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roman

Der Scheik von Aachen: Roman

Brigitte Kronauer
E-Buch Text: 408 Seiten
Erschienen bei Klett-Cotta, 24.09.2016
ISBN 9783608100365
Genre: Romane

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geister, nathan hill, usa, chicago, debüt

Geister

Nathan Hill , Werner Löcher-Lawrence , Katrin Behringer
Fester Einband: 864 Seiten
Erschienen bei Piper, 04.10.2016
ISBN 9783492057370
Genre: Romane

Rezension:

Wähle dein eigenes Abenteuer
Der kleine Samuel hat diese Bücher geliebt. Konnte man doch an entscheidenden Schnittstellen als Leser entscheiden wie es weiter ging, notfalls zurückblättern und doch die andere Abzweigung wählen. Jedes Mal ergab sich eine andere, aber jedes Mal sinnvolle Geschichte.
Schon sehr bald dämmerte es ihm aber, dass es im realen Leben nicht immer so einfach läuft. Dass man nicht immer die freie Wahl besitzt, Entscheidungen zu treffen, geschweige denn, einmal getroffene problemlos zu revidieren. Sehr oft ist man noch nicht einmal in der Lage, Einfluss zu nehmen auf Dinge, die doch das ganze eigene Leben prägen werden
Zum Beispiel damals, als Samuel elf Jahre alt war und seine Mutter die Familie verließ, ohne sich noch einmal zu melden. Ein Erlebnis, das den Jungen natürlich sein ganzes Leben prägen sollte. Wie hätte er als Kind sein sollen, müssen, damit seine Mutter ihn nicht verließ? Sein Bestreben, seine Karriere als (gescheiterter) Buchautor und Literaturprofessor, fast seine ganze Existenz hatte immer, wie nebenbei, die Frage laufen: „Was sagt seine Mutter dazu, wenn sie ihn so sieht?“ Da hilft auch all die Wut und vorgetäuschte Gleichgültigkeit gegenüber der Verlassenden nichts.
Seit seinem elften Lebensjahr kein Kontakt, kein Lebenszeichen von der Mutter. Im Universitätsalltag zunehmend genervt von ignoranten, leistungsunwilligen, nur auf Noten und Karriere bedachten jungen Menschen
„So viel Sprache erschöpfte die Studenten.“
Im Privatleben ohne engere Beziehungen und regelmäßige soziale Kontakte, flüchtet sich Samuel immer häufiger in das Onlinespiel „World of Elfscape“ (Escape?). Lange Abschnitte im Buch sind diesem Abtauchen in eine imaginierte Welt voller Abenteuer, Anerkennung, Belohnung und Solidarität gewidmet. Auch als Spieleabstinenzler bekommt man einen guten Einblick in die Faszination, die diese Parallelwelten ausüben.
In dieses eher öde Leben platzen zwei Dinge. Einmal die Auseinandersetzung mit einer entschlossenen Studentin, die Samuels Betrugsvorwurf bei einer Semesterarbeit nicht auf sich sitzen lassen möchte.
Und, für Samuel deutlich erschütternder, der Anruf eines Anwalts seiner Mutter. Diese ist nach dem tätlichen Angriff auf den Gouverneur Packer ein Medienstar, der „Packer-Attacker“, und wegen einer terroristischen Handlung angeklagt. Die Begegnung mit seiner Mutter verläuft für Samuel sehr unbefriedigend und bringt Dinge ans Licht, die für ihn überraschend sind. Da Mutter Faye sich nicht dazu äußern will, macht er sich selbst daran, Informationen zu bekommen. Dabei taucht er weit in die Vergangenheit von Faye, ihre Kindheit im ländlichen Iowa, ihre kurze Zeit an der Chicagoer Universität während der sie in die dortigen Studentenunruhen verwickelt war, und ihre Vernunftehe mit Samuels Vater Henry. Auch in seine eigene verlassene Kindheit und die Jugend, die durch die Freundschaft zum eigenwilligen Bishop und der unerfüllten Liebe zu dessen Zwillingsschwester Bethany geprägt war, taucht er dabei mehr und mehr ein.
Wie die Zusammenfassung der Handlung zeigt, spielt das Buch auf verschiedenen Zeitebenen. Die Gegenwartsebene ist dabei das Jahr 2011, die Studentenunruhe datieren zurück ins Jahr 1968 und Fayes Kindheit liegt in den 50er und 60er Jahren.
Nathan Hill schafft ein beeindruckendes Gesellschaftsporträt der USA dieser Zeit. Die Fülle an Themen, die er anschneidet, die Kritik, die immer wieder an bestimmten Phänomenen geübt wird, ist kaum überschaubar.
Zentral steht aber die Medienkritik, sei es an der reißerischen Aufmachung rund um Fayes (eigentlich harmlosen) Angriff, sei es das fast leitmotivisch im Text immer wieder auftauchende Lied „You have got to represent“ des neuesten Popsternchens, dessen Botschaft „Das Leben ist super!“ vom Publikum allzu gerne gehört wird. Herrscht doch so oft nur Trostlosigkeit.
„Kaum dass sie den Fernseher einschalteten, sahen sie in den Nachrichten Bilder von einer weiteren verdammten humanitären Krise, von einem weiteren gottverdammten Krieg an einem gottverlassenen Ort, sahen Bilder von verwundeten Menschen und hungernden Kindern und empfanden eine schreiende, bittere Wut auf diese Kinder, weil sie in die einzigen Momente der Entspannung eindrangen und die wenige Zeit zerstörten, die ihnen vom Tag noch blieb.“
Überraschend aktuell ist auch das Licht, das auf den amerikanischen Wahlkampf geworfen wird.
„Darauf durfte sich die Nation freuen: zwölf Monate mit Wahlkampfreden, Entgleisungen, Werbespots und Attacken, mit qualvoller, ans Unmoralische grenzender Dummheit. (…) Millionen und Abermillionen Dollar wurden dafür ausgegeben, das sowieso Unausweichliche zu erreichen – dass die Wahl am Ende durch eine Handvoll Wechselwähler in Cuyahoga County im Bundesstaat Ohio entschieden wurde.“
Nicht immer ist Hill so deutlich. Viele Themen werden auch nur angerissen, eher oberflächlich abgehakt. Tiefer schürfende Betrachtungen oder subtilere Beschäftigung mit Gegenwartsphänomenen darf man eher nicht erwarten.
Dafür wartet der Autor immer wieder mit einem grandiosen Humor auf und schafft auch interessante Nebenfiguren. Neben der skrupellosen Studentin Laura ist das vor allem der erfolgreiche Marketingmann und Verleger Periwinkel, dem Hill so manche drastische und nicht gerade sympathische Aussage in den Mund legt. So zum Beispiel:
„Für den Fall, dass es Ihnen noch nicht aufgefallen ist, die Welt hat sich von der alten Vorstellung der Aufklärung, dass man sich die Wahrheit durch Weltbeobachtung zusammenstückeln könnte, so gut wie verabschiedet. Die Wirklichkeit ist viel zu kompliziert und schrecklich geworden. Es ist weit einfacher, alles zu ignorieren, was nicht in Ihre vorgefasste Meinung passt und stattdessen zu glauben, was Sie in Ihrem Denken bestätigt.“
„Wir sind politisch und religiös fanatischer denn je, weit rigider in unserem Denken und immer weniger empathiefähig.“
Trotz all dieser gut in die Handlung integrierten Gesellschaftskritik ist allerdings ein anderer Punkt weit bedeutungsvoller für den Roman. Es geht auch und vor allem, wie zu Beginn dieser Rezension angesprochen, um die Entscheidungen, die wir immer wieder in unserem Leben treffen müssen. Um die Unausweichlichkeit, die Bedeutung, die sie auch für das Leben anderer besitzen, aber auch wie wenig wir manchmal auch tatsächlich die Wahl besitzen. Und es geht um das Elefantengleichnis Buddhas, das dem Buch vorangestellt ist.
Darin geht es um einen König, der Blindgeborene jeweils einen Teil eines Elefanten fühlen lässt und sie dann danach fragt, wie der Elefant aussieht. Da jeder etwas anderes erfühlt hat, geraten die Blinden in einen erbitterten Streit. Für Faye und jeden an sich selbst Zweifelnden gilt,
„…dass es nicht das eine wahre Ich gibt, das sich hinter den vielen falschen Ichs versteckt. (…) Es war nicht ihre Blindheit, sondern dass sie sich zu früh zufrieden gegeben haben und damit nie erfuhren, dass es eine größere Wahrheit gab.“
Nathan Hill schafft es, diese Themenfülle in einen gut lesbaren, stellenweise witzigen, kritischen und geschickt konstruierten Roman zu packen. Er spielt mit unterschiedlichen Erzählstilen und vielleicht spielt er am Ende sogar mit den Lesern. Was er nämlich da zum Schluss hinlegt, ist ein veritables Happy-End, dass es kracht. Man ist fast versucht, es ein wenig seicht zu nennen, wenn da nicht der Verdacht des Spiels wäre. Und wenn nicht, dann ist es eben sehr amerikanisch, dieses versöhnliche Ende. Nathan Hill hat einen 860 Seiten starken Debütroman hingelegt, der über weit mehr als ¾ prächtig und intelligent unterhält. Da schlägt das Ende nicht so sehr zu Buche.

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Licht und Zorn

Lauren Groff , Stefanie Jacobs
Fester Einband: 432 Seiten
Erschienen bei Hanser Berlin, 22.08.2016
ISBN 9783446253162
Genre: Romane

Rezension:

„Zorn ist mein Nachtmahl: so mich selbst verzehrend,
verschmacht ich an der Nahrung.“

Ein Zitat aus Shakespeares „Coriolanus“, das im hintersten Viertel von Lauren Groffs Roman „Licht und Zorn“ auftaucht und für mich genauso für den gesamten Text steht wie der Titel.


Es ist ein unbändiger Zorn, der am Anfang mehr erahnt werden muss, kurz aufblitzt, aber spätestens in der zweiten Hälfte immer mehr Herrschaft gewinnt, über die Seiten, die Personen, das Geschehen. Woher dieser Zorn stammt, sei hier nicht näher verraten, er ist Teil der überraschenden Wende, die die Geschichte im Verlauf nimmt.
Der Zorn ist vom Ausmaß einer antiken Tragödie, auf die im Text auch immer wieder einmal angespielt wird und die im amerikanischen Originaltitel ihren Niederschlag findet. „Fates and furies“ heißt es da, man könnte es übersetzen mit „Schicksale und Zorn“ und wäre damit näher beim deutschen Titel. Gemeint sind aber wohl eher die Parzen (Fates) und die Furien, römische Schicksals- und Rachegöttinnen. Trotzdem ist der deutsche Titel gut gewählt, denn neben dem Zorn ist das Licht, das Strahlende, ja auch das Unbekümmerte Teil dieses komplexen Romans.

Doch von was wird eigentlich erzählt?

„“Welch Dunkel hier!“ singt Florestan in Beethovens Fidelio, einer Oper über eine Ehe.“

Es ist eine Ehegeschichte, die hier vor uns ausgebreitet wird. Lancelot Satterwhite, selbstbewusster, gut aussehender Spross einer äußerst wohlhabenden Familie aus Florida, dem Zeit seines Lebens nicht nur alle Steine aus den Weg geräumt, sondern auch eine glänzende Zukunft vorausgesagt wurde, steht für das Licht. Das Licht, das er in jeder Gesellschaft, in jeder Situation um sich herum zu verbreiten scheint. Kein Kind von Traurigkeit, ein wahrer „Womanizer“, schnappt sich jede Frau, die er kriegen kann, und derer sind es wahrhaftig nicht wenige. Dabei strahlt er aber eine kindliche Naivität aus, ein Grundvertrauen in eine Welt, die sich ausschließlich um ihn zu drehen scheint. 

„Jeder verhielt sich freundlich und gefällig, und in Ermangelung anderer Vorbilder bemühte sich Lotto ebenfalls um Freundlichkeit.“

Dabei hat auch er dunkle Zeiten erlebt, als sein Vater viel zu früh und überraschend verstarb. Die Beziehung zu seiner Mutter wurde dadurch enger, aber auch deutlich komplizierter, spätestens als Lotto sich mit „falschen Freunden“ abgab, mit Mädchen, mit Drogen experimentierte. Die Verbannung auf ein weit entferntes College war die Folge.

Auf einer Uni-Fete trifft Lancelot, Lotto genannt, Ende der Achtziger Jahre auf Mathilde, eine zurückgezogene, leicht rätselhafte Schönheit, anscheinend ohne jegliche Familie. Ein „Coup de foudre“, zwei Wochen später wird geheiratet. Die gekränkte Mutter lehnt die Verbindung ab, entzieht Lotto jegliche Unterstützung, enterbt ihn quasi. Nach Jahren der Erfolglosigkeit als Schauspieler wird Lotto als Drehbuchschreiber reüssieren. Die Ehe zu Mathilde, die er als Inbegriff der Güte und Reinheit regelrecht verehrt, ist gleichwohl sehr stark auf körperlicher Anziehung basierend, Sex spielt darin die Hauptrolle (viel Sex!), besonders vom Ende her gesehen sind es zwei Egoismen, die hier aufeinander treffen, trotzdem wird sie sich als erstaunlich beständig, belastbar und glücklich erweisen.

Soweit, so gut. Der weitere Verlauf der Handlung soll nicht vorweggenommen werden, erfährt er doch manche überraschende Wendung (vielleicht sogar die ein oder andere unglaubliche Wendung und leicht schräge Metapher zu viel) und entwickelt gegen Ende sogar so etwas wie kriminalistische Spannung.

Was Lauren Groff in ihren psychologisch sehr komplexen Roman hinein packt ist Einiges. Es werden Fragen diskutiert wie die, wieviel wir eigentlich von einem anderen Menschen, und sei er uns auch der Nächste, tatsächlich wissen können. Es werden typische Geschlechterrollen inspiziert zwischen männlicher Egozentrik und weiblicher Selbstauflösung. 

„Frauen in Geschichten wurden immer durch ihre Beziehungen definiert.“

Frühkindliche Verletzungen spielen eine Rolle und unterschiedliche Lebensmodelle, die Ehe natürlich, Familie, der Lauf der Zeit, Depression, Abhängigkeit und, wie gesagt, Zorn und Rache. Was bei einer so gesellschaftlich engagierten Autorin wie Lauren Groff verwundert, ist das weitgehende Fehlen jeder tagespolitischen oder überhaupt politischen Ebene.

Dabei ist Groffs Art, zu erzählen fast kühn zu nennen. Sie verzichtet auf jede Sympathieboni für ihre Figuren, sie springt munter in den Zeit- und Handlungsebenen hin und her, lässt eine kommentierende Stimme, gesetzt in Klammern (bei erzählenden Texten meist ein Tabu) ergänzen, korrigieren, vorgreifen und relativieren. Diese Stimme nimmt ein wenig die Rolle des griechischen Chors ein, wobei wir wieder bei der antiken Tragödie, den Parzen und den Furien wären. So heißt es zum Beispiel einmal über Mathilde und Lotto:

„Halten Sie sie vor Ihrem inneren Auge so fest: jung und schlank, wie sie im Dunkeln auf dem Weg ins Warme förmlich fliegen über den kalten Sand und die Steine. Wir werden bald zu ihnen zurückkehren.“

Dieser Kommentar schreckt auch nicht vor Blicke in die weite (auch des Lesers) Zukunft, wenn sie von den Protagonisten im hohen Alter spricht.

Erzählt ist der Text in zwei Teilen. Der erste ist Lotto gewidmet, seine Sicht auf die Welt und seine Ehe ist es, die ihn bestimmt. Ganze Abschnitte werden zeitlich an die Titel seiner jeweils zur Aufführung kommenden Theaterstücke angelehnt. Erfolg, Anerkennung, Bestätigung ist das, was zählt, gleichzeitig herrscht aber eine gewisse Selbstgewissheit, was im Text durch ein ruhigeres, breiteres Erzählen, auch längere Kapitel spürbar ist. Lotto fühlt sich wohl in seiner Welt(sicht), posaunt in einer öffentlichen Talkshow, wie gerne seine Frau ihm den Rücken freihält, kocht und putzt (und kommt erst auf Nachfrage darauf, dass es seine Frau war, die in Zeiten seiner schauspielerischen Erfolgslosigkeit das Geld herbeigeschafft hat. Kommt bekannt vor?

Der zweite Teil ist Mathilde gewidmet und führt hinter den Zorn, der in ihr tobt. Er ist gekennzeichnet durch mehr Rasanz, Spannung, sehr kurze Kapitel. Sie ist durchaus nicht das „Opfer“ in dieser Ehe, wie man vielleicht glauben könnte.

Dieser abgründige, einerseits schonungslos genaue Blick auf die Institution Ehe, der aber so gar nichts mit Romantik oder rosaroter Glückseligkeit zu tun hat, andererseits diese Ehe aber auch als sehr beständig und glücklich schildert, einmal als „Rettungsanker“ bezeichnet wird, mündet in der Erkenntnis:

„Diese leise Vertrautheit war es, die ihre Ehe ausgemacht hatte, nicht die Zeremonien, die Partys, die Premierenabende, Festtage oder spektakulärer Sex.“

Lauren Groff ist mit „Licht und Zorn“ ein außerordentlich gekonnt konstruierter und mit spannenden Themen handelnder Roman gelungen. Nicht nur die Tatsache, dass er zu Barak Obamas Lieblingsromanen zählen soll, macht ihn dadurch zu einer nachdrücklichen Leseempfehlung.

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münchen, krimi, historischer krimi, 20er jahre, mord

Wintergewitter

Angelika Felenda
Flexibler Einband: 438 Seiten
Erschienen bei Suhrkamp, 29.10.2016
ISBN 9783518467190
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Angelika Felenda verfolgt in ihren historischen Kriminalromanen ein interessantes, aber auch ein etwas heikles Vorhaben: sie sollen bayrische oder genauer noch Münchner Geschichte der Jahre 1914 bis 1933 illustrieren.

Historische Kriminalromane gibt es nun zuhauf und Volker Kutscher deckt mit seinen in Berlin spielenden Krimis einen ähnlichen Zeitraum, nämlich von 1929 bis zunächst 1933, sehr überzeugend ab.
Felendas Konzept ist ehrgeiziger und schwieriger durchzuführen, will sie doch einen Bogen spannen vom Vorabend des ersten Weltkriegs ( das erste Buch ist im Sommer 1914 angesiedelt) bis zum Wahlsieg Hitlers ( der dritte Band soll 1933 spielen). Und das mit demselben Ermittlerteam um den sympathischen, bescheidenen Kommissar Reitmeyer.
Der nun vorliegende zweite und mittlere Teil nimmt das Jahr 1920 ins Visier. Es ist die Zeit der Freicorps und Einwohnerwehren, des erstarkenden Nationalsozialismus, der Dolchstoßlegende, der Putschversuche und großen materiellen Not in weiten Teilen der Bevölkerung.
Andere Bevölkerungsgruppen gingen aus dem Krieg finanziell fast unberührt hinaus oder haben sich daran sogar bereichert. Die Schere zwischen Arm und Reich klaffte weit auseinander. Viele Frauen wussten keinen anderen Weg aus der Armut hinaus als den in die Prostitution. Auch wenn die Träume ganz andere waren. Zum Beispiel der vom Erfolg in der gerade aufblühenden Filmindustrie.
So ging es auch Cilly Ortlieb und Marie Zaumgiebel, zwei jungen Statistinnen aus Rosenheim, die in München Schauspielerinnen werden wollten. Ihr Geld verdienten sie dann auf anderem Wege und schreckten auch vor der ein oder anderen Erpressung ihrer „Herrenbekanntschaften“ nicht zurück. Ein leichtsinniges Unterfangen, denn beide werden ermordet aufgefunden.
Sebastian Reitmeyer ermittelt, soll aber, als bald die Spur zu rechtsgerichteten Kreisen und der Einwohnerwehr führt, möglichst nicht zu tief graben. Dabei begegnet er der Berliner Studentin Gerti Blumfeld, die auf der Suche nach ihrer verschollenen Schwester ist und alsbald auch ins Zentrum der Ereignisse gerät.
Angelika Felenda muss nun die Geschehnisse und Entwicklungen von sechs sehr ereignisreichen Jahren überbrücken, den Personen sowohl treu bleiben, als auch ihre Veränderungen plausibel machen. Das gelingt ihr ausgesprochen gut. Wo es manchmal hakelt, sind die kleinen Dinge, zum Beispiel, dass der Polizeischüler Rattler auch nach all dieser Zeit noch Polizeischüler ist. Aber das brachte die Leserin eher zum Schmunzeln, als dass es sie verärgerte.
Vom geschichtlichen Hintergrund darf nicht zu viel erwartet werden. Die Geschehnisse sind zwar gut recherchiert und das Ganze durchaus informativ, bilden aber in erster Linie nur Eckpunkte, an denen die Geschichte aufgespannt wird. Was der Autorin aber ganz ausgezeichnet gelingt, ist die atmosphärische Schilderung. Die Varietés, die Spelunken, die hochherrschaftlichen Wohnungen wie die dunklen, feuchten Kellerzimmer, die aufgebrachte Stimmung auf den Straßen, das selbstherrliche Auftreten der rechtsgerichteten Verbände, die kreischenden Trambahnen und die dunklen Hinterhöfe – all das erscheint ganz bildlich vor Augen. Auch sprachlich ist der Roman sehr solide.
Gegen Ende nimmt die eher beschauliche Ermittlung ein wenig zu sehr Fahrt auf, da knirscht es auch ein wenig in der Handlung und wird das ein oder andere ein wenig unplausibel und unwahrscheinlich. Aber da sich die Leserin bis dahin gut und durchaus klug unterhalten gefühlt hat, fällt das nicht groß ins Gewicht.
Der dritte und letzte Band der Reitmeyer-Reihe soll dann kurz vor Hitlers Machtübernahme angesiedelt sein. Der Zeitsprung ist dann noch größer. Man kann gespannt sein, ob Angelika Felenda ihr Personal wieder genauso souverän dorthin führt. Und ob Korbinian Rattler dann immer noch Polizeischüler ist.

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Tags: 1920er, krimi, münchen   (3)
 

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türkei, philosophie, kein & aber verlag, 2016, schuld

Der Geruch des Paradieses

Elif Shafak , Michaela Grabinger
Fester Einband: 528 Seiten
Erschienen bei Kein & Aber, 28.09.2016
ISBN 9783036957524
Genre: Romane

Rezension:

„Die drei Evas“ – wieder einmal trifft das Original das Buch so viel besser als der deutsche Buchtitel.
Die drei Evas sind drei Frauen mit muslimischem Hintergrund, die sich im Jahr 2000 während ihres Studiums in Oxford kennenlernen und zusammenziehen. Es sind drei auf sehr unterschiedliche Weise starke junge Frauen, alle drei auf unterschiedlichen Wegen unterwegs.
Leicht ironisch nennen sie sich „Die Sünderin, die Gläubige und die Verwirrte.“ Shirin lebt ein westliches, säkulares Leben, Mona ist streng gläubig, hat das Kopftuch gewählt, ist aber auch feministisch sehr engagiert und Peri, aus deren Sicht überwiegend erzählt wird, stammt aus der Türkei und ist „die Verirrte“. Schon von klein auf ist sie zerrissen zwischen ihrem kemalistisch denkenden, säkularen Vater und ihrer Mutter, deren Religiosität nach familiären Schicksalsschlägen fast ein wenig fanatisch geworden ist. Einer dieser Schicksalsschläge war die Verhaftung des ältesten Sohns der Familie, eines marxistisch eingestellten jungen Mannes. Jahre im Gefängnis, Jahre der Folter haben ihn schließlich mehr oder weniger zerbrechen lassen.
Der jüngere Bruder hingegen wählte einen ganz anderen Weg, ist streng nationalistisch eingestellt und rückwärts gewandt.
Die Zerrissenheit der Familie Nalbantoglu bildet die Zerrissenheit der türkischen Gesellschaft ab. Eine Zerrissenheit, die in letzter Zeit noch zugenommen hat. Traf man in der Vergangenheit besonders auch in aufgeklärten Kreisen noch oft den „Muslimus modernus. Ein bisschen hiervon, ein bisschen davon“ an, so „hatte sich (das) in den letzten Jahren dramatisch verändert. Statt vieler Farben schien es nur mehr Schwarz und Weiß zu geben.“
Elif Shafak benennt ihr Unbehagen angesichts der politischen Entwicklung, des Abrückens von westlichen und demokratischen, letztlich humanistischen Werten in der Türkei deutlich. Einen Grund dafür sieht sie wohl zurecht im gescheiterten EU-Beitritt ihres Landes.
„Europa war so nah, dass die Türkei bereits einen Fuß in die Tür gestellt und sich mit aller Kraft hineinzuzwängen versucht hatte, nur um zu erkennen, dass der Spalt viel zu schmal war, sosehr man sich auch drehte und wand. Das Europa gleichzeitig die Tür wieder zudrückte, machte die Sache nicht leichter.“
Dieses Abwenden von Europa vollzieht sich nicht nur in den islamisch geprägten Kreisen, sondern zunehmend auch in den einstmalig dem Westen schon allein aus wirtschaftlichen Interessen zugewandten „aufgeklärten Eliten“. Nun hört man dort Sätze wie „Demokratie ist reine Zeit- und Geldverschwendung.“ Zumal in islamischen Gesellschaften. Selbst Verschwörungstheorien sind auf einmal gesellschaftsfähig: „Heute fürchtet uns Europa und wird alles tun, um Unruhen herbeizuführen.“
„Sie debattierten über internationale Beziehungen mit demselben Argwohn, mit dem sie Klebstoffschnüfflern und Drogenabhängigen auf der Straße begegneten, nämlich in der Erwartung, jeden Augenblick überfallen und ausgeraubt zu werden.“
So ganz unbekannt liest sich das nicht. Elif Shafak lässt diese Bemerkungen bei einer Abendgesellschaft der „besseren Kreise“ hören, zu der Peri zu Beginn des Buches unterwegs ist.
Auf der Fahrt mit ihrer Tochter dorthin entkommt sie nur um Haaresbreite einem Überfall und Schlimmerem. Dabei fällt ihr ein altes Foto vor die Füße Ein Foto, das sie mit den Studienfreundinnen Shirin und Mona und ihrem damaligen Professor Azur zeigt. Es wird zum Auslöser von Erinnerungen an diesen Lebensabschnitt, der auf ungute Weise beendet wurde, wie der Leser schon sehr bald erahnt.
Professor Azur leitete damals das Seminar GOTT auf sehr unorthodoxe und auch umstrittene Weise. Er ließ Studenten mit den unterschiedlichsten religiösen und gesellschaftlichen Hintergründen quasi aufeinander los. Ließ sie über Gott und ihre Haltung zu ihm nachdenken und diskutieren. Die Religion selbst stand dabei ausdrücklich im Hintergrund. Ein Seminar, das so manchen Studenten überforderte, gerade aber für die Suchende Peri so manche Tür aufstieß. Leider auch die Tür zu Liebe und Leidenschaft, die Zeit in Oxford endete äußerst unschön. Wie, erfährt der Leser erst gegen Ende, dass Peri seitdem mit einer Schuld kämpft, schon etwas früher.
So kommt zum Politischen die Frage nach dem Glauben, weniger als eine Religion, sondern eher im Sinne von Spiritualität zur Verhandlung.
Ein dritter Aspekt neben Politik und Glauben ist allerdings genauso wichtig. Es ist der des Feminismus, der Rolle der Frau, besonders in der islamischen Welt. Elif Shafak sagt es deutlich:
„Die Türkei ist ein patriarchalisches, sexistisches und homophobes Land.“
Wie sich Frauen darin behaupten, aber auch sich damit arrangieren, resignieren, ist immer wieder Thema in Elif Shafaks Romanen.
Für ihren Mut, gerade angesichts der neuesten Entwicklungen in der Türkei, der deutlichen Schläge gegen die Meinungsfreiheit, ist die Autorin genauso zu bewundern wie für ihre Klugheit und Weitsicht, ihr stetes Bemühen um Vermittlung. Mit tiefer Empathie tritt sie immer auch denen gegenüber, deren Ansichten sie nicht teilt. Für sie ist es Aufgabe eines Schriftstellers, die Komplexität des Lebens, der Menschen, der Welt zu zeigen und sich ausdrücklich gegen die Polarisierung der Gesellschaft zu stellen.
„Gedanken müssen mit Gedanken bekämpft werden, Bücher mit besseren Büchern.“
lässt sie ihren Professor sagen. Und betont immer wieder, wie viele Identitäten in einem einzelnen Menschen ruhen können. Türkin und Britin, Feministin und Ehefrau, westlichen Werten zugewandt und östlicher Spiritualität zugeneigt, um nur bei der Person der Autorin zu bleiben.
Auch Peri kann nicht verstehen,
„Warum die Wurzeln im Verhältnis zu den Ästen oder Blättern so sehr zählten.“
Auch wenn der Wunsch und Glaube, einst von Peris Vater ausgesprochen
„Junge Leute wie du werden dieses Land aus seiner Rückständigkeit befreien.“
heute utopischer als je erscheint, braucht es Stimmen wie die von Elif Shafak, die immer wieder an diese Utopie erinnern. Eine Utopie des friedlichen Pluralismus, des Humanismus, der Gleichstellung aller Menschen, ungeachtet der Religion, des Geschlechts, der sexuellen Orientierung, der Nationalität.
Und dass Elif Shafak es schafft, diese Stimme in exzellent geschriebene, unterhaltsame, ja spannende Romane zu packen sei ausdrücklich erwähnt.

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8 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 3 Rezensionen

freundschaft, roman, selbstbestimmung, fremde

Über Land

Hannah Dübgen
Fester Einband: 272 Seiten
Erschienen bei dtv Verlagsgesellschaft, 26.08.2016
ISBN 9783423280945
Genre: Romane

Rezension:

Am Ende ist es eine grüne Schachtel mit köstlicher Baklava, die Clara, eine junge Berliner Ärztin, ihrer irakischen Freundin Amal aus deren Heimat mitbringen wird. Ein süßer, delikat duftender Gruß aus der Heimat, die Amal aus Angst vor Verfolgung verlassen hat, nachdem ihr Vater auf dubiose Weise spurlos verschwunden ist.
Die Flucht hat sie nach Berlin geführt, in ein Aufnahmeheim an Rande der Stadt. Damit teilt sie das Schicksal von unzähligen Anderen, die nun in vordergründiger Sicherheit leben, aber zu kämpfen haben, mit der Sprache, den ungewohnten Sitten, der Heimatlosigkeit, der Ungewissheit. Was wird drinstehen in dem gleichermaßen herbei gesehnten wie gefürchteten Schreiben der Behörden. Asyl oder Abschiebung?
Hannah Dübgen gelingt es ausgesprochen gut, die Gefühlswelt und das Leben einer jungen Geflohenen zu schildern. Sie beweist dabei genauso viel Empathie wie Sensibilität. Aber sie schafft noch eine zweite Ebene und eine zweite Erzählstimme, indem sie Amal eine junge Deutsche an die Seite stellt.
Clara und Amal begegnen sich durch Zufall. Die junge Irakerin läuft in das Fahrrad der Deutschen. Aus anfänglichem Schuldgefühl erwächst nach zunächst vorsichtigem Annähern eine tiefe Freundschaft. Hinter all den unterschiedlichen Traditionen und kulturellen Unterschieden ist es doch das Menschliche, das verbindet. Das klingt ein wenig klischeehaft und ist es tatsächlich auch, zumindest stellenweise. Hannah Dübgen hat eine Botschaft. Und die ist hochaktuell, sie ist ungemein wichtig und wird hier sensibel vermittelt. Da verzeiht man der Autorin, dass sie manchmal allzu deutlich wird und manch ein Aspekt ein wenig unglaubwürdig erscheint (welche junge deutsche Frau würde nach einer solch kurzen Freundschaft aus Gefälligkeit in den brandgefährlichen Irak reisen?).
Hannah Dübgen schafft fein gezeichnete, überzeugende Figuren. Sie lässt die Ängste, Schwierigkeiten und Vorbehalte, die entstehen, wenn Menschen unterschiedlicher Kulturkreise aufeinandertreffen, deutlich werden. Mit Claras Liebesbeziehung zu dem indischen, in Deutschland lebenden Architekten Tarun soll dieser Aspekt auch in Hinblick auf eine multikulturelle Partnerschaft beleuchtet werden. Leider behindert das die Haupthandlung, bereichert sie zumindest nicht, wirkt ein wenig aufgesetzt. Sollte da vielleicht durch ein wenig Liebe und Erotik ein weibliches Publikum bei der Stange gehalten werden?
Das hat der Roman nicht nötig. Die Autorin erzählt klar und flüssig, empathisch und sensibel und ihr gelingen immer wieder beeindruckende Bilder.
Eines davon schmückt den Buchumschlag. Er zeigt ein Detail aus dem Ischtar-Tor, jenem der mesopotamischen Kriegs- und Liebesgöttin Ischtar geweihten babylonischen Tor, das seit 1899 von deutschen Archäologen in akribischer Arbeit ausgegraben, in 399 Kisten zerlegt nach Berlin verschifft wurde und seit 1930 im Berliner Pergamonmuseum zu bewundern ist. Dort steht es nun, fern der Heimat, relativ beziehungslos in einem viel zu kleinen Raum. Auch ein Sinnbild für die vielen nicht nur aus dem Irak Geflohenen. Denn Hannah Dübgen versäumt es nicht zu erwähnen, dass ohne die deutsche Ausgrabungs- und Instandhaltungsarbeiten dieser Kunstschatz wahrscheinlich verloren gegangen wäre. Der Gedanke an die vielen in den Ländern verbliebenen, nun den unterschiedlichsten Kriegsverwüstungen ausgesetzten Kulturgüter, ist da nah. Hannah Dübgen schafft dieses Bild, lässt es aber dem Leser, was er daraus schöpft. Auch eine Stärke dieses klugen Buchs.

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262 Bibliotheken, 8 Leser, 1 Gruppe, 108 Rezensionen

sekte, 1969, mord, kalifornien, roman

The Girls

Emma Cline , Nikolaus Stingl
Fester Einband: 352 Seiten
Erschienen bei Hanser, Carl, 25.07.2016
ISBN 9783446252684
Genre: Romane

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28 Bibliotheken, 0 Leser, 1 Gruppe, 11 Rezensionen

familie, mutter-tochter-beziehung, kindheit, schriftstellerin, liebe

Die Unvollkommenheit der Liebe

Elizabeth Strout , Sabine Roth
Fester Einband
Erschienen bei Luchterhand, 29.08.2016
ISBN 9783630875095
Genre: Romane

Rezension:

Auf dem Buchcover leuchtet das Chrysler Building in der New Yorker Nacht. Im Vordergrund flirren einige Lichter.
Auch ein wenig flirrend, leicht surreal ist die Episode, von der Lucy Barton, die Ich-Erzählerin in Elizabeth Strouts Roman „Die Unvollkommenheit der Liebe“, hauptsächlich erzählt.
Es sind 5 Tage und 5 Nächte, in denen sie ihre Mutter am Krankenbett besuchte. Nach einer Routineoperation traten plötzlich Komplikationen auf. Ein unerklärliches, lang andauerndes, lebensbedrohliches Fieber wütete in Lucy, fesselte sie schließlich neun Wochen ans Krankenhaus. Besonders einprägsam blieb die Zeit mit ihrer Mutter, die tage- und nächtelang an ihrem Bett saß und erzählte, niemals zu schlafen schien. Ziemlich bald wird klar, dass es eine schwierige Mutter-Tochter-Beziehung war, dass sich die beiden zuvor jahrelang nicht gesehen hatten.
Lucys Kindheit war schwer. Die wirtschaftliche Lage war äußerst prekär. Der Vater war aus dem Krieg mit etwas heimgekehrt, was man heute wohl als posttraumatische Belastungsstörung kennt, damals aber totgeschwiegen wurde, starke Stimmungsschwankungen, Neigung zu Gewaltausbrüchen. Auch die Mutter war lieblos, gedankenlos. Die Kinder litten unter Vernachlässigung, besonders aber die jüngste Tochter, Lucy.
„Ich kenne den Schmerz noch so gut, den wir Kinder mit uns herumtragen, diesen Schmerz, der unser ganzes Leben vorhält, eine Sehnsucht, so groß, dass selbst zum Weinen kein Platz bleibt.“
Immer wieder schweifen Lucys Gedanken, auch wenn die Freude über die Anwesenheit der Mutter groß ist, ab in diese glücklose Zeit.
„Dann meine ich wieder, hören zu können, wie mein Herz in mir bricht, so wie man draußen auf den Feldern meiner Jugend manchmal – wenn sämtliche Bedingungen stimmten – hören konnte, wie der Mais wuchs.“
Lucy konnte ihrer Jugend in Amgash, im ländlichen Illinois nach New York entfliehen, eine eigene Familie gründen. Auch wenn der Preis der Bruch mit dem Elternhaus war. Wie stark die Bande aber immer bleiben, zeigt sich Lucy Barton während ihrer Krankheit. Sie sieht die Versäumnisse ihrer Mutter klar, aber da ist keine Anklage.
„…über eine Mutter, die ihre Tochter liebt. Unvollkommen. Weil wir alle nur unvollkommen lieben können.“
Die tiefe Verbundenheit, manchmal auch ungewollt, manchmal auch unglückselig, zwischen Müttern und Töchtern ist eines der Themen des Romans. Lucys Mutter wird es nicht schaffen, ihre Liebe auch einmal auszusprechen.
Und Elizabeth Strout ist natürlich Meisterin im Schildern des Alltäglichen, des sogenannten „normalen Lebens“.
Lucy Barton erinnert sich sehr viel später an die damaligen Tage im Krankenhaus, ihre Kindheit, ihre Jugend, aber auch an ihre gescheiterte Ehe mit ihrem damaligen Mann, das Verhältnis zu ihren eigenen Töchtern, die sie verließ, um Schriftstellerin zu werden.
Das ist ein weiteres Thema des Romans. Lucy Barton nimmt nach ihrem Krankenhausaufenthalt an einem Schreibworkshop teil. Sie entdeckt die Möglichkeit, ihre Vergangenheit schreibend zu verarbeiten.
Elizabeth Strout ermöglicht das, eine Metaebene in den Roman zu ziehen. Sie kann so immer wieder den Schreibvorgang selbst reflektieren. So schreibt sie z.B. mit der Stimme der Workshop-Leiterin, aber ganz sicher auch in eigener Sache:
„Es ist nicht meine Aufgabe, den Lesern den Unterschied zwischen einer Erzählstimme und dem persönlichen Standpunkt des Autors zu erklären.“
Und über die Aufgabe einer Schriftstellerin:
„…ihre Aufgabe als Schriftstellerin sei es, über das menschliches Dasein zu berichten, darüber, wer wir sind und was wir denken und was wir tun.“
So einfach, und so komplex. Und das tut Elizabeth Strout mit jedem Buch, leise, empathisch, unspektakulär und schonungslos und mit großem Können.

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15 Bibliotheken, 0 Leser, 2 Gruppen, 13 Rezensionen

irland, finanzkrise, roman

Die Gesichter der Wahrheit

Donal Ryan , Anna-Nina Kroll
Fester Einband: 256 Seiten
Erschienen bei Diogenes, 28.09.2016
ISBN 9783257069631
Genre: Romane

Rezension:

Einundzwanzig Menschen, einundzwanzig Leben, einundzwanzig Mal Erleben der gleichen Wirklichkeit und doch einundzwanzig verschiedene Wahrheiten. Verpackt in ebenso viele meist recht kurze Kapitel.
Der Aufbau von Donal Ryans Roman ist nicht unbedingt neu, aber hier sehr gekonnt umgesetzt.
Er erzählt aus einer kleinen irischen Gemeinde, die gerade in den Strudel der Finanzkrise geraten ist, die Irland bekanntlich besonders hart erwischt hat. Fast jeder hier ist unmittelbar davon betroffen.
Der örtliche Bauunternehmer Pokey Burke hat sich nach der Insolvenz ins Ausland abgesetzt. Seine Arbeiter und Angestellten stehen nun nicht nur von einem Tag auf den anderen ohne Job da, sondern müssen auch erfahren, dass jahrelang weder Sozial- noch Rentenabgaben für sie abgeführt wurden. Die Subunternehmer und Zulieferer bleiben auf ihren Rechnungen sitzen, die wenigen Hauskäufer auf enormen Hypotheken und unbehobenen Baumängeln.
Auch das sind natürlich keine neuen Erkenntnisse. So oder so ähnlich hat es sich nicht nur in vielen Ländern Europas sondern auch in den USA abgespielt. Und doch kommt man als Leser den Ereignissen durch die Unmittelbarkeit mit der die Personen hier ihr Erleben, ihre „Wahrheit“ schildern, sehr nahe.
Die Personen unterscheiden sich in dem Milieu, aus dem sie stammen, in ihrer Sprache, ihren Sichtweisen und durch das Zusammensetzen dieses Mosaiks durch den Leser erhält dieser einen authentischen, direkten Blick auf das Irland der Jahre 2011/2012. Mit fortschreitender Lektüre ermüdet die durchweg stark negativ geprägte Erzählweise allerdings etwas. Ist da nicht auch mal ein klein wenig Licht, ein bisschen Freude im Leben dieser, zugegebenermaßen stark gebeutelten Menschen? Da droht sich die Tristesse ein wenig totzulaufen und der Leser stumpft zunehmend ab. Das Ganze wird dadurch verstärkt, dass die meisten der Erzählenden einen extrem negativen Blick auf ihre Umwelt und besonders ihre Mitmenschen haben, auch in ihrer Ausdrucksweise stark verroht sind. Dysfunktionale Familien und entsetzliche Kindheiten scheinen die Regel. Auch das ist natürlich „Wahrheit“ und dies ist sicher nicht der erste Roman eines irischen Autors, in dem das Leben genauso geschildert wird. Trotzdem nimmt Donal Ryan dem Buch gerade durch die ungebrochene Grautönung ein wenig seine eigentliche Wucht. Die einzige „Lichtgestalt“ ist der Vorarbeiter Bobby Mahon, der trotz eigener schmerzlicher Erfahrungen Menschlichkeit verkörpert. Aber gerade er wird des Mordes an seinem völlig heruntergekommenen, alkoholkranken Vater angeklagt.
Ganz dezent und von der Leserin fast überlesen, knüpft der Autor an sein vorheriges Buch „Die Sache mit dem Dezember“ an. Ist der gewaltsame Tod des John Cunliff, jenes geistig etwas zurückgebliebenen Jungen, dessen Haus dem Bauboom vor der Immobilienkrise weichen sollte so etwas wie Initial und gleichzeitig Menetekel für die Vorgänge, die schließlich damit endeten, dass alles in dem kleinen Ort den Bach hinunter zu gehen scheint.
Trotz einiger Kritikpunkte ist Donal Ryan ein sehr eindrückliches, lesenswertes Buch gelungen. Durch die unterschiedlichen Perspektiven sehr facettenreich, durch die Thematik hochaktuell und erhellend, durch den Handlungsbogen bis zuletzt spannend und durch die zupackende Art zu erzählen sehr unmittelbar und unterhaltsam. 

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20 Bibliotheken, 2 Leser, 0 Gruppen, 5 Rezensionen

dbp 2016

Ein langes Jahr

Eva Schmidt
Fester Einband: 212 Seiten
Erschienen bei Jung u. Jung, 24.02.2016
ISBN 9783990270806
Genre: Romane

Rezension:

Eine Stadt am See - obwohl nie explizit erwähnt, leicht als Eva Schmidts Wohnort Bregenz zu identifizieren. Der Roman beginnt mit einer Totalen darauf. Es ist früh am Morgen, der Herbst beginnt und die Autorin zoomt langsam näher, nimmt eine Siedlung ins Visier, kleine Siedlungshäuschen, Villen, ein Hochhaus. In 38 meist sehr kurzen Kapiteln werden nun einzelne Bewohner vorgestellt, fast dreißig an der Zahl, gewähren dem Leser kurze Einblicke in ihr Leben, meist in der personalen, in einzelnen Fällen auch in der Ich-Perspektive.
„Sehnsüchtig sein heißt nicht wissen, wohin man möchte.“
Dieses Zitat von Robert Walser hat Eva Schmidt ihrem Buch vorangestellt. Sehnsüchtig sind die Menschen alle, auf unterschiedliche Weise auch orientierungslos, ohne Antwort auf die Frage wohin. Sie leben, wie die heutigen Menschen zumeist, mehr oder weniger beziehungslos nebeneinander her. Man sieht sich im Vorbeigehen, man grüßt sich, man weiß kaum etwas voneinander.
Aber man beobachtet sich – durch Fenster, von Balkonen, in Gärten, auf der Straße. Dadurch entstehen feine Beziehungsgeflechte, die der Leser zunehmend gespannt und fasziniert verfolgt. Wie kleine Mosaikteilchen passen die kleinen, anfangs eher etwas zusammenhanglosen Szenen schließlich zusammen und geben am Ende tatsächlich ein berührendes Bild eines ganzen Jahres.
Es wird gelebt und gestorben, Menschen werden alt und hilfebedürftig, Beziehungen zerbrechen, andere werden neu geknüpft, Träume blitzen kurz auf und werden meist zerschlagen, oft sind Hunde die letzten verbleibenden oder ersehnten Bindungen. Es ist eng dort in der Siedlung am See und ein wenig trostlos.
Einmal wagt ein unglücklicher Junge den Ausbruch, fährt mit dem Zug nach Innsbruck, dort auf einen Berg und verbringt die Nacht in einer Berghütte ganz allein. Kläglich kehrt er am nächsten Tag doch nach Hause zurück. Seine Abwesenheit wurde vom vielbeschäftigten, alleinerziehenden Vater gar nicht bemerkt.
Auch die ehemalige Reporterin, die allein mit ihrem Hund lebt, sehnt sich nach dem Draußen. Immer wieder klickt sie sich in die Webkamera von Peggy´s Cove in der kanadischen Provinz Nova Scotia ein. Ein Freund von ihr wohnt dort, einmal hat er für sie in die Kamera gewinkt, seiner Einladung ist sie nie gefolgt. Am Ende des Buches wird sie es aber sein, die ein Zeichen setzt für Aufbruch, für Neuanfang. Ein hellblaues Wohnmobil steht vor der Tür. Gibt es ein schöneres Symbol für Hoffnung?
Eva Schmidt erzählt sehr zurückhaltend, ihr Blick ist distanziert, aber nie ohne Anteilnahme. Das lässt ihren sehr kunstvollen, aber nie künstlichen Romanaufbau umso mehr wirken. Auch bei den traurigsten, erschütterndsten Szenen kommt zu keinem Zeitpunkt etwas wie Pathos oder Kitsch auf. Dadurch werden sie umso stärker.
Ein Jahr, um die dreißig Leben, gerade mal 200 Seiten – große Kunst.

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6 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 4 Rezensionen

belletristik, hörbuch, audiobuch, kindheit, mord

Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969

Frank Witzel , Frank Witzel
Audio CD: 10 Seiten
Erschienen bei Audiobuch, 01.12.2015
ISBN 9783899649369
Genre: Romane

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82 Bibliotheken, 2 Leser, 1 Gruppe, 23 Rezensionen

widerfahrnis, flüchtlinge, novelle, deutscher buchpreis, liebe

Widerfahrnis

Bodo Kirchhoff
Fester Einband: 224 Seiten
Erschienen bei Frankfurter Verlagsanstalt, 01.09.2016
ISBN 9783627002282
Genre: Romane

Rezension:

Amavero – Ich werde geliebt haben.
Auf langen Spaziergängen mit dem Vater hat Julius Reither einst das Konjugieren lateinischer Verben geübt. Amare – lieben – war eines davon. Sein Futur II – Ich werde geliebt haben – passt sehr gut zu der Geschichte, die Bodo Kirchhoff in seiner Novelle erzählt.
Julius Reither ist über 60 und war bis vor kurzem Verleger in einem Frankfurter Kleinverlag mit angeschlossener Buchhandlung. Als das Geschäft drohte einzuschlafen, wurde es liquidiert und mit den Erlösen ließ sich Reither in einer Wohnresidenz in den Bergen nieder.
Dort begegnet er nun die etwas jüngere Leonie Palm, die wiederum leitet in dieser Residenz einen Lesezirkel und möchte den Ex-Verleger gerne dafür gewinnen. Nicht ganz uneigennützig, denn auch sie selbst hat mit dem Schreiben begonnen nachdem ihr kleiner Hutladen Pleite gegangen ist.
Aus dieser Begegnung an Reithers Tür entsteht eine spontane nächtliche Fahrt an den benachbarten Achensee, aus der schließlich eine Reise bis nach Sizilien führt. Es folgt eine Roadnovelle, die sehr atmosphärisch und konzentriert erzählt wird.
Reither und Palm sind beide einsame Seelen. Beziehungen, seien es familiäre oder freundschaftliche, scheinen kaum zu bestehen. Leonie Palm leidet zudem unter dem Selbstmord ihrer Tochter. Zwei, die nahezu verzweifelt die Möglichkeit eines (letzten?) Aufbruchs zu etwas Neuem, Unbekannten und die Chance auf so etwas wie Nähe oder gar Liebe zu ergreifen versuchen.
Doch kommen sich die Beiden im Laufe der Reise wirklich näher? Reicht der Wille zur Liebe aus, oder gehört dazu nicht auch ein gewisses Maß an Liebesfähigkeit? Trotz allem teenagerhaften Händchenhalten bleiben sie sich erschreckend fremd. Reither bleibt Reither und aus „der Palm“ wird zwar schließlich „Die mit der er geschlafen hatte“, aber wirkliche Verbundenheit sucht man vergeblich. Reither, aus dessen personaler Perspektive erzählt wird, sucht die Liebe, ist in ihr aber seltsam ungeübt.
„Das Lieben, das Vergehen darin, alles Schmelzen, er hatte es immer vermieden und dafür Bücher gemacht, die davon erzählten.“
Konnte man nun vermuten, dass die „unerhörte Begebenheit“, die nach klassischen Maßstäben zur Novelle gehört, in dieser, mehr oder weniger scheiternden Liebesbegegnung besteht, diesem „Widerfahrnis“, so geschieht in Catania etwas, das einen neuen Aspekt in die Geschichte bringt. Die beiden Reisenden treffen in hier auf ein scheinbar unbegleitetes Flüchtlingsmädchen. Schon auf der Reise in den Süden fielen immer wieder die Menschen auf, die mit Sack und Pack auf dem Weg nach Norden sind. Bisher nur Schemen, Randgestalten an den Straßen, auf den Autobahnraststätten. Nun ein junges Mädchen, das ihnen billigen Schmuck verkaufen will. Sie nehmen sich ihrer an, lassen sie bei sich im Hotel schlafen, verpflegen sie und kleiden sie ein. Schließlich schaffen sie sie im Auto auf die Fähre zum Festland. Ohne große Absprachen scheinen sie sich einig, das Mädchen mitzunehmen. Ein Impuls, zu helfen, selbstlos, altruistisch? Eher nicht. Keiner von Beiden fragt das Mädchen, das bezeichnender Weise keinen Namen trägt, nach seinen Wünschen. Ihr Verbringen ins Auto ähnelt fast einer Entführung. Sehen hier zwei Wohlstandsbürger eine Chance zur Erfüllung eigener Sehnsüchte? Ist es das „Mädchen von sonst wo, mit dem vielleicht alles sinnvoll geworden wäre.“
Bodo Kirchhoff ist zu klug, als dass es klappen könnte mit der Liebe oder gar der erzwungenen Familie. Zudem prüft er Erzähltes und Sprache ständig auf ihre Tragfähigkeit. Reither ist ein Mann der Literatur. So beginnt er den Text mit dem Satz:
„Diese Geschichte, die ihm noch immer das Herz zerreißt, wie man sagt, auch wenn er es nicht sagen würde, nur hier ausnahmsweise, womit hätte er sie begonnen?“
Das ist einerseits reizvoll, andererseits auch ein wenig eitel. Wie überhaupt in der sehr großen Nähe des Autors zum Protagonisten für mich ein Problem steckt. Man muss gar nicht das oft verwendete, ziemlich despektierliche Wort der „Altherrenprosa“ verwenden, aber im Text herrscht ein gewisser Ton, eine gewisse Atmosphäre, die trotz aller Kunstfertigkeit, die er besitzt, bei mir ein Unbehagen auslösen.
Das Milieu ist leicht elitär. Man ist gebildet, lebt in finanzieller Sorglosigkeit in einer luxuriösen Residenz in den Alpen, war als Verleger und Inhaberin eines Hutladens zeitlebens abseits vom Durchschnittsbürgers Nun erfüllt man mit unzähligen gerauchten Zigaretten, dem Rotwein, der zu den absolut essentiellen Lebensbestandteilen zu gehören scheint, der Lederjacke oder dem BMW-Cabrio älterer Bauart einem ganz typischen Klischee. Zur finanziellen Unabhängigkeit kommt die Bindungslosigkeit und nach der Pensionierung auch die persönliche Freiheit. Nur etwas damit anzufangen scheinen die Protagonisten nicht zu können. Dazu passen dann auch die allfälligen Beschwerden über die heutige Welt, die keine „Hutgesichter“ mehr besitzt, bald „mehr Schreibende als Lesende“ hat etc.
Selbst Reithers Hadern mit seiner Kinderlosigkeit nachdem er einst seine damalige Partnerin Christine (übrigens auch auf einer Italien-Fahrt) zu einer Abtreibung gedrängt hatte, bekommt so etwas Selbstmitleidiges.
Da weiß man dann schon nicht mehr, das Einbetten der aktuellen Flüchtlingsproblematik richtig einzuordnen. Stellungsnahme oder nur ein wenig tagespolitischer Pep? Am Ende vermag Reither dann noch einer afrikanischen Familie zur Flucht zu verhelfen. Nicht nur allein durch die Anklänge an die heilige Familie auf der Flucht bekommt das Ganze etwas leicht Süßliches, das der Thematik nicht gut tut. Und das wiederum einen Zug ins Selbstmitleid erhält.
„Diesen jungen Mann auf der Flucht, den beneidete er um sein Leben ohne Dach und ohne Bett, ohne Konto und ohne Fürsprache, mit nichts in der Hand außer Frau und Tochter und dem eigenen Mut.“
Bodo Kirchhoff hat Vieles sehr gut gemacht. Die Novelle ist klug und präzise gebaut, in eleganter Sprache verfasst, fängt die Atmosphäre einer Fahrt in den Süden perfekt ein, vereinigt immerwährende Themen wie Liebe und Altern mit einem brisanten neuen, nämlich der Flüchtlingsbewegung und schafft gegen Ende eine zunehmend ansteigende Spannung. Außerdem lässt er den Schaffensprozess, die Verfertigung des Textes wie nebenbei einfließen.
Trotzdem: Ich habe mich seltsam unwohl gefühlt in diesem satten, selbstbezogenen Milieu.

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37 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 25 Rezensionen

italien, ferrara, schuld, drogen, familie

So glücklich wir waren

Daria Bignardi , Julika Brandestini
Fester Einband: 317 Seiten
Erschienen bei Insel Verlag, 11.09.2016
ISBN 9783458176800
Genre: Romane

Rezension:

„Almamaio, das ist der Klang meines früheren Lebens, jenes glücklichen.“
„Aal-maa-maa-ioo“ so erschallte es, wenn die Mutter nach ihren beiden Kindern rief. Alma und Maio, nur ein Lebensjahr auseinander, hatten von Beginn an eine symbiotische Beziehung. Keiner konnte ohne den anderen, mit Maios späterer Freundin Michela bildeten sie eine Dreierbande. Eine Freundschaft die bis zu jenem Abend unzerstörbar schien, an dem Alma die Idee hatte, einmal Heroin auszuprobieren. Eine Provokation, eine Eskapade, eine verrückte Idee für sie, der Beginn einer zerstörenden Drogensucht für Maio und am Ende der Bruch zwischen Geschwistern und Freunden.
Denn eines Abends verschwindet Maio spurlos. Alma hatte sich bereits von ihm abgewandt, fast erbost über „seinen Weg.“ Die Mutter, eine Apothekerin, versuchte vergeblich, ihrem Sohn mit Ersatzdrogen selbst zu helfen, sei es weil sie wusste, dass er an einer Entziehungskur zerbrechen würde, sei es, um die Angelegenheit zu vertuschen. Der Vater, selbst ein schwacher, zu Depressionen neigender Charakter, hat einfach nur weggesehen.
Und nun, wie so oft, zerbricht die Familie. Alma gibt sich die Schuld an der Drogensucht ihres Bruders, die Mutter zieht sich in sich selbst zurück, der Vater fällt in einen untypischen Aktionismus, versucht verzweifelt, Maio zu finden. Schließlich siegen Verzweiflung und Depressionen, er erschießt sich.
Diese furchtbaren Fakten erfahren wir relativ früh. Alma hat sich entschlossen, nach jahrzehntelangem Schweigen endlich mit ihrer Tochter Antonia über dieses Familienschicksal zu sprechen. Diese ist schwanger, Kriminalschriftstellerin und ihr Spürgeist geweckt.
Was steckt hinter Maios Verschwinden? Ist er tatsächlich tot? Sie entschließt sich, aus ihrer Heimatstadt Bologna nach Ferrara zu reisen, dem Kindheitsort der Mutter.
Der Leser erfährt fortan peu à peu die näheren Umstände, und zwar abwechselnd aus der Sicht Almas, die mehr in der Vergangenheit weilt, und Antonias, die ihrer Mutter helfen will, ihre quälenden Selbstvorwürfe zu bekämpfen. Das Schweigen der Mutter, Schutz Almas oder Selbstschutz, können die beiden dabei aber nicht überwinden. Es dauert schon zu lange an.
In Ferrara erfährt Antonia einige neue Tatsachen, nimmt Kontakt zu damaligen Bekannten auf, durchstreift die Stadt. Sie erfährt dabei einige Neuigkeiten, die die alte Geschichte in ein ganz neues Licht tauchen. Aber soll sie diese ihrer Mutter mitteilen oder ist Schweigen doch manchmal die bessere Alternative, zumal die Mutter endlich ihren Frieden gemacht zu haben scheint?
Es ist Frühling in Ferrara. Noch hat die Sonne nicht diese südländische Kraft, noch hängen Nebel über der Stadt, wehen Stürme an der ausgestorbenen Küste. Ein perfektes Setting für die geheimnisvolle, melancholische Stimmung, die überwiegend auf dem Buch liegt.
Daria Bignardi ist dabei eine Meisterin der atmosphärischen Schilderung. In einer schnörkellosen, aber äußerst fesselnden Sprache erzählt sie ihre Geschichte um Schuld und Schuldgefühle, die Schatten der Vergangenheit, Geborgenheit der Familie und Einsamkeit des Einzelnen, Wahrheit und Verschweigen. Dabei zeichnet sie psychologisch eindrucksvolle Porträts und entwickelt nicht zuletzt durch die kriminalistischen Elemente eine ungeheure Sogkraft.
Am Ende steht die Hoffnung, dass mit Antonias Kind eine neue Generation ganz frei von den verschwiegenen Familiengeheimnissen aufwachsen kann.

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12 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 3 Rezensionen

nach, backen

Schlaflose Nacht

Margriet de Moor , Helga van Beuningen
Fester Einband: 128 Seiten
Erschienen bei Hanser, Carl, 25.07.2016
ISBN 9783446252806
Genre: Romane

Rezension:

Die erzählte Zeit in Margrit de Moors bereits 1989 im Original und 1994 in deutscher Übersetzung unter dem Titel „Auf den ersten Blick“ nun in neuer Übersetzung erscheinenden Novelle umfasst, ganz wie der Titel verrät, nur eine Nacht. Es sind sogar nur einige wenige dieser Nachtstunden, genau so lange, wie die Zubereitung von Herrnhuter Sandküchlein, Apfelkuchen, Bretonischer Schinkenquiche und, in dieser Nacht, noch Russischem Napfkuchen dauert.
Denn die bis zum Ende der Novelle unbenannte Ich-Erzählerin leidet in dieser Nacht unter einer ganz besonders hartnäckigen Schlaflosigkeit. Durchwachte Nächte sind für sie seit „damals“ eigentlich die Regel. Manchmal versucht sie sie in den Armen von durchs Internet gemachten Männerbekanntschaften zumindest für ein paar Stunden zu entfliehen. Und tatsächlich liegt auch in diesem Moment ein Mann in wohlig sattem Schlaf in ihrem Bett. Allein in dieser Nacht gelingt diese Art der Betäubung nicht, kommen ihr, vielleicht gerade weil sie mit dem Unbekannten eine ungewohnte Nähe verspürte, sie ihm über die sonst üblichen Maße zugetan war, kommen ihr massiv Gedanken an „damals“, die sie doch gerade durch das Befriedigen ihrer sexuellen Bedürfnisse zu betäuben versucht.
„Damals“, das war die kurze, selige Zeit ihrer Liebe zu und Ehe mit Ton, die fürs Leben gedacht war und doch nur 14 Monate dauerte, ihr „Lebensmensch“, den sie doch so wenig kannte, dass sie völlig überrumpelt wurde von seinem Selbstmord. Kein Abschiedsbrief, kein noch so gründliches Wühlen haben ihr seitdem erklären können Warum, was da geschah. Auch zwanzig Jahre später raubt ihr das im wahrsten Sinne des Wortes den Schlaf. „Ein ganz normaler Mann, der keine eineinhalb Jahre meines Lebens mit mir geteilt hat, hatte sich nach einem Schuss in einem Treibhaus in ein wahnsinnmachendes Geheimnis verwandelt.“
Nun in ihrer Küche schweifen ihre Gedanken zu der kurzen glücklichen Zeit mit Ehemann Ton, der Zeit nach seinem Selbstmord, ihren späten Bemühungen, ihn gewissermaßen nachträglich kennenzulernen. Margrit de Moor erzählt von dieser „unerhörten Begebenheit“ in ihrer bekannt virtuos nüchtern-klaren Sprache. Psychologisch genau und behutsam, wie auf leisen Sohlen. Wenn der Kurzzeitwecker klingelt, schließlich auch der Napfkuchen gar ist, weiß die Ich-Erzählerin auch nicht mehr als zuvor. Aber eine weitere schlaflose Nacht ist überstanden.

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1 Bibliothek, 0 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

Martha und ihre Söhne

Kurt Oesterle
Fester Einband: 180 Seiten
Erschienen bei Klöpfer & Meyer, 22.02.2016
ISBN 9783863514143
Genre: Romane

Rezension:

Literatur über die unmittelbare Nachkriegszeit erzählt meist aus männlicher oder kindlicher Sicht. Es sind die heimkehrenden Männer, die sich in der sogenannten „Trümmerliteratur“ ihren Platz ins Leben zurückschreiben wollen, es sind die Schriftsteller, die sich an ihre Kindheit in jenen Jahren erinnern. Zudem gibt es eine deutliche Überzahl derjenigen Romane, die sich mit der Zeit des Nationalsozialismus, besonders auch der Verfolgung und Ermordung der Juden und anderer Bevölkerungsgruppen oder dem grausamen Kriegsgeschehen beschäftigen. Zumindest mir sind relativ wenige, zumal neuere literarische Werke bekannt, die sich intensiv mit der Zeit unmittelbar nach 1945 beschäftigen. Und dann noch die Perspektive einer jungen Frau, deren Sozialisation nahezu vollständig im Dritten Reich erfolgte, einnehmen.
Martha war nicht nur Mitläuferin des NS-Regimes. Sie war eine der jungen Frauen, deren begeisterte Ausbrüche man in Dokumentarfilmen über diese Zeit staunend wahrnimmt und die denen junger Beatles-Fans in Nichts nachstanden. Hitler-Deutschland war ihr nicht nur räumlich, sondern vor allem emotional und ideell Heimat. Auch nach dem Zusammenbruch lässt sich eine solche tief empfundene Verbundenheit nicht einfach lösen.
„Sie war nur der stets zweifelsfreien Ansicht gewesen, dass alles, was ringsum geschah, richtig und großartig sei. Und dass ihr Volk, wenn sie ehrlich mit sich war, andere Völker versklaven und ausrotten dürfe.“
Nun kam im Mai 1945 „die Rache der Sieger, (…) die Strafe, ihr Richtspruch über die Besiegten: die Eingliederung ihres Volkes in die große Völkerherde.“
Angst beherrscht Martha nun, aber pragmatisch wie sie ist, lässt sie sich zunächst einmal schwängern, im Glauben, als Mutter vor der Wut des Siegers besser geschützt zu sein.
Doch bald muss Martha erkennen, dass auch die Sieger anders sind als von ihr gekannt.
„Vor Siegern, die nicht zupacken und Zwang ausüben konnten, sondern nur appellieren, aufwecken und überzeugen wollten, empfand sie keinerlei Achtung und noch weniger Furcht.“
So verläuft die sogenannte „Entnazifizierung“ durch die Amerikaner für Martha und etliche wie sie nahezu folgenlos. Aber es ist die bekannte Mär von der „Stunde Null“, dem Neuanfang, der aus Millionen treuer Nationalsozialisten plötzlich Demokraten machte.
Kurt Oesterle schildert beeindruckend, dass und warum das nicht funktionieren konnte. Beschreibt aber auch auf eindrucksvolle Art und Weise die teils naiven, immer aber humanitären Bemühungen der Besatzer. Appelle wie
„Nützt die kostbare Zeit, euch zu bilden, aber nicht allein, um im Beruf voranzukommen, sondern vor allem um euch zu schützen gegen politische Verdummung und Verführung.“ Und
„Ihr, die kleinen Leute, seid nämlich die Hauptnutznießer der Demokratie. Keine andere Staatsform bietet euch so viele Vorteile. In Diktaturen seid ihr nur als Mittäter, Beifallspender…“
sind heute, gerade heute wieder, so aktuell wie damals. Wie schwer und langwierig die Erziehung zu demokratischem Denken ist, dürften wir Westdeutsche wissen und müssten auch die Vorgänge in anderen Landesteilen und überall auf der Welt verstehen, die erneut gemachten Versäumnisse erkennen. Demokratisches Verständnis kann nicht einfach „übergestülpt“, sondern muss mühsam erarbeitet und erfühlt werden.
Kurt Oesterle schafft mit „Magda und ihre Söhne“ somit nicht nur ein beeindruckendes Porträt der unmittelbaren Nachkriegszeit aus der Sicht einer Durchschnittsfrau, sondern schafft auch frappierende Parallelen zum Heute. Ist Marthas Gefühl der „Behütetheit“ im alten Regime, der „Geborgenheit in wohliger Unmündigkeit“ und schließlich ihr „Heimweh nach der alten, Wut auf die neue Zeit“ durchaus auch ein heute in ähnlicher Form anzutreffendes Phänomen.
Kurt Oesterles Bestreben, die geschilderten Dinge bis in tiefe Schichten zu durchleuchten und zu erklären, verhindert vielleicht die große emotionale Nähe zu seinen Personen, sein klarer, nüchterner, analytischer Stil geht in dieselbe Richtung. Fabulierlust ist das nicht. Dafür hat er ein sehr aufschlussreiches, nachdenklich machendes und wichtiges Stück Literatur geschaffen.

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14 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

Sophia, der Tod und Ich

Thees Uhlmann
Audio CD
Erschienen bei Grand Hote (Indigo), 06.11.2015
ISBN 4015698002126
Genre: Romane

Rezension:

Ich mag ja keine betont lustigen Bücher. Besonders eine extra lässige Ausdrucksweise kann ich meist schwer ertragen. Und wenn wieder ein Musiker/Schauspieler/Moderator in die schreibende Zunft wechselt, bin ich extrem skeptisch.
Das Schöne an solchen Voreingenommenheiten ist, dass man damit gehörig falsch liegen kann. Und wenn man dann auf vertrauenswürdige Empfehlungen hört, kann man manchmal ganz unverhofft eine Entdeckung machen.
So geschehen bei Thees Uhlmanns Roman „Sophia, der Tod und ich“, auf den tatsächlich alle drei oben angesprochenen Punkte zutreffen.
Der Sänger der Band „Tomte“ erzählt betont locker eine haarsträubende Geschichte: Eines Tages steht vor der Tür des Ich-Erzählers der Tod.
Sehr höflich, korrekt im schwarzen Anzug, aber unerbittlich. Noch drei Minuten bleiben, selbst der letzte Wunsch ist noch drin, aber dann, leider, „irgendwas mit dem Herzen“. Kein schöner Moment, aber man nimmt es relativ gelassen, wie der Erzähler im Verlauf der Geschichte eigentlich fast alles recht entspannt angeht. Da passiert das noch nie Dagewesene und es klingelt erneut an der Haustür, das mit dem Sterben geht plötzlich nicht mehr, irgendetwas läuft nicht so wie sonst, Sophia steht vor der Tür. Sophia ist die Ex und wollte nur kurz an den Geburtstag der Mutter erinnern. Aber jetzt hat sie den Tod gesehen und muss bleiben. Der Tod scheint selbst nicht so ganz den Durchblick zu haben und deshalb beschließen die Drei erst einmal, die Mutter zu besuchen. Ein Abschiedsbesuch sozusagen, der schließlich auch noch auf den bei der recht zickigen Mutter lebenden Sohn, der den Vater bislang nur einmal sehen durfte, aber nahezu täglich eine Postkarte von ihm erhält, ausgedehnt wird.
Ein Roadtrip mit Tod beginnt und endet mit einem großen Show-Down. Haarsträubend wie gesagt.
Und, wie erwähnt, in einer coolen, lässigen Sprache verfasst, auch die übelsten Kalauer nicht scheuend, sich nicht das Geringste um Plausibilität oder Logik kümmernd.
Und, man hört und staunt, trotzdem mit so viel Warmherzigkeit, Melancholie und Lebensklugheit, ich möchte fast sagen Lebensweisheit versehen, dass die Leserin abwechselnd laut lachen, versonnen innehalten und gerührt schniefen musste. Und Thees Uhlmann liest seinen eigenen Text ganz wunderbar.

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101 Bibliotheken, 2 Leser, 1 Gruppe, 69 Rezensionen

italien, insel, sizilien, roman, familie

Die langen Tage von Castellamare

Catherine Banner , Marion Balkenhol
Fester Einband: 480 Seiten
Erschienen bei List Verlag, 12.08.2016
ISBN 9783471351307
Genre: Romane

Rezension:

Es sind die alten Geschichten, über Generationen weitererzählt, die italienischen Volksmärchen mit ihrem magischen Ton, die den Arzt Amedeo Esposito faszinieren, die er in einer dicken Kladde sein ganzes Leben lang sammelt, die auch noch seine Nachkommen lange Zeit begleiten und die Catherine Banners Roman strukturieren.
Es sind schicksalhafte Erzählungen von der Inselheiligen Agata, von den geheimnisvollen Höhlen am Meer, voll mit alten Knochen und Gebeinen, von Königstöchtern und mutigen Fischern, den Fischern der Insel Castellamare irgendwo im weiten Meer vor Sizilien.
So entwickelt auch die Autorin eine im besten Sinne altmodische Familiengeschichte: in epischer Breite, mit einem allwissenden Erzähler, der all die Personen, die zwischen 1914 und 2009 auf der Insel leben, sterben, geboren werden, lieben, hoffen und verzweifeln in einem großen, wunderbar zu lesenden Epos vereinigt.
Da ist jener Amedeo Eposito, der als junger Mann als Gemeindearzt auf die Insel kommt, nach anfänglicher Skepsis von den Menschen akzeptiert und aufgenommen wird, heiratet, Vater wird, wegen eines Seitensprungs seine Stelle verliert, eine Bar aufmacht, zwei seiner Söhne im Krieg verliert.
Da ist seine Tochter Maria-Grazia, die einen im Krieg verwundeten britischen Offizier liebt, die Bar ihres Vaters erfolgreich weiterführt.
Und da sind ihre Söhne Sergio und Giuseppino, Kontrahenten von Anfang an.
Mit der Enkelin Maddalena erreicht die Geschichte schließlich das Jahr 2009.
„Die langen Tage von Castellamare“ (wieder so ein zweifelhafter Titel, welche langen Tage?, heißt das Buch doch im Original viel treffender nach dem Mittelpunkt des Ganzen, der Bar „Das Haus am Ende der Nacht“) erzählen keine neue Geschichte. Die Insel liegt zwar weit ab, aber auch hier spielen sich die gleichen Dinge ab wie überall auf der Welt. Es wird gelebt und geliebt, ein wenig karger vielleicht als anderswo, Kinder werden geboren, werden erwachsen, Hoffnungen werden gehegt und zerschlagen, Glück und Unglück liegen nah beieinander. Kriege, Weltpolitik, zögerlicher Wohlstand, der Mittelmeertourismus mit seinen Chancen und Gefahren, die Finanzkrise – auch auf Castellamare bekommt man das zu spüren, ein wenig gedämpft vielleicht, ein wenig verzögert.
Auch wenn also weder Form noch Inhalt des fast 500 Seiten starken Romans überraschen, ist er ein großes, wunderbares Lesevergnügen. Niemals platt, niemals kitschig und niemals in Klischees versinkend, mit großem, ruhigen Atem erzählt, kann der Leser ohne Reue eintauchen in die Welt von Castellamare und sie am Ende ein wenig wehmütig verlassen. Beste Unterhaltung!

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58 Bibliotheken, 2 Leser, 0 Gruppen, 26 Rezensionen

schweden, einsamkeit, alter, freundschaft, brandstiftung

Die schwedischen Gummistiefel

Henning Mankell , Verena Reichel
Fester Einband: 480 Seiten
Erschienen bei Zsolnay, Paul, 22.08.2016
ISBN 9783552057951
Genre: Romane

Rezension:

Ein letzter Roman von Henning Mankell – da ergreift die Leserin, die über 25 Jahre hinweg immer wieder Bücher des Autors gelesen und geliebt hat, eine gewisse Wehmut.
Wehmut, ja Schwermut sind auch die Grundstimmungen in „Die schwedischen Gummistiefel“, die Mankell bereits mit seiner Krebsdiagnose verfasst und kurz vor seinem Tod im Oktober 2015 veröffentlicht hat.
Die Geschichte knüpft nicht nur im Titel an den 2007 erschienen Roman „Die italienischen Schuhe“ an. Darin wurde von dem alternden Chirurg Fredrick Welin erzählt, der nach einem fatalen Kunstfehler den Beruf aufgibt und sich in die Einsamkeit einer Schäreninsel zurückzieht. Eines Tages steht seine ehemalige Lebensgefährtin Harriet vor der Tür (genauer gesagt mit dem Rollator auf dem Eis) und will ihn, sterbenskrank, nicht nur noch einmal sehen, sondern präsentiert ihm auch die gemeinsame Tochter Louise, von der er bislang nichts wusste.
War auch in dieser Geschichte die Grundstimmung eine melancholische, war Welin auch damals einsam, menschenscheu, wenn nicht gar menschenfeindlich, voll einer unbestimmten Wut, mit einem schwierigen Verhältnis zu seiner Umwelt belastet, so steht über den „Schwedischen Gummistiefeln“ von Beginn an die bereits im Motto, einem Zitat aus dem Rolandslied, erwähnte Trauer. „Viel hat der gelernt, der die Trauer kennt.“
Gleich zu Anfang verliert Fredrick Welin sein Haus und seine ganze Habe bei einem fatalen Brand, dem auch er nur um ein Haar entkommt. Er steht nicht nur ohne alles Materielle da, sondern wird auch noch der Brandstiftung verdächtigt. Allerdings nur solange, bis das nächste Haus im Schärengarten in Flammen aufgeht. Da ist Welin allerdings bereits bis in seine Grundfeste erschüttert. Die Welt erscheint ihm schon lange zunehmend unbegreiflich, er ist fest verankert im alten Jahrhundert, Dinge wie Internet scheinen für ihn nicht zu existieren. So gestaltet sich auch die Beschaffung jenes Paars Gummistiefel als extrem schwierig, von denen den heutigen Menschen vermutlich nur ein Klick im World Wide Web trennt. In Schweden gefertigt müssen sie sein. Immer wiederkehrende Spitzen gegen in China gefertigte Massenware kann sich der Autor nicht verkneifen.
Mankell greift mit den Stiefeln das Motiv des Vorgängerromans auf, in dem am Ende ein Paar wunderschöner, traditionell handgefertigter „Italienischer Schuhe“ auf Welins Insel ankommen – auch damals schon ein Symbol für eine hoffnungsvollere Zukunft. Auch die Schwedischen Gummistiefel werden – so viel sei verraten – am Ende eintreffen.
Bis dahin wird sich Fredrick Welin der Vorwürfe, sein Haus selbst angezündet zu haben, erwehren müssen, wird sich in die 30 Jahre jüngere Journalistin Lisa Modin verlieben, von der Schwangerschaft seiner Tochter Louise erfahren, diese in Paris nicht nur aus dem Gefängnis holen, in das sie nach einem Taschendiebstahl gelangte, sondern auch ihren Mann und dessen Familie kennenlernen, zwei Todesfälle zu betrauern haben und viel mit dem Boot durch den Schärengarten gefahren sein.
Die Schärenlandschaft ist so etwas wie eine zusätzliche Hauptprotagonistin im Roman. Mankell beschreibt sie immer wieder äußerst eindrucksvoll und poetisch und sie passt in ihrer herbstlichen Stille perfekt zu der Ruhe, Melancholie und nachdenklichen Bedächtigkeit, mit der Mankell erzählt. Auch wenn von einem ganzen Jahr berichtet wird, befindet man sich als Leser gefühlsmäßig immer in dieser Herbststimmung.
Denn wenn auch ziemlich viel geschieht, sind die eigentlichen Themen, um die es geht, das Vergehen der Zeit, das Altern, der Tod und die Frage nach dem Neuanfang. Bis wann ist dieser möglich, ergibt er noch einen Sinn, hat man überhaupt noch die Kraft dafür? Fragen, die sich Welin nach dem Verlust von Hab und Gut ganz konkret stellen, die aber auch in existenzieller Form bestehen. Bisher war für ihn „das Altern (…)ein Nebel, der still übers Meer herangezogen kam.“ Nun fühlt er „Der Schritt über die unsichtbare Grenze zu tun, war das Äußerste, was mir noch im Leben blieb. Es war ein Schritt, den ich fürchtete, mehr als ich es geahnt hatte.“
Auch wenn das Buch sehr versöhnlich und sogar hoffnungsfroh mit der Geburt der kleinen Enkelin, dem Wiederaufbau des Hauses und sogar dem Eintreffen der ersehnten Gummistiefel endet, bleibt der berührten Leserin ein dicker Kloß im Halse stecken. Oder vielleicht gerade deshalb. Weiß sie doch, dass es für den wunderbaren Autoren Henning Mankell diesen Neuanfang nicht gab.


"Bald würde der Herbst kommen. Aber die Dunkelheit schreckte mich nicht mehr.“

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154 Bibliotheken, 7 Leser, 1 Gruppe, 73 Rezensionen

frankreich, fiktion, literatur, wahrheit, identität

Nach einer wahren Geschichte

Delphine de Vigan , Doris Heinemann
Fester Einband: 350 Seiten
Erschienen bei DuMont Buchverlag , 24.08.2016
ISBN 9783832198305
Genre: Romane

Rezension:

Delphine de Vigan treibt ein listiges Spiel mit dem Leser. Sie erzählt „Nach einer wahren Geschichte“ und erzählt darin von der Schriftstellerin Delphine, die nach dem überwältigenden und auch überraschenden Erfolg ihres vorherigen, autobiografischen Buchs, das vom Selbstmord der psychisch kranken Mutter erzählt, in eine tiefe Krise gerutscht ist. Eine Schreibblockade, ja geradezu Ekel vor dem Schreiben treibt sie um. Sie steht am Beginn einer Depression, wird immer wieder von Selbstzweifeln geplagt.
Schon zu Beginn stellt sich der Leser natürlich die Frage: Wieviel Delphine de Vigan steckt in dieser Delphine, stimmen doch auch etliche weitere biografische Daten von Autorin und Erzählerin überein: Alter, Aussehen, Familienverhältnisse, Wohnort und, wie gesagt, die literarische Biografie. Aber das Buch will ausdrücklich ein Roman sein.
Und da beginnt es auch schon, das Spiel um Autobiografie, Autofiktion und Fiktion, das Delphine de Vigan hier mit uns spielt. Etliche Male glaubt man, in einem dieser Genres fest verankert zu sein, da wirft die Autorin alle Gewissheiten über Bord. Sie verhandelt den zunehmenden Anspruch des Lesepublikums nach wahren Geschichten, die zunehmende Abwehr des Fiktionalen, die sie als Autorin meint zu verspüren. Dabei steht sie auf dem Standpunkt, dass bereits das Aufschreiben von „Wahrheit“ diese fiktionalisiert und verfälscht. Diese fast literaturwissenschaftlichen Erörterungen sind zwar interessant, nehmen aber im Roman teilweise etwas ermüdend viel Raum ein.
Dahinter verschwindet fast die „eigentliche“, „wahre“ Geschichte. Die erzählt von der Freundschaft zu L. (elle=sie im Französischen), die in gerade dieser psychisch sehr labilen Zeit geschlossen wird und zunehmend Raum in Delphines Leben beansprucht. Hat sich die Erzählerin zunächst als sehr auf Unabhängigkeit bedachten Menschen dargestellt, die auch mit ihrem langjährigen Lebenspartner François in getrennten Wohnungen lebt, ihre zwei Kinder aus einer früheren Ehe allein großzieht, lässt sie ihr Leben nach und nach von L. kapern. Schließlich führt diese ihre Korrespondenz, springt für sie bei Lesungen ein, nähert sich ihr auch optisch immer näher. Eine Nähe, die immer bedrohlicher wird. Dabei bekommen wir die Vorgänge stets nur von Delphine selbst geschildert. Im Leser keimt der Verdacht, dass hier etwas nicht stimmt, dass die Erzählerin nicht zuverlässig ist. Zumal niemand aus ihrer Umgebung diese L. je zu Gesicht bekommt.
Existiert L. überhaupt? Ist sie eine der Depression geschuldete Einbildung Delphines? Oder dient sie sogar nur der Autorin zu ihren klugen Auseinandersetzungen zum Thema Schreibhemmung, dem Konflikt zwischen Wahrheit und Fiktion in der Literatur oder dem Umgang mit den Erwartungen der Lesern, besonders nach einem absolut überwältigenden Bucherfolg zuvor? Auch die Konflikte, die mit nahestehenden Personen, etwa der Familie nach der Veröffentlichung eines derart offenen autobiografischen Werks, wie es Delphine de Vigans „Das Lächeln meiner Mutter“ war, wird thematisiert. Treffen doch immer wieder unflätig formulierte (Droh)briefe ein, deren Absender bis zum Ende nicht identifiziert werden können. Aber existieren sie überhaupt?
Besonders gegen Ende entwickelt die Autorin einen starken Sog und eine hohe, fast an Thriller erinnernde Spannung, die gelegentliche Längen in der Mitte des Buches fast vergessen machen. Man folgt dem klugen Spiel bereitwillig und nimmt gern die literarischen Verweise auf, die zuhauf im Buch stecken. Gegen Ende werden einige davon enttarnt, aber auch gleich zu Beginn könnte man ahnen, in welche Richtung es geht, wählt Delphine de Vigan doch bereits als erstes Motto einen Auszug aus dem von dem von ihr sehr geschätzten Stephen King verfassten Roman „Sie“ (=elle=L.). Auch in diesem Buch geht es um einen von einem Fan gekidnappten Autoren, und auch diese Begegnung geht nicht gut aus.
Wieviel also an dieser „wahren Geschichte“ nun tatsächlich wahr ist, bleibt auch am Ende unklar. Was aber völlig unbedeutend ist, da man über weite Strecken fasziniert einem intelligenten Spiel um Wahrheit und Fiktion und das Schreiben gefolgt ist. Ein wenig wirkt es wie ein hinterlistiger Seitenhieb auf die Erwartungshaltung jener Leser, die, geprägt durch die inflationären Reality-Formate, jedes Buch auf seinen Wahrheitsgehalt zerpflücken, wobei der literarische Wert völlig in den Hintergrund rückt. Hier wird Wahrheit in einem schwindelerregenden Wirbel fiktionalisiert.
Es ist aber ein Schwindel, der nicht nur Spaß macht, sondern auch nachdenklich.

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9 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

beziehung, vergebung, tod, einsamkeit

Die italienischen Schuhe

Henning Mankell , Verena Reichel , Axel Milberg
Audio CD
Erschienen bei Der Hörverlag, 10.06.2009
ISBN 9783867174411
Genre: Romane

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223 Bibliotheken, 16 Leser, 1 Gruppe, 75 Rezensionen

neapel, freundschaft, italien, armut, bildung

Meine geniale Freundin

Elena Ferrante , Karin Krieger
Fester Einband: 422 Seiten
Erschienen bei Suhrkamp, 29.08.2016
ISBN 9783518425534
Genre: Romane

Rezension:

Wie kommt es zu dem unglaublichen Hype, der um dieses Buch gemacht wird? Welcher Nerv wurde da nahezu weltweit getroffen?
Es brauchte erst den unglaublichen Erfolg in den USA und Großbritannien, wo Elena Ferrantes Neapel-Tetralogie auch die Weihen der hohen Literaturkritik und das Lob bedeutender Schriftstellerkollegen wie etwa Jonathan Franzen erhielt, um aus dem beachtlichen Erfolg in Italien einen Sensationserfolg zu machen, der nun auch in Deutschland veröffentlicht wird. Zwar gibt es auch ein Paar Rufer, die mahnen, dass der Kaiser ja nackt ist (wie hier bei lovelybooks Himmelfarb) und auch der Begriff Trivialliteratur fiel das ein oder andere Mal. Insgesamt wird der Roman aber beinahe enthusiastisch aufgenommen. Der Verlag reagiert mit einer enormen Publicitykampagne und sicher kommt dem Ganzen noch die Tatsache zugute, dass es sich bei Elena Ferrante um ein gut gehütetes Pseudonym handelt. Niemand weiß, wer dahinter steckt, die Gerüchteküche kocht hoch.
Das alles bringt zwar den Verlagen sicher Rekordeinnahmen (und die seien ihnen mehr als vergönnt), schaden meiner Meinung nach aber dem Buch. Denn bei all dem hochkochenden #ferrantefever kann es doch selbst, für sich allein, höchstens eine mäßig erhöhte Temperatur hervorrufen. Was gar nicht so schlecht wäre.
Denn die Geschichte um zwei Freundinnen aus einfachsten Verhältnissen, ihr gemeinsames Aufwachsen in einem wenig privilegierten Rione (Bezirk) Neapels in den Fünfziger Jahren und ihren weiteren Weg malt zunächst einmal ein breit angelegtes Gesellschaftsporträt. Zehn Familien mit unzähligen Angehörigen bevölkern den Roman. Ein Personenverzeichnis und Ferrantes geschickte Führung sorgt dafür, dass man dennoch meist den Überblick behält. Es wimmelt in den Gassen von Kindern, da wird geschustert und getischlert, auch die Camorra sitzt schon am Tisch. Das ist ziemlich gut und atmosphärisch geschildert. Dazwischen versuchen die zwei Mädchen Elena und Raffaella ihren Weg zu finden. Hochbegabt die Eine, fehlt ihr aber die nötige familiäre Unterstützung und vielleicht auch der letzte Wille, sie verlässt die Schule früh und sucht ihr Glück in der Heirat mit einem wohlhabenden, vielversprechenden Mann. Da ist sie erst 16. Ihre Freundin ist weniger talentiert, aber ehrgeizig, fleißig und mit dem Quäntchen mehr Glück ausgestattet, was ihr im Endeffekt Abitur und Aussicht auf ein Studium einbringt.
Die Freundschaft der Beiden, und die meisten Kritiker bejubeln in erster Linie die Darstellung einer Frauenfreundschaft, ist von Anfang an, bei aller Zuneigung, durch ein hohes Maß an Konkurrenz und Neid, vor allem der erzählenden Elena, geprägt. Für mich ist sie eher ein Negativbeispiel. So wie die Erzählerin für mich zunehmend unerträglicher wird in ihrer arroganten Art, ständig ihre Bestleistungen und Erfolge vor sich hertragend.
Dabei sind die Figuren im Buch nicht flach angelegt, sondern durchaus ambivalent. Manchmal erscheinen Raffaella (Lila) und Elena sogar wie zwei Möglichkeiten einer weiblichen Existenz zur damaligen Zeit.
Leider verliert sich das Buch oft in der allzu genauen Schilderung unerheblicher Begebenheiten oder Gefühlslagen, wirkliche Ereignisse werden dagegen oft nur aneinander gereiht. Bestimmte Dinge, wie z.B. die schulischen Erfolge Elenas oder das Wer mit Wem der neapolitanischen Jugendlichen werden ständig wiederholt. Politische und zeitgeschichtliche Faktoren fließen dagegen nur in homöopathischen Dosen ein. Das mag am Alter der Protagonisten liegen, das sich mehr um sich selbst als um die Welt dreht (das gälte es dann in den nächsten Bänden zu überprüfen) oder auch am Isoliertsein, dem Abgehängtsein mancher Bezirke Neapels damals. Der interessierte oder aufmerksame Leser mag sich diese Welthaltigkeit auch irgendwo zusammenklauben. Mir hat sie ein wenig gefehlt. Dazu kommt die sehr schlichte Sprache, die natürlich auch zum Sujet passt, aber eben auch keine Glanzlichter setzt.
Bleibt zu überlegen, wie dieses Buch derartige Begeisterungsstürme zu entfachen vermag. Solide Unterhaltungsliteratur, die es ist.
Vielleicht gibt die Meldung, dass bereits eine netflix-Serie in Planung ist, darüber ein wenig Auskunft. Ein wenig wie in einer Serie in Buchform kommt man sich vor, mit all dem Personal, den alltäglichen Verwicklungen, den Intrigen, den Cliffhangern. Durch die Ankündigung dreier weiterer Bände kann man den Figuren ganz nah kommen, in ihr Leben eintauchen, sich auf ein Wiedersehen freuen.
Ein weiterer Punkt, den vor allem weibliche Rezensenten immer wieder betonen, ist die Selbstfindung zweier Frauen, auch unter schwierigen Bedingungen, die interessiert.
Besonders im amerikanischen Raum mag auch ein wenig Nostalgie mitschwingen. Bella Italia, Napoli wie wir sie aus den neorealistischen Filmen kennen. Vor Menschen wimmelnde Straßen, knatternde Mopeds, laut und intensiv. Es ist kein geschönter Blick, der da geworfen wird. Alles ist durchsetzt von patriarchalen Machtstrukturen, Enge und brutaler Gewalt. Aber es ist ein nostalgischer.
Auch ich konnte mich dem allen nicht immer entziehen. Oft jedoch hat mich das Buch einfach nur gelangweilt. 

Selten konnte eine reine Punktewertung meinen ambivalenten Gefühlen so wenig Ausdruck verleihen.
Aber anstatt Ferrantefever herrschte bei mir leider nur etwas erhöhte Temperatur.

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148 Bibliotheken, 0 Leser, 1 Gruppe, 101 Rezensionen

schweiz, freundschaft, homosexualität, liebe, juden

Und damit fing es an

Rose Tremain , Christel Dormagen
Fester Einband: 333 Seiten
Erschienen bei Insel Verlag, 08.08.2016
ISBN 9783458176848
Genre: Romane

Rezension:

„Die Gustav-Sonate“, so lautet der Originaltitel des Romans. Und Rose Tremain hat ganz sicher den Sonatensatz zum Vorbild genommen, um diesen Roman so kunstvoll zu konstruieren.
Drei Sätze, drei Buchteile. Darüber eine Haupttonart. Und die steht eindeutig im Moll. Auch wenn das Buch in einem Allegro vivace endet.
Erzählt wird die Geschichte zweier Schweizer Jungen, die sich in der Schule kurz nach Ende des Zweiten Weltkrieges begegnen und deren Freundschaft und Liebe der Leser bis ins Jahr 2002 verfolgen kann. Dabei bedient sich die Autorin einiger Zeitsprünge.
Es beginnt 1947. Der kleine Gustav Perle lebt mit seiner verwitweten, verbitterten, letztlich liebesunfähigen Mutter Emilie in der Kleinstadt Matzlingen. In sehr schweren ökonomischen Verhältnissen, mit wenig Zuneigung und Freude aufgewachsen, erschließt sich für ihn durch die Freundschaft zu Anton Zwiebel, der neu in der Klasse ist, eine Welt der bürgerlichen Wohlhabenheit, der Schönheit nicht nur der Musik (Anton ist ein Wunderkind am Klavier), der hellen, freundlichen Tage im Haus der Zwiebels. Gustav ist trotz der schwierigen familiären Bedingungen ein Meister der Empathie und der Zuneigung. Genauso wie er seiner harschen Mutter stets mit Liebe und Achtung begegnet und sich um sie sorgt, kümmert er sich auch um Anton, seine Versagensängste vor Auftritten auf der Bühne und verzeiht ihm auch sein manchmal recht wenig einfühlsames Verhalten Gustav gegenüber. Gustay wird sein Leben lang der sein, der sich kümmert, um die Familie, um Freunde, der, der alles richtet. Und sich dabei fast ein wenig selbst verliert.
Nach dem ersten Teil, der nach einem gemeinsamen Davos-Aufenthalt der beiden Jungen endet – ja, Davos, Remineszenzen an Thomas Manns Zauberberg sind durchaus gewollt -, folgt ein Sprung in die Vergangenheit. Ein Sprung, der mit einem Wechsel vom Präteritum ins Präsens einhergeht. Ein interessantes Stilmittel.
Wir befinden uns nun im Jahr 1937. Erzählt wird von der jungen Emilie, die sich den gut aussehenden stellvertretenden Polizeichef Erich Perle angelt, vom gesellschaftlichen Aufstieg und gutem Leben, dem Ausbruch aus ihrer Dienstbotenexistenz und ihrer elenden Kindheit bei der herzlosen Mutter – klingelt da etwas? Ja, Schicksale wiederholen sich unerbittlich – träumt. Ein Traum, der mit dem Verlust eines ungeborenen Kindes durch eine Tätlichkeit Erichs fast und durch Erichs unehrenhafte Entlassung aus dem Polizeidienst dann endgültig endet. Gefälschte Einreisedokumente für in Deutschland verfolgte Juden waren der Grund und für Emilie Anlass, Juden ihr Leben lang zu beargwöhnen, wenn nicht gar zu hassen. Besonders nach Erichs frühem Tod. Wie das vermeintliche Heldentum des Vaters versucht sie diese Abneigung an Gustav weiterzugeben. Nun sind die Zwiebels aber eine jüdische Familie.
Sehr dicht und eindringlich wird in diesem Abschnitt die Vorgeschichte der Familien, der Grund für psychische Verfasstheiten geschildert und gleichzeitig ein Einblick in die Schweiz der Dreissiger und Vierziger Jahre des vorigen Jahrhunderts gegeben. Für mich der beste Abschnitt des Buches.
Der dritte und letzte Abschnitt macht einen sehr großen Sprung ins Jahr 1992 und zeigt die beiden Freunde als Männer mittleren Alters, beide noch mehr oder weniger gefangen in der engen Welt Matzlingens. Ein wenig Vorgeschichte, Antons Ausbruchsversuch als Pianist für CD-Aufnahmen, Gustavs Existenz als Hotelier, auch hier ganz aufgehend in seiner Sorge um die Hotelgäste. Es endet, wie auf dem Buchrücken angekündigt.
„Es gibt da diese Straße, Gustav. Das weißt du doch. Und genau diese Straße müssen wir nehmen. Wir müssen die Menschen nehmen, die wir schon immer hätten sein sollen.“
Darum geht es in diesem leisen, ganz unaufdringlich, aber doch kunstvoll erzählten Buch: Um die Lebensentscheidungen, die man treffen muss, um die Dinge, die man im Leben überwinden muss, um die Straße, die man wählt. Und um die Menschen, die einen dabei begleiten.
Leider hatte der letzte Abschnitt für mich nicht mehr ganz die Kraft der beiden ersten, geriet mir das Happy-End (Allegro vivace) vielleicht ein wenig zu vollkommen und damit unglaubwürdig.
Trotzdem ein sehr schön erzähltes Buch über ein leises, letztlich gelungenes Leben.

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176 Bibliotheken, 4 Leser, 1 Gruppe, 53 Rezensionen

südkorea, vegetarismus, korea, pflanzen, familie

Die Vegetarierin

Han Kang , Ki-Hyang Lee
Fester Einband: 190 Seiten
Erschienen bei Aufbau Verlag, 15.08.2016
ISBN 9783351036539
Genre: Romane

Rezension:

Alle reden über Han Kang, alles lesen „Die Vegetarierin“, jenen schmalen Roman der Südkoreanerin, der im Mai diesen Jahres überraschend den Man Booker International Preis erhielt. Die Literaturkritik überschlägt sich dabei in ihrem Lob, „Meisterwerk“, „Ereignis“ sind dabei verwendete Vokabeln.
Ein derart durchschlagender Erfolg in der westlichen Welt war bis dahin anscheinend nicht vorhersehbar, erschien die englische Übersetzung des 2007 im Original veröffentlichten Roman doch erst acht Jahre später in England, in den USA und Deutschland sogar erst in diesem Jahr.
Es ist auch eine fremd anmutende Welt, in die uns die Autorin in drei Abschnitten, die zunächst separat erschienen, führt. Sie alle kreisen um dasselbe Sujet. Ein Sujet, das eine merkwürdige Leerstelle darstellt. Denn Yong-Hye, die junge Frau, die mit ihrer Weigerung, weiterhin Fleisch zu sich zu nehmen, dem Buch den Titel gab, bekommt in der Geschichte keine eigene Stimme. Lediglich im ersten Teil, der von ihrem lieblosen, gänzlich unsympathischen Mann erzählt wird, wird sie durch die Schilderung ihrer verstörenden, oft blutig-gewaltsamen Träume, sichtbar. „Ich hatte einen Taum.“ ist auch ihre Begründung für ihre plötzliche, radikale Abkehr, ihren Ekel vor allen tierischen Produkten. Sie weigert sich fortan nicht nur diese zu essen, sondern auch, sie im Haus zu haben. Weitere Erklärungen gibt sie nicht. Das schafft eine beklemmende, fast unheimliche Atmosphäre. Für den Leser, der über dahinter verborgene Ursachen rätselt. Aber natürlich auch für ihre Umgebung. Diese reagiert nicht nur völlig fassungslos, sondern erschreckend intolerant, ja gar gewalttätig. Anders als in unserer Gesellschaft, in der vegane oder zumindest fleischlose Ernährung mittlerweile fast zum guten Ton gehört, scheint sie in der fleischbetonten koreanischen Küche ein Akt des Widerstandes, der Anarchie zu sein. Widerstand gegen eine Gesellschaft, die sehr strenge soziale Normen besitzt, die noch gnadenlos patriarchal und darin erschreckend gewaltbereit zu sein scheint. So versuchen auch ihr Ehemann und ihre Familie Yong-Hye notfalls mit Gewalt zum Fleischverzehr zu zwingen, ächten sie, als das nicht gelingt (sie flieht in einen Selbstmordversuch), die Ehe scheitert.
Der genaue Grund für ihre radikale Abkehr vom Konsum tierischer Produkte wird wie gesagt an keiner Stelle expliziert erklärt. Die Identifizierung von Fleischproduktion und –verzehr mit Gewalt liegt aber nahe. Yong-Hye lehnt sich demnach gegen die in der Gesellschaft, in der Familie, der Ehe herrschenden Gewalt auf. Es ist eine Rückkehr zur Unschuld der Pflanzen, die die junge Frau anstrebt. Um sich von ihren zerstörerischen Träumen zu heilen. Dass das ganze schließlich in Selbstzerstörung endet, als sie die Nahrungsaufnahme gänzlich verweigert und wie die Pflanzen nur noch von Wasser und Licht leben möchte, zeigt ihre tiefe psychische Verstörung.
Im zweiten Abschnitt erzählt der Schwager, ein mäßig erfolgreicher Videokünstler. Seitdem er vom Mongolenfleck am Gesäß Yong-Hyes erfahren hat, ist er von einer sexuellen Obsession erfasst. Diese Flecken treten meist nur im Kleinkindalter auf und verblassen danach. Was den Schwager aber derart daran fasziniert, erschließt sich nicht. Dieser Abschnitt, der in der Körperbemalung der Beiden (natürlich mit Pflanzen) und der detaillierten Beschreibung der Videoaufnahme ihrer körperlichen Vereinigung mündet, ist für mich daher auch der schwächste der drei Abschnitte. Auch der Schwager bricht mit seiner Obsession aus dem engen Korsett gesellschaftlicher Konventionen aus. Er missbraucht damit aber auch die psychisch sehr angeschlagene Yong-Hye. Einen zusätzlichen Erkenntnisgewinn bietet dieser Teil des Buches aber nicht.
Der letzte Teil wird von In-Hye, der Schwester erzählt. Diese hat die Einlieferung von Ehemann und Yong-Hye in die Psychiatrie erwirkt, als sie die Beidem beim Videodreh überraschte. Bei zahlreichen Besuchen in der geschlossenen Einrichtung muss sie den zunehmenden Verfall ihrer Schwester beobachten, erinnert sich an die gewaltbesetzte Kindheit, versucht so etwas wie Verständnis aufzubringen. Was ihr auch ein Stück weit gelingt. Gleichzeitig rutscht die ganze Geschichte ins Traumartige ab.
So schockierend die geschilderten Dinge zeitweise sind, Hang Kang erzählt sie völlig unaufgeregt, fast schon lapidar. Ihr gelingt damit ein sehr dichtes, radikales Stück Prosa, das den Leser mit sehr vielen Fragen zurück lässt. Unter anderem der, was man da eigentlich gerade eben gelesen hat. Sicher, Interpretationsmöglichkeiten bieten sich einige an, das Buch beschäftigt auch noch nach dem Zuklappen. Das ist gewiss sein Verdienst.
Nach dem ersten, sehr starken Abschnitt, verrätselt es sich aber zunehmend, rückt gewissermaßen von den angebotenen Deutungsmöglichkeiten ab, ja, langweilt sogar. Die Provokation will nicht greifen. Das ist schade. Gälte das überschwängliche Lob nur der ersten der drei Geschichten, könnte ich mich anschließen. So bleibe ich ein wenig ratlos zurück. Mit der Geschichte, aber auch mit dem sich für mich nicht so ganz erschließenden großen Jubel über das Buch.

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1 Bibliothek, 0 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

Das Leuchten in der Ferne

Linus Reichlin , Thomas Sarbacher
Audio CD
Erschienen bei Hörbuch Hamburg, 15.02.2013
ISBN 9783899038644
Genre: Romane

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30 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 5 Rezensionen

spanien, gastarbeiter, 2. weltkrieg, orangen, familie

Blutorangen

Verena Boos
Fester Einband: 411 Seiten
Erschienen bei Aufbau Verlag, 09.03.2015
ISBN 9783351035945
Genre: Romane

Rezension:

Wie geht man mit der eigenen Vergangenheit um, besonders wenn sie dunkle Flecken aufweist? Wie geht man mit eigener Schuld um? Wie begegnet man den Menschen, denen man Unrecht getan hat? Ein schwieriges Thema.
Schicksalhafte Dimensionen erreicht es, wenn ganze Staaten, ganze Völker davon betroffen sind. Wie lange der Prozess der Aufarbeitung oder gar Versöhnung dauert, sieht man immer wieder. Südafrika, Kambodscha, Ruanda oder, näher, der Balkan, sind nur einige Beispiele dafür.
Eine offene, ehrliche Auseinandersetzung scheint uns dabei das Wichtigste. Wie schwer dies ist, selbst für eine unserer westlichen Demokratien, sieht man am Beispiel Spaniens.


1936 bis 1939 tobte ein grausamer Bürgerkrieg zwischen den Anhängern der Spanischen Republik und faschistischen Putschisten. Letztere gewannen, nicht zuletzt auch durch deutsche Unterstützung (Legion Condor, Luftangriff auf Gernika; man kennt die Stichworte). Die Diktatur unter Francisco Franco dauerte bis zu seinem Tod im Jahr 1975 an.
Über die Opferzahlen herrscht bis heute keine Einigkeit. Von 200000 bis 800000 ist die Rede. Opfer nicht nur der Kampfhandlungen, sondern auch der während der franquistischen Diktatur durchgeführten „Säuberungen“ unter Kommunisten, Gewerkschaftlern, Sozialisten, Anarchisten und kritischen Akademikern. Ungezählt sind die „Verschwundenen“, deren Leichname nie gefunden wurden, über deren Schicksale seither geschwiegen wurde. Denn anders als in Deutschland gab es in Spanien nie einen radikalen Systembruch, sondern nach Francos Tod begann die Transición, eine Phase des Übergangs, die 1977 im „Pakt des Schweigens“ gipfelte, einem von der Politik verordneten Schweigegebot, und einer Amnestie für Verbrechen während der Franco-Zeit.


Seit einigen Jahren regt sich in der nunmehr dritten und vierten Generation der Widerstand. Genauer gesagt seit dem Jahr 2000, in dem durch den „Verein zur Wiedererlangung der historischen Erinnerung“ (Asociación para la Recuperación de la Memoria Histórica, ARMH) die erste Öffnung eines Massengrabes von Opfern der Falangisten und deren Exhumierung erfolgte.
Angehörige wollten es nicht länger hinnehmen, dass diese Opfer weiterhin unerkannt in Straßengräben, vor Friedhöfen oder auf Feldern verscharrt bleiben, während den ermordeten Franco-Anhängern im „Tal der Gefallenen“ ein monumentales Mausoleum errichtet wurde und noch heute auf Staatskosten unterhalten wird. 

Seitdem sind durch die ARMH zahlreiche Exhumierungen durchgeführt worden, zunächst mit staatlicher Unterstützung, seit Amtsantritt der konservativen Regierung Rajoy wurden diese aber wieder gestrichen. 
Das bürgerliche Lager protestierte bereits 2007 gegen das überfällige Ley de Memoria Histórica (Gesetz des historischen Andenkens), das die Opfer auf beiden Seiten anerkennt, das Franco-Regime offiziell verurteilt und den Opfern Hilfe zusagt. 
Es würden alte Wunden aufgerissen, die besser verschlossen blieben. Wie einflussreich dieses Lager immer noch ist, zeigte sich 2012 an der Suspendierung des spanischen Ermittlungsrichters Baltasar Garzón, der Ermittlungen zu Menschenrechtsverbrechen während der Diktatur und wegen des Verschwindenlassens von über 114 000 Personen eingeleitet hatte und die Öffnung der Massengräber aus jener Zeit erwirken wollte. 
Der Riss geht in Spanien quer durch die Bevölkerung. Lebten doch auch damals und seither Opfer- und Täterfamilien buchstäblich Tür an Tür.


Diese lange Einführung sei mir verziehen, denn Verena Boos packt die geschilderten Umstände perfekt recherchiert in ihren Roman „Blutorangen“, der eine Opfer- und eine Täterfamilie durch die Enkelgeneration zusammentreffen lässt.


Es ist die junge Maite, die ihrem Elternhaus und vor allem dem despotischen Vater entfliehen möchte und zum Studium nach München zieht. Es ist die Zeit um 1989/90, sie trifft den spanischstämmigen jungen Carlos, die Beiden werden ein Paar. Eher zufällig entdeckt sie ein Foto, das sie auf die Spur der unrühmlichen Vergangenheit ihres Vaters bringt: Im zweiten Weltkrieg Mitglied der spanischen „Blauen Division“, die auf Seiten Hitlerdeutschlands in Russland kämpfte, danach strammes Mitglied der gefürchteten Guardia Civil. 
Carlos Großvater hingegen war ein Verfolgter des franquistischen Regimes, entkam seiner Deportation in ein deutsches Konzentrationslager nur mit viel Glück und blieb fortan in Deutschland. Über die Orangen aus Valencia sind beide Familien verbunden: die eine als großbürgerliche Orangenproduzenten, die andere durch Carlos Obststand in der Münchner Großmarkthalle.


Verena Boos erzählt diese Familiengeschichten nahe an der Zeitgeschichte, mit vielen Sprüngen in der Raum-, Zeit-, und Personenebene. Der Roman ist aber derart gut konstruiert, dass dies kein Problem darstellt, sondern ein vielschichtiges, eindrückliches Bild ergibt. Auch atmosphärisch ist die Geschichte äußerst gelungen. Sie berührt ohne jemals kitschig zu werden, klärt auf ohne jemals belehrend zu sein. 
Und dafür, dass Verena Boos ein solch interessantes, wenngleich in Deutschland weniger bekanntes Thema wählt, das nicht nur für das heutige Spanien von enormer Bedeutung ist, sondern generell Fragen dazu stellt, wie mit der Vergangenheit umzugehen ist, Schweigen oder Offenheit, gebührt ihr Anerkennung. 
Auch wenn in diesem Zusammenhang der Liebesgeschichte zwischen Maite und Carlos ein wenig zu viel Raum gegeben wird, ist „Blutorangen“ ein Buch, dass überzeugt und nachhaltig berührt.

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