Leserpreis 2018

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Die schöne Fanny

Pedro Lenz , Pedro Lenz , Raphael Urweider
Fester Einband: 256 Seiten
Erschienen bei Kein & Aber, 29.11.2017
ISBN 9783036957678
Genre: Romane

Rezension:

Drei Freunde leben in diesem Roman in den Tag hinein: Frank alias Jackpot, Louis und Grunz; letztere sind Maler, Jackpot freier Schriftsteller. Während die beiden Maler noch etwas zustande bringen, ist der Schriftsteller immer vermeintlich auf Erfolgskurs, hat aber fast noch keine Zeile für seinen neuen Roman geschrieben. Sie leben in der kleinen Stadt Olten in der Schweiz.
Die beiden Maler sind schon an die 70 Jahre alt, Jackpot ist nur halb so alt.
Alles dreht sich um die schöne Fanny, ein Modell der beiden Maler, in die sich Jackpot unsterblich verliebt. Er wartet, sucht und findet sie ab und zu wieder, aber sie bleibt nie lange, und für ihn ist sie geheimnisumwittert. Wie sich später rausstellen soll: zu Recht!


In einem lockeren, amüsierten Tonfall mit zahlreichen lakonischen Einschüben hat Pedro Lenz seinen Roman garniert. Man liest ihn mit Schmunzeln und ergötzt sich an dem leichtlebigen Dasein der drei Künstler. Der Roman gemahnt an eine Art Schelmenroman, in der es um die unbeschwerte Lebensart und die heitere Liebe geht. Der Ton bleibt immer witzig und locker. Man zieht sich gegenseitig ein wenig auf und verbringt viele Stunden beim gemeinsamen Essen und Trinken. Ausstellungseröffnungen und Begegnungen mit vielerlei Charakteren geben den Roman den Pfiff und eine gewisse Aktualität. Der Text ist angereichert mit durchaus klugen, zuweilen gar philosophischen Gedanken und setzt eine gewisse Bildung voraus. „Ich beschloss, mit dem Nachdenken aufzuhören. Aber mach das mal bewusst, nicht mehr zu denken. Das funktioniert nicht, weil auch der Gedanken, nicht denken zu wollen, gedacht werden muss“. Logisch, nicht wahr?
In der Erzählung von Pedro Lenz geht es u.a. auch um die ganz alltäglichen Dinge wie die Beschaffung von Geld.
Der immer wieder angekündigte Roman von Jackpot bleibt lange nur Fiktion, denn es fehlt ihm an Eingebung. Sein Bruder, ein erfolgreicher Geschäftsmann, unterstützt ihn großzügig mit Geld, so dass er seinem Bohèmeleben frönen kann, ohne zu verhungern.

Man wartet geduldig darauf, dass seine Liebesgeschichte und die Gestaltung seines Romans Formen annimmt. So lange darf man weiter an den ergötzlichen Tagesereignissen teilnehmen.
Ach, aber alles kommt am Ende ganz anders als erwartet! Die Geschichte steuert auf ein gutes Ende zu.
Das Leben: es spielt zuweilen verrückt. In diesem Roman dürfen wir der Leichtigkeit des Seins nachspüren. Spannung darf man nicht erwarten. Man freut sich am Ende an der Auflösung des Rätsels um Fannys Leben und Jackpots Roman und hat unterhaltsame Stunden gehabt. Die Empfehlung des Schweizer Literaturclubs ist gerechtfertigt!

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Das große Experiment

Jeffrey Eugenides , Gregor Hens
Fester Einband: 336 Seiten
Erschienen bei Rowohlt, 20.11.2018
ISBN 9783498016753
Genre: Romane

Rezension:

Jeffrey Eugenides gehört zu den großen amerikanischen Erzählern, die in einem Atemzug mit Jonathan Franzen, Siri Hustvedt und Richard Powers genannt werden.
Mit seinem Roman „Middlesex“ machte er vor Jahren Furore.
Nun also hat er einen Band mit Erzählungen vorgelegt.

Auch hier begibt sich der Autor in die Welt der Menschen mit ihren Kümmernissen, Erfolgen und Niederlagen, es geht um Alter, Sterben und Tod. Sehr schön nimmt Eugenides in seiner ersten Erzählung Bezug auf das Buch von Wallis: „Zwei alte Frauen“, die von ihrem Stamm im Norden Alaskas abgehängt wurden, weil sie zu nichts mehr taugten. Hier sind es Cathy und Della, die Freundinnen sind und sich immer umeinander gekümmert haben. Als Della wegen Demenz ins Altenheim abgeschoben werden soll, packen sie die Sachen und entfliehen dem Heim. In Gedanken spult der Autor das Leben der beiden zurück. So entsteht eine Geschichte, die wie ein eigener kleiner Roman anmutet.

Eine Geschichte nach der anderen enthüllt die Wirklichkeit der Protagonisten, ihre Sorgen, Nöte und Liebesabenteuer. Die Geschichten sind nicht immer heiter. So ist das Leben: geprägt von Höhen und Tiefen und immer wieder von Familienbanden, die uns Menschen umgeben und so manche Missgeschicke neben der Nähe und Fürsorge offenbaren. Wir hören von Rodney und Rebecca: sie näht Stoffmäuse, von deren Verkauf die Familie lebt. Rodney frönt der alten Musik und hat sich mit dem Kauf eines Clavichords so übernommen, dass die Schulden ihm über den Kopf wachsen. Wieder eine andere Protagonistin versucht verzweifelt, durch künstliche Befruchtung schwanger zu werden. Mit den Männern hat es nicht geklappt, jetzt ist sie schon vierzig und es wird höchste Zeit für eine Schwangerschaft.
So reiht sich eine Erzählung an die andere. Man sollte Pausen machen zwischen dem Lesen, denn so inhaltsreich, persönlich und empathisch ist jede Erzählung für sich, dass man sie erst in sich nachwirken lassen will, bevor man sich an das nächste Kleinod wagt.

Alles in Allem sind die Geschichten tragisch. Sie handeln von vergehender Liebe, von Vergänglichkeit, von Alter und Tod. Sie handeln davon, wie das Leben ist!

Die Feinsinnigkeit, mit der die Figuren gezeichnet sind, machen das Leseerlebnis aus. Atmosphärisch dicht und wahrheitsgetreu wird hier gezeigt, wie wenig vielversprechend Leben sein kann. Die glücklichen Momente sind nicht von Dauer. Und doch gibt es auch Erfolge beim Lebenskampf und gelegentlichen Überlebensstrategien, die man nur bewundern kann.

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Der Widersacher

Emmanuel Carrère
E-Buch Text: 195 Seiten
Erschienen bei Matthes & Seitz Berlin Verlag, 08.08.2018
ISBN 9783957576545
Genre: Romane

Rezension:

Emmanuel Carrère hat sich eines Genres für seine Geschichte angenommen, die man nicht anders als eine romanhafte Dokumentation beschreiben kann.

Als er in der Zeitung von einem Hochstapler liest, der innerhalb kurzer Zeit seine nahe Familie umgebracht hat, kann er nicht anders, als sich dieses Falls literarisch anzunehmen.
Diese Erklärung setzt er seiner Erzählung voran.

Er hat Kontakt zu dem Ungeheuer und verfolgt dessen Prozess.

Nun aber einmal langsam: minutiös geht er dem Geschehen nach und erkennt, dass hier wirklich ein kranker Mensch gehandelt hat.

Am 19.Januar 1993 erschlug der vermeintliche Arzt und hoch angesehene Wissenschaftler Jean-Claude Romand zuerst seine Frau, kurz darauf seine beiden kleinen Kinder und danach auch noch seine beiden Eltern mit dem geliebten Familienhund. Er zündete sein Haus an und nahm Schlaftabletten. Unglücklicherweise für ihn rettete ihn die Feuerwehr und seine ganze erlogene Existenz flog auf.

Hier setzt Carrère mit seinem Bericht an. Er befragt die Freunde von Romand, seine Nachbarn und erkundet sein Umfeld. Erschrocken nimmt er zur Kenntnis, dass hier die Abgründe der menschlichen Psyche ihren Ausdruck gefunden hat. Unter der Maske bürgerlicher Wohlanständigkeit mit erfolgreichem Lebensweg verbirgt sich ein Mann, der nichts zuwege gebracht hat: weder sein Arztexamen ist echt noch seine Anstellung bei der WHO in Genf mit häufigen Dienstreisen und Vorträgen überall in der Welt.
Grundlage der finanziellen Existenz dieses Lebens waren großzügige Finanztransaktionen, mit denen Romand vorgeblich durch Anlagen in der Schweiz den arglosen Geldgebern riesige Gewinne versprach. Und hier lauerte denn auch der Fallstrick, der ihn buchstäblich zu Fall brachte.

Wie E. Carrere das alles langsam aufdeckt und den Leser an dieser Erkundungsreise teilnehmen lässt ist atemberaubend und lässt den Leser erschauern. Seine Sprache wird der Brutalität der Vorgänge gerecht; sie ist lebendig und lebensnah, doch lässt sie sowohl den Autor als auch den Leser erstaunen, mit welch einer Leichtigkeit sich Verbrechen begehen lassen.
Wie konnte nur niemand darauf kommen, dass dieses ganze Leben eine Fiktion war?

Man liest das Buch mit höchster Spannung, weil es auch eine Studie über die Psyche eines Mannes birgt, der sich und andere in ein vollständiges Missverhältnis zwischen Wahn und Wirklichkeit führt.

Obwohl ich kein wirklicher Krimifan bin, reizt dieses Buch bis zuletzt als gelungene Sozial- und Psychostudie.

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142 Bibliotheken, 18 Leser, 1 Gruppe, 10 Rezensionen

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BECOMING

Michelle Obama , Harriet Fricke , Tanja Handels , Elke Link
Fester Einband: 544 Seiten
Erschienen bei Goldmann, 13.11.2018
ISBN 9783442314874
Genre: Biografien

Rezension:

Von 2009 bis 2017 war Barack Obama der erste farbige Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika. Seine Frau Michelle hat seinetwegen ihre eigene erfolgreiche Karriere als Juristin an den Nagel gehängt.
Sie wäre aber nicht die Frau, die sie ist, wenn sich ihr nicht neue Möglichkeiten für gesellschaftliche und politische Veränderungen erschlossen hätten.

Von den Anfängen ihres jungen Lebens an beschreibt sie in ihren Erinnerungen ein Leben, das von liebevoller Geborgenheit, Ermunterung und Zuversicht getragen wurde.
Aus einer hervorragenden Schülerin gelingt ihr der Aufstieg hin zu einer erfolgreichen, emanzipierten Frau und nach einem Studium in Harvard zu einer ebenso erfolgreichen Anwältin.

In der Anwaltskanzlei begegnet ihr Barack Obama. Nach anfänglicher Freundschaft beginnen sie ihre Beziehung, die trotz langer Trennungen in die Ehe mündet. Beide sehen die Charakterstärke, die innere Haltung, die menschliche Wärme und die intellektuelle Verbindung zwischen sich und verbinden sich zu einer Gemeinschaft von anhaltender Gleichgesinntheit.

Michelle Obama schreibt einen flüssigen Stil, zuweilen sehr weit ausholend, doch vermag sie sehr hautnah zu beschreiben, wie ein Leben in der Öffentlichkeit dieses Amtes aussieht.
Man hat ja keine Vorstellung davon, wie einschränkend und beengend die Sicherheitsvorkehrungen in einem solchen Amt jedes Privatleben fast unmöglich machen. Dennoch bekommt man mit, wie sie sich kleine Freiheiten erobern und gelegentlich den Sicherheitsbeamten auch ein Schnippchen schlagen können. Es sind nur Augenblicke. Letztlich geht das Amt immer vor, und Michelle hat sich in ihr Schicksal als öffentliche Person gefügt. Sie macht das Beste daraus und initiiert vielerlei öffentliche Aufgaben, denen sie sich mit ganzer Energie widmet.

Es ist gut vorstellbar, wie erleichtert man nach acht Jahren im Weißen Haus das Amt aufgibt, um endlich wieder frei zu sein und zu leben.

Michelles Bilanz der Jahre im Weißen Haus bietet tiefe Einblicke in das Leben immer auf dem Präsentierteller, auf die Schwere der Verantwortung für Krieg und Frieden in aller Welt, und auf die Möglichkeiten und Grenzen für Gestaltungen zur Veränderung im eigenen Land. Für die Arbeit an der Spitze eines so großen, demokratisch geprägten Landes bedarf es besonderer Persönlichkeiten.
In Michelles Mann Barack Obama hatte das Land eine starke, moralisch und ethisch außerordentliche Persönlichkeit, an dessen Würde und Anstand kein Zweifel aufkam.

Michelle Obama hat ein umfassendes Zeitdokument zu einer ungewöhnlichen Präsidentschaft hinterlassen. Es geht nicht um einen hohen literarischen Anspruch sondern um sachlich und fachlich kompetente Aussagen. Wer sich eine Bild darüber machen möchte, findet in ihrem Buch reichlich Anschauungsmaterial.

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Die allertraurigste Geschichte

Ford Madox Ford , Gertraude Krueger , Helene Henze , Fritz Lorch
Fester Einband: 304 Seiten
Erschienen bei Diogenes, 28.11.2018
ISBN 9783257070385
Genre: Klassiker

Rezension:

Mit einer Widmung an seine Geliebte Stella beginnt Ford Madox Ford seinen Roman, ursprünglich „The Good Soldier“ betitelt, über zwei Ehepaare zu Beginn des Ersten Weltkriegs.

Die Geschichte ist sehr geheimnisvoll, steckt voller ahnungsvoller Gedanken über ein Geschehen, dass wir zu Beginn noch nicht erkennen. Edward Ashburnham, seine Frau Leonora, der Erzähler John Dowell und dessen Frau Florence verbringen jeden Sommer Tage der Kur in Bad Nauheim. Man ist sich in allem einig und es herrscht eitel Harmonie. Doch war das wirklich so?

Ein wenig mühsam muss man sich durch die einzelnen Episoden hindurchquälen, bis man einen roten Faden erkennt.

Langsam gewinnt man Einblick in das Leben und Treiben der vier Personen.
Florence und Dowell stammen aus Amerika, die anderen sind Engländer. Florence ist sehr krank, das darf man schon bald erfahren. So denkt man zunächst an eine gesellige Zeit der Kur für alle Beteiligten.

Die Geschichte entwickelt sich jedoch zu einer unendlichen Liebesgeschichte. Sie betrifft vor allem Edward Ashburnham, der seine Finger von keiner neuen Begegnung mit einer Frau lassen kann. Ob es sich um Florence oder andere weibliche Bekannte aus seinem Umkreis handelt: er scheut keine Mühen und kein Geld, um sich mit Damen aller Couleur zu verlustieren. Leonora ist die Leidtragende, die seine vielfachen Liebschaften erträgt und seine Finanzen in die Hand nimmt, um den totalen Ruin zu verhindern. Der 4. August ist ein magisches Datum, an dem sich immer wieder Entscheidendes ereignet. Der 4. August 1913 ist der letzte Abend in Bad Nauheim, bevor eine Katastrophe dem hässlichen Spiel zunächst ein Ende macht.

Es soll nicht zu viel des Inhalts verraten werden, denn genau genommen geht es um den Stil und die atmosphärische Widergabe einer längst vergangenen Welt. Es geht um die s.Zt. herrschende Moral und den gesellschaftlichen Umgang in bestimmten Kreisen. Verwirrend ist die Vielzahl an Männern und Frauen, die sich lieben, hassen, betrügen und verlassen. Immer im Zentrum sind die oben genannten Ehepaare. Die bizarren Verbindungen zeigen uns das verblasste Gesellschaftsbild der zwanziger Jahre in England, Frankreich und Deutschland.

Man liest das Buch in Muße und Geduld, um sich noch einmal auf die ferne Zeit einzulassen. Literarisch vollkommen und doch breit angelegt werden wir mit einem Autor bekannt gemacht, der nur diesen einen Roman geschrieben haben soll. Er erschien 1915. Ford Madox Ford ( 1873 -1939) war bekannt und befreundet mit zahlreichen Schriftstellern seiner Zeit: Hemingway, Henry James, Galsworthy und Joseph Conrad, mit dem ihn „eine tiefe Freundschaft verband“( Wikipedia).

Julian Barnes gibt im Anhang einen Einblick in das Leben des Autors.

Der Roman ist lesenswert für Menschen mit literarisch hohen Ansprüchen.

Die Aufmachung des kleinen Werks ist edel gestaltet und bietet den Hinweis auf eine wertvolle Lektüre.

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Alles ist möglich

Elizabeth Strout , Sabine Roth
Fester Einband: 256 Seiten
Erschienen bei Luchterhand, 12.11.2018
ISBN 9783630875286
Genre: Romane

Rezension:


Wie immer nimmt sich Elizabeth Strout des Lebens der kleinen Leute an. Sie leben im Mittelwesten in Illinios oder Iowa. Man betreibt Mais- und Sojaanbau oder Milchwirtschaft, womit der Lebensunterhalt je nach Erntelage gesichert scheint. Tommys Hof ist abgebrannt, so dass er sich als Hausmeister einer Schule verdingt. Da bekommt man einiges mit, was in den Familien passiert.
Es gibt die Eheleute mit einem langen gemeinsamen Leben, in dem sich dennoch ihr Glück nicht erfüllt; man findet verkorkste junge und ältere Leute, liebestolle Partner und impotente Ehemänner. Auch der nicht erfüllte Kinderwunsch findet sich unter den Ehefrauen. Eine jede Person hat ein ihr eigenes Schicksal. Es gibt Kinder, die den elterlichen Schlägen ausgesetzt waren, und aus denen nichts geworden ist. Aber auch eine erfolgreiche Schriftstellerin findet sich unter den beschriebenen Menschen, die E. Strout mit ihrem unnachahmlichen Erzähltalent der Realität der kleinen Provinzstädte nachempfunden hat.

Sie fängt ein Klima der Kleinbürgerlichkeit und der Engherzigkeit, der Intimität und der Absurdität ein, wie es ihresgleichen sucht. Ihre Erzählweise ist so lebendig und berückend, dabei keineswegs herablassend, dass man unwillkürlich in das Leben der von ihr beschriebenen Menschen reinschaut und zum Teilnehmer der vielen unterschiedlichen Lebensentwicklungen wird. Verbindungen der einzelnen Schicksale ergeben sich aus Nachbarschaft, Familienkonstellationen, Mitschülern und Ähnlichem. Man kann kaum glauben, wie beredt Elizabeth Strout sich in die Menschen einfühlt, denen sie Gesichter und Farben gibt. Und dann finden sich einfache Sätze wie „Sie berührte nur kurz seinen Arm. Da saßen sie, in der Sonne“, mit dem ein Kapitel schließt. (S.64) Besser kann man kaum ausdrücken, wie sich ein Ehepaar auch ohne große Worte versteht.

Liebesglück und Alterseinsamkeit, Eifersucht und Armut, Anhänglichkeit und nachbarschaftlicher Tratsch füllen ihren Roman, und wir erleben, wie die Welt wirklich ist.
Bescheidenheit und Anspruchslosigkeit, Gelassenheit und „sich abfinden“ sind die wahren Grundlagen für ein glückliches Leben. Aber wer findet zu dieser Weisheit? Es sind nur wenige, doch auch sie haben ihren Platz in der Erzählung.

Sich in diesem Kosmos zu bewegen und den Figuren zu folgen schafft dem Leser Glück und Anregung, sich über das Leben in seinen verschiedenen Schattierungen eigene Gedanken zu machen und zu den eigenen Erfahrungen neue Erkenntnisse hinzuzufügen. Am Ende heißt es in einem melancholischen Abgesang „Alles war möglich, für jeden“.
Ein rundum gelungener Roman liegt mit dieser Neuerscheinung vor.

Elizabeth Strout lebt in New York und Maine. Sie wurde für ihre Romane vielfach ausgezeichnet.

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71 Bibliotheken, 3 Leser, 1 Gruppe, 29 Rezensionen

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Liebe ist die beste Therapie

John Jay Osborn , Jenny Merling
Fester Einband: 288 Seiten
Erschienen bei Diogenes, 24.10.2018
ISBN 9783257070439
Genre: Romane

Rezension:

Dieser Roman erzählt in fachlich kompetenter Weise von einer Ehetherapie.

Das Paar Stev und Charlotte haben sich getrennt und wollen einen letzten Versuch wagen, ihre Ehe zu retten. Sie ist Universitätsdozentin und er Teilhaber an einer großen Kapitalinvestmentfirma. Sie haben zwei kleine Kinder und wohnen bereits in getrennten Wohnungen.

Sandy, die Eheberaterin, führt gekonnt in die Gesprächstechnik ein, mit der sie sich den Menschen in ihren besonderen Konfliktsituationen nähert.

Feinfühlig sind ihre Fragen und Aufforderungen, mit denen sie die Partner animiert, sich zu dieser oder jener Situation zu äußern.

Sie registriert in Zwischengedanken ihre Eindrücke, die sich ihr aus den Worten der Klienten erschließen.

Worum geht es?

Wie in so vielen Ehen haben Steven und Charlotte aufgehört, miteinander zu reden.
Jeder ist seiner Wege gegangen bis hin zu neuen Partnerbeziehungen. Das allerdings haben sie beide so nicht ausgemacht! Diese Beziehungen werden folglich als Seitensprünge bezeichnet.

So wie sich die Beziehung der beiden entwickelt, sieht es nicht danach aus, dass sie wieder zusammenkommen könnten. Charlotte ist aufmüpfig und wütend über Stevs Seitensprünge, während Stev nach heftigem Zerwürfnis immer neue Versuche startet, um Charlotte zurückzugewinnen, die ebenfalls inzwischen außereheliche Beziehungen eingegangen ist. Er ist eifersüchtig, spioniert ihr nach und macht ihr Zusammensein fast unmöglich.
Da beide zusammen eine Ehetherapie beginnen, scheinen sie die Hoffnung zu hegen, vielleicht noch etwas retten zu können.

Man merkt, dass der Autor Jay Osborn genaue Kenntnis vom unterschwelligen Miteinander ratsuchender Kontrahenten hat.

Die Gespräche mit der Therapeutin werden als Versuch dargestellt, erst einmal Ordnung in die Gefühlswelt der Ratsuchenden zu bringen d.h., sich selbst bewusst zu machen, wo sie überhaupt stehen, und was sie wollen. Es ist ein mühsames Unterfangen!

Es gibt Szenen von wütendem Aufbegehren und Missverstehen und langsam wachsender Einsicht, wie sehr einer den anderen verletzt hat.

Menschen wissen oft nicht, wie sie über ihre Gefühle sprechen sollen und geraten gerade dadurch in so genannte „Kommunikations Sackgassen“. Erst, wer seine eigenen Gefühle kennt und direkt darüber sprechen kann, wird im Leben Frieden finden und sich nicht im Netz von Missverstehen, falschen Verdächtigungen und Kränkungen
verfangen.

Die Therapeutin Sandy sucht immer neue Wege, um die Klienten zu Selbsteinsichten zu führen. Diese könnten eine Änderung im Verhalten erst möglich machen.

Man wird als Leser quasi zum voyeuristischen Zuschauer beim Aufblättern zweier unterschiedlicher Charaktere und deren Ausdrucksformen. Der Roman wird zu einer Lehre
In Sachen „Eheberatung“.
Dieses Fazit lässt sich aus den hervorragenden Beschreibungen von John Jay Osborn ziehen. Der Roman ist nicht nur von literarischem Wert sondern bietet auch lehrreiche Einblicke in therapeutische Abläufe.

John Jay Osborn ist Juraprofessor, Anwalt und lebt in Palo Alto.

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98 Bibliotheken, 5 Leser, 2 Gruppen, 30 Rezensionen

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Sechs Koffer

Maxim Biller
Fester Einband: 208 Seiten
Erschienen bei Kiepenheuer & Witsch, 08.08.2018
ISBN 9783462050868
Genre: Romane

Rezension:

Maxim Biller bezieht sich in seinem Roman auf seine verwirrende Familiengeschichte.

Von Moskau über Prag nach Hamburg und Zürich ziehen sich die Schilderungen über seine Familie, die einen geheimnisvollen Hintergrund hat: was geschah mit dem Großvater der Sippe, der 1960 in Moskau hingerichtet wurde?

Sie sind Juden und werden immer und überall verfolgt. Die Sowjetunion hatte jedoch ihre eigenen Regeln, mit denen unliebsame und nicht folgsame Bürger willkürlich zu Tode kamen.

Der kleine Maxim fragt und schaut und beobachtet und zeigt schon früh sarkastische und selbstironische Charakterzüge in seinem Verhalten.

Ein wenig verwirrend für den Leser sind die Familienpersonen in ihren Beziehungen zueinander. Brüder, Onkel und Tanten: wer gehört wie zu wem und woher kamen sie? Man ist gelegentlich ein wenig angestrengt, sich in die diversen Beziehungen einzufühlen. Fest steht aber, dass in der Familie mitbedingt durch unterschiedlich politische Regime ein Klima der Verunsicherung und Angst herrschte. Der Großvater machte Waffen-und Devisengeschäfte, die ihn in Moskau unter Verdacht und schließlich zur Hinrichtung brachten. Jeder/ jede verdächtigt danach jeden der Denunziation und brachte die Familienmitglieder gegeneinander auf. Verfeindete Brüder und unglückliche Liebesbeziehungen taten ein Übriges, um das allgemeine Familienklima zu vergiften.

Das bunte Kaleidoskop einer jüdischen Familie tut sich auf, in dem auch der Ernst der Lage durch den Holocaust nicht ausgespart wird. Für den reflektierten Leser ist es erleichternd, zu erfahren, wie Familien immer und überall auch zerstritten sein können. Das ist kein jüdisches Phänomen. Im Gegenteil: schienen doch bisher bedingt durch die Erfahrungen der nahen Vergangenheit gerade jüdische Familien einen besonderen Zusammenhalt zu genießen, während man aus der ehemaligen DDR von Familientragödien hörte, in denen durch Bespitzelung und gegenseitigen Argwohn Unglück und Verzweiflung in Familien herrschten.

In diesem Familienroman wird die Zerrissenheit durch die politischen Systeme in Ost und West thematisiert. Ein wenig Schwejk blitzt gelegentlich durch: nur durch Chuzpe kommt man zuweilen weiter. Letzte Fragen bleiben offen.

Es ist ein witziger, spannender und spritziger Erzählstil, mit dem uns Maxim Biller hier erfreut.

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Erinnerung eines Mädchens

Annie Ernaux , Sonja Finck
Fester Einband: 163 Seiten
Erschienen bei Suhrkamp, 02.10.2018
ISBN 9783518427927
Genre: Liebesromane

Rezension:

Annie Ernaux bedient sich wie in ihrem ersten biographischen Roman „Die Jahre“ einer Verfremdung ihrer Person, die sie als „Das Mädchen“ betitelt. Von ihr und ihrem Erwachsenwerden handelt auch diese biographische Abhandlung.

Es ist der Sommer 1958. Das Mädchen ist 18 Jahre alt. Sie lebt mit ihren Eltern in der französischen Provinz. Die Eltern sind nach Herkunft und Gemüt einfach und haben alles für ihre begabte Tochter getan. Wie so viele junge Leute verbringt diese den Sommer mit einem Job als Betreuerin in einer Ferienkolonie. Bisher in einem streng katholischen Mädchenpensionat untergebracht naht für sie ungeahnte Freiheit und Ungebundenheit.

Die Freude sollte nicht lange dauern. Unbeholfen und unerfahren fällt sie dem Chefbetreuer schon nach wenigen Tagen als Sexobjekt zum Opfer. Er verbringt eine brutale Sexnacht mit ihr und lässt sie gleich darauf fallen. Erschüttert fängt sie wahllos immer neue Männerbeziehungen an.

Zerquält und entwürdigend sind die Tage und Wochen nach dem Ereignis. Die anderen Betreuer und Betreuerinnen machen sich über sie lustig, und sie wird verfemt. Ihr ganzes Sinnen und Trachten ist auf diesen ersten Liebhaber gerichtet. Sie sehnt sich nach ihm, der sie gedemütigt und in eine ihr unerklärliche Abhängigkeit getrieben hat.

Das Trauma dieser Nacht durchzieht ihr weiteres Leben und lässt sie nicht mehr los. Jahrelang steht das Jahr 1958 in ihrem Tagebuch. Sie kann nicht und will doch darüber berichten. Jetzt erst, 55 Jahre später, gelingt es ihr.

Die Erzählung durchzieht ein Schmerz, der nie vergeht. Das Mädchen war vollkommen unschuldig und ist in etwas hineingeraten, das ihren Willen gelähmt und ihre Selbstachtung zerstört hat. Mit unübertroffener Genauigkeit und zähem Durchhaltewillen scheint die Erzählerin den Spuren ihrer frühen Jahre nachzuforschen. Es war die Zeit, in der die allgemeine bürgerliche Moral spröde Abstinenz und Enthaltsamkeit forderte und freie Liebe verpönt und doch heimlich ersehnt war. Wer gegen die gesellschaftlichen Regeln verstieß, verlor seine Selbstachtung und fühlte sich schuldig. Mit feinem und sensiblen Gespür für die Scham, die den Zeitgeist spiegelt, geht Annie Ernaux ihren Erinnerungen nach so vielen Jahren nach.

Es folgen Irrwege und die Suche nach dem richtigen Beruf. Die Autorin begegnet schließlich den Schriften von Simone de Beauvoir, die sie nachdenklich und aufmerksam machen. Der Stil der Erzählung wandelt sich mit fortlaufender Entwicklung. Die Protagonistin in der Erzählung wechselt immer häufiger zum „Ich“. Entsprechend nimmt die Identitätsfindung Form an und dem Philosophiestudium steht nichts mehr im Wege.

Die schonungslose Offenheit dieser eigenen Entwicklungsstudie ist bemerkenswert.
Hier zeigt eine Schriftstellerin ihren Werdegang mit rückhaltloser Selbstentblößung.
Letztendlich geht es um den Wandel moralischer Verhaltensweisen über die letzten fünfzig Jahre und den Schaden, den starre Tabus anrichten können. Die hohe Reflexionsgabe beeindruckt den Leser und lässt an Erkenntnissen über den Wandel der Zeiten keine Fragen offen.

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14 Bibliotheken, 0 Leser, 3 Gruppen, 4 Rezensionen

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Die jüdische Souffleuse

Adriana Altaras
Fester Einband: 208 Seiten
Erschienen bei Kiepenheuer & Witsch, 04.10.2018
ISBN 9783462051995
Genre: Romane

Rezension:

Adriana Altaras ist Schauspielerin, Regisseurin und Schriftstellerin.
Sie hat mit ihrem Buch „Titos Brille“ s.Zt. einen Coup gelandet, der ihr hohe Anerkennung eingebracht hat. Seit dieser Zeit kennt man sie als schlagfertig, eloquent, witzig und fantasiebegabt. Genauso erlebt man sie in ihrem neuen Roman „Die jüdische Souffleuse“.
Schmissig, spitzig und flott beginnt die Autorin ihre Erzählung über eine jüdische Souffleuse, die sie auf einer ihrer Theatertourneen kennenlernt.
Adriana will in einer beliebigen deutschen Stadt eine Mozartoper einstudieren.
Ihre treuen Begleiter sind der Bühnenbildner Elio und die Kostümbildnerin Nora. Mit ihnen ist sie schon durch Dick und Dünn gegangen.
Dieses Mal aber erlebt sie eine ungewöhnliche Begegnung. Susanne oder besser
„Sissele“, die Souffleuse des Theaters, wirkt überspannt und durchgedreht. Sie tischt der zunächst etwas gelangweilten Adriana eine Geschichte auf, von der man nicht recht weiß: ist sie erfunden oder entspricht sie der Wahrheit? Sie will Adriana bei der Suche nach ihren Verwandten um Hilfe bitten, die nach dem Zweiten Weltkrieg in alle Welt verstreuten wurden.
Kurz gesagt geht es um ein jüdisches Schicksal, das einmal mehr höchst diffizil und wirklich kaum glaubhaft erscheint. Doch wird die Erzählerin mehr und mehr in Bann gezogen, und, wie könnte es anders sein, Adriana fühlt sich emotional angerührt.
Eingestreut in die Alltagserlebnisse der Regisseurin nimmt die Geschichte einen sehr spannenden und ungewöhnlichen Verlauf.
Der Lebenslauf von Sissele ist verwirrend. Sie wurde nach dem Krieg in Israel geboren, ist mit ihren Eltern nach Deutschland eingewandert als sie knapp 1 Jahr alt war und wurde früh nach dem Tod der Mutter Halbwaise. Damit nahm ihr unglückliches Schicksal seinen Lauf.
Der Vater ließ sie einmal hier und einmal dort und riss sie immer wieder aus den jeweils einigermaßen erträglichen Lebensstationen heraus. Zuletzt gab er sie zu Nonnen in ein katholisches Kloster. Auch sein Schicksal ist Nebenschauplatz der Erzählung.

In lockerer, leichter Manier rollt Adriana Altaras das Leben dieser an den Folgen des Zweiten Weltkriegs immer noch leidenden Mitbürgerin Sissele auf. Jüdisches Leben, Verfolgung und drastische Schilderungen aus den Kzs geben der Erzählung Tiefe und zeigen zugleich, wie schnell alles in Vergessenheit zu geraten droht. Herzenswärme und Mitgefühl ziehen Adriana hinein in die Suche, die auf ungewöhnlichem Wege zu einer glücklichen Lösung führt.

Zuweilen mutet die Erzählung ein wenig zu spöttisch und leicht erzählt an. Die eingestreuten Witze gehören wohl dazu, wenn man eine Erzählung beschwingter daherkommen lassen will, als sie ist. Der rote Faden muss immer wieder zwischen Theaterproben und Alltagsgeschichten gesucht werden. Eigenes Leben, Alltag und Gefühlsbeschreibungen nehmen ebenso viel Platz ein wie die Geschichte der jüdischen Souffleuse. Alles in allem ist der Roman leicht zu lesen, unterhaltsam und witzig.

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13 Bibliotheken, 1 Leser, 2 Gruppen, 2 Rezensionen

In Extremis

Tim Parks , Ulrike Becker
Fester Einband: 448 Seiten
Erschienen bei Kunstmann, A, 26.09.2018
ISBN 9783956142529
Genre: Romane

Rezension:

Thomas Sanders befindet sich auf einem Physiotherapeutenkongress in Holland. Er ist emeritierter Professor für Linguistik, hält Vorträge, schreibt und ist in Madrid glücklich mit einer sehr viel jüngeren Frau liiert, denn von seiner Frau ist er geschieden. Seine vier Kinder aus der Ehe sind erwachsen.
In Holland erreicht ihn die Nachricht, dass seine Mutter im Sterben liegt.

Der Kongress löst einige unangenehme körperliche Beschwerden bei ihm aus, denn es handelt sich beim Thema um Beckenbodenschwäche des Mannes, die mit einer besonderen Methode zu behandeln ist. Er muss nun eilends nach London, wo seine Mutter in einem Hospiz liegt.

Zwischen den Zeilen liest man weit ausholend intime Gedanken zu seinem bisherigen Leben.
Seine Eltern waren fromme Leute, der Vater war Pfarrer. Thomas zählt sich zu den
68 zigern, die sich aufmüpfig gegen ihre Eltern verhalten haben.

Mit der Zeit kommt man dem Protagonisten näher, indem man immer tiefere Einblicke in sein Innenleben erhält. Das ist nicht nur angenehm, denn Thomas wirkt gelegentlich weinerlich, selbstzweifelnd und zeigt sich seiner selbst nicht gewiss. So vieles gibt es zu bereuen in seinem Leben! Man fragt sich, ob er auf seinem Wege trotz beruflicher Anerkennung jemals zufrieden werden könnte.
Z.Zt. unterzieht er sich gerade einer Psychoanalyse.

Nicht nur seine eigene Familienmisere beschäftigt ihn, sondern auch die von seinem Freund David. Dieser hat sich nach langjähriger Beziehung zu Deborah mit zahlreichen gemeinsamen Kindern endlich zu ihrem sechzigsten Geburtstag zur Heirat mit ihr entschlossen Es gibt auch hier Konflikte ganz eigener Art

Wie immer geht es bei Tim Parks um Ehe, Familie und Beziehungen, die vielfach Ursache und Bindeglied für Kummer, Sorgen, Missempfindungen und Störungen sind. Familiäre Bindungen bieten einerseits Zusammenhalt und Sicherheit, geben aber auch in zahlreichen Fällen Anlass für Fehlentwicklungen und Missverstehen. Tim Parks ist empathisch interessiert an seinen Protagonisten. Man glaubt, die Personen mit ihren Malaisen selbst intensiv kennen zu lernen. Ein bigottes Familienklima hat die Mitglieder unterschiedlich beeinflusst und zu auseinanderstrebenden Entwicklungen geführt.
In Parks Detailgenauigkeit liegt seine Stärke und zuweilen auch Schwäche. Besonders die lange Trauerfeier für Thomas’ Mutter mit all’ ihren christlichen Traditionen, den Texten und Liedern sind zunächst nicht ganz überzeugend. Bis man begreift, dass hier ein letzter Überzeugungsversuch seitens der Mutter gegenüber ihren Söhnen stattfindet, die beide ungläubig sind.
Alles in Allem zeigt die Geschichte, wie tief Tim Parks sich mit seinen Figuren befasst, wie philosophisch-religiöse Sinnfragen die Erzählung mitbestimmen.

Familie, Nähe, Trennung und Zugehörigkeit sind die Pfeiler der Gesellschaft. Hier haben sie in Form eines Romans Gestalt angenommen.

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90 Bibliotheken, 0 Leser, 1 Gruppe, 70 Rezensionen

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Opfer

Pierre Lemaitre , Tobias Scheffel
Flexibler Einband: 329 Seiten
Erschienen bei Tropen, 02.09.2018
ISBN 9783608503708
Genre: Krimi und Thriller

Rezension:

Pierre Lemaitre ist als Krimibuchautor bekannt. In Deutschland ist dieser Krimi sein erster, nachdem er mit zwei Erstlingswerken rühmlich beim deutschen Lesepublikum in Erscheinung getreten war.

Hier passiert gleich zu Beginn der Lektüre ein versuchter Mordfall. Anne, Freundin von Camille, dem Leiter der Pariser Mordkommission, wird eines Morgens, als sie in aller Eile vor dem Dienst in einer Ladenpassage noch einen Kaffee trinken will, hinterrücks auf grausame Weise überfallen und übel zugerichtet.

Rückblickend, noch während sich Camille mit diesem Überfall beschäftigt, erfährt man, wie ihre Beziehung zustande kam.

Die eigentliche Kunst des Autors besteht darin, dass mitten im Leben schreckliche Dinge passieren. Erst rückwirkend erfährt man nach und nach, wie die Lebensschicksale der Beteiligten miteinander verknüpft waren. Mit ungeheurer Wucht nimmt das Schicksal seinen Lauf. Lemaitre versteht es, seine Geschichten so aufzubauen, dass man von einer Aufregung zur nächsten hastet. Und so ein Fall wird nicht schnell aufgerollt, sondern alles nimmt einen langsamen und sich steigernden Verlauf.

Camilles Leben war schon vor vier Jahren von einem bitteren Schicksal gezeichnet. Und nun das!

Das gewöhnliche und alltägliche Leben kommt bei der Fülle von schweren Verbrechen nicht zu kurz. Im Gegenteil: wird einem doch Camilles zwiespältige Liebesbeziehung zu Anne erst allmählich klar. Gegenwart und nahe Vergangenheit verschmelzen zu einem drängend nach Aufklärung rufenden Schluss! Aber der Leser muss sich gedulden! Denn die Dinge liegen nicht so einfach, wie uns der Autor zunächst glauben machen will. Eine Vielzahl von Ganoven und Kriminellen haben ihre Hände im Spiel. Es bedarf intensiver Forschung und Spurensuche, um dem gewaltigen Netz an Verbrechern auf die Schliche zu kommen. Raffinierte Verbindungen, Abmachungen und gegenseitiger Abrechnungen spielen hinein, um der abgekarteten Ganovenbande das Handwerk zu legen. Am Ende bleibt ob der Vielfalt an Verwicklungen ein fast überforderter Leser zurück.

Lemaitre ist ein wirklich perfekter Krimiautor. Die Finten, mit denen er den Leser auf falsche Fährten lotst, sind vielfältig und raffiniert. Atemlos sehnt man das Ende herbei, um endlich zu begreifen, was und wie die Dinge miteinander verknüpft sind.

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62 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 48 Rezensionen

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Das Jahr, in dem Dad ein Steak bügelte

Rachel Khong , Tobias Schnettler
Fester Einband: 256 Seiten
Erschienen bei Kiepenheuer & Witsch, 07.09.2018
ISBN 9783462049725
Genre: Romane

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12 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 2 Rezensionen

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Im Kern eine Liebesgeschichte

Elizabeth McKenzie , Stefanie Jacobs
Fester Einband: 480 Seiten
Erschienen bei DuMont Buchverlag, 20.08.2018
ISBN 9783832198770
Genre: Romane

Rezension:

Paul macht Veblen einen Heiratsantrag! Er ist Neurologe, der sich mit Hirnforschung befasst, und Veblen betätigt sich freiberuflich als Übersetzerin. Sie befinden sich in den Dreißigern.

Kurz und bündig werden wir zu Zuschauern einer komplizierten Liebesverbindung.
Kompliziert deshalb, weil Veblen eine sonderbare Vorliebe für die Sprache der Eichhörnchen hat, und Paul Hilfe für verletzte Veteranen des Weltkriegs zu erforschen trachtet. Er muss dazu viele Tierversuche machen, die wiederum Veblen stören. Schlimmer noch ist die Tatsache, dass Paul für einen großen Pharmaziekonzern Kriegsveteranen in seine Hirnforschungen einbezieht.

Beide Liebesleute sind überglücklich zu Beginn ihrer Liebschaft. Das Paar entdeckt Gemeinsamkeiten aber auch Hürden auf dem Weg zur Hochzeit. Insbesondere die Eltern beider Protagonisten bieten versteckte Stolpersteine. Veblens Mutter ist Hypochonderin par excellence und stellt Paul auf die Probe mit seinem medizinischen Wissen bei der Aufzählung ihrer zahlreichen Krankheiten.
Sie gibt vor, ihre Tochter unendlich zu lieben, ist aber ständig dabei, sie zu bevormunden.
Veblen ist ganz verängstigt, es ihrer Mutter recht zu machen. Diese ist insgeheim voller Aversionen gegen ihren zukünftigen Schwiegersohn.

Paul entstammt einer lustigen Hippieehe. Für ihn als Kind war das nicht immer lustig.

Die Geschichte ist voller kleiner skurriler Nebengeschichten und bezeugt einen langen Lernprozess beim gegenseitigen Kennenlernen. Immer wieder ist das Thema „Eltern“ dran, und wirklich: Veblens Mutter ist in ihrer wehleidigen Dominanz unausstehlich! Es gilt weiterhin, das eine oder andere Geheimnis um Veblens Zeugung zu erforschen!

Mit langen Windungen und eigenartigen Verdrehungen im gegenseitigen Verstehen rackern sich die beiden auf dem Weg zu ihrer Hochzeit ab.

McKenzie erfasst menschliche Charaktere mit klugem Blick und vermag Stimmungen hervorragend einzufangen. Die tierliebe Veblen und der ehrgeizige Paul passen wohl in vielen Bereichen gar nicht zusammen, und Veblens Mutter weiß die Gunst der Stunde für sich zu nutzen. Doch verbindet Paul und Veblen ein andauerndes Bemühen um Verständnis und Frieden. Eltern auf Abstand zu halten und sich abgrenzen zu lernen, bedeutet Sieg oder Niederlage.

McKenzie kennt die gelegentlichen Abhängigkeiten und Versuche, es den Eltern recht zu machen. Es bedarf starker Charaktere, sich aus deren Klauen zu befreien. Nicht nur in diesem Kampf muss man zugunsten seiner neuen Verbindung auf Erden einiges riskieren. Auch im Beruf gibt es Rivalitäten und Konkurrenzen, die zuweilen harte Formen annehmen. McKenzie gibt allen Parteien Raum zu Entfaltung. Gelegentlich etwas ausschweifend ist ihr dennoch ein gelungenes Familienporträt gelungen, mit dem sie den Leser unterhält und animiert, die eigenen Verhaltensweisen zu überdenken.

„Extrem lustig und sprachlich herausragend“ ziert der Ausspruch von Jonathan Franzen das Cover zum Buch.

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121 Bibliotheken, 2 Leser, 1 Gruppe, 52 Rezensionen

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Schnee in Amsterdam

Bernard MacLaverty , Hans-Christian Oeser
Fester Einband: 288 Seiten
Erschienen bei C.H.Beck, 09.11.2018
ISBN 9783406727009
Genre: Romane

Rezension:

Ein schon älteres Ehepaar macht sich von Glasgow aus auf eine Reise nach Amsterdam.
Stella ist gläubige und praktizierende Katholikin und war Lehrerin. Gerry ist Architekt mit einer Professur an der Universität in Glasgow. Er steht Religion und Kirche eher distanziert gegenüber. Sie hat ihm die Reise zu Weihnachten geschenkt.

Minutiös wird die Reise in ihrer Planung und zu Beginn des Aufenthalts beschrieben. Jedes kleine Detail in den Hotels, in den Straßen, Plätzen, Pubs und mit den Menschen in ihrem Umfeld findet Erwähnung. Die beiden sind wirklich lange verheiratet, denn man spürt die langjährige Vertrautheit und unterschwellige Öde, die das Leben der beiden bestimmt.
Was als Abwechslung aus dem etwas abgestandenem Ehealltag gedacht war, entpuppt sich als Bilanz der Vergangenheit und schmerzhafte Erkenntnis über ein zunehmend unbefriedigendes Leben. Besonders Stella, Gerrys Ehefrau, sucht einen neuen Sinn im Leben, nachdem der einzige Sohn mit seiner Familie in Kanada lebt.

Durch Stellas Reflexionen erfährt der Leser, wie belastend sie ihre momentane Lebenssituation empfindet. Im Alter neue Perspektiven zu suchen und zu entwickeln, ist kein leichtes Unterfangen.

Auf ihren Wegen und Erlebnissen in Amsterdam entspinnt sich in kleinen Einschüben ihr früheres Leben, das einen normalen und genügsamen Alltag bildete. Ein Ereignis zu Beginn ihrer Ehe spielte allerdings eine gravierende Rolle für das weitere Leben der beiden. Es hat mit den kriegerischen Auseinandersetzungen in Irland zu tun.
Mit fein gesponnenen Erinnerungen besinnen sie sich an Ereignisse ihrer Vergangenheit.

Bernard MacLaverty hat eine sensible und feine Ehestudie entwickelt. Seine Diktion zeugt von hoher Bildung und Feingefühl für die Tücken und Stolpersteine des Lebens.

Gerry wird mehr und mehr zum Trinker, der mit allerlei Tricks seinem Alkoholkonsum frönt und ihn gleichzeitig zu verstecken trachtet. Diese und ähnliche Malaisen führen zu Überdruss und Abneigung bei Stella. Blendend und faszinierend berichtet der Autor, wie gut die Ehe zu sein scheint. Zuletzt sieht es eher nach einem Ende der Geneinsamkeit aus! Das vermeintliche Liebesgeflüster und die Eintracht zwischen beiden wird unterminiert von Stellas stiller Abkehr von ihrem Mann.

MacLaverty holt nicht weit aus, sondern setzt die Erinnerungseinschübe und Gegenwartserlebnisse einem Mosaik gleich aneinander. Auf diese Weise entsteht eine tiefe und profunde Studie einer Ehe, die sich im Niedergang befindet.

Sprachlich vollkommen und zuweilen der biblischen Sprache gleich, geht er den Weg des Paares auf ihrer Reise nach, die synonym für ihr ganzes Leben steht.
„Gerry nickte und sagte: Und sie kehrten unter einem anderen Himmel heim als dem, der Zeuge ihres Aufbruchs war.“(S.282) Das Ende der Geschichte ist weise, klug und einsichtig.

Ein überzeugender und sehr anrührender Roman ist dem anerkannten Autor Bernard MacLaverty gelungen. Er wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet und lebt mit seiner Familie in Glasgow.

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179 Bibliotheken, 1 Leser, 2 Gruppen, 99 Rezensionen

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Königskinder

Alex Capus
Fester Einband: 176 Seiten
Erschienen bei Hanser, Carl, 20.08.2018
ISBN 9783446260092
Genre: Romane

Rezension:

Ein schon lange verheiratetes Ehepaar befindet sich auf dem Heimweg über den Jaun-Pass in der Schweiz. Sie streiten sich um Kleinigkeiten. Aber das war schon immer so. In den großen Lebensfragen sind sie sich einig. Die Kinder sind aus dem Haus und ihre Fahrt über den Pass beginnt ein ungemütliches Abenteuer zu werden; denn es hat schon kurz nach dem Beginn der Auffahrt zu schneien begonnen. Wie nicht anders zu erwarten, bleiben sie an einem Hang hängen. Nun müssen sie die Nacht im Auto zubringen. Max vertreibt seiner Frau die Zeit mit einer langen Geschichte.

Es habe vor Jahren zur Zeit der französischen Revolution mit Beginn des Jahres 1779 einen verwaisten Hirtenbub gegeben, der im Sommer hoch oben auf einer entlegenen Alm Kühe hütete. Beim Abtrieb im Herbst begegnet der Junge der hübschen Marie, Tochter des Viehbesitzers. Sie verlieben sich und bleiben sich tief im Herzen verbunden, als er auf der Flucht vor dem Vater des Mädchens nach Frankreich geht, um sich als Söldner zu verdingen.
Trotz zahlreicher Kriege, die alle historisch vom Erzähler belegt sind, muss Jakob nur den Hafen von Cherbourg bewachen und geht zum Zeitvertreib zuweilen fischen.

Die Erzählung wird immer wieder unterbrochen von neckischen Fragen von Tina, die sich ein wenig über ihren erzählenden Mann amüsiert. Ob die Geschichte wahre Hintergründe ausweist?

Man wird es nicht erraten.
Unterhaltsam und atmosphärisch der Zeit um 1789 angepasst, nimmt die Geschichte ihren Lauf. Ludwig der XVI und seine Schwester Elisabeth spielen hinein und zeigen die Dekadenz bei Hofe. Jakob wird Kuhhirte und darf nach Jahren seine Marie zu sich holen.

Mit lyrischen Passagen, wunderbaren Naturbetrachtungen und skurrilen Verhaltensweisen der Kühe und seines Hirten gewinnt die Erzählung einen witzigen und zuweilen drastischen Ton. Die Figuren werden uns in einer ungewöhnlich stoischen Weise nahegebracht. Ende des 18. Jahrhunderts nahte die politische Revolution der Aufklärung mit allen ihren grausamen Auswirkungen. Die Erzählung streift nur kurz die historische Geschichte. Ein schönes Zeitgemälde entsteht dennoch, und man liest den Roman mit leichtem Sinn.

Über allem schwebt die gesunde Verbindung von Tina und Max! Was für ein Gewinn im unguten Spiel der sonstigen Mächte und Gebräuche, dass wir es hier einmal mit einem wirklich freundlichen, poetischen Werk und gelingenden Beziehungen zu tun haben!

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24 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 3 Rezensionen

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Asymmetrie

Lisa Halliday , Stefanie Jacobs
Fester Einband: 320 Seiten
Erschienen bei Hanser, Carl, 23.07.2018
ISBN 9783446260016
Genre: Romane

Rezension:

Eine junge Frau und ein viel älterer Herr begegnen sich. Alice sitzt alleine auf einer Parkbank in New York, als sich ein älterer Herr mit einem Eishörnchen neben sie setzt. Sie erkennt ihn schon bald als den Schriftsteller Ezra Blazer alias Philip Roth, den sie bewundert.

 

Eine ganz zarte aber stetige Liebe zwischen Alice und Ezra nimmt den Leser mit zu einer ganz und gar ungewöhnlichen Freundschaft. Alice ist Assistenzlektorin bei einem renommierten Verlag, Ezra eingetragener Schriftsteller bei demselben Verlag. Sie lesen sich zum gegenseitigen Vergnügen Texte aus bekannten Werken vor. Was ganz harmlos beginnt, endet schon bald im Bett. Die ganze Zeit bleibt die Beziehung offen, denn man weiß nie, ob sie weitergehen wird. Je länger sie dauert, desto mehr zeichnet sich die Gebrechlichkeit des 40 Jahre älteren Mannes gegenüber der jungen Alice ab. Man weiß, dass diese Beziehung irgendwann ein Ende nehmen wird. Aus Liebe wird eine lebenslange Freundschaft im wahren Leben der beiden, wie man in einem Porträt über Lisa Halliday in der FAS vom 22.07.2018 nachlesen kann. In diesem Artikel wird ihre Liebesaffäre und spätere Freundschaft zu dem um viele Jahre älteren Schriftsteller Philip Roth beschrieben, wenn es auch heißt, der Roman sei Fiktion.   

 

Halliday hat eine ganz eigene Art der Auffassung von ihrer Beziehung zu dem Schriftsteller. 

Die Begegnungen sind von beiden Seiten eng und zugleich distanziert. Man bemerkt, dass jeder Tag des Zusammenseins der erste und der letzte sein kann. Alice wünscht sich, auch schreiben zu können. Die alltäglichen Ereignisse treten ganz zurück hinter die Beziehungsgeschichte, die in ihrem Äquivalent zwischen Nähe und Distanz, Freiheit und Gleichheit ungewöhnlich beeindruckend ist. Als bindendes Glied gilt sicher für Ezra und Alice die Leidenschaft für die Literatur und das Schreiben.

 

In einem zweiten Teil des Romans geht es um die „Asymmetrie“ zwischen West und Ost.

Der in Los Angeles lebende Doktorand und Wissenschaftler Amar will seine Eltern im Irak besuchen und nach seinem verschwundenen Bruder suchen helfen. Auf dem Flug dahin wird er in London festgehalten, weil seine Papiere und er selbst endlosen Untersuchungen unterzogen wird. Inzwischen erinnert er sich an seine Kindheit, Jugend, Freunde und Lieben.

Hier geht es um die Unterschiede zwischen West und Ost. Familienzusammenhalt und Nähe wird hier wie dort aus unterschiedlichen Perspektiven betrachtet. Dieser Teil liest sich nicht so geschmeidig wie der erste, weil sich einem der Zusammenhang zum ersten Teil nicht erschließt. Er entspricht jedoch sehr den literarischen Vorgaben von Philip Roth.

 

In einem letzten Teil lässt Lisa Halliday Ezra nochmals während eines Interviews zu Wort kommen.

Welche Musik liebte er? Wie war sein Leben, wie hat es sich verändert?

 

Lisa Halliday hat eine liebevolle Hommage an den verstorbenen Dichter Philip Roth geschrieben. Die Zuneigung zu dem Menschen Roth wird in jeder Zeile deutlich.

 

Sie schreibt so locker, leicht und unangestrengt und doch voller Tiefe und Teilnahme, auch von ungewöhnlich künstlerischem Niveau beseelt, dass man das Buch hingerissen verschlingt.

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5 Bibliotheken, 0 Leser, 1 Gruppe, 3 Rezensionen

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Die Jahre der Leichtigkeit

Elizabeth Jane Howard
E-Buch Text: 576 Seiten
Erschienen bei dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG, 20.07.2018
ISBN 9783423434997
Genre: Historische Romane

Rezension:

Die Familiengeschichte der Cazalets spielt im Jahr 1937 in England.

Die zahlreichen Familienmitglieder freuen sich auf die Sommermonate am Meer auf dem Familiensitz der Cazalets in Sussex.

Der älteste Sohn der Familie Hugh hat noch den ersten Weltkrieg mit eigenen Verletzungen in traumatischer Erinnerung.
Er liebt seine Frau, die gerade ihr drittes Kind erwartet.

Edward hat eine Frau und zwei Kinder und daneben noch eine Geliebte.
Rupert, dessen erste Frau bei der Geburt von Neville 1930 gestorben ist, muss seine kapriziöse zweite Frau Zoé bei Laune halten.
Rachel, die einzige Schwester der drei Brüder, ist unverheiratet und liebt eine Frau.
Die vier Geschwister mit ihren alten Eltern bieten die Grundlage für die ausufernde Familiengeschichte.

Bei diesem Aufgebot an Geschwistern, Schwägerinnen, Kindern, Nichten, Neffen und Cousinen geht es lebhaft zu, wie man sich leicht vorstellen kann. Über allem thront die Mutter/ Großmutter Kitty Barlow, genannt Duchy, und ihr Mann William Cazalet.

Bis man alle Namen behalten kann und die verzweigten Familienverbindungen versteht, vergeht einige Zeit. Doch dann entfaltet sich ein lebhaftes Miteinander. Die Sitten und Gewohnheiten einer gut betuchten Mittelschichtfamilie mit ihrem ausreichenden Personal an Haushälterinnen, Dienstboten und Kindermädchen komplettiert den Eindruck der feinen englischen Gesellschaft. Man denkt unwillkürlich an Downton Abbey, auch wenn diese Geschichte etwas früher spielt, und die adelige Familie den Ton angibt.

Hier zeichnet sich am Horizont schon der nächste große Krieg ab und überschattet die Freude der Erwachsenen.

Der Roman ist ein Schmöker der guten Art. Rede und Gegenrede, Kindergeschwätz und kleine Zankereien, dazu die Beobachtung der verschiedenen Erwachsenencharaktere und ihrer Beziehungen untereinander bieten reichlich Unterhaltungsstoff. Da gibt es geheime Ehetragödien und kleine Untreuen; die Kinder befinden sich in unterschiedlichen Entwicklungsphasen und machen untereinander und im Geschwisterkreis gelegentlich Zoff. Man fühlt sich ganz einbezogen in die Vorgänge, denkt und fühlt mit und kann sich von der Lektüre nur schwer lösen. Poetische Situationsbeschreibungen und die Schönheit der englischen Landschaft bieten ausreichend Stoff, um sich aufs Schönste zu unterhalten.

Dass der dritte Weltkrieg droht bringt in die Geschichte einen ernsten Ton.

Alles in allem die Erzählung breit angelegt, was gelegentlich zu Ermüdung führt.

Wenn man sich gut unterhalten will, sollte man sich den Roman aber keinesfalls entgehen lassen.

Elizabeth Jane Howard ist eine erfolgreiche englische Schriftstellerin. Sie ist 2014 mit 90 Jahren in Suffolk verstorben.

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2 Bibliotheken, 0 Leser, 0 Gruppen, 1 Rezension

Sag den Wölfen, ich bin zu Hause: Roman

Carol Rifka Brunt
E-Buch Text: 448 Seiten
Erschienen bei Eisele eBooks, 23.02.2018
ISBN 9783961615056
Genre: Romane

Rezension:

Onkel Finn ist tot! Was steckt hinter seinem Tod für ein Geheimnis?
Wir schreiben das Jahr 1987 und June, die mit ihrer älteren Schwester und den Eltern in der Nähe von New York lebt, kann nicht fassen, dass ihr geliebter Onkel tot ist. kann es nicht fassen. Lange wurde ein Geheimnis um ihn und eine seltsame Krankheit gemacht. Dann kracht die Wahrheit auf June ein: Onkel Finn ist an Aids gestorben. Diese Krankheit machte in den achtziger Jahren die Welt unsicher, denn sie galt als anrüchig. Traf sie doch vor allem Homosexuelle und endete meistens tödlich.

June hatte eine ganz besondere Beziehung zu dem Bruder ihrer Mutter. Er war ihr Patenonkel und beide verstanden sich auch ohne viele Worte.

Greta, Junes ältere Schwester, scheint ihre kleine Schwester June zu hassen. Sie ist häufig gemein zu ihr und verfolgt sie mit ihren Beobachtungen und bösen Kommentaren.
Greta ist hübsch und tritt in der Schule bei Theateraufführungen in Erscheinung.
Junes Mutter lehnt ihren Bruder Finn ab, obwohl er ein angesehener Künstler ist. Dass es da noch einen Freund gibt, zu dem er eine „besondere“ Beziehung pflegt, macht die ganze Geschichte geheimnisvoll und undurchsichtig. Allen Konfusionen zum Trozt malt Onkel Finn ein wunderschönes Bild von den beiden Schwestern, das den ungewöhnlichen Titel trägt:“ Sag den Wölfen, ich bin zu Hause“, und das nach Finns Tod in einem Banksafe verschwindet.

Rifka Brunt malt mit einem Übermaß an Fantasie und geheimnisvollen Windungen das Porträt einer Familie. Sie beschreibt ihre Vorlieben, ihre Verirrungen und das hohe Potenzial an Liebe, Hass, Eifersucht und verschwiegenen Wegen, auf denen sich die einzelnen Familienmitglieder begegnen, wieder trennen und zuweilen in Abgründe schauen. Sie zeigt mit sensiblen Einschüben, zu welchen Taten Menschen fähig sind, was sie verbindet, und wie der Familienverbund durch Missverstehen auseinander zu brechen droht. June spielt mehr oder weniger die Hauptrolle, denn sie versucht durch geheime Aktionen den Familiengeheimnissen auf die Spur zu kommen.

Es ist ein beeindruckendes Debüt der jungen Autorin, die mit diesem Buch die Welt eroberte. Sensibel, feinfühlig, poetisch artikulierend zeigt sie uns Menschen, die an sich zweifeln, mit wachen Augen ins Leben schauen, teils neugierig und teils verbittert wie z. B. Junes Mutter. Das Ende bringt überraschende Einsichten. Man kann sich bis zuletzt von der Lektüre nicht trennen und fühlt sich angezogen von den unterschiedlichen Charakteren. Zeigen sie uns doch, dass in einem jeden ein guter Kern schlummert, der aber durch einen Mangel an Vertrauen und vermeintlichem Fehlverhalten zu Irrtümern im Umgang mit einander führen kann. Dank der guten June, die sich nicht anziehend fühlt aber durchaus liebenswert ist, nimmt alles ein gutes Ende!

Der Text liefert dem Leser ungemein unterhaltsame, lesenswerte und anregende Merkmale eines wirklich guten Familienromans.

Carol Rifka Brunt wurde bereits für ihren ersten Roman mit vielen Preise ausgezeichnet.

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67 Bibliotheken, 0 Leser, 1 Gruppe, 60 Rezensionen

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Die Unruhigen

Linn Ullmann , Paul Berf
Fester Einband: 416 Seiten
Erschienen bei Luchterhand, 11.06.2018
ISBN 9783630874210
Genre: Romane

Rezension:

Als Kind eines berühmten schwedischen Regisseurs und einer ebenso bekannten Schauspielerin hat man es nicht leicht im Leben! Davon vermittelt dieses Buch einen Eindruck.

Linn Ullmann ist die Tochter aus der Verbindung von Ingmar Bergmann mit der Schauspielerin Liv Ullmann. Die Tochter der beiden avancierte zu einer anerkannten schwedischen Schriftstellerin. Jetzt hat sie ein Buch geschrieben, das sie eigentlich mit ihrem Vater zusammen schreiben wollte.

Die Liebe zwischen ihren Eltern war groß, sie überdauerte aber nicht lange.
Auf der Insel Hammars hatte Bergmann ein Haus gebaut, in das er mit der viel jüngeren Geliebten und Tochter einzog. Hammars bleibt der Bezugsort, für das man den Begriff „Zuhause“ für Linn Ullmann anwenden darf.
Man meint aus der Erzählung die Bäume, das Meer und die Natur zu riechen und bekommt eine Vorstellung von den heißen Sommern, die zum geselligen Beisammensein animierten.

Der erste Teil des Buches gilt den Erinnerungen an ihre Mutter; im zweiten Teil widmet Linn Ullmann sich dem Vater.

In einer langen Reihe von Erinnerungen, die von Zeit und Orten springend eine Episode an die andere reiht, bekommt man eine Bild von ihrem Leben, von dem der Eltern und von ihren Freunden.

Linn U. spricht von dem „Mädchen“, wenn sie sich ihren Erinnerungen überlässt.
In freien Assoziationen blendet sie die Vergangenheit ein; da ist das Haus, die große Familie mit Kindern aus noch anderen Verbindungen ihres Vaters, und die kurzen Zusammentreffen mit ihm. Er war ein skurriler Mensch mit Ängsten und strengen Gewohnheiten. Auch war er wie ein Getriebener, der nicht zur Ruhe kam.

Beide Eltern waren wahrhaftig unruhig!

Das Mädchen ist in der Kindheit sehr viel sich selber überlassen.
Mit der Mutter zog sie, als sie klein war, von einem Ort zum anderen. Von Amerika wird berichtet, dass das Mädchen auch dort alleine mit mehreren Kindermädchen aufwuchs, weil die Mutter immer wieder an anderen Orten im Theater oder Filmen auftrat. Die starken Gefühle der Einsamkeit und der Sehnsucht nach der Mutter sind nachfühlbar.
Das Mädchen musste sich im Leben ganz den steten Regeln der elterlichen Zeiteinteilung fügen. Wurde sie geliebt?



Auf einem Tonbandgerät hört die Autorin Gesprächsaufzeichnungen ab, die allerdings schwer zu enträtseln sind. In kurzen Sitzungen kommen kleine Gespräche zum Vorschein. Sie sind nur Hinweise und Einsprengsel in das Geschehen, denn alles in Allem sind es Linns Erinnerungen, die den Verlauf der Erzählung bestimmen.
Sie wählt eine assoziative Form der Erinnerung, mit der man mithalten muss.

Ihre Kindheit und Jugend vergehen mit ständiger Unruhe, bis sie selber Mutter und Ehefrau wird. Ob dieses Leben eine gute Basis für das eigene Leben sein konnte?
Man darf es nur erahnen.

Ich fand die Erzählweise etwas schwerfällig.

Linn Ullmann erhielt für ihre Romane zahlreiche Literatur-und Kritikerpreise und stand mehrfach auf internationalen Bestsellerlisten.

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2 Bibliotheken, 0 Leser, 1 Gruppe, 1 Rezension

Angel

Elizabeth Taylor , Bettina Abarbanell
Fester Einband: 400 Seiten
Erschienen bei Dörlemann, 12.02.2018
ISBN 9783038200529
Genre: Romane

Rezension:

Angel ist ein unausstehliches Geschöpf. Sie lebt zu Anfang des 20. Jahrhunderts in England.

Sie ist die einzige Tochter ihrer Mutter Mrs. Deverell, die einen kleinen Einzelhandelsladen Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts in einer englischen Kleinstadt betreibt. Der Vater ist schon lange tot.

Mrs. Deverell erfährt von ihrer Schwester, Tante Lottie, Unterstützung gegen die aufsässige Tochter. Diese aber lässt sich nicht beirren: sie fantasiert sich in eine kitschige Oberklassewelt, in der alles nur so glänzt wie Gold. Damit macht sie sich bei ihren Klassenkameradinnen und Lehrerinnen unbeliebt. Mit 15 Jahren verweigert sie jede weitere Schulbildung und beginnt, Romane aus ihrer verstiegenen Fantasiewelt zu schreiben.

Unbeirrt und energisch bietet sie ihre Romane verschiedenen Verlagen an. Sie bleibt ohne Kompromisse, wenn es um die Entschärfung besonders auffälliger Stilblüten geht.

Zwei Verleger können sich nicht ganz einigen, ob man diesen Schund dem lesenden Publikum zumuten könne. Einer gibt den Ausschlag dafür, dass Angel einen unerwarteten Siegeszug mit ihren Büchern antritt. Der Zeitgeist lässt ihren Kitsch gut ankommen. Sie kann mit ihre Mutter dank ihrer Einnahmen aus der bisher eher ärmlichen Gegend in eine vornehmere Gegend umziehen und sich ein besseres Leben gönnen.

Am Ende erreicht sie viel, wird wohlhabend und findet sogar einen Mann. Auch dieser ist mehr Opfer als Zweck zum Erfolg. Zu wahrer Liebe ist sie gar nicht fähig. Die sie umgebenden Menschen sind ihr untertan, weil sie Arbeit und Geld brauchen.

Einfache Menschen mögen ihre Bücher, die Gebildeten ergötzen sich an ihren Schilderungen und die Kritiker verreissen sie. Auf Kritiken reagierte Angel mit Wut, Zorn und Ärger. Sie arbeitete ohne Unterlass, um nur niemanden ihren Platz in der Rangliste der gelesenen Bücher zu überlassen.

Elizabeth Taylor hat das Bild einer ungewöhnlichen Frau entworfen. Schon als junges Mädchen fühlt sie sich ihren ärmlichen Verhältnissen entrückt, ist frech und zickig zu Mutter und Tante und plant zielstrebig ihren eigenen Weg: eine erfolgreiche Schriftstellerin zu werden.
Wie die Autorin das Panorama dieser verqueren Persönlichkeit vor uns ausbreitet, ist bemerkenswert. Da wimmelt es nur so von fantastischen und unwirklichen Lebensgeschichten. Angel bleibt angeberisch, prahlt und ist geltungssüchtig. In ihrem Denken dreht sich alles um ihre eigene Person, alle anderen Menschen sind in ihren Augen dumm und ignorant. Von dem angestrebten Weg zur erfolgreichen Schriftstellerin kann diese Frau niemand abbringen. Die Projektion der eigenen Unvollkommenheit auf die Umwelt ist ein gekonnter psychologischer Trick, mit dem Elizabeth Taylor ihre Menschenkenntnis unter Beweis stellt.

Anfang des 20. Jahrhunderts mögen die Schichtunterschiede in England noch auffälliger gewesen sein als heute. Arm zu sein ist immer eine traurige Angelegenheit. Hier aber setzen der Wille und die Energie einer aufstrebenden Person diesem Schicksal Grenzen. Auch deshalb konnte Angela so erfolgreich werden: weil die Hoffnung auf Glück und Reichtum die Armen immer berückt.

E. Taylor hat die Zeichen ihrer Zeit mit ihrem Roman erfasst.
Sie lebte von 1912 bis 1975. Nicht nur in ihren Geschichten wurden Träume wahr. Ihre Protagonistin Angel lebt diesen verwegenen Traum und realisiert ihn. Das Gesellschaftsbild hochfahrender Eitelkeit gewinnt in der Gestalt von Angel eine unerwartete Parallele zu ihren erfundenen Geschichten. E. Taylor entwirft ein sprachlich und inhaltlich lebhaftes Gemälde einer längst vergangenen Zeit. Die Übersetzung von B. Abarbanell rundet die Geschichte zum Wohl einer geneigten Leserschaft sehr schön ab.

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Die Lichter unter uns

Verena Carl
Fester Einband: 320 Seiten
Erschienen bei S. FISCHER, 25.04.2018
ISBN 9783103973631
Genre: Romane

Rezension:

Anna und Jo haben zwei Kinder: Judith und Bruno.

Alles scheint seine Ordnung in der Ehe zu haben. Doch dann will Jo unbedingt im Herbst nach Sizilien. Dorthin hatte er mit Anna einst die Hochzeitsreise gemacht. Anna findet gar nicht mehr alles so romantisch und glücklich wie damals. Die heranwachsenden Kinder sind aufsässig und für Anna sieht alles so gar nicht mehr rosig aus. Sie müssen mit ihrem Geld haushalten und außerdem ist sie innerlich unzufrieden.
Doch nun sind sie einmal da.
Dann taucht Alexander auf. Er ist smart und hat eine schöne Frau. Anna beäugt ihn und lässt ihrer Fantasie freien Lauf. Wie mag es ihm und seiner schönen Frau miteinander gehen? Anna sieht neidisch dem Glück der beiden zu.
Wohin hat ihr eigener Lebensweg sie nur geführt?

In einer Doppelerzählung werden die beiden Ehen einander gegenübergestellt. Es zeigt sich, dass keine alleine vom Glück gesegnet ist.
In jeder Ehe gibt es den verheißungsvollen Anfang, der nach und nach in verzwickte und schicksalhafte Bahnen gerät.

Verena Carl bemüht sich um eine differenzierte Analyse der Lebenswege
aller ihrer Protagonisten, und es zeigt sich, dass jeder einen eigenen Charakter und eigene Wünsche hat, und ein jeder sehr unterschiedliche Lebensziele verfolgt. Die Träume der Einen sind unerfüllbar, die der Anderen voller Erwartung und Zukunftsvisionen.
Insgesamt bemüht sich Verena Carl um Tiefenschärfe und realitätsgerechte Beobachtung. Ihre psychologischen Ansätze sind flach, die der Realitätseinschätzung kommen der Wahrheit schon näher.
Die Vergeblichkeit aller Lebensschicksale sind ernüchternd. Ist die Wahrheit immer so oder gibt es eine dazwischen? In der Tat liegen Glück, Freude und Lebenserfüllung nicht immer beieinander. Doch gibt es eine Mischung von allem, und diese alleine machen das Leben lebenswert.
Es ist ein leicht verdaulicher und zu lesender Lesestoff, der Unterhaltung für einen gemütlichen Nachmittag bietet.

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Der Zopf

Laetitia Colombani , Claudia Marquardt
Fester Einband: 288 Seiten
Erschienen bei S. FISCHER, 21.03.2018
ISBN 9783103973518
Genre: Romane

Rezension:

Von drei Frauen soll hier die Rede sein, die es zu unerwarteter Aufmerksamkeit bringen.
Es geht um Smita aus Indien, Giulia aus Palermo /Italien und Sarah, ashkenasische Jüdin aus Montreal/ Kanada.

Sie leben in sehr unterschiedlichen Welten und Kulturen. Smita gehört der untersten Kaste in Indien an und muss unerhörte Erniedrigungen erdulden und schmutzigste Arbeit verrichten, um sich und ihre kleine Familie mit dem Nötigsten zu versorgen.

Giulia gehört zu einer großen Familie in Italien, die fest verankert im Dunstkreis ihrer Großfamilie lebt. Ihre heimliche Liebe zu einem Inder darf nicht bekannt werden. Sie arbeitet in der Fabrik ihres Vaters, in der Perücken hergestellt werden. Sarah ist anerkannte Rechtsanwältin in einer Großkanzlei. Sie ist geschieden, hat drei Kinder zu versorgen und befindet sich im Dauerstress, ohne das je zuzugeben.

Wie lassen sich diese drei Schicksale miteinander verknüpfen?

Indem eine jede in ihrem Kampf um ein würdiges, freies Leben geschildert wird. Verbindendes Glied in der Kette sind die Haare der Inderinnen, die in Italien zu Perücken verarbeitet werden, um zuletzt Sarah bei ihrer Krebserkrankung Schutz vor neugierigen Blicken zu gewähren.

Vom unvorstellbar niedrigsten Stand in Indien geht die Geschichte über Italien mit ihren Großfamilien bis nach Montreal, wo die erfolgreiche Sarah dringend nach einer passenden Perücke sucht.

Alle drei Frauen sind den Tabus und Regeln ihrer Gesellschaftsordnung ausgesetzt, in denen die Rechte der Frauen erst in jedem Einzelfall erkämpft werden wollen.

Laetitia Colombani hat eine schlüssige Geschichte verfasst. Mit Einfühlungsvermögen und Sinn für die Einmaligkeit einer jeden Frau, in welcher Gesellschaft auch immer sie leben.

Der Kampfgeist einer jeden der drei Protagonistinnen gibt Kunde von den Möglichkeiten, sich aus den verschiedensten Kulturen mit ihren einschränkenden Regeln und Tabus als Frau zu befreien. Mit Spannung folgt man der Flucht von Smita mit ihrer kleinen Tochter aus ihrem Dorf in Indien, dem Weg in die Selbstständigkeit und in die Eigenverantwortung von Giulia und der Auflehnung gegenüber den mobbenden Kollegen von Sarah.

Die Haare der Inderinnen werden zum Verkauf nach Italien in die Perückenfabrik von Giulias Familie gebraucht, und die Endverbraucherin Sarah bildet Schlusspunkt einer Geschichte, die sich mit den Schicksalen der drei Frauen aus verschiedenen Kulturen und Lebensbereichen vollendet.
Der Debütroman von Laetitia Colombani ist sehr lesenswert, wenngleich der Titel und das Titelbild des Romans zunächst keine große Neugierde bei mir ausgelöst haben!
In gutem Sinne ist das ein Emanzipationsroman.

L.Colombani ist Filmschauspielerin und Regisseurin und lebt in Frankreich.

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Die Rettung einer ganzen Welt

Jürgen Seidel
Flexibler Einband: 480 Seiten
Erschienen bei dtv Verlagsgesellschaft, 09.02.2018
ISBN 9783423261661
Genre: Romane

Rezension:

Mit diesem Roman eröffnet sich nochmal das Panorama zur zweiten Hälfte des 20.Jahrhunderts. Angefangen bei Hitlerdeutschland mit der Verschärfung der Judenverfolgung 1939 geht es über Berlin mit Bella, der Hauptprotagonistin, zum Ende hin nach Amerika.

Das Versteck für die jüdische Familie in Berlin bietet ein Ägyptischer Arzt, der auch eine arrangierte Hochzeit für Bella organisiert, womit sie nicht mehr Jüdin ist sondern zur Muslima wird.

Abenteuerreich und fantasievoll geht es durch das ganze Buch. Bella wird Ärztin, heiratet in Amerika einen lieben Mann, der früh stirbt. Mit 43 Jahren ist sie Witwe mit zwei kleinen Töchtern.

Ein Familientreffen alle paar Jahre führt die angewachsene Familie immer einmal wieder zusammen. Bei dieser Gelegenheit erfährt man die Schicksale und Lebenswege der verschiedenen Familienzweige und ihrer Sprösslinge, die auch in Irland Wurzeln hat.

Die Vielfalt der Charaktere und das Auf und Ab der Lebenswege ist von spannender Detailgenauigkeit. Zeitsprünge machen den Zusammenhang zuweilen etwas unübersichtlich, so dass man Mühe hat, immer richtig Schritt zu halten. Dass Bella ihre große Liebe in Berlin zurücklassen musste und ihn später unter anderem Namen in Amerika wiederentdeckt, gibt der Geschichte den besonderen Kick.

Alles in allem ist das Buch ein lesenswerter Schmöker mit zahlreichen Verwicklungen, die sowohl jüdisches als auch muslimisches Leben widerspiegeln. Amerika mit seinem Gesellschaftsbild spielt eher eine nachrangige Rolle. Allerdings ist New York ein Schmelztiegel der Nationen, was durchaus eine Rolle bei der ganzen Geschichte spielt.

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Wir sind dann wohl die Angehörigen

Johann Scheerer
Fester Einband: 240 Seiten
Erschienen bei Piper, 01.03.2018
ISBN 9783492059091
Genre: Biografien

Rezension:

Ein 13 jähriger Junge erlebt unerwartet und schockierend den Zusammenbruch seiner Welt der Geborgenheit und Sicherheit.

Johann Scheerer ist der Sohn von Jan Philipp Reemtsma, dem anerkannten und tief in seine Bücher versunkenen Sozialwissenschaftler. Man besitzt zwei Häuser in Hamburg und ist wohlhabend. Der Vater pflegt abends nochmals in seinem Haus mit den vielen Büchern zu verschwinden. Als er an jenem Abend um Ostern 1996 herum nicht wieder im Haus der Mutter erscheint, wird diese unruhig, und es beginnt eine unruhige und dramatische Suche nach dem Vater. Man erfährt sehr bald, dass er entführt wurde, um ein hohes Lösegeld mit seiner Freilassung zu erpressen. Die Geschichte machte Furore und hielt ein ganzes Volk in Atem.

Johann Scheerer berichtet über seine Erinnerungen an die dramatische Nacht und deren Folgen. Im Haus wimmelt es von Freunden der Familie, Anwälten und Polizeiangehörigen.
Es wird alles versucht, um möglichst kein Aufsehen zu erregen. Mehrere Geldübergaben scheitern und es folgen bange Tage des Wartens, der Verzweiflung im Wechsel mit Hoffnung.

Der Junge macht sich seine eigenen Gedanken, die den Tod des Vaters einschließen. Er bildet mit der Mutter eine Einheit, obwohl sie immer wieder versucht, ihn vor den gröbsten Enttäuschungen zu bewahren.

Mit einer gewissen Distanz, gelegentlichem Humor immer aber mit kritischem Blick sucht der Junge der größten Verzweiflung Herr zu werden. Er beobachtet, registriert und bleibt bei einer sehr trockenen Darstellung. Ihm haftet keine Sensationslust, Eitelkeit und Aufgeregtheit an. Mit Einsamkeit lässt sich wohl sein Gemütszustand am ehesten beschreiben. Es gibt wirklich nur einen Freund, dem er sich mitteilt.

Die Atmosphäre verzweifelter Entschlossenheit gepaart mit irrlichternden Strategieversuchen, einen Ausweg zu finden, teilt sich dem Leser durch die Darstellung von Johann Scheerer unmittelbar mit. Man kann sich vorstellen, was es für einen pubertierenden Jugendlichen bedeutet, gerade in der jugendlichen Ablösungsphase durch das Ereignis aller Lösungsmöglichkeiten beraubt zu werden. Die Sorge um den Vater gibt dem Jungen nur schwer eine Möglichkeit, zuzulassen, dass ihn und den Vater gravierende Interessensunterschiede trennen. Ob Musik oder Bücher: Johann geht einen eigenen Weg und lässt sich vom Vater nicht davon abbringen.
Die Erzählung lässt vermuten, dass hier ein spannungsreicher Konflikt aufgeschoben wird, weil das Wohl des Vaters über allem steht. Deutlich wird aber auch, wie sehr Jam Philipp an seiner kleinen Familie hängt und um seine Wiederkehr bangen muss.

Wir wissen, wie die Geschichte ausging. Johann Scheerer hat ihr einen eigenen Klang verliehen, mit dem man aus Sicht eines Jungen spannungsreiche und die Nerven angreifende Stunden und Tage erlebt. Es lohnt sich, das Buch zu lesen!
Johann Scheerer wird aus der Lektüre als eigenständiger, klarer und seinen eigenen Weg meisternder Mensch sichtbar.

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