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gedicht, schlummerlieder, leben, melodie, rhythmus

Schlummerlieder

Maria Pangritz
Flexibler Einband
Erschienen bei Fischer, Karin, 08.10.2013
ISBN 9783842241770
Genre: Gedichte und Drama

Rezension:

Auf der Materialienseite eines Seminars zur Literaturkritik am Institut für Germanistik der Universität Potsdam findet sich eine in der „Werkstatt“ veröffentlichte Kritik des Buches „Schlummerlieder. Gedichte und Bilder“ von Maria Pangritz. Die keine zwei Seiten lange Kritik der Studentin A. Pönisch will prüfen, ob der Titel „Schlummerlieder“ zu den 25 Gedichten passt und kommt zu dem Schluss, dass der „Lyrikband als Schlummerlied ungeeignet ist“. Die Auskunft, dass ein „Lyrikband als Lied“ geeignet sein soll, ist für sich schon barer Unsinn, aber man kann sich ja irgendwie denken, was die angehende Germanistin mitteilen will.

Zu den jedem Gedicht beigegebenen Radierungen heißt es im Vorwort der „Schlummerlieder“, dass der Leser die von der „Korrespondenz zwischen Bild und Text“ erzeugte „Spannung selbst herstellen muss“. Der Studentin Pönisch ist dies dann auch „häufig“ gelungen: Nach "langem Grübeln“ hat sich ihr eine „Verbindung offenbart“. Das ist schön und liegt daran, dass – so die begründungsfreie Behauptung – „das Zusammenspiel von Lyrik und bildender Kunst nicht immer harmonisch“ sei. Wäre das Zusammenspiel immer harmonisch ausgefallen, wäre der Studentin die Offenbarung wohl ohne „langes Grübeln“ zuteil geworden. Sie vermisst Harmonie, damit sie bei der Lektüre von Gedichten und der Betrachtung von Radierungen keine weiteren Gedanken aufwenden muss.

Damit ist das magere Prinzip für den Rest der „Kritik“ ausgesprochen: Kunstwerke sollten harmonisch sein, damit bloß niemand ins „Grübeln“ kommt. Dieses schlichte Kunstverständnis wird daraufhin in den folgenden drei Absätzen durchgespielt. Die Studentin hat bedauerlicherweise „bitteren Nachgeschmack“, denn das „Bewußtsein der Sterblichkeit“ legt sich als „drückender Nebel“ über ihre Grübelbemühungen. Dabei erlöschen die „Hoffnungsfünkchen“, die für Studentin Pönisch „ab und zu“ im Nebel des Grübelns „blitzten“: schade eigentlich. Das war der erste Absatz.

Dann fällt ihr zusammenhanglos ein, dass „einige Gedichte griechische Frauennamen beinhalten“. Wieder kann man sich denken, was die Germanistin meint, nur können Gedichte leider griechische Frauennamen nicht „beinhalten“. Der kleine Abstecher zur griechischen Mythologie, der gespreizt die Titel „Alkestis, „Elektra“ und „Medea“ nennt, endet dann kurzerhand mit der Behauptung: „Andere Entlehnungen der antiken Poetik sind nicht enthalten.“ Wer nicht weiß, wer oder was „Bakchen“ oder „Troerinnen“ sein könnten, sollte dann, wenn sich das Grübeln zu einem allgemeinen Satz emporgearbeitet hat, vielleicht einfach mal nachgucken. Bei „anderen Entlehnungen antiker Poetik“, die Frau Pönisch einklagt, denkt sie vielleicht an so harmonische Liedtexte wie „Griechischer Wein“ oder „Weiße Rosen aus Athen“.

Jetzt noch zwei Absätze weitergegrübelt. „Kein roter Faden als Orientierungshilfe“, „einstrophig und reimlos“ und, oh Schreck, „Gedankensprünge“ und „Ironie“ – jetzt ist Frau Pönisch „verwirrt“ und kann alles in seiner „Gesamtheit“ nur noch „schwer nachvollziehen“. Sie guckt sich erstmal zwei Graphiken an und leidet an „aufgesetzter Heiterkeit, die mit innerer Wehmut durchzogen ist“. Innere Wehmut! Innen (wo eigentlich sonst?)! Grübel, grübel, wär´s doch „echte“ Heiterkeit. Das war der zweite Absatz.

Nun kann sie sich wieder den Gedichten zuwenden. „Perspektivwechsel“, „Bilder keimen“, aber dann schon wieder „Durcheinander“. Und was machen die „unruhigen Bilder“? „Sie lassen den Leser nicht ruhen.“ Und jetzt läßt uns auch Studentin Pönisch nicht mehr ruhen, sondern an einer ihrer angedrohten Offenbarungen teilhaben: „Vermutlich ist der Titel ‚Schlummerlieder’ ironisch zu verstehen.“ Jetzt hat´s Frau Pönisch. Die Gedichte sind gar keine „Schlummer- und Wiegenlieder“ mit „beruhigenden Melodieklängen“! Hier fühlt sich Frau Pönisch getäuscht! Jetzt merkt sie, „fehlende Satzzeichen“ haben ihr das „fließende Lesen erschwert“. Das ist bei „echten“ Wiegenliedern ja anders.

Die Offenbarung setzt nun Wortgewalt frei, Frau Pönisch kann jetzt alles sagen: „Der Inhalt läßt die Form platzen.“ Und Frau Pönisch leitet ein Argument ein: „Denn“! „Denn“ es kommen „bedeutungsträchtige, abstrakte Worte“ vor. Sieben davon hat sich die Studentin rausgesucht: „Recht“, „Vernunft“, „Glück“, „Ewigkeit“, „Zeit“, „Gier“ und „Furcht“. Und dann werden diese Worte gemischt. Da muss Frau Pönisch auf einmal ans Essen denken: Das „Gericht“ ist „überwürzt“. Frau Pönisch wird es schlecht. Und nicht genug! Sie wird „zudem“ mit „rohen, ungeschmückten Begriffen“ beim Grübeln, man möchte es gesehen haben, sie wird beim Grübeln mit diesen „Begriffen“ – „beworfen“! Schlimm genug, mit Begriffen beworfen zu werden, aber Frau Pönisch hätte das hingenommen, wenn diese Begriffe „in erklärende oder tröstende Worte eingepackt worden wären“.

Sind die „rohen, ungeschmückten Begriffe“ dieselben wie die „bedeutungsträchtigen, abstrakten Worte“ aus dem Satz davor? Das „zudem“ könnte dagegensprechen. Dann wären vielleicht die „bedeutungsträchtigen und abstrakten Worte“ die „erklärenden und tröstenden Worte“, mit denen die „rohen, ungeschmückten Begriffe“ hätten „eingepackt“ werden sollen? Aber welcher „Begriff“ soll denn bloß mit „bedeutungsträchtigen, abstrakten Worten“ wie „Recht“ oder „Zeit“ „eingepackt“ werden? Und dieses Einpacken soll dann den Begriff erklären und die Studentin trösten? Welche Begriffe sind das denn jetzt, mit denen sie beworfen wird? Frau Pönisch sagt es nicht.

Eher soll das „zudem“ ihre Leidsteigerung beim Grübeln ausdrücken. Als sie die „bedeutungsträchtigen, abstrakten Worte“ essen wollte, hatte sie nicht gleich gemerkt, dass es „rohe Begriffe“ sind. Als ihr dann schlecht war, kam es ihr so vor, als wäre sie beworfen worden. Sie ist ja nicht wirklich mit Begriffen beworfen worden, ihr ist nur beim Worteessen schlecht geworden. Wären die sieben „Worte“, also die „rohen, ungeschmückten Begriffe“, nämlich „in erklärende und tröstende Worte eingepackt“ worden, da ist sich Frau Pönisch sicher, wäre die Wortmahlzeit für sie „genießbar“ gewesen. Das Einpacken „in erklärende und tröstende Worte“ hält sie nämlich für Poesie und lyrische Raffinesse. Poesie ist ja bekanntlich eine Disziplin, die die Aufgabe hat, anderen Leuten Begriffe zu erklären und Trost zu spenden. Das war der dritte Absatz. Der war lang.

Zum Schluss teilt Frau Pönisch die endgültige Grübeloffenbarung mit: Sie hat „das kleine Büchlein“ „eilig verschlungen“, sie hat zu schnell gegessen und beim Worteessen nicht richtig gekaut. Jetzt hat sie ein „unangenehmes Gefühl“ und ist „emotional überfordert“. Das kommt vom Worteessen und Grübeln. So will sich Frau Pönisch nicht noch einmal schlafen legen. Sie will nämlich in Zukunft wieder „sorglos einschlummern“.

Das bei der ganzen Grübelei sich zeigende Kunstverständnis beschränkt sich auf den zu Anfang von Frau Pönisch genannten Harmoniegedanken. Von Sterblichkeit sollen Gedichte nur handeln, wenn „zwischen negativen Worten“ die „Hoffnungsfünkchen“ nicht erlöschen. Frau Pönisch mahnt eine „klare Thematik“ an, obwohl sie drei Sätze vorher „das stetige (?) Bewußtsein der Sterblichkeit“ als das „Wesen der Gedichte“ meint ergrübelt zu haben.

Ohne „roten Faden als Orientierungshilfe“ bringen Gedichte ihre Leser offenbar durcheinander. Nach Frau Pönischs „Mängelliste“ sollten Gedichte möglichst mehr als nur eine Strophe und Reime haben. „Fortgängige Zeilenumbrüche und fehlende Satzzeichen“ erschweren Frau Pönisch das „fließende Lesen“. Dass Frau Pönisch nur mit Satzzeichen fließend lesen kann, darf man ihr einfach mal glauben. Wie sie aber ohne „fortgängige Zeilenumbrüche“ fließend liest, bleibt ihr Geheimnis.

Das schlichte Fazit der „Kritik“ besteht in Frau Pönischs Einpackungsforderung: Gedichte sollen Trostverpackungen sein, damit sich beim Leser „Ruhe“ einstellt. Ein Gedicht soll eine so gewürzte Mahlzeit sein, dass der Leser sich nach ihrem Verzehr getröstet und sorglos schlafen legen kann. Harmonie in Form und Inhalt sollen vor belastendem Grübeln bewahren. Nachdenken oder Überlegen sind demnach lyrikfeindliche Betätigungen. Kommen Begriffe vor, sollen sie im Gedicht erklärt werden. Frau Pönisch verlangt vom Gedicht, was von einer philosophischen Abhandlung verlangt werden kann: Begriffserklärung und vielleicht auch „Orientierungshilfe“. Ihr Unverständnis kreidet sie einer literarischen Gattung an, die diese Aufgabe in der Moderne gar nicht hat.

Es handelt sich um eine Aufforderung zur Gedankenlosigkeit sowohl beim Gedichteschreiben wie auch beim Gedichtelesen. Frau Pönischs Ideal von Lyrik ist nicht das vormoderne Schlummer- oder Wiegenlied, es ist der kitschige Schlagertext. Das traditionelle „aut prodesse aut delectare“ des Horaz ist bei Frau Pönisch zum Plädoyer für einschläfernde Trostreimerei heruntergekommen. Den Maßstab von Frau Pönischs Kritik stellen nicht Texte wie „Der Mond ist aufgegangen“ dar, sondern Trost- und Illusionsverpackungen vom Typus des Schlagertextes. Die Kritik von Frau Pönisch hat immerhin klargestellt: Dieses Ideal bedienen die „Schlummerlieder“ von Maria Pangritz nicht.

Christian Michelsen

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Tags: gedicht, maria pangritz, schlummerlieder   (3)
 
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