stammt aus Havanna, Kuba und ist als Lektor in New York tätig. Kein atemberaubender Job, aber es reicht für das Leben in der teuren Metropole. Seinen Traum vom besseren Leben erfüllt er sich durch eine Affäre mit einer reichen, älteren Frau, Ruth, die er einerseits verachtet, weil sie sich an ihn hängt, obwohl er sie oft nicht gut behandelt und sich nicht binden will, ihm sie ihm jeden Wunsch erfüllt. Andererseits bewundert er sie auch wegen ihrer Gelassenheit und der Souveränität, mit der sie dies tut. Claudio ist mit seiner lateinamerikanischen Machopose, seiner Arroganz und Egozentrik wahrlich kein Sympathieträger. Aber er ist einer der zwei Ich-Erzähler in Guadalupe Nettels Roman. Und nach und nach lernt der Leser ihn ein wenig zu verstehen, wenn auch nicht zu schätzen.
Claudio hat sich mit seiner verächtlichen, kühlen Art und seinem pedantisch geordneten Alltagsleben eine Bastion gegen die Enttäuschungen und Verletzungen der Welt errichtet, in die er nach Möglichkeit niemanden dringen lässt. Frühe Verlusterfahrungen führten ihn dazu.
Die zweite Ich-Erzählerin ist Cecilia, eine mexikanische Studentin der Literaturwissenschaften, die ihren Magister in Paris machen möchte. Paris, der Sehnsuchtsort (nicht nur) lateinamerikanischer Poeten, erweist sich als ein kalter, abweisender Ort mit mürrischen, abweisenden Einwohnern. Zum Glück lernt sie sehr bald die Kubanerin Haydée und ihren indischen Freund Rajeev kennen, eine kleine Migrantenfamilie bildet sich, die das Gefühl des Fremdseins und die Einsamkeit ein wenig mildern. Durch Bekannte ihres Vaters erhält Cecilia sogar eine eigene kleine Wohnung und freundet sich mit ihrem Nachbarn Tom an, auch er ein Migrant, aus Sizilien.
Cecilia und Tom eint eine Liebe zu Friedhöfen, deren berühmtester in Paris, der Père Lachaise, sich direkt gegenüber ihres Hauses befindet. Aber auch die anderen Pariser Friedhöfe werden besucht. Tom fühlt nicht nur eine tiefe Verbindung mit den Verstorbenen, vor allem den vielen Schriftstellern und Musikern, die hier begraben liegen, sondern er ist aufgrund einer ernsten, unheilbaren Erkrankung selbst dem Tode nahe.
Guadalupe Nettel lässt nun auf einer Party in Paris Cecilia und Claudio aufeinandertreffen und sich ineinander verlieben. Claudio sofort und schwärmerisch, Cecilia eher ein wenig zögerlich. Der Leser fragt sich verwundert, was diese beiden Menschen zueinander hinzieht. Und tatsächlich bleibt ihre Affäre nur eine kurze, ungefähr in der Mitte des Romans, bevor sich ihre Leben wieder voneinander fort bewegen.
In einem Interview sprach die Autorin folglich auch von einem „Anti-Liebesroman“.
Es ist vor allem ein Roman über das Gefühl des Fremdseins, der Einsamkeit von Menschen fern ihrer Heimat. Ein Buch auch über Verluste und Enttäuschungen, aber ebenso über das kleine Glück, das unvollkommene, das so oft übersehen wird, weil wir „unvollkommene Wesen in einer unvollkommenen Welt“ sind.
Guadalupe Nettel hat keinen autobiografischen Roman geschrieben, aber sie hat viele persönliche Erfahrungen verarbeitet, zum Beispiel einen langen Aufenthalt in Paris (gegenüber Père Lachaise), die Freundschaft zu einem todkranken Mann dort, das Fremdsein. Manche Passagen hat sie nach einem damals geführten Tagebuch gestaltet.
Sie erzählt davon leise, melancholisch und poetisch in einer klaren Prosa. Besonders die Schilderungen des winterlichen Paris und seiner Friedhöfe haben mir sehr gefallen. Das Buch steckt voller Bezüge zur (vor allem lateinamerikanischen) Literatur, da sowohl Cecilia als auch Claudio und Tom große Leser sind, aber auch zur Musik. Die Figur des machohaften, aber eigentlich zutiefst versehrten Claudio hingegen finde ich weniger überzeugend. Und auch der Schluss, der mit einer kleinen Moralkeule daherkommt, hat den Gesamteindruck etwas getrübt (ebenso einige Ungenauigkeiten bei den medizinischen Schilderungen; das dürfte den meisten Lesern nicht unbedingt auffallen, aber mich hat das etwas gestört; Übersetzungsfehler?).
Dennoch lohnt sich das Lesen von „Nach dem Winter“, besonders da es tatsächlich hoffnungsvoll, wenn auch nicht als Happy-End endet.
Guadalupe Nettel hat 2009 bereits den Anna-Seghers-Preis erhalten, trotzdem ist dies ihr erstes ins Deutsche übersetzte Buch. Man darf auf weitere hoffen und gespannt bleiben.

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7 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 3 Rezensionen

Poe: Unheimliche Geschichten

Edgar Allan Poe , Kat Menschik , Steffen Jacobs
Fester Einband: 96 Seiten
Erschienen bei Galiani Berlin ein Imprint von Kiepenheuer & Witsch, 12.04.2018
ISBN 9783869711676
Genre: Klassiker

Rezension:

Gleich zu Beginn ein Geständnis: Ich habe bisher noch nie etwas von Edgar Allan Poe gelesen. Seine Geschichten kenne ich nur über den Umweg der Musik. In den Siebziger Jahren vertonte The Alan Parsons Project ausgewählte Werke des Autors auf dem Album „Tales of mystery and imagination“. Ich bin kein Fan von Phantastischer Literatur, von Schauergeschichten oder dunkler Romantik. Deshalb blieb dieser Klassiker für mich ein ebenso weißer Fleck wie beispielsweise E.T.A. Hoffmann.
Dass sich das nun geändert hat, verdankt sich einem neuen Band aus der von Kat Menschik illustrierten Buchreihe des Galiani Verlags. „Unheimliche Geschichten“ umfasst drei kürzere Erzählungen, die einst von Fjodor Dostojewski zusammengestellt wurden, dessen Nachwort auch in das Büchlein aufgenommen wurde. Dostojewski ging es darum, den häufig vorgenommenen Vergleich Poes mit E.T.A. Hoffmann als unzutreffend zu bezeichnen. Der Amerikaner sei auf eine materialistische Weise phantastisch, quasi „einzig der äußeren Gestalt nach“. Anders als Hoffmann, der „die Kräfte der Natur in Bildern“ personalisiere, ginge es Poe darum, unnatürliche Ereignisse denkbar und erklärbar zu machen. Dass Dostojewski E.T.A. Hoffmann für literarisch überlegen hält, verschweigt er nicht. Dennoch bewundert er zum Beispiel Poes Gabe der Imagination und der Schilderung von seelischen Zuständen seiner Protagonisten. So sind auch sicher nicht zufällig zwei Geschichten in der Zusammenstellung vertreten, die als Inspiration für „Schuld und Sühne“ gedient haben könnten.
Es sind zwei der bekannteren Erzählungen, „Das verräterische Herz“ und „Der schwarze Kater“, die sich beide um grausige Verbrechen drehen. In beiden Fällen erzählt der Täter selbst von ihnen, von Beginn an herrscht Klarheit darüber, was geschehen ist. Es geht um das Wie der Taten. Und es geht dem Täter um eine Beichte, der allerdings keinerlei Reue oder auch nur Bedauern zugrunde liegt. Wichtig ist dem Ich-Erzähler allerdings beide Male, nicht als verrückt zu gelten. Dabei ist aber gerade das Verrückt-Sein das, was ins Auge springt. Bei beiden Taten handelt es sich um brutale Morde bzw. Totschlag an Menschen, die der Täter eigentlich mochte, ja im zweiten Fall sogar innig liebte. Und doch scheinen sie ihn kaum zu berühren, er entsorgt sogar in aller Seelenruhe die Leichname und scheint damit sogar durchzukommen. Doch dann entlarvt er sich in beiden Fällen vor der Polizei selbst.
Die letzte Geschichte „Der Teufel im Glockenturm“ ist unbekannter und auch recht abgedreht. Sie handelt von einer kleinen seltsamen Gemeinde in einem holländischen Tal (!) und deren Untergang durch den Besuch eines noch seltsameren Fremden.
Um es direkt zu sagen: Edgar Allan Poe und ich werden wohl keine Freunde werden. Ich bewundere die Modernität seiner immerhin schon in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstandenen Erzählungen (sicher trägt auch die Neuübersetzung von Steffen Jacobs zu der guten Lesbarkeit bei) und habe natürlich großen Respekt vor seinem überragenden Einfluss auf andere Autoren, auf die Kriminalliteratur, die Gothic novel, Science-Fiction und Poesie des Symbolismus. Mir persönlich sind die Geschichten allerdings zu wahnhaft, düster, beklemmend.
Dennoch ist diese Ausgabe eine ganz dringende Empfehlung für alle Freunde des schönen Buch.
Wie gewohnt, ist auch dieser Band der von der Illustratorin Kat Menschik gestalteten Reihe ganz exquisit und individuell ausgestattet – dreiseitiger Farbschnitt, ganzseitige Bilder, neonfarbige Lackschrift - einfach ein Hingucker. Es ist zu bewundern, wie Kat Menschik für jeden der Bände eine ganz eigene Bildsprache und Farbgestaltung findet. Waren es im Vorgängerband „Moabit“ von Volker Kutscher Blautöne und ein eher gedämpftes Orange, die die an Werbeillustrationen der Weimarer Republik erinnernden Illustrationen farblich fassten, so greift Menschik hier zu einer eher abstrakten, surrealen Bildsprache in Neonorange und einem dunklen Lila.
Die illustrierte Reihe von Galiani verlockt zum Sammeln, zum Einfach-alle-haben-Wollen. Meine Lieblingsbände sind „Romeo und Julia“ und besagtes „Moabit“, aber auch Kafkas „Landarzt“ und E.T.A. Hoffmanns „Die Bergwerke zu Falun“ sind richtige Schmuckstücke. Ich freue mich auf jeden Fall auf eine Fortsetzung. 

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15 Bibliotheken, 2 Leser, 0 Gruppen, 2 Rezensionen

italien, zeitgenössische belletristik

Hain

Esther Kinsky
Fester Einband: 287 Seiten
Erschienen bei Suhrkamp, 12.02.2018
ISBN 9783518427897
Genre: Romane

Rezension:

Der Roman beginnt mit einer Tradition aus rumänischen Kirchen. Dort wird an verschiedenen Stellen für die Lebenden und die Verstorbenen gebetet. Viǐ und morțǐ. Stirbt ein Mensch, für den eine Kerze entzündet wurde, wird diese nach seinem Tod auf die andere Seite getragen.
Ein Bild für die Seelenverfassung der Ich-Erzählerin und für den Charakter des Erzählten. Es ist eine Zwischen-, eine Übergangszeit nach dem Tod des Lebenspartners, M., ein Hinübergehen von der Zeit der lebendigen Zweisamkeit zum Leben ohne ihn. „Hain“ ist ein Buch der Trauer.
Zwei Monate nach der Beerdigung M.s fährt die Erzählerin nach Olevano Romano, einer Gemeinde 50 Kilometer östlich von Rom. Die Reise dorthin war gemeinsam geplant und auf gewisse Weise reist der Verstorbene mit. Es ist eine Italienreise der ganz anderen Art. Statt in „das Land, wo die Zitronen blühen“, in ein Land des mediterranen Lichts und der Sonne und Wärme, Sehnsuchtsort so vieler Nord- und Mitteleuropäer, geht es in ein winterliches, graues, ja trostloses Land. Drei Monate von Januar bis März lebt die Ich-Erzählerin in einem Haus „auf der Anhöhe“, zwischen dem alten Ort und dem Friedhof.
„Ich lag wach und sann auf Möglichkeiten, mein Leben hier drei Monate lang in eine Ordnung zu pressen, die mich das unerwartete Fremde überleben ließ.“
Hierher nach Olevano Romano zog es im 19. Jahrhundert unzählige Maler aus dem Norden auf der Suche nach dem Süden. Hier liegt in der Nähe der Eichenwald Serpentara, der für die Künstler zu einem fast schon heiligen „Hain“ wurde, dessen Abholzung sie durch Ankauf erfolgreich verhinderten. Heute noch stehen hier zwei Stipendiatenstätten der Berliner Akademie der Künste, die Villa Serpentara und die Villa Baldi, in der auch die Autorin 2015 eine Weile lebte.
An den heiligen Hain, in den zur Römerzeit Verfolgte fliehen konnten und sie waren dort unverletzlich, an den gehegten Wald, aber auch an den Totenhain erinnert der Titel des Buchs. Genauso ist aber auch das ganz profane Wäldchen gemeint, die Landschaft, durch die die Erzählerin ausgiebig wandert und die sie minutiös wahrnimmt und schildert.
Nun ist „Hain“ aber kein „Landschafts-„, sondern ein „Geländeroman“, denn es fehlt jegliche Romantisierung oder Poetisierung der Natur. Es sind die Brachen, das Marschland, oft auch zersiedelte, durch Industrie oder Einkaufsparks verschandelte Landschaften, durch die sie streift, oft einfach offenes Land. Immer wieder zieht es sie auch auf den Friedhof, an die Kolumbarien, die gerade für Italien so typisch sind. Dagegen nimmt sie mit den Menschen hier kaum Kontakt auf. Menschen spielen in all der Landschaft nahezu keine Rolle. Und wahrscheinlich auch nicht in der Welt der Trauernden. Auch über sie selbst, über ihre Gefühle erfahren wir wenig. Die Erzählerin begibt sich auf Spurensuche, sucht einen Weg durch ihre Trauer, sucht ihn in der Landschaft, aber auch in der Kunst.
So symbol- und referenzreich wie bereits der Titel, ist das gesamte Buch. Sowohl in der Natur, in der die Sempervirens, die immergrünen Zypressen und Pinien die Landschaft beherrschen, als auch immer wieder in der Literatur und Kunst findet es Anknüpfungspunkte. So bei Georgio Bassani, dessen „Reiher“ als, wie der Verlag schreibt, „großartiger Roman über die Unfähigkeit, mit einer veränderten Welt zurechtzukommen“, auch wenn die Umstände ganz andere sind, sehr gut zum Gemütszustand der Erzählerin passt. Überhaupt Bassani, auf dessen Spuren sie sich auf einer Reise nach Ferrara begibt, auf der Suche nach den „Gärten der Finzi-Contini“. Oder Pier Paolo Pasolini, wenn sie durch die Vororte Roms irrt. Oder die vielen etruskischen Grabstätten, die sie einst bei Familienurlauben in Italien mit dem Vater aufgesucht hat. Oder der Renaissancemaler Frau Angelico, dessen strahlendes Lapislazuliblau den Vater so sehr faszinierte.
Mit einem Trauerbild von Frau Angelico, das die Totenmesse für Franziskus von Assisi darstellt, endet das Buch. Es ist eine dreiteilige Predella, also der Sockel eines Altaraufsatzes. Der Tod in der Mitte, links das Leben des Heiligen, rechts seine Hinterbliebenen. Nach dieser Dreiteiligkeit ist auch das Buch aufgebaut. Im ersten Teil, der Reise nach Olevano Romano, ist der Lebenspartner noch ganz nah. Die Reise war mit ihm geplant, ein Koffer mit seinen Kleidungsstücken wird aus dem Auto gestohlen, ein einst mit ihm zusammen gekauftes Kamerakabel geht verloren. Verluste. Im zweiten Teil erinnert sich die Erzählerin an an ihren Vater, an Familienurlaube. Auch hier immer wieder Italien, gerne auch abseits der Saison, immer auf der Suche nach etruskischen Spuren, beispielsweise zur etruskischen Nekropole nahe Cerveteri. Trauer über einen schon lange Verstorbenen. Im dritten Teil geht die Reise nach Comacchio, ins Po-Delta. Wanderungen führen durch endlose Salzgärten. Vögel und Aale sind immer wiederkehrende Motive, ebenso der Bernstein. Ausflüge führen nach Ferrara und zu den Mosaiken von Ravenna. M. taucht nur noch als Schatten auf einem zufällig in einem Nebenfach der Kameratasche gefundenen Negativstreifen auf. Die Erzählerin ist nun zu einer Hinterbliebenen geworden.
„Hain“ ist sorgfältig und beeindruckend konstruiert, voller Bezüge und Anspielungen, die allerdings niemals gezwungen daherkommen. Handlung gibt es so gut wie keine, der Leser muss sich der Langsamkeit der Streifzüge Ich-Erzählerin, die sicher sehr viel mit der Autorin gemein hat, anpassen, ihren Gedanken, Erinnerungen und Reflexionenfolgen. Es ist, wie ein Kritiker schreibt, ein „Trauergesang“, aber ein völlig unsentimentaler, ernst, streng, fast schon asketisch. Die Sprache ist spröde, aber dennoch kommt eine gewisse Poesie auf.
Ich bin diesen Wanderungen durch graue, einsame Landschaften, über steinerne Friedhöfe, durch Kunst und Literatur und die große Trauer der Erzählerin gerne gefolgt. Und fand sie letztendlich erstaunlich trostreich.

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82 Bibliotheken, 0 Leser, 3 Gruppen, 58 Rezensionen

liebe, tod, vergangenheit, 60er jahre, enttäuschung

Eine Liebe, in Gedanken

Kristine Bilkau
Fester Einband: 280 Seiten
Erschienen bei Luchterhand, 12.03.2018
ISBN 9783630875187
Genre: Romane

Rezension:

„Ich möchte an meiner Straße am Fenster sitzen und glauben, dass jeder, der vorbeigeht, ein Leben lebt, glücklich oder unglücklich, aber tief.“
Ein Zitat der finnischen Malerin Helene Schjerfbeck, die im neuen Roman von Kristine Bilkau zwar nur indirekt vorkommt, das Buch aber auf eine besondere Weise begleitet.
Es gibt diese Bücher, die von Anfang an gefangen nehmen, die zur Leserin sprechen, als wären sie für sie geschrieben. „Eine Liebe, in Gedanken“ ist ein solches Buch.
Es erzählt eine Liebesgeschichte, die eine Lebensgeschichte ist, und es erzählt vom Abschied einer Tochter von ihrer Mutter.
Die Erzählsituation ist keine neue. Eine Mutter ist gestorben, die Tochter stößt beim Ausräumen der Wohnung auf Zeugnisse aus deren Leben, Dinge, Briefe, Fotos. Manches vertraut, anderes neu und unbekannt. Es ist ein liebevolles, zärtliches Gedenken. Es gab sicher auch Spannungen zwischen Mutter und Tochter, der freiheitsliebenden, nach zwei Scheidungen alleinerziehenden und immer etwas chaotischen Antonia und der um Beständigkeit bemühten, pragmatischen Tochter, der Ich-Erzählerin. Man kennt das, oft sucht die folgende Generation im Leben das, was sie in frühen Jahren vermisste. (Nur um oft im eigenen Alter zu erkennen, wie sehr man sich doch unter Umständen gleicht.)
„Eine hatte Freiheit gesucht.
Ihre Tochter hatte sich nach Beständigkeit gesehnt.
Und deren Tochter sehnte sich wieder nach Freiheit.“
Nie ein Geheimnis gemacht hat Antonia um Edgar, ihre einst große Liebe. Die Geschichten um ihn waren stets präsent, auch wenn sie bis zuletzt ein Geheimnis umwehte.
1964 haben sich die beiden kennengelernt, der höfliche, galante Mann und die kesse, in ihrer Zeit moderne Frau. Die frühen Sechziger Jahre waren in vielem eine Übergangszeit, noch herrschte in vielem die Moral der Fünfziger Jahre, verbot die Vermieterin Herrenbesuch und waren die Berufsaussichten für Frauen oft auf Sekretärinnen-, Verkäuferinnen- oder Lehrerinnenniveau eingefroren. Aber die Frauen waren eben auch, zumindest vor der Ehe, berufstätig, zunehmend selbstbewusst und registrierten durchaus die Doppelmoral. Hatten nicht ihre Mütter die Kriegsjahre auch ohne Männer bewältigt? Standen sie nicht den Herren der Schöpfung insgeheim recht kritisch gegenüber, wie beispielsweise auch die Mutter Antonias? Wozu also noch das Deckmäntelchen der fügsamen Weiblichkeit? Andererseits sind die Umbrüche von 1968 und den Jahren danach noch recht weit entfernt, und wie lange sie brauchen und welche Rückschläge immer wieder erfolgen, das spüren wir auch heute noch.
Antonia und Edgar werden ein Paar, verloben sich, die Familien nehmen den jeweils anderen in ihrer Mitte auf. Toni ist spontan, leidenschaftlich und im Job auf Erfolgskurs. Edgar wiederum steckt beruflich in einer Sackgasse. Als ihm ein Posten in Hongkong angeboten wird, sagt er nach Rücksprache mit Antonia zu. Nach kurzer Eingewöhnungsphase soll sie bald nachkommen. Die Monate vergehen, dann kommt endlich ein Telegramm: Wohnung und Job kündigen, Flugschein folgt. Doch dann: Nichts! Vergeblich wartet Toni, die zunächst bei Freunden, dann bei den Eltern untergekrochen ist, auf Nachricht. Schließlich dann das Niederschmetternde: Edgar möchte lieber doch nicht.
Was diese Zurückweisung für die junge Frau damals bedeutet haben mag, lässt sich nur vermuten und auch die Ich-Erzählerin versucht sich tastend daran, das nachzuempfinden. Vor allem, weil die Liebe zu Edgar nie versiegt zu sein schien. Eine Liebe, aber nur in Gedanken. Zwei folgende Ehen hatten keinen Bestand, vielleicht wollte sich Antonia kein weiteres Mal zu fest binden.
Die Tochter, altersmäßig vermutlich in den Vierzigern wie die Autorin, hat ihren leiblichen Vater nie groß vermisst, die Trennung ihrer Mutter vom zweiten Mann, der ihr wie ein Vater war, schmerzte mehr. Nun steht sie vor den Zeugnissen des Lebens ihrer Mutter und sinnt darüber nach. Besonders die große Leerstelle, warum die Liebe von Edgar und Antonia letztendlich so unspektakulär scheiterte, bewegt sie. Sie beschließt, Edgar zu kontaktieren.
Sie selbst ist nicht nur in ihrer Trauerarbeit gefangen, sondern befindet sich auch in einer anderen Umbruchsphase ihres Lebens: die 18jährige Tochter Hanna hat das Abitur hinter sich und begibt sich auf Interrailtour, danach Studium, irgendwo. Zeit der Abnabelung.
„Niemand hatte mich gewarnt, wie schnell ein Kind zu einer Erwachsenen werden würde. Niemand hatte mir gesagt, dass diese Jahre im Rückblick wie eine erstaunlich überschaubare, verwirrend kurze Episode erscheinen würde.“
Zeit, das eigene Leben zu überdenken. Zwischenbilanz. Zeit aber auch, sich vor dem kommenden Alter zu fürchten, vor dem Alleinsein.
Ihre Mutter tröstete sie einst:
„Du musst dir keine Sorgen machen“, hatte sie zu mir gesagt, mit ihrer jungen, zuversichtlichen Stimme. „Du wirst den Reichtum deiner Gedanken haben.“
War es ein gelungenes Leben? Trotz der Liebe, nur in Gedanken, trotz der Zurückweisung, des Scheiterns? Es scheint so, auch wenn es seinen Preis gekostet haben mag.
„Was für ein Leben hatte Ihre Mutter?“
fragt Edgar bei ihrem Treffen.
„Ich überlegt, wie ich das Leben meiner Mutter zusammenfassen konnte. Ich hatte versucht, mir vorzustellen, wer sie als junge frau gewesen war, wer sie geworden war, doch es konnte ja immer nur ein Ausschnitt bleiben, Geschichten, von mir erdacht. Wie nah ich der Frau von damals und der Frau, die sie geworden war, hatte kommen können, das würde ich nie wissen. (…) „Ich kann Ihnen nur sagen, dass sie sich nicht vor Intensität gefürchtet hat. Aber das wissen Sie ja wahrscheinlich selbst.“
Eine Frau, die auch einen hohen Preis für ihr unabhängiges Leben zahlen musste, begleitet das Buch auf besondere Weise. Es ist die finnische Malerin Helene Schjerfbeck. Die Ich-Erzählerin betreut während der Trauerzeit als Architektin eine Ausstellung der 1862 geborenen Künstlerin. Durch einen Unfall in der Kindheit gehbehindert, tritt deren künstlerisches Talent früh zutage. Begabt und entschlossen reist sie in jungen Jahren viel, erleidet aber auch viel persönliches Leid, ist viel krank und lebt viele Jahre allein mit ihrer pflegebedürftigen Mutter. Hochbetagt stirbt sie kurz nach dem Krieg. Die unabhängige, letztlich aber einsame Frau dient als Spiegel für das Leben der Mutter, ihre Zurückgezogenheit im Alter. Am Ende des Buchs nimmt uns die Erzählerin mit auf einen Rundgang durch die Ausstellung, die auch sehr durch Selbstbildnisse der Malerin geprägt ist. Immer wieder schweift sie zwischen den Bildern und den Gedanken an die verstorbene Mutter. Dieser Abschnitt ist mit das Schönste, das ich seit längerem gelesen habe.
„Eine Liebe in Gedanken“ ist ein Buch, dessen Passagen ich immer wieder lesen möchte. So einfühlsam, pathos- und kitschfrei, so behutsam, klug und fast schwebend, so atmosphärisch dicht schreibt Kristine Bilkau über Frauenleben, Liebe, Nähe, Enttäuschung, Trauer, Abschied. Über das Verschwinden von Menschen, sei es nach Hongkong, in den Tod oder auch nur das Erwachsensein, und das Fortbestehen der Liebe.
„Meine Mutter sitzt vor mir auf der Küchenbank, sie bestreicht sich ein Stück Baguette mit zerschmolzenem Camembert, sie sitzt, wie immer, wenn sie uns besuchte, auf dieser alten Holzbank, die Florian und ich, als Studenten, vor über zwanzig Jahren auf einer Reise durch Polen gekauft hatten, sie nippt an ihrem Darjeeling und will alles über ihren eigenen Tod wissen.“

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53 Bibliotheken, 3 Leser, 1 Gruppe, 21 Rezensionen

barcelona, spanien, musik, familienstammbaum, liebe

Eine bessere Zeit

Jaume Cabré , Kirsten Brandt , Petra Zickmann
Fester Einband: 555 Seiten
Erschienen bei Insel Verlag, 25.03.2018
ISBN 9783458177395
Genre: Romane

Rezension:

Jaume Cabrés 2007 auf Deutsch erschienener Roman „Die Stimmen des Flusses“ hat mich sehr begeistert. Nun ist ein „neuer“ Roman, der allerdings bereits 1996 im Original erschienen ist. Wieder ist es ein in Katalonien angesiedeltes Familienepos, das sieben Generationen der Familie Gensana umspannt, ein historischer Roman über die Zeit der Francodiktatur und eine Liebesgeschichte. Wie auch bereits in den „Stimmen“ sind hier die virtuose Konstruktion, die Zeit- und Perspektivensprünge, die Personen- und Detailfülle zu bewundern. Leider kommt dieser Roman aber qualitativ nicht an den Nachfolger heran.
Das liegt zum einen an der relativ uninteressanten Familiengeschichte, die zwar allerhand Irrungen und Wirrungen, Skandale und Tragödien vereint, aber immer auf dem Niveau einer Schmonzette verharrt und den Figuren nicht die nötige Tiefe gibt. Die männlichen Figuren sind allesamt recht schwache Charaktere, deren Beweggründe, beispielsweise in den antifranquistischen Untergrund zu gehen, genauso im Dunklen bleiben wie ihre Lebensabsichten. Allen zusammen ist die schwärmerische Haltung, vor allem gegenüber dem weiblichen Geschlecht, gemeinsam. So nimmt auch die Liebe des Protagonisten Miquel zu der Widerstandskämpferin Berta und der Geigenvirtuosin Teresa die zentrale Stellung ein (die Ehe zu Gemma scheint dann wieder zu real gewesen zu sein, denn sie endet nicht nur in der Scheidung, sondern erhält im Roman auch am wenigsten Raum). Dem zeithistorischen Background der Geschichte, also der Franco-Zeit, dem Widerstand in Katalonien, den gesellschaftlichen Verhältnissen, widmet Cabré im Gegensatz zu seinem nachfolgenden Werk, sehr wenig Interesse. Das fand ich besonders bedauerlich. So bleibt das Buch trotz seiner Kunstfertigkeit besonders in der Konstruktion (die gesamte Familien- und Lebensgeschichte wird während eines zweistündigen Abendessens aufgeblättert) und seiner schönen Anklänge an die Musik für mich leider doch eher eine Enttäuschung.

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43 Bibliotheken, 6 Leser, 1 Gruppe, 3 Rezensionen

thriller, atrium verlag, buchbesprechung, hideo yokoyama, 64

64

Hideo Yokoyama , Sabine Roth , Nikolaus Stingl
Fester Einband: 768 Seiten
Erschienen bei Atrium Zürich, 09.03.2018
ISBN 9783855350179
Genre: Krimi und Thriller

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4 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

Das schwarze Herz des Verbrechens

Marcelo Figueras , Sabine Giersberg
Fester Einband: 464 Seiten
Erschienen bei Nagel & Kimche, 19.02.2018
ISBN 9783312010660
Genre: Romane

Rezension:

„Das ist die Macht, die die Literatur gewährt: Sie drängt uns, in die Haut der anderen zu schlüpfen, sich vorzustellen, was die fühlen, die nicht wir sind. Das kann dreckig sein, wenn es Schmerz hervorruft; (…)Trotzdem würde ich es nicht eintauschen wollen. Denn das ist der Grund, warum wir erzählen und lesen. Um Empathie zu erzeugen. Um mit unseren Gefühlen das Gefängnis zu überwinden, in das unsere Haut uns sperrt. Wenn man nicht von anderen ergriffen wird, woher soll man dann wissen, dass man lebt?“


Rodolfo Walsh, Jahrgang 1927, ist ein argentinischer Klassiker. Er gilt als Erfinder des investigativen Journalismus in Argentinien, schrieb weit vor Truman Capote etwas, das man „Testimonio“ nannte, den Tatsachenroman, „True crime“, eine auf Zeugenberichten aufgebaute, literarische Nacherzählung von Ereignissen. In Deutschland ist er eher unbekannt, drei seiner Werke erscheinen im Züricher Rotpunktverlag.
Eines davon, „Das Massaker von San Martin“ (Original: „Operacíon masacre) von 1957, nahm der argentinische Autor Marcelo Figueras nun als Ausgangspunkt für seinen neuen Roman. Er ist eine Hommage an den engagierten Journalisten und Schriftsteller Walsh, der 1977 von einem Einsatzkommando der Militärjunta auf offener Straße erschossen wurde (wie übrigens ein Jahr zuvor seine ebenfalls oppositionell arbeitende Tochter). Eine Hommage, aber alles andere als eine eindimensionale Heldenverehrung, sondern eine differenzierte Persönlichkeitsstudie und seinerseits eine Art „Testimonio“.
Auf der ersten Seite sehen wir ein Bild des jungen Rodolfo. Der Sohn konservativer irischer Einwanderer war ursprünglich kein ausgesprochen politischer Mensch. Er schrieb kleine Kriminalgeschichten, übersetzte Texte, schrieb Artikel für Zeitungen. Bis zu jenem Tag im Jahr 1956, an dem er von den „lebenden Erschossenen“ hörte. Bis dahin war er, so Marcelo Figueras in seinem Nachwort zur deutschen Ausgabe,

„ein junger, hungriger Reporter mit Träumen von Ruhm und Reichtum, ein hoffnungsvoller Autor, der fand, seine ausgedachten Krimis seien – auch wenn sie Preise erhielten – bloß Schrott. (Womit er nicht ganz unrecht hatte.) Aber seine Recherchen veränderten ihn vollständig.“

Die Geschichte, die er hörte, klang spektakulär: 1956 trieben Schergen der sich damals gerade an der Macht befindlichen Militärregierung von General Pedro Eugenio Aramburu Cilveti, die unlängst den Staatspräsidenten Juan Perón durch einen Putsch gestürzt hatte, vermeintlich umstürzlerische Peronisten zusammen, erschoss die Männer auf einer Müllhalde im Vorort José Léon Suaréz und beseitigte alle Spuren. Eines der ersten Staatsverbrechen, denen in den folgenden Jahrzehnten der unrühmlichen argentinischen Geschichte noch so einige folgen sollten. Einige der Männer konnten dabei entkommen und sich verstecken – die lebenden Erschossenen. Dieser Geschichte ging Walsh nach. Sie sollte sein ganzes Leben verändern. Sie machte ihn zu dem politischen Schriftsteller, als der er heute bekannt ist.
Der sinnlose Tod meist völlig unschuldiger Zivilisten erschütterte Rodolfo Walsh zutiefst. Streng katholisch bei Ordensschwestern zur Schule gegangen, verfolgt ihn fortan eine Frage aus dem Lukas-Evangelium, die das Volk Israel Johannes den Täufer fragt: „Was sollen wir denn tun?“ („What then must we do?). Für einen Journalisten wie Walsh gab es eine klare Antwort: Darüber schreiben. Zeugnis ablegen über das Ungeheuerliche.
Marcelo Figueras erzählt in „Das schwarze Herz des Verbrechens“ über die Nachforschungen, die Zeugenbefragungen, den Entstehungsprozess der Aufzeichnungen, die „Operación masacre“ werden sollen. Eine mühevolle und gefährliche Arbeit, die Walsh nicht nur in den Untergrund treibt, sondern auch seine Ehe zerbrechen lässt. Mit Hilfe seiner Mitarbeiterin Enriqueta, die bald auch seine Geliebte wird, gelingt es R, wie er im Roman durchgehend genannt wird, sein „testimonio“ zunächst anonym als Fortsetzungsgeschichte in einer Zeitung unterzubringen. Schließlich muss er aber abtauchen.
Marcelo Figueras beschreibt das alles in knappen Kapiteln so spannend und atemlos, dass sich das Ganze wie ein Politthriller liest. Er schildert den Ablauf und die Hintergründe der Vorgänge 1956, Walshs Rekonstruktionen und die Entstehung seiner Aufzeichnungen, die Schwierigkeiten der Nachforschungen und der Veröffentlichung. Die Atmosphäre in den Redaktionen wird eingefangen, die Angst, die Repressalien. Gleichzeitig schafft er eine differenzierte Charakterstudie, die auch die dunkleren Seiten von Walsh, seinen gnadenlosen Ehrgeiz, seine Sturheit, sein rücksichtloses Verhalten gegenüber Frau und Geliebter, nicht verschweigt.
„Operacón masacre“ wird nicht nur die Regierung Aramburu, sondern die unzähligen seitdem stattgefundenen Machtwechsel überstehen, wenn auch Walsh Hoffnung, dass damit das Verbrechen gesühnt werden könnte, dass die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen würden, enttäuscht wurde. Die Situation verschlimmerte sich während der brutalen Militärdiktatur unter Jorge Rafael Videla von 1976 bis 1981, gegen die Walsh erneut, wie seine Tochter, in den Untergrund ging. In einem „Offenen Brief eines Schriftstellers an die Militärjunta“ klagt er sie an:

„15 000 Verschwundene, 10 000 Gefangene, 4000 Tote, Zehntausende, die aus dem Land vertrieben worden sind – dies sind die nackten Zahlen dieses Terrors. Als die herkömmlichen Gefängnisse überfüllt waren, verwandelten Sie die größten militärischen Einrichtungen des Landes in regelrechte Konzentrationslager, zu denen kein Richter, kein Rechtsanwalt, kein Journalist, kein internationaler Beobachter Zugang hat. Die Anwendung des Militärgeheimnisses, für die Untersuchung all der Fälle als unumgänglich erklärt, macht die Mehrzahl der Verhaftungen de facto zu Entführungen, was Folter ohne jede Einschränkung und Hinrichtungen ohne Gerichtsurteil ermöglicht.“

Am 25. März 1977 verteilte Walsh etliche dieser offenen, an verschiedene Zeitungsredaktionen adressierten Briefe auf verschiedene Briefkästen in Buenos Aires, als er in einen Hinterhalt geriet. Bei einem Schusswechsel mit einem Einsatzkommando der Marine wurde Rodolfo Walsh getötet. In einem Epilog begleiten wir ihn auf diesem letzten Gang. Erst hier kommt im Roman ein ganz klein wenig Pathos auf.
Erst nach Wiedereinführung der Demokratie in Argentinien 1983 wurden die Verbrechen der Militärdiktatur, auch dieses, allerdings zunächst zögerlich, aufgearbeitet.
In seinem Nachwort macht Marcelo Figueras deutlich, dass es ihm mit „Das dunkle Herz des Verbrechens“ nicht allein um das historische Ereignis, einen bewunderten Mann und eine dunkle Zeit geht, sondern dass er im heutigen Argentinien beunruhigende Tendenzen zurück sieht, zu einer eingeschränkten Pressefreiheit, zu einer bedenklich neoliberalen Wirtschaftspolitik, einem autoritären Regime.

„Ehrlich gesagt, weiß ich nicht, was mit mir geschehen wird – und mit Millionen anderer Argentinier – in nächster Zukunft. Vielleicht werden wir alle unserer Arbeit verlieren. Oder eingesperrt. Oder Schlimmeres.“

so schließt der Autor im November 2017 das Buch.
Ein Besorgnis erregender Schluss eines spannenden, perfekt erzählten Romans, der Porträt, Politthriller und Nachdenken über den Schreibprozess zugleich ist. Denn, dass Walsh eine Alternative sucht zur übermächtigen argentinischen Erzähltradition eines Jorge Luis Borges und dessen phantastischer, der reinen Ästhetik verhafteten Art, zu schreiben, eine den politischen Gegebenheiten angemessenere Alternative, auch das wird in diesem anregenden Buch thematisiert. Eine große Leseempfehlung, die ich auch für Marcelo Figueras „Kamtschatka“ aussprechen möchte.


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27 Bibliotheken, 1 Leser, 1 Gruppe, 6 Rezensionen

mutter-tochter-beziehung, medusen, roman, sonne, spanien

Heiße Milch

Deborah Levy , Barbara Schaden
Fester Einband: 288 Seiten
Erschienen bei Kiepenheuer & Witsch, 15.02.2018
ISBN 9783462049770
Genre: Romane

Rezension:

„2015. Almería. Südspanien. August.“
Deborah Levy schafft von Beginn an eine sehr eindrückliche, sehr sinnliche Atmosphäre für ihren neuen Roman „Heiße Milch“, der 2016 auf der Shortlist des Man Booker Prize stand. Sogleich entstehen Kinobilder im Kopf des Lesers, die man sich sehr gut auf großer Leinwand vorstellen kann: die flirrende Hitze, die ausgedörrte Landschaft am Fuße der Sierra Nevada, die sich kilometerlang hinziehenden Gewächshausfolien, unter denen Tomaten und anderes Gemüse heranreifen.
In diese Landschaft stellt die Autorin ein kleines Ferienhaus, in dem zwei Britinnen untergebracht sind, Mutter und erwachsene Tochter. Die Atmosphäre ist aufgeladen und ein wenig surreal. Nebenan ist eine Tauchschule, an der jeden Morgen zwei Mexikaner herumweißeln, während der cholerische Inhaber am Computer spielt und sein auf dem Dach angeketteter Hund sich die Seele aus dem Leib bellt.
Diese leicht bizarre Szenerie passt hervorragend zu der merkwürdigen Beziehung, in der Mutter und Tochter zueinander stehen. Sofia ist Mitte zwanzig und begleitet ihre Mutter Rose in eine Spezialklinik hier in Südspanien. Etliche Ärzte haben die Beiden schon konsultiert, aber keiner wusste wirklich Rat. Rose leidet an unerklärlichen Lähmungserscheinungen der Beine, kann manchmal laufen, manchmal nicht. Organische Ursachen lassen sich nicht finden, psychische Probleme liegen auf der Hand. Sofia scheint diese aber nicht zu sehen, hat für die Pflege ihrer Mutter sogar ihre Dissertation als Anthropologin hingeworfen. Oder ist die Mutter für sie nur eine Art Vorwand, ein Versteck vor den Zumutungen eines eigenverantwortlichen Lebens? Eine ungesund enge Beziehung ist es allemal.
„Die Liebe zu meiner Mutter ist wie eine Axt. Sie schlägt sehr tief.“
Wie auch in ihren anderen Romanen, zum Beispiel „Heim schwimmen“, versetzt Deborah Levy ihre Protagonisten in eine ungewohnte Umgebung, um sie dort mit ihrer Lebenssituation zu konfrontieren. Anstatt nun psychologisch zu analysieren, lässt sie innere Zustände, Gefühle und Ängste in äußeren Dingen, Landschaften, Szenen spiegeln. Gleich zu Beginn fällt Sofias Laptop zu Boden, der „ihr ganzes Leben“ enthält. Sein gesplittertes Display ist nur unschwer als Sinnbild für Sofias zersplittertes Leben zu deuten. Die träge, leicht klaustrophobische Situation im Ferienhaus am Strand passt wiederum perfekt zu Sofias momentanen Lebenssituation, in der sie eingeschlossen scheint, festgefahren, in der sie sich treiben lässt. Treiben wie die Medusen, die Quallen, die omnipräsent sind, das Meer scheint übersät von ihnen und ihren langen Tentakeln, die schmerzhafte Verbrennungen hervorrufen. Diese Medusen sind ein stetig auftauchendes Motiv, wie das Wasser, das Sofia ihrer Mutter immer wieder bringen muss, und das „doch immer das falsche ist“.
Trotz ihrer klaren Sprache arbeitet Deborah Levy sehr stark mit Verrätselungen, Metaphern, bizarren, „sprechenden“ Bildern. Dazu gehört auch der eigenartige Dr. Gomez in seiner merkwürdigen Klinik. Die ganze Geschichte ähnelt einem leicht surrealen Traum. Auch die beiden Liebesabenteuer, in die sich Sofia stürzt, mit dem jungen Studenten, der in der Quallen-Erste-Hilfe-Station am Strand Dienst leistet, und der deutschen Urlauberin Ingrid Bauer, deren „Körper lang und hart wie eine Autobahn“ ist – eine Formulierung, die ich ziemlich daneben finde – haben etwas Unwirkliches.
Auch wenn die Konstruktion dieser flirrenden Atmosphäre Deborah Levy, wie auch schon in ihrem 2012 erschienenen „Heim schwimmen“, perfekt gelungen ist, konnte ich dem Roman wenig abgewinnen. Die Anspielungen und Verrätselungen wurden mir recht bald zu viel. Die Abhängigkeitsbeziehung zwischen Sofia und Rose gibt zu wenig her, beide gewinnen zu wenig Kontur. Ein Trip nach Griechenland zum seit langen abwesenden Vater und seiner neuen Familie zwecks Abklärung des Tochter – Vater Verhältnisses erschien mir nur aufgepfropft und die seltsamen, kurzen Einschübe einer neuen Erzählstimme, die die Ich-Erzählerin Sofia schlaglichtartig von außen beleuchtet, aber überhaupt nicht fassbar ist, erschienen mir im Text wie Fremdkörper.
So konnte mich „Heiße Milch“ leider am Ende wenig für sich einnehmen und blieb für mich eine Enttäuschung.

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16 Bibliotheken, 3 Leser, 0 Gruppen, 3 Rezensionen

zeitgenössische belletristik

Über uns

Eshkol Nevo , Markus Lemke
Fester Einband: 320 Seiten
Erschienen bei dtv Verlagsgesellschaft, 12.01.2018
ISBN 9783423281317
Genre: Romane

Rezension:

Ein Hausroman – aber keiner von der üblichen Sorte. Denn um die Beziehungen der Bewohner untereinander geht es hier nur sehr am Rande. Tatsächlich sind die Figuren lediglich durch die Tatsache verbunden, dass sie alle im selben Haus am Rande von Tel Aviv beheimatet sind. Auch geht es nicht in erster Linie darum, unterschiedliche Menschen mit dem Rahmen „Wohnhaus“ vorzustellen und ihre Geschichten zu erzählen.
Eshkol Nevo ist studierter Psychologe (und Enkel des israelischen Ministerpräsidenten von 1963 bis 1969, Levi Eshkol) und hat mit seinem Roman „Über uns“ (auch) ein anderes Ansinnen. „Shalosh komot“ lautet der Originaltitel „Drei Etagen“. Und richtig, Nevo möchte auf spielerische Weise das Freudianische Strukturmodell der Psyche mit seinen drei Instanzen Es, Ich und Über-Ich in einen erzählenden Text fassen. Drei Instanzen, die jeweils auf einem Stockwerk eines Wohnhauses angesiedelt sind. Drei Erzählungen, die nur lose miteinander zu tun haben.
Eshkol Nevo macht den Leser zum Zeugen von fast typischen psychoanalytischen Monologen. Drei Menschen, die in einer Zwickmühle stecken, über die sie reden müssen, die vielleicht auch Rat suchen, aber vor allem eine Art Beichte ablegen. Die Adressaten dieser Beichten sind merkwürdig diffus.
In der ersten scheint es ein Freund oder Kollege zu sein, der den Ausführungen von Arnon folgt. Dieses Gegenüber tritt kaum in Erscheinung, greift in den Monolog nahezu überhaupt nicht ein. Arnon erzählt von etwas, dass ihn tief aufregt. Er lebt mit seiner Frau Ayelet und zwei kleinen Töchtern im Erdgeschoss. Die ältere von beiden geben die Eltern immer wieder mal rüber zu dem älteren Ehepaar Hermann und Ruth, um mal ein paar Stunden für sich zu haben oder um Dinge zu erledigen. Die kleine Ofri fühlt sich wohl dort, und es ist ja so bequem und billig. Doch Hermann zeigt zunehmend Zeichen von Demenz und eines Tages verirrt er sich beim Spazierengehen mit der Kleinen und wird in ziemlich aufgelöstem Zustand aufgefunden. Für Arnon ist klar, da muss was passiert sein. Der Leser erfährt über diese Geschichte nur durch die Augen von Arnon, und doch wird ihm sehr bald klar, dass hier ein völlig überreagierender, latent aggressiver, wenig eigene Triebkontrolle besitzender Mann spricht. Der Angriff auf Hermann und die nachfolgenden Enthüllungen über ein Verhältnis mit dessen minderjähriger Enkelin erstaunen da wenig. Hier waltet wohl eindeutig das „Es“.
Bei der zweiten „Beichte“ ist die Adressatin eine im fernen Amerika lebende Jugendfreundin, der Chani aus dem ersten Stock einen Brief schreibt. Chani ist verwirrt. Emotional völlig vernachlässigt, da Ehemann Noam ständig geschäftlich unterwegs und auch sonst nicht sehr am familiären Leben interessiert ist, lebt sie ziemlich isoliert mit der kleinen Tochter. „Die Witwe“ wird sie im Haus heimlich genannt. Eines Tages steht der wegen Betrügereien von der Polizei und wohl auch von weitaus zwielichtigeren Gläubigern verfolgte Schwager vor der Tür. Noam ist mal wieder auf Geschäftsreise, und Chani lässt ihren Schwager nicht nur bei sich im Haus wohnen, sondern entdeckt auch Gefühle für ihn. Oder entspringt das alles nur ihrer überreizten, nicht ausgelasteten Fantasie?
Im dritten Stock herrscht das Über-Ich in Person der pensionierten Richterin Dvorah. Seit einiger Zeit verwitwet, plant sie einen Umzug und stößt beim Packen auf einen alten Anrufbeantworter. Dieser ist noch mit der Stimme ihres äußerst rechtschaffenen Mannes Michael, auch er Richter, besprochen. In einem Monolog an ihn bespricht sie nun etliche Bänder. Im Mittelpunkt steht der durch eine Begegnung unlängst wieder hochgekommene Bruch mit ihrem Sohn Adar. Dieser war wohl schon immer ein schwieriges Kind – aber auch hier bekommen wir natürlich nur eine Seite der Medaille zu sehen bzw. zu hören. Den strengen ethischen Ansprüchen und Verhaltensnormen besonders des Vaters konnte er nie entsprechen, wurde auch straffällig und kam schließlich in eine nahezu unentschuldbare Situation, aus der ihn die Eltern nicht „raushauen“ konnten oder wollten. Daraufhin wandte sich Adar brüsk und vollkommen von seinen Eltern ab. Eine Situation, die für Chani sehr schwer erträglich war. Auch, weil die Verhaltensnormen der Frauen in ihrer Umgebung sie streng verurteilten, nach dem Motto „Eine Mutter muss alles verzeihen und ihrem Kind immer beistehen.“
Drei Menschen, drei Konflikte, drei Beichten. Auch wenn sich für mich der Bezug zum oben erwähnten Strukturmodell der Psyche nicht allzu klar herstellen ließ und die Rahmenkonstruktion mit den „Adressaten“ der Monologe manchmal etwas knirschte, hat Eshkol Nevo doch drei interessante Geschichten erzählt, die jede ein wenig nachdenklich zurücklässt.
Wer Eshkol Nevo noch nicht kennt, dem empfehle ich aber vor allem seinen wirklich wunderbaren Roman „Wir haben noch das ganze Leben“, eine warme, lebendige Freundschaftsgeschichte.

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31 Bibliotheken, 0 Leser, 1 Gruppe, 4 Rezensionen

Ein anderes Brooklyn

Jacqueline Woodson , Brigitte Jakobeit
Fester Einband: 160 Seiten
Erschienen bei Piper, 01.03.2018
ISBN 9783492058650
Genre: Romane

Rezension:

„Sylvia, Angela, Gigi, August. Wir waren vier Mädchen, unglaublich schön und schrecklich allein.
Das ist Erinnerung.“


Die vielfach für ihre Kinder- und Jugendromane preisgekrönte US-amerikanische Autorin Jacqueline Woodson bleibt auch in ihrem gerade auf Deutsch erschienenen Buch für Erwachsene ihrem Personal treu.
Die Anthropologin August kehrt zur Beerdigung ihres Vaters zurück an den Ort ihrer Kindheit, Bushwick, Brooklyn, New York.
Als kleines Mädchen nahm der Vater sie und ihren jüngeren Bruder mit zurück in seine Herkunftsstadt, nachdem die Mutter sie verlassen hatte. Es war ein großer Schritt vom ländlichen Tennessee, vom alten Farmhaus mit Garten und angrenzendem Fluss in die überfüllten, damals, 1973, hauptsächlich von Ibero- und Afroamerikanern der unteren Einkommensschichten bewohnten Wohnblocks. Eine schäbige, von Jugendbanden und Kriminalität bestimmte Gegend. Heute längst auch einbezogen in die Gentrifizierung der Stadt, herrschten damals noch Armut, Drogenkonsum und Wegzug der weißen Bevölkerung vor. Lange Zeit verbot der Vater seinen Kindern, auf die Straße zu gehen.
Doch vom Fenster aus beobachten August und ihr Bruder sehnsüchtig das Geschehen. Besonders drei Mädchen haben es August angetan. So frei, so glücklich, so tief miteinander verbunden erscheinen sie ihr.
Eine davon, Sylvia, trifft sie bei ihrer Rückkehr zur Beerdigung in der Subway. Eine für sie eher schmerzliche Begegnung, der einen Erinnerungsprozess in Gang setzt.

„Wenn wir gewusst hätten, dass unsere Geschichte ein Blues mit einem Refrain ist, der immer wiederkehrt, hätten wir dann aufgehorcht und gesagt: Das ist Erinnerung, immer wieder, bis das Leben einen Sinn ergab? Wo wären wir heute, wenn wir gewusst hätten, dass unser Wirren einer Melodie folgt?“

„This is memory“ – Das ist Erinnerung – wie ein Refrain, eine Beschwörung zieht sich dieser Satz durch die Aufzeichnungen der Ich-Erzählerin August. Auf gut 150 Seiten, locker, fast wie ein Prosagedicht gesetzten Seiten erzählt sie von ihrem Aufwachsen, der Freundschaft zu den einst von ferne bewunderten Mädchen, ihrer Familie und ihrem großen Schmerz. Es sind poetische Vignetten, deren Rhythmus und Klang der Autorin ungemein wichtig sind.

„I listen to it. Everything I write, Iread aut loud. It hast o sound a certain way. It hast o look a certain way on the page. I pay a lot of attention to whitespace. I pay a lot pf attention tot he rhythm of words together. I felt it.“

Diese Sorgfalt bei der Komposition und Sprache merkt man dem Buch auf wunderbare Weise an. Impressionistisch, kraftvoll, intensiv und poetisch reiht Woodson Erlebnisse und Gedanken zu einer bewegenden Collage einer Kindheit, des Aufwachsens eines farbigen Mädchens in einer nicht einfachen Zeit und Umgebung. Vieles wird dabei nicht ausgebreitet, sondern lediglich angedeutet. Das Unausgesprochene erhöht die Spannung. So beginnt das Buch mit dem etwas rätselhaften Satz
„Meine Mutter war lange nicht tot.“
Erst im Verlauf des Erzählten wird die Bedeutung dieser Einführung klar, wird der Ursprung von Augusts Schmerz deutlich. Auch was mit diesem „anderen Brooklyn“ gemeint ist, bleibt der Phantasie des Lesers überlassen. Ist es das noch nicht gentrifizierte Brooklyn der Siebziger Jahre? Ist es jenes andere Brooklyn, das die Kinder zunächst nur durch das Fenster ihrer Wohnung betrachten dürfen? Ist es jenes Brooklyn, in dem August und ihr Bruder groß wurden, das für sie so ganz anders war, als das Bild, das man gemeinhin von diesem New Yorker Stadtteil hat?
Auch die sozialen und gesellschaftlichen Hintergründe werden lediglich angetupft. Von den „Kindern in Biafra“ ist mehrmals die Rede, die immer dann für die Erziehung herhalten mussten, wenn Undankbarkeit oder Widerwillen beklagt wurden. Der Vietnamkrieg wird erwähnt, wo der Vater zwei Finger verlor und der Bruder der Mutter, Onkel Clyde, sein Leben – etwas, dass diese völlig aus der Bahn warf und sie in die Depression trieb. Und da war der „Great Blackout“ 1977, wo plündernde Banden die von der Stromversorgung abgeschnittene Stadt unsicher machten.
Es war kein heiteres, unbeschwertes Aufwachsen dort im Bushwick der Siebziger Jahre. Und so erzählt das Buch auch von Trauer und Verlust, von Armut und Drogen, von Teenagerschwangerschaften und von der Religion, explizit der „Nation of Islam“, als Flucht, von abwesenden Müttern und übergriffigen Männer. Letztere waren im Leben der heranwachsenden Mädchen omnipräsent.

„Mit acht, neun, zehn, elf, zwölf war uns klar, dass wir beobachtet wurden.“

Die Hoffnungen und Träume der Mädchen, der schönen Sylvia, die mit ihren Eltern aus Martinique nach Brooklyn kam und deren Vater Hegel und Proust liest, der tanzbegeisterten Angela und der von der Schauspielerei träumenden Gigi, sie reiben und stoßen sich an der rauen Realität. So manche zerplatzen und auch die Mädchen kommen nicht alle unbeschadet davon. Das ist bewegend und auch traurig zu lesen. Aber das Buch erzählt eben auch von Freundschaft, von Zugehörigkeit und (Über)Lebenswillen. Und das auf so poetische, sprachlich schöne Weise, dass es niemals trostlos wird, sondern im Gegenteil, fast hoffnungsvoll.
Augusts Schwerpunkt als Anthropologin sind Bestattungsrituale. Immer wieder beschwört sie solche Rituale herauf. Sie sind ihr ein Trost, aber auch Anklage und steter Stachel. 

„Wenn auf Fidschi jemand starb, wurde ein ausgewählter Angehöriger erwürgt, damit der Verstorbene im Jenseits nicht allein war. (…) Wenn die Stämme auf Fidschi ihre Lebenden wirklich zu den Toten schicken, dann hätte ich mit ihr fliegen sollen. Oder Angela. doch wir blieben auf der Erde. Wir glaubten, wir hätten keine Flügel.“

„Ein andere Brooklyn“ stand auf der Shortlist zum National Book Award. Es ist schmerzlich schön und wird für mich eines meiner Lieblingsbücher bleiben.

„Ich hob den Kopf, betrachtete die sich färbenden Blätter und dachte, dass wir alle irgendwann heimkehren. Irgendwann wurde das ganze Leben, alles und jeder, Erinnerung.“

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18 Bibliotheken, 0 Leser, 1 Gruppe, 7 Rezensionen

debüt 2018, depression, einwanderung, familie, identitätssuche

Beschreibung einer Krabbenwanderung

Karosh Taha
Fester Einband: 250 Seiten
Erschienen bei DuMont Buchverlag , 12.03.2018
ISBN 9783832198800
Genre: Romane

Rezension:

Sanaa ist 22, wohnt noch zuhause bei ihren Eltern und studiert, etwas unmotiviert, ein wenig planlos. Das ist soweit nicht ungewöhnlich, und doch ist alles ein wenig schwieriger für Sanaa als für viele ihrer Altersgenossen.
Sanaa ist gebürtige Kurdin, mit zehn Jahren ist sie mit ihren Eltern aus dem Irak nach Deutschland gekommen. Eine Migrantengeschichte, wie wir sie so oft hören. Die Eltern haben in all den Jahren nie wirklich Fuß gefasst in der neuen Umgebung, die sie schwerlich neue Heimat nennen können. Der Vater hangelt sich von einem eher prekären Job zum nächsten, die Mutter ist in tiefe Depressionen verfallen. Die pubertierende Schwester Helin ist nach Sanaas Ansicht nur auf der Welt, weil ihre Eltern durch die Schwangerschaft einer Abschiebung entgehen wollten. Sie ist rebellisch, ablehnend, mit ihrer aufkommenden Sexualität beschäftigt. Kein glückliches Elternhaus, zumal Sanaa ihren zunehmend abwesenden Vater verdächtigt, eine Geliebte zu haben.
Sanaa rebelliert, gegen die Enge des vornehmlich von kurdischen und türkischen Migranten bewohnten Hochhauses und seiner, vor allem von den Frauen, den „Hochhausfrauen“, ausgeübten sozialen Kontrolle. Diese Frauen sind kaum in die Gesellschaft integriert, sprechen kaum die deutsche Sprache, sind nicht berufstätig, bleiben unter sich, halten an ihrem Aberglauben fest. Besonders die ein paar Stockwerke höher wohnende Tante Khalida und ihre Freundin Baqqe überwachen, kommentieren, verurteilen jeden Schritt, den die anderen Hausbewohner tun. Sie sitzen den lieben langen Tag rauchend und tratschend in der Wohnung von Asija und Nasser, Sanaas Eltern. Für die psychisch kranke Asija haben sie nur Hohn und Verachtung übrig. Aber auch die kurdischen Männer kommen nicht sehr gut weg. Sie ducken sich, leiden unter ihrer Demütigung, nicht erfolgreich zu sein in Deutschland, ziehen sich wie Onkel Agid aus der Affäre, indem sie stundenlang vor dem Fernseher verbringen, oder wie Vater Nasser, indem sie kaum noch nach Hause kommen.
Um politische Korrektheit schert sich Karosh Taha in ihrem Debütroman nicht, muss sie sich nicht scheren. Die Menschen, von denen sie erzählt, sind nicht die „armen“ Migranten, die unverschuldet von der deutschen Gesellschaft ausgeschlossen werden. Es sind Individuen, die auch ihren Anteil haben an der misslingenden Integration, die man dank der differenzierenden Schilderung der Autorin aber auch ein Stück weit verstehen kann. Taha scheut auch nicht davor zurück, ein gängiges Vorurteil für ihre Geschichte zu nutzen: Asija und Nasser nutzten einst eine Schussverletzung, die die Mutter von einem ehrverletzten Onkel erhielt, um sich die Anerkennung als politisch verfolgte Asylbewerber zu erschleichen.
Sanaa rebelliert gegen dieses Leben, in dem sie festzustecken scheint. Sehnsüchtig erinnert sie sich an ihre glückliche Kindheit im Irak, besonders an die liebevolle Großmutter. Ihre Eltern vermochten ihr diese Liebe und Geborgenheit nicht zu ersetzen. Zu viel Unglück liegt auf deren eigenem Leben, der scheiternden Ehe. Sanaa ist besessen davon, dieses Unglück zu ergründen, seine Ursachen in der Vergangenheit zu finden, vielleicht auf dem Film der einst unbedacht vollzogenen Hochzeit, den der Onkel irgendwo aufbewahrt hat. Immer wieder neue Versionen über das Kennenlernen, die Heirat, die Flucht der Eltern begegnen ihr. Aber gibt es für das Unglück überhaupt den einen Punkt, an dem sich alles drehte, an dem es begann?
Sanaa rebelliert und sucht nach ihrer eigenen selbstbestimmten Identität und nach Freiheit, wie so viele Altersgenossen. Sie steckt aber in der Zerrissenheit vieler Migrantenkinder. Hier die Traditionen der Familie, dort das freizügige Leben der deutschen Jugend, hier die Sehnsucht nach Eigenverantwortlichkeit, dort die Verpflichtungen gegenüber den Eltern und der Verwandtschaft. Immer Mittler zu sein zwischen Hier und Dort, das fordert Kraft. Vor allem, weil auf Sanaas Schultern die Verantwortung für ihre psychisch kranke Mutter liegt, die selbstmordgefährdet scheint. Eine Bürde, die viel zu schwer ist für ihre jungen Schultern.
Sanaa rebelliert, indem sie heimliche Beziehungen zu Männern hat. Zu Adnan, den sie liebt, und in dessen Armen sie manchmal Ruhe und so etwas wie Glück findet. Der aber viel zu traditionell und beständig ist. In ihrer Affäre mit Omer berauscht sie sich mit ausschweifendem Sex, mit Drogen, mit dem kurzzeitigen Vergessen.
Immer wieder taucht das Bild der roten Krabbe auf. Einst eine Geschichte des Vaters zum Trost für die kleine Sanaa, die am Strand von einer solchen Krabbe gezwickt wurde, entwickelt sie sich zunehmend zu einem Bild für die aus Einsamkeit und Orientierungslosigkeit erwachsende Gereiztheit.
„Er erzählte mir vom Krabbenvolk, das eines Tages beschloss, auszuwandern, und sie vergaßen in einer Höhle die kleinste Krabbe, weil diese geschlafen hatte. Als sie aufwachte, waren all ihre Freunde und Verwandten weg, sogar die Eltern, die Geschwisterchen, und die kleine Krabbe bewohnte seitdem allein den riesigen Strand. Sie irrte also im Chabur umher und kniff jedem in die Wade, der ihr zu nahe kam.“
Diagnostisch genau schaut Karosh Taha hin, wie wütend diese vergessenen „Krabben“ um sich zwicken. Und wie der unglückliche Vater sich zunehmend eine rote „Krabbenhaut“ zulegt, die in juckt und quält. Diese Metapher wird vielleicht das eine oder andere Mal zu oft bemüht, verdeutlicht aber gut, was die Autorin sagen möchte.
Und auch wenn ich mit Sanaas Person und ihren Handlungen, ihrem Schwanken zwischen Anpassung und Ausbruch in ungezügelte Sexualität nicht wirklich warm werden konnte, gelingt es ihr sehr gut, die Zerrissenheit der jungen Frau sichtbar zu machen. Ihre Figuren sind sehr lebendig, ihr Stil ansprechend und bei aller Tragik blitzt immer wieder auch Humor auf.
Das Buch ist auch ein Buch gegen das Schweigen in den Familien, gegen falsche Rücksichten, aus denen Unverständnis, Verletzungen und Einsamkeit erwachsen.
„Wir lassen einander in Ruhe, und das ist falsch.“
Insgesamt ein bemerkenswertes Debüt.

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43 Bibliotheken, 2 Leser, 1 Gruppe, 6 Rezensionen

magischer realismus

Singt, ihr Lebenden und ihr Toten, singt

Jesmyn Ward , Ulrike Becker
Fester Einband: 300 Seiten
Erschienen bei Kunstmann, A, 14.02.2018
ISBN 9783956142246
Genre: Romane

Rezension:

Die afroamerikanische Autorin Jesmyn Ward gewann bereits 2011 mit ihrem zweiten Roman „Salvage the bones“ einen der bedeutendsten Buchpreise der USA, den National Book Award. Dabei lieferte der Jahrhundertsturm Katrina den dunkel dräuenden Hintergrund einer Familiengeschichte aus der untersten Gesellschaftsschicht der amerikanischen Südstaaten. Armut, Hoffnungslosigkeit, Vernachlässigung, Drogen- und Alkoholmissbrauch, sexuelle Gewalt und Teenagerschwangerschaft, aber auch Solidarität in der Familie und besonders auch die Beziehung unter Geschwistern waren die Kernpunkte dieses Textes. Dinge, die die Autorin, dies selbst aus einem ähnlichen Milieu abstammt und in Mississippi aufwuchs, nur zu gut kennt. Ihr ermöglichte ein wohlhabender Arbeitgeber der Mutter, die in den gutgestellten Haushalten putzen ging, eine Schul- und Universitätsausbildung. Das Verhältnis zu ihren Schwestern war sehr eng.
Auch in ihrem dritten Roman, der das Kunststück fertig brachte, den National Book Award 2017 ein weiteres Mal zu gewinnen, ist Jesmyn Ward diesem Milieu treu geblieben. Und wieder ist es ein Familienporträt, in dem besonders die Kinder ihre Stimme bekommen. Hier ist es der heranwachsende Jojo, mit dessen 13. Geburtstag das Buch beginnt. Jesmyn Ward springt direkt mit aller Drastik in das Geschehen. Der Großvater River Stone, liebevoll Pop genannt, schlachtet zu diesem Ehrentag eine Ziege. Diese mit aller ihr innewohnenden Grausamkeit erzählte Szene zeigt, dass hier keine Platz ist für Sentimentalitäten. Der Leben ist hart hier in Bois Sauvage, dem Ort, der der Heimatgemeinde Wards, Delisle, nachgebildet ist, und der auch bereits in „Vor dem Sturm“ Schauplatz der Handlung war. Ein magischer Ort am Golf von Mexiko, unweit von New Orleans, eine Hochburg des Rassismus, der Armut sowohl bei der afroamerikanischen als auch bei der weißen Bevölkerung. White Trash, so die unschöne Bezeichnung für die weiße Unterschicht, hier ist sie zuhause, hier pflegt sie ihre Verachtung der schwarzen Bevölkerung. Aus ihr stammt Jojos Vater Michael, dessen Eltern sowohl die Mutter Leonie als auch Jojo und seine kleine Schwester Michaels, genannt Kayla wegen ihrer Hautfarbe strikt ablehnen. Michael selbst sitzt seit drei Jahren wegen Drogenvergehen im berüchtigten Gefängnis Parchman Farm, der ältesten Haftanstalt in Mississippi. Dort hat bereits Jojos Großvater Pop unschuldig unter brutalen Verhältnissen eingesessen. Schwere Arbeit und Misshandlungen waren damals in den vierziger Jahren an der Tagesordnung. Einen wirklichen Grund für die Verhaftung eines Schwarzen war kaum nötig. Hunde bewachten die Gefangenen bei ihrer schweißtreibenden Arbeit, Rassismus war Alltag.
„Arme Weiße im gesamten Süden verehrten ihn deswegen, liebten ihn, weil er dem Auge des Gesetzes eins ausgewischt hatte. Es geblendet hatte. Weil er ein Gesetzloser im gesetzlosen Süden war, wo es schlimmer zuging als an der Frontier.“
Auch wenn Sprüche wie der vom Gefängnisdirektor heute höchstens noch hinter vorgehaltener Hand gemacht werden
„Es ist wider die Natur, dass ein farbiger Mann Herr über die Hunde ist. Ein farbiger Mann weiß nicht, wie man führt, weil er das Herrschen nicht im Blut hat. (…) Das einziger, was ein Nigger kann, ist schuften.“
kommt einem das gar nicht so unbekannt vor. Und auch im Roman ist Rassismus auch in der Gegenwart an der Tagesordnung. Sei es bei der schnellen Vorverurteilung von Afroamerikanern, sei es bei den Verkehrskontrollen durch (meist weiße) Polizisten. Jesmyn Ward schreit diesen Vorgängen ein entschiedened „Black lives matter“ entgegen. Auch deswegen ist der Roman so hochaktuell.
Im Kern geht es aber um die Familie. Leonie ist bereits als Jugendliche Mutter geworden, sie ist drogenabhängig und völlig unfähig Verantwortung für ihre Kinder zu übernehmen. Ihre Eltern kümmern sich zwar liebevoll und nach ihren Möglichkeiten um die Beiden, aber es herrscht Armut und Großmutter Ama ist schwer an Krebs erkrankt und wartet bettlägerig und schwach mehr oder weniger auf den Tod.
Nun soll Vater Michael aus dem Gefängnis entlassen werden und Leonie will ihn mit den Kindern abholen. Die kleine Kayla kennt ihren Vater noch gar nicht. Die drei machen sich mit Leonies Freundin Misty auf den Weg, auch sie drogenabhängig, und die beiden Frauen nutzen die Reise, um noch ein wenig Stoff zu transportieren. Es ist völlig erschreckend, wie rücksichtslos und egoistisch sich Leonie ihren Kindern gegenüber verhält, wahrscheinlich sogar, ohne es zu bemerken. Der Roadtrip entwickelt sich zu einem Horrortrip, auf dem es Kayla immer schlechter geht, sie muss sich ständig übergeben, und auf dem Rückweg werden sie bei einer Verkehrskontrolle beinahe mit den Drogen erwischt.
Mit im Auto sitzen noch zwei heimliche Passagiere, die nur sehen kann, wer, wie einst die Großmutter Ama, eine besondere Gabe dafür hat. Es sind die Geister zweier früh Verstorbener. Zum einen ist da der kleine Richie. Ihm gehört neben Jojo und Leonie die dritte Erzählstimme, wenn auch deutlich kürzer als die der beiden anderen. Er war einst als 12 Jähriger mit River in Parchan interniert und wurde bei einem Fluchtversuch getötet. Nun möchte er Gewissheit über seinen Tod erlangen. Der andere ist Given, der Bruder von Leonie, der als junger Mann von einem Weißen erschossen wurde und der nun Leonie erscheint. Auch diese Art von Gewalt kennt Jesmyn Ward aus erster Hand. Ihr Bruder wurde mit 20 getötet.
Diese mitreisenden Geister stehen zum einen in der Erzähltradition der Südstaaten, wie sie zum Beispiel auch bei einer Toni Morrison zu finden ist und die auf afrikanische Ursprünge zurückgeht, die einen Raum schaffen, sowohl für Tote wie für Lebende. Zum anderen versinnbildlichen sie die Unermesslichkeit der Zeit.
„Als ich klein war, habe ich das mit der Zeit auch nicht verstanden. (…) Und wie hätte ich verstehen sollen, das Parchman Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in einem war? Dass die Geschichte und die Geisteshaltung, die diesen Ort aus der Wildnis herausgeschält hatten, mir zeigen würden, dass die Zeit ein unermessliches Meer ist und dass alles gleichzeitig geschieht?“
Die Vergangenheit prägt die Gegenwart, ohne die eine ist die andere nicht denkbar. Dass wir aus der einen lernen, dass wir sie nicht verdrängen, um die andere positiver zu gestalten, ist der Wunsch. Und das wir Verantwortung füreinander übernehmen. Dies tuen im Roman in vorbildlicher Weise die Kinder. Wie aufopferungsvoll sich Jojo um seine kleine vernachlässigte Schwester kümmert, ist herzergreifend. Hier bei den Kindern liegt die Hoffnung des Buchs. Denn auch wenn Jojo gleich zu Beginn des Buchs feststellt
„Hier ist von Glück keine Spur.“
ist das Buch doch nicht gänzlich hoffnungslos, was vor allem am verantwortungsvollen Umgang miteinander liegt, der Geschwister miteinander, aber auch der Großeltern.
Sehr einfühlsam, aber auch sehr präzise erzählt Jesmyn Ward davon und davon wie die Figuren ihren Platz im Leben suchen, ihre Zugehörigkeit. Selbst solche wie Leonie, über deren Verhalten man mehr als einmal den Kopf schütteln muss, auf die man zunehmend wütend wird, selbst sie kann man ein Stück weit verstehen. Ward ist in ihrer Schilderung zwar gnadenlos, aber immer mitfühlend. Sprachmächtig und sinnlich verschafft sie mit ihren Büchern immer wieder denjenigen Menschen eine Stimme, die selbst keine haben. Der National Book Award ist ein Zeichen dafür, dass sie gehört wird.

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34 Bibliotheken, 3 Leser, 1 Gruppe, 8 Rezensionen

Moonglow

Michael Chabon , Andrea Fischer
Fester Einband: 496 Seiten
Erschienen bei Kiepenheuer & Witsch, 08.03.2018
ISBN 9783462050745
Genre: Romane

Rezension:

„Beim Schreiben dieser Memoiren habe ich mich an die Fakten gehalten, es sei denn, sie wollten sich einfach nicht der Erinnerung, dem dichterischen Willen oder der Wahrheit, wie ich sie gerne verstehe, beugen. Wo immer ich mir Freiheiten mit Namen, Daten, Ereignissen, Unterhaltungen oder den Identitäten, Motiven und Beziehungen von Familienmitgliedern und historischen Persönlichkeiten erlaubt habe, sei dem Leser versichert, dass es mit der entsprechenden Hemmungslosigkeit geschah.“
Dieser Vorbemerkung des Autors folgt eine überaus überraschende, erstaunliche und vor Einfällen sprühende Familiengeschichte, die ich lange Zeit gar nicht als eine autobiografische gelesen habe. Zwar sitzt da ein Michael am Bett seines sterbenskranken Großvaters, ja, auch hat er etwas mit dem Schreiben zu tun, aber so abenteuerlich und fantastisch, so turbulent und „hemmungslos“ kommt die Geschichte daher, dass sie kaum den üblichen Mustern eines Erinnerungsbuchs gleicht. Doch dann fällt, einmal im gesamten Buch, tatsächlich der Name „Chabon“ und die Leserin reibt sich verwundert die Augen. Doch was ist tatsächlich Fakt an diesen Aufzeichnungen? Es ist zum einen ein brillantes Spiel des Autors mit seinen Lesern, dies offen zu halten, und gleichzeitig ist es völlig belanglos. Nicht-Fiktives und Fiktives mischt sich auf so stimmige Weise, historische Ereignisse und Persönlichkeiten werden so ungezwungen eingebunden, dass neben einer atemberaubenden Familiengeschichte auch noch ein treffendes Zeitpanorama aus der amerikanischen und europäischen Geschichte des 20. Jahrhunderts entsteht.
Der Rahmen des Erzählten ist dabei ein denkbar ruhiger. Es ist 1989 –
„zu der damaligen Zeit waren viele Deutsche damit beschäftigt, Löcher in die Berliner Mauer zu schlagen.“ 

Der Großvater liegt mit Knochenkrebs im Sterben, der Enkelsohn besucht ihn im Haus seiner Mutter über Tage. Tage, in denen er mehr von diesem alten Mann und seiner Familie erfährt als in all den Jahren zuvor.

„Ich war unter schweigsamen Menschen groß geworden, die ihre Gefühle unterdrückten. (…) In meiner Familie zogen wir es vor, das mit den Gefühlen und dem Reden darüber Menschen zu überlassen, die nichts Besseres zu tun haben.“

„Wenn es um Dinge ging, die gesagt werden mussten, war Aussprechen immer besser als Schweigen, doch im Angesicht des Unaussprechlichen war es völlig sinnlos.“ 

Doch nun, am Ende seines Weges angekommen, will der Großvater auch über diese unaussprechlichen Dinge reden. Er drängt seinen Enkel geradezu:


„Wenn ich nicht mehr da bin, schreib sie auf. Erkläre alles. Sorg dafür, dass sie etwas bedeutet. Bau deine eigenen ausgefallenen Metaphern ein. Bring alles in die richtige Reihenfolge, nicht dieses Durcheinander, das ich dir erzähle. Fang mit dem Tag an, an dem ich geboren wurde. 2. März 1915. In der Nacht gab es eine Mondfinsternis, weißt du, was das ist?"

Michael Chabon macht nun gerade das nicht, eine chronologische, lineare, geordnete Erzählung des Lebens des Großvaters zu schreiben. Er springt stattdessen mit einer spektakulären Episode mitten hinein.
Im Jahr 1957 stürmt der Großvater, der gerade seine Entlassung als Vertreter der Firma Feathercombs erhalten hat, in das Büro des Direktors und versucht, diesen mit einem Telefonkabel zu erwürgen. Nur das beherzte Eingreifen der Vorzimmerdame – sie rammt ihm einen Brieföffner in die Schulter – kann seine Raserei noch rechtzeitig stoppen. Den dabei entstandenen „Kollateralschaden“ – die aus dem Fenster geworfene Sprechanlage streift einen Passanten zum Glück nur, dieser verzichtet auf eine Anzeige und lacht sogar: „Als guter Tscheche sei er verpflichtet, über alles zu lachen, was ihn nicht umbringe“ – verpackt Chabon in ein bei Romanen eher ungewöhnliches Stilmittel, die Fußnote. Diese Fußnoten kommen alle paar Seiten in unterschiedlicher Länge vor und erschweren erstaunlicherweise die Lektüre überhaupt nicht, sondern bereichern sie auf interessante Weise.
Danach springt die Geschichte in die Kindheit des Großvaters, um fortan munter zwischen den unterschiedlichsten Zeiten und der Rahmenhandlung am Krankenbett hin und her zu springen. Michael Chabon gelingt dies aber völlig mühelos, er behält stets die Erzählfäden souverän in der Hand und nimmt den Leser problemlos mit. Er begleitet den Großvater später zur Army, wo er im Krieg bei Spezialkräften die Aufgabe erhält, hinter der Front deutsche Wissenschaftler aufzuspüren, abzuwerben und notfalls zu entführen oder auch unschädlich zu machen. Auf der Suche nach Wernher von Braun, den führenden Raketentechniker, der an der Entwicklung der V2, der „Vergeltungswaffe“ der Nationalsozialisten, beteiligt war, gelangt er gegen Kriegende auch nach Nordhausen im Harz, wo im berüchtigten unterirdischen KZ Dora-Mittelbau die Häftlinge unter besonders grausamen Bedingungen eingesetzt waren. Von Braun entkommt und wird nach seiner Gefangennahme niemals angeklagt, sondern auch in den USA zum bedeutenden Wissenschaftler, der für die NASA arbeitete. Dass ihm weder die Sympathie des Großvaters noch des Autors gehören, wird spätestens bei einer Begegnung auf einem Space-Kongress im Jahr 1975 deutlich, bei der von Braun nicht sehr gut wegkommt.
Denn die große Leidenschaft des Großvaters ist tatsächlich die Raumfahrt. Viele Jahre seines Lebens widmet er ihr, baut artifizielle Modelle von Raketen und gründet die Chabon Scientific Co., die Spielzeugmodelle verkauft. Der Mond liefert nicht nur in Form des in den dreißiger Jahren populären Liedes „Moonglow“, das der im Krieg sterbende Freund Aughenbaugh auf den Lippen hat, den Titel des Buchs. Er taucht leitmotivisch immer wieder auf, als Mondschein, Sehnsuchtsort, Forschungs- und Nachrichtenthema. Auch der Explosion der Raumfähre Challenger im Jahr 1986 ist ein Abschnitt gewidmet. Seine „Unschuld“ hat er bereits durch von Brauns Raketenforschung verloren.
Eine wichtige Station der Erzählung ist natürlich die Ehe und das Kennenlernen der Großmutter, einer französischen Jüdin, die mit ihrer kleinen Tochter nach dem Krieg, den sie von Ordensschwestern versteckt verbracht hat, nach Amerika emigriert ist und deren Identität ein Geheimnis umhüllt, das erst der in der Vergangenheit forschende Enkel irgendwann, zumindest teilweise, enthüllen wird. Traumatische Erfahrungen binden sie an die Vision eines „gehäuteten Pferds“, immer wieder gleitet sie in Absencen und Wahn.
Michael Chabon erzählt von dieser psychisch kranken Großmutter, aber auch die anderen Familienmitglieder tragen Deformationen und Macken mit sich herum. Da ist zum Beispiel der etwas windige Großonkel Ray, bei dem Michaels Mutter einige Zeit lebt, als der Großvater wegen seines Angriffs auf den Direktor ins Gefängnis muss. Da ist der
„schwätzende, schmeichelnde, schnell sprechende Vater (der) in meiner Kindheit höchstens sporadisch in Gerichtssälen, die Steuerbetrügereien, in seiner Ehe und meinem Leben aufgetaucht war“.
Und natürlich der Großvater, der nach dem Tod seiner Frau im Alter in einem Seniorenheim in Florida ein recht munteres Leben führt, zum Jäger einer Python wird und noch einmal eine neue Liebe findet.
Chabon erzählt von ihnen, die alle ihre Ecken und Kanten haben, mit großer Wärme und Zugewandtheit. Das Buch sprüht vor Einfällen und Geschichten – und es ist gar nicht mehr wichtig, ob sie sich alle tatsächlich so zugetragen haben - und vor popkulturellen Verweisen auf das 20. Jahrhundert. Ein Roman, der bewusst mit dem Autobiografischen spielt, der von der zarten Großvater-Enkel-Geschichte zu einem schonungslosen Bericht von den Grauen des Zweiten Weltkriegs wechselt – und zurück- und eine ganze Menge Wissen über Raumfahrttechnik transportiert. Ein Roman, der glänzend geschrieben ist, witzig ist und darüber hinaus großartig unterhält. Was will man mehr? In diesem starken Lesefrühling ein weiteres Highlight.

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amerika, depressionen

Stellt euch vor, ich bin fort

Adam Haslett , Dirk van Gunsteren
Fester Einband: 464 Seiten
Erschienen bei Rowohlt , 24.01.2018
ISBN 9783498030285
Genre: Romane

Rezension:

„Wir sind keine Individuen. Die Lebenden suchen uns ebenso heim wie die Toten. Geglaubt habe ich das früher schon. Aber jetzt weiß ich es. Das war es, was er uns immer sagen wollte.“

Eines der für mich zentralen Motive in Adam Hasletts für den National Book Award und die Shortlist des Pulitzer Prize nominiertem Roman „Stellt euch vor, ich bin fort.“, eine Variation von John Donnes berühmtem Zitat:
„No man is an island, entire of itself; every man is a piece of the continent, a part of the main. If a clod be washed away by the sea, Europe is the less, as well as if a promontory were, as well as if a manor of thy friend's or of thine own were. Any man's death diminishes me because I am involved in mankind; and therefore never send to know for whom the bell tolls; it tolls for thee.“
So sehr der Mensch nach Individualität und Unabhängigkeit strebt, nach seinem eigenen, ganz persönlichen Weg durchs Leben, so ist er doch unlösbar verstrickt in das Geschick seiner Mitmenschen, in die Gesellschaft, die Menschheitsgeschichte. Und ganz besonders, so viel Widerstand er dagegen aufbauen mag oder ihm entgegengesetzt wird, ist er Teil seiner Familiengeschichte. Es sind die Menschen, die ihn und seinen Lebensweg am nachhaltigsten prägen, auf die eine oder andere Weise. Sich daraus ganz zu befreien, ist fast unmöglich und manch einer sucht gerade in der Gemeinschaft Trost und Geborgenheit, die am zerstörerischsten auf ihn wirkt.
Adam Hasletts Roman umfasst fünfzig Jahre Familiengeschichte, beleuchtet von fünf Ich-Erzählern, die schon sehr bald ganz deutliche Konturen und ihre ganz eigenen Stimmen erhalten.
John und Margret lernen sich in den frühen sechziger Jahren in London kennen. Sie stammt aus gutbürgerlichem, englischem Haus, er ist Ostküsten-Amerikaner und geschäftlich in Großbritannien. Schon vor der geplanten Hochzeit kristallisiert sich heraus, dass John, der ruhige, charmante Mann, manisch-depressiv ist. Margret aber steht zu ihm. Vielleicht auch als eine Art Flucht siedeln die beiden in die USA über, gründen dort eine Familie, bekommen drei Kinder. Eine vielversprechende Geschäftsidee lässt sie - die Kinder sind mittlerweile inzwischen alle im Schulalter - wieder nach England ziehen. Doch John scheitert beruflich, für ihn ist das eine Enttäuschung, die er nicht mehr wegstecken kann, auch nicht nach ihrer Rückkehr an die amerikanische Ostküste. Das „Ungeheuer“, wie er seine Depression nennt, hebt wieder merklich den Kopf. John, wie auch seine Frau Margret, sehen die Situation ganz klar. Es ist erstaunlich, zu sehen, wie sie die Krankheit lange Zeit in Schach halten, regelrecht „verwalten“. John fürchtet, auch in seinem ältesten Sohn Michael das „Ungeheuer“ zu erkennen. Auch Margret scheint es zu sehen.

„Er hat Johns schwarzes Haar, die braunen Augen, denselben blassen Teint. Sie sind unverkennbar Vater und Sohn. Das ist nur natürlich. Warum habe ich, als ich in dieses durch und durch vertraute Gesicht sehe, das jetzt durch etwas Unsichtbares, etwas Neues und zugleich sehr Altes, ganz still geworden ist – warum habe ich mit einem Mal solche Angst?“ 

In einer zentralen Stelle des Romans, die ihm auch zu seinem Titel verhilft, scheint der Vater seine noch kleinen Kinder auf die Zeit ohne ihn vorbereiten zu wollen. Bei einem Bootsausflug aufs offene Meer legt sich John reglos auf den Schiffsboden und sagt ihnen „Stellt euch vor, ich bin fort.“ Er ist nicht ansprechbar für das Flehen und Weinen der Kinder, die sich mit den viel zu großen Rudern und der See abmühen müssen. Tochter Celia, zehn Jahre alt, weiß aber
„(…) dass das Spiel jetzt, da ich aufgegeben hatte, bald vorbei sein würde.“
Die Grausamkeit, die diese Episode für die Kinder bedeutet, ist erschütternd. Aber auch im Alltag ist der Vater immer wieder einmal abwesend und unerreichbar.
Adam Haslett zeichnet ein eindringliches und bewegendes Psychogramm dieser Familie. Wieviel autobiographisches Material eingeflossen ist, ist wohl eine der am häufigsten an ihn gerichteten Fragen. Und tatsächlich hat sich Hasletts Vater, als dieser vierzehn war, das Leben genommen. Die Homosexualität des einen Sohns Alecs, die Erfahrungen mit einer manifesten Angststörung bei Michael – der Autor weiß, wovon er erzählt.
Bereits nach dem ersten Viertel des Buches vermag John dem Druck nicht länger standzuhalten. Vielleicht auch, um das „Ungeheuer“ endgültig zu besiegen, nimmt er sich das Leben. Das einzige seiner Stimme gewidmete Kapitel ist zugleich eines der zentralsten und berührendsten. 

„Unsichtbarkeit. Das ist seine letzte Waffe. Dass ich nicht den utM habe, ihm ins Auge zu sehen. Du Schuft! schreit es und kämpft um sein Leben. Du egoistischer Schuft! Lässt sie mit nichts zurück! Vergebens. Es gehört jetzt mir.
Die Rasierklinge gleitet beinahe schmerzlos durch die Haut an meinem Handgelenk. Blut rinnt über meine Hand, meine Finger. Mein Kopf fällt in den Nacken, ich schaue in den Himmel.
Und da ist es: das Gesicht des Ungeheuers – mein Gesicht -, und es ist menschlich, also doch.“

Nach dem Tod des Vaters droht die Familie auseinanderzubrechen. Michael, der für den Rest der Schulzeit in England geblieben ist, zieht sich zurück, wird sich aber sein ganzes Leben lang Vorwürfe machen, nicht da gewesen zu sein. Margret kämpft mit sozialer Instabilität und um den Erhalt der Familiengemeinschaft. Für sie, wie für die Kinder, ist bei all der großen Liebe, die sie für John empfunden haben, aber auch ein Moment der Erleichterung dabei. Etwas, das neue Schuldgefühle hervorzurufen vermag.
Hier, wie im gesamten Roman, entwickelt Adam Haslett eine feine Differenziertheit. Die Figuren und ihre Gefühle sind so facettenreich wie authentisch. Deshalb ist die Geschichte auch keine absolut traurige. Es gibt viele Glücksmomente, Momente großer Nähe, von Solidarität und Verantwortlichtkeit, aber eben auch den Wunsch nach Abgrenzung. Die Geborgenheit und Liebe in der Familie und der Wunsch nach und die Notwendigkeit von Unabhängigkeit stehen sich gegenüber.
Und auch Michael, der sich immer mehr zur zentralen Figur entwickelt, und der mit einer massiven Angststörung und einer völligen Bindungsunfähigkeit zu kämpfen hat - nicht, weil er sich nicht, sondern weil er sich zu unabdingbar binden will - auch er ist keine durch und durch deprimierende Figur. Er ist sensibel, hochintelligent, in seinen Texten, die in die Geschichte eingefügt sind, eloquent und von einen enormen selbstironischen Witz. Mit viel Phantasie treibt er dabei aber in eine Art Parallelwelt ab, die manchmal nahe dem Wahn ist, sei es bei seinen Liebesobsessionen oder bei seiner ebenso manisch verfolgten Leidenschaft, der Popmusik, wo er besonders in der afroamerikanischen Musik immer wieder den rückwärtsgewandten Schmerz über die Sklaverei zu finden meint. Seine Passagen sind die amüsantesten, wenn auch anfänglich verwirrendsten des gesamten Romans.
Dabei wissen wir von Beginn an, dass auch er das Leben nicht wird aushalten können. Im Prolog irrt der verzweifelte Alec über die kleine verschneite Insel in Maine, wohin er sich mit Michael zurückgezogen hat, um ihn endlich von den Psychopharmaka zu befreien, die er fast sein gesamtes Erwachsenenleben eingenommen hat (das Buch ist auch ein kritischer Blick auf den Umgang von Ärzten und Psychiatern mit ihren Patienten und den Psychopharmakakonsum). Es ist dieselbe Ferieninsel, von der aus John damals mit den Kindern den Bootsausflug gemacht hat und sie ihre Ferien verbracht haben.
Der gesamte Roman großartig konstruiert. Er beginnt in der Gegenwart auf der Ferieninsel, springt in der Rückblende auf den Sommer dort und erzählt von da an chronologisch, aber multiperspektivisch. Am Ende führt er in einem unangestrengten Bogen dorthin zurück. Motive wie der Hummerfischer, der Schnee, die Insel tauchen wiederholt auf. Für Adam Haslett ist die Form und der Rhythmus beim Schreiben dieses sehr persönlichen Buchs ein großer Trost gewesen. Der Leser findet ihn in ihrer Schönheit ebenso.
Denn, wie bereits gesagt, ist diese Geschichte trotz aller Tragik keine deprimierende oder trostlose. Haslett schreibt feinsinnig, komplex, einfühlsam und sehr intensiv, aber dabei nie Mitleid erheischend, sondern leise und fast leicht. Wie mit der Kamera zoomt er sich dabei abwechselnd ganz nah ran an seine Figuren, betrachtet sie dann wieder aus der Distanz, indem er einen anderen Protagonisten von ihnen erzählen lässt, wechselt immer wieder die Perspektive.
Die Familie als Hort der Geborgenheit und Liebe, aber auch Ursprung mancher Schrecken und manchen Leids, vor allem aber untrennbar mit uns verbunden.


„Dass kleine Kinder Menschen ausgeliefert sind, die keine Ahnung haben, was sie tun, und nur experimentieren können, hat etwas zutiefst Willkürliches. Es ist ungerecht.“

Alle Figuren wollen und tun ihr Bestes. Das reicht sehr oft, aber leider nicht immer. Es ist schön, darüber in solch eindringlichen, gelungenen Romanen wie dem von Adam Haslett zu lesen. Und am Ende gönnt uns der Autor fast so etwas wie ein Happy End.


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133 Bibliotheken, 3 Leser, 2 Gruppen, 90 Rezensionen

irland, familiengeschichte, adoption, amerika, kloster

All die Jahre

J. Courtney Sullivan , Henriette Heise
Fester Einband: 464 Seiten
Erschienen bei Zsolnay, Paul, 29.01.2018
ISBN 9783552063662
Genre: Romane

Rezension:

Der amerikanische Familienroman ist nicht totzukriegen. Unzählige davon wurden und werden verfasst und es ist stets überraschend, dass sie bei allen Ähnlich- und Gemeinsamkeiten doch auch immer wieder einen eigenen Ton treffen, andere Blickpunkte setzen, andere Themen fokussieren, andere Stimmungslagen transportieren. Man braucht nicht erst den berühmten Satz von Tolstoi zu bemühen, um zu festzustellen, dass die Familie als Keimzelle, aus der wir mehr oder weniger glücklich alle abstammen, ein unerschöpfliches Motiv darstellt, neben den allgemeingültigen auch die ganz spezifischen Bedingungen der menschlichen Existenz und des Miteinanders immer wieder neu zu thematisieren vermag. Ich habe ein ganz großes Faible dafür, das auch nicht totzukriegen ist.
J. Courtney Sullivan hat bereits in ihrem ersten Roman „Sommer in Maine“ eine Familie in den Mittelpunkt gestellt. Ihr zweiter Roman „Die Verlobungen“ wurde episodischer, rückte thematisch ein wenig zur Seite, ging es doch um die den meisten Familien vorangehenden Paarbildungen. Mir gefielen beide Bücher ausgezeichnet. Der Ton der Autorin, die handwerklich hervorragend schreibt, erscheint zunächst leicht. Die Erzählung schürft dann aber nach und nach immer tiefer, so dass neben einer unterhaltsamen und berührenden Lektüre immer noch dieses gewisse „Mehr“ bleibt, das einen Roman auch länger im Gedächtnis hält.
So auch in ihrem neuen Roman „All die Jahre“, der sich wieder ihrem Erstling nähert. Auch hier steht eine Familie im Zentrum, sind es die Frauengestalten, die ihn in erster Linie prägen.
Es beginnt mit einem Verkehrsunfall im Jahr 2009. Noras ältester Sohn Patrick ist in betrunkenem Zustand auf dem kurzen Weg von seiner Kneipe nach Hause verunglückt. Sein Tod und die bevorstehende Beerdigung bilden die Gegenwartsebene, von der aus die Gedanken der Familienmitglieder - neben Nora gibt es noch die Geschwister John, Bridget und Brian und die als Nonne im Kloster lebende Schwester Noras, Theresa - in die Vergangenheit schweifen.
Nora erinnert sich an ihre Kindheit in Irland, an die unglaubliche Armut, aus der, wer konnte, in eine bessere Zukunft nach Amerika aufbrach. So auch Nora und ihr Verlobter Charlie, der Nachbarsjunge, den sie zwar nicht liebt, der ihr aber eine Zukunft nah an ihrem Zuhause zu versprechen schien. Nun wird ihr dieses Zuhause unsanft entrissen, es soll ja nur vorübergehend sein, bis genug Geld da ist für eine glorreiche Heimkehr – die falsche Hoffnung schon so mancher Migranten.
Nora setzt durch, dass ihre kleine Schwester mitkommen darf. Ihr, der sie nach dem Tod der Mutter immer eine solche war, will sie eine Ausbildung zur Lehrerin finanzieren. Das gelingt zwar, aber ungestüm und träumerisch, wie Theresa im Gegensatz zu ihrer pragmatischen, nüchternen Schwester ist, verliebt sie sich in einen verheirateten Mann und wird schwanger. Ein damals, in den Fünfzigerjahren, unerhörter Skandal. Um diesen zu vermeiden, entbindet sie heimlich und Nora und Charlie geben den kleinen Patrick als ihr Kind aus. Zwischen den Schwestern kommt es zum Bruch, Theresa nimmt den Schleier. Im Kloster und Klosterleben findet sie Ruhe und Gemeinschaft. Nora bleiben häusliche Mühen und die Heiligenbildchen einer verstorbenen Verwandten - „Heilige für alle Gelegenheiten“ („Saints for all occasions“, so der wieder mal viel bessere Originaltitel). Auch ihr Leben ist stark vom katholischen Glauben geprägt.
Nora bekommt mit Charlie noch drei weitere Kinder, sie kaufen ein Haus in Hull, vor den Toren Bostons. Nora führt ein einigermaßen glückliches amerikanisches Leben. Nie wird sie aber über die Vergangenheit sprechen und verheimlicht Patricks Herkunft, auch ihm selbst gegenüber. Es werden überhaupt keine großen Worte gemacht bei den Raffertys, Gefühle spielen kaum eine Rolle. Patrick wird Noras erklärter Liebling, die anderen Kinder fühlen sich zurückgesetzt und ungeliebt von der schroffen Mutter.
Das mag nun recht trostlos und traurig klingen, ist es aber eigentlich nicht. Die Raffertys sind eine große Familie, unzählige Cousins und Cousinen bevölkern unzählige Familienfeiern, es wird gesungen, erzählt, gespeist und getrunken. Der Alkohol, der in so vielen Erzählungen von irischen/ irisch stämmigen Familien eine so prominente Rolle spielt – er kann nicht nur ein Klischee sein. Bisweilen kann der Roman, der von der Grundtonart schon in Moll gestimmt ist – schließlich ist sein Ausgangspunkt der verfrühte Unfalltod Patricks -, durchaus mit Humor aufwarten.
Bei der Totenwache und der Beerdigung treffen alle Familienmitglieder aufeinander, auch Theresa verlässt die Klausur des Klosters. Erinnerungen werden lebendig, alte Verletzungen aufgerissen, Bindungen erneuert, Geheimnisse kommen ans Licht, der schon Verstorbenen wird gedacht.
Das ist alles natürlich nicht grundlegend neu. Aber J. Courtney Sullivan erzählt gut. Sie ist psychologisch feinfühlig und genau und dicht dran an ihren Personen. Sie wechselt die Perspektive ihrer allwissenden Erzählstimme, verschränkt die Zeitebenen mühelos. Zentral stellt sie die Frage nach der Offenheit in Familien, nach dem Verschweigen, dem nicht miteinander reden können, nach Pflichtgefühl und Liebe, vor allem aber auch nach Vergebung, nach verzeihen können. Sullivan bewertet nicht, beantwortet diese Fragen auch nicht. Sie erzählt. Und das ganz ausgezeichnet.
„Ich wünschte mir, ich könnte in diesem Jahr noch einen so starken und klugen und schönen und herzzerreißenden Roman wie All die Jahre von Courtney J. Sullivan lesen, aber ich glaube, das werde ich nicht.“
So der Schriftstellerkollege Richard Russo in einem Zitat auf der Buchrückseite. Ich stimme ihm zu, bin aber optimistischer. Das Jahr ist noch jung. 

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pfadfinder, männer, freundschaft, amerika, generationen

Die Herzen der Männer

Nickolas Butler , Dorothee Merkel
Fester Einband: 480 Seiten
Erschienen bei Klett-Cotta, 11.02.2018
ISBN 9783608983135
Genre: Romane

Rezension:

„Die Herzen der Männer“ – Nickolas Butler nähert sich ihnen auf sehr altmodische, uramerikanische Weise und gleichzeitig mit einem sehr progressiven, durchaus kritischen Blick.
Zentrum des Romans ist das Pfadfinderlager Chippewa in den Wäldern Wisconsins. Hier verbringt der kleine Nelson 1962 wie jedes Jahr seinen Sommer. Leidenschaftlicher und äußerst zuverlässiger und gewissenhafter Pfadfinder, der er ist, ist sein Ziel der Rang eines Adlers, eine der höchsten Auszeichnungen, die man durch Wissen und Arbeit in dieser Organisation erreichen kann. Aber auch hier im Camp sind solche Jungen, gerade wenn sie klein, sensibel und zurückhaltend sind wie Nelson, oft Zielscheibe für Neid, Hohn, Spott, böse Streiche oder regelrechte Attacken durch die Anderen. Auch und gerade weil er von Lagerleiter Wilbour Whiteside protegiert wird und den Posten des Signaltrompeters innehat, der jeden Morgen das Lager aufweckt. Neben Whiteside steht nur noch der ältere Kamerad Jonathan Quick Nelson hin und wieder bei. Aus dieser Kameradschaft wird sich nach und nach eine lebenslange Freundschaft entwickeln, um die der Roman immer wieder kreist. Auch wenn sich die beiden nicht oft sehen und wenig gemeinsam haben, scheint das Band zwischen ihnen unverbrüchlich. Im Verlauf des Buches wird Nelson zu Whitesides Nachfolger als Lagerleiter und Jonathans Sohn Trevor wird, genau wie der Enkel Thomas, jeden Sommer in Chippewa verbringen – Teil zwei und drei des Romans spielen in den Jahren 1996 und 2009.
Neben der Freundschaftsgeschichte schaut Nickolas Butler, wie schon der Titel verrät, ganz tief in die Herzen der Männer. Und auch wenn es schon sehr lange ebenso Organisationen für Pfadfinderinnen gibt (die allerdings sehr lange statt Kanubau und Tontaubenschießen hausfrauliche Übungen zu durchlaufen hatten), wo könnte man das besser als in einem Pfadfinderlager. Männer unter sich, eine Einrichtung, die „die Förderung der Entwicklung junger Menschen, damit diese in der Gesellschaft Verantwortung übernehmen können“ auf ihre Fahnen geschrieben hat. „Altmodische“ Tugenden wie Anstand, Redlichkeit, Disziplin, Zuverlässigkeit und die Leitlinie "Versucht, die Welt ein bisschen besser zurückzulassen, als ihr sie vorgefunden habt" prägen seit ihrer Gründung das Bild der Pfadfinder. Auch wenn die Bewegung auf den britischen General Robert Baden-Powell zurückgeht und eine wirklich internationale ist, so verbinde ich sie immer auch mit den Vereinigten Staaten. Wie viele Romane und Erzählungen spielen in amerikanischen Sommerlagern!
In nahezu perfekter Weise repräsentiert Lagerleiter und Kriegsveteran Whiteside die Ideale. Auch wenn Butlers Sympathie eindeutig ihm und auch den späteren Veteranen Nelson und Trevor gilt, ist nimmt er doch davon Abstand, diese zu heroisieren. Whiteside selbst leidet unter Traumata, die der Krieg in ihm hinterlassen hat, nie hat er eine Familie gegründet, er lebt für sein Camp. Als Nelsons Vater die Familie verlässt, kümmert er sich um dessen Ausbildung, aber ausgerechnet in einer Militärakademie. Damit schafft er die nächste Generation eines vom Krieg gezeichneten Einzelgängers. Nelsons Einsatz als „Tunnelratte“ im Vietnamkrieg wird ihn bis ans Lebensende verfolgen.
Sein Freund Jonathan hingegen wird heiraten und einen Sohn bekommen, Trevor. Aber auch er wird seine Familie, wie damals Nelsons Vater, verlassen. Wobei wir beim zweiten großen Thema dieses Romans sind. Wie verhalten sich Männer, die doch mit den Pfadfinderidealen Treue, Ehrlichkeit, Anstand und Verantwortungsgefühl groß geworden sind, im alltäglichen Leben, in ihren Familien, und, ganz zentral, (ihren) Frauen gegenüber?
Denn auch wenn das Buch „Die Herzen der Männer“ betitelt ist, sind es gerade die Frauen, denen das Mitgefühl und die Bewunderung des Autors gehört.
„Mir wurde außerdem bewusst, als ich dabei war, diese 60 Jahre amerikanischer Geschichte nachzuvollziehen, dass es vor allem die Frauen sind, die unsere Kultur zusammenhalten. Es sind die Mütter, die die Familien zusammenhalten.“
So Nickolas Butler in einem Interview.
Auch die Träume und Lebenspläne der Frauen zerplatzen viel zu oft im Laufe der Jahre und während die Männer sich oft aus dem Staub machen und/oder verstummen, sind meist sie es, die dann die Scherben zusammenkehren müssen.
Trevors Frau Rachel gehört das letzte Kapitel, in dem sie mit ihrem Sohn Thomas in das Lager Chippewa reist und dort mit Männer übelster Art zusammentrifft. Rassistisch, sexistisch, ungehobelt und eitel – Butlers Frage, auch wenn er sie nicht expliziert stellt, steht im Raum: Wo sind sie hin, all die hehren (amerikanischen) Ideale? Wie hat sich unsere Gesellschaft verändert, wie unser Umgehen miteinander? Dass er ihr Verschwinden betrauert, wird sehr deutlich. Das ist irgendwie ein wenig altmodisch, aber gerade heutzutage, wo wir zum Beispiel die zunehmende Verrohung des Tons in den digitalen Medien bedauern, auch wieder hochaktuell. Und die herablassende, sexistische Haltungvon mancher Männern Frauen gegenüber ist ja durch die #Metoo-Debatte auch gerade wieder in der Diskussion.
Nickolas Butler nimmt da durchaus Stellung, auch wenn das Buch nicht explizit gesellschaftskritisch oder politisch ist. Aber die Frage nach der Gültigkeit von Werten, die die Gesellschaft zusammenhalten, nach Kriterien für den Umgang miteinander, nach der Rolle der Männer, die auf den Verlust ihre jahrhundertelangen Dominanz mitunter mit Verunsicherung und Aggressivität reagieren – das hebt dieses Buch über die reine Kindheits-, Freundschafts- und Generationengeschichte hinaus.
Aber diese Geschichten erzählt das Buch natürlich auch. Und Nickolas Butler erzählt sie ruhig, schlicht und berührend. Einige Szenen bleiben mir unvergesslich, beispielsweise diejenige, in der der Sohn den Schrank der verstorbenen Mutter ausräumt und die über viele, viele Jahre gesammelten Baseballkarten findet, die er als Kind so mochte. Gelegenheiten, sie ihm zu geben, hat er ihr wohl nicht so viele geboten. Nickolas Butler braucht kein großes Pathos, um auch die Herzen der Leser zu rühren.

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2029, familie, usa, wirtschaftskrise

Eine amerikanische Familie

Lionel Shriver , Werner Löcher-Lawrence
Fester Einband: 496 Seiten
Erschienen bei Piper, 12.01.2018
ISBN 9783492058216
Genre: Romane

Rezension:

Mit Zukunftsromanen verhält es sich in der Regel so, dass sie entweder in einer fernen Zukunft spielen und sich der Leser auf ein mehr oder weniger fantastisches Land einlassen muss, mit gänzlich anderen Lebensbedingungen, unterschiedlichen Wertvorstellungen und Konflikten, einem fremden Alltag und ungewohnten Umgebungen. Der Leser muss loslassen können vom Bezugsrahmen der Realität, und sei es nur der angenommenen. Mir fällt das zugegebenermaßen immer schwer, weswegen ich in der Regel mit Science-Fiction und Konsorten meist nicht warm werde.
Oder aber der Roman spielt in naher Zukunft (und das muss nicht mal unbedingt zeitlich nah sein) und extrapoliert unsere Gegenwart nur ein wenig, überspitzt vielleicht ein bisschen, bleibt aber dabei, das, was heute ist, nur weiterzudenken und weiterzuentwickeln. Letzteres finde ich weitaus schwieriger. Riskiert der Autor doch die hochgezogene Braue des Lesers, wenn da etwas unplausibel erscheint, Entwicklungen nicht überzeugen, Recherchen nicht gründlich genug betrieben wurden. Ganz davon abgesehen, dass sich solche Literatur naturgegeben schnell überholt. Außerdem neigen solche Romane gerne zu ausufernden Erklärungen und theoretischen Erörterungen, die eben den Weg von unserem Heute zu jenem Morgen nachvollziehbar machen sollen. Meist haben diese Bücher eine Botschaft, meist mahnender Natur: „Seht her, was geschehen kann. Handelt dementsprechend!“
Lionel Shriver ist da ganz deutlich. Einmal heißt es in „Eine amerikanische Familie“:
„Geschichten, die in der Zukunft spielen, handeln von den Ängsten der Leute heute. Um die Zukunft selbst geht es gar nicht.“
Und solche Ängste hat die US-amerikanische Schriftstellerin, die die FAZ einmal „Spezialistin für ungeschminkte Wahrheiten“ genannt hat, in ihrem neuesten Roman reichlich versammelt. Im Grunde geht es in „Eine amerikanisch Familie“ um ein Gedankenexperiment.
Was passiert, wenn die restliche Weltgemeinschaft, namentlich Russland und China, der zunehmenden Staatsverschuldung der USA nicht länger tatenlos zuschaut, sondern eine internationale Ersatzwährung zum Dollar einführt, den Bancor. Wir schreiben das Jahr 2029 und die USA haben bereits eine existentielle Krise hinter sich. Die sogenannte „Steinzeit“ im Jahre 2024, auch „Steini“ genannt, eine der Albernheiten, die sich das Buch (oder die Übersetzung?) erlaubt. Damals brach die komplette Energie- und Wasserversorgung nach einem Hackerangriff (eine der dramatischten der oben erwähnten Ängste) zusammen. Mit allen denkbaren Folgen, wie Plünderungen, Massenunfällen, Zug- und Flugzeugkatastrophen, Ausfall der nationalen Verteidigungssysteme und – schlimmste aller denkbaren Katastrophen – dem nicht mehr funktionierenden Internet. Eine schlimme Zeit, aus der sich die USA gerade wieder einigermaßen erholt haben. Zwar gibt es immer noch bei einigen Ressourcen Engpässe, weswegen sich zum Beispiel Trinkwasser, Toilettenpapier und Kaffee (die Arabica-Pflanzen sind nahezu ausgestorben) enorm verteuert hat, aber die Menschen kommen wieder ganz gut zurecht. So auch Florence, die in einer Obdachlosenunterkunft arbeitet, ihr aus Mexiko stammender Lebensgefährte Esteban, der sich auf Abenteuertouren, vor allem für ältere Menschen spezialisiert hat, und der Teenagersohn Willing, der sich im Laufe der Geschichte immer mehr zum Hauptprotagonisten entwickelt. Zunächst einmal lernen wir aber auch die anderen Familienmitglieder kennen, zum Beispiel den stinkreichen Patriarchen des Mandible-Clans, Douglas, der einst seine Frau verlassen hat, um mit der jungen, bildschönen Sekretärin zu leben, die nun aber in ihren späten Fünfzigern hochgradig dement und ein absoluter Pflegefall ist. Beide leben in einer luxuriösen Pflegeresidenz. Dann sind da noch Großvater Carter, der erfolglose Journalist und seine Frau Jayne, deren Buchhandlung Pleite ging, weil keiner mehr Bücher liest und seitdem jeder nur noch mit seinem ultramobilen fleX hantiert auch immer weniger Menschen noch schreiben können und Tante Avery und Onkel Lowell, seines Zeichens Professor für Wirtschaftswissenschaften und ihre drei Kinder. Später kommt noch Großtante Nollie aus Frankreich zurück, als dort die Animositäten gegenüber Amerikanern zunehmen.
Nun also verliert der Dollar gegenüber der neuen Währung, in der zukünftig alle internationalen Verbindlichkeiten beglichen werden müssen, dramatisch an Wert. Es kommt zur Hyperflation und zum vollständigen Zusammenbruch des Wirtschafts- und Finanzsystems in den USA. Nicht zufällig spielt die Handlung im Jahr 2029, genau 100 Jahre nach Beginn der „Great Depression“. Die asiatischen Märkte, vor allem China und Indien frohlocken. Aber auch Mexiko macht bald seine Grenzen für US-Amerikaner dicht. Der amerikanische Präsident, ein Latino, sucht die Rettung in einer kompletten Abschottung der USA. Kein Bürger darf mehr als 100 Dollar ausführen, der Bancor wird verboten und sämtliche Goldvorkommen in der Bevölkerung vom Staat konfisziert – regelrechte Razzien werden durchgeführt. Importwaren werden unerschwinglich, ebenso Mieten und Hypothekenzinsen, die Arbeitslosenzahlen wachsen gigantisch. Diese Entwicklungen führen erwartungsgemäß zum vollständigen Zusammenbruch auch aller gesellschaftlichen Ordnung. Chaos, Zustände „schlimmer als in Lagos“. Auch die Mandibles bekommen die Entwicklungen in voller Härte zu spüren.
Dann ein Sprung ins Jahr 2047. Die USA haben sich in der Krise irgendwie eingerichtet, aber zu welchem Preis? Eine regelrechte Diktatur und ein Überwachungsstaat haben sich etabliert, jeder Bürger unter 68 ist mit einem Chip versehen, der nicht nur lückenlose Bewegungsprofile aufzeichnet, sondern auch sämtliche Ausgaben und Einnahmen managt. Die Steuern betragen 90% jeden Einkommens. Dafür gibt es soziale Absicherung. Sogar die „Runzeln“ bzw. „Langleber“ werden versorgt, auch wenn sich die junge Bevölkerung zunehmend gegen diese „unnötigen“ Ausgaben wehrt. Für Willing und Nollie sind diese Lebensbedingungen unerträglich. Sie erwägen die illegale Flucht in den „Freistaat“ Nevada, eine isolierte Insel der „Wildnis“.
Man sieht, Lionel Shriver hat sich einiges einfallen lassen für ihre Zukunftsvision. Vieles davon ist klug entwickelt, lässt innehalten und auch erschrecken. Fehlende Plausibilität ist gewiss nicht das Problem dieses Romans. Manches wirkt ein wenig albern, wie das schon erwähnte „Steini“ oder die „Runzeln“ oder auch die erwähnte (und schon vergangene) Chelsea-Clinton-Präsidentschaft. Auch ist das Buch spannend und durch seinen zeitweilig ironisch bis zynischen Ton und seine spritzigen Dialoge sehr unterhaltsam. Selbst sein streckenweise arg dozierender Charakter und die ausgedehnten ökonomischen Gespräche der Familie sind nicht der Grund, warum das Buch bei mir trotz allem einen weniger schönen Nachgeschmack hinterlässt.
Es ist vielmehr das politische Statement, das die Autorin untergründig, aber nicht untergründig genug, in ihren Roman einfließen lässt. Die Ängste, die sie hier plausibel schürt, und die auch den Leser erreichen, sind tatsächlich die Ängste, die auch große Teile der amerikanischen Rechten umtreibt. Es ist die Angst vor der Inflation, vor Staatsschulden, vor zunehmenden Sozialabgaben, vor der Übernahme der Weltmacht durch China und die sogenannten Schwellenländer. Es sind die Reichen (und der gehobene Mittelstand), die bei Lionel Shriver am meisten zu leiden haben. Diejenigen, die unten auf der sozialen Leiter stehen, bekommen am wenigsten davon ab. Es ist die Abneigung gegen jede Form von Wohlfahrtsstaat, die hier zum Ausdruck kommt und im Horrorbild eines Staates, der seinen Bürger mit Chips versieht, um ihn besser kontrollieren zu können, gipfelt. Nicht umsonst ist schließlich die Steuerbehörde der große Feind, der fast wie eine geheime Staatspolizei operiert. Der unabhängige Staat Nevada bietet seinen Bürgern keinerlei Sicherheiten, keine Krankenversicherung, keine Pharmaindustrie, keine Rente, aber die Menschen müssen keine Steuern zahlen und dürfen sogar endlich wieder Waffen besitzen. „Nevada ist kein Utopia“. Aber so wie ich die Autorin verstehe, ziemlich nahe dran.
Noch zwei Zitate, die mein Unbehagen ein wenig verdeutlichen sollen.
„Dieser Staat ist ein faszinierendes soziales Experiment, und vielleicht steht die Abstimmung noch aus. (…) Alle westlichen Demokratien sind einen ähnlichen Weg gegangen und haben gesittet, ruhig und in gewisser Weise auch sorglos angefangen. Aber am Ende stößt ihnen die eigene Tugendhaftigkeit auf. Ihre Vernarrtheit in Fairness und Gerechtigkeit. Natürlich würden wir in einer idealen, fairen Welt alle bös große Häuser und Berge zu essen haben. Mit unbeschränktem Zugang zu den neuesten Heilmethoden, freier Kinderbetreuung, brutalen Bildungschancen und aufgeschüttelten Kissen für die Langleber…(…) und alles, klar, ohne sich dafür querlegen zu müssen. (…) Die untere Hälfte kriegt keine Blumen, und die obere fühlt sich beraubt. (…) Die Regierung wird ein teurer, schwerfälliger, ineffizienter Mechanismus, um den Wohlstand von Leuten, die etwas tun, zu Leuten, die nichts tun, zu schaufeln und von den Jungen zu den Alten, wo´s doch andersrum sein sollte.“
Das ist vielleicht zynisch, aber nicht ironisch gemeint. Als Rettung erscheint den Mandibles das in Nevada herrschende „Jeder ist für sich selbst verantwortlich“, was mir sehr nach Trumpismus klingt. Ebenso wie die letzte Bastion, auf die man am Ende noch zählen kann, die Familie. So ist für mich auch das Ende des Buches ziemlich unerträglich.
Wer von diesen ideologischen Einflüsterungen absehen oder diese ironisch lesen kann, erhält ein spannendes, plausibel entwickeltes Zukunftsszenario mit einem gewissen Gruseleffekt und hohem Unterhaltungswert, obwohl die Figuren recht flach sind, ist auch der Familienroman gut gelungen. Mir ist das aber leider nicht gelungen.

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terrorismus, bürgerkrieg, eta, familie, baskenland

Patria

Fernando Aramburu , Willi Zurbrüggen
Fester Einband: 768 Seiten
Erschienen bei Rowohlt , 16.01.2018
ISBN 9783498001025
Genre: Romane

Rezension:

„Euskal Herria“, das Land der Basken – viele können es vielleicht gerade noch geografisch einordnen, dort am westlichen Rand der Pyrenäen, mit San Sebastian und Bilbao als bekannte Städte. Manch einer weiß, dass es sich sowohl über Spanien als auch über Frankreich erstreckt; die Baskenmütze kennt natürlich jeder, aber wie ist es mit den Pintxos, diesen leckeren Happen, die man im Baskenland überall in den Restaurants gereicht bekommt, oder mit dem Pelota, jenem an Squash erinnernden Rückschlagspiel? Auch dass die baskische Sprache nichts mit der spanischen, ja mit gar keiner anderen europäischen Sprache, gemein hat, also eine der sogenannten „isolierten“ Sprachen (mit unglaublich vielen X) ist, ist nicht vielen bekannt.
Wer ein wenig älter ist, verbindet mit dem Baskenland allerdings auch jene Form des politischen Terrors, die in den 1970er und 1980er Jahren ihren blutigen Höhepunkt erreichte und gerne von Drei-Buchstaben-Organisationen verübt wurde, seien es die RAF, die IRA oder eben die ETA, die Euskadi Ta Askatasuna – Baskenland und Freiheit.
1959 als Widerstandsorganisation gegen die zentralistische Franco-Diktatur und deren Unterdrückung aller regionalen Unabhängigkeitsbestrebungen und Traditionen gegründet, radikalisierte sie sich nach Ende der Diktatur 1975 eher noch. Über 4000 Anschläge und über 800 Todesopfer gehen auf ihr Konto, Angriffe zunächst bevorzugt auf Angehörige der Polizei oder Armee oder Politiker, später dann auch zunehmend mit zivilen Opfern. Auf der anderen Seite gingen auch die GAL, die Grupos Antiterroristas de Liberación, antiterroristische Befreiungsgruppen, teilweise mit Unterstützung des Staates, nicht zimperlich gegen baskische Nationalisten vor. Entführungen, Folterungen, politische Morde und Bombenattentate waren, ähnlich wie in Nordirland, auf beiden Seiten verbreitet. Erst 2011 kam es von Seiten der ETA zu einem Waffenstillstand und erst im letzten Jahr (2017) zu einer einseitigen Entwaffnung.
Was macht ein solcher Konflikt mit den Menschen, die dort leben, wo er ausgetragen wird? Über die RAF gibt es eine ganze Reihe von literarischen Werken, auch über den Nordirlandkonflikt habe ich schon Einiges gelesen. Ein Roman über die ETA ist neu. In Spanien erzielte der seit 1982 in Deutschland lebende Autor Fernando Aramburu mit seinem Roman „Patria“, der sich dieser Thematik annimmt, große Aufmerksamkeit und hohe Verkaufszahlen. Einige renommierte Preise wurden ihm zuerkannt. Nun ist das Buch auch in Deutschland erschienen.
Um es gleich vorweg zu nehmen: Es ist ein großer, ein großartiger Roman. 760 Seiten stark, erzählt er von zwei Familien aus einem kleinen Dorf in der Nähe von San Sebastian in der spanischen Provinz Guipúzcoa, in der offiziell 44% der Bewohner Baskisch sprechen und in der die Bestrebungen nach regionaler Autonomie am größten sind und waren. Auch Fernando Aramburu wurde 1959, übrigens das Gründungsjahr der nationalistischen Untergrundorganisation ETA, dort geboren. Allerdings ist er spanischsprachig. In einem Interview erzählte er, dass Klassenkameraden und Freunde in ihren jungen Jahren in den ideologischen Bannkreis der ETA gerieten, und nicht nur das. Er selbst sympathisierte nie mit der Bewegung. Aber die Risse und Verwerfungen, die der Konflikt, gerade auch in den zwischenmenschlichen Beziehungen, hervorrief, beschäftigen ihn schon lange.
In „Patria“ erzählt er davon anhand von zwei Familien, die anfangs eng befreundet waren. Die Männer Txato und Joxian fuhren zusammen passioniert Rennrad, die Frauen Bittori und Miren wollten als Mädchen sogar zusammen ins Kloster eintreten. Die Kinder wuchsen miteinander auf. Doch irgendwann sickerte das Gift des Nationalismus auch in das kleine Dorf, gewannen die radikalen Kräfte der „abertzales“ immer mehr Einfluss. Und auch die ETA fasst Fuß. Einflussreiche Kräfte, der Pfarrer, der Wirt, sympathisieren mit deren Organisation, wer Abstand hält, wird bald argwöhnisch beobachtet und gilt als Vaterlandsverräter. Besser, man kooperiert oder taucht zumindest ab.
„Und genauso machte es Joxe Mari seiner Meinung nach, zumindest am Anfang. Ein Spiel, mit den Freunden, ein Sport. Du gehst da hin, riskierst was, kriegst einen Gummiknüppel übergezogen, das ist Leben. hinterher in der Kneipe wird was getrunken und gegessen und alles lautstark kommentiert, und man spürt mit einem angenehmen Kribbeln das Fieber, das die ganze Clique wärmt, das einen mit der Sache verbindet.“
Während der Sohn von Miren und Joxian, der eigentlich ganz unpolitische und etwas unbedarfte Joxe Mari, in den militanten Untergrund abtaucht, gerät Txato, der sich ein Fuhrunternehmen aufgebaut hat und nun als erfolgreicher Unternehmer gilt, in das Fadenkreuz der ETA. Ihm werden „Revolutionssteuern“ abgepresst, die er auch zunächst widerwillig zahlt. Aber er, der sich selbst als patriotischer Baske fühlt, unterschätzt die Macht und Aggressivität der Organisation. Schmähreden, Ausschluss aus der Dorfgemeinschaft, Drohungen – eines Tages wird er vor seiner Haustür erschossen, an einem regnerischen Tag, an dem auch Joxe Mari im Dorf gesehen wurde.
Dieser Mord ist das zentrale Motiv, um den der Roman kreist. Er erzählt nicht chronologisch, sondern beginnt im Jahr des Waffenstillstandes 2011, in dem Bittori aus San Sebastian zurückkehrt in ihr Heimatdorf, in dem ihr das Leben nach dem Tod ihres Mannes unmöglich gemacht wurde. Sie möchte, selbst alt und von Krankheit gezeichnet, Klarheit haben über die Umstände des Mordes. Vor allem treibt sie die Frage um, ob tatsächlich der Freundessohn, Joxe Mari, der Todesschütze war.
Auch für den Leser bleibt diese Frage bis zum Ende zentral. Der Roman springt in den Zeiten vor und zurück. Er erzählt aus der Perspektive der 9 Hauptprotagonisten (die Eltern und Kinder der Familien), wechselt unverhofft von der Er/Sie- in die Ich-Perspektive, manchmal im gleichen Satz. Er nimmt immer wieder neue Anläufe, zieht Erinnerungsschleifen, umkreist in 125 kurzen Kapiteln das Geschehen. Er stellt Fragen, die er selbst sogleich beantwortet, doppelt und reiht Worte, wenn er sich nicht für das eine, richtige entscheiden kann (oder augenzwinkernd spottet). Von genauen Datierungen nimmt er Abstand. Irgendwann ist einmal von den Olympischen Spielen in Barcelona die Rede (1992). Nur so kann man die Ereignisse zeitlich verorten. Oft bricht er Sätze ab, lässt Satzteile fort.
Es ist erstaunlich, wie gut lesbar und organisch dennoch der Text ist. Der raffinierte und kluge Aufbau ermöglicht eine vielschichtige und facettenreiche Erzählung darüber, wie Ideologien, hier namentlich der Patriotismus, zwischenmenschliche Beziehungen vergiften und zerstören, wie sowohl Gesellschaften auseinanderbrechen können als auch Freundschaften und Familien, durch die der Riss manchmal zwischendurch geht. Wie Misstrauen gesät wird und wächst, der gesunde Menschenverstand versagt und aus eigentlich unpolitischen Menschen willfährige Werkzeuge werden können. Dinge, die ganz abgesehen von dem konkreten ETA-Bezug, ganz allgemeingültig sind und angesichts der neuesten nationalistischen Bewegungen, man denke nur an Katalonien, hochaktuell. Er stellt auch die Frage nach Heimat. Wer darf definieren was das ist? Wer bestimmt, wer wo zuhause ist?
Gorka, der jüngere Bruder von Joxe Mari, lebt seinen Patriotismus auf andere Art. Er liebt die Baskische Sprache, studiert sie, macht Radiosendungen und schreibt Bücher, Kinderbücher. Denn:
„Solange du für Kinder schreibst, lassen sie dich in Ruhe. aber wehe, du machst dieses Land zum Thema, mein Junge. Solltest du jemals für Erwachsene schreiben, sieh zu, dass du die Handlung in weite Ferne zu Euskadi verlegst. Nach Afrika oder Amerika, wie andere das tun.“
Fernando Aramburu erzählt natürlich auch von Familien, von Sprachlosigkeit und Lieblosigkeit, die den Nährboden für Gewalt und Entfremdung bilden. Aber auch von Familienbanden, von Solidarität. Zum Ende erwägt er zumindest die Möglichkeit, dass Dialog und Aussöhnung möglich ist.
Fernando Aramburu erzählt davon einfühlsam, aber auch lakonisch. Die Menschen in seinem Roman machen nicht viele Worte, gerade die Männer nicht. Die Frauen sind die starken Persönlichkeiten. Aber das ist durchaus nicht im positiven Sinn gemeint. Es dauert lange, bis man sich mit den schroffen und bestimmenden Charakteren von Bittori und der harten, ideologisch vergifteten Miren anfreunden kann. Dass das schließlich doch noch geschieht, liegt daran, dass Aramburu seine Personen so genau und psychologisch überzeugend schildert. Für Gut oder Böse ist da kaum Platz. So wie der Autor auch niemals ins Politisieren oder Dozieren gerät. Und doch ist seine Position immer klar. Er steht auf der Seite der Opfer, die auch nach Beendigung des Konflikts ausgegrenzt und gemieden werden. Die Täter von gestern sehen sich heute gern als Opfer. Und wer will schon gerne von den Opfern von damals daran erinnert werden, wie es wirklich war. Man kennt das.
„Was sollen diese Vorwürfe? Ich habe nicht mit ihm gesprochen, aber ich war trotzdem sein Freund. und gesprochen habe ich nur nicht mit ihm, weil man mit ihm nicht sprechen konnte. Ihr habe euch falsch verhalten. Ihr hättet wegziehen sollen. Ein Jahr, zwei Jahre, so viele wie nötig gewesen wären. Dann würde er jetzt noch leben und ihr hättet zurückkommen können.“
Eines Tages besucht Gorka eher zögerlich eine Tagung über die Opfer von Terrorismus und terroristischer Gewalt. Einen Schriftsteller, der dort spricht, darf man gewiss als Sprachrohr für Fernando Aramburu ansehen.
„Es gibt Bücher, die wachsen im Laufe der Jahre in einem heran und warten auf den richtigen Moment, um geschrieben zu werden. Meines, von dem ich Ihnen heute erzählen will, ist so eines.“
„Ohne Hass schrieb ich gegen die Sprache des Hasses und gegen das von jenen organisierte Vergessen, die eine allein ihren totalitären Überzeugungen dienende Geschichte erfinden. (…) Ich schrieb für die Würde der ETA-Opfer, damit sie nicht zu bloßen Nummern einer Statistik werden, sondern ihre Namen behalten, ihre Gesichter, alles, was ihre unübertragbare Einzigartigkeit ausmacht. (…) Und im Wissen um die beiden großen Gefahren dieser Art von Literatur habe ich alles darangesetzt, sowohl den pathetischen Ton des Sentimentalen zu vermeiden als auch der Versuchung zu widerstehen, das Erzählen der politischen Stellungnahme unterzuordnen.“
Das ist Fernando Aramburu glänzend gelungen. „Patria“ ist ein eindrücklicher, spannender, berührender Roman. Ein weiteres Highlight in diesem gerade erst begonnenen Lesejahr 2018.

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william james sidis, erziehung, hochbegabung, leselust, diogenes

Das Genie

Klaus Cäsar Zehrer
Fester Einband
Erschienen bei Diogenes, 23.08.2017
ISBN 9783257069983
Genre: Romane

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Ein Anderer

Sabine Huttel
Flexibler Einband: 392 Seiten
Erschienen bei tredition, 26.09.2017
ISBN 9783743948242
Genre: Romane

Rezension:

Er ist anders, der Junge Ernst Kroll, der zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts in einem kleinen thüringischen Dorf aufwächst. Er wächst zu langsam, hat motorische Defizite, spricht schlecht und scheint auch geistig eingeschränkt zu sein. Sehr zum Ärger seines Vaters Hillmar, des Schulmeisters im Dorf. Diese Langsamkeit regt ihn auf, erweckt seinen Unmut. Nur sehr langsam, über die Musik, nähert er sich seinem Sohn an. Er, der auch Kantor der Gemeinde ist, nimmt ihn mit auf die Orgelempore. Und auch wenn Ernst die Stücke viel zu langsam spielt, auch später auf seiner Trompete nur die eher getragenen Stücke schafft, knüpft die Musik ein zartes Band zwischen Vater und Sohn, das eine harte Belastungsprobe bestehen muss, als der Junge eingeschult wird und der Lehrer-Vater mit unerbittlicher Strenge über ihn wacht.
Die Mutter Martha liebt und unterstützt ihren Sohn. Aber es ist auch immer ein wenig Scham mit dabei. Darüber, dass Ernst so langsam ist, so undeutlich spricht, spuckt und sabbert und eben auch anders aussieht, als andere Kinder. Er ist klein und Wasserablagerungen verformen sein Gesicht.
Die Dorfgemeinschaft nimmt Ernst, so wie er ist, manche freundlicher als andere. Die Kinder hänseln ihn ein wenig, einige Erwachsene schauen geringschätzig auf ihn herab, aber er gehört dazu. So wie es eben immer schon, gerade auf dem Land die „Dorftrottel“, „Dorfdeppen“ gegeben hat. Verschmäht, manchmal auch gequält, aber irgendwie eben auch Teil der Gemeinschaft.
Keiner von ihnen weiß oder macht sich darüber Gedanken warum der Junge so ist, wie er ist, dass Ernsts Anderssein auf einem Mangel an Schilddrüsenhormonen beruht, wahrscheinlich schon in der Schwangerschaft der Mutter und nun bei ihm selbst. Gerade in Deutschland gab es große Gebiete, die Jodmangelgebiete waren und wo diese durch einen dadurch bedingten Thyroxinmangel hervorgerufenen geistigen und körperlichen Retardierungen gehäuft auftraten.
Aber die Wissenschaft schreitet voran, ein auswärtiger, junger Arzt erkennt Ernsts Symptome und behandelt ihn mit rohen Schafsschilddrüsen. Keine schöne Therapie, besonders, weil sich Ernst dadurch völlig verändert, unruhig und fahrig wird, sogar aggressiv. Der Doktor, der auch mit merkwürdigen Parolen, die zunehmend kursieren, vom „unwerten Leben“, der „Belastung“ durch Pflege und Unterbringung „unheilbarer Blödsinniger“ in „Idiotenanstalten“, in Erscheinung tritt, verschwindet zum Glück bald wieder aus dem Dorf. Er hat höhere Ambitionen. Aber zum ersten Mal bekommt Schulmeister Hilmar Kroll Angst um seinen Buben. Eine Angst, die bald unter der nationalsozialistischen Herrschaft noch steigen wird. Es weht ein neuer Wind.
Ernst selbst leidet schon unter seiner Andersartigkeit, ist manchmal traurig, manchmal wütend, wenn die anderen ihn drängen oder auslachen. Aber er findet auch schöne Momente im Leben, wenn er die warmen Sonnenstrahlen spürt, wenn er seine Hühner füttert und ihnen von seinem Tag erzählt, wenn auf die Anhöhe klettert und Trompete spielt. Aber auch, wenn er die Freundlichkeit und Zuneigung spürt, die ihm zum Beispiel seine Schwester Helene entgegenbringt oder die Kusine Regine oder der Nachbar Herbert Bogenschnitzer oder der Pfarrer Stürzlinger.
Und so begleiten wir Ernst durch sein Leben. Erster und Zweiter Weltkrieg gehen an dem kleinen Dorf recht spurlos vorbei, Deutschland wird geteilt, aber für Ernst bleibt das Leben fast unverändert. Er braucht seine Routinen, die vertraute Umgebung und die Menschen um ihn herum. Umso einschneidender für ihn, als die Mutter mit ihm in die BRD umsiedeln möchte. Da ist sie schon weit über siebzig und sorgt sich nicht nur um ihre, sondern auch um Ernsts Zukunft. Aber das Leben geht weiter. Irgendwann fällt die Mauer. Fast ein ganzes Jahrhundert erlebt Ernst und der Leser mit ihm.
Sabine Huttel führt uns souverän hindurch. Sie erzählt geradlinig, ohne große Experimente, mit großer sprachlicher Schönheit. Die Figurenzeichnungen gelingen ihr hervorragend, ein ganzer Dorfkosmos wird da ausgebreitet, aber keiner der Charaktere kommt flach oder einseitig daher. Der Vater Hilmar zum Beispiel ist ungeduldig und hart zu Ernst, lieblos und schroff zu seiner Frau, aber er kämpft, gerade in der Nazizeit um seinen Sohn, bleibt politisch standhaft, engagiert sich für sein Dorf und liebt die Musik. So sind alle Menschen im Buch sehr vielschichtig angelegt. Gerade auch bei Ernst vermeidet die Autorin, ihn allzu süßlich als armen, herzensguten Behinderten darzustellen. Sie lässt ihm seine Würde genauso wie seine Ecken und Kanten.
Nebenbei entsteht neben der sehr besonderen, persönlichen Lebensgeschichte ein Panorama der Zeit und des Dorflebens. Da ich bisher weder von Autorin noch vom Verlag Tredition, einem Verlag für Selfpublishing, gehört hatte, war ich sehr positiv überrascht von der hohen Qualität dieses Romans, den ich allen Lesern wärmstens ans Herz legen möchte. Für mich eine wirkliche Entdeckung! 

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