Clari

Claris Bibliothek

565 Bücher, 571 Rezensionen

Zu Claris Profil
Filtern nach
565 Ergebnisse
Wähle einen Buchstaben, um nur die Titel anzuzeigen, die mit diesem beginnen.



LOVELYBOOKS-Statistik

(5)

53 Bibliotheken, 3 Leser, 0 Gruppen, 3 Rezensionen

kinder, familie, schmerz, treu, trennung

Hier bin ich

Jonathan Safran Foer , Henning Ahrens
Fester Einband: 720 Seiten
Erschienen bei Kiepenheuer & Witsch, 10.11.2016
ISBN 9783462048773
Genre: Romane

Rezension:

Mit einem großen Familienroman tritt der vielfach ausgezeichnete amerikanische Autor J. S. Foer nach langer Pause wieder an die literarische Öffentlichkeit.

Es handelt sich in seinem neuen Roman um eine jüdische Familie, die aus vier Generationen besteht und in Washington D.C. lebt.

Julia und Jacob aus der mittleren Generation sind das Ehepaar, das im Mittelpunkt der Handlung steht. Er ist Schriftsteller und sie Architektin. Sie sind seit 16 Jahren verheiratet und Eltern von drei Söhnen: Sam, Max und Benjy. Diese machen nicht nur Freude, und Julia und Jacob sind sich oft uneins in Fragen der Erziehung.

Von Beginn an stark reflektierend zeigt uns der Autor ein Paar, das die jungen Jahre der Leidenschaft hinter sich gelassen hat.

Natürlich geht es neben anderem auch um Sex und die Veränderung von Sex in der Ehe.

Zwischen Julia und Jacob hat sich mit den Jahren eine gewisse Scheu entwickelt, ihre geheimen Wünsche zu äußern und auszuleben. In Passagen der Rückschau erleben wir die beiden noch neugierig und experimentierfreudig. Doch der Alltag mit Kind und Kegel hat längst die erste Phase der Begegnung und Entdeckung überlagert. Rücksichtnahme auf die Kinder und die Bedürfnisse des anderen haben einen jeden von ihnen in ein Zwangskorsett versetzt.
Gedanken, wie man sich Freiheit und Unabhängigkeit wünscht, sind dem Anfangsstadium der Verliebtheit gewichen.

In meisterhafter Weise handelt J.S.Foer die langsame Entfremdung zwischen den beiden ab. Es ist schwer auszuhalten, wie man sich bemüht, zusammen zu bleiben und sich doch voneinander entfernt.
In langen und endlosen Gesprächen aller Beteiligter quälen sie sich durch ihr Leben. Die Figuren in dem Roman reflektieren und verdrängen zugleich, so dass sich ein tiefer Zwiespalt offenbart: kann man loslassen, und wohin soll das führen?
Heimatlos zu sein ist nicht erstrebenswert. Und doch ist das der tiefere Gehalt der Geschichte: wir alle suchen Zugehörigkeit und müssen diese mit dem Bewusstsein ertragen, dass wir trotz aller Verbundenheit Individuen mit eigenen Wünschen und Vorlieben bleiben.

Der Roman umfasst mehr als 600 Seiten. Szenenwechsel erfolgen schnell und unerwartet. Erzählung, Dialoge und unausgesprochene Gedanken wechseln in schnellem Tempo. Die weit verzweigten Familienverbindungen reichen bis nach Israel, in ein Land, dessen Konflikte und Vorgeschichte mit in den Roman einfließen. Traditionen bleiben bestehen, auch wenn man sehr weltlich ausgerichtet lebt. Man feiert die jüdischen Feiertage und bereitet sich auf die Bar Mizwa von Sam, dem ältesten Sohn von Julia und Jacob, vor. Mit dem Fortlauf der Handlung zeigt sich aber die zunehmende Brüchigkeit der Ehe seiner Eltern. Alles läuft auf eine Trennung hinaus.

Der Titel des Romans klingt fast biblisch: Hier bin ich (...und kann nicht anders...) Ja, zu einem langen Leben zu zweit gehört Ausdauer, zuweilen Anstrengung und Durchhaltevermögen. Dazu ist nicht jeder bereit, wenn sich die eigenen Wunschvorstellungen von Glück auf Dauer nicht halten lassen.

Autobiographische Erfahrungen haben den Autor J.Safran Foer zum Entwurf seiner Romanfigur Jacob vermutlich beeinflusst. Er ist wie Jacob Schriftsteller, hat wie dieser Kinder und ist in seiner Ehe gescheitert.

Ein schwieriges, nachdenkliches und anstrengendes Buch mit ausufernder Handlung hat J.Safran Foer geschrieben, das vom Leser Durchhaltevermögen verlangt.

J.S. Foer war mit der ebenfalls herausragenden Schriftstellerin Nicole Krauss („Kommt ein Mann ins Zimmer“) verheiratet und lebt in New York.

  (4)
Tags: ehe, familie, kinder, schmerz, trennung, treu   (6)
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(1)

1 Bibliothek, 0 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

philosophie, freundschaft, heiterkeit

Freundschaften (Kunst)

Jean-Jacques Sempé
Fester Einband: 152 Seiten
Erschienen bei Diogenes, 26.10.2016
ISBN 9783257021370
Genre: Sonstiges

Rezension:

Sempé hat die unübertroffene Gabe, Menschen bis in die tiefsten Schichten ihres inneren Wesens zu erkunden und mit seinen Zeichnungen seine Beobachtungen in Worte und Zeichnungen zu fassen!

Wer hätte gedacht, wie schwierig es ist, den Begriff Freundschaft zu definieren?

Sempé schafft es im Gespräch mit Marc Lecarpentier, dieser Frage nachzugehen!

Freundschaft: das ist eine besondere Form menschlicher Zugehörigkeit, die nicht leicht zu erklären ist. Mit welchen Begriffen könnte man sie umschreiben?
Die beiden Gesprächspartner wälzen verschiedene Charakteristiken hin und her, um die Grundlagen für Freundschaft zu erklären.
Sie kommen zu dem Ergebnis, dass Respekt, Zuverlässigkeit und Toleranz wichtige Voraussetzungen sind, um wahre Freundschaft zu entwickeln.

Tiere können anhängliche Freunde sein, sowohl Hund und Katze und sogar ein Huhn! Doch kann man sie wirklich mit Freundschaft zwischen Menschen vergleichen? Sind doch die Ausdrucksmöglichkeiten zwischen Tier und Mensch ganz unterschiedlich Natur, um nicht zu sagen: Tiere haben da sehr ihre Grenzen!

Nun, munter geht die Unterhaltung weiter und Sempé zeichnet unverdrossen die Vielfalt menschlicher Begegnungen! Versonnen schaut eine Frau auf ihre Katze, und ernsthaft interessiert betrachtet ein Mann seinen Hund, mit dem er in ein nachdenkliches Gespräch vertieft zu sein scheint.

Nach zahlreichen wunderbaren Gesprächen mit philosophischem und ernstem Hintergrund kommen die Gesprächspartner Sempé und Lecarpentier zu dem Ergebnis, dass uns Freundschaften in vielerlei Verkleidungen begegnen, „Am Ende braucht es einen umgänglichen Charakter und viel freier Zeit, damit man jede Menge Freunde hat“.
Und weiter: “Die Liebe ist wild, Freundschaft zart und empfindlich.... und stillschweigend“.
Weisheiten wie diese: „sind Sie mit Aristoteles einer Meinung, wenn er sagt: ein Freund, der aufhört, ein Freund zu sein, ist nie einer gewesen?“ geben Anlass zum Nachdenken. So finden sich Gedanken, die vielleicht einen jeden von uns zuweilen umtreiben, wenn es um gute Freundschaften geht.

In diesem Wunderbuch an Erkenntnis, in dem man sich mit Humor und Schmunzeln und mit der Vielfalt menschlicher Charaktere und ihrer Ausdrucksmöglichkeiten konfrontiert sieht, darf man sich einmal mehr über den heiteren und so treffenden Zeichner Sempé freuen! Er öffnet uns die Welt, indem er seinen Figuren Flügel verleiht, mit denen sie die Leichtigkeit des Seins mit dem Ernst der Lage verknüpfen und uns Heiterkeit bescheren!

Patrick Süskind ist der kongeniale Übersetzer dieses wunderschönen Kunstbuchs!

  (3)
Tags: freundschaft, heiterkeit, philosophie   (3)
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(17)

57 Bibliotheken, 10 Leser, 0 Gruppen, 10 Rezensionen

drama, london, familie, schwarzer humor, intrige

Nussschale

Ian McEwan , Bernhard Robben
Fester Einband: 208 Seiten
Erschienen bei Diogenes, 26.10.2016
ISBN 9783257069822
Genre: Romane

Rezension:

Auf diese Idee muss einer schon einmal kommen: die Welt aus den Augen eines Embryos im Mutterleib zu betrachten.
Der Titel verweist auf einen Satz aus dem Hamlet von Shakespeare:
im Mutterleib mag man sich ja wie in einer Nussschale fühlen! Aber man ist abhängig und schlechten Träumen ausgeliefert. Hamlet nachempfunden soll dann die ganze Geschichte sein!

Die Besonderheit: der unbenannte Icherzähler, eben jenes Kind im Mutterleib, sieht hört und schmeckt alles. Seine Mutter ist mit ihm im neunten Monat schwanger und hat mit dem Bruder des Vaters ein Liebesverhältnis. Der Vater wurde ausquartiert aus dem Haus, das er einst von seinem Großvater geerbt hat. John, der Vater des ungeborenen Kindes, ist erfolgloser Dichter und Schriftsteller, dick, hautkrank und von schwächlichem Charakter. Sein Bruder Claude ist Bauunternehmer. Er ist langweilig und dem Dichten und Denken eher abhold. Infamer Weise arbeiten die Mutter des ungeborenen Sohnes und sein Onkel an einem Plan, von dem man nur ahnt, dass er Böses beinhaltet.

Nun, das arme Embryonenkind bekommt mit, wie der Mord an seinem Vater ausgebrütet und vollbracht wird! Ein Embryo, das gewitzt und aufgeweckt Kommentare zu allem und jedem geben kann.

McEwan hat sich da eine reichlich skurrile Geschichte ausgedacht.
Das tägliche Einerlei beobachten, die Trunkenheit der Mutter miterleben, den verhassten Onkel bei seinen Avancen zur Mutter zu spüren und eigene Schlüsse aus den Beobachtungen zu ziehen? Das alles ist nicht komisch, sondern eher makaber bis ein wenig künstlich in seinen Ausführungen. Es erschließt sich einem nicht wirklich, was uns McEwan sagen will: dass die Welt böse und verlogen ist? Dass wir hineingeworfen werden und uns nach den Gegebenheiten zu richten haben? In der Nussschale ist es eng. Man kann nur beobachten aber nicht eingreifen. Also sind wir ohnmächtig dem Bösen ausgeliefert?

Zwischen Krimi und Komik ist die Geschichte angesiedelt. Doch sie kann nicht mitreißen, ist eher breit und langatmig. Es kommt keine rechte Spannung oder Freude auf beim Lesen. Und wie wunderbar waren die Romane, die ich zuvor vom selben Autor gelesen habe!

Dieser gehört nicht dazu!

  (7)
Tags: embryo, humor, mord   (3)
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(1)

4 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

ungeliebt, armut, verlassenheit, trübsal

Die Unerwünschten

Dimitri Verhulst , Rainer Kersten
Fester Einband: 120 Seiten
Erschienen bei Luchterhand, 03.10.2016
ISBN 9783630874791
Genre: Romane

Rezension:

Was kann es Schlimmeres geben, als ein unerwünschtes Kind zu sein? Liebe, Zärtlichkeit, Geborgenheit und Fürsorge für den Start ins Leben sind die Grundpfeiler für die Bewältigung dessen, was das Leben so bringt. Dimitri hat hier das Gegenteil beschrieben: er zeigt uns die Hölle, die ein Kind durchläuft, wenn es abgeschoben und ungeliebt und im wahrsten Sinne des Wortes „unerwünscht“ ist.

So etwas kann man in dieser hier vorliegenden Weise nur beschreiben, wenn man es selber erlebt hat.

Dimitri Verhulst schöpft aus den Erfahrungen des eigenen Lebens, wenn er uns davon erzählt, wie man sich als ein solches unerwünschtes Kind fühlt. Er lebte in einem Heim mit vielen Kindern, die alle das gleiche Schicksal teilten.

Seine Erzählweise wechselt vom Du zum Ihr, wenn er anschaulich zu machen versucht, wie karg, armselig und bedürftig an Leib und Seele dieses Leben war. Schmucklose Zimmer, karges Essen, pietistische Lebensregeln und ein Mangel an Spiel und Spaß: so sah das Leben für die Heiminsassen aus.
Am Wochenende konnte man Besuch bekommen. Doch es kamen nur wenige Mütter oder entfernte Verwandte, die sich schnell wieder davonmachten, denn wirkliches Interesse war nicht gegeben.
Zahlreiche Kinder bekamen nie Besuch.

Die Tatsachen sind schnell aufgezählt: doch wie Verhulst seine Geschichte erzählt, macht ihm so schnell keiner nach. Die Leere und der graue Alltag werden mit sparsamen Worten angedeutet, so dass man sich in die Atmosphäre hineinfühlen kann. Man spürt den Frust und die Sucht der Kinder, sich auf irgendeine Weise selber zu erfahren. Das geschieht in nächtlichen Sexorgien, die einzig und alleine dem Zweck dienen, sich auf welche Weise auch immer Zärtlichkeit zuzuführen. Verhulst vermittelt die ganze Trostlosigkeit des Daseins an einem Ort des Verlusts, der mit dem Freitod einer jungen Insassin zu Beginn der Erzählung seinen Anfang nahm.

Man liest seine Erzählung mit leichtem Grauen, weil man gewöhnlich Kinder aus diesen Sphären kaum kennenlernt. Sie sind zerschunden und verwahrlost im Äußeren und Inneren. Wie überlebt man das?
In der zweiten Geschichte hört man, wie das enden kann!

Der Autor Dimitri Verhulst hat es ganz offensichtlich geschafft, mit seinem Schreiben die bösen Geister zu bannen und sie zu fixieren. Nur so können ihn die Zerrbilder der damaligen Wirklichkeit, die seine Kinder- und Jugendjahre überschattet haben, verlassen.

Ein trauriges, aufrüttelndes, in weiten Teilen aber auch mit der notwendigen kritischen Distanz erzähltes Stück aus den Tiefen eines frühen Kinderlebens!

Dimitri Verhulst ist in den Niederlanden ein hoch anerkannter Schriftsteller.

  (7)
Tags: armut, trübsal, ungeliebt, verlassenheit   (4)
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(63)

119 Bibliotheken, 6 Leser, 1 Gruppe, 57 Rezensionen

new york, familie, geschwister, usa, upper class

Das Nest

Cynthia D'Aprix Sweeney , Nicolai Schweder-Schreiner
Fester Einband: 410 Seiten
Erschienen bei Klett-Cotta, 25.11.2016
ISBN 9783608980004
Genre: Romane

Rezension:

Der erste Roman von Cynthia D’Aprix Sweeney ist jetzt auf Deutsch herausgekommen.

Es handelt sich um eine Familiengeschichte, mehrere Kinder und eine Mutter, die über einer Erbschaft nach Jahren wieder zusammenfinden. Vier Geschwister: Leo, Jack, Bea und Melody treffen sich, um die Einzelheiten zu besprechen. Es zeigt sich, dass sie alle sehr verschieden sind. Nicht mehr viel verbindet sie mit ihrer Kindheit, in der sie sich wie alle Kinder gestritten, gestört und ihren Werdegang geteilt haben.

Cynthia Sweeney lässt sich auf eine Geschichte ein, in der es nicht immer friedlich zugeht. Erbschaftsstreitigkeiten in Familien sind Legion; auch den Geschwistern geht es da ähnlich. Leo hat das ganze Geld beiseitegeschafft, und die anderen müssen nun sehen, wo sie mit ihren Hoffnungen, Schulden und Wünschen für die Zukunft bleiben. Wie nicht anders zu erwarten, erfahren alle die Wahrheit über den Verbleib des Geldes erst nach und nach.

Das Nest ist die Rücklage gewesen, mit der man gerechnet und auf das man sich verlassen hat. Nun sind alle Hoffnungen dahin!

Auf der Suche nach der Wahrheit entsteht das Bild der Familie in einzelnen Kapiteln. Ein jeder und eine jede haben ihren eigenen Weg gemacht. Das Soziogramm dieser Familie ist wie die aller Familien: jedes Leben gleicht einem Roman. Wie die Autorin das aufzieht, ist lebensnah, unterhaltsam und spannend in ihrer Essenz.

Melody hat Schulden auf ihrem Haus, und sie hat zwei Töchter, denen sie eine Collegeausbildung bieten will. Jack ist Drehbuchautor und kommt nicht zum Erfolg. Er hat Schulden genauso wie seine Schwester Bea, die sich als Schriftstellerin versucht.
Alle hofften mit dem Erbe, das an Melodys vierzigstem Geburtstag ausgezahlt werden sollte, ihren Schwierigkeiten und finanziellen Verpflichtungen ein Ende bereiten zu können!

In langen Zwischenkapiteln erfährt man jeweils, wie die einzelnen zu ihrem heutigen Status gekommen sind.

Da alle inzwischen schon einen guten Teil ihres Lebens hinter sich haben, vollenden sich auch ihre Schicksale in den einzelnen Kapiteln.

Es gab eine Reihe von dazu gekommenen Protagonisten, und es gilt, sich jeder einzelnen Entwicklungsgeschichte zuzuwenden. In der Familie gibt es Homosexualität, Scheidungen, neue Verbindungen und immer wieder den ältesten Sohn Leo, der unlautere Geschäfte getätigt und auf großem Fuße gelebt hat.

Wie wird man als Geschwister damit fertig, dass die Mutter ihrem Lieblingssöhnchen Leo mit der Auszahlung des Erbes den anderen alles vorenthalten hat? Versprechungen Leos auf Rückzahlung an die Geschwister bleibt auf Sand gebaut.

Jack hat aus den Trümmern der Twintowers vom 11.9. einen Schatz geborgen, mit dem er zu Geld kommen möchte. Sein Lebensgefährte Walker verlässt ihn daraufhin.

Am Ende bleibt der Eindruck, dass sich hier zahlreiche Unglücke ereignet haben, die den Existenzkampf der Geschwister in unterschiedlicher Weise belastet haben. Doch wie im richtigen Leben finden sich Lösungen. Man lebt weiter, weil es immer irgendwie weitergeht.

Insgesamt ist der Roman ein wenig weitschweifig und ausladend. Doch man wird sich an gemütlichen Ferientagen damit gut unterhalten können.

  (7)
Tags: familienbande, treu, unterschlagung   (3)
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(3)

8 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 2 Rezensionen

emanzipation, frauenschicksal, kleinstadt

Nora Webster

Colm Tóibín , Giovanni Bandini , Ditte Bandini
Fester Einband: 384 Seiten
Erschienen bei Hanser, Carl, 22.08.2016
ISBN 9783446250635
Genre: Romane

Rezension:

Colm Tóibín ist ein Autor, der sich in die tieferen Schichten menschlichen Seins hineinversetzen kann, wie er bereits in seinem Roman „Brooklyn“ bewiesen hat.

Mit seiner Hauptfigur Nora Webster hat er ein diffiziles und kritisches Frauenbild zu Ende der sechziger Jahre in Irland in den Fokus genommen. Erster Aufruhr bei kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen Nord- und Südirland spielen am Rande der Geschichte mit.

Nora Webster muss sich nach dem plötzlichen und frühen Tod ihres Mannes Maurice Mitte der sechziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts in einem Provinznest im Süden Irlands alleine durchschlagen. Sie hat zwei Töchter, die schon aus dem Haus sind, und zwei kleine Söhne, die noch ihrer ganzen Fürsorge bedürfen. Ihr Mann war ein angesehener Lehrer im nahe gelegenen Städtchen Wexford. Beiläufig kommen ihr in Gedanken Erinnerungen an ihn, die von einer sehr glücklichen Ehe zeugen. Er war die Liebe ihres Lebens. Unwiederbringlich und grausam starb er in der Mitte ihres gemeinsamen Lebens. Die Familie erlebt eine einschneidende Wende mit seinem Tod.

In pragmatischem und nüchternem Ton erzählt Colm Tóibín die Geschichte einer Frau, die auf sich gestellt mit allen Folgen der Alleinversorgerin für die Familie leben lernen muss. Immer wieder stellen sich Bekannte oder ihre Schwestern ein, die ihr helfen wollen, doch sie sucht nur die Ruhe, um ihr Leben neu zu ordnen.

Nora musste vor ihrer Ehe im Büro der Firma Gibney arbeiten, obwohl sie das Zeug zu einer akademischen Laufbahn gehabt hätte. Die häuslichen Verhältnisse ließen ein Studium nicht zu.
Nun bietet man ihr erneut eine Stelle in derselben Firma an, da man weiß, dass der frühe Tod ihres Mannes sie mittellos hinterlassen hat.

Erste Gewerkschaftsgründungen führen zur Gegnerschaft zwischen Arbeitgebern- und Nehmern. Nora ist eine aufgeweckte Person und sieht die Zeichen der Zeit und die Notwendigkeit für Veränderungen. Sie schließt sich einer Gewerkschaft an, was ihrem Stand in der Firma, in der sie als tüchtige Bürokraft geschätzt wird, nicht gerade dienlich ist.

21 Jahre war sie mit Maurice verheiratet und konnte sich ihren Hobbies und dem Lesen widmen. Jetzt gehört sie wieder zu den weniger gut Betuchten, die sich hart durchschlagen müssen. Mit klarem Blick und wachen Sinnen orientiert sich Nora und sucht ihren eigenen Weg. Neid, Boshaftigkeit und der Kleingeist, von dem sie sich umgeben sieht, machen ihr das Leben schwer.
Sie geht ihren Weg in großer Einsamkeit, denn sie ist klug und durchschaut die kleinen Schwächen der sie umgebenden Menschen mit analysierendem Blick. Wir erleben sie als gerechte und liebevolle Mutter, die ihren Kindern auf Augenhöhe begegnet.

Colm Tóibín zeichnet seine Figur mit viel Empathie und Verständnis.
Nora wird als stolz, klar und weitsichtig beschrieben.
Ferner umreißt er das Milieu einer kleinen Stadt, in der es Klatsch und Tratsch gibt und in der strenge Hierarchien je nach Amt, Würden und dem Wohlstand herrschen. Der Roman gewinnt auf diese Weise den Status einer Sozialstudie.

Colm Tóibín hat das Zeug zu einem Ausnahmeschriftsteller. Seine Romanfigur Nora Webster wird zu den großen Frauen der Weltliteratur wie Madam Bovary oder Effi Briest gerechnet.

Giovanni und Ditte Bandini haben mit ihrer Übersetzung ihren Beitrag geleistet, um den Roman zu einer der wichtigsten Neuerscheinung des Herbstes 2016 zu verhelfen.

  (5)
Tags: emanzipation, frauenschicksal, kleinstadt   (3)
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(13)

34 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 4 Rezensionen

liebe eifersucht, lebensschicksale, london, englisch, teil 3 der trilogie

Letzte Freunde

Jane Gardam , Isabel Bogdan
Fester Einband: 240 Seiten
Erschienen bei Hanser Berlin, 10.10.2016
ISBN 9783446252905
Genre: Romane

Rezension:

Im letzten Band ihrer Trilogie über zwei Anwälte der Kronkolonie Honkong kehrt Jane Gardam noch einmal an den Erzählort zurück, um sich dem Werdegang ihrer beiden Protagonisten, der verfeindeten Anwälte Edward Feathers und Terry Veneering, zu widmen.

Nachdem beide verstorben sind und kurz nacheinander beerdigt wurden, findet man sich zunächst in dem Dörfchen in Dorset wieder, wo sie ihren Lebensabend verbringen wollten. Zufällig und nichts ahnend haben sie Häuser ganz nahe beieinander erworben.

Die beiden stammten aus unterschiedlichen Gesellschaftsschichten.
Edward war der distinguierte Herr, dessen Vater Kolonialbeamter war. Veneering war der Spross eines russischen Zirkustänzers. Seine Mutter war Kohlenhändlerin, eine einfache und resolute Person, die sich und den auf der Durchreise mit dem Zirkus verunglückten Russen durchbrachte. Ihr Sohn ist ihr Augapfel, für den sie alles tut. Jetzt erst versteht man Veneerings Auftreten und seine besondere Art von Humor und Robustheit, ja, sein ganzes lockeres und gelöstes Auftreten! Er ist ein Unikat an Draufgängertum und individueller Lebensart.

Wie schon in den ersten beiden Bänden dieser Romanfolge greift eine Geschichte in die andere. Lediglich der Perspektivwechsel erhellt das Bild der einen oder anderen Person. Zwischen beiden Kronanwälten stand immer Elisabeth, die Frau von Edward Feathers.
Sie war weder schön noch besonders reizvoll, aber sie wusste zu lieben.

Es wird in diesem letzten Roman ersichtlich, wie alles und alle zu einander gestanden haben, was sie gegenseitig anzog, und was sie voneinander abgestoßen hat.

Dieses England, das man hier nochmals in seiner Skurrilität und der Besonderheit der einzelnen Figuren erlebt, ist amüsant und witzig. In Dorset finden sich so einige Nebenfiguren wieder, die man bisher nur am Rande erlebt hat. Mrs. Dulcie gehört dazu und Fiscal-Smith, einer der weniger erfolgreichen Anwälte. Alles und alle hängen irgendwie mit der Kronkolonie Honkong zusammen und finden sind nun als alte Pensionäre in England wieder.

Da ja alle Personen und Geschehnisse von Beginn an in der Rückblende beschrieben wurden, ergibt sich das runde Bild einer Gesellschaft, die ihre beste Zeit kurz nach dem vorangegangenen Zweiten Weltkrieg hatte. Auch da zeichnete sich schon ab, wie unwahrscheinlich einzelne durch diesen Krieg gekommen sind, und mit wie viel Glück man zu einem Neuanfang gefunden hat.
Jetzt befinden wir uns schon im 21. Jahrhundert, und der Wandel der Zeiten macht sich allenthalben bemerkbar. Das Handy und 9/11 haben ihre Spuren hinterlassen, und die Welt hat sich gedreht.
Schon 1997 ging das Zeitalter der englischen Kronkolonien zugrunde!

Man liest auch diesen letzten Band der Trilogie gerne, weil Jane Gardam eine unnachahmlich großartige Erzählerin ist, die ihresgleichen sucht. 

  (6)
Tags: feindschaft, freunde, lebensschicksale, liebe eifersucht   (4)
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(7)

23 Bibliotheken, 3 Leser, 0 Gruppen, 5 Rezensionen

erwartung, glück, träume, wiedersehen, liebe

Sozusagen Paris

Navid Kermani
Fester Einband: 224 Seiten
Erschienen bei Hanser, Carl, 26.09.2016
ISBN 9783446252769
Genre: Romane

Rezension:

In dem neuen Roman von Navid Kermani arrangiert er die Wiederbegegnung eines Paares dreißig Jahre nach deren großer Schülerliebe.

Anläßlich der Lesung seines neuen Liebesromans wird der Icherzähler von einer Dame angesprochen. Irritiert und erstaunt registriert er, dass es sich um Jutta, seine große Liebe aus Schülerzeiten, handelt. Diesen Namen hat er ihr als Pseudonym in seinem neuen Roman gegeben, denn den richtigen zu nennen wagte er nicht. Er hat hier die Geschichte seiner Jugendliebe aufgeschrieben.

Erst zaghaft, dann vertrauter nähert er sich ihrem Schicksal und ihrer inzwischen dreißigjährigen Ehe.

Es handelt sich um eine lange Geschichte über die Liebe, in der auch auf Eindrücke bei Proust, Guy de Maupassent oder Madam Bovary und weitere häufig mit Zitaten zurückgegriffen wird.

Zunächst schüchtern, immer aber beobachtend, erlebt der Icherzähler seine frühere Geliebte: sie ist älter geworden, gewiss, aber sie hat den Reiz der Reife und eines eigenen Lebens, das nach abenteuerlichem Beginn in den Fängen guter Bürgerlichkeit endete. Sie ist Ärztin, hat sich aber der Politik zugewandt und ist gar Bürgermeisterin in einem kleinen Kaff geworden. Ihr anfangs ebenso abenteuerlicher Ehemann hat sich im Alltag einer hausärztlichen Allgemeinpraxis eingerichtet. Vergangen sind die Träume von Hilfen für die dritte Welt und einer allgemeinen Weltverbesserungsvorstellung.


Was macht diesen Roman so eindrucksvoll?

Es ist sind die vielfältigen Gedanken und die Abwägung eines Für oder Wider, mit denen Navid Kermani die Welt und die Liebe zu verstehen trachtet. Das ist die große Stärke des Autors: er beleuchtet Menschen, Ereignisse, gesellschaftliche Phänomene und religiöse Widersprüche immer aus einer Innen-und Außensicht.
So kann er wertfreier zu Eindrücken kommen als es herkömmlich der Fall ist. Auch die Liebe lebt von ihren inneren Widersprüchen, und sie dauert niemals ewig, so wenig wie das Leben, das Werden und Vergehen.

Das Buch beinhaltet gedankenschere Eindrücke davon, wie die Liebe sich im Laufe eines langen Lebens zu zweit verändert, und wie man die eheliche Beziehung über so lange Zeit lebendig erhalten könnte.

Insofern handelt es sich bei Navid Kermanis Roman neben dem alltäglichen Liebesgeplänkel um gewissermaßen philosophische
Abhandlungen. Seine Sprache ist differenziert und prägnant. Man möchte bei jedem Satz verharren, um den tieferen Gehalt seiner Aussagen zu behalten. Anhand eines Songs von Neil Young geht ihm auf, in wie wenigen Worten man das Drama einer Ehe beschreiben kann. Und wieder weiß der Leser nicht so genau, ob es das Fazit von Juttas Ehe ist, das er hier heraufbeschwören will, oder ob er mit dem Lied eher zu allgemeingültigen Einschätzungen gekommen ist.

Ein endlos fortbestehendes Glück scheint es für Kermani und seine Romanfiguren nicht zu geben. Die nachdenklich stimmende Abhandlung mit philosophischen Einsichten macht das Buch zur anspruchsvoller Lektüre.

  (5)
Tags: erwartung, glück, liebe, träume   (4)
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(3)

11 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 3 Rezensionen

pflege, mutter-sohn-beziehung, helfersyndro, not, krankheit

Muttermale

Arnon Grünberg , Andrea Kluitmann , Rainer Kersten
Fester Einband: 416 Seiten
Erschienen bei Kiepenheuer & Witsch, 30.09.2016
ISBN 9783462049251
Genre: Romane

Rezension:

Psychiater sein ist schwer! Einmal mehr sieht man in dem nun vorliegenden Roman von Arnon Grünberg, wie sehr dieser Beruf den ganzen Menschen fordert und zu eigenem Fehlverhalten beitragen kann, oder umgekehrt: weil einer schon kaputt ist, fühlt er sich zu diesem Beruf hingezogen, der ihm die Schwierigkeiten des Daseins
aus dem Blick seiner Patienten noch einmal nahe bringt.

Otto Kadoke ist Psychiater und arbeitet in einem Krisenzentrum für suizidgefährdete Menschen. Zugleich muss er ich um seine alte Mutter kümmern. Nach einer Scheidung ist er nur noch dem Beruf und der gebrechlichen Mutter verhaftet.

Eine Nepalesische Hilfskraft versorgt die Mutter ordentlich. Doch eines Tages kann sich Kadoke nicht mehr beherrschen und vergewaltigt die Frau. Das hat Folgen!

Sehr allmählich steigert Arnon Grünberg seine Charakterdarstellung eines Mannes, der selbst von inneren Skrupeln und Nöten geplagt ist. Er raucht viel und wirkt unglücklich. Der Hilfesuchende begegnet in ihm einem Helfer, für den der BERUF Hilfe zu sein scheint. Als Helfersyndrom bekannt, kann man bei zahlreichen Helferberufen davon ausgehen, dass sich hinter der Maske des Helfers eine narzisstisch oder anderweitig gestörte Persönlichkeit verbirgt. Das soll natürlich nicht für Psychiater gelten!

Wer lange genug in dem Beruf gearbeitet hat, weiß, dass er nicht wirklich helfen kann. „Wenn es etwas gibt, dem sich der Ausübende eines Helferberufs stellen muss, dann seinem Unvermögen, der eigenen Machtlosigkeit“.(S. 67)

Man erfährt in diesem Buch ein Lehrstück über psychiatrische Gegebenheiten und über die Ohnmacht, mit der dieser Beruf z.T. besetzt ist.

Dass sich hier ein besonderes Schicksal abspielt, in dem eine enge Bindung zwischen Mutter und Sohn zu einer Zerstörung des eigenen Lebensgefühls führt, lässt im Leser ein leichtes Gruseln aufkommen.

Kadoke verfängt sich zunehmend in den Fallstricken seiner eigenen Fehlentwicklung.

In langen Passagen begegnet man dem irren Spiel, dass psychisch kranke Menschen zuweilen mit einander spielen.
Fast alle Figuren sind irgendwie krank an Leib und Seele. Selbst die Mutter ist eine Fata Morgana, und jeder merkt allmählich, dass die Summierung von psychisch abnormen Persönlichkeiten in diesem Werk ihren Kulminationspunkt gefunden hat.

Arnon Grünberg ist ein anerkannter jüdischer Schriftsteller, der aus Holland kommt und in New York lebt.

Warum ihn die kaputte Natur im menschlichen Dasein so anzieht, bleibt sein Geheimnis. Das Lesen seiner Bücher erfordert ein hohes Maß an Verständnis für die Abgründe im Menschen. Aber er kann schreiben, und das macht einiges wett!

  (5)
Tags: helfersyndro, krankheit, not, zwang   (4)
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(27)

48 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 8 Rezensionen

kindheit, freiheit, ruhm, liebe, spiel

Raumpatrouille

Matthias Brandt
Fester Einband: 192 Seiten
Erschienen bei Kiepenheuer & Witsch, 08.09.2016
ISBN 9783462045673
Genre: Romane

Rezension:

Mit den vorliegenden Geschichten in seinem Buch „Raumpatrouille“ hat Matthias Brandt aus der Sicht eines kleinen Jungen seine Kindheit neu belebt: wie er die Welt sah, und wie er sich darin zurechtfand. Er ist in den siebziger Jahren in einem großen Haus in Bonn aufgewachsen.

Hier erzählt der Sohn vom damaligen Bundeskanzler Willy Brandt Episoden aus seinem Kinderleben.
Die Familie war ständig von Personenschützern umgeben. Natürlich kann der kleine Junge nicht so ganz ermessen, warum diese Umstände sein Leben bestimmen. Insgeheim beneidet er die anderen Jungs um ihre „normale“ Kindheit.

Er scheint mühelos durch seine Welt zu trudeln, die aus Spielen, seinem Hund Gabor und den mehr oder weniger geschätzten Wachleuten vor seinem Elternhaus, den Lehrern oder dem Postboten bestand. Ferner gab es da den komischen Nachbarn, der sich etwas seltsam aufführt, und es gibt das Vorsingen bei eben jenem Mann namens Heinrich Lübke.

Zwischendurch gelingt es dem Jungen immer wieder einmal, den Erwachsenen zu entwischen. Dann verlustiert er sich in den angrenzenden Wäldern oder Wiesen. Wie alle Kinder erfreut er sich an seinem Spielzeug und lässt seiner Fantasie beim Spielen freien Lauf. Zuweilen recht waghalsige Spielchen wie z.B. das Feuer in seinem Kinderzimmer werden ihm seitens der Erwachsenen nicht nachgetragen.

M. Brandt wollte nie auffallen. Er versteckte sich in der hintersten Reihe der Klasse, wenn es um öffentliche Vorführungen ging. Alles in Allem ist er ein ganz normaler Junge, der keine Extrawünsche für sich beanspruchte.
Naiv und bestrickend sind die Schilderungen, wie er bei seinem Freund Holger übernachtet und das spießige Bürgerleben als das Größte überhaupt betrachtet. Der Blick in die siebziger Jahre mit dem Mief der bürgerlichen Anständigkeit und dem bescheidenen Wohlstand sind von historischer Relevanz!
Der Autor ist hautnah in die Tage seiner Kindheit geschlüpft und eröffnet den Blick in eine kindliche Welt, die so, wie sie war, für ihn in Ordnung war. Humorvolle Passagen über seine Beobachtungen der Erwachsenenwelt lassen auf einen wirklich souveränen kleinen Kerl schließen!

Die Mischung aus Poesie, Fantasie, stiller Beobachtung und ganz authentischem Erlebnisbericht macht das Buch so attraktiv für den Leser. Hier rechnet niemand mit seiner Kindheit ab oder beklagt sich über entgangene Kindheitsfreuden. Im Gegenteil: dieser Junge hat eine liebevolle Mutter und einen fernen Vater, den er kaum vermisst. Er hat einen wachen Geist und zeigt ganz freimütig Gefühle der Furcht oder der Freude.

Das bescheidene und freundliche Kind hat einen Weg gefunden, in dem er seine ganz eigene Karriere zum Erfolg brachte: er wurde ein angesehener Schauspieler.

Matthias Brandt hat mit seinem Debüt über Episoden aus seiner Kindheit ein poetisches kleines Werk geschaffen, das erfreulich und genussvoll zu lesen ist.

  (5)
Tags: freiheit, kindheit, liebe, ruhm, spiel   (5)
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(2)

2 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

verfolgung, pressefreiheit, journalismus, freiheit, haft

Lebenslang für die Wahrheit

Can Dündar , Sabine Adatepe
Fester Einband: 304 Seiten
Erschienen bei Hoffmann und Campe, 08.09.2016
ISBN 9783455504248
Genre: Sachbücher

Rezension:

Can Dündar gehört zu einem unter vielen aufgeklärten und anerkannten Journalisten in der Türkei. Er war Chefredakteur der bekannten türkischen Zeitung Cumhuriyet und wurde zum Sprachrohr der „prowestlichen, demokratischen und säkularen Freiheitsbewegung seines Landes“, wie es auf dem Klappentext heißt.
Als er sich mit dem türkischen Geheimdienst schon unter der Ägide Erdogans anlegte, war es, als stäche er in ein Wespennest. Er hatte Waffenlieferungen des MIT (türkischer Geheimdienst) an Syrien aufgedeckt und publik gemacht.

Täglich gab es in der Türkei ab Beginn des Jahres 2015 Verfolgungen, Verhaftungen und Verdächtigungen gegen liberale Intellektuelle und Journalisten.

Jeder weiß, wohin das bis heute führte.

Im November 2015 wurde Can Dündar unter dem Verdacht der Spionage (Weitergabe von Geheimdienstangelegenheiten) in Untersuchungshaft genommen. In einer Art Tagebuch beschreibt er seine Beobachtungen und Erfahrungen mit dem zunehmend despotischen Regime unter Erdogan.
Erst mit dem Putschversuch am 15. Juli 2016, der glücklicherweise niedergeschlagen wurde, verschlechterte sich die Lage in der Türkei gegen jegliche Art von demokratischen Reformen oder Regungen.
Dündar drohte erneut eine lange Haftstrafe, und er trat die Flucht ins Ausland an.

Die Geschichte und politische Entwicklung in der Türkei ist verworren und für einen Außenstehenden schwer zu durchschauen. Insofern bietet Dündars Bericht eine Innenansicht über das, was in der Türkei momentan geschieht.

In seinem vorliegenden Buch beschreibt er sein Leben vor und während der Haft von November 2015 bis Ende Februar 2016.
Der Bericht ist detailreich, informativ und sehr menschlich in der Offenheit der Mitteilungen.
Zahlreiche Freunde, Kollegen und Bürger haben ihn beständig unterstützt und öffentlich gegen seine Inhaftierung protestiert. Ganz nebenbei erfährt man von seiner glücklichen Familie, seiner Frau Dilek und dem Sohn Ege, die ihm emotional tief verbunden sind.

Mit dem hier vorliegenden Bericht erfährt man zahlreiche Einzelheiten über den Alltag im Gefängnis Silivri. Hier sitzen vorwiegend gebildete und intellektuelle Persönlichkeiten ein, deren Ausstrahlung und Kraft eine stete Bedrohung für die Machthaber zu verkörpern scheinen.

Mit Einfallsreichtum und geistiger Potenz versucht Dündar, die Isolierzelle zu ertragen. Es kommen ihm immer neue Einfälle, sei es aus der Literatur, sei es aus Gedanken und Spielen, die ihn die harte Haft durchstehen lassen. Er ist trotz aller Unbilden voller Zuversicht und Hoffnung, dass er bald entlassen wird. Durch die schwere Zeit wird er getragen von der Zustimmung einer breiten Öffentlichkeit, vieler guter Kollegen, Freunde und immer wieder auch von Frau und Sohn. Teilweise sind seine Betrachtungen von feinfühliger, liebevoller und poetischer Kraft.


Hier ist ein warmherziger, freiheitlich gesinnter und liberaler Geist aus seinem Heimatland vertrieben worden, an dem er hängt, und für das er noch viel Gutes im Sinne von kultureller Prägung für eine freiheitliche Gesellschaft hätte beitragen können. Hoffen wir, dass die Verhältnisse in der Türkei eines Tages die Menge der liberalen und gebildeten Freigeister zurückkehren und zum guten Leben in der Türkei beitragen lassen werden! Als Appel dazu kann man das Buch von Can Dündar nur begrüßen.

  (8)
Tags: freiheit, haft, verfolgung   (3)
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(2)

2 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

herkommen, die welt, gott

Die Tage, die ich mit Gott verbrachte

Axel Hacke
Audio CD
Erschienen bei Kunstmann, A, 14.09.2016
ISBN 9783956141416
Genre: Romane

Rezension:

Eine skurrile kleine Geschichte hat uns Axel Hacke zu diesem Herbst beschert.

Ein Mann fährt heim und betrachtet sich im nachtdunklen Bahnfenster. Es amüsiert ihn, und er spielt mit dem Widerschein seines Porträts, bis es plötzlich verschwindet, und er direkt mit der Bahn vor seinem Haus ankommt.

Nach diesem kurzen Einführungsbild kann man sich schon vorstellen, dass einen in dieser Geschichte noch allerlei Sonderbarkeiten erwarten werden.
So begleitet ein Büroelefant unseren Helden auf seinen kurzen Mittagsausflügen!

Auf einer Parkbank begegnet ihm ein „Herr“ (was für ein altmodischer Ausdruck!) im grauen Mantel. Er spricht ihn an, und die beiden Männer kommen in ein intensives Gespräch.

Schließlich redet unser Held den Herrn, der ihn von Beginn an duzt, mit Gott an, und um existenzielle Fragen des Menschseins dreht sich am Ende die ganze Geschichte: warum wir auf der Welt sind, was wir hier tun, wie es nach unserem Vergehen aussehen wird; wozu die Tiere da sind, und was die Unendlichkeit bedeutet. Gott hat auf zahlreiche Fragen eine Antwort, doch berichtet er freimütig, dass ihm so manches nicht gelungen ist. Die Notwendigkeit der Widersprüchlichkeit einzelner Fragen ist verständlich. Schönheit ist nur sichtbar durch das Gegenteil: Trauer und Glück bedingen einander, Hell und Dunkel sind Antipoden und Sonne und Mond machen das Universum erst lebendig.

Das Gespräch wird immer philosophischer. Mit den bunten und ansprechenden Bildern des Illustrators Michael Sowa wird die Geschichte sehr plastisch visualisiert.

Kurzweilig führt uns Axel Hacke mit seiner lebhaften Phantasie durch eine Gedankenwelt, die uns amüsiert und zum Nachdenken anregt.

Die Geschichte ist kein Märchen, sondern pendelt zwischen Realität und Fantasie. Sie ist in ihren Fragestellungen ernst und naiv zugleich. Es geht um Erklärungen und um Erkenntnis, es dreht sich um die Schönheit der Natur, ihre Wunder und immer wieder die Vergänglichkeit. Aber auch die Einsamkeit Gottes, seine Bitte um Vergebung für begangene Fehlplanungen und Versöhnung symbolisieren Teile unseres Menschseins.

So wie die Geschichte beginnt, so endet sie auch. Schlicht, absurd aber friedlich. Der Mann kehrt zu seiner Familie zurück, und die Kinder bitten um weitere Geschichten!

Selten liegen Ernst und Komik so nahe beieinander.

Axel Hacke lebt in München und ist Schriftsteller und Kolumnist der Süddeutschen Zeitung.
Michael Sowa ist Maler und lebt in Berlin.

  (8)
Tags: die welt, gott, herkommen   (3)
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(1)

1 Bibliothek, 0 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

frieden, eintrach, wohlbefinden

Das Leben ist gut

Alex Capus
E-Buch Text: 240 Seiten
Erschienen bei Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG, 22.08.2016
ISBN 9783446254091
Genre: Sonstiges

Rezension:

Alex Capus hat einmal wieder eine sehr schöne Liebegeschichte zu erzählen.

Max und Tina sind glücklich verheiratet und haben drei wohl geratene Söhne.

Tina bekommt den Ruf für eine Gastprofessur in Paris, und Max ist eigentlich Schriftsteller.
Die beiden verabschieden sich herzlich. Sie sind sich offensichtlich auch nach 25 Jahren Ehe noch sehr zu getan.

Zum Vergnügen und Zeitvertreib aber führt Max eine Bar, in die auch alle seine früheren Kumpels und Freunde zuweilen einkehren.

Die Geschichte ergeht sich in Schilderungen seines Alltagslebens, seiner Muße und den Beschreibungen seiner diversen Freunde mit ihren Eigenheiten, die sich auch schon seit Jahren kennen.
Der Ton der Geschichte ist freundlich, ausgeglichen und genügsam.

Seine Ehe mit Tina bleibt im unsichtbaren Bereich. Man spürt nur, wie sie an einander hängen, sich nach einander sehnen und sich doch gegenseitig ihre Freiheit in ihrem beruflichen Tun lassen.

Man lernt mit Max einen zufriedenen und liebevollen Menschen kennen. Er ist seinen Freunden gewogen. Gelegentliche Kuriositäten seiner Mitbürger werden mit Humor beschrieben. sEs gibt keine außergewöhnlichen Aufregungen oder Ereignisse.

Fast könnte man meinen, dass es hier ein wenig langweilig zugeht. Dem ist aber nicht so, denn die Feinheiten liegen im Detail. Wenn etwa Miguel in Geldnöten von einer frühen Begegnung mit einem Torero berichtet, dessen Stierkopftrophäe er für eine immense Summe gekauft haben will, um sie jetzt an den Mann, sprich den Freund Max, zu bringen.
Ein anderer Schulfreund, Jules Weber, machte Bankrott und lebte ein einsames Leben, das wohl zuletzt im Trunk endete.
So spült die Erzählung nach und nach den einen oder anderen Freund in den Fokus.
Keine Konflikte oder schwierige Lebensgeschichten führen hier Regie, sondern das einfache und zufriedene Leben.

Ein wenig Aufregung hätten wohl mehr Spannung erzeugt, denn auch davon versteht der Schriftsteller durchaus etwas, wie er in seinem Roman „Leon und Luise“ bewiesen hat.

Die Ruhe aber tut dem Leser gut, und er begnüge sich dieses Mal damit.

  (9)
Tags: eintrach, frieden, wohlbefinden   (3)
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(5)

10 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 5 Rezensionen

unfall, mord, totschlag, to, gerichtsverfahre

Drei Söhne

Helen Garner , Lina Falkner
Fester Einband: 352 Seiten
Erschienen bei Berlin Verlag, 01.09.2016
ISBN 9783827012692
Genre: Romane

Rezension:

Helen Garner hat drei Jahre lang einen Mordprozess gegen einen Vater dreier kleiner Söhne begleitet. Robert Farquharson soll aus Rache an seiner Frau, die ihn verlassen hat, eines Tages die kleinen Söhne im Alter von zehn, sieben und zwei Jahren mit seinem Auto in einen Baggersee gefahren habe. So lautet die Anklage. Er selbst konnte sich retten, seine Söhne aber sind im untergangenen Wagen ertrunken. War es ein Unfall, wie er sagt, oder steckte eine mörderische Absicht hinter der Tat?
Die Kleinstadt Geelong in Victoria/ Australien ist Ort des Geschehens.

Spannend und detailreich ist die Reportage über einen Mordprozess, der Jahre lang die australische Öffentlichkeit bewegte.

In aller Ausführlichkeit werden die Lebenswege der betroffenen Personen geschildert.

Roberts Frau Cindy Gambino kennt ihren Mann nur als liebenden Vater. Doch ihre Ehe endete, als sich Robert als Versager entpuppte, dem vieles immer wieder mißlang. Berufsweg und Hausbau endeten jeweils im Desaster. Robert ist beständig kränklich und leidet vor allem an einem quälenden Husten, der fast zu Erstickungsanfällen führt. So hat er in der Tatnacht auch von einem Hustenanfall mit Ohnmacht berichtet, der den Wagen willenlos in den Baggersee abdriften ließ.

In einem langen Indizienprozess wird versucht, Licht in das Dunkel um diesen Unfall oder Mord zu bringen.

Zahlreiche Zeugen treten auf. Alle Personen werden in ihrem Bezug zu Robert präsentiert.

Der schwächliche Charakter von Robert beherrscht die Scene. Freunde wenden sich von ihm ab, und Anklage und Verteidigung haben einen schweren Stand, Licht in das Dunkel um die Tatnacht zu bringen.

Die Beobachterin Helen Garner spricht in der Ichform. Sie ist in Begleitung der jugendlichen Tochter einer Freundin, mit der sie ihre Eindrücke teilt.

Minutiös beobachtet sie Verhalten, Mimik und Gebaren der auftretenden Figuren und deren Umfeld.

Das Panorama der Einblicke in die Charaktere der agierenden Mitwirkenden, Richter, Anwälte, Ankläger, Freunde, Verwandte und Zeugen lässt tief blicken.

Das Buch beinhaltet die lange Beweisaufnahme und das Verfahren in einem außergewöhnlichen Mordprozess. Der interessierte Leser kann sich ein Bild machen, wie es bei Gerichtsverfahren zugeht. Dass der Autorin dabei eine außerordentliche Milieuschilderung gepaart mit psychologischem Feingefühl und Weitblick gelungen ist, muss man ihr zugestehen. Für den Leser ist die Vielzahl der Zeugen, Polizeikommissare, Verwandten und Freunde eher ein wenig ermüdend.

Das Buch ist für jene Leser von höchstem Interesse, die sich für Prozessverfahren und für die Umstände von Ermittlungen, Beweisaufnahmen, Gutachteraussagen, Verhaltensweisen der Geschworenen und für die relevanten Aussagen zur Urteilsfindung interessieren.

Im Gesamtbild des Prozessverlaufs sind H. Garners Beobachtungen durchaus von literarischer Qualität.

Helen Garner lebt in Australien und ist als Sachbuchautorin und für ihre Kurzgeschichten vielfach ausgezeichnet.

  (8)
Tags: gerichtsverfahre, mord, to, totschlag, unfall   (5)
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(17)

27 Bibliotheken, 0 Leser, 1 Gruppe, 11 Rezensionen

familie, mutter-tochter-beziehung, kindheit, schriftstellerin, liebe

Die Unvollkommenheit der Liebe

Elizabeth Strout , Sabine Roth
Fester Einband
Erschienen bei Luchterhand, 29.08.2016
ISBN 9783630875095
Genre: Romane

Rezension:

Elizabeth Strout hat die unnachahmliche Gabe, uns die Figuren ihrer Romane in ihren Gefühlen, Gedanken und Befindlichkeit nahezubringen.
So geschieht es auch in ihrem neuen Roman über die Unvollkommenheit der Liebe.

Die Schriftstellerin Lucy Barton lag vor Jahren nach einer eigentlich unkomplizierten Blinddarmoperation im Krankenhaus. Es ging ihr lange nicht gut. Da sah sie im Halbschlaf plötzlich ihre Mutter an ihrem Krankenbett sitzen. Sie hatten sich schon 9 Jahre lang nicht mehr gesehen.
Spontan entwickelt sich ein Dialog zwischen den beiden Frauen, der viele Aspekte ihres bisherigen Lebens umfasst.

Die feinen Nuancen, mit denen über die Kindheit von Lucy nachgedacht wird, sind ebenso reizvoll, wie die Erinnerungen der Mutter, mit denen sie zum Bild der Familiengeschichte beiträgt.
Arm waren sie alle, und die Eltern hatten jeweils wenig Verständnis für die Nöte ihrer Kinder. Lucy hatte noch zwei ältere Geschwister, so dass sie so manches Mal sich selber überlassen blieb, wenn diese schon in der Schule waren.
Sie lebten in einem kleinen Kaff in Illinois und waren so arm, dass Lucy ihren Bruder dabei begleitet hat, wenn er in Mülltonnen nach Essbarem suchte.
Kann man sich diese Armut vorstellen?

Doch Lucy geht einen sehr eigenen Weg: sie will Schriftstellerin werden!

Immer wieder sind ihr im Leben Menschen über den Weg gelaufen, die ihr Wärme und Zuneigung entgegenbrachten, sie wertschätzten und sie ermutigt haben: angefangen von einem Lehrer, der ihre Schulklasse abkanzelt, weil die Mitschüler Lucy gedemütigt haben, bis zu dem Psychoanalytiker Jeremy, ihrem Nachbarn in New York, der ihr unaufdringlich und unausgesprochen signalisiert, dass er ihre Einsamkeit versteht. Erfahrungen ähnlicher Art sind zahlreich.

Jetzt ist sie erwachsen und hat einen Mann und zwei Töchter, denen sie mit großer Liebe anhängt. Ihre Mutter bemerkt es mit Erstaunen.

Es ist die subtile Beobachtungsgabe von E. Strout, die ihre Lektüre zu einem Erlebnis macht. Sie weiß Lebenserfahrung mit dem ganz alltäglichen Einerlei in Einklang zu bringen. Nichts von dem, was sie erzählt, wirkt aufgesetzt oder gar aufdringlich. Ihre Sprache ist einfach strukturiert und verständlich. Sie zeugt jedoch von tiefem Verständnis und Mitgefühl in der selbstverständlichen Akzeptanz für die unerklärlichen Wege des Menschen. Es ist eine herzerwärmende Geschichte mit zahlreichen tiefschürfenden Lebenseinsichten, die wie ganz nebenbei in den Text einfließen. Es ist erstaunlich, mit welcher Kraft, Liebe, Selbsteinsicht und Versöhnlichkeit Elizabeth Strout ihre Protagonistin zu Wort kommen lässt.

Man möchte diese Geschichte jedem nachdenklichen Leser ans Herz legen, der sich für die Zusammenhänge menschlichen Seins interessiert.
Ich wollte jeden Satz in Gedanken festhalten, um so lange wie möglich bei diesem Roman verweilen zu können.

Elizabeth Strout ist eine herausragende Erzählerin, deren Romane mit zunehmender Lebenserfahrung an Substanz noch gewinnen. Sie lebt in Maine und in New York und ist Pulitzerpreisträgerin.

  (6)
Tags: einsichten, gefühl, lebensweisheit, liebe   (4)
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(67)

92 Bibliotheken, 2 Leser, 2 Gruppen, 60 Rezensionen

israel, liebe, palästina, new york, nahostkonflikt

Wir sehen uns am Meer

Dorit Rabinyan
Fester Einband: 368 Seiten
Erschienen bei Kiepenheuer & Witsch, 11.08.2016
ISBN 9783462048612
Genre: Liebesromane

Rezension:

New York zu Beginn des 21.Jahrhunderts.

Durch Zufall begegnen sich in dieser Stadt Liat aus Israel und der Maler Chilmi aus Palästina.

Ungewöhnlich der Zufall und ungewöhnlich die heiße Liebe, die spontan zwischen den beiden entbrennt.

Wie konnte das passieren?

Nun, Künstler und Studierende aus aller Welt wohnen in New York, in dem man internationale Kontakte pflegt. NY ist eine Weltstadt mit einnehmendem Flair. Locker, leicht und kontaktfreudig begegnen sich hier Fremde, die schnell zu Freunden werden. So ergeht es auch Liat und Chilmi. In ihren Gesprächen klingt früh an, wie unterschiedlich es sich in Israel und Palästina lebt. Liat schwärmt vom Meer, das Chilmi nur aus sehr wenigen Besuchen im Gazastreifen kennt. Palästina grenzt sonst nirgends ans Meer. Der Satz von Chilmi „Eines Tages wird das Meer uns allen gehören“ lässt Hoffnung aufklingen. Doch noch wissen beide, dass ihre Beziehung niemals von den jeweiligen Familien des anderen akzeptiert würde.

Dorit Rabinyan erzählt eine Geschichte, die voller Liebe und Wärme steckt. Sie fängt die Atmosphäre zu Beginn einer tiefen Liebe in Herz erwärmender und anrührender Weise ein. Gekonnt flicht sie den Palästina-Israelkonflikt in die Geschichte ein. Fern des Landes Israel/ Palästina, in dem die Spannungen nie ein Ende zu nehmen scheinen, zeigt sie zwei Menschen, die, befreit von der Konfliktträchtigkeit ihrer unterschiedlichen Herkunft als Araber und Israelin, gelöst und unbefangen sein können, wie sie es zu Hause nie wären. Enthält die Geschichte einen tieferen Sinn? Sind es die Grenzen politischer und religiöser Gegensätze, die Menschen zu Feinden machen, die sie in einer freien Umgebung niemals empfinden würden?
Man kennt das aus dem West-Eastern Divan Orchestra von Daniel Barenboim, der junge Menschen aus verfeindeten Staaten vorübergehend zum Muszieren zusammenbringt, und man weiß aus den Balkankriegen, wie durch Gebietsansprüche oder gegensätzliche Religionen aus Freunden und Nachbarn Feinde wurden.

Diesen Kontrast eingefangen zu haben, ist Dorit Rabinyan hervorragend gelungen.

Die sehr individuelle Liebesgeschichte eignet sich gut, einem das Konfliktpotenzial nahezubringen, in denen Länder und Menschen verfangen sind. Eine menschliche Tragödie nimmt hier Gestalt und Form an. Da sich die Erzählung anregend liest und überschaubar bleibt, ist es ein lehrreiches Stück Geschichte, das uns vor Augen führt, wie unendlich verfeindet und in kriegerischen Verstrickungen Menschen aus zahlreichen Ländern in dieser Welt leben müssen.

Der Roman ist anspruchsvoll und ernsthaft in seiner Ausführung. Beste Empfehlung!

Die Autorin ist die Tochter iranisch-jüdischer Eltern und lebt in Israel.

  (8)
Tags: feindschaft, liebe, politische konflikte   (3)
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(1)

1 Bibliothek, 0 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

vorlieben für bestimmte bücher, rezensionen

Worüber wir sprechen, wenn wir über Bücher sprechen

Tim Parks
E-Buch Text: 240 Seiten
Erschienen bei Verlag Antje Kunstmann GmbH, 24.08.2016
ISBN 9783956141522
Genre: Sonstiges

Rezension:

Tim Parks ist ein sensibler, feinsinniger Autor, dessen Bücher mich immer sehr angesprochen haben.

Hier unternimmt der Autor u.a. den Versuch, einmal über die Beweggründe nachzudenken, die uns zum leidenschaftlichen Leser machen.
Seine Abhandlungen sind in einem verständlichen und ansprechenden Duktus geschrieben.

So führt er aus, wie weit unsere Herkunft, unsere Interessen, unsere Lebensphasen und unsere Erfahrungen über die Vorlieben für bestimmte Bücher bestimmen. Für Tim Parks gibt es in diesem Sinn nicht das „gute“ Buch.

Selber aus einem frommen Pastorenhaushalt stammend gab es in seiner Kindheit „gute“ und „böse“ Bücher. Er wurde in ein System gezwungen, das der moralischen und ethischen Vorstellungswelt seiner Eltern nicht aber der seinen entsprach.
Er begann früh, sich aus diesem System abzusetzen und seinen eigenen Weg in der Auswahl seiner Lektüre zu treffen.

In seinen Ausführungen spricht er von der inneren Verfasstheit des Lesers, die ihn zu diesem oder jenem Zeitpunkt seine Bücher wählen lässt. Rezensionen sind nach seiner Vorstellung immer subjektiv und haben keinen Absolutheitsanspruch. Aus seiner Sicht gesehen haben wir alle das Recht, uns die Bücher zu wählen, die unserem inneren Wesen entsprechen und uns nicht vom allgemeinen Mainstream einfangen zu lassen. Immer einmal wieder heißt es, man müsse dieses oder jenes Werk gelesen haben, um überhaupt mitreden zu dürfen. Das aber stimmt so nicht!

In Literaturforen von einiger Offenheit erlebt man Fraktionen, die für das eine oder andere Buch in die Bresche springen, andere, die das gleiche Buch ablehnen. Interessant sind die Foren für alle jene, die gerne andere Meinungen hören durch die man Aspekte in der Handlung kennen lernt, die man selber vielleicht noch nicht entdeckt hat. Kontroversen gibt es auch in den so genannten Literaturclubs im Fernsehen, bei denen sich die Diskutanten zuweilen regelrecht feindselig gegenüberstehen. Toleranz stünde den Teilnehmern dieser Sendungen besser an!

In einzelnen Kapiteln befasst sich Tim Parks z.B. mit der Vergabe der Literaturnobelpreise und der Unmöglichkeit, aus der Vielzahl der Bücher zu einer richtigen Wahl zu kommen.
Die Vorschläge für diesen Preis kommen ja aus einer Vielzahl von Ländern mit unterschiedlichen Sprachen. Er weist nach, dass niemand die Menge der Bücher lesen könne, aus denen eine gerechte Wahl zu treffen sein soll.

Dieses Buch über Bücher ist eingängig und leicht zu lesen. Man lernt den Literaturbetrieb auf verschiedenen Ebenen kennen: seien es Überlegungen, die Schriftsteller selber betreffen, die Bürokratie rund um das Buch oder die Vermarktung im Buchhandel, ihrer Verlage und ihrer Kalkulationen etc. Ein rundum lesenswertes Buch ist Tim Parks wieder einmal gelungen. Man könnte es als Sachbuch einordnen, doch dazu ist es zu handfest und lebensnah geschrieben.

Auf jeden Fall ist das Buch für den interessierten Leser rund um den Literaturbetrieb sehr empfehlenswert.

  (7)
Tags: rezensionen, vorlieben für bestimmte bücher   (2)
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(1)

1 Bibliothek, 0 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

Es.Ist.Nicht.Fair.

Sarah Benwell
E-Buch Text: 332 Seiten
Erschienen bei Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG, 25.07.2016
ISBN 9783446254060
Genre: Sonstiges

Rezension:

Sarah Benwell hat sich in ihrem Debütroman, oder vielleicht sollte man besser „Bericht“ sagen, eines kritischen Themas angenommen: dem von Krankheit und drohendem Tod.

Abe Sora ist ein Junge von 17 Jahren. Er lebt mit seiner Mutter auf engstem Raum. Man spürt aber sehr bald, dass er Abstand und Distanz zu allen und jedem sucht.
Er ist krank. Die Krankheit ist tödlich, macht Angst und schreitet sehr schnell fort. Es handelt sich um die Diagnose Amyotrophe Lateralsklerose. Die tückische Krankheit führt unweigerlich zum Tode. Im täglichen Leben ist der Rollstuhl Soras steter Begleiter. Der Muskelschwund, an dem er leidet, macht ihm das Atmen und Sprechen schwer.
Wie viel Zeit wird ihm noch bleiben, um das im Leben zu tun, was er sich sehnlichst wünscht? Von seinen Träumen ist oft die Rede!

Von Beginn der Erzählung an ist man fasziniert und bewegt, wie Sora mit seinem Schicksal zurechtkommt. Man spürt seine Scheu, sich wem auch immer zu offenbaren. Er scheint wie in sich eingeschlossen. Die Therapiestunden bei Dr. Kobayashi sind ihm keine wirkliche Hilfe. Seine Schulfreunde begegnen ihm fremd und gehemmt. Sora kann das Mitleid und die Hilflosigkeit der anderen Menschen allenthalben wahrnehmen. Er hasst diese ihm entgegen schwappenden Gefühle!

So sucht und findet er, dem Segen des Internets sei Dank, zuerst einmal Menschen, die nicht so viel von ihm wissen, und mit denen er ohne deren Mitgefühl ungehemmt kommunizieren kann. Ganz offensichtlich sind die Protagonisten Japaner. Er nennt sich bezeichnender Weise im Internet „Samurai“.

Benwell lässt den Verlauf der Handlung vor unserem inneren Auge erstehen: die langsame Verschlechterung im Befinden des kranken Jungen; die ambivalenten Gefühle eines 17 Jährigen, der seiner Mutter nicht zur Last fallen will, und die innere Scham, auf ihre Hilfe auch in den intimsten Handlungen angewiesen zu sein. Im Internet findet er Freunde, zu denen er Vertrauen fasst. Die Freundschaften sind in ihrer Absolutheit und Treue bemerkenswert. Sie bilden den roten Faden, durch den die Handlung ihre Spannung und Intensität bezieht. Hier wagt Sora allmählich, rückhaltlos über seine Ziele und Wünsche zu sprechen.

Die Wahl des Internets als geschützter Raum wird geschickt eingesetzt, um zu zeigen, wie man hier seine wahre Identität eine Zeit lang für sich behalten kann.

Es gelingt der Autorin, dem Spagat zwischen Erleben und den unausgesprochenen Wünschen Sprache und Raum zu geben

Eine rundherum gelungene Handlung ohne Sentimentalität und Schwülstigkeit ist Sarah Benwell mit ihrem Debüt gelungen. Die Handlung ist ernst und wird gleichzeitig von einer inneren Selbstironie und Distanz getragen.

Sarah Benwell lebt in Bradford Upon Avon und lehrt kreatives Schreiben.

  (6)
Tags:  
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(37)

51 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 36 Rezensionen

tod, liebe, sex, trauer, cadaqués

Auch das wird vergehen

Milena Busquets , Svenja Becker
Fester Einband: 170 Seiten
Erschienen bei Suhrkamp, 08.02.2016
ISBN 9783518425275
Genre: Romane

Rezension:

Blanca ist eine Frau um die vierzig Jahre. Sie hat kürzlich ihre Mutter verloren.
Ihre Gedanken schweifen zurück und wechseln in der Perspektive zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Die Beziehungen zu ihrer Mutter waren ambivalent. Teilweise störte sie im bunten Leben ihrer Tochter. Doch ihr Tod lastet dennoch schwer. Die Icherzählerin spricht die Mutter in ihren Gedanken an. Doch zahlreich sind ihre Erinnerungen nicht.
Wesentlicher sind in diesem Buch die Geschichten über das Leben am Meer mit Müßiggang und Schlendrian.

Blanca lebt mit vielen Freunden und Freundinnen ein ausschweifendes Leben auf dem Familiensitz der Familie Cadaqués am Meer.
Hier treffen sich Ehemänner und Exehemänner, Freunde, Liebhaber, Freudinnen und die Kinder aus den verschiedenen Verbindungen.

Der Erzählton ist betrachtend bis reflektierend. Über der ganzen Erzählung liegt ein Schleier aus Vergangenem und Gegenwärtigem. Man weiß nur nicht, wie und wen die Erzählerin erreichen will: sind es nur Gedanken der Selbstbesinnung? Gibt es einen Wendepunkt im Leben der Erzählerin? Hat der Tod der Mutter sie verändert?

Da quasi essayistisch über das Leben hier und heute nachgedacht wird, sexuelle Begegnungen Erlösung aus der momentanen Tristesse vorgaukeln, ohne sie wirklich zu erfüllen, bleibt der Roman in seiner Intention rätselhaft. Es sind die verschiedensten Charaktere, die hier vorübergehend erscheinen. Die Bezüge der einzelnen Protagonisten untereinander sind nicht immer überschaubar. So bleibt die Erzählung flach. Sex spielt eine wesentliche Rolle für alle Beteiligten, als gäbe es nichts Wichtigeres von Interesse.
Man feiert, trinkt, nimmt Kokain und geht dem Müßiggang nach. Flirts und kurze Affären, gegenwärtige und vergangene, beherrschen das Geschehen.

Was soll der Titel bedeuten? Er beruht auf einer Geschichte längst vergangener Zeiten. Ein chinesischer Kaiser rief seine Weisen zusammen, um einen Satz zu finden, der für alles und immer Gültigkeit besitzt. Und das ist eben dieser Satz “Auch das wird vergehen“. Nun ja, so ist das wohl mit dem Erleben und dem Leben!

Wer die Atmosphäre von Bequemlichkeit und Nichtstun liebt, wer sich gerne dem Wohlleben hingeben möchte und selbstverständliche Sexgeschichten liebt, der liegt mit dieser Lektüre richtig.

Das Buch der Autorin hat den Ruf eines internationalen Bestsellers.

  (4)
Tags: liebe, sex, vergänglichkeit   (3)
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(4)

5 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 2 Rezensionen

jüdisches leben, wie der atem in uns, fmilienvlan

Wie der Atem in uns

Elizabeth Poliner , Maja Ueberle-Pfaff
Fester Einband: 450 Seiten
Erschienen bei DuMont Buchverlag , 19.07.2016
ISBN 9783832198176
Genre: Romane

Rezension:

Molly Leibritzky ist die Icherzählerin einer typisch jüdischen Familiengeschichte in Middletown/ Connecticut. Die Familie verbringt die Sommer am Meer in Woodmont /Connecticut. Wie so viele Juden sind die Ahnen der Familie ursprünglich vor Jahrzehnten aus dem Osten nach Amerika zugewandert. Mit ihrem Kaufhaus hat sie eine einträgliche Einkommensquelle, so dass sie sich ein gutes Leben leisten kann. Man hilft sich untereinander und steht sich in allen schwierigen Fragen des Lebens zur Seite. Doch wie überall auf der Welt gibt es in der Familie nicht nur eitel Sonnenschein. Schicksalsschläge und Querelen untereinander geben so manchen Anlass zur Sorge und zu Zwietracht.

Der Sommer 1948 prägt sich allen ins Gedächtnis ein, denn es ist der Sommer, in dem Davy, der Jüngste der Familie, zu Tode kommt. Er ist damals erst acht Jahre alt.

Molly, seine Schwester, versucht in ihrem Rückblick nach Jahren Ordnung in die Geschehnisse von damals zu bringen.
Auf diese Weise erfahren wir etwas vom Zusammenleben ihrer Mutter Ada mit ihren Schwestern Vivie und Bec.

Ada ist in Laufe der Jahre mit drei Kindern gesegnet worden und hat ihre unbefangene frühere Lebensfröhlichkeit verloren. Vivie hat ihrer Schwester lange verübelt, dass sie ihr den Mann einst ausgespannt hat. Doch nun ist sie früh zu einem gewissen Gleichmut und einer korrekten Realitätseinschätzung gelangt. Mit Leo und ihrer gemeinsamen Tochter Nina führt sie schließlich eine ruhige und treue Ehe. Bec, die jüngste der Schwestern, hat einen ganz eigenen Weg genommen.

Elizabeth Poliner zeichnet ein lebhaftes Bild der Gemeinschaft in ihrem Sommerdomizil. Man isst zusammen, treibt Sport, geht schwimmen und verlustiert sich auf vielerlei Weise.

Elizabeth Poliner vermittelt das Bild einer jüdischen Familie, wie wir sie aus zahlreichen Familiengeschichten schon kennen. Wichtig ist allen, dass man unter sich bleibt. Die jüdische Familie fordert bedingungslose Achtung bei der Einhaltung ihrer Traditionen und fest gefügten Lebensmuster. Das fällt nicht jedem leicht! Die Liebe erfährt Veränderungen und sprengt den Rahmen dessen, was jeder zu leisten vermag.
Als in Sommer 1948, der Gründung des Staates Israel, Davy tödlich verunglückt, bricht das mühsam konsolidierte Familienleben zusammen.

Die tragischen Ereignisse um Davys Tod berühren jeden tief.

Warum interessiert einen dieser Roman so sehr?

Er sprüht vor Lebendigkeit, erzählt von Klima, Luft und Familiensinn mit feiner Beobachtungsgabe und beinhaltet zudem eine Menge Erkenntnisse zu dem, was das Menschsein ausmacht. Hinzu kommt eine Einsicht, die so oft zum Leben gehört: Zufälle können eine unerwartete Wende bringen, die das Leben aller Beteiligen erschüttert. Keiner bleibt unberührt, wenn ein junges Leben vorzeitig endet. Und die Erwartungen an aneinander sind, wie sich zeigen wird, nicht immer erfüllbar.
Zitat:
Zitat:“Doch so sind Familien: sie sagen uns, was wir sind, und das sind wir dann, und deshalb besteht ein Teil des großen Lebenskampfes darin, sich jenseits der Last der erdrückenden kollektiven Definition selbst kennenzulernen " S.88)

So klar ausgesprochene tiefsinnige Betrachtungen findet man selten in diesem Roman. Sie fassen aber zusammen, worum es in der Geschichte geht: Selbstfindung, Identitätssuche und Überlebensstrategien. Am Ende ist die Geschichte schlüssig und man legt das Buch mit dem Wissen aus der Hand, dass hier wieder einmal ein Roman lehrt, wie das Leben so spielt und wie viele Variablen es beinhaltet. 

  (6)
Tags: fmilienvlan, jüdisches leben   (2)
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(5)

5 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 2 Rezensionen

landleben, beschaulichkeit, ruhe

Ein Monat auf dem Land: Roman

J.L. Carr
E-Buch Text: 144 Seiten
Erschienen bei DUMONT Buchverlag, 19.07.2016
ISBN 9783832189266
Genre: Sonstiges

Rezension:

In einem abgeschiedenen Örtchen in Nordengland, in Oxgodby in Yorkshire, erscheint eines Tages der Restaurator Tom Birkin, der für zwei Monate in der kleinen örtlichen Kirche ein mittelalterliches Fresko freilegen soll. Wir schreiben das Jahr 1920.

Er ist ärmlich ausgestattet und wohnt im Kirchenschiff höchst ungemütlich und wenig komfortabel.

Man beobachtet ihn bei seiner Ankunft und bei seiner Tätigkeit an der Kirchenwand. Er bleibt der Icherzähler, aus dessen Blickwinkel die dörfliche Gemeinschaft zum Leben erwacht. Denn von Zeit zu Zeit gesellen sich Anwohner zu ihm. Oxgodby ist klein, überschaubar und von wenigen Honoratioren bewohnt.
Einmal gibt es da den Stationsvorsteher des Bahnhofs und dessen Tochter; nebenan in seinem Zelt wohnt Mr. Moon, ein Archäologe, der im Namen einer verstorbenen reichen Mäzenin nach verschollenen Gräbern sucht.

Der Auftraggeber für Mr. Birkin ist ein Pfarrer von mürrischer Wesensart. Als seine Frau eines Tages in der Kirche erscheint, um sich den Fortgang der Arbeit anzusehen, ist Mr. Birkin höchst erstaunt über ihre Jugend und ihre fast überirdische Schönheit. Alice Keach erinnert ihn an das Frauenporträt „Primavera“ von Botticelli.
Zarte Liebesgefühle erwachen in ihm!

So langsam lernt man sich kennen, trinkt hier und da einen Tee zusammen oder es folgt sogar einer Einladung zum Essen.
Unspektakulär und bescheiden bewegen sich die Menschen aufeinander zu und wieder fort. Und doch wird in den Gesprächen deutlich, dass jeder ein Interesse am anderen hat.

Tom Birkin suchte in der Abgeschiedenheit des Landlebens Ruhe und Erholung von schweren Schicksalsschlägen, denn er kämpfte im Ersten Weltkrieg, und seine Frau hat ihn kürzlich verlassen. Hier scheint er die Ruhe zu finden!

J.L.Carr versteht es trefflich, die Atmosphäre der ländlichen Abgeschiedenheit zu vermitteln.

Seine kurze Erzählung ist inhaltsreich und von bestrickender Poesie und einer gewissen herben Schönheit.
Die Stimmungsbilder zeugen von wunderbarer Ruhe und von der Schönheit der Wälder und Felder, der Luft, dem Duft und dem Vogelgesang. Die Menschen mit ihren Eigenheiten und das ländliche Leben sind Balsam für die Seele eines Helden, der verwundet an Leib und Seele gerade hier auftanken wollte. Der Fortgang der Restaurierungsarbeiten wird fachgerecht beschrieben, und kunstgeschichtlich Betrachtungen runden den Bogen zu der kleinen aber feinen Erzählung ab.

J.L.Carr lebte von 1012 bis 1994 und gilt als moderner englischer Klassiker. Seine ruhige Prosa ist auch Balsam für Seele des Lesers! 

  (7)
Tags: beschaulichkeit, landleben, ruhe   (3)
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(1)

2 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

treue, liebe, versuchung

Fremdgehen

Lisa Elsässer
Fester Einband: 192 Seiten
Erschienen bei Rotpunktverlag , 20.07.2016
ISBN 9783858697141
Genre: Romane

Rezension:

Mit einem kurzen Einblick in die Geschichte einer Freundschaft beginnt Lisa Elsässer ihre Erzählung über eine ungewöhnliche Liebe. Einleitend zu ihrem Briefroman zitiert sie Hannah Arendt, die sagt
„wenn es nicht so gefährlich wäre, sollte man der Welt doch einmal erzählen, was eine Ehe wirklich ist“. Die weise Philosophin sollte es wissen!

Zuerst zaghaft, dann immer schneller offen, ehrlich und schließlich zärtlich erzählt Elsässer über den Beginn einer großen Liebe, die sich in Briefen und Mails manifestiert.

Lino ist Gastdozent in einer europäischen Metropole, Julia lebt in der Pampa und von Bergen umgeben. Sie lektoriert und schreibt ein wenig. Nur einmal sind sie sich kurz begegnet. Danach fingen sie einen Mail - und Briefwechsel an. Die Mitteilungen zeugen von einer zunächst sehr scheuen Annäherung. Schnell ist man beim Du und bei immer intensiverem Austausch über das, was man erlebt, und wie man sich in der Beziehung zu einander fühlt.

Wie aber soll man diese Beziehung, die sicher auch von der Distanz beflügelt wird, mit den eigenen Bindungen an Ehepartner und Kinder in Einklang bringen?

Zwei Menschen geraten unerwartet in eine Beziehung, die tief und innig wird.

Lisa Elsässer erfasst die Verführung und Sehnsucht zweier Menschen in einer wunderbar klaren Sprache. Die Geschichte wird durch poetische Einschübe über Naturerlebnisse und das Großstadtleben bereichert. Sie beschreibt zwei kluge, diskrete und feinsinnige Menschen, die sich zunehmend in einen Strudel der Gefühle füreinander verlieren. Psychologisch klug und einfühlsam werden die Erwartungen, Träume und Sehnsüchte der beiden Liebenden dem Leser vermittelt.

Lisa Elsässer hat ein feines Gespür dafür, wann eine Beziehung nicht mehr im Gleichgewicht bleibt.
Hier finden sich wie überall auf der Welt unterschiedliche Charaktere zusammen. Konfliktscheu der eine, offen und direkt die andere. Über das alltägliche Leben mit den eigenen langjährigen Partnerbeziehungen gibt es nur Andeutungen.

Phantasien mögen den Adressaten ideell erhöhen, da man den Alltag mit ihm nicht kennt.

Viele Fragen rühren den Leser an: wie ist das mit der ehelichen Treue? Kann man Parallelbeziehungen haben? Sind die auf Distanz und Briefwechsel beschränkten Liebesschwüre aus einer Fiktion geboren? Gelegentliche Treffen der beiden Liebenden werden leidenschaftlich erlebt. Irritationen über den jeweils anderen bleiben jedoch nicht aus. Ist in einer nahen Beziehung die Liebe auf Dauer haltbar?

In diesem kleinen Büchlein, setzt sich Lisa Elsässer mit Fragen von Treue, Sehnsucht, Phantasie und Wirklichkeit auseinander. Da sie eine ästhetische Sprache benutzt, ist die Geschichte nie flach oder gewöhnlich. Man bekommt einen Eindruck davon, wie verwirrend das Zusammenleben unter den Menschen sein kann. Zwei sensible und feinfühlige Menschen suchen einen Ausweg. Wie wird das Ende sein?

Sehr lesenswert!

  (7)
Tags: liebe, treue, versuchung   (3)
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(12)

31 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 8 Rezensionen

liebe, niederlande, polen, roman, familie

Ein Brautkleid aus Warschau

Lot Vekemans , Eva M. Pieper , Alexandra Schmiedebach
Fester Einband: 253 Seiten
Erschienen bei Wallstein, 15.02.2016
ISBN 9783835316010
Genre: Romane

Rezension:

Lot Vekemans hat ein ergreifendes Romandebüt verfasst.

Jeder weiß, wie schwerwiegend die Folgen der Judenverfolgung auch und gerade in Polen während der Nazizeit waren.

Hier geht es um eine junge Frau, die aus einfachen bäuerlichen Verhältnissen stammt.
Ihre Mutter ist eine harte Frau, die der Tochter nichts durchgehen lassen will.
Auf einer Rückreise aus Warschau in ihr Dorf kommt Marlena mit einen jungen Mann in Kontakt, der ihr zum Abschied seine Telefonnummer zusteckt. Sie ruft ihn an, und schon bald sind sie ein Liebespaar. Natan ist Amerikaner. Er ist Jude und ist nach Polen gereist, um nach den Spuren seiner Vorfahren zu fahnden, die ursprünglich hier beheimatet waren. Seine jüdische Familie ist teilweise im Holocaust umgekommen oder nach Holland und Amerika geflohen.

Die beiden sind sehr verliebt und müssen ihre Liebe verstecken, denn Marlenas Mutter würde diese Beziehung nie dulden.

Auf Vermittlung von Natan beginnt Marlena bei seinem Onkel Szymon in dessen Hotel als Küchenhilfe zu arbeiten. Der Onkel soll später noch eine besondere Rolle im Leben der beiden Liebenden einnehmen.

Kurzfristig wird Natan nach Amerika zurückgerufen. Marlena und Natan geben sich das Versprechen, sobald wie möglich voneinander hören zu lassen. Marlena ahnt nicht, dass sie schwanger ist.
Kurz darauf schlägt sie sich tapfer mit ihrem Sohn Stan durch. Sie hat keine Adresse von Natan und hört nichts mehr von ihm.

In der Folge beginnt eine verzweifelte Lebensgeschichte. Aus vielerlei Versäumnissen heraus muss Marlena einen einsamen Weg gehen, der sie nicht glücklich macht. Enttäuschte Hoffnungen und verzweifelte Überlebensstrategien pflastern ihren Weg, der sie nach Holland führt.

Lot Vekemans erfindet subtile Geschichten, mit denen sie ihre Protagonisten in einzelnen Kapiteln in der Ichform erzählen lässt. Trauer, Täuschung und Enttäuschung paaren sich mit dem Kampf um Liebe und Verstehen. Doch das Schweigen beherrscht das Leben aller Figuren, und lässt sogar den kleinen Stan für viele Monate ganz verstummen. In diesem Klima kann Vertrauen kaum wachsen, und jeder bleibt mit seinem Schicksal allein.

Eine gewisse Melancholie liegt über dem Geschehen. Doch ist das Buch nicht bedrückend. Eher erfasst den Leser eine unterschwellige Spannung, wie sich die Beziehungen entwickeln werden, und wie man aus Dilemma der verworrenen Zusammenhänge herausfinden könnte.

Zum Ende hin bleiben viele Fragen offen, doch ist man in die Familiengeschichte tief eingetaucht.

Lot Vekemans lebt mit ihrer Familie in New York. 

  (9)
Tags: einsamkeit, kriegsfolgen, lebenskampf, liebe, schmerz, trennun   (6)
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(14)

22 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 4 Rezensionen

familie, kriegsgreuel, rechnitz, judenverfolgung, zweiterb wk

Und was hat das mit mir zu tun?

Sacha Batthyany
Fester Einband: 255 Seiten
Erschienen bei Kiepenheuer & Witsch, 18.02.2016
ISBN 9783462048315
Genre: Sachbücher

Rezension:

Sacha Batthyany kommt eines Tages darauf, seiner Familiengeschichte nachzugehen, die in ihrer Entstehungsgeschichte viele Jahrhunderte zurückreicht und dramatische Züge während des dritten Reichs annahm.

Er entstammt einer angesehenen österreich-ungarischen Adelsfamilie, die einige hervorragende Persönlichkeiten und Staatsmänner hervorgebracht hat.

Nicht diese aber interessieren den Autor vordergründig. Er kommt eines Tages darauf, dass eine Großtante die Gräfin Margit Thyssen- Bornemisza war. Sie hatte den Bruder des Großvaters von Sacha geheiratet. Im Gegensatz zu den Batthyanys war sie sagenumwoben reich und ermöglichte ihrem verarmten ungarischen adeligen Mann nach dem Zweiten Weltkrieg ein komfortables Leben.

Eines Tages erfährt Sacha, dass sie an einem Judenmassaker kurz vor dem Ende des Krieges in dem kleinen Ort Rechnitz in Burgendland beteiligt gewesen sein soll. Eine Nachfahrin dieser getöteten Juden ist Agnes, die Sacha in Buenos Aires aufsucht. Hier beginnt eine Geschichte, die die weitverzweigten Familienereignisse zum Leben erweckt und den Autor auf eine weite Reise in die Vergangenheit führt.

Die Erinnerungen setzen sich aus den verschiedensten Begegnungen und Gesprächen zusammen. Nachforschungen und Reisen in die entferntesten Ecken der Welt ermöglichen die Rekonstruktion des Verbrechens an den Juden im Jahr 1945.

Man liest sich ein in die Konstruktion eines tagebuchartigen Schreibens, in der dieser oder jener fiktiv oder direkt zu Worte kommt. Wie so vielen Nachfahren der Kriegsgeneration ergeht es auch dem Autor: man spricht nicht über die Zeit und über die Verbrechen, durch die das Nazireich zu unrühmlicher Bekanntheit gelangt ist. Man kommt der Wahrheit nur durch beharrliche Nachforschungen auf die Spur.

Teilweise spricht Sacha bei seinem Psychoanalytiker über seine Empfindungen, Erinnerungen und Wahrnehmungen. Dadurch bekommt der Bericht ungewöhnliche Tiefe und zeigt selbstkritische Reflexionen. Den Leitfaden zu seinen Nachforschungen aber bildet das Tagebuch seiner Großmutter.

Es macht ein wenig Mühe, den einzelnen Strängen der Erzählung zu folgen. Den Verbrechen der Nazis sind auf vielfältigen Wegen viele Menschen als Täter oder Opfer erlegen. Dem weitverzweigten Gebilde aus Schuld und Sühne zu folgen, ist die Aufgabe, vor dem man bei der Lektüre dieser Zeilen steht.

Familiengeschichten können spannender sein als ein Roman. Sacha Bhattyanys Geschichte ist so eine Geschichte: warmherzig, wahrhaftig, schrecklich, menschlich und unglaublich!

  (12)
Tags: familie, geschicht, kriegsgreuel, schul   (4)
 

LOVELYBOOKS-Statistik

(5)

11 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 4 Rezensionen

tod, schweigen brechen, nachkriegszeit, verlust, armut

Tagesanbruch

Hans-Ulrich Treichel
Fester Einband: 86 Seiten
Erschienen bei Suhrkamp, 08.05.2016
ISBN 9783518425251
Genre: Romane

Rezension:

In der neuesten Erzählung von Hans-Ulrich Treichel erfahren wir ein Stück Nachkriegsgeschichte. Ihn treiben die Ereignisse der Jahre nach 1945 in seinen Werken immer wieder um. Es wurde über so Vieles geschwiegen! Nach dem Zweiten Weltkrieg warf man sich auf die wirtschaftlichen Notwendigkeiten, um wieder zu einem würdigen Leben zurückzufinden und ging über die Vergangenheit hinweg.

Hans-Ulrich Treichel beschreibt in einer Momentaufnahme das Leben einer Mutter, die in einer einsamen Nacht gegen Morgen mit ihrem erwachsenen toten Sohn auf dem Schoss dasitzt und sich ihres vergangenen Lebens erinnert. Sie will erst gegen Morgen den Arzt und das Beerdigungsinstitut anrufen, denn jetzt soll sie niemand in ihren Abschiedsgedanken stören.

Der Autor beschreibt feinfühlig beobachtend, wie die Mutter aufmerksam die zwitschernden Vögel im Morgengrauen hört, die das Heraufdämmern des Morgens ankündigen. Anhand der Schritte der tunesischen Nachbarin, die über ihr wohnt, bemerkt sie außerdem, wie sich da oben das Familienleben abspielt.

In einem langen Monolog nimmt sie nun Abschied von ihrem Kind und von ihrem bisherigen Leben.

Sie ist eine ruhige und einfache Frau aus dem Volk. Irgendwo im Osten ist sie unter zahlreichen Geschwistern aufgewachsen. Ihre Herkunft aus einer einfachen Bauernfamilie hat sie früh die Härte des Lebens mit immerwährender Arbeit gelehrt.

Nach dem Zweiten Weltkrieg lebt sie mit einem kriegsversehrten Mann und Sohn ein ebenfalls von harter Arbeit geprägtes Leben.
Das Ehepaar betreibt ein Textilgeschäft und schlägt sich mühsam durch. Der Sohn sollte es einmal besser haben. Für ihn schaffte man ein Klavier an, das jedoch nie genutzt wurde.

Sie erzählt aus der Fülle ihrer Eindrücke über die Vergangenheit, spricht über ihr karges Leben und die kleinen Veränderungen, die in ihrem Leben eine Rolle gespielt haben. Es gab gravierende Ereignisse, als sie mit ihrem Mann auf der Flucht vor den Russen gen Westen floh. Bedrückend erlebt sie ihr lebenslanges Schweigen, dass zwischen ihrem Mann und ihr daraufhin herrschte. “Man muss es aufschreiben“, beteuert sie ein ums andere Mal, um es endlich aus dem Kopf zu haben.

Die Geschichte beschränkt sich auf die Gedanken der Frau. Vom Sohn ist nur wenig die Rede. Er war akademischer Rat, doch die Mutter weiß nicht recht, wie sie diesen Beruf einzuordnen hat. Eine gewisse Fremdheit schimmert durch ihr Erinnern.

Die Sprache ist dem naiven Lebensbild der Protagonistin angepasst. Knappe, kurze Sätze geben einen Eindruck wieder von dieser einfachen Frau, die durchaus nachdenkliche Fragen an das Schicksal stellt. Sie ist nicht abgestumpft aber doch von melancholischer Wesensart. Alles hat sie immer stillschweigend hingenommen.

Hans-Ulrich Treichel versteht sich darauf, mit wenigen Worten Wesentliches zu vermitteln. Seine Sprache entspricht dem Lebensgefühl einer schlichten, alten Frau, deren eigenes Leben sich dem Ende zuneigt.

Man lässt sich von ihrem Schicksal anrühren, denn das stumme Dasein konnte dieser Frau nicht die Freude an der Natur mit ihrem Jahreslauf nehmen. Und Hans-Ulrich Treichel beweist einmal wieder sein schriftstellerisches Talent!

  (13)
Tags: abschied, armut, tod   (3)
 
565 Ergebnisse