Leserpreis 2018

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Alles was glänzt

Marie Gamillscheg
Fester Einband: 224 Seiten
Erschienen bei Luchterhand, 19.03.2018
ISBN 9783630875613
Genre: Romane

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Orchis

Verena Stauffer
Fester Einband: 256 Seiten
Erschienen bei Kremayr & Scheriau, 12.03.2018
ISBN 9783218011044
Genre: Romane

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Der letzte Huelsenbeck

Christian Y. Schmidt
Fester Einband: 400 Seiten
Erschienen bei Rowohlt Berlin, 24.04.2018
ISBN 9783737100243
Genre: Romane

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Bevor wir verschwinden

David Fuchs
Fester Einband: 216 Seiten
Erschienen bei Haymon Verlag, 20.11.2018
ISBN 9783709934333
Genre: Liebesromane

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nichts, was uns passiert

Bettina Wilpert
Fester Einband: 170 Seiten
Erschienen bei Verbrecher, 06.02.2018
ISBN 9783957323071
Genre: Romane

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Alles ist möglich

Elizabeth Strout , Sabine Roth
Fester Einband: 256 Seiten
Erschienen bei Luchterhand, 12.11.2018
ISBN 9783630875286
Genre: Romane

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Stadt der Geheimnisse

Stewart O'Nan , Thomas Gunkel
Fester Einband: 224 Seiten
Erschienen bei Rowohlt, 23.10.2018
ISBN 9783498050443
Genre: Romane

Rezension:

„Die Stadt der Geheimnisse“ ist in Stewart O´Nans neuem Roman das Jerusalem der Nachkriegszeit.
Der aus Riga stammende Jude Brand ist wie unzählige andere nach seiner leidvollen Odyssee durch stalinistische und nationalsozialistische Lager, nachdem er seine komplette Familie im Holocaust verloren und selbst nur durch seine außerordentliche Geschicklichkeit als Mechaniker überlebt hat, mit einem maltesischen Frachter in Palästina gelandet.
Weit entfernt vom Aufbruchswillen und Idealismus der Zionisten, ist er ein gebrochener Mann, schwer beschädigt, traumatisiert, sich und der Welt verloren gegangen. 


„Er war nicht so schwach, um sich umzubringen, aber auch nicht so stark, dass er es nicht wollte. Ihm stellte sich immer die Frage, was er mit seinem alten Leben anfangen sollte, die Erinnerung gärte in ihm wie eine Krankheit.“

Eher aus Pflichtbewusstsein und Aussichtslosigkeit übernimmt er für die jüdischen Untergrundorganisationen der Haganah und der radikaleren Irgun, die ihn mit neuen Papieren und einer Taxilizenz ausstatten, Kurierfahrten und andere kleinere Aufträge in Jerusalem.
Diese zionistischen paramilitärische Untergrundorganisationen in Palästina kämpften anfangs vor allem gegen arabische Angriffe auf jüdische Siedlungen, später aber vermehrt auch gegen die seit Ende des Ersten Weltkriegs eingesetzte Mandatsmacht der Briten. Besonders die beiden Splittergruppen Irgun und Lechi (Stern-Bande) setzten immer häufiger auf Sabotageakte und terroristische Anschläge. Und auch Brand, nun auf den Namen Jussi hörend, wird immer häufiger zu solchen Aktionen herangezogen. Bei der Sprengung einer Stromleitung handelt es sich noch lediglich um Gewalt gegen Sachen, beim Überfall auf einen Personenzug packen Brand/Jussi bereits größere moralische Bedenken. Die Eisenbahner und Passagiere, die sich vor ihm mit erhobenen Händen auf den Boden legen müssen, während er sie mit der Waffe in Schach hält, erinnern ihn zu sehr an Situationen, die er aus seiner dunkelsten Vergangenheit kennt und lieber vergessen möchte. Überhaupt ist es erschreckend, zu lesen, wie wenig sensibel sowohl Briten als auch „alteingesessene“ Juden, die den Holocaust selbst nicht miterleben mussten, mit den Überlebenden umspringen. So erinnern Verhaftungen sehr an Situationen in den KZs. 

Für Brand und mit ihm der Leser stellt sich immer dringender die Frage, wie weit man für eine vermeintlich gerechte Sache gehen darf. Wie gerecht und notwendig sie sein muss, um dafür zu töten.
Brands Skrupel sind deutlich höher als die beispielsweise seiner Geliebten Eva, ebenso Mitglied in seiner „Einheit“. Eva stammt aus Litauen und ist ebenso wie Brand den Lagern entkommen, hat aber auch ihren geliebten Mann verloren. Seitdem arbeitet sie in Jerusalem als Edelprostituierte und horcht auf diesem Weg Kunden aus der britischen Regierung für die Untergrundorganisationen aus. Und ist bereit, noch viel weiter zu gehen. Bei ihr findet Brand vorübergehend ein wenig Ruhe und was so etwas wie Glück. Auch wenn er weiß, dass das nur ein Ersatz für Verlorenes sein kann.
In seinem recht schmalen Roman vereint Stewart O´Nan ein wenig Spionagethriller à la Graham Greene, ein wenig Abenteuerroman und einen halbdokumentarischen Einblick in das Jerusalem der Zwischenzeit, zwischen Ende des Zweiten Weltkriegs und der Staatsgründung von Israel im Jahr 1948. Dabei gelingt ihm eine wunderbar dunkle, düstere Atmosphäre, wenn Brand nachts mit seinem Taxi unterwegs ist. Es ist eine Zeit der Sperrstunden, der Straßensperren, der Stromausfälle, Jerusalem ist finster, labyrinthisch, gefährlich. Gleichzeitig fängt O´Nan aber auch das bunte, lebendige Jerusalem ein, das selbst damals bevölkert von Touristen aller Herren Länder, von Arabern, orthodoxen Juden, Zionisten und britischen Militärs bewohnt war. Das ist atmosphärisch sehr stimmig. 

Vor allem zeichnet O´Nan aber das Psychogramm eines Überlebenden des Holocaust. Traumatisiert, abgestumpft, melancholisch, wird er erkennen, dass der Weg, den das zukünftige Israel hier geht, nicht der seine sein kann. Der Roman endet mit dem Anschlag der Irgun auf das King David Hotel, das auch Teile der britischen Mandatsregierung beherbergte, und der über 90 Todesopfer forderte.
O´Nan geht mit seinem Roman sicher nicht sehr in die Tiefe, seine Sprache ist einfach und klar. Dennoch schafft er einen beeindruckenden Blick in ein bisher für mich noch nicht so häufig beleuchtetes Kapitel der Geschichte. Und überrascht einmal mehr mit der Fülle der von ihm für seine Bücher gewählten Themen und Genres. Damit bleibt O´Nan für mich einer der spannendsten US amerikanischen Autoren.

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Der Verräter

Paul Beatty , Henning Ahrens
Fester Einband: 352 Seiten
Erschienen bei Luchterhand, 15.10.2018
ISBN 9783630875750
Genre: Romane

Rezension:

Schon der Beginn des Prologs von Paul Beattys 2016 mit dem Man Booker Prize ausgezeichnetem Roman „Der Verräter“ (Original „The Sellout“) macht deutlich, mit was für einem Buch man es hier zu tun hat. Keine der von amerikanischen Autoren bekannten, nicht selten großartigen Familiengeschichten oder Gesellschaftspanoramen, in die man bei allen Abweichungen und Differenzen doch immer irgendwie eintauchen kann, teilnehmen kann, Identifikationen aufbauen kann, im positiven oder auch im negativen Sinn.
Hier will keine politische Korrektheit herrschen, sondern Provokation, schon allein durch den inflationären Gebrauch von Wörtern wie „Nigger“ oder „Motherfucker“. Aber hier geht es dem Autor auch um etwas, nämlich um den fortbestehenden Rassismus in den USA, um die schwarze Identität an sich, das Selbstbild der Afroamerikaner. Das gelegentliche Unwohlsein des Lesers, auch seine Verwirrung wird nicht nur in Kauf genommen, sondern ist Programm. Der Autor kommt von der Lyrik her, betätigt sich auch als Poetry-Slammer. Das erklärt den ausgeprägten Rhythmus seiner Sprache, aber auch die teils sehr derbe, sich des Slangs bedienende Sprache. Paul Beatty brennt ein teilweise aberwitziges Ideenfeuerwerk ab, reiht Gag an Gag, Pointe an Pointe, schreckt auch vor dem einen oder anderen Kalauer nicht zurück, und versteckt darunter eine nur allzu bittere Wahrheit: dass auch nach acht Jahren unter der Präsidentschaft Barack Obamas (von Trump war da noch gar nicht die Rede) die Situation der schwarzen Bevölkerung keine grundlegend andere geworden ist, sich in Bezug auf Chancengleichheit, Kriminalitätsrate, Polizeigewalt zu wenig geändert hat.


Der äußerst unzuverlässige Ich-Erzähler, jener „Verräter“, der dem Buch im Deutschen den Titel verliehen hat, ist „Bonbon“ Heros. „Bonbon“ nennt ihn allerdings nur die „Liebe seines Lebens“, die Busfahrerin Marpessa, die leider anderweitig verheiratet ist. Ansonsten bleibt er (vor)namenlos. Aufgewachsen bei seinem alleinerziehenden Vater, einem „nicht ganz unbedeutenden Sozialwissenschaftler“ und Bürgerrechtler, der später aufgrund seiner beruhigenden Wirkung auf angehende Selbstmörder im Viertel „der Niggerflüsterer“ genannt wird, macht er sich nach dessen Tod durch Polizeikugeln diverser Verstöße gegen die Verfassung schuldig, weswegen er am Buchbeginn auf der Anklagebank sitzt. Übrigens völlig bekifft sitzt. Vielleicht der Grund, weswegen so manches vom Erzählten völlig absurd klingt. Die Anklagepunkte heißen „Sklaverei“ und „Rassentrennung“, zwei Dinge, die in den Vereinigten Staaten von Amerika seit 1865 bzw. 1964 abgeschafft sind. Abgeschafft sind? Zumindest bei letzterem beharrt der Ich-Erzähler darauf, dass Rassentrennung lediglich auf dem Papier nicht mehr existiert und plädiert auf unschuldig. 

Aber wie kam es eigentlich zu den merkwürdigen Vorwürfen? Alles begann damit, dass der alte und schon etwas tüdelige Hominy Jenkins, einst erfolgreicher Kinderstar in der (nicht nur) unter rassistischen Gesichtspunkten etwas fragwürdigen Kurzfilmserie „Our Gang“ (zwischen 1922 und 1944 gedreht und in Deutschland unter „Die kleinen Strolche“ bekannt) und eine Lokalgröße, beim Ich-Erzähler um Aufnahme als Sklave, inklusive donnertäglichem Auspeitschen, erbittet. Dieser Hominy ist natürlich eine fiktive Figur, aber allen älteren Semestern ist sicher noch der kleine schwarze Junge in Erinnerung, dem in der Kinderbande der „Kleinen Strolche“ eine selten dämliche Rolle als pausenlos hungriger Mitläufer zugedacht war und dem abwechselnd vor Erstaunen, Erschrecken oder auch sonst wie wahlweise die riesigen Augen aus dem Kopf quollen oder die struppigen Haare zu Berg standen, und an den diese Figur angelehnt ist. Um Hominy an seinem Geburtstag eine Freude zu machen, heuert der Ich-Erzähler Marpessas Bus an und nimmt eine „gute alte“ Trennung von weißen und farbigen Passagieren darin vor. Nur für die eine Fahrt gedacht, belässt es Marpessa aber bei der Regelung, und siehe da, die Disziplin im Bus steigt, ebenso der Respekt vor den Mitfahrenden, generell das Benehmen und der Umgangston. Das bringt ihre Freundin, die Lehrerin ist, auf die Idee, es auch an der Schule mit Rassentrennung zu versuchen. Sie wendet sich an den Ich-Erzähler, der zudem dabei ist, sein Viertel, das (fiktive) Dickens, irgendwo in South-Central Los Angeles, das infolge der Gentrifizierung, um seinen Ruf als Stadtteil mit der höchsten Mordrate auszulöschen, einfach von der Karte getilgt und anderen Stadtteilen zugeschlagen wurde, wiederzubeleben. Mit einem Markierwagen für Sportplätze zieht er eine neue/alte Grenze um sein ursprüngliches Heimatviertel.

Klingt alles ziemlich verrückt? Ist es auch. Es kommen noch der Club der Dum-Dum-Donat-Intellektuellen, absonderliche Erziehungsmethoden des Vaters, die auch vor Konditionierung durch Stromschläge nicht zurückschreckten, psychologische und soziologische Abhandlungen und zahllose Referenzen zu US-amerikanischer Literatur, zu Filmen, Fernsehen, Berühmtheiten hinzu. Gespickt mit jeder Menge lateinischer Zitate und sonstigem Bildungszierat ist das Ganze keine ganz leichte Lektüre. Zumal man sich ständig fragt, „Meint der das jetzt ernst?“. Es ist bis zuletzt unklar, ob da nur einer im Drogenrausch fabuliert, oder ob der Autor hier seine Geschichte satirisch zuspitzt und gehörig übertreibt. Dass Vater und Sohn Heros mitten in L.A. South Central eine ausgedehnte Farm bewirtschaften sollen (Spezialitäten Satsumas, Melonen und Marihuanha) und der Protagonist überall mit dem Pferd vorreitet, macht die Sache auch nicht glaubwürdiger.

Paul Beatty hat ein wahrhaft fulminantes Buch geschrieben, cool, ausufernd, aberwitzig, radikal. Es zeigt die Vielgestaltigkeit von Rassismus, reizt sämtliche Klischees aus und hinterfragt vehement alle Gruppen- und Rassenzugehörigkeiten. Nicht immer ganz leicht zu lesen, aber erhellend, schockierend, anregend und manchmal einfach saukomisch.

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61 Bibliotheken, 5 Leser, 1 Gruppe, 14 Rezensionen

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Macbeth

Jo Nesbø , André Mumot
Fester Einband: 624 Seiten
Erschienen bei Penguin, 27.08.2018
ISBN 9783328600176
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Das Hogarth-Shakespeare-Projekt wurde zum 400. Todesjahr des großen englischen Dramatikers 2016 ins Leben gerufen. Gedacht als eine große Verbeugung vor dem Meister und als Beweis dafür, dass seine Dramen durchaus auch in der heutigen Zeit Aktualität und Gültigkeit haben, wurden acht renommierte zeitgenössische Autoren gebeten, ein Werk ihrer Wahl in einer Neubearbeitung vorzulegen.
Eine großartige Idee und die Autoren, die zusagten, wie Ann Tyler, Margaret Atwood und Howard Jacobson, versprachen eine spannende Auseinandersetzung mit Shakespeares Werk.
Ich muss nun, bei Erscheinen des siebten von insgesamt acht geplanten Büchern, zugeben, dass meine anfängliche stürmische Begeisterung recht bald ein wenig abflaute. Sah das Ergebnis doch eher durchwachsen aus.
Sehr gelungen fand ich vor allem die Umsetzungen von Margaret Atwood und Jeanette Winterson. Howard Jacobsons Fassung des „Kaufmanns von Venedig“ war zwar auch spannend, aber nicht ganz so gut lesbar. Tracy Chevalier und Edward St. Aubyn haben eher schwache Umsetzungen geliefert, Ann Tyler, die ich ansonsten sehr schätze, hat mich ziemlich enttäuscht. Ich weiß nicht genau, welche Vorgaben die Autoren bekommen haben, insgesamt waren aber die meisten Neufassungen ziemlich brav, viel zu eng an der Vorlage, lediglich ein Transfer in unsere Zeit, ein Abarbeiten an originellen Modernisierungen, so dass sie für mich fast alle nur im direkten Dialog mit dem Klassiker funktionierten und der Spaß sich oft darauf beschränkte, wie der Autor die Details umsetzte. Ausnahme war für mich eigentlich nur Margaret Atwoods „Hexensaat“.
Und nun „Macbeth“, in der Version des norwegischen Krimiautoren Jo Nesbø. Dieses blutige Mordstück scheint geradezu prädestiniert für eine Bearbeitung des vor brutalen Verbrechen auch in seinen eigenen Werken nicht zurückschreckenden Nesbø. Um es gleich vorwegzunehmen, ich bin kein großer Freund dieser Art von Kriminalliteratur, habe auch länger gezögert, mir diesen Macbeth vorzunehmen, auch, weil ich die von den bisher erschienenen Büchern der Reihe stark abweichende Aufmachung (der Übertragung der Rechte vom verschwundenen Knaus Verlag auf Penguin geschuldet, und wohl auch dem Marketingkonzept für einen „Thriller“) bedauere.
Aber die Kritiken sind durchweg positiv, wenn auch nicht euphorisch, und so habe ich mich doch überzeugen lassen.
Einen Thriller zu verfassen, dessen Handlung bis ins Detail und vor allem dessen Ende allgemein bekannt ist, und der trotzdem so etwas wie Spannung beinhaltet, ist natürlich keine leichte Aufgabe. Und so lag für mich das Interesse am Buch mal wieder in der Umsetzung. Wie transportiert Nesbø den 400 Jahre alten Tragödienstoff vom Königsmörder und seiner Frau, der in einen wahren Blutrausch mündet, in die heutige Zeit?
Und das fing eigentlich ganz vielversprechend an. Nesbø siedelt die Handlung nicht im Heute und nicht im ganz Realen an. Vieles spricht dafür, dass die Siebziger Jahre den Rahmen bilden, auch wenn nicht explizit von ihnen die Rede ist. Der Ort ist ein fiktiver, nordischer, an dem es permanent regnet, und der merkwürdig gespalten ist in die Hauptstadt Capitol und das Umland mit der nicht näher bezeichneten Stadt, in der sich die Geschichte abspielt, völlig heruntergekommen, von Arbeitslosigkeit beherrscht, verdreckt, von giftigen Gasen und anderen Umweltgefahren bedroht, von Rattenheeren bevölkert und von Drogen regiert. Zumindest im einen Teil der Stadt. Jenseits einer Grenze, in Fife, wo die Reichen, Mächtigen wohnen, ist die Luft klar, die Häuschen sind ordentlich.
Das Setting ist extrem überzeichnet, und genauso verfährt Nesbø mit den handelnden Personen. Vom Königshof werden sie in eine Polizeibehörde versetzt. Macbeth ist ein junger, die Spezialeinheit SWAT leitender Beamter, seine Geliebte ist die Casino- und Bordellbetreiberin Lady. Das „Böse“ wird verkörpert durch die zwei rivalisierenden Drogenkartelle, die Norse-Riders unter ihrem Anführer Sweno, eine brutale Motorradgang, die relativ bald ausgeschaltet wird, und den Ring um Hecate, der die Wunderdrogen Brew und Power herstellt und damit große Teile der Bevölkerung beherrscht, sehr bald auch Macbeth und Lady, die ihre Drogenkarriere eigentlich hinter sich gelassen hatten, im Laufe des Geschehens aber rückfällig werden. Die Hexen des Originals werden durch drei Frauen aus Hecates Drogenküche verkörpert. Sie stoßen das Geschehen an. Für Hecate ist nämlich der neue Chief Police Comissioner Duncan wegen seiner Redlichkeit ein Dorn im Auge. Er trauert den guten alten Tagen des plötzlich verstorbenen alten, diktatorischen und höchst korrupten Chefs Kenneth nach. Deshalb lässt er Macbeth, den er glaubt wegen seiner Drogensucht manipulieren zu können, einflüstern, er würde der kommende Chief Commissioner und Bürgermeister, und macht in zugleich von seiner Droge Power abhängig. Nach dem ersten Mord an Duncan folgt das bekannte Gemetzel von Freund und Feind, wobei die gespenstischen, übersinnlichen Anteile des Originalstücks diversen Drogenräuschen zugeschrieben werden. Eigentlich eine gelungene Idee, die Handlung ins leicht Fantastische zu verschieben. Aber gleichzeitig verbleibt die Handlung zu sehr im Realen, wird alles explizit erklärt, ja, der desolate, und für mich völlig unglaubwürdige Zustand der Stadt, in so etwas wie Kapitalismuskritik verpackt. Diese Unentschiedenheit zwischen Realitätsnähe und Fantastik empfand ich als ungemein störend. Die Wandlung des treuen und relativ unbescholtenen Macbeth in einen im Blutrausch tobenden Junkie war für mich genauso wenig überzeugend wie die völlige Skrupellosigkeit, Brutalität und Moralfreiheit bei großen Teilen der Polizei. Auch an die völlige Unbedarftheit der restlichen Polizeibehörde und der Öffentlichkeit angesichts der Machenschaften ihrer Mitglieder oder die selbstlose Liebe zwischen Macbeth und Lady konnte ich nicht wirklich glauben. Manchmal muss man sich vielleicht doch ein wenig weiter weg entfernen vom Originalstoff, um überzeugend zu bleiben. Oder aber den fantastischen Weg konsequenter beschreiten. Ein wenig scheint auch der Autor mit diesem Dilemma gekämpft zu haben. So benötigt Nesbø über 600 Seiten, um die Handlung und Personen irgendwie zu erklären (im Vergleich: Shakespeare benötigte dafür keine einhundert).
Zugegeben, die Anlage der Personen und Handlung ist reizvoll und einfallsreich, auch ein wenig der unheilvollen Atmosphäre des klassischen Dramas findet ihren Weg in Nesbøs Roman. Leider funktionierte das für mich überhaupt nicht mit der Unausweichlichkeit des Geschehens, der Schicksalshaftigkeit von Shakespeares Drama, dem Getriebensein von Macbeth. Nesbø versucht dies vergeblich durch die Drogensucht der Protagonisten zu ersetzen. Auch herrscht im Buch ein merkwürdiges Frauenbild zwischen Femme fatale und treusorgender Ehefrau/Liebender/Mutter. Die Umsetzung und Entwicklung der Handlung konnte mich insgesamt wenig überzeugen und machen diese Neufassung für mich zur misslungendsten der bisherigen Reihe. Ein Kritiker sprach von einer Umsetzung, die viel von einem Marvel Film hätte. Damit kann ich auch nichts anfangen, vielleicht liegt es daran.
Hoffen wir, dass die Umsetzung von Hamlet durch Gillian Flynn, die für 2021 angekündigt ist, wieder eher meinen Geschmack trifft. Aber die Zeitspanne bis dahin ist unverständlicherweise so lang, dass man sich an das so positiv gestartete Shakespeare-Projekt vielleicht gar nicht mehr erinnern wird. Schade. 

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Dodgers

Bill Beverly , Hans M. Herzog
Fester Einband: 400 Seiten
Erschienen bei Diogenes, 26.09.2018
ISBN 9783257070378
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

East ist gerade mal fünfzehn, aber schon gut im Geschäft. Als Aufpasser für eines der Drogenhäuser im (fiktiven) heruntergekommenen Stadtteil „The Boxes“ in Los Angeles zuständig, ist er „Chef“ der anderen Jungs, die die Geschäfte am Laufen halten und Schmiere stehen, um rechtzeitig vor der Polizei zu warnen. Er ist mit Drogenboss Fin verwandt, Blut von seinem Blut, man vermutet sogar, er sei sein Sohn.
Deshalb bekommt er auch noch eine Chance, nachdem „sein“ Haus eines Tages bei einer Razzia auffliegt. Mit drei anderen der Jungs soll er in Wisconsin einen Auftrag erledigen. Ein Richter, der als Belastungszeuge für Fin gefährlich werden könnte, soll beseitigt werden. Über 2000 Meilen in einem Transporter quer durch die Staaten, ausstaffiert als Dodgers-Fans, damit sie nicht so auffallen. Der älteste der Jungen ist 20, hat ein abgebrochenes Studium hinter sich und hält sich auch sonst für etwas Besseres. Dieser Michael Wilson gefährdet das Unternehmen bereits in Las Vegas, weil er dort mal so richtig auf die Pauke hauen will. Es kommt zum Streit und die anderen drei fahren ohne ihn weiter.
Der dicke Walter und Easts kleiner Bruder Ty sind nun seine Weggenossen. Der dreizehnjährige Ty zeigt Züge eines psychopathischen Killers, eiskalt, völlig frei von jeglichen moralischen Bedenken, leicht autistisch. Überhaupt verstören die Jungen hinsichtlich ihres Alters, manchmal mag man gar nicht wirklich glauben, wie jung sie noch sind. Aber man weiß von diesen Ghettokids, vernachlässigt, ohne irgendwelchen Rückhalt und ohne Perspektiven, auch aus den Büchern von Richard Price beispielweise („Clockers“) oder aus Serien wie „The Wire“.
Und so ziehen die drei ihren Auftrag durch. In der „Heimat“ werden unterdessen die Karten neu gemischt, denn auch Fin ist aufgeflogen.
Bill Beverlys Debüt wurde beim Erscheinen 2016 gleich mit zwei Golden Daggers ausgezeichnet. „Dodgers“ ist weniger ein Kriminalroman, denn hier wird nicht ermittelt und auch eine Verfolgung der jugendlichen Täter findet in der Form nicht statt, auch wenn sie natürlich auf der Flucht sind. Das Buch verbindet vielmehr eine Art Coming-of-Age-Story mit Momentaufnahmen zum Zustand der USA, und das alles natürlich mit Thrillerelementen. Es bleibt dicht an der Person des East dran, erzählt präzise, spannend und atmosphärisch dicht. Dabei verzichtet es ebenso auf gängige Klischees wie auf jegliche übertriebene Action. Durch die lange Strecke, die die Jungen in ihrem Transporter unterwegs sind, bekommt das Ganze eher etwas kammerspielartiges, wozu auch die Spannungen zwischen den beiden Halbbrüdern, die wenig mehr als dieselbe Mutter gemeinsam haben, beitragen. Der Text nimmt sich Zeit, was ihm aber keineswegs schadet.
Bill Beverly ist ein Autor, den man sich merken muss.

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Schnee in Amsterdam

Bernard MacLaverty , Hans-Christian Oeser
Fester Einband: 288 Seiten
Erschienen bei C.H.Beck, 09.11.2018
ISBN 9783406727009
Genre: Romane

Rezension:

Bernard Maclaverty, geboren 1942 in Belfast, seit langem in Schottland lebend, mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, u.a. mit dem Irish Book Award für den vorliegenden Roman, „Midwinter Break“ – ich muss zugeben - war mir völlig unbekannt. Ein bisschen googeln ergab, dass er Vorlage und Drehbuch für „Cal“ geschrieben hat, einen Film aus den 80er Jahren über den Nordirland-Konflikt, den zumindest kannte ich.
Und nun liegt „Schnee in Amsterdam“ vor, wiederum laut Google der erste Roman des Autors seit sechzehn Jahren. Was mich zu diesem Roman hinzog, war weder der Klappentext, noch das Buchcover, sondern etwas, worauf ich ansonsten gar nicht achte: eine Lobhudelei auf der Buchrückseite. Diese hier stammt von Richard Ford, und der ist einer meiner Säulenheiligen der Literatur.
Wie gut, dass ich ihm auch hier vertraut habe, denn „Schnee in Amsterdam“ ist ein ganz wunderbares Buch, dem noch viel mehr Aufmerksamkeit gebührt.
Erzählt wird von einem verlängerten Wochenende, das Stella und Gerry Gilmore eines Januars in Amsterdam verbringen. Die beiden sind vermutlich Ende Sechzig/Anfang Siebzig, stammen wie der Autor aus Nordirland, leben aber schon seit vielen Jahrzehnten in Glasgow. Stella war Lehrerin, Gerry Architekt, beide sind auch jetzt im Rentenalter noch tätig und aktiv, auch wenn sich das Alter so langsam meldet. Der gemeinsame Sohn lebt mit Frau und kleinem Sohn in Kanada, Kontakt besteht, aber allein durch die Entfernung sieht man sich sehr selten.
Die Reise nach Amsterdam war ein Weihnachtsgeschenk von Stella für ihren Mann, recht bald merkt man aber, dass sie auch ganz eigene Interessen verfolgt. Vor Jahren führte sie schon einmal eine Lehrerkonferenz in die niederländische Metropole. Ein kleiner Platz dort, der Begijnhof, hat sich in ihre Erinnerung eingebrannt. Und auch der Leserin steht dieser wunderschöne, etwas versteckte Hof wieder deutlich vor Augen. Dort lebten seit dem Mittelalter Frauen allein ein freiwillig Gott geweihtes Leben, ohne dass ein Gelübde nötig war. Ein solches Leben schwebt nun am Lebensabend auch der praktizierenden Katholikin Stella vor.
Ihre Ehe mit Gerry fühlt sich für sie an wie eine Sackgasse. Ohne Kinder oder Enkel beklagt sie eine Leere, weiß nicht, wie weiter. Eine Krise, die nach der eigentlichen Midlife-Krise viele ältere (vorwiegend) Frauen befällt. Die große Frage nach dem „War´s das?“.
Besonders Gerrys Alkoholproblem macht Stella sehr zu schaffen. Zwar ist er ein sehr „friedlicher“ Alkoholiker, der auch nach massivem Genuss den Anstand wahrt, niemals zu Gewalt oder Ausfälligkeit neigt. Aber dennoch, er ist Alkoholiker, sein Leben dreht sich ganz um den Genuss von Hochprozentigem und auch in Amsterdam geht es meist darum, sich den einen oder anderen Schluck, möglichst heimlich, zu besorgen.
Wie so vielen Männern entgeht ihm die Entfremdung seiner Frau. Er fühlt sich in der Ehe glücklich. Und auch der Leserin erscheint die Verbindung alles andere als aussichtslos. So viele kleine Rituale, so viel Vertrautheit, Humor, ja sogar noch Sex verbindet die Beiden. Aber da sind natürlich auch Gegensätze, die der Autor subtil zu vermitteln weiß, beispielsweise indem Stella permanent unter trockenen Augen leidet, während diese Gerry im kalten Winterwind ständig tränen. Überhaupt vermittelt Bernard MacLaverty vieles aus dieser Ehe sehr zart und quasi „unter der Hand“. Eine zweite Lektüre würde sich definitiv lohnen, auch wegen der vielen präzisen Alltagsbeobachtungen, die oft ganz zauberhaft sind.
So begleitet man die beiden bei klirrender Kälte durch Amsterdam, ins Riksmuseum, das Anne-Frank-Haus und durchs Rotlichtviertel, sitzt mit ihnen im Café und beim Frühstück, lernt sie durch den ständigen Perspektivwechsel kennen und bangt um ihre Beziehung, schwankt zwischen Ungeduld mit Gerrys Umgang mit dem Alkohol und Rührung angesichts der offensichtlichen Liebe, die er zu seiner Frau empfindet. Man versteht Stellas Wunsch nach einer Trennung und schüttelt Seiten später darüber den Kopf. Nach und nach offenbaren sich auch die Altlasten des Nordirlandkonflikts, die beiden in den Knochen stecken und sich beispielsweise so äußern, dass Gerry sich niemals mit dem Rücken zu einer Tür setzt, seitdem er als junger Mann nur knapp einem Bombenattentat entgangen ist. Auch Stellas Religiosität stellt sich in diesem Zusammenhang ganz anders dar.
Vermeintlich einfach und doch so subtil zeichnet der Autor rührende Alltagsminiaturen. Glaubwürdig und bewegend erzählt er vom Alter und von der Frage, die alle Menschen umtreibt, die aber gerade dann vielleicht besonders dringlich wird: Wie will ich (weiter)leben? Was ist das, ein gutes, ein erfülltes Leben? Was bleibt?
Ein ganz wunderbares, feines Buch! Lobend zu erwähnen wäre vielleicht noch, dass das Originalcover auch für die deutsche Ausgabe verwendet wurde. Mag es auf den ersten Blick vielleicht ein wenig kitschig anmuten, spiegelt es in seinen verhaltenen Farbtönen, der Positionierung der beiden Figuren und der Stimmung, die sie umgibt, den Roman fabelhaft wieder. „Never judge a book by its cover“ – hier ist es hervorragend gelungen.

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Der Narr und seine Maschine

Friedrich Ani
Fester Einband: 143 Seiten
Erschienen bei Suhrkamp, 02.10.2018
ISBN 9783518428207
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Nach langen Jahren, in denen er Menschen aufzuspüren versuchte, die spurlos verschwunden waren, möchte Tabor Süden jetzt selbst einfach verschwinden. Er hat seine Wohnung aufgelöst, das Handy zurückgelassen.

Seine langjährige Chefin in der Detektei Liebergesell hat aber den richtigen Riecher und passt ihn am Bahnhof ab, ja, kann ihn sogar für einen neuen Fall, den sie übernommen hat, zurückgewinnen.
Es geht um den ehemals sehr bekannten Kriminalschriftsteller Georg Ulrich, einen Meister des Crime Noir, etliche Male verfilmt, prämiert, übersetzt, um den es aber seit vielen Jahren sehr still geworden ist. Zu Beginn seines Ruhms ist er mit seiner Mutter, die ihn als einfache Schneiderin allein und unter erheblichen finanziellen Mühen großgezogen hat, in ein Hotel gezogen. Hier lebte er bis zuletzt, ruhig und völlig zurückgezogen nach dem Tod der Mutter. Seine Biografie wurde unlängst geschrieben und nun ist der Autor verschwunden. Der Hotelbesitzer und seine Angestellten, die sich Cornelius Hallig, so der wahre Name des Autors, freundschaftlich verbunden fühlen und sich sorgen, haben Liebergesell mit der Suche nach ihm beauftragt. Nicht unbegründet befürchten sie, dass hier ein Suizid geplant sein könnte.
Tabor Süden fühlt sich von Beginn an verwandt mit Hallig und der absoluten Dunkelheit, die ihn zu umgeben scheint. Beide sind Menschen, die irgendwie nicht wissen, wohin mit sich in dieser Welt, beide schwer erschüttert, beide ohne enge Bindungen. „Rabenschwarz“ könnte man die Stimmung im Buch nennen und ein wenig bangt man sogleich auch um sie Seelenlage des Autors Ani, der hier ja immerhin von einem Schriftsteller-Kollegen erzählt. 

Gewohnt intuitiv lässt sich Tabor Süden durch seine Ermittlungen, falls man das überhaupt so nennen kann, treiben. Es wird sehr viel geraucht und getrunken und man verrät kein Geheimnis, wenn man erzählt, dass die beiden Männer sich am Ende tatsächlich begegnen. Auch wenn es natürlich kein Happy-End gibt. Das gibt es bei Ani in diesem Sinne nie.
Eine absolut dunkle, bedrückende Stimmung herrscht, eine tiefe existenziellen Erschütterung bleibt auch beim Lesen.

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Dämmer und Aufruhr

Bodo Kirchhoff
Fester Einband: 480 Seiten
Erschienen bei Frankfurter Verlagsanstalt, 29.06.2018
ISBN 9783627002534
Genre: Romane

Rezension:

„Dämmer und Aufruhr“ – das ist ein Titel, der mich eigentlich wegen seiner pompösen Theatralik wenig anspricht. Genauso wenig wie andere Werke des Autors Bodo Kirchhoff, „Verlangen und Melancholie“ etwa, oder „Eros und Asche“. Auch sind Liebe und Eros, Begehren und Obsession, um die viele der Romane Kirchhoffs kreisen, nicht die von mir für eine Lektüre bevorzugt ausgewählten Themen, besonders wenn sie immer so etwas Schwüles, Pathetisches umweht. Also, ich gebe es zu, ich bin eigentlich keine Bodo Kirchhoff-Leserin. Auch die 2016 mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnete Novelle „Widerfahrnis“ konnte mich für sich nicht einnehmen.
Nun hatte mir Nadya Hartmann von der FVA, die ich im Rahmen der Aktion „Verlage besuchen“ traf, das neue Buch von Kirchhoff, das damals im Entstehen war, aber so nahe gebracht, das ich es unbedingt lesen wollte. Danke, denn dieses Buch hat mich sehr begeistert.
„Roman der frühen Jahre“ – so der Untertitel. Ein autobiografischer „Coming of age-Roman also, der, wie könnte es anders sein, auch eine erotisch-sexuelle Erweckungsgeschichte ist. Aber zugleich so viel mehr.
„Aber erst dreieinhalb Jahre danach (auf dem Balkon mit Meerblick) gingen die Erinnerungen an diese Zeit in Gedanken über, auch den, dass seine Mutter nach dem Kuss in diese so lange Nacht gefallen ist, in einen sehnenden Zustand zwischen Schlafen und Wachen, nicht einmal mit dem befreienden Griff zum Telefon, in ein hoffnungsloses Um-sich-selbst-Kreisen, das vielleicht etwas ähnlich Erschöpfendes hatte (…) wie die lange Nacht seiner Pubertät oder Begierde, als er der Junge zwischen Himmel und Erde auf dem Foto war und eigentlich ins Strahlende springen wollte, in eine Umarmung, und in keinen Moorsee, oder das Warme und Modrige des Sees der Ersatz war.“
Eine Passage am Ende des Romans, die Vieles der 460 Seiten dieses verblüffend offenen, mutig schonungslosen Buches erfasst.
Das Foto des springenden Jungen zeigt das Cover des Buches und der Junge, der da springt, ist der halbwüchsige Bodo Kirchhoff, wie jeden Sommer zusammen mit seiner Mutter (und meist noch der Großmutter) in der Sommerfrische am Moorsee. Er sucht das „Strahlende“, die „Umarmung“, kurz das Glück. Denn dieser Junge ist zutiefst einsam. Trotz der zeitweise innigen, vielleicht zu innigen Beziehung zu seiner Mutter, der von Kirchhoff als strahlend-schön beschriebenen ehemaligen Schauspielerin und Autorin von zahlreichen Romanen mit Titeln wie „Ich bleib dir nah“, „Zeit der Versuchung“ oder „Die kleinen Wunder des Lebens“, Evelyn Peters.
Gleich zu Anfang wird diese Beziehung zur Mutter auch in ihrer starken Körperlichkeit geschildert. Nachmittage in der Sommerfrische verbringen die Beiden, der kleine Bodo ist gerade mal drei Jahre alt, nackt auf dem Bett. Der Kleine darf Mutters Körper „erkunden“, bezeichnenderweise mit einem Bleistift, darf sie massieren, ist auch Jahre danach ihr sogenannter „Sommerkavalier“. Ob und wieviel an kindlichem Missbrauch in solchen Szenen bereits steckt, bleibt im Ermessen des Lesers. Eine ganze Portion ödipalen Potentials steckt auf jeden Fall darin.
„Der Mutterleib ist vaterloses Gebiet“.
Dass solche Erinnerungen aber auch trügerisch sein können, das verschweigt Kirchhoff nicht. Sie können täuschen, stammen zudem meist, gerade in diesen frühkindlichen Phasen, aus zweiter Hand, aus Erzählungen anderer, von Fotografien, die für diese Buch von zentraler Bedeutung sind.
„Wer spricht da, wenn einer von früher erzählt?“
Der hier von seiner Kindheit und Jugend erzählt, ist der Autor, der sich für einige spätsommerliche Wochen in ein Hotel an die italienische Riviera, nach Alassio, zurückgezogen hat. Dort, im Hotel Beau Séjour haben bereits seine Eltern einige vermutlich glückliche Tage in den späten 50er Jahren verbracht. Ein Ort, der diese Eltern und damit auch das eigene junge Ich näherbringen soll. Und so sitzt der Autor bei meist strahlend schönem Wetter auf dem kleinen Balkon und schreibt seine Erinnerungen.
Erinnerungen an die Eltern, die beide unglücklich waren, in ihrem Leben, aber auch in ihrer Ehe, die überstürzt kurz nach dem Krieg geschlossen wurde. Beide waren sie Versehrte, der Vater, der im Krieg ein Bein verlor, die Mutter, die ihren Verlobten betrauert. Beide klammern sich aneinander, können aber ihre Sehnsüchte aneinander nicht stillen. Der Vater stets in Sorge um sein kleines Unternehmen, die Mutter in Erinnerung an die begonnene Schaupielkarriere und beseelt von ihrem Wunsch, Schriftstellerin zu werden, das graue Leben fort zu schreiben. Beide viel zu sehr mit sich beschäftigt, um dem Sohn und später auch der Tochter die Geborgenheit zu bieten, die Kinder benötigen. Es sind
„Eltern, die sich wieder und wieder verflüchtigt haben.“
Die seelische Not ihrer Kinder erkennen sie nicht. Einmal beginnt der Sohn, in einem Schuppen ein tiefes Loch zu graben, ein Loch, in dem er „verschwinden“ könnte. Er gräbt, bis er auf Grundwasser stößt. Reaktion der Eltern: Bitte wieder zu graben, dann bekommst du ein Luftgewehr. Ein Luftgewehr, mit dem der Junge in der Folge zahlreiche Vögel „hinrichtet“. Für mich war der Schmerz, der aus dem Verhalten des Jungen spricht, so offensichtlich und schwer erträglich. Oft springt die Großmutter ein, eine ehemalige Opernsängerin, vom Enkel „die Hüterin“ genannt, und bietet den Kindern ein wenig Konstanz. Die Einsamkeit kann auch sie nicht bannen.
Jahrelang halten die Eltern die Fassade einer intakten Familie aufrecht, auch als sie schon längst nicht mehr zusammen leben und die Kinder nacheinander auf ein Internat am Bodensee, nach Gaienhofen, abgeschoben werden. Das „Strahlende“, die „Umarmung“ hat der Sohn bei ihnen nicht gefunden, er sucht es aber weiterhin. Was er im Internat bekommt, ist neben der üblichen Härte, der „Heimdresche beispielsweise, der „Sprung in den modrigen Moorsee“, in Form von sexuellem Verlangen und Obsession, ausgelöst durch den widerholten Missbrauch durch einen Sport- und Musiklehrer, den Kantor Gieser. Selbstverständlich fällt den Eltern nichts auf.
Wie Bodo Kirchhoff diesen Missbrauch eines gerade mal Zwölfjährigen beschreibt, ist durchaus diskussionswürdig. Für den Jungen ist es nämlich eine Liebesgeschichte. Er fühlt sich als „Erwählter“. Schmerzhaft wird das Ganze erst, als er auf einer Klassenfahrt nach Finnland entdeckt, nicht der einzige Junge zu sein, den der Kantor für seine Spielchen wählt. Kurz danach verschwindet der Kantor aus dem Internat. Diese ambivalent geschilderte Episode, die klar ein brutaler Missbrauch war, vom Opfer aber nicht als solcher empfunden wurde, ist sowohl mutig als auch problematisch. Für die meisten anderen Opfer solcher Missbräuche waren die Umstände wohl ganz andere. Für Kirchhoff war er, zusammen mit der äußerst „körperlichen“ Beziehung zur Mutter wohl der Grundstein dafür, dass das Körperliche, das Sexuelle, der Eros zur Obsession wird, die sich in seinen Jugendjahren im Umherstreifen durchs Frankfurter Bahnhofsviertel, den zahlreichen Prostituiertenbesuchen und schließlich auch in seinem schriftstellerischen Werk niederschlug. Das Wecken eines Begehrens, das kaum gestillt werden kann und auch nicht zu glücklichen, lustvollen Momenten führt. Wie traurig seine Kinder- und Jugendjahre in dieser Konzentrierung und Besessenheit waren macht beklommen.
„(…)während er, noch zittrig in den Beinen, schon nicht mehr der ist, der eben erst das Ersehnte getan hat (sechs, sieben Herzschläge lang höchstens ist er ganz der gewesen, der es tut – und Jahrzehnte würde es dauern, bis sich ihm erschließt, wie sehr das Begehren das Sein verbraucht). Er ist jetzt bloß noch der, an dem das alles hängen bleibt, wenn ihm keine Legende einfällt, keine schöne Geschichte vor der eigenen hässlichen.“
Das Buch erzählt auch von der Schriftsteller-Werdung Bodo Kirchhoffs.
Eine dritte Ebene, die der Autor einzieht, sind Besuche bei der hochbetagten, gebrechlichen und pflegebedürftigen Mutter, die in einem Seniorenheim lebt. Es ist verblüffend, wie innig das Verhältnis des Sohnes zur Mutter noch war, dennoch immer mit Selbstvorwürfen versehen, sich nicht genug zu kümmern. Immer noch ist die Mutter sehr vereinnahmend, sehr dominant. Zwar sucht der Sohn Antworten auf viele Fragen aus der Kindheit, will sie aber nicht bedrängen, schon gar nicht, ihr Vorwürfe machen. Dreieinhalb Jahre vor den Tagen in Alassio, der Niederschrift der Erinnerungen, nimmt der Sohn Abschied von der Mutter, die 2014 mit 89 Jahren stirbt. In der Hotelbibliothek in Alassio findet er eines ihrer mit einer Widmung versehener Bücher, „Des Lebens Freude“. Eine Freude, die sie sich wohl nur erschrieben hat und viel zu selten erlebt und wohl auch nicht an ihre Kinder hat weitergeben können.
Mich hat dieser autobiografische Roman sehr berührt und mir den Autor Bodo Kirchhoff und sein Werk tatsächlich näher gebracht. Er erzählt stilistisch brillant und verschränkt die unterschiedlichen Zeitebenen mühelos und elegant. Das Arrangement des Erzählten ist wirklich meisterhaft. Immer wieder gleicht Kirchhoff Erinnertes, Informationen, Berichtetes miteinander ab, geht dabei auch in Distanz zu seinem einstigen Selbst. Das merkt man dann im Wechsel vom Ich zum Er. Bei aller Offenheit und Schonungslosigkeit seiner Selbsterforschung bleibt er immer dezent. Manchmal führt das dann zu so verschwurbelten Ausdrücken wie „das Geheimste“, „das Pralle“. Das ist etwas blumig-verklemmt und müsste nicht sein. Das ist aber auch mein einziger Einwand gegen dieses großartige Stück autobiografischer Literatur.


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133 Bibliotheken, 9 Leser, 1 Gruppe, 17 Rezensionen

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Neujahr

Juli Zeh
Fester Einband: 192 Seiten
Erschienen bei Luchterhand, 10.09.2018
ISBN 9783630875729
Genre: Romane

Rezension:

Am frühen Neujahrsmorgen macht sich Henning auf zu einer schweren Bergtour mit dem Rad, denn in der Nacht war ES wieder da, wie es in Juli Zehs aktuellem Roman vielleicht etwas hochtrabend benannt wird. ES soll ausdrücken, wie ausgeliefert, wehrlos, ja auch ahnungslos Henning sich fühlt, wenn ES sich seiner bemächtigt. Eine erdrückende Übermacht, die sich in plötzlichen, furchtbaren Panikattacken äußert, in denen Hennings Herz verrückt zu spielen scheint, kein klarer Gedanke, schon gar kein Schlaf mehr möglich ist, und die Ausdruck sind von – ja, was eigentlich? Das tückische an solchen Panikattacken, deren Häufigkeit in der deutschen Bevölkerung sehr uneinheitlich mit 2,5 bis 15% angegeben wird, ist, dass meist kein benennbarer Grund für sie vorliegt.

Und das ist auch bei Henning so. Er lebt in einer offenbar stabilen Beziehung mit Theresa, die beiden haben zwei kleine, gesunde Kinder, Jonas, 4, und Bibbi, 2, wirtschaftlich geht es der Familie gut. Henning, der als Sachbuchlektor etwas weniger verdient als seine Frau und häufiger zuhause ist, übernimmt etwas mehr Hausarbeit, alles perfekt geregelt. Nun sind die vier über Weihnachten und den Jahresanfang auf Lanzarote im verdienten Familienurlaub. Zwar hat Theresa, wie so oft, auch am Ferienhaus und der Umgebung einiges auszusetzen, zwar sind die Kinder, anstrengend, aber alles im vermeintlich grünen Bereich. Und doch sitzt ihm in der Sylvesternacht die Angst im Nacken. Nicht zum ersten Mal, aber diesmal reagiert Theresa nicht verständnisvoll wie so oft, sondern unwirsch, ärgerlich.
Liegt es am gutaussehenden Franzosen, der sich während des Sylvesterbüffets so offensichtlich an Theresa rangeschmissen hat? Am sichtbaren Gefallen, mit dem sie auf diese Annäherungsversuche eingegangen ist? Henning kann nicht schlafen, auch als die schlimmsten Angstgefühle abgeebbt sind. Deshalb macht er sich in aller Frühe auf zu seiner Radtour. Die Ausrüstung ist mies, das Fahrrad für die geplante Bergtour zu schwer und Proviant und Wasser gehen in der Eile auch vergessen. Trotzdem plagt sich Henning den steilen Aufstieg zum Atalaya-Vulkankrater hinauf, zum Örtchen Femés.
Über 90 Seiten verfolgt die Leserin nahezu in Echtzeit diese irrsinnige Anstrengung. Rauer Gegenwind erschwert die Strecke zusätzlich und Henning ist am Rande seiner Möglichkeiten. Aufgeben ist für ihn aber keine Option. Seine Verausgabung ist auch eine Flucht. Die Gedanken können zeitweise immer noch schweifen. Und da werden Brüche sichtbar, Überforderungen, ein gnadenloser Leistungsgedanke, Kränkungen, Enttäuschungen. In neuerer Zeit ist immer wieder die Rede von der Überforderung des „neuen Mannes“, der zerrieben wird zwischen altem Rollenbild und neuen Ansprüchen an seine Empathiefähigkeit, sein Engagement in der Familie. Der darüber die Orientierung verliert und zu kämpfen hat. Mag alles sein, dennoch leiden mehr als doppelt so viele Frauen an Panikstörungen als Männer. Vielleicht ist die Erklärung für die Zunahme psychischer Belastungsstörungen, die Juli Zeh bei einem Interview gab, zielführender, dass nämlich der moderne Mensch dazu neigt, für alles die Verantwortung zu übernehmen, sei es für das Gedeihen der Kinder, die Karriere, das Gelingen von Beziehungen, sogar die eigene Gesundheit. Es gibt keine „höhere Macht“ mehr, der man diese Verantwortlichkeiten übertragen kann. Überforderung, die zu den häufigen „Burnout-Syndromen“ führt, oder eben zu Panikattacken.
Juli Zeh belässt es im Roman aber nicht bei diesem Erklärungsversuch. Nachdem wir mit Henning völlig erschöpft, aber auch interessiert, am Gipfel angekommen sind, folgt nicht sogleich die Abfahrt, sondern ein regelrechter Absturz. Die Gegend kommt Henning mehr und mehr vertraut vor. Ein Haus, von einer Deutschen bewohnt, zieht ihn magisch an. War er hier schon einmal?
Es folgt eine lange Rückblende in Hennings Kindheit. Ein Erlebnis, ein Urlaub mit seiner Familie, die Ehe der Eltern sich bereits unaufhaltsam in Auflösung befindend, eine kindliches Trauma, das er mit seiner damals zweijährigen Schwester Luna als Fünfjähriger erlebte. Und das durch Auslösung von Urängsten, Verlassensängsten, wohl auch seine Angststörung bis heute befeuert. Diese aus der kindlichen Perspektive geschilderten Erlebnisse sind sehr bedrückend, aber auch spannend, es kommt fast ein wenig Thrilleratmosphäre auf. Die Auflösung ist dann allerdings recht banal.
Insgesamt lässt mich das Buch mit einem recht ambivalenten Eindruck zurück. Die Thematik ist interessant, aber Juli Zeh neigt dazu, allzu viel erklären zu wollen. Alles wird auserzählt, alles ist präzise, alltagsglaubwürdig und professionell erzählt. Das lässt wenig eigene Interpretationsmöglichkeit, beispielsweise die, dass Hennings Erlebnisse auf dem Vulkan nur phantasiert sind, seiner starken Dehydrierung geschuldet. Da wäre ein wenig mehr Offenheit begrüßenswert gewesen. Manche Episode, besonders das Zusammentreffen mit dem Ort des verdrängten Kinderschreckens ist allzu brachial konstruiert, manches wirkt ein wenig wie eine Versuchsanordnung, in die man die Figuren hineinsetzt und dann ihr Verhalten analysiert. Juli Zehs Sprache ist zudem wenig kunstvoll, sondern betont schlicht.
Dennoch habe ich das Buch gern gelesen. Juli Zeh weiß, wovon sie erzählt, viele Facetten des Buchs sind wohl ihrem Alltag entlehnt, auch sie verreist oft und gerne nach Lanzarote, auch sie lebt mit zwei kleinen Kindern. Ihre Beschreibungen sind präzise und es gelingt ihr immer wieder, neue spannende Themen der Zeit zu finden. Vielleicht hätte ein wenig mehr Zeit dem Roman, der eher eine Novelle ist, gut getan, ein bisschen mehr Überarbeitung die eine oder andere Ecke und Kante abgeschliffen. „Unterleuten“ haben die Jahre, die Zeh an ihm gearbeitet hat, zumindest sehr gut getan. Für mich ist es immer noch das stärkste Buch der Autorin. 

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83 Bibliotheken, 3 Leser, 1 Gruppe, 54 Rezensionen

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Die Gesichter

Tom Rachman , Bernhard Robben
Fester Einband: 416 Seiten
Erschienen bei dtv Verlagsgesellschaft, 31.08.2018
ISBN 9783423289696
Genre: Romane

Rezension:

Pinch, der eigentlich so liebevoll klingende Kosename, den Bear Bavinsky seinem kleinen Sohn Charles verleiht, liegt liegt auf diesem wie eine Last. Pinch, nach den leckeren kleinen Häppchen, die der berühmte genialische Maler-Vater einst im Baskenland so gern genascht hat. Ein Kosename, der unweigerlich verniedlicht, verkleinert, ein Gefühl, dem Charles so gerne entwachsen würde, und das er doch zumindest zu Lebzeiten des Vaters, nie los wird.
Dieser Bear Bavinsky ist Maler, ein als genial verehrter, ein exaltierter, ein eigensinniger Künstler, der mit seinen großformatigen Gemälden von Körperteilen in Nahaufnahme, immer ohne Gesichter, die Kunstwelt in Aufregung versetzt. Der Markt verlangt nach Bavinsky und bald erzielen seine Bilder Rekordsummen. Ein Hype, der vom Künstler selbst noch angeheizt wird, dadurch, dass er seine Werke ausschließlich an öffentliche Sammlungen veräußern möchte und einen Großteil seiner Gemälde direkt nach der Fertigstellung vernichtet, in großen Ölfässern verbrennt, wenn sie seinen Ansprüchen nicht hundertprozentig genügen. Eine Exzentrik, die seinen Marktwert genauso anheizt wie sein ausschweifendes Privatleben.
Man könnte ihn auch egomanisch nennen, oder bindungsunfähig, oder schlicht rücksichts- und verantwortungslos. In zahllosen Affären und einigen Ehen zeugt er insgesamt 17 Kinder, um die er sich aber genauso wenig kümmert wie um die dazu gehörigen Mütter, sobald sie ihre Funktion als Muse und Liebhaberin erfüllt haben.
So geht es auch der Mutter von Charles, Nathalie, einer jungen kanadischen Künstlerin, die ihre Töpferei fast vollständig aufgegeben hat, nachdem sie Bavinskys Frau geworden ist. Dieser hat ihre Kunst sowieso nie ernst genommen, und neben einem solch übergroßen Ego hat ein Anderer natürlich keinen Platz. Die Welt dreht sich um Bear Bavinsky, und um sonst nichts.
Die beiden leben in Rom und dort wird 1950 auch der kleine Charles geboren. Sie verkehren in der italienischen Bohème, aber als Bavinsky sich von Nathalie zurückzieht, ist es für diese schwer, sich dort über Wasser zu halten. In London versucht sie einen Neuanfang, gleitet aber immer mehr in Depressionen ab.
Pinch wehrt sich zunehmend gegen die große Nähe zu seiner Mutter, sucht sich einen Studienplatz in Toronto, wo er bei seiner Tante leben kann. Gleichzeitig träumt er aber von einem Leben als gefeierter Künstler, seinem Vater, den er trotz dessen Gleichgültigkeit liebt und verehrt, ebenbürtig. Dass Bear ihn in dieser Hinsicht nicht ermutigt, ist so grausam wie folgerichtig. Es gibt keine Götter neben dem großen Bavinsky.
Trotzdem kann man Bear ein gewisses Charisma nicht absprechen. Er kann sehr charmant sein, auch liebevoll, betont immer wieder, dass Pinch sein Lieblingskind sei und ihm sehr wichtig, zumindest in den Augenblicken, in denen sie zusammen sind. Bis zu seinem Tod treffen die beiden sich regelmäßig im Ferienhaus in den südfranzösischen Pyrenäen, wo Bear auch malt und den Großteil seiner Bilder aufbewahrt.
Das Buch wagt, was viele Romane heutzutage nicht mehr wagen, es erzählt ein ganzes Leben, das von Charles, von der Geburt bis zum Tod, und das in konventioneller Manier, auktorial, auf seine Perspektive konzentriert, strikt chronologisch. Es ist aufgeteilt in fünf Abschnitte, die von Kindheit bis zum Nachleben reichen. Die Studienzeit, die lebenslange Freundschaft mit dem Kommilitonen Marsden, die scheiternde Liebe zu Scilla, seine Jahre als Italienisch-Lehrer (Originaltitel „The Italian Teacher“) in London und die Zeit als Erbe seines berühmten Vaters sind Stationen darin. In letzterem Abschnitt bekommt Charles noch einmal die Möglichkeit, eine genialische „Rache“ an seinem Vater und dem gesamten Kunstbetrieb zu nehmen. Dieser und seine Mechanismen werden mit beißender Ironie beleuchtet und so manche Idiotie darin bloßgestellt.
Im Grunde ist „Die Gesichter“ aber in eine sehr traurige Vater-Sohn-Geschichte. Nein, eigentlich nur eine Sohn-Geschichte. Ein Sohn, der gegen die erdrückende Übermacht seines Vaters kämpft, verzweifelt um dessen Aufmerksamkeit, Achtung und Liebe kämpft, und darüber nicht nur die Liebe seiner Mutter übergeht, sondern auch sehr lange nicht seinen Platz im Leben finden kann.
Tom Rachman seziert dieses Leben geradezu, er erzählt davon nüchtern, präzise. Große Gefühle kommen da nicht auf, Larmoyanz schon mal gar nicht. Am ehesten ein ungläubiges Kopfschütteln darüber, auf wie vielfältige Weise Leben scheitern können. Das ist erschütternd und sehr sehr gut zu lesen. 

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5 Bibliotheken, 0 Leser, 1 Gruppe, 1 Rezension

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Schlafende Erinnerungen

Patrick Modiano , Elisabeth Edl
Fester Einband: 112 Seiten
Erschienen bei Hanser, Carl, 20.08.2018
ISBN 9783446260108
Genre: Biografien

Rezension:

Was macht eigentlich den Reiz der Romane von Patrick Modiano aus? Was bewirkt, dass der Leser – zumindest der Modiano-Leser, es soll auch solche geben, die diese Prosa schlichtweg langweilig finden – dem Autor Buch für Buch durch seine Erinnerungen folgt? Erinnerungen, die jedes Mal nur variieren, zudem ausgesprochen vage bleiben, nie wirklich enthüllen, ob sie nun echt oder ausgedacht sind, was aber letztlich keine Rolle spielt. Modiano wird nachgesagt, stets nur das gleiche Buch zu schreiben und tatsächlich fügen sich die stets sehr schmalen Romane, immerhin sind über zwanzig davon auch auf Deutsch erschienen, zu einer großen Suche nach der verlorenen Zeit, um mal einen anderen großen französischen Autor zu zitieren. Nach der verlorenen Zeit, die sich vornehmlich in der Kindheit und vor allem Jugend des 1945 geborenen Autors konzentriert, also in den Fünfziger und Sechziger Jahren, und oft zurückgreift auf die dunkle Zeit der deutschen Besatzung während des Zweiten Weltkriegs.
Es muss eine seltsame, eine letztlich verstörende Zeit gewesen sein, dass sie ein derart allumfassendes Gefühl der Unsicherheit und auch der Leere zurückließ, wie es in allen Büchern Modianos zu finden ist.
Es ist stets ein Ich-Erzähler, oft das Alter Ego des Autors, Jean D., der auf der Suche nach Erinnerungen, die meist flüchtig, wenig konkret sind, die Straßen von Paris durchstreift, manchmal auch in eine abgelegene Region in Hochsavoyen führt, wo Modiano einst Jahre im Internat verbrachte. Ein sehr unzuverlässiger Erzähler, der seinen eigenen Erinnerungen meist selbst nicht vertraut.
In seiner Nobelpreisrede von 2014 sprach Modiano davon, dass er ohne die verwirrenden und verstörenden Kriegs- und Besatzungsjahre wohl kaum auf der Welt wäre. Seine Eltern, die sich in ihnen gefunden hatten, hat wohl wenig verbunden und auch ihrem Sohn haben sie nie eine Familie bieten können. Beide tauchen in den Romanen immer wieder auf, der Vater mit jüdisch-sephardischen Wurzeln war stets in zwielichtigen Geschäften unterwegs, von Kollaboration ist ebenso immer wieder die Rede wie von Schwarzmarktgeschäften. Vor allem bildet er aber durch seine stete Abwesenheit eine große Leerstelle. Eine Leerstelle, die auch die Mutter nicht füllen konnte und wollte. Die Schauspielerin war häufig auf Theatertourneen unterwegs, ein flirrendes und ein wenig halbseidenes Künstlermilieu umgab sie.
„ … eine von diesen Müttern, die sich heimlich für ihren Sohn opfern und ihm beistehen, allen Widrigkeiten zum Trotz. Zwischen elf und achtzehn habe ich sie vielleicht zwei- oder dreimal gesehen, und immer nur eine knappe Stunde. Sie hatte schnell genug.“
Wo der kleine Sohn in der Zwischenzeit blieb, wird nicht recht deutlich, von dubiosen, oft auch kleinkriminellen Kreisen ist die Rede. Vermutlich suchte er sich schon früh eine Heimat auf den Pariser Straßen, die auch sein Alter Ego in all seinen Büchern ausgiebig durchstreift. Die Abfolge von Straßennamen ist charakteristisch für die Texte Modianos. Auf einer Karte könnte man die Strecken ablaufen, aber es ist natürlich kein konkretes Paris, das hier erscheint, sondern eines der verschwommenen Erinnerungen, der Vergangenheit, einer Traum- und Schattenwelt. Immer herrscht ein wenig Zwielicht, etwas Schwebendes, schwer Greifbares. Namen nicht nur von Straßen und Plätzen tauchen auf, werden ständig beschworen, sondern auch Namen von Personen, die teilweise nur spotlichtartig erscheinen, teilweise immer wieder über das Werk verteilt eine Rolle spielen. Gern wird ihnen die Bezeichnung „ein gewisser/eine gewisse“ zugeordnet. Etwas, das die Personen noch schwerer fassbar macht. Oft umgibt sie ein Geheimnis, meist etwas Düsteres. Okkultem sind sie oft zugeneigt, mehrmals spielt eine esoterische Buchhandlung eine zentrale Rolle.
Überhaupt tauchen die Motive genauso wie einige Personen und vor allem die vage melancholische Stimmung, das Ungewisse, das Haltlose, das Getriebene immer wieder auf.
So auch in „Schlafende Erinnerungen“, dem ersten Buch nach der Verleihung des Nobelpreises im Jahr 2014.
„Eines Tages auf den Quais hat ein Buchtitel mein Interesse geweckt, Die Zeit der Begegnungen. Auch für mich gab es eine Zeit der Begegnungen, in einer fernen Vergangenheit. Damals hatte ich oft Angst vor der Leere. Dieses Schwindelgefühl spürte ich nicht, wenn ich allein war, sondern bloß mit gewissen Personen, denen ich gerade begegnet war. Um mich zu beruhigen, sagte ich mit: Es wird schon eine Gelegenheit kommen, dann mache ich mich aus dem Staub. Bei einigen dieser Personen wusste man nicht, bis wohin sie einen vielleicht mitzogen. Der Hang war rutschig.“
Bücher spielen eine wichtige Rolle im Text. Sie alle könnten dem Werk des Autors entstammen, mit ihren Titeln wie „Die ewige Wiederkehr des Gleichen“ oder „Die Träume und die Mittel, sie zu dirigieren“ scheint der Autor ein wenig damit zu spielen.
„(…) ein Double oder ein Doppelgänger, wie sie vorkommen in Die Ewigkeit durch die Gestirne, einem meiner Lieblingsbücher. Tausend und abertausend Wege, die du an den Kreuzungen deines Lebens nicht genommen hast, und du selbst hast geglaubt, es gäbe nur einen einzigen.“
Mir scheint, dass Modiano in diesem Text, der ganz auf eine Gattungsbezeichnung verzichtet, nicht nur seine Erinnerungsarbeit wiederaufnimmt, sondern auch auf konzentrierte, episodenhafte Art das Programm und die Methodik seines Schreibens darlegt.
„Ich versuche Ordnung in meine Erinnerungen zu bringen. Jede von ihnen ist ein Puzzleteilchen, viele fehlen jedoch, sodass die meisten verstreut daliegen. Manchmal gelingt es mir, zwei oder drei zusammenzufügen, mehr aber nicht. Dann notiere ich Bruchstücke, die mir bunt durcheinander einfallen, Listen mit Namen oder ganz kurzen Sätzen. Ich wünsche mir, dass diese Namen so wie Magnete neue an die Oberfläche heraufziehen und dass diese Satzfetzen schließlich Absätze bilden und Kapitel, die sich aneinanderreihen.“
Aus der Schreibgegenwart des Jahres 2017 erinnert sich der Ich-Erzähler anhand von Tage- und Notizbüchern, von Listen an die Zeit der Sechziger Jahre. Die Kriegsjahre sind noch nicht vergessen, alte Vorkriegshäuser rotten vor sich hin, im Hotel sind noch die alten Verdunklungsvorhänge angebracht. Zeitebenen überlagern sich und Menschen, vor allem Frauen, tauchen in der Erinnerung auf. Sie heißen Martine Hayward, Geneviève Dalame oder Mireille Ourosov. Im Zentrum steht aber die Frau, deren Namen er nicht nennen will und die beim Hantieren mit einem Revolver einen Mann erschossen hat. Bei der Beseitigung der Leiche hilft der Ich-Erzähler. Aber ist das wirklich so geschehen? Am Ende findet er tatsächlich alte Polizeiakten, die von einem „undurchsichtigen Kriminalfall“ berichten, in die „ein gewisser“ Jean D. verwickelt war.
Es gibt wie immer kaum Handlung in Modianos Text, am Ende stehen mindestens so viele Fragen wie Antworten, es ist kaum Licht ins Dunkel gedrungen.
Und doch ist die Leserin nicht nur für weit länger als die kurze Lektürezeit von „Schlafende Erinnerungen“ dem Zauber von Modianos Prosa verfallen, sondern meint, dem Schreiben des Autors wieder ein Stück näher gekommen zu sein, ein weiteres Puzzlestück in Händen zu halten. Und ist überwältigt von der Dringlichkeit dieses Schreibens, das doch so leise und persönlich ist. Ein Kind, dem jeglicher Halt in seiner Welt verwehrt wurde, das ohne elterliche Liebe aufwuchs und ohne familiäre Geschichte, ein Mann, der sich seiner Vergangenheit immer wieder fast obsessiv vergewissern muss, seine unsicheren und flüchtigen Erinnerungen immer wieder sammelt und ordnet, um doch noch etwas zum daran festhalten zu haben.
„Wenn man in denselben Stunden, an denselben Orten und unter denselben Umständen noch einmal erleben könnte, was man bereits erlebt hat, es aber viel besser erleben würde als beim ersten Mal, ohne die Fehler, Hindernisse und Leerläufe…das wäre so, wie ein Manuskript voller Streichungen ins Reine schreiben…“

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7 Bibliotheken, 0 Leser, 1 Gruppe, 1 Rezension

Kleine Helden

Almudena Grandes , Roberto de Hollanda
Fester Einband: 320 Seiten
Erschienen bei Hanser, Carl, 23.07.2018
ISBN 9783446260122
Genre: Romane

Rezension:

Es sind die kleinen Helden, oder oft auch die kleinen Heldinnen, von denen die spanische Autorin Almudena Grandes erzählt. Diejenigen, die ihr Leben trotz aller Widrigkeiten jeden Tag von Neuem stemmen, manchmal maulend, manchmal laut zeternd, aber immer wieder dafür sorgen, dass es irgendwie weiter geht, die Kinder in die Schule, das Essen auf den Tisch kommen und darüber hinaus aber auch nicht die Gemeinschaft vergessen wird. Denn darum geht es Almudena Grandes in ihrem unterhaltsamen, leichten, bunten, aber nicht trivialen Roman: um Solidarität.
Solidarität ist nötig, nicht nur, aber auch besonders in Spanien, das die Finanzkrise 2008 ganz besonders hart getroffen hat. Hier platzte infolge der Turbulenzen weltweit und der Lehman-Brothers-Pleite eine besonders große Immobilienblase – wer seit den letzten Jahren in Spanien unterwegs ist, stößt überall auf halb fertiggestellte und dann ihrem Schicksal überlassene Bauruinen –, zahllose Baukredite konnten nicht mehr bedient werden und wurden zwangsvollstreckt und die Arbeitslosigkeit stieg zeitweise auf weit über 20%. Besonders junge Menschen haben bis heute schlechte Chancen auf dem Arbeitsmarkt, Wohnen ist oft unerschwinglich, was viele Familien eng, manchmal zu eng zusammenzurücken zwingt. Viele Spanier suchen mittlerweile ihre Zukunft wieder im Ausland.
Und doch – wenn man die politischen Entwicklungen in Spanien betrachtet, besonders auch im Vergleich mit anderen europäischen Staaten, wenn man sieht, wie relativ gelassen die Spanier mit der großen Zahl von Immigranten aus Afrika umgehen, dann kommt schon ein wenig Bewunderung auf.
Almudena Grandes teilt diese Bewunderung offensichtlich. „Kleine Helden“ ist wie eine Hommage an ihre Landsleute,
Anhand eines nicht näher benannten Viertels im Zentrum Madrids und seiner Bewohner erzählt sie das eigentlich komplexe Thema – die Folgen der Finanzkrise, die Auswirkungen der Globalisierung, der soziale Kahlschlag, die zunehmende Armut weiter Teile der Bevölkerung – in einem bunten Reigen von Episoden. Das Figurenensemble umfasst alle Altersgruppen und sozialen Schichten und zeigt ein vielstimmiges, oft etwas chaotisches Bild. Manchmal kann man schon durcheinanderkommen bei Marisa, der unlängst entlassenen Radioredakteurin, Maria, der Krankenschwester, die um ihren Job im von Schließung bedrohten kommunalen Gesundheitszentrum bangt, der Großmutter Martina, die noch viel härtere Zeiten gekannt hat und der Anwältin Marita, die sich für die Familien einsetzt, die von Zwangsräumung bedroht sind. Aber irgendwie ist das gar nicht so schlimm, sie alle reihen sich in den großen Reigen ein, zusammen mit der Frisörin Amalia, die die Krise vor allem dadurch bemerkt, dass auch langjährige Stammkundinnen immer seltener kommen und die sich in neuester Zeit durch einen asiatischen Schönheitssalon direkt gegenüber bedroht fühlt, der seine Dienstleistungen zu Dumpingpreisen anbietet. Lehrerin Sofia fällt auf, dass immer mehr Kinder ohne Pausenbrot zur Schule kommen. Aber natürlich sind auch Männer betroffen. So arbeitet beispielsweise der Bauingenieur Sebastian nach seiner Entlassung als Pförtner.
Die Wut und die Verzweiflung der Anwohner bündeln sich in der drohenden Schließung des Gesundheitszentrums, dass nicht nur Arbeitsplätze, sondern vor allem auch ortsnahe Versorgung garantierte. Und hier entwickeln die Menschen plötzlich Kampfgeist, beginnen sich zu wehren. Aber auch in anderen Bereichen entwickeln sie Solidarität. Koordiniert werden diese Aktionen oft in der Bar von Pascual, hier findet schließlich die Schulspeisung statt, hier treffen sich die verschiedenen Aktionsgruppen. Hier schlägt das Herz des Viertels.
Ein Jahr verfolgen wir das Schicksal der Bewohner, dann gestattet sich Grandes eine Art Epilog. Das Leben geht weiter, nicht alles wird wieder gut, manche Entwicklungen sind besorgniserregend. Aber irgendwie wird es weitergehen mit den Kleinen Helden.
Ein Gutteil der Wut, aber auch der Hoffnung der Bewohner des Viertels ist sicher auch die Wut und Hoffnung der Almudena Grandes. Und ihr Lösungsansatz, Solidarität, ist sicher auch die Botschaft, die sie mit ihrem Buch vermitteln will. Da ist natürlich auch ein wenig Schwarz/Weiß, es geht nicht ganz ohne Klischees und sicher wird auch manches ein wenig vereinfacht. Aber durch die genaue, liebevolle Beobachtungsgabe der Autorin, die bunte, unterhaltsame Schilderung und den rundum menschenfreundlichen Ansatz ist „Kleine Helden“ ein durch und durch sympathisches Buch, das die Schattenseiten nicht verschweigt, ihnen aber eine positive Utopie entgegensetzt. Ich habe es sehr gern gelesen.

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127 Bibliotheken, 0 Leser, 1 Gruppe, 74 Rezensionen

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Loyalitäten

Delphine de Vigan , Doris Heinemann
Fester Einband: 176 Seiten
Erschienen bei DuMont Buchverlag, 12.10.2018
ISBN 9783832183592
Genre: Romane

Rezension:

„Das sind die unsichtbaren Verbindungen, die uns mit den anderen – den Toten wie den Lebenden – verbinden, leise gemachte Versprechungen, deren Auswirkungen wir nicht kennen, still gehaltene Treue, das sind Verträge, die wir hingenommen, aber nie gehört haben, und in den Nischen unserer Erinnerungen nistende Schulden.“
Was Loyalitäten für sie bedeuten, hat Delphine de Vigan gleich zu Beginn ihres neuen, gleichlautenden Romans definiert.
„Das sind die Sprungbretter, auf denen sich unsere Kräfte entfalten, und die Gruben, in denen wir unsere Träume begraben.“
Um verschiedene Arten von Loyalitäten dreht sich der Roman, und dass der Begriff nicht nur positiv besetzt ist, wird damit auch gleich von Anfang an klar.
Da ist der zwölfjährige Théo, der zwischen den geschiedenen Eltern zerrieben wird. Vermeintlich zum Kindeswohl wurde die Regelung getroffen, dass ihm zwei Zuhause zur Verfügung stehen, wöchentlicher Wechsel inklusive. So verliert er zu keinem Elternteile die Beziehung, so der Gedanke. Wie sehr er sich aber dabei aufreibt, ständig seine Sachen von Wohnung A in Wohnung B zu befördern, niemals etwas Wichtiges in A zu vergessen, was er dann in B braucht, die Unruhe, die dadurch zustande kommt – das wurde nicht bedacht. Ganz abgesehen vom Nervenkrieg, den der Junge aushalten muss. Die Mutter ist immer noch voller Hass auf den Vater, der sie wegen einer anderen Frau verlassen hat. Sie verweigert jeden Kontakt, schweigt ihn tot, reagiert übermäßig gekränkt, so dass Théo sich nicht einmal traut, von seinen Tagen beim Vater zu erzählen. Loyalität zur Mutter also. Die Rückkehr vom Vater ist jedes Mal erneut nervenaufreibend für Théo.
Dabei gäbe es so viel zu erzählen. Der Vater ist nämlich, nachdem er, der Ingenieur, arbeitslos geworden ist und ihn daraufhin auch noch die Freundin, der Scheidungsgrund, verlassen hat, in eine unaufhaltsame Depression abgeglitten. Er ist abhängig von Psychopharmaka, lässt zunehmend sich selbst und seine Wohnung verwahrlosen. Die Wohnung, die auch alle zwei Wochen Théo ein Heim sein soll. Aber davon darf er nicht sprechen, sonst würde die Mutter dem Vater den Umgang verbieten lassen. Loyalität zum Vater.
Théo ist eigentlich ein guter Schüler. Zu still zwar, mit zu wenig Anschluss in der Klasse, aber guten Leistungen. Nur in letzter Zeit ist er sehr müde, unkonzentriert, irgendwie bedrückt. Seine Lehrerin Hélène ist aufmerksam genug, das zu bemerken. Sensibilisiert durch eigene Erfahrungen in der Kindheit, vermutet sie aber, dass Théo Opfer häuslicher Gewalt sei. Immerhin schaut sie hin, will mobilisieren, ihrem Schüler gegenüber loyal sein. Sie scheitert an der Schulbürokratie und der Ignoranz von Théos Mutter. (Einzig ihr Kollege und Freund Fréderic zeigt ihr gegenüber Loyalität).
Théo hat nicht viele Freunde, aber Mathis hält fest zu ihm. Auch er ist eher ein Außenseiter und sehr glücklich über diese Freundschaft. Anfangs macht er auch mit, als Théo Alkohol anschleppt. Verborgen in einer geheimen Ecke der Schule experimentieren die Beiden mit allem Möglichen. Das ist anfangs spannend. Aber aus Bier wird bald Wodka und Mathis packt zunehmend die Angst. Aber er verrät seinen Kumpel nicht, er bleibt loyal.
Wem soll er auch davon erzählen? Seine Mutter ist vollauf mit sich beschäftigt. Um ihre Ehe mit William ist es nicht mehr zum Besten bestellt, jeden Abend schließt der sich stundenlang im Arbeitszimmer ein, und was er dort treibt, und was Cécile eines Tages herausfindet, ist anders als vermutet, reißt ihr aber auch den Boden unter den Füßen weg. Doch auch sie schweigt, genau, aus Loyalität.
Multiperspektivisch und auch dadurch so authentisch analysiert Delphine de Vigan die Beziehungsgeflechte zwischen ihren Personen. Loyalitäten, die die Grundlage jeder Beziehung, jeder Gemeinschaft, ja jeder Gesellschaft sind, erweisen sich als auch problematisch.
Es ist ein Roman, der für das Hinschauen plädiert, für das Handeln, gerade in Zeiten, in denen Familien zunehmend nicht mehr funktionieren, aber auch die Gesellschaft als Ganzes oft nicht. Die vielen Fälle von Vernachlässigung und Gewalt im häuslichen Umfeld, bei denen die Kontrollmechanismen nicht griffen, sind erschreckend genug.
Delphine de Vigan fühlt sich tief in ihre Charaktere ein. Sehr gelungen finde ich, dass die beiden Frauen, Hélène und Cécile in der Ich-Form erzählen, die beiden Jungen aber in der Er-Form beleuchtet werden. Die Autorin spürt, dass sie von deren Erlebniswelt doch einiges entfernt ist und die Ich-Perspektive da leicht verrutschen könnte.
Mit 173 Seiten ist das Buch sehr schmal, das ist de Vigans knappem, analytischem Stil geschuldet. Da ist kein Platz für irgendeine Rührseligkeit. Das macht das Buch für mich aber umso eindringlicher. 

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34 Bibliotheken, 0 Leser, 1 Gruppe, 3 Rezensionen

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Lästige Liebe

Elena Ferrante , Karin Krieger
Fester Einband: 206 Seiten
Erschienen bei Suhrkamp, 02.10.2018
ISBN 9783518428283
Genre: Romane

Rezension:

Bereits 1992 erschien in Italien der Debütroman „Lästige Liebe“ von Elena Ferrante, 1994 auch in Deutschland, wo er im Gegensatz zum Ursprungsland wenig Beachtung fand. Nun, nach dem fulminanten Erfolg, den die Neapolitanische Tetralogie weltweit und auch bei uns hatte, veröffentlicht der Suhrkamp Verlag die Neuübersetzung von Karin Krieger. Zahlreiche Motive des späteren Werks sind auch schon in „Lästige Liebe“ angelegt.
Erzählanlass ist hier wie dort ein rätselhaftes Verschwinden. So wie Lila zu Beginn der „Genialen Freundin“ spurlos verschwunden ist, so taucht auch die Mutter der Ich-Erzählerin Delia im wahrsten Sinne des Wortes ab. Ihre Leiche wird allerdings gefunden, der Roman beginnt:
„Meine Mutter ertrank in der Nacht des 23. Mai, an meinem Geburtstag, im Meer vor einem Ort namens Spaccavento, wenige Kilometer von Minturno entfernt.“
Die Umstände ihres Todes sind äußerst rätselhaft. Amalia war zwei Tage zuvor von Neapel aus mit dem Zug Richtung Rom aufgebrochen, um dort ihre Tochter zu besuchen. Drei merkwürdige Anrufe von ihr erreichten Delia, sie sei mit einem Mann zusammen, es folgten Beschimpfungen und schließlich ein Hilferuf, der Mann verfolge sie und wolle auch der Tochter nichts Gutes. In Rom kam Amalia nicht mehr an. Man fand ihre Leiche, nur mit einem teuren Designer-BH bekleidet, ertrunken am Strand. Unfall? Selbstmord? Oder sogar Mord? Die letzten zwei Tage der Mutter bleiben rätselhaft.
Auch in ihrer Wohnung in Neapel findet die Tochter keine Antworten. Widerwillig ist sie in ihre Heimatstadt zurückgekehrt, um die Beerdigung zu organisieren und die Angelegenheiten zu regeln. Delia verbindet mit Neapel eine ähnliche Hassliebe wie die beiden Freundinnen der Tetralogie. Ein Koffer taucht auf, randvoll mit teurer Wäsche aus einem exklusiven Designerladen. Merkwürdig, trug die Mutter doch immer nur billige Baumwollunterwäsche. Auch ein Mann erscheint am Rande, Caserta, ein ehemaliger Freund der Familie.
Mehr und mehr wird Delia in ihre Erinnerungen und die Vergangenheit hinabgezogen, zum gewalttätigen Vater, zur unglücklichen Mutter, zu einer bedrückenden Kindheit. Immer mehr wird deutlich, dass Delia ein dunkles Geheimnis tief in sich vergraben hat, das nun mit Macht an die Oberfläche drängt. Traumbilder bedrängen sie, die Geschichte nimmt zeitweise surreale Züge an. Realität und Vorstellung vermischen sich. Bis zum Ende wird nicht wirklich klar, was geschah.
Aber eine sehr ambivalente Mutter-Tochter-Beziehung wird deutlich. Solche Mutter-Tochter-Beziehungen sind auch Thema in der Neapolitanischen Saga. Auch die widersprüchlichen Gefühle, die zwischen den Freundinnen Lila und Lenu herrschen, findet man hier bei Mutter und Tochter wieder: Liebe, Hass, Neid, Solidarität und Eifersucht. Die Erzählerin erscheint in ihren Gefühlen manchmal wie eine Schwester von Elena/Lenu. Auch einzelne Motive gleichen sich sehr, der gruselige Keller etwa, der tief verschüttete Ängste und Erinnerungen birgt. Aber natürlich auch das eher ärmliche, trostlose Milieu, die Gewalt, die Unterdrückung der Frauen durch selbstherrliche Männer und die schillernde Stadt Neapel selbst. Diese nimmt in „Lästige Liebe“ aber deutlich weniger Raum ein, auch über gesellschaftliche oder historische Umstände erfährt man eher wenig. „Lästige Liebe“ ist eine komprimierte, auf Innerliches verdichtete Version der Tetralogie. Sprache, Spannung, Konstruktion – auch hierin ähneln sich die Werke sehr. Beim Debütroman bleibt aber noch mehr im Dunkeln, im Ungewissen.
1995 wurde „L`amore molesto“ von Mario Martone verfilmt. Im März 2019 soll bei Suhrkamp das autobiografische Buch „Frantumaglia“ erscheinen, das anhand von Briefen, Aufsätzen und Interviews ein Selbstporträt Elena Ferrantes entstehen lässt. All das wird sich zu einem spannenden Blick auf diese tolle, rätselhafte Autorin fügen. Man darf gespannt sein.

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51 Bibliotheken, 3 Leser, 2 Gruppen, 27 Rezensionen

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Arminuta

Donatella Di Pietrantonio , Maja Pflug
Fester Einband: 224 Seiten
Erschienen bei Kunstmann, A, 12.09.2018
ISBN 9783956142536
Genre: Romane

Rezension:

„Arminuta“ – die Zurückgekommene, so nennen sie die Bewohner des nicht näher bezeichneten Dorfs. Es dürfte sich nicht allzu weit entfernt von L´Aquila befinden, jener 2009 von einem Erdbeben stark zerstörten Hauptstadt der italienischen Abruzzen, der Donatella di Pietrantonio mit ihrem 2014 erschienenen Roman „Bella mia“ ein Denkmal setzte und in deren Nähe die Autorin aufgewachsen ist.
„Arminuta“ – sie sagen es ein wenig mitleidig, ein wenig ablehnend, vor allem aber mit Verachtung. Das nun 13jährige Mädchen hatte es, wenn auch ohne eigenes Zutun, heraus geschafft aus der Enge und Armut des Dorfes und ihrer in prekären Verhältnissen lebenden Familie. Eine wohlhabende entfernte Verwandte, die selbst keine Kinder bekommen konnte, hatte das Mädchen bereits als Säugling zu sich geholt, der Mutter regelrecht abgeschwatzt. Eine durchaus verbreitete Praxis im armen italienischen Süden der Sechziger und Siebziger Jahre und oft auch ein Glücksfall sowohl für das Kind als auch für die Pflegeeltern. Doch hier ist etwas schiefgelaufen. Von einem Tag auf den anderen musste das Mädchen zurück zu den leiblichen Eltern, von denen sie bisher gar nichts wusste.
In liebevollen Verhältnissen, in einem schönen Einfamilienhaus direkt an der Strandpromenade der Küstenstadt aufgewachsen, wird sie im Sommer 1975 von ihrem bisherigen „Vater“ im Auto in das 50 Kilometer entfernte Dorf regelrecht verfrachtet. Keine große Entfernung eigentlich, aber wie anders sind die Verhältnisse dort! Arminuta teilt sich ein Zimmer mit ihren drei ungehobelten Brüdern und sogar das Bett mit ihrer jüngeren Schwester Adriana. Diese ist ungefähr zehn Jahre alt, nässt aber noch jede Nacht ein. Der älteste Bruder ist achtzehn und nähert sich auf nicht ganz erlaubte Weise seiner unbekannten Schwester, die anderen Brüder (Sergio und „der Andere“) drangsalieren sie. Der kleine Giuseppe ist in seiner Entwicklung etwas zurückgeblieben.
Zum ersten Mal erfährt das Mädchen, was es heißt, um sein Essen am Tisch zu kämpfen, nicht richtig satt zu werden. Zu der alltäglichen Not kommt noch die emotionale, denn niemand hilft ihr, mit der Situation klarzukommen, erklärt sie ihr. Lange Zeit denkt sie, ihre „richtige“ Mutter wäre plötzlich krank geworden oder gar gestorben, weshalb sie sich nicht mehr um sie kümmern konnte. Dass es sich ganz anders verhält, erfährt sie erst viel später. Der Erwachsenen reden nicht. Nicht die „Eltern“, die sie dreizehn Jahre großgezogen haben und die nun jeden Hilferuf ignorieren, lediglich Geld und Geschenke schicken, und auch nicht die leiblichen Eltern, die völlig überfordert von Armut und Kinderreichtum ziemlich abgestumpft und gefühlsstarr wirken. Auch Gewalt ist hier nicht fremd.
Sehr eindringlich, in der Sprache klar und lakonisch, zart, aber niemals rührselig erzählt Donatella di Pietrantonio vom schwierigen Weg des Mädchens hinein in diese, „ihre“ Familie. Sie erzählt davon in der Rückschau der Erwachsenen, immer noch ein wenig ungläubig, im Bemühen, zu verstehen, voller Bewunderung vor der eigenen Stärke, aber vor allem auch der ihrer jüngeren Schwester. Deren Liebe und Solidarität, auch die Unterstützung einer engagierten Lehrerin und ja, auch die Zuneigung ihrer Eltern, auch wenn die so ganz anders als gewohnt aussieht, ermöglichen ihr eine Zukunft, aber auch, eine neue Art der Zugehörigkeit zu empfinden und über den Verlust ihrer bisherigen Gewissheiten hinwegzukommen.
„Meine Schwester. Wie eine unwahrscheinliche Blume auf einem Krümel Erde gewachsen, an den Felsen geklammert. Von ihr habe ich Widerstand leisten gelernt. Nun sehen wir uns weniger ähnlich, aber unser Gefühl, in die Welt geworfen zu sein, ist das gleiche. Das Zusammenhalten hat uns gerettet.“
„Arminuta“ ist eine ungewöhnliche Familiengeschichte, eine ungewöhnlich schöne noch dazu. Ihre herbe Poesie und ihre starken Protagonisten wird man so schnell nicht vergessen.

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14 Bibliotheken, 1 Leser, 1 Gruppe, 1 Rezension

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Das Leben des Vernon Subutex 3

Virginie Despentes , Claudia Steinitz
Fester Einband: 416 Seiten
Erschienen bei Kiepenheuer & Witsch, 07.09.2018
ISBN 9783462051537
Genre: Romane

Rezension:

„Das Leben des Vernon Subutex“ Teil 1 bis 3, zwischen 2015 und 2017 in Frankreich erschienen, hat die dortige Literaturwelt ordentlich durchgeschüttelt und die ehemalige Skandalautorin Virginie Despentes in den Autorenolymp, gleich neben Michel Houellebecq, befördert. Seit 2016 ist sie Mitglied der renommierten „Académie Goncourt“.
Auch in Deutschland wurde die Trilogie, die nun mit Band 3 ihren Abschluss fand, bei Kritik und Lesern sehr gut aufgenommen. Scharf und schonungslos beleuchtet Despentes darin die französische Gesellschaft und die Entwicklungen der letzten Jahre und bietet reichlich Parallelen, die sich auch auf andere europäische Länder leicht übertragen lassen.
In Teil1 war dies vorwiegend der soziale Abstieg der Titelfigur, des ehemaligen Schallplattenhändlers Vernon Subutex. Von der Digitalisierung überrollt, die Entwicklung aber auch ignorierend und in der Party- und Drogenwelt seiner Jugend feststeckend, verliert dieser erst seinen Laden, dann die soziale Absicherung und schließlich seine Wohnung. Er wird zunächst von einem umfangreichen Freundeskreis aufgefangen, da er sich selbst aber immer mehr zurückzieht, endet er schließlich auf der Straße als einer von so vielen Obdachlosen in einem vor Reichtum strotzenden Paris, in dem die Mieten für Normalsterbliche nahezu unbezahlbar sind. Wie weit die sozialen Sicherungsnetze im Zuge der Neoliberalisierung auch im Land der „Liberté, Égalité, und Fraternité“ aufgelöst wurden, wird sehr deutlich, der gesellschaftskritische Ansatz der Subutex-Trilogie ist schon im ersten Band klar erkennbar. In Sprache und Inhalt ist dieser erste Teil deutlich rüder als die nachfolgenden. Wie steht es so schön in „Wikipedia“:
„Menschen, die in Bezug auf Arbeit, Wohnung und Familie der gesellschaftlichen Normalität entsprechen, kommen kaum vor.“
Tatsächlich ist das Umfeld, in dem sich Vernon Subutex bewegt, eines mit sehr viel „Sex, Drugs and Rock´n´Roll“, Künstler, Musiker, Partypeople, die zwar alle mittlerweile eine halbwegs bürgerliche Existenz führen, darin aber zumeist, zumindest auf persönlicher Ebene, gescheitert sind. Vereinsamung und Verrohung in den neoliberalen Zeiten – das ist ein Stichwort. Und die zunehmende finanzielle Krise, die Europa und die ganze Welt erfasst hat, schürt die Ängste zusätzlich. Die Ängste und die Ressentiments, auch bei etlichen der vielen Figuren, die wir rund um Vernon Subutex kennenlernen und die vielleicht kein repräsentatives gesellschaftliches Spektrum bieten, aber doch eine ganze Reihe der unterschiedlichsten politischen Positionen und eines verdeutlichen: die modernen Gesellschaften, und das ganz gewiss nicht nur in Frankreich, sind zutiefst gespalten.
Und doch entwirft Virginie Despentes in Teil 2 eine Art Utopie. Man könnte fast meinen, im Zusammenschluss, der hier stattfindet, eine Art Lösungsvorschlag gegen die zunehmende Vereinzelung und den grassierenden Egoismus in den Metropolen der Welt zu erkennen. Die Freunde Vernons und deren Freunde, schließlich eine ganze Horde von Protagonisten, die ab Teil 2 in einem Personenverzeichnis dem Buch vorangestellt werden, finden sich nämlich zusammen bei der Suche nach Vernon, der irgendwo in Paris abgetaucht ist. Sie suchen auch nach geheimnisvollen Tonbandaufnehmen, die der verstorbene Musiker Alex Bleach seinem Freund Vernon hinterlassen hat, und die brisantes Material über den Filmproduzent Dopalet zu enthalten scheinen. Thrillerelemente tauchen auf und machen das Buch spannend. Zudem werden Sprache und Inhalt „zahmer“, etwas, was ihm meiner Meinung nach gut tut. Weg von der bloßen Provokation. Gleichzeitig bekommt die ganze Szenerie um die Freunde, die eine Art Kommune bilden, in der getanzt, gekifft, getrunken und auch ein bisschen Geld verdient wird, fast ein wenig zu viel des Guten, ein „zu schön, um wahr zu sein“. Aber doch erscheint die ausgemalte Utopie auch wieder bedenkenswert, in Zeiten zerfallender Familien und sozialer Verbände eigene Gruppen, Despentes nennt es „Banden“, zu bilden, die sich gegenseitig unterstützen, und die durchaus auch ganz verschiedenen Milieus oder Standpunkten entstammen können
Aber, das skeptische Gefühl täuschte nicht, Band 3 bringt nun das Grüppchen Aussteiger zu einem ernüchternden Ende.
Virginie Despentes war gerade bei der Niederschrift dieses letzten Teils, als sich in Frankreich die fürchterlichen Attentate von 2015/16 ereigneten. Charlie Hebdo, Bataclan, später dann Nizza – die schreckliche Gewalt, die sich dort entladen hat, die tiefe Verunsicherung der Menschen, die Ratlosigkeit darüber, wie es weitergehen soll, hat sich auch im Roman niedergeschlagen.
Auch die Gruppe um Vernon, die sich immer wieder mehr oder weniger lose zusammengefunden hat zu sogenannten „Convergences“, zu Raves an wechselnden Lokalitäten, einem „Wegtanzen“ der bedrückenden Gegenwart (und lohnendem Geschäftsmodell, da man sie nach außen hin öffnete), löst sich zunehmend auf. Ausgerechnet Vernon, der dort immer sehr erfolgreich die Musik auflegte, hat eines Tages genug und verlässt die Gruppe. Vorausgegangen sind Streitigkeiten um das Erbe von Charles, einem ehemaligen Obdachlosen, der sich der „Bande“ angeschlossen hatte und ihr nach seinem Tod die Hälfte eines geheim gehaltenen Lotto-Millionengewinns vermacht hat. Nicht nur mit seiner Witwe Véro, sondern auch innerhalb der Gruppe kommt es zu Reibereien und Misstrauen. Die Gruppe zerfällt mehr und mehr. Außerdem hat auch Filmproduzent Dopalet noch eine Rechnung mit ihnen offen, besonders mit den untergetauchten Mädchen Aïcha und Céleste. Die apokalyptischen Schatten, die die Terroranschläge werfen, und die durch den immer wieder erwähnten Tod des Musikidols David Bowie zusätzlich verdunkelt werden, lassen nichts Gutes ahnen. Und doch denkt die Leserin lange Zeit: „Das kann sie doch nicht machen! Das geht doch nicht!“ Oh doch, Virginie Despentes kann!
Immer noch rau und schonungslos, aber nicht mehr so provokant wie in Teil 1, dabei immer mit dieser liebevollen Verbundenheit mit ihren Protagonisten, führt Despentes auf ein apokalyptisches Ende hin. Davor gibt es manch rasante Wendung. Und auf den letzten sechs Seiten führt uns die Autorin bis ins Jahr 2286 hinein.
„Gegen jede Erwartung wird also weitergetanzt, im Dunkeln und zu einer primitiven Musik, deren Kult auch am Ende des dritten Jahrtausends nicht aussterben will.“
Wieviel dabei Augenzwinkern, wieviel Rufen im dunklen Wald und wieviel Hoffnung ist, kann jeder Leser selbst entscheiden.
Mit ihrem Abschlussband hat Virginie Despentes für mich auch den Höhepunkt der Trilogie erreicht. Zwischendurch plätschert die Handlung zwar immer mal wieder ein bisschen dahin, aber nur, um dann am Ende furios an Spannung zuzulegen. Ich glaube immer noch nicht ganz an dieses Ende und wehre mich auch ein wenig dagegen. Aber es ist grandios.
Auch ist für mich der dritte Teil der deutlich politischste. Welche Statements die Autorin ihren Protagonisten in den Mund legt, ob man zustimmt oder krass ablehnt - haften bleiben sie alle.
Wer also noch nicht mit Vernon Subutex begonnen hat, sollte das schleunigst nachholen. Aber unbedingt bei Teil 1 anfangen, auch wenn jedem Teil eine kleine Zusammenfassung vorangestellt wird. Und auch nicht von der rüden Sprache der Autorin abschrecken lassen. Die Vernon Subutex-Trilogie ist große zeitgenössische Literatur! 

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148 Bibliotheken, 4 Leser, 2 Gruppen, 87 Rezensionen

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Ein Winter in Paris

Jean-Philippe Blondel , Anne Braun
Fester Einband: 192 Seiten
Erschienen bei Zsolnay, Paul, 24.09.2018
ISBN 9783552063778
Genre: Romane

Rezension:

Der französische Autor Jean-Philippe Blondel, Jahrgang 1964, schreibt seit 2003 sehr schmale, ruhige und sehr persönliche Romane, von denen mittlerweile sechs auf Deutsch erschienen sind. Es sind Texte, die man gemeinhin als „typisch französisch“ bezeichnet. Dies und vielleicht auch die Tatsache, dass sie hier bei uns in verschiedenen Verlagen veröffentlicht wurden, sind möglicherweise der Grund dafür, dass sie eher wenig beachtet geblieben sind. NeuereFranzösische Literatur wird in Deutschland in jüngerer Zeit gerne als innovativ, frisch, provokant, politisch wahrgenommen. All das sind Blondels Romane nicht.
Blondel erzählt gerne leise Geschichten, von jungen und mittelalten Männern in ganz bestimmten, oft nur wenige Stunden oder Tage umfassenden Situationen. Das ist mal der Roadtrip mit Freunden an die amerikanische Pazifikküste um eine persönliche Tragödie zu überwinden („Zweiundzwanzig“), mal das unverhoffte Zusammentreffen zweier einstiger Liebender in einem Vorortzug ( „6 Uhr 41“) oder ein Besuch bei den Eltern („This is not a lovesong“). Von diesen Situationen ausgehend schweifen die Gedanken des Erzählers in die Vergangenheit.
So ist es auch in „Ein Winter in Paris“. Hier ist es der Brief eines Mannes, der für kurze Zeit im Leben des Erzählers Victor eine bedeutende Rolle gespielt hat, der eine Erinnerungswelle auslöst. Patrick Lestaing ist der Vater eines Jungen, mit dem sich Victor während der Vorbereitungskurse zum Lehrerexamen angefreundet hatte. Ein Jahr unter ihm, aber genauso einsam in den Reihen der „höheren Söhne und Töchter“ an diesem renommierten Pariser Lycée, und genauso unter dem enormen Leistungsdruck hier, besonders hinsichtlich des Bestehens des berüchtigten „Concours“, der Aufnahmeprüfung zur Grande ècole, leidend, fühlte Victor zum ersten Mal eine gewisse Nähe zu einem der Mitschüler. Doch eines Morgens musste er den Selbstmord Mathieus miterleben. Dieser stürzte sich während des Unterrichts im Treppenhaus der Schule zu Tode.
Neben seinem eigenen Schock und Kummer trug Victor in der Folgezeit auch noch eine ganze Menge der Trauer von Mathieus Vater, der sich ihm annäherte. Dies und die widerstreitenden Gefühle, die er erlebte, als er merkte, dass er plötzlich für seine Mitschüler interessant geworden war, „der Freund des Selbstmörders“, sogar den beliebtesten Studenten als Freund gewann, verwirrten den jungen Mann. Dazu kam das angespannte Verhältnis zu den eigenen Eltern und dem Bruder in der Provinz, von denen er sich nie richtig anerkannt gefühlt hatte.
Nun, dreißig Jahre später, Victor ist mittlerweile Schriftsteller, ergreift er vielleicht die Gelegenheit, sein Verhalten von damals geradezurücken.
Wie stets benötigt Jean-Philippe Blondel keine zweihundert Seiten, um diese Geschichte zu erzählen. Und wie immer ist er sehr nah an Autobiografischem. Sein Erzählen ist knapp, sensibel, zart und auf den ersten Blick sehr leicht daherkommend. Immer steckt dahinter aber eine tiefe Melancholie, immer werden auch die ganz großen Fragen gestellt.
Was ich in einer französischen Kritik zu „Zweiundzwanzig“ einmal las gilt eigentlich für alle Bücher Blondels, auch wenn sie zeitweise durchaus auch heiter sind:
"Es ist wie bei einer Wunde: Am Anfang spürt man nichts. Aber später, wenn man dieses imponierende Buch geschlossen hat, dann leidet man."
Es ist allerdings ein angenehmes Leiden, eines, dass bewirkt, dass die Lektüre dieser schmalen Romane nicht so schnell in Vergessenheit gerät.

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61 Bibliotheken, 4 Leser, 1 Gruppe, 10 Rezensionen

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Die Katze und der General

Nino Haratischwili
Fester Einband: 750 Seiten
Erschienen bei Frankfurter Verlagsanstalt, 31.08.2018
ISBN 9783627002541
Genre: Romane

Rezension:

„Wie kommt der Krieg in den Menschen“, so könnte man sich an einem anderen Titel der Buchpreislonglist, der ansonsten nichts mit Nino Haratischwilis 760 Seiten starken Roman gemein hat und es zu meinem Bedauern auch nicht auf die Shortlist geschafft hat, bedienen, um das Hauptthema von „Der General und die Katze“ zu beschreiben.
Was macht der Krieg mit den Menschen, die ihn erleiden? Aber auch mit denen, die ihn führen? Was geschieht in den sogenannten „rechtsfreien Räumen“ mit den in ihnen Agierenden? Was bedeutet und wie geht man um mit Schuld? Und was ist Sühne? Kann es sie überhaupt geben? Und wie könnte sie aussehen?
Indem ich alle diese Fragen formuliere, die der Text stellt, bediene ich mich eines Stilmittels, das auch Haratischwili zu lieben scheint, und das für mein Empfinden im Buch viel zu oft angewandt wird – dem Stellen von (rhetorischen) Fragen. Leider ist dies nur einer der stilistischen Mängel des Buches, aber dazu später mehr.
Haratischwili verhandelt diese großen Fragen anhand eines Konflikts, der zeitlich gar nicht so weit entfernt ist, aber in der westlichen Wahrnehmung doch keinen prominenten Platz einnehmen konnte – der Tschetschenienkrieg, genauer gesagt der Erste Tschetschenienkrieg (1994-1996), dem 1999 bis 2009 ein zweiter folgte. Der aus Georgien stammenden Autorin ist Tschetschenien als Nachbarland natürlich näher als gemeinhin dem deutschen Leser. Die Zahl der Romane, die sich mit ihm beschäftigen und die in deutscher Sprache vorliegen, ist überschaubar. Anthony Marra mit „Die niedrigen Himmel“ und Arkadi Babschenko würden mir da lediglich einfallen. Es ist also ein Verdienst, sich dieses Themas anzunehmen. Als Vorbild diente der Autorin ein realer Fall, der von der 2006 ermordeten Journalistin Anna Politkowskaja dokumentiert wurde. Leider bleibt der Konflikt aber nur Kulisse für ein großes, mit Pathos angefülltes Drama antiken Ausmaßes.
Der reale Fall, der Haratischwili inspirierte, ist der der 18 jährigen Tschetschenin Elsa Kungajewa. Es ist tatsächlich der einzige Fall, in dem einem russischen Militärangehörigen wegen eindeutiger und grausamer Kriegsverbrechen der Prozess gemacht wurde. Wenn auch nur auf starken internationalen Druck hin.
Im Roman ist es Nura, die der der Leser in einem längeren Prolog als willensstarkes, lebenshungriges Mädchen im Jahr 1994 kennenlernt. Sie träumt sich in mexikanischen Telenovelas fort aus ihrem kleinen tschetschenischen Dorf und sehnt sich zurück nach der russischen Lehrerin, die sie dort kurze Zeit unterrichtete. Diese Nura, man erfährt es gleich zu Anbeginn, wird im Krieg Opfer von brutalen russischen Soldaten, die sie foltern, vergewaltigen und schließlich töten. Einer der an der Tat (unfreiwillig) Beteiligten ist der General des Romantitels.
Ihn, Alexander Orlow, seines Zeichens nun unermesslich reicher Unternehmer und Oligarch, der seiner Tochter zum Trost über Liebesleid mal eben einen venezianischen Palazzo kaufen kann, drunter geht es nicht, packt nun im Jahr 2016 der große Rache- und Reuedurst. Damals als Soldat, der er als Feingeist und Literatur- und Kunstbegeisterter nur auf immensen Druck seiner Mutter, die ihn in den Fußstapfen seines berühmten, verstorbenen Kriegsheldenvaters sehen wollte, geworden war, hatte er nicht eingegriffen, wohl auch nicht eingreifen können, als drei Männer seiner Einheit das grauenhafte Verbrechen an Nura begingen. Nun entdeckt er auf einem Theaterplakat in Berlin, in dem er mittlerweile zuhause ist, ein Gesicht, das dem des damals geschändeten Mädchen bis aufs Haar gleicht und heckt einen teuflischen Plan aus, die Täter von damals, den Oberst Schujew und die Soldaten Petruschow und Juritsch, wieder am Ort des Verbrechens zu versammeln. Eine späte Sühne für eine Tat, die zur damaligen Zeit auch nach der (Selbst)anzeige von Orlow nicht verfolgt wurde, soll es werden. Was der General genau plant, bleibt bis zum Ende unklar. (Hier weicht der Roman von den realen Begebenheiten ab, die wirklich nur als Inspiration dienten).
Das Gesicht gehört der „Katze“, der zweiten Titelfigur. Die junge Schauspielerin Sesili, die sich so nennt, stammt wie die Autorin aus Georgien, aus dem sie als Kind mit den Eltern emigrierte. Das schwierige Ankommen in Berlin, die Zusammenkünfte der östlichen Exilgemeinde, das sind zwei sehr liebevolle, aber viel zu kurze Exkurse in der Geschichte, die an solchen Nebenhandlungen und Nebenfiguren geradezu birst. Manchmal sind diese Nebenschauplätze gern besuchte Ruheplätze abseits der Haupthandlung, manchmal fragt man sich aber auch nach ihrer (meist nicht vorhandenen) Relevanz für die Geschichte. Die Katze nun braucht Geld und erklärt sich darum bereit, bei Orlows Plan mitzuwirken.
Es gibt noch eine weitere Hauptfigur, Onno Bender, genannt „die Krähe“ (warum auch immer, das blieb mir verborgen). Er ist ein deutscher Journalist und einst Liebhaber von Orlows Tochter Ada, letztendlich verantwortlich für deren Selbstmord, oder zumindest von ihrem Vater und auch sich selbst dafür verantwortlich gemacht. Er wirbt nicht nur die Katze im Auftrag des Generals für das Vorhaben an, sondern ist auch selbst mit dabei. Orlow hat noch seine ganz persönliche Rechnung mit ihm offen, außerdem will er ein Buch über die Ereignisse schreiben. „Die Krähe“ ist der einzige Ich-Erzähler im Roman, über den General und die Katze erfahren wir in der personalen Perspektive. Haratischwili wechselt zwischen den Figuren und auch in den Zeitebenen beständig ab. Dabei bleibt sie stets ganz nah an ihren Figuren dran. Zeitweise stimmen die Perspektiven aber nicht, verrutschen, werden unklar.
Diese ganze Geschichte ist eigentlich schon ziemlich am Anfang des umfangreichen Romans erzählt. Hunderte Seiten braucht die Autorin nun, um ihre Figuren und deren Handlungen bis ins Kleinste zu durchleuchten, wahre Psychogramme zu erstellen, Einzelheiten nachzuliefern und auf einen Showdown beim Zusammentreffen in Tschetschenien hinzuführen. Dabei fällt sie so manches Mal in einen raunenden Ton, um doch so etwas wie langfristige Spannung aufzubauen.
Thema und Geschichte haben einiges an Potential. Nino Haratischwili konstruiert aber so mühsam, zeitweise unlogisch und ausufernd, dass die Lust darauf ziemlich bald schwindet. Wie auf dem Reißbrett werden die Charaktere herumgeschoben, oder, um einen freundlicheren Vergleich zu gebrauchen, wie in einer griechischen Tragödie auf der Bühne. Dabei werden sie trotz seitenlanger Erklärungen, was sie wann, wo, wie gedacht, und warum so gehandelt haben, nie wirklich plastisch. Ihr Schicksal ließ überraschend kalt. Dabei ist es doch das große Pathos, die tragische Größe, die leidenschaftliche Tiefe, die die Autorin sucht. Haufenweise Klischees, bemühte Metaphern, missglückte Dialoge und völlig überzeichnete Figuren sind das, was der Leser findet. Ganz große (Seifen)Oper – wer sich davor nicht scheut, kann mit diesem Buch vielleicht glücklich werden.
Mehr Handlung und weniger Introspektion hätten dem Buch gut getan. In einigen Szenen, zum Beispiel der lange herausgezögerten Vergewaltigungsszene oder der Flucht aus Tschetschenien zeigt sich, dass Nino Haratischwili durchaus zu packen versteht. Aber leider verliert sich das dann sehr bald wieder in der Ambition, ihre Charaktere bis ins letzte auszuleuchten. Dabei machen sie allesamt außer dem General, der sich recht unplausibel vom schüchternen Junge zum eiskalten Geschäftsmann und schließlich rücksichtslosen Oligarchen wandelt, keine Entwicklung durch. Und immer muss es das ganz große Klavier sein, auf dem gespielt wird. Über die Katze heißt es schon zu Beginn:
„Nein, sie wollte sich alles abverlangen, über jede Grenze hinwegschreiten. Sie wollte in dieser staubigen, schwarzen, fensterlosen Galaxie jeden Abgrund erkunden und erforschen und wie ein Phönix aus der Asche aufsteigen und leer sein, vollkommen leer.“
Für wen es, wie für mich, gern ein wenig kleiner sein darf, ist dies leider nicht das richtige Buch. Es steckt zu viel davon darin, das Haratischwili so formuliert:
„Bis heute aber klammerte auch sie sich wie eine Schiffbrüchige an ihre Bootsreste, auch sie wollte nicht, dass die Emigration ihr ihre zentralen Wesenszüge nahm; auf Biegen und Brechen wollte sie sich den westlichen Gesetzen widersetzen, wollte ihre irrationale Flatterhaftigkeit, Leichtgläubigkeit, ihren Optimismus bewahren, gegen die Vernunft handeln, wollte sich nicht das große östliche Pathos, das unendliche Gerede und die nahezu infantile, idiotische Hoffnung auf eine irreale Form der Liebe nehmen lassen.“

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Die Gestalt der Ruinen

Juan Gabriel Vásquez , Susanne Lange
Fester Einband: 528 Seiten
Erschienen bei Schöffling, 04.09.2018
ISBN 9783895610172
Genre: Romane

Rezension:

„Zum letzten Mal hatte ich Carlos Carballo gesehen, als er gerade in einen Polizeiwagen kletterte, die Hände in Handschellen auf dem Rücken, den Kopf eingezogen; am Bildschirmrand gab eine Textzeile Auskunft über die Gründe seiner Verhaftung: Er hatte versucht, den Anzug eines ermordeten Politikers zu stehlen.“
„Ich kann nicht behaupten, dass ich ihn gekannt hätte, aber wir waren so vertraut miteinander, wie es nur die sein können, die einander täuschen wollten.“
Die Begegnung mit Carlos Carballo lässt den Ich-Erzähler tief in die politische Vergangenheit eintauchen, wird seine Arbeit als Schriftsteller über Jahre bestimmen und führt letztendlich zu dem vorliegenden Buch. Juan Gabriel Vásquez ist Ich-Erzähler des Romans „Die Gestalt der Ruinen“ und gleichsam sein Autor – was wirklich autobiografisch und was Fiktion ist, kann der Leser nur mutmaßen. In einer „Anmerkung des Autors“ betont dieser allerdings, dass es sich um ein „fiktives Werk“ handelt.
„Der Leser, der in diesem Buch Übereinstimmungen mit dem realen Leben sucht, tut dies auf eigene Verantwortung.“
Dabei sind die historischen Ereignisse, von denen erzählt wird, gut dokumentiert und alles andere als fiktiv.
Am 9. April 1948 wurde der liberale Präsidentschaftskandidat in Bolivien, Jorge Eliécer Gaitán, ein im Volk äußerst populärer Reformpolitiker, vor seiner Anwaltskanzlei in Bogotá erschossen. Der psychisch verwirrte Täter, Juan Roa Sierra, wurde direkt nach der Tat von aufgebrachten Passanten brutal zu Tode geprügelt und seine Leiche geschändet. Seine Alleintäterschaft wurde sofort in Zweifel gezogen und von den Anhängern Gaitáns wurden sehr bald die Konservativen als die Verantwortlichen beschuldigt. Folge war der „Bogotazo“, anfängliche Schießereien, die sich im Laufe des Tages zu einem unkontrollierten Blutvergießen steigerten. Dabei ging das Zentrum von Bogotá vollständig in Flammen auf, mehr als 3000 Menschen verloren ihr Leben. Im sich anschließenden Bürgerkrieg zwischen Liberalen und Konservativen, der von 1948 bis 1958 andauerte, verloren mehr als 200.000 Menschen ihr Leben. Durch den Tod Sierras blieben die Tathintergründe für immer im Verborgenen, das lieferte schon bald Material für Verschwörungstheorien.
In Kolumbien sind die Ereignisse nach dem 9. April sehr präsent. Juan Gabriel Vásquez kam 1991 das erste Mal in direkte Berührung mit ihnen, als er Zeuge eines Mordes auf offener Straße wurde, fast genau an der Stelle, an der einst Gaitán sein Leben verlor. Daraus entstand eine frühe Erzählung, in seinem Roman „Die Informanten“ von 2004 wurden die Ereignisse erneut thematisiert.
In „Die Gestalt der Ruinen“ kommt der Ich-Erzähler, Juan Gabriel Vásquez, durch eine zufällige Begegnung mit Dr. Francisco Benavides ins Gespräch, dessen Vater einst die rechtsmedizinischen Untersuchungen zu Gaitáns Tod leitete, und über diesen macht er die Bekanntschaft mit Carlos Carballo. Dieser ist nicht nur von der Ermordung Gaitáns nahezu besessen, sondern bringt sie auch in Verbindung mit anderen ungeklärten Morden an Politikern und sogar mit dem 11. September 2001. Ähnlich wie beim Attentat auf J.F. Kennedy geht er von einem zweiten Schützen aus und von der „Opferung“ des vorgeblichen Alleintäters, um die wahren Hintergründe eines Komplotts zu verschleiern. Carballo ist ein wahrer Paranoiker und lebt praktisch für seine Verschwörungstheorien. Wie diese entstehen und wie man in sie hineingezogen wird, macht Vásquez mit seinem Roman auf packende Weise deutlich.
Der zeitlich am weitesten entfernte Mord in der an politischen Morden reichen, brutalen Geschichte Kolumbiens, auf den sich Carballo bezieht, ist der an General Rafael Uribe Uribe im Jahr 1914. Auch er war Anführer der liberalen Partei und stand Gabriel Garcia Márquez Pate für seinen Oberst Aureliano Buendia in „Hundert Jahre Einsamkeit“. Auch bei diesem Attentat kam der Verdacht auf, dass die zwei verhafteten Handwerker nur Handlanger waren, dass hinter der Tat die Konservativen, die Jesuiten, die Oligarchen und Militärs standen. Der junge Anwalt Marco Tulio Anzola verfolgte diese Theorie vehement, aber letztlich erfolglos. Wir als Leser werden in dessen Nachforschungen, Gedankengänge, Beweisführungen hineingezogen, folgen Carballos Schlussfolgerungen und Recherchen. Und am Ende denkt man: Ja, so könnte es gewesen sein. Die Obsessionen Carballos erscheinen gar nicht mehr so abwegig.
Gerüchte, dunkle Treffen, forensische Untersuchungen, Spekulationen – Klatsch steht neben wissenschaftlichen Dokumentationen. Vásquez unterstreicht dies noch, indem er seinem Roman mit seiner Fülle an Informationen und Details noch Bildmaterial beifügt, meist schlecht und unscharf reproduzierte Fotos, die zur Verunsicherung mehr beitragen als zur Klärung. Was ist Wahrheit? Was ist Wahn? Was Lüge?
Vásquez treibt dabei auch die Frage nach der Belastbarkeit von Erinnerungen um, von verschiedenen Interpretationen der geschichtlichen Wahrheit, letztlich um die Möglichkeit jeder Geschichtsschreibung, aber auch ihrer Notwendigkeit.
Ein Shakespeare Zitat, gesprochen kurz nach der Ermordung Julius Caesars, war Inspiration für den Titel des Romans.
„Ruine bist du des edelsten der Männer, der jemals lebt im Wechsellauf der Zeit.“
Daraus ergibt sich für den Autor ein Auftrag:
„Diese menschlichen Ruinen gemahnten uns an vergangene Irrtümer und waren einmal auch Prophezeiungen gewesen.“
Juan Gabriel Vásquez schreibt einen Geschichtsroman, eine fiktive Autobiografie, einen Detektivroman, einen Thriller, mischt essayistische Passagen und Gedanken über den Schreibprozess in einer enormen Detailfülle und Sorgfalt. Und dennoch bleibt man als Leser mit gespanntem Atem an der Lektüre. Der Argentinier Marcelo Figueras hat das unlängst in seinem Roman „Das schwarze Herz des Verbrechens“ auf ähnliche Weise getan.
Eine ganz große Leseempfehlung gilt für beide.

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Archipel

Inger-Maria Mahlke
Fester Einband: 432 Seiten
Erschienen bei Rowohlt, 21.08.2018
ISBN 9783498042240
Genre: Romane

Rezension:

Das Archipel der Kanaren ist ein Ort im Abseits. Die sieben Hauptinseln liegen zwischen 100 und 500 Kilometer vor der Küste Nordwestafrikas, zu dem sie geologisch gehören, sind aber als eine von 17 Autonomen Gemeinschaften Teil des fast 1500 Kilometer entfernten Mutterlandes Spanien. So ein Blick vom Rand ermöglicht manchmal einen genaueren, präziseren Blick.
Diesen Blick hat die 1977 in Hamburg geborene Inger-Maria Mahlke auch als deutsche Schriftstellerin, wenn sie auf die Geschichte Teneriffas, der größten und bevölkerungsreichsten der Inseln, blickt. Dennoch ist es nicht der Blick der Zugereisten, gar der Touristin, denn Mahlke hat kanarische Wurzeln. Ihre Mutter stammt aus der geschichtsträchtigen ehemaligen Inselhauptstadt San Cristóbal de La Laguna, wo auch die Geschichte um mehrere Familien in „Archipel“ angesiedelt ist. Sie führt uns durch fast einhundert Jahre Inselhistorie, die immer auch spanische und letztlich europäische Historie ist. Ein im deutschsprachigen Roman eher abseitiges Thema, das aber so spannend dargebracht wird, dass es die Autorin damit auf die Shortlist des diesjährigen Deutschen Buchpreis geschafft hat, der am Montag verliehen wird.
Ein Motiv für die Nominierung wird sicher der unkonventionelle, ambitionierte Aufbau von „Archipel“ gewesen sein. Denn die Geschichte um im Zentrum drei Familien wird rückwärts erzählt, ausgehend vom Jahr 2015 bis zurück ins Jahr 1919. Dies ist das Geburtsjahr von Julio Baute, den wir als „el portero“ gleich zu Beginn kennenlernen und dessen Lebenszeit das Buch umspannt. Er ist damit die heimliche Hauptfigur des figurenreichen Romans. „El portero“ ist der Pförtner im Altenheim von San Borondón. Es beginnt im Jahr 2015 und er selbst ist 95 Jahre alt. Julio versieht sein Amt eher mürrisch, bewacht die Tür nach draußen, damit sich die demenzkranken Bewohner nicht heimlich davonstehlen können. Sein Herz gehört aber schon immer dem Radsport. Fast obsessiv verfolgt er die TV-Berichterstattung in seiner Portiersloge. Genauso mürrisch verhält er sich gegenüber seiner Tochter Ana, einer für den Bereich Tourismus zuständigen Lokalpolitikerin, die zu Beginn des Romans - der wegen der Konstruktion zeitlich zugleich sein Ende ist - in einen Umweltskandal verstrickt ist. Der Grund für das angespannte Verhältnis zwischen den beiden liegt natürlich in der Vergangenheit ( und damit in der Zukunft des Buches). Wir werden ihn erst in den folgenden Kapiteln erfahren, wie so manchen Hintergrund, manche Verflechtung.
Zunächst bleiben wir aber über eine lange Stecke im Jahr 2015. Fast ein Drittel des Buchs ist diesem Zeitabschnitt gewidmet.
Rosa ist der jüngste Spross der Familie Bernadotte Baute. Als Kunststudentin in Madrid gescheitert, kehrt sie ins Elternhaus zurück. Dort hat auch der Vater Felipe frustriert seine Professur, die der Erforschung von „Bürgerkrieg und Repressionen auf den Kanarischen Inseln“ gewidmet war, aufgegeben und spricht ein wenig zu viel dem Alkohol zu. Mutter Ana droht, wie gesagt, das Aus als Lokalpolitikerin. Eine eher schwierige Ausgangssituation. Neben der großbürgerlichen Familie der Bernadottes, der Felipe entstammt, und der mittelständischen, sozialistisch orientierten Familie Anas, den Bautes, verfolgen wir noch die Ruiz´, die als Hausangestellte am unteren Rand der sozialen Pyramide stehen.
Diese Konstellation erlaubt Inger-Maria Mahlke nun, eine ganze Reihe von Themen anzuschneiden: das berufliche Scheitern, die Perspektivlosigkeit junger Menschen in Spanien (und besonders auf den Kanaren), der Generationenkonflikt, Alter, Demenz, Tourismus, Umweltpolitik, politische Machenschaften, soziale Determination und und und. Das mag jetzt konstruierter und überfrachteter klingen, als es tatsächlich ist. Mahlke gelingt es grandios, diese ganzen Themen mühelos in ihre Familiengeschichte einzuweben und glaubwürdige Charaktere zu zeichnen. Sie erzählt detailreich, atmosphärisch und multiperspektivisch. Der personale Erzähler bleibt dabei immer nah an den Personen dran.
Dennoch ist die Konstruktion des zeitlichen Zurückgehens natürlich gewagt, sie verbietet die allzu einfache Identifikation des Lesers mit den handelnden Personen genauso wie das bequeme Niederlassen in weiten epischen Bögen und einer irgendwie gearteten geschichtlichen Linearität. Ein Personenverzeichnis ( neben einem Glossar für die vielen kanarischen Begriffe) ist für das mühelose Verfolgen der Familienzweige und Geschicke genauso hilfreich wie die Tatsache, dass die Zeitsprünge anfangs noch relativ klein sind, zunächst in das Jahr 2007, dann 2000, bis die Abstände zunehmend größer und die Kapitel kürzer werden. Prägnante Szenen lösen die ausgedehnte Erzählung ab, gar nicht so viel anders als beim Erinnern. Auch dabei herrscht ja irgendwann das Episodische vor. Mit fortschreitender Erzählung wird die Orientierung für den Leser leichter, Motive kristallisieren sich heraus, Verbindungen werden deutlicher. Das holt die Personen trotz des zeitlichen Abstandes nun näher heran.
Neben der Familiengeschichte rückt mit zunehmendem Eintauchen in die Vergangenheit auch der historische Kontext mehr ins Zentrum. Sowohl die Kolonialzeit (Spanien war als Kolonialmacht in Westsahara bis 1975 präsent; das Schicksal des Landes ist seitdem ungeklärt), die britischen Handelsinteressen auf den Inseln und natürlich der Spanische Bürgerkrieg und die Francozeit, sind Hintergrund für familiäre Wegmarken wie Todesfälle oder Geburten. Dabei erteilt Mahlke angenehmerweise keine Geschichtslektionen, sondern setzt ein gewisses Maß an Leserwissen voraus. Im Mikrokosmos der Kanaren kommen die Entwicklungen vielleicht ein wenig verzögert an, vielleicht ein wenig gedämpft, dafür aber überschaubarer. Sinnbild für sie ist der zentrale Platz in La Laguna. „Plaza de la Constitución“, „Plaza de la Republica“ und schließlich „Plaza de la Candelaria“ nach der Schutzheiligen der Kanaren wird er über die Jahre heißen, je nach politischer Lage. Die Familien Bernadotte und Baute sind dabei Gegner. Während Lorenzo als franquistischer Zeitungsverleger agiert und ein beträchtliches Familienvermögen begründet, ist Julio Baute als republikanischer Kurier unterwegs (mit dem Fahrrad!) und landet für Jahre im Gefängnis. Und die unterprivilegierte Familie der Merche Ruiz Pérez bleibt dort, wo sie immer war – im sozialen Abseits.
Inger-Maria Mahlke ist mit „Archipel“ ein toller Roman mit einer anspruchsvollen, aber überzeugenden Konstruktion gelungen.

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