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11 Bibliotheken, 5 Leser, 0 Gruppen, 4 Rezensionen

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Die Gestalt der Ruinen

Juan Gabriel Vásquez , Susanne Lange
Fester Einband: 528 Seiten
Erschienen bei Schöffling, 04.09.2018
ISBN 9783895610172
Genre: Romane

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16 Bibliotheken, 3 Leser, 1 Gruppe, 1 Rezension

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Archipel

Inger-Maria Mahlke
Fester Einband: 432 Seiten
Erschienen bei Rowohlt , 21.08.2018
ISBN 9783498042240
Genre: Romane

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67 Bibliotheken, 9 Leser, 2 Gruppen, 7 Rezensionen

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Sechs Koffer

Maxim Biller
Fester Einband: 208 Seiten
Erschienen bei Kiepenheuer & Witsch, 08.08.2018
ISBN 9783462050868
Genre: Romane

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25 Bibliotheken, 4 Leser, 1 Gruppe, 2 Rezensionen

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Gott der Barbaren

Stephan Thome
Fester Einband: 719 Seiten
Erschienen bei Suhrkamp, 10.09.2018
ISBN 9783518428252
Genre: Romane

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7 Bibliotheken, 0 Leser, 1 Gruppe, 2 Rezensionen

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Hausbrand

Kamila Shamsie , Nikolaus Hansen
Fester Einband: 256 Seiten
Erschienen bei Berlin Verlag, 04.09.2018
ISBN 9783827013613
Genre: Romane

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82 Bibliotheken, 5 Leser, 0 Gruppen, 53 Rezensionen

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Manhattan Beach

Jennifer Egan , Henning Ahrens
Fester Einband: 496 Seiten
Erschienen bei S. FISCHER, 29.08.2018
ISBN 9783103973587
Genre: Romane

Rezension:

Kaum eine Besprechung von Jennifer Egans lang ersehnten, neuen Roman „Manhattan Beach“ kommt ohne den Vergleich mit ihrem 2011 mit dem Pulitzer Prize ausgezeichneten „Der größere Teil der Welt“ aus. Dieser hatte eine tolle Geschichte, war formal sehr experimentell gestaltet und dennoch ungemein lesbar und unterhaltend – ein Geniestreich, der sogleich zu einem der bedeutendsten Romane des beginnenden 21. Jahrhunderts ernannt wurde.
Nachfolgende Werke werden wohl immer an diesem Buch gemessen werden. Dennoch gelang es Jennifer Egan 2013 mit „Black Box“ erneut zu überraschen und auch zu überzeugen. Dies war ein „Twitter-Roman“, bestehend aus Abschnitten mit maximal 140 Zeichen, der einen spannenden Thriller-Plot lieferte. Innovativ und trotzdem gut konsumierbar.
Mit „Manhattan Beach“ hat Egan nun einen anderen Weg eingeschlagen. Der mit über 500 Seiten in großer epischer Breite erzählte Roman kommt völlig konventionell daher. Und auch wenn nicht nur ich ziemlich enttäuscht davon bin, hat die Autorin diesen Weg gezielt eingeschlagen und verfolgt und ist sicher kein Zeichen von nachlassender Schaffenskraft oder Kunstfertigkeit.
Die Geschichte begleitet Jennifer Egan schon seit sehr langer Zeit, wie sie im Gespräch mit Hans-Jürgen Balmes im Literaturhaus Frankfurt berichtet. Seit mehr als zehn Jahren trägt sie das Brooklyn Navy Yard und Manhattan Beach auf Coney Island als Schauplätze mit sich herum, ist beeindruckt von der oft vergessenen Nähe New Yorks zum Atlantischen Ozean. Dazu kam die Absicht, über New York im Zweiten Weltkrieg zu schreiben und dies vielleicht auch zu den Ereignissen von 9/11 in Beziehung zu setzen. Eine Stadt im Krieg.
Erst als zweites, erzählt Egan, kamen ihr dann die Protagonisten in den Sinn. Da ist zunächst Anna Kerrigan, die wir zu Beginn im Jahr 1934 als Zehnjährige kennenlernen. In der Eröffnungsszene begegnen wir auch den beiden anderen Hauptpersonen, ihrem Vater Eddie, den die Weltwirtschaftskrise ruiniert hat und der nun bei Dexter Styles, einem durch die Prohibition zu viel Geld gekommenen Unterweltboss, Besitzer von Clubs und viel Einfluss, anheuern will.
Nach diesem Prolog springt die Geschichte in die Zeit nach Pearl Harbor und dem Eintritt der USA in den Zweiten Weltkrieg. Eddie Kerrigan ist seit mehreren Jahren spurlos verschwunden. Anna und ihre Mutter müssen für sich selbst und die schwerbehinderte Schwester Lydia aufkommen. Da immer mehr Männer in den Krieg ziehen, bietet sich für junge Frauen wie Anna die Möglichkeit, in ihnen bisher verschlossene Berufszweige einzusteigen. Sie bekommt Arbeit im Brooklyn Navy Yard, der Schiffswerft im New Yorker Hafen, die für die US Navy Schiffe baute und 1943 fast 69.000 Menschen beschäftigte, darunter viele Frauen, auch in untypischen Berufen wie Schweißerin oder Mechanikerin. Man kann sich vorstellen, wie schwer diese Frauen es sicher gegen die männlichen Kollegen hatten, die ihre angestammten Bastionen nicht gerne räumten. Nach dem Krieg, in den „heimeligen“ Fünfziger Jahren, mussten die Frauen diese Jobs auch fast komplett wieder räumen und sich wieder ins Heim oder Frauenberufe wie Sekretärin zurückziehen. Die Zeit des Krieges also als eine Zeit der Emanzipation ist ein Aspekt um den es Jennifer Egan geht.
Anna nimmt nach einer Zeit als Arbeiterin an einer Ausbildung zur Marinetaucherin teil. Eine solche gab es wohl in der Realität zu dieser Zeit noch nicht. Jennifer Egan sprach für ihre Recherchen allerdings mit Andrea Motley Crabtree, der ersten US-Army Tiefseetaucherin, die aber erst ab 1982 im Dienst war. Bei ihren intensiven Nachforschungen sprach sie zudem mit vielen Zeitzeugen und hatte auch die Gelegenheit, einen zeitgenössischen Tauchanzug anzuprobieren, 100 Kilo schwer. Anna beißt sich durch die körperlichen Strapazen genauso durch wie durch die Anfeindungen, die sie erfährt. Mit ihr haben wir eine Protagonistin, wie sie beim großen Lesepublikum gut ankommt: eigensinnig, aufopferungsvoll ihrer Familie gegenüber, besonders gegenüber ihrer behinderten Schwester, voller Träume und Pläne, zielstrebig, leidenschaftlich. Ihre Emanzipationsgeschichte bildet den einen Hauptstrang der Geschichte.
Der zweite dreht sich um ihren verschwundenen Vater. Niemand hat je nachgeforscht, was mit ihm geschehen ist. Angedeutet wird, dass er die Last der „verkrüppelten“ Tochter nicht länger ertragen konnte. So ganz überzeugt das nicht. Dass er in Gangsterkreise geraten und dort einen Fehler gemacht hat, wird mehrfach angedeutet. Seine Geschichte, die zum Schluss eine ungeheure Wendung nimmt, hat mich leider gar nicht überzeugt. Um nicht zu viel zu spoilern, möchte ich von dieser Wendung nicht erzählen, nur so viel, dass sie noch einmal einen völlig neuen Erzählstrang beifügt, der für mich ziemlich unpassend wirkt.
Für Jennifer Egan sind diese Vater-Leerstellen in ihren Büchern von besonderer Bedeutung. Sie selbst stammt aus einer sogenannten dysfunktionalen Familie irisch-amerikanischer Abstammung. Ganz dem Klischee entsprechend waren die Familienmitglieder wohl dem Alkohol sehr zugeneigt. Ein Bruder ihres Vaters verunglückte alkoholisiert mit dem Motorrad bei einer Spritztour während einer Familienfeier. Ein tragisches Ereignis, das ihren Vater noch mehr zum Alkohol trieb. Als Jennifer Egan zwei Jahre alt war, wurde die Ehe ihrer Eltern annulliert und sie lebte fortan weit fort vom Vater in Kalifornien. Mit sechzig Jahren kam er selbst bei einem Unfall ums Leben. Der fehlende Vater, der dennoch ein fernes Sehnsuchtsbild darstellt, ist von daher ein Motiv, das in Egans eigenem Leben verankert ist.
Als dritter Strang ist da dann noch die Gangstergeschichte um Dexter Styles, den die erwachsene Anna wiedertrifft. Die beiden ziehen sich magisch an, aber tun sich gegenseitig natürlich nicht gut. Aufstieg und Fall von Dexter Styles, dieser Blick in die Gangsterwelt, die durch Prohibition reich und mächtig gewordenen Mafiaclans, ist Kolportage pur. Wie die Geschichte überhaupt vollgestopft mit Klischees und Versatzstücken ist. Beim amerikanischen Publikum kam das sehr gut an. Hymnische Besprechungen in der amerikanischen Presse, Bestsellerauflagen, Rechte in 23 Länder verkauft.
„Manhattan Beach“ hat alles, was ein „großer“, episch erzählter amerikanischer Roman zu brauchen scheint. Einzelne Passagen darin beweisen, dass Jennifer Egan immer noch eine großartige Schriftstellerin ist. Besonders Annas Geschichte und die Schilderungen rund um Manhattans Seeseite, die Atmosphäre im Navy Yard der Kriegszeit sind durchaus gut gelungen, Egan kann eindeutig wunderbar schreiben. Lässt man mal alle Erwartungen, die man als Bewunderin der innovativen, experimentellen Autorin hat, beiseite und möchte lediglich einen Pageturner zum „Mitfühlen- und fiebern“, dann ist „Manhattan Beach“ vielleicht das richtige Buch.
Für alle anderen, die „Der größere Teil der Welt“, „Black Box“ oder „Look at me“ lieben, bleibt zu hoffen, dass sich Jennifer Egan beim nächsten Buch nicht so sehr auf ihren „Reading Club“ verlässt. Letzterer hat ihr zu der extrem konventionellen Erzählart geraten, die für Jennifer Egan eigentlich so untypisch ist. Wie sie erzählt, hätten andere Erzählansätze bei ihren Zuhörern mit diesem historischen Stoff nicht funktioniert.
So entstand eine geradeaus erzählte, zudem viel zu viel auf einmal anpackende und mit vielen bloßen Versatzstücken angehäufte Geschichte. Das interessante Setting und die spannenden Themen hätten viel mehr hergegeben. 

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20 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 13 Rezensionen

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El Greco und ich

Mark Thompson , Katja Scholtz
Fester Einband: 224 Seiten
Erschienen bei mareverlag, 14.08.2018
ISBN 9783866482791
Genre: Romane

Rezension:

„Wenn man sich eines im Leben klarmachen muss, dann wohl die Tatsache, dass wir alle auf die Probe gestellt werden. Irgendwann. Vielleicht früher oder vielleicht später. Oder vielleicht dazwischen. Wer weiß schon, wann oder wo?“
JJ, der Ich-Erzähler und sein bester Freund Toni Papadakis sind zehn, als sie aus Unachtsamkeit mit ihren heimlich gerauchten Zigaretten ein ganzes Sportfeld in Brand setzen. Aber der sehr kluge Toni, El Greco genannt, weiß, dass das noch nicht die Probe sein kann. Das da noch härteres im Leben folgen wird.
Es ist das Jahr 1968, die beiden Jungs sind unzertrennlich, streunen durch die Gegend von Cranford, New Jersey, verbringen ihre Zeit bei der alten Konservenfabrik und träumen von der Zukunft, vom mächtigen pazifischen Ozean, vom Erwachsensein. Eine Jungenfreundschaft mit vielen typisch amerikanischen Versatzstücken: den heimlichen Zigaretten, der Football-Leidenschaft, dem melancholisch-verschrobenen Witwer Old Man Taylor, der auf der Veranda seines Hauses sitzt und den Jungs ein väterlicher Freund ist, der untreue Vater Papadakis, die schöne, aber unglückliche Mutter, JJs fieser Bruder Cecil, genannt Adolf, und seine grundanständigen Eltern.
Das klingt recht altmodisch und ist es auf wunderbare Weise auch. Ein wenig Tom Sawyer und Huckleberry Finn weht da durch die Geschichte einer ziemlich freien Kindheit, wie man sie sich heute kaum noch vorstellen kann. Bildreich und zuweilen poetisch erzählt Mark Thompson davon in seinem Debütroman „El Greco und ich“. Aber natürlich hat auch eine solche Kindheit ihre Schrecken und Kümmernisse, das verschweigt der Roman nicht. Auch die gesellschaftlichen Umbrüche der späten Sechziger und frühen Siebziger Jahre fließen in die Geschichte ein. Man erfährt so einiges über den Vietnamkrieg, die Nixon-Jahre und den herrschenden Rassismus, ohne dass das explizit thematisiert würde.
Wirklich auf die Probe gestellt werden die beiden Freunde, als Toni ernsthaft erkrankt und um sein Leben kämpft. Aber auch da hören sie nicht auf, gemeinsam von der Zukunft zu träumen.
„Old Man Taylor hatte einmal gesagt, dass sich manche Menschen, und eigentlich die meisten, zu Beginn ihres Lebens nichts sehnlicher wünschen, als einundzwanzig zu sein – und sich dann, sobald diese Altersgrenze überschritten war, für den Rest seines Lebens genau dasselbe wünschten. Bis sie irgendwann ins Gras bissen.
Seiner Meinung nach waren die Menschen hoffnungslose Träumer, die allerdings auch gar nicht anders konnten, weil sie sonst nicht mit dem Elend und den Enttäuschungen des Lebens fertigwurden.“
Im Sommer 1970, nimmt JJs Vater die beiden Jungs mit nach Savannah, wo er ein ererbtes Haus betreut. Fast 900 Meilen (und damit 1400 Kilometer) fahren sie im geliehenen Auto die Ostküste der USA hinunter, zunächst den Garden State Parkway, dann die Route 13 nach Süden, durchqueren fantastische Landschaften, trostlose und wunderschöne Städte wie Beaufort, wo das Louisianamoos von den Bäumen hängt oder die alte Südstaatenmetropole Charleston und lernen das Land, die Menschen und sich selbst noch ein wenig besser kennen.
Manchmal verrutscht die kindliche Perspektive JJs etwas, scheint er doch ein wenig zu klug für sein Alter, dann wieder zu naiv. Das ist nicht selten bei Romanen, die diese Erzählweise wählen. Insgesamt ist „El Greco und ich“ aber eine sehr schöne, melancholisch-elegische, ein wenig altmodische Geschichte über eine Jungenfreundschaft, die ich sehr gern gelesen habe.



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9 Bibliotheken, 0 Leser, 1 Gruppe, 3 Rezensionen

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Farben der Nacht

Davit Gabunia , Rachel Gratzfeld
Fester Einband: 192 Seiten
Erschienen bei Rowohlt Berlin, 21.08.2018
ISBN 9783737100410
Genre: Romane

Rezension:

Die Frankfurter Buchmesse nähert sich in großen Schritten und mit ihr der Gastlandauftritt von Georgien. Nachdem im letzten Jahr mit Frankreich ein Land von großer Nähe zu Gast war – sowohl geografisch als auch in seinen Beziehungen zu Deutschland und in seiner Kultur -, gilt es 2018 ein vielen Lesern doch relativ unbekanntes Land zu entdecken.
Georgien, das abgesehen von einer kurzen Episode nach der Russischen Revolution allein im Mittelalter nationale Unabhängigkeit besaß, wechselnd von Byzanz, dem Römischen Reich und vor allem Russland beherrscht wurde, verfügt über ein eigenständiges Alphabet, das Mchedruli, und eine reiche literarische Tradition. Dennoch sind relativ wenige Autoren hierzulande bekannt, sieht man einmal von der in Deutschland lebenden und auf Deutsch schreibenden Nino Haratischwili ab. Da gibt es noch viel zu entdecken.
Der 1982 geborene Dramatiker, Übersetzer und Literaturkritiker Davit Gabunia ist mit seinem Debütroman „Farben der Nacht“ eine solche Entdeckung.
Ein Kammerspiel – sechs Personen, zwei Wohnungen, ein Büro, in denen sich die Ereignisse abspielen. Gern wird der Vergleich mit Hitchcocks Klassiker „Das Fenster zum Hof“ bemüht, die Ausgangslage ist eine ähnliche.
Surab, ein arbeitsloser junger Vater, kümmert sich, während seine Frau Tina arbeitet, um die Kindern Gio und Dakuta. Eine eher unbefriedigende Situation, da Surab immer weiter in Lethargie abzurutschen scheint, immer öfter einfach nur mit seinem Kumpel Ika herumhängt oder aus dem Fenster der Tifliser Wohnung starrt. Eines Tages beobachtet er in der Wohnung gegenüber, der schon länger sein Interesse gilt, einen Mord. Vor einiger Zeit ist dort ein junger Mann, Schotiko, eingezogen, der nicht nur einen knallroten Alfa Romeo fährt, sondern auch sonst ein extravagantes Leben zu führen scheint. Surabs Neugier ist geweckt. Und so beobachtet er Tag für Tag die Vorgänge gegenüber, registriert die regelmäßigen Herrenbesuche, beobachtet das Liebesleben Schotikos, macht Fotos. Das ganze wird immer mehr zu einer Obsession, besonders als er entdeckt, dass der nächtliche Besucher, Merab, ein hohes Tier beim Geheimdienst ist. Surabs Beziehung zu Tina gerät dabei immer mehr ins Hintertreffen. Er wundert sich kaum über die vielen Überstunden seiner Frau, ihre Zerstreutheit, ihre abweisende Haltung. Eines Tages verschwindet sie. Und Surab beobachtet in Schotikos Wohnung einen Mord.
Hintergrundrauschen bilden die politischen Vorgänge in diesen wenigen geschilderten Wochen des Spätsommers 2012. Nach der Veröffentlichung von Bildmaterial über Missstände in georgischen Gefängnissen und Folterungen von Häftlingen kam es damals zu massiven Protesten gegen den Präsidenten Micheil Saakaschwili, die zu vorgezogenen Neuwahlen am 1. Oktober 2012 führten.
Diesen Ereignissen, den Fernsehberichten, den Demonstrationen vor der Haustür steht Surab ebenso passiv gegenüber. Genau wie seine eigene Welt gerät auch die Welt vor der Haustür ins Wanken. Zögerlich fragt sich Surab, ob er handeln soll oder nicht, seine Entscheidung erweist sich aber im Falle des beobachteten Mordes als fatal.
Surab, Tina, Merab, Schotiko – sie alle erhalten von Davit Gabunia eine eigene Stimme. Dazu noch die alte Nachbarin Lili und Tinas Arbeitskollege Nuri. Ihre individuellen Tonlagen sind dem Autor sehr gut gelungen. Er schafft so ein spannendes Kammerspiel, das leider zum Ende hin etwas abfällt und sich zu sehr in Tinas Geschichte verstrickt. Ihr rastloses, verzweifeltes Irren durch die Straßen Tiflis hat durchaus seinen eigenen Reiz, lenkt aber doch zu sehr von dem bis dahin stark fokussierten Geschehen ab.
Dennoch: eine spannende Entdeckung und eine Leseempfehlung. Gerade auch zur literarischen Vorbereitung auf das Gastland Georgien.



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4 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

Irgendwo in diesem Dunkel

Natascha Wodin
Fester Einband: 240 Seiten
Erschienen bei Rowohlt , 21.08.2018
ISBN 9783498074036
Genre: Romane

Rezension:

„Ich schaue sie lange an hinter der Scheibe, bis es dunkelt, bis das Friedhofstor abgeschlossen wird und ich gehen muss. Ihr Gesicht ist fern und verschlossen, es verrät nichts von den Umständen ihres Sterbens, nichts davon, warum sie uns, meine Schwester und mich, doch nicht mitgenommen hat, warum sie am Ende allein gegangen ist.“
So endete Natascha Wodins im letzten Jahr erschienener und mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichneter Roman „Sie kam aus Mariupol“. Darin erzählt sie vom Leben ihrer Mutter, über das sie erst durch mühevolle Recherchen und nur bruchstückweise etwas erfahren hat. Denn die Mutter ging 1956, als Natascha Wodin gerade mal zehn Jahre alt war, ins Wasser der Regnitz, dem Fluss, an dem die fränkische Kleinstadt liegt, Wohnort der als ehemalige russische Zwangsarbeiter nach dem Krieg zu „Displaced Persons“ gewordenen Eltern. Die Suche nach Spuren dieser sehnlichst vermissten Mutter schilderte Wodin äußerst bewegend und schloss mit eben jenem Bild des kleinen Mädchens vor dem aufgebahrten Leichnam.
Über dreißig Jahre später, im Jahr 1989 und zu Beginn ihres neuen Buchs „Irgendwo in diesem Dunkel“ ist Natascha Wodin wieder auf dem Weg ins Mittelfränkische, diesmal zur Beerdigung ihres sehr alten Vaters. Der Vater, im „Mutterbuch“ nur mehr eine Randerscheinung, war ein verbitterter, brutaler Mann, zwanzig Jahre älter als die Mutter. Ein Mann, der sein Leben lang nur Gewalt erfahren hatte – russischer Bürgerkrieg, schreckliche Hungernöte, Terror und Verfolgung in der Stalinzeit, Verschleppung als Zwangsarbeiter nach Deutschland und nach Ende des Zweiten Weltkriegs als Displaced Person und Russe von den Deutschen gedemütigt und verachtet. Und der den Rest seines Lebens diese Gewalt und seine Verzweiflung weitergegeben hat.
Eine Rückkehr ins stalinistische Russland wäre für ihn einem Todesurteil gleichgekommen. Aber auch in Deutschland, der neuen „Heimat“ fasste der Vater niemals Fuß, weigerte sich zeitlebens die Sprache zu lernen, Kontakte zu knüpfen. Er war ein Trinker und ein Mann, der seine Frau und Tochter regelmäßig brutal verprügelte. Einer, der nach Ansicht von Natascha die Mutter in den Selbstmord trieb, nach deren Tod die kleinen Töchter ins Waisenhaus brachte, die pubertierende Natascha wochenlang einsperrte, misshandelte, schließlich vor die Tür setzte, und sie damit zur Obdachlosen machte.
Natascha Wodin leugnet an keiner Stelle den Hass, den sie bis heute auf ihren Vater hegt, es gibt für sie bisher kein Verzeihen.
Und doch ist der Ton, in dem sie hier darüber schreibt, ein ganz anderer als in ihrem vor fast dreißig Jahren erschienenen Buch „Einmal lebt ich“, das sich bereits mit ihrer Kindheit und Jugend auseinandersetzte und auf das sich „Irgendwo in diesem Dunkel“ explizit bezieht. Es ist, wenn nicht versöhnlicher, so doch voll Bemühen, diesen rätselhaften Mann, ihren Vater, zu verstehen. Es ist kühler, sachlicher, lakonischer erzählt. Es gibt im Gegensatz zu „Sie kam aus Mariupol“ keinerlei neue Recherchen zum Leben ihres Vaters. Natascha Wodin weiß nahezu nichts über seine vierzig Jahre in Russland. Außer, dass er nach dem Tod seiner Eltern wohl ein Straßenkind war und dass er vor der Begegnung mit der Mutter in der Ukraine bereits eine jüdische Frau und zwei Kinder hatte, die er in Russland zurückließ. Alles andere verschwindet „irgendwo in diesem Dunkel“. Und es scheint die Autorin auch nicht so dringlich zum Aufdecken dieser weißen Flecken in seinem Leben zu treiben wie bei der Mutter. Zwar lebte der Vater noch sehr lange, geredet hat er allerdings nie. Mit niemanden. Auch der Onkel, den Natascha Wodin in Russland ausfindig macht, möchte nichts sagen. „Wenn er dir nichts erzählt hat, werde ich dir auch nichts erzählen.“
Es mangelt an Informationen und Wodin versucht auch nicht, das Leben des Vaters herbei zu fantasieren. Sie lässt es als die Leerstelle stehen, die es für sie zeitlebens war. Das lässt den Fokus des Buches automatisch mehr auf sie selbst in ihren Kinder- und Jugendjahren rücken.
Das Gefühl des Ausgestoßenseins als „Russenkind“, als „Russenlusch“, der Hass, der ihr von vielen Deutschen entgegenschlug, die sowohl unter Hitler als auch nach 1945 im Kalten Krieg Russen immer nur als Feindbild kennenlernten, verletzte das Mädchen sehr. Ihre Gettoisierung in „den Häuser“, wo alle Displaced Persons zusammen untergebracht wurden, gleich neben den „Zigeunerbaracken“ - diese Zeit hat bei Natascha Wodin ebenso große Wunden gerissen, wie die Gewalt und die Demütigungen, die sie von ihrem Vater erfuhr. Ihre Zeit als Streunerin, eine brutale Vergewaltigung, eine daraus resultierende Schwangerschaft, der selbst durchgeführte Abbruch derselben – das sind brutale, kaum zu ertragende, erschütternde Episoden. Episoden, die Natascha Wodin dicht, intensiv, aber völlig unpathetisch erzählt. Und die gerade dadurch eine umso größere Wirkung erzielen.
Nein, ein Verzeihen kann es da wohl nicht geben. Aber Natascha Wodin wusste um die unendliche Einsamkeit, die ihren Vater für den Rest seines Lebens umgab, auch wenn sie sich in seinen letzten Lebensjahren im Altersheim um ihn kümmerte. Auch ihr gegenüber hat er sein Schweigen niemals aufgegeben. Ein Schweigen, das die ganze Umgebung, ja in gewisser Weise ganz Deutschland umfasste. Und das Natascha Wodin zur Auseinandersetzung mit ihrer Vergangenheit geradezu zwang. Als Akt der Selbstvergewisserung.
Kein Verzeihen, aber am Ende die Überzeugung, dass der Mensch immer das weitergibt, was er selbst erlebt hat. Und das war beim Vater eben Gewalt und Schweigen.
Wie man sich daraus befreien kann, wieviel Glück man dafür aber auch benötigt, das beschreibt Natascha Wodin in ihrem beeindruckenden autobiografischen Roman „Irgendwo in diesem Dunkel“.

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6 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 2 Rezensionen

Leuchten über Blackpool

Andrew O'Hagan , Anette Grube
Fester Einband: 352 Seiten
Erschienen bei S. FISCHER, 25.07.2018
ISBN 9783100024183
Genre: Romane

Rezension:

Der nordwestlich von Manchester gelegene Küstenort Blackpool gilt in England als eine Geburtsstätte des Massentourismus und zeigt zugleich dessen Risiken. Schon im 18. Jahrhundert ein Seebad für die nordenglische Bevölkerung, erlebte es im Zeitalter der Industrialisierung einen enormen Aufschwung durch die Arbeiterklasse, die Blackpool zu ihrem bevorzugten Urlaubs- und Ausflugsort machte. Wer schon einmal durch englische Badeorte geschlendert ist, weiß um die Tristesse, die viele von ihnen ergriffen hat, nachdem die Urlaubsziele rund ums Mittelmeer immer billiger zu erreichen sind. Auch Blackpool ist dem Niedergang nicht entkommen. Einmal im Jahr allerdings, wenn der Sommer endet und bevor der Winter die britischen Inseln im Griff hat, erlebt die Stadt ihre berühmten „Illuminations“. Die Stadt, ihre Häuser, der Blackpool Tower und vor allem ihre Promenaden und Piers erstrahlen in einem farbigen (ungeheuer kitschigen) Glanz, der durch sein Leuchten die Trostlosigkeit überdecken und an vergangene Tage als großes Seebad erinnern soll.
„The Illuminations“ geben auch dem Roman des schottischen Autors Andrew O`Hagan, mit dem er 2015 auf der Longlist des Man Booker Prize stand, seinen Namen. Das deutsche „Leuchten über Blackpool“ gibt den Zusammenhang leider, wie so oft bei übersetzten Titeln, nur sehr unzureichend wieder. Denn „illuminations“ sind eben nicht nur Illuminierungen, Beleuchtungen, sondern auch Erleuchtung, Erhellung des Geistes, Aufklärung.
Um den Geist von Anne Quirk ist es nicht zum Besten bestellt. Die 82jährige Bewohnerin eines Seniorenheims im westschottischen Saltcoats gleitet immer mehr in eine Demenz hinein. Es ist absehbar, dass ihr Umzug in ein Pflegeheim bevorsteht. Die etwas jüngere Nachbarin Maureen kümmert sich rührend um sie, hat aber selbst zu ihrer eigenen Familie ein eher schwieriges Verhältnis. Auch Anne und ihre Tochter Alice, die sie allein großgezogen hat, haben ihre Probleme miteinander, wie so oft vor allem kommunikativer Art. Nie hat die Mutter mit Alice über den Vater und ihre gemeinsame Geschichte gesprochen. Alice fühlt sich ungeliebt und unverstanden. Die Trauer um ihren in jungen Jahren im Nordirland-Konflikt erschossenen Mann ist auch heute noch, auch in ihrer zweiten Ehe, präsent.
Mit ihrem Enkel Luke verbindet die alte Dame aber ein herzliches und offenes Miteinander. Luke schätzt vor allem, dass seine Großmutter ihn immer unterstützt und schlummernde Potentiale in ihm geweckt hat.
Zu Beginn des Romans befindet sich Luke, in die Fußstapfen des Vaters tretend, aber als Captain der Royal Western Fusiliers in Afghanistan. Ein Militäreinsatz führt durch Rebellengebiet, um Ausrüstung zu einem Energiewerk am Kajaki-Staudamm zu transportieren. Ein Einsatz, bei dem gehörig etwas schiefgeht.
Eine ganze Weile laufen die beiden Erzählstränge von Anne und Luke lose nebeneinander her, nur durch das Verwandtschaftsverhältnis der beiden verbunden. Dabei unterscheiden sie sich enorm im Ton der unterschiedlichen personalen Erzählstimmen. Der Strang in Schottland ist feinfühlig, zart, durch den Abschied Annes von ihren geistigen Kräften und ihrem vertrauten Umfeld bestimmt. Die Erzählabschnitte in Afghanistan sind spannend, actionreich, rau und mit derben Dialogen unter den Soldaten gewürzt. Beides wirkt authentisch und überzeugend.
Nach dem katastrophal geendeten Einsatz in Afghanistan traumatisiert zurückgekehrt, wird Lukes Erzählstrang mit dem von Anne (und Alice) enggeführt. Der Ton wird wird nachdenklich und melancholisch. Und führt zum Leitmotiv des Romans, den „Illuminations“.
Da sind zum einen natürlich die Illuminations in Blackpool, an die Anne wunderbare Erinnerungen hat. In den Sechzigerjahren traf sie sich hier regelmäßig mit dem verheirateten Harry Blake, dem Vater von Anne. Er war, wie Anne in ihren Jugendjahren in Amerika, über die ihre Familie erst jetzt Näheres erfährt, ein bedeutender Dokumentarfotograf. In einer kleinen Wohnung in Blackpool hatten die beiden eine Dunkelkammer, in der sie ihre Filme „beleuchteten“. Luke und Anne fahren kurz vor der Übersiedelung ins Pflegeheim noch einmal dorthin. Briefe, Fotos, Gespräche bringen Dinge ans Licht, von denen die Familie bisher nichts wusste.
Parallel zu dieser Erinnerungsarbeit, zu diesem Kampf gegen das Vergessen und Lukes Bemühen um Aufklärung von Dingen aus der Vergangenheit seiner demenzkranken Großmutter, um „Erhellung“, steht sein eigenes Bestreben um Verdrängung der Erlebnisse in Afghanistan. Hier möchte jemand vergessen, während der andere mühsam jeden Erinnerungszipfel festhält.
Andrew O´Hagan gelingen mit „Leuchten über Blackpool“ zwei vielschichtige Charakterstudien, ein feinfühliger Familienroman und eine nachdenkliche Geschichte um Erinnerung, Loyalitäten, Verlust. Nicht zuletzt ist es ein eindrückliches Plädoyer gegen die Sinnlosigkeit und Grausamkeit des Krieges und ein Nachdenken über Patriotismus (denn Anne und ihre Familie sind glühende schottische Patrioten), ohne dies explizit zu betonen.
„`Und jeder stellt sich die Welt so vor, wie er sie gern hätte, so wie der Typ mit dem Turban und dem Sprengstoff um den Bauch glaubt, dass er zu Allah geht. Auch er glaubt, dass er sein Land liebt. Und er glaubt, dass sein Land ausgebeutet wird. Und er glaubt, dass seine Kumpel eine Nation sind.´ `Das glaubst du doch nicht wirklich, Luke. Du bist in einem Land mit Traditionen aufgewachsen, und du hast sie geliebt.´ `Es ist ein Spiel, Mama. Ein großes Spiel. Wir haben nur daran geglaubt, solang es angedauert hat. Ich liebe mein Land wegen seiner Berge und Erfindungen, nicht wegen dem Gefühl der Leute, verletzt worden zu sein, nicht wegen ihres sentimentalen Traums, dass es niemanden gibt wie uns. Ich bin in der Welt herumgekommen, und ich kann dir sagen, dass sie alle genau so sind wie wir: Verzweifelt und müde kämpfen sie um einen Weg in die moderne Welt. Ich weiß nicht, was dich zu der Überzeugung gebracht hat, dass man ein besserer Mensch wird, wenn man Mauern baut.´“
Und wunderbar ist auch, dass der Autor das Ganze durchaus mit einem feinen Witz versetzt und hoffnungsvoll enden lässt. Ein schöner Roman.




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23 Bibliotheken, 0 Leser, 1 Gruppe, 2 Rezensionen

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Kudos

Rachel Cusk , Eva Bonné
Fester Einband: 215 Seiten
Erschienen bei Suhrkamp, 09.07.2018
ISBN 9783518428078
Genre: Romane

Rezension:

„Kudos“ – ein im englischsprachigen Raum und wohl auch im Internet durchaus gebräuchlicher, aus dem Griechischen stammender Begriff für Anerkennung, vergleichbar dem deutschen (ungleich bräsigerem) „Hut ab!“ – ist der dritte Teil der von der Autorin so genannten „weiblichen Odyssee des 21. Jahrhunderts“ von Rachel Cusk betitelt.
„Outline“ und „Transit“ gehen ihm voraus. Und wieder haben wir es mit Faye zu tun, jener Schriftstellerin im mittleren Alter, geschieden, zwei Teenagersöhne, wiederverheiratet, die wir als schweigende, fast unsichtbare Erzählerin kennenlernten. Auch hier wird sie vor allem zur Zuhörerin, die bei den unterschiedlichsten Begegnungen bei ihrem Gegenüber eine verwunderliche Offenheit und Redeflut auslöst, vielleicht gerade durch ihre zurückgenommene, fast passive Rolle.
Am Ende ist die Leserin dieser Faye, die ihrer Autorin Rachel Cusk in sehr vielen Aspekten gleicht, mehr als 600 Seiten gefolgt. Sie ist ihr dabei aber tatsächlich kaum näher gekommen und meint sie doch zu kennen. Rachel Cusk ist es nicht um ein Porträt oder eine Charakterstudie zu tun, dafür gibt sie zu wenig von ihrer Protagonistin preis. Und doch spürt man deren tiefe Verunsicherung und Verletztheit. Es ist diejenige der Rachel Cusk, die nach ihren radikal offenen autobiografischen Essays über das Muttersein, über ihre scheiternde Ehe und die Scheidung von der Öffentlichkeit hart angegangen wurde. „Rücksichtsloser Exhibitionismus“ wurde ihr vorgeworfen. Eine Frau tut so etwas nicht. Bei einem Karl Ove Knausgard hingegen darf man es bewundern.
In „Outline“ war die Erzählerin tatsächlich nur ein „Umriss“, sie diente lediglich als Echoraum für die Monologe der Menschen, die sie bei einem Schreibseminar, das sie in Griechenland leitete, traf. Ihre schmerzhafte Scheidung, die öffentlichen Turbulenzen lagen für Erzählerin und Autorin noch nicht weit zurück. In „Transit“ kamen wir Faye etwas näher. Sie richtete sich in London ein neues Heim ein, war tatsächlich als Person etwas präsenter, auch wenn ihre Zuhörerrolle im Vordergrund blieb.
Ich muss zugeben, dass ich an den dritten Teil der Trilogie nun eine gewisse Erwartung hatte – nämlich die, noch ein Stückchen näher heranzurücken, als Fortführung von Transit auch die Überwindung ihrer tiefen Krise mitzuerleben. Das geschieht nun aber eher nicht und hat mich anfänglich ein wenig enttäuscht.
Gerade dass „Transit“ zwar von seinem innovativen Erzählansatz „Outline“ glich, aber doch, gerade auch im Setting, anders war, machte für mich den Reiz aus und ließ mich „Kudos“ mit Spannung erwarten.
Doch „Kudos“ gleicht „Outline“ auf den ersten (und auch zweiten) Blick sehr. Wieder ist Faye unterwegs, diesmal auf Literaturfestivals in verschiedenen Städten Europas, um ihr neues Buch zu promoten. Orte werden wie üblich keine direkt genannt, das eine ist aber eine deutsche Stadt, die zweite unverkennbar Lissabon. Die Eröffnungsszene verweist direkt auf „Outline“. Hier wie da ist die Erzählerin im Flugzeug unterwegs und hört ihrem Sitznachbarn zu. War es im ersten Band ein kleiner, älterer Grieche, so ist es diesmal ironischerweise ein stattlicher Mann mit enormer Körperlänge. Der erste Hinweis darauf, dass es sich also nicht um eine Weiterentwicklung von „Transit“ handelt, sondern eher um ein Triptychon, in dem dieses die Mitteltafel bildet und „Outline“ und „Kudos“ flankieren.
Es folgen wieder etliche Gespräche, situationsbedingt fast ausschließlich mit Menschen aus der Literaturbranche, die einiges an scharfzüngigen, sarkastischen Seitenhieben abbekommt, vom selbstverliebten Journalisten bis zu den überforderten Organisatoren, die die Literaturschaffenden in einem abgelegenen Betonklotz von Hotel untergebracht haben, aus dem sie dreimal am Tag mit dem Bus zu zweifelhaften Mahlzeiten gefahren werden. Oder die merkwürdige Verzehrbons verteilen. Interviewer, die ihre Interviews schon geschrieben haben und die Gesprächspartner dann gar nicht zu Wort kommen lassen – jede Menge absurde, amüsante Sitationen.
In den Gesprächen geht es außer um den Literaturbetrieb vor allem um die Brüchigkeit von Partnerschaft und Familie, um Lebenskrisen und immer wieder um die Machtverhältnisse von Mann und Frau, bei denen die Frauen, zumal die mit Kindern, immer als die Verlierer dastehen. Ein neuer Aspekt ist der Brexit, der immer wieder als großer Fehler durchschimmert. Ein Kongressteilnehmer geht mit den Briten hart ins Gericht:
„Sie verschanzen sich in Ferienanlagen und auf Partymeilen, sind unfähig, in irgendeiner Sprache als der eigenen zu kommunizieren, und ahnen nicht, welch schlimme Konsequenzen ihre stumpfe Dummheit nach sich ziehen wird.“
Die Begegnungen, die die Grundlage für das Erzählte bilden, sind von einer enormen Kühle. Die Menschen scheinen, auch wenn sie sich der Erzählerin verblüffend öffnen, sehr vereinzelt. Vielleicht verleitet sie gerade diese Anonymität zu ihrer Offenheit. Die Atmosphäre ist ein wenig trostlos. Lichtblicke sind die präzisen Beschreibungen von Orten, seien sie pointiert und ein wenig boshaft wie die vom Lissaboner Hotel oder aber auch elegant wie die der bezaubernden Stadt selbst.
In vielem gleicht „Kudos“ also „Outline“. Es ist genauso brillant und scharfsinnig und voller großartiger Szenen.
Ob eine Mutter ihre Tochter am Telefon abkanzelt:
„Ich kann nicht glauben, dich zu einer Frau herangezogen zu haben, die sich von einem Mann vorschreiben lässt, was mit den Haaren ihres Kindes zu geschehen hat.“
Oder ein Kongressteilnehmer eine Lanze für körperliche Perfektion bricht:
„Warum sollte man den Körper behandeln wie eine Tragetasche für das Gehirn?“
Allerdings ist die Erzählerin in „Kudos“ doch ein wenig präsenter als zu Beginn. Sie antwortet ihren Gesprächspartnern öfter, in einer längeren Passage erzählt sie sogar von sich und ihrer Familie. Am Ende wirft ihr ihre Verlegerin vor, wieder geheiratet zu haben.
„Obwohl Sie doch wissen, was Sie wissen. Sie haben es in Worte gefasst (…) und damit festgeschrieben.“
Ich wolle das Gesetz überwinden, sagte ich, ohne es zu brechen. Einmal habe mein Sohn das Gemälde kopiert, das dort an der Wand hing (Anm.: Gentileschis Enthauptung Johannes des Täufers durch Salome), sagte ich, allerdings habe er auf die Details verzichtet und sich stattdessen auf die groben Umrisse und die räumlichen Verhältnisse konzentriert. Interessanterweise sage das Bild, ließe man die Details und die Geschichte, die es erzählt, außer Acht, nichts über Mordlust aus, sondern über die Komplexität der Liebe.“
Das könnte fast ein hoffnungsvolles Ende sein, was das Verhältnis von Mann und Frau betrifft, nach all den erzählten Lebenskrisen zuvor. Zumal sich daran ein liebevolles, fürsorgliches Telefongespräch mit dem Sohn anschließt (dieser ist wieder mal allein, wieder mal der Vater nicht zu erreichen). Aber ganz so versöhnlich kann es bei Rachel Cusk (noch nicht) enden. Das Schlussbild ist wieder eines von der rücksichtslosen, primitiven Dominanz des Mannes.
Rachel Cusk hat mit ihrer Trilogie internationale Beachtung erfahren und einiges an Erfolg. Sie ist eine innovative Stimme, brillant, scharfsinnig, subtil. Ihre Bücher sind angefüllt mit philosophischen Überlegungen, die man oft erst auf den zweiten Blick entschlüsselt. Sie stellt Fragen nach der Erzählbarkeit des eigenen Lebens, nach dem, was dem, was alle ihre Protagonisten hinter all ihren Geschichten verbergen, die eigentlich abgrundtiefe Verzweiflung, das Scheitern. Ihr fehlt jede Versöhnlichkeit, gerade im Hinblick auf das Verhältnis zwischen Mann und Frau.
Das unterscheidet sie sehr von einem Buch, das ich unlängst gelesen habe und das sich den Feminismus aufs Banner geschrieben hat („Das Weibliche Prinzip“). Das ist nicht unbedingt leicht konsumierbar, aber Rachel Cusks Trilogie wird bleiben. 

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10 Bibliotheken, 0 Leser, 1 Gruppe, 2 Rezensionen

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Eine gewöhnliche Familie

Sylvie Schenk
Fester Einband: 160 Seiten
Erschienen bei Hanser, Carl, 23.07.2018
ISBN 9783446259966
Genre: Romane

Rezension:

Beerdigungen sind ein immer wieder gewählter Ausgangspunkt für Erzählungen. Durch den Tod eines mehr oder weniger nahestehenden, eines mehr oder weniger geliebten Menschen werden Reisen in die eigene Vergangenheit angetreten, räumlich und emotional. Protagonisten kehren an die Orte der Kindheit und Jugend zurück, treffen alte Freunde, Bekannte, Verwandte und nicht selten kommen lange verdrängte Erinnerungen ins Bewusstsein, brechen alte Verletzungen oder Konflikte auf oder entstehen neue. Wenn es beispielsweise um Erbschaften geht.
Sylvie Schenk nutzt für ihren neuen Roman „Eine gewöhnlich Familie“ genau diese Erzählsituation. Die Protagonistin Celine reist im TGV von Frankfurt nach Lyon zur Beerdigung ihrer Tante Tamara und ihres Onkels Simon, die beide mit wenigen Stunden Abstand gestorben sind. Die Familie der Geschwister Cardin, von Celine, Aline, Pauline und Philippe, kennen wir bereits, wenn auch unter anderem Namen. Es ist relativ wenig verschlüsselt diejenige der Autorin Sylvie Schenk und diejenige ihrer Protagonistin Louise im Vorgängerroman „Schnell, dein Leben“.
Die Zahnarztpraxis des Vaters in den französischen Alpen, die unglückliche Ehe der Eltern, der begüterte, herablassende väterliche Familienzweig in Lyon, der bescheidenere der Mutter, sie selbst Adoptivkind – all das war bereits in der wunderbaren, poetisch-knapp erzählten Lebensgeschichte, die Schenk 2016 in Auszügen beim Ingeborg-Bachmann Preis vorstellte, Thema gewesen.
Nun treffen die Geschwister zur Beerdigung der beiden hochbetagten Verwandten aufeinander und auf eine Schwester der Tante, Kati, und deren Sohn, Cousin Bernard. Celine, die zweitälteste und wie die Autorin von einem Deutschen geschieden, von Beruf Dolmetscherin und mittlerweile Anfang sechzig, hat eher losen Kontakt zu ihren Geschwistern. Die Eltern sind schon eine Weile tot, nun auch Tante und Onkel. Das Originaltestament, das das nicht unbeträchtliche Vermögen der beiden auf alle Nichten und Neffen gleich verteilen sollte, ist verschwunden. Somit ist Tamaras Schwester Kati, und mit ihr Cousin Bernard, die Alleinerbin. Eine Tatsache, die nicht wenig Konfliktpotential in sich birgt.
Sylvie Schenk macht diese Erbschaftsstreitigkeit aber nicht zum Hauptthema ihres Buchs, sondern nutzt sie nur als Randerscheinung für ihr genaues, psychologisch feines Familienpsychogramm.
Ausgehend von der Beerdigung wird in Rückblenden das Beziehungsgeflecht vor allem zwischen den Geschwistern beleuchtet, noch einmal auf die unglückliche, aber beständige Ehe der Eltern geschaut und auf die herablassende Art der bourgeoisen Vaterfamilie.
Das hat nicht ganz die innovative Kraft von „Schnell, dein Leben“, das auf gerade mal 160 Seiten ein ganzes Leben erzählte und die eher ungewöhnliche Du-Perspektive virtuos umsetzte. Dennoch kommen auch hier die Stärken der Autorin Sylvie Schenk deutlich zum Vorschein. Nachdenklich und klug, mit manchmal ein wenig bösem Witz, aber immer liebevoll und ehrlich, erzählt sie auch hier poetisch-knapp von einer ganz „gewöhnlichen Familie“, die doch so besonders und eigenständig wie eben jede Familie ist.
Höchste Zeit, die Autorin Sylvie Schenk, immerhin schon Jahrgang 1944, zu entdecken.

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61 Bibliotheken, 1 Leser, 1 Gruppe, 16 Rezensionen

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Bleib bei mir

Ayobami Adebayo , Maria Hummitzsch
Fester Einband: 352 Seiten
Erschienen bei Piper, 01.08.2018
ISBN 9783492058902
Genre: Romane

Rezension:

Yejide und Akin sind ein modernes Ehepaar in Nigeria. Sie stammen aus recht privilegierten Verhältnissen, haben studiert und aus Liebe geheiratet. Das ist vier Jahre her. Vier Jahre, in denen beide ziemlich glücklich waren.
Yejide selbst hat keine sehr schöne Kindheit hinter sich. Ihre Mutter starb bei ihrer Geburt und die anderen Frauen ihres Vaters – in Nigeria ist Polygamie durchaus noch verbreitet – haben sie nie richtig in die Familie integriert, sie verachtet und gepeinigt. Deshalb ist sie über die Ehe mit Akin, der die Vielehe wie sie ablehnt, so glücklich wie über die Liebe, Anerkennung und Zuwendung, die sie durch Akins Familie, insbesondere seine Mutter, erfährt. Sie leben in der südwestnigerianischen Stadt Ilesa, auch in der Ehe ist sie berufstätig, führt einen kleinen, gut gehenden Frisiersalon.
Nur eines fehlt noch. Etwas, das besonders in den alten, den Traditionen trotz vordergründiger Modernität und Aufgeschlossenheit stark verhafteten Gesellschaften für das Glück einer Frau, einer Ehefrau, unabdingbar ist: der Nachwuchs.
Yejide wünscht sich nichts sehnlicher. Und dieser Kinderwunsch wird zum zentralen und alles beherrschenden Thema ihres Lebens – und des Romans von Ayọ̀bámi Adébáyọ̀ „Bleib bei mir“.
Denn nun, vier Jahre nach der Hochzeit, wir schreiben das Jahr 1985, wird der Druck durch die Familien immer größer. Akins Familie drängt den jungen Mann, sich eine Zweitfrau zu nehmen. Denn, obwohl sich beide Ehepartner ohne negative Ergebnisse medizinisch untersuchen lassen haben, muss es natürlich an Yejide liegen. Die schöne, junge Funmi wird von der Familie Akins auch gleich mitgeliefert.
Nach anfänglicher Gegenwehr ergibt sich Akin schließlich dem Familienrat – um des lieben Friedens willen – und nimmt Funmi zur Frau. Das stürzt Yejide in eine tiefe Krise, voller Eifersucht, Neid, Trauer und Enttäuschung. Und führt natürlich in eine neue Offensive, schwanger zu werden. Auch alte Yoruba-Kulte werden von ihr nun nicht länger gescheut. Überhaupt kann man sehen, wie tief die vermeintlich moderne Yejide in den alten überlieferten Rollenmustern, Vorurteilen und Traditionen verhaftet ist. Yejide ist alles andere als eine Revolutionärin oder gar Feministin. Kaum wagt sie es, der Familie zu widersprechen oder gar deren Unwillen hervorzurufen.
Beim Besuch eines Wunderheilers auf dem „Berg der beispiellosen Wunder“ unterzieht sie sich einer absurden Prozedur, die aber Wirkung zu zeigen scheint. Yejide wird schwanger. Doch obwohl ihre Monatsblutung ausbleibt, sie die typischen Schwangerschaftsbeschwerden hat und ihr Bauch beständig wächst, kann kein Arzt, kein Ultraschall ein Baby entdecken. Es handelt sich um eine typische Scheinschwangerschaft. Die Beziehung zwischen Yejide und Akin durchläuft dabei eine schwierige Phase. Bis eines Tages ein schreckliches Unglück geschieht.
Selten hat mich ein Buch so durch etliche unvorhersehbare Wendungen überrascht und erstaunt wie dieser Roman von Ayọ̀bámi Adébáyọ̀. Die 1988 in Lagos geborene Autorin, die in Großbritannien studierte und einen Schreibworkshop von Chimamanda Ngozi Adichie belegte, schreibt über Liebe und Verrat, Hoffnungen und Enttäuschungen, Verluste und Trauer, packt derart viele Schicksalsschläge und Tragödien in ihre Geschichte, dass deren Aufzählung fast ein wenig überdramatisiert wirken könnte und auch die Spannung nehmen könnte. Am Ende führt die Geschichte bis ins Jahr 2008, als Yejide, sie lebt nun schon seit fünfzehn Jahren getrennt von Akin, anlässlich der Beerdigung von dessen Vater erstmals wieder zurück nach Ilesa kommt. Dies bildet den Rahmen, von der aus die Erzählungen von Yejide und Akin in die Vergangenheit zurückführen. Dabei bilden die beiden in ihrer subjektiven Wahrnehmung keine wirklich verlässlichen Erzähler. Bis zum Ende werden sie gewisse Geheimnisse nicht lüften.
Ayọ̀bámi Adébáyọ̀ entwickelt ihre Geschichte überraschend und fesselnd. Sie ist angefüllt mit Details über den nigerianischen Alltag, weist auf politische Entwicklungen der Achtziger und Neunzigerjahre in Nigeria hin, mit Wahlkämpfen, Militärputschen, Unruhen und Korruption, und überzeugt mit einer enormen Erzählkraft. Es bleibt bis zum Ende spannend. Der Leser begleitet die durchaus ambivalent angelegten Charaktere durch die Wendungen und Schicksalsschläge ihrer gemeinsamen Zeit. Dabei wird der Roman trotz aller Tragik nie gefühlig oder gar kitschig.
Sehr beeindruckend für einen Debütroman und nicht verwunderlich, dass er sogleich auf der Nominierungsliste für den Baileys Woman´s Prize for Fiction stand.

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16 Bibliotheken, 0 Leser, 1 Gruppe, 5 Rezensionen

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Unruhe

Zülfü Livaneli , Gerhard Meier
Fester Einband: 168 Seiten
Erschienen bei Klett-Cotta, 21.07.2018
ISBN 9783608962673
Genre: Romane

Rezension:

Unruhe – eine unerklärliche innere Unruhe plagt den Erzähler Ibrahim, einen modernen, westlich orientierten Journalisten in Istanbul, der quirligen, weltoffenen Stadt am Bosporus.
„Man meint immer, es sei umgekehrt, doch eigentlich ist Unruhe der normale Zustand im Leben, und innerer Friede nur etwas sehr Seltenes, Vergängliches.“
Ist es seine Scheidung, die in quält, oder die politischen Veränderungen in der Türkei, oder sind es die Dinge, die jenseits der Grenze geschehen, so nah und doch so fern. Seit sieben Jahren tobt vor der Haustür der Türkei ein blutiger, grausamer, aussichtsloser Krieg in Syrien, führt der islamische Staat einen Terrorfeldzug, werden Menschen getötet, verschleppt, gefoltert, vergewaltigt. An den Grenzen spürt man den Krieg, hier kommen die an, denen die Flucht gelang, existieren riesige Flüchtlingslager, man spricht mittlerweile von fast drei Millionen syrischer Flüchtlinge in der Türkei.
Auch wenn sich die Stimmung im Land langsam verschärft, dürfte man in der Metropole Istanbul davon ähnlich wenig direkt betroffen sein wie wir Westeuropäer. Ibrahim allerdings wird recht unsanft mitten hinein gestoßen.
Auslöser ist eine kurze Nachrichtenmeldung aus den USA. Dort wurde ein Türke aus Mardin ermordet, ein rassistischer Hintergrund wird vermutet. Ibrahim stammt selbst aus dieser Stadt in Südostanatolien, nur 20 Kilometer von der syrischen Grenze entfernt, ist aber bereits als junger Mann aus deren Enge geflohen. Nun stolpert er über diese Meldung. Der Ermordete war gleichaltrig und hieß Hüseyin. Sehr bald erweist sich, dass es sich tatsächlich um Ibrahims alten Schulfreund handelt. Die Zeitung ist interessiert an der Geschichte, zeitgleich wird die Sondergesandte der UNO-Flüchtlingshilfe in der Gegend unterwegs sein, und so schickt sie ihn mit Kameramann in die Provinz zur Berichterstattung. Für ihn wird es nicht nur eine Reise in die eigene Vergangenheit, sondern auch eine Reise in das Flüchtlingselend und vor allem in die Geschichte der Jesiden, einer kurdisch sprechenden religiösen Gemeinschaft, die außerhalb der Weltreligionen steht und besonders vom IS brutal verfolgt wird. Inzwischen kann von einem regelrechten Völkermord gesprochen werden.
Hüseyin hat sich seit einiger Zeit als Helfer in den Flüchtlingslagern betätigt. Dort hat er, wie Ibrahim durch Gespräche mit alten Schulkameraden und Hüseyins Familie erfährt, eine junge Jesidin mit einem blinden Baby kennengelernt und sich in sie verliebt. Seine Verlobung mit Safiye hat er daraufhin gelöst, was ihm nicht nur Probleme mit deren, sondern auch der eigenen Familie einbrachte. Und da waren noch die islamischen Fundamentalisten, die diese Verbindung auch nicht gerne sahen und Hüseyin bedrohten. Einen Anschlag überlebte er nur knapp. Daraufhin schickte ihn die Familie in die USA zu seinen Brüdern, die dort schon eine Weile lebten. Dass dies kein gutes Ende nahm, erfuhr der Leser ja bereits zu Beginn.
Für Ibrahim setzt sich die Geschichte in den Bruchstücken zusammen, die er von verschiedenen Erzählerfiguren in Gesprächen erhält. Er erfährt darüber hinaus auch einiges über die Geschichte der Jesiden, ihre Verfolgung und vor allem das Schicksal der jungen Meleknaz und ihrer Freundin Zilan, die vom IS verschleppt, missbraucht und verkauft wurden, und denen die gefährliche Flucht über das Sindschar-Gebirge in die Türkei gelang. Hinzu kommen noch Briefe und Gedichte, die Hüseyin an seine Geliebte schrieb. Am Ende gelangt Ibrahim derart in den Bann der Geschichte der unbekannten Meleknaz, dass er auf eigene Faust ihren Spuren nach Istanbul folgt.
Zülfü Livaneli will mit seinem Roman das Schicksal der Jesiden ansprechen, aufklären und aufrütteln. Das ist für ein solches wichtiges, und tatsächlich bisher wenig bearbeitetes Thema, unbedingt richtig. Diese Erzählabsicht tut einem Roman aber nicht immer gut. Einige Kritiker bemängelten das Thesenhafte, die Nähe zur Kolportage, ja, sehen sogar „infamen Kitsch“. Das lässt sich nicht gänzlich von der Hand weisen, aber greift meines Erachtens auch nicht gänzlich.
Zülfü Livaneli ist der Zwiespalt zwischen anteilnehmendem Erzählen und sachlicher Berichterstattung durchaus bewusst. Und er thematisiert sie sogar im Roman selbst. Das allzu Gefühlige versucht er durch einen sachlichen Ton, durch kurze Kapitel und die Aufsplitterung des Erzählten in verschiedene Erzählerfiguren, in meinen Augen erfolgreich, zu vermeiden. Er thematisiert zudem das Erzählen.
„War es wirklich so? So musste es doch gewesen sein, oder dachte ich mir da manches nur hinzu?“
Dennoch ist es ihm um das Allgemeingültige, eben um die Botschaft seines Erzählens, zu tun. Ein wenig ähnelt sein Roman einer Art Parabel. Die Zerrissenheit des orientalischen Menschen, zwischen Ost und West, zwischen Gefühl und Verstand, Tradition und Moderne, ist dabei ein bestimmendes Thema. Er benennt das daraus erwachsende mangelnde Selbstvertrauen als einen Grund für Nationalismus, religiösen Fundamentalismus und Terrorismus.
Dabei spürt er diese Zerrissenheit sehr deutlich auch in sich selbst. Einerseits verdammt er die fundamentalistischen Strömungen im Nahen Osten, die Grausamkeit der Verhältnisse, andererseits romantisiert er bestimmte orientalische Gefühle und Traditionen.
Einerseits ist für ihn der Orient der Vergangenheit ein Ort der Toleranz:
„In der Stadt, in der Schule, überall waren Aramäer, Muslime, Juden und Zoroastrier miteinander befreundet und feierten gemeinsam die jeweiligen Feiertage. Dagegen verkommt die Stadt unter dem Schatten eines in sich gekehrten, verhärteten, wütenden Islam.“
Andererseits erzählt er auch von dem alten tradierten Ehrbegriff, der den Bruder des Nachbarn Hasan dazu brachte, seinen ehebrechenden Bruder zu erschießen und die aus der Affäre hervorgegangenen neugeborenen Zwillinge qualvoll verhungern zu lassen. Ohne dass irgendeiner der Nachbarn eingegriffen hätte.
„So eine Gegend ist das hier, in der es nie an Blut und nie an Grausamkeit fehlt.“
Toleranz oder Grausamkeit? Den Westen verdammt er in recht platter Konsumkritik.
„Ich hielt es nicht mehr aus, dass der konsumierende Mensch viel mehr galt als der schaffende, produzierende.“
Auch auf westliche Hilfsprojekte schaut er äußerst kritisch, hier am Beispiel des Besuchs von Angelina Jolie in einem Flüchtlingslager. Über die Rolle Gottes urteilt er hingegen relativ milde.
„Was tat eigentlich der Gott so vieler Religionen, während all das geschah, fragte ich mich und hatte die Antwort auch gleich parat. Er ruhte sich wohl aus, denn es musste der siebte Tag sein; in sechs Tagen hatte er die Welt erschaffen, und nun, am siebten Tag, hatte er sich zum Ruhen zurückgezogen. Und darum vermutlich die Schreie nicht gehört.“
Soll uns das trösten? Oder ist das Ironie?
Immer wieder thematisiert der Erzähler seine eigene Zerrissenheit. Augenzwinkernd zitiert er einen Roman, den er vor ein paar Jahren gelesen hat – Glückseligkeit, aus der Feder von: Zülfü Livaneli. Darin vergleicht er türkische Intellektuelle mit Trapezkünstlern, die ins Leere fallen, „denn das östliche Trapez haben sie losgelassen und das westliche nicht erwischt.“ Seine Hinwendung zum Orient nennt der Erzähler dabei seine „Hüseyinisierung“.
Wie die Position des Autors ist, lässt sich nicht mit Bestimmtheit sagen. Dass er diese Zerrissenheit anspricht, ist neben der aufrüttelnden Geschichte über die Jesidin Meleknaz und das Schicksal ihres Volkes sicher ein großes Verdienst dieses schmalen, aber wichtigen Buchs.
Auch wenn der Erzähler diese aufklärende Absicht bestreitet:
„Nicht um der Welt etwas mitzuteilen, nicht um die Menschen aufzurütteln, das kann Angelina Jolie nämlich tausendmal besser. Ich schreibe vielmehr, um mich selbst zu therapieren, um wieder die Kraft zu schöpfen, die ich für ein Leben unter den Wesen, die sich Menschen nennen, so dringend brauche. Zumindest kommt mir das so vor.“

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Beale Street Blues

James Baldwin , Miriam Mandelkow
Fester Einband: 224 Seiten
Erschienen bei dtv Verlagsgesellschaft, 20.07.2018
ISBN 9783423289870
Genre: Klassiker

Rezension:

„If Beale Street could talk“ – eine Zeile des Bluesklassikers von 1916, in der vielleicht bekanntesten seiner vielen Interpretationen von Louis Armstrong gesungen, gibt dem vorletzten Roman James Baldwins aus dem Jahr 1974 seinen Titel.
Ja, wenn die Beale Street in Memphis/Tennessee reden könnt, würde sie von ihren Bewohnern erzählen, nicht von denen, die heute die „America’s Most Iconic Street“ zu einer der größten Touristenattraktionen der Stadt machen, auch nicht von den Musikern, die Anfang des 20. Jahrhundert hier neben Vergnügungszentren, Prostitution und Kriminalität ein Zentrum der schwarzen Musik bildeten, „The Official Home of the Blues“, Louis Armstrong, Muddy Waters, B. B. King und viele andere. Sie würde von den vielen Generationen afroamerikanischer Familien erzählen, die hier, oft in Konkurrenz mit eingewanderten Iren, lebten, ein Ghetto der Armut, sozialer Benachteiligung, Diskriminierung und Verzweiflung, oft geprägt von Gewalt, Drogenproblemen und Kriminalität. Die Beale Street als Metapher für das Schicksal so vieler Afroamerikaner. Aber auch für Hoffnung und Kraft, die aus dem Leid erwachsen kann, und die sich einen Ausdruck in der Musik geschaffen hat.
Originalton James Baldwin:
„Alle „Nigger“ stammen aus der Beale Street. Die Beale Street ist unser Erbe.“
Wie der Blues, der dem Roman den Namen verlieh, ist auch James Baldwins Roman von einer tiefen Tragik, enthält viel Leid, aber auch Poesie, Kraft und Hoffnung. Und ist durch eine starke Rhythmisierung und Wiederholung von Leitmotiven sehr musikalisch gestaltet. Er schreckt auch vor den großen Gefühlen nicht zurück, auch nicht vor dem Pathos. Und wird dennoch niemals kitschig.
Dabei erzählt er, bei aller Gesellschaftskritik, in erster Linie von einer großen Liebesgeschichte. Die doch so alltäglich ist.
Die 19 jährige Clementine Rivers und der drei Jahre ältere Alonzo Hunt, Tish und Fonny genannt, kennen sich schon seitdem sie Kinder waren und zusammen auf der Straße gespielt haben. Nun sind sie ein Liebespaar und erwarten ein Baby. Aber Fonny sitzt, zu Unrecht beschuldigt, eine junge Puerto Ricanerin vergewaltigt zu haben, im Gefängnis. Obwohl Fonny nicht nur durch Tish, sondern auch durch einen gemeinsamen Freund ein Alibi besitzt. Aber die junge Frau, die mittlerweile nach Puerto Rico zurückgekehrt ist, hat Fonny identifiziert, wenn auch nicht unbeeinflusst, denn bei der Gegenüberstellung war er der einzige Schwarze. Und da ist vor allem noch die Aussage von Officer Bell, der eine ganz persönliche Rechnung mit Fonny offen hat und aussagt, ihn vom Tatort weglaufen gesehen zu haben.
Tish und ihre großartige Familie setzen alles daran, Fonny wieder aus dem Gefängnis frei zu bekommen, aber so einfach wie es sein müsste, ist die ganze Sache nicht. Und das Leben im Knast zehrt an dem jungen Mann.
Gäbe es nicht so viele ähnliche Geschichten, auch heute noch – Black lives matter -, stände man der Geschichte völlig ungläubig gegenüber. So viel offensichtliche Unschuld, so viel struktureller Rassismus, solch eine Ausweglosigkeit.
James Baldwin geht hart ins Gericht mit Amerika.
„Wobei ich sagen muss, dass Gott meiner Meinung nach mit Amerika überhaupt niemandem ein Geschenk gemacht hat.“
Officer Bell ist einerseits der klassische Böse, andererseits lässt Baldwin auch sehr deutlich erkennen, dass er selbst weit unten auf der sozialen Leiter steht, als Ire, als ungebildeter Mensch, als hässlicher Mann. Und wer unten steht, tritt gerne auf die, die noch weiter unten stehen. Auch der jungen Frau aus Puerto Rico, die sich eindeutig zu einer Falschaussage drängen ließ, zollt der Autor ein gewisses Verständnis. Sie lebt in ihrer Heimat in tiefem Elend, ist allein und verzweifelt. Auf der anderen Seite gibt es Weiße, die sich für Fonny und Tish einsetzen.
Und es gibt die zwei Familien. Tishs zutiefst solidarische, die eine große Menschlichkeit und Zuneigung zeigt. Und Fonnys, die selbst tief im Rassismus steckt, den Sohn wegen seiner sehr dunklen Hautfarbe schon immer ablehnte, sich von ihm distanziert. Typische Beispiele für den Selbsthass, den viele Afroamerikaner und auch James Baldwin immer wieder beklagen und unter anderem als Grund für die verbreitete Gewalt sehen.
„Der Tod sieht zwar mal so uns mal so aus, und die jungen Leute sterben auch ganz unterschiedlich, aber der Tod an sich ist ganz banal und der Grund für ihn auch – so banal wie die Pest: Die Kinder kriegen eingetrichtert, dass sie einen Dreck wert sind, und alles, was sie um sich herum sehen, ist der Beweis dafür. Sie kämpfen und kämpfen, aber sterben wie die Fliegen und begegnen sich dann auf dem Müllhaufen ihres Lebens, wie die Fliegen.“
Aber es gibt natürlich auch die große Liebe Tishs zu Fonny, die sich sehnlichst wünscht, ihr Kind mit ihm zusammen zur Welt zu bringen, die alle Hebel in Bewegung setzt, seine Unschuld zu beweisen. Und ihrer rassistischen Umwelt die Stirn bietet.
„Die Leidenschaft, die Fonny gerettet hat, hat ihn auch in Schwierigkeiten gebracht und ins Gefängnis. Er hat nämich sich selbst gefunden, so richtig, innen drin: Und das hat man gemerkt. Er ist niemandes Nigger. Und das ist ein Verbrechen in diesem beschissenen freien Land. Von irgendwem muss man der Nigger sein.“
Die Prosa von Baldwin ist sehr rhythmisch, manchmal poetisch, manchmal auch rau.
Es ist sehr zu begrüßen, dass der DTV-Verlag seine Bücher in neuen Übersetzungen von Miriam Mandelkow herausbringt. Nach seinem Erstling „Go tell it to the mountain“ (dt. Von dieser Welt) nun also ein 20 Jahre später verfasstes Werk. Seine Weggefährten beim Kampf um Bürgerrechte für die schwarze Bevölkerung in den USA waren da bereits tot, wie Martin Luther King und Malcolm X, verstummt oder verhaftet. Und dennoch strahlt dieser Roman neben all der Anklage und Verzweiflung auch viel Hoffnung und Kraft aus, wie ein Bluessong, gerade durch die uneingeschränkte Liebe und Solidarität von Tish und ihrer Familie. Baldwin selbst lebte da schon 25 Jahre in Südfrankreich, da er den Alltagsrassismus in den USA und die Anfeindungen gegen ihn als Homosexuellen nicht ertragen wollte. Dort starb er auch 1987 im Alter von 63 Jahren.
Nach Raoul Pecks sehr erfolgreichem Dokumentarfilm „I´m not your Negro“ wurde nun auch „If Beale Street could talk“ verfilmt (Filmstart Februar 2019). 

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Der Stammhalter

Alexander Münninghoff , Andreas Ecke
Fester Einband: 336 Seiten
Erschienen bei C.H.Beck, 20.07.2018
ISBN 9783406727320
Genre: Biografien

Rezension:

Alexander Münninghoff ist ein niederländischer Journalist, der auch verschiedene Bücher veröffentlicht hat, unter anderem über Schach, in dem er eine ziemliche Koryphäe ist. Außerdem war er als Kriegsreporter unterwegs.
2014 erschien in den Niederlanden ein autobiographisches Buch, das sehr viel Beachtung und einige Preise erlangte und nun auch auf Deutsch erschienen ist. Es ist im Original „Een Familiekroniek“, im Deutschen wurde daraus der „Roman einer Familie“. Dabei trifft die Bezeichnung Chronik den nüchternen, berichtenden Ton, der sehr eng nicht nur auf Erinnerungen, sondern vor allem auch auf Zeitzeugnisse zurückgreift, recht gut.
Tatsächlich ist aber die Geschichte, die Alexander Münninghoff erzählt, und die seine eigene und die seiner Eltern und Großeltern ist, derart unglaublich, abwechslungsreich, spannend, überraschend und schillernd, dass sie mit all ihren Absurditäten und tragischen Wendungen, mit all ihrem unkonventionellen und manchmal zwielichtigen Personal wie eine fiktive Geschichte erscheint. Und auch deren Unterhaltungswert besitzt. In den Niederlanden wird daraus gerade eine Fernsehserie produziert.
Die Erzählung beginnt mit dem Großvater Joan, einem streng katholischen Niederländer, der Ende des ersten Weltkriegs zunächst in Dänemark sein Glück mit Obst- und Gemüsehandel versuchte. Auch nicht ganz saubere Geschäftspraktiken nicht scheuend, hatte er reichlich Erfolg und investierte in ein Handelsschiff, das seine Waren bis nach Riga brachte. Hier in Lettland ließ er sich nieder und gründete bald ein wahres Wirtschaftsimperium mit verschiedenen Fabriken, Handelsschiffen, einer eigenen Bank und einer Handelsgesellschaft. Dies gelang auch dank guter Beziehungen zum Ministerpräsidenten Ulmanis, dessen Gunst sich der diplomatisch geschickte Joan regelrecht erkaufte. Im Laufe der Jahre wurde er zu einem der reichsten Bewohner Lettlands. Dabei blieb er im Herzen aber immer Holländer, auch nach seiner Heirat mit einer mondänen russischen Gräfin. Auf dem Landgut Von Lomani trafen sich bald die bessergestellten Balten, die Jeunesse Dorée, und führten ein Leben im Luxus und in Ausschweifungen. Die Familiensage lautet, dass die auf die Kinder Titty und Frans folgenden Zwillinge Xeno und Jimmy in einer Festnacht von zwei verschiedenen Vätern gezeugt wurden.
Der zweitälteste Sohn, Frans, Alexander Münninghoffs späterer Vater, wurde wie seine Schwester Titty bereits mit zwölf Jahren auf ein katholisches Internat in den fernen Niederlanden geschickt. Ein kleiner Holländer sollte aus ihm werden. Dabei fühlte er sich so wohl in seinem baltischen Luxusleben, fühlte sich strikt als Deutschbalte und entwickelte einen regelrechten Hass auf die Niederlande. Ein Grund, weswegen er sich, nachdem die Familie sich 1939 kurz vor Kriegsanbruch gen Westen absetzte, von dieser abwandte und sich so bald als möglich der deutschen Waffen-SS anschloss. Für seinen Vater Joan, der zwar nicht davor zurückschreckte, mit den neuen Herren während der Besatzung seine Geschäfte zu machen, diese aber innerlich zutiefst verabscheute, war das ein Unding. Es kam zum Bruch mit Frans.
Frans heiratete die schöne Wera, deren Mutter eine großbürgerliche Russin und deren Vater ein deutschbaltischer Ingenieur war. 1944 wird Alexander auf der Flucht vor den bereits heranrückenden russischen Truppen in Posen geboren. Von Großvater Joan wird er wegen seines Streits mit Frans sogleich zum „Stammhalter“ gekürt. Eine zweifelhafte Ehre, vor allem, da die Vaterfamilie Mutter Wera heftig ablehnt, nach deren Trennung vom Vater, ihr den Sohn sogar entzieht. Einen Großteil seines Lebens wird Alexander keinen Kontakt zur Mutter haben und schließlich auch zu folgendem Schluss kommen:
"Was ich damals nur gefühlsmäßig erfasste, sehe ich heute, während ich dies schreibe, endlich klar: Ich hatte einen Vater, der sich nicht für mich interessierte, der ganz von der Idee besessen war, einmal reicher zu werden, als der Alte Herr – erst dann würde er glücklich sein können."
Eine traurige, eine einsame Kindheit, hin und her gestoßen in einer Familie, in der jeder in erster Linie mit sich selbst beschäftigt ist. Dabei schreibt Alexander Münninghoff davon ganz unaufgeregt, ja beinahe sachlich. Das ist ungemein interessant, spannend und unterhaltsam.
Bei einer Sache habe ich mich aber nicht ganz wohlgefühlt. Sicher ist es einfach als Nachgeborener die „Moralkeule“ auszupacken. Abrechnungsbücher mit der Vätergeneration konnte man in den Siebziger- und Achtzigerjahren zuhauf lesen. Dennoch: Die Mitgliedschaft in der Waffen-SS wird mir hier zu unkritisch gesehen, niemals wirklich beleuchtet, ja, als Trotzreaktion gegen den übermächtigen Vater mehr oder weniger entschuldigt. Von einem Kriegskameraden seines Vaters lässt sich der Autor leicht beruhigen.
„Auch charakterlich halte ich ihn keiner Untaten für fähig. Dafür hat er beispielsweise viel zu viel Humor, so seltsam das vielleicht klingen mag. Natürlich hat er Menschen getötet. Dutzende, vielleicht sogar mehr als hundert, glaube ich. Der von ihm geführte Trupp hatte sich einen beachtlichen Ruf erworben, und er hatte damals, 1943, schon das Eiserne Kreuz. Aber das macht ihn doch nicht zum Kriegsverbrecher. Er liebte auf eine jungenhafte Art das Kämpfen, und er war gut darin.“
Auch die Geschäfte, die der Großvater auf dem Rücken vertriebener oder deportierter Juden machte, werden eher als clevere Geschäftspraktiken geschildert denn als die Ungeheuerlichkeiten, die sie waren.
Dabei erlaubt sich der Autor im persönlichen Bereich, sei es bei der Egozentrik der Eltern, dem Desinteresse des Vaters oder der mangelnden Durchsetzungskraft der Mutter durchaus deutlich kritischere Töne. Die Nähe zu den Nationalsozialisten hingegen wird den Familienmitgliedern vergeben, ja sogar der ganze (baltische) Adel herangezogen zum Bollwerk gegen die
„offensichtlichen Unzulänglichkeiten eines „Führers“ aus kleinbürgerlichem Milieu, der in seiner Beschränktheit den gesamten Russlandfeldzug verpfuscht habe, statt auf seine fähigen deutschbaltischen Generäle zu hören, und dessen Hang zu leerem Pathos und rücksichtsloser Gewalt, typisch für Menschen seines Schlags, letztlich Millionen das Leben gekostet habe.“
Wohlgemerkt keine Aussage des Autors, sondern ein Kamingespräch, das, wie vieles andere, aber völlig unkommentiert so stehen bleibt. So auch des Vaters Schilderung:
„Aber jetzt war es anders: Wir hatten Stalingrad verdauen müssen und waren auf dem Rückzug. Die Moral war schlecht, und wir waren nervös und gereizt. Das hatte Folgen für die russischen Gefangenen. In einer Rauchpause hörte ich von einem baltischen Bekannten, dass die Gefangenen nach dem Verhör in Zwanzigergruppen auf Lastwagen verladen und am Rand von Tscherkassy vor einer Grube abgeknallt würden.“
Solche Passagen bereiten mir Bauchschmerzen. Gerade bei einem solchen nüchtern erzählten Buch wünschte ich mir da mehr kritische Stellungnahme.
Dennoch: Wie der Autor von seiner alles andere als gewöhnlichen Familie, ihren Exaltiertheiten, der gnadenlos pragmatischen Geschäftstüchtigkeit des Großvaters, der Verletztheit des Vaters, der immer nur in Konkurrenz zum "Alten" stand und darüber hinaus kaum Liebesfähigkeit und gesundes Selbstvertrauen entwickeln konnte, was dann wieder Sohn Alexander durch Gefühlskälte und Gleichgültigkeit zu spüren bekam - das alles ist beeindurckend offen und schonungslos geschildert und macht den Stammhalter zu einem hochinteressanten, lesenswerten und nicht zuletzt unterhaltsamen Buch, das zudem noch viel Zeit- und Milieukolorit verbreitet.

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Das weibliche Prinzip

Meg Wolitzer , Henning Ahrens
Fester Einband: 496 Seiten
Erschienen bei DuMont Buchverlag , 24.07.2018
ISBN 9783832198985
Genre: Romane

Rezension:

„#Metoo“, „Womans March“, „Power to the polls“, „Get her elected“ – es scheint als erlebe der Feminismus nach einer Zeit, in der sich erstaunlicherweise gerade viele junge Frauen demonstrativ davon distanzierten, meinten, seine Ziele seien doch weitgehend erreicht, wieder neuen Schwung. Gerade in Amerika, wo mittlerweile ein expliziter Frauenverächter an der Macht sitzt, regt sich Gegenwehr. Hier spürt man vielleicht besonders deutlich, dass sich in den Denk- und Verhaltensmustern der Geschlechter doch gar nicht so grundlegend etwas verändert hat wie man gemeinhin glaubte.
Zeit also auch für feministische Romane.
Nun kann man davon ausgehen, dass die amerikanische Autorin Meg Wolitzer schon vor 2017 mit ihrem Roman „The female persuasion“, auf Deutsch unlängst unter dem Titel „Das weibliche Prinzip“ erschienen, begonnen hatte. Wolitzer ist schon immer an feministischen Themen interessiert gewesen. Ihr Essay „The second shelf“ von 2012, das die Zweitrangigkeit der literarischen Werken von Autorinnen auf dem Buchmarkt beklagt, erhielt große Aufmerksamkeit. Vor den aktuellen Debatten konnte viel häufiger passieren, was die Protagonistin befürchtet.
„Sie musste aufpassen, denn wenn sie zu lange über Frauenfeindlichkeit redete, würden die Köpfe auf die Brust sinken und das ganze Publikum würde anfangen zu schnarchen.“
„Das weibliche Prinzip“ ist also nicht unbedingt ein Buch zur aktuellen Debatte, aber eines, das perfekt in die Zeit passt. Oder passen würde. Wenn es nämlich tatsächlich ein Buch über/zum Feminismus wäre. Und nicht nur ein Buch, das eine Protagonistin hat, die an eine bekannte Feministin (Gloria Steinem) angelehnt ist, und eine, die für diese arbeitet. Also eigentlich ziemlich beliebig ist.
Meg Wolitzer wollte mit „Das weibliche Prinzip“ einen „feministischen Generationenroman“ schreiben. Und mit etwas Wohlwollen ist ihr das durchaus gelungen. Denn um verschiedene Frauengenerationen geht es, um die Pionierinnen, die heute in den Siebzigern sind, um die mittlere Generation und um die ganz Jungen, die Zwanzigjährigen. Wir kennen diese Generationsfolgen mit ihren Konflikten meist in Form von Familienromanen, in denen die Frauen aufeinanderfolgen, voneinander lernen, sich gegenseitig unterstützen, sich auch gerne mal das Leben schwer machen. Großmutter-Mutter-Tochter-Konflikte, man kennt das. Um was es in solchen Romanen selten geht, soll hier bei Meg Wolitzer mit im Zentrum stehen, nämlich Macht und Einfluss(nahme). Ein eher männlich besetztes Themengebiet, seit dem Ödipus-Mythos unzählige Male literarisch bearbeitet. Aber Macht und Einfluss bei Frauen? Konkurrenz und Verdrängung jenseits des stereotypen Zickenkriegs? Allianzen und Netzwerke? Gibt es, aber doch deutlich seltener.
Im „weiblichen Prinzip“ ist es die junge Studentin Greer Kadetsky, die für die von ihr sehr verehrte Feministin und Publizistin Faith Frank arbeitet. Die beiden lernen sich 2006 an Greers College kennen. Wenn der Roman 2019 endet, wird bereits eine neue Generation junger Frauen auf den Plan treten, die feministische Ikonen, wie Faith Frank eine für Greer und ihre Freundin Zee noch war, ablehnen und dem Feminismus generell kritischer gegenüberstehen.
Diese Entwicklung ist nun tatsächlich nichts Neues. Überhaupt sagt uns das Buch leider nichts Neues, kein einziger origineller Gedanke, keine Überraschung, keine neuen Denkansätze. Dafür eine routiniert geschriebene Geschichte, professionell erzählt, aber auch ziemlich blutleer und konventionell.
Greer stammt aus einer recht lieblosen Familie. Die Eltern, Späthippies in den Achtzigerjahren, die genug mit sich selbst zu tun hatten, kümmerten sich nie wirklich um Greer, gaben ihr keinerlei Nestwärme. Cory, der Nachbarsjunge, der sehr bald zu Greers bestem Freund, später Liebhaber und nach einer längeren Auszeit – ich wage es, zu spoilern, ist diese Entwicklung doch leider sowieso viel zu vorhersehbar – Ehemann wird, hat rührend bemühte Eltern, die sich für ihre Kinder nahezu zerreißen (ihre lateinamerikanischen Wurzeln sind sicher nicht zufällig von Wolitzer gewählt). Man sieht schon an dieser kleinen Konstellation, woran das Buch meiner Meinung nach krankt – es ist einfach überkonstruiert. Jeder der Figuren kommt eine explizite Rolle zu, aus der sie niemals ausbricht. Überraschende Entwicklungen kommen nicht vor. Dabei ist Meg Wolitzer aber eine zu versierte Erzählerin, um die Charaktere eindimensional anzulegen. Sie haben durchaus ihre Widersprüche, aber alle im vorhersehbaren Rahmen.
So verschusselt Greers Vater die Anmeldung seiner Tochter im renommierten Yale und sie muss sich mit dem mittelmäßigen Ryland College begnügen. Corys Eltern ermöglichen ihrem Sohn natürlich ein Studium in Princeton. Die Schilderung der verschiedenen Studienalltage und ihres weiteren Werdegangs (Greer und Cory erhalten jeweils eigene personale Erzählstimmen), der Träume, Hoffnungen, Lebensentwürfe und Enttäuschungen der beiden jungen Leute nimmt einen Großteil des Buches ein. Wir kennen das von Wolitzers sehr erfolgreichem, und meines Erachtens deutlich gelungenerem Roman um eine Freundesclique, „Die Interessanten“.
Der einzige überraschende Moment im Buch, die einzige Entwicklung, die mich wirklich hätte fesseln können, geschieht kurz vor der Romanmitte und ich fand es wirklich enttäuschend, dass Wolitzer sie wiederum nur als Moment für ihre weitere Erzählkonstruktion verwendet hat. (Achtung Spoiler!)
Es geschieht nämlich ein denkbar schreckliches Unglück. Corys Mutter überrollt den kleinen Bruder beim Zurücksetzen in der Garageneinfahrt beim Spielen. Der Kleine stirbt, der Vater verlässt die Familie, weil er der Mutter nicht verzeihen kann, diese wird schwer krank. Eine Situation, die unvorstellbar ist, und von daher wert, sie zu erzählen. Wolitzer beschränkt sich aber darauf, sie als Anlass dafür zu nehmen, dass Cory seinen aussichtsreichen Job als Trader in Manila hinwirft, um seine Mutter zu pflegen. Auch hier ist mir die Konstruktion zu laut. Cory fungiert hier als der „weiblichste“ aller Protagonisten, ist doch sein Weg, die Karriere ruhen zu lassen, um Angehörige zu pflegen üblicherweise Frauensache. Natürlich versackt Cory in seinem „Nichtstun“, natürlich kommt es zum Bruch mit der mittlerweile in einer von Faith Frank geleiteten feministischen Stiftung sehr erfolgreichen Greer. Diese ist auch vor einem Verrat an ihrer besten Freundin Zee nicht zurückgeschreckt, um sich diesen Platz an der Sonne zu verschaffen. Nun beschäftigt sie sich mit #sandwichhäppchenfeminismus und organisiert „Kitschkongresse“: zahlungskräftigen Damen werden bei ansprechendem Begleitprogramm nebst Maniküre und Wahrsagerin feministische Themen und Projekte für benachteiligte Frauen unterbreitet. Milliardenschwerer Sponsor ist ein alter Verehrer Faiths. Als es um ein Projekt in Ecuador zu Unregelmäßigkeiten kommt, die Faith deckt, wirft Greer ihr Verrat an der Sache vor und es kommt zum Bruch zwischen den beiden Frauen. Ein typischer Generationenkonflikt.
Greer wird ihre Zukunft als erfolgreiche Buchautorin finden, die anderen Aspekte des dick aufgetragenen Happy-Ends sind mir zu peinlich, um sie hier näher zu schildern. Kaum ein befürchtetes Klischee wird ausgelassen. Das macht das Buch so versöhnlich, freundlich, warmherzig und angenehm zu lesen. Und das ist genau der Grund, warum es dann vielleicht auf dem „second shelf“ landen wird, und das nicht einmal zu Unrecht.
Der Roman fließt dahin, ist durchaus komplex und durchdacht, aber ohne irgendeine neue Erkenntnis, ohne auch nur das kleinste bisschen weh zu tun (wenn es beim Tod von Corys Bruder einen Anlauf dazu nimmt, biegt die Autorin schnell ab). Da ist keinerlei Wut oder Furor oder Utopie oder Erschütterung. Im Endeffekt ist es viel harmloser als die Wirklichkeit. Und das ist einem wichtigen Thema wie dem Feminismus, der hier nur Staffage ist, nicht angemessen. Gerade nicht in einer Zeit, die Wolitzer nicht zu Unrecht „das große Grauen“ nennt. Da braucht es andere Bücher. Zumindest, wenn sie sich für die Sache des Feminismus einsetzen wollen und nicht doch nur nette, gut lesbare Unterhaltungslektüre sein. Vielleicht hat die Autorin das selbst erkannt.
„Ihr Buch, das sich redlich bemühte, das ermutigte und anspornte, war, wie Greer wusste, keineswegs originell oder brillant; es war definitiv eine unvollkommene Plattform. Und Greer war keine Leitwölfin. Das würde sie nie sein.“
Schade, dass das für Meg Wolitzer und „Das weibliche Prinzip“ auch zu gelten scheint.

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Kesseltreiben

Dominique Manotti , Iris Konopik
Fester Einband: 320 Seiten
Erschienen bei Argument Verlag mit Ariadne, 22.05.2018
ISBN 9783867542319
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Die 75 jährige Dominique Manotti ist die „Grande Dame“ unter den französischen KriminalautorInnen und neben Fred Vargas auch hierzulande die bekannteste. Seit 1995 veröffentlicht die promovierte Historikerin Marie-Noëlle Thibault unter ihrem Pseudonym politisch engagierte und sozialkritische Romane, die auch vielfach ausgezeichnet wurden. Mit französischem Flair und Charme á la Bruno, Chef de police haben sie rein gar nichts gemeinsam. Manotti schreibt gnadenlos realistisch, ihr Thema sind die dunklen Seiten der Gesellschaft, das Machtgeflecht aus Politik, Geheimdiensten und den Eliten der französischen Industrie und Wirtschaft. Dominique Manotti steht den französischen Linken nahe, war Gewerkschafterin – und ist wütend. Wütend darüber, wie sich die Eliten immer wieder die eigenen Taschen füllen, Politiker zum eigenen Machterhalt jede unheilige Allianz eingehen, die Geheimdienste ihr eigenes Spiel spielen, und niemals zum Wohle des Volkes. Oft sind reale Vorgänge, sei es aus der Welt der illegalen Migranten, der „Sans Papiers“, sei es in der Welt der Hochfinanz oder einträglicher Wirtschaftszweige, wie dem Erdölgeschäft, Inspiration für Manottis Texte.
Auch für ihren neuen Roman „Kesseltreiben“ stand ein solcher Vorgang Pate. Wie eng und realistisch die Autorin die Umstände und Machenschaften beschreibt, verdeutlicht der ausdrückliche Hinweis, den sie dem Buch aus rechtlichen Gründen voranschicken musste.
„Dieser Roman ist frei (sehr frei) inspiriert von der „Alstom-Affäre“, der Übernahme des französischen Unternehmens Alstom Énergie durch den amerikanischen Konzern General Electric 2013-2015“
Wer Dominique Manotti kennt und die zahlreichen Links des Verlags zur Affäre verfolgt, weiß, dass alles wohl fast genauso wie geschildert abgelaufen ist. Und das ist tatsächlich atemberaubend.
Zur Erinnerung: Alstom Énergie, das im Roman nur halbwegs verschlüsselt als Orstam auftaucht, war einer der bedeutendsten französischen Hersteller von Kraftwerken und Turbinen, ein Energieriese mit großer nationaler Bedeutung. Bis 2006 war der französische Staat größter Anteilseigner. 2015 übernahm unter dubiosen Umständen unter nur mangelhafter Gegenwehr der französischen Regierung der amerikanische Energiekonzern General Electrics das Unternehmen.
Um die Aufdeckung dieser dubiosen Praktiken und skrupellosen Machenschaften, die leider in der globalen Konzernwelt wohl so ganz ungewöhnlich nicht sind, dreht sich Manottis neuester Wirtschaftsthriller.
Die schwer entwirrbaren Zusammenhänge rund um in das französische Unternehmen eingeschleuste CIA-Agenten, den Firmen-Email-Verkehr abfangende NSA-Behörden, geschäftsschädigende Gerüchte streuende amerikanische Hausbanken, untätige Inlandsgeheimdienste und dienstwillige französische Manager in Verbindung mit einer zögerlichen, um die transatlantischen Beziehungen bangende französische Regierung werden auch dem ahnungslosen Leser nachvollziehbar unterbreitet. Manotti bedient sich dabei eines klugen Tricks, indem sie ihre aus zwei weiteren Krimis bekannte Ermittlerin Noria Ghozali als absoluten Neuling in der Abteilung Wirtschaftskriminalität anfangen lässt. Dorthin ist sie strafversetzt worden, weil einer ihrer Brüder, zu dem sie wie zu ihrer ganzen Familie jahrelang keinen Kontakt hatte, sich dem IS angeschlossen hat. Norias algerische Wurzeln waren erneut, wie ihr weibliches Geschlecht, Grund für Diskriminierungen, wie sie in der französischen Gesellschaft und ihrem Mikrokosmos Polizeibehörde, gang und gäbe sind. Zur Seite gestellt sind Noria zum Glück zwei äußerst fähige und sympathische junge Kollegen. Die Sympathie Manottis gehört eindeutig den Polizeibeamten, die sich tagtäglich durch die gesellschaftlichen Abgründe hindurcharbeiten müssen. Hier verfolgen wir die zähen Ermittlungen rund um die Verhaftung eines führenden Angestellten der Orstam am Flughafen New Yorks durch das amerikanische FBI. Zwar waren Reisewarnungen an Orstam-Mitarbeiter ergangen, da in den USA wegen vermeintlicher Unregelmäßigkeiten gegen das Unternehmen ermittelt wird, aber François Lamblin hat von der Rechtsabteilung trotz seiner Bedenken grünes Licht für die Geschäftsreise bekommen. Eine absichtliche Falle? Ist die Rechtsabteilung unterwandert? Und woher kommen plötzlich die Lamblin belastenden Fotos von einer Geschäftsparty in den USA mit reichlich Koks und minderjährigen Prostituierten? Und welche Rolle spielt hier Geldwäsche? Spätestens als ein Informant ums Leben kommt, schrillen alle Alarmglocken. Aber die Unterstützung von Lamblin durch Orstam lässt zu wünschen übrig. Und auch französische Regierung und Geheimdienst halten sich auffallend zurück.
Glänzend recherchiert, immer plausibel und in ihrer bekannt klaren, schnörkellosen und schnellen Prosa erzählt Dominique Manotti von diesem unglaublichen Fall, der zumindest bei mir gar nicht so präsent war. Zu schnell gehen in der heutigen Zeit solche skrupellosen Geschäfte wieder in Vergessenheit und lassen die Drahtzieher meist unbehelligt oder sogar noch profitieren.
General Electric hat der unsaubere Coup zumindest nicht viel genutzt. Erst unlängst ist das auf Thomas Edison zurückgehende Unternehmen, das seit 1907 ununterbrochen im Dow Jones vertreten war, rausgeflogen. Die Geschäftsbilanz ist wohl zu schlecht.
Das in der Regel aber die „Großen“ das Spiel gewinnen, daran lässt Manotti keine Zweifel. Wie Kollege Theo Daquin, bekannt aus einigen anderen Romanen der Autorin, der hier in „Kesseltreiben“ amüsanterweise einen Gastauftritt hat, resigniert auch Noria Ghozali. Sie wirft das Handtuch und sucht im filmgeschäft ein neues Betätigungsfeld.
Uns Lesern zeigt Dominique Manotti nicht nur die dunklen Abseiten der Global-Player. Sie ermutigt auch Europa, sich gegen die amerikanischen Geschäftspraktiken zu wehren, mehr innereuropäische Solidarität zu zeigen. Besser sind die Verhältnisse seit 2015 sicher nicht geworden.

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Die Tagesordnung

Éric Vuillard , Nicola Denis
Fester Einband: 160 Seiten
Erschienen bei Matthes & Seitz Berlin, 28.03.2018
ISBN 9783957575760
Genre: Romane

Rezension:

2017 erhielt Éric Vuillard für sein schmales „L´ordre du jour“ den begehrten Prix Goncourt. Im Original trägt es die Gattungsbezeichnung „récit“, was nur etwas unzureichend mit „kurze Erzählung“ übersetzt werden kann, denn bei einer „Erzählung“ geht man in der Regel von einer fiktiven Geschichte aus. Aber: „On appelle récit tout texte racontant une histoire (un enchaînement d'événements) qu'elle soit fictive ou réelle.“ Also ein etwas weiter ausgelegter Begriff für „Erzählung“. Dennoch eher eine überraschende Entscheidung, werden doch für den „Goncourt“ meist episch breitere fiktionale Werke ausgewählt. Und hier nun das knapp über 100 Seiten starke doku-fiktionale Werk, das sich zudem noch mit deutscher Geschichte beschäftigt.
Nach dem großen, wenn auch nicht ganz unumstrittenen Erfolg in Frankreich erschien der Text nun auf Deutsch und hat auch hier ganz unterschiedliche Reaktionen ausgelöst. Neben großer Begeisterung wurden auch Stimmen laut, die das Buch „ärgerlich“ fanden, ja sogar die Frage stellten, ob man das Erzählte denn wirklich so erzählen darf, wie es Vuillard tut.
Das hat natürlich mit dem Sujet des Textes zu tun. Éric Vuillard erzählt als nachgeborener Franzose (Jahrgang 1968) von der Vorgeschichte des Zweiten Weltkriegs, von der Machtergreifung durch die Nazis und den vielen kleinen Rädchen, die ineinandergriffen und schließlich zu der großen Katastrophe des 20. Jahrhunderts führten. Und er erzählt davon weder rein faktengetreu berichtend noch anhand von (fiktiven) Einzelschicksalen exemplarisch-empathisch, sondern er vermischt. Am ehesten ähnelt sein Verfahren (man nennt es mittlerweile bereits die Methode Vuillard, da er sie bereits in seinen vorhergehenden Texten angewandt hat) dem, was man in bestimmten TV-Formaten an Geschichte vermittelt bekommt (z.B. ZDF-History). (Zeit)historische Ereignisse werden an realen Personen und charakteristischen Momenten „erlebbar“ gemacht. Kondensierte Geschichte. Autor und Leser rücken ganz nah an die Ereignisse, spielen das berühmte „Mäuschen“ in prägnanten historischen Situationen. Und tatsächlich ist Éric Vuillard auch Filmemacher, ist sein Erzählen dadurch erkennbar geprägt.
Seine „Erzählung“ beginnt am 20. Februar 1933. Die Machtübergabe an Adolf Hitler durch Reichspräsident Paul von Hindenburg am 30. Januar 1933 liegt gerade drei Wochen zurück, die sie rechtfertigen sollende Reichstagswahl steht am 5. März unmittelbar bevor. Die NSDAP sucht Geldgeber, um den „Wahlkampf“ noch einmal zu intensivieren.
Im Palais des Reichtagspräsidenten treffen sich zu diesem Zweck am Abend des 20. Februar vierundzwanzig führende Männer aus Wirtschaft und Hochfinanz in aller Heimlichkeit. Gastgeber und Strippenzieher ist Adolf Hitler. Auf 13 Seiten wohnen wir als Leser bei Vuillard diesem Ballett der Eitelkeiten, Selbstgewissheiten und Überheblichkeiten bei. Einem Ballett, das lediglich das Präludium für ein entsetzliches Stück war, das die Herren meinten, dirigieren zu können, jene vierundzwanzig „Biedermänner“, die am Ende dort reglos verharren „wie vierundzwanzig Rechenmaschinen an den Toren zur Hölle“.
Éric Vuillard erklärt der Legende von der „Stunde Null“, des moralischen Neuanfangs nach dem Krieg, eine eindeutige Absage. Es sind die gleichen Größen der Wirtschaft, die auch heute noch das Sagen haben. Gustav Krupp, Wilhelm von Opel, Günther Quandt, Friedrich Flick, Hugo Stinnes und Ernst Tengelmann – ihre Firmen haben Drittes Reich und Krieg nahezu unbeschadet überstanden. Eine Strafverfolgung für ihre Aktivität zwischen 1933 und 1945 blieb nahezu aus.
Sicher, ein wenig Arroganz der Nachgeborenen, ein wenig Besserwisserei liegt in diesem Erzählansatz. Zumal der Autor nicht mit Spott, Häme, Sarkasmus und auch dem ein oder anderen nicht ganz gelungenen Witzchen auf die damaligen Ereignisse zurückschaut. Einige Kritiker warfen ihm auch seine moralische Empörung vor.
Sicher hatten die damals Handelnden nicht unsere Einsicht in die Entwicklungen. Aber auch mit dem heutigen Wissen muss man wertend auf die damalige Zeit blicken dürfen. Zumal es Éric Vuillard um die Alternativen geht, um die Handlungsspielräume, die es auch in vermeintlich „alternativlosen“ Situationen (wir begegnen dieser Vokabel gerade heute wieder viel zu häufig) gegeben hätte. Alternative Geschichte und, auch im Hinblick auf die Gegenwart, Frühwarnzeichen, die man hätte erkennen und entsprechen hätte handeln können.
Das Geheimtreffen vom Februar 1933 ist eine der geschilderten Episoden. Eine andere ist dem Besuch von Lord Halifax, dem damaligen Lord President of the Council und späteren britischen Außenminister, mit Chamberlain vehementestem Verfechter der Appeasement-Politik, 1937 in Deutschland gewidmet. Auch er, Gast von Hermann Göring und vermeintlich gefangen in seiner britischen Höflichkeit, gibt hier einerseits ein recht lächerliches Bild ab, andererseits wird auch seine teilweise recht positive Haltung gegenüber dem deutschen Regime deutlich.
„Nationalismus und Rassismus sind starke Kräfte, die ich jedoch weder als widernatürlich noch als unmoralisch erachte!“
so Halifax in einem Brief über das Treffen an Premierminister Stanley Baldwin.
Den umfangreichsten Teil des Buches widmet Vuillard dem „Anschluss“ Österreichs ans Deutsche Reich im Jahr 1938. Sowohl dem Treffen mit Kurt Schuschnigg im Februar in Berchtesgaden, bei dem er den österreichischen Kanzler erwartungsgemäß schlecht aussehen lässt, als auch den Ereignissen am Tage des Einmarsches (12. März), die in einem gigantischen Panzerstau an der Grenze mündeten, während das erwartungsvolle Volk an den Straßen Stunde um Stunde warten musste, widmet der Autor seine Aufmerksamkeit. Wie beim Abschiedsessen des bisherigen Londoner Botschafters Joachim von Ribbentrops, der zum Außenminister des Reichs ernannt wurde, spart Vuillard in diesen Nacherzählungen der Ereignisse nicht an beißendem Sarkasmus und Häme, ja sogar an slapstickartigen Momenten, was ihm einige Kritiker übel genommen haben. Aber gerade dieses Abrücken von gewohnten Sehweisen, von unzählige Male geschilderten Episoden der Geschichte, meist nur ein winziges Stückchen, das Zoomen auf skurrile Nebensächlichkeiten, auf Fußnoten der Ereignisse, machen das Unkonventionelle von Vuillards Geschichtserzählung aus. Der etwas andere Blick, brillant, prägnant und zugespitzt, eröffnet eine neue Sicht.
Dem Autor geht es sichtlich auch um eine Entmythologisierung der nationalsozialistischen Herrschaft. Ein anderer Weg der Geschichte wäre durchaus möglich gewesen. Aber:
„Die größten Katastrophen kommen oft auf leisen Sohlen.“
und
„Was an diesem Krieg verblüfft, ist der unerhörte Erfolg der Frechheit, der uns eines lehren sollte: Die Welt gehorcht dem Bluff. Selbst die seriöseste, steifste Welt, selbst die alte Ordnung, die sich niemals dem Anspruch der Gerechtigkeit beugt oder vor dem aufständischen Volk einknickt: Sie tut es vor dem Bluff.“
Große, geräuschvolle Inszenierungen, sogar für den ausländischen Geheimdienst gefakte Telefonate, die Propagandamaschine der NSDAP lief stets auf Hochtouren. Bis heute prägen die Bilder der Wochenschauen unseren Blick auf die Zeit und stehen den Panoramen der großen Illusionsfabrik Hollywood in nichts nach.
Éric Vuillard hält diesen ablaufenden Film für prägnante „Stills“ an, zoomt hinein, hält sich an dekorativen Details fest und öffnet gerade dadurch den Blick für das Ganze. Er malt aus, ergänzt essayistisch, kommentiert, ätzt. Sicher, auch ich zucke zusammen, wenn er die Teilnehmer der Münchner Konferenz 1938, die die Tschechoslowakei „verhökerten“, als „Butzemänner“ bezeichnet. Wenn er von den Wiener Gaswerken erzählt, die kurzerhand ihren jüdischen Kunden das Gas abgestellt haben, nachdem deren Verbrauch kurz vor dem Anschluss dramatisch angestiegen war.
Aber Éric Vuillard will die Irritation, die historische Verunsicherung. Er will deutlich machen, eine andere Geschichte wäre möglich gewesen. Ja, er will auch ein Lehrstück abliefern, eine Warnung an uns heute.
„Die größten Katastrophen kommen oft auf leisen Sohlen.“
Das mag man anmaßend nennen. Ich finde es notwendig, erhellend, sprachlich brillant.

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Das Leben des Vernon Subutex 2

Virginie Despentes , Claudia Steinitz
Fester Einband: 400 Seiten
Erschienen bei Kiepenheuer & Witsch, 15.02.2018
ISBN 9783462050981
Genre: Romane

Rezension:

Er nennt sich Vernon Subutex – nach jenem starken Schmerzmittel, das auch zur Behandlung von Drogenentzugserscheinungen oder – missbräuchlich – als Ersatzdroge verwendet wird, und das in Frankreich, wo es deutlich leichter zu beziehen ist, jeder kennt.
Drogen spielen auch im Roman von Virginie Despentes um „Das Leben des Vernon Subutex“ eine große Rolle. Und kaum eine Besprechung des Romans kommt ohne eine ausgiebige  Beschreibung des außergewöhnlichen Vorlebens seiner Autorin daher.
Mit 17 wurde Despentes als Tramperin brutal vergewaltigt, war Mitglied einer Punkband, arbeitete als Schallplattenverkäuferin und zeitweise als Prostituierte und war einst unterwegs in jener Subkultur, aus der auch zahlreiche ihrer Romanfiguren stammen. Bereits mit ihrem Debütroman „Baise-moi“, der 1993 erschien, war sie sehr erfolgreich, aber auch skandalumwittert: Die Gewalt- und Sexorgie, die als Rachefantasie an Männern und Gesellschaft gelesen werden kann, löste viele Diskussionen aus, ihre Verfilmung 2000 durch die Autorin selbst, durfte in Frankreich nur in expliziten Pornokinos gezeigt werden.
Die LeserIn ist also gewarnt, allzu zimperlich darf man beim Lesen wohl nicht sein. Beinahe hätte mich das alles von der Lektüre dieses wirklich großartigen Werks abgehalten. Zum Glück gab es einige dringliche Empfehlungen, besonders auch die lebhafte und spannende Vorstellung der Romane durch die deutsche Lektorin von Despentes, Viola Hefer, auf der diesjährigen LitBlog Convention gab dann den Ausschlag, mich an die beiden bisher erschienenen Romane heranzuwagen.
Der Beginn ist bereits ein Abschied.
„Das Leben ist oft ein Spiel in zwei Sätzen: Im ersten schläfert es dich ein und lässt dich glauben, dass du führst, und im zweiten, wenn du entspannt und wehrlos bist, serviert es dir seine Schmetterbälle und macht dich alle.“
Vernon Subutex, einst erfolgreicher Plattenhändler im „Revolver“, den „tout Paris“, oder zumindest alle Rock- und Pop-Begeisterten der näheren und weiteren Umgebung kannten, Liebling der Frauen, von denen keine ihn lange halten konnte, Drogen, Alkohol und Partys alles andere als abgeneigt, ein Sunnyboy mit wenig Neigung zu einer allzu bürgerlichen Existenz und doch in vermeintlich gesicherten Verhältnissen lebend, steht vor einem persönlichen Abgrund. Im Zuge der lange Zeit nicht wirklich ernstgenommenen Veränderungen durch die Digitalisierung im Musikbusiness musste auch Vernons Laden eines Tages dichtmachen. Immer weniger Vinylscheiben gingen über den Ladentisch, in CDs zu investieren, kam nicht in Frage und das aufkommende Internet tat sein Übriges. Zunächst kam Vernon mit dem Verkauf seiner Restbestände und eigener Sammelstücke über ebay gut zurande. Gelegenheitsjobs und schließlich der Gang zum Jobcenter waren weitere Stationen. Aber nun kommt es knüppeldick. Nicht nur wurden ihm das Arbeitslosengeld gestrichen und damit die letzte regelmäßige Zahlung. Vernon muss nicht nur von seinem bisherigen Lebensstil Abschied nehmen, sondern immer häufiger auch von alten Weggefährten. „Mit Bertrand fing es an. Krebs.“ Es folgten Jean-No, Pedro und jetzt Alex Bleach, erfolgreicher Popstar und Freund Vernons. In den letzten Monaten war er derjenige, der ihm die Miete zahlte. Nun ist er tot. Überdosis oder Selbstmord? Man weiß es nicht genau, aber fehlende Mietzahlungen bedeuten Zwangsräumung.
Zunächst nimmt es Subutex noch recht gelassen, seine Freundesliste ist lang und mit ein wenig Zuhilfenahme von Facebook, Whatsapp und Co. lassen sich immer wieder neue Schlafmöglichkeiten für ihn finden, ohne die Wahrheit seiner Obdachlosigkeit zu offenbaren. Und die beherbergenden Damen sind oft auch nicht abgeneigt…
So hüpft Vernon von Couch zu Couch und wir lernen eine ganze Reihe seiner alten Freunde kennen. Da sind zum Beispiel seine alten Kollegen von der Punkband „Nazi Whores“, alle wie Vernon mittlerweile auf die 50 zugehend. Emilie, die Bassistin, ist lange schon im Bürgerlichen angekommen, bekleidet eine Stelle im Öffentlichen Dienst und
" (…) ist pingelig geworden in Sachen Sauberkeit. Früher war ihr das total egal. Heute könnte sie wegen ein paar Krümeln unter dem Tisch oder Kalkspuren am Wasserhahn zur Mörderin werden."
Patrice, einst marxistischer Hell´s Angel, schlägt sich mit Gelegenheitsjobs durch und zuhause immer wieder auch seine Frau.
Xavier hatte als Drehbuchschreiber einen einzigen großen Erfolg und lebt seitdem mehr oder weniger vom Vermögen seiner Frau Marie-Ange. Er war schon immer „ein rechter Hund“, mittlerweile kann er seine Wut und Aggressionen auf Migranten und andere Randgruppen aber nur noch schwer beherrschen.
Da unterscheidet er sich kaum von Loïc und Noël, die, eine ganze Generation jünger, aber nicht weniger wütend, zur identitären Bewegung tendieren und Xavier, eher aus Versehen, fast totschlagen.
Sylvie, einst Geliebte von Alex, nun im gehobenen Bürgertum angekommen, ist Vernons Anwesenheit besonders zugetan und nimmt ihm sein Verschwinden nach einer heftigen Affäre besonders übel.
Kiko, koksender Trader, der im Geld zu schwimmen scheint, nimmt Subutex gerne in seinem Loft auf, wo dieser bei ausschweifenden Privatpartys als DJ auflegt. Als er sich aber an Kikos Freundin Marcia, die bildschöne brasilianische Transexuelle, heranmacht, fliegt er auch hier raus.
Irgendwann landet er dann endgültig auf der Straße.
Vorher treffen wir mit ihm noch eine schillernde Schar von Pornostars und –sternchen, eine Tätowiererin und einen sexistischen Filmproduzent, der wie eine Mischung aus Dominique Strauss-Kahn und Harvey Weinstein daherkommt und der für die sich noch entwickelnde „Krimi“handlung eine tragende Rolle spielen wird.
Jede Figur steht mal im Mittelpunkt einer der Episoden, aus denen „Vernon Subutex“ zusammengesetzt ist. Aus den dissonanten Stimmen entsteht so eine Art Sozialpanorama, das neben dem Hauptthema, dem sozialen Abstieg aus der Mittelschicht, der zurzeit ganz Europa, wenn nicht gar den ganzen Westen als omnipräsente Möglichkeit zu paralysieren scheint, eine ganze Reihe von anderen gesellschaftlichen Ängsten und Bedrohungen abbildet.
Virginie Despentes bemüht sich aber nicht um einen möglichst repräsentativen Bevölkerungsquerschnitt, (deswegen greift meiner Meinung auch der oft geäußerte Vergleich mit Balzacs breiten Gesellschaftsstudien nicht.) Despentes Personal gehört einer gewissen Pariser Subkultur an, die auch der Autorin vertraut ist. Jede Menge Sex, Drugs und Rock´n Roll, und auch wenn einige der Protagonisten mittlerweile im halbwegs Bürgerlichen angekommen sind, so wird doch immer noch unverhältnismäßig viel gekokst, finden immer noch jede Menge Orgien statt, sind die Personen viel zu schräg und schillernd, um repräsentativ zu sein. Das hat mich anfangs ein wenig gestört, aber bald merkt man, dass viele Probleme dieselben sind wie bei Herrn und Frau „Jedermann“.
Da sind die Enttäuschungen, die sich in der Lebensmitte breitmachen. Die in den 60er und 70er Jahren groß gewordenen stehen einer Welt gegenüber, deren Werte und Rituale ihnen zunehmend fremd werden.
„Dann begreift er, dass es keine Frage der Erziehung ist. In seiner Jugend erwartete man von den Kindern, dass sie soziale Wesen werden, fähig zur Anteilnahme. (…) Aber inzwischen gibt es Facebook und die Generation der Dreißigjährigen besteht aus egozentrischen Psychopathen an der Grenze zur Demenz. Brutaler Ehrgeiz, frei von jedem Gedanken an Legitimität.“
Wir hören den oft wütenden, manchmal resignierten Tiraden derer zu, die sich irgendwie, ein Modewort, „abgehängt“ fühlen. Das sind aber keineswegs nur diejenigen, denen das Alter im Nacken sitzt und die dem Scheitern ihrer Lebenspläne und –träume zusehen müssen. Das ist auf die eine oder andere Weise nahezu jeder. Und in vielleicht noch viel größerem Ausmaß jene jüngere Generation, denen, auch durch die neuen Medien, immer wieder vor Augen gehalten wird, wie ihr Leben aussehen könnte oder auszusehen hat. Denen von klein auf vorgegaukelt wird, ihnen stünde alles offen. Und die ihr Scheitern und ihren Frust dann gerne anderen in die Schuhe schieben möchten. Dazu taugen immer weniger die gesellschaftlichen Zwänge – die Botschaft in den Populär-Medien ist klar: Du kannst sein, wer immer du sein willst -, und immer weniger „die da oben“, die man wegen ihres Lebensstils bewundert, beneidet, aber auch nachstrebt. Andere Zielgruppen müssen her: Migranten, Asylanten, Homosexuelle, Juden, „Gutmenschen“ - man kennt die Zielgruppen ihres Hasses.
Die gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und sozialen Umwälzungen in der Gesellschaft Frankreichs – und natürlich nicht nur in Frankreich – sind enorm. Im Nachbarland sind die Auswirkungen davon vielleicht nur schon etwas früher und heftiger zu merken gewesen als bei uns. Und deshalb klingt sehr vertraut, was Sélim, den integrationswilligen Uniprofessor umtreibt:
„Er liebt dieses Land bis zum Wahnsinn. Die Schulen, die sauberen Straßen, das Eisenbahnnetz, die unmögliche Rechtschreibung, die Weinberge, die Philosophen, die Literatur und die Institutionen. Aber die Franzosen um ihn herum leben nicht mehr in dem Frankreich, das ihn so begeistert. Sie leiden. Man weiß nicht recht, was die Lieblingskinder Europas so quält. Vielleicht fehlt ihm hier wirklich ein Teil der kollektiven Erinnerung.“
Dieses Ungenügen, diese Unzufriedenheit mit einem im weltweiten Vergleich bestens funktionierenden Staat ist hier nicht anders als bei uns in Deutschland, in Großbritannien oder Dänemark. Und deshalb ist Vernon Subutex trotz allem typisch französischen Flair und viel Pariser Atmosphäre eben nicht nur ein Roman über Frankreich. Ängste sind vielleicht verständlich, aber es gilt, sie nicht auf die Falschen zu projizieren. Dass da einiges schief läuft, merken wir am Rechtsruck, der durch die ganze Welt zu gehen scheint. Und vor dem keine Gesellschaftsschicht gefeit zu sein scheint.
„Ihr Sohn ist rechts. Zuerst dachte sie, das sei nur, um sie zu ärgern, aber dann musste sie sich damit abfinden: Intelligente junge Leute sind nicht mehr grundsätzlich links.“
„Heutzutage verachtet jeder die Uniprofessoren. Die Intellektuellen. Leute wie ihn.“
Sélim, vor vielen Jahren aus Algerien eingewandert, linksliberal, aufgeklärt und anscheinend bestens integriert, muss erfahren, dass all seine Integrationsbemühungen in die französische Gesellschaft nur bedingt erfolgreich waren. Seine Frau Faïza verlässt ihn („Frauen wollen keine Weicheier“, und driftet danach als „Vodka Satana“ in die Pornoszene ab; vielleicht ein wenig zu spektakulär) und Tochter Aicha, bekennt sich zum Entsetzen des Vaters zum strengen Islam. So sieht misslingende Integration aus.
„Keine Parallelgesellschaft! Aber es kommt immer der Moment, wo man seinen Vornamen schreiben muss – Anti-Sesam-öffne-dich, mit dem die Wohnung besetzt, die ausgeschriebene Stelle vergeben, das Terminbuch des Zahnarztes zu voll ist. Sie sagen, integriert euch, und zu denen, die es versuchen, sagen sie, ihr sehr doch, dass ihr nicht zu uns gehört.“
Und so geraten die neuen Rechten schon wieder ins Träumen:
„Die alte Welt ist erledigt! Warum soll man Leute ausbilden, die auf dem Arbeitsmarkt keiner mehr braucht? Der nächste Aufruf an die Völker Europas ist ein Aufruf zum Krieg. Für den Krieg muss niemand Literatur und Mathe lernen. Das würde die Wirtschaft wieder in Gang bringen! Ein Krieg. Aber gebildete Arbeitslose – ganz ehrlich, was für ein Schwachsinn.“
Und unsere Eliten? Was fällt denen dazu ein?
„Von der herrschenden Elite scheint niemand zu begreifen, dass man dringend den Rückwärtsgang einlegen müsste. Im Gegenteil, es sieht so aus, als wären sie geradezu scharf drauf, möglichst schnell in den Abgrund zu rasen.“
In rauer, derber Sprache lässt Virginie Despentes in personaler Erzählperspektive ihre Figuren zu Wort kommen, ihre Ängste aussprechen. Sie tut das mit bitterem Witz, scharfsinnig, pointiert, ungeschönt und authentisch. Dadurch kommen ihre sozialpolitischen Erkenntnisse auch niemals lehrbuchhaft daher. Zumal die Krimihandlung um von Alex Bleach kurz vor seinem Tod gemachte Videoaufzeichnungen, die sich im Besitz von Vernon Subutex befanden, von „der Hyäne“, einer lesbischen Privatdetektivin mit Spezialgebiet Cybermobbing im Auftrag von Filmproduzent Dupalet gestohlen, dann aber wieder der Gruppe um Subutex zugeführt wurden, im zweiten Teil enorm an Fahrt gewinnt. Enthüllungen daraus werfen auf den Tod von Alex und dem von Vodka Satana viele Jahre zuvor ein ganz neues Licht.
Zunächst einmal befindet sich Vernon aber zu Beginn des zweiten Teils in einem Fieberdelir auf einer Parkbank auf den Buttes-Chaumont, die seine neue Heimat werden soll. Hier versammeln sich nach und nach seine Freunde und Bekannte aus dem ersten Teil. Einige plagt das schlechte Gewissen, Subutex vor die Tür gesetzt zu haben, andere finden hier so etwas wie eine Ersatzfamilie. Ein wenig wie im Fieberdelir des Beginns beginnt sich hier eine Art Utopie zu verwirklichen, ein kleines Paradies. Alte Freunde und neue Bekannte aus der Obdachlosenszene treffen sich im Park oder im „Rosa Bonheur“, man redet, hört Musik, isst, trinkt – fast schon ein wenig zu schön, um wahr zu sein. Der Sarkasmus versteckt sich gut, ist aber spürbar.
Insgesamt ist der zweite Teil deutlich gelassener als der erste, auch in der Sprache, deutlich weniger provokativ. Das tut dem Text in meinen Augen gut. Er wird dabei eher noch politischer. Auch hier geht es um die Dinge, die schleichend, aber schmerzhaft aus der Gesellschaft verschwinden – Mittelstand, soziale Sicherheit, Zuversicht, Gerechtigkeit und gesellschaftlicher Optimismus -, und das, was statt dessen folgt – Egoismus, Kälte, Zynismus. Ein Teil der Betroffenen flüchten sich in Arbeit, Drogen, Alkohol, Porno oder Social Media, ein anderer in den Hass auf „das Fremde“. Deutlicher als im ersten Teil steht hier in „Vernon Subutex 2“ eine Botschaft, und zwar die des Miteinanders (auch wenn sie leicht sarkastisch und nie explizit ausgedrückt wird). Standen im ersten Teil die Beziehungen der Figuren zu Vernon Subutex im Mittelpunkt, so tritt dieser hier fast ganz in den Hintergrund. Er ist anwesend, aber ziemlich verstummt. Das Beziehungsgeflecht all der Personen, die man mittlerweile fast liebgewonnen hat (obwohl auch so mancher Kotzbrocken darunter ist), bildet den Schwerpunkt. Im dritten Teil, so Lektorin Viola Hefer, rückt der Focus wohl noch ein Stückchen weiter fort. Ein interessantes Verfahren, das neugierig macht.
Aber auch sonst möchte man natürlich unbedingt wissen, was es jetzt wirklich mit den Todesfällen auf sich hat. Und was wird, aus Vernon, Xavier, Patrice, Aicha und der Hyäne. Und natürlich auch der Gesellschaft – in Frankreich und anderswo.
Vernon Subutex 3 erscheint am 7. September. Ich kann es kaum erwarten.

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Das Leben des Vernon Subutex 1

Virginie Despentes , Claudia Steinitz
Flexibler Einband: 400 Seiten
Erschienen bei Kiepenheuer & Witsch, 07.09.2018
ISBN 9783462052077
Genre: Romane

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Die Geschichte des verlorenen Kindes

Elena Ferrante , Karin Krieger
Fester Einband: 614 Seiten
Erschienen bei Suhrkamp, 02.02.2018
ISBN 9783518425763
Genre: Romane

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247 Bibliotheken, 9 Leser, 3 Gruppen, 73 Rezensionen

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Die Geschichte der getrennten Wege

Elena Ferrante , Karin Krieger
Fester Einband: 540 Seiten
Erschienen bei Suhrkamp, 27.08.2017
ISBN 9783518425756
Genre: Romane

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Die Kieferninseln

Marion Poschmann
Fester Einband: 167 Seiten
Erschienen bei Suhrkamp, 11.09.2017
ISBN 9783518427606
Genre: Romane

Rezension:

„Er hatte geträumt, dass seine Frau ihn betrog. Gilbert Sylvester erwachte und war außer sich.“
So wenig außergewöhnlich ein solcher Traum ist, so aberwitzig und skurril ist Gilberts Reaktion darauf. Er stellt seine Frau Mathilde nicht nur aufs Schärfste zur Rede, sondern verlässt, als diese hartnäckig leugnet, äußerst erbost die Wohnung und nimmt den ersten verfügbaren Interkontinentalflug, um möglichst viel Raum zwischen sich und seine vermeintlich untreue Gattin zu schaffen. Dass es außerhalb seines Traumes keinerlei Hinweise auf eine eventuelle Untreue gibt, stört ihn dabei überhaupt nicht.
Diese reichlich überspannte Reaktion weist gleich zu Beginn genauso wie Gilberts ungewöhnliche Profession darauf hin, dass wir es hier mit einem besonderen Roman zu tun haben. Herr Sylvester ist nämlich Kulturwissenschaftler mit dem Schwerpunkt Bartforschung. Seine Karriere steckt fest, auch für dieses neue Projekt stehen ihm nur Drittmittel zur Verfügung. Diese werden „gesponsert von der nordrhein-westfälischen Filmindustrie sowie zu kleineren Teilen von einer feministischen Organisation in Düsseldorf und der jüdischen Gemeinde der Stadt Köln“.
Schon ist man drin im Schmunzeln über diesen so klugen wie heiteren Roman, der 2017 auf der Shortlist zum deutschen Buchpreis stand.
Skurril und leicht surreal geht es weiter. In Tokio angekommen, besorgt sich Gilbert zunächst einmal ein paar japanische Klassiker. Besonders „Auf schmalen Pfaden durchs Hinterland“, der Reisebericht des buddhistischen Mönchs und Haiku-Dichters Matsuo Bashō aus dem 17. Jahrhundert, der sich wiederum auf die Spuren des weitere fünf Jahrhunderte früher durch Japan wandernden und von ihm verehrten Dichter Saigyō machte, fasziniert ihn und er beschließt, dessen Spuren zu folgen.
Auf dem Hauptbahnhof trifft er allerdings zunächst einmal einen jungen Mann, der der seine Aufmerksamkeit auf sich zieht. Er trägt in einem allgemein eher bartlosen Land ein schütteres Ziegenbärtchen, eine Wohltat für unseren Bartforscher, der sich schon wegen seiner Abneigung gegen Tee in Japan eher fremd fühlt. Das Bärtchen, das Yosa Tamagotchi (!) trägt, wird sich später als falsch erweisen, eine Illusion, die nicht die letzte in diesem schmalen Roman bleiben wird. Gilbert hält Yosa nicht nur von seinem geplanten Selbstmord vor einem einfahrenden Zug ab – viel zu laut und überfüllt sei der Bahnhof für ein solches Unterfangen -, sondern begleitet ihn fortan von einem möglichen Todesort zum anderen. Geleitet werden sie von einem Buch. So absurd sich das anhört, ist dies doch real. 1993 veröffentlichte der Autor Wataru Tsurumi das "Komplette Selbstmordhandbuch", das sich mittlerweile millionenfach verkaufte.
Nun ist Gilbert wahrhaft kein Sympathieträger. Besserwisserisch, voller Dünkel (auch) der japanischen Kultur gegenüber, penetrant, verbohrt und wahrhaft kein Menschenfreund, weiß man zunächst nicht, was ihn dazu bewegt, den jungen Studenten, der aus Prüfungsangst seinem Leben ein Ende setzen möchte, von seinem Tun abzuhalten. Gerade seine pedantische, miesepetrige Art scheint da aber genau das Richtige zu sein. Das Hochhaus in Tokios nördlichem Wohnviertel Takashimadaira sei zu grau und trostlos und der Selbstmordwald Aokigahara am Fuße des Fuji voll mit menschlichem „Müll“. So findet Gilbert an allen aufgesuchten Orten etwas auszusetzen und Yosa, höflichem Gehorsam gegenüber Älteren auch als Lebensmüder verpflichtet, beugt sich.
Immer mehr ähnelt die von den Beiden eingeschlagene Route derjenigen des Dichters Bashō, deren Ziel die berühmten Kieferninseln bei Mutsushima in der Bucht von Sendai sind, allgemein zu den drei schönsten Plätzen Japans zählend und auch ein „Tipp“ im Selbstmordhandbuch. Der Leser verfolgt die Reise durch die miesepetrigen, stets seinen Bildungsdünkel herauskehrenden Monologe des Bartforschers. Gilbert nötigt zudem sich und seinen Begleiter auf der Reise zum Verfassen von Haikus, jener besonderen traditionellen japanischen Gedichtform, deren Regeln ich nun seit diesem Buch erstmals verstanden habe. Poetische, kontemplative Naturbetrachtungen sind eine wichtige Tradition in Japan, und auch Gilbert möchte sich als Bestandteil seiner inneren Abkehr von der Welt, Folge der Krise, die ihn anscheinend sowohl beruflich als auch privat gepackt hat, darin versuchen.
„Er war damit noch nicht sehr weit gekommen, aber schon der Ansatz überzeugt ihn. Mönchische Askese, Zurückhaltung und Bescheidenheit, Armut im Geiste. Auch sein eigenes Projekt der Abwendung bestand darin, einen Zwischenraum zu schaffen. Einen Raum zwischen ihm und der Gesellschaft, ihm und den sozialen Konventionen, ihm und den bizarren Zwängen des allgegenwärtigen Turbokapitalismus.“
Da ist offensichtlich jemand am Scheitern, vermag es aber nicht zuzugeben. Stattdessen verbarrikadiert er sich in seiner selbstgewissen Uneinsichtigkeit. Beispielhaft sind dafür die gestelzten, belehrenden Briefe, die er an Mathilde schreibt.
Nun also Naturbetrachtungen. Aber die Plätze, die Gilbert und Yosa aufsuchen sind so ganz anders, als erwartet. Ihnen fehlt jede Poesie und Romantik. Jahreszeitbedingt muss die Kirschblüte ausfallen, der Fuji ist ständig von Dunst umgeben und nicht zu sehen und auch die aufgesuchten Bashō-Orte entbehren ihre klassische Schönheit. So ist beispielsweise der „Oki no Ishi“ in Bashōs Dichtung, jener „Stein am offenen Meer“ mittlerweile nur noch ein Gesteinsbrocken inmitten einer Straßenkreuzung. Auch die Kieferninseln befinden sich in einer großen Baustelle, die die Folgen des großen Tsunamis aus dem Jahr 2011, beseitigen sollen. Die Katastrophe von Fukushima wird nicht groß thematisiert, schwingt aber immer mit.
Mit großem Vergnügen karikiert Marion Poschmann die gängigen Japan-Klischees, die ja nur deswegen Klischees, weil so omnipräsent sind. Die hohe Selbstmordrate aufgrund enormen Leistungsdrucks in einer durchrationalisierten, extrem formellen Gesellschaft findet genauso ihren Platz wie der Hang zu organisierter Meditation, die traditionelle Naturauffassung ebenso wie die klassische Poesie, Teezeremonien, Kabuki-Theater, Kirsch- und Ahornblüte – alles ist hier versammelt und wird liebevoll-satirisch betrachtet. Osten und Westen treffen mit dem vertrauten Unverständnis aufeinander.
Am Ende geht Yosa Gilbert verloren. Die Realität verschwimmt so wie die Kieferninseln im Meeresdunst. Uneindeutigkeit greift um sich. War Yosa wirklich eine reale Person? Plötzlich schreibt Gilbert die Haikus seines jungen Reisebegleiters selbst. Dessen Reisetasche taucht noch einmal kurz im Hotel auf, ist dann aber auch gleich wieder verschwunden. Das traumhafte Ende in diesem Roman, in dem Träume immer wieder eine Rolle spielen, kann auch so gelesen werden, dass Yosa nur eine (lebensmüde) Facette Gilberts darstellte. Nun, da er von ihm befreit ist, kann er sich auch der Ruhe der Natur und ihrer Schönheit und Poesie freier stellen. Nicht umsonst hat die Autorin 2017 als erste Preisträgerin den deutschen Preis für Nature Writing, der jährlich vom Verlag Matthes & Seitz Berlin und dem Bundesamt für Naturschutz verliehen wird, gewonnen. Auch dass sie von Haus aus Lyrikerin ist, wird sehr deutlich.
„Er drückte den Rücken an die warme Borke, schloss die Augen, horchte auf den Wind, der durch die Zweige fuhr, Harzgeruch. Knackende Zapfen. Raschelnde Nadeln. Knarrende Äste. Er schloss die Augen noch einmal, schloss die bereits geschlossenen Lider fester, sackte tiefer in die Müdigkeit hinein, ließ sich durchziehen vom Wind, vom Kiefernduft, vom Atem der Inseln.“
Und auch Hoffnung für seine Ehe mit Mathilde scheint nun möglich.
Marion Poschmann hat mit „Die Kieferninseln“ ein so originelles wir ungewöhnliches Buch geschaffen. Filigran und klug, so heiter wie abgründig. Eine wunderbar leichte und doch tiefgründige Lektüre.

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Ein schönes Paar

Gert Loschütz
Fester Einband: 240 Seiten
Erschienen bei Schöffling, 06.02.2018
ISBN 9783895611568
Genre: Romane

Rezension:

Bereits 1990 veröffentlichte Gert Loschütz einen autobiografisch inspirierten Text über die Flucht seiner Familie aus dem brandenburgischen Plothow nach Mittelhessen im Jahr 1957. „Flucht“ war dieses Buch schlicht betitelt und kreiste in erster Linie um die Folgen, die diese für den damals elfjährigen Ich-Erzähler hatte.
Gert Loschütz ist ein eher zurückhaltender, zwar hoch angesehener, aber eher am Rande des deutschen Literaturbetriebs stehender Autor. Gedichte, Theaterstücke, Novellen, und dann dieser schmale Roman. Danach dauerte es bis 2005, dass mit „Dunkle Gesellschaft. Roman in zehn Regennächten“ wieder ein größeres Werk erschien, das sogleich auf der Shortlist des neu geschaffenen Deutschen Buchpreis landete. 2006 folgte sehr schnell sein Roman „Die Bedrohung“. Und nun, zwölf Jahre später, knüpft „Ein schönes Paar“ direkt an das 28 Jahre zuvor erschienene „Flucht“ an.
Der Ich-Erzähler trägt einen anderen Namen, alle anderen Eckdaten sind gleich und decken sich mit Gert Loschütz´ eigener Biografie.
Da ist das fiktive Plothow in der DDR, in dem beide Ich-Erzähler 1946 geboren werden. Die Eltern, hier Georg und Herta Karst, lernen sich 1939, kurz vor dem Krieg kennen und heiraten 1942. Ihre Geschichte, eine Liebesgeschichte, die vor allem durch Abwesenheit geprägt war, erzählt der neue Roman.
Durch eine gute Portion Naivität gerät der Vater 1957, es war ein Jahr nach dem Ungarn-Aufstand, der Kalte Krieg gewann an Intensität, in Schwierigkeiten. Er war bei einem Besuch im Westteil Deutschlands mit einem Freund mal „eben so“ bei der neu gegründeten Bundeswehr vorbeigegangen. Nach seiner Rückkehr erhällt er nun von dort ein Einladungsschreiben. Die Brisanz dieser Post mit dem Absender des feindlichen Verteidigungsministeriums ist ihm sofort klar. Er entscheidet sich für die sofortige Flucht in den Westen. Frau und Sohn folgen ihm bald in die mittelhessische Stadt Tautenburg, die nur unschwer als Dillenburg zu identifizieren ist. Der Stadt, die von ihrem Wilhelmsturm wie von einem „Zeigefinger überragt“ wird.
Ich wohne selbst in der Nähe und konnte Gert Loschütz im Juni auf einer Lesung hier erleben. Die fiktiven Namen verwendet er laut eigener Auskunft nur, damit sich der direkte Vergleich verbietet. Was natürlich trotzdem geschieht. Auch ich bin den Spuren in Dillenburg gefolgt und kann bestätigen, dass alles wie auch in „Flucht“ sehr detailgenau geschildert ist. Lediglich ein sehr wichtiger Punkt differiert in den beiden autobiografischen Romanen. Und leider hatte ich zum Zeitpunkt der Lesung das Buch noch nicht gelesen, sonst hätte ich unbedingt nachgefragt. Stirbt die Mutter im Roman von 1990 nach einer relativ kurzen Zeit der Anpassungsschwierigkeiten in der neuen Heimat, so verschwindet sie im neuen Buch eines Tages. Vorangegangen ist dem ein unglückseliger Vorfall, bei dem sich der Vater bei seiner neuen, recht guten Anstellung aus dem Firmentresor Geld „borgte“. Eine recht kleine Summe, die er zudem am nächsten Tag unbemerkt ersetzen wollte. Nun wurde das Fehlen aber doch entdeckt und, noch schlimmer, vom Chef zu einer viel höheren Summe umgedichtet. Der Vater muss ins Gefängnis. Um den Chef zum Zurückziehen der Anzeige zu bewegen, fängt die Mutter eine Affäre mit diesem an. Das ist zwar erfolgreich, wird aber vom Sohn entdeckt und führt schließlich zur Trennung der Eltern. Nach kurzer Zeit in getrennten Wohnungen am Ort verschwindet Herta für dreißig Jahre spurlos. Lediglich sporadische Postkarten an den Sohn kommen an. Und dann ist sie eines Tages wieder da, knüpft an die Beziehung mit Philipp an, meidet aber den Vater. Zur Scheidung kommt es nie. Und erst nach dem Tod der Eltern, der ziemlich dicht aufeinander erfolgt, erfährt der Sohn, dass deren Verbindung nie wirklich abriss.
Erzählt ist die Geschichte vom „schönen Paar“, wie bereits bei „Flucht“, rückblickend durch den Sohn. Sie beginnt mit einem Motiv, das sich durch das ganze Buch zieht – der Fotografie. Philipp ist Fotograf, er schaut sich eine antike Stereokamera an.
„Ein Stereoskop ist ein Gerät zum Betrachten von Stereobildpaaren, die mit einer Stereokamera aufgenommen wurden. Durch die geringe seitliche Abweichung entsteht der Eindruck räumlicher Tiefe: Man glaubt, den Porträtierten leibhaftig vor sich zu haben. Man blickt durchs Stereoskop und ist mit ihm allein. Da man dabei die Augen auf die Okulare pressen muss, sind alle anderen optischen Eindrücke ausgeschaltet, sodass man sich ganz auf die Gesichtszüge des Abgebildeten konzentrieren kann.“
Eine Kamera diente 1957 bei der Flucht für die Mutter auch als Investition für ihr Ostgeld, das im Westen keinen Wert mehr haben würde. Aber auch die Kamera erweist sich dort als unverkäuflich, und sei es nur, weil die Originalverpackung fehlt. Aber wer nimmt diese schon mit auf eine Flucht? Indirekt führt diese Kamera zu Georgs Verhaftung und schließlich zum Zerfall der Familie. Fotos sind es auch, die neben anderen Erinnerungsstücken beim Sohn während der Wohnungsauflösung den Erinnerungsprozess hervorrufen.
„Dies ist der Moment, in denen ich sie am deutlichsten sehe, dieses Bild, in dem ihre Verletzlichkeit am größten ist. Sie nebeneinander, ich betrachtete sie mit den Augen der anderen Leute in der Kapelle. Auch wenn ich nicht dabei war, sehe ich sie, wie sie von ihnen gesehen wurden: ein schönes Paar.“
Still und behutsam umkreist er die Frage, die ihn sein ganzes Leben begleitete: Was ist damals eigentlich genau geschehen? Warum ist die Mutter für so viele Jahre wortlos verschwunden? Und was machte die Beziehung seiner Eltern, die sich nie wirklich voneinander trennten und auch keine neuen Beziehungen eingingen, eigentlich aus? Er vollführt diese Spurensuche so zart und bedächtig wie wahrhaftig und genau. Dadurch schafft er nicht nur ein poetisches Porträt einer schwierigen Beziehung, sondern auch ein atmosphärisches Bild der „Schieferstadt“ im Mittelhessischen, die ihm das Ankommen nicht leicht machte.
„Ich ging über die Brücke, und als ich aufschaute, war es wieder die dunkle Stadt, die enge, die schiefergraue, die Luft abschnürende, und plötzlich war, wie ein alter Bekannter, der Hass da, den ich so deutlich nur hier spürte, in dieser Stadt, die ich besser als andere kannte, weshalb ich mich auf unselige Weise an sie gebunden fühlte.“
Der Autor, der sicher größtenteils mit dem Erzähler gleichgesetzt werden darf, verschränkt Vergangenheit und Gegenwart und lässt auch zahlreiche Leerstellen, nähert sich seinen Protagonisten, bedrängt sie aber nicht. Am Ende steht auch die Frage, was man über seine Eltern eigentlich weiß, wissen kann, sie hätte fragen sollen, als dies noch möglich war.
Vielleicht steckt auch ein klein wenig Ironie im Titel „Ein schönes Paar“, entspricht die Beziehung von Georg und Herta doch so gar nicht dem, was man darunter landläufig versteht. Und doch war es eine Beziehung, die so intensiv war, dass sie kaum Platz für den Jungen ließ.
„Es ist ein Foto ohne den Jungen, er fehlt nicht nur auf dem Bild, sondern in ihren Gesten, ihrem Blick, ihrer Zugewandtheit, seine fehlende Anwesenheit ist mit Händen zu greifen.“
Am Ende erzählt uns dieser wunderbare, leise, subtile Roman aber, dass tiefe Verbindungen auch anders aussehen können und schafft dafür eindrückliche, berührende Bilder. Zum Beispiel, wenn Philipp auf dem Dachboden des väterlichen Hauses unzählige Brandflecken von heruntergefallener Zigarettenasche genau unter dem Dachfenster findet, das genau auf das Seniorenheim blickt, in dem die Mutter ihre letzten Tage verbracht hat. Oder wie sich die beiden auf ihren jeweiligen Beerdigungen „besuchen“, die Mutter hinter Tannen versteckt im leuchtendroten Kleid, der Vater, der ihr vorangegangen war, in anderer Gestalt.
„Als er die Hände zum Segen erhob, jagten zwei Bundeswehrjets über das Tal, so tief, dass sie die Baumwipfel des gegenüberliegenden Bergkamms zu streifen schienen, und als ich aufblickte, sah ich am Zaun, an derselben Stelle, an der sie gestanden hatte, ein Kaninchen. Und da wusste ich, dass er auch gekommen war. Sie war im dunkelroten Taftkleid gekommen und er als Kaninchen."
Davon gibt es natürlich keine Fotografien. Diese Bilder sind allein in der Erinnerung und Imagination des Sohnes vorhanden.
„Auch in diesem Bild sehe ich sie, sodass man vielleicht sagen kann, dass das ganze Erzählen nur einen einzigen Sinn hat: die auf keinem Film überlieferten Bilder aufzubewahren.“
Ein sehr schöner, sehr empfehlenswerter Roman.

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