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5 Bibliotheken, 0 Leser, 1 Gruppe, 1 Rezension

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Die jüdische Souffleuse

Adriana Altaras
Fester Einband: 208 Seiten
Erschienen bei Kiepenheuer & Witsch, 04.10.2018
ISBN 9783462051995
Genre: Romane

Rezension:

Adriana Altaras ist Schauspielerin, Regisseurin und Schriftstellerin.
Sie hat mit ihrem Buch „Titos Brille“ s.Zt. einen Coup gelandet, der ihr hohe Anerkennung eingebracht hat. Seit dieser Zeit kennt man sie als schlagfertig, eloquent, witzig und fantasiebegabt. Genauso erlebt man sie in ihrem neuen Roman „Die jüdische Souffleuse“.
Schmissig, spitzig und flott beginnt die Autorin ihre Erzählung über eine jüdische Souffleuse, die sie auf einer ihrer Theatertourneen kennenlernt.
Adriana will in einer beliebigen deutschen Stadt eine Mozartoper einstudieren.
Ihre treuen Begleiter sind der Bühnenbildner Elio und die Kostümbildnerin Nora. Mit ihnen ist sie schon durch Dick und Dünn gegangen.
Dieses Mal aber erlebt sie eine ungewöhnliche Begegnung. Susanne oder besser
„Sissele“, die Souffleuse des Theaters, wirkt überspannt und durchgedreht. Sie tischt der zunächst etwas gelangweilten Adriana eine Geschichte auf, von der man nicht recht weiß: ist sie erfunden oder entspricht sie der Wahrheit? Sie will Adriana bei der Suche nach ihren Verwandten um Hilfe bitten, die nach dem Zweiten Weltkrieg in alle Welt verstreuten wurden.
Kurz gesagt geht es um ein jüdisches Schicksal, das einmal mehr höchst diffizil und wirklich kaum glaubhaft erscheint. Doch wird die Erzählerin mehr und mehr in Bann gezogen, und, wie könnte es anders sein, Adriana fühlt sich emotional angerührt.
Eingestreut in die Alltagserlebnisse der Regisseurin nimmt die Geschichte einen sehr spannenden und ungewöhnlichen Verlauf.
Der Lebenslauf von Sissele ist verwirrend. Sie wurde nach dem Krieg in Israel geboren, ist mit ihren Eltern nach Deutschland eingewandert als sie knapp 1 Jahr alt war und wurde früh nach dem Tod der Mutter Halbwaise. Damit nahm ihr unglückliches Schicksal seinen Lauf.
Der Vater ließ sie einmal hier und einmal dort und riss sie immer wieder aus den jeweils einigermaßen erträglichen Lebensstationen heraus. Zuletzt gab er sie zu Nonnen in ein katholisches Kloster. Auch sein Schicksal ist Nebenschauplatz der Erzählung.

In lockerer, leichter Manier rollt Adriana Altaras das Leben dieser an den Folgen des Zweiten Weltkriegs immer noch leidenden Mitbürgerin Sissele auf. Jüdisches Leben, Verfolgung und drastische Schilderungen aus den Kzs geben der Erzählung Tiefe und zeigen zugleich, wie schnell alles in Vergessenheit zu geraten droht. Herzenswärme und Mitgefühl ziehen Adriana hinein in die Suche, die auf ungewöhnlichem Wege zu einer glücklichen Lösung führt.

Zuweilen mutet die Erzählung ein wenig zu spöttisch und leicht erzählt an. Die eingestreuten Witze gehören wohl dazu, wenn man eine Erzählung beschwingter daherkommen lassen will, als sie ist. Der rote Faden muss immer wieder zwischen Theaterproben und Alltagsgeschichten gesucht werden. Eigenes Leben, Alltag und Gefühlsbeschreibungen nehmen ebenso viel Platz ein wie die Geschichte der jüdischen Souffleuse. Alles in allem ist der Roman leicht zu lesen, unterhaltsam und witzig.

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6 Bibliotheken, 0 Leser, 2 Gruppen, 2 Rezensionen

In Extremis

Tim Parks , Ulrike Becker
Fester Einband: 448 Seiten
Erschienen bei Kunstmann, A, 26.09.2018
ISBN 9783956142529
Genre: Romane

Rezension:

Thomas Sanders befindet sich auf einem Physiotherapeutenkongress in Holland. Er ist emeritierter Professor für Linguistik, hält Vorträge, schreibt und ist in Madrid glücklich mit einer sehr viel jüngeren Frau liiert, denn von seiner Frau ist er geschieden. Seine vier Kinder aus der Ehe sind erwachsen.
In Holland erreicht ihn die Nachricht, dass seine Mutter im Sterben liegt.

Der Kongress löst einige unangenehme körperliche Beschwerden bei ihm aus, denn es handelt sich beim Thema um Beckenbodenschwäche des Mannes, die mit einer besonderen Methode zu behandeln ist. Er muss nun eilends nach London, wo seine Mutter in einem Hospiz liegt.

Zwischen den Zeilen liest man weit ausholend intime Gedanken zu seinem bisherigen Leben.
Seine Eltern waren fromme Leute, der Vater war Pfarrer. Thomas zählt sich zu den
68 zigern, die sich aufmüpfig gegen ihre Eltern verhalten haben.

Mit der Zeit kommt man dem Protagonisten näher, indem man immer tiefere Einblicke in sein Innenleben erhält. Das ist nicht nur angenehm, denn Thomas wirkt gelegentlich weinerlich, selbstzweifelnd und zeigt sich seiner selbst nicht gewiss. So vieles gibt es zu bereuen in seinem Leben! Man fragt sich, ob er auf seinem Wege trotz beruflicher Anerkennung jemals zufrieden werden könnte.
Z.Zt. unterzieht er sich gerade einer Psychoanalyse.

Nicht nur seine eigene Familienmisere beschäftigt ihn, sondern auch die von seinem Freund David. Dieser hat sich nach langjähriger Beziehung zu Deborah mit zahlreichen gemeinsamen Kindern endlich zu ihrem sechzigsten Geburtstag zur Heirat mit ihr entschlossen Es gibt auch hier Konflikte ganz eigener Art

Wie immer geht es bei Tim Parks um Ehe, Familie und Beziehungen, die vielfach Ursache und Bindeglied für Kummer, Sorgen, Missempfindungen und Störungen sind. Familiäre Bindungen bieten einerseits Zusammenhalt und Sicherheit, geben aber auch in zahlreichen Fällen Anlass für Fehlentwicklungen und Missverstehen. Tim Parks ist empathisch interessiert an seinen Protagonisten. Man glaubt, die Personen mit ihren Malaisen selbst intensiv kennen zu lernen. Ein bigottes Familienklima hat die Mitglieder unterschiedlich beeinflusst und zu auseinanderstrebenden Entwicklungen geführt.
In Parks Detailgenauigkeit liegt seine Stärke und zuweilen auch Schwäche. Besonders die lange Trauerfeier für Thomas’ Mutter mit all’ ihren christlichen Traditionen, den Texten und Liedern sind zunächst nicht ganz überzeugend. Bis man begreift, dass hier ein letzter Überzeugungsversuch seitens der Mutter gegenüber ihren Söhnen stattfindet, die beide ungläubig sind.
Alles in Allem zeigt die Geschichte, wie tief Tim Parks sich mit seinen Figuren befasst, wie philosophisch-religiöse Sinnfragen die Erzählung mitbestimmen.

Familie, Nähe, Trennung und Zugehörigkeit sind die Pfeiler der Gesellschaft. Hier haben sie in Form eines Romans Gestalt angenommen.

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82 Bibliotheken, 1 Leser, 1 Gruppe, 68 Rezensionen

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Opfer

Pierre Lemaitre , Tobias Scheffel
Flexibler Einband: 336 Seiten
Erschienen bei Tropen, 02.09.2018
ISBN 9783608503708
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Pierre Lemaitre ist als Krimibuchautor bekannt. In Deutschland ist dieser Krimi sein erster, nachdem er mit zwei Erstlingswerken rühmlich beim deutschen Lesepublikum in Erscheinung getreten war.

Hier passiert gleich zu Beginn der Lektüre ein versuchter Mordfall. Anne, Freundin von Camille, dem Leiter der Pariser Mordkommission, wird eines Morgens, als sie in aller Eile vor dem Dienst in einer Ladenpassage noch einen Kaffee trinken will, hinterrücks auf grausame Weise überfallen und übel zugerichtet.

Rückblickend, noch während sich Camille mit diesem Überfall beschäftigt, erfährt man, wie ihre Beziehung zustande kam.

Die eigentliche Kunst des Autors besteht darin, dass mitten im Leben schreckliche Dinge passieren. Erst rückwirkend erfährt man nach und nach, wie die Lebensschicksale der Beteiligten miteinander verknüpft waren. Mit ungeheurer Wucht nimmt das Schicksal seinen Lauf. Lemaitre versteht es, seine Geschichten so aufzubauen, dass man von einer Aufregung zur nächsten hastet. Und so ein Fall wird nicht schnell aufgerollt, sondern alles nimmt einen langsamen und sich steigernden Verlauf.

Camilles Leben war schon vor vier Jahren von einem bitteren Schicksal gezeichnet. Und nun das!

Das gewöhnliche und alltägliche Leben kommt bei der Fülle von schweren Verbrechen nicht zu kurz. Im Gegenteil: wird einem doch Camilles zwiespältige Liebesbeziehung zu Anne erst allmählich klar. Gegenwart und nahe Vergangenheit verschmelzen zu einem drängend nach Aufklärung rufenden Schluss! Aber der Leser muss sich gedulden! Denn die Dinge liegen nicht so einfach, wie uns der Autor zunächst glauben machen will. Eine Vielzahl von Ganoven und Kriminellen haben ihre Hände im Spiel. Es bedarf intensiver Forschung und Spurensuche, um dem gewaltigen Netz an Verbrechern auf die Schliche zu kommen. Raffinierte Verbindungen, Abmachungen und gegenseitiger Abrechnungen spielen hinein, um der abgekarteten Ganovenbande das Handwerk zu legen. Am Ende bleibt ob der Vielfalt an Verwicklungen ein fast überforderter Leser zurück.

Lemaitre ist ein wirklich perfekter Krimiautor. Die Finten, mit denen er den Leser auf falsche Fährten lotst, sind vielfältig und raffiniert. Atemlos sehnt man das Ende herbei, um endlich zu begreifen, was und wie die Dinge miteinander verknüpft sind.

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56 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 45 Rezensionen

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Das Jahr, in dem Dad ein Steak bügelte

Rachel Khong , Tobias Schnettler
Fester Einband: 256 Seiten
Erschienen bei Kiepenheuer & Witsch, 07.09.2018
ISBN 9783462049725
Genre: Romane

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10 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 2 Rezensionen

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Im Kern eine Liebesgeschichte

Elizabeth McKenzie , Stefanie Jacobs
Fester Einband: 528 Seiten
Erschienen bei DuMont Buchverlag , 20.08.2018
ISBN 9783832198770
Genre: Romane

Rezension:

Paul macht Veblen einen Heiratsantrag! Er ist Neurologe, der sich mit Hirnforschung befasst, und Veblen betätigt sich freiberuflich als Übersetzerin. Sie befinden sich in den Dreißigern.

Kurz und bündig werden wir zu Zuschauern einer komplizierten Liebesverbindung.
Kompliziert deshalb, weil Veblen eine sonderbare Vorliebe für die Sprache der Eichhörnchen hat, und Paul Hilfe für verletzte Veteranen des Weltkriegs zu erforschen trachtet. Er muss dazu viele Tierversuche machen, die wiederum Veblen stören. Schlimmer noch ist die Tatsache, dass Paul für einen großen Pharmaziekonzern Kriegsveteranen in seine Hirnforschungen einbezieht.

Beide Liebesleute sind überglücklich zu Beginn ihrer Liebschaft. Das Paar entdeckt Gemeinsamkeiten aber auch Hürden auf dem Weg zur Hochzeit. Insbesondere die Eltern beider Protagonisten bieten versteckte Stolpersteine. Veblens Mutter ist Hypochonderin par excellence und stellt Paul auf die Probe mit seinem medizinischen Wissen bei der Aufzählung ihrer zahlreichen Krankheiten.
Sie gibt vor, ihre Tochter unendlich zu lieben, ist aber ständig dabei, sie zu bevormunden.
Veblen ist ganz verängstigt, es ihrer Mutter recht zu machen. Diese ist insgeheim voller Aversionen gegen ihren zukünftigen Schwiegersohn.

Paul entstammt einer lustigen Hippieehe. Für ihn als Kind war das nicht immer lustig.

Die Geschichte ist voller kleiner skurriler Nebengeschichten und bezeugt einen langen Lernprozess beim gegenseitigen Kennenlernen. Immer wieder ist das Thema „Eltern“ dran, und wirklich: Veblens Mutter ist in ihrer wehleidigen Dominanz unausstehlich! Es gilt weiterhin, das eine oder andere Geheimnis um Veblens Zeugung zu erforschen!

Mit langen Windungen und eigenartigen Verdrehungen im gegenseitigen Verstehen rackern sich die beiden auf dem Weg zu ihrer Hochzeit ab.

McKenzie erfasst menschliche Charaktere mit klugem Blick und vermag Stimmungen hervorragend einzufangen. Die tierliebe Veblen und der ehrgeizige Paul passen wohl in vielen Bereichen gar nicht zusammen, und Veblens Mutter weiß die Gunst der Stunde für sich zu nutzen. Doch verbindet Paul und Veblen ein andauerndes Bemühen um Verständnis und Frieden. Eltern auf Abstand zu halten und sich abgrenzen zu lernen, bedeutet Sieg oder Niederlage.

McKenzie kennt die gelegentlichen Abhängigkeiten und Versuche, es den Eltern recht zu machen. Es bedarf starker Charaktere, sich aus deren Klauen zu befreien. Nicht nur in diesem Kampf muss man zugunsten seiner neuen Verbindung auf Erden einiges riskieren. Auch im Beruf gibt es Rivalitäten und Konkurrenzen, die zuweilen harte Formen annehmen. McKenzie gibt allen Parteien Raum zu Entfaltung. Gelegentlich etwas ausschweifend ist ihr dennoch ein gelungenes Familienporträt gelungen, mit dem sie den Leser unterhält und animiert, die eigenen Verhaltensweisen zu überdenken.

„Extrem lustig und sprachlich herausragend“ ziert der Ausspruch von Jonathan Franzen das Cover zum Buch.

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66 Bibliotheken, 11 Leser, 1 Gruppe, 15 Rezensionen

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Schnee in Amsterdam

Bernard MacLaverty , Hans-Christian Oeser
Fester Einband: 288 Seiten
Erschienen bei C.H.Beck, 20.09.2018
ISBN 9783406727009
Genre: Romane

Rezension:

Ein schon älteres Ehepaar macht sich von Glasgow aus auf eine Reise nach Amsterdam.
Stella ist gläubige und praktizierende Katholikin und war Lehrerin. Gerry ist Architekt mit einer Professur an der Universität in Glasgow. Er steht Religion und Kirche eher distanziert gegenüber. Sie hat ihm die Reise zu Weihnachten geschenkt.

Minutiös wird die Reise in ihrer Planung und zu Beginn des Aufenthalts beschrieben. Jedes kleine Detail in den Hotels, in den Straßen, Plätzen, Pubs und mit den Menschen in ihrem Umfeld findet Erwähnung. Die beiden sind wirklich lange verheiratet, denn man spürt die langjährige Vertrautheit und unterschwellige Öde, die das Leben der beiden bestimmt.
Was als Abwechslung aus dem etwas abgestandenem Ehealltag gedacht war, entpuppt sich als Bilanz der Vergangenheit und schmerzhafte Erkenntnis über ein zunehmend unbefriedigendes Leben. Besonders Stella, Gerrys Ehefrau, sucht einen neuen Sinn im Leben, nachdem der einzige Sohn mit seiner Familie in Kanada lebt.

Durch Stellas Reflexionen erfährt der Leser, wie belastend sie ihre momentane Lebenssituation empfindet. Im Alter neue Perspektiven zu suchen und zu entwickeln, ist kein leichtes Unterfangen.

Auf ihren Wegen und Erlebnissen in Amsterdam entspinnt sich in kleinen Einschüben ihr früheres Leben, das einen normalen und genügsamen Alltag bildete. Ein Ereignis zu Beginn ihrer Ehe spielte allerdings eine gravierende Rolle für das weitere Leben der beiden. Es hat mit den kriegerischen Auseinandersetzungen in Irland zu tun.
Mit fein gesponnenen Erinnerungen besinnen sie sich an Ereignisse ihrer Vergangenheit.

Bernard MacLaverty hat eine sensible und feine Ehestudie entwickelt. Seine Diktion zeugt von hoher Bildung und Feingefühl für die Tücken und Stolpersteine des Lebens.

Gerry wird mehr und mehr zum Trinker, der mit allerlei Tricks seinem Alkoholkonsum frönt und ihn gleichzeitig zu verstecken trachtet. Diese und ähnliche Malaisen führen zu Überdruss und Abneigung bei Stella. Blendend und faszinierend berichtet der Autor, wie gut die Ehe zu sein scheint. Zuletzt sieht es eher nach einem Ende der Geneinsamkeit aus! Das vermeintliche Liebesgeflüster und die Eintracht zwischen beiden wird unterminiert von Stellas stiller Abkehr von ihrem Mann.

MacLaverty holt nicht weit aus, sondern setzt die Erinnerungseinschübe und Gegenwartserlebnisse einem Mosaik gleich aneinander. Auf diese Weise entsteht eine tiefe und profunde Studie einer Ehe, die sich im Niedergang befindet.

Sprachlich vollkommen und zuweilen der biblischen Sprache gleich, geht er den Weg des Paares auf ihrer Reise nach, die synonym für ihr ganzes Leben steht.
„Gerry nickte und sagte: Und sie kehrten unter einem anderen Himmel heim als dem, der Zeuge ihres Aufbruchs war.“(S.282) Das Ende der Geschichte ist weise, klug und einsichtig.

Ein überzeugender und sehr anrührender Roman ist dem anerkannten Autor Bernard MacLaverty gelungen. Er wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet und lebt mit seiner Familie in Glasgow.

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139 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 88 Rezensionen

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Königskinder

Alex Capus
Fester Einband: 176 Seiten
Erschienen bei Hanser, Carl, 20.08.2018
ISBN 9783446260092
Genre: Romane

Rezension:

Ein schon lange verheiratetes Ehepaar befindet sich auf dem Heimweg über den Jaun-Pass in der Schweiz. Sie streiten sich um Kleinigkeiten. Aber das war schon immer so. In den großen Lebensfragen sind sie sich einig. Die Kinder sind aus dem Haus und ihre Fahrt über den Pass beginnt ein ungemütliches Abenteuer zu werden; denn es hat schon kurz nach dem Beginn der Auffahrt zu schneien begonnen. Wie nicht anders zu erwarten, bleiben sie an einem Hang hängen. Nun müssen sie die Nacht im Auto zubringen. Max vertreibt seiner Frau die Zeit mit einer langen Geschichte.

Es habe vor Jahren zur Zeit der französischen Revolution mit Beginn des Jahres 1779 einen verwaisten Hirtenbub gegeben, der im Sommer hoch oben auf einer entlegenen Alm Kühe hütete. Beim Abtrieb im Herbst begegnet der Junge der hübschen Marie, Tochter des Viehbesitzers. Sie verlieben sich und bleiben sich tief im Herzen verbunden, als er auf der Flucht vor dem Vater des Mädchens nach Frankreich geht, um sich als Söldner zu verdingen.
Trotz zahlreicher Kriege, die alle historisch vom Erzähler belegt sind, muss Jakob nur den Hafen von Cherbourg bewachen und geht zum Zeitvertreib zuweilen fischen.

Die Erzählung wird immer wieder unterbrochen von neckischen Fragen von Tina, die sich ein wenig über ihren erzählenden Mann amüsiert. Ob die Geschichte wahre Hintergründe ausweist?

Man wird es nicht erraten.
Unterhaltsam und atmosphärisch der Zeit um 1789 angepasst, nimmt die Geschichte ihren Lauf. Ludwig der XVI und seine Schwester Elisabeth spielen hinein und zeigen die Dekadenz bei Hofe. Jakob wird Kuhhirte und darf nach Jahren seine Marie zu sich holen.

Mit lyrischen Passagen, wunderbaren Naturbetrachtungen und skurrilen Verhaltensweisen der Kühe und seines Hirten gewinnt die Erzählung einen witzigen und zuweilen drastischen Ton. Die Figuren werden uns in einer ungewöhnlich stoischen Weise nahegebracht. Ende des 18. Jahrhunderts nahte die politische Revolution der Aufklärung mit allen ihren grausamen Auswirkungen. Die Erzählung streift nur kurz die historische Geschichte. Ein schönes Zeitgemälde entsteht dennoch, und man liest den Roman mit leichtem Sinn.

Über allem schwebt die gesunde Verbindung von Tina und Max! Was für ein Gewinn im unguten Spiel der sonstigen Mächte und Gebräuche, dass wir es hier einmal mit einem wirklich freundlichen, poetischen Werk und gelingenden Beziehungen zu tun haben!

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12 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 2 Rezensionen

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Asymmetrie

Lisa Halliday , Stefanie Jacobs
Fester Einband: 320 Seiten
Erschienen bei Hanser, Carl, 23.07.2018
ISBN 9783446260016
Genre: Romane

Rezension:

Eine junge Frau und ein viel älterer Herr begegnen sich. Alice sitzt alleine auf einer Parkbank in New York, als sich ein älterer Herr mit einem Eishörnchen neben sie setzt. Sie erkennt ihn schon bald als den Schriftsteller Ezra Blazer alias Philip Roth, den sie bewundert.

 

Eine ganz zarte aber stetige Liebe zwischen Alice und Ezra nimmt den Leser mit zu einer ganz und gar ungewöhnlichen Freundschaft. Alice ist Assistenzlektorin bei einem renommierten Verlag, Ezra eingetragener Schriftsteller bei demselben Verlag. Sie lesen sich zum gegenseitigen Vergnügen Texte aus bekannten Werken vor. Was ganz harmlos beginnt, endet schon bald im Bett. Die ganze Zeit bleibt die Beziehung offen, denn man weiß nie, ob sie weitergehen wird. Je länger sie dauert, desto mehr zeichnet sich die Gebrechlichkeit des 40 Jahre älteren Mannes gegenüber der jungen Alice ab. Man weiß, dass diese Beziehung irgendwann ein Ende nehmen wird. Aus Liebe wird eine lebenslange Freundschaft im wahren Leben der beiden, wie man in einem Porträt über Lisa Halliday in der FAS vom 22.07.2018 nachlesen kann. In diesem Artikel wird ihre Liebesaffäre und spätere Freundschaft zu dem um viele Jahre älteren Schriftsteller Philip Roth beschrieben, wenn es auch heißt, der Roman sei Fiktion.   

 

Halliday hat eine ganz eigene Art der Auffassung von ihrer Beziehung zu dem Schriftsteller. 

Die Begegnungen sind von beiden Seiten eng und zugleich distanziert. Man bemerkt, dass jeder Tag des Zusammenseins der erste und der letzte sein kann. Alice wünscht sich, auch schreiben zu können. Die alltäglichen Ereignisse treten ganz zurück hinter die Beziehungsgeschichte, die in ihrem Äquivalent zwischen Nähe und Distanz, Freiheit und Gleichheit ungewöhnlich beeindruckend ist. Als bindendes Glied gilt sicher für Ezra und Alice die Leidenschaft für die Literatur und das Schreiben.

 

In einem zweiten Teil des Romans geht es um die „Asymmetrie“ zwischen West und Ost.

Der in Los Angeles lebende Doktorand und Wissenschaftler Amar will seine Eltern im Irak besuchen und nach seinem verschwundenen Bruder suchen helfen. Auf dem Flug dahin wird er in London festgehalten, weil seine Papiere und er selbst endlosen Untersuchungen unterzogen wird. Inzwischen erinnert er sich an seine Kindheit, Jugend, Freunde und Lieben.

Hier geht es um die Unterschiede zwischen West und Ost. Familienzusammenhalt und Nähe wird hier wie dort aus unterschiedlichen Perspektiven betrachtet. Dieser Teil liest sich nicht so geschmeidig wie der erste, weil sich einem der Zusammenhang zum ersten Teil nicht erschließt. Er entspricht jedoch sehr den literarischen Vorgaben von Philip Roth.

 

In einem letzten Teil lässt Lisa Halliday Ezra nochmals während eines Interviews zu Wort kommen.

Welche Musik liebte er? Wie war sein Leben, wie hat es sich verändert?

 

Lisa Halliday hat eine liebevolle Hommage an den verstorbenen Dichter Philip Roth geschrieben. Die Zuneigung zu dem Menschen Roth wird in jeder Zeile deutlich.

 

Sie schreibt so locker, leicht und unangestrengt und doch voller Tiefe und Teilnahme, auch von ungewöhnlich künstlerischem Niveau beseelt, dass man das Buch hingerissen verschlingt.

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3 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 3 Rezensionen

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Die Jahre der Leichtigkeit

Elizabeth Jane Howard
E-Buch Text: 576 Seiten
Erschienen bei dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG, 20.07.2018
ISBN 9783423434997
Genre: Historische Romane

Rezension:

Die Familiengeschichte der Cazalets spielt im Jahr 1937 in England.

Die zahlreichen Familienmitglieder freuen sich auf die Sommermonate am Meer auf dem Familiensitz der Cazalets in Sussex.

Der älteste Sohn der Familie Hugh hat noch den ersten Weltkrieg mit eigenen Verletzungen in traumatischer Erinnerung.
Er liebt seine Frau, die gerade ihr drittes Kind erwartet.

Edward hat eine Frau und zwei Kinder und daneben noch eine Geliebte.
Rupert, dessen erste Frau bei der Geburt von Neville 1930 gestorben ist, muss seine kapriziöse zweite Frau Zoé bei Laune halten.
Rachel, die einzige Schwester der drei Brüder, ist unverheiratet und liebt eine Frau.
Die vier Geschwister mit ihren alten Eltern bieten die Grundlage für die ausufernde Familiengeschichte.

Bei diesem Aufgebot an Geschwistern, Schwägerinnen, Kindern, Nichten, Neffen und Cousinen geht es lebhaft zu, wie man sich leicht vorstellen kann. Über allem thront die Mutter/ Großmutter Kitty Barlow, genannt Duchy, und ihr Mann William Cazalet.

Bis man alle Namen behalten kann und die verzweigten Familienverbindungen versteht, vergeht einige Zeit. Doch dann entfaltet sich ein lebhaftes Miteinander. Die Sitten und Gewohnheiten einer gut betuchten Mittelschichtfamilie mit ihrem ausreichenden Personal an Haushälterinnen, Dienstboten und Kindermädchen komplettiert den Eindruck der feinen englischen Gesellschaft. Man denkt unwillkürlich an Downton Abbey, auch wenn diese Geschichte etwas früher spielt, und die adelige Familie den Ton angibt.

Hier zeichnet sich am Horizont schon der nächste große Krieg ab und überschattet die Freude der Erwachsenen.

Der Roman ist ein Schmöker der guten Art. Rede und Gegenrede, Kindergeschwätz und kleine Zankereien, dazu die Beobachtung der verschiedenen Erwachsenencharaktere und ihrer Beziehungen untereinander bieten reichlich Unterhaltungsstoff. Da gibt es geheime Ehetragödien und kleine Untreuen; die Kinder befinden sich in unterschiedlichen Entwicklungsphasen und machen untereinander und im Geschwisterkreis gelegentlich Zoff. Man fühlt sich ganz einbezogen in die Vorgänge, denkt und fühlt mit und kann sich von der Lektüre nur schwer lösen. Poetische Situationsbeschreibungen und die Schönheit der englischen Landschaft bieten ausreichend Stoff, um sich aufs Schönste zu unterhalten.

Dass der dritte Weltkrieg droht bringt in die Geschichte einen ernsten Ton.

Alles in allem die Erzählung breit angelegt, was gelegentlich zu Ermüdung führt.

Wenn man sich gut unterhalten will, sollte man sich den Roman aber keinesfalls entgehen lassen.

Elizabeth Jane Howard ist eine erfolgreiche englische Schriftstellerin. Sie ist 2014 mit 90 Jahren in Suffolk verstorben.

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Sag den Wölfen, ich bin zu Hause: Roman

Carol Rifka Brunt
E-Buch Text: 448 Seiten
Erschienen bei Eisele eBooks, 23.02.2018
ISBN 9783961615056
Genre: Romane

Rezension:

Onkel Finn ist tot! Was steckt hinter seinem Tod für ein Geheimnis?
Wir schreiben das Jahr 1987 und June, die mit ihrer älteren Schwester und den Eltern in der Nähe von New York lebt, kann nicht fassen, dass ihr geliebter Onkel tot ist. kann es nicht fassen. Lange wurde ein Geheimnis um ihn und eine seltsame Krankheit gemacht. Dann kracht die Wahrheit auf June ein: Onkel Finn ist an Aids gestorben. Diese Krankheit machte in den achtziger Jahren die Welt unsicher, denn sie galt als anrüchig. Traf sie doch vor allem Homosexuelle und endete meistens tödlich.

June hatte eine ganz besondere Beziehung zu dem Bruder ihrer Mutter. Er war ihr Patenonkel und beide verstanden sich auch ohne viele Worte.

Greta, Junes ältere Schwester, scheint ihre kleine Schwester June zu hassen. Sie ist häufig gemein zu ihr und verfolgt sie mit ihren Beobachtungen und bösen Kommentaren.
Greta ist hübsch und tritt in der Schule bei Theateraufführungen in Erscheinung.
Junes Mutter lehnt ihren Bruder Finn ab, obwohl er ein angesehener Künstler ist. Dass es da noch einen Freund gibt, zu dem er eine „besondere“ Beziehung pflegt, macht die ganze Geschichte geheimnisvoll und undurchsichtig. Allen Konfusionen zum Trozt malt Onkel Finn ein wunderschönes Bild von den beiden Schwestern, das den ungewöhnlichen Titel trägt:“ Sag den Wölfen, ich bin zu Hause“, und das nach Finns Tod in einem Banksafe verschwindet.

Rifka Brunt malt mit einem Übermaß an Fantasie und geheimnisvollen Windungen das Porträt einer Familie. Sie beschreibt ihre Vorlieben, ihre Verirrungen und das hohe Potenzial an Liebe, Hass, Eifersucht und verschwiegenen Wegen, auf denen sich die einzelnen Familienmitglieder begegnen, wieder trennen und zuweilen in Abgründe schauen. Sie zeigt mit sensiblen Einschüben, zu welchen Taten Menschen fähig sind, was sie verbindet, und wie der Familienverbund durch Missverstehen auseinander zu brechen droht. June spielt mehr oder weniger die Hauptrolle, denn sie versucht durch geheime Aktionen den Familiengeheimnissen auf die Spur zu kommen.

Es ist ein beeindruckendes Debüt der jungen Autorin, die mit diesem Buch die Welt eroberte. Sensibel, feinfühlig, poetisch artikulierend zeigt sie uns Menschen, die an sich zweifeln, mit wachen Augen ins Leben schauen, teils neugierig und teils verbittert wie z. B. Junes Mutter. Das Ende bringt überraschende Einsichten. Man kann sich bis zuletzt von der Lektüre nicht trennen und fühlt sich angezogen von den unterschiedlichen Charakteren. Zeigen sie uns doch, dass in einem jeden ein guter Kern schlummert, der aber durch einen Mangel an Vertrauen und vermeintlichem Fehlverhalten zu Irrtümern im Umgang mit einander führen kann. Dank der guten June, die sich nicht anziehend fühlt aber durchaus liebenswert ist, nimmt alles ein gutes Ende!

Der Text liefert dem Leser ungemein unterhaltsame, lesenswerte und anregende Merkmale eines wirklich guten Familienromans.

Carol Rifka Brunt wurde bereits für ihren ersten Roman mit vielen Preise ausgezeichnet.

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65 Bibliotheken, 0 Leser, 1 Gruppe, 58 Rezensionen

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Die Unruhigen

Linn Ullmann , Paul Berf
Fester Einband: 440 Seiten
Erschienen bei Luchterhand, 11.06.2018
ISBN 9783630874210
Genre: Romane

Rezension:

Als Kind eines berühmten schwedischen Regisseurs und einer ebenso bekannten Schauspielerin hat man es nicht leicht im Leben! Davon vermittelt dieses Buch einen Eindruck.

Linn Ullmann ist die Tochter aus der Verbindung von Ingmar Bergmann mit der Schauspielerin Liv Ullmann. Die Tochter der beiden avancierte zu einer anerkannten schwedischen Schriftstellerin. Jetzt hat sie ein Buch geschrieben, das sie eigentlich mit ihrem Vater zusammen schreiben wollte.

Die Liebe zwischen ihren Eltern war groß, sie überdauerte aber nicht lange.
Auf der Insel Hammars hatte Bergmann ein Haus gebaut, in das er mit der viel jüngeren Geliebten und Tochter einzog. Hammars bleibt der Bezugsort, für das man den Begriff „Zuhause“ für Linn Ullmann anwenden darf.
Man meint aus der Erzählung die Bäume, das Meer und die Natur zu riechen und bekommt eine Vorstellung von den heißen Sommern, die zum geselligen Beisammensein animierten.

Der erste Teil des Buches gilt den Erinnerungen an ihre Mutter; im zweiten Teil widmet Linn Ullmann sich dem Vater.

In einer langen Reihe von Erinnerungen, die von Zeit und Orten springend eine Episode an die andere reiht, bekommt man eine Bild von ihrem Leben, von dem der Eltern und von ihren Freunden.

Linn U. spricht von dem „Mädchen“, wenn sie sich ihren Erinnerungen überlässt.
In freien Assoziationen blendet sie die Vergangenheit ein; da ist das Haus, die große Familie mit Kindern aus noch anderen Verbindungen ihres Vaters, und die kurzen Zusammentreffen mit ihm. Er war ein skurriler Mensch mit Ängsten und strengen Gewohnheiten. Auch war er wie ein Getriebener, der nicht zur Ruhe kam.

Beide Eltern waren wahrhaftig unruhig!

Das Mädchen ist in der Kindheit sehr viel sich selber überlassen.
Mit der Mutter zog sie, als sie klein war, von einem Ort zum anderen. Von Amerika wird berichtet, dass das Mädchen auch dort alleine mit mehreren Kindermädchen aufwuchs, weil die Mutter immer wieder an anderen Orten im Theater oder Filmen auftrat. Die starken Gefühle der Einsamkeit und der Sehnsucht nach der Mutter sind nachfühlbar.
Das Mädchen musste sich im Leben ganz den steten Regeln der elterlichen Zeiteinteilung fügen. Wurde sie geliebt?



Auf einem Tonbandgerät hört die Autorin Gesprächsaufzeichnungen ab, die allerdings schwer zu enträtseln sind. In kurzen Sitzungen kommen kleine Gespräche zum Vorschein. Sie sind nur Hinweise und Einsprengsel in das Geschehen, denn alles in Allem sind es Linns Erinnerungen, die den Verlauf der Erzählung bestimmen.
Sie wählt eine assoziative Form der Erinnerung, mit der man mithalten muss.

Ihre Kindheit und Jugend vergehen mit ständiger Unruhe, bis sie selber Mutter und Ehefrau wird. Ob dieses Leben eine gute Basis für das eigene Leben sein konnte?
Man darf es nur erahnen.

Ich fand die Erzählweise etwas schwerfällig.

Linn Ullmann erhielt für ihre Romane zahlreiche Literatur-und Kritikerpreise und stand mehrfach auf internationalen Bestsellerlisten.

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3 Bibliotheken, 0 Leser, 1 Gruppe, 1 Rezension

Angel

Elizabeth Taylor , Bettina Abarbanell
Fester Einband: 400 Seiten
Erschienen bei Dörlemann, 12.02.2018
ISBN 9783038200529
Genre: Romane

Rezension:

Angel ist ein unausstehliches Geschöpf. Sie lebt zu Anfang des 20. Jahrhunderts in England.

Sie ist die einzige Tochter ihrer Mutter Mrs. Deverell, die einen kleinen Einzelhandelsladen Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts in einer englischen Kleinstadt betreibt. Der Vater ist schon lange tot.

Mrs. Deverell erfährt von ihrer Schwester, Tante Lottie, Unterstützung gegen die aufsässige Tochter. Diese aber lässt sich nicht beirren: sie fantasiert sich in eine kitschige Oberklassewelt, in der alles nur so glänzt wie Gold. Damit macht sie sich bei ihren Klassenkameradinnen und Lehrerinnen unbeliebt. Mit 15 Jahren verweigert sie jede weitere Schulbildung und beginnt, Romane aus ihrer verstiegenen Fantasiewelt zu schreiben.

Unbeirrt und energisch bietet sie ihre Romane verschiedenen Verlagen an. Sie bleibt ohne Kompromisse, wenn es um die Entschärfung besonders auffälliger Stilblüten geht.

Zwei Verleger können sich nicht ganz einigen, ob man diesen Schund dem lesenden Publikum zumuten könne. Einer gibt den Ausschlag dafür, dass Angel einen unerwarteten Siegeszug mit ihren Büchern antritt. Der Zeitgeist lässt ihren Kitsch gut ankommen. Sie kann mit ihre Mutter dank ihrer Einnahmen aus der bisher eher ärmlichen Gegend in eine vornehmere Gegend umziehen und sich ein besseres Leben gönnen.

Am Ende erreicht sie viel, wird wohlhabend und findet sogar einen Mann. Auch dieser ist mehr Opfer als Zweck zum Erfolg. Zu wahrer Liebe ist sie gar nicht fähig. Die sie umgebenden Menschen sind ihr untertan, weil sie Arbeit und Geld brauchen.

Einfache Menschen mögen ihre Bücher, die Gebildeten ergötzen sich an ihren Schilderungen und die Kritiker verreissen sie. Auf Kritiken reagierte Angel mit Wut, Zorn und Ärger. Sie arbeitete ohne Unterlass, um nur niemanden ihren Platz in der Rangliste der gelesenen Bücher zu überlassen.

Elizabeth Taylor hat das Bild einer ungewöhnlichen Frau entworfen. Schon als junges Mädchen fühlt sie sich ihren ärmlichen Verhältnissen entrückt, ist frech und zickig zu Mutter und Tante und plant zielstrebig ihren eigenen Weg: eine erfolgreiche Schriftstellerin zu werden.
Wie die Autorin das Panorama dieser verqueren Persönlichkeit vor uns ausbreitet, ist bemerkenswert. Da wimmelt es nur so von fantastischen und unwirklichen Lebensgeschichten. Angel bleibt angeberisch, prahlt und ist geltungssüchtig. In ihrem Denken dreht sich alles um ihre eigene Person, alle anderen Menschen sind in ihren Augen dumm und ignorant. Von dem angestrebten Weg zur erfolgreichen Schriftstellerin kann diese Frau niemand abbringen. Die Projektion der eigenen Unvollkommenheit auf die Umwelt ist ein gekonnter psychologischer Trick, mit dem Elizabeth Taylor ihre Menschenkenntnis unter Beweis stellt.

Anfang des 20. Jahrhunderts mögen die Schichtunterschiede in England noch auffälliger gewesen sein als heute. Arm zu sein ist immer eine traurige Angelegenheit. Hier aber setzen der Wille und die Energie einer aufstrebenden Person diesem Schicksal Grenzen. Auch deshalb konnte Angela so erfolgreich werden: weil die Hoffnung auf Glück und Reichtum die Armen immer berückt.

E. Taylor hat die Zeichen ihrer Zeit mit ihrem Roman erfasst.
Sie lebte von 1912 bis 1975. Nicht nur in ihren Geschichten wurden Träume wahr. Ihre Protagonistin Angel lebt diesen verwegenen Traum und realisiert ihn. Das Gesellschaftsbild hochfahrender Eitelkeit gewinnt in der Gestalt von Angel eine unerwartete Parallele zu ihren erfundenen Geschichten. E. Taylor entwirft ein sprachlich und inhaltlich lebhaftes Gemälde einer längst vergangenen Zeit. Die Übersetzung von B. Abarbanell rundet die Geschichte zum Wohl einer geneigten Leserschaft sehr schön ab.

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63 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 40 Rezensionen

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Die Lichter unter uns

Verena Carl
Fester Einband: 320 Seiten
Erschienen bei S. FISCHER, 25.04.2018
ISBN 9783103973631
Genre: Romane

Rezension:

Anna und Jo haben zwei Kinder: Judith und Bruno.

Alles scheint seine Ordnung in der Ehe zu haben. Doch dann will Jo unbedingt im Herbst nach Sizilien. Dorthin hatte er mit Anna einst die Hochzeitsreise gemacht. Anna findet gar nicht mehr alles so romantisch und glücklich wie damals. Die heranwachsenden Kinder sind aufsässig und für Anna sieht alles so gar nicht mehr rosig aus. Sie müssen mit ihrem Geld haushalten und außerdem ist sie innerlich unzufrieden.
Doch nun sind sie einmal da.
Dann taucht Alexander auf. Er ist smart und hat eine schöne Frau. Anna beäugt ihn und lässt ihrer Fantasie freien Lauf. Wie mag es ihm und seiner schönen Frau miteinander gehen? Anna sieht neidisch dem Glück der beiden zu.
Wohin hat ihr eigener Lebensweg sie nur geführt?

In einer Doppelerzählung werden die beiden Ehen einander gegenübergestellt. Es zeigt sich, dass keine alleine vom Glück gesegnet ist.
In jeder Ehe gibt es den verheißungsvollen Anfang, der nach und nach in verzwickte und schicksalhafte Bahnen gerät.

Verena Carl bemüht sich um eine differenzierte Analyse der Lebenswege
aller ihrer Protagonisten, und es zeigt sich, dass jeder einen eigenen Charakter und eigene Wünsche hat, und ein jeder sehr unterschiedliche Lebensziele verfolgt. Die Träume der Einen sind unerfüllbar, die der Anderen voller Erwartung und Zukunftsvisionen.
Insgesamt bemüht sich Verena Carl um Tiefenschärfe und realitätsgerechte Beobachtung. Ihre psychologischen Ansätze sind flach, die der Realitätseinschätzung kommen der Wahrheit schon näher.
Die Vergeblichkeit aller Lebensschicksale sind ernüchternd. Ist die Wahrheit immer so oder gibt es eine dazwischen? In der Tat liegen Glück, Freude und Lebenserfüllung nicht immer beieinander. Doch gibt es eine Mischung von allem, und diese alleine machen das Leben lebenswert.
Es ist ein leicht verdaulicher und zu lesender Lesestoff, der Unterhaltung für einen gemütlichen Nachmittag bietet.

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381 Bibliotheken, 5 Leser, 3 Gruppen, 137 Rezensionen

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Der Zopf

Laetitia Colombani , Claudia Marquardt
Fester Einband: 288 Seiten
Erschienen bei S. FISCHER, 21.03.2018
ISBN 9783103973518
Genre: Romane

Rezension:

Von drei Frauen soll hier die Rede sein, die es zu unerwarteter Aufmerksamkeit bringen.
Es geht um Smita aus Indien, Giulia aus Palermo /Italien und Sarah, ashkenasische Jüdin aus Montreal/ Kanada.

Sie leben in sehr unterschiedlichen Welten und Kulturen. Smita gehört der untersten Kaste in Indien an und muss unerhörte Erniedrigungen erdulden und schmutzigste Arbeit verrichten, um sich und ihre kleine Familie mit dem Nötigsten zu versorgen.

Giulia gehört zu einer großen Familie in Italien, die fest verankert im Dunstkreis ihrer Großfamilie lebt. Ihre heimliche Liebe zu einem Inder darf nicht bekannt werden. Sie arbeitet in der Fabrik ihres Vaters, in der Perücken hergestellt werden. Sarah ist anerkannte Rechtsanwältin in einer Großkanzlei. Sie ist geschieden, hat drei Kinder zu versorgen und befindet sich im Dauerstress, ohne das je zuzugeben.

Wie lassen sich diese drei Schicksale miteinander verknüpfen?

Indem eine jede in ihrem Kampf um ein würdiges, freies Leben geschildert wird. Verbindendes Glied in der Kette sind die Haare der Inderinnen, die in Italien zu Perücken verarbeitet werden, um zuletzt Sarah bei ihrer Krebserkrankung Schutz vor neugierigen Blicken zu gewähren.

Vom unvorstellbar niedrigsten Stand in Indien geht die Geschichte über Italien mit ihren Großfamilien bis nach Montreal, wo die erfolgreiche Sarah dringend nach einer passenden Perücke sucht.

Alle drei Frauen sind den Tabus und Regeln ihrer Gesellschaftsordnung ausgesetzt, in denen die Rechte der Frauen erst in jedem Einzelfall erkämpft werden wollen.

Laetitia Colombani hat eine schlüssige Geschichte verfasst. Mit Einfühlungsvermögen und Sinn für die Einmaligkeit einer jeden Frau, in welcher Gesellschaft auch immer sie leben.

Der Kampfgeist einer jeden der drei Protagonistinnen gibt Kunde von den Möglichkeiten, sich aus den verschiedensten Kulturen mit ihren einschränkenden Regeln und Tabus als Frau zu befreien. Mit Spannung folgt man der Flucht von Smita mit ihrer kleinen Tochter aus ihrem Dorf in Indien, dem Weg in die Selbstständigkeit und in die Eigenverantwortung von Giulia und der Auflehnung gegenüber den mobbenden Kollegen von Sarah.

Die Haare der Inderinnen werden zum Verkauf nach Italien in die Perückenfabrik von Giulias Familie gebraucht, und die Endverbraucherin Sarah bildet Schlusspunkt einer Geschichte, die sich mit den Schicksalen der drei Frauen aus verschiedenen Kulturen und Lebensbereichen vollendet.
Der Debütroman von Laetitia Colombani ist sehr lesenswert, wenngleich der Titel und das Titelbild des Romans zunächst keine große Neugierde bei mir ausgelöst haben!
In gutem Sinne ist das ein Emanzipationsroman.

L.Colombani ist Filmschauspielerin und Regisseurin und lebt in Frankreich.

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Die Rettung einer ganzen Welt

Jürgen Seidel
Flexibler Einband: 480 Seiten
Erschienen bei dtv Verlagsgesellschaft, 09.02.2018
ISBN 9783423261661
Genre: Romane

Rezension:

Mit diesem Roman eröffnet sich nochmal das Panorama zur zweiten Hälfte des 20.Jahrhunderts. Angefangen bei Hitlerdeutschland mit der Verschärfung der Judenverfolgung 1939 geht es über Berlin mit Bella, der Hauptprotagonistin, zum Ende hin nach Amerika.

Das Versteck für die jüdische Familie in Berlin bietet ein Ägyptischer Arzt, der auch eine arrangierte Hochzeit für Bella organisiert, womit sie nicht mehr Jüdin ist sondern zur Muslima wird.

Abenteuerreich und fantasievoll geht es durch das ganze Buch. Bella wird Ärztin, heiratet in Amerika einen lieben Mann, der früh stirbt. Mit 43 Jahren ist sie Witwe mit zwei kleinen Töchtern.

Ein Familientreffen alle paar Jahre führt die angewachsene Familie immer einmal wieder zusammen. Bei dieser Gelegenheit erfährt man die Schicksale und Lebenswege der verschiedenen Familienzweige und ihrer Sprösslinge, die auch in Irland Wurzeln hat.

Die Vielfalt der Charaktere und das Auf und Ab der Lebenswege ist von spannender Detailgenauigkeit. Zeitsprünge machen den Zusammenhang zuweilen etwas unübersichtlich, so dass man Mühe hat, immer richtig Schritt zu halten. Dass Bella ihre große Liebe in Berlin zurücklassen musste und ihn später unter anderem Namen in Amerika wiederentdeckt, gibt der Geschichte den besonderen Kick.

Alles in allem ist das Buch ein lesenswerter Schmöker mit zahlreichen Verwicklungen, die sowohl jüdisches als auch muslimisches Leben widerspiegeln. Amerika mit seinem Gesellschaftsbild spielt eher eine nachrangige Rolle. Allerdings ist New York ein Schmelztiegel der Nationen, was durchaus eine Rolle bei der ganzen Geschichte spielt.

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61 Bibliotheken, 1 Leser, 1 Gruppe, 33 Rezensionen

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Wir sind dann wohl die Angehörigen

Johann Scheerer
Fester Einband: 240 Seiten
Erschienen bei Piper, 01.03.2018
ISBN 9783492059091
Genre: Biografien

Rezension:

Ein 13 jähriger Junge erlebt unerwartet und schockierend den Zusammenbruch seiner Welt der Geborgenheit und Sicherheit.

Johann Scheerer ist der Sohn von Jan Philipp Reemtsma, dem anerkannten und tief in seine Bücher versunkenen Sozialwissenschaftler. Man besitzt zwei Häuser in Hamburg und ist wohlhabend. Der Vater pflegt abends nochmals in seinem Haus mit den vielen Büchern zu verschwinden. Als er an jenem Abend um Ostern 1996 herum nicht wieder im Haus der Mutter erscheint, wird diese unruhig, und es beginnt eine unruhige und dramatische Suche nach dem Vater. Man erfährt sehr bald, dass er entführt wurde, um ein hohes Lösegeld mit seiner Freilassung zu erpressen. Die Geschichte machte Furore und hielt ein ganzes Volk in Atem.

Johann Scheerer berichtet über seine Erinnerungen an die dramatische Nacht und deren Folgen. Im Haus wimmelt es von Freunden der Familie, Anwälten und Polizeiangehörigen.
Es wird alles versucht, um möglichst kein Aufsehen zu erregen. Mehrere Geldübergaben scheitern und es folgen bange Tage des Wartens, der Verzweiflung im Wechsel mit Hoffnung.

Der Junge macht sich seine eigenen Gedanken, die den Tod des Vaters einschließen. Er bildet mit der Mutter eine Einheit, obwohl sie immer wieder versucht, ihn vor den gröbsten Enttäuschungen zu bewahren.

Mit einer gewissen Distanz, gelegentlichem Humor immer aber mit kritischem Blick sucht der Junge der größten Verzweiflung Herr zu werden. Er beobachtet, registriert und bleibt bei einer sehr trockenen Darstellung. Ihm haftet keine Sensationslust, Eitelkeit und Aufgeregtheit an. Mit Einsamkeit lässt sich wohl sein Gemütszustand am ehesten beschreiben. Es gibt wirklich nur einen Freund, dem er sich mitteilt.

Die Atmosphäre verzweifelter Entschlossenheit gepaart mit irrlichternden Strategieversuchen, einen Ausweg zu finden, teilt sich dem Leser durch die Darstellung von Johann Scheerer unmittelbar mit. Man kann sich vorstellen, was es für einen pubertierenden Jugendlichen bedeutet, gerade in der jugendlichen Ablösungsphase durch das Ereignis aller Lösungsmöglichkeiten beraubt zu werden. Die Sorge um den Vater gibt dem Jungen nur schwer eine Möglichkeit, zuzulassen, dass ihn und den Vater gravierende Interessensunterschiede trennen. Ob Musik oder Bücher: Johann geht einen eigenen Weg und lässt sich vom Vater nicht davon abbringen.
Die Erzählung lässt vermuten, dass hier ein spannungsreicher Konflikt aufgeschoben wird, weil das Wohl des Vaters über allem steht. Deutlich wird aber auch, wie sehr Jam Philipp an seiner kleinen Familie hängt und um seine Wiederkehr bangen muss.

Wir wissen, wie die Geschichte ausging. Johann Scheerer hat ihr einen eigenen Klang verliehen, mit dem man aus Sicht eines Jungen spannungsreiche und die Nerven angreifende Stunden und Tage erlebt. Es lohnt sich, das Buch zu lesen!
Johann Scheerer wird aus der Lektüre als eigenständiger, klarer und seinen eigenen Weg meisternder Mensch sichtbar.

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70 Bibliotheken, 2 Leser, 1 Gruppe, 17 Rezensionen

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Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt

Peter Stamm
Fester Einband: 160 Seiten
Erschienen bei S. FISCHER, 22.02.2018
ISBN 9783103972597
Genre: Romane

Rezension:

Eine seltsame Geschichte hat uns der bekannte Autor Peter Stamm mit diesem kleinen Roman vorgelegt.
Chris ist ein alternder Mann. Er hat einen nicht ganz fassbaren Doppelgänger, den er beobachtet, und dessen Spurten er verfolgt.
Gleichzeitig erzählt er einer zwanzig Jahre jüngeren Bekannten von seiner vergangenen Liebe zu Magdalena. Verwirrend und irritierend wechseln Zeit, Ort und Handlung. Chris ist Schriftsteller. Er hat schon lange kein Buch mehr geschrieben.
Seine Spaziergänge, Begegnungen und schließlich auch Liebesnächte mit der jungen Lena sind ebenso mysteriös wie die ganze Handlung. Die assoziativ dargestellten Begebenheiten beziehen sich immer wieder auf die Liebe, das Warum und Wie des Lebens und unseres Endes. Lena, seine junge Begleiterin, ist Schauspielerin. In gewisser Weise wiederholt sich die Liebesgeschichte von Chris mit der der jungen Lena und deren Freund.
Das Verwirrspiel um das Doppelgängertum verschiedener Figuren ist zweitweise kaum zu durchschauen.
So wie das ganze Buch einer langen Lebensreflexion gleicht ist auch das Ende. Christopher sieht einem alten Mann zu, der in einem Haus verschwindet und man meint, dass er sich selber schon zusieht, wie er im Alter des alten Mannes sein wird.
Keine Spuren hinterlassend und verschwinden im Nichts.

Der Titel des Romans stammt aus dem Roman „Der Fremde“ von Peter Stamms Lieblingsschriftsteller Albert Camus. Mit Camus wird auch Peter Stamm zuweilen gleichgesetzt.
Existenzfragen hier wie dort sind das Lebensthema beider Schriftsteller.

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30 Bibliotheken, 0 Leser, 2 Gruppen, 3 Rezensionen

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Jahre später

Angelika Klüssendorf
Fester Einband: 160 Seiten
Erschienen bei Kiepenheuer & Witsch, 29.01.2018
ISBN 9783462047769
Genre: Romane

Rezension:

In einer fein ziselierten Sprache, hoch sensibel und gleichzeitig distanziert erzählt A. Klüssendorf von einer Ehe, die auf merkwürdige Weise zustande kam.

April, die Hauptprotagonistin, spricht von sich als Suchende und Einsame. Ludwig, ein Chirurg, interessiert sich brennend für sie und lässt nicht nach in seinem Werben. Sie wird schwanger, und sie heiraten.
Während Ludwig als großes Kind erscheint, der allerdings voller Dynamik immer neue
Pläne für sie beide schmiedet, lässt sich April treiben. Sie steht den Dingen mit einer gewissen Ambivalenz gegenüber. Aus einer anderen Beziehung hat sie einen 11jährigen Sohn, Julius, der fest in die neue Gemeinschaft eingegliedert wird.

Nachdem sie von Berlin nach Hamburg gezogen sind, wo Ludwig eine neue Stelle in einem Krankenhaus angetreten hat, wird Samuel geboren.
Hier fühlen sich April und Julius nicht zu Hause. Julius ist in der Pubertät und betrachtet seine Mutter und Ludwig kritisch. Als er zu seinem Vater zieht, bleibt die kleine Familie alleine.

Mehr und mehr gerät Ludwig in den Fokus der Erzählung. Durch die Augen von April finden wir einen Getriebenen, der voller Ideen ist und zwischen Ehrgeiz, Eitelkeit und Selbstverherrlichung schwankt. April tut, was sie kann, um seinem bürgerlichen Anspruch zu genügen. Sie kocht, backt und bewirtet seine Kollegen. Doch das ist nicht ihr Leben.
Mit kleinen spitzbübischen Schabernackaktionen versuchen die beiden, ihrer Gemeinschaft etwas Leben einzuflößen.
Mit fortschreitender Erzählung spürt man jedoch, wie aufgesetzt und brüchig die Beziehung zwischen April und Ludwig ist. Man ahnt, dass diese Ehe kein gutes Ende nehmen kann.
Doch noch quält sich das Paar durchs Leben, er unreflektiert und blind für seine eigenen Schwächen, und sie abwartend und bemüht. Doch eine Kälte macht sich breit, die einen erschauern lässt.

Angelika Klüssendorf hat einen empfindsamen Ausdruck für alles, was zwischen Menschen passiert. Ihre kühle, sezierende Sprache, vermittelt uns einen Einblick in das innerpsychische Geschehen, das sich hier zwischen zwei sehr verschiedenen Menschen abspielt. Es kann nicht gehen, wenn eine Frau auf der ständigen Suche nach dem wahren Leben ist, und ihr Mann nur nach Anerkennung, Aufmerksamkeit und Bestätigung sucht.
Geschickt versucht die Autorin uns zu zeigen, wie bemüht beide sind, an ihrer Ehe festzuhalten. Einer aber schafft es nicht: Ludwig kann seine innere Leere im Zusammensein mit seiner Frau nicht überwinden. Er geht, kommt wieder und geht schließlich für immer. April, die literarische Versuche auf dem Weg zur Schriftstellerin unternimmt, bleibt alleine mit einem Sohn, den sie kaum versteht, und zu dem der Zugang immer mehr verloren geht. Reue über den Verlust ihres ersten Sohnes überkommt sie, und sie weiß, alle ihre intensiven Bemühungen um ein ausgewogenes Leben waren umsonst.
Die Sprache und der Ausdruck von A. Klüssendorf zeigen eindrücklich diese einsame, suchende Frau, deren Verlorenheit einen anrührt. Ludwig löst in seiner Selbstsucht eher Abwehr beim Leser aus. Zweitweise bleibt die Empathie auf der Strecke. Zu kalt und sezierend ist die Darstellung der Beziehung.
Der Eindruck einer misslungenen und tragischen Verstrickung zweier Menschen, die aufgrund ihrer unterschiedlichen Herkunft und Wesenszügen nicht zusammenfinden können, bleibt bis zuletzt bestehen. Die lakonischen und kurzen Sätze vermitteln einen Eindruck von dem innerpsychischen Drama, das Mann und Frau einander entfremdet.

Dass Angelika Klüssendorf mit dem verstorbenen Frank Schirrmacher verheiratet war, sei in einem Nebensatz erwähnt. Autobiographische Züge sind in ihre Erfahrungen eingeflossen. Sie betont aber in Interviews, dass ihre Figuren fiktiv sind.

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2 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

landeswechsel, ortswechsel, sprachwechsel

In welcher Sprache träume ich?

Elena Lappin , Hans-Christian Oeser
Fester Einband: 352 Seiten
Erschienen bei Kiepenheuer & Witsch, 07.09.2017
ISBN 9783462050455
Genre: Biografien

Rezension:

Wächst ein Mensch in unterschiedlichen Ländern, Orten und Sprachstationen auf, kann man möglicherweise nicht mehr festmachen, welches die (Mutter)- Sprache oder der Ort der Verwurzelung ist.

So erging es Elena Lappin. Geboren wurde sie 1954 in Moskau. Mit 4 Jahren zog sie mit ihrer ledigen Mutter zum zukünftigen Mann der Mutter nach Prag. Von dort wechselte die Familie 1970 nach Deutschland. Später folgten Kanada, USA und Israel. Jetzt lebt die Schriftstellerin mit ihrer Familie in London. Ihre Mutter studierte Geographie, der Vater ist Schriftsteller und Übersetzer literarischer Werke.

In Moskau lebten die Großeltern und Urgroßeltern von Elena. Ihre junge Mutter erscheint selbstständig und selbstbewusst. Als sie zu ihrem künftigen Mann nach Prag zieht, nimmt er das Kind als eigenes an. Sie bilden nun eine kleine, glückliche Familie. Ihr leiblicher „Vater“ ist Amerikaner, doch diese Verbindung war nicht von Bestand. Spät erst erfährt Elena, dass sie einen anderen Vater hat als den von ihr sehr geliebten bisherigen. Ihre Eltern bekamen 1960 noch einen gemeinsamen Sohn, der als Schriftsteller Maxim Biller bekannt ist.
In Elenas Familie gab es viele Merkwürdigkeiten, und es ist gar nicht so schnell zu verstehen, wer da alles mit wem verheiratet war und wann und woher man eigentlich kam.

Die zahlreihen Länderwechsel spiegeln die Geschichte der russischen und sowjetischen Ära wieder. Juden wurden wie immer und überall als Außenseiter betrachtet. In Moskau herrschte die Nach-Stalinära, und in Prag ereignete sich 1968 der so genannte Prager Frühling. Der Aufstand wurde bekanntlich von russischen Truppen niedergeschlagen.
Infolge der vielfältigen politischen Bedrohungen zog die Familie 1969 nach Hamburg.
Zu Russisch und Tschechisch wurde nun Deutsch zur Heimatsprache. Doch war Deutschland Heimat für die entwurzelte Familie?

Temporeich, sprühend vor Neugierde und Lebenslust bewegt sich Elena Lappin durch die Stationen ihres Lebens. Sie trifft überall Menschen, zu denen sie sich hingezogen fühlt und schließt schnell gute Freundschaften. Nach Hamburg bricht sie zum eigenen Leben nach Israel auf, wo sie ihren Mann kennenlernt. Sie heiraten und bekommen Kinder. Einmal leben sie in Tel Aviv, dann wieder in Kanada, erneut in Haifa, dann USA und zuletzt England. Nicht alle Sprachen können den Kindern nach den vielen Wohnortwechseln erhalten bleiben.
Die Verständigung mit den russischen Verwandten bleibt auf der Strecke.

Elena Lappin wird eine selbstständige, agile und leidenschaftliche Literaturliebhaberin.
Sie schreibt, dichtet und arbeitet als Journalistin.
Die Biographie richtet den Fokus zum Ende hin immer mehr auf Sprachen und Dichtung. Wo findet man sich zu Hause? Wo lebt man am liebsten? Welche Rolle spielen Sprachen für das eigene Leben und Gedeihen?

Die Familie ist wichtig, und für ihre Biographie interessiert sich Elena immer mehr für die weitverzweigten Familienbindungen, die nach Russland und Amerika weisen. Der leibliche Vater tritt in Erscheinung, und wieder tun sich neue Familienzweige auf.

Die Suche nach Familie und Zugehörigkeit bestimmen richtungsweisend die Erzählung und lassen ahnen, wie sehr Familie zum Bestimmungsort der eigenen Identität wird.

Die Lebenserinnerungen sind lebendig, warmherzig und mit Herzblut geschrieben.
Hier gibt es kein kleinliches Miteinander. Die Verbindungen und der Umgang untereinander lassen auf einen gebildeten, liberalen und wohlwollenden Geist schließen. Zeigen sie doch ein weltoffenes und tolerantes Familienklima. Dass die Wanderungen der Familie auch politisch mit verursacht sind, ist exemplarisch für das traurige Schicksal unser aller geschichtlichen Vergangenheit.

Man liest diese Lebenserinnerungen als Zeitdokument mit hohem Interesse.

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Tags: landeswechsel, ortswechsel, sprachwechsel   (3)
 

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14 Bibliotheken, 0 Leser, 1 Gruppe, 2 Rezensionen

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Die Jahre

Annie Ernaux , Sonja Finck
Fester Einband: 255 Seiten
Erschienen bei Suhrkamp, 11.09.2017
ISBN 9783518225028
Genre: Romane

Rezension:

Die 1940 geborene Annie Ernaux erzählt in ihrer hier vorliegenden Biographie „Die Jahre“ zunächst ausführlich über ihre Kindheit und Jugend in Frankreich in den ersten Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg. Ihre Lebenserinnerungen reichen weit bis zum Ende des Jahrhunderts und darüber hinaus.

Sie schreibt ihre Biographie nicht in der Ichform, sondern verfremdet. Von „dem Mädchen“ oder „der Frau“ ist die Rede. Es geht um Bilder in Worten, in denen sie ein Gesellschaftsbild über ein halbes Jahrhundert vor uns ausbreitet.

Mit treffend und sprachgewaltig formulierten Sätzen, prägnant und genau, fängt sie die Atmosphäre einer ganzen Generation ein. In Frankreich sieht das genauso aus wie in Deutschland. Man spielt in der Kindheit die gleichen Kinderspiele wie Ringlein du musst wandern, Plumpsack oder Hinkelkästchen. Man hatte wenig zu essen, und es gab Läuse und zahlreiche andere mehr oder weniger dramatische Kinderkrankheiten. Fernsehen gab es noch nicht, aber die Erwachsenen sprachen viel von der Vergangenheit. „In den Erzählungen der Vergangenheit gab es nichts als Hunger und Krieg.“ (S. 23)

Man benutzte Plumpsklos und erfreute sich an den kleinen Dingen des Alltags. „Man lebte in der Nähe der Scheiße. Und machte Witze darüber.“ (S. 39) Man hörte Schlager und wünschte sich als Kind, nur schnell erwachsen werden zu können. „Wenn jemand starb, konnte uns das nichts anhaben“ (S.33) Im Flüsterton nur wurde über Dinge gesprochen, von denen die Erwachsenen nichts wissen durften.

Die katholische Kirche spielt eine zentrale Rolle, und dass „Lehrer und andere Gebildete nicht an Gott glaubten, war eine Anomalie.“ (S.46)

Später folgen die Studienjahre, Sex und andere Fragen, die die Autorin und ihre Altersgenossen von den Themen der Elternhäuser entfernen. Die Suche nach der eigenen Identität spielt eine raumgreifende Rolle. Sartre, Camus und Simone de Beauvoir begeistern die intellektuelle Jugend.

Weiter geht es durch die Jahre des Wandels in der Moral und mit der Rebellion der 68 ziger.
Man studiert, bekommt Kinder, Ehe und Scheidungen schließen sich an.

Die Erzählung folgt dem Lauf der Jahre mit den eigenen Veränderungen und der neuen Rolle zwischen Eltern und Kindern. Freiheit und Gleichheit werden gelebt. Das Alter oder der Tod betrifft die „Älteren“ nicht aber einen selber. Leider lässt sich auf Dauer nicht leugnen, dass das Älterwerden in mentaler und physischer Hinsicht ein unaufhaltbarer Prozess ist, der niemanden verschont! Auch das wird vermerkt.

Geschichtliche Veränderungen und Ereignisse bringen neue Kriege und Unruheherde in die Welt.

In distanziertem Stil wird ein Zeitkolorit entworfen, das seinesgleichen sucht: treffend und genau, witzig und humorvoll werden die Lebensabschnitte abgehandelt.

Die verfremdete Form, mit der die Autorin über ihre Vergangenheit berichtet, gibt dem Ganzen eine Allgemeingültigkeit, die ihre Aufzeichnungen wirklich denkwürdig machen.
Wer in dieser Zeit Kind und Heranwachsender war, wer die Jahre bis zur Jahrtausendwende erlebt hat, wird alles genauso beschrieben finden, wie es war.

Der Bericht rührt an die eigenen Gefühle und Erinnerungen. Damit bietet er einen Wiedererkennungswert, der anrührend ist. Der letzte Satz lautet “Etwas von der Zeit retten, in der man nie wieder sein wird“. Das ist es!

Annie Ernaux lebt in Frankreich und ist vielfach ausgezeichnet.

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Tags: erinnerungen, geschichte, lebensverlauf   (3)
 

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18 Bibliotheken, 2 Leser, 1 Gruppe, 3 Rezensionen

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Schwarz und Weiss

Irene Dische ,
Fester Einband: 496 Seiten
Erschienen bei Hoffmann und Campe, 05.10.2017
ISBN 9783455404777
Genre: Romane

Rezension:

In dieser seltsamen Liebesgeschichte geht es um eine Mischehe in New York. Beginnend in den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts endet die Geschichte in den ersten zehn Jahren des 21. Jahrhunderts.

Lili ist die weiße und sehr hübsche Tochter eines jüdischen Künstlerpaars in New York, und der mischfarbige Duke kommt aus dem Süden der USA.

Die beiden lernen sich kennen und können fortan nicht voneinander lassen. Die liberalen Eltern von Lili begrüßen den Freund ihrer Tochter und nehmen ihn gerne bei sich auf.

Nun beginnt eine rasante Geschichte, die von der wirbelnden und umtriebigen Lili mit gesteuert wird. Sie ist Chemikerin, Krankenschwester und zuletzt hoch dotiertes Fotomodell. Duke, ihr schwarzer Freund und bald schon Ehemann, besitzt die seltene Gabe, Weine auf ihre Güte hin zu testen. Er erfährt in dem Geschäftsmann Mr. Perkins einen Partner, der seine Fähigkeiten, Wein zu verköstigen und die Beschreibung dessen, was er mit den Weinen verbindet, sehr schätzt.

Irene Dische gibt der Geschichte einen Ton, der sie lebhaft und farbenfroh ausgestaltet. Fast erscheinen einem die Sätze wie im Staccato dahingeschrieben, so schnell und munter wird das gesellschaftliche Bohèmemilieu vermittelt. Die Eltern von Lili verkehren als Komponisten und Journalisten unter Intellektuellen. In ihren Kreisen ist man liberal. Sehr selten nur blitzt die Diskriminierung Farbiger an einigen Stellen durch.

Die Liebesgeschichte zwischen Lili und Duke ist innig und überzeugend und außer Konkurrenz. Leider wird der Roman im zweiten Teil ein wenig langatmig, so dass man die Lust zum Weiterlesen verliert. Die zahlriechen Abenteuer, Liebesgeschichten und Irrungen und Wirrungen ermüden auf die Dauer. Immerhin bekommt man ein lebhaftes Bild vom Leben in NY der siebziger und achtziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts mit.
Dass die Geschichte am Ende recht unversöhnlich in eine Katastrophe mündet, ist nur folgerichtig.

Geselligkeit wird in der Erzählung großgeschrieben. Satire und Witz bringen eine gewisse Distanz, mit der die Autorin ihr eigenes Empfinden aus allem heraushält. Ihre lakonischen Sätze betonen diese innere Distanz noch. Die Abstinenz jedweder Empathie teilt sich dem Leser mit, und man weiß zuletzt nicht, wem die Sympathie in der Geschichte gelten soll. Dem schwarz-weißen Liebespaar? Den liberalen Eltern? Über Dukes Herkunft wird so kurz hinweggegangen, dass sie fast überflüssig erscheint. Sie rundet am Ende aber die ganze Geschichte ab.

Intellektuelle, Parvenüs, Partys und Wein nebst den entsprechenden Beobachtungen am geselligen Treiben beleben die gesellschaftlichen Zusammenkünfte und machen die Lektüre wenigstens im ersten mit „Norden“ überschriebenen Teil unterhaltsam und anregend. 

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Tags: einigkeit, liebe, treu   (3)
 

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30 Bibliotheken, 1 Leser, 0 Gruppen, 5 Rezensionen

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Nichts als die Nacht

John Williams , Bernhard Robben
Fester Einband: 160 Seiten
Erschienen bei dtv Verlagsgesellschaft, 08.09.2017
ISBN 9783423281294
Genre: Romane

Rezension:

John Williams gewann mit seinem 1967 geschriebenen Roman „Stoner“ in den neunziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts, als er neu entdeckt wurde, Ruhm, Ehre und eine Fangemeinde.

Jetzt ist im dtv Verlag sein Debütroman „Nichts als die Nacht“ erschienen. Es handelt sich um eine Novelle, die geheimnisvoll und düster die Geschichte von Arthur Maxley erzählt. Er lebt in San Francisco, und die Straßen und Bars der Stadt bieten den Rahmen der Erzählung. Die Ereignisse umfassen nur eine Nacht.
Der junge Mann wird getrieben von Dämonen. Er wird überschwemmt von Erinnerungen, fast immer bedrohlich, unterbrochen von zarten und liebevollen Erinnerungen an eine entrückte Mutter, in deren Armen er Sicherheit und Geborgenheit fand. In früherer Zeit ist etwas geschehen, das, angedeutet und flüchtig nur, gleichzeitig allgegenwärtig zu sein scheint.
Die Mutter ist tot, der Vater entschwunden. Max hat schwerste Zeiten hinter sich, in denen er in wilden Ängsten und Visionen schwebt. Überwältigt von Gefühlen gibt der Protagonist zu verstehen, wie ihn die Welt außerhalb seines Zimmers ängstigt und, ja auch anekelt. Er gibt sich seinen Träumen hin, erkennt den Himmel und die Sterne und lebt in tiefer Einsamkeit.

Eingelullt von seinen unwirklichen Visionen geht er durch Himmel und Hölle. Den Himmel verkörpert die tote Mutter, die Hölle besteht in der Gegenwart, in der er als Müßiggänger seinen nebulösen Vorstellungen erliegt. Hat die Mutter auf den Vater geschossen und sich selbst gleich danach umgebracht? Wo ist der entschwundene Vater?

Ein Treffen mit ihm verläuft kühl und ohne gegenseitiges Verständnis. Der Vater bleibt innerlich und äußerlich fern.


Fast alle Erfahrungen seines vergangenen Lebens erscheinen nebulös und diffus. Eine unruhige Sehnsucht nach Liebe und Sex bricht sich Bahn, und man weiß nicht, ob er träumt oder wacht. Er erlebt gequält und nur halb wach die Begegnung mit einem Freudenmädchen. Das Abenteuer endet tragisch.

William Stoner hat diese Novelle verfasst, als er 1940 mit 22 Jahren im zweiten Weltkrieg mit einem Flugzeug in Burma abgestürzt war. Er lag lange im Lazarett und hat in seinen dunklen Träumen versucht, sich mit dem allgegenwärtigen Tod auseinanderzusetzen.
Das Ergebnis ist dieses Erstlingswerk, das er lange bei keinem Verlag unterbringen konnte.
Es zeugt bereits jetzt von seiner sensiblen Beobachtungsgabe und dem psychologischen Feingefühl seines späteren Romans " Stoner".

Die poetische Kraft der Sprache und das fast surreal anmutende Geschehen bieten einen Einblick in seine Begabung. Misstrauen und verhaltene Melancholie im Wechsel mit Lust und Leidenschaft prägen dieses Werk, das in seiner Düsternis einmalig ist. Hier gibt es keine Hoffnung auf ein besseres Leben oder Erlösung aus der Einsamkeit. Man ist betroffen von dieser melancholischen und tief empfundenen Gefühlswelt.

1994 ist John William gestorben. Er war Lektor und Universitätsdozent. Seine Werke kamen erst posthum zu Ehren.

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Tags: melancholie, sehnsucht, trauer   (3)
 

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Über den Anstand in schwierigen Zeiten und die Frage, wie wir miteinander umgehen

Axel Hacke
Fester Einband: 144 Seiten
Erschienen bei Kunstmann, A, 30.08.2017
ISBN 9783956142000
Genre: Sachbücher

Rezension:

In diesem kleinen Büchlein über den Begriff des Anstands hat der Schriftsteller Axel Hacke in feuilletonistischer Art und Weise versucht, uns mit seiner Definition von Anstand bekannt zu machen.

A. Hacke beschreibt auf Seite zwanzig in wenigen Worten, wie man Anstand interpretieren kann, und das klingt ganz einfach: Begriffe wie Gerechtigkeit, Solidarität und Fairness fallen in diesem Zusammenhang ebenso wie Aufrichtigkeit im Handeln und Reden und, sehr wichtig wie mir scheint, die Fähigkeit, das eigene Denken kritisch zu überprüfen.
Schnell wird aus seinen folgenden Ausführungen jedoch klar, dass „Anstand“ in der Tat seit längerer Zeit der Verrohung herkömmlichen Umgangsformen gewichen ist. Es fällt im Alltag gar nicht so sehr auf, wie weit wir uns vom Verfall guter Sitten und der Grenzüberschreitung im persönlichen Umgang entfernt haben.
An zahlreichen Beispielen macht A. Hacke seine Thesen fest. Er nennt die Namen einer Vielzahl bekannter Dichter, Philosophen und Denker, um seine Argumente zu untermauern. Kästner, Fallada, Marc Aurel, Kant und nicht zuletzt David Foster Wallace und viele andere mehr werden in Zitaten herangezogen, um über Formen des Anstands zu referieren.
Vom Steinzeitmenschen bis in die Gegenwart reichen Hackes Vergleiche, was Formen des Anstands und des Umgangs miteinander betrifft. Durch seine Zeilen erfährt man, wie über die Jahrtausende durch Bildung, Entwicklung und Forschung ein faires Miteinander erst möglich wurde. In diesem Zusammenhang wird auch auf die Studie von Norbert Elias „Über den Prozess der Zivilisation“ hingewiesen.
Da das Buch eher die Erwartung an ein Feuilleton erfüllt, muss der geneigte Leser keine wissenschaftliche Studie erwarten. Der Bericht ist gewissermaßen ein Parforceritt im Plauderton durch die Geschichte und heutige Gegenwart.
Dazu gehören natürlich Tablets und Smartphones, die Paare, Eltern und Kinder im Beisammensein vereinsamen lassen, weil die Technik das Gespräch verdrängt.
In langen Passagen widmet sich der Autor den schrillen Tönen auf Facebook.

Axel Hacke fasst in seinem Buch zusammen, wie wir die Welt und die Formen unseres Umgangs erleben. Seine Ausführungen lassen uns von einer versöhnlichen Welt träumen, in der man Rücksicht nimmt, Gegensätze friedlich austrägt und insgesamt ein harmonisches Miteinander pflegt. Eine schöne, einträchtige Welt, wie wir alle sie uns wünschen würden! Leider sieht die Wirklichkeit anders aus, und Hoffnungen auf ein besseres Zusammenleben sind eine schöne Utopie!
Man kann Hackes Ausführungen als berechtigte Zivilisationskritik betrachten.
Sein Werk mag auch als ein Appel an uns alle gelten, uns um Umgangsformen zu bemühen, die uns Respekt, Höflichkeit und Zuhören abverlangen. In seltenen Fällen bei aufgeklärter Bildung und Erziehung mag das gelingen. Doch wenn man einmal mit Lehrern spricht, dann weiß man, wie schwer diese hoffnungsvollen Vorsätze an der Wirklichkeit integrativer Vielfalt zerschellen! Darüber hinaus bietet die derzeitige globale Politik keinen Hoffnungsschimmer auf eine bessere Welt.
Ich empfehle das Büchlein dennoch, weil es auf einfache Weise vermittelt, was uns allen so sehr fehlt: Eintracht, Freundlichkeit und----Menschenliebe!

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Tags: sitten, umgang. menschlichkeit   (2)
 

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Rimini

Sonja Heiss
Fester Einband: 400 Seiten
Erschienen bei Kiepenheuer & Witsch, 17.08.2017
ISBN 9783462050448
Genre: Romane

Rezension:

Drei Paare: Eltern, Tochter und Sohn mit Partnern bilden den Mittelpunkt dieser Geschichte, in der es um Liebe, Treue, Anhänglichkeit, Versagen und wie immer auch Vergänglichkeit geht.

Die Eltern, Barbara und Alexander, haben bereits nach langen Ehejahren ihr Rentenalter erreicht. Weihnachten treffen alle wie gewohnt zusammen.
Hans, ihr Sohn und Anwalt von Beruf, dümpelt in seiner Ehe mit einer sehr dominanten Frau vor sich hin. Ihre beiden Kinder Lou und Leo sind in den Augen der Großeltern reichlich streng und rigide erzogen. Und Masha erst! Sie ist die jüngere Schwester von Hans und mit 39 eigentlich ein altes Mädchen, aber auch sie scheint den Absprung ins eigene Leben nicht recht zu schaffen. Das Weihnachtstreffen findet bei Hans und Ellen statt und rundheraus lässt sich sagen: alle gehen einander auf die Nerven. Irgendetwas scheint allen zu fehlen, um zu einem glücklichen und autonomen Leben zu finden.
Gespannt verfolgt der Leser einer Entwicklung, bei der so nach und nach die Eigenheiten aller Partner zum Vorschein kommen, und man ist nicht erfreut, wie unübersichtlich das emotionale Durcheinander aller Beteiligten ist.
Außer Ellen, dieser großen und durchsetzungsfähigen Frau von Hans, gehen alle scheinbar gegenseitig aneinander unter.
Hans leidet an unkontrollierten Wutanfällen und besucht regelmäßig eine Psychoanalytikerin, in die er sich zuletzt verliebt. Damit ist der Therapieerfolg natürlich ausgeschlossen.

Alles in allem beruhen die Thesen des Romans auf der Erkenntnis, dass Menschen im Laufe ihres Lebens Wandlungen durchmachen, die sehr häufig das Zusammenleben stören.
Sonja Heiss wirft einen realistischen Blick auf die zwischenmenschlichen Beziehungen.
Geheime Wünsche, erwartete Freuden, mentale und sexuelle Erfüllung und immer wieder auch Enttäuschungen sind die Eckfeiler menschlicher Existenzen. Hier zappelt sich jeder und jede ab, um am Ende an den Widersprüchen von Wünschen und Wirklichkeit zu scheitern. Wie die Autorin die einzelnen Widrigkeiten beschreibt, ist der Wirklichkeit recht genau abgeschaut. Gerüche des Partners, Geiz oder eigensinnige Verhaltensweisen stören den ehelichen Frieden und führen zur inneren und äußeren Abkehr. Als Alexander stirbt, merkt Barbara erst, wie sehr sie das Zusammenleben mit ihm als Selbstverständlichkeit hingenommen hat, und die in ihren Augen abstoßenden Verhaltensweisen das Leben überschattet haben. Man ist nahe dran an den Protagonisten und kann sich lebensnah in die gegenseitigen Zweifel, die Wut und Abkehr einfühlen. Es ist ein wenig traurig mit anzusehen, wie nach und nach die Beziehungen aller zueinander in die Brüche gehen. Ein paar schöne Erinnerungen an die Frühzeit der Eltern bieten Lichtblicke, doch das Scheitern auch der beruflichen Erfolge von Hans und Masha überwiegt. Immerhin schafft Masha sich sehr verspätet noch ein persönliches Glück. Meint man beim Lesen aus der Ferne nicht „Die Korrekturen“ von Jonathan Franzen aufscheinen zu sehen? Der Zerfall von Familien ist in beiden Romanen zentrales Thema.
Am Ende des Romans findet man zu dem Schluss, dass Leben von unterschiedlichen Schattierungen geprägt ist, und dass es vieler zu bestehender Bewährungsproben bedarf, um heil und unverletzt aus dem Lebensschlamassel herauszukommen.
Der Debütroman von Sonja Heiss lässt auf weitere Erfolge hoffen!

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Tags: betrug, enttäuschung, liebe   (3)
 

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Drei Tage und ein Leben

Pierre Lemaitre , Tobias Scheffel
Fester Einband: 270 Seiten
Erschienen bei Klett-Cotta, 20.12.2017
ISBN 9783608981063
Genre: Romane

Rezension:

Pierre Lemaitre ist ein fein beobachtender Autor, der mit seinen Themen tief in das Leben seiner Protagonisten eindringt.

In dem kleinen Ort Beauval in Frankreich verschwindet kurz vor Weihnachten 1999 der sechsjähriger Rémi spurlos.
Niemand kann sich erklären, wo er geblieben ist.

Einer der Dorfbewohner ist 12 Jahre alt und heißt Antoine. Er hat sich im Wald ein Baumhaus gebaut. Dorthin begleitet ihn häufig der Hund vom Nachbarn Desmedt. Er ist der Vater von Rémi. Die anderen Kinder spielen mit dem Playmobil von Kevin. Antoines Mutter aber möchte, dass ihr Sohn weiter in der Natur und im Wald spielt. So fühlt er sich oft einsam. Sein Vater ist schon lange auf und davon, und die Mutter schlägt sich tapfer mit ihm durch.

Leider passiert ein Unglück, und Antoine zerstört sein Baumhaus in einem Anfall von Wut. Nachvollziehbar schildert uns P.Lemaitre, wie Antoine tags zuvor zusehen musste, als Desmedt seinen von einem Auto verletzten Hund erschießt. Das Ende des Hundes mit dem pikanten Namen Odysseus ist ein Schock für Antoine, denn er war sein stiller Begleiter und Tröster in der Not. Was aber weiß er vom Verschwinden Rémis? Er war derjenige, der ihn zuletzt gesehen hat.

Minutiös schildert uns PL, wie Antoine in ein Netz von Verstrickungen gerät. Er verhält sich auffällig, unruhig und verdächtig. Niemand käme auf die Idee, dass er etwas mit dem Verschwinden von Rémi zu tun haben könnte. PL zeigt uns seine tief verletzte Seele, die vom Tod des Hundes in eine Art Schockstarre gefallen ist. Der Junge wird von Einsamkeit und Schmerz überwältigt.
Das Dorf mit seinen aufgeschreckten Menschen, den untersuchenden Beamten und der Unruhe, die das Verschwinden des kleinen Rémi gebracht hat, ist höchst genau beobachtet. Es sind drei Tage, in denen die Suche nach Rémi das Geschehen bestimmt.
Ein apokalyptisches Unwetter verwischt schließlich alle Spuren, und die Suche wird aufgegeben.
Im Jahr 2015 ist Antoine Arzt. Er hat eine Freundin, und die Ängste und Schrecken der Vergangenheit scheinen überwunden. Er wird sich ein neues Leben aufbauen.
Doch Lemaitre wird die Geschichte neu ankurbeln und mit unglaublichen Ereignissen zu einem mehr oder weniger unerwarteten Ende führen.
Man kann nicht umhin, den Autor für das Maß an Genauigkeit und Recherche mit feinsten Details zu bewundern. Die Mischung aus Krimi und vorstellbarer Lebenstragödie gibt dem Roman den letzten Schliff. Darin ist Pierre Lemaitre ein Meister, wie er schon mit seinem Roman“ Wir sehen uns da oben“ bewiesen hat. Mit diffizilen und sparsamen Mitteln steigert er die Geschichte bis zu einem wirklich überraschenden Ende. Atemlos und gespannt kann man vom Lesen nicht mehr lassen. Einmal mehr beweist uns die Geschichte, dass das Leben unergründliche Wendungen nehmen kann, die Lebenspläne und Hoffnungen zunichtemachen können. Literatur kann die Schattenseiten des Lebens aufzeigen. Dieser Roman ist ein Beispiel dafür. Sehr empfehlenswert.

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Tags: lebenslüge, opfer, täter   (3)
 
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