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10 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

Stille Wasser

Donna Leon , Werner Schmitz
Fester Einband: 336 Seiten
Erschienen bei Diogenes, 24.05.2017
ISBN 9783257069884
Genre: Krimi und Thriller

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25 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 5 Rezensionen

roman

Alles, was ich nicht erinnere

Jonas Hassen Khemiri , Susanne Dahmann
Fester Einband: 336 Seiten
Erschienen bei DVA, 13.03.2017
ISBN 9783421047243
Genre: Romane

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72 Bibliotheken, 2 Leser, 1 Gruppe, 15 Rezensionen

landleben, liebe, fresko, kriegstrauma, yorkshire

Ein Monat auf dem Land

J.L. Carr , Monika Köpfer
Fester Einband: 144 Seiten
Erschienen bei DuMont Buchverlag , 01.01.2017
ISBN 9783832198350
Genre: Romane

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24 Bibliotheken, 3 Leser, 1 Gruppe, 3 Rezensionen

man booker prize, buch, jamaika, bob marley, roman

Eine kurze Geschichte von sieben Morden

Marlon James , Guntrud Argo , Robert Brack , Michael Kellner
Fester Einband: 864 Seiten
Erschienen bei Heyne, 13.03.2017
ISBN 9783453270879
Genre: Romane

Rezension:

Der Titel des Romans, für den Marlon James 2015 den Man Booker Preis verliehen bekommen hat, ist eine einzige Täuschung.
Natürlich ist es alles andere als eine kurze Geschichte, die hier auf 853 großformatigen Seiten detailreich und ausufernd dargeboten wird. Und von statt sieben Morden erzählt das Buch von unzähligen gewaltsamen Toden, Hinrichtungen, Massakern, so vielen, dass man das Zählen bald aufgibt. Welche dieser Tötungen es tatsächlich dann in den Titel geschafft haben, bleibt offen. Ja, der Autor erlaubt sich einen ironischen Kniff, indem er einem der Protagonisten, dem Journalisten Alex Price, das Buch „Eine kurze Geschichte von sieben Morden“ quasi unterschiebt. Als der auf die Sieben angesprochen wird, gibt er zu, es seien eigentlich elf Morde gewesen (woher auch immer diese Zahl kommt) von denen er berichten wollte, aber zu vieren davon hätte er nicht genug Informationen gefunden.


Zentrales Ereignis des Buches ist das Attentat auf den Reggae-Sänger Bob Marley im Dezember 1976 auf Jamaika. Marley war in seine Heimat gekommen, um auf dem großen Friedenskonzert „Smile Jamaica“ aufzutreten. Initiiert wurde dieses von der regierenden Partei, der People´s National Party PNP, und es sollte die stark verfeindeten politischen Lager beschwichtigen, wenn nicht gar zur Versöhnung aufrufen. Das war nötig geworden, da die Kriminalität ein erschreckendes Ausmaß erreicht hatte. Verfeindete Gangs mit mafiösen Strukturen und jeweiliger Nähe zu einer der politischen Parteien begingen Morde, Überfälle, Brandstiftungen in den gegnerischen Stadtvierteln, es herrschte auf den Straßen Kingstons praktisch Krieg. Der PNP unter Präsident Michael Manley, die einen demokratischen Sozialismus vertrat und die Nähe zu Kuba suchte, stand dabei die stark westlich, sprich an den USA orientierte JLP, die Jamaica Labour Party unter Edward Seaga gegenüber. Nach der anfänglichen Euphorie über die 1962 erklärte Unabhängigkeit von Großbritannien versank das Land, auch infolge einer furchtbaren Dürre in den Jahren 1967/68, in Armut, Chaos, Gewalt und Korruption. Kriminelle Banden übernahmen bald eine Art Herrschaft.


Die tobenden Bandenkriege waren eine Sache, die zweite, und das wird in dem Buch ebenfalls thematisiert, waren die von den USA verfolgten Interessen in der Region. Meine Kenntnisse über die damalige Situation in Jamaika sind relativ gering gewesen, aber dass die USA sozialistische „Umtriebe“ vor „ihrer Haustür“, also in der Karibik, sicher nicht gern sahen, liegt auf der Hand und die Kubakrise ist sicher jedem ein Begriff. So mischen auch in Marlon James Roman die CIA kräftig mit. Ihr Ziel ist die Destabilisierung der Regierungspartei PNP. Ihr Mittel ist die Anfeuerung der Bandenkriege, die Torpedierung des Friedensprozesses und damit die Diskreditierung der PNP, zumindest hier bei James. Aber große Zweifel an der Wahrscheinlichkeit des Szenarios kommen beim Leser nicht auf. Das Buch geht sogar noch einen Schritt weiter und lässt diverse skrupellose CIA-Agenten auch hinter der Anstiftung zum Attentat auf Marley stecken. Dessen Engagement für den Friedensprozess der PNP stand gewiss ihren Interessen entgegen.


Diese Situation ist Ausgangspunkt für „Eine kurze Geschichte von sieben Morden“, die am Vortag des Attentats beginnt.
Auch wenn das Buch natürlich fiktionalisiert ist, sind die Geschehnisse historisch belegt, einige Figuren, wie Regierungschef Michael Manning werden mit Klarnamen genannt, andere, wie Bob Marley, der nie mit Namen, sondern immer nur „der Sänger“ genannt wird, werden kaum, wieder andere, wie Edward Seaga, wenig verschlüsselt, indem ihnen andere Namen gegeben wurden. Einen interessanten Beitrag zu den realen Personen hinter den Figuren findet man hier.


Das Verzeichnis der handelnden Personen umfasst insgesamt 76 Namen, 13 davon erhalten von Marlon James eine eigene Stimme, einer der Erzähler schon seit geraumer Zeit tot ist. Die einzelnen Kapitel sind mit den Namen versehen, so dass sich der Leser recht gut orientieren kann. Nur im letzten der insgesamt fünf Bücher, in die der Roman aufgeteilt ist, sind die Kapitel lediglich nummeriert. Bis dahin hat man aber die verschiedenen Sprecher bereits ganz gut kennengelernt und erkennt ihren Sound recht schnell. Denn Marlon James schafft es, den Figuren recht eigene, authentische Stimmen zu verleihen. Ihre Auftritte sind unterschiedlich häufig, der ein oder andere erlebt auch das Ende des Romans nicht.


Es sind ein alternder, ermüdender Bandenchef, seine aufstrebende, absolut kaltblütige rechte Hand, kleine und größere Gangmitglieder, CIA-Mitarbeiter, ein für den Rolling Stone arbeitender Journalist und eine junge Jamaikanerin, die durch Zufall Zeugin des Marley-Attentats wurde und danach aus Angst nach New York flieht, die aus ihren unterschiedlichen Blickwinkeln von dem Attentat, ihrem Leben in Jamaika, speziell in den Vierteln Kingstons, und später aus New York berichten. Der Roman umspannt die Zeit von Dezember 1976 bis März 1991. Er erzählt von Gewalt, Rassismus, Kriminalität, Korruption, von Sex, Homophobie und Misogynie, von Drogen, Armut und Hoffnungslosigkeit. Es ist ein vielstimmiger Chor, radikal, brachial, brutal. Immer wieder musste ich pausieren von dieser Menschenverachtung, die sich schon in der Sprache der Erzähler niederschlägt, von dieser explizierten Homophobie, die sich gleichzeitig intensiver gleichgeschlechtlicher Sexualkontakte bedient - überhaupt dieses ständige Kreisen um Sex und Gewalt, die ineinander verschmelzen, Sex als Ausdruck von Gewalt, Ventil für Aggressionen und Machtinstrument. In Jamaika sind Homophobie und auch physische Gewalt gegen Homosexuelle wohl weit verbreitet. Regelrecht verstörend fand ich, dass selbst die momentane bürgerlich-konservative Regierungspartei JLP noch 2001 einen sogenannten „Battyman-Tune“, einen an den Reggae angelehnten Song, der die „Verbrennung und Ermordung von Schwulen feiert“, zum Wahlkampfsong wählte.
Marlon James bedient sich über weite Stellen des jamaikanischen Slangs, des Patois, inwieweit das gut ins Deutsche übertragen werden konnte, kann ich nicht beurteilen. Fünf Übersetzer haben sich der gewiss nicht einfachen Aufgabe angenommen. Am Ende schwirrte mir der Kopf vor Bombocloth und Pussyhole, vor Brethren und Sistren, vor Sufferah und Battymen. Das hat einen gewissen Rhythmus, auch wenn der eindeutig nicht so flockig und hoffnungsvoll rüberkommt wie bei vielen Reggaesongs, die das ganze Buch begleiten. 


Der Roman ist brutal, wild und anstrengend, gleichzeitig aber auch ungemein fesselnd, aufschlussreich und genial. Er präsentiert ein gnadenloses, gewaltgesättigtes Bild von Jamaika, führt es fort nach New York, wo sich die jamaikanischen Bandenbosse ein neues Geschäft mit Drogen im großen Stil aufbauen, wo die Kontakte zum kolumbianischen Medellín-Kartell geknüpft werden und Kriminalität und Bandenkrieg einfach fortgesetzt. Hierhin fliehen aber auch die, die in ihrer Heimat keine Zukunft mehr sehen. Zum Beispiel die jamaikanische Zeugin, hier lebt auch der Journalist Alex Price. Die beiden werden allmählich zu den heimlichen Hauptprotagonisten des Romans. Sie sind auch die einzigen beiden Figuren, die ein wenig Identifikationsfläche bieten. Zumal für den Autor.
Alex Price versucht, die Geschehnisse rund um das Marley-Attentat, die Ursachen der Bandenkriege und die die politischen Verstrickungen in seinem Buch zu erfassen und erweist sich als gefährlicher Zeuge. Die Jamaikanerin Nina hat, wie der homosexuelle Autor Marlon James, Jamaika aus Angst vor Verfolgung verlassen, sie lebt in einer Art Exil. Aber: „Die Vergangenheit ist nicht tot. Sie ist noch nicht einmal vergangen.“ Alle Personen werden früher oder später von ihr eingeholt. Marlon James bemüht das berühmte Faulkner Zitat nicht zufällig, gehört dieser doch zu seinen großen Vorbildern. Auch was den Aufbau und die komplexe Stimmenführung dieses Romans angeht.


Ein monumentales Werk hat er geschaffen. Ein Kritikpunkt sei aber noch erwähnt. Bei all der Stimmenvielfalt und Komplexität des Romans leidet er doch daran, dass sich Marlon James zu sehr auf ein bestimmtes Milieu beschränkt, aus dem seine Figuren stammen. Da unterscheidet sich der skrupellose CIA-Agent kaum vom kleinkriminellen Drogenkonsument (auch wenn sie durchaus andere Sprachen sprechen). Mit Ausnahme der zwei erwähnten Figuren mit zaghaft positiver Ausrichtung, entstammen sie alle finstersten Ecken. Das verringert ein wenig die Tiefe, die Vielfalt und die Reibungsfläche, die der Roman hätte haben können und gewiss auch trotzdem hat. Auch hat der Leser manchmal das Gefühl, der Autor berauscht sich geradezu selbst an seinem Gettoslang, an den ständigen Gewalt- und Sexfantasien oder auch Praktiken seines Personals. Da wäre für mich weniger eindeutig mehr.
Nichts desto trotz ein beeindruckender, ein anstrengender, aber auch lohnender Roman.

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78 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 45 Rezensionen

flucht, familie, lissabon, kindheit, kinder

So, und jetzt kommst du

Arno Frank
Fester Einband: 352 Seiten
Erschienen bei Tropen, 27.03.2017
ISBN 9783608503692
Genre: Romane

Rezension:

Das Unheil kommt auf leisen Sohlen. Anfangs lesen sich die Erinnerungen des Erzählers noch eher heiter. Ja, sicher, der Vater ist ein „Lebemann“, wohl auch ein wenig verantwortungslos, sehr egozentrisch.
„Keiner, der´s hier oben hat“, und dazu tippt er sich an die Schläfe,“ muss schuften. Schuften müssen nur die Idioten.“
lautet eine seiner Lebensweisheiten, die er seiner Familie, vornehmlich seinem Sohn gegenüber gerne selbstgefällig preisgibt, meist mit dem Schlusssatz „So, und jetzt kommst du.“ Dabei ist er an der Meinung seines Sprösslings so wenig interessiert wie an der der Mutter. Er allein ist der Mittelpunkt seiner Welt.
Aber zu Beginn scheint sein Lebensmodell zu laufen. Zunächst Verkäufer in einem Autohaus, Gebrauchtwagenhändler, dann mit allerlei Waren jonglierend, jede davon der sichere zukünftige „Renner“, bietet er seiner Familie zunächst doch ein Leben in einigem Wohlstand. Einen gewissen Charme kann man ihm unmöglich absprechen. Und ganz am Ende, alles schon lange den Bach hinunter gegangen ist, wird die Mutter auf dem Sterbebett zu ihrem Sohn sagen:
„Immerhin war es nicht langweilig.“
Es sind diese anfänglich geschilderten Jahre, die dem Erzähler auch im Verlauf der Geschichte einigen Halt geben werden, die als einmal geschaffenes Bild von „Familie“ auch deren komplette Zerstörung noch lange Zeit überdauern wird. Einiges an Nostalgie wird da zu Beginn heraufbeschworen, Kaba und Seborin Haarwasser, Krieg der Sterne und Sony Walkman. Leser, die auch in dieser Zeit groß wurden, packt da ein gewisses heimeliges Gefühl.
Liebe scheint es in der Familie reichlich zu geben, zwischen den Eltern, aber auch zu den drei Kindern, ja selbst die Hunde sind Teil dieser unverbrüchlich erscheinenden Gemeinschaft. In der Erinnerung ist die Mutter für den Erzähler „die summende Frau“, der Vater der Beschützer und Held. Eine kleine Siebziger Jahre Idylle. Und doch braut sich da was zusammen. Man weiß es nicht nur aus dem Klappentext, sondern spürt es sehr deutlich, wenn auch auf den erwähnten leisen Sohlen, herannahen.
Der Erzähler schildert aber weiter aus seiner kindlich unbedarften Perspektive, die aber nie verniedlicht oder künstlich wirkt, sondern sehr authentisch.
„Mein Vater ist eine geologische Gegebenheit. Unhinterfragbar da, wie die Kordilleren oder die Pyrenäen.“
Gerade diese Unhinterfragbarkeit der Eltern, der unbeirrbare Glaube an sie und die Richtigkeit ihrer Entscheidungen, ist Kindern, zumindest bis zu einem gewissen Alter, zu eigen. Das schildert der Autor sehr eindrücklich und gerade das lässt beim Leser zunehmend Beklemmung aufkommen. Denn diesem wird die Lebenslüge dieser Familie weitaus früher bewusst als dem Erzähler.
Die reichlich windigen Geschäfte laufen irgendwann nicht mehr so gut, der Vater verspekuliert sich, häuft eine Menge Schulden an. Als er seinen Verpflichtungen nicht mehr nachkommen kann, wird das Haus gepfändet. Die Mutter springt als Tupperware Vertreterin für das Familieneinkommen ein. Dabei wird immer deutlicher, dass sie, genau wie der Vater in seiner Großmannssucht, gar nicht die nötige Reife besitzt, um Verantwortung für eine Familie zu tragen. Immer häufiger zieht sie sich mit dem Daumen im Mund auf Bett oder Sofa zurück. Der Vater sitzt vor dem Fernseher oder liest den „Spiegel“. Aber er ist nicht nur ein leichtfertiger Hochstapler, er entwickelt sich mehr und mehr zum Betrüger.
„Es steht jeden Tag ein Dummer auf“ ist sein Motto. Es gilt, ihn nur zu finden.
Irgendwann veruntreut er eine hohe Summe, von 300000 DM ist die Rede. Unbemerkt kann das nicht bleiben. Als die Polizei ihnen auf der Spur ist, packt die Familie ihre Siebensachen und flieht nach Frankreich, wo der Vater einst aufgewachsen ist. Ziel ist die Côte d´Azur. Man lebt dort auf großem Fuß, verprasst das ergaunerte Geld. Hier, in diesem vorübergehenden Paradies, setzt die Abwärtsspirale nach einer Weile mit Macht ein. Das Geld geht zur Neige, Interpol kommt auf die Spur. Letztendlich werden die letzten Besitztümer geopfert, damit ein portugiesischer Bauarbeiter die Familie in sein Heimatland schmuggelt.
Die Geschichte, vom Erzähler weiterhin lakonisch aus seiner kindlichen Perspektive, aber nicht ohne die Schärfe des Erwachsenenblicks darauf, geschildert, verliert nun jegliche Leichtigkeit, aber nicht ihren Humor. Auch wenn der Leser zunehmend beklommen die Lethargie der Eltern, die steigende Gewaltbereitschaft des Vaters, den schon fast Regression zu nennenden Zustand der Mutter, den Hunger und die Ungewissheit, die die Kinder plagen, verfolgt, sind doch immer noch viele Momente von Situationskomik anzutreffen. Das Lachen bleibt aber dabei im Hals stecken.
War man anfangs noch ein wenig irritiert, mit welcher Sorglosigkeit selbst das Baby im Auto zugequalmt wird (ja, es waren andere Zeiten), der Einjährige schließlich den ganzen Tag (und vielleicht auch die Nacht) mit Schwimmflügeln herumlaufen muss, damit die Eltern sich wegen des Pools nicht kümmern müssen, häufen sich nun die Tatbestände einer massiven Vernachlässigung, wird gar die kleine Tochter vom Vater zum Handtaschenraub angestiftet. Der Leser ist einfach nur erleichtert, als die ganze Sache schließlich ein Ende findet. War doch schließlich zwischenzeitlich auch mal von erweitertem Selbstmord die Rede.
Überraschend ist die Erzählhaltung dieses auf autobiografische Gegebenheiten beruhenden Buchs. Am Ende wird die Inhaftierung und das anschließende Verschwinden des Vaters erwähnt, die schwierige, von sozialen Problemen bestimmte Zeit für Mutter und Kinder zurück in Deutschland, die Distanzierung, die zwischen ihnen stattfand
„Wir Kinder fielen von ihr ab wie reife Früchte von einem Baum und kullerten den Abhang herunter, der das Leben ist.“
Und doch ist der Ton ein versöhnlicher, ja fast liebevoller. Es ist der Tod der Mutter, der dem Erzähler und vermutlich auch dem Autor die Möglichkeit gab, sich von dieser geraubten Kindheit frei zu schreiben.
Als die im Sterben liegende Mutter mühsam ein „ES. Tut. Mir. So. Leid.“ hervorbringt, kann der Erzähler sich mit einem „Alles gut“ verabschieden. Es ist eine Lüge. Das weiß der Leser, das weiß der Erzähler, wahrscheinlich auch die sterbende Mutter. Aber nun, nach ihrem Tod, kann er darüber erzählen, kann auch mit dem verschwundenen Vater „machen, was ich will.“
Das, was er gemacht hat, ist ergreifend, lustig, tieftraurig, durchrüttelnd, ein tolles Buch.

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8 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 2 Rezensionen

roman, veränderung

Transit

Rachel Cusk , Eva Bonné
Fester Einband: 238 Seiten
Erschienen bei Suhrkamp, 26.03.2017
ISBN 9783518425916
Genre: Romane

Rezension:

Transit – Durchreise, Passage, vielleicht auch Übergang. Auch: der Vorbeizug eines Himmelskörpers. Wie schon bei Rachel Cusks letztem Buch „Outline“, darf man den Titel gerne als Leitmotiv für den Roman nehmen.
Faye, die Autorin in mittleren Jahren, die wir aus dem Vorgänger bereits kennen, Mutter zweier Söhne, die in beiden Büchern jeweils nur in besorgniserregenden Anrufen vorkommen, geschieden, und zwar nicht, wie man das oft so schön sagt, in gegenseitigem Einvernehmen, sondern, wir spüren es, auch wenn es nirgends thematisiert wird, mit einigen Blessuren einhergehend, diese Faye ist auch in „Transit“ die Erzählerin und das Zentrum des Romans. Auch von der grundlegenden Struktur ähneln sich die beiden Bücher sehr – sind sie doch auch Teil einer geplanten Trilogie. Faye begegnet unterschiedlichen Menschen, Handwerkern, ihrem Friseur, ihren Studenten, Kollegen, Freundinnen, einem ehemaligen Geliebten, und kommt mit ihnen ins Gespräch. Vielmehr, sie lässt sie erzählen, ist geduldige, manchmal ermunternde, manchmal nachfragende Zuhörerin. Die Gesprächspartner öffnen sich bereitwillig, erzählen oft aus ihrem Leben, holen kleine Geschichten hervor. Faye selbst bleibt im Hintergrund. Von ihren Gedanken, Gefühlen, Ansichten erfahren wir, wenn überhaupt, nur indirekt. Darin ähneln sich beide Bücher, wie gesagt, sehr. Ebenso in ihrer Klugheit und intelligenten Unterhaltsamkeit.
Und doch gibt es auch Unterschiede. Transit als Leitmotiv scheint auch für Faye zu gelten. Haben wir sie in „Outline“ auf einer Reise nach Athen begleitet, die sich ein wenig auch wie eine Flucht vor den Verwüstungen, die die Scheidung mit ihr angerichtet hat, anfühlte, so ist sie nun zurück in London. Sie bezieht mit den Söhnen ein Haus, das sie auf Rat eines Freundes in einer „guten Gegend“ gekauft hat. Leider erweist es sich, das Budget war begrenzt, als eine ziemliche Bruchbude. Nahezu baufällig, zudem mit Untermietern versehen, die dort schon seit Jahrzehnten in Souterrain wohnen, oder besser gesagt, hausen. Deren Gartenanteil ist völlig zugemüllt, die Wohnung verdreckt und, das ist beinahe das Schlimmste, beide ausgesprochen unsympathisch, vulgär und streitlustig.
Begegnungen mit ihnen ziehen sich als wiederkehrende Motive genauso durch den Roman wie hilfesuchende Anrufe ihrer Söhne, die für die Zeit der dringend anstehenden Renovierung beim Vater wohnen. In beiden Fällen erweist sich Faye als ausgesprochen passiv. Sie wirkt wie eine Frau, deren Lebensmodell komplett zusammengebrochen ist, die sich mühsam ein neues zurechtbasteln muss. Von daher passt das Bild der Baustelle, des völlig baufälligen Hauses, der feindlich gesinnten Mitbewohner sehr gut.
Beschäftigt man sich ein wenig mit der Vita von Rachel Cusk, findet man darin erstaunliche Übereinstimmungen. Auch sie ist geschiedene zweifache Mutter. Zudem hat sie ihre zerbrochene Ehe und die Scheidung zum Thema eines in England stark umstrittenen Buchs „Aftermath“ gemacht. Wegen ihrer Offenheit, „Obszönität“ und „Indiskretion“ wurde sie dafür in der Öffentlichkeit hart angegangen und angefeindet, zeitweise wurde ihr der Titel „meistgehasste Schriftstellerin“ zuerkannt. Eine Zeit, die die Person Rachel Cusk zutiefst erschüttert hat. Eine Erschütterung, die man auch bei ihrer Figur Faye wiederfindet. In einem Interview sagte Cusk, die Bücher wären auch ein Versuch, sich „aus dem Käfig herauszuschreiben“.
Und so scheint Faye auch in „Transit“ einen Schritt weiter gekommen zu sein, bewegt sich zunehmend auf festerem Grund. Wie das baufällige Haus, setzt sie auch langsam ihr eigenes Leben instand, widersteht auch den böswilligen „Trollen“ im Untergeschoss. Bereits in „Outline“ erklärte sie die Möglichkeit der Selbstvergewisserung, der Identitätsbestimmung in der Auseinandersetzung mit anderen Menschen so:
"Während er sprach, sah sie sich selbst als Form, als Umriss, und alle Details legten sich von außen daran, während der Umriss selbst leer blieb. Und dennoch vermittelte ihr dieser Umriss, obwohl sein Inhalt unbekannt war, zum ersten Mal eine Ahnung davon, wer sie jetzt sein könnte."
Faye mit ihrem zertrümmerten, inkongruenten inneren Selbst spiegelt sich in ihren Gesprächspartnern, die einen kurzen Blick auf ihre Leben erlauben, die aber selbst auch von Flüchtigkeit, Entfremdungen, Verletzungen erzählen, manchmal auch, wie der Friseur, kleine Alltagsphilosophien parat haben. Insgesamt erscheint Faye bei aller Zurückgenommenheit in „Transit“ doch deutlich präsenter als im vorangehenden „Outline“, auch wirkt das Buch insgesamt strukturierter. Man darf gespannt sein, wohin ihre „Durchreise“ sie im dritten und abschließenden Band führt.
Rachel Cusk hat mit ihren Büchern einen wirklich originellen Versuch der Identitätsbestimmung einer Frau gewagt. Stilistisch elegant, vieldeutig und gerade auch wegen ihres leisen Humors sehr unterhaltsam.

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11 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 2 Rezensionen

Outline

Rachel Cusk , Eva Bonné
Fester Einband: 235 Seiten
Erschienen bei Suhrkamp, 07.03.2016
ISBN 9783518425282
Genre: Romane

Rezension:

Eine Frau auf dem Flug nach Athen. Sie ist unterwegs zu einem Kurs in Kreativem Schreiben, den sie unterrichten soll, vielleicht ein klein wenig auch auf der Flucht, man meint es herauszuhören, aus einem nicht ganz einfachen Leben in London. Neben ihr sitzt ein älterer Grieche, man kommt ins Gespräch. Es ist das erste einer langen Reihe von Gesprächen, die Faye, die Autorin, im Laufe dieser Woche in Athen führt und die wir als Leser mitverfolgen.
Diesem eigentlichen Beginn des Romans ist noch eine kurze Szene vorangestellt, deren Bedeutung sich zunächst kaum erschließt. Die Erzählerin trifft sich vor ihrem Abflug mit einem „Milliardär“, um mit ihm über eine in Planung befindliche Literaturzeitschrift zu sprechen. Dazu kommt es nicht, der Mann plaudert stattdessen über sich, „Der Milliardär erzählte mir bereitwillig aus seinem Leben.“ „The billionaire had been keen to give me the outline of his life story“ heißt es im Original und es ist ein bisschen schade, dass bei der Übersetzung das Leitmotiv zusammen mit dem Schlüsselwort des Romans, das ja auch titelgebend ist, verschwindet.
„Outline“, zu Deutsch Kurzfassung, Überblick, Umriss oder Profil – das ist es, was Faye nicht nur von diesem Mann erhält, sondern von vielen Personen, die sie in Athen trifft. Es sind alte Freunde, Studenten, Kollegen und neue Bekanntschaften, die ihr von sich erzählen und sich dabei oft überraschend weit öffnen. Das mag an der zurückgenommenen Art der Erzählerin liegen. Sie kann gut zuhören, ist wohl sogar ganz froh, nicht über sich selbst reden zu müssen, passiv bleiben zu können. In ihrer Begegnung mit den alten Freund Panaiotis deutet sich an, dass ihre Ehe, von deren Scheitern sie ansonsten relativ abgeklärt und kurz berichtet, wohl doch nicht ganz so problemlos endete wie vorgegeben. Ein Foto, das Panaiotis ihr überreicht, spielt eine Rolle, was es damit auf sich hat, bleibt ungeklärt. So wie wir überhaupt relativ wenig über Faye erfahren, obwohl sie im gesamten Roman im Zentrum steht. Nur über die feinen biografischen Risse, die sich in den Erzählungen der anderen auftun und in ihrem Skeptizismus, ihren zurückhaltenden Nachfragen, den klugen Bemerkungen und dem leisen Humor, den gelegentlichen satirischen Spitzen gewinnt auch sie selbst so etwas wie eine Kontur. Dann ahnt man, dass die Dinge, die ihre Gesprächspartner umtreiben, auch ihr nicht fremd sind.
Es geht oft um menschliche Beziehungen in den Gesprächen, vorzugsweise um solche zwischen Mann und Frau, überwiegend scheiternde. Es geht um (geplatzte) Träume, um (falsch) getroffene Entscheidungen, erlittene Verluste und immer wieder um Selbstbilder. Die Menschen sind regelrecht süchtig danach, ihr Leben zu erzählen. Vielleicht um sich dadurch ihrer selbst zu vergewissern und wieder die Kontrolle über etwas zu erlangen, das ihnen zunehmend zu entgleiten scheint. Oft sind es Menschen in ihrer zweiten Lebenshälfte, oft nach einer gescheiterten Beziehung, am Ende eines einst gewählten Lebensmodells. Und man darf vermuten, dass auch die Erzählerin zu ihnen gehört. Besonders deutlich wird ihre Skepsis, die wohl auch die der Autorin sein mag, hier:
„Ich hielt die ganze Vorstellung eines „eigentlichen“ Selbst für eine Illusion: zwar konnte man den Eindruck bekommen, man verfüge über einen autonomen Kern namens Selbst, aber dieses selbst existiere vielleicht gar nicht.“
Mit dem „Nachbarn“ aus dem Flugzeug trifft sich Faye dreimal in Athen. Jedes Mal ändert sich ihre Wahrnehmung von ihm ein wenig durch die Dinge, die er von sich erzählt. Bild – Selbstbild. Darstellung – Sein. Außen – Innen. Auch das sind Fragestellungen, die der Roman auf ganz dezente, indirekte Art und Weise aufwirft. Vordergründig geht es, wie gesagt, nur um die Wiedergabe von geführten Gesprächen, in direkter, indirekter oder auch erlebter Rede. Manch eine der gehörten Geschichten klingen zudem nicht ganz glaubwürdig, wirken überspitzt. Die Erzählerin lässt sie weitgehend unkommentiert. Beobachtungen, eigene Gedanken oder Beschreibungen rücken dagegen in den Hintergrund. Und auf einen Plot muss der Leser fast gänzlich verzichten. Cafébesuche, einige Unterrichtsstunden, ein paar Ausflüge mit dem Boot zum Schwimmen, mehr an „Action“ bietet Rachel Cusk nicht.
Dafür ein völlig ungewöhnliches, überraschendes und bereicherndes Buch. Das schönste daran ist, dass es der erste Teil einer Trilogie ist. Mit „Transit“ steht der nächste Band schon bereit.

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14 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 2 Rezensionen

belletristik, idee, roman, kathedrale, schönheit

Hier treffen sich fünf Flüsse

Barney Norris
E-Buch Text: 360 Seiten
Erschienen bei DUMONT Buchverlag, 21.03.2017
ISBN 9783832189457
Genre: Romane

Rezension:

Vier Flüsse fließen rund um Salisbury in den River Avon. Es ist eine uralte Landschaft hier im „grünen Süden Englands“. Unweit wurden vor mehr als 4000 Jahren die hölzernen und steinernen Kultstätten von Woodhenge und Stonehenge errichtet, wurde Old Sarum zu einer der bedeutendsten Städte der Angelsachsen, nachdem schon die keltischen Druiden und Römer hier siedelten. Im Mittelalter wurde Salisbury, New Sarum, rund um die neuerbaute, prächtige Kathedrale ein bedeutender Mittelpunkt.
Im Eingangskapitel von „Hier treffen sich fünf Flüsse“ wird der „Gesang der Erde“ beschworen, der hier zu hören sei, an diesem geschichtssatten Ort. Es ist eine Art Prolog, erst am Ende werden wir den jungen Mann, der ihn spricht, näher kennenlernen. Für ihn ist die offene Landschaft und die Erhabenheit der Kathedrale etwas, dass „uns auffordert, stehen zu bleiben und nachzudenken. Und von uns verlangt, den Blick von uns selbst abzuwenden.“
„Hierin liegt die Bedeutung dieser kleinen Stadt, wo der Turm hoch in den Himmel ragt, wo Flüsse und Geschichten sich verweben und Lebenswege einander kreuzen.“
Es sind fünf Lebenswege, die sich im Buch kreuzen. Der erste könnte nicht krasser im Gegensatz sein zu dem elegischen Prolog. Es ist Rita, bald 60 und Inhaberin eines kleinen Blumenstands auf dem Markt, Teilzeit-Drogendealerin und vom Leben völlig desillusioniert. In schwierigen Verhältnissen aufgewachsen, vom Freund schwanger sitzen gelassen, in Alkohol- und Drogensucht abgerutscht, in unzähligen Männergeschichten etwas wie Zuneigung und Geborgenheit vergeblich suchend. Auch ihr Sohn lehnt jeden Kontakt mit ihr seit langem ab. Mit unbändiger Wut und Kratzbürstigkeit wehrt sie sich gegen die Zumutungen der Welt und merkt doch, dass sie sich selbst am meisten im Weg steht, von allen Möglichkeiten scheinbar immer die schlechteste wählt. Aber sie kann nicht anders. Sie erzählt laut, vulgär, verbittert. Sie ist es, die letztendlich die fünf Menschen, um die es im Buch geht, wenn auch nur für einen Augenblick, so doch verbindet. Sie wird auf einer verzweifelten Fahrt auf ihrem Moped Opfer eines schweren Verkehrsunfalls.
Der alte Farmer, George Street, Fahrer des Unfallwagens, ist einer der anderen Personen, die zu Wort kommen. Er hat am Morgen seine geliebte Frau nach langer schwerer Krankheit verloren, ist noch ganz betäubt von dem Verlust, sieht nicht das Zweirad das ihm die Vorfahrt nimmt. Zwei Zeugen, ein 15jähriger Junge und eine Frau mittleren Alters werden ebenso Zeugen des Unfalls wie der Erzähler aus dem Prolog, der nach einer schmerzhaften Trennung aus London in seinen Heimatort zurückgekommen ist und als Nachtwächter auf Old Sarum viel Zeit zum Nachdenken hat. Auch die anderen beiden tragen ihre Probleme mit sich herum. Sam, der Junge, verliebt sich gerade in dem Moment zum ersten Mal, als sein Vater im Sterben liegt. Er ist hin und her gerissen zwischen seinen Gefühlen und dem schlechten Gewissen, dass er seinem geliebten Vater gegenüber hat. Die Frau wiederum leidet unter der Abwesenheit ihres Mannes, der als Soldat in Afghanistan stationiert ist, und ihren Ängsten um ihn, genauso wie um die Loslösung ihres pubertierenden Sohns, der seit Kurzem ins Internat geht. Trost in ihrem einsamen Dasein, „auf Abruf“, ist einzig das Theater, in dem sie, einst angehende Schauspielerin, als Platzanweiserin arbeitet und eine Laienspielgruppe, in der sie die „Ophelia“ spielt. Hier, in der liebevollen Beschreibung des Theatermilieus, spürt man die Herkunft des Autors Barney Norris. Er ist erfolgreicher Dramaturg. Man spürt es aber auch daran, wie sehr er sich bemüht, den Figuren je eigene, überzeugende Stimmen zu verleihen. Das gelingt meistenteils gut. Rita flucht und schmeißt mit vulgären Begriffen um sich, Sam ist überschwänglich und verträumt (seinen Abschnitt unterbrechen kleine „Es war einmal“ Abschnitte), George ist zutiefst traurig und niedergeschlagen (seine Reflexionen werden wiederum von den Fragen während des Verhörs unterbrochen, dem er sich nach dem Unfall unterziehen muss). Die Frau schließlich erzählt uns anhand ihrer Tagebucheintragungen.
Das klingt ziemlich konstruiert und ist es tatsächlich auch. Trotzdem wächst alles zu einer wunderbaren Geschichte zusammen. So wie wir nach und nach erkennen, dass die Figuren auch abseits des Unfallgeschehens in der ein oder anderen Form miteinander verbunden waren, verweben sich auch die Geschichten dieser ganz „gewöhnlichen Menschen“ zu einem Buch über das Leben, die Frage, wie wir zu denen wurden, die wir sind, über die Entscheidungen, die jeder immer wieder treffen muss, die Weggabelungen, die sich bieten, das Vergehen der Zeit, die verpassten Chancen, die Möglichkeit oder aber auch Unmöglichkeit zu einem Neuanfang.
Es ist aber auch ein Buch über Identität und Heimat, voll mit den großen Gefühlen, Liebe, Verlust, Trauer, Wut, Würde und Widerstandsfähigkeit, also auch voller Pathos, aber zum Glück auch ohne jeden Kitsch. Norris schreibt dicht und klar. Voller Mitgefühl und Empathie schafft er komplexe Figuren voller Menschlichkeit. Trotz der großen Melancholie, die über dem Buch und den Personen liegt, ist es aber kein schweres Buch, sondern immer eine große Freude, zu lesen.
Es ist Barney Norris Debüt. Ich denke, auf sein nächstes Buch darf man gespannt sein.

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14 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 7 Rezensionen

unfall, mord, totschlag, to, gerichtsverfahre

Drei Söhne

Helen Garner , Lina Falkner
Fester Einband: 352 Seiten
Erschienen bei Berlin Verlag, 01.09.2016
ISBN 9783827012692
Genre: Romane

Rezension:

Eine ganz unglaubliche Geschichte: Am Abend des 4. September 2005, dem australischen Vatertag, kommt Robert Farquharson mit seinem Auto von der Straße ab und fährt in einen Baggersee, einen der vielen australischen „dams“, Wasserreservoire für die Farmer. Das Auto sinkt schnell und seine drei kleinen Söhne, die er bei seiner von ihm getrennt lebenden Frau abliefern sollte, ertrinken. Der Vater kann sich retten und gibt an, nach einem Hustenanfall am Steuer ohnmächtig geworden zu sein. Solche Hustensynkopen sind zwar selten, aber durchaus möglich. Aber Farquharson benimmt sich am Unfallort äußerst merkwürdig. Statt den Kindern Hilfe zu leisten, bringt er sich in Sicherheit, hält ein Auto an und drängt die Insassen, ihn zu seiner Frau zu fahren. Erst danach werden Polizei und Rettungsdienste verständigt. Auch danach zeigt Farquharson eine verstörende Teilnahmslosigkeit.
Der Fall Farquharson hat die australische Öffentlichkeit beträchtlich aufgewühlt. Sowohl der Unfall selbst (oder war es Mord, versuchter erweiterter Selbstmord?) als auch der 2007 begonnene Prozess gegen den Vater, der sich mit Berufungsverfahren und nachgereichten Eingaben bis 2013 hinzog, beschäftigte Menschen und Medien.
Die Schriftstellerin Helen Garner, die hierzulande 2009 mit ihrem Buch „Das Zimmer“ einige Bekanntheit erlangte und die in ihrem Heimatland Australien immer wieder auch für ihre literarischen Reportagen ausgezeichnet wurde, hat diesen Prozess über seine ganze Länge hin vor Ort verfolgt. Herausgekommen ist dabei diese True-Crime-Story, die dem Leser den Atem raubt.
Von außen eine Gerichtsreportage - wer schon immer eine Abneigung gegen Gerichtsdramen hatte, wird vielleicht auch mit diesem Buch nicht glücklich werden – schildert Garner jedoch so viel mehr als die Aussagen und das Auftreten der Anwälte und Richter, der Zeugen und des Angeklagten.
Sie nimmt den Leser mit auf eine beklemmende Gefühlsachterbahn, die mit dem Stoßgebet „Lass es ein Unfall gewesen sein“ beginnt, als Garner die ersten Meldungen über das Geschehen vernimmt - zu schrecklich wäre es, hätte der Vater seine Söhne tatsächlich vorsätzlich getötet - und die immer mehr nach unten führt, je mehr sich der Verdacht gegen den Vater erhärtet, Zeugenaussagen über geäußerte Rachepläne gegen seine Frau auftauchen, die ihn verlassen hat und mittlerweile mit den Söhnen bei einem neuen Mann lebt. Zwischenzeitlich kommen aber immer wieder auch Zweifel auf, ja so etwas wie Mitleid und gar zaghafte Sympathie für den Angeklagten, je mehr er in die Ecke getrieben wird. Andererseits beteuern auch immer wieder Exfrau, Großeltern und andere Zeugen seine vermeintliche Unschuld. Die Tat ist gut dokumentiert, man kann im Internet nahezu jede Phase von der Bergung des Wagens bis zur Verurteilung verfolgen, sieht die drei Jungs lachend auf dem Sofa sitzen, sieht ihren überladenen Grabstein. Das Wissen, dass alles tatsächlich passiert ist, macht die Lektüre von „Drei Söhne“ noch beklemmender.
Helen Garner schaut genau hin, hört genau zu, beschreibt detailgenau die Prozessbeteiligten. Sie verhüllt auch nicht die Müdigkeit und den Überdruss, die die Zuhörer und Geschworenen von Zeit zu Zeit packen. Auch der Leser bleibt davon nicht ganz verschont, werden zum x. Mal die Markierungen der Reifenspuren oder die hypothetischen Lenkbewegungen diskutiert. Auch die dramatischen Gefühlsausbrüche aller Beteiligten, die sich in Tränenströmen und übergroßen Taschentüchern zeigen, berühren bald eher unangenehm. Das macht das Buch aber nur noch intensiver. Es ist fast, als säße man mit im Gerichtssaal, verfolge den Prozess genauso unmittelbar wie die Autorin. Trotz ihrer sachlichen, lakonischen Sprache, die aber immer wieder ins Persönliche kippt, mitunter auch sehr poetisch werden kann, packt Helen Garner mit ihrem Buch ungemein. Sie zieht ihre Leser ganz tief hinein in diesen unglaublichen Fall und verstört ihn nachhaltig. Dabei ist sie sich ihrer eigenen Zweifel und Einwände durchaus bewusst, handelt es sich doch bis zum Ende um einen reinen Indizienprozess.
Einerseits ist es die Tat, die sprachlos macht. Diese ungeheuerlich Erkenntnis, dass nicht nur kleinen, arglosen Kindern solch Entsetzliches angetan werden kann, sondern dass die Tat auch noch von dem Menschen verübt worden sein soll, der eigentlich für Schutz und Wohl der Kleinen erster Garant gewesen sein sollte. Es ist das Entsetzen, das einen jedes Mal von neuem angesichts solcher Taten packt. Ich jedenfalls werde das Bild dieser drei lachenden kleinen Jungs so bald nicht loswerden.
„Wenn ich mir erlaube, an Jai, Tyler und Bailey zu denken, wie sie in ihrem ruhigen Friedhof liegen und die goldenen Symbole von Bob dem Baumeister und den Bombers über sie wachen, dann stelle ich mir vor, wie ihre Familienangehörigen eifersüchtig toben: „Sie kennen sie gar nicht. Wie können Sie es wagen, von ihrer „Trauer“ zu sprechen?“
Es gibt aber kein anderes Wort, das zutrifft. Denn jeder Fremde trauert um sie. Jeder Fremde hat ihretwegen ein gebrochenes Herz. Das Schicksal der Kinder ist rechtmäßig auch unsere Angelegenheit. Wir haben sie zu beklagen. Jetzt sind wir alle Angehörige.“
Helen Garner ist mit „Drei Söhne“, im Original „This house of grief“, ein erschütterndes Buch gelungen, das noch sehr lange nachhallen wird. Großartig!

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40 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 8 Rezensionen

berlin, nachkriegsroman, london, tiergarten, besatzungszone

Zurück in Berlin

Verna B. Carleton , Ulrike Draesner , Verena von Koskull , Ulrike Draesner
Fester Einband: 391 Seiten
Erschienen bei Aufbau Verlag, 19.09.2016
ISBN 9783351036423
Genre: Romane

Rezension:

Auf einem nicht besonders komfortablen Passagierschiff trifft die Erzählerin, eine junge Amerikanerin, im Jahr 1956 auf ein britisches Paar, das sich nach einem Aufenthalt in der Karibik auf dem Heimweg nach London befindet. Das Schiff wimmelt von eher unangenehmen Mitreisenden, zudem ist es in der einfachen Klasse vollgestopft mit heimkehrenden Arbeitern. Die Erzählerin, die man durchaus mit der Autorin gleichsetzen kann, ist froh, als sie die sehr distinguierten, sympathischen und durch und durch britischen Devons kennenlernt. Allerdings scheint ein rätselhafter Schleier von Trauer über den Beiden und besonders über Ehemann Eric zu liegen. Nach einem Zusammenstoß mit dem impertinenten Deutschen Grubach kommt auch zutage, was ihm auf der Seele liegt. Er ist nämlich durchaus nicht so britisch wie er scheint, sondern ein deutscher Jude, Erich Dahlberg, der vor den Nazis in den Dreissiger Jahren nach England fliehen konnte. Seine Mutter konnte sich mit ihm retten (sie entstammte allerdings auch einer alten preußischen Familie), der Vater kam im Lager um. Eric selbst hat sich eine perfekte zweite Identität geschaffen, außer seiner Frau Nora weiß niemand von seinen Wurzeln. Zum einen weil er die Ablehnung seiner neuen Heimat fürchtet, zum anderen, weil er sein Herkunftsland wegen der in seinem Namen begangenen Gräuel und Untaten zutiefst hasst. Aber er leidet auch unter seiner verheimlichten Identität, die bei der Konfrontation mit dem selbstherrlichen Grubach aus ihm herausplatzt.
Die Erzählerin, ihrerseits auf dem Weg nach Berlin, spürt die Seelenqualen Erichs und folgt dem jungen Paar zunächst nach London. Sie kann die Beiden auch davon überzeugen, mit ihr zusammen nach Deutschland zu reisen, sich praktisch den Dämonen zu stellen und nebenbei Erkundigungen über Erichs Familie einzuholen. Ein wenig unglaubwürdig ist diese schnell entstandene, tiefe Freundschaft schon. Dennoch bildet dieser Erzählrahmen eine gute Konstruktion, die verhindert, dass der Roman in irgendeiner Form gefühlig oder sentimental wird. Er gleicht eher einer anteilnehmenden Reportage.
Darin erkennt man die Journalistin Verna Carleton, geborene von Kessler. Der deutsche Vater verließ die Familie allerdings früh, was ihm Verna nie verzieh und die deshalb seinen Namen mied und sich Carleton nannte. Aufgewachsen ist sie mit ihrer britischen Mutter in New York, lebte lange in Mexiko, wo sie intensiven Kontakt mit deutschen Exilanten pflegte. Sie war eine enge Vertraute der Fotografin Gisèle Freund, mit der sie 1957 eine ähnliche Reise wie ihre Erzählerin unternahm. Auch Gisèle Freund reiste zum ersten Mal in das Land, das die Jüdin Gisela Freund einst vertrieb. Viele Eindrücke, besonders die intensiven Schilderungen Berlins, aber auch das Einfangen der herrschenden Stimmung, der Geschichtsvergessenheit vieler Deutscher und der politischen Lage sind sehr gelungen.
"Irgendwann auf unserer bedrückenden Suche gelangten wir an den Potsdamer Platz, dieses Fadenkreuz der Besatzungsmächte, den zentralen Grenzpunkt zwischen Ost- und Westberlin. Touristen konnten ihn offensichtlich unbehelligt zu Fuß passieren, während Wachleute auf beiden Seiten jedes private Fahrzeug anhielten und nach Schmuggelwaren durchsuchten. (…) Da war sie, die vielbeschriebene geteilte Stadt, die Spaltung menschlicher Schicksale in zwei Welten, jede mit eigener Regierung, eigener Währung, eigener Gesellschaftsform. Es war offensichtlich, dass das auf Dauer nicht gut gehen konnte.“
Erich trifft auf rücksichtslose Deutsche, die schon wieder neue Herrschaftsträume träumen, auf Mitläufer, aber auch auf Opfer des NS-Regimes und solche, die sich einfach weggeduckt haben. Die Schilderungen sind manchmal ein wenig plakativ, besonders wenn es um den „hässlichen Deutschen“ geht. Da ist Carleton oft nicht sehr differenziert. Aber dieses Buch ist eben auch 1959 entstanden, da waren die Wunden des Krieges noch sehr frisch.
Literarisch ist der Roman recht schlicht gebaut, gleicht wie gesagt oft eher einer Reportage als einem durchkomponierten Roman. Als Zeitzeugnis, als Auseinandersetzung mit der sicher für viele Exilanten sehr problematische Rückkehr in ihr Herkunftsland und auch der Ablehnung, die ihnen von vielen Deutschen entgegenschlug, die sie als „Feiglinge“, vielleicht sogar „Verräter“ bezeichneten, ist das Buch aber beeindruckend. Und die Schilderungen des kriegszerstörten Berlins sehr atmosphärisch. Auch Erich muss schließlich erkennen, dass er die Situation und die zurückgebliebenen Menschen in seiner Verbitterung oft nicht richtig eingeschätzt hat. Tatsächlich gestalten sich manche Situationen, wenn man tief in ihnen drin steckt, anders, als man von „außen“ beurteilen kann. Dahingehend zeigt der Roman nicht nur Schwarz oder Weiß, auch wenn er ein klares Urteil fällt.
Insgesamt gesehen eine sehr interessante und lohnende Wiederentdeckung (zuerst 1962 in Deutschland erschienen).

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35 Bibliotheken, 2 Leser, 0 Gruppen, 7 Rezensionen

shakespeare neuerzählt, shakespeare, literatur, theater, roman

Hexensaat

Margaret Atwood , Brigitte Heinrich
Fester Einband: 280 Seiten
Erschienen bei Knaus, 17.04.2017
ISBN 9783813506754
Genre: Romane

Rezension:

„Die Arbeit an diesem Buch hat mir ein großes Vergnügen bereitet (…)“ verrät Margaret Atwood in ihrem Dank am Ende von „Hexensaat“. Man glaubt es gerne, sprüht dieser Roman doch vor Einfällen, schrägen Ideen und genialen Transformationen von Motiven aus der Welt Shakespeares.
Zur Erinnerung: Die englische Hogarth Press bat anlässlich des 400. Geburtstags William Shakespeares namhafte Autoren um eine Umsetzung eines von ihnen zu wählenden Stücks des großen Dramatikers. Daraus entstand „The Hogarth Shakespeare Project“, das auf Deutsch im Knaus Verlag veröffentlicht wird und in dem bereits Adaptionen von Jeanette Winterson („Der weite Raum der Zeit“), Howard Jacobson („Shylock“) und Ann Tyler („Die störrische Braut“) erschienen sind.
Die kanadische Autorin Margaret Atwood wählte für sich „The Tempest“, den „Sturm“ aus.
Zugleich frei und doch sehr eng an der Vorlage siedelte sie das Geschehen im zeitgenössischen Ontario an. Der geniale Kniff ist hierbei das „Stück im Stück“, denn Atwood lässt uns die Inszenierung, Einübung und Aufführung von „The Tempest“ mitverfolgen. Es ist aber keine x-beliebige Aufführung. Ihr Regisseur, Felix Phillips, der das Drama in einer Justizvollzugsanstalt im Rahmen eines Resozialisierungsprogramms inszeniert, ist seinerseits ein moderner Prospero, der damit auch seine eigenen Rachepläne verfolgt.
Wir erinnern uns: In Shakespeares romantischem Stück, in dem es von Zauberern, Hexen, Elfen und Trollen nur so schwirrt, wurde der Herzog von Mailand, Prospero, seinerseits zaubermächtig und nach dem Tod seiner geliebten Frau alleinerziehender Vater der kleinen Tochter Miranda, von seinem intriganten Bruder Antonio entmachtet und in einem klapprigen Kahn aufs Meer verbannt. Prospero und Miranda können sich auf eine einst von der Hexe Sycorax bewohnte Insel retten, auf der immer noch deren missgestalteter Sohn Caliban haust. Ariel, ein Luftgeist, ist Prospero dort zu Diensten und so leben die beiden lange Jahre dort recht friedlich, auch wenn Prospero finstere Rachepläne schmiedet. Lediglich Calibans angeblich gewaltvolles Begehren gegenüber der heranwachsenden Miranda muss Prospero Einhalt gebieten, indem er diesen einsperrt und versklavt. Eines Tages werden Schiffe mit Bruder Antonio, König Alonso von Neapel und dessen Sohn Ferdinand vor der Insel gesichtet. Prospero, der seinen Tag der Rache gekommen sieht, entfesselt einen Sturm und lässt die Schiffe zerschellen, die Besatzung auf seiner Insel stranden. Wie bei Shakespeare gewohnt kommt es nun zu allerlei Verwicklungen und Konflikten, am Ende löst sich aber, wie in seinen Komödien üblich, alles zum Guten.
Wunderbar ist es nun der Entwicklung dieses Theaterstücks mit der ungewöhnlichen Theatergruppe zu folgen. Originelle Inszenierungsideen wechseln mit tiefgründigen Einblicken in das Geschehen im Stück. Originell ist zum Beispiel die „Lehreinheit“ Was geschieht danach? Was passiert mit den Protagonisten, nachdem das Schiff von der Insel fortgesegelt ist? Ein wenig sitzt der Leser mit am Seminartisch, das ist sehr erhellend, aber auch sehr amüsant.
Aber auch außerhalb des Stückes verkörpert Regisseur Felix Philipps seine Prospero-Figur, das wird kaum verhüllt, seine kleine Tochter, die mit drei Jahren an Hirnhautentzündung verstarb, ihre Mutter war da auch noch nicht lange im Grab, hieß Miranda. Auch Felix wurde von seinem Kollegen Anthony (!) unsanft aus seiner Intendantenrolle bei einem Theaterfestival verdrängt. Nach seinem Rückzug in Trauer und Eremitentum in einer heruntergekommenen Hütte in der Provinz Ontario leitet er nun seit einigen Jahren dieses Theaterprojekt. Und wie dem Shakespeareschen Prospero kommt auch für ihn der Moment der Rache, als seine alten Widersacher, mittlerweile in der Politik erfolgreich, die von ihm inszenierte Tempest-Aufführung zu Wahlkampfzwecken besuchen wollen. Seine Rachepläne sind ein wenig enttäuschend, als sie dann endlich offenbar werden, ein wenig vorhersehbar und auch reichlich unglaubwürdig. Aber wir befinden uns mit ihnen in einem Umfeld der Fabelwesen, in dem Luftgeister und Trolle ihr Wesen oder Unwesen treiben, Mirandas Geist stets um ihren Vater herum ist und Zauber in der Luft liegt. Und so kann Felix nicht nur seine Ehre wieder herstellen und seinen Feinden ordentlich in den Karren fahren, sondern auch das Theaterprojekt langfristig sichern und seinen „Knastbrüdern“ manch Hafterleichterung verschaffen. Vielleicht kann er sich nun auch endlich von seiner Trauer um Miranda lösen. Und: wartet da nicht sogar eine neue liebe?
Margaret Atwood jongliert bis zum Schluss aufs Schönste mit ihren Ideen, wirbelt die Motive umher, verflicht sie miteinander, schafft neben der zweiten mindestens auch noch eine dritte Ebene, auf der man das Geschehen betrachten kann, spielt mit großem Vergnügen mit der Sprache, reimt, rappt und flucht, dass es das Zeug hält, alles in schönster Shakespeare-Manier. (Ein besonderes Vergnügen ist es bestimmt, diesen Roman im englischen Original zu lesen) Das macht bis zum Ende einen Riesenspaß und ist zugleich eine ehrerbietige Verneigung vor dem großen englischen Barden. Zugleich kommt mit Felix großer Trauer um seine kleine Tochter, mit seinem Festhalten, der Schwierigkeit, sie loslassen zu können auch ein zartes, trauriges und berührendes Motiv ins Buch. Wunderbar, Mrs. Atwood! Sie sind eine hurensohnmäßig gute Schriftstellerin!

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6 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 3 Rezensionen

kriegsenkel, kriegskinder, vergangenheitsbewältigung, verdrängen, familiengeheimnisse

Hinter den Türen warten die Gespenster: Das deutsche Familiendrama der Nachkriegszeit

Florian Huber
Fester Einband: 352 Seiten
Erschienen bei Berlin Verlag, 01.03.2017
ISBN 9783827013316
Genre: Sonstiges

Rezension:

Im Dritte Reich galt die Familie als die „Keimzelle des Volkes“. Sie wurde idealisiert, kontrolliert und indoktriniert. Aber was blieb von ihr übrig nach dem Zusammenbruch? Welche Spuren hinterließen die Jahre der nationalsozialistischen Herrschaft? Und wie lange wirkten diese Einflüsse fort? Vielleicht sogar bis in unsere heutige Zeit?
Spannende Fragen, die in etlichen wissenschaftlichen und populärwissenschaftlichen Werken, in unzähligen literarischen Texten und – in neuerer Zeit besonders beliebt – in bestimmten TV-Formaten diskutiert wurden und werden. Spannende Fragen, da sie zumindest die in den Vierziger bis Siebziger Jahren Geborenen direkt betreffen. Sind sie doch alle in Familien groß geworden, die von den Auswirkungen der Jahre 1933 bis 1945 (und gewiss etlicher Jahre davor und danach), geprägt wurden, sei es als Söhne und Töchter, sei es als Enkelkinder. Meist wurde in den Familien über diese Zeit zu wenig oder aber auch zu viel, aber das Falsche erzählt (die heldenhaften Kriegserlebnisse, augenfeuchte Bekenntnisse zur alten Kameradschaft oder die Mär vom gloriosen Autobahnbau). Aber in den Fotoalben begegneten wir ihnen, den schneidigen Soldaten in ihren Ausgehuniformen, die beim Weiterblättern auf den Fotos plötzlich fehlen oder aber kaum wiederzuerkennen, abgemagert, ausgemergelt, mit einem merkwürdigen Ausdruck in den Augen uns entgegenblicken. Was passiert in den Familien mit solchen Leerstellen oder aber mit solch gebrochenen Menschen in ihrer Mitte.
Dieser Frage versucht Florian Huber in seinem Buch „Hinter den Türen warten die Gespenster“ nachzugehen. Er tut das auf seine Art – er ist Historiker aber auch TV-Filmproduzent. Man kennt die Formate, in denen Zeitzeugen in Erinnerungsschnipseln, untermalt mit raunender Erzählerstimme und suggestiver Musik zusammengeschnitten werden zu einem „Zeitpanorama“. Hier geschieht das Gleiche in Textform. Verschiedene Familien werden anhand von Tagebuchaufzeichnungen, Briefen, Gesprächen vom Kriegsende bis in die Sechziger Jahre und darüber hinaus betrachtet.
Schwerpunkte werden gelegt bei den Frauen, die den Alltag während des Krieges, das Überleben und die Versorgung der Kinder im Alleingang bewältigen mussten und auch den größten Teil des Wiederaufbaus schulterten; bei den Kindern, die ihre Väter kaum kannten, die durch die Übertragung verantwortungsvoller Aufgaben frühzeitig erwachsen und selbstständig wurden und oft zur Mutter eine besondere Beziehung aufbauten; und natürlich bei den Männern, durch die Kriegserlebnisse zu hohem Maße traumatisiert, enttäuscht und verbittert, in den Nachkriegsgegebenheiten völlig orientierungslos, umso mehr, je später sie heimkehrten, verunsichert in ihrer Rolle als Familienoberhaupt. Diese Gruppen trafen nun aufeinander und sollten eine „heile“ Familie bilden, gerade in Notzeiten Sehnsuchtsort für viele. In den meisten Fällen klappte das nicht so reibungslos, reagierten die Väter mit übertriebener Strenge, mit Aggressionen und oftmals Gewalt und entfremdeten sich so von Kindern und Ehefrauen. Die Scheidungsrate stieg dramatisch.
Die Sachverhalte sind, wenn auch hinlänglich bekannt, sehr interessant. Zumindest zu Beginn gelingt es Florian Huber aber nicht, ein wirklich schlüssig aufgebautes Ganzes daraus herzustellen. Die herangezogenen Quellen wirken zu beliebig, die Konstruktion, wenn auch chronologisch aufgebaut, nicht ganz schlüssig und vor allem die (auch sprachliche) Darstellung zu boulevardesk. Ab der Mitte des Buches wird dies besser. Besonders gut ist der Autor, wenn er sich von den Einzelquellen etwas wegbewegt und Gesamtzusammenhänge herstellt. Da wird das Buch dann auch relevant. Das ist leider bei der Zitierung der Quellen oft nicht der Fall. Wenn er zum Beispiel Heinrich Bölls „Haus ohne Hüter“ heranzieht, wird deutlich, um wie viel aufschlussreicher die Lektüre des Originalwerks für die Thematik wäre. Ähnlich geht es mit Wolfgang Borcherts „Draußen vor der Tür“ oder Angelika Senffts „ „. Huber hat den von ihm zusammengetragenen Zeitzeugnissen zu wenig zuzufügen. Und für eine bloße Zusammenfassung sind seine fast 350 Seiten zu viel. Da kommt es zu etlichen Redundanzen.
Wie gesagt, das Buch steigert sich ab der Mitte deutlich und bietet dann auch einige spannende Aspekte. Insgesamt aber verspielt es leider ein wichtiges Thema und kommt über das Niveau einschlägiger TV-Formate nicht hinaus.

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21 Bibliotheken, 3 Leser, 1 Gruppe, 2 Rezensionen

Sie kam aus Mariupol

Natascha Wodin
Fester Einband: 368 Seiten
Erschienen bei Rowohlt , 17.02.2017
ISBN 9783498073893
Genre: Biografien

Rezension:

Der diesjährige Preis der Leipziger Buchmesse ging an Natascha Wodin. In meinen Augen völlig zurecht, hat mich doch seit langem kein Buch mehr so durchgerüttelt und aufgewühlt wie „Sie kam aus Mariupol“.
Das Buch kreist um eine große Leerstelle in Wodins Leben – ihre Mutter. 1956, die Autorin war gerade zehn Jahre alt, die kleine Schwester vier, nahm sich diese das Leben, indem sie sich bei Forchheim in den Fluss Regnitz stürzte. Der Vater, ein dem Alkohol und der Gewalt zugeneigter Mann kam mit den Kindern wohl allein nicht zu Rande. Man weiß es nicht nach Lektüre des Buches, denn das Buch ist keine Autobiografie, die Autorin nimmt sich sehr zurück, erzählt nur sehr am Rande über sich und dann völlig ohne Sentimentalität. Fakt ist (und das kann man in ihrer Biografie nachlesen), dass sie in einem katholischen Mädchenheim groß wurde. Über die Schwester, der das Buch gewidmet ist, erfährt man nichts weiter. Das Buch ist nichts weniger als eitel, selbstreferentiell oder voyeuristisch. Auch nur durch ihre Biografie erfährt man, dass auch Obdachlosigkeit und eine äußerst schwierige Ehe mit dem Schriftsteller Wolfgang Hilbig zu Wodin Lebensweg gehörten.
Sicher kein einfaches Leben, und es begann auch nicht einfach, 1945 in einem Lager für „Displaced Persons“ in Fürth. Dorthin sind die Eltern vor den herannahenden russischen Truppen aus Leipzig geflüchtet. Später wird die Familie in einem elenden Schuppen einer Fabrik hausen, abhängig vom guten Willen des Fabrikbesitzers und nur bis sie schließlich im gefürchteten Lager Valka in Nürnberg landen. Dort sind die Lebensbedingungen nur wenig besser als in den Lagern, die sie schon hinter sich haben. Aber davon weiß die Tochter noch nichts. Und wird es lange nicht wissen.
Denn erstens wird in der Familie Wodin, wie typischerweise in fast allen Familien in der Nachkriegszeit nicht über die Vergangenheit gesprochen. Zu schmerzlich, zu zerstörerisch. Und zweitens hat Natascha schon als Kind nur einen Wunsch: Raus aus dieser Familie, die für sie zu „einer Art Menschenunrat gehörte, zu irgendeinem Kehricht, der vom Krieg übriggeblieben war“. Von den Mitschülern verachtet und gequält hasst sie schon früh ihre russischen Wurzeln und will mit ihnen nichts zu tun haben. Stattdessen erfindet sie sich eine „Traumfamilie“ mit fürstlichen Wurzeln. Später wird sie immer wieder darüber staunen, wie nah sie ihrer tatsächlichen Herkunft damit war.
Zunächst weiß Natascha Wodin aber tatsächlich fast nichts über ihre Familie und ihre Mutter. Zwei verblichene Fotografien sind das einzige, was ihr geblieben war. Und ein paar undeutliche Erinnerungen. „Sie kam aus Mariupol.“ Und war Jahrgang 1920.
Vielleicht lag es an der friedlichen Atmosphäre ihres Schreibdomizil am Schaalsee in Mecklenburg-Vorpommern, dass sie doch noch einmal einen Versuch startet und den Namen ihrer Mutter, Jewgenia Jakowlewa Iwatschenko, in eine russische Internetsuchmaschine eintippt. Und zu ihrem großen Erstaunen erhält sie einen Treffer auf einer Seite namens „Azov´s Greeks“, die sich mit den griechisch-stämmigen Bewohnern des Asowschen Meeres befasst. Und noch einmal hat sie Glück und findet in dem Ahnenforscher Konstantin einen nahezu besessenen Anwalt ihrer Sache.
Und nun wird der Leser Zeuge einer Spurensuche, bei der beharrliches Graben gepaart mit etwas Glück tatsächlich nach und nach Nataschas Familie zutage fördert. Verarmter Aristokratie und großbürgerlicher Kaufmannsfamilie italienischer Abstammung entstammten die Großeltern, deren wohlhabender Lebensstil in den Wirren der russischen Revolution unterging. Sogar noch lebende Verwandte, eine Cousine in Kiew und ein Cousin in Miass werden gefunden und können von Onkel Sergej, einem Opernsänger, und Tante Lidia, einer nach Sibirien verbannten „Abweichlerin“ berichten. Letztere rückt zunehmend in den Fokus, da Wodin deren Memoiren zu lesen bekommt.
Der erste Teil des Buches, der die zunehmend spannende Recherche umfasst, macht nun einem zweiten Teil Platz, der den erschütternden Aufzeichnungen Lidias gewidmet ist. Wodin berichtet von den unglaublich gewaltvollen Tagen der Revolution, den Zeiten der stalinistischen Säuberungen und dem Elend, das für das Volk folgte. Hunger ist durch die gesamten Schilderungen hindurch stets präsent, auf von der grauenvollsten Art. Aber auch das Ausmaß der puren Zerstörung erschüttert nachhaltig. Nicht nur das von kulturellen Gütern und Lebensressourcen, sondern natürlich vor allem das von unzähligen Leben. Von Wodins Mutter ist in diesen Aufzeichnungen kaum die Rede, der Altersunterschied zur Schwester war einfach zu groß. Erwähnt wird nur, dass deren Mutter zu Beginn des Zweiten Weltkriegs auf dem Weg zu Lidia verschwand. Wodins Mutter blieb allein zurück.
Über ihr Leben, auch im nun folgenden dritten Teil, der die Kriegsjahre umfasst, in denen sich ihre Eltern kennenlernten, heirateten und als Zwangsarbeiter nach Deutschland gingen (ob unter Gewalt oder sogar freiwillig, mit dieser Frage hadert die Autorin), kann Natascha nur Mutmaßungen anstellen. Sie imaginiert sich in ihre Mutter hinein, versucht zu erspüren, wie es hätte sein können, wie sich der harte Lageralltag, als Ostarbeiter kaum über den jüdischen Häftlingen stehend, angefühlt haben könnte. Es ist ein besonderes Anliegen der Autorin, auf diese Zwangsarbeiterschicksale aufmerksam zu machen. Fassungslos steht sie vor der Zahl 42500, die die geschätzte Anzahl von Lagern im gesamten deutschen Machtbereich angibt.
„Unendliche Massen namenloser Menschen, die es nur als Zahlen gibt. Jeder von ihnen ist meine Mutter.“
und
„Die Überlebenden der Konzentrationslager hatten Weltliteratur hervorgebracht, Bücher über den Holocaust füllen Bibliotheken, aber die nicht-jüdischen Zwangsarbeiter, die die Vernichtung durch Arbeit überlebt hatten, schwiegen.“
Erst im nun folgenden vierten Teil, der sich mit der Nachkriegszeit beschäftigt, kann die Autorin auf eigenes Erinnern zurückgreifen und dieses ihren Recherchen, der Rekonstruktion und dem Nachfühlen hinzufügen.
Es ist ein Leben mitten im Grauen des blutrünstigen 20. Jahrhunderts, das so vor den Augen des Lesers entsteht. Es gibt da keine Ruheinseln, keine Erholungsphasen, keine glücklichen Momente, auch wenn es sie irgendwo gegeben haben muss. Der Sturm der Geschichte hat sie zumindest in der Rückschau hinweggefegt. Angesichts dieser Vergangenheit und der ablehnenden, ja feindlichen Haltung, die den Überlebenden, den Geflohenen im Nachkriegsdeutschland entgegenschlug, kann man die Verzweiflung der Mutter, die dann 1956 im Selbstmord mündete, die gewaltbereite, der Trunksucht zuneigende Art des Vaters, der in diesem Buch fast gar nicht vorkommt, zunehmend verstehen.
Auch wenn die Fakten natürlich bekannt sind, sind solche Bücher wie „Sie kam aus Mariupol“ gerade heute wieder so wichtig, wo wieder Abgrenzung, "Überfremdung", Homophobie und Hassparolen öffentliche Themen sind und eine zunehmend lässige Haltung gegenüber so Dingen wie Menschenrechte, Toleranz, Völkerverständigung und Humanismus eingenommen wird. Solchen Entwicklungen schreit dieses Buch entgegen: „Nein! Nie wieder!“. Nur Chaos, Zerstörung, unsagbares Leid und unzählige Tode sind aus den Ideologien des 20. Jahrhunderts entstanden. Und niemand konnte sich zuvor vorstellen, wie grundlegend seine Welt dadurch zerstört werden würde. Bücher wie das vorliegende können dazu beitragen, dass man es sich vorzustellen vermag. Und dass Dinge wie Demokratie, Freiheit, Toleranz und Frieden so unbedingt wertzuschätzen sind, wie sie es verdienen. Die große Geschichte herunterbrechen auf einzelne konkrete Schicksale, sie dadurch erfahrbar, erfühlbar machen, das ist Natascha Wodin auf eindrückliche Weise gelungen.

Und nicht zuletzt ist „Sie kam aus Mariupol“ auch ein ganz großartiges Buch.


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18 Bibliotheken, 2 Leser, 0 Gruppen, 5 Rezensionen

usa, england

Ich bin niemand

Patrick Flanery , Reinhild Böhnke
Fester Einband: 400 Seiten
Erschienen bei Blessing, 06.03.2017
ISBN 9783896675781
Genre: Romane

Rezension:

Seit Präsident Trumps Amtsantritt führen altbekannte Dystopien die Bestsellerlisten an: George Orwells „1984“, Aldous Huxleys „Schöne neue Welt“, Sinclair Lewis „Das ist bei uns nicht möglich“. Gerade auch das Thema Überwachung, Gedankenfreiheit, Wahrheit scheint die Menschen umzutreiben. Dabei waren wir gerade dabei, uns an ständig steigende Überwachung, zunehmende digitale Kontrolle und Cyberkriminalität zu gewöhnen. In schleichenden Dosen wurden Hackerangriffe, Daten- und Identitätsklau und Bespitzelung zu zwar gefürchteten, aber mehr oder weniger unabwendbaren Begleiterscheinungen unserer digitalisierten Gegenwart. Man kann schon leicht paranoid werden, wenn man mit Zugriffen über die eigene Webcam oder die Überwachung von Bewegungsprofilen denkt.
Auch der Protagonist von Patrick Flanerys Roman „Ich bin Niemand“ fürchtet zunehmend, unter Paranoia zu leiden. Zunächst ist es eine nicht eingehaltene Verabredung mit einer seiner Studentinnen, die den Geschichtsprofessor Jeremy O´Keefe verstört. Denn anscheinend hat er selbst diese Verabredung per email abgesagt, kann sich aber partout nicht daran erinnern. Das ist aber nur der Anfang einer Reihe von seltsamen Vorgängen, die ihn und seine Familie zunehmend verunsichern. Doch ärztliche Untersuchungen geben keinerlei Hinweis auf Demenz oder andere psychische Erkrankungen. Nur ganz allmählich kommt Jeremy der Verdacht, dass seine Vergangenheit der Schlüssel zu allem ist. Nur zögerlich nähert er sich seinen zehn Jahren als Professor in Oxford, in das er 2001 quasi geflohen ist, nachdem seine Ehe zerbrochen und seine befristete Anstellung an der Columbia University nicht verlängert wurde. In Oxford hatte er Kontakt zu einem zwielichtigen Kollegen, der scheinbar als Agent tätig gewesen war, und zu einer ägyptischen Studentin, deren Bruder in islamistischen Kreisen verkehrte.
Die Bedrohung durch allumfassende persönliche Überwachung in digitalisierten Zeiten ist genauso ein Thema wie die wachsende Angst vor dem Terror und die befürchtete Bedrohung durch muslimische Mitbürger – brandaktuelle Themen also. Genauso beschäftigt sich der Roman aber mit Verdrängung und Erinnern.
Das von Flanery gewählte Erzähltempo ist niedrig. Dadurch nimmt er dem Roman die Möglichkeit, durch Rasanz zu fesseln, erhöht aber die Ernsthaftigkeit und Genauigkeit, mit der er sich seinen Themen annimmt. Erzählt wird in einer Art Beichte O´Keefes, die an ein nicht näher gefasstes Publikum gerichtet ist. Er spricht diese hin und wieder an, „wer immer dies auch lesen wird“, greift vor, deutet an. Größtenteils gelingt es dem Autor, seinen Leser dadurch zu fesseln. Nur der Protagonist Jeremy bleibt trotz der Ich-Perspektive und der Tatsache, dass er der Mittelpunkt der Geschichte ist, seltsam blass, wie übrigens auch das restliche Personal. Dass er zufällig als Spezialist für die Stasi-Vergangenheit der einstigen DDR praktisch Spezialist in Sachen Überwachung und Bespitzelung ist, erscheint zudem nicht gerade glaubwürdig. Das ist ein wenig schade, enthält der Roman doch so manche interessante Gedanken und verhandelt ein spannendes Thema.

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104 Bibliotheken, 2 Leser, 1 Gruppe, 58 Rezensionen

alter, liebe, einsamkeit, roman, kent haruf

Unsere Seelen bei Nacht

Kent Haruf , Pociao
Fester Einband: 208 Seiten
Erschienen bei Diogenes, 22.03.2017
ISBN 9783257069860
Genre: Romane

Rezension:

Eine kleine Geschichte. Auf knapp 200 sehr luftig bedruckten Seiten erzählt der 2014 mit 71 Jahren verstorbene amerikanische Autor Kent Haruf von zwei älteren, verwitweten Menschen, die der Einsamkeit entkommen möchten. Der Roman erschien posthum und es ist berührend zu wissen, dass Haruf wohl von seinem baldigen Sterben wusste, während er ihn schrieb.

Es ist die Geschichte von Addie und Louis, seit langer Zeit Nachbarn, nun beide Anfang 70 und eigentlich ganz gut eingerichtet in ihr Leben, zumindest nach außen hin. Beide sind anfangs unsicher, doch bald merken sie, wie gut ihnen diese Zweisamkeit tut, auch wenn die Gerüchte und Tuscheleien in der kleinen Gemeinde Holt, irgendwo in der Weite Colorados, hochkochen. Sie leben ein harmonisches, ruhiges, einfaches Zusammensein, auch als Addies Enkel Jamie, dessen Eltern sich gerade getrennt haben, bei der Großmutter für einige Zeit „geparkt“ wird. Fast ein Idyll, das letztendlich aber an der Kleingeistigkeit und Intoleranz, nicht der Öffentlichkeit, nein der eigenen Familie scheitert.ss Haruf wohl von seinem baldigen Sterben wusste, während er ihn schrieb.


Es ist die Geschichte von Addie und Louis, seit langer Zeit Nachbarn, nun beide Anfang 70 und eigentlich ganz gut eingerichtet in ihr Leben, zumindest nach außen hin. Beide haben ihre langjährigen Ehepartner verloren, die Kinder leben schon geraume Zeit ihr eigenes Leben fern des Elternhauses. Einsamkeit ist da ein häufig einkehrender Gast. Doch warum eigentlich? Addie fasst sich eines Tages ein Herz, klingelt bei Louis und macht ihm einen ungewöhnlichen Vorschlag: Warum nicht fortan die Nächte, in denen der Schlaf so zögerlich kommt, gemeinsam verbringen, im selben Bett schlafen, reden, sich nah sein. Um Sex geht es (zumindest zu Beginn) nicht.

Beide sind anfangs unsicher, doch bald merken sie, wie gut ihnen diese Zweisamkeit tut, auch wenn die Gerüchte und Tuscheleien in der kleinen Gemeinde Holt, irgendwo in der Weite Colorados, hochkochen. Sie leben ein harmonisches, ruhiges, einfaches Zusammensein, auch als Addies Enkel Jamie, dessen Eltern sich gerade getrennt haben, bei der Großmutter für einige Zeit „geparkt“ wird. Fast ein Idyll, das letztendlich aber an der Kleingeistigkeit und Intoleranz, nicht der Öffentlichkeit, nein der eigenen Familie scheitert.

Kent Haruf ist mit großer Sympathie und Empathie bei seinen Figuren. Er erzählt mit Ruhe und Leichtigkeit vom alltäglichen Glück und Unglück ganz normaler Menschen. Er tut das sehr zurückhaltend, zart und leicht melancholisch. Zum Glück wird das Buch niemals kitschig oder pathetisch. Das Thema, das Thema, die Suche nach Glück und Gemeinsamkeit, ein selbstbestimmtes Leben auch im Alter, wird überaschend selten verhandelt in Romanen, spricht den Leser an. Das merkt man den sehr wohlwollenden bis begeisterten Kritiken an.

Mir war das dennoch nicht genug. Die sehr reduzierte Sprache, die sich zum großen Teil in einfachen Beschreibungen alltäglicher Handlungen oder simplen Dialogen erschöpft, war mir auf Dauer genauso zu wenig wie die Ausgestaltung und letztlich Auflösung der Thematik. Vieles wird einfach nur beschrieben, bleibt äußerlich, spröde und gedämpft. Das vermeidet den Kitsch, für mich aber auch die echte Anteilnahme.

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Die Rückkehr

Hisham Matar , Werner Löcher-Lawrence
Fester Einband: 288 Seiten
Erschienen bei Luchterhand, 27.02.2017
ISBN 9783630874227
Genre: Romane

Rezension:

Hisham Matar ist ein aus Libyen stammender, in London lebender Autor. Sein 2006 erschienener Roman „Im Land der Männer“ wurde für die Shortlist des Man Booker Preises nominiert.
Sein Vater Jaballa Matar stammte aus einer einflussreichen Familie. Zunächst Gaddafis Putsch und der damit verbundenen Hoffnung auf einen modernen freiheitlich-sozialistischen Staat durchaus positiv gegenüber stehend, arbeitete dieser für die libysche Delegation bei den Vereinten Nationen in New York, wo Hisham 1970 zur Welt kam. 1973 zurückkehrend, entwickelte sich der Vater zunehmend zu einem der erbittertsten Oppositionellen. Zeitweise unterhielt er im benachbarten Tschad eine bewaffnete „Rebelleneinheit“. 1979 musste die Familie daraufhin zunächst nach Kenia und dann ins ägyptische Exil fliehen. Durch seine weitreichenden Beziehungen und das Vermögen, das er sich mit Importgeschäften verdient hatte, war er nicht nur einflussreich, sondern konnte seiner Familie auch ein finanziell recht sorgloses Leben bieten. Bereits 1975 ging Hisham wie sein Bruder Zaid zur Ausbildung nach London. 1990 wurde der Vater Jaballa vom libyschen Geheimdienst aus Ägypten entführt, wobei der ägyptische Staat unrühmlich Beihilfe leistete.
Jaballa Matar verschwand wie einige seiner Familienangehörigen im berüchtigten Gefängnis Abu Salim in Tripolis. Kamen bis 1995 noch gelegentlich geschmuggelte Briefe oder Nachrichten bei der Familie an, brach danach jeglicher Kontakt ab. Jaballa Matar verschwand einfach. Jegliche Versuche der Kontaktaufnahme, der Anfragen, diplomatischer Interventionen scheiterten. Besonders tragisch, da 1996 nach einer Gefängnisrevolte ein Massaker stattfand, dem 1200 Gefangene zum Opfer fielen. Das Schicksal Jaballas blieb weiter im Dunkeln.
Ein Trauma, dass Hisham Matar und seine ganze Familie bis in die Gegenwart verfolgt.
2011 wurde die Verhaftung des Anwalts Fathi Tabil, der Angehörige der bei dem Massaker erschossenen Gefangenen vertrat und den darauffolgenden Kundgebungen Tausender zu einem der Auslöser für den Bürgerkrieg. Verwandte Hisham Matars kamen frei, aber der Vater blieb verschollen.
Wie quälend diese Ungewissheit für die Familie ist, wie anstrengend und manchmal absurd die jahrelangen Bemühungen um Aufklärung, zunächst im Umkreis Gaddafis und dessen in London lebenden Sohn Saif waren, wie nah Hisham selbst eines Abends in Paris der Selbsttötung aus Verzweiflung war, wie die Suche nach dem Vater mehr und mehr zur Obsession wurde, sein Privatleben bedrängte und ihm wichtige Ressourcen nahm, beschreibt der Autor auf sehr eindringliche Art und Weise. Aufhänger ist die Reise nach Libyen, mit Mutter und amerikanischer Ehefrau 2012, nach Gaddafis Sturz. Das Zusammentreffen mit Familienmitgliedern, Weggefährten und alten Freunden des Vaters, das Widersehen mit den Orten der Kindheit, all das schildert Matar auf sehr berührende Weise. Dabei blickt er immer wieder zurück, rekonstruiert mit Hilfe von Aussagen die vermeintlich letzten Jahre, Tage und Stunden des Vaters. Lässt nur zögernd die Gewissheit über seinen Tod zu. Ein Rest Hoffnung bleibt.
Hier schreibt ein Autor von einer tiefen, lebenslangen Erschütterung. Auch der Leser bleibt erschüttert zurück.

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Die große Heimkehr

Anna Kim
Fester Einband: 558 Seiten
Erschienen bei Suhrkamp, 15.01.2017
ISBN 9783518425459
Genre: Romane

Rezension:

„Die große Heimkehr“, unter diesem Schlagwort warb die Demokratische Volksrepublik Korea, also Nordkorea, in den Fünfziger und Sechziger Jahren massiv und nicht immer ohne Zwang für die Rückkehr von Exilkoreanern. Besonders an den wohlhabenden unter ihnen und den gut ausgebildeten war man interessiert, mussten doch erstere ihr Vermögen abgeben und konnte man doch letztere für den wirtschaftlichen Aufschwung gut gebrauchen. Wenn man aber eines aus Anna Kims Roman lernt, dann, dass in der wechsel- und auch oft leidvollen Geschichte Koreas wenig Verlass war auf das, was die „Oberen“ ihrem Volk versprachen, sei es im Kaiserreich oder der Republik, sei es im Norden oder Süden. Selten stand das Wohl der Bevölkerung im Vordergrund, meist war sie nur Verschiebemasse für die Interessen der unterschiedlichen Herrschenden.

Das war so im völlig abgeschotteten chinesischen Protektorat bis 1875, das blieb so im nach dem japanischen Sieg über China 1895 konstituierten Kaiserreich, in der langen japanischen Besatzungszeit seit dem russisch-japanischen Krieg 1905 und änderte sich auch nicht nach der japanischen Niederlage 1945. Immer zerrieben zwischen den unterschiedlichen Interessen ausländischer Mächte, von den „Siegermächten“ Sowjetunion und USA nach der Kapitulation Japans willkürlich entlang des 38. Breitengrad zunächst in zwei Besatzungszonen geteilt, standen sich bald zwei unversöhnliche Staaten gegenüber. Schon immer war Korea und seine Bevölkerung gnadenlos ausgebeutet, vieler Ressourcen und Menschen beraubt worden. Während des Zweiten Weltkriegs gingen Hunderttausende zum Teil freiwillig, meist aber als Zwangsarbeiter aus der „Provinz“ Chōsen hinüber nach Japan. Die Zahl dieser „Zainichi“ stieg zeitweilig auf über zwei Millionen. Die meisten von ihnen kehrten zurück, viele blieben aber auch, vor allem in der Umgebung von Osaka. Zumal ihr Heimatland in Bürgerkrieg und Koreakrieg 1950-1953 verwüstet und stets von auf beiden Seiten äußerst fragwürdigen Systemen regiert wurde.

Die meisten dieser Eckdaten sind bekannt, aber dennoch ist es erschütternd zu lesen, wie sehr Korea stets Spielball fremder Mächte war, wie rigide jahrhundertelang die Bevölkerung unterdrückt, belogen und mit Propaganda überschüttet wurde, wie Korruption, Denunziation, Terror und Gewalt herrsch(t)en, sei es unter der japanischen „Gedankenpolizei“, den südkoreanischen Autokraten Syngman Rhee und Park Chung-hee oder dem „Großen Führer“ Kim Il Sung im kommunistischen Norden. Der Leser erfährt, wie die koreanische Bevölkerung immer mehr in ideologische Grabenkämpfe verstrickt wurde, schließlich jedes Vertrauen in Institutionen aber auch die Mitmenschen verlor, in Angst und Desillusionierung versank. Es war (und ist, man denke an die aktuelle Situation zwischen Nordkorea und Malaysia) auch eine Zeit der Agenten, Spitzel, Denunziationen.

Es ist klar, dass Anna Kim, der an einer literarischen Aufarbeitung dieser jüngeren Geschichte Koreas gelegen ist, einiges an Erklärungsarbeit zu leisten hat. Kaum verwunderlich ist es daher auch, dass ihr Roman längere Passagen mit historischen Ausflügen voller recherchierter Fakten enthält, die oft ins Essayistische rutschen oder einer Reportage gleichen. Sie tut das allerdings recht geschickt und schafft trotzdem einen spannenden, wenn auch ein wenig fordernden, einen atmosphärischen, wenn auch komplexen Roman.

Ihr gelingt das dadurch, dass sie das Erzählte in eine einfache Rahmenhandlung verpackt. Die junge Hanna, als Kleinkind von Südkorea aus von einer deutschen Familie adoptiert, ist auf der Suche nach ihren leiblichen Eltern, als sie in Seoul den 78 jährigen Yunho Kang kennenlernt. Sie soll ihm einen Brief aus Amerika übersetzen, der ihn vom Tod einer gewissen Eve Lewis in einem Altenheim in Richmond, Virginia unterrichtet. Für Yunho eine Reise in die Vergangenheit, von der er der jungen Fremden erzählt. Es ist eine komplizierte Dreiecksgeschichte aus den Jahren 1959/60, in denen sich Yunho und sein Kindheitsfreund Mino, der sich nun Johnny nennt, nach langen Jahren wiederbegegnen. Sie lebten einst zusammen im südlichen Nonsan, waren fast wie Brüder, aber die politischen Ereignisse trieben den Direktorensohn Mino und den der Haushälterin in unterschiedliche Lager. Nun treffen sie wieder aufeinander und Yunho verliebt sich in Johnnys Freundin, die mysteriöse Eve Moon, Tanzgirl in einem Nachtclub und auch sonst recht zwielichtig. Nachdem Johnny eines Nachts im Beisein Yunhos und betrunken ein Mitglied der paramilitärischen, regierungsnahen Nord-West-Jugend getötet hat, müssen beide nach Japan fliehen und dort untertauchen. Eve Moon begleitet sie. Die wahren Umstände dieser Flucht werden sich erst Jahre später offenbaren. Die Geschichte um Liebe, Freundschaft und Verrat, die in die politischen Ereignisse eingebettet ist, entwickelt sich zunehmend in eine Agenten- und Spionagegeschichte. Hinzu kommt der Fall eines verschwundenen Mädchens, das sich gegen den Willen seiner Eltern der „Großen Heimkehr“ anschließen wollte und in den die Freunde verstrickt werden.

Diese Mischung aus spannender, berührender Erzählung und erhellender Geschichtsstunde über ein in der Literatur eher schwach vertretenes Thema ist der 1977 geborenen österreichischen Autorin mit koreanischen Wurzeln ausgesprochen gut gelungen. Ein wenig Interesse am Thema ist allerdings Voraussetzung, um auch die theoretischen Ausführungen zu genießen. Hin und wieder erlaubt sich die Autorin Statements wie

"Die Herrschaft der Masse beginnt stets mit der Vernichtung des Einzelnen."
oder

"Wir unterdessen äußern laut unsere Empörung über den Schurkenstaat und sind doch, mehr als zuvor, auf Sklavenarbeit wie diese angewiesen, wenn wir unseren Lebensstandard halten wollen."
Da verwischt ein wenig, wer da eigentlich spricht - Yunho, Hanna, die Autorin? Wie sie auch zeitweise ihre Figuren ein wenig als Sprachrohre benutzt, wie beispielsweise die stramm kommunistisch orientierte Lehrerin Ayumi, die unter Japans Flüchtlingskindern Kandidaten für die "Große Heimkehr" rekrutiert. Das stört aber nicht weiter, hat man einmal den aufklärerischen Impetus des Romans akzeptiert.

Schön ist, dass Anna Kim gegen Ende das Erzählen und die Erinnerung selbst in Frage stellt.

"Aber vielleicht übertreibe, vielleicht lüge ich? Glauben Sie mir nicht alles, was ich erzähle."
und später

"Letztlich gehört Geschichte demjenigen, der sich Gehör verschafft."

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Die vielen Namen der Liebe

Kim Thúy , Andrea Alvermann , Brigitte Große
Fester Einband: 150 Seiten
Erschienen bei Kunstmann, A, 08.03.2017
ISBN 9783956141683
Genre: Romane

Rezension:

Schon früh wurde der kleinen Vi beigebracht, unsichtbar zu sein. Nicht nur, weil es in den Siebziger Jahren in Vietnam gefährlich war, aufzufallen. Nach Beendigung des Krieges und Sieg des kommunistischen Nordteils des Landes, wurden unzählige Menschen, vor allem Intellektuelle, aber auch solche, die mit den Amerikanern zusammenarbeiteten, verhaftet, verschleppt, hingerichtet. Ganzen Familien drohten Gefängnis oder Umerziehungslager. Vis Vater duckt sich weg, die Mutter ergreift mit den Kindern die Flucht. Sie haben Glück, überstehen nicht nur die Überfahrt nach Malaysia ohne zu kentern oder von Piraten gekapert, ausgeraubt, vergewaltigt oder ermordet zu werden, ein Schicksal, das fast 250000 dieser Boat People in den späten Siebziger bis frühen Achtziger Jahren erlitten, sondern sie bekommen auch sehr bald ein Visum für Kanada und finden dort eine neue Heimat. 
Wie schwer, aber auch wie hoffnungsvoll dieses Ankommen sein kann, hat Kim Thúy auch bereits in ihren zwei bereits erschienenen Romanen „Der Klang der Fremde“ und „Der Geschmack der Sehnsucht“ beschrieben. Hier ist es das Mädchen Vi, das seinen Weg und seine Identität sucht.
„Kleinste Kostbarkeit“ bedeutet ihr Name. Und sie wird gehütet wie diese Kostbarkeit, als Nesthäkchen und einzige Schwester unter Brüdern. Sie wird aber auch klein gehalten, als Mädchen in einer von Männern dominierten Welt. Sinn und Aufgabe einer Frau erschöpfen darin, hübsch auszusehen und den Männern zu dienen. Die Mutter vergöttert den Vater, hält alle Unannehmlichkeiten von ihm fern, duldet all seine zahlreichen amourösen Affären.
Vi wird als Mitarbeiterin nach Hanoi zurückkehren, sich die Suche nach dem Vater aber nicht gestatten. Sie wird eine rätselhafte Liebesgeschichte zu einem französischen NGO Mitarbeiter erleben. Ob sie sich am Ende selbst gefunden hat, bleibt seltsam ungewiss.


Wie überhaupt das Buch seltsam vage bleibt. Auch in ihren anderen Büchern arbeitet Kim Thúy impressionistisch, tupft das Erzählte zart hin, lässt aus, bietet dem Leser Raum. Sie schuf damit poetische Erzählperlen, die um Heimat, Flucht und Ankommen, Liebe und Leid kreisten. Im vorliegenden Roman geht das meiner Meinung nach nicht recht auf. Es wirkt auf mich ein wenig unentschlossen, unklar in dem, was die Autorin sagen möchte. Auch die Figuren bleiben seltsam blass und damit die ganze Geschichte.


Für denjenigen, der Kim Thúy noch nicht kennt, empfehle ich ausdrücklich ihre ersten beiden Romane. Wem diese gefallen haben, erkennt den Tonfall auch hier wieder. Nur die erzählte Geschichte bleibt diesmal ein wenig fern.

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9 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

Bericht aus dem Inneren

Paul Auster , Werner Schmitz , any.way
Flexibler Einband: 368 Seiten
Erschienen bei ROWOHLT Taschenbuch, 26.02.2016
ISBN 9783499267321
Genre: Romane

Rezension:

Bereits ein Jahr nachdem Paul Auster seine autobiografischen Aufzeichnungen "Winterjournal" veröffentlich hatte, erschien der "Bericht aus dem Inneren".

Da war wohl etwas noch nicht zu Ende erzählt, da wollten Dinge, Erinnerungen, Erkenntnisse niedergeschrieben werden, für die zuvor kein Raum war oder die dem Autor nach der Veröffentlichung noch auf der Seele lagen. So wurde der Bericht quasi zu einem Zwillingsbuch des Journals. Sollte in jenem ein "Katalog der Sinnesdaten" erstellt werden, folgte nun ein Buch, das sich die Bewusstwerdung des Autors, seine Entwicklung vom vorbewussten Wahrnehmen des kleinen Kindes zum die Welt erfassenden Erwachsenen zum Thema nehmen mochte. Also eine Reise ins Innere.

"Wer warst du, kleiner Mann?" fragt sich Paul Auster. Dieser Annäherung an das Kind, das er einst gewesen, dessen Schritte hin zu einer einzigartigen Identität, widmet er den ersten Teil des Buches. Wann wurde er sich zum Beispiel das erste Mal bewusst, Jude zu sein, also anders, als die meisten seiner Altersgenossen? Wann, dass er Amerikaner ist? Wie entdeckte er, dass die Ehe seiner Eltern eine zutiefst unglückliche war? Wann entdeckte er seine Liebe zur Sprache, zu Büchern? Und durch wen? Dieser Expedition in die frühe Kindheit, die ähnlich wie im Vorgängerband nicht chronologisch und geordnet, sondern assoziativ und sprunghaft erfolgt, folgt die Leserin gern. Auch wenn die andere Gewichtung als beim Vorgängerband, die auf das "Innere", nicht sehr deutlich wird und sich viele Passagen der beiden Bücher doch sehr ähneln.
Dann erfolgt ein Bruch. Der Autor ist zehn oder elf Jahre alt. "Zwei Schläge auf den Kopf". Die Schläge, die da gemeint sind, sind zwei Kinofilme, die Auster ungefähr zu diesem Zeitpunkt sieht, und die ihn erschüttern und anscheinend nachhaltig prägen. Das ist einmal "Die unglaubliche Geschichte des Mister C." (The incredible shrinking man), die von einem Mann erzählt, der nach Kontakt mit einer seltsamen Wolke unaufhörlich kleiner wird, bis er schließlich Staubkorngröße erreicht. Der andere ist "Ich bin ein entflohener Kettensträfling" (I Am a Fugitive from a Chain Gang), in dem ein unbescholtener Mann versehentlich in ein Verbrechen hineingezogen wird und schließlich in einem Strafgefangenenlager endet - eine bittere Anklage der in den dreißiger Jahren noch üblichen Praktiken in den Südstaaten. Im Rückblick Austers beides Filme, die das Vertrauen des Kindes in die Welt nachhaltig erschütterten. Paul Auster ist offensichtlich ein passionierter Filmfan. Bereits in "Winterjournal" erzählte er einen Film nach. Das gelingt ihm auch hier sehr gekonnt, spannend, bildlich. Dennoch sind diese Passagen, schon allein ihrer Länge wegen, diejenigen, die sich am uninteressantesten lesen. Der Erkenntnisgewinn für den Leser bleibt, zumindest mir, weitgehend verborgen.

Nach diesem Abschnitt folgt ein dritter, deutlich abgehobener Teil. Hier wird dem Autor durch eine unerwartete Fügung (seine Ex-Frau, die Schriftstellerin Lydia Davis übereignet ihre gesamten Schriften, darunter auch etliche Briefe Austers einer Stiftung und überlässt sie ihm zur Prüfung) Einblick in sein jüngeres Selbst gegeben. Zahlreiche Passagen dieser Briefe des zwanzig bis dreißigjährigen werden lediglich zitiert, der Verfasser kommentiert nur knapp.

Auch dieser Abschnitt kann nicht überzeugen. Vieles, zum Beispiel die Frankreichaufenthalte und auch die schwierige Beziehung zu Davis wurde bereits im Journal thematisiert, und das auf deutlich mehr berührende Art und Weise. Mag es für Auster selbst faszinierend gewesen sein, so plötzlich und unverhofft mit dem jungen Mann, der er einmal war und der ihm jetzt wie ein Fremder erscheint, konfrontiert zu werden, so vermag er es nicht wirklich, auch die Leserin dafür zu interessieren.
In einem vierten Teil, und das ist sehr schön und originell gemacht, folgen Fotos, die sich mit dem Erzählten auseinandersetzen.

Insgesamt gesehen, enttäuscht der "Bericht aus dem Inneren" aber, besonders wenn er mit dem wirklich grandiosen "Winterjournal" verglichen wird. Stilistisch gewohnt brillant, inhaltlich aber nur im ersten Teil wirklich überzeugend.

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41 Bibliotheken, 2 Leser, 1 Gruppe, 4 Rezensionen

kindheit, new york, schreiben, paul auster, alter

Winterjournal

Paul Auster , Werner Schmitz , ,
Flexibler Einband: 256 Seiten
Erschienen bei ROWOHLT Taschenbuch, 30.01.2015
ISBN 9783499259500
Genre: Romane

Rezension:

"Sprich jetzt, bevor es zu spät ist, und hoffentlich kannst du so lange sprechen, bis nichts mehr zu sagen ist. Schließlich verrinnt die Zeit. Vielleicht solltest du deine Geschichten fürs Erste einmal beiseite legen und zu ergründen versuchen, wie das für dich war, in diesem Körper zu leben - vom ersten Tag , an den du dich erinnern kannst, bis heute. Ein Katalog der Sinnesdaten. Was man eine Phämenologie des Atmens nennen könnte."

Zur Zeit der Entstehung des Winterjournals 2011 ist Paul Auster gerade 64 geworden, in den "Winter seines Lebens" eingetreten. So viele seiner Familienangehörigen, Freunde und Weggefährten leben nicht mehr. Nicht zum ersten Mal Zeit, sich seines eigenen Lebens zu vergewissern, sich zu erinnern. Immer wieder tauchten auch in der Vergangenheit autobiografische Texte in Austers Werk auf, nicht zuletzt begann mit einem solchen, "Der Erfindung der Einsamkeit" seine Karriere als Prosaschriftsteller, nachdem er einiges an Lyrik vorgelegt hatte. Auch in seinen Romanen findet man viel Material aus Austers eigenem Leben. Dieses in seinen autobiografischen Schriften wiederzufinden, ist ein Mehrwert bei der Lektüre.Weiterlesen ...

Das "Winterjournal" geht nicht chronologisch vor. Es springt vielmehr in den Zeiten und den Lebensorten, erzählt assoziativ. Beginnend bei einem Schneesturm in Brooklyn wandern Austers Erinnerungen zunächst in die Kindheit. Kleine Momentaufnahmen, Bruchstücke, prägende und unvergessene Situationen, Leitmotiven seines Lebens, oft auch Momente, an denen der Autor (vermeintlich) scheiterte. Hier versucht jemand, Ordnung ins Chaos des eigenen Lebens zu bringen. Eine Selbstvergewisserung an einem Punkt im Leben, an dem man die Zielgerade bereits vor Augen hat.

Dieser persönliche Ansatz wird auch dadurch unterstützt, dass Paul Auster durchgehend in der zweiten Person mit sich spricht. Das erzeugt eine ungeheure Privatheit, eine Vertrautheit mit dem Leser. Gleichzeitig verdeutlicht es aber auch die Diskrepanz, die zwischen Selbst- und Außenwahrnehmung besteht, aber auch zwischen dem kindlichen Ich und dem des Autors in vorgerücktem Alter. Austers Reflexionen über das eigene Leben sind meist von einer tiefen Melancholie durchdrungen, auch wenn er immer wieder betont, wie glücklich sein Leben ist, zumal in der Ehe mit seiner großen Liebe, der Schriftstellerin Siri Hustvedt, die mittlerweile über 30 Jahre andauert. Auch wenn seine Kindheit und Jugend als glücklich beschrieben wird, lauert in der Rückschau stets Trauer. Die unglückliche Ehe seiner Eltern, ihre Trennung, das sind Dinge, die Auster auch heute noch beschäftigen. Mit großer Ehrlichkeit widmet er sich auch den eigenen Unzulänglichkeiten, Situationen, in denen er nach eigener Meinung versagt hat. Viel Raum bietet er körperlichen Gegebenheiten. So zählt er alle Narben seines Körpers auf und wie sie entstanden sind, erzählt von hand2greiflichen Auseinandersetzungen und immer wieder sexuellen Begegnungen, auch mit Prostituierten. Von frühester Jugend an war er ein Mann mit großer Sehnsucht nach den Frauen.

Ein besonders schöner Abschnitt ist seinen bisherigen Wohnsitzen und den dazugehörenden Phasen seines Lebens gewidmet. Von den Vorstädten Newarks und längeren Aufenthalten in Paris und einem kürzeren an der Westküste der USA sind es immer wieder die Straßen New Yorks, die ihn beherbergen, bis er schließlich in Haus Nr. 21 in Park Slope, Brooklyn ankommt. Nach eigenen Bekunden sein Lebensort. Hier möchte er bis zu seinem Tod bleiben. Das Thema Tod - der Tod eines Freundes durch einen Blitzschlag, den der 14jährige Auster unmittelbar miterlebt, der Tod der Großeltern, und des Vaters, der unfassbare Mord der Großmutter am Großvater, der Beinahetod der eigenen Familie bei einem schweren Autounfall. Besonders aber der Tod der geliebten, aber auch unverstandenen Mutter, einer rätselhaften Frau, eitel und herzlich, zupackend und ängstlich - kehrt immer wieder.

Austers Sprache ist eilig vorpreschend, dann wieder in Details verharrend, z.B. als er minutiös den Film D.O.A. (Death on Arrival) beschreibt, den er eines Abends sieht oder aber sich in minutiösen Aufzählungen verliert. Stilistisch ist das Buch gewohnt brillant, sein Rhythmus fließend und melodiös. Etwas, was sicher zu dem ungeheuren Sog beiträgt, den diese Aufzeichnungen auf den Leser ausüben.

So liest man diese - eigentlich oft - Alltäglichkeiten und Banalitäten eines Lebens fasziniert und interessiert.
Paul Auster kommt dem Leser sehr nahe in diesem Winterjournal, auch wenn er niemals voyeuristische Neigungen bedient.

"Das Ende des Lebens ist bitter."


zitiert er den französischen Essayisten Joseph Joubert von 1815. Und

"Man muss liebenswert sterben (wenn man kann)."
Wahrscheinlich kann ein Mensch am Ende seines Lebens nichts Größeres leisten", mutmaßt Auster.

"Deine nackten Füße auf dem kalten Boden, wenn du aus dem Bett steigst und zum Fenster gehst. Du bist vierundsechzig Jahre alt. Draußen ist alles grau, fast weiß, die Sonne nicht sichtbar. Du fragst dich: Wie viele Morgen bleiben noch?

Eine Tür ist zugefallen. Eine andere Tür hat sich geöffnet.

Du bist in den Winter deines Lebens eingetreten."

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hörbuch, biografisch, kindheit, erinnerungen

Bericht aus dem Inneren

Paul Auster , Werner Schmitz , Christian Brückner
Audio CD
Erschienen bei Parlando ein Imprint von Argon, 03.10.2014
ISBN 9783941004627
Genre: Romane

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Leaving Berlin

Joseph Kanon ,
Fester Einband: 448 Seiten
Erschienen bei C. Bertelsmann, 12.10.2015
ISBN 9783570101797
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:


Ein interessanter und spannender Ansatz für einen packenden Thriller. Im kriegsversehrten Berlin des Jahres 1949 beginnt der Kalte Krieg, der Westteil der Stadt kann nur noch durch eine Luftbrücke versorgt werden, der Schwarzmarkt blüht, das Volk leidet. In diesem Umfeld spielt Joseph Kanons Spionagethriller.


Der exilierte deutsche Schriftsteller Alex Meier wird wegen seiner politischen Einstellungen aus den USA ausgewiesen und geht nach Ostberlin. Dort wird ihm von der CIA angeboten, Rückkehrmöglichkeit gegen Spionagetätigkeit. Alex stimmt zu, kommt aber in große Gewissenskonflikte, denn die, die er da ausspionieren soll, ist keine Unbekannte...
Joseph Kanon erzählt sehr atmosphärisch, was zum Teil auch daraus resultiert, dass immer wieder historische Personen wie Bertold Brecht oder Walter Janka in die Geschichte einbaut. Diese ist sehr gut recherchiert, spannend aufgebaut und spart nicht mit interessanten Details aus der damaligen Zeit. 


Entstanden ist daraus ein nicht unbedingt origineller, aber sehr spannender und lesenswerter Spionagethriller aus der Zeit des Kalten Krieges, wie es sie nach John le Carré nicht mehr allzu oft gibt.

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paul auster, roman, new york, amerikanische literatur, amerika

4 3 2 1

Paul Auster , Thomas Gunkel , Werner Schmitz , Karsten Singelmann
Fester Einband: 1.264 Seiten
Erschienen bei Rowohlt , 31.01.2017
ISBN 9783498000974
Genre: Romane

Rezension:

Paul Austers Opus magnum, von ihm selbst Lebenswerk genannt, ein Buch mit über 1200 Seiten, zeitgleich im Original wie auf Deutsch erschienen, gleich auf Platz 2 der Spiegelbestsellerlisten geklettert (wenn auch nach wenigen Wochen schon wieder am Hinabgleiten, was auf eine eingeschworene Fan-Gemeinde hindeutet, die das Erscheinen herbeigesehnt hat und weniger auf „Gelegenheitskäufer“), hohe Rezensionsdichte in allen branchenrelevanten Medien, mal geliebt, mal als „zäh“ und „eindeutig zu lang“ bezeichnet – Paul Austers pünktlich zu seinem 70.Geburtstag am 3. Februar 2017 der geneigten Leserschaft vorgelegtes 4 3 2 1 hat es in sich.
Gleich vorweg – ein derart umfangreiches, ambitioniertes Buch kann nicht auf allen 1259 Seiten gleichermaßen fesseln. Da schleicht sich mal die eine oder andere Länge ein (dabei, was ist denn so eine „Länge“? Was der eine Leser als minutiöse Beschreibung schätzt, als Zeit, die der Autor sich, der Geschichte, dem Leser gewährt, tut der andere Leser als langweilig ab), da gibt es Erzählstränge oder Personen die mehr und solche die weniger fesseln. Auch bei mir gab es Phasen, in denen ich wünschte, das Buch wäre vielleicht nicht ganz so umfangreich, würde etwas schneller voranschreiten. Dass es Paul Auster aber immer wieder gelungen ist, diese Phasen vorübergehen zu lassen und die Leselust erneut zu entfachen, dass er ein äußerst klug komponiertes, dabei spielerisches, tiefes und äußerst interessantes Buch geschaffen hat, dafür ist er sehr zu bewundern. Und spricht für seine literarische Meisterschaft.
Gleich zu Beginn zieht er den Leser in seine Geschichte hinein, indem er die vielzitierte Geschichte des Urgroßvaters seines Protagonisten erzählt. Dieser neunzehnjährige Isaac Reznikoff landete nach anstrengender Reise von Minsk und einer strapaziösen Atlantiküberfahrt mit der „Kaiserin von China“ endlich in Ellis Island vor der Einwanderungsbehörde. Es war der 1. Januar 1900 und quasi als Neujahrsgeschenk riet ihm ein erfahrener Landsmann, seinen ostjüdischen Namen zu vergessen und lieber anzugeben, er hieße Rockefeller. Nach mehrstündiger Wartezeit endlich von einem Beamten nach seinem Namen gefragt, bekommt Issac nur noch ein verzweifeltes „Ich hob fergessan!“ zustande, das der pflichtbewusste Beamte als Ichabod Ferguson notierte. Ein sicher etwas burlesker Scherz, der zukünftig zur Familienlegende werden sollte und sehr schön gleich zu Beginn das ausdrückt, worum es in den nächsten weit über 1000 Seiten gehen soll: Identitätsfindung, die Neuschaffung von Identität, die Vielfältigkeit von Identitäten und auch die Macht des Zufalls, die darüber entscheidet, welche davon verwirklicht wird. Und die Frage, ob es über dieses Roulettespiel des Zufalls hinaus etwas Unveränderbares, vielleicht so etwas wie Seele gibt.
Durchgespielt wird dieses Gedankenexperiment anhand des Urenkels des einstigen Einwanderers, Archibald Ferguson. Dieser wächst als einziges Kind von Rose Adler und Stanley Ferguson auf. Dem Vater gelingt es, aus einer kleinen Radioreparaturwerkstatt ein erfolgreiches, expandierendes Unternehmen zu machen und damit auch seine eher lebensuntüchtigen Brüder durchzufüttern, „Three Brothers Home World“ entwickelt sich schon bald zu einem der führenden Kaufhäuser für Haushaltsgegenstände aller Art. Soweit die Familiengeschichte, die uns im allerersten Kapitel erzählt wird.
Am 3. März 1947 (genau einen Monat nach dem Autor!) erblickt Archibald das Licht der Welt. Und hier startet der Autor sein Gedankenexperiment. Verschiedene Lebensmöglichkeiten und Lebenswirklichkeiten spielt er anhand von vier Variationen dieses Archibald Ferguson in jeweils sieben Kapiteln durch, untersucht, wie sich bei gleicher Ausgangslage durch Wandel kleiner Faktoren, meist durch die Macht des Zufalls dessen Identität und Charakter, seine Lebensumstände, seine Vorlieben und Beziehungen sich verändern – oder eben auch nicht.
Dabei bedient sich Paul Auster den aus seinen bisherigen Werken bekannten Versatzstücken und immer wieder greift er tief in die autobiografische Kiste. Sein striktes Beharren darauf, dass seine Romane rein fiktional sind, scheint dabei schon ein wenig kokett. Kennt man sein autobiografisches Werk, trifft man hier bei Ferguson auf viel Bekanntes. Nicht nur sein Geburtsjahr, seine Geburtsstadt Newark, der ostjüdische Familienhintergrund, die Liebe zu Base- und Basketball, sein Studium, die Neigung zu Frankreich und den französischen Lyrikern, der Parisaufenthalt und viele andere äußere Richtmarken tauchen auf, selbst kleine Episoden wie eine frühkindliche Verletzung, der Tod eines Schulfreundes durch einen Blitz oder eine durchgemachte Gastrits kennt man fast 1:1 aus den autobiografischen Aufzeichnungen. Der Leser bewegt sich immer in einem dezidierten Auster-Kosmos.
Das ist äußerst kunstfertig gemacht, spielerisch und elegant. Die Verschiebungen sind meist klein. Das wurde in manchen Kritiken moniert. Warum bricht keiner der vier Archies aus, macht etwas völlig anderes? Das ginge aber an der Erzählintention und auch an der Lebendwirklichkeit vorbei. Seien wir ehrlich, ganz so frei in der Bestimmung wer oder was wir sein wollen, sind wir doch gar nicht. (Und außerdem begleiten wir Archie maximal bis Anfang der Siebziger Jahre.) Außerdem steckt wohl die Vermutung dahinter, dass es doch so etwas wie einen inneren Kern, etwas Unwandelbares, vielleicht eben ja doch eine Seele gibt, die sich immer treu bleibt. So kreisen auch alle Archies um die Kunst, beschäftigen sich auf die ein oder andere Art und Weise mit dem Schreiben, sind allesamt sehr stark an Sexualität interessiert, gut aussehend, aber eher introvertiert.
Das macht das Lesen nicht immer ganz einfach. Ich muss zugeben, dass ich trotz vorherigem Wissen des groben Aufbaus den ersten Wechsel vom einen zum anderen Archie gar nicht registriert hatte, dass sich die Verwirrung erst so langsam breit machte. Diese Verwirrung, die sich in häufigerem Zurückblättern äußern kann, und der ich dann durch Notizen einigermaßen Herr wurde, ist sicher beabsichtigt (trotz klarer Gliederung in Kapitel 1.1, 1.2 usw.). Am Ende führt Paul Auster seine Geschichten aufs kunstvollste wieder zurück an die Anfangsszene mit dem verwirrten Ichabod Ferguson. Indem die Mutter ihrem Sohn diese alte Familiengeschichte erzählt, legt sie den Grundstein für das vorliegende Buch, das der letzte verbliebene Archie schreiben wird.
Eine komplizierte Struktur also, bei der Auster aber meisterhaft die Fäden in der Hand behält, eine philosophisch ambitionierte, spielerisch verpackte Geschichte, ein in klarer, gut lesbarer Sprache verfasster, anrührender Bildungsroman und – das nicht zuletzt – ein spannendes Geschichtsbuch der Sechziger Jahre. Die Kennedyjahre, der Rassismus, die Rassenunruhen 1965 und 1967, der Marsch auf Washington, der Vietnamkrieg, Martin Luther King und die Wahl Nixons – alle diese Dinge finden auf völlig organische Weise Eintritt in die Geschichte und vermitteln viel Zeitkolorit. Weisen aber auch auf verblüffende Art in unsere Gegenwart. Auch damals war die Gesellschaft aufs extremste zerrissen, die Lage ungeheuer gespannt. Je nach Standpunkt tröstlich („Alles schon da gewesen, geht auch wieder vorbei.“) oder aber sehr alarmierend („Nichts gelernt, die Geschichte wiederholt sich stets.“) Zumindest zeigt die Lektüre, dass es die einfachen, populistischen Antworten nicht geben kann, wo doch schon das Individuum, so vielfältig ist.
Paul Auster ist mit 4 3 2 1 ein großartiges, beeindruckendes Werk gelungen. Ein wahres Lebenswerk.

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kamerun, usa, new york, amerika, american dream

Das geträumte Land

Imbolo Mbue , Maria Hummitzsch
Fester Einband: 432 Seiten
Erschienen bei Kiepenheuer & Witsch, 16.02.2017
ISBN 9783462047967
Genre: Romane

Rezension:

„The one book Donald Trump should read right now!“


Abgesehen davon, dass wir mittlerweile wissen, dass Donald Trump anders als sein Vorgänger im Amt des amerikanischen Präsidenten nicht liest, ja sogar den Geruch von Büchern nicht ausstehen kann, bestenfalls seinen Schreibtisch damit zupflastert, mutet die Empfehlung, die die Washington Post im August letzten Jahres, also lange bevor Trump gewählt wurde, lange bevor irgendjemand auch nur ernsthaft befürchtet hätte, er könnte tatsächlich gewählt werden, mutet diese Leseempfehlung für Imbolo Mbues „Behold the dreamers“ ihrerseits wie ein Traum an.
Einige Wochen nach Amtsantritt glaubt wohl kaum jemand, Trump würde sich durch ein literarisches Werk in irgendeiner Form in seinem Weltbild beeinflussen lassen. Und sei es auch noch so klug und differenziert, gleichzeitig so leicht und unterhaltsam, würde den berühmten Nerv der Zeit so genau treffen, wie der Roman der seit zehn Jahren in den USA lebenden, aus Kamerun stammenden Imbolo Mbue.
Einiges an eigener Erfahrung ist sicher eingeflossen in die Geschichte der Einwandererfamilie Jonga. Nicht nur deren Heimatort Limbe ist derselbe wie der der Autorin, auch die Zeit der Übersiedlung stimmt überein.
2004 reist Jende Jonga mit einem vom schon länger in Amerika lebenden und als Anwalt recht erfolgreichen Cousin Winston finanzierten Visum in die USA ein. Zunächst läuft auch alles sehr positiv. Nach zwei Jahren kann seine Frau Neni mit einem Studentenvisum und dem kleinen Sohn Liomi folgen. Die Zeiten sind schwer, aber mit Jendes Job als Taxifahrer und Nenis Zuverdienst als private Pflegerin kommt die kleine Familie einigermaßen über die Runden, unterstützt von Winston und aufgehoben in der afrikanischen Gemeinde New Yorks.
2007 scheint es endgültig aufwärts zu gehen, als Jende eine gut bezahlte Anstellung als Chauffeur eines Managers der Lehmann Brothers Bank erhält. Der Leser ahnt natürlich, was bald folgen wird, wir befinden uns am Vorabend der Lehmann Pleite, dem Beginn der gigantischen Wirtschaftskrise, die 2008 die ganze Welt erschüttern wird.
Aber noch scheint alles wie das große Glück, wie der Traum, den die Jongas wie wohl alle Immigranten zu allen Zeiten vom Leben in den USA geträumt haben.


„Ich glaube, wenn einer Amerikaner ist, ist alles möglich. Daran glaube ich fest.“


sagt Jende voller Dankbarkeit zu seinem neuen Chef Clark Edwards, als er diesen durch die Straßen New Yorks fährt.
Ein wenig erinnern diese meist im Auto stattfindenden Szenen zwischen Jende und Clark an Werke wie „Miss Daisy und ihr Chauffeur“, wie sich Menschen mit völlig unterschiedlicher Herkunft und Sozialisation auf engem Raum näher kommen. Aber natürlich ist man im 21. Jahrhundert viel aufgeschlossener, liberaler, spielen diese alten Hierarchien eine viel geringere Rolle. Tatsächlich?
Zwar verhalten sich die Edwards, neben Clark beanspruchen auch dessen Ehefrau Cindy und die beiden Söhne Vince und Mighty die Dienste Jendes und gelegentlich auch Nenis, tatsächlich äußerst freundlich zu ihren Angestellten. Man unterstützt sie mit abgelegter Designerkleidung und dem ein oder anderen Extrascheck, die Kinder schließen sogar Freundschaft mit den freundlichen Afrikanern.
Aber der erfahrenere Winston hat längst alle Illusionen über die Gleichstellung von Schwarz und Weiß längst begraben.


„Die Polizei ist zum Schutz der Weißen da, Brother. Manchmal vielleicht auch für schwarze Frauen und Kinder, aber nicht für schwarze Männer. Nie für schwarze Männer.“


Und tatsächlich wird die ganze Situation auf eine Belastungsprobe gestellt, als der Zusammenbruch des Bankhauses immer näher rückt.
Die schon vorher kriselnde Ehe der Edwards ist dem Stress nicht gewachsen, Cindy spricht immer mehr Alkohol und Tabletten zu, Clark sucht Entspannung bei bezahlten Liebesdiensten. Wie sehr soziale Verantwortung, Liberalität und Empathie nur Fassade waren, wird recht bald deutlich. Jende wird da bald zum Bauernopfer.


„Aber es ist beängstigend, wie schlimm das Ganze noch werden kann (…) wenn die Leute schon anfangen, darüber zu reden, dass sie Economy fliegen und ihre Sommerhäuser verkaufen müssen…“


Dabei kommen die „großen Fische“ natürlich vergleichsweise ungeschoren davon, wird Clark doch sofort von Barclays übernommen. Scheitern wird die Familie schließlich an ihren eigenen Problemen, ihren falschen Fassaden und Werten.
Jende hingegen droht nicht nur das finanzielle Aus, sondern auch das Scheitern seines Asylantrags und die Abschiebung.
Das ganze mag nun etwas klischeehaft klingen – böse, skrupellose Weiße hier, arme, redliche, aber chancenlose Schwarze dort -, ein großer Vorzug an Mbues Roman ist aber gerade die Ambivalenz, mit der alle Personen und Gegebenheiten geschildert werden. Die Edwards sind eigentlich nette Menschen, die aber gefangen sind in ihren eigenen Tragödien und Zwängen.
Nur ganz selten wird die Autorin deutlicher, wenn sie die Plage der Bankenkrise mit den Plagen Ägyptens vergleicht und süffisant bemerkt:


„Der einzige Unterschied zwischen den Ägyptern damals und den Amerikanern heute bestand darin, dachte Jende, dass die Ägypter für ihre eigene Sündhaftigkeit bestraft worden waren. Sie hatten Unheil über ihr Land gebracht, weil sie Götzen verehrt und Menschen versklavt hatten, nur damit sie in Prunk und Glanz hatten leben können. Sie hatten Reichtum über Rechtschaffenheit gestellt und Habgier über Gerechtigkeit. Die Amerikaner hatten nichts dergleichen getan.“


Solche Passagen sind wie gesagt selten. Und die Seite der Immigranten wird auch alles andere als eindimensional gestaltet. Auch ihre Charaktere verändern sich unter dem Druck der äußeren Gegebenheiten.
Jende, der zu Beginn äußerst liebe- und hingebungsvoll seiner Frau und seinem Sohn gegenüber war, sich nicht davor gescheut hat, Neni die Hausarbeit abzunehmen, sie bei ihren Bemühungen, einen Studienplatz für Pharmazie zu erhalten ermutigt und in allem unterstützt hatte, entwickelt sich immer mehr zum machohaften Tyrannen, der seiner Frau verbietet nach der Geburt des zweiten Kindes weiter zu arbeiten und schließlich ausdrücklich gegen Nenis Wunsch, völlig eigenmächtig beschließt, nach Kamerun zurückzukehren.
Und auch Neni, ehrgeizig, zielstrebig, intelligent und selbstbewusst, fällt nichts anderes ein, als sich dieser Entcheidung zu beugen, sich sogar körperlich misshandeln zu lassen.


„Glaubst du, ich bin eine amerikanische Frau? Ich kann meinem Mann nicht einfach sagen, wie ich es haben will. (…) Du weißt nicht, was Jende für ein Mann ist. Er ist ein guter Mann, aber trotzdem ein Mann.“


Was für den westlichen Leser vielleicht unbegreiflich ist, ist für die in Kamerun erzogene Frau aber selbstverständlich. So hat der Roman auch die Unterschiede der Kulturen, das Unverständnis, mit dem sie oft aufeinander stoßen zum Thema. Es gibt auch einen wunderbaren kleinen Einblick in die Kultur Kameruns.


„Das geträumte Land“ ist ein Buch der Desillusionierung. Es zeigt die Verzweiflung der Einwanderer, die ohne Papiere unter materiellen Nöten und von ständiger Angst vor Abschiebung geplagt, sich und ihre Familien über die Runden bringen müssen. Es zeigt die Brüchigkeit des amerikanischen Traums und den unter einer dünnen Fassade von Liberalität versteckten Alltagsrassismus. Es ist die Erkenntnis nicht nur Jendes, sondern auch Clarks, dass das Amerika, an das sie geglaubt haben, das Land der unbegrenzten Möglichkeiten, nur ein geträumtes Land war. Eine Erkenntnis, die gerade in den heutigen Zeiten sehr viele trifft. Aber kann man ganz ohne diesen Traum leben?
Die Autorin schließt sehr geschickt, mit der Landung der Familie auf dem Flughafen von Douala und ihrer Fahrt nach Limbe. Auch Kamerun ist nun für Jende ein solches geträumtes Land geworden. Man kann hoffen, dass seine Träume hier in Erfüllung gehen. Wahrscheinlich wird er aber die Erfahrung vieler Emigranten machen, nicht mehr ganz dazu zu gehören, weder auf der einen, noch auf der anderen Seite.
Imbolo Mbue hat ein wunderbares Buch geschrieben, voller Empathie und Wärme, Präzision und Ambivalenz in der Beschreibung, dabei leicht und unterhaltsam. Es ist tatsächlich ein Buch zur Stunde. Und es ist ein Buch, das, wenn schon nicht Donald Trump, wir alle lesen sollten, gerade jetzt.

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familie, neuengland, brand, trauer, neuanfang

Fast eine Familie

Bill Clegg , Adelheid Zöfel
Fester Einband: 320 Seiten
Erschienen bei S. FISCHER, 23.02.2017
ISBN 9783100023995
Genre: Romane

Rezension:

„Und kein Mensch wird sich an uns erinnern – wer wir waren und was hier geschehen ist. Sand wird über die Pacific Avenue und gegen die Fenster des Moonstone wehen, und neue Menschen werden kommen und den Strand hinunter zum großen Ozean gehen. Sie werden verliebt sein oder verloren, und sie werden keine Worte haben. Und das Rauschen der Wellen wird für sie klingen wie für uns, als wir es das erste Mal gehört haben.“
So endet Bill Cleggs Roman „Fast eine Familie“ (Original: „Did you ever have a family?“)
Es ist der erste Roman nach der Veröffentlichung zweier Memoirs, die er über seine Drogensucht, den Entzug und seine Rehabilitierung geschrieben hat. Mittlerweile arbeitet Clegg wieder als äußerst erfolgreicher Literaturagent.
In den Schlussworten des Romans klingt dessen Stimmung sehr schön an: Er ist zart und lyrisch, ruhig und gemessen. Ein wenig korrespondiert der Ton mit den leicht betäubten, trauernden Menschen von denen er erzählt.
Denn das Buch ist eines über eine unendliche Traurigkeit und eines über eine zerbrochene Familie. Der Grund für diese tiefe Trauer steht als Tragödie, als großer Knall am Beginn der Geschichte: Bei einem Hausbrand am Vorabend der Hochzeit ihrer Tochter verliert June ihre gesamte Familie. Braut und Bräutigam, Lebenspartner und Ex-Mann – alle tot. June, die sich in der Nacht kurz im Garten aufgehalten hatte, ist die einzige Überlebende.
Wie kann man eine solche Katastrophe überstehen, wie weitermachen? June packt nach den Beerdigungen ihre Sachen, steigt ins Auto und fährt gen Westen, von dem kleinen beschaulichen Ort Wells in Maine quer durch nach Moclips an der rauen Küste Washingtons. Von dort stammte der Bräutigam Will, dort hatte Junes Tochter Lolly mit ihm glückliche Wochen im kleinen Motel Moonstone verlebt.
Das Verhältnis zwischen June und Lolly war seit der Scheidung von Adam ein schwieriges. Dass dieser sie betrogen und belogen hatte, hatte sie ihrer Tochter nie erzählt. Wie in vielen Familien und Beziehungen herrschte auch hier ein unglückseliges Schweigen. Aber durch die Beziehung zu Will schien eine Wiederannäherung zwischen Mutter und Tochter plötzlich möglich.
Und auch eine neue Liebe fand June in dem zwanzig Jahre jüngeren afroamerikanischen Luke. Eine Liebe, die von der kleinstädtischen Bevölkerung außerordentlich misstrauisch beäugt wurde. Zwar war der junge Mann, der in Wells eine Landschaftsgärtnerei betrieb, sehr beliebt. Aber ein junger Schwarzer mit einer so viel älteren, wohlhabenden, weißen New Yorkerin? Überhaupt diese New Yorker, die Sommer für Sommer an der idyllischen Küste Maines einfallen und sich von der Bevölkerung bedienen lassen, die Preise hochtreiben und im Herbst alles verwaist zurücklassen. Klatsch und Tratsch kocht hoch. Noch dazu, weil Lukes Mutter Lydia, die Dorfschönheit, äußerst aufmerksam beobachtet wird, seitdem sie ihrem Mann einst ein farbiges Kind „unterjubeln“ wollte. „Schlampe“ ist noch eine der nettesten Bezeichnungen der Einheimischen für sie.
Lydia ist nun neben June die zweite Hauptfigur des Romans. Ihnen gehört der größte Anteil am Chor der Stimmen, dem wir, manchmal in der dritten Person, bei anderen wieder in der ersten, lauschen. Während June ihre Reise tut, versucht Lydia ihrer Trauer und Isolation Herr zu werden, denkt voller Bedauern an die Entfremdung, die auch zwischen ihr und Luke bestand, an ihre schwierige Vergangenheit. Andere Stimmen gehören einer Floristin und ihrem Sohn, der den örtlichen Catering-Betrieb führt, und die zur Stimme der Bevölkerung von Wells werden. Zu Wort kommen der Vater Wills, die Betreiberinnen des Moonstone, der Vater Lukes, der von seiner Vaterschaft nie etwas ahnte, ein junger Drogensüchtiger der sich für den Brand mitverantwortlich fühlt.
Diese Polyphonie von Stimmen, von Menschen, die mal mehr mal weniger von dem Unglück betroffen sind, entwickelt ein interessantes Bild ihrer Gemeinschaft, sei es in der Familie, sei es im Dorf. Auch wenn sie sich stilistisch wenig unterscheiden, gewinnt der Roman durch diese unterschiedlichen Perspektiven.
Welche Entscheidungen führten zu dieser Tragödie, wie sind die Figuren mit ihr verbunden, welche Konsequenzen müssen sie tragen? Ganz langsam ergibt sich ein umfassendes Bild.
Die Brandkatastrophe konfrontiert auch den Leser mit seinen tiefsten Ängsten – Verlust der Liebsten – und führt in absolute Dunkelheit. Aber diese Meditation über Trauer und Weiterleben, Fehlentscheidungen und Vergebung bietet auch viele Trostmomente, Wärme und Empathie. Denn in der Akzeptanz und Geborgenheit in einer Gemeinschaft, in Freundlichkeit und Zuwendung liegen viel Hoffnung. Der Roman von Bill Clegg scheut sich nicht vor diesen Emotionen, aber er wird dabei nie rührselig. Er lässt den Leser auf das eigene Leben blicken, die vielen kleinen Dinge, die man immer als selbstverständlich ansieht, die das Glück ausmachen und die doch so zerbrechlich und flüchtig sind.
Bill Cleggs Roman stand 2015 auf der Longlist des National Book Awards. Völlig zu Recht.

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